Water runs East

Berichte von den Grenzen des Ich

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Kidnapping

Damit ich nicht allein in meiner Wohnung im historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte leben muss, plane ich eine Entführung…

Seit einer Woche lebe ich jetzt im historischen Pfarrhof. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Zu meiner Verblüffung bin ich glücklich hier!

Dabei hatte ich gedacht, ich würde mich einsam und allein zu Tode fürchten. https://www.water-runs-east.eu/allein/

Meine Angst war unbegründet: Ich habe einen Gefährten gefunden!

Einen schwarz-weißen Britisch-Kurzhaar-Kater, den es irgendwie auf den Pfarrhof verschlagen hat. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Ich habe keine Ahnung wie alt er ist, wie er heißt und wo er herkommt?

Aber das ist egal.

Das entscheidende ist: er ist da!

Wenn ich morgens aufwache, führt mich mein erster Weg – im Schlafanzug – vor das Haus. Irgendwo auf dem Gelände finde ich ihn immer, den kleinen Kater. Wenn er mich hört – in Ermangelung eines Namens rufe ich ihn „Spätzle“ – kommt er angetrabt.

Er lässt sich streicheln und legt Wert darauf, dass ich ihm beim Frühstück Gesellschaft leiste.

Danach möchte der Kater ausführlich gebürstet werden, bevor er wieder zwischen den Gebäuden des Pfarrhofs verschwindet.

Abends dasselbe Spiel: Das Spätzle lässt sich vor dem Haus füttern, streicheln und bürsten, dann geht es wieder.

In den ersten Tagen bin ich dem Kater nicht böse, dass er sich wieder verabschiedet. So verfloht und voller Zecken wie er ist, möchte ich ihn nicht in der Wohnung haben.

Aber wenn die weg sind, habe ich an unserem ersten gemeinsamen Morgen beschlossen, soll er mein Haustier werden! Dann soll er bei mir wohnen und wir lassen es uns gemeinsam gut gehen.

Damit dieser glückliche Umstand baldmöglichst eintritt, bestelle ich online ein Spot-on-Präparat gegen Zecken und Flöhe. Zwei Tage später ziehe ich es aus dem Briefkasten.

Weil der Kater nur ein paar Meter vom Briefkasten entfernt im Gras liegt, schreite ich auf der Stelle zur Tat. Es dauert nur ein paar Sekunden, schon habe ich ihm den Inhalt einer Ampulle in den Nacken getropft.

Morgen – denke ich währenddessen – hat das Zeug gewirkt. Dann kann er einziehen!

Am nächsten Morgen stelle ich jedoch erst einmal fest, dass der kleine Kater nicht wie sonst munter und vergnügt ist. Er wirkt apathisch und hat keinen Appetit.

Das Anblick des matten Katers löst heftige Schuldgefühle in mir aus: Habe ich ihn am Ende mit dem Spot-on-Mittel vergiftet? Ich dachte, er wäre ein gesunder Kater in seinen besten Jahren, aber was, wenn er ein Nierenleiden hat?

Den ganzen Tag quäle ich mich mit diesem Gedanken.

Als ich den Kater am nächsten Morgen füttere, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, dass es ihm wieder besser geht. Er frisst mit gutem Appetit und schnurrt tiefenentspannt, als ich ihn bürste.

Puh!!!

Ich beschließe, ihn erst wieder zu spoten, wenn der Tierarzt seine Blutwerte kontrolliert hat.

Aber erst einmal ist er ohne Flöhe und Zecken. Das Spot-on-Präparat wirkt.

Er kann also in meine Wohnung einziehen.

Nicht eine Sekunde kommt mir der Gedanke, dass der kleine Kater das möglicherweise garnicht will!

Schließlich ist er ein verschmuster Kater! Und noch dazu Britisch Kurzhaar!

Was soll so ein Tier anderes wollen, als auf meinem Sofa zu liegen und sich ausführlich von mir kraulen zu lassen?

Dort ist es viel bequemer als auf der Wiese oder dem Treppenabsatz vor der Haustür.

Ganz besonders bei diesem Wetter: Es nieselt. Nachts hatte es acht Grad.

Welche vernünftige Katze möchte da nicht lieber in der warmen gemütlichen Wohnung sein?

So erkläre ich das dem Kater, während ich ihn mit Hilfe von Leckerli zur Wohnungstür führe.

Dort angekommen, trete ich in den Flur und locke den nassen Kater mit warmen Worten und einem weiteren Leckerli.

Er schaut interessiert, weigert sich aber stur, über die Schwelle zu treten.

Alle meine Überredungskünste sind vergebens.

Das darf doch nicht wahr sein!

Ich beschließe, den Kater zu seinem Glück zu zwingen. Wenn er erst einmal in der Wohnung ist, wird er merken, wie angenehm es hier ist!

Entschlossen greife ich zu, schiebe den Kater in den Flur und versuche die Haustür hinter ihm zu schließen.

Aber so schnell kann ich garnicht schauen, da ist er schon an mir vorbei und ins Freie geschossen.

Übel hat er es mir nicht genommen, stelle ich am Abend erleichtert fest. Er lässt sich von mir streicheln und bürsten.

Nur: Als ich das Manöver ein zweites Mal versuche, hetzt er wieder durch die Wohnungstür und verschwindet im abendlichen Nieselregen.

Am Samstag kommt Suriyel aus Berlin zu mir in den historischen Pfarrhof.

Oder besser: zu uns.

Nachdem er mich begrüßt hat, krault er ausführlich das Spätzle.

Beim Mittagessen berichte ich Suriyel von meinen vergeblichen Versuchen, den Kater in die Wohnung zu locken.

Und ich erzähle ihm von meinem Plan: Ich möchte das Spätzle kidnappen!

Nach ein paar Tagen in der warmen Wohnung wird der Kater doch wohl einsehen, dass es dort schöner ist, als bei Regen und Kälte im halb verfallenen Stall zu schlafen!

Allerdings bekomme ich das nicht alleine hin. Um den Kater in die Wohnung zu locken, brauche ich Suriyels Unterstützung.

Aber der schüttelt energisch den Kopf: „Wenn der Kater nicht will, dann will er nicht!“

Damit ist das Thema für ihn erledigt.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich damit abzufinden.

Ich habe zwar einen Gefährten, aber kein Haustier…

Kater

Ich ziehe in meinen historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte – und bin dort nicht so einsam, wie ich das befürchtet hatte…

Ich bin die neue Besitzerin eines historischen Pfarrhofs in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Gezwungenermaßen.

So sehe ich das zumindest.

Suriyel ist anderer Meinung: Dass ich den Pfarrhof durch einen Traum gefunden habe, bedeute noch lange nicht, dass ich ihn kaufen müsse, erklärte er mir in den letzten Monaten wieder und wieder. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Während Suriyels wütenden Ausführungen klatschte mein Ego jedesmal begeistert Beifall. https://www.water-runs-east.eu/katastrophen-modus/

Meine intuitive Innere Stimme blieb unerbittlich: „Kauf es!“, flüsterte sie mir wieder und wieder ins Ohr. „Es wird nicht zu deinem Schaden sein!“

In meinem Leben passiert, was meine intuitive Innere Stimme will. Da kann mein Ego – und Suriyel – noch so Amok laufen. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Also unterschreibe ich im März den Kaufvertrag für den historischen Pfarrhof. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Und ziehe Anfang Juni ein. Mit Suriyels tatkräftiger Unterstützung. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Obwohl er mir in den letzten Monaten gebetsmühlenartig erklärt hat, dass er nichts mit der ganzen Sache zu tun haben möchte!

Ich hatte es ihm von Anfang an nicht wirklich abgenommen. Und er sich selbst vermutlich auch nicht…

Wie auch immer: Das Wochenende meines Einzugs ist zu Ende gegangen. Suriyel hat mich gestern Abend alleine auf dem riesigen Pfarrhof zurückgelassen und ist nach Berlin gefahren. https://www.water-runs-east.eu/allein/

Ich gehe zu Bett in Erwartung einer unruhigen Nacht.

Aber als ich am Morgen aufwache, stelle ich fest, dass ich ausgezeichnet geschlafen habe!

Verblüfft stehe ich auf und trete ans Fenster, um einen Blick auf den Weiher vor dem Haus zu werfen.

Und schon erlebe ich die nächste Überraschung: Ich bin nicht allein!

Auf der windschiefen Holzbank am Ufer des Weihers schläft der weiß-schwarze Kater!

Suriyel hat ihn gestern entdeckt. Oder möglicherweise hat der Kater Suriyel entdeckt, wer weiß?

Das Entzücken war jedenfalls auf beiden Seiten groß!

Als ich dazu kam, war die Kennenlernphase bereits abgeschlossen. Suriyel hockte auf der Wiese neben dem Weiher und bürstete eine kleine runde schwarz-weiße Katze.

Mit einer Hundebürste, die er im Heizungsraum gefunden hatte.

„Wo kommt die denn her?“

„Es ist ein Kater!“, korregierte mich Suriyel.

Richtig. Unkastriert, stellte ich fest, als mir der Kater seine Unterseite darbot, während Suriyel seinen runden Bauch striegelte.

Ich ging neben den beiden in die Knie – und erntete einen misstrauischen Blick des fremden Katers.

Leider verfüge ich nicht über Suriyels magische Fähigkeiten: Tiere und Kinder scheinen sich auf besondere Weise zu ihm hingezogen zu fühlen.

Dafür konnte ich etwas anderes anbieten: Katzenfutter!

Weil mein Bruder im April bei einem Besuch im Pfarrhof auf eine magere trächtige Katze gestossen war, hatte ich sicherheitshalber eine Schachtel Trockenfutter besorgt.

Schwarz-weiß wäre sie gewesen, hatte mir mein Bruder hinterher erzählt.

Während Suriyel und ich dem Kater dabei zusahen, wie er das Trockenfutter verschlang als gäbe es kein Morgen, rätselte ich darüber, ob das die Katze war, die mein Bruder gesehen hatte?

Die Farbe würde passen. Nur: War mein Bruder so unbedarft, einen rundlichen kleinen Kater für eine trächtige Kätzin zu halten?

Egal.

„Wem der wohl gehört?“

Suriyel wiegte nachdenklich den Kopf. „Wenn er denn jemandem gehört.“

Ich musste ihm zustimmen: Der Kater war zwar nicht mager, aber wohlversorgt sah er definitiv nicht aus. Er war über und über mit Zecken bedeckt und so wie er sich zwischendurch kratzte, hatte er auch noch Flöhe.

Seine Ohren waren an den Rändern zerfetzt, quer über die Stirn klaffte eine Wunde und der Nasenrücken war blutig gekratzt.

„Er hat sich mit einem anderen Kater geprügelt“, kommentierte Suriyel die Verletzungen.

„Ich wette, er wurde verprügelt! Der wiegt doch nicht mehr als fünf Kilo! Und dazu ist er noch ein Britisch Kurzhaar! Die sind dafür gezüchtet, dass sie auf dem Sofa herumliegen und nicht, dass sie sich alleine durch die Wildnis schlagen!“

Vermutlich ein Covid-Opfer, schlussfolgerte ich. Irgendjemand hatte sich während des Lockdowns kurz entschlossen eine Rassekatze zugelegt. Als der erste Urlaub möglich war, wusste der Besitzer nicht wohin mit dem Kater, also wurde er auf dem Weg an die Ostsee in der Mecklenburgischen Seenplatte ausgesetzt.

Dazu würde auch das Alter passen. Ganz jung war er offensichtlich nicht mehr, der fremde Kater.

Suriyel waren meine Mutmaßungen egal. Es musste was passieren.

Wir schritten zur Erstversorgung. Nachdem ich dem Kater mit Wundspray Stirn und Ohren besprüht hatte, kraulte ich ihn, während Suriyel in gewohnter Geschicklichkeit eine Zecke nach der anderen herausoperierte.

Als der Kater genug hatte, kratzte er mich, drehte sich um und ging.

Ich besprühte meinen blutenden Finger mit dem Wundspray, das neben mir auf der Wiese lag und ging davon aus, dass der Kater so bald nicht wiederkommen würde.

Allein

Auf einmal lebe ich in meinem historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte – komplett auf mich gestellt, umgeben von vielen wilden Tieren…

Am Abend des Pfingstmontag verabschiedet sich Suriyel von mir und bricht auf nach Berlin. Morgen muss er wieder arbeiten.

Ich bin ihm zutiefst dankbar dafür, dass er mir bei meinem Einzug in meinen historischen Pfarrhof geholfen hat. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

„Ohne dich wäre ich komplett verloren gewesen!“, hatte ich ihm beim gestrigen Abendessen erklärt.

Suriyel überlegte kurz, bevor er zustimmend nickte. „Das stimmt. Alleine hättest du das nicht hinbekommen.“

Suriyel reparierte die Solartherme und aktivierte das komplizierte Heizsystem. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Er schleppte Möbel, baute Tisch und Bett auf, schraubte zwischendurch ein paar Lampen an. Kurz: er tat, was zu tun war.

Und ich konnte einfach nur herumstehen und mich überwältigt und überfordert fühlen…

Damit ist es jetzt vorbei. Bang sehe ich seinem silbernen Toyota nach, der durch das elektrische Tor rollt und in der Abenddämmerung an der Abzweigung in Richtung Bundesstraße verschwindet.

Jetzt bin ich komplett auf mich gestellt! Umgeben von Fremden! Und gleich ist es Nacht!

Umso dringlicher ist es mir, das Tor zu schließen. Hektisch drücke ich auf den Knopf der Fernbedienung. Die beiden Flügel des Tors zucken und bewegen sich gemächlich auf einander zu.

Zu meinem Entsetzen stocken sie, kurz bevor sie sich berühren und gehen wieder auf!

Langsam zähle ich bis zehn und drücke ein weiteres Mal den Knopf der Fernbedienung.

Wieder dasselbe Schauspiel: Das Tor geht halb zu – und dann wieder auf.

Ich erleide einen Nervenzusammenbruch!

