Water runs East

Berichte von den Grenzen des Ich

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Hexe

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich mit einer Hexe aus dem Harz Quadrille…

Am Morgen weckt mich das Summen einer Fliege. Schlaftrunken versuche ich, mich zu orientieren: Die staubigen Fenstern sind von Efeu überwuchert. Über der fleckigen Matratze, die an der Wand lehnt, hängt mein rotes Samtkleid.

Richtig! Ich bin in einem sächsischen Schloss. Heute Abend wird der Barockball stattfinden! https://www.water-runs-east.eu/?p=8648

Ich tappe die schmale Stiege hinunter, drehe den riesigen Eisenschlüssel im Schloss und trete auf den Innenhof. Die frühe Morgensonne lässt den Kies leuchten. In den Zweigen der Kastanien singen Vögel.

Ich lasse die Gebäude hinter mir und folge dem schmalen Pfad in den Schlosspark. Das Knirschen meiner Schritte im Kies klingt unnatürlich laut in der Stille. Am Ufer des verschlammten Weihers lasse ich mich im feuchten Gras nieder und verrichte meine Morgenmeditation.

In gelassenem Gleichmut kehre ich eine Dreiviertelstunde später wieder zum Schloss zurück.

Im Stillen bete ich darum, dass mich diese Geisteshaltung heute nicht verlassen wird. Denn mir steht eine harte Bewährungsprobe bevor: Ich muss einen Barockball überleben.

Mit sämtlichen Vorbereitungen: Und die sind aufwendig!

Beim Frühstück im Innenhof des Schlosses erfahre ich von den anderen Gästen, dass diese mehrere Stunden für das Ankleiden und Frisieren einplanen. Alleine die Unterkleider anzuziehen, wäre echte Arbeit, wird mir erklärt.

Mein frisch herbei meditierter Gleichmut gerät sofort ins Wanken. Ich habe nicht mal einen Unterrock dabei! Und mehr als Haare hochstecken ist auch nicht drin! Ich kann – mangels einer Dusche – noch nicht mal duschen!

„Es ist, wie es ist!“, ermahnt mich meine Innere Stimme. „Genieß den Tag und erfreue dich an dem, was du hast!“

Um fünf Uhr Abends lege ich mein Buch zur Seite, verabschiede mich von den Fröschen des Weihers, die mich mit ihrem Gequake den Tag über unterhalten haben, und steige die Stiege zum Pilgerzimmer hinauf.

Nach einer Katzenwäsche schlüpfe ich in mein Rokoko-Kleid. Das reicht bis zum Boden und ist aus dickem rotem Samt genäht. Obwohl es schon auf den Abend zugeht, hat es draußen immer noch dreiundreißig Grad. Ich habe noch nicht einmal den Reißverschluss auf dem Rücken zugezogen, da ist mir schon zu heiß. „Was für ein Glück,“ denke ich bei mir, „dass ich nicht auch noch Unterröcke tragen muss!“

Vor dem winzigen fleckigen Spiegel im Badezimmer stecke ich mir irgendwie die Haare hoch. Die Haarnadeln mit den Perlen habe ich im Brautmodeladen besorgt. Noch ein bisschen Rouge und Lippenstift, dann bin ich fertig für den Ball.

Unten im Hof flanieren schon die ersten Gäste. Die sehen atemberaubend aus! Die Damen tragen prächtige Barockroben, dazu aufwendigen Kopfputz in den hohen Perücken. Die Herren stecken in Samt und Seide, der Dreizack sitzt perfekt auf den gepuderten Perücken.

Ich wandere von Gruppe zu Gruppe, bewundere ausführlich die liebevollen Details und bin entzückt von der Gesellschaft, in die ich geraten bin.

Die erfreut sich an meiner Begeisterung und sieht mir großmütig meine Minimalkostümierung nach. Es scheint ausreichend zu sein, dass ich mir Mühe gegeben habe.

Eine Frau nimmt mich zur Seite und steckt mir kunstvoll das Haar hoch. Dass ich mich glücklich schätzen könne, so lange und dicke Haare zu haben, erklärt sie mir. Die meisten hier müssten bei diesen Temperaturen Perücken tragen, weil die Natur ihnen gegenüber weniger großzügig gewesen ist.

Nach einem gemeinsamen Flanieren – und Fotografieren – im Schlosspark wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Dass ist gut-bürgerlich und nicht höfisch, aber alles andere wäre zu teuer. Schließlich speist hier nicht der echte Hochadel, sondern eher die untere Mittelschicht.

Nach dem Dessert wandern wir eine Etage höher in den Schlosssaal. Dort findet die Audienz statt.

Jeder der Gäste wird vom Zeremonienmeister namentlich aufgerufen. Mit dem Adelsnamen. Den musste man mit der Anmeldung einreichen. Den meinen hatte ich mühsam online recherchiert und – nachdem ich ihn in der Mail niedergeschrieben hatte – sofort wieder vergessen.

Deshalb realisiere ich nicht, dass diese Freifrau von sowieso, die jetzt ausgerufen wird, mein adeliges Alias ist. Glücklicherweise nehmen die Umstehenden die Sache ernster als ich. Gleich mehrere wissen, im Gegensatz zu mir, wie ich heute Abend heiße!

Jemand packt mich am Ellenbogen und schiebt mich energisch aus dem Pulk vor den Vorsitzenden des Vereins, der heute Abend als „seine Majestät“ fungiert.

Ich bekomme irgendwie einen halben Hofknicks hin und bringe mich – tiefrot vor Scham – wieder in der Menge in Sicherheit.

Danach schaltet jemand die Stereoanlage ein. Beschwingte Barockmusik ertönt. Die Tanzmeisterin ruft „Polonaise!“, alle reihen sich in Paaren hinter seiner Majestät und dessen Ehefrau auf und dann ziehen wir im Wechselschritt durch den Saal.

Die ersten Tänze, die danach kommen, bringe ich erstaunlich gut über die Bühne. Während ich zwei Schritte nach links und einen nach rechts mache, mich zwischendurch um die eigene Achse drehe und in den Knien wiege, beobachte ich fasziniert eine Frau in einer prächtigen silbernen Robe, die neben mir tanzt. Sie hat dickes braunes Haar, eine große Nase, viele Sommersprossen – und sieht wahrhaftig aus, wie eine Hexe!

In einer Pause komme ich auf dem Balkon neben dem Ballsaal mit ihr ins Gespräch. Sie sieht nicht nur aus wie eine Hexe – stellt sich heraus – sie IST doch wahrhaftig eine Hexe.

Eine echte Hexe aus dem Harz!

Die letzten Tänze darf ich mit der Hexe aus dem Harz tanzen. Die kann das so gut – und führt mich so energisch – dass ich auch die anspruchsvollen Schrittfolgen in Würde hinter mich bringe.

Der Ball, stelle ich fest, als ich um zwei Uhr morgens im Pilgerzimmer in meinen Schlafsack krieche, war ein voller Erfolg! Nur selten in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in dieser Nacht!

Und dann habe ich auch noch eine echte Hexe kennengelernt.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück packt mich die Hexe in ihr Auto und fährt mich nach Hause. Leipzig liegt auf ihrem Weg und wir haben uns einiges zu erzählen.

Sie wäre auf Facebook zu finden, teilt sie mir zum Abschied mit. Wenn ich möchte, könne ich sie gerne einmal besuchen kommen.

Barock

Ich unternehme eine Zeitreise von 400 Jahren und versuche, Quadrille zu tanzen…

Zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, machte ich mich auf den Weg in die Sächsische Provinz.

Irgendwo hinter Dresden öffnete der Regionalzug seine Türen und entließ mich in den heißen Augusttag. Gegen meine Gewohnheit zog ich einen laut ratternden Rollkoffer hinter mir her.

In der gleißenden Sonne an einem Jägerzaun lehnend und beäugt von verblichenen Gartenzwergen, wartete ich auf den Bus.

Der kam pünktlich. Ein paar Haltestellen weiter entließ er mich vor einem Schloss.

Das war etwas in die Jahre gekommen, stellte ich fest, als ich, den Rollkoffer hinter mir herziehend, durch das Tor in den Innenhof trat.

Von den Hausmauern blätterte der Putz. Den Holzfenstern und Türen hätte ein neuer Anstrich gut getan.

Während ich mich umsah, schoss ein runder Herr in kurzen Hosen aus dem Eingangsportal. Der Veranstalter, stellte sich heraus. Er begrüßte mich herzlich in breitem Sächsisch und führte mich zu meinem Schlafplatz – einem Pilgerzimmer über der Scheune.

Das war spartanisch eingerichtet, aber ideal für mich. Auto-los wie ich war, musste ich im Schloss übernachten. Die Hotels im Umkreis waren mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht erreichbar.

Zumindest Nachts. Wenn der Ball zu Ende war.

Denn in diesem Schloss würde morgen ein Barockball stattfinden. An dem ich unbedingt teilnehmen musste. Schließlich schrieb ich gerade ein Buch, indem genau ein solcher Barockball die Schlüsselzsene bildete.

Damit die so authentisch wie möglich gestaltet war, musste die Autorin des Werks einen erleben, hatte ich beschlossen.

Das ist in Sachsen nicht schwer: Im Verborgenen blüht und gedeiht eine bunte Szene, die sich der Barockmusik und dem Barocktanz verschrieben hat. Und genug Schlösser für solche Veranstaltungen gibt es auch.

Bereits im Mai hatte ich mich für diesen hier angemeldet. Die Suche nach einem einigermaßen passenden Kleid beschäftigte mich über Wochen. Barock – lernte ich – ist kompliziert. Die handgenähten Kleider sind teuer. Gebrauchte Kleider wurden zwar auf E-Bay angeboten, aber nie in meiner Größe. Barockenthusiasten – so schien es – tendieren zur Üppigkeit.

Schließlich ergatterte ich ein günstiges Rokoko-Kleid. Es stammte aus einem Theater und war lediglich milde historisch. Roter Samt und goldene Rüschen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Kostümierung den Ansprüchen genügen würde.

Nachdem ich mein Ballkleid aus dem Koffer geholt und zum Entknittern über eine, an die Wand gelehnte, alte Matratze gespannt hatte, stieg ich die schmale Stiege wieder hinunter. Der Türstock zum Hof war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste, um hindurch zu kommen.

Außer mir schienen sich alle, die sich im schattigen. Schlosshof auf den Bierbänken niederließen, zu kennen. Bei jedem Neuankömmling gab es ein großes „Hallo“.

Ich wurde neugierig beäugt. Dass ich die angebotene Bratwurst zurückwies, löste Irritation aus. Vegetarier war man erkennbar nicht gewohnt. Umgekehrt war ich irritiert von der Selbstverständlichkeit, mit der rassistische und rechte Sprüche geklopft wurden. Offensichtlich ohne böse Hintergedanken. Das schien einfach die Art und Weise zu sein, wie man sich hier unterhielt.

