Water runs East

Berichte von den Grenzen des Ich

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Naga Offering

Zum Abschied vollzieht Rinpoche mit uns im Garten der Spirituellen WG ein Opfer für die mächtigen Wassergeister…

Rinpoche sitzt am Küchentisch und formt Tormas. https://www.water-runs-east.eu/naga-tormas/

Währenddessen bereitet die Sangha die Terrasse der Spirituellen WG für das Naga-Offering vor. Teppiche werden ausgerollt, die Camping-Klapptische aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain im Halbkreis aufgestellt. https://www.water-runs-east.eu/teaching/

In der Mitte des Halbkreises richtet Suriyel den Platz für Rinpoche her. Der bekommt zwei Klapptische: einen für sein Ritual-Equipement, den zweiten für die Tormas.

Ein Dharma-Bruder aus der Sangha hat seine private Bhumpa mitgebracht. Er platziert die Zeremonienvase auf den kleineren von Rinpoches Klapptischen. Wie gut, dass er daran gedacht hat!

Gestern morgen, als Rinpoche das Riwo SangChö – das traditionelle Morgen-Rauchopfer – mit uns vollzog, kam die Zeremonie während der Weihe der Opfergabe zu einem abrupten Halt, weil die Bhumpa fehlte! Mit dem langen, von einer Pfauenfeder verzierten Stil, wird Safranwasser auf der Opfergabe verteilt. Gleichzeitig werden die Zauber-Silben „Ram Yam Kham“ gesprochen.

Das ist der Höhepunkt des Rauchopfers!

Weil ich mein tägliches Rauchopfer ohne Bhumpa praktiziere – ich beschränke mich auf eine Visualisierung des Weihevorgangs – hatte ich völlig vergessen, dass zu einer professionellen Opferung verpflichtend eine Opfervase gehört.

Glücklicherweise ist Rinpoche flexibel. Gestern behalf er sich mit einem chinesischen Esstäbchen in einem Wasserglas. Das war das einzige, das ich – als ich in fliegender Hast in die Küche schoß – finden konnte, das ansatzweise dem Prinzip einer Bhumpa entsprach. Ohne eine Miene zu verziehen schwenkte Prinpoche das Esstäbchen und murmelte, währen ein paar Wassertropfen auf meinen Instant-Powder tropften „Ram Yam Kham“ dazu. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Aber da vollzog er auch „nur“ ein Sang mit uns. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Heute – beim Opfer für die mächtigen wie empfindsamen Wasser-Geister – soll alles möglichst vorschriftsmäßig ablaufen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn wir versehentlich unsere Naga-Gäste kränken! https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Wie gut, dass ich eine tüchtige Sangha habe…

Aus der haben sich heute dreizehn in der Spirituellen WG eingefunden. Das bringt die Terrasse an ihre Kapazitätsgrenzen. Es dauert ein bisschen, bis wir uns so sortiert haben, dass jeder bequem auf seinem Meditationskissen sitzen kann, ohne den Nachbarn ständig die Ellenbogen in die Seiten zu rammen.

Über dem Garten hängt die feuchte Kühle des beginnenden Herbstes. Esther verteilt Decken und Schals.

Nachdem jeder noch eine Kopie des Praxistexte für das Naga-Offering bekommen hat, beobachten wir alle Rinpoche, der inzwischen die beiden Teller mit den Tormas und die Schüssel mit den „Naga-Pills“ auf die Terrasse gebracht hat.

Rinpoche zupft ein paar Stiele und Ästchen von Esthers Sträuchern und Bäumen ab. Damit dekoriert er mit Geschick die Tormas. Sie sehen jetzt aus wie Miniaturlandschaften.

Suriyel hockt vor Rinpoche im Gras. Vor ihm steht das Stativ, in das er sein Handy geklemmt hat. Ich bin froh, dass er heute die Aufgabe übernimmt, das Zeremoniell zu filmen. Das Video ist wichtig! Wir wollen ja, nachdem Rinpoche uns verlassen hat, regelmäßig in Eigenregie Naga-Offerings praktizieren.

Damit wir das dürfen, bekommen die, die gestern nicht beim Teaching über die Nagas dabei waren und deshalb die erste Übertragung verpasst haben, erst einmal das Lung. Denn nur mit der feierlichen Übertragung des Textes durch einen Lama darf eine sakrale tibetisch-buddhistische Praxis eigenständig durchgeführt werden.

Alle sitzen schweigend auf ihren Kissen und lauschen konzentriert Rinpoche, der in rasender Geschwindigkeit den tibetischen Ritualtext vorliest. Während er in monotonem Singsang die Worte rezitiert, legt sich tiefe Stille über den kleinen Garten.

Nachdem das Lung vollzogen ist, beginnt Rinpoche mit dem Offering.

Alle stimmen, den tibetischen Text in Lautschrift vom Blatt ablesenden, in seine Rezitation ein.

Im Gegensatz zu den Rauchopfern Riwo SangChö und Sur, durch die Großzügigkeit praktiziert und karmische Hindernisse beseitigt werden, ist das Naga Offering ein Heilungs-Ritual.

Da Menschen fast vollständig aus Wasser bestehen, sind wir energetisch an die Nagas in unserer Umgebung gebunden.

Ist die Beziehung zum lokalen Wassergeist gestört, oder befindet der sich – aufgrund von Umweltverschmutzung, Eingriffen in seinen natürlichen Lebensraum oder andere Störfaktoren – in innerer Not, kann das zu „Naga-Erkrankungen“ führen.

Durch Naga-Offerings werden die mächtigen Wassergeister besänftigt und ihre Energie balanciert. Karmische Verstrickungen, die uns an bestimmte Nagas binden, werden aufgelöst.

Allerdings muss das Opfer korrekt durchgeführt werden! Wenn man irgendetwas dabei falsch macht, kann das schnell dazu führen, dass man das Gegenteil des Erwünschten erreicht. Nagas sind extrem leicht kränkbar und sehr nachtragend!

Aber heute leitet Rinpoche das Naga-Offering an. Es ist offensichtlich, dass er sein Handwerk versteht!

Er führt uns durch die Einleitung – dort wird der Zweck des Offerings beschrieben – und danach durch die ersten beiden Mantras, die jeweils mit bestimmten Mudras – ritualisierten Handbewegungen – begleitet werden.

Danach werden die Nagas feierlich eingeladen: die acht mächtigsten Wassergeister samt ihrem Gefolge, die Nagas, die über alle fünf Elemente herrschen, danach jene Nagas, die sich zum Buddhismus bekehrt und zu Beschützern des Dharmas geworden sind und schließlich die lokalen Wassergeister.

Während wir – angeleitet von Rinpoche – das Willkommens-Mantra für die Naga-Gäste rezitieren, ist uns, als würde sich die Energie auf der Terrasse und im Garten verdichten.

Der Eindruck verstärkt sich mit jeder Zeile, die wir uns weiter durch den Sakraltext arbeiten.

Das nächste Mantra, wieder begleitet von Mudras. Alle starren konzentriert auf Rinpoches Hände und Arme, um nur nichts falsch zu machen.

Kurz darauf sind wir beim Haupt-Opfer-Mantra angekommen. Während wir es rezitieren, greift Rinpoche zur Karaffe mit der Ziegenmilch. Gerade als er damit beginnen will, sie in die Schüssel mit den Naga-Pills zu gießen, stoppt er.

„Something is wrong with your text! Let me see!“

Ich reiche ihm meine Text-Kopie hinüber.

„No! You have to recite it like this!“ Er spricht uns das Mantra langsam vor. Richtig: Rinpoches Version weicht in mehreren Silben von unserem Text ab.

Jemand holt einen Stift heraus. Rinpoche wiederholt mehrmals die korrekte Schreibweise des Mantras. Der Stift wandert von Hand zu Hand. Jeder, der ihn bekommt, fragt noch mal nach, wie das Mantra denn jetzt genau geht?

Was für ein Chaos! Und das mitten im Opferritual! Vor all den Nagas, die sich um uns versammelt haben!

„Please, Rinpoche!“, flehe ich ihn an. „Let´s carry on!“

Rinpoche, wie immer unerschütterlich, nickt zustimmend, greift wieder zum Krug mit der Ziegenmilch und kippt diese, während er betont deutlich das Mantra rezitiert, in die Schüssel mit den Naga-Pills.

Nach ein paar Runden hat die Sangha den Bogen raus. Wieder und wieder rezitieren wir das Mantra. Die Energie um uns vibriert. Mein Körper bebt.

Nachdem er die Naga-Pills mit der Ziegenmilch verrührt hat, erhält jeder von Rinpoche einen Teelöffel mit Milch aus der Schüssel in die flache Hand. Weiter das Mantra rezitierend, trinken und lecken wir die Flüssigkeit aus der Handfläche. Wer immer an Naga-Erkrankungen leidet: das ist die Medizin dagegen.

Während die Sangha weiter das Naga-Mantra rezitiert, gibt Rinpoche Suriyel und mir ein Zeichen: wir sollen das Naga-Opfer im Garten ausbringen. Suriyel nimmt den Teller mit den Tormas, mir drückt Rinpoche die Schüssel mit den Naga-Pills in der Ziegenmilch in die Hand.

Glücklicherweise hat Suriyel vor dem Beginn des Opfers mit Rinpoche besprochen, an welcher Stelle im Garten die Tormas plaziert werden sollen. Unter der Zypresse, deren Zweige wir immer für das sonntägliche Riwo SangChö im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain verwenden, wäre der richtige Ort dafür, entschied Rinpoche. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Während Suriyel, auf der Wiese kniend, vorsichtig die verzierten Teig-Kegel und die Ästchen-Deko ins Gras stellt, werfe ich schnell ein paar von den mit Milch getränkten Naga-Pills an die Stellen im Garten, an denen Esther in einen Dauerkrieg mit den Brombeer-Ranken verstrickt ist.

„Was machst du da?“, fährt mich Suriyel an. „Die gehören da hin!“ Verärgert nimmt er mir die Schüssel aus der Hand, greift in die Milch, holt die Kügelchen heraus und verteilt sie um die Tormas. Danach kippt er die Ziegenmilch mit einer weit ausholenden Bewegung kreisförmig um Opferkuchen und Naga-Pills.

Das Ergebnis, finde ich, sieht ziemlich professionell aus. Und gleichzeitig so schön wie fremdartig: Ein tibetisch-buddhistisches Torma-Opfer für die Nagas in einem Garten mitten in Prenzlauer Berg!

Von der Terrasse klingt das vielstimmig rezitierte Mantra zu uns herüber.

Suriyel und ich eilen zu den anderen zurück. Nachdem wir wieder Platz genommen haben, spricht die Sangha mit Rinpoche die Abschlussgebete.

Als das Naga-Offering zu Ende ist, gibt es endlich Frühstück. Wir sitzen eng gedrängt um die lange Tafel herum und erklären uns gegenseitig begeistert, was wir doch gerade für ein phantastisches Opfer hatten!

Das wollen wir definitiv öfter machen…

Naga Tormas

In der Küche der Spirituellen WG zeigt uns Rinpoche, wie Opfer-Kuchen für die mächtigen Wassergeister hergestellt werden…

An diesem Samstag ist die komplette Sangha bereits um acht Uhr morgens vollständig in der Küche der Spirituellen WG versammelt. Wir dürfen nur noch wenige Stunden mit Rinpoche verbringen. Am Nachmittag werden Suriyel und ich ihn zum Flughafen bringen. Am Abend wird er in Florenz erwartet. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Am letzten Tag, den er bei uns verbringen wird, macht uns Rinpoche ein besonderes Geschenk: Er wird mit uns im Garten der Spirituellen WG ein Naga Opfer darbringen. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Dass dies möglich ist, verdanken wir zwei glücklichen Umständen: Rinpoche ist einer von wenigen Lamas, die dieses Ritual beherrschen.

Und: Heute ist ein „Naga-Tag“!

Denn Naga-Opfer dürfen nur an „Naga-Tagen“ dargebracht werden. Die werden nach alter tibetischer Tradition berechnet und für jedes Jahr in speziellen „Naga-Kalendern“ festgeschrieben. Während seines gestrigen Teachings über Nagas hat uns Rinpoche eingeschärft, immer den Naga-Kalender zu konsultieren, bevor wir eigenständig ein Naga-Opfer praktizieren.

„Nagas“, erklärte er uns, „schlafen und wachen in einem anderen Rhythmus als wir Menschen. Nur an den Naga-Tagen sind sie wach und freuen sich über ein Opfer! Wenn man an anderen Tagen eine Naga-Zeremonie praktiziert, reißt man sie damit aus dem Schlaf! Das kann schlimme Konsequenzen haben!“

Während wir in der Küche herumstehen und auf Rinpoche warten, konsultiere ich den Naga-Kalender, den Maktiel gestern in die WhatsApp-Gruppe gestellt hat. Monatlich gibt es etwa vier bis zwölf Naga-Tage.