Zehn Minuten später parkt Suriyel vor der Einfahrt des historischen Pfarrhofs, nimmt mir die Fernbedienung aus der Hand und drückt auf den Knopf.

Zu meiner Erleichterung schließt das Tor wieder nicht. Es wäre höchst peinlich gewesen, wenn er zurückgekommen wäre nur um festzustellen, dass ich zu blöd bin, auf einen Knopf zu drücken.

„Das Gras ist zu hoch“, erklärt mir Suriyel, während er in die Knie geht und beginnt, mit der Hand Gräser und Löwenzahn in der Einfahrt auszureißen.

„Da sind Sensoren dran, damit das Tor nicht gegen die Motorhaube oder die Stoßstange knallt. Die reagieren auf das Gras.“

Nachdem er etwa fünf Minuten Unkraut gerupft hat, geht er vor das Tor und drückt probeweise die Fernbedienung. Elegant schwenken die beiden Torflügel nach Innen und schließen sich mit einem vernehmlichen „Klack“.

„Na bitte!“, erklärt mir Suriyel zufrieden, während er mir die Fernbedienung über das Tor reicht. „Du musst nur darauf achten, dass das Gras in der Einfahrt kurz geschnitten ist.“ Damit winkt er mir noch einmal zu, springt in sein Auto und fährt davon.

Ich stehe hinter dem Tor und sehe ihm nach, während ich spüre, wie mein Atem kommt und geht.

Das bewährte Mittel gegen Panikattacken…

Nach ein paar Minuten habe ich die Angst im Griff. Ich bin in der Lage, mich umzudrehen und den Pfarrhof zu betrachten.

Die Äste der Bäume rauschen im Wind. Ein paar Schwalben schießen in der Abenddämmerung um das Stalldach. Im Weiher paddeln Frösche.

Hinter der Werkstatt geht die Sonne unter.

Es ist wunderschön hier.

Ich bin ganz allein.

Nur ich – und viele wilde Tiere…

Heizung

Suryiel führt mich in die Geheimnisse des Heizsystems des historischen Pfarrhofs in der Mecklenburgischen Seenplatte ein. Ob ich das jemals selbst hinbekommen werde?

Ich schlafe gut in meiner ersten Nacht im neuen Zuhause. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Suriyel auch. Obwohl es nicht sein „neues Zuhause“ ist, wie er immer wieder betont.

Nach dem Frühstück führt er mich in den unsanierten Teil des Haupthauses. Hinter der historischen Schwarzküche befindet sich ein hölzerner Anbau. In dem ist die Heizanlage untergebracht.

Suriyel wird heute Abend nach Berlin zurückkehren. Morgen muss er wieder arbeiten.

Deshalb ist es an mir, zu lernen, wie ich alleine mit der Heizung klarkomme.

Einer komplizierten Konstruktion, bestehend aus einem Holzscheit-Brenner, einer Gastherme und obendrauf noch einer Solartherme.

Suriyel ist begeistert davon. „So ein tolles System!“, erklärt er mir, während er die verschiedenen Displays kontrolliert. „Alles ist gut aufeinander abgestimmt!“

Er referiert die Bestandteile: „Das hier sind die beiden Pufferspeicher.“ Er zeigt auf die beiden Tanks, die in ihren dicken Isolierschichten aussehen wie überdimensionierte Michelin-Männchen.

„Der hier“, er weißt auf den größeren, „speichert innen das warme Verbrauchswasser, das von der Solartherme erhitzt wird und außen das Wasser für das Heizungssytem. Das wird von der Holzscheit-Heizung erhitzt. Wenn du mal keine Zeit zum Einheizen hast, kannst du auch die Gastherme einschalten. Aber bei den aktuellen Gaspreisen würde ich das nur machen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Holz hast du ja genug.“

Das stimmt: Auf dem Gelände und in den Nebengebäuden lagern unzählige Kubikmeter Holz, die für viele Jahre reichen.

„Der kleinere Pufferspeicher ist nur für das Heizsystem“, fährt Suriyel fort.

Ich bin kurz abgelenkt: Hat Suriyel doch tatsächlich den Pin-up-Girl-Kalender über dem Brenner umgeblättert!

Gestern war da noch ein lasziv lächelndes Model im durchsichtigen weißen Häkel-Top, heute ist es eines in braunem Gaze!

Das hätte ich Suriyel nicht zugetraut! Über der Werkbank im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain hängen züchtig die letzten drei Karmapas und der Dalai Lama! https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Der Pin-up-Girl-Kalender stammt vom Vorbesitzer des Pfarrhofs. Einem Mann namens Frank. Dieser Frank scheint ein begabter Handwerker gewesen zu sein. Das Heizungssystem, das elektrische Gartentor, all die klugen Dinge in der Werkstatt – das alles verdanken wir diesem verstorbenen Frank.

Suriyel findet immer wieder einen Grund, sich lobend über Frank zu äußern.

Auch ich bin dem unbekannten Frank dankbar dafür, dass er dafür gesorgt hat, dass ich jetzt in einer sanierten Wohnung leben darf, warmes Wasser und Heizung habe und Suriyel glücklich über die riesige Werkstatt ist.

Allerdings bin ich auf eine Reihe von Indizien gestossen, die vermuten lassen, dass mein Vorgänger ein antiquiertes Frauenbild pflegte. Und überhaupt zu Frauen ein eher kompliziertes Verhältnis zu haben schien.

Nicht nur der vergilbte Pin-up-Girl-Kalender über dem Heizkessel und die anderen leicht bekleideten Mädchen, die mir von den vielen Email-Schildern und Plaketen im Heizungsraum entgegen lächeln, lassen diesen Schluss zu.

Am sprechensten finde ich ein Email-Schild in der riesigen Sammlung am Werkstatttor: „Frauen an die Macht!“ steht da. Und darunter: „Macht Kaffee! Macht Essen! Macht Sauber!“

„Kein Wunder, dass Frank nie eine Frau gefunden hat, die ihn geheiratet hat.“, stelle ich fest, als ich diesen Ausbund an Dämlichkeit entdecke.

Suriyel schweigt dazu. So ist das mit den Männern: Eine Krähe hakt der anderen kein Auge aus…

Suriyel in seinem Reich: Der riesigen Werkstatt des historischen Pfarrhofs.

„Was machen wir mit den ganzen Plaketten und Bildern?“, frage ich Suriyel.

„Hängen lassen“, kommt es zurück.

Jetzt spare ich mir den Kommentar dazu. Das ist keinen Streit wert.

Nichtsdestotrotz werde ich bei nächster Gelegenheit den Akkuschrauber herausholen und Franks Sammlung an die neuen Besitzverhältnisse anpassen.

Oder besser: Die neuen Besitzerin-Verhältnisse.

Aber erst einmal muss die emanzipierte neue Besitzerin des Pfarrhofs lernen, das Heizsystem zu bändigen!

Brav wiederhole ich alle Ausführungen Suriyels, benenne Pufferspeicher, Anzeigen, lasse mich von ihm durch das Menü des Heizkessels lotsen und versuche zu behalten, welches Rohr wohin führt.

Womit wir beim wichtigsten Punkt angekommen sind: Dem Beheizen des Kessels.

Mit Holz.

Dem fühle ich mich einigermaßen gewachsen, bin ich doch mit einem großen Kachelofen aufgewachsen. Auch den musste ich regelmäßig heizen und schüren.

Allerdings mit einer Zeitung und Kiefernästen, die meine Oma immer im Wald sammelte und neben dem Ofen lagerte.

Im Pfarrhof geht es rustikaler zu: Suriyel nimmt ein Holzscheit vom Stapel, sperrt die Seitentür des Heizungsraums auf und scheucht mich ins Freie. Im Nieselregen geht es ein paar Meter quer über die Wiese zur Werkstatt. An deren Ecke stehen zwei Hackstöcke. Auf dem vorderen liegt ein verrostete Spaltbeil.

Mit dem hackt Suriyel gekonnt das Holzscheit klein.

„Willst du es auch mal versuchen?“

Ich habe nicht vor, mich vor ihm lächerlich zu machen. Das probiere ich ohne Zuschauer aus.

„Nein, das mache ich, wenn ich selbst einheize.“ Ich mache mir eine mentale Notiz, beim nächsten Besuch im Baumarkt an ein neues Spaltbeil zu denken. Damit geht es hoffentlich einfacher, als mit diesem verrosteten Ding.

Ich folge Suriyel zurück in den Heizungsraum.

„So geht der Kessel auf!“ Er entriegelt den Brenner – und schließt ihn gleich wieder.

„Jetzt du!“

Ich brauche drei Anläufe, bis ich es heraus habe.

„Jetzt heizen wir an.“ Suriyel wirft das Holz in den Brenner, entzündet mit dem Feuerzeug ein Stück Grillanzünder – von Frank in einer staubigen Keksdose unter dem Pin-up-Girl-Kalender platziert – und lässt ihn ebenfalls in den Brenner fallen.

Nach ein paar Minuten – und mehreren Kontrollblicken – fordert Suriyel mich auf, ein großes Scheit vom Holzstoß zu nehmen und in den Brenner zu werfen.

Was ich auch tue – aber so ungeschickt, dass sich das schwere Scheit im Inneren des Brenners verkeilt und nicht in die Flammen fällt.

„Die Scheite sind genau auf die Maße des Brenners hin geschnitten“, erklärt mir Suriyel, während er in die züngelnden Flammen greift und das verklemmte Scheit wieder herausholt. „Du musst es gerade reinwerfen!“

Ergeben stemme ich das schwere Scheit hoch und hieve es vorsichtig in den Brenner. Funken sprühen, als es in den Flammen auf dem Boden des Brenners aufschlägt.

Suriyel wirft noch zwei weitere Scheite hinterher – ihm macht die Sache erkennbar Spaß – dann verriegelt er die Brennertür.

„Du musst alle drei bis vier Stunden nachheizen. Das machst du so lange, bis die Pufferspeicher bei 85-90 Grad sind.“

„Und wie lange halten die das warme Wasser vor?“

„Das musst du ausprobieren. Wenn du Glück hast, zwei bis drei Tage.“

Na dann.

Ich bin mir sicher, dass ich im Frühjahr nächsten Jahres souverän das Heizsystem bedienen werde. Ganz alleine, autonom und selbstbestimmt.

Bis dahin werde ich mich sicher regelmäßig blöd anstellen, frustriert und verzweifelt sein.

Das ist der Preis für „Frauen an die Macht“…

Einzug

Anfang Juni ist es endlich so weit: Ich ziehe in den historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte!

Inzwischen sind acht Monate seit meinem ersten Besuch im historischen Pfarrhof vergangen. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Nachdem ich in einer Nacht Ende September vom Pfarrhof geträumt und ihn am nächsten Morgen in einer Immobilienanzeige gefunden hatte! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Im März unterschrieb ich den Kaufvertrag für das denkmalgeschützte Ensemble. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Noch einmal zwei Monate später – Anfang Juni – ziehe ich dort ein.

Einerseits freue ich mich! Sogar sehr! Es ist wunderschön im Pfarrhof, und dass ich – nach dreieinhalb Jahren in Untermietzimmern – endlich wieder eine eigene Wohnung haben werde, macht mich sehr glücklich.

Andererseits graut mir davor! Ich werde dort ganz alleine sein! Ich kenne dort niemanden! Und ich habe keine Ahnung, welche Herausforderungen auf mich zukommen werden.

Glücklicherweise habe ich Suriyel!

Nachdem ich am Vortag mit meinem, bis oben hin voll beladenen, Crafter aus Bayern zu ihm nach Berlin gekommen bin und bei ihm übernachtet habe, brechen wir am nächsten Morgen – einem sonnigen Sonntag – auf in die Mecklenburgische Seenplatte.

Genauer gesagt: Erst breche ich in meinem Crafter auf, eine Stunde später folgt mir Suriyel in seinem Toyota.

Dehalb stehe ich – nach zwei Stunden Fahrtzeit – alleine vor dem hohen grünen Tor. Das lässt sich über Funk öffnen und schließen.

Ein Fakt, der Suriyel entzückt – und mich in den Wahnsinn treibt!

Denn das Tor ist zickig: Wenn es nicht mit der angemessenen Sorgfalt und Konzentration bedient wird, streikt es.

Zumindest bei mir.

Bei Suriyel funktioniert es immer…

Diesmal habe ich Glück. Kurz zucken die beiden Flügel des Tors, nachdem ich mit angehaltenem Atem auf den Knopf der Fernbedienung gedrückt habe, dann öffnen sie sich in eleganter Synchronizität und geben die Durchfahrt frei.

Mit zitternden Knien klettere ich in den Crafter, fahre auf den Schotterweg und parke zwischen Haupteingang und Weiher.

Inzwischen hat es zugezogen. Die Äste der Kirschbäume am Weiher – schwer beladen mit unreifen Früchten – biegen sich im Wind.

Ich rutsche vom Fahrersitz und schaue mich um: Pfarrhaus, Ställe, Werkstatt, Weiher, Wiese, Obstbäume – das alles gehört mir!

Es ist unglaublich!

Benommen wandere ich durch hüfthoches Gras über das Gelände. Schwalben schießen durch die zerborstenen Fenster des Stalls. Ein Milan schwebt über dem Dach des Haupthauses, in der alten Ulme an der Grundstücksgrenze erklingt das schrille Rufen eines Falken.

Als ich meinen Rundgang beendet habe und wieder beim Weiher angekommen bin, fährt Suriyel vor.

Während ich benommen von Natur und Stille bin, beschäftigt ihn ein praktisches Thema: Funktioniert die Heizung? Das Haus stand zwei Jahre leer, der Makler wusste von nichts.

Nachts hat es hier auch Anfang Juni noch weniger als zehn Grad.

Deshalb führt Suriyels erster Weg zur Heizung. Die ist in einem hölzernen Anbau hinter dem Haupthaus untergebracht.

Kurz darauf taucht er wieder in der Wohnung auf. Die Gastherme funktioniert, erklärt er mir. Aber die Solartherme heizt nicht!

