This Water runs East

Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Freiheit

Die Drama-Queen-Zustände meines Ego nicht mehr ernst zu nehmen, schenkte mir Freiheit. Dafür zahlte ich einen Preis…

Gegen das eigene neurotische Ego in den Krieg zu ziehen, ist Unsinn.

Mehr noch: masochistisch!

In den ersten Jahren meiner Meditationspraxis übte ich mich darin, Frieden mit meinen Neurosen zu schließen.

„Entspannt mit ihnen Tee zu trinken“, wie mein Zen-Lehrer und Therapeut es formulierte. https://www.water-runs-east.eu/sterben-oder-tee-trinken/

Irgendwann war ich so entspannt, dass ich mit albernen Spielen begann.

Genauer: mit Visualisierungspielen rund um meine Chakren.

Ich visualisierte ihre Energie als Tiere – und entdeckte einen aufregenden neuen Kosmos in mir.

Allerdings um den Preis meines Therapeuten und Zen-Meisters. Der wollte dabei nicht mitmachen.

Aber auf meine intensive Zen-Praxis wollte ich nicht verzichten! Auch wenn ich „blumig“ war, Zen gehörte zu mir!

Also wechselte ich zu Zen-Meister Alexander Poraj. Bei ihm hatte ich schon mein Einführungsseminar am Benediktushof und danach mehrere Sesshins (Zen-Retreats) absolviert.

Während der Sesshins ging ich mit großem Gewinn regelmäßig zu Alexander in das Dokusan (die Einzelberatung durch den Lehrer). Dass ich in meinem Inneren eine bunte Schar magischer Tiere mit mir herumtrug, die wilde Dinge taten, behielt ich wohlweißlich für mich. Sie passten nicht ins Zen, hatte ich gelernt.

Der nüchterne machtbewusste Alexander lehrte mich, die unangenehmen Seiten des Lebens mit stoischer Haltung zu tragen und mich von Widerständen nicht beirren zu lassen.

Meine Größenfantasien und manipulative Bedürftigkeit quittierte er mit verbalen Ohrfeigen.

Die kurzen Wortwechsel im Dokusan mit Alexander waren oft schmerzhaft, manchmal äußerst kränkend. Wenn ich nach dem Gespräch mit ihm die Dokusan-Tür hinter mir zuzog, tat ich das für gewöhnlich mit höchst unfreundlichen Gefühlen für meinen Zen-Lehrer.

Nach einigen wütenden Stunden auf dem Kissen gelang es mir aber immer, das große Geschenk zu würdigen, das er mir durch seine kühle Spiegelung meiner Versuche, ihn für mich einzunehmen, gemacht hatte.

Unter dem Einfluss von Alexander transformierte meine Haltung zu meinem „Ego“ ein weiteres Mal. Während der Zeit mit Cornelius war es mein Ziel gewesen, Frieden mit meinen ungeliebten Ego-Anteilen zu schließen. „Entspannt mit ihnen Tee zu trinken“, wie Cornelius es formulierte.

Alexander lehrte mich, die Dauererregung und Besorgnis meines neurotischen Egos weniger ernst zu nehmen. Nun gut, es hatte einen schlechten Tag: der Nachbar war unfreundlich, der Brief vom Finanzamt ärgerlich.

Die emotionale Aufregung war nicht mehr als ein kurzes Kräuseln der Wellen auf der Oberfläche des Bewusstseins. Die Stille in der Tiefe blieb davon unberührt.

Während der Zeit mit Alexander wurde ich mir und anderen gegenüber klarer, nüchterner und kühler. Wenn ich die Zurückweisungen von Alexander unbeschadet überstand, dann waren sie auch anderen Menschen zuzumuten!

Ich hörte auf, mich ständig um das Wohl anderer zu sorgen und lernte, klar Position für meine Bedürfnisse und Sichtweisen zu beziehen. Negative Reaktionen meines Umfeldes beeindruckten mich immer weniger.

Es handelte sich nur um das Rauschen ihrer Egos. In der Tiefe bedeutungslos.

Zen – lernte ich durch Alexander – schenkt Freiheit!

Im Dezember 2017 nahm ich das erste Mal an einem Rohatsu unter der Leitung von Alexander teil. Das Sesshin zur Feier der Erleuchtung Buddhas dauert acht Tage. Die Teilnahme wird – da körperlich wie seelisch fordernd – nur erfahrenen Meditierenden empfohlen.

Das Rohatsu – sechzig Menschen im großen Zendo, die eine Woche lang in feierlicher Stille meditieren – beeindruckte mich zutiefst.

Das Schweigen, die Klarheit der Rituale, die Dunkelheit und Kälte der Wintertage, dazu das unbewegte Sitzen während des Meditierens vom frühen Morgen bis zum späten Abend.

Irgendwann war die Stille in mir so vollkommen, dass sich in meinem Unbewussten eine Tür öffnete.

Mein Ego reagierte mit einer Panikattacke! Der ersten meines Lebens!

Sterben oder Tee trinken?

Die Sache mit dem „Ego“ ist kompliziert – und individuell. Meine Erfahrung: es ist ein nie endender Prozess…

„Das Ego muss sterben!“ begleitete den Anfang meiner Meditationspraxis im Jahr 2012. In welchem Zusammenhang ich den Satz zum ersten Mal hörte, ist mir nicht mehr erinnerbar.

Was ich sicher weiß ist, dass er tiefen Eindruck in mir hinterließ. Wohl, weil ich mich – um jeden konzentrierten Atemzug auf dem Meditationskissen kämpfend – genauso fühlte: Gefangen in einem zermürbenden inneren Kampf gegen mich selbst.

Ein Kampf auf Leben und Tod!

Im Februar 2015 siegte das Ego: als Lohn meines verbissenen Ringens auf dem Kissen erlitt ich einen Nervenzusammenbruch.

Danach gab ich auf – und begann eine Therapie.

Karma schenkte mir einen Gestalttherapeuten, der zudem Zen-Meister war.

Cornelius von Collande, Lehrer der „Leeren Wolke“ meiner Zen-Tradition, gegründet vom Roshi und Benediktiner-Mönch Willigis Jäger. Und gleichzeitig Zen-Meister in der Tradition der „Zen-Peace-Maker“ des amerikanischen Roshi Bernhard Glassman.

Von Cornelius lernte ich, dass „das Ego“ keine bösartige Entität ist, die es zu vernichten gilt. Der Kampf gegen die eigenen ungeliebten Anteile gibt ihnen unangemessene Macht über das eigene Leben.

„Das Ego ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.“, erklärte mir Cornelius. „Durch Zazen lernst du, ihm den rechten Platz zuzuweisen.“

Meine Meditationspraxis wurde unter der Führung Conelius´ klarer und friedlicher. Er lehrte mich, unangenehme Emotionen und Bilder bewusst zu halten, nicht-wertend zu betrachten und loszulassen.

Dass ich unter seiner Führung spürbar weniger neurotisch auf äußere und innere Reize reagierte, anderen Menschen gegenüber gelassener wurde und dem Leben offener und neugieriger begegnen konnte, war ein großes Geschenk.

Unsere Wege trennten sich, nachdem ich – im Zuge meiner neuen Offenheit – auf ein obskures amerikanisches Buch über Chakra-Arbeit stieß. Als Kundalini-Yoga-Praktizierende war ich von den Chakren fasziniert.

Dass man – wie in dem Buch vorgestellt – die Energie der Chakren in Form von Tieren visualisieren konnte, fand ich spannend.