Dass ich Bücher schreibe, behielt ich für mich. Wie immer. Neue Bekanntschaften reagieren häufig besorgt, sie könnten sich ungewollt in meinen Geschichten wiederfinden. Meine Zusicherung, in meinen Texten alle Personen zu anonymisieren, beruhigt die wenigsten.

Nach dem Abendessen versammelten sich die Gäste im Schlosssaal. Alle Fenster standen offen. Vom Weiher strich eine kühle Brise herein. Der Schweiß lief trotzdem in Strömen. Denn die Tanzmeisterin, eine kleine drahtige Frau mit kräftiger Stimme, jagte uns energisch durch sämtliche Figuren, die für den morgigen Ball geplant waren.

Nachdem ich in meinem Ungeschick mehrere Karambolagen verursacht hatte, wurde mir zu meiner Erleichterung ein kompetenter Tanzpartner zugewiesen. Der schob mich mit eisernem Griff von Schrittfolge zu Schrittfolge. Als wir mit der Generalprobe durch waren, bedankte ich mich bei seiner Frau, dass sie ihn mir so großzügig überlassen hatte.

Morgen würde ich ohne ihn auskommen müssen.

Um Mitternacht verschwanden die anderen Gäste in Richtung Parkplatz.

Ich zog die alte Holztür hinter mir zu und drehte den mächtigen Schlüssel im Schloss, bevor ich wieder die schmale Stiege zum Pilgerzimmer hochstieg. Im Licht einer matten Glühbirne putzte ich mir in der winzigen Toilette die Zähne. Dusche gab es keine, ich beschränkte mich auf eine Katzenwäsche am Waschbecken.

In der Kammer strich ich noch einmal mein Samtkleid glatt, bevor ich in meinen Schlafsack kroch.

Während des Einschlafens versuchte ich, mir die einzelnen Tänze mit ihren Schrittfolgen ins Gedächtnis zu rufen. Mir war bang! Die Chancen standen gut, dass ich mich beim morgigen Ball bis auf die Knochen blamieren würde…

Pläne

In der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg stehen die Zeichen auf Umbruch und Erneuerung…

Eine Woche lang habe ich mich – 500 Kilometer von Berlin entfernt – in der Kunst der Zen-Meditation geübt. https://www.water-runs-east.eu/morgendaemmerung/

Während ich in Schweigen und „Nichts-Tun“ verharrte, war Esther in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg von Morgens bis Abends beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Denn wir haben große Pläne!

Ab September wird die Spirituelle WG mehr sein, als ein privates Wohnprojekt.

Sie wird zum „Zentrum für Praktische Spiritualität“!

Etwas, was weder Esther noch ich im Sinn hatten, als ich Anfang März in das Townhouse am Prenzlauer Berg zog.

Ziel war ein privates Wohnprojekt, dass uns beiden – und ein bis zwei weiteren Personen, die bis dato noch nicht gefunden sind – einen gemeinsamen spirituellen Alltag ermöglichen sollte.

Das haben wir in den letzten Monaten richtig gut hinbekommen!

Zu Beginn unseres gemeinsamen WG-Lebens betete Esther im ersten Stock, während ich unter dem Dach meditierte und mein Rauchopfer darbrachte. https://www.water-runs-east.eu/arbeitsteilung/

Nach einigen Wochen und vielen intensiven Gesprächen funktionierten wir Anfang Juni ein Zimmer zum provisorischen Meditationsraum um. Wir begannen, dort täglich eine Stunde lang gemeinsam zu meditieren.

Im Freundeskreis stieß unsere „Mini-Haus-Meditationsgruppe“ auf Begeisterung. Man wolle auch mitmachen, wurde uns gesagt.

Deshalb starteten wir Anfang Juli eine abendliche Sitzgruppe. Jeden Donnerstag ab 19.30 Uhr kann sich jeder, der Lust hat, bei uns im Meditationsraum in der Kunst des Zazen und Kinhin üben. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/

Sitzen und Atmen. Gehen und Atmen.

That´s it.

Das Angebot kommt erstaunlich gut an.

Religionsübergreifend!

Sowohl aus Esthers Evangelikaler Gemeinde wie aus meiner Tibetisch-Buddhistischen Sangha kommen Freunde, um mit uns gemeinsam zu meditieren.

Wie gut die Stille täte, wird uns gesagt. Und wie schön es wäre, mit Gleichgesinnten zu praktizieren und sich hinterher austauschen zu können.

Denn nach der Meditation gibt es Tee und Gespräche.

Dass es ein so großes Bedürfnis nach gemeinsamer spiritueller Praxis im Alltag gibt, war uns nicht bewusst. Und auch nicht, dass die Sehnsucht nach Austausch darüber so intensiv ist.

Deshalb soll die Spirituelle WG ein Ort werden, an dem sich alle – und nicht nur ihre Bewohner – in der Kunst praktischer Spiritualität üben können.

So viel wissen Esther und ich.

Wie das Programm unseres Zentrums – jenseits der Meditationsgruppe – gestaltet sein wird, liegt noch im Dunkeln.

Denn Esther und ich sind intuitiv. Während wir Wände streichen, mit den Tücken der Homepage-Gestaltung kämpfen und lange Gespräche führen, warten wir auf überraschende Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/nachricht/

Und auf Impulse von Außen.

Für Esther ist das die „Führung des Göttlichen“. Für mich ist es „Karma“.

Wie immer man die Wunder des Alltags nennt: Wir werden ihnen die Tür der Spirituellen WG öffnen und sie willkommen heißen.

Und dann werden wir sehen, was geschieht…

Throma Nagmo

Die schwarze Göttin des Todes und der Begräbnisstätten hält Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Fast eineinhalb Jahre sind vergangen, seit ich die Einweihung für Throma – die tibetisch-buddhistische Praxis der zornvollen Göttin des Todes – erhielt. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Uriel hatte mich damals eingeladen, in seinem Retreathaus am Ende der Welt an einem sehr speziellen Retreat teilzunehmen. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

In Sanskrit lautet der Name der Göttin der Friedhöfe und Verbrennungsstätten „Krodhi Kali“. Die Tibeter nennen sie „Throma Nagmo“.

Sie repräsentiert die dunkle Seite des Lebens: Vernichtung, Tod, Zerstörung.

In der tibetisch-buddhistischen Throma-Praxis wird diese zornvoll-destruktive Energie gereinigt und zum Wohle aller fühlenden Wesen nutzbar gemacht.

Thorma gehört zu den anspruchsvollsten tibetisch-buddhistischen Praktiken, die mit der Visualisierung einer Buddha-Emanation arbeiten. Die Sadhana – der uralte Praxis-Text – ist lang und kompliziert. Der Einsatz der Musikinstrumente – Glocke und Handtrommel – anspruchsvoll.

Die Energie, die – durch die visualisierten Bilder, den Gesang, die Musik und die Rezitation des Mantras der Throma Nagmo – freigesetzt wird, ist schwer auszuhalten.

Throma Nagmo ist der Inbegriff aller Urängste.

Deshalb störte es mich nicht wirklich, dass ich – nachdem das erste Throma-Retreat überlebt war – nicht mehr mit der zornvollen Göttin des Todes in Berührung kam.

Obwohl ich ihr einen Schwur geleistet hatte!

Allerdings, ohne dass mir dies in diesem Moment bewusst gewesen war. Denn der liebenswerte nepalesische Lama, der mir die Einweihung und Übertragung für Throma gab, tat dies – wie es im Tantra Tradition ist – in Tibetisch.

Während der Zeremonie hatte ich den tibetischen Text vorschriftsmäßig mit ihm gemeinsam rezitiert. Allerdings hatte ich nur die Lautschrift gelesen, die unter den tibetischen Schriftzeichen stand. Ohne zu verstehen, was ich da eigentlich sagte.

Um mir gleichzeitig auch noch die englische Übersetzung durchzulesen, rezitierte der nepalesische Lama viel zu schnell.

Als das Zeremoniell vorbei war, nahm mich Uriel zu Seite. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass du einen Schwur geleistet hast?“, fragte er mich.

Ich schaute ihn blöde an: „Habe ich das?“

Er nickte ernst: „Du hast gerade eben das Gelübde abgelegt, dass Du Throma Nagmo immer ehren und ihr folgen wirst.“

Um seine Mundwinkel zuckte es: „Im Zufluchts-Text steht: Solltest du diesen Schwur brechen, wird ein zornvoller Beschützer der Throma Nagmo deine Halsschlagader mit seinen Zähnen und Klauen zerreissen und du wirst verbluten.“

Aha.

Gloomy prospects.

Aber jetzt war es passiert. Schwur war Schwur. Und Tantra-Schwüre sind noch einmal eine Kategorie für sich.

Am Ende des Retreats im März 2023 in Uriels Mühle wurde die Sache mit Throma für mich noch einmal komplizierter!

Als wir uns alle voneinander verabschiedeten, fragte ich den nepalesischen Lama, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich den zornvollen Gott Vajrakilaya zu meiner Hauptpraxis machen würde? https://www.water-runs-east.eu/vajrakilaya/

Nach anfänglichem Widerstand hatte ich mich in den blauen zornvollen Gott mit den acht Armen, den drei Köpfen und den Flügeln verliebt. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/

Die mächtige Buddha-Emanation Vajrakilaya – beschloss ich – sollte meine Hauptpraxis werden!

Denn jeder, der tibetisch-buddhistisches Tantra praktiziert, braucht eine Praxis, die er über einen langen Zeitraum täglich ausführt.

Für mich war nach dem Retreat klar: Was gibt es schöneres, als mit diesem coolen blauen Gott meine Tage zu verbringen? https://www.water-runs-east.eu/punktlandung/

Zu meiner Enttäuschung schüttelte der kleine runde Lama entschieden den Kopf, als er mein Ansinnen vernahm.

„No, no!“, erklärte er mir freundlich, aber unerbittlich, „your pracitce is Throma!“

Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen!

Aber was der Lama sagt, gilt! Tibetisch-buddhistisches Tantra ist kein Gemischtwarenladen, indem man aus dem Regal nimmt, was am appetitlichsten aussieht. Es ist der Weg zur Erleuchtung.

Welche Praxis dem individuellen Schüler den Weg dorthin weißt, bestimmt der Lehrer. Er verschreibt die Sadhana wie eine Medizin.

Ich beugte mich also meinem Schicksal und versprach, in Zukunft Throma zu praktizieren.

Allerdings kam dann alles anders als geplant. In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert.

Eine Seltsamkeit jagte die nächste. Wunder geschahen am laufenden Band.

Erfreuliche Wunder – und solche, die sich erst im Rückblick als positiv herausstellten.

Die Verkettung dieser schrägen Geschehnisse hinderten mich daran, weiterhin Throma Nagmo zu huldigen.

Dafür brachten sie mich in das tibetisch-buddhistische Zentrum von Berlin-Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Und schnenkten mir eine andere Hauptpraxis:

Grüne Tara.

Die friedvollste, mütterlichste und angstbefreienste aller tibetisch-buddhistischen Sadhanas.

Das absolute Gegenteil von Throma Nagmo.