Ich folge ihm nach draußen und sehe ihn in Richtung Werkstatt laufen. Auf deren Dach befinden sich die Module der Solartherme.

Suriyel muss hoch. Aber die Leiter, die er kurz darauf aus der Werkstatt schleppt, ist zu kurz. Es fehlen etwa zwei Meter.

„Ich brauche deinen Autoschlüssel!“

„Heute ist Sonntag!“, erkläre ich ihm in der Annahme, er wolle eine längere Leiter besorgen.

Unwirsch schüttelt er den Kopf. Ich drücke ihm meinen Schlüsselbund in die Hand und sehe ihm dabei zu, wie er in den Crafter klettert, den Motor startet und meinen Transporter neben der Werkstattwand parkt.

Es dauert keine zwei Minuten, dann steht er auch schon auf dem Dach des Crafters, zieht die Leiter hoch, lehnt sie an die Wand der Werkstatt und klettert auf das Dach.

Dort macht er sich an der Solartherme zu schaffen. Zwei Mal noch klettert er rauf und runter, dann verschwindet er wieder im Heizungsanbau.

Kurz darauf taucht er wieder in der Wohnung aus. „Das Kabel vom Sensor war durchgebissen. Aber jetzt läuft sie wieder.“

Zufrieden führt er mich in den Heizungsraum. Ich stehe vor zwei riesigen Tanks, diversen digitalen Anzeigen, einem großen roten Heizkessel und vielen Rohrleitungen.

Ich finde: es sieht beängstigend aus.

Suriyel findet: es sieht super aus!

„Da!“, ruft er zufrieden. „Die Therme heizt!“

Ich bin erleichtert, auch wenn ich keine Ahnung habe, woran er das erkennt.

Bevor sich Suriyel dem wichtigsten Teil der Heizanlage – der Holzscheitheizung – widmet, trägt er den Inhalt meines Crafters in die Wohnung: ein großes Bauernbett, Matratzen, Lattenroste, Kisten mit Kleidung, Bettwäsche, Geschirr…

All das, was ich den letzten Monaten besorgt hatte, als ich – ohne festen Wohnsitz – bei Freunden in Bayern untergekommen war.

Meine Besitztümer wurden währenddessen von der Spedition eingelagert. Nur zehn Kilometer vom Pfarrhof, in der Kreisstadt. Trotzdem fand die Umzugsfirma keinen zeitnahen Termin, um meine Sachen vorbeizubringen.

Ich muss mich bis in einer Woche gedulden.

Zu meiner Erleichterung stellt sich heraus, dass trotzdem alles da ist, was wir brauchen!

In meinem neuen Zimmer baut Suriyel das hölzerne Bauernbett auf, das mir die bayerischen Freunde geschenkt haben. Großzügigerweise mit Lattenrosten und Matrazen!

Der große dunkelbraune Holztisch, den ich einem Bestatter in Hof in der Oberpfalz abgekauft habe, passt perfekt in die Küche.

Dort befindet sich zu meiner Erleichterung nicht nur die Einbauküche des Vorbesitzers, sondern auch jede Menge Geschirr und Töpfe.

Während ich das Abendessen richte, wird es in der Küche spürbar wärmer.

Suriyel hat das Feuer in der Holzscheitheizung geschürt!

Ich freue mich auf einen ruhigen ersten Abend in meinem neuen Zuhause.

Aber das kann ich vergessen!

Nach dem Abendessen breitet Suriyel einen Stapel Bedienungsanleitungen vor mir auf der Tischplatte aus. Morgen fährt er zurück nach Berlin. Bis dahin muss ich verstanden haben, wie die Heizung funktioniert!

Ich nicke brav zu allen seinen Ausführungen, starre interessiert auf die Skizze, die er für mich zeichnet, aber meine doofen Fragen entlarven mein Unverständnis.

Suryiel seufzst schwer: „Jetzt gehst du ins Bett und morgen üben wir das mit der Heizung so lange, bis du das alleine hinbekommst.“

Kühlschrank

Begleitet vom Klappern eines alten Kühlschranks im Laderaum meines Crafters kurve ich seit Wochen quer durch Deutschland…

Am 6. März beseitige ich – beschienen von einer freundlichen Frühlingssonne – die letzten Spuren meines Auszugs aus der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg.

Am Ende ist der Laderaum des Transporters leer – bis auf einen alten Kühlschrank. Mit dem fahre ich seit Ende Januar quer durch die Republik spazieren.

Dabei wollte ich überhaupt keinen Kühlschrank!

Ich verdanke ihn Suriyel: Der hat sich zu Beginn unseres dreiwöchigen Retreats mit der Khandro in den Kopf gesetzt, dass ein Kühlschrank angeschafft werden muss. https://www.water-runs-east.eu/bedingungen/

Die Tormas – die rituellen Opferkuchen für die Zeremonien – mussten gekühlt werden! Und überhaupt wäre der Kühlschrank in der Gruppenküche zu klein.

„Glücklicherweise haben wir ja jetzt deinen Crafter!“, erklärt Suriyel mir am Vortrag des ersten Retreats. „Damit können wir nach Potsdam fahren und einen Kühlschrank besorgen!“

„Wir“ deshalb, weil Suriyel nicht versichert ist. Ich muss also mit.

Dazu, finde ich, gäbe einiges zu sagen. Aber wenn Suriyel sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos.

Ergeben reiche ich ihm den Autoschlüssel – wenn er schon nach Potsdam will, soll er selbst fahren – und erklimme den Beifahrersitz.

Während wir über holprige Landstraßen in Richtung Potsdam kutschieren, versuche ich herauszufinden, was er genau vor hat.

„Du willst also für gerade mal drei Wochen Retreat einen neuen Kühlschrank kaufen? Und was machst du mit dem, wenn das Retreat zu Ende ist?“

„Dann spende ich den Kühlschrank dem Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain. Die brauchen auch einen für die Tormas!“

„Hast du gefragt, ob die den haben wollen?“

Hat er natürlich nicht…

Wie gesagt: wenn Suriyel sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos. Der Kühlschrank wird gekauft werden, ob ich das für sinnvoll halte, oder nicht.

Während Suriyel im Kreisverkehr die dritte Abfahrt nimmt und in die Bundesstraße in Richtung Potsdam einbiegt, überlege ich, ob sich zumindest Details seines Plans modifzieren lassen.

Suriyel ist super sparsam! Viel sparsamer als ich…

„Warum muss es unbedingt ein neuer Kühlschrank sein? Für die drei Wochen würde es doch auch ein gebrauchter tun? Das wäre viel billiger!“

„Das stimmt. Aber ich hatte keine Zeit, zu suchen.“

Noch fünfundvierzig Minuten bis Potsdam, sagt das Navi.

Ich beschließe, die Herausforderung anzunehmen. Es wird sich doch wohl innerhalb einer dreiviertel Stunde ein gebrauchter Kühlschrank auftreiben lassen?

Hektisch rufe ich die EBay-App auf und tippte „Kühlschrank“ und „Potsdam“ ein. Kühlschränke in allen Größen und Preisklassen ploppen auf.

Nein, Suriyel will keinen von Ikea! Wenn schon gebraucht, dann ein Markengerät! Ich unterdrücke ein genervtes Stöhnen und scrolle tiefer.

Da! Ein Miele-Kühlschrank! Für 50 Euro!

„Miele ist gut!“, wird mir vom Fahrersitz beschieden.

Die Anzeige läuft unter „gewerblich“, deshalb ist sogar eine Telefonnummer angegeben.

Der Anbieter spricht nur gebrochen Deutsch, deshalb dauerte es etwas, bis ich verstehe, dass er dringend zum Zahnarzt muss! Spätestens in zehn Minuten müsse er los!

Ich tippte die Adresse ins Navi.

„Wir sind in zwanzig Minuten da!“, dränge ich. „Wir zahlen in bar und nehmen den Kühlschrank sofort mit, wenn er okay ist!“

Nachdem ich das Gespräch beendet habe, kann ich Suriyel Vollzug melden: „Er wartet auf uns!“.

„Ich habe kein Bargeld dabei!“, kommt es zurück.

„Ich schon.“

Und so kommt es, dass wir zwanzig Minuten später von einem, von Zahnweh gequältem, Afghanen in den Keller eines Potsdamer Plattenbaus geführt werden.

Dort präsentierte er uns einen ältlichen, mit Priel-Blumen dekorierten, Miele-Kühlschrank. Nicht eingesteckt, natürlich. Es gibt auch weit und breit keine Steckdose. Eile tat Not – der arme Mann musste schließlich zum Zahnarzt – deshalb beschließen wir, nicht lange zu fackeln und den Kühlschrank einfach mitzunehmen.

Suriyel und der Afghane tragen den Kühlschrank die Treppen hoch, über den Gehweg zum Crafter und hieven ihn hinein.

Während Suriyel den Kühlschrank im Laderaum sichert, drücke ich dem Verkäufer auf dem Gehweg fünfzig Euro in die Hand, wünsche viel Glück beim Zahnarzt und baldige Genesung!

Die späte Nachmittagssonne lässt die Wasserflächen von Flüssen und Seen leuchten. Ein erster Hauch von Frühling liegt in der Luft.

Es ist ein wunderschöner Tag, stelle ich fest, während wir quer durch das Havelland zurück zum Yoga-Ressort fahren.

Es ist der Tag, an dem ich aus Versehen einen Kühlschrank gekauft habe!

Suriyel sei Dank!

Nach unserer Rückkehr beschäftigt mich der Gedanke, was ich mit dem Kühlschrank anfangen soll, wenn das Retreat zu Ende ist?

Im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain wollen sie ihn nicht haben, vielen Dank der Nachfrage…

Vier Tage nach dem spontanen Kühlschrank-Kauf erhalte ich die Zusage, dass ich das Alte Pfarrhaus in der Mecklenburgischen Seenplatte kaufen und daraus ein Buddhistisches Seminarhaus machen kann. https://www.water-runs-east.eu/retreathaus/

Damit habe nicht nur ich, sondern auch der alte Miele-Kühlschrank seinen Bestimmungsort gefunden…

Notartermin

Nach Monaten des Wartens ist es endich so weit: An einem sonnigen Märztag breche ich auf, um den Historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte zu kaufen…

Die Nacht vom 02. auf den 03. März verbringe ich auf Suriyels Küchensofa im 9. Stock eines Plattenbaus irgendwo im Osten Berlins. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Denn ich habe in Berlin kein Zuhause mehr. Genauer gesagt: ich habe überhaupt kein Zuhause mehr…

Mitte Februar bin ich aus der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg ausgezogen. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Die Umzugsfirma hat mein Hab und Gut eingelagert. Ich bin bei Freunden in Bayern untergekommen.

Vorübergehend.

Deshalb bin ich froh, dass Suriyel mich bei sich aufnimmt. Ich darf am Sonntag, dem 02. März im Buddhistischen Zentrum von Berlin-Friedrichshain Lhosar – Tibetisches Neujahr – feiern und verbringe einen wunderbaren Tag mit meiner Sangha.

Und es gibt wahrhaftig etwas zu feiern: Das Jahr des „Holz-Drachen“ ist glücklich überstanden!

Mir hat der hölzerne Drache dramatische zwölf Monate geschenkt: Zu seinem Beginn – Ende Februar 2024 – zog ich nach Berlin in die Spirituelle WG. https://www.water-runs-east.eu/prenzlauer-berg/

Im September 2024 organisierte ich dort die erste Veranstaltung des neu gegründeten „Zentrums für Praktische Spiritualität“. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Zwei Wochen später träumte ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus mit Weiher. Am nächsten Morgen fand ich die Immobilienanzeige dazu. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Karma, Baby…

Herbst und Winter waren rocky – um es milde auszudrücken. Ich beerdigte sämtliche Lebenspläne, litt an Angstzuständen und einer heftigen Identitätskrise und legte mir ein riesiges Baufahrzeug zu. https://www.water-runs-east.eu/crafter/

Während der ganzen Zeit war offen, ob ich das Pfarrhaus kaufen konnte, oder nicht.

Ende Januar erhielt ich die Zusage, dass ich es kaufen, und daraus ein buddhistisches Seminarhaus machen durfte.

Und heute, am 03. März – pünktlich zu Beginn des Jahres der „Holz-Schlange“ – mache ich mich auf dem Weg in die Kreisstadt in der Mecklenburgischen Seenplatte, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen.

Nach dem Frühstück und der Morgenpraxis verabschiede ich mich von Suriyel, ziehe seine Wohnungstür zu und nehme den Aufzug ins Erdgeschoss.

Zwei Stunden Fahrtzeit liegen vor mir.

Der Crafter zuckelt durch Lichtenberg. Stop and go durch Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Moabit.

Zwanzig Minuten Autobahn, dann Bundesstraße. Kilometerlange Alleen, die alten Bäume links und rechts der Straße sind noch winterkahl.

Auf den Feldern sprießt das erste Grün. Darauf immer wieder Vogelschwärme auf der Suche nach Futter: Silberne Reiher, weiße Reiher, Störche, Gänse.

In den Dörfern links und rechts der Bundesstraße rote Backsteinhäuser.

Schön ist es hier. Und fremd.

Zur Mittagszeit erreiche ich die Kreisstadt. In der Innenstadt drei Parkhäuser, ansonsten nur Kurzparkzonen. In einer ruhigen Seitenstraße endlich ein Parkplatz, groß genug für den Crafter.

Zwei Stunden bis zum Notartermin. Ich wandere durch die gesichtslose Fußgängerzone.

Der Himmel hat zugezogen. Eisige Windböen jagen durch die breiten Straßen.

Auf einem leeren Platz eine riesige rote Backsteinkirche. Hier gibt es keine Gottesdienste, entnehme ich der Infotafel, dafür Konzerte, Cabarett-Abende und Musical-Aufführungen.

Die Kirche ist im gleichen Baustil wie mein Pfarrhaus erbaut. Sie ist allerdings ein paar Jahrzehnte jünger: Einweihung 1841.