Neugierig probierte ich die beschriebene Technik aus und siehe da: es funktionierte fantastisch! (Irgendwann verlieh ich das Buch und bekam es nicht wieder zurück, deshalb kann ich keine Angaben zu Titel und Autor machen.)

Während der ersten Übungseinheiten war es eine lustvolle Spielerei, die ich auf meinem Meditationskissen vollzog.

Aber innerhalb weniger Tage begannen die „Chakra-Tiere“ ein seltsames Eigenleben zu entwickeln.

Fasziniert beobachtete ich, während ich im Zazen auf meinem Kissen saß, die kraftvollen Bilder der Tiere, die – völlig autonom wie es mir schien – miteinander agierten und meinen inneren Kosmos aus magischen Landschaften, Flüssen und Tälern erkundeten.

Meine Chakra-Tiere wurden mit Schattenwesen konfrontiert, kämpften, litten, verschmolzen, transformierten…

Überwältigt von den Bildern und Emotionen, die diese neuen seltsamen Erfahrungen in mir auslösten, begann ich die Erlebnisse meiner Chakra-Tiere als Bildergeschichte zu malen und niederzuschreiben.

Dass mir das Halten der inneren Bilder – und der damit einhergehenden oft extremen Emotionen – möglich war, verdankte ich meiner intensiven Zazen-Praxis und der therapeutischen Betreuung durch Cornelius von Collande.

Allerdings war diese Übung das Gegenteil von Zen: Zen ist vollkommend nüchtern und nur am „Hier und Jetzt“ interessiert.

„Du bist viel zu blumig für Zen!“, erklärte mir Cornelius. „Leute wie du, die machen Vipassana oder Vajrayana, aber nicht Zen! Auf diesem Weg kann ich dich nicht weiter begleiten.“

Damit war meine Therapie beendet.

Vorerst, wie sich herausstellte.

Drama

Die Geschichte um die wilden Katzen des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz transformiert von der Komödie zum Drama…

Am Montag, dem 15. Dezember 2025, nimmt die Geschichte um die wilden Katzen des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz eine unerwartete Wendung! https://www.water-runs-east.eu/katzen/

Eigentlich sollte das Projekt „Fünf wilde Katzen einfangen und kastrieren“ an einem einzigen Tag über die Bühne gehen – am Freitag, dem 12.12.2025. https://www.water-runs-east.eu/katzen-jagd/

Stattdessen ist am Freitagabend gerade mal eine Katze kastriert!

Zwei weitere sind in meinem Badezimmer verwahrt.

Über das Wochenende versuche ich die beiden noch fehlenden Katzen einzufangen. https://www.water-runs-east.eu/katzenjagd-wochenende/

Vergebens!

Am Sonntagabend habe ich innerlich aufgegeben.

Die Katzen werden vor Weihnachten sicher nicht mehr in die Fallen gehen. Nächstes Jahr werde ich mich wieder auf Katzenjagd begeben müssen.

Am Montag kommt wieder einmal alles ganz anders als gedacht!

Der Tag beginnt erfreulich:

Um neun Uhr morgens fährt der Vorsitzende des Tierschutzvereins Neubrandenburg vor und nimmt die beiden unkastrierten Jungkatzen aus dem Badezimmer in Empfang.

Widerstandslos haben sie sich zuvor von mir in die Transportbox schieben lassen.

Damit sie sich etwas weniger fürchten, habe ich beide gemeinsam eingepackt.

Bevor der Tierschutz-Mann in Richtung Tierarzt verschwindet, haben wir einen kurzen Zusammenstoß:

Dass ich aufgegeben habe und die Fallen einpacken möchte, kann er nicht akzeptieren!

Er droht mir damit, mich im nächsten Jahr nicht mehr zu unterstützen, wenn ich nicht weiterhin versuche, die fehlenden Katzen einzufangen!

Zähneknirschend gebe ich nach. Obwohl ich felsenfest davon überzeugt bin, dass das nichts mehr werden wird in diesem Jahr.

Außerdem ist in neun Tagen Weihnachten!

Nachdem der Vorsitzende samt Katzen vom Hof gefahren ist, säubere ich die drei Fallen, platziere möglichst appetitlich ein paar frische Brocken Nassfutter darin und stelle sie wieder auf.

Nach ein bisschen nachdenken entscheide ich mich dafür, die Falle, die das Wochenende über vor dem Holzlager stand, am Kompost hinter der Werkstatt aufzustellen.

Die Katzen sind seit Donnerstag nicht mehr gefüttert worden. Sie haben sicher Hunger.

Und am Kompost gibt es viele Mäuse.

Nachdem ich die Fallen aufgestellt habe, laufe ich – am Weiher vorbei – zurück zum Haus.

Dort erwartet mich die erste Überraschung: Am Ufer des Weihers kauert die Mutterkatze!

Seit die Katzenfang-Aktion begann, habe ich sie nicht mehr gesehen!

Ich war mir sicher, dass sie – scheu wie sie ist – längst irgendwo anders Quartier bezogen hat.

Aber nein: Da ist sie!

Aus sicherer Distanz starrt sie mich an. Es ist, als wolle sie mich hypnotisieren!

„Ich kann dich nicht füttern!“, rufe ich ihr zu.

„Ich weiß dass es hart ist, aber geh doch einfach in die Falle! Es hilft doch nichts! Und es ist zu deinem Besten!“

Sie kauert weiter am Weiher auf dem Boden und sieht mir nach, als ich im Haus verschwinde.

Dort setze ich mich auf mein Kissen, praktiziere Zazen – und hoffe und bete, der Hunger der Mutterkatze möge größer sein als ihre Angst!

Zwei Stunden später drehe ich wieder meine – inzwischen vertraute – Runde über das Gelände und kontrolliere die Fallen.

Und tatsächlich: In der Falle am Kompost sitzt die Mutterkatze!

Schwindelig vor Ereichterung schleppe ich die schwere Falle mit der fauchenden kratzenden Katze ins Haus und stelle sie im Flur ab.

Mit zitternden Fingern wähle ich die Nummer des Herrn vom Tierschutz.

Der freut sich sehr, als er die positive Nachricht hört. „Wenn die Jungkatzen kastriert sind, bringe ich sie zurück und fahre dann sofort mit der Mutterkatze wieder zurück zum Tierarzt. Hier kastrieren sie heute bis 17 Uhr, das schaffen wir ohne Probleme!“

Mein Glück ist grenzenlos, als ich mit einer Tasse Tee am Küchentisch Platz nehe. Bald ist die leidige Angelegenheit erledigt!

Rechtzeitig vor Weihnachten!

Gut, eine der Jungkatzen fehlt. Aber die vierte Katze aus dem Wurf wurde schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Weder von mir, noch von den Nachbarn. Vielleicht ist sie irgendwo anders heimisch geworden?

Ich beschließe, mir von der fehlenden Katze nicht die Laune – und die Vorfreude auf ein friedliches, katzenfreies Weihnachten – verderben zu lassen.

Die Tasse ist immer noch halb voll, da läutet das Telefon.

Der Herr vom Tierschutz ist dran. „Ich habe schlechte Nachrichten!“, erklärt er mir.

Ich sinke auf den Küchenstuhl.

„Ich gebe ihnen die behandelnde Tierärztin.“ Er reicht das Telefon weiter.