Innerlich atmete ich auf. „Ich würde ja gerne Throma praktizieren“, erklärte ich der zornvollen Göttin des Todes im Stillen, „aber, wie du siehst, geht es nicht! Kein Lehrer, keine Sangha – ich kann nichts dafür!“

Throma Nagmo schwieg.

Nachdem meine Halsschlagader unverletzt blieb und sich mein Leben in positiver Weise entwickelte, ging ich davon aus, dass die Göttin der Friedhöfe ein Einsehen mit mir hatte.

Vor drei Wochen – in der Nacht vom achten auf den neunten Juli – stellte sich heraus: Sie hat mir nur eine Pause gewährt.

Eineinhalb Jahre, in denen ich meine Angelegenheiten in einer Weise ordnen konnte, die meiner Throma-Praxis günstig sind.

Denn in jener Nacht tauchte sie wieder auf. Der Traum, in dem sie mir erschien, war so kraftvoll wie verstörend.

Als ich am nächsten Morgen das Internet aufrief, stand ich immer noch unter Schock. Ich brauchte nur fünf Minuten, um zu tun, was zu tun war.

Zehn Tage später wickelte ich die Statue der Throma Nagmo aus ihrer Plastik-Hülle. In der Versandbox entdeckte ich zwei Gratis-Packungen tibetischer Räucherstäbchen – „handmade“ – und eine bunte Postkarte: „Thank your for ordering!“, las ich. Und: „With best greatings from Nepal!“

Throma Nagmo ist wieder in mein Leben zurückgekehrt.

Am 19. Juli 2024 hielt sie Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg.

Sie ist ganz sicher nicht ohne Grund gekommen…

Sitzgruppe

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg öffnet sich – und transformiert zu einem Ort gemeinsamer Meditation…

Das schöne Townhouse am Prenzlauer Berg, in dem die Spirituelle WG zuhause ist, war schon immer ein Ort der Stille und des Gebets. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Weil es Esthers Heim ist.

Seit es erbaut wurde, betet sie dort. Für sich – und für alle, die in Not sind und sie um Hilfe bitten.

Anfang März dieses Jahres zog ich ein. Seitdem hat sich zur Energie von Esthers christlichem Gebet die Kraft buddhistischer Meditationspraxis gesellt. https://www.water-runs-east.eu/geheime-arbeitsteilung/

Das hat nichts mit uns zu tun.

Esthers Gebet und meine Meditation öffnen einfach nur Türen. Esther nennt das, was sich dahinter verbirgt: „Das Göttliche“. Für mich ist es „Buddha-Natur“. https://www.water-runs-east.eu/fuelle/

Zwei Namen von unendlich vielen. Wie alle anderen, die seit Anbeginn der Menschheit für diese Kraft gefunden wurden, sagen sie – nichts…

Klüger wäre es, darüber zu schweigen – und diese Energie selbst zu erleben.

Deshalb startete in der Spirituellen WG Anfang Juli ein Experiment:

Jeden Donnerstagabend findet im Meditationsraum des Hauses eine „Sitzgruppe“ statt.

Wir sind gerade in der „Erprobungsphase“. Es wurde noch keine offizielle Einladung ausgesprochen.

Den Sommer über wollen wir uns in der Anleitung der gemeinsamen Meditation üben. Ab September – so der Plan – kann kommen, wer mag, und mit uns meditieren.

Trotzdem beginnt sich der Raum langsam zu füllen. Donnerstag für Donnerstag findet sich jemand anders aus dem Freundeskreis ein.

Was uns glücklich macht.

Denn gemeinsam zu meditieren ist eine tolle Sache! Es ist viel schöner – und geht viel tiefer – als alleine zu praktizieren.

Man kann das auf verschiedene Weise tun. Wir praktizieren Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Wenn der Gongschlag verklingt und sich Stille über den Raum legt, kann jeder ganz bei sich sein: den eigenen Körper und den eigenen Atem spüren, dazu die unendliche Offenheit des Raums – und die Präsenz der anderen.

Man muss nicht miteinander sprechen, um zu erfahren, dass alles mit allem verbunden ist.

Es reicht, gemeinsam zu meditieren.

Dass ist die beglückende Weisheit, die Zen für alle bereithält, die sich auf diese Erfahrung einlassen wollen… https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Karawane

Ein Alptraum lässt mich um Hilfe bitten – und verschafft mir eine unerwartete Einladung zu einem exotischen Retreat…

Ich befinde mich auf einer Anhöhe. Unter mir erstreckt sich ein schmales Tal. Zwischen den kahlen Bäumen hängt der Morgennebel.

Es ist eiskalt.

Während ich in die Stille des frühen Tages hineinlausche, wird mir bewusst, dass ich träume.

Totenruhe, denke ich.

Ich bin im Land der Toten.

Mein Blick folgt dem mäandernden Lauf des Baches, der die Felder durchschneidet. Auf der gegenüberliegenden Uferseite führt eine schmale Straße entlang.

Bewegt sich dort etwas? Ich starre konzentriert auf die andere Seite des Flüßchens. Kein Zweifel: Dort drüben läuft eine Gruppe Menschen in meine Richtung.

Ich halte den Atem an: Das gedämpfte Knirschen des Kieses unter ihren Schritten dringt zu mir herüber. Es müssen viele sein.

Jetzt sind sie auf meiner Höhe angekommen. Zwischen den kahlen Zweigen der Uferbewachsung ziehen sie im Morgennebel an mir vorbei.

Eine Karawane von Toten.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht mein Traum ist.

Ich bin in einem fremden Gehirn gelandet! Dies ist der Traum eines Diktators, der im Schlaf seinen Opfern begegnet.

Damit wache ich auf.

Verstört und verängstigt! Was will mir dieser Traum sagen?

Dass der Auslöser für diese Traumbilder die Schatten der Toten aus dem zerbomten Nachbarhaus waren, die immer morgens zum Rauchopfer vor meiner Dachterrasse auftauchen, ist für mich klar. https://www.water-runs-east.eu/toten-tanz/

Aber warum lande ich im Traum in einem fremden Gehirn? Und auch noch in dem eines Tyrannen?

Waren das karmische Bilder? Seit ich regelmäßig tibetisches Tantra praktiziere, passieren die seltsamsten Dinge. Jahrelang habe ich die Erzählungen meiner Sangha-Brüder und -Schwestern über karmische Träume zurückgewiesen. Die Idee, man könne im Schlaf mit Erinnerungen aus früheren Leben konfrontiert werden, fand ich albern. Ich schwieg, wenn mir solche Geschichten zu Ohren kamen – und dachte mir meinen Teil.

Bis ich selbst mit einem solchen Traum konfrontiert wurde. Mitten im Retreat. Die Bilder waren von höchster Intensität und vollkommend realistisch. Obwohl Ort und Zeit der Handlung mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Nach dem Traum veränderte sich mein Leben. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Seitdem sehe ich die Sache mit den „Karmischen Träumen“ anders. Inzwischen halte ich es für möglich, im Schlaf Zugang zu vergangenen Leben zu finden.

„Und jetzt?“, frage ich mich, als ich nach dem Traum von der Toten-Karawane vor meinem Morgenkaffee sitze. „Was ist, wenn DU in einem früheren Leben dieser Diktator warst, der all diese armen Menschen auf dem Gewissen hat?“

Ein gruseliger Gedanke! Ich glaube es auch nicht wirklich, aber zu mindestens 25%…

„Throma!“, flüstert meine Innere Stimme in mein Ohr. „Du brauchst Throma!“

An die zornvolle Göttin des Todes und der Nacht – Throma Nagmo – habe ich schon länger nicht mehr gedacht. Dabei tanzte sie letztes Jahr über Monate in meinem Unterleib und brachte mein Leben gehörig durcheinander.

Throma ist die tibetisch-buddhistische Praxis der Friedhöfe, der Verbrennungsstätten – und der Toten. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

„Throma“, denke ich mir, „wäre vielleicht wirklich die passende Praxis für den Traum.“

Ich habe letztes Jahr im März in einem Retreat in der Mühle von Uriel Throma gelernt und auch die Übertragung – das Lung – des Lamas dafür erhalten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Aber die Praxis ist anspruchsvoll und ich habe sie seit dem Retreat nicht mehr geübt. Alleine bekomme ich das nie hin! https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-damaru-und-kangling/

Glücklicherweise war damals eine Frau bei dem Throma-Retreat dabei, die die Praxis gut beherrscht – und regelmäßig in Berlin ist. Ich habe ihre Telefonnummer. Nach dem Frühstück melde ich mich bei ihr und spreche mein Anliegen auf ihre Mail-Box:

Ich hätte heute Nacht von einer Karawane von Toten geträumt und bräuchte deshalb Throma. Ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir zu praktizieren, damit ich mich von negativem Karma reinigen kann?

Die Dharma-Schwester ist im übrigen Gynäkologin mit eigener Praxis. Keine ihrer dankbaren Patientinnen ahnt, dass die kluge Ärztin, die schon hunderte von Kindern ins Leben begleitet hat, in ihrer Freizeit eine Expertin der Todes-Göttin Throma Nagmo ist.

Am Nachmittag ruft mich die Dharma-Schwester zurück. Mit dem gemeinsamen Praktizieren sieht es schlecht aus, erfahre ich. Denn die Dharma-Schwester ist gerade sehr beschäftigt: Neben ihrer Arbeit muss sie auch noch für unsere Khandro ein Retreat organisieren. Nächsten Februar. In Berlin!

Khorde Rushen.

Ich fahre hoch: „Khorde Rushen?“

Das Retreat ist so berühmt wie rar. Jeder, der intensiv Tantra praktiziert, hört früher oder später wilde Geschichten darüber. Aber wahrhaftig an einem Khorde Rushen Retreat teilgenommen haben die wenigsten. Es ist schwierig umzusetzen und wird nur sehr selten angeboten.

Und auf einmal ist eines bei mir um die Ecke! Und wird von meiner amerikanischen Zufluchts-Lehrerin geleitet!

„Die Einladung müsste in den nächsten Tagen rausgehen,“ erklärt mir die Dharma-Schwester.

Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass sie mir eine Einladung schicken wird. Obwohl die diesmal nur an die Amerikaner aus der Sangha gehen wird. Die haben sich beschwert, dass immer nur Europäer in den Retreats der Khandro sitzen und sie nicht zum Zug kommen. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht in meinem E-Mail-Verteiler auf: Die Einladung zu Khorde Rushen! Druckfrisch!

Ich bin die erste, deren Name auf der Teilnehmerliste steht!

Der Traum wollte mir sagen, dass ich Khorde Rushen praktizieren muss, denke ich mir am Abend.

Es ging nicht um Throma! Ich muss mein negatives Karma mit Khorde Rushen reinigen…

Altar

Ein traditioneller Haus-Altar gehört zur Grundausstattung jedes Vajrayana-Praktizierenden…

Wer ernsthaft tibetischen Buddhismus praktiziert, verfügt über einen eigenen Haus-Altar.

Denn der gehört zu den Grundvoraussetzungen für die tägliche Praxis.