Einzige Ausnahme ist der Oktober. Das ist der Ruhe-Monat der Wassergeister. Rinpoche hat uns ausdrücklich davor gewarnt, im Oktober Naga-Offerings zu machen. Wer in diesem Monat einen Naga aufweckt – und sei es mit den besten Absichten – muss sich auf das Schlimmste gefasst machen!

Dass wir bereits alle um acht Uhr früh versammelt sind, liegt an einer weiteren Besonderheit der Nagas. „Opfer für die Wasser-Geister müssen immer am Morgen dargebracht werden“, hat uns Rinpoche gestern erklärt.

Und: „Wer den Nagas opfert, muss das in nüchternem Zustand tun! Wasser und Tee vor der Zeremonie sind erlaubt, aber kein Kaffee und keine Milchprodukte!“

Deshalb stehen wir alle unausgeschlafen, kaffee-los und hungrig in der Küche herum.

Um kurz vor neun Uhr betritt Rinpoche die Küche. Dass wir alle bereits seit einer Stunde auf ihn warten, ficht ihn nicht an. Freundlich lächelnd und tiefenentspannt nimmt er am Tisch Platz und beginnt mit der Herstellung der Tormas für die Nagas.

Diese traditionellen Opfer-Kuchen sind ein fester Bestandteil jedes Opfer-Rituals im tibetischen Buddhismus. Dabei unterscheiden sich Form, Farbe und Dekoration der Tormas je nachdem, welches Ritual vollzogen und welcher höheren Macht das Opfer dargebracht wird.

Die korrekte Zubereitung von Tormas ist eine Kunst für sich…

Gestern Abend habe ich Rinpoche bereits eine Tüte Haferflocken auf den Tisch gestellt. Die kippt er jetzt in eine große Schüssel. Dann gibt er einen Esslöffel „Naga-Medizin“ darüber.

Das Rezept für diese Naga-Medizin hat er uns gestern eine halbe Stunde lang diktiert. Deshalb wissen wir jetzt, dass es aus siebenundzwanzig Zutaten besteht, die es in gut sortierten Apotheken für traditionelle tibetische Medizin zu kaufen gibt. In Nepal und Buthan. Aber gewiss nicht in Deutschland.

Rinpoche verlangt nach kochendem Wasser und Butter. Umringt von der Sangha, die ihm fasziniert auf die Finger starrt, knetet er einen festen Teig und formt daraus in Blitzgeschwindigkeit zwei schmale Kegel. Um den größeren wickelt er eine Teig-Schlange – Symbol für den örtlichen Naga, dem das Opfer dargebracht wird – und dekoriert ihn mit einer Scheibe, sowie Kügelchen, die er aus Butter formt. Er braucht allerhöchstens 15 Minuten dafür!

Dann greift Rinpoche zu einem etwa dreißig Zentimeter langen braunen Holzstab. Den hat er extra für uns aus Nepal mitgebracht. In das Kantholz sind auf allen sechs Seiten größere und kleinere Wassertiere und andere Figuren geschnitzt.

„Das ist die beste Methode, um Naga-Tormas zu machen!“, erklärt uns Rinpoche, während er mit schnellen Bewegungen zwei schmale Teigstreifen auf das Kantholz drückt und wieder abzieht.

Und richtig: Die beiden Teigstreifen sind jetzt mit winzigen Fischen, Krebsen, Schlangen und anderem Wassergetier verziert.

Aus dem Rest des Teigs formt Rinpoche Kügelchen.

Die Kügelchen gibt er in eine Schüssel. Dann verlang Rinpoche nach der Milch.

Die Milch für Naga-Opfer – schärfte uns Rinpoche gestern während des Teachings ein – darf nur von einer roten Kuh oder einer weißen Ziege stammen!

„Woher soll ich wissen, welche Farbe das Tier hat, von dem die Milch kommt?“, fragte ich Rinpoche verzweifelt, als er mir den Auftrag erteilte, die Milch zu besorgen. Er überlegte kurz: „Wenn das Tier, das auf der Verpackung abgebildet ist, die richtige Farbe hat, reicht das!“

Meine Erleichterung, als ich im Kühlregal des örtlichen Bio-Supermarktes eine Packung Ziegenmilch entdecke, auf der mich eine glückliche weiße Ziege anstrahlt, ist grenzenlos.

Auch Rinpoche nickt zufrieden, als er die weiße Ziege auf der Verpackung sieht. Er schraubt den Deckel ab und füllt den großen Wasserkrug der Spirituellen WG damit bis zum Rand.

Die Tormas für unser Naga-Opfer sind fertig!

Nagas

Im Meditationsraum der Spirituellen WG weiht uns Rinpoche in die Geheimnisse der mächtigen Wassergeister ein…

„Nagas“, erklärt uns Rinpoche, der an der Stirnseite des Raumes auf meinem grünen Samtsessel thront – „sind mächtige Geister, die im Wasser und in Feuchtgebieten leben.“

Die Sangha – um ihn auf dem Boden sitzend – hört gespannt zu.

“Weil wir Menschen fast nur aus Wasser bestehen, gibt es keine Spirits, mit denen wir so eng verbunden sind, wie mit Nagas.“

“Ja!“

Ich bin irritiert: irgendjemand aus der Gruppe begleitet jeden Satz Rinpoches mit zustimmenden Ausrufen.

“Deshalb haben Nagas einen großen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit!“

“Ja!“

Jetzt habe ich den Zuhörer entdeckt, der Rinpoches Ausführungen so geräuschvoll untermalt: Es ist Suriyel!

Ich bin erstaunt – Suriyel ist normalerweise wortkarg und stoisch. Aber jetzt hängt er gebannt an Rinpoches Lippen und scheint nicht zu registrieren, dass ihn alle indigniert anstarren.

Rinpoche fährt ungerührt fort: „Wenn Nagas gestört oder verärgert werden, kann das schlimme Konsequenzen für die Verursacher haben. Hauterkrankungen und alle Krankheiten, die mit einem Ungleichgewicht von Wasser im Körper zu tun haben, sind Naga-Krankheiten.“

Ich versuche, Suriyels zustimmendes „Ja!“ zu überhören.

Rinpoche hebt mahnend den Zeigefinger: „Nagas sind sehr nachtragend. Weil sie viele Jahrhunderte alt werden, verfolgt ihr Zorn nicht nur den Auslöser ihres Ärgers, sondern auch seine Nachkommen. Über Generationen!“

Er räuspert sich: „Zum Beispiel gab es einmal jemanden, der in einen Fluß gepinkelt hat. Der Naga-Fürst des Flusses war so wütend darüber, dass die Nachfahren des Pinklers noch in der fünften Generation von Krankheit und Unglück verfolgt waren.“

Das zustimmende „Ja!“ Suriyels finde ich an dieser Stelle besonders unpassend. Meinen Todes-Blick ignoriert er. Stattdessen hebt er die Hand und feuert seine Frage gleich hinterher: „Was muss man tun, um nicht als Naga wiedergeboren zu werden?“

Ich starre verblüfft zu ihm hinüber. Hat er das jetzt wirklich gerade gefragt? Aber, kein Zweifel – Suriyels Englisch ist ausgezeichnet – er ist wirklich und wahrhaftig besorgt, er könne als Naga reinkarnieren! Dass er nicht im Höllen-Areal oder im Areal der Hungrigen Geister wiedergeboren werden möchte: geschenkt! Aber was soll so schrecklich daran sein, ein mächtiger Wasser-Geist zu sein? Und wie kommt er überhaupt auf diese abstruse Idee?

Den anderen in der Runde ist anzusehen, dass sie Suriyels Frage ebenfalls befremdlich finden. Der Dharma-Bruder, der mir gegenüber auf der anderen Raumseite sitzt, verkneift sich mit Mühe ein Lachen. Auch die anderen versuchen, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen.

Der einzige, der sich von Suriyels Frage nicht irritieren lässt, ist Rinpoche. „Nagas,“ führt er aus, „werden dem Reich der Tierwesen zugeordnet.“

Das finde ich jetzt doch interessant. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass Nagas – die viele Jahrhunderte leben und über große Macht verfügen – im obersten Areal der Götter zu Hause sind.

“Als Bewohner des Tierreichs“, fährt Rinpoche fort, „sind sie dominiert von ihren Instinkten. Wenn jemand vermeiden möchte, als Naga wiedergeboren zu werden, muss er lernen, nicht immer seinen Impulsen zu folgen, sondern über seine Gedanken, Emotionen und Handeln zu reflektieren.“

Er nickt in die Runde: „Deshalb ist unsere Meditationspraxis so wichtig!“

Es war mir bisher nicht bewusst, dass meine tägliche Praxis mit dem positiven Nebeneffekt einhergeht, mich davor zu bewahren, als Naga wiedergeboren zu werden.

Ich blicke ein bisschen milder hinüber zu Suriyel. Der wirkt erleichtert.

Was hat er nur mit den Nagas?

Nachdem Rinpoche seine Ausführungen über die mächtigen Wassergeister beendet hat, ist Suriyel wieder so wortkarg und verschlossen wie üblich.

Ich gehe davon aus, dass ich nie erfahren werde, welche spezielle Beziehung er zu Nagas hat…

Teaching

Im Meditationsraum der Spirtuellen WG soll uns Rinpoche in die Geheimnisse von Sur und Naga Offering einweihen…

Während Rinpoche am Freitagmorgen in der Küche beim Frühstück sitzt, bereite ich den Raum für sein Teaching vor.

Suriyel hat gestern Abend aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zehn Camping-Klapptische mitgebracht. Die lagern dort im Speicher und kommen bei großen Veranstaltungen zum Einsatz.

Denn tibetisch-buddhistische Praxistexte sind sakral! Sie dürfen niemals auf dem Boden liegen! Man darf nicht einmal über sie hinweg steigen!

Deshalb sind die grauen Klapptische von existenzieller Wichtigkeit. Nachdem sie aufgestellt und die kopierten Praxistexte darauf verteilt sind, widme ich mich dem nächsten Punkt auf meiner To-do-Liste:

Dem Altar.

Maktiel und ich haben ihn gestern aufgebaut. Nach ein bisschen hin und her haben wir uns dafür entschieden, ihn an der Stirnseite des Raums auf einem Mauervorsprung zu platzieren.

Auf meinem schönsten Wollschal thront Esthers grauer Plastik-Buddha aus dem Deko-Laden. https://www.water-runs-east.eu/buddha/

Links von ihm habe ich meine Grüne Tara platziert, rechts von ihm Throma Nagmo. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Keine der Figuren wurde von einem Lama mit Sutra-Rollen und heiligen Gegenständen gefüllt. Deshalb haben sie eigentlich auf einem Altar – und noch dazu für das Teaching eines Rinpoche – nichts verloren!

Aber etwas anderes hat die Spirituelle WG nicht zu bieten.

Nachdem ich noch zwei Blumensträuße auf unseren improvisierten Altar gestellt habe, fülle ich die kleinen Schälchen, die vor dem Buddha und den beiden weiblichen Buddha-Emanationen aufgereiht sind, mit Wasser.

Dann zünde ich Kerze und Räucherstäbchen an.

Ich trete einen Schritt zurück, um mein Werk kritisch in Augenschein zu nehmen. Ein grauer Rauchfaden zieht an der Nase des Deko-Buddha vorbei. Vor seinem runden Bauch tanzt die Kerzenflamme.

Er lächelt!

Mir wird ganz warm ums Herz, als ich sehe, wie glücklich er aussieht!

Kurz darauf kommt Rinpoche. Der sieht auch zufrieden aus, stelle ich erleichtert fest. Er nimmt probeweise neben dem lächelnden Deko-Buddha auf meinem grünen Samt-Sofa-Stuhl Platz. Den haben Maktiel und ich gestern Nachmittag mit vereinten Kräften aus meinem Zimmer hinunter in den ersten Stock geschleppt.

Rinpoche schlägt die Beine übereinander, wippt ein paar Mal auf und ab – und nickt zustimmend. Dass er nicht – wie es eigentlich üblich ist – auf einem roten Holzthron platziert wurde, scheint ihn nicht zu stören.

Wir machen ein paar Probeaufnahmen mit meinem Handy. Dafür habe ich – auf Anraten Maktiels hin – gestern extra noch ein Stativ besorgt. Die Teachings sollen aufgezeichnet werden, damit wir in der Sangha nach Rinpoches Abreise mit den Videos üben können.

Während Rinpoche und ich den richtigen Winkel für die Aufnahmen und den besten Platz für sein Tischchen mit den Texten und dem Equipement für das Rauchopfer austesten, treffen die Teilnehmer des Teachings ein. Trotz Freitagvormittag sind wir immerhin zu acht. Am Nachmittag haben sich noch ein paar weitere Sangha-Mitglieder angekündigt.

Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, als ich mich neben Rinpoches grünem Samtsessel auf dem Meditationskissen niederlasse.

Hoffentlich geht alles gut!

Rinpoche

Dass die Spirituelle WG einen hohen nepalesischen Lama beherbergigen darf, ist eine Ehre – aber auch eine kulturelle Herausforderung…

Am Donnerstag, dem 12. September ist es so weit: Rinpoche wird am Abend zu uns kommen und mit einem Welcoming Dinner begrüßt werden. https://www.water-runs-east.eu/wendung/

Tagsüber bin ich mit den Vorbereitungen für seinen Besuch beschäftigt. Glücklicherweise hilft mir Maktiel dabei, unseren Meditationsraum für das Teaching am Freitag herzurichten.

Bereits am frühen Morgen habe ich eine große Portion indisches Curry für unseren hohen Gast gekocht. Damit mein Basmatireis Rinpoches Ansprüchen genügt, hat mir Maktiel ihren Reiskocher ausgeliehen. Denn das einzige, von dem ich bisher erlebt habe, dass es Rinpoche um seinen eigentlich unerschütterlichen Gleichmut bringt, war – verkochter Reis.

Zumindest den will ich ihm bei seinem Besuch ersparen. Er wird – so denke ich, während ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Friedrichshagen bin, um Rinpoche einzusammeln – genug unter uns zu leiden haben.

Niemand in der Spirituellen WG weiß, wie man sich einem hohen nepalischem Lama gegenüber benimmt!

Esther ist Christin.

Dass ich als Buddhistin so unbeleckt bin, verdankt sich zum einen der Tatsache, dass mein Wurzel-Lama – der Lehrer, bei dem ich Zuflucht genommen habe – eine amerikanische Khandro ist. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Mein Zen-Lehrer ist Pole. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Bei Retreats und Teachings, die nicht von meinen westlichen Lehrern, sondern von nepalesischen Lamas gehalten werden, gehöre ich zum Fußvolk. Deshalb war ich bisher nie in der Situation, mich Auge um Auge um einen nepalesischen Lama kümmern zu müssen. Was ich aus der Ferne mitbekommen habe: Die Sache ist kompliziert. Man hüpft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und kann im Grunde nur alles falsch machen.

Der einzige nepalesische Lama, mit dem ich persönlich bekannt bin, ist der kleine runde herzliche Mann, den ich gerade abhole. Letztes Jahr habe ich drei wunderbare Wochen während eines privaten Retreats in Uriels Retreathaus am Ende der Welt mit ihm verbracht. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/

Völlig entspannt.

Wir haben gemeinsame Mahlzeiten eingenommen, uns ausführlich unterhalten und abends zu zweit Uriels kleinen weißen Hund ausgeführt. Sollte er von meinen Umgangsformen irritiert gewesen sein, hat er es sich nie anmerken lassen.

Ich kann nur darauf hoffen, dass es auch diesmal so sein wird.

Nach etwas hin und her finde ich die Adresse. Auf mein Klingeln hin öffnen mir zwei kleine Jungs, die unverkennbar tibetisch aussehen. Ein winziger Spitz hüpft kläffend um ihre Beine. Ich werde in den ersten Stock geführt. Dort sitzt Rinpoche in einem quietschgelben Hemd zum traditionellen roten Rock an einem großen Tisch.

Ich freue mich sehr ihn wiederzusehen.

Gleichzeitig bin ich verwirrt: Wie soll ich ihn begrüßen? Das „Hi Norbu, how are you?“, das mir auf der Zunge liegt, ist komplett unangebracht. Ich stammle „Good evening Rinpoche“, verneige mich verkrampft und komme mir dämlich vor.

Er freut sich erkennbar, wirkt aber auch etwas hilflos.

Die tibetische Gastgeberin bietet mir einen Stuhl an. Während ich mit ihr Small Talk mache, wird mir bewusst, dass ich Rinpoche eigentlich mit einem Katak – einem weißen Schal – begrüßen hätte müssen!

Man verbeugt sich und streckt den Schal entgegen. Der Lama legt ihn um den Hals, drückt seine Stirn gegen die eigene und murmelt einen Segen. So gehört sich das.

Tja…

Kurz nach Rinpoches Abreise lerne ich, dass man einen Katak nie „leer“ übergeben darf. Es muss immer ein Umschlag mit Geld darin stecken, wenn man ihn dem Lama hinhält. Aber es muss mehr als ein Schein übergeben werden! Die Zahl eins bringt Unglück…

Wie auch immer. Wir müssen los! Zuhause in der Spirituellen WG wartet sicher schon die halbe Sangha mit knurrenden Mägen auf Rinpoche, damit das Welcoming Dinner starten kann.

Es dauert ein bisschen, bis bei der Gastgeberin und Rinpoche ankommt, dass wir nicht irgendwann, sondern sofort aufbrechen müssen. Hier herrscht erkennbar ein anderes Zeitgefühl.

Schließlich ist das Taxi organisiert. Nachdem Rinpoche, der einen großen zusammengerollten Tanka – einen bemalten Wandbehang – im Arm hält, sowie sein riesiger Koffer verstaut sind, können wir endlich aufbrechen.

„Wo seid ihr?“, schreibt mir Suriyel. „Wir warten hier alle auf euch!“

Ich bin so platt, dass ich nur noch „Taxi“tippen kann.

„Taxi ist gut“, kommt es zurück.

Der Fahrer kommt aus dem Libanon. Als er hört, dass er einen nepalesischen Lama transportiert, erkundigt er sich sofort, wie das bei ihm mit dem Visum läuft.

Der nepalesische Rinpoche und der libanesische Taxifahrer sind sich einig, dass die Sache mit dem Visum in Deutschland eine Katastrophe ist.

Draußen zieht Straßenzug um Straßenzug Berlin bei Nacht vorbei.

Das Leben ist schön, denke ich mir, währen ich in die Dunkelheit starre und zuhöre. Trotz kultureller Konfusion, ständigen Missverständnissen, Chaos und dauerndem Ärger.

Ich möchte kein anderes haben, als das in dem ich jetzt gerade bin. Mit einem nepalesischen Rinpoche auf dem Rücksitz und einem libanesischen Taxifahrer neben mir, der mir von seinem herzkranken Vater in Beirut erzählt.

Endlich sind wir an der Spirituellen WG angekommen. Fast zwei Stunden zu spät. Aber was heißt das schon, wenn ein echter Rinpoche zu Besuch kommt!

In der Küche ist es warm und gemütlich. Erleichtert sehe ich, dass Esther den Tisch mit dem goldenen Rosenthal-Geschirr eingedeckt hat. Wie es sich für einen Rinpoche gehört.

Während Suriyel den schweren Koffer unseres Gastes in den dritten Stock schleppt – er übernachtet in meinem Zimmer – wird Rinpoche begeistert begrüßt.

Sicher nicht nach tibetisch-buddhistischen Regeln, dafür aber mit großer Herzlichkeit.

Rinpoche strahlt. Es scheint ihm genug zu sein.

Und das, obwohl er er ein „Tulku“ ist! Ein von den geistigen Führern seiner Traditionslinie anerkannter wiedergeborener hoher Lama.

Denn das bedeutet „Rinpoche“…

Praxistexte

Für die Belehrungen des nepalesischen Rinpoche in der Spirituellen WG benötigen wir tibetisch-buddhistische Praxistexte der Nyingma-Tradition…

Das erste Mal in meinem Leben trage ich Verantwortung für ein Vajrayana-Teaching!

Ungewollt.

Denn für die Rolle der Veranstalterin – finde ich – bin ich eigentlich nicht qualifiziert. Dafür fehlen mir Wissen und Erfahrung.

Die Teachings und Retreats, an denen ich bisher teilgenommen habe, wurden von Profis organisiert. Leuten wie Uriel und Suriyel, die seit Jahrzehnten Tantra praktizieren und über sämtliche Details tibetisch-buddhistischer Rituale informiert sind.

Denn die Sache ist kompliziert. Man kann unglaublich viel falsch machen.

Deshalb beschränkte sich mein Beitrag bei Veranstaltungen bisher auf basale Tätigkeiten: putzen, backen, kochen…

Aber nun ist ein leibhaftiger nepalesischer Rinpoche im Anmarsch. Ich habe ihn eingeladen, also bin ich auch dafür verantwortlich, dass die Sache läuft.

Glücklicherweise hat mir Karma den liebenswertesten und unkompliziertesten aller Lamas geschickt.

Ein tröstlicher Gedanke.

Als erstes will Rinpoche wissen, was er denn jetzt eigentlich lehren soll? Für Sur – schreibt er mir – braucht er höchstens einen halben Tag. Er wird aber zweieinhalb Tage bei uns zu Gast sein. Die müssen irgendwie gefüllt werden.

Ich überlege: Welche Praxis kann die Sangha noch gut gebrauchen?

Ein Naga-Offering! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Schon lange möchte ich an einem Opfer für die mächtigen Wassergeister teilnehmen. Bisher hat es nie geklappt. Es gibt nur wenige in Europa, die das Ritual beherrschen.

Die Idee, nicht nur dabei sein zu dürfen, sondern – zusammen mit meiner Sangha – die Opferung zu lernen und in Zukunft gemeinsam zu praktizieren, lässt mich vor Aufregung vibrieren.

Mit zitternden Fingern tippe ich in mein Handy: „Could you teach us Naga Offering?“

„For sure“, kommt es zurück. „If you have a text.“

Tja.

Das ist immer die entscheidende Frage. Bei allen Tantra-Teachings und Retreats.

Der Praxistext….

Denn Texte für hohe Tantra-Praktiken sind schwer zu bekommen.

Erstens, weil sie geheim sind.

Und zweitens, weil die Lamas, die sie Auserwählten unterrichten, zwar über eine ganze Bibliothek an Ritualtexten verfügen. Allerdings in Tibetisch.

Damit westliche Praktizierende damit arbeiten können, müssen sie in sinnvoller Weise übersetzt werden. Eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Denn die liturgischen Texte stammen zumeist aus dem tibetischen Mittelalter. Es genügt nicht, lediglich Tibetisch zu können. Die Übersetzer müssen darüber hinaus detailiertes kulturelles und religiöses Wissen über den Vajrayana besitzen.

Je besser die Übersetzung des Texts, desto effektiver die Praxis. Man kann in Bezug auf die Qualität Glück haben – oder Pech.

Ich habe Glück.

Auf der Homepage meiner amerikanischen Khandro gibt es sowohl für Sur als auch für Naga Offering Text-Übersetzungen zu kaufen. Dass ich mir für mein erstes Teaching zwei basale, kurze und nicht-geheime Praktiken ausgesucht habe, erleichtert die Sache.

Ich platziere die beiden Texte im virtuellen Warenkorb, bezahle mit PayPal und bekomme per Mail einen Link zugeschickt. Mit der Info, dass mir zwei Kopien zur Verfügung stünden.

Ich schicke einen Link an Rinpoche. Fünf Minuten später erhalte ich die Rückmeldung, die Texte wären in Ordnung.

Erleichtert speichere ich sie als pdf auf meinem Laptop. Weil ich gerade dabei bin, schreibe ich eine Mail an Suriyel. Er möchte die Texte sicher auch gerne sehen. Die beiden pdf´s wandern in den Anhang. Als ich den vor dem Abschicken kontrolliere, bin ich mit zwei leeren Dokumenten konfrontiert! Quer über jede Seite steht gedruckt: „You have reached your limit!“

Ich bin beeindruckt: Tibetisches Mittelalter trifft Silicon Valley…

Von nun an behandle ich die beiden Übersetzungen wie Rohdiamanten! Erst als mein Drucker zwei vollständige Exemplare in Papierform ausgespuckt hat, wage ich wieder zu atmen!

Ein Punkt auf der langen To-Do-Liste ist schon mal erledigt…

Wendung

Während der Vorbereitungen des Online-Teachings für Sur werde ich mit einer Überraschung konfrontiert…

Die Zusage des nepalesischen Rinpoche, meiner Sangha mit Hilfe eines Online-Teachings das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur zu lehren, löst hektische Betriebsamkeit aus. https://www.water-runs-east.eu/eingebung/

Der Meditationsraum in der Spirituellen WG ist zu klein für das Teaching. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/

Esther plant um. Aus ihrer Bibliothek macht sie einen neuen Teaching- und Meditationsraum. Der – beschließen wir – müsste groß genug für das Online-Teaching sein. Denn das soll hier in der Spirituellen WG stattfinden. Die Sangha braucht nicht nur Belehrungen und Einweihung – das Rauchopfer Sur muss auch geübt werden. Nachdem das im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nicht möglich ist, bleibt nur der Garten der WG. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Die Technik ist ein weiteres Problem, das uns umtreibt. Ich diskutiere im Freundeskreis und in der Sangha verschiedene Möglichkeiten einer kostenlosen Online-Übertragung. Immer in der Hoffnung, dass Rinpoche im fernen Kathmandu technisch kompatibel mit uns sein wird.