Eine Frauenstimme: „Hören Sie, die Katzen sind in Narkose und es gibt Komplikationen. Die Katzen haben beide massive Atemprobleme. Im Röntgenbild ist zu sehen, dass die Lungenflügel verdickt sind. Entweder Lungenwürmer oder eine Lungenentzündung.“

Ich bin schockiert. Und sprachlos.

„Sie bekommen Antibiotikum mit. In zehn Tagen müssen sie mit beiden Katzen unbedingt zur Kontrolle kommen! Ist das möglich?“

„Ja, natürlich!“ Was soll ich auch sonst sagen?

Dann ist wieder der Herr vom Tierschutz am Apparat. „Ich bin in einer dreiviertel Stunde mit den beiden kranken Katzen bei ihnen. Dann nehme ich die Mutterkatze mit zur Kastration.“ Er legt auf.

Lungenwürmer!

Davon habe ich noch nie gehört. Es klingt extrem ekelig!

Und möglicherweise ansteckend.

Mikesch hat die Narkose am Freitag unbeschadet überstanden. Er scheint nicht krank zu sein.

Ich beschließe, dass er von seinen Geschwistern getrennt untergebracht werden muss.

Als ich ins Badezimmer komme, sitzt er auf dem Rand der Badewanne. „Komm Mikesch!“, rufe ich ihn, während ich die Tür zum Flur einladend aufhalte.

Er starrt mich verängstigt an. Und bleibt eisern auf der Badewanne sitzen.

„Jetzt komm, Mikesch! Hier draußen ist es viel schöner! Und viel gesünder für dich!“

Er ist ein unbedarfter Jungkater. Und frisch kastriert. Erkennbar hat er keine Lust, das warme Badezimmer zu verlassen.

Offensichtlich traut er mir nicht über den Weg.

Wer will es ihm verübeln?

Fluchend scheuche ich ihn quer durch das Bad, über das Waschbecken, dann hinter dem Wäschekorb hervor, bis er endlich keinen anderen Ausweg sieht, als sich im Flur unter den Schrank zu flüchten.

Ich stelle ihm je ein Schälchen Trockenfutter und Wasser neben den Schrank.

Kurz darauf fährt auch schon der Herr vom Tierschutz vor. In der Transportbox, die er mir in die Hand drückt, liegen die beiden betäubten Jungkatzen.

Ich bekomme noch ein Papiertütchen mit Tabletten für die beiden, dann hieft er die Falle mit der fauchenden Mutterkatze in den Kofferraum und verschwindet wieder.

Ich trage die Transportbox in das Badezimmer und lasse die beiden leblosen Katzenkörper neben der Waschmaschine auf eine weiche Decke gleiten.

Atmen sie?

Ängstlich beoachte ich ihre Bäuche. Ja, langsam und mühsam heben und senken sie sich.

Was, wenn eines der Kätzchen stirbt?

Aus der lästigen Pflichtübung ist ein Drama geworden.

Kurz darauf wird sich herausstellen:

Der erste Teil eines Dramas.

Der zweite Teil folgt eine Stunde später.

Wieder sitze ich am Küchentisch, trinke Tee und versuche, meine Nerven zu beruhigen:

Der verängstigte Mikesch unter dem Schrank im Flur, zwei schwer kranke narkotisierte Katzen im Badezimmer…

…und in neun Tagen ist Weihnachten.

„Pling!“ Eine neue Nachricht über WhatsApp. Der Herr vom Tierschutz hat mir ein Foto geschickt.

Darauf der Kopf der – offensichtlich narkotisierten – Mutterkatze. Und eine genähte Wunde am linken Auge.

Als die Katze in der Falle saß, habe ich sie das erste Mal aus der Nähe gesehen. Irgendwas war mit dem einen Auge nicht in Ordnung.

Was immer es war: es musste wohl operiert werden.

Da läutet auch schon das Telefon.

Der Herr vom Tierschutz ist dran: „Ich habe schlechte Nachrichten!“, beginnt er.

Mir bleibt beinahe das Herz stehen. „Was ist mit der Mutterkatze? Was ist mit ihrem Auge? Hat sie auch Lungenwürmer?“

„Nein!“, beruhigt mich der Tierschutz-Mann. „Ihre Lunge ist in Ordnung. Und das Auge musste operiert werden, aber das ist nicht tragisch. Ein Rolllid. So etwas kommt öfter vor.“

„Weil ihre Jungen die Atemprobleme hatten, wurde die Mutterkatze zur Kontrolle geröngt. Und auf dem Röntgenbild hat der Tierarzt das hier entdeckt:“

„Pling“.

Der Vorsitzende hat mir ein Foto des Röntgenbilds geschickt. Darauf sind zwei weiße Punkte eingekreist.

Einer im Vorderlauf der Katze. Einer im Brustkorb.

„Auf die Katze wurde geschossen. Die Projektile sind aus Blei. Wenn die nicht entfernt werden, stirbt die Katze an Bleivergiftung.“

Mir ist übel.

„Das Projektil im Vorderlauf konnte während der OP entfernt werden. Aber das Projektil im Brustkorb muss in einer Folge-OP gemacht werden. Nach Weihnachten.“

Ich bin sprachlos.

„Ich bringe ihnen jetzt die Katze.“, beschließt der Tierschutz-Mann das Gespräch.

Ich sitze weiterhin am Küchentisch, registriere ich nach ein paar Minuten.

Unter Schock.

Jemand hat auf die arme Mutterkatze geschossen!

Aus purer Grausamkeit!

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es ein direkter Nachbar war…

Katzen-Gefängnis

In meinem Badezimmer im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz halte ich drei Jungkatzen gefangen…

Im Backhaus des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz lebt eine wilde Katzenfamilie. https://www.water-runs-east.eu/katzen/

Die fünf Katzen – eine graue Mutterkatze und ihre vier schwarz-weißen Jungen – sind so scheu, dass Suriyel und ich sie nur aus der Ferne beobachten können.

Obwohl ich sie – seit meinem Einzug in den Pfarrhof Anfang Juni – täglich füttere, laufen sie davon, sobald sie uns sehen.

Deshalb weiß ich nicht, welches Geschlecht die Jungen haben.

Aber eines weiß ich sicher: sobald sie alt genug sind, werde ich sie kastrieren lassen!

Sechs Katzen – neben der Katzenfamilie lebt auch noch der alte zutrauliche Kater „Spätzle“ auf dem Pfarrhof – sind genug! https://www.water-runs-east.eu/kater/

„Und auch für die Katzen ist es viel besser, wenn sie kastriert sind!“, erkläre ich dem skeptischen Suriyel.

„Die Kätzinnen bekommen sonst zwei Mal im Jahr Junge. Bis zu sechs Stück! Und die Kater laufen viele Kilometer auf der Suche nach rolligen Kätzinnen. Die meisten werden früher oder später überfahren!“

Dieses Schicksal möchte ich den Katzen des Pema Choling ersparen. Und mir auch.

Anfang Dezember sind die vier Katzenkinder ein halbes Jahr alt.

Alt genug für die Kastration.

Ich kontaktiere den Tierschutzverein Neubrandenburg. Der Vorsitzende sagt mir seine Unterstützung zu. Er wird mir dabei helfen, die Katzen einzufangen und zur Kastration zu bringen. https://www.water-runs-east.eu/katzen-jagd/

Nur: So unkompliziert, wie er mir die Aktion am Telefon geschildert hat, läuft es nicht.