Deshalb haben alle aus meiner Sangha einen.

Außer mir.

Sieben Jahre lang habe ich Vajrayana praktiziert – ohne Altar!

Ein Skandal!

Weil meine Sangha-Schwestern und -Brüder wohlgeübt darin sind, „nicht über die Fehler und Irrtümer anderer zu sprechen“ – die dritte der „acht Wahrheiten“ des Buddha – bin ich trotzdem von Kritik verschont geblieben.

Das einzige, was ich erntete, wenn ich mich zu diesem Mangel bekannte – oder wenn jemand aus der Sangha zu Besuch kam und feststellte, dass bei mir etwas entscheidendes fehlte – waren hochgezogene Augenbrauen.

Anfangs war es einfach Unwissenheit. Ich stolperte in das tibetische Tantra, wie andere in eine schlecht gesicherte Kellerlucke.

Deshalb dauerte es einige Zeit, bis ich verstand, dass ein Altar nicht nur während der Seminare und Teachings, sondern auch Zuhause von Nöten ist.

Ich legte mir trotzdem keinen zu.

Eisern.

Denn mein stures Ego läuft jedesmal Amok, wenn es mit traditioneller tibetischer Ästhetik konfrontiert wird. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Mein Ego hasst die grellen Farben – und vor allem den ganzen Schnick-Schnack! All diese Schalen und Schälchen, Götter-Figuren und Figürchen, Wandbehänge und Devotonalien!

Dafür praktiziert mein Ego mit Leidenschaft Zen!

Zen ist klar.

Minimalistisch.

Alles in seiner Ästhetik – von der Gestaltung der Räume bis zu den berühmten Zen-Gärten – ist darauf ausgelegt, den Geist zur Ruhe zu bringen.

Ganz automatisch beginnt jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, um Zazen zu üben, seine Umgebung in einer Weise zu gestalten, die der Meditationspraxis gemäß ist. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Schrille Farben und intensive Gerüche werden – wenn sich Konzentration und Sinneswahrnehmungen durch die tägliche Praxis intensivieren – als störend empfunden.

Unordnung tut auf einmal weh.

Mehr und mehr wird spürbar, wie energieraubend Chaos ist.

Mit dem Ergebnis, dass ich seit Jahren nicht nur Zen praktiziere, sondern auch mein Leben danach ausrichte – und meiner Zen-Praxis gemäß wohne.

Die Idee, in meinem klaren, reduzierten, ordentlichen Zuhause einen traditionellen tibetisch-buddhistischen Altar mit all seinen Staubfängern aufzustellen, fand ich geradezu verstörend.

Dazu kam, dass ich – als Zen-Praktizierende – mit dem Konzept eines Altars grundsätzlich nichts anzufangen wusste!

Schließlich lehrte Rinzei: „Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha!“ https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Ich musste sieben Jahre tibetisches Tantra praktizieren, bis mir der Wert eines Haus-Altars bewusst wurde!

Seit drei Wochen besitze ich einen.

Und erfreue mich täglich an ihm.

Er passt wunderbar in mein Zen-Zimmer, finde ich…

Online-Lung

Wir bekommen die Ermächtigung für ein mehr als tausend Jahre altes tibetisch-buddhistisches Ritual via Zoom…

Um halb acht Uhr morgens stehe ich vor dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain.

Heute bekommen wir hier Lung für unser traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer! Deshalb ist das Tor bereits geöffnet. Zwei aus der Rauchopfer-Gruppe sind seit sieben Uhr morgens hier, um alles für das feierliche Ereignis vorzubereiten. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Ich hänge meine feuchte Jacke an die Garderobe im Flur und schiebe den Vorhang zum Tempel beiseite.

Der ist hell erleuchtet. Auf dem Altar – zu Füßen der riesigen Buddha-Statue – sind die Opfer-Schalen mit frischem Wasser gefüllt. Dazwischen brennen Kerzen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen hängt in der Luft.

Nachdem ich meine drei Niederwerfungen vor dem Altar vollzogen habe, eile ich den anderen zur Hilfe. Jemand schaltet den Beamer an, den Suriyel uns gestern Abend an die Tempel-Decke montiert hat:

Auf der Leinwand erscheint eine Terrasse. Darauf ist ein großer Ofen aus Ton platziert, in dem ein Holzfeuer brennt. Sanft streicht der Rauch aus dem Kamin der Feuerstelle.

Noch fünfzehn Minuten!

Bevor er sich gestern Abend verabschiedete, hat Suriyel die Feuerschale für uns präperiert. Kunstvoll stapelt sich das Holz darin fünfzig Zentimeter hoch. Dazwischen sind Grillanzünder patziert, damit wir das Feuer ganz sicher zum Brennen bringen.

Wir müssen heute morgen ohne Suriyel auskommen. Er ist der einzige von uns, der bereits Lung – die feierliche Übertragung der Praxis – erhalten hat. Deshalb darf er ausschlafen.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Sonntags-Sangha. Die laufen gerade alle ein. Die meisten erkennbar unausgeschlafen. Aber es hilft nichts: Wenn wir Lung für das Riwo Sangchö haben wollen, dann hier und heute – und auf ungewöhnlichem Wege.

Denn eigentlich wird das Lung direkt übertragen: Der Lehrer sitzt auf seinem Thron und liest den Schülern feierlich den Praxistext auf Tibetisch vor. Getragen von der Intention, diese in die jahrhundertealte Linie der Meisterinnen und Meister aufzunehmen, die diese Praxis entwickelt und ausgeführt haben.

So ist es seit altersher üblich. Eigentlich ist es nur dann ein Lung. Der tibetische Buddhismus heißt nicht umsonst „Lamaismus“: In keiner anderen buddhistischen Tradition ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so eng und verbindlich wie hier.

Allerdings braucht man dafür einen leibhaftigen Lama.

Den das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain nicht vorrätig hat. Es funktioniert ohne „Präsenz-Lama“. Der Gründer des Zentrums – ein hoher tibetischer Würdenträger – kommt mehrmals im Jahr vorbei. Andere Lamas werden eingeladen, um Seminare und Teachings zu geben.

Obwohl inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag ein Riwo Sangchö im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain praktiziert wird, hat es sich irgendwie nie ergeben, dass einer von den „Besuchs-Lamas“ Lung für das Riwo Sangchö gegeben hat.

Warum auch immer…

Und das, obwohl aus der Sonntags-Sangha regelmäßig um das Lung gebeten wird.

Inzwischen ist nicht nur die Frustration in der Rauchopfer-Gruppe groß, es macht sich auch immer stärker Unbehagen breit. Schließlich wurden wir bereits in andere buddhistische Zentren geschickt, um dort unser Rauchopfer zu präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Wir wurden sogar schon eingeladen, um es bei anderen Mitgliedern unserer Sangha zu praktizieren. Auf das wir gute Energie damit schaffen. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Und das alles ohne Lung!

Wir fühlen uns wie Hochstapler. Da können wir noch so viel üben: ohne Lung keine vernünftige Praxis!

Es musste also dringend eine Lösung her! Nur welche?

Schließlich die erlösende Nachricht: Ein Mitglied unserer Sangha erfährt zufällig, dass der Lama einer anderen Sangha an einem Samstag im Juni Lung geben wird.

Online. Via Zoom!

Jeder, der Zuflucht genommen hat – egal bei welchem Lehrer – kann daran teilnehmen, wird uns auf Nachfrage erklärt.

Obwohl die Skepsis groß ist, was von einem Online-Lung zu halten ist, lassen wir uns darauf ein.

Besser ein Lung über Zoom, als gar keines, beschließen wir.

Damit das Lung – trotz der seltsamen Umstände – würdevoll und feierlich über die Bühne geht, wollen wir nicht nur passiv bei dem Rauchopfer der Online-Sangha des fremden Lamas zusehen.

Wir werden parallel zur Zoom-Veranstaltung ein Rauchopfer auf der Terrasse unseres Tempels veranstalten!

Deshalb hat Suiyel gestern Abend die Feuerschale vorbereitet. Bevor er nach Hause ging, schärfte er mir noch ein, am Morgen auf keinen Fall zu vergessen, bei der Feuerwache anzurufen!

Das ist deshalb das erste, was ich mache, nachdem ich meine Niederwerfungen beendet habe. Die Nummer der Feuerwache ist unter meinen Kontakten gespeichert. Als der diensthabende Feuerwehrmann abhebt, sage ich brav den Spruch auf, den ich schon so oft von Suriyel gehört habe: „Hier ist das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain. Wir werden bis etwa 13 Uhr ein Ritualfeuer mit starker Rauchentwicklung abhalten.“ Ich muss meinen Namen, meine Telefonnummer und die Adresse des Zentrums hinterlassen.

Ich beende das Gespräch mit dem Gefühl der Erheiterung. Heute bin zur Abwechslung ich mal „die Spinnerin mit dem Ritualfeuer“. Obwohl man als Feuerwehrmann in Berlin sicher härteres erlebt als ein paar Exzentriker, die mit sehr viel Rauch Buddhas, Bodhisattvas und alle fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen nähren…

Als ich wieder in den Tempel komme, züngeln die ersten Flammen aus der Feuerschale, die Israfel auf die Terrasse platziert hat.

Ich bin verstimmt: eigentlich wollte ich das Feuer hüten. Das Holz – dicke Eichenscheite – habe ich gestern bei meinem Zimmerer-Bruder besorgt. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Auch der Instant-Powder, der während der Opferungen verbrannt werden wird, ist von mir. Eine Spezialmischung, die ich extra für unser Lung zubereitet habe. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Aber nun gut. Schließlich geht es um „Ego-Losigkeit“! Da wäre es höchst unpassend, wenn ich mich mit Israfel um das Feuer streiten würde.

Noch zwei Minuten bis acht Uhr. Wir nehmen auf unseren Sitzunterlagen Platz und starren auf die Leinwand. Dort flackert weiterhin das Feuer im Brennofen auf der Terrasse vor sich hin.

Wir sitzen und warten. Warum passiert nichts?

Jemand aus der Gruppe ruft den Zoom-Link mit seinem Handy auf. „Es gab gerade eine Durchsage: Noch eine Minute, dann geht es los!“

Im Tempel bricht Panik aus. Warum funktioniert die Tonübertragung nicht? Gestern haben die beiden Techniker bis Mitternacht Kabel verlegt und die Lautsprecher an das Mischpult angeschlossen. Und jetzt das!

Ich krame mein Handy aus der Tasche, rufe mit fliegenden Fingern den Zoom-Link auf und stelle den Lautstärke-Regler bis zum Anschlag hoch.

Gerade noch rechtzeitig: Auf der Leinwand erscheint der Lama. Er nickt würdig in die – visuelle – Runde.

Dann beginnt er sofort mit dem Lung!

Wir sitzen mit angehaltenem Atem und lauschen den Worten, die aus meinem Handy in den Tempel klingen.