Gleichzeitig suchen Rinpoche und ich via WhatsApp nach passenden Terminen: zwei Mal eineinhalb Stunden veranschlagt der für das Teaching und die Einweihung. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Dazu kommt die Zeitverschiebung.

Er schlägt mir zwei Tage im August vor. Da sind in Deutschland alle im Urlaub, schreibe ich ihm zurück. Erst ab September würde das Teaching Sinn machen.

Da müsse er sehen…

Am Abend rufe ich Facebook auf und verstehe mit einem Mal, warum Rinpoche nicht sicher ist, ob er uns im September ein Online-Teaching geben kann.

Er ist von September bis November in Europa!

Jemand, den ich nicht persönlich kenne, aber auf Facebook befreundet bin – keine Ahnung seit wann und wieso – hat eine lange Liste gepostet: Darauf alle Termine für Retreats und Teachings meines Rinpoche! In der Slowakei – lese ich – geht es los. Danach stehen mehrere Orte in Deutschland auf dem Plan, gefolgt von Polen.

Mit tibetisch-buddhistischen Lehrern zu kommunizieren ist eine Kunst – in der ich nicht sehr bewandert bin. Das führt mir der Facebook-Post des unbekannten Jörg wieder einmal vor Augen.

Ich hätte Rinpoche danach fragen müssen, ob er nach Europa kommt!

Vielleicht möchte er ja auch Berlin besuchen? Wer weiß…

Nachdem ich mit Esther gesprochen habe, schicke ich via WhatsApp eine offizielle Einladung nach Nepal: Wie sehr wir uns doch freuen würden, wenn Rinpoche zu uns käme und sein Teaching persönlich, live und vor Ort abhalten könnte!

Während ich das tippe, ist mir bewusst, dass die Chancen einer Zusage äußerst gering sind. Rinpoche ist sicher schon komplett verplant. Nur extrem gutes Karma, Glück – what´s ever – wird ihn zu uns bringen.

„We will see“, kommt es zurück.

Immerhin keine Absage.

Während des Augustes suchen Rinpoche und ich nach einem Termin für seinen Besuch. Er möchte wirklich gerne kommen, merke ich. Das freut mich sehr.

Rinpoche ist mein Herzens-Lama.

Nur: Es ist kompliziert. Er kann nur im Oktober. Da hat aber niemand aus der Sangha Zeit für ihn. In diesem Monat jagt eine Veranstaltung die nächste im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. Alle, die zum Teaching kommen wollen, werden dort gebraucht.

Es wird wohl nichts werden, denke ich Ende August frustriert. Vielleicht im nächsten Jahr…

Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von Rinpoche: Er könne vom 12.09.-14.09. kommen.

Bingo!

Das ist das einzige Wochenende in drei Monaten, in denen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum keine Veranstaltungen stattfinden!

Ich versichere Rinpoche, wie sehr wir uns alle auf seinen Besuch freuen! Und ich verspreche ihm, dass ich alles tun werde, damit er ein erfolgreiches Teaching in der Spirituellen WG abhalten kann.

Danach muss ich mich erst einmal setzen. Ich stehe unter Schock!

Wir werden einen leibhaftigen Rinpoche zu Gast haben!

Und ich muss das erste Mal in meinem Leben ein Teaching organisieren…

Eingebung

Ich mache mich auf die Suche nach einem Lama, der uns in das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur einweihen kann…

Nachdem unser missglücktes Online-Sur zu Ende gegangen ist, verabschiedet sich Maktiel. https://www.water-runs-east.eu/online-sur/

Ich schließe die Haustür hinter ihr ab und steige frustriert die Treppen in den dritten Stock der Spirituellen WG hoch.

Sur – das tibetisch-buddhistische Rauchopfer, das den Verstorbenen im Bardo Nahrung und Wärme gibt und ihnen hilft, in guter Weise wiedergeboren zu werden – möchte praktiziert werden! https://www.water-runs-east.eu/sur/

Alle Zeichen sind da: Die beiden Fremden, die im Tempel auftauchten, auf der Suche nach einem Segen für eine Verstorbene. Maktiels Frage nach dem Sur-Powder, dazu noch ihre Online-Sangha, die einmal wöchentlich Sur via Zoom durchführt….

Vor mich hin grübelnd öffne ich die Tür meines Dachzimmers. Mir ist, als wäre ich nicht in der Spirituellen WG, sondern in einem Haus, das mir völlig fremd ist. Es ist alt, groß und verwinkelt. Irgendwo aus der Tiefe erklingen rhythmische Schläge. Jemand klopft an die Haustür, energisch Einlass verlangend…

Es ist an mir, diese Tür zu öffnen.

Nur: Wo ist sie?

Ich stecke mich in meinem Bett aus. An die Zimmerdecke starrend, kreisen meine Gedanken um den Kern des Problems: Wir haben keinen Lama!

Denn nur ein tibetisch-buddhistischer Lehrer kann uns in der Praxis unterweisen und uns das Lung – die Ermächtigung zur Ausübung des Rituals – geben. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Irgendwie muss ich einen Lama auftreiben! Nur: Wie soll ich das anstellen?

Auf einmal flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr: „Du kennst einen Lama! Frag Norbu!“

Ich fahre hoch! Natürlich! Ich kenne wirklich einen Lama! Allerdings lebt der in Kathmandu.

Meine Innere Stimme lässt sich nicht davon beeindrucken: „Wenn ihr das Lung für Riwo Sangchö online bekommen habt, warum nicht auch ein Teaching und Lung für Sur?“, murmelt sie. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Dagegen gibt es nichts einzuwenden.

Ich rufe meine WhatsApp-Kontakte auf und scrolle bis fast ganz nach unten. Da ist er! „Norbu Rinpoche“ steht neben dem Photo, auf dem ein freundlich lächelnder nepalesischer Lama in quietschgelbem Shirt zu sehen ist.

Vor eineinhalb Jahren hatte mir Rinpoche seine Nummer gegeben, nachdem die drei Wochen mit ihm im Retreathaus am Ende der Welt zu Ende gegangen waren. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/

Dank Uriels Großzügigkeit hatte ich an drei zornvollen Retreats hintereinander teilnehmen dürfen. Zuerst Shimhamukha. https://www.water-runs-east.eu/vier-simhamukha/

Danach Vajrakilaya. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/

Und zum Abschluss: Throma! https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Es war der liebenswerte Rinpoche aus Kathmandu gewesen, der mich im März 2023 in die Praxis der Göttin der Friedhöfe einwies. Und es war Rinpoche gewesen, der mir Throma als Hauptpraxis verschrieben hatte.

Die Retreats schenkten mir einen Weggefährten auf Zeit: Meinen Wolf. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Er stand mir treu zur Seite, als ich – nachdem die Retreats zu Ende gegangen waren – über Monate die Scherben meiner überkommenen Existenz sortierte.

Als die Transformation abgeschlossen war, verließ er mich. https://www.water-runs-east.eu/fuenf-transformation-teil-drei/

Drei Monate später fand ich mich in Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum von Friedrichshain wieder. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Wie der Wolf verschwanden auch der Lama und die Göttin der Friedhöfe aus meinem Leben. Und das, obwohl ich, als ich die Einweihung für ihre Praxis erhielt, das Gelübde abgelegt hatte, Throma Nagmo immer zu folgen.

Am 9. Juli dieses Jahres tauchte Throma Nagmo wieder in meinem Leben auf. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Zwanzig Tage später schicke ich via WhatsApp eine Anfrage nach Kathmandu: Ob sich Rinpoche vorstellen könnte, mir und meiner Sangha in Berlin ein Online-Teaching für Sur zu geben und das Lung noch dazu?

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht auf meinem Handy auf: „Oh, ok! Idea very good with Online Teaching!“

So wie es aussieht, habe ich die Tür gefunden…

Online-Sur

Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…

Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.

Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!

Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.

Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.

Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.

Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.

Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.

Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.

Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!

Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!

Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…

Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.

Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.

Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!

Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.

Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.

Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.

Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.

Nur wann?

Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.

„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.

„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.

Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?

Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.

Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.

Der Sur-Powder funktioniert!

Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.

Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.

Wir haben ganz offensichtlich ein Problem…

Sur-Powder

Sur – das Rauchopfer für alle Wesen, die sich im Reich zwischen Leben und Tod aufhalten – beschäftigt mich weiterhin…

Im Juni entschied Rinpoche, dass im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kein Sur – das Rauchopfer für die Verstorbenen im Bardo – abgehalten werden sollte. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Doch damit war Sur nicht aus der Welt.

Der Besuch der beiden Fremden, die im Frühsommer im Tempel aufgetaucht waren, um einen Segen für eine Verstorbene zu erbitten, war das Signal gewesen, dass etwas im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum fehlte.

Die Information, dass es dort eine Leerstelle gab, die gefüllt werden wollte.

Mit dem Rauchopfer Sur.

Das Rauchopfer Sur ist Teil des Dharma – der Lehre Buddhas, die zur Befreiung führt. Buddhistische Praktiken haben ihre eigene Macht und folgen ihren eigenen Gesetzen.

Wenn die karmischen Voraussetzungen gegeben sind, manifestieren sie sich…

Wie sich in den Wochen nach dem Besuch der beiden Fremden zeigen sollte, war Sur in unserer Sangha aufgetaucht, um zu bleiben.

Im Juli begann Maktiel – die Dharma-Schwester, die bei Ritualen die große Trommel schlägt und den Bodhi-Baum hütet – gemeinsam mit der europäischen Online-Sangha eines tibetischen Lama das Rauchopfer Sur zu praktizieren. Einmal wöchentlich via Zoom.

Leider hatte sie keinen Sur-Powder. Denn wie bei Sang wird auch bei Sur eine spezielle „Geister-Nahrung“ verbrannt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Der Sang-Powder, den Maktiel jeden morgen bei ihrem Riwo Sangchö opfert, stammt aus meiner Herstellung. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

„Weißt du auch, wie man Sur-Powder zubereitet?“, fragte mich Maktiel.

Ich wusste es nicht.

Nach einer Internet-Recherche war ich klüger: Sur-Powder besteht aus sechs traditionellen tibetischen Heilkräutern, die mit Tsampa – geröstetem Gerstenmehl – vermengt werden. Deutlich unkomplizierter als der Sang-Powder!

„Wenn du mit europäischen Heilkräutern zufrieden bist, kann ich dir einen machen“, schrieb ich Maktiel zurück.

Weil die damit einverstanden war, produzierte ich am nächsten Tag meinen ersten eigenen Sur-Powder.

Er riecht super!

Sur

Das tibetisch-buddhistische Rauchopfer „Sur“ nährt alle Wesen, die sich im Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – befinden…

Es muss irgendwann im Mai oder Juni passiert sein. Im Rückblick kann sich niemand mehr an den genauen Zeitpunkt erinnern.

Genauso wenig, wie an die Namen der Frau und des Mannes, die auf einmal im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums standen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Sie tauchten während der wöchentlichen Sonntagspraxis auf.

Still standen sie in einer Ecke und warteten geduldig, bis wir unsere „Grünen Tara“ Puja abgeschlossen hatten.

Ich sah sie aus den Augenwinkeln, während ich – gemeinsam mit den anderen aus der Sangha – den tibetischen Praxistext rezitierte. Die Frau war blaß, ihr Haar unfrisiert. Mit verkrampften Händen drückte sie ein verwaschenes kleines Kissen an ihre Brust. Der Mann hatte schützend den Arm um ihre Schulter gelegt. Auch er sah müde und verstört aus.

Nach dem Ende der Grünen Tara sprach das Paar Suriyel an. Eine nahe Angehörige der Frau war gestorben. Sie baten Suriyel um einen Segen für die Verstorbene. Die Frau drückte Suriyel das kleine Kissen in die Hand.

Er dürfe keinen Segen sprechen, erklärte er den beiden, er wäre kein Lama.

Glücklicherweise waren wir mit unserem Sonntagsprogramm noch nicht zu Ende: Das Riwo SangChö stand noch aus! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Geistesgegenwärtig lud Suriyel das Paar zum Rauchopfer ein. Nachdem wir alle im Halbkreis um die Feuerschale Platz genommen hatte, erklärte er in die Runde, dass wir das heutige Riwo SangChö der verstorbenen Anna widmen würden.

Was wir dann auch taten.

Nach der Zeremonie verschwanden die beiden Gäste. Sie verflüchtigten sich wie Rauch. Keiner hat sie seitdem wieder im Zentrum gesehen.

„Das hast du schön gemacht!“, lobte ich Suriyel hinterher. „Aber es war das falsche Ritual! Sie hätten Sur gebraucht!“

Denn Sur ist die Nachtschwester von Sang.