Eigentlich ist geplant, alle Katzen am Freitag, dem 12. Dezember einzufangen, zum Tierarzt zu bringen und nach der Kastration in meinem Badezimmer übernachten zu lassen.

Wenn sie sich am nächsten Morgen von der Narkose erholt haben, sollen sie wieder ins Freie entlassen werden.

Soweit die Theorie…

In der Praxis läuft es darauf hinaus, dass nur eine Katze am Freitag frisch kastriert in meinem Badezimmer sitzt: Mikesch.

Als er vom Tierarzt kommt, erwarten ihn dort zwei seiner Geschwister. Die sind erst in die Falle gegangen, als die Tierarztpraxis bereits geschlossen ist.

Sie sollen am am folgenden Montag kastriert werden.

Bis dahin muss ich die beiden noch fehlenden Katzen fangen: eine Jungkatze und die Katzenmutter.

Und mich um die Jungkatzen in meinem Badezimmer kümmern.

Die weißen Fliesen zieren blutige Pfotenabdrücke.

Als ich Mikesch am Freitagabend aus der Transportbox kippe, unternimmt er – benebelt von der Narkose – einen verzweifelten Fluchtversuch.

Als der frisch kastrierte Jungkater in das Waschbecken hechtet, kippen die beiden gläsernen Zahnputzgläser aus der Halterung. Mit lautem Krach landen sie auf dem Boden, die Scherben spritzen durch das Bad.

Mikesch´ Versuch, den Hängeschrank über dem Waschbecken zu erklimmern, scheitert.

Mit allen Vieren landet er in den Scherben.

Auf blutenden Pfoten flieht er über die Badewanne auf das Fensterbrett. Dort kauert er sich hinter dem Vorhang zusammen.

Soweit das möglich war, ohne die Jungkatzen noch mehr in Panik zu versetzen, kehre ich die Scherben zusammen.

Dann überlasse ich sie ihrem Schicksal und gehe ins Bett. Gestresst und aufgewühlt.

Die Katzen bleiben im Badezimmer zurück. Mit einer Schale Wasser.

Ohne Futter!

Mikesch, weil er frisch operiert ist.

Und die anderen beiden, weil sie mit ihrem Bruder im selben Badezimmer eingesperrt sind.

Am nächsten Morgen darf Mikesch wieder fressen.

Aber zuvor muss er sein Antibiotikum nehmen.

Morgens und Abends eine halbe Tablette.

So hat mir das der Tierschutz-Mann gestern Abend aufgetragen. Der Tierarzt hat ihm eine Papiertüte mit einem Streifen Tabletten für Mikesch mitgegeben.

Wie bringe ich den Kater dazu, seine Tablette zu schlucken?

Mit Gewalt? Muss ich die Rosenhandschuhe aus der Werkstatt holen und Mikesch überwältigen?

„Paté geht immer“, schreibt ein Freund aus der Schweiz.

Super Idee! Nur leider essen wir kein Fleisch. Paté habe ich nicht vorrätig.

Ich inspiziere den Inhalt meines Kühlschranks.

Der Räucherlachs! Der war beim Discounter im Angebot, deshalb habe ich eine Packung mitgenommen.

Für die Gäste, die Suriyel und ich an Weihnachten erwarten.

Ich mische den kleingeschnittenen Räucherlachs mit einem Becher Creme Fraiche, bevor ich die Masse pürriere.

Dann halbiere ich die Antibiotika-Tablette mit dem Messer und klopfe eine Hälfte vorsichtig mit dem Hammer zu feinem Pulver.

Schließlich gebe ich je einen Teelöffel Räucherlachs-Paté auf drei Unterteller, mische unter eine der drei Portion das zerstoßene Antibiotikum und trage das Amuse Gueuele vor dem Hauptgang ins Badezimmer.

Mikesch sitzt immer noch hinter dem Vorhang auf dem Fensterbrett. Um ihn ist alles blutverschmiert. Mit großen Augen starrt er mich an, als ich den Teller neben ihm abstelle.

Damit ihm keines seiner Geschwister die Tablette wegfrisst, bekommen die anderen beiden auch eine Vorspeise.

Baruch kauert neben der Waschmaschine. Als ich den Teller vor ihm plaziere, geht er in Deckung.

Wo ist Basia?

Nach ein bisschen Suchen entdecke ich sie in meinem edlen Wäschekorb aus gewalktem Filz! Ich bin nicht entzückt von der Idee, den streng riechenden fettigen Räucherlachs in meinem Wollkorb zu plazieren, aber was solls…

Zumindest waren alle drei vorbildlich brav auf dem Katzenklo, dass ich gestern Abend unter dem Waschbecken aufgestellt habe.

Als ich eine halbe Stunde später wieder ins Badezimmer komme, sind alle drei Teller leer und sauber abgeleckt.

Ich serviere den Hauptgang: Für jede Katze eine Portion Nassfutter im eigenen Schälchen.

Als alle drei Jungkatzen verköstigt, Mikesch Blutspuren notdürftig aufgewischt sind und das Katzenklo gereinigt ist, muss ich mich wieder um die Lebend-Fallen auf dem Gelände kümmern.

Zwei Katzen fehlen noch!

„Das hier“ – denke ich, während ich in Jacke und Stiefel schlüpfe – „ist ein Alptraum!“

Katzenjagd-Wochenende

Die wilde Katzenfamilie des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz muss eingefangen werden. Das bringt mich an meine Grenzen…

Die wilde Katzenfamilie des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz muss eingefangen und kastriert werden! https://www.water-runs-east.eu/katzen/

Ohne dass mir das bewusst ist, hoffe ich auf ein Wunder.

Dummerweise vergebens…

Das leidige Thema „Fünf Katzen einfangen und kastrieren“ ist nicht an einem Tag erledigt.

Obwohl der Tierschutz-Mann das in Aussicht gestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/katzen-jagd/

Stattdessen sitzen am Abend des Freitag, dem 12. Dezember – anstat fünf – nur drei verstörte Katzen in meinem Badezimmer.

Und lediglich eine von ihnen ist kastriert.

Der arme Mikesch.

Über das Wochenende soll ich die fehlenden zwei Katzen einfangen, hat mir der Herr vom Tierschutz aufgetragen.

Am Montagvormittag wird er alle gefangenen Katzen abholen und zur Kastration bringen.

Am Freitagabend vor dem Schlafengehen laufe ich – die Taschenlampe im Anschag – alle drei Fallen ab, die über das Gelände verteilt sind.

Alle sind leer.

Danach gehe ich zu Bett.

Glücklicherweise hat es Nachts keinen Frost!

Ein paar Stunden überstehen die Tiere unbeschadet in der Falle, hat mir der Herr vom Tierschutz versichert.

Ich schlafe trotzdem schlecht.

Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen drehe ich die nächste Runde.

Völlig verschlafen und in Panik.

Was mache ich, wenn die große graue Mutterkatze in die Falle gegangen ist?

Sie ist so scheu!

Und sicher wild!

Ich muss mir eingestehen, dass ich panische Angst vor dieser Katze habe!

Wenn sie in einer der Fallen sitzt, muss ich alleine mit ihr klar kommen. Das ganze Wochenende lang.

Suriyel ist nicht hier! Er muss über das Wochenende arbeiten.

Die Falle hinter der Werkstatt ist leer.

Die am Backhaus ebenfalls.

Ich weiß nicht ob ich erleichtert oder enttäuscht sein soll?