Mein Pfarrhaus ist etwa 1750 erbaut worden. Am Ende des Barock.

Fröstelnd überquere ich den großen menschenleeren Platz, wandere durch ein historisches Stadttor, kreuze den Innenstadtring und betrete das Büro der Notarin.

Der Makler erhebt sich bei meinem Anblick vom Stuhl im Wartezimmer und schüttelt mir die Hand. Er wird im Auftrag der Besitzer den Kaufvertrag unterschreiben.

Ich gebe meinen Ausweiß am Empfang ab.

Der Makler und ich werden in einen Konferenzraum geführt. Die Notarin ist Ende dreißig, groß, blond und schön. Nach einer kurzen Begrüßung rattert sie mit leiernder Stimme fünfzehn Seiten Kaufvertrag hinunter.

Der Makler unterschreibt zuerst, dann reicht er den Kugelschreiber über den Tisch.

Ich denke und fühle nichts, als ich meinen Namen auf die letzte Seite des Dokuments setze.

Auf dem Gehweg überreicht mir der Makler eine Plastiktasche. Darin: Ein leerer Ordner für meine Haus-Unterlagen und drei Gläser Honig vom örtlichen Imker.

Er drückt mir zum Abschied die Hand. „Da haben sie einen guten Kauf getan!“, erklärt er mir, bevor er in Richtung Innenstadt verschwindet.

So wird es wohl sein.

Kastanienallee

Ich darf mit Maktiel einen letzten schönen Tag am Prenzlauer Berg verbringen und bekomme eine wilde Zeit-Geschichte erzählt…

Den Tag, an dem ich mich von meinem Leben als Berlinerin verabschiede, verbringe ich mit Maktiel.

Mit ihrer gelben Strickmütze über den kurzgeschorenen Haaren steht sie am frühen Nachmittag an der Prenzlauer Allee vor einem koreanischen Ladenlokal.

Nachdem wir uns begrüßt haben, muss ich erst einmal mein Fahrrad absperren. Ich ziehe mein zwei Kilo schweres 150€-Schloss aus dem Rucksack. Mit dem Profi-Blick der Alt-Berlinerin hat Maktiel ein stabiles Verkehrschild am Straßenrand ausgemacht: „Das da drüben sieht gut aus!“

Inzwischen bin ich geübt. Ich schaffe es innerhalb weniger Sekunden, das unhandliche Schloss um Pfosten und Fahrradrahmen zu schieben und abzusperren. Das ist in etwa die selbe Geschwindigkeit, in der in Berlin Fahrräder geklaut werden.

Seit ich in die Stadt gezogen bin, lasse ich mein Fahrrad niemals unbeaufsichtigt, wenn ich es nicht mit meinem Monster-Schloss an einem stabilen Gegenstand fixiert habe. Nicht mal für zwei Minuten beim Bäcker mache ich eine Ausnahme. Berliner common sense…

Im Koreanischen Ladenlokal ergattern wir einen winzigen Tisch vor der Theke. Selbstbedienung. Die bunt tätowierte Frau hinter der Kasse bittet um eine Bestellung in Englisch. Während draußen Nieselregel auf dem Prenzlauer Berg niedergeht, löffeln Maktiel und ich Bibimbap.

Eine Stunde später wandern wir gemeinsam durch den Kiez. Vorbei an der Gethsemane-Kirche schiebe ich mein Fahrrad, danach über den Weihnachtsmarkt in den Höfen der Kulturbrauerei. Wir kreuzen die Schönhauser Allee. Über unseren Köpfen rauscht auf hohen Metallstelzen die U-Bahn in Richtung Alexanderplatz.

In der Kastanienallee reiht sich ein Szene-Laden an den anderen. Öko-Klamotten, schicker Krims-Krams, cross-over Restaurants in allen Schatierungen – vorzugsweise vegan.

An einem sympathisch stabilen Fahrradständer in der Oderberger Straße schließe ich mein Rad ab. Maktiel lotst mich in ein schlecht geheiztes Café, in dem Christbaumkugeln von der Decke baumeln. Auf einem durchgesessenen Sofa essen wir Buttermilchwaffeln mit Zimt-Zucker und unterhalten uns über das, was uns beiden am wichtigsten ist: Meditation, Praxis, Retreats…

Am Nebentisch sitzt eine schöne Frau „of color“ mit dicken Dreatlocks. Sie stillt ihren Sohn, während sie sich in breitem Amerikanisch bei einer asiatisch aussehenden Frau über die hohen Lebenshaltungskosten in New York beklagt. Später kommt der Vater dazu – ebenfalls mit prächtigen Dreatlocks unter der Strickmütze – und wird von seinem Sohn begeistert begrüßt.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Maktiel und ich brechen auf in Richtung Szene-Kino. Wir wollen „No other Land“ anschauen. Der Film über ein palästinensisches Dorf im Westjordanland hat die Auszeichnung „bester Dokumentarfilm“ der Berlinale gewonnen.

Unterwegs erzählt mir Maktiel, wie sie vor einigen Jahren erst knapp einen Selbstmordanschlag in Jerusalem überlebte, danach im Schockzustand in einen Bus flüchtete und sich in Bethlehem wiederfand. Später kletterte sie, von jüdischen Siedlern mit Müll beworfen, über Hebrons Hausdächer und passierte Straßensperren des israelischen Militärs.

Der Vorraum des Kinos ist vage beleuchtet. Der schmale Mann hinter dem Tresen schüttelt bedauernd den Kopf, als wir nach zwei Tickets für „No other Land“ verlangen.

„Der ist schon ausverkauft.“

Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Mittwochabends um 18:15 Uhr? Wie kann das sein?

„Wir haben nur zweiundreißig Plätze. Die sind schnell weg.“ Der Mann hinter dem Tresen zuckt bedauernd die Schultern. „Er läuft noch bis Ende Dezember.“

Schlagartig bin ich das erste Mal mit „nach Berlin“ konfrontiert. Ich weiß nicht, ob ich im Dezember in der Stadt sein werde. Meine „In Between Phase“ hat hier und jetzt begonnen…

Eine Stunde später bin ich wieder in meinem WG-Zimmer. Zuvor habe ich die Kündigung für meinen Mietvertrag im Späti um die Ecke aufgegeben. Per Einwurf-Einschreiben, damit alles seine Richtigkeit hat. Morgen wird sie im Briefkasten vor der Haustür liegen.

Meine Zeit in Berlin geht hier und jetzt zu Ende.

Was schade ist. Es gefällt mir hier.

Oder besser: es hat mir hier gefallen…

Ahnen

Der Kauf des alten Pfarrhauses ist ein langwieriger Prozess. Die Zeit des Abwartens bringt mich mit überkommenen Glaubenssätzen in Berührung…

Foto von MoFei

Nach aufregenden Wochen, in denen sich die Ereignisse geradezu überschlugen, kehrt Anfang November Ruhe ein. Einiges muss geklärt werden, bevor ich das Pfarrhaus kaufen kann. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Es bleibt mir nichts, als abzuwarten und mich in Geduld zu üben.

Ich versuche, die Situation als Geschenk zu nehmen: jetzt kann ich endlich in der Tiefe darüber nachdenken, was eigentlich seit dem 24. September – der Nacht, in der ich von dem Pfarrhaus geträumt habe – mit mir und meinem Leben geschehen ist. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Das habe ich auch bitter nötig. https://www.water-runs-east.eu/schock/

„Jedesmal wenn wir uns sehen, erzählst du mir mindestens zwei Mal die Story vom Pfarrhaus“, konstatiert Israfel freundlich. „Man merkt, dass du die ganze Zeit versuchst, dir einen Reim daraus zu machen.“ https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Wie gut, dass ich kluge – und geduldige – Freunde habe!

Allen ist nachvollziehbar, dass mich der Gedanke, die Verantwortung für ein sanierungsbedürftiges denkmalgeschütztes Ensemble zu tragen, einschüchtert.

Dass ich plane, alleine in dem riesigen alten Pfarrhaus zu leben, finden alle „mutig“.

Meine Trauer darüber, dass meine unbeschwerte Zeit in Berlin ein schlagartiges Ende gefunden hat, wird von allen nachempfunden.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass niemand versteht, was gerade mit mir los ist – inklusive ich selbst!

Blind tastend bewege ich mich durch meine Gedanken- und Gefühlswelt. Mir ist, als wäre ich unversehens auf einem unbekannten Planeten gelandet!

Dass ich mir selbst ein komplettes Rätsel bin, kränkt mich.

Wo ich doch immer so wunderbar selbstreflektiert bin! Meditiere, psychologisiere – immer auf der Jagd nach den Schatten meiner Persönlichkeit! https://www.water-runs-east.eu/eins-mein-teufel/

Und gerade als ich dachte, ich hätte einen Lebensstil und ein Lebensumfeld gefunden, das perfekt zu mir passt – Päng!!!!

Irgendwas ist ganz offensichtlich schief gelaufen…

Ich komme zu dem Schluss, dass es auf folgendes Problem hinausläuft: entweder ich habe mich in meinem alten Lebenskonzept getäuscht – oder ich täusche mich jetzt in meinem neuen!

Moment mal: Kann es sein, dass ich mich gerade von einer falschen Dichotomie narren lasse?

Dass ich unter der irrigen Vorstellung leide, mein alter und mein neuer Lebensentwurf würden sich gegenseitig ausschließen?

Dass ich irgendwo in der Tiefe die Überzeugung mit mir herumtrage, dass ich mich von meinem alten Ich verabschieden muss, damit ich meiner zukünftigen Lebensaufgabe gewachsen sein werde?

Das ist doch wohl Unfug?!

Was spricht dagegen, auch in Zukunft sonntägliche Praxistage im chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu verbringen? Hinterher den Australiern des „Salami-Social-Club“ in der Frankfurter Allee dabei zuzusehen, wie sie zu Punkrock Pizza backen?

Und mit einem Pizzakarton auf dem Beifahrersitz zum Pfarrhaus in die Mecklenburgische Provinz zurückzukehren?

Gut: Fahrtstrecke 100 Kilometer. Nicht um die Ecke, aber bewältigbar.

Es geht weniger um den Aufwand, stelle ich fest, sondern um ein bestimmtes Konzept:

Irgendwie scheine ich die Wirklichkeit unter der Prämisse zu betrachten, dass es nicht möglich ist, Verantwortung zu tragen – und gleichzeitig entspannt Spaß zu haben!

Wo ich die Idee wohl herhabe?

Ich vermute, es handelt sich um eine traditierte transgenerationale familiäre Weisheit.

Oder wohl besser: um eine Angstbewältigungsstrategie…

Meine aktuelle Arbeitshypothese ist, dass der Glaubensatz, der mir – sicher in bester Absicht – mitgegeben wurde, in etwa lautet: „Wenn du Besitz hast, musst du Tag und Nacht arbeiten und darfst dich niemals entspannen und Spaß haben, sonst wirst du zur Strafe alles verlieren!“

Kein Wunder, dass ich so verzweifelt von der Aussicht bin, das Pfarrhaus zu kaufen!

Dabei ist in meiner Familie meines Wissens nach noch nie jemand verarmt!

„Genau deshalb!“, rufen mir meine Ahnen zu. „Weil wir uns nie entspannt haben! Weil wir immer auf der Hut waren!

Es ist wohl an der Zeit, ein neues Kapitel der Familiengeschichte zu beginnen…

Totensonntag

Das sonntägliche Rauchopfer im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain bekommt spontan eine protestantische Note…

Um dreizehn Uhr sind wir mit der „Grünen Tara“ – dem ersten Teil unserer wöchentlichen Sonntagspraxis – durch. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Wie immer haben wir knapp zwei Stunden dafür gebraucht. Denn wir praktizieren die Grüne Tara in der langen tibetischen „Tempel-Version“ und nicht in der – im Westen üblichen – verkürzten Weise.

Trotz der Länge und Komplexität unserer Praxis – und der Tatsache, dass es im ungeheizten Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain im Winter ungemütlich kalt ist – haben sich heute wieder dreizehn Leute eingefunden, um gemeinsam zu rezitieren, zu singen und zu meditieren.

Nachdem wir fertig sind, versichern wir uns gegenseitig, was wir doch wieder einmal für eine schöne gemeinsame Praxis hatten! Danach flüchten die anderen in die gemütliche Teestube des Zentrums, in der die Heizkörper glühen.

Israfel und ich machen einen Abstecher in die Küche, die sich in einem Nebengebäude befindet. Wir wärmen die Gemüsesuppe mit den bayerischen Semmelknödeln auf, die wir beide gestern fabriziert haben. https://www.water-runs-east.eu/hausmannskost/

Als in der Teestube alle vor ihren dampfenden Tellern sitzen, breitet sich Schweigen über dem Tisch aus. Wir falten die Hände, Suriyel spricht das kurze tibetische Tischgebet.

Während der Mahlzeit diskutieren wir das anstehende Programm. Suryiel möchte ein „kleines“ Rauchopfer in einer Schale machen, anstelle des üblichen Feuers auf der Terrasse. Zu Schulungszwecken. Er hat – erklärt er uns – eine neue unkomplizierte Methode entdeckt, den Instant-Powder ohne Räucherkohle zu opfern. Die möchte er heute präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Kurz überlege ich, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch?

„Widerspruch!“, befiehlt mir meine intuitive Innere Stimme.

„Ach komm, Suriyel!“, rufe ich deshalb aus. „Mach ein Feuer! Bitte!“

„Ich mache doch ein Feuer! Ein ganz kleines!“, kommt es zurück.

„Du weißt genau was ich meine! Ich möchte ein großes! In der Feuerschale!“ Dazu setze ich einen erstklassigen Hunde-Blick auf.

Jetzt ist es an Suriyel zu überlegen, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch.

Er entscheidet sich für Akzeptanz. „Ja, gut. Wenn du das willst. Machen wir halt ein großes Rauchopfer.“

Alle am Tisch schauen erfreut. Anscheindend hat sich außer mir nur keiner getraut, Suriyel zu widersprechen.