Beide Rauchopfer sind Ausdruck selbstloser Großzügigkeit.

Traditionell wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern jeden Morgen das Rauchopfer „Sang“ zelebriert. Unser RiwoSangChö ist nur eine von vielen Varianten. Alle Sang Rituale dienen der Anhäufung positiver Verdienste und gelten als Königsweg zur Beseitigung von Hindernissen und Widerständen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Am Abend wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern traditionell das Rauchopfer Sur für alle Verstorbenen praktiziert, die sich gerade im Bardo befinden.

Der tibetisch-buddhistischen Tradition nach dauert der Aufenthalt im Reich zwischen Leben und Tod neunundvierzig Tage. Für die große Mehrheit der Wesen ist das Bardo kein angenehmer Ort: Gequält von schwer erträglichen Traumzuständen, in denen sie mit den karmischen Verstrickungen vergangener Leben konfrontiert werden, an Hunger, Durst und Kälte leidend, befinden sie sich in einer beklagenswerten Situation. Nicht jedem Wesen gelingt es zudem, nach neunundvierzig Tagen den Bardo zu verlassen und in den Kreislauf der Wiedergeburten zurückzukehren. Manche von ihnen sind so schwach und verwirrt, dass sie im Bardo gefangen bleiben.

Um diesen armen hilflosen Wesen zu helfen, wird Sur praktziert. Die heilige Kraft des Feuers verwandelt das Speiseopfer – bestehend aus Mehl und Heilkräutern – in nährenden Rauch. Dieser wird durch die kraftvolle Energie von Meditation, der Rezitation von Mantras und dem Einsatz von Mudras transformiert.

Der magische Rauch, der durch das Sur-Ritual entsteht, dient der Stärkung und Stabilisierung der körperlosen schwachen Wesen im Bardo. Beschenkt mit Kraft und Klarheit ist es ihnen früher oder später möglich, das Reich zwischen Leben und Tod zu verlassen und erneut wiedergeboren zu werden.

Suriyel weißt meinen Einwand, unser RiwoSangChö wäre das falsche Ritual für die trauernden Angehörigen, wie für die verstorbene Frau, gewesen, trotzdem zurück.

„Das Sang war nicht falsch. Das dient auch den Verstorbenen. Sur wäre nur besser gewesen.“

So sieht es auch Rinpoche – der Gründer und Leiter des Zentrums von Friedrichshain – als Suriyel ihn ein paar Wochen später um die Erlaubnis bittet, zusätzlich zum Sang auch noch ein regelmäßiges Sur im Tempel abhalten zu dürfen.

Suriyel solle sich auf das Sang konzentrieren. Ein weiteres Rauchopfer wäre nicht notwendig.

Wir hatten beide mit einer Absage gerechnet. Rinpoche – ein hoher tibetischer Lama – reist unermüdlich von Kontinent zu Kontinent, um in all seinen Tibetisch-Buddhistischen Zentren nach dem Rechten zu sehen. Unser Zentrum in Berlin ist nur eines von vielen. Dass Rinpoche weder Zeit noch Nerven dafür hat, aus der Ferne neben dem Dauerkonflikt um unser Sang auch noch den Ärger um unser Sur in seinem Zentrum in Berlin zu befrieden, ist uns beiden nachvollziehbar. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Als Suriyel mit die Entscheidung des Rinpoche übermittelt, bin ich trotzdem enttäuscht. Suriyel wohl auch. Obwohl er es nicht zugibt.

Aber so ist es nun mal. Kein Sur im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain…

Opfergabe

Ich praktiziere ein tibetisch-buddhistisches Rauchopfer auf einem keltischen Opferstein und hoffe, dass es bei den Gästen Anklang findet…

Zum zweiten Mal bin ich auf dem Hochplateau des Maimont in den Vogesen. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Ich will dort ein Opfer darbringen. Genau wie im September 2022. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.

War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.

Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.

Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.

Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.

Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.

Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.

Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.

Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.

Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!

Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!

Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.

Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.

Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?

Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?

Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.

Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.

Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.

Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.

Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.

Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.

Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.

Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.

Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.

Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.

Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.

Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.

In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.

Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.

Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.

Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.

Genau wie beim letzten Mal.

Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.

Die Einladung der Gäste.

Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.

Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.

So steht es im Text.

Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.

Aber diesmal „sehe“ ich sie nicht. Im Gegensatz um letzten Mal. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.

Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.

Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.

Mein Puls rast.

Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.

Denn ich habe nichts „gesehen“.

Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.

Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.

Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.

Die Landlords.

Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.

Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.

„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.

Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.

Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.

Sie war von nüchterner Klarheit.

Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.

Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Rauchopfer

Zwei Jahre nach meinem ersten Besuch mache ich mich bereit für eine weitere Opfergabe auf dem keltischen Opferstein auf dem Maimont…

Am Abend vor dem Aufbruch in den Pfälzer Wald packe ich meine Sachen. Dabei kreisen meine Gedanken um den keltischen Opferstein auf dem Maimont. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Am 24. September 1922 praktizierte ich an diesem seltsamen Ort ein „Hexen-Opfer“. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Aus einer Laune heraus. Gedankenlos gegenüber den Konsequenzen. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich Schlafanzug und Kosmetikbeutel in den Rucksack stopfe, wird mir bewusst, wie vollkommend naiv ich damals gewesen bin!

Als ich Obst und Blumen in der Schale des Opfersteins drapierte und das Räucherstäbchen entzündete, tat ich dies ohne jede Vorstellung davon, dass dieser simple Akt derart dramatische Folgen haben würde!

Am 28. September – vier Tage nach meiner Opfergabe – lernte ich unter seltsamen Umständen Maria kennen.

Im Februar 2023 brachen ich mit ihr zu einer Reise auf. https://www.water-runs-east.eu/danzig/

Der Weg führte uns nach Danzig und von dort in das Retreathaus ans Ende der Welt. https://www.water-runs-east.eu/amulett/

Die Kräfte des keltischen Opfersteins hatten Maria und mich aufeinander treffen lassen, damit wir den Weg des Dharma gemeinsam gehen konnten.

Im Rückblick macht alles, was sich ereignete, Sinn. Eine Kette von Wundern.

Währenddessen fühlten wir uns den Ereignissen hilflos ausgeliefert.

Deshalb wurde der Beginn dieser Reise zur Geburtsstunde des Blogs.

Ein Mittel, darüber zu reflektieren, was uns geschah. Gedankliche Ordnung in das Chaos unseres Lebens zu bringen. Deshalb begann ich zu bloggen. Zwischendurch schrieb auch Maria. https://www.water-runs-east.eu/about-the-idea-of-going-to-poland/

Diese Aufgabe erfüllt der Blog bis heute.

Denn die Reise ist noch lange nicht zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/wunder/

Auch wenn Maria in Leipzig zurückblieb, als es mich nach Berlin verschlug. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Übermorgen werde ich an den keltischen Opferstein zurückkehren. Dort werde ich ein zweites Mal ein Ritual vollziehen.

Diesmal nicht nach Hexen-Art. Denn in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt. Unter andem, wie man ein traditionelles tibetisches Rauchopfer durchführt.

Das Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Deshalb werde ich diesmal nicht Obst und Blumen darbringen, sondern Sang-Powder verbrennen. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Die Frage ist nur: Welchen?

Denn ich habe mehrere. Zum einen die Fertigmischung aus dem nepalesischen Nyingma-Kloster. Zum anderen mehrere „Do-it-yourself-Sang-Powder“, die ich gemeinsam mit Suriyel produziert habe. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Ich gehe meine Vorräte durch und bin hin- und hergerissen: Den nepalesischen Sang-Powder oder doch lieber einen aus eigener Herstellung? Und wenn ja, welchen?

Schließlich entscheide ich mich für die selbstgemachte „Lung-Mischung“. Die habe ich aus Kräutern des Gartens des Buddhistischen Zentrums hergestellt, die während unseres Online-Lungs – der Ermächtigung zur Ausübung des Rauchopfers – neben dem Altar standen. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Als das Ritual zu Ende war, nahm ich den Strauß zu mir nach Hause mit. Dort ließ ich die Kräuter trocknen und vermengte sie mit Eichenholzspäne und Harzen. Ein Glas der Mischung schenkte ich Suriyel. Der mahlte sie in der Kaffeemaschine, damit sie staubfein war und gab noch etwas Aroma-Öl dazu, bevor er mir die Hälfte davon wieder zurückgab.

Diese Sang-Powder-Mischung – beschließe ich – ist perfekt für den keltischen Opferstein! Sie ist die Summe der Ereignisse, die seit meinem ersten Ritual dort über mich gekommen sind:

Suriyel, sein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Friedrichshain, in das es mich verschlagen hat und das Riwo SangChö, das ich an diesem Ort von Suriyel gelernt hatte.

Einen anderen als diesen Sang-Powder zu nehmen, wäre komplett unangemessen, beschließe ich.

Allerdings riecht er eigenwillig. Der Garten des Buddhistischen Zentrums wird dominiert von Lavendel und Rosmarin. Die Mischung ist etwas einseitig geraten. Dazu kommt Suryiels Aroma-Öl-Behandlung. Was immer er genommen hat, es verströmten einen strengen herben Duft.

Ich mag den Geruch. Aber was, wenn die Naturgeister des Maimont nicht davon begeistert sind? Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn sie sich von meinem Opfer gekränkt fühlen!

Als mich meine Freundin am Bahnhof abholt, habe ich mein Equipement für ein traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer im Gepäck. Und ein Schraubglas mit einem sehr speziellen Sang-Powder. Der besteht zur einen Hälfte aus unserem eigenwillig riechenden „Home-Made-Lung-Powder“, zur anderen Hälfte aus dem in Nepal hergestellten Pulver.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass dieses Opfer Anklang finden wird…

Auftrag

Zwei Jahre nach dem Hexen-Opfer am keltischen Opferstein befiehlt mir meine Innere Stimme, dorthin zurückzukehren…

Atemzug auf Atemzug.

Die Sonne zeichnet weiße Kringel auf das Eichenparkett. Durch das geöffnete Fenster zieht Sommerduft herein. Im Innenhof singt eine Amsel. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Durch das tagelange Schweigen sind alle Sinneseindrücke von erstaunlicher Nuanciertheit und Intensität . https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Schritt für Schritt.

Ich spüre den glatten Parkettboden unter den nackten Fußsohlen, das Pendeln meiner Arme, ein leichtes Kribbeln in den Fingern.

Hart schlagen die Klanghölzer aneinander.

Der Assistent des Zen-Lehrers hat die Geh-Meditation beendet. https://www.water-runs-east.eu/kinhin/

Zusammen mit den anderen in der Gruppe bleibe ich abrupt stehen, als der trockene Knall durch den Raum hallt. Gemeinsam verbeugen wir uns und eilen zu unseren Plätzen. Ich lasse mich auf meinem Kissen nieder und kontrolliere, ob ich auch bequem sitze. Die anderen, die mit mir an den Längsseiten des Raumes aufgereiht mit den Gesichtern zur Wand sitzen, tun dasselbe.

Dann schlägt der Assistent auch schon die große Klangschale. Drei Mal ertönt das wuchtige Dröhnen und lässt die Luft im Zendo vibrieren.

Ab jetzt darf sich niemand mehr bewegen, bis das zweimalige Anschlagen der Klangschale das Ende der Meditationseinheit signalisieren wird. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Vollkommene Stille liegt über dem Zendo.

Es ist der vierte Tag des Sesshins.

Mein neurotisches Ego – das mich im Alltag von Morgens bis Abends mit seinen Ideen, Sorgen und Ängsten auf Trab hält – ist zur Ruhe gekommen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Endlich Frieden!

Mit einem Mal erklingt in mir die Innere Stimme: „Du musst zum Opferstein!“, flüstert sie.

Der Opferstein! https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

An die keltische Opferschale auf dem Maimont in den Vogesen habe ich seit Monaten nicht mehr gedacht! https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Es ist so viel passiert in den letzten zwei Jahren, seit ich dort ein Hexen-Opfer darbrachte, dass ich den seltsamen Stein – und alles was dort geschah – vollkommend vergessen hatte. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich starr auf meinem Meditationskissen sitze und auf die weiße Wand vor mir starre, sinne ich dem Befehl meiner Inneren Stimme nach. Er ist vollkommend verückt. Aber Irgendwie auch folgerichtig – obwohl ich nicht zu sagen wüsste, warum.

Als das Sesshin drei Tage später zu Ende gegangen ist, kehre ich zurück in den Alltag: An der Bushaltestelle des Spirituellen Zentrums starte ich mein Handy.

Bevor ich im schaukelnden Bus die Mails und Nachrichten der vergangenen Woche lese, schreibe ich der Freundin in der Pfalz.

„Ich würde gerne zu dir zu Besuch kommen! Wir müssen zur Opferschale!“

Meine Freundin – die von ungewöhnlichem Langmut ist – nimmt sich sofort einen Tag Urlaub, um meinem schrägen Ansinnen Folge leisten zu können.