Auf einmal springt Israfel auf und jagt zur Terrasse: Brennende Holzscheite sind von Suiyels kunstvollem Turm auf die Holzplanken gefallen und haben bereits zu rauchen begonnen.

Während wir anderen dem Lama zuhören, beobachten wir Israfel dabei, wie er hektisch die brennenden Scheite von der Terrasse befördert und die Brandstellen austritt.

Das ist wahrhaftig ein dramatisches Lung!

Erstaunlicherweise hat es – trotz der Übertragung via Zoom und der bescheidenen Tonqualität – beeindruckende Kraft.

Es fühlt sich nicht anders an – stelle ich fest – als eine „klassisches“ Übertragung!

Nachdem wir das Lung erhalten haben, zelebrieren wir acht Rauchopfer hintereinander: Wir im Tempel – und parallel dazu die Online-Sangha abwechselnd in verschiedenen Städten Europas und in den USA.

Um zwölf Uhr mittags verabschieden sich alle von einander: auch die Sonntags-Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Berlin-Friedrichshain winkt fröhlich in die Kamera, bevor die Zoom-Übertragung beendet wird.

Danach machen wir es uns in der Teestube bei einem späten Frühstück gemütlich und feiern unser Lung.

Das wirken wird. Keine Frage…

Lung

Wir bekommen endlich die Ermächtigung, das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren…

Als ich leise die Haustür der Spirituellen WG hinter mir ins Schloss ziehe, ist es gerade einmal kurz vor sieben Uhr morgens.

Völlig übermüdet trabe ich die Schönhauser Allee entlang. Über den stählernen Trägern der Hochbahn spannt sich der Morgenhimmel in dumpfem Grau. Sanft, aber unerbittlich geht seit Stunden Nieselregen nieder.

Eigentlich ist es einer dieser Samstage, die man am Besten im Bett verbringt.

Mir fiel das Aufstehen heute trotzdem nicht schwer. Und das trotz meines Schlafdefizits!

Als ich die Treppen zum Bahnsteig hinunterlaufe, fährt mit lautem Rumpeln die Ringbahn ein. Ein paar letzte Partygänger hängen in den Sitzen. Draußen zieht Berlin vorbei.

Am Frankfurter Ring steige ich aus und schlage den Weg ins tibetisch-buddhistische Zentrum ein.

Das ich gerade einmal vor sieben Stunden verlassen habe!

Denn am vorherigen Abend waren wir bis Mitternacht damit beschäftigt gewesen, alles für den großen Moment heute Morgen vorzubereiten:

Wir bekommen Lung!

Für das Riwo Sang Chö!

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer wird inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum praktiziert.

Und der einzige, der Lung für das Riwo Sang Chö hat, ist Suriyel.

Was eigentlich ein Unding ist!

Denn im tibetischen Buddhismus ist die Ausübung von Meditationspraxen an strenge Regeln gebunden.

Eine davon lautet: Nur wer Lung – die feierliche Ermächtigung eines Lehrers – für eine Praxis erhalten hat, darf sich ihr widmen.

Das ist nicht nur Formsache! Denn wer das Lung übertragen bekommt, erhält nicht nur die offizielle Erlaubnis für die Ausübung der Praxis.

Er wird in die Traditionslinie aufgenommen, aus der diese Praxis hervorgegangen ist.

In dem Moment, in dem der Lama feierlich die magischen Worte des Praxistexts auf tibetisch ausspricht, vollzieht sich eine Transformation. Die Teilnehmer der Zeremonie hören auf, isoliere Individuen zu sein.

Durch die feierliche Übertragung werden die Schüler vom mächtigen Energiestrom der Praxis aufgesogen und zu winzigen Partikel der vielen Jahrhunderte alten Linie. Die ganze Kraft all der mächtigen Meister und Meisterinnen, die sich in dieser Praxis geübt haben, steht ihnen von nun an zur Verfügung.

Gleichzeitig wird es durch das Lung möglich, dass die Energie-Tropfen, die diese neuen Mitglieder der Linie generieren, wenn sie sich der Praxis widmen, in den karmischen Fluß der Traditionslinie eingespeist werden.

Jeder, der Lung erhält, kann gewiss sein, dass er von nun an über mehr verfügt, als seine eigenen bescheidenen Kräfte. Er wird durch die Energie aller Praktizierenden der Linie getragen, die sich über viele Generationen dieser Praxis gewidmet haben.

Ohne Lung zu praktizieren ist eine nette, aber wenig fruchtbare Angelegenheit.

Erst das Lung ermöglicht den vollen Zugang zur Macht einer Meditationspraxis.

Und jeder, der den Unterschied schon einmal erlebt hat, wird das bestätigen…

Weißer Salbei

Die Räume der Spirituellen WG werden mit dem Rauch des traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – Riwo Sangchö – von negativer Energie befreit…

In den Wochen vor dem ersten Riwo Sangchö in unserer Spirituellen WG habe ich mich intensiv mit der Herstellung von Räuchermischungen beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Auf meinem Schreibtisch liegt eine lange Liste mit den Namen von Kräutern, Harzen, Hölzern und Wurzeln, die traditionell für Räucherwerk verwendet werden.

Einige Zutaten habe ich inzwischen besorgt: manches wuchs im Garten. Anderes entdeckte ich auf Streifzügen durch den Prenzlauer Berg und Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Mastix – das Harz des Pistazienbaums – und eine Reihe von getrockneten Heilkräuern habe ich online gekauft.

Am meisten entzückte mich bei meiner Recherche das Angebot einer Spezial-Gärtnerei für Räucherpflanzen! In einem regelrechten Kaufrausch füllte ich den virtuellen Warenkorb mit den Setzlingen exotischer Pflanzen, die Schamanen in Amerika, Afrika und Mexiko für ihre Rauchopfer verwenden.

Das war Ende April. Ich warte bis heute auf meine Pflänzchen. Denn die Lieferzeit der Spezial-Gärtnerei beträgt zwei Monate. Mein Räucherwerk-Hobby ist wohl doch nicht so exotisch und ungewöhnlich, wie ich dachte.

Und bevor ich Blüte, Früchte, Blätter und Rinden meiner Räucherpflanzen ernten kann, müssen die ja erst einmal auf meiner Dachterrasse wachsen und gedeihen. Vor Herbst 2025 ist realistischerweise nicht mit schamanischem Eigenanbau zu rechnen.

Es handelt sich um ein langfristiges Projekt.

Um trotzdem für unser allererstes Riwo Sangchö in der heimischen Spirituellen WG gerüstet zu sein, bestelle ich deshalb mehrere Bündel Weißen Salbei bei einem Online-Anbieter. Denn Weißer Salbei wird seit altersher von indianischen Schamanen für Reinigungs-Rituale verwendet.

Als meine Sangha am Samstag zu Besuch ist, stelle ich für Suriyel ein Schälchen mit meiner „Home-Made-Sang-Powder-Mischung“ auf den Terrassentisch. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Dazu lege ich eines der, etwa 15 Zentimeter langen, Bündel aus getrocknetem Weißem Salbei.

So etwas haben wir noch nie für unser Rauchopfer verwendet.

Damit Suriyel die geschnürten Zweige nicht einfach ins Feuer wirft, erkläre ich ihm, der Weiße Salbei wäre für die Reinigung des Hauses. Er dürfe ihn nur anzünden, nicht verbrennen!

Die Mitglieder meiner Sangha aus dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain haben inzwischen an der langen Tafel in der Wohnküche der Spirituellen WG Platz genommen. Durch die verglaste Fensterfront schauen wir auf die Terrasse und den Garten von Esthers Townhouse.

Nachdem Suriyel dort draußen das Brennholz in der großen Feuerschale entzündet hat, beginnen wir mit dem Ritual.

Als wir – den tibetischen Text rezitierend und singend – an der Stelle angelangt sind, an der das Speiseopfer dargebracht wird, legt Suriyel erst ein paar frische Zweige von Esthers Zypresse auf die brennenden Scheite, bevor er meinen „Do-it-yourself-Sang-Powder“ in die Flammen kippt. Eine dichte weiße Rauchwolke steigt auf, während wir alle unablässig das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren.

Dann hält Suriyel das Bündel Weißen Salbei in die Flammen. Als es brennt, kommt er in die Küche und drückt es mir in die Hand. Das Zeug raucht wie verrückt – und riecht unglaublich gut.

Während das Speiseopfer in der Feuerschale im Garten in weißem Rauch aufgeht, reinigen wir das Haus: Suriyel geht mit einer Schale mit glühendem Räucherwerk von Raum zu Raum, ich folge ihm mit dem brennenden Weißen Salbei. Hinter uns wandern die anderen Teilnehmer des Rituals. Wir rezitieren unaufhörlich „Om Ah Hung“, während wir – das glühende Räucherwerk in alle Ecken haltend – jedes Zimmer auf allen drei Stockwerken mit wohlriechendem Rauch füllen.

Als wir uns – nachdem wir ganz am Schluss auch noch mein großes Zimmer und meine Dachterrasse im Gänsemarsch durchschritten haben – wieder alle in einer langen Reihe die Treppen hinunter zurück in die Küche begeben, während unser monotones „Om Ah Hung“ durch das Haus schallt, ist das so bizarr wie berührend.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, bedanken wir uns alle gegenseitig beieinander: Was hatten wir doch wieder für ein wunderbares Riwo Sangchö!

Danach gibt es Brunch. Begleitet von vielen anregenden Gesprächen.

Es war ein wunderschöner Tag, stellen Esther und ich fest, als uns unsere Gäste am späten Nachmittag verlassen haben.

Und das Haus wirkt, als würde es leuchten…

Buddha

Ich bereite unsere Spirituelle WG für das Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetische Rauchopfer – vor…

In einer Fensternische im ersten Stock von Esthers Townhouse am Prenzlauer Berg sitzt bereits seit Jahren ein grauer Buddha.

Dabei ist Esther Christin.

Ein paar Tage bevor meine Sangha zu uns zu Besuch kam, um in der Spirituellen WG ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren, war Suriyel bei uns zu Gast. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Nach dem Abendessen wanderten wir gemeinsam durch das Haus und besprachen, wie Esther und ich zukünftig die Räume nutzen wollten. Im ersten Stock angekommen, setzte ich mich – in ein Gespräch mit Suriyel vertieft – in die Fensternische.

Direkt neben den Buddha.

Suriyel zuckte zusammen. „Ist der gefüllt?“, fuhr er mich an.

Ich wäre vor Schreck beinahe von der Fensterbank gekippt. „Nein, nein!“, beruhigte ich ihn. „Du weißt doch, das Esther Christin ist! Der ist einfach nur Deko!“

Es war Suriyel anzusehen, dass er nicht glücklich darüber war. Er nahm die schwere Hartplastik-Figur in beide Hände und drehte sie um. Sie war Innen hohl.