„Wenn du nächsten Winter nicht wieder das gleiche Drama haben möchte, muss die Mutterkatze jetzt eingefangen werden!“, ermahne ich mich selbst.

„Und nächstes Jahr hättest du dann nicht sechs, sondern zehn oder zwölf Katzen! Das kannst du doch nicht ernsthaft wollen???“

Tief in Gedanken bin ich am Weiher angekommen.

Mir stockt der Atem: Die Tür der Lebend-Falle am Holzlager ist geschlossen. Irgendwas Graues sitzt drin!

Ich habe die Mutterkatze gefangen!

Mit klopfendem Herzen nähere ich mich der Falle.

Es sitzt wirklich eine graue Katze drin!

Aber nicht die Mutterkatze, sondern der dicke graue Nachbarskater!

Der ist offensichtlich höchst gekränkt über die lieblose Behandlung.

Als er mich sieht faucht er mich an, das mir ganz anders wird.

Mit zitternder Stimme spreche ich beruhigend auf ihn ein, während ich versuche, den Schließmechanismus der Tür zu lösen.

Sobald sich meine Finger den Gitterstäben nähen, fährt der Kater seine Krallen aus. Dazu faucht und spuckt er, während er mich mit starrem Blick fixiert. Zwischendurch springt er in der Falle herum, dass die nur so scheppert.

Genau so hatte ich mir das vorgestellt!

Und das alles vor der ersten Tasse Kaffee…

Ich lasse den Kater in der Falle zurück und eile in die Werkstatt. Dort ziehe ich meine Rosen-Handschuhe über. Die haben einen extra Schutz gegen Dornen.

Ich hoffe darauf, dass sie auch den Krallen des aufgebrachten Katers standhalten werden.

Mit den dicken Handschuhen ist es doppelt mühsam, den Schließmechanismus der Falle zu entriegeln.

Der Kater kratzt, faucht und spuckt – ich ziehe, zerre und fluche – und auf einmal geht die Tür hoch.

Mit Karacho schießt der graue Kater aus der Falle, jagt über die Wiese und verschwindet hinter dem Gartenzaun.

Ich lasse die Falle stehen und wanke zurück in die Wohnung.

Dort stürze ich zur Kaffeemaschine wie ein Verdurstender zum Brunnen.

Was für ein Tag!

Und er hat gerade mal angefangen…

Katzen-Jagd

Die wilden Katzen des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz sollen kastriert werden. Dafür muss ich sie einfangen…

Am Freitag, dem 12. Dezember, klingelt morgens um 7 Uhr das Telefon.

Am Apparat: der Vorsitzende des Tierschutzvereins Neubrandenburg.

„Der Tierarzt hat heute Kapazität für fünf Katzen“ erklärt er mir. „In zwei Stunden bin ich mit den Fallen bei ihnen.“

„Wenn alles gut läuft“, fährt er fort, „nehme ich Mittags alle fünf Katzen mit zum Tierarzt und bringe sie Abends kastriert wieder zurück!“ https://www.water-runs-east.eu/katzen/

Ein Mann der Tat.

Pünktlich um neun Uhr parkt ein weißer Transporter in der Auffahrt des Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz.

Als ich Schuhe und Jacke angezogen habe und vor die Haustür getreten bin, hat der Vorsitzende des Tierschutzvereins bereits die erste Falle aufgestellt.

Hinter der Garage.

Während er mir die Hand schüttelt und sich vorstellt, knallt es laut hinter uns.

„Na bitte!“ Erklärt mir der drahtige Herr Anfang Siebzig zufrieden. „Die erste hätten wir schon mal!“

Ich folge ihm zur Garage. In der großen grünen Falle sitzt der sichtlich schockierte Mikesch.

So habe ich den schwarzen Jungkater mit dem weißen Herzchen über der Nase getauft.

Er ist der größte und neugierigste der Truppe.

Der Tierschutz-Mann trägt die Falle mit dem armen Mikesch zum Transporter und stellt sie auf der Ladefläche ab.

Vor den Augen von Mikesch Geschwistern.

Die haben das unerhörte Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtet.

Eigentlich warten alle Katzen auf ihr Frühstück. Das bekommen sie normalerweise um kurz vor acht Uhr.

Aber heute Morgen bekommen sie: nichts!

Der Tierschutz-Mann hat mir verboten, die Katzen zu füttern.

Damit die hungrigen Katzen – angelockt von einer kleinen Portion Futter – in die Falle tappen und den Schließmechanismus auslösen, sobald sie fressen.

Bei Mikesch hat der Trick super funktioniert.

Der Herr vom Tierschutz holt drei weitere Lebend-Fallen aus dem Transporter und zeigt mir, wie man sie präpariert: ein paar Brocken Nassfutter auf die bewegliche Bodenplatte, dann die Tür mit dem Öffnungsmechanismus sichern.

Wir verteilen die Fallen auf dem Gelände.

Weil es im Freien kalt und ungemütlich ist, bitte ich den Tierschutz-Mann in die Küche. Wir trinken Tee und warten darauf, dass die nächste Katze in die Falle geht.

Der Herr vom Tierschutz ist siegesgewiss.

Ich bin skeptisch: Mikesch war ahnungslos. Aber die anderen Katzen waren life dabei, als er in die Falle ging.

Sind sie wirklich so doof, es ihm gleich zu tun?

Zwei Stunden später verlässt mich der Herr vom Tierschutz.

Mit einer einzigen Katze: dem armen Mikesch.

Ich bekomme den Auftrag, im Zwei-Stunden-Takt die Fallen zu kontrollieren und jede gefangene Katze sofort telefonisch zu melden.

Alle zwei Stunden steige ich in meine Winterstiefel, ziehe Anorak und Mütze an und wandere über das Gelände um zu schauen, ob eine Katze in die Falle gegangen ist.

Den ganzen Nachmittag über: nichts.

Um fünf Uhr abends lässt der Schein meiner Taschenlampe ein paar Katzenaugen in der Falle vor dem Backhaus aufleuchten.

Baruch!

So habe ich die Jungkatze mit dem lustigen Dali-Bärtchen am Kinn getauft.

In der letzten Abenddämmerung stolpere ich über die Wiese, mit beiden Händen die fauchende Katze in der schweren Falle schleppend.

Die Taschenlampe steckt in der Jackentasche.

Ich stelle den völlig verstörten Baruch im Flur ab, greife mit zitternden Händen zum Telefon und melde Vollzug.

„Heute Abend ist es zu spät zur Kastration. Ich hole alle Katzen, die Sie über das Wochenende fangen, am Montagmorgen ab!“

Der Tierschutz-Mann räuspert sich: „Der Kater ist kastriert. Ich bringe ihn in etwa einer halben Stunde!“

Als der Transporter des Tierschutzvereins vorfährt, eile ich nach draußen, um Mikesch in Empfang zu nehmen. Der Herr vom Tierschutz öffnet die Ladeklappe: Fünf frisch operierte Katzen hat er dabei! Mikesch´ Transportbox ist ganz vorne. Er ist der einzige, der schon wach ist.

Der Tierschutz-Mann drückt mir die Transportbox mit dem halb narkotisierten Kater in die Hand, dazu ein Papiertütchen mit einem Streifen Antibiotika-Tabletten. „Morgens und Abends eine halbe Tablette!“

Dann wünscht er mir ein schönes Wochenende und fährt davon.