Eine Woche später holt sie mich am Bahnhof ab. Ich bin neun Stunden lang quer durch die Republik bis in die hinterste Ecke der Pfalz gefahren, um ein Opferritual an einer keltischen Opferschale zu verrichten.

Und habe keine Ahnung, warum…

No Muggles

Das Vajra Armor Mantra ist voller Magie! Die Khandro lehrt es in ihren Retreats auf traditionelle tibetisch-buddhistische Zauberart…

Das Kletterressort, in dem das Vajra Armor Retreat stattfinden wird, befindet sich inmitten einer beeindruckenden Felsenlandschaft. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Haupthaus – mit Speisesaal, Wasch- und Toilettenräumen – ist etwa in der Mitte der Anhöhe auf einem Plateau platziert.

Geschlafen wird in mehreren Holzhütten. Die sind hinter dem Haupthaus über den Steilhang verstreut, der sich etwa hundert Meter bis zum Gipfel des Höhenrückens hochzieht. Zu den spartanischen Unterkünfte führt ein schmaler Trampelpfad, der sich von Häuschen zu Häuschen schlängelt.

Das Kletterressort ist ein ungewöhnlicher Ort für ein tibetisch-buddhistisches Retreat.

Einige der Teilnehmer, die nach ihrer Ankunft damit konfrontiert sind, ihre schweren Rollkoffer den steilen Pfad bis zu ihrer Holzhütte hochzuschleppen, haben erkennbar Mühe, ihren buddhistischen Gleichmut aufrecht zu erhalten.

Uriel, der das Retreat organisiert hat, erklärt jedem Neuankömmling geduldig, dass dieser Ort der einzige war, den er auftreiben konnte, der alle Bedingungen für ein Vajra Armor Retreat erfüllt.

Ein Jahr später wird Uriel aus diesem Grund sein eigenes Retreathaus in einer alte Mühle am Ende der Welt eröffnen. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Denn das Retreat, das nach den Vorgaben eines tibetischen Sakraltextes aus dem 12. Jahrhundert durchgeführt wird, ist speziell.

Die Khandro ist deshalb von Anfang an begeistert von dem Kletterressort! Egal, wie mühsam der Weg zu den Hütten, und wie spartanisch die Ausstattung ist.

Denn der Ort ist vollkommend abgeschieden! Und dazu noch von wunderbarer Natur umgeben! In der viele verschiedene Naturgeister leben!

Nachdem sie am Nachmittag alle Teilnehmer des Retreats im provisorischen Schreinraum im Haupthaus begrüßt hat, klärt sie uns erst einmal in ihrem breiten Amerikanisch über unsere Gastgeber auf:

Denn nicht der souveräne Besitzer des Kletterressorts – der sich von seinen ungewöhnlichen Gästen nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lässt – sondern diese Naturgeister sind die wahren Besitzer des Geländes!

Im Wasser des Flußes, der am Fuße der Anhöhe talabwärts rauscht, lebe ganz sicher ein Naga, erklärt sie uns, nachdem sie auf ihrem großen roten Thron an der Stirnseite des Raumes Platz genommen hat.

Durch die geöffneten Fenster dringt das Tosen des wild schäumenden Wassers herein. Wir sitzen auf unseren Meditationskissen, lauschen der Musik des Flusses und versuchen, uns den Naga – einen schlangenförmigen Wassergeist – vorzustellen, der dort zuhause ist.

Und so geht es weiter. Die Khandro klärt uns ausführlich über die verschiedenen Gattungen der Naturgeister auf, die in der Erde, in den Bäumen und in den Felszähnen des Kletterressorts leben.

Damit unsere Retreats – sie gibt dieses Jahr drei Vajra Armor Retreats hintereinander – von Erfolg gekrönt sein werden, ist es essenziell, den wahren Besitzern des Geländes Respekt zu zollen.

Denn nur, wenn die örtlichen Naturgeister damit einverstanden sind, dass wir hier das Vajra Armor Mantra praktizieren, werden wir die erhofften Ergebnisse erzielen!

Dann geht sie mit uns den Zeitplan durch:

Nach dem Abendessen wird das Retreat feierlich eröffent werden. Zuerst werden wir im Schreinraum ein Tsog – ein Opferritual – zelebrieren, um den Segen der Buddhas, Bodhisattvas, Schützer und der örtlichen Naturgeister zu erhalten, sowie unliebsame Kräfte, die uns schaden wollen, zu befrieden und vor die Tür zu setzen.

Danach haben wir uns alle vor dem Eingang des Haupthauses zu versammeln.

An allen vier Himmelsrichtungen des Hanges werden wir ein Opferzeremoniell für die örtlichen Naturgeister vollziehen, um uns noch einmal ihrer Unterstützung zu versichern, und uns ihre Erlaubnis dafür einzuholen, dass wir hier praktizieren – und dafür das Gelände absperren.

Denn in diesem Zeremoniell werden in einem feierlichen Akt die Boundaries geschlossen!

Ich bin nicht die einzige, die das erste Mal dabei ist und mit Konfusion auf diese Ankündigung reagiert.

Bei den „Boundaries“ führt die Khandro deshalb aus, handele es sich um eine bunte Schnur, die rund um das Gelände des Ressorts gespannt wurde.

Nach dem feierliche Ritual des „Setting up of the Boundaries“ gelten innerhalb der Grenzen dieser Schnur besondere Regeln:

Zum einen ist jedes Sprechen verboten. Lediglich die Khandro selbst ist von diesem Gebot ausgenommen. Alle anderen müssen schweigen. Immer und überall. Egal was passieren wird.

„And“, die Khandro hebt mahnend den Zeigefinger und mustert einen nach dem anderen der vor ihr am Boden Sitzenden streng: „Crossing the boundaries is completely forbidden!“

Nach einer Kunstpause fährt sie fort: „Wenn auch nur einer der Teilnehmer diese Regel bricht, ist das Retreat für alle beendet!“

Das ist krass! So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Und ich habe schon einige Retreats absolviert.

Die Sache mit den „Boundaries“ hebt dieses Retreat auf ein komplett neues Level!

Denn die Regel bedeutet in der Praxis: Egal was passiert und in welchen physischen und psychischen Ausnahmezuständen wir uns während des Retreats wiederfinden mögen – wir müssen da durch!

Zum Wohle aller.

Alle für einen – einer für alle…

Als wir beim Abendessen sitzen – der letzten Mahlzeit, während der wir uns unterhalten dürfen – sind wir uns einige, dass dieses Retreat wirklich special werden wird.

Und dass wir alle ein bisschen verrückt sind, dass wir mitmachen. Und das auch noch toll finden!

Einer am Tisch – ein großer Tscheche – lacht begeistert auf: „It´s like Hogwarts! No muggles!“

Konsequenzen

Mein „Hexen-Opfer“, das ich auf dem keltischen Opferstein am Mainmont dargebracht habe, bleibt nicht ohne Folgen…

Dass ich mich an einem „Hexen-Opfer“ versuchte hatte, war einem spontanen Impuls zu verdanken gewesen. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Und meiner Zen-Praxis.

Denn Zen lehrt, dass es so etwas wie „Zufall“ nicht gibt.

Alles, was das Leben schenkt, ist von Bedeutung.

Selbst wenn es so etwas schräges ist, wie die Bekanntschaft mit einer Hexe aus dem Harz, deren energetischer Sog einen keltischen Opferstein herbeizaubert. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Der japanische Zen-Meister Dogen legte im 11. Jahrhundert anhand der Regeln einer buddhistischen Kloster-Küche dar, was Alltagshandeln „Sinn-voll“ macht:

Man müsse lernen, aus allen Zutaten, die das Leben in diesem Augenblick schenkt, wohlschmeckende Gerichte zuzubereiten. So etwas wie „falsch“, „zuviel“ oder „zuwenig“ gibt es nicht. Weder in der Küche, noch im Leben… https://www.water-runs-east.eu/nahrung/

Voilá!

Im Rezeptbuch meines Lebens stand deshalb an diesem 24. September des Jahres 2022 geschrieben: Man nehme eine keltische Opferschale + ein „Do-it-yourself“-Hexenrezept und bereite ein leckeres Opfer zu!

Serviert bekam ich: Den Schock meines Lebens!

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die riesigen eisigen Gestalten, die sich während des Opfers um den Stein scharten, Hirngespinste waren – oder Geister? https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich der erstenThese zuneige, ist meine tibetisch-buddhistische Lehrerin von der zweiten überzeugt. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

„Wenn sich die Naturgeister zeigen, bedeutet dies, dass sie das Opfer angenommen haben“, erklärte sie mir ungerührt, als ich ihr – zwei Monate nach den Ereignissen auf dem Maimont – von meiner seltsamen Erfahrung berichtete.

Dass daraus nach dem tibetisch-buddhistischen Schamanen-Ein-Mal-Eins folgt, dass dieses Opfer nicht ohne Konsequenzen für mein Leben bleiben würde, musste sie mir nicht sagen.

Das wusste ich auch so. Schließlich war ich bereits seit ein paar Jahren ihre Schülerin.

Und wirklich geschahen nach dem Hexen-Opfer die seltsamsten Dinge!

Überraschende Begegnungen, unerwartete Ereignisse und erschütternde Einsichten reihten sich in einer Geschwindigkeit aneinander, dass ich aus dem Kopfschütteln und Händeringen nicht mehr herauskam!

Auch dieser Blog – gestartet im Februar 2023 – ist ein Produkt dieses überwältigenden Stroms von Lebensereignissen.

Der Blog und alles, was damit zusammenhing – und zusammenhängt – brachte mich von Leipzig nach Berlin. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Er katapultierte mich aus meinem verwunschenen Untermietzimmer in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Er ließ mich mit Wucht im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain aufschlagen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Ob all das, was in den zwei Jahren seit diesem Septembertag auf dem Mainmont geschah, den Naturgeistern des magischen Berges zu verdanken ist?

Mein Ego findet die Idee komplett albern!

Meine Innere Stimme ist davon überzeugt, dass dem so ist! https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Geister-Gäste

Ich zelebriere ein Hexen-Opfer auf einem keltischen Opferstein – und werde mit erstaunlichen Besuchern konfrontiert…

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich Quadrille. https://www.water-runs-east.eu/barock/

Mit einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Die zelebriert regelmäßig Hexen-Opferfeste auf keltischen Opfersteinen. Von denen gibt es im Thüringer Harz mehrere. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Ein paar Wochen nach dem Ball bin ich bei einer Freundin in Rheinland-Pfalz zu Besuch. Durch Zufall erfahre ich von ihr, dass sich auch im Pfälzer Wald ein keltischer Opferstein befindet.

Auf dem Maimont.

Am nächsten Tag machen wir uns auf dem Weg zum Berg – und zur keltischen Opferschale. Denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, dort ein Hexen-Opfer darzubringen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8731&preview=true

Als wir endlich an der Opferschale auf dem Hochplateau des Maimont angekommen sind, ist es bereits Mittag.

Der Stein reicht mir fast bis zur Hüfte. Er hat eine Länge von etwa zwei Metern und ist einen Meter breit. In der vorderen Hälfe befindet sich eine große Mulde. Von oben, finde ich, sieht diese „Opferschale“ aus wie ein Vogelkopf.

Der große Stein ist geborsten. Wie der Riss, der sich quer durch die Vertiefung zieht, entstanden ist, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob der Stein schon seit vielen Jahrhunderten beschädigt ist, oder der Sprung jüngeren Datums ist.

Falls ein Wissenschaftler die Geheimnisse der keltischen Opferschale auf dem Maimont erforscht hat, hat er seine Erkenntnisse nicht online gestellt. Google weiß nichts über den Opferstein.

Was schade ist.

Während ich die Opfergaben für das Hexen-Ritual aus meinem Rucksack hole, frage ich mich, ob der Stein schon immer hier gewesen ist, oder ob ihn die keltischen Erbauer der Ringanlage von irgendwo hierher geschafft haben?

Wurde er wirklich für Opferrituale benutzt, so wie das bei den Opferschalen im Harz der Fall ist? Zumindest hat mir das die Hexe erzählt. Ich habe keine Ahnung, ob ihre Geschichten historisch korrekt sind.

Egal.

Geträulich befolge ich die Anweisungen der Hexe, die sie mir gestern über Messenger hat zukommen lassen. Vorsichtig platziere ich Rosen, Lavendel, Weintrauben und einen Apfel in der Opferschale und komme mir albern dabei vor.

Glücklicherweise sieht mir nur meine Freundin bei den Vorbereitungen zu. Die hat es sich auf einem Felsen nicht weit von mir gemütlich gemacht und Tee und belegte Brote ausgepackt.

Obwohl ein Wanderweg direkt am Opferstein vorbeiführt, scheinen wir alleine auf der Hochebene zu sein.