Bevor wir im Tempel alles für das Rauchopfer vorbereiten, spüle ich mit einer Dharma-Schwester das schmutzige Geschirr. „Weißt du, das heute Totensonntag ist?“, fragt sie mich währenddessen.

„Nein, wusste ich nicht. Ich bin katholisch. Bei uns sind das Allerheiligen und Allerseelen. Die waren schon am 1. und 2. November.“

Die Dharma-Schwester versenkt den nächsten Suppenteller im Spülwasser. „Meine Mutter ist evangelisch. Der ist Totensonntag wichtig. Da rufe ich sie immer an.“

Auf dem Weg in den Tempel komme ich an einem Dharma-Bruder vorbei. Der steht im Flur und spricht besänftigtend ins Telefon.

Kurz darauf lässt er sich auf dem Meditationskissen zu meiner Rechten nieder. „Wusstest du, das heute Totensonntag ist?“

„Ja. Aber nur, weil es mir gerade gesagt wurde. Ich bin katholisch.“

Der Dharma-Bruder seufzt. „Ich habe es vergessen! Dabei ist meine Oma vor ein paar Wochen gestorben! Heute wurde im Gottesdienst ihr Namen verlesen, weil Totensonntag ist, und meine Mutter war ganz aufgelöst, weil ich nicht angerufen habe!“ Es ist dem Dharma-Bruder anzusehen, wie unglücklich er über die Situation ist.

Ich überlege, wie wir ihm beistehen können. „Sollen wir das Rauchopfer für deine Oma machen? Wo sie doch gerade gestorben ist?“

„Sie ist schon im August gestorben!“

Ja, gut, das ist deutlich länger als die 49 Tage, die Verstorbene im Bardo – dem Zwischenreich von Leben und Tod – verbringen. So wird es im tibetischen Buddhismus gelehrt. Außerdem praktiziert man für Verstorbene nicht Riwo SangChöd – das Rauchopfer, das wir gleich machen werden – sondern Sur. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Egal! „Wir sind flexibel!“, erkläre ich dem Dharma-Bruder. „Wir können trotzdem Rauchopfer für deine Oma machen.“ Maktiel, die an der großen Trommel Platz genommen hat, lacht belustigt auf.

„Es ist eher… Meine Mutter…“

Der Dharma-Bruder macht sich erkennbar weniger Sorgen um die Wiedergeburt seiner Oma, als um das Wohlbefinden seiner Mutter. Es ist doch gut, dass wir kein Sur, sondern ein Riwo Sangchö machen werden, denke ich. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

„Wie heißen denn deine Oma und deine Mutter?“

„Hildegard und Hannelore.“

Während wir über Oma und Mutter diskutieren, wurden die Vorbereitungen für das Rauchopfer abgeschlossen. Die Feuerschale, in der das Holz kunstvoll zu einem Turm aufgeschichtet ist, steht auf der Terrasse des Tempels. Davor sind auf einem Tischchen die Opfergaben aufgereiht.

Suriel zündet den Holzstoss an. Begleitet von lautem Knistern zucken die ersten Feuerzungen in die Höhe.

Dann kommt er zu uns und nimmt auf dem Meditationskissen zu meiner Linken Platz.

„Wir machen heute Sang für Hildegard und Hannelore! Das sind die verstorbene Oma und die Mama von …“, erkläre ich ihm. „Weil heute Totensonntag ist!“

Suriyel versteht erkennbar kein Wort. „Wir machen immer Sang für alle!“

„Für alle – und heute ganz besonders für Hildegard und Hannelore! Du musst es auch sagen, damit es wirkt!“

Suriyel weiß immer noch nicht, was gerade los ist, nickt aber ergeben. „Gut, dann machen wir heute Sang für alle und ganz besonders für Hildegard und Hannelore!“ Er kämpft hörbar mit den ungewohnten deutschen Namen.

„Weil Totensonntag ist.“

Das ignoriert er. Als Pole, denke ich, weiß er vermutlich nicht einmal was ‚Totensonntag‘ ist. „Das ist wie ‚Allerheiligen‘ und ‚Allerseelen‘ für Protestanten!“, schiebe ich schnell hinterher.

Auch das sagt ihm erkennbar nichts. Leider weiß ich nicht, wie die Feiertage auf Polnisch heißen.

Suriyel ist es egal. Er schlägt den Gong und stimmt das erste Sutra an. Während die Flammen in der Feuerschale höher und höher steigen und die Hitze die feuchten Terrassenbohlen dampfen lässt, nehmen wir Zuflucht, entwickeln Bodhichitta und laden die Gäste ein.

Die Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Dakinis, alle Naturgeister, Tiere, Menschen und alle anderen sichtbaren und unsichtbaren Wesen, mit denen wir in Verbindung stehen.

Und Hildegard und Hannelore…

Als wir bei der Opferung angekommen sind, steht Suriyel auf, geht zur Terrasse und wirft die Opfergaben in die Flammen.

Weißer Rauch steigt aus der Feuerschale auf und windet sich wie eine dicke Schlange in den grauen Herbsthimmel.

Auf Israfels Vorschlag hin singen wir, nachdem wir mit dem Rauchopfer durch sind, noch drei Mal das Dewa Chen Gebet für eine glückliche sofortige Wiedergeburt von Hildegard und Hannelore.

Hinterher sitzen alle auf ihren Kissen und sind geradezu betäubt vom Ritual. Nie zuvor haben wir ein solch perfektes Rauchopfer hinbekommen als das heutige am Totensonntag! Das Feuer, der Rauch, die Musik der Instrumente, unser Gesang – alles war genau so, wie es sein soll.

„Ich bin mir sicher, dass davon etwas bei deiner Oma und deiner Mutter angekommen ist!“, flüstere ich dem Dharma-Bruder zu meiner Rechten zu.

Der nickt. „Ganz sicher! Ich werde gleich meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass wir für sie und Oma gebetet haben. Sie wird sich sehr darüber freuen!“ Damit steht er auf und eilt – sein Handy aus der Jackentasche ziehend – aus dem Tempel.

Retreathaus

Israfel recherchiert, dass das Pfarrhaus, dass ich durch einen Traum gefunden habe, ein wunderbarer Ort für Retreats sein könnte…

Ende September träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus und finde am nächsten Morgen eine stimmige Makler-Annonce. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mehr als die Anzeige an ein paar Freunde weiterzuleiten, bringe ich nicht mehr zustande, bevor ich mich auf mein Meditationskissen rette. Ich stehe regelrecht unter Schock. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Zum Glück habe ich Israfel! https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Während ich verzweifelt versuche, mein hysterisches Ego zu besänftigen, geht der die Sache systematisch an. https://www.water-runs-east.eu/katastrophen-modus/

Mittags ruft Israfel an, um mich über die Ergebnisse seiner Recherche zu informieren. Fazit: So wie es aussieht, habe ich ein ziemlich perfektes Retreathaus herbeigeträumt!

Das Haus liegt 100 Kilometer von Berlin entfernt. Für die große buddhistische Community der Stadt eine akzeptable Distanz. Zumal es in und um Berlin kein buddhistisches Retreathaus gibt. Wer in der Hauptstadt der BRD ein Retreat machen möchte, muss im Moment nach Hamburg oder Nordrhein-Westfalen fahren.

Innerdeutsche Gäste des Pfarrhauses könnten den ICE nach Berlin nehmen. Gäste aus dem Ausland via BER einfliegen.

Die Verkehrsanbindung von Berlin ist ausgezeichnet, erklärt mir Israfel weiter: Alle zwei Stunden fährt ein Regionalzug von Berlin-Gesundbrunnen innerhalb von neunzig Minuten bis zum Bahnhof des Nachbarorts. Von dort bis zum Pfarrhaus sind es fünf Kilometer. Die könne man notfalls laufen, findet Israfel. Denn der Bus fährt nur dreimal am Tag. Alternativ gibt es am Bahnhof ein Taxiunternehmen. Fünf Kilometer kosten nicht die Welt.

Mit dem Auto sind es von Berlin knappe zwei Stunden. Das Pfarrhaus ist nur über Landstraßen zu erreichen. Das ist ein kleiner Wehrmutstropfen, aber auch der Grund dafür, dass ich mir das Pfarrhaus leisten kann. Läge es innerhalb der „Ein-Stunden-Grenze“ von der Hauptstadt entfernt, wäre es unbezahlbar.

Nachdem der durchschnittliche Berliner Buddhist eh kein Auto hat, sind das theoretische Überlegungen.

Für alle Gäste aus anderen Ecken Deutschlands, die über ein Auto verfügen und ins Pfarrhaus kommen wollen, liegt die nächste Autobahnabfahrt fünfzehn Kilometer entfernt, referiert Israfel.

Ich bin beeindruckt: Er hat an alles gedacht! Und dabei hat er nicht mal einen Führerschein!

Als er mit seinen Ausführungen zu Ende ist, muss ich Israfel zustimmen: Für ein Retreathaus läuft das definitiv unter „gut erreichbar“.

Denn es liegt in der Natur von Retreathäusern, abgelegen zu sein. Sie sind Orte des Rückzugs und der Kontemplation. Dafür braucht es Abgeschiedenheit.

Zu abgeschieden ist aber auch nicht gut: Die Gäste müssen ja irgendwie an- und wieder abreisen.

Die Lage des alten evangelischen Pfarrhauses ist ein guter Kompromiss, finden Israfel und ich: Am Rande eines kleinen Dorfes gelegen, ist es nicht völlig abgeschieden, aber dafür kommt man problemlos und kostengünstig hin. Berliner Buddhisten haben für gewöhnlich kein Auto, dafür aber ein Deutschland-Ticket.

Des weiteren hat Israfel herausgefunden, dass es in der Ecke, in der das Pfarrhaus liegt, sehr schön ist. Das Dorf ist geradezu umzingelt von Naturschutzgebieten. Dazu ein riesiger See, nur zehn Kilometer entfernt! Achzig Kilometer bis zur Ostsee! Dreißig Kilometer zum Nationalpark!

„Suriyel findet es sicher auch gut“, beschließt Israfel seinen Vortrag. „Nur hundert Kilometer bis Polen!“

Katastrophen-Modus

Wieder einmal wirft meine intuitive Innere Stimme alle meine wohlüberlegten Lebenspläne über den Haufen. Mein Ego läuft Amok…

Nach der Entdeckung des alten evangelischen Pfarrhauses in der Mecklenburgischen Provinz leide ich. https://www.water-runs-east.eu/hurra-aktion/

Aber richtig!

Ich kann nicht mehr schlafen. Nicht mehr essen. Meine Nerven vibrieren. Meine Gedanken jagen. Während ich mich nachts im Bett wälze, lausche ich dem ununterbrochenen Klagegesang meines Egos:

„Was hast du mir da schon wieder angetan?“, wirft es schluchzend meiner intuitiven Inneren Stimme vor. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

„Warum kannst du nicht einmal Ruhe geben? Immer machst du alles kaputt! Ständig kommst du mit den dümmsten Ideen! Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen!“

Nachdem es sich laut trötend die Nase geputzt und tief Luft geholt hat, fährt es mit zitternder Stimme fort: „Wir werden bankrott gehen! Wir werden dort draußen einsam sterben! Wir werden NIE WIEDER GLÜCKLICH SEIN!“

Mehr als drei Wochen lang tobt, schreit und heult das Ego.

Lediglich während meiner täglichen Meditationspraxis gelingt es ihm, sich ein bisschen zu entspannen. Wenn ich – auf meinem Kissen sitzend – bei meinem Atem bin und das Ego nur noch leise vor sich hinweint, vernehme ich ab und zu die tröstenden Worte meiner intuitiven Inneren Stimme:

„Das ist alles nicht so schlimm wie du glaubst!“, flüstert sie dem Ego ins Ohr. „Vertrau mir!“

Ich meditiere deshalb morgens.

Ich meditiere mittags.

Ich meditiere abends.

Nur mit sehr viel Meditation ist das Drama, das sich in meinem Inneren abspielt, auszuhalten.

Anderen Menschen gehe ich so weit als möglich aus dem Weg. Die müssten sich ansonsten die Klagegesänge meines Egos anhören. Es reicht, wenn ich darunter leide, habe ich beschlossen. Meiner Umwelt möchte ich das ersparen.

Langsam, ganz langsam, beginnt mein Ego sich mit dem Gedanken, in Zukunft nicht mehr mitten in Berlin in der Spirituellen WG, sondern alleine in einem winzigen Dorf in einem alten Pfarrhaus zu wohnen, anzufreunden. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Zwischendurch wird das Ego immer wieder von Trauer überschwemmt. Dann weint es lang und heftig: Um die Sangha im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain, um all die Zeit, die es zukünftig nicht mehr dem Schreiben widmen kann, um all den Spaß, den es nun nicht mehr erleben wird.

Wenn es sich wieder beruhigt hat, beginnt das Ego vorsichtig tastend, die eine oder andere Zukunftsphantasie zu entwickeln. Für jede noch so bescheidene positive Vorstellung wird das Ego von der intuitiven Inneren Stimme ausführlich gelobt.

Kurz hat es sich ein bisschen beruhigt, mein verzagtes Ego, da wird es auch schon wieder von Angstzuständen geschüttelt. Wortreich malt es der intuitiven Inneren Stimme eine zukünftige Katastrophe nach der anderen aus: echter Hausschwamm im Gebälk des alten Pfarrhauses, die Sanierungskosten laufen aus dem Ruder, niemand möchte im Pfarrhaus meditieren, keiner wird dort auch nur zu Besuch kommen! Vollkommend verarmt und vereinsamt werden das Ego und die Innere Stimme in einer Ruine vegetieren müssen…

Irgendwann ist das Ego so erschöpft, dass es nicht einmal mehr jammern kann. Nach langem schmerzhaftem Widerstand hat es eingesehen, dass es gegen die intuitive Innere Stimme nicht ankommt.