Katzen

Im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz leben sechs Katzen. Mehr – finde ich – müssen es nicht werden…

Anfang Juni 2025 ziehe ich in den Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Ganz alleine! https://www.water-runs-east.eu/allein/

Zu meinem Glück findet sich am Tag meines Einzugs ein Gefährte: ein runder schwarz-weißer Kater mit Klappohren. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Er ist zutraulich und – wie sich bald herausstellt – verblüffend intelligent.

Ich rufe ihn „Spätzle“.

Wir sind einander sehr zugetan.

Domestiziert ist das Spätzle allerdings nicht. Wenn ihm etwas nicht passt, fährt es die Krallen aus. Blitzschnell und präzise!

Weil sich das Spätzle strikt weigert, meine Wohnung zu betreten, plane ich seine Entführung! Nur Suriyels Weigerung, das Spiel mitzuspielen, erspart dem alten Kater den unnötigen Stress. https://www.water-runs-east.eu/kidnapping/

Denn nach vielen Stunden des Bürstens, Streichelns und Fütterns fasst sich das Spätzle im August ein Herz und wagt sich das erste Mal in meine Wohnung.

Anfangs traut es sich nur herein, wenn die Haustür offen bleibt. Während des Sommers ist das kein Problem.

Als es im September kälter wird, ist das Spätzle souverän genug, eine geschlossene Haustür zu ertragen.

Jeden Morgen sitzt das Spätzle auf dem Fußabstreifer, lässt sich von mir begrüßen und kommt in die Wohnung.

Dann frühstücken wir gemeinsam: Das Spätzle Nassfutter und Wasser mit einem Schuss Sahne, ich Kaffee und Porridge.

Nach dem Frühstück möchte das Spätzle gebürstet werden. Darauf legt es großen Wert! Wenn ich es mal vergesse, bleibt es eisern in der Küche sitzen, bis es seine Bürsten-Einheit abbekommen hat.

Wenn der alte Kater gefüttert und gebürstet ist, verlässt er mich wieder.

Unter einer Hecke oder einem Busch rollt er sich zusammen und verschläft den Tag.

Pünktlich zum Abendessen sitzt er wieder auf dem Fußabstreifer, nimmt seine Mahlzeit gemeinsam mit mir ein, lässt sich bürsten und verschwindet wieder ins Freie.

Das Spätzle – finde ich – ist das perfekte Haustier! Er ist alles, was ich zum Glücklichsein brauche!

Allerdings ist das Spätzle nicht die einzige Katze im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz!

Am selben Tag Anfang Juni, an dem Suriyel und ich das Spätzle kennenlernen, entdecken wir eine weitere Katze!

Eine große magere graue Katze, die gerade Junge geboren hat. Ihr ausgemergelter Bauch hängt tief.

Als sie Suriyel und mich am Weiher stehen sieht, jagt sie über den Hof und verschwindet hinter der Werkstatt.

Ich stelle eine Schüssel Trockenfutter vor die Haustür.

Für das Spätzle.

Und die magere graue Katze.

In meinem halb verfallenen Backhaus hinter dem Stall zieht sie ihre Jungen auf.

Vier schwarz-weiße Kätzchen.

Im August sind sie groß genug, um ihre Mutter zur Futterschüssel vor der Haustür zu begleiten.

Sie sind super süß!

Und genauso scheu wie ihre Mutter!

Jeden Morgen und Abend füttere ich – nachdem das Spätzle und ich unsere Mahlzeit zu uns genommen haben – die Katzenfamilie vor der Haustür.

Vierzehn Kilo Katzenfutter kaufe ich jeden Monat!

Weil ich finde, dass sechs Katzen mehr als ausreichend für das Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz sind, kontaktiere ich Anfang Dezember den örtlichen Tierschutzverein.

Zu meiner Erleichterung verspricht der Vorsitzende des Vereins, mir zu helfen, die Katzenmutter und ihre Jungkatzen einzufangen.

Einen Tierarzt, der die Katzen zu einem bezahlbaren Preis kastrieren wird, kennt er auch.

Obst

Im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz stehen zwanzig Obstbäume. Die reifen Früchte sind Geschenk und Herausforderung zugleich.

Anfang Juni ziehe ich in den Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Gerade als die Süßkirschen an den vier Kirschbäumen am Weiher reif werden.

Die Äste biegen sich unter den Früchten. Pünktlich zur Einweihung des Pema Choling sind die Kirschen reif. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Zur Freude des Lama und der Gäste.

Und der Stare. Die holen sich den Rest, als wieder Ruhe im Pfarrhof eingekehrt ist.

Sie fallen über meine Bäume her wie ein Räuber-Bataillon!

Meine Versuche, sie zu verscheuen, lässt den riesigen Schwarm kalt.

Da kann ich noch so rufen, klatschen, schimpfen und schreien: Kaum bin ich im Haus verschwunden, stürzen sie sich wieder auf meine Kirschen!

Es dauert keine Woche, dann sind die Bäume abgeerntet.

Vier Wochen später sind die sechs Bäume mit den Sauerkirschen reif. Wieder das selbe Spiel: Es dauert nur wenige Tage, dann haben die Stare alle Bäume leer gefressen.

Diesmal bin ich auf die Attacke vorbereitet. Vier Eimer Kirschen kann ich retten und koche vortreffliche Marmelade daraus.

5% der Früchte für mich. 95% für die Stare.

Eine Quote, die jeden Mafia-Paten vor Neid erblassen ließe.

Gleichzeitig mit den Sauerkirschen ist auch der erste Birnbaum reif. Auch er trägt so viele Birnen, dass die Äste sich unter dem Gewicht biegen.

Weil ich nicht gleichzeitig Birnen und Kirschen verarbeiten kann, bekomme ich satte vier Birnen ab.

Den Rest fressen die Stare.

Und die Wespen und Hornissen.

Es handelt sich um Arbeitsteilung, stelle ich frustriert fest: Die Stare picken drei oder vier Mal in eine Birne. Die Löcher in der harten Schale nutzen die Insekten als Eingang. Innerhalb von Stunden höhlen sie die Früchte aus.

Ich traue mich nicht mehr in die Nähe des Baumes, weil der so von Wespen und Hornissen belagert ist.

Glücklicherweise habe ich weitere Birnbäume. Zwei verschieden Sorten sind es, die erst Ende September reif sind.

Der größere der beiden Birnbäume ist berühmt im Dorf!

Mehrmals werde ich von Nachbarn darauf angesprochen, wie viele Früchte der Baum jedes Jahr tragen würde und wie hervorragend deren Qualität wäre.

Frank – der verstorbene Vorbesitzer – hat den Nachbarn jedes Jahr Kisten Birnen vorbei gebracht.

Ich biete den Nachbarn an, selbst vorbeizukommen und zu pflücken. Was sie auch tun.

Ohne dass der Baum erkennbar weniger Früchte tragen würde.

Ich pflücke Eimer voller Birnen und koche Kompott daraus.

Nach 20 Kilo Kompott ist es genug. Irgendjemand muss das ja alles essen!

Was soll ich nur mit den ganzen Birnen machen?

Das erste Mal habe ich etwas Muse zum Nachdenken.

Denn gleichzeitig mit den Birnen sind auch die Weintrauben an der Hauswand reif.

Die mögen die Stare lieber.

Mein Vorschlag, Birnen und Äpfel zum Mosten zu bringen, stößt bei Suriyel auf taube Ohren. Wir trinken beide keinen Obstsaft. Und es gibt so viel wichtigeres im Pfarrhof zu erledigen!