Um uns herrscht tiefe Stille.

Nachdem ich das Opfer so appetitlich als möglich in der Schale angerichtet habe, kommt das wichtigste: Das Räucherstäbchen!

Vorsichtig platziere ich ein edles japanisches Stäbchen in einem kleinen Halter auf dem Rand des Opfersteins und zünde es an.

So hat mir das die Hexe erklärt.

Und, dass ich an der Opferschale ausharren müsse, bis das Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt ist! Sonst wäre es kein „gültiges“ Opfer!

Als ich heute morgen vor dem Aufbruch noch einmal die Anweisungen für das Opfer überflog, hatte ich spontan meine Mala eingesteckt.

Denn mir war eine Idee gekommen: Während der halben Stunde, die es dauert, bis das Räucherwerk verglüht ist, konnte ich mein Mantra rezitieren, anstatt untätig herumzusitzen!

Jetzt lasse ich mich gegenüber des Räucherstäbchens auf der anderen Seite der Opferschale auf dem Felsen nieder und hole die tibetische Gebetskette mit ihren 108 Perlen aus meiner Jackentasche.

Während der feine Rauchfaden des Räucherstäbchens in den Himmel steigt, rezitiere ich mein Vajra-Armor-Mantra. Das ist magisch und speziell. Ich habe es von meiner Khandro – meiner tibetischen Lehrerin – bekommen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8782&preview=true

Auf einmal ist mir, als würde es schlagartig kühler. War mir noch vor wenigen Minuten in der warmen Herbstsonne angenehm war, beginne ich jetzt zu frieren.

Gleichzeitig glaube ich, die Tritte vieler Menschen wahrzunehmen. Von allen Seiten klingt das Rascheln von Laub zu mir herüber.

So kommt es mir vor – und gleichzeitig auch wieder nicht.

Da ist die vollkommene Stille auf dem – von der warmen Herbstsonne beschienenen – Hochplateau. Und zur selben Zeit die Kälte und die Geräusche.

Ich rezititere weiter konzentriert mein Mantra und starre dabei auf den zarten Rauchfaden des Räucherstäbchens – mit einem Mal glaube ich, in einiger Entfernung Gestalten zu erkennen.

Oder doch nicht?

Verwirrt hebe ich den Blick. Im Abstand von etwa zwanzig Metern um die Opferschale – so scheint es mir – stehen riesige Gestalten.

Eingehüllt in bodenlange fließende Gewänder, das lange Haar offen, die Bärte bis zur Brust reichend, stehen dicht an dicht Männer und Frauen. Sie wirken, als wären sie aus Eis gegossen.

Sie verströmen Klarheit – und Kälte.

Vor Schreck kippe ich beinahe vom Opferstein. Irgendwie gelingt es mir – vor Angst und Kälte mit den Zähnen klappernd – weiter mein Mantra zu rezitieren.

In einem Moment glaube ich, die Gestalten – es müssen mehrere hundert sein – klar zu erkennen. Im nächsten Moment bin ich mir sicher, dass ich mir das alles einbilde.

Sehe ich sie – oder ist das hier alles ein wilder Fiebertraum.

Schließlich ist das Räucherstäbchen heruntergebrannt. Als ich mit zitternden Fingern die Mala wieder in meine Jackentasche stecke, drehen sich die eisigen Gäste um und verschwinden innerhalb von Sekunden zwischen den Bäumen.

Von Minute zu Minute wird es auf dem Hochplateau wieder wärmer.

Irgenwo über mir ruft eine Krähe im Baumwipfel. Es ist, als würde ihr hartes Krächzen einen Zauber brechen.

Meine Freundin kommt zu mir. „Hast du das auch gehört?“

„Was denn?“

„Diese Schritte! Als ob viele Menschen hierher gekommen sind! Und diese Kälte! Was ist das nur gewesen?“

Ich habe keine Ahnung.

Nicht einmal davon, ob es mich beruhigt, dass meine Freundin ähnliches erlebt hat.

Vielleicht spinnen wir einfach beide gleichzeitig?

Nach meinem „Hexen-Opfer“ bin ich so erschöpft, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.

Die wenigen Kilometer bis zum Parkplatz bewältige ich nur mit Mühe. Am Auto angekommen, lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen und versuche, meinen Nerven zu beruhigen.

Ich stehe unter Schock, stelle ich fest.

Zweieinhalb Monate nach dem Hexen-Opfer auf dem Maimont treffe ich meine Khandro wieder. Das nächste Vajra Armor Retreat beginnt.

Endlich – nach mehr als zwei Jahren Pause wegen der Covid-Pandemie!

Ich erzähle der Khandro, dass ich das Vajra Armor Mantra an einem keltischen Opferstein rezitiert habe. Und dass daraufhin hunderte riesige Gestalten aufgetaucht sind. Geformt aus Eis.

Die Khandro verzieht keine Miene. „When they appear it implies that they accept the offer.“

„Who are they?“, frage ich sie.

„Natural spirits. The land lords of this montain.“

Vajra Armor

Ich nehme Zuflucht zu meiner Khandro und werde zur Buddhistin. Deshalb bekomme ich einen neuen Namen – und ein mächtiges Mantra…

Die Khandro hat ebenmäßige klare Gesichtszüge. Ihr blondes glattes Haar trägt sie im Zopf.

Sie spricht breites Amerikanisch.

Warum ich Zuflucht nehmen möchte, fragt sie mich.

Ich bin so nervös, dass ich mich hinterher nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.

Auch das Ritual – das sicher eine halbe Stunde dauert – erscheint mir im Rückblick wie ein verschwommener Traum: Die Khandro mit ihrem prächtigen goldenen Hut auf dem Kopf, die tibetischen Worte, die sie murmelt, die glänzende Vase mit der Pfauenfeder, die sie immer wieder über meinen Kopf schwenkt, bevor sie das Safran-Wasser auf meinen Scheitel tropfen lässt…

Nachdem das Ritual überstanden ist, bekomme ich meine „Taufurkunde“ in die Hand gedrückt. Darauf vermerkt: der Name meiner Lehrerin, das Datum des Tages meiner Zuflucht und mein neuer tibetischer Name: Pema.

Das bedeutet „Lotosblume“.

Ich muss der Khandro versprechen, 10.000 Mal das Zufluchtsgebet zu rezitieren.

Erst dann werde ich wirklich Buddhistin sein.

Praktischerweise ist das Zufluchtsgebet vorne auf dem Zettel abgedruckt. Denn es wird mehr als zwei Jahre dauern, bis ich dieses Versprechen eingelöst haben werde.

Und es wird ziemlich genauso lange dauern, bis ich innerlich für mich akzeptieren kann, dass ich wirklich Buddhistin bin.

Am 14. Oktober 2019 nahm ich Zuflucht. Die Covid-Pandemie, die ein paar Monate später das Leben lahmlegen würde, gewährte mir eine Atempause.

Denn ich hatte nicht Zuflucht genommen, weil ich Buddhistin werden wollte. Ich hatte Zuflucht genommen, weil ich das Mantra wollte.

Vajra Armor.

Am Abend nach meiner Zufluchtnahme beginnt das Vajra-Armor-Retreat.

„Das Mantra ist mächtig“, erklärt uns die Khandro. „Guru Rinpoche Padmasambhava extrahierte es im 8. Jahrhundert aus den hundert stärksten Mantras seiner Zeit. Es reinigt von karmischen Spuren, heilt und schützt.“

Damit es seine Kraft entfalten kann, ist ein intensiver Übungsweg auf vier Ebenen notwendig.

Und das Schweigen.

Auch im Traum.

Ich bin es gewohnt zu schweigen. In meinen Zen-Retreats darf ebenfalls nicht gesprochen werden. https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Bald lerne ich, dass das Schweigen des Mantra eine andere Qualität hat. Und dass ich viel weniger geübt bin, in Stille zu sein, als ich erwartet hatte.

Während der nächsten drei Tage muss ich zuverlässig Vormittags und Nachmittags zu den „Beichtterminen“ antreten und der Khandro auf kleinen Zetteln gestehen, dass ich wieder einmal gescheitert bin.

Ein unbedachter Laut, ein gemurmeltes Wort – schon ist das Schweigegebot gebrochen.

Am Morgen des zweiten Tages versuche ich, einen verzweifelt flatternden Schmetterling durch das schmale Toilettenfenster ins Freie zu scheuchen. Im konzentrierten Versuch, ihn unbeschadet hinauszubefördern, rutschen mir ein paar Worte heraus.

Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.

„Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“

Eine noch größere Herausforderung als der flatternde Bodhisattva sind die Nächte. Die seltsamen Rituale, das konzentrierte Schweigen, das Gefühl, mit einer Gruppe Fremder auf engem Raum eingesperrt zu sein, dazu das konzentrierte Rezitieren des Mantras von Morgens bis Abends – ich träume wie auf Speed und spreche in den Träumen wie ein Wasserfall.

Die Khandro scheint nicht erstaunt darüber zu sein.

Zur Wiedergutmachung muss ich Kerzen über Kerzen vor dem Altar anzünden, Niederwerfungen praktizieren und – die härteste aller Strafen – Mantras rezitieren, die ich nicht zählen darf.

10.000 am Tag müssen es sein. So lautet die Regel.

Eine unvorstellbare Zahl!

Ich brauche alleine bis zum Mittag des zweiten Tages des Retreats, bis ich das Vajra Armor Mantra auswendig kann.

Es ist lang und kompliziert.

Außerdem muss es korrekt betont werden, damit es seine Kraft entfalten kann. Die Khandro versammelt die Anfänger unter den Teilnehmern täglich zwei Mal um sich und singt mit uns das Mantra in verschiedenen Melodien. Das ist eine gute Übung.

Nach drei Durchgängen beherrsche ich das Mantra, aber ich bin elend langsam.

Die Fortgeschrittenen klingen wie Nähmaschinen, die Perlen der Malas gleiten durch ihre Finger, während sie das Mantra rezitieren.

Ich stolpere mit schwerer Zunge von Perle zu Perle. Für eine Mala brauche ich anfangs fast eine Stunde. Am zweiten Tag schaffe ich in der selben Zeit zwei Malas, am dritten Tag drei.

Die Mala hat 108 Perlen.

10.000 Mantras, das sind fast 91 Malas!

An einem Tag!

Ich schaffe nicht mal dreißig und häufe „Schulden“ über „Schulden“ an. Alle fehlenden Mantras muss ich nach dem Ende des Retreats Zuhause nachholen.

Mir wird ganz anders: Das hatte ich mir einfacher vorgestellt!

Um halb fünf Uhr am Morgen des vierten Tages versammeln wir uns in Dunkelheit und Kälte vor der Haustür. Der Geko trompetet auf der Muschel. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Die Khandro rezitiert, opfert und trommelt auf der Dachterrasse. Die Sangha wandert von Zaunpfosten zu Zaunpfosten und holt die Schnur ein, die das Haus während des Retreats symbolisch abgeschlossen hat.

Danach treten wir – einer nach dem anderen – vor der Khandro über die Schwelle. Damit ist das Schweigegelübde aufgehoben.

Noch vor der Morgendämmerung zelebrieren wir im Schreinraum das Opferritual – Tsock – denn es muss beendet werden, bevor die Sonne aufgeht.

Um kurz nach sechs Uhr sind wir durch. Es ist seltsam, so früh am Morgen Wein zu trinken und Chips zu essen.

Noch seltsamer ist es, wieder sprechen zu dürfen. Es kostet mich gehörige Überwindung, mich an den Gesprächen zu beteiligen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.

Wir haben einen Tag Pause, danach wird es weitergehen. Ich bin auch für den zweiten Durchgang des Retreats angemeldet.

Maimont

Der Berg in den Vogesen ist ein geschichtsträchtiger Ort, um den sich wilde Sagen ranken…

Auf einem Barockballs in der Sächsischen Provinz mache ich die Bekanntschaft einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696&preview=true

Eine so seltsame wie bereichernde Begegnung.

Einem Facebook-Post dieser Hexe verdanke ich, dass ich von der keltischen Opferschale auf dem Maimont erfahre. https://www.water-runs-east.eu/?p=8711

Fünf Wochen nach dem Barockball.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu Besuch bei einer Freundin im Pfälzer Wald. Als ich der – gemütlich Abends auf ihrer Coach sitzend – mein Handy mit dem Post der Hexe aus dem Harz unter die Nase halte, identifiziert die den großen grauen Felsen, auf dem die Hexe ein Opfer darbringt, sofort als keltischen Opferstein!

Denn, im Gegensatz zu mir, kennt sie diese mystischen Steine.

Einer davon – erfahre ich von ihr – befindet sich nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Inmitten einer 2000 Jahre alten keltischen Ringanlage, die um den Gipfel eines Berges verläuft.

Dem Maimont.