„Mach doch, was du willst!“, ruft das Ego der intuitiven Inneren Stimme mit letzter Kraft zu. „Aber wenn es schief geht, bist du schuld!“

Hurra-Aktion

Der Fund des Pfarrhauses löst starke Emotionen aus – nicht nur in mir, sondern auch bei den Menschen, die mit mir verbunden sind…

Nach der Besichtigung des evangelischen Pfarrhauses ist mein Bruder enthusiastisch – während ich verzweifelt bin. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

So hatte ich mir mein zukünftiges Leben nicht vorgestellt! Noch wenige Tage zuvor war ich die gewesen, die in einer Spirituellen WG am Prenzlauer Berg lebt, Fantasy und Blogtexte schreibt, mit ihren spannenden Freunden im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain abhängt, nebenher ein „Zentrum für Praktische Spiritualität“ betreibt und meditiert. https://www.water-runs-east.eu/plaene/

Und jetzt auf einmal das: Ein riesiges denkmalgeschütztes unsaniertes evangelisches Pfarrhaus von 1800, mitten im Nirgendwo der Mecklenburgischen Provinz.

Das soll ich kaufen? Dort soll ich leben?

Allein?

Während sich mein Bruder auf der Rückfahrt von der Besichtigung in Sanierungsphantasien ergeht, sitze ich auf dem Beifahrersitz und fürchte mich!

Mein Bruder ist Zimmermann und Bauingenieur: Kein Dach zu marode, kein Fußboden zu verfault… https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Ich dagegen bin gerade mal in der Lage, Dübel zu setzen und Ikea-Möbel zusammenzuschrauben. Gut, Lampen kann ich auch noch anschließen, aber damit sind meine handwerklichen Fertigkeiten auch schon erschöpft.

Meinen Klagegesang, ich wäre dem nicht gewachsen und würde ganz bestimmt scheitern, wischt mein Bruder zur Seite: „Ich liefere das Know-how und die Kontakte, du organisierst vor Ort. Das ist doch kein Problem!“

„Und was ist, wenn die Handwerker Mist bauen? Ich sehe so was nicht!“

„Wir leben im 21. Jahrhundert“, antwortet mein Bruder ungerührt. „Du schickst mir ein Video auf WhatsApp und ich sage dir, ob es passt.“

Na dann…

Damit auch alle Freunde und Familienmitglieder an meiner Neuendeckung teilhaben können, produziert mein Bruder, nachdem wir zurück in Berlin sind, am heimischen Computer ein kurzes Video über das Pfarrhaus. Er bastelt es innerhalb einer halben Stunde aus den Aufnahmen der Drohne zusammen, die er während des Besichtigungstermins über das Pfarrhaus und die Nebengebäude fliegen ließ. Die Bilder von den Löchern in den Dächern und der schiefen Giebelwand des Stalls schneidet er heraus. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Als er mit dem Video fertig ist, darf ich mir ein Stück aus seiner selbst komponierten Liedersammlung aussuchen. Ich habe nur die Wahl zwischen Pop, Rock und Techno. Nichts davon passt wirklich, aber egal.

Kurz darauf verschicke ich sein zweiminütiges „Werbevideo“ des Pfarrhauses, unterlegt mit rhythmischem Rock.

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: es dominiert Begeisterung.

Allerdings gibt es auch kritische Rückmeldungen. Am harschesten fällt die von Suriyel aus. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Der ist auch Handwerker. Er muss die Löcher in den Dächern nicht gesehen haben um zu wissen, was es bedeutet, ein mehr als 200 Jahre altes Haus zu sanieren.

Von solchen „Hurra-Aktionen“ würde er überhaupt nichts halten, erfahre ich umgehend. Ob ich denn überhaupt einen Business-Plan hätte?

Ich glaube erst, mich verlesen zu haben: Suriyel ist in meinen Augen der letzte, der etwas von „Business“ vesteht!

Und überhaupt: „Hurra-Aktion“.

Wenn mir gerade nach etwas ganz sicher nicht der Sinn steht, dann ist es „Hurra!“…

Aber so läuft es eben zwischen uns. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Besichtigung

Drei Wochen, nachdem ich mich im Traum im evangelischen Pfarrhaus wiederfand, bin ich das erste Mal dort zu Besuch…

Der Makler ist schon vor Ort. Sein Wagen mit Werbeaufschrift parkt neben einem VW-Passat. Als wir in die Auffahrt einbiegen, eilt eine Frau durch das Tor. Wohl eine andere Kaufinteressentin. Sie springt in den Passat und braust davon. Es wirkt, als wäre sie auf der Flucht.

Während ich die Beifahrertür öffne, tritt ein Mann mittleren Alters aus der Haustür des Pfarrhauses. Ich tippe auf den Makler. Kurz schweift sein Blick über mich. Dann sieht er meinen Bruder, der – wie immer in Zimmermannskluft – behutsam die Fahrertür seines Oberklasse-Audi zuschiebt.

Die Gesichtszüge des Maklers beginnen bei seinem Anblick zu leuchten. Enthusiastisch die Hand meines Bruders schüttelnd, ruft er aus: „Sie sind genau der Mann, den dieses Objekt braucht!“

„Ich bin diejenige, die sich für das Haus interessiert!“, mache ich ihn auf mich aufmerksam. „Bei dem Herrn“, ich deute auf meinen Bruder, „handelt es sich um den Sachverständigen.“

Diese Information dämpft die Begeisterung des Maklers etwas. Dabei habe ich ihn nur beim Wort genommen. Der letzte Satz des Exposés des Pfarrhauses lautet: „Bitte bringen Sie zum Besichtigungstermin einen Bausachverständigen mit.“

Glücklicherweise bin ich mit einem Bausachverständigen verwandt: Mein Bruder ist nicht nur Zimmerer und Bauingenieur, sondern auch noch Chef seiner eigenen Baufirma. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Als ich ihm von meinem Traum vom evangelischen Pfarrhaus erzähle und ihm das Makler-Exposé zukommen lasse, ist er nicht im geringsten erstaunt über die Geschichte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mein Bruder und ich funktionieren nach den selben Prinzipien. Wir sind beide intuitiv.

Was mindestens ein genauso großes Glück ist wie der Fakt, dass er etwas von Altbausanierung versteht.

„Gott, ist das schön!“, murmelte er vor sich hin, während er sich die Fotos des Pfarrhauses das erste Mal ansah.

Als wir jetzt leibhaftig vor dem Gebäude stehen, ist sein Gesichtsausdruck neutral. Auf der Fahrt zum Besichtigungstermin hat er mir eingeschäft, dass ich mir meine Begeisterung auf keinen Fall ansehen lassen darf! Das könne mich viel Geld kosten!

Es fällt mir nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Im Gegenteil: Während uns der Makler über das Gelände führt, wird mir bang und bänger!

Im Schafstall ist bereits ein Teil des Dachs eingebrochen. Die Tür hängt schief in den Angeln. Mein Bruder stemmt sie mit aller Kraft auf. Nach einem Blick zur Decke verbietet er mir den Zutritt: Akute Einsturzgefahr.

Seine Führsorge rührt mich. Alles andere überfordert mich.

Als nächstes ist der Hauptstall an der Reihe. Umständlich öffnet der Makler das Vorhangschloss an einer der Stalltüren. Als er sie aufzieht, fällt mein Blick auf rottendes Stroh. An der Wand hängen rostende Metallkörbe. Mein Bruder klettert die schmale Treppe hoch. Die rohen Dielenbretter sind stellenweise verfault. „Pass auf, dass du auf dem Hauptbalken bleibst!“, ruft er mir zu, während er vorsichtig Schritt für Schritt den Dachboden durchquert. Er bleibt stehen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Na, das sieht aber nicht schön aus!“

Das, finde ich, ist eine absolute Untertreibung: Zwischen Dachfirst und Außenmauer klafft ein Loch von mindestens einem halben Meter! Und die Außenmauer sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen!

Wir nehmen den nächsten Stallzugang in Augenschein. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses wieder rottendes Stroh, im hinteren Teil eine weitere Pferdebox. Auch hier Stroh. Die schwache Ahnung von Pferdegeruch. Ein großer schwarzer leerer Plastikeimer. In der Ecke ein Rest Heu im Futtertrog. Allzu viele Jahre kann es nicht her sein, dass hier ein Tier gehalten wurde.

Wir nehmen die zweiteTreppe in den Dachboden. Im vorderen Teil lagert das rottende Heu hüfthoch. Mein Bruder wiegt skeptisch den Kopf.

Neben dem historischen Stall ein runder hölzerner Hühnerstall jüngeren Datums. Auch der ist eingestreut, im Inneren riecht es nach Huhn. Hier hat ganz sicher bis vor kurzem Federfieh gewohnt.

Der erste Lichtblick des Tages: Die Werkstatt. Mein Bruder pfeift anerkennend durch die Zähne, als uns der Makler das Tor aufschließt. Das Gebäude ist neu, aus Holz, mindestens sechs Meter hoch, mit großen Fenstern, einer riesigen Werkbank und Regalen, in denen ordentlich Werkzeug neben Werkzeug liegt.

Auf dem Weg zum Haupthaus kreuzen wir ein rotes Gartenhaus. Es befindet sich direkt am Ufer des Weihers, von dem ich geträumt hatte. „Zum alten Fritz“, steht über der Eingangstür. Durch die verglaste Front fällt unser Blick auf einen großen Tisch mit Wachstuchtischdecke. Drumherum Stühle. Auf einer kleinen Anrichte in der Ecke stappeln sich Schnapsgläser.

Das Häuschen wirkt inmitten des zweihundert Jahre alten Ensembles, als hätte es sich verlaufen.

Wir betreten das Haupthaus. In meinem Traum waren alle Räume leer. Jetzt bin ich mit der Realität konfrontiert: Während ich – wie in meinem Traum – von Zimmer zu Zimmer gehe, fällt mein Blick auf vergilbte Bravo-Poster aus den 90ern, DDR-Möbeln aus den 70ern. Auf wuchtigen Gründerzeit-Vitrinen stauben gerahmte Familienfotos vor sich hin. Die Küche wirkt, als wäre der Besitzer nur mal kurz zum Einkaufen gefahren.

Während ich mich – um Haltung bemüht – vom Makler verabschieden, ertönt hinter mir ein scharfes Surren. Mein Bruder lässt eine Drohne aufsteigen und über die Dächer der Gebäude fliegen, auf der Jagd nach weiteren Schäden, die nur durch Luftaufnahmen erkennbar sind.

Als ich – die Tür des Oberklasse-Audis achtsam zuziehend – auf den Beifahrersitz sinke, bin ich komplett bedient.

Das hier – denke ich – kann nur ein Alptraum sein!

Schock

Dass ich die Immobilienanzeige des evangelischen Pfarrhauses aus meinem Traum im Internet finde, hebt meine Welt aus den Angeln…

Mitte September war überraschend ein hoher nepalesischer Rinpoche in der Spirituellen WG zu Gast gewesen. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Rinpoche lehrte die Sangha, wie das Rauchopfer Sur praktiziert wird. Und er zeigte uns, wie man Opfer für Nagas – mächtige Wassergeister – vollzieht. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Rinpoche verließ uns, mit dem Versprechen, nächstes Jahr wieder zu kommen – für ein Thröma-Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Nach Rinpoches Abschied treibt mich die Frage um, an welchem Ort die Sangha ihre neu erworbenen Kenntnisse umsetzen, und das Thröma-Retreat stattfinden, soll?

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg ist ungeeignet. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Auch das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain kommt nicht in Frage. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

In der Großstadt ist zu wenig Platz. Der Lärm unserer Instrumente, der Rauch der Opferfeuer – das alles passt nicht hierher.

Wir brauchen Platz, denke ich mir. Und Ruhe.

Wir müssen raus aus der Stadt!

Am Besten – denke ich weiter – an ein Gewässer! Schließlich leben die Nagas im Wasser und in Feuchtgebieten.

Dann mussen wir an diesem Ort allerdings auch übernachten können! Denn Naga Opfer – so hat es uns Rinpoche erklärt – werden am Morgen vollzogen. Vor dem Frühstück!

Vier Tage nachdem uns Rinpoche verlassen hat, bin ich auf dem Weg zum nächsten Privat-Teaching eines anderen hohen nepalesischen Rinpoches. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Im ICE nach München rekapituliere ich, welche Eigenschaften der Ort braucht, an dem die Sangha Praxis machen kann: Er muss abgelegen sein, zähle ich an den Fingern ab, aber trotzdem gut erreichbar. Außer Suiyel hat kein Sangha-Mitglied ein eigenes Auto! Dort muss es Schlafplätze und Verpflegungsmöglichkeit für mindestens fünfzehn Leute geben. Er muss an einem Gewässer liegen. Man muss dort Feuer machen können. Und Krach…

Ich bin mir sicher, dass es irgendwo außerhalb Berlins einen solchen Ort gibt.

Nur: Wie soll ich ihn finden?

Auf dem Rückweg vom Teaching in Oberbayern überkommt mich mit einem Mal das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen würde ein Ort nach mir rufen. Ein „heiliger Ort“ sogar… https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Mit der Bitte um einen Traum, der mir diesen Ort zeigen möge, schlafe ich ein. In der Nacht träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus. Mit einem Weiher vor der Haustür.

Am nächsten Morgen finde ich eine Immobilienanzeige online, in der ein evangelisches Pfarrhaus angeboten wird, das genau dem Haus in meinem Traum entspricht. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Erst bin ich verblüfft.

Dann zweifle ich an meinem Verstand: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Im Zustand innerer Auflösung lasse ich Israfel die Immobilienanzeige zukommen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Mein Herz rast. Ich zittere am ganzen Körper. Verzweifelt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen.

Ich rette mich auf mein Meditationskissen, wie ein Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel. „Einatmend nehme ich wahr, dass ich einatme. Ausatmend nehme ich wahr, dass ich ausatme.“

Nach etwa einer halben Stunde habe ich zumindest genug Abstand zu meinem inneren Chaos entwickelt, dass ich eine Selbst-Diagnose zustande bringe:

Ich stehe unter Schock!