Ich pflücke Eimer voller Äpfel und lagere sie in einem der leeren Räume im unsanierten Haupthaus ein.

Nur: Was soll ich mit den Birnen machen?

Irgendwas muss mir einfallen!

Ich habe nicht vor, sie den Staren zu überlassen!

Frank

Der verstorbene Vorbesitzer des Historischen Pfarrhofs von Dewitz ist integraler Teil meines neuen Lebens geworden…

Franks Regenjacke im Heizungsanbau

Ich spreche oft von Frank.

Mit seinem ehemals besten Freund, der hier im Dorf lebt und mich regelmäßig besuchen kommt. Auf ein alkoholfreies Bier.

Mit den Nachbarn, die hinter der Remise des Pfarrhofs wohnen.

Frank war ein guter Freund und Nachbar.

Auch Suriyel spricht regelmäßig von Frank. Wieder und wieder lobt er dessen handwerkliches Geschick und Weitsicht.

Für Suriyel und mich ist Frank zu einem guten alten Freund geworden.

Dabei haben wir ihn nie kennengelernt!

Frank starb im August 2022. Er wurde nur 52 Jahre alt. Er hatte keine Familie.

Seine Erben boten den Pfarrhof zum Kauf an. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Deshalb war ich im Oktober 2024 das erste Mal im Historischen Pfarrhof von Dewitz. Zum Besichtigungstermin mit dem Makler. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Im März 2025 unterschrieb ich den Kaufvertrag. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Im Juni zog ich ein. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Die seltsame Beziehung mit dem verstorbenen Vorbesitzer nimmt ihren Anfang, bevor ich den Pfarrhof das erste Mal betrete: Weil wir vor dem Besichtigungstermin mit dem Makler noch etwas Zeit haben, fahren mein Bruder und ich ins fünf Kilometer entfernte Burg Stargard.

Dort kommen wir unter seltsamen Umständen mit einer Frau ins Gespräch, die nicht nur den Pfarrhof kennt, sondern sogar mit dem verstorbenen Vorbesitzer befreundet war.

Von ihr hören wir zum ersten Mal seinen Namen.

Frank.

Und von den Umständen seines Todes. Dass er in seinem Zuhause gestorben ist. Wie schockiert alle über seinen frühen Tod sind. Und das unklar ist, woran er gestorben ist.

Nach meinem Einzug bin ich überwältigt von Franks Präsenz.

Überall im Haus, in den Gebäuden und auf dem Grundstück ist Frank.

Frank ist im Pfarrhof geboren und aufgewachsen.

Er hat sein Leben hier verbracht und ist hier gestorben.

Frank hat den Pfarrhof geliebt.

So wird mir das von allen erzählt, die ihn gekannt haben. Und noch einiges andere über Frank dazu.

Gleichzeitig mache ich meine eigenen Entdeckungen. Ziehe meine eigenen Schlüsse aus den verbliebenen Spuren von Frank, die mir im Laufe der Zeit in die Hände fallen.

Oft ist mir Frank geradezu erschreckend nah:

Wenn ich morgens bei Nieselregen von Frank gesägtes, gespaltenes und aufgeschichtetes Brennholz aus der Werkstatt hole.

Und mir vorher seine Regenjacke überziehe, die im Heizungsanbau an einem Haken hängt.

Wenn ich Franks verblichenen Notizen in der Bedienungsanleitung des Heizkessels überfliege. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Jedesmal wenn ich die riesige Werkstatt betrete.

Franks Reich, von ihm selbst entworfen und gebaut.

Damit die Sauna-Pläne Realität werden können, beginne ich im November mit dem Ausräumen der Werkstatt. https://www.water-runs-east.eu/architekten-sauna/

Schicht für Schicht arbeite ich mich durch Franks erloschenes Leben.

Frank liebte Autos. Und Motorräder.

In den blauen Werkzeugschränken stapeln sich angebrochene Motoröle, Lackstifte, Polituren und Frostschutzmittel. Dazu Ersatzbirnen für Scheinwerfer, Bremsklötze, Keilriemen…

Frank liebte Angeln. Dabei mochte er keinen Fisch!

Was er angelte, schenkte er den Nachbarn.

Ich hole vergilbte Speisefisch-Plakate von den Wänden, sortiere Reusen, Angelschnüre, Haken und eine gebrochene Angelrute aus.

Frank sammelte Email-Plaketen.

Bevorzugt von Brauereien. Und Traktor-Firmen.

Die lasse ich hängen.

Alle Plaketen mit doofen und/oder sexistischen Bildern und Sprüchen schraube ich ab.

Davon gibt es einige.

Suriyel in Franks Werkstatt

Frank hatte jahrelang eine Fensterbau-Firma. Im Hochregal lagern kistenweise Fenstergriffe, Scharniere und Einbaumaterial.

Ich hieve – auf der Leiter balancierend – Eimer voller Nägeln und Schrauben vom Regal. Einen verrosteten Werkzeugkasten. Isolierfolien, Mauerschutzfolien, Mörtelreste, Farbreste, Gummischläuche, Unkrautvernichter und noch vieles mehr.

Als ich mich zum obersten Regalbrett durchgearbeitet habe, stelle ich fest, dass hier bis vor kurzem eine Mäusefamilie lebte. Eine Pappschachtel mit Farbresten diente als Mäuseklo. Die Röhre einer Rolle Isolierfolie für Trockenbau war die Mäuse-Kinderstube. Warm und gemütlich gepolstert mit dem zerrissenen Etikett eines Farbeimers.

Der Haufen für den Wertstoffhof wird immer größer.

Er riecht streng nach Mäusekot.

Während ich tagelang in der ungeheizten Werkstatt vor mich hin arbeite, sind meine Gedanken bei Frank.

Dem Mann, der nie die passende Frau fand.

Der immer der Sohn seiner dominanten Mutter blieb, die er bis zu ihrem Lebensende pflegte. Drei Monate nach dem Tod der Mutter starb Frank.

Der Mann, der regelmäßig ins Puff ging.

Der harte Kerl, der stundenlang Gewichte hob.

Der Bäume fällte und Motorcross fuhr.

Aber auch der Mann, der Holzreste in Tiere und Fabelwesen verwandelte.

Immer wieder finde ich Zeugnisse von Franks Fantasie.

Als ich seinen früheren besten Freund darauf anspreche, ist der verblüfft. Das Frank diese Seite hatte, war ihm nicht bewusst gewesen.

Ich lebe inmitten der Spuren, die ein fremder Mensch hinterlassen hat.

Für ein paar Jahre.

Ein paar Jahrzehnte, wenn ich Glück habe.

Dann wird der nächste in den Pfarrhof ziehen, und in meinen Spuren leben.

Sich durch die Reste meiner verblichenen Existenz arbeiten.

Denn das einzig Beständige ist der Wandel…

Bruder-Liebe

Die Sauna im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz wird von dem einzigen Profi gebaut, den ich mir leisten kann: meinem Bruder…

Seit ich im Juni in den Historischen Pfarrhof von Dewitz gezogen bin, wünsche ich mir eine Sauna! https://www.water-runs-east.eu/sauna-zelt/

Monatelang mühe ich mich, damit aus dem Wunsch Wirklichkeit werden kann. https://www.water-runs-east.eu/werkstatt-sauna/

Vergebens.

Es bedarf der Expertise des Architekten. https://www.water-runs-east.eu/architekten-sauna/

Der identifiziert mit geschultem Blick den perfekten Ort für die Sauna und entwirft innerhalb von Minuten die Grundstruktur.