Ich bin elektrisiert!

Inspiriert von den Fotos der Hexe auf Facebook, die stolz ihr Herbst-Tag-und-Nachtgleichen-Opfergaben auf einem keltischen Opferstein im Harz präsentiert, beschließen wir, ebenfalls ein „Hexen-Opfer“ darzubringen.

Denn: Wenn eine keltische Opferschale in erreichbarer Nähe ist, muss sie bespielt werden!

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Im Rucksack, den ich im Kofferraum des Auots meiner Freundin verstaue, befinden sich die Opfergaben.

Ich habe schlecht geschlafen. Was gestern Abend ein spontaner Scherz war, hat über Nacht existenzielle Bedeutung gewonnen.

Warum ist mir mit einem Mal, als ginge es bei dieser schrägen Opferung um Leben und Tod?

Ich bin mir selbst wieder einmal ein völliges Rätsel.

Meine seltsame Getriebenheit erscheint mir höchst albern. Beschämt über mich selbst bemühe ich mich, meine Freundin nichts davon spüren zu lassen.

Die parkt in Erwartung eines netten Ausflugs am Fuße des Maimont. Mit den Rucksäcken über den Schultern schlagen wir den Weg in Richtung „Gipfel“ ein. So steht es auf der Wandermarkierung.

„Anhöhe“, finde ich, träfe es besser. Der Maimont ist gerade einmal 518 Meter hoch. Eine halbe Stunde Wegzeit veranschlagt die Wandermarkierung bis zur Opferschale.

Weil ich nicht zu einer Bergwanderung aufgebrochen bin, sondern zu einem Opferritual, kommt mir das entgegen. Ich stürme die Forststraße hoch, als ginge es um ein Wettrennen.

Getrieben von dem Gedanken: „Ich MUSS da hoch!“

Nach einer Viertelstunde kommen wir an der Ruine einer Burg vorbei. Nur die Grundmauern und die Reste eines Turmes stehen noch. Die interessieren mich gerade nicht die Bohne.

Weil ich mir das nicht anmerken lassen möchte, folge ich der Freundin den Trampelpfad entlang zur Ruine.

Auf dem Weg dorthin berichtet sie mir, was sich die Einheimischen seit Generationen über die Burg erzählen:

„Der Sage nach existiert die Burg in zwei Zeitdimensionen. Es gibt einen Punkt am Gipfel des Maimont, von dem man einen direkten Blick hinunter auf die Ruine hat. An speziellen Tagen – so wird erzählt – sehen Menschen immer wieder nicht nur Steine und Geröll, sondern die unzerstörte Burg, in der mittelalterliches Leben herrscht! An diesen Tagen ist es gefährlich auf dem Maimont: Immer wieder verschwinden Menschen! Es heißt, sie wären versehentlich in diese andere Zeitdimension geraten und hunderte von Jahren in die Vergangenheit katapultiert worden, ohne jede Chance, wieder in ihre Zeit zurückzukehren!“

An normalen Tagen hätte ich diese Geschichte faszinierend gefunden.

Heute bin ich völlig auf die Opferschale fixiert.

Weil das so albern wie bizarr ist, folge ich zähneknirschend der Freundin in die Ruine, klettere hinter ihr auf die Turmreste, bewundere den Ausblick über das Elsass – und amte erleichtert auf, als wir wieder auf dem Hauptweg zum Gipfel stehen.

Jetzt stürme ich geradezu voran, die Freundin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten. Jäh werde ich von einem rot-weißen-Flatterband gestoppt. Dahinter: Ein großes Schild. „Betreten verboten! Lebensgefahr!“, lese ich.

“Stimmt! Das hatte ich ganz vergessen!“ Die Freundin ist neben mir zum Stehen gekommen. „Hier hat es letzte Woche gebrannt!“

Und wirklich: Den Steilhang hinauf, über den sich der Wanderweg in Serpentinen hochschlängelt, steht ein schwarz verkohlter Baumstamm neben dem anderen. Schwer hängt der Geruch verbrannten Holzes in der Luft.

Die Freundin packt umständlich die Wanderkarte aus. Ich muss mich beherrschen, sie nicht anzufahren. Ich muss SOFORT hinauf!

“Es gibt noch einen Wanderweg, der auf der französischen Seite hoch führt“, erklärt mir meine Freundin. Ihr Finger zeichnet einen großen Bogen auf der Karte. „Wir müssen da lang.“ Sie zeigt auf einen schmalen Pfad, der um den Berg herumführt.

Zähneknirschend laufe ich hinter ihr her.

Nach einiger Zeit stoßen wir auf eine Abzweigung. Endlich geht es wieder hoch zum Gipfel. Ich hetze den Weg hinauf.

“Schau!“, ruft die Freundin hinter mir. „Tibetische Gebetsfahnen!“ Ich drehe mich zu ihr um. Richtig! Einige Meter abseits vom Weg spannen sich bunte tibetische Gebetsfahnen über einer Felsformation. Ich war so absorbiert von der keltischen Opferschale, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte!

“Wer die wohl gespannt hat? Und warum ausgerechnet hier?“ Die Freundin, die wie ich tibetischen Buddhismus praktiziert, ist hingerissen von dem Ort.

Ich habe ihn schon wieder vergessen. Das einzige, das mich gerade interessiert, ist die keltische Opferschale!

Sollte die Freundin mein Verhalten seltsam finden, behält sie es für sich. Stumm klettert sie hinter mir den steilen Hang hinauf. Etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Hochplateau.

“Der Maimont hat zwei Gipfel. Der eine liegt auf der französischen, der andere auf er deutschen Seite“, referiert meine Freundin, während wir die Hochebene überqueren. „1940 fand hier eine verlustreiche Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der französischen Armee statt. Viele Soldaten sind gestorben.“

Das reißt mich kurz aus meiner Obsession. Eine seltsame Schwere scheint über der bewaldeten Hochebene zu liegen. Schweigend laufen wir hintereinander den schmalen Pfad entlang. Der endet an einem mächtigen Metallkreuz, das auf einer Felsnase montiert ist.

Das „Friedenskreuz“, das auf dem deutschen Gipfel des Maimont zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurde. Wir klettern die Trittleiter zum Denkmal hoch. Aus der Tiefe klingt das an- und abschwellende Rauschen einzelner Autos zu uns hoch. Die Häuser des Dorfes, das sich in das Tal schmiegt, sehen von hier oben aus wie Spielzeugklötze. Die bewaldeten Hänge, die sich dahinter erstrecken, leuchten schon in bunten Herbstfarben.

Kurz bin ich von dem friedlichen Ausblick gefangen, dann fällt mich wieder der Gedanke an die Opferschale an.

„Wir müssen weiter!“

Gehorsam klettert meine Freundin hinter mir die Trittleiter hinunter.

„Wo ist der Opferstein?“, frage ich sie ungeduldig. Der Weg, dem wir den Berg hoch gefolgt sind, endet am Friedenskreuz.

Die Freundin sucht auf der Wanderkarte. Der Opferstein ist nicht eingezeichnet. Sie ruft die Wander-App auf. Auch die kennt keine keltische Opferschale.

Jetzt werde ich hysterisch: „Ich MUSS da hin!“

„Wir finden sie schon!“, beruhigt mich die Freundin. „Sie muss irgendwo da drüben sein!“

Jetzt trabe ich hinter ihr her. Quer über die Hochebene, dann erst einen steilen Hang hinunter und danach einen weiteren hoch.

Wir waten durch raschelndes Laub, um uns segeln Blätter zu Boden. Der schrille Ruf eines Bussards dringt durch die dichten Äste zu uns hinunter.

Hinter seinem Schrei steht die Stille wie eine Wand. Es ist, als wären wir mit einem Mal vollkommend alleine auf diesem seltsamen Berg.

Auf einmal fällt mir die Sage über die zwei Zeitdimensionen wieder ein. Was, wenn heute gerade einer dieser Tage ist, an denen die Tür zwischen Gegenwart und Vergangenheit offen steht und wir uns auf einmal im Mittelalter wiederfinden?

„Wir könnten uns noch nicht mal verständigen!“, erkläre ich voller Furcht der Freundin. „Wir können weder Althochdeutsch noch Latein.“

„Ich habe das große Latinum“, antwortet sie gedankenverloren, während sie sich zu orientieren versucht. „Schau! Da oben ist die Wallanlage!“

Richtig: Der Hang, den wir gerade hochklettern, wird von einer langgezogenen Erhöhung umschlossen.

Als wir dort ankommen, muss ich erst einmal Luft holen. Die keltische Verteidigungsanlage – ein etwa zwei Meter hoher Wall, der in einem großen Bogen über das Plateau verläuft – ist auch nach 2000 Jahre deutlich zu erkennen.

„Dort ist der Opferstein!“ Die Freundin weist auf einen großen roten Felsen, nicht weit vom Wall entfernt.

Endlich!

Ich renne auf den Stein zu, als ginge es um mein Leben.

Hexenopfer

Inspiriert von einem keltischen Tages-und-Nachtgleichen-Ritual im Thüringer Harz fasse ich einen spontanen Beschluss…

Am 23. September – einen Monat, nachdem ich auf dem Barockball in der sächsischen Provinz eine echte Hexe kennengelernt habe – mache ich mich wieder auf die Reise. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696

Nicht in den Harz, wo die Hexe wohnt, sondern in den Pfälzer Wald. Die Dharma-Schwester, die ich dort besuche, lebt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt in einem zweihundert Jahre alten Bauernhof.

Nachdem wir es uns am Abend auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, erzähle ich der Freundin vom Barockball.

Und von der Frau, mit der ich dort getanzt habe. Die nicht nur aussieht wie eine Hexe, sondern wahrhaftig eine ist!

Ich rufe den Facebook-Account meiner neuen Bekanntschaft auf, um ihr Profilbild zu präsentieren.

“Schau dir das an!“ Ich halte meiner Freundin das Handy unter die Nase. „Was sagst du dazu?“

Die Hexe aus dem Harz hat heute Morgen ein Foto gepostet: Ein grauer Felsen, auf dem sie kunstvoll Blumen, Obst und Kerzen drapiert hat. „Herzlicher Mabon!“ steht darunter.

Was ist „Mabon“?

Google weiß Rat: Es handelt sich um die Herbst-Tages-und-Nacht-Gleiche, die heute gefeiert wird, lese ich meiner Freundin vor.

Am Tag nach dem Barockball hat mir die Hexe auf der gemeinsamen Rückfahrt nach Leipzig von diesen keltischen Ritualen erzählt. Die praktiziert sie immer an original keltischen Opfersteinen. Von denen, hat sie mir erklärt, gibt es im Harz mehrere.

Bei dem Felsen auf dem Foto muss es sich demnach um einen dieser seltsamen Opfersteine handeln.

Meine Freundin betrachtet interessiert das Foto. „So einen haben wir hier auch!“

Ich falle beinahe vom Sofa. „Im Ernst?“ Ich kann mich nicht entsinnen, jemals in meinem Leben auf einen keltischen Opferstein getroffen zu sein.

Und auf einmal ist unversehens einer um die Ecke!

Wenn es einen Opferstein gibt – beschließe ich umgehend – muss er auch genutzt werden!

Nur wie?

Meine Dharma-Freundin und ich haben schon öfter an tibetisch-buddhistischen Opferritualen teilgenommen. Aber ohne Lama eines an einem keltischen Opferstein durchführen?

Das trauen wir uns beide nicht zu.

Dann muss es eben nach Hexen-Art gehen!

Netterweise lässt uns die Hexe aus dem Harz, die ich über Messenger anschreibe, detaillierte Anweisungen zukommen.

„Die Schale des Opfersteins“, lese ich meiner Freundin vor, „muss mit Rosen, Lavendel, Äpfeln und Weintrauben gefüllt werden. Davor werden Kerzen platziert. Für das Ritual werden Räucherstäbchen angezündet. Der Opferstein darf erst verlassen werden, wenn die Räucherstäbchen niedergebrannt sind.“

“So einfach?“, fragt meine Freundin ungläubig.

Tibetisch-Buddhistische Opferrituale sind erheblich anspruchsvoller.

“Ist doch gut so. Das bekommen wir auf alle Fälle hin!“ Ich bin entzückt von der Idee, am nächsten Tag ein Hexen-Ritual an einem original keltischen Opferstein abhalten zu dürfen. Egal, wie unterkomplex das aus Vajrayana-Perspektive auch sein mag.

Und wirklich – stellt sich am nächsten Morgen heraus – hat meine Freundin alles, was benötigt wird, vorrätig: Äpfel und Weintrauben, Rosen und Lavendel wachsen in ihrem Garten. Räucherstäbchen hat sie als gläubige Buddhistin schachtelweise im Schrank. Und zwei Teelichter in Gläsern finden sich auch.

Ich packe alles in meinen Rucksack, dann brechen wir auf.

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