Neugierig auf die Arbeit mit Träumen und Innerer Stimme? Mehr über meine Methode: https://katharina-kaintz.com/wie-ich-arbeite/

Weiher

Meine Bitte um ein Traum-Zeichen erfüllt sich auf wunderbare Weise. Es lässt mich den heiligen Ort finden, der mich rief…

Das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen gäbe es einen bestimmten Ort, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten, lässt mich auch nach meiner Ankunft in Berlin nicht los. https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Als ich am späten Abend in meinem Zimmer in der Spirituellen WG angkomme, gehe ich sofort ins Bett. Ich bin völlig übermüdet, meine Nerven sind so überreizt, dass ich regelrecht vibriere.

Was ist nur los mit mir?

Während ich versuche einzuschlafen, wird die Energie, die sich in meinem Herzen verankert hat, stärker. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, und leere meine Gedanken.

„Wünsch dir einen Traum“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr.

Ich schrecke hoch. Stimmt! Das hat schon öfter funktioniert!

Ich schließe die Augen, fokussiere mich wieder auf meinen Atem und formuliere bewusst den Wunsch, in dieser Nacht von dem Ort zu träumen, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten.

Mit dem Gedanken an diesen Ort, und dem Fokus auf die fremdartige Energie in meinem Herzen, schlafe ich ein.

Es ist Nacht. Suriyel ist bei mir. Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Das fahle Licht des Mondes fällt durch die Fenster. Unter unseren Füßen knarren Dielenbretter. Die Räume stehen leer. Der Geruch von Staub hängt in der Luft. Hier wohnt schon lange niemand mehr.

Mit einem Mal verändert sich die Perspektive. Ich schaue von oben auf Suriyel und mein Traum-Ich herab. Es ist so dunkel, dass ich die Gesichtszüge meiner Traum-Figuren nur erahnen kann. Ich höre mein Traum-Ich zu Suriyel sprechen. „Das hier ist der Ort, an dem unsere Sangha Praxis machen muss!“, sagt es in bestimmtem Ton.

Mir ist, als würde ich angehoben werden. Mit der Bewegung geht das Wissen einher, dass ich mich gerade in einem alten evangelischen Pfarrhaus befinde. Mein Blick weitet sich. Ich bin im Haus – und gleichzeitig davor. Auf der Wasseroberfläche eines Weihers spiegelt sich der Mond.

Ich wache auf.

Mein erster Gedanke gilt schrägerweise nicht dem Pfarrhaus – sondern Suriyel! In meinem Kopf dröhnt der Satz: „Da macht der doch nie mit!“

Es ist zwei Uhr morgens, stelle ich fest.

Wolfsstunde.

Damit schlafe ich wieder ein.

Am nächsten Morgen erinnere ich mich beim Aufwachen sofort an den Traum. Ein evangelisches Pfarrhaus! Mit einem Weiher davor!

Ich stelle die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und fahre den Laptop hoch. Versuchsweise gebe ich „Evangelisches Pfarrhaus“ und „kaufen“ ein. Und siehe da: die Evangelische Kirche hat ein eigenes Immobilienportal! In der Suchmaske gibt es die Option „Häuser“.

Ich brauche keine halbe Stunde, bis ich es gefunden habe:

Ein rotes Backstein-Pfarrhaus, davor ein Weiher. Baujahr 1800, lese ich. Ortsrandlage. Sanierungsbedürftig.

Das also ist der Ort, der mich gerufen hat…


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Ruf

Mich überkommt das seltsame Empfinden, irgendwo dort draußen versuche ein heiliger Ort, mit mir in Kontakt zu treten…

Das Teaching des Hauptlinienhalters im oberbayerischen Wohnzimmer der Dharma-Freundin ging am späten Sonntagnachmittag zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Als ich – die Gedanken immer noch bei Hermes – in München ankomme, ist es bereits Abend. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

Dort verbringe ich die Nacht bei einer Freundin. Die interessiert sich weder für den Dharma, noch für Meditation. Nach zwei Rinpoches in zwei Wochen tut es mir gut, bis weit nach Mitternacht über die ganz normalen Dinge des Lebens zu plaudern.

Am nächsten Tag nehme ich die S-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Wagon ist gefüllt mit schönen Menschen in quietschbunter Trachtenkleidung, die sich gegenseitig fotographieren und dabei lautstark auf Italienisch unterhalten.

Nach jedem Halt erklingt eine freundliche Frauenstimme mit hörbar bayerischem Einschlag, die in Deutsch und Englisch erklärt, dass „Heißluftballons der natürliche Feind der Oberleitung“ wären. Sie sollten doch bitte in „ihrem natürlichen Biotop auf der Wiesn bleiben“.

Am Hauptbahnhof umkreise ich Männergruppen in Lederhos´n und Frauen im Dirndl.

Der ICE nach Berlin ist pünktlich. Ein scharfer Pfiff des Schaffners, das harte Knallen der Türen, dann schiebt sich der Zug aus dem Bahnhof, den alljährlichen Oktoberfest-Wahnsinn hinter sich lassend.

Ingolstadt, Nürnberg, Erlangen, Bamberg. Bayern liegt hinter mir.

Draußen zieht der Thürniger Wald vorbei. Ich bin so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken kann. Die Reizüberflutung, die Energie von Teaching, Praxis und Einweihung durch den Hauptlinienhalter am vergangenen Wochenende, lassen meine Nerven vibrieren.

Ich bin – stelle ich fest, während ich mit zitternden Fingern meine Wasserflasche zuschraube – völlig neben der Spur.

Noch drei Stunden bis Berlin. Ich lehne mich im unbequemen Stuhl zurück, schließe die Augen und versuche, zu dösen. Das gleichmäßige Rauschen des ICE lässt mich in eine Art Trance fallen.

Bilder steigen auf: die bayerische Wallfahrtskirche neben dem Haus der Dharma-Freundin, bei der ich das letzte Wochenende verbracht habe. Vage Bilder eines schamanischen Kultplatzes an der Stelle, an der die Kirche errichtet wurde.

Der Innenhof eines buddhistischen Zentrums in Frankreich, über dem das Deckblatt eines Gedichts für Hermes tanzt, der gerade zum Schützer des Ortes wird. Die Säulen eines antiken Tempels, in dem Hermes gehuldigt wurde, lange bevor an der gleichen Stelle das Zentrum entstand. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

„Ein heiliger Ort“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Die Sangha braucht einen heiligen Ort für ihre Praxis!“

Auf einmal ist mir, als würde etwas von meinem Herz Besitz ergreifen. Eine fremde Energie, die – von Außen kommend – einen Anker in meinem Brustkorb schlägt und sich dort ausbreitet.

Begleitet wird das – so irreale wie beängstigende – Gefühl von dem Gedanken, dass dort draußen jemand nach mir ruft.

Ein Ort.

Ich starr aus dem Fenster. Über Brandenburgs Kiefernwäldern wird es Nacht.

„Irgendwo dort draußen“, denke ich, „befindet sich ein Ort mit hoher Energie, der mit mir in Kontakt treten möchte.“

Hermes

Ich bekomme eine spannende Geschichte geschenkt: Jemand erzählt mir von einem griechischen Gott, der zum buddhistischen Schützer wird…

In der Feuerschale ist immer noch ein Rest Glut, stelle ich fest, als ich zu Beginn der Mittagspause des privaten Teachings auf die Terrasse drehte. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dabei liegt das morgendliche Rauchopfer, das die amerikanische Khandro mit uns praktiziert hat, bereits ein paar Stunden zurück. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Weil danach der Lehrer – Rinpoche und Hauptlinienhalter der Düdjum Tersar Tradition – erwartet wurde, haben wir das Feuer nicht wie gewöhnlich herunterbrennen lassen.

Es war die Khandro, die uns darauf hinwies, dass der Respekt vor dem hohen nepalesischen Gast gebietet, ihn mit wohlriechendem Rauch zu empfangen. So wäre das in seiner Heimat üblich, erklärte sie uns.

Als Rinpoche vor der Haustür steht, brennt in der Feuerschale ein kräftiges Feuer.

Rinpoche tritt auf die Terrasse und blinzelt in die warme Herbstsonne. Nach drei Stunden Teaching in englischer Sprache sieht er müde aus. Zusammen mit seiner Frau nimmt er an einer langen Tafel Platz. Die amerikanische Khandro setzt sich zu ihm und dazu noch ein paar andere. Die Dharma-Freundin, die ihr Haus für das private Teaching zur Verfügung gestellt hat, serviert ihnen Mittagessen.

Ich biege um die Hausecke. Ein paar Teilnehmer des Teachings haben eine Decke im Gras ausgebreitet und veranstalten ein Picknick. Ich darf mich zu ihnen setzen. Wir teilen Baguette, Käse und Obst und plaudern während des Essens. Netterweise wechseln sie mir zu Liebe aus dem Französischen ins Englische.

Die Gruppe – erfahre ich – kennt sich aus Frankreich. Vor einiger Zeit haben dort alle gemeinsam ein Dreijahres-Retreat absolviert.

Ich bin beeindruckt: Ich sitze doch tatsächlich unter lauter Lamas! Denn der Abschluss eines Dreijahres-Retreats ist in der tibetischen Tradition verpflichtend, um Buddhismus lehren zu dürfen.

Direkt hinter der Gartenhecke der gastfreundlichen Dharma-Freundin steht eine prächtige Kirche. Gerade schlägt die Turmuhr die volle Stunde. Das laute Dröhnen der Kirchenglocken lässt alle Augen zum Kirchturm wandern, der in den strahlend blauen Himmel aufragt.

Ich erzähle der Picknickgesellschaft, dass es sich bei der Kirche – die viel zu groß für die kleine Dorfgemeinschaft ist – um eine Wallfahrtskirche handelt. „Der Legende nach hat an der Stelle, an der die Kirche erbaut wurde, der Heilige, der hier vor mehr als tausend Jahren die Menschen zum Christentum bekehrte, ein paar Blutstropfen verloren.“ Das habe ich am Abend meiner Ankunft im Dorf von der Dharma-Freundin erfahren.

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass an dieser Stelle ein vorchristlicher Tempel stand oder der Ort für heidnische Riten genutzt wurde. Das gab es während der Christianisierung häufig“, fahre ich fort. „Durch Heiligenlegenden wurde der Bau der Kirchen legitimiert.“

„Ach,“ meint einer aus der Gruppe nachdenklich. „Da fällt mir eine Geschichte aus unserem buddhistischen Zentrum in Frankreich ein.“ Der Franzose, der ihm gegenüber sitzt, nickt wissend.

„Das Zentrum, in dem wir das Dreijahres-Retreat absolviert haben, liegt auf einer Hochebene. Genau in der Mitte von drei erloschenen Vulkanen. Auf dem Gipfel des einen Vulkan gab es ein Hotel. Das brannte mehrmals hintereinander aus. Überhaupt passierten in der Gegend immer wieder seltsame Dinge.“

Er nimmt einen Schluck Wasser. „An der Stelle, an der unser buddhistisches Zentrum gebaut worden war, stand in der Antike ein Hermes-Tempel. Und während der Zeit, als wir alle dort im Retreat waren, kam der Rinpoche, der das buddhistische Zentrum leitete, im Traum in Kontakt mit Hermes.“

Der Erzähler nickt in meine Richtung. „Ich weiß das alles so genau, weil ich damals der persönliche Assistent von Rinpoche war. Der war alt und saß im Rollstuhl. Einer von uns musste deshalb Tag und Nacht bei ihm sein und sich um ihn kümmern. Als die Sache mit Hermes passierte, war gerade ich an der Reihe.“

Ich hänge gebannt an seinen Lippen.

„Rinpoche konnte in seinen Träumen Hermes davon überzeugen, zum buddhistischen Beschützer des Zentrums zu werden. Hermes bekam einen neuen Namen.“

Einer aus der Gruppe ruft einen tibetischen Namen. Alle anderen nickten, auch der Erzähler.

„Rinpoche“, fährt er fort, „schrieb ein Gebet für den neuen Schützer des Zentrums. An dem Tag, an dem es das erste Mal gebetet wurde, fand ein großes Fest für Hermes statt, der zum budhistischen Beschützer des Dharma geworden war.“

Der Erzähler zeichnet mit beiden Armen einen Kreis in die Luft. „Wir saßen alle im Innenhof im Kreis. Mein Platz war direkt neben dem Rollstuhl von Rinpoche. Ich war dafür verantwortlich, die Papierstreifen, auf denen das neue Gebet gedruckt war, für Rinpoche umzublättern.“

Er holt tief Luft. „Und in dem Augenblick, als die Instrumente verklungen waren und wir anfangen wollten, es zu rezitieren, fuhr ein Windstoß in die Blätter, erfasste das Deckblatt mit dem Bild von Hermes als buddhistischem Schützer und hob es über unsere Köpfe. Dort schwebte es sacht hin und her. Rinpoche ließ sich davon nicht beeirren. Er begann, das Gedicht laut vorzulesen und wir andere fielen ein. Auf einmal begann das Blatt, das über uns schwebte, wie wild zu rotieren!“

Der Erzähler dreht mit schnellen Bewegungen beide Hände vor der Brust.

„Als wir mit dem Gebet zu Ende waren, stieg das Blatt höher und höher und flog davon.“

Ich bin beeindruckt: „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit mir geteilt hast!“ Mehr bringe ich nicht heraus.

Kurz darauf ist die Mittagspause zu Ende. Am Nachmittag dürfen wir mit dem Hauptlinienhalter und seiner Frau Thröma praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Zum Abschluss erhalten wir von Rinpoche eine spezielle Throma Nagmo Einweihung. Die Energie während Thröma ist überwältigend. Die Einweihung ist noch viel krasser.