„Na bitte!“, erklärte er uns. „Man kann sie füllen!“

Im tibetischen Buddhismus werden Statuen, die für Altäre bestimmt sind, in besonderer Weise sakralisiert: Man kauft eine profane Figur – wie Esthers Buddha aus dem Inneneinrichtungs-Shop – und bringt sie zu einem Lama. Der weiht sie nicht nur, sondern präperiert sie auf spezielle Weise: In einer feierlichen Zeremonie werden Schriftrollen mit Mantras im Inneren der Figur platziert. Danach wird der Hohlraum mit einer Mischung aus Kräutern und gesegneten Substanzen aufgefüllt und mit einem Deckel verschlossen.

Im Anschluss wird die Figur gesegnet. Der Besitzer kann mit einer sakralen Altar-Figur nach Hause gehen.

Suriyel war offensichtlich der Ansicht, dass auch Esthers Deko-Buddha diese Behandlung verdient hätte.

Am Samstagmorgen bereite ich alles für unser Riwo Sang Chöd in der Spirituellen WG vor. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Um elf Uhr kommen die Mitglieder meiner Sangha. Suriyel wird das Zeremoniell leiten.

Das Rauchopfer findet im Garten statt. Aber während des Speiseopfers werden wir alle durch die Räume des Hauses gehen und sie – mit Hilfe von brennendem Räucherwerk – reinigen.

Auch die Bibliothek im ersten Stock, in der Esthers Deko-Buddha zuhause ist.

Das Riwo Sang Chöd ist ein tibetisch-buddhistisches Ritual. Alle aus meiner Sangha, die heute zu Besuch kommen, um den Ritus mit uns – und für uns – zu vollziehen, sind Buddhisten.

Deshalb ist es komplett unpassend, dass Esthers Buddha während des Zeremoniells Deko ist. Da kann er noch so ungefüllt sein…

Ich muss improvisieren. Und zwar schnell! In vierzig Minuten kommen die Gäste!

Mit Schwung nehme ich die Treppenstufen in den dritten Stock. Mit zwei blühenden Pflanzen aus meinem Dachterrassen-Garten jage ich wieder nach unten.

Zufrieden stelle ich fest, dass der Buddha durch den Blumenschmuck gewinnt. Er sieht richtig feierlich aus!

Da geht doch noch mehr!

Opferschalen habe ich leider keine für ihn übrig. Aber zwei Kerzen und ein Schälchen! Nach einem weiteren wilden Galopp hoch in mein Zimmer und wieder die Treppen herunter, stelle ich schwer atmend auch noch zwei Schälchen mit Kerzen und eines mit einem Räucherkegel vor dem Buddha ab.

Als ich das Räucherwerk anzünde und der Rauch in zarten Fäden am Gesicht des Buddhas vorbeizieht, ist mir, als würde ich ihn lächeln sehen.

Suriyel hat recht, denke ich. Der Buddha würde wirklich gerne gefüllt werden.

„Du gehörst Esther“, flüstere ich ihm zu, bevor ich ihn verlasse, um mich den weiteren Vorbereitungen zu widmen. „Das musst du mit ihr besprechen!“

Sangha

Meine Dharma-Brüder und Schwestern kommen zum ersten Mal zu Besuch in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Um halb elf Uhr steht die erste Dharma-Schwester vor der Tür.

Dreißig Minuten zu früh!

Nach einer kurzen Begrüßung drücke ich ihr den Besen in die Hand mit der Bitte, die Wohnküche zu fegen.

Als ich sehe, wie sie energisch den Staub aus den Ecken holt, verstehe ich, dass sie genau zur rechten Zeit gekommen ist!

Obwohl Esther und ich schon seit dem Morgen damit beschäftigt sind, die Spirituelle WG vorzubereiten, sind wir noch nicht fertig!

Wir hetzen die Treppen hoch und runter, schleppen Stühle und decken Tische.

Um Viertel vor elf läutet es ein weiteres Mal. Suriyel steht im Hauseingang. Mit seiner großen Feuerschale unter dem Arm und der riesigen blauen Ikea-Tüte über der Schulter. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Ich eile ihm voran und öffne die beiden Flügeltüren zum Garten.

Suriyel trägt sein Equipement auf die Terrasse, platziert alles neben Esthers Sonnenschirm und spannt ihn auf. Es regnet in Strömen, das Brennholz darf nicht naß werden.

Während ich im Minutentakt neue Gäste begrüße und Esther noch schnell das Buffett bestückt, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für das Zeremoniell vor.

Unser allererstes tibetisch-buddhistisches Rauchopfer in der Spirituellen WG! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Denn Esther will ihr Townhouse reinigen.

Deshalb habe ich meine Sangha – meine spirituelle Gemeinschaft – dazu eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/identitaetskrise/

Über unsere WhatsApp-Gruppe. Da sind alle drin, die mit mir an den offenen Praxisangeboten teilnehmen, die Suriyel jeden Freitag und Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain anbietet. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Die Gruppe hat mehr als fünfzig Mitglieder.

Beim Rauchopfer – das auf Tibetisch „Riwo Sang Chöd“ heißt – machen etwa zwölf Personen regelmäßig mit.

Drei haben sich entschuldigt. Die anderen neun stehen jetzt in unserer Küche.

Dazu noch eine Freundin von Esther aus ihrer evangelikalen Gemeinde. Und ein Dharma-Freund von mir, mit dem ich Zen praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Die tibetischen Buddhisten packen ihre Ritual-Texte und Instrumente aus. Die beiden anderen Gäste schauen ihnen interessiert dabei zu. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Nachdem alle an den beiden langen Tafeln Platz genommen haben, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf Suriyel.

Der hat inzwischen die beiden Flügeltüren, die Küche und Terrasse trennen, komplett aufgeklappt.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Feuerschale, in der kunstvoll das Brennholz zu einem kleinen Turm gestapelt ist, steht unter den tropfenden Obstbäumen im Rasen.

Suriyel drückt seine große weiße Muschel an die Lippen und bläst kräftig hinein. Der tiefe dumpfe langgezogene Klang der Conch hallt über die Gärten und Innenhöfe. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Alle örtlichen Naturgeister https://www.water-runs-east.eu/spirits/ und die anderen fühlenden Wesen der sechs Bereiche sollen wissen, dass hier und jetzt das Riwo Sang Chöd beginnen wird! https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Spirit Cookies

Ich backe Kekse für alle fühlenden Wesen der sechs Bereiche, die beim Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetischen Rauchopfer – eingeladen sind…

Nachdem wir die Rauch-Eiche-Späne für unseren Instant-Powder abgeholt haben, herrscht Harmonie zwischen Suriyel und mir. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Wie üblich währt der Frieden nur kurz. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.

Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.

Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!

Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.

Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.

Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.

Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.

Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.

Kein Duft, kein Rauch – so bekommen wir keinen einzigen Naturgeist satt! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!

Ich bin verzweifelt!

Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.

Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?

„Das wird ranzig!“

Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“

„Wird es doch!“

„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“

Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.

Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.

„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.

„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!

Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.

Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!

Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.

Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.

Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!

Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!

Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.

Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.

Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.

Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!

Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.

Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!

Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!

Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!

Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.

Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.

Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.

Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?

Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.

Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.

Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.

Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.

Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!

Rauch-Eiche

Wir machen uns auf die Suche nach „aromatischen Hölzern“ für das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer…

Anfang Juni stapeln sich in meinem WG-Zimmer Marmeladengläser mit getrockneten Heilpflanzen und eine Dose mit Kiefernharz. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Denn das alles brauchen wir für unseren „Home made Sang-Powder“. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.

Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?

Ein echtes Problem!

Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.

Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.

Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!

Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.

Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.

So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.

Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.

Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!

Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!

Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.

„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“

Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.

Darf ich das dann noch schön finden?

Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.

Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.

Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.

Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…

Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.

Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.

Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!

Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.

Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.

Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“

Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.

Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…

Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.

Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.

Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.

Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.

Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.

In der Mitte steht ein brauner Flügel.

Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.

Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.

Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.

Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.

Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.

Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.

Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.

Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.

Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!

Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.

Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…

Healing Plants

Wir starten den Versuch, das Instantpulver für unser Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – selbst herzustellen…

Eineinhalb Jahre, nachdem Suriyel damit begonnen hat, regelmäßig Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu praktizieren, hat sich das Rauchopfer dort etabliert. Wir machen es jeden Sonntag in der Gruppe, einige von uns praktizieren es zudem noch täglich zuhause.

Mit dem Ergebnis, dass wir Unmengen von dem teuren nepalesischen Instant-Powder verbrauchen! https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Weil das Nachbestellen des Powders in Nepal so kostspielig wie klimaschädlich ist, hatten im April nach längerer Diskussion beschlossen, ihn zukünftig selbst zu fabrizieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Allerdings ohne konkrete Idee, wie das zu bewerkstelligen ist. Die einzige Information über die Zusammensetzung des Instant-Powders entnehmen wir der Einleitung des Jahrhunderte alten Rezitationstextes des Riwo Sang Chöd.

In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Das beruhigendste an dieser Liste ist für mich der Zusatz „…whatever you have available…“.

Während sich unsere Vorräte an gekauftem Pulver mehr und mehr dem Ende zuneigen, sammle ich deshalb, was mir gerade vor die Nase kommt:

Von einer Treckingtour an der Polnischen Ostseeküste bringe ich eine Dose Kiefernharz nach Hause. Teuer bezahlt mit vielen Mückenstichen, die ich abbekam, als ich, so vorsichtig als möglich, das klebrige Harz von Baumrinden schabte.

Wieder zurück in Berlin, halte ich weiter auf jeder Tour durch die Stadt Ausschau nach allem, was sich für den Do-it-yourself-Sang-Powder verbraten lässt.

Zuvor habe ich das Internet befragt und zu meiner Erleichterung erfahren, dass sich im Grunde jede Pflanze, die duftet und heilt, auch für Räucherwerk eignet.

Ich sammle also alles, was eine Großstadt wie Berlin in Sachen „healing plants“ zu bieten hat. Im Frühsommer, stellt sich heraus, ist das einiges: Am Mauerpark entdecke ich eine Ansammlung großer blühender Holundersträucher.

Ein paar Tage später werden die blühenden Linden in unserer Straße zurückgeschnitten. Ich sammle einen Berg Äste ein und verbringe meinen Abend damit, die Lindenblüten zu zupfen.

Vor dem Zubettgehen lege ich eine weitere Reihe Papier aus und breite die duftenden Lindenblüten neben den vor sich hin trocknenden Holunderblüten darauf aus. Zur Belohnung darf ich in einem wahren Geruchsparadies einschlafen.

Im Garten der Spirituellen WG wächst auch einiges, was sich zum Räuchern eignet: Der rote Rosenbusch neben dem Gartenhaus blüht nicht nur wunderbar, seine Blüten verströmen einen intensiven Geruch, der das Duft-Potpourri meiner – sich immer weiter ausdehnenden – Räucherecke auf das schönste erweitert.

Rosmarin, Thymian, Minze und Melisse, die im Kräuterbeet wuchern, können ebenfalls veräuchert werden.

Ich suche, sammle, trockne, befülle und beschrifte leere Marmeladengläser – und kann, als Suriyel Anfang Juni zu mir zu Besuch kommt, eine stattliche Sammlung „healing plants“ für unseren Sang-Powder präsentieren.

Der zeigt sich angemessen beeindruckt.