Für eine maßgefertigte Sauna mit traumhaftem Ausblick. Samt Liegewiese und Umkleide.

Glücklich und erleichtert mache ich mich an die Umsetzung.

Eine maßgefertigte Sauna muss her!

Weil die Sauna mit Holz beheizt werden soll, in Blockbohlenbauweise. Holzstärke minimum 45 Milimeter.

Wegen des Brandschutzes.

Es war mir bewusst, dass eine maßgefertigte Sauna teuer ist. Allerdings: WIE TEUER hatte ich komplett unterschätzt.

Meine Versuche, Angebote für die Sauna einzuholen, scheitern.

Keiner der drei Sauna-Bauer, die ich anschreibe, scheint es für realistisch zu halten, dass ich bereit und in der Lage bin, einen angemessenen Preis zu zahlen.

Wobei „angemessen“ relativ ist. Finde ich zumindest!

Als mir einer der Sauna-Bauer am Telefon erklärt, eine Vier-Quadratmeter-Massivholz-Sauna koste ab 15.000€, bin ich komplett bedient.

Meine Sauna soll zwölf Quadratmeter haben. Macht 45.000€!

Für eine Sauna!

Es schlägt die Stunde meines Bruders!

Der ist Zimmerer und Bauingenieur und hat eine eigene Firma. Er saniert Dachstühle und baut Edel-Holzhäuser. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Eine Sauna hat er bisher noch nie gebaut.

Aber als ich ihm mein Leid klage, beschließt er umgehend, die Sache in die Hand zu nehmen.

Ein Kollege aus der Innung ist Experte im Sauna-Bau. Von dem lässt sich mein Bruder in die Geheimnisse der perfekten Holzbohlen-Sauna einweihen.

Und Holzreste für die Sauna hat er in seinem Betrieb auch im Überfluss.

Ich werde mit meinem Crafter nach Berlin zitiert. Mit vier Tonnen Holz auf der Ladefläche fahre ich wieder nach Hause!

Gefolgt von meinem Bruder samt einem Freund im firmeneigenen Sprinter, der ebenfalls bis obenhin voller Bauholz ist.

Wir entladen die beiden Transporter und stapeln das Holz in der Werkstatt.

So appetitlich als möglich.

„Das muss so platziert sein, dass man Bock darauf hat, damit zu arbeiten!“, erklärt mir mein Bruder.

Überhaupt hätte er richtig Lust darauf, die Sauna zu bauen!

„Tolles Projekt!“

Allerdings hat mein vielbeschäftigter Bruder noch eine Reihe anderer Verpflichtungen. Er hat schließlich einen Betrieb mit fünfzehn Angestellten. https://z-dx.de/

Dazu ein volles Auftragsbuch.

Und anspruchsvolle Kundschaft.

Im Januar wird er trotzdem mit dem Saunabau beginnen, verspricht mein Bruder, bevor er wieder in Richtung Berlin verschwindet.

Camping-Plätzchen

Das Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz bekommt eine Sauna! Und einen kleinen Campingplatz…

Anfang September kommt der Architekt aus Hamburg zu mir ins Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz. Er muss die Gebäude vermessen, denn es existieren keine Grundrisse oder Pläne.

Weil der Architekt nicht weiß, wie lange er für die Aktion brauchen wird, kommt er in seinem Camper. Damit er notfalls bei mir übernachten kann.

Nach seiner Ankunft diskutieren wir, wo er seinen Campingbus parken soll. „Strom“, erkläre ich ihm, „gibt es im Pavillon, am Heizungsraum und in der Werkstatt.“

Der Architekt wandert mit Camper-Blick über das Gelände. Schließlich stellt er seinen Camping-Bus auf der großen Wiese hinter der Werkstatt ab.

Unnötigerweise, stellt sich im Laufe des Vormittags heraus. Die Vermessung geht reibungslos über die Bühne. Bereits am frühen Nachmittag sind alle Daten erhoben.

Dass der Architekt mit seinem Camper gekommen ist, erweist sich trotzdem als Glücksfall!

Denn als er mir nach dem gemeinsamen Mittagessen den perfekten Platz für meine Sauna in der Werkstatt präsentiert, findet er – hopplahopp – gleich noch eine Lösung dafür, wie sich die Kosten des Sauna-Baus refinanzieren lassen.

„Eröffnen sie einen Camping-Platz!“

Ich bin verblüfft: „Einen Camping-Platz? Im Ernst?“

„Aber ja!“, erklärt mir der Architekt. „Es ist alles da, was Camper brauchen und wollen! Sie können im Grunde sofort anfangen, Stellplätze zu vermieten!“

Wir wandern um die Werkstatt herum zur großen Wiese. Die hat 2000 Quadratmeter. Die obere Hälfte vor dem Haupthaus ist Streuobstwiese. Der untere Teil vor der Werkstatt ist einfach nur flach und grün.

Zu den Nachbarhäusern hin hat Frank – der verstorbene Vorbesitzer – einen hohen grünen Sichtschutzzaun gezogen.

Die Grundstücksgrenze zu den Feldern hin ist offen. Und der Ausblick fantastisch. Ich genieße ihn immer, wenn ich meine frischgewaschene Wäsche auf die lange Wäscheleine neben dem Heizungsanbau hänge.

Die Wiese ist das Refugium der Wildtiere: Am Abend äsen Rehe darauf. Ein Fuchs hält regelmäßig seinen Mittagsschlaf unter dem Apfelbaum am Zaun. Die Stare räumen die Obstbäume ab. Im Spätsommer üben sich die jungen Turmfalken dort im Jagen und Fliegen. https://www.water-runs-east.eu/schreihals/

Mir macht die Wiese vor allem Arbeit: Drei Stunden brauche ich, um sie zu mähen.

Dass ich dort Stellplätze für Camper anbieten könnte, auf die Idee wäre ich nie gekommen.

„Die Wiese ist perfekt!“, erklärt mir der Architekt, während er das Stück hinter der Werkstatt abschreitet. „Komplett eben und das Regenwasser scheint sich hier auch nicht zu stauen!“

„Theoretisch passen mindestens sieben Stellplätze drauf, aber es gibt rechtliche Limitierungen. Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Da müssen sie sich erkundigen.“

Ich mache mir eine mentale Notiz, zügig die Rechtslage zu recherchieren.

„Die Campinggäste können das Badezimmer im unsanierten Hausteil benutzen. Das ist doch in Ordnung!“ Nachdem der Architekt es gerade vermessen hat, weiß er Bescheid.

„Sie haben Strom.“, fährt er fort. „Haben Sie einen Gartenwasseranschluss?“

Ich nicke.

„Sie haben Frischwasser.“

„Abwasserentsorgung haben sie nicht, aber das ist nicht unbedingt notwendig.“ Ich nicke, obwohl ich kein Wort verstehe.

Wir wandern an der Werkstatt vorbei vor das Haupthaus. „Das große Tor ist perfekt für Campingbusse.“, stellt der Architekt zufrieden fest. „Die Zufahrt hat die richtige Breite und ist befestigt. Schöner geht es nicht!“

Wir machen vor dem Weiher halt. „Und sie haben sogar noch eine offene Feuerstelle am Weiher! Das ist das Tüpfelchen auf dem „i“!“

„Wenn es hier auch noch eine Sauna gibt, kommen die Camper auch im Herbst und Winter. Das ist eine