Dann ist das Teaching zu Ende. Völlig überwältigt und konfus verabschiede ich mich von meiner amerikanischen Khandro. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Sie schaut ein bisschen irritiert, als ich ihr den weißen Katak mit einem Umschlag hinhalte, in dem zwei Scheine stecken. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dann legt sie mir den Schal um den Hals, nimmt den Umschlag entgegen und verabschiedet mich nicht – wie sonst immer – mit einer Umarmung, sondern auf traditionelle tibetische Weise, indem sie ihre Stirn an die meine drückt.

Netterweise nimmt mich ein anderer Teilnehmer des Teachings in seinem Auto mit nach München.

Am Irschenberg ein letzter Blick auf die bayerischen Alpen. Der übliche Stau vor Weyarn. Während ich in der Abendämmerung durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltwüste der A8 starre, kreisen meine Gedanken um Hermes.

Linienhalter

Fünf Tage, nachdem ich Rinpoche in Berlin verabschiedet habe, treffe ich den nächsten hohen nepalesischen Lama – diesmal am bayerischen Schliersee…

Am Samstag, dem 14. September, habe ich Rinpoche, nach seinem Teaching bei uns in der Spirituellen WG, am Berliner Flughafen verabschiedet. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Am Donnerstag, dem 19. September, schleppe ich früh am Morgen meinen Koffer die Treppen der Spirituellen WG hinunter. Der Trecking-Rucksack, den ich auf dem Rücken trage, ist bis oben hin voll.

Auf den Stufen breche ich beinahe unter dem Gewicht zusammen.

Den ratternden Koffer hinter mir herziehend, eile ich zur S-Bahnhaltestelle Schönhauser Allee. Um kurz nach acht Uhr geht der ICE vom Hauptbahnhof.

Ich bin auf dem Weg zum nächsten Teaching.

Die Veranstaltung ist so privat wie hochkarätig.

Dass ich – als kleine unbedeutende und unerfahrene Laien-Praktizierende – dazu eingeladen wurde, verdanke ich der Tatsache, dass ich letzte Woche „meinen“ Rinpoche zu Besuch hatte. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Der hat bei dieser Gelegenheit einige Ritualgegenstände aus Nepal für eine Dharma-Schwester aus Bayern bei mir zurückglassen, mit der wir beide befreundet sind.

Eigentlich war vereinbart, dass die Dharma-Schwester die große Tüte während ihres nächsten Besuchs in Berlin bei mir abholen wird.

Nun hat es sich aber so ergeben, dass völlig überraschend im Wohnzimmer dieser Dharma-Schwester ein Teaching stattfinden wird. „Sie ist dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, pflegt man in meiner bayerischen Heimat zu sagen.

Genau dort wird auch das Teaching stattfinden: nur zehn Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, im Landkreis Rosenheim.

Ich bin also an diesem Donnerstagmorgen „back to the roots“. Denn die Dharma-Schwester braucht für das überraschende Teaching ganz dringend die schwere Tüte von Rinpoche.

So kommt es, dass ich – nur fünf Tage, nachdem ich Norbu Rinpoche verabschiedet habe – auf den nächsten Rinpoche treffe.

Die Dharma-Schwester holt mich vom Regionalbahnhof ab. Gemeinsam wuchten wir meinen schweren Koffer in ihr Auto. Mit einem erleichterten Seufzer lade ich auch noch meinen prall gefüllten Rucksack darin ab.

Dann machen wir uns zu Fuß auf die Suche nach Khandro-La. Denn meine amerikanische Khandro ist extra für das Teaching aus den USA nach Deutschland gekommen! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten am Ufer des Schliersees entdeckt haben, laufen wir zu viert zur Ferienwohnung, die die Dharma-Schwester für den – uns allen nicht persönlich bekannten – Rinpoche gebucht hat.

Der ist nicht einfach nur ein anerkannter wiedergeborener hoher Lama – die Bedeutung von „Rinpoche“ – sondern gleichzeitig auch noch Hauptlinienhalter einer Traditionslinie der tibetisch-buddhistischen Nyingma-Schule und Abt eines nepalesischen Klosters.

Während wir im Wohnzimmer der Ferienwohnung auf die Ankunft des Linienhalters warten, habe ich Gelegenheit, meiner Khandro Fragen zu stellen. Sie ist erkennbar nicht begeistert davon – sie ist im Urlaub – lässt sich aber dann doch darauf ein.

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Der Mann, der Rinpoche vom Münchner Flughafen abgeholt hat, teilt uns mit, dass der Linienhalter in zehn Minuten vor der Tür stehen wird.

Wir ziehen Schuhe und Jacken an und reihen uns auf dem Parkplatz vor der Ferienwohnung auf. Ganz vorne steht die Khandro, gefolgt von ihrem Lebensgefährten. Neben ihm hat sich die Dharma-Schwester postiert. Ich bilde das Schlusslicht.

Jeder von uns hat einen weißen Schal – einen Katak – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: Zwei Geldscheine für den Linienhalter. Denn die Zahl eins bringe Unglück, erklärte uns die Khandro, als wir im Wohnzimmer die Umschläge füllten.

Nun stehen wir fröstelnd auf dem Parkplatz und halten nach einem schwarzen Mercedes Ausschau. Über uns ragt der Wendelstein empor, sein imposanter Gipfel ist mit Schnee bedeckt. In den letzten Tagen hat es bis ins Tal hinunter geschneit.

Während wir warten, erzählt uns die Khandro, dass der Linienhalter in Nepal immer in einer Prozession das Haus verlässt. Vor ihm geht einer, der ein Weihrauch-Fass schwenkt, vier andere tragen den Baldachin. Passanten werfen sich bei seinem Anblick zu Boden.

Im Vergleich dazu muss dem Linienhalter der Empfang vor der Ferienwohnung am Schliersee mehr als bescheiden erscheinen: Vier verfrorene Westler, die ihm mit tiefer Verbeugung Katak und Umschlag entgegenstrecken.

Er begrüßt jeden von uns herzlich, legt mit strahlendem Lächeln Katak um Katak um die Hälse, drückt seine Stirn an die unsere und verschwindet nach ein paar freundlichen Worten an die Khandro zusammen mit seiner Frau in der Ferienwohnung.

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten im Haus der Dharma-Schwester abgeladen haben, fährt die mich in meine Ferienwohnung. Der Bauernhof, in dem sich die Ferienwohnung befindet, liegt in einem winzigen Weiler oberhalb des Dorfes der Dharma-Schwester. Morgen werde ich zu Fuß zu ihr laufen. Ich freue mich schon darauf.

Abends, im fremden Bett in der unbekannten Wohnung, umgeben vom aus der Kindheit vertrauten Geruch nach Heu und Kuhstall, siniere ich über mein Leben.

Dass ich heute in dem katholischen oberbayerischen Landkreis, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, dem Hauptlinienhalter der Geluk-Tradition der Dudjom-Tersar-Linie des tibetischen Nyingma-Buddhismus vorgestellt wurde, ist mehr als schräg.

„There is no such thing as an accident“, denke ich beim Einschlafen.

Retreat

Bevor er uns verlässt, macht mir Rinpoche ein Versprechen – und erteilt mir einen Auftrag…

Zum Abschluss seines Besuchs in der Spirituellen WG hat sich Rinpoche eine Stadtführung durch Berlin gewünscht. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Während Rinpoche in meinem Zimmer seinen Koffer packt, beseitigt die Sangha alle Spuren des improvisierten Teachings. Es dauert nicht länger als eine Stunde, bis alles wieder an seinem Platz ist. https://www.water-runs-east.eu/teaching/

Die Mitglieder meiner Sangha wuseln durch die Räume, jagen Treppen hoch und Treppen hinunter, schleppen Gegenstände, putzen, spülen und räumen. Jeder Griff sitzt. Kein überflüssiges Wort wird verloren.

Ich habe – denke ich dankbar – eine unglaublich tüchtige Sangha.

Und eine liebenswerte noch dazu…

Rinpoche, so mein Eindruck, sieht es nicht anders. Als er – zusammen mit sechs Mitgliedern der Sangha – unter der Führung von Esther zur Sightseeing-Tour durch Berlin aufbricht, wirkt er rundum glücklich.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schließe ich die Haustür hinter der vergnügten Truppe. Jetzt, wo alles überstanden ist, merke ich erst, wie erschöpft ich bin.

Die Tage mit Rinpoche waren schön – und anstrengend.

Ich habe drei Stunden Zeit, um mich etwas zu erholen. Die Stadtführung soll um vierzehn Uhr zu Ende sein. Danach wird Rinpoche noch einen Abschiedslunch in dem veganen chinesischen Restaurant einnehmen, in dessen Keller wir vor ein paar Monaten ein Rauchopfer abgehalten haben. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Suriyel hat dort einen Tisch für Rinpoche und die Sangha reserviert. Nach dem Essen will Suriyel unbedingt Rinpoche das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain zeigen. Vom chinesischen Restaurant bis zum Zentrum sind es nur fünf Minuten zu Fuß.

Spätestens um 16 Uhr müssen wir zum Flughafen aufbrechen. Rinpoche wird am Abend nach Florenz fliegen. Dort erwartet in eine italienische Sangha für ein Retreat.

Rinpoche ist ein viel beschäftigter Mann. Und begehrt. Sein Besuch in Berlin ist eine große Ehre.

Während ich mein Zimmer wieder in Besitz nehme – während der letzten drei Tage war dort Rinpoche untergebracht, ich durfte bei Maktiel übernachten – denke ich darüber nach, wie es mit uns und Rinpoche weitergehen wird.

Alle aus der Sangha wünschen sich, dass Rinpoche nächstes Jahr wieder zu Besuch kommt!

Ich habe deshalb beschlossen, ihn heute einzuladen, ein weiteres Mal zu uns zu kommen.

Nur: Was soll er unterrichten?

Während ich den Altar in meinem Zimmer wieder aufbaue, grüble ich vor mich hin. Gedankenversunken platziere ich meine Grüne Tara auf dem Podest. Dann greife ich zu Throma Nagma. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Rinpoche hat vorletzten März entschieden, dass Thröma – die Sadhana der zornvollen schwarzen Göttin des Todes und der Friedhöfe – meine Hauptpraxis ist.

Ich habe ein siebentägiges Thröma-Retreat bei ihm absolviert, aber die Sadhana seitdem nicht mehr praktiziert. Mir fehlt es an Übung, um sie alleine zuhause zu machen. Ich brauche ein weiteres intensives Retreat, um sie sicher zu beherrschen.

Wenn es nach mir ginge, würde ich mir deshalb wünschen, dass Rinpoche uns in Thröma unterweist.

Aber ist das auch das Beste für die Sangha?

Thröma ist eine zornvolle Praxis. Wer Thröma praktiziert, gewinnt an Kraft und Klarheit. Aber Thröma ist nicht ungefährlich. Wer die Praxis aus den falschen Motiven praktiziert, wem es an den rechten Voraussetzungen dafür mangelt, kann erhebliche Schäden davon tragen.

Als ich um kurz nach dreizehn Uhr zur S-Bahn eile, habe ich für mich beschlossen, die Entscheidung Rinpoche zu überlassen.

Am Ende des gemeinsamen Essens im Chinesischen Restaurant findet sich eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Rinpoche zu sprechen.

Der sieht in etwa so müde aus, wie ich mich fühle. Er hört mir trotzdem konzentriert zu, als ich ihn frage, ob er uns denn nächstes Jahr wieder besuchen kommen möchte?

Er nickt zustimmend. „Next June I will come again.“ Ich muss mich beherrschen, ihm nicht um den Hals zu fallen.

„What would you like to teach us?“, frage ich ihn.

„Something you are lacking,“ kommt es zurück.

Jetzt wage ich es doch, zu fragen: „Could you teach us Thröma? I would like to build up a regular Thröma group!“

„Does a Thröma group exist in Berlin?“, fragt mich Rinpoche.

„No. Not as far as I know.“

„Then this is a really good idea!“

Ich spüre ein nervöses Ziehen im Magen! Er wird doch tatsächlich Thröma unterrichten! Es besteht die realistische Hoffnung, dass ich in naher Zukunft regelmäßig in einer festen Gruppe praktizieren kann!

„How long do you plan to teach us?“, erkundige ich mich. Ich rechne mit drei oder vier Tagen. Mehr Zeit, denke ich mir, hat er sicher nicht für uns.

„A week.“

Eine komplette Woche mit Rinpoche!

„You will have to organize the retreat. Three or four people.“, führt Rinpoche weiter aus.

„No way, Rinpoche. I will try to find at least ten people! You should earn a bit of money with your teaching!“ Dass er bereit ist, faktisch umsonst eine Woche zu opfern, berührt mich sehr.

Ich habe in diesem Moment keine Ahnung, an welchem Ort ich nächsten Juni ein Retreat organisieren soll. Die Spirituelle WG eignet sich nicht dafür. Und woher ich zehn Leute nehmen werde, die qualifiziert und bereit sind, sich den Verpflichtungen zu unterwerfen, die mit der Einweihung für Throma Nagmo einher gehen, weiß ich auch nicht.

Ich weiß nur, dass ich das hinbekommen werde. Irgendwie.

Am späten Nachmittag stehe ich Rinpoche während des Check-in am Flughafen zur Seite. Als die Ryan Air Angestelle vernimmt, dass es sich bei dem kleinen entspannten Mann vor ihr um einen echten buddhistischen Lama handelt, winkt sie großzügig auch noch Rinpoches zweite Tasche als Handgepäck durch.

Rinpoches riesigen Koffer auf das Förderband zu hieven, ist der letzte Kraftakt, den ich für ihn erbringe.

Während Suriyel auf der Suche nach einem bezahlbaren Parkplatz auf dem Gelände herumirrt, verabschiede ich mich vor dem Gate von Rinpoche.

Als ich eine Viertelstunde später neben dem vor Wut schäumenden Suriyel auf den Beifahrersitz sinke – Kein Parkplatz, aber 4,50€, damit er das Parkhaus wieder verlassen dufte! – vibriere ich vor mich hin.

Throma Nagmo ist in mein Leben zurückgekehrt…

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