Und ich freue mich, dass ich schon mal zwei Punkte auf der tibetischen Zutatenliste abhaken kann: „Resins“ und „Healing Plants“ haben wir schon mal…

Keller-Geister

Der Rauchopfer-Trupp des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain erhält eine sehr spezielle Anfrage…

Nach unserem allerersten Rauchopfer-Auftritt im Chinesischen Tempel von Kreuzberg sind wir erleichtert und zufrieden. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Das tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd, dass wir auf der Terrasse des Tempels zelebriert haben, hat die örtlichen Naturgeister besänftigt und dem neuen Gebäude Segen gebracht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Davon sind wir alle überzeugt, denn genauso hat es sich für uns während des Zeremoniells angefühlt.

Ob unsere zahlreichen Zuschauer das ebenso erlebt haben, bleibt uns verborgen. Dass während des einstündigen Zeremoniells alle konzentriert und still dabei saßen und niemand aufstand und ging, werten wir aber als positives Feedback.

Erst nachdem wir fertig sind, verlassen die Besucher des Vesak-Festes die Terrasse. Der nächste Programmpunkt – ein Vortrag – findet im Haupttempel im ersten Stock des Gebäudes statt.

Wir bleiben zurück, um aufzuräumen.

Unser allererstes öffentliches Riwo Sang Chöd ist zu Ende. Das nächste wird wohl in einem Jahr stattfinden. Beim nächsten Vesak.

Bis dahin wird jeder für sich täglich zuhause sein Rauchopfer praktizieren. Jeden Sonntag werden wir uns – wie üblich – hinter den hohen Mauern des tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain treffen, um gemeinsam unser Rauchopfer zu zelebrieren.

So denke ich, während ich meine tibetische Glocke und meine kleine Sanduhrtrommel – die Damaru – einpacke. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Weit gefehlt!

Denn genau in diesem Moment erhalten wir die nächste Einladung!

Die schöne Lu aus der chinesischen Sanga unseres tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichhain ist es, die sich von Suriyel ein Rauchopfer wünscht.

Während der die Ritualgegenstände in seinen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt packt, erklärt sie ihm ihr Problem:

Lu möchte ein veganes chinesisches Restaurant eröffnen. Sie hat in Friedrichshain Räume im Erdgeschoss eines Altbaus angemietet. Seit Februar ist sie mit der Renovierung beschäftigt. Jetzt ist alles fast fertig.

Nur – leider, leider – ist irgend etwas mit dem Keller nicht in Ordnung. Die Energie ist schlecht! Geradezu unerträglich!

Lu ist deshalb sehr besorgt. Schließlich sollen dort die Lebensmittel für das Restaurant gelagert werden. Und überhaupt: Sie fürchtet um den Erfolg ihres Unternehmens!

Deshalb fragt sie Suriyel, ob er nicht kommen kann, um bei ihr im Keller ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren. Auf das die verärgerten Naturgeister befriedet werden, die Schützer aktiviert und die Buddhas und Boddhisattvas dem Restaurant ihren Segen schenken mögen.

Und das bitte schnell! In zwei Wochen soll das Restaurant eröffnet werden!

So kommt es, dass wir bereits am nächsten Tag – einem Sonntag – wieder in Rauchopfer-Mission unterwegs sind.

Nachdem wir erst „Grüne Tara“ im Tempel und danach unser sonntägliches Sang im Garten des tibetisch-buddhistischen Zentrums absolviert haben, machen wir uns auf den Weg zu Lu.

Glücklicherweise ist ihr neues Restaurant gerade einmal zwei Straßen vom Zentrum entfernt. Lu packt die große Ritualtrommel in den Kofferraum ihres Autos und fährt schon mal vor.

Wir anderen laufen zu Fuß. Suriyel trägt seinen Baumarkt-Koffer mit den Zeremonien-Gegenständen, ich schleppe die Fahrradtasche mit Glocke und Damaru. Die Darma-Schwester, die immer die große Trommel schlägt und eine chinesische Freundin von Lu sind auch noch mit von der Partie.

Dass wir gerade auf dem Weg in ein veganes chinesisches Restaurant sind, um dort ein mehr als tausend Jahre altes tibetisches Ritual abzuhalten, um böse Geister zu vertreiben, erfreut und erheitert mich zutiefst.

So, finde ich, soll das Leben sein. Wenn es anders ist, läuft etwas verkehrt.

„Wir sind buddhistische ‚Ghost-Busters‘!“, erkläre ich Suriyel, während unsere schräge Truppe unter blühenden Linden durch Friedrichshain läuft. „Oder besser: ‚Gost-Feeders‘!“

Suryiel schweigt dazu. Aber ich sehe ihm an, dass ihn die Situation genauso erheitert wie mich.

Als die aufgekratzte Truppe bei Lu ankommt, werden wir von ihr mit offenen Armen empfangen.

Der Weg in den Keller führt an der Küche des Restaurants vorbei. Auf dem Herd stehen große Schüsseln mit Bergen von Gemüse. Ein schweigsamer Chinese schnippelt Zwiebeln.

Das Gemüse wäre für uns, erklärt uns Lu. Nach dem Ritual würde sie uns zum Essen einladen.

Fantastische Aussichten!

Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.

Als wir nacheinander im Gänsemarsch auf einer schmalen Stiege in den Keller hinunter steigen, weiß ich sofort, was Lu meint: Die Energie dort fühlt sich wirklich furchtbar an! Dabei riecht es nicht modrig. Es ist auch nicht übermäßig dunkel. Aber trotzdem ist es, als stünde man in einer dumpfen drückenden grauen Wolke.

Dabei wäre es schon viel besser geworden, versichert uns unsere Gastgeberin.

Sie hat auch einiges dafür getan: Quer über die riesige Fläche spannt sich eine lange Reihe tibetischer Gebetsfahnen. In der dunkelsten Ecke des riesigen Kellerraums hat Lu zwei große goldene elektrische Gebetsmühlen aufgestellt, die sich ununterbrochen drehen und dabei aus unsichtbaren Lautsprechern in monotonem Sing-Sang tibetische Gebete plärren.

Ich bin fasziniert von den elektrischen Gebetsmühlen: Wir haben die selben im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums. Auch dort stehen sie – sich unaufhörlich drehend – in einer Ecke. Aber dass sie auch noch beten können, wusste ich nicht.

Man könne die Lautsprecher auf „Null“ stellen, erklärt mir Lu. Ich bin erleichtert, als sie das jetzt auch bei den ihren macht. Das blecherne Geleier schmerzt mir in den Ohren.

Wir müssen improvisieren. In Lu’s Restaurant gibt es weder Meditationskissen noch Schreintische. Es dauert trotzdem höchstens eine Viertelstunde, dann sind wir startklar.

Zusammen mit Lu rezitieren, singen und musizieren wir, was das Zeug hält. Alles um uns glüht vor Energie.

Als wir beim Opfern der Speisen angekommen sind, steht Suriyel auf, nimmt die rauchende Schale und wandert mit ihr in der Hand, unaufhörlich das Mantra „Om Ah Hung“ rezitierend, erst durch den Keller, dann die Stiege hoch in das Restaurant und dort durch alle Räume.

Wir folgen ihm im Gänsemarsch, jede mit der Mala in der Hand, ebenfalls konzentriert das Mantra rezitierend.

Vor jeder Buddha-Figur – von denen es bei Lu in jedem Raum mindestens eine gibt – stellt Suriyel einen der brennenden Räucherkegel aus der Opferschale ab.

Am Ende sind wir wieder im Keller angelangt. Dort lassen wiruns erneut auf unseren provisorischen Plätzen nieder und schließen das Ritual feierlich ab.

Hinterher ist Lu erleichtert und dankbar.

Und wir anderen finden auch, dass wir einen guten Job gemacht haben! Das dumpfe drückende Gefühl ist aus dem Keller verschwunden.

Als wir – erschöpft und glücklich – hintereinander die steile Kellerstiege hochklettern, begrüßt uns das Sonnelicht eines späten Sonntagnachmittags. Es kommt uns vor, als hätten wir nicht nur ein paar Stufen, sondern einige Jahrhunderte und eine völlig fremde Welt hinter uns gelassen.

Die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die an der grauen Hauswand des Altbaus vorbeilaufen, ahnen nicht, was hier gerade geschehen ist: Die ‚Ghost-Feeders‘ des tibetisch-buddhistischen Zentrums haben bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen ihre spirituelle Mission erfolgreich abgeschlossen!

Geister-Füttern macht hungrig!

Glücklicherweise ist das Essen fertig. Wir lassen uns an einer großen Tafel nieder. Lu stellt eine große Schüssel mit köstlichen chinesischen Gemüsegerichten nach der anderen vor uns auf den Tisch. Dazu gibt es fantastischen chinesischen Grünen Tee.

Wir sind begeistert von dem tollen Essen – und Lu ist glücklich über unser Entzücken.

Denn die tibetisch-buddhistischen ‚Ghost-Busters‘ sind die allerersten Gäste in Lu’s neuem Restaurant.

Dass wir nicht nur so viel gute Energie geschaffen haben, sondern jetzt auch noch so entzückt von ihrem chinesisch-veganen Essen sind, wertet die schöne Lu als positives Zeichen.

Wir können ihr nur zustimmen: Dieses Restaurant wird ganz sicher der Renner werden…

Auftritt

Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…

Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Der Anblick lässt mich schaudern.

Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.

Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.

Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.

Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.

Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.

Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“

„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.

Ich bleibe fassungslos zurück.

Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.

Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.

Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.

Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.

Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.

Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!

Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!

Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.

Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.

Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.

Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.

In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.

Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.

Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.

Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/

Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.

Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!

Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.

Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

So viel zum Willen des Meisters…

Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.

Ansonsten ist es vollkommend still.

Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.

Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.

Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.

Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.

Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.

Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…

Generalprobe

Wir üben das traditionelle tibetische Rauchopfer – Riwo Sang Chöd – für unseren Auftritt am höchsten buddhistischen Feiertag…

Das buddhistische Zentrums von Friedrichshain wird zur Ehren von Vesak ein Riwo Sang Chöd präsentieren! https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Denn das Zentrum gehört einer Traditionslinie des tibetischen Buddhismus an. Das traditionelle Rauchopfer ist eine ihrer Basis-Praktiken. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Dieses historische Ereignis wird am ersten Juni-Wochenende im chinesischen Chan-Kloster von Kreuzberg stattfinden!

Die Frage ist nur: Werden sich genug Unerschrockene für den Auftritt finden?

Denn es ist das eine, gut versteckt hinter hohen Mauern an einem mehr als tausend Jahre alten schamanischen Ritus teilzunehmen.

Und etwas ganz anderes, sich zu einer solch befremdlichen Handlung vor den Augen der Öffentlichkeit zu bekennen!

Und mag die auch noch so buddhistisch sein…

Als ich die Neuigkeit über unseren Auftritt an Vesak in der Whats-App-Gruppe der Sonntagspraktizierenden verkünde, bin ich gespannt, wie die Rückmeldungen ausfallen werden:

Es finden soch doch tatsächlich drei Mutige, die bereit sind, mitzumachen!

Mit Suriyel und mir wären wir zu fünft. Ich bin erleichtert: Das ist nicht beeindruckend, aber ausreichend.

Während der nächstens Sonntagstreffen im Zentrum sammle ich dann noch vier halbe bis dreiviertelte Zusagen ein: Wenn es sich an dem Tag ergeben würde, wäre man dabei, wird mir gesagt.

Am Ende, denke ich, werden wir wohl um die sieben Leute sein.

Dafür, dass wir das zweitgrößte buddhistische Zentrum Berlins repräsentieren, ist das eine bescheidene Truppe.

Aber angesichts der Herausforderung ist die Zahl erfreulich hoch.

An den folgenden Sonntagen wird im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain fleißig für den ersten Auftritt der Gruppe geübt.

Es klappt ganz gut, finde ich. Suriyel ist auch zufrieden.

Und schließlich: Die Generalprobe!

Am letzten Sonntag vor dem Vesak-Fest schleppen wir Sitzunterlagen, Meditationskissen, Schreintischen, Musikinstrumente, Sakralgegenstände, Holz, Speiseopfer und die große Feuerschale ins Freie.

Während der Zeremonie geben wir alles!

Suriyel schlägt die Zimbeln, eine Dharma-Schwester die große Trommel. Dazu schwenken alle die traditionellen tibetischen Handglocken und drehen die kleine Damaru.

Wir rezitieren und singen, dass es eine Freude ist.

Suriyels Rauchfahne ist von beeindruckender Dichte und von perfekt weißer Farbe.

Hinterher sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Rauchopfer. Wenn wir das nächsten Sonntag noch einmal so hinbekommen, wäre das super!

Am Abend meldet sich eine Dharma-Schwester, die nicht an der Sonntagspraxis teilgenommen hat, in der Whats-App-Gruppe.

Was denn los gewesen wäre bei uns heute im Zentrum? Wir hätten bei unserem Rauchopfer einen Krach gemacht, dass man uns auch noch zwei Straßen weiter gehört hätte! Es klang, schreibt sie, als wäre eine Horde Fußballfans durch das Viertel gezogen!

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Vor allem, wenn es um das Riwo Sang Chöd geht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Vesak

Das chinesische Kloster in Kreuzberg zelebriert ein buddhistisches Fest – und alle buddhistischen Zentren Berlins helfen mit…

Am Vollmondtag des vierten Monats jedes lunaren Jahres feiern Buddhisten in aller Welt Vesak. Dann wird der Geburt, der Erleuchtung und dem Tod Buddhas gedacht.

Das ist wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern an einem Tag!

In Berlin hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Vesak-Fest jedes Jahr reihum von einem anderen buddhistischen Zentrum der Stadt ausgerichtet wird.

Die Mitglieder desjenigen Buddhistischen Zentrums, dem die Aufgabe zufällt, in diesem Jahr das große Fest zu organisieren, befinden sich schon Monate vor dem Fest – das auf einen Tag zwischen Ende April und Anfang Juni fällt – im Ausnahmezustand.

Alle anderen Buddhisten Berlins dürfen sich von den zurückliegenden Strapazen „ihres“ Vesak erholen und sich auf ein entspanntes Fest freuen.

In diesem Jahr trifft es das große chinesische Chan-Kloster in Kreuzberg.

Im Februar erhält das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain deshalb von der chinesischen Dharma-Verwandtschaft die Einladung zum Vesak-Fest. Weil der vierte Vollmond des neuen Jahres auf Donnerstag, den 23. Mai fällt, findet das Fest am Wochenende danach statt.

Ich erfahre von der Einladung, als ich, nach meinem Umzug nach Berlin Ende Februar, an meiner ersten Orga-Team-Sitzung im Zentrum teilnehme.

Das ist auch das erste Mal, dass ich von „Vesak“ höre. Das Fest stammt aus der Theravada-Tradition, der ältesten noch existierenden Schultradition des Buddhismus. Sie wird heute vor allem in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha praktiziert.

Weil meine Zen-Tradition der jüngeren Schullinie des Mahayana angehört und aus Japan stammt, bin ich bisher noch nie mit dem Fest in Berührung gekommen.

Im japanischen Zen wird das Fest von Buddhas Erleuchtung am 8. Dezember gefeiert. Das ist unser „Bodhi-Tag“. Zuvor findet – gemäß der japanischen Tradition – immer ein siebentägiges intensives Retreat statt . In dieser „Rohatsu“ bereiten sich die Praktizierenden durch Meditation und Schweigen auf das Fest vor.

Als mir die anderen Teilnehmer der Orga-Runde erklären, was es mit diesem „Vesak“ auf sich hat, freue mich darüber, auch noch das Fest einer anderen Tradition erleben zu dürfen.

Schnell wird mir während der Orga-Sitzung allerdings klar, dass ich wieder einmal viel zu passiv gedacht habe! Ich werde – stellt sich heraus – nicht nur als Gast im Chinesischen Tempel erwartet.

Ich soll einen Programmpunkt mitgestalten!

Denn die Einladung des chinesischen KLosters ging mit der Bitte einher, alle anderen Zentren mögen sich mit einem Angebot am Tagesprogramm beteiligen.

Und zwar mit einer Praxis oder einem Ritus, der typisch für die Tradition des jeweiligen Zentrums ist.

Der Vorstand des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zerbrach sich gemeinsam den Kopf darüber, was man der versammelten Berliner Community an Vesak präsentieren könnte.

Am Ende fiel die Entscheidung, alle Buddhisten Berlins am hauseigenen Riwo Sang Chöd teilhaben zu lassen. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel praktiziert es jeden Sonntag als offenes Angebot im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. Und ich bin – zusammen mit ein paar Anderen – regelmäßig mit dabei und mache mit.

In kleinem Rahmen. Ohne Publikum…

Dass auf einmal von mir erwartet wird, vor sämtlichen Buddhisten Berlins ein schamanisches Rauchopfer zu präsentieren, trifft mich unvorbereitet.

Drücken will ich mich aber auch nicht. Am Ende steht Suriyel alleine da. Das kommmt nicht in Frage.

Also nicke ich ergeben.

Die Runde reagiert erleichtert über meine Einwilligung.

„Wie gut, dass du dabei sein wirst!“, schallt mir entgegen.

Denn das Orga-Team hat noch einen weiteren Aufrag für mich, erfahre ich umgehend.

Ich solle doch bitte darauf achten, dass Suriyel sich benimmt! Er möge bitte nur ein kleines Feuer im Garten der chinesischen Dharma-Brüder und -Schwestern entfachen. Und um Himmels Willen nicht zu viel Rauch produzieren! Und nicht zu viel Krach machen!

Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain will schließlich einen guten Eindruck hinterlassen – und keinen Ärger produzieren!

Ich werde, denke ich im Stillen, an Vesak nicht nur als Tantra-Praktizierende gefordert sein, sondern auch noch als Kindermädchen!

Na toll…

Do-it-yourself-Sang-Pulver

Wir starten ein neues Projekt mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches Riwo SangChö Pulver nach historischem Rezept selbst herzustellen…

Am Sonntag sitzen wir nach der Grünen-Tara-Praxis und dem Riwo SangChö in der gemütlichen Teestube des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zusammen und diskutieren über das Instant-Pulver aus Nepal. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Ich erzähle den anderen von der E-Mail, die ich vom Leiter der Kunstschule des Niyngma-Klosters von Boudhanath in Kathmandu erhalten habe. Dass wir von dort Sang-Pulver bekommen können, aber nicht klar ist, was es kostet.

Für mich ist es keine Frage, dass wir den traditionellen Sang-Powder bei Experten bestellen müssen. Ich habe in der Vergangenheit bereits an Rauchopfern teilgenommen, für die selbstgefertigte Instant-Nahrung verwendet wurde. Die war aus Mehl und diversen Küchenkräutern zusammengemixt worden. Das Ergebnis hat mich nie überzeugt. Es roch nach wenig bis garnichts und es brannte auch nicht so, wie das gekaufte Pulver.

Wenn ich ein 1200 Jahre altes Ritual abhalte, dann nach Vorschrift.

Ich plädere deshalb in der Runde dafür, nachzufragen, wie viel das Nyingma-Kloster für das Pulver verlangt. Und, wenn es irgendwie bezahlbar ist, dort zu bestellen.

Es handelt sich schließlich, argumentiere ich, um traditionell und fachgerecht zubereiteten Sang-Powder nach altem Nyingma-Rezept! Wenn wir ein Pulver nehmen, dann das! Schließlich ist Padmasambahva – der größte Heilige Tibets – nicht nur der Schöpfer unseres Rauchopfers, sondern auch Gründer der Nyingma-Tradition!

So steht es auch auf den kostbaren Packungen des Nyingma-Klosters: „This Riwo Sangcho Powder is made at our Monastry in Nepal according to ancient Tibetan tradition. It is made only from natural herbal substances, fragrant woods, aromatic medicinal plants, white and sweet substances combinded to make this supreme offering.“

Selbstverständlich wollen wir ein „supreme offering“! Was sonst?

Die einzige Lösung die ich sehe, um kostengünstig Riwo SangChö zu praktizieren, ist, das Pulver direkt bei dem Kloster in Nepal zu bestellen.

So meine Logik…

Suriyel wiederspricht: „Klassisches Nyingma-Rezept!“ Das wäre Unfug, erklärt er uns. Auch in dem Kloster würden sie einfach nur das zusammenmischen, was in den Anweisungen der Sadhana – dem Rezitationstext für das Rauchopfer – angegeben ist.

Erst will ich das so nicht stehen lassen. Das Puver ist kostbar, speziell und hoch komplex in der Fertigung! Aber nach ein bisschen hin und ziehe ich dann doch meinen Text aus der Tasche und lese nach, was als Einleitung geschrieben steht: „Making an auspicious fire in a clean fessel or burner, burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich muss die Zeilen drei mal lesen, bis die Botschaft bei mir ankommt: „Der Instant-Powder ist einfach nur aromatisiertes Sägemehl?“

Jetzt verstehe ich auch, warum Suryiel es hinbekommt, dass der Sang-Powder bei ihm auch ohne die übliche Kohle-Tablette brennt. Es liegt nicht an seiner überragenden Feuer-Kompetenz, sondern daran, dass das Pulver aus Holz besteht!

Es bleibt mir nur, ihm zuzustimmen: Sägespänne mit Baumharz und Heilkräutern zu mischen, dass können wir auch selbst. Dazu brauchen wir weder ein nepalesisches Nyingma-Kloster, noch ein klima-schädliches Shipment um den halben Globus.

Eine Woche später breche ich zu einem Camping-Urlaub an die polnische Ostsee-Küste auf. Im Rucksack: Mein Taschenmesser und eine kleine Plastikdose. Das Ziel: Baum-Harz sammeln.

Denn das Projekt „Wir produzieren unser eigenes Do-it-yourself-Sang-Pulver nach traditionellem Rezept“ wird hiermit in Angriff genommen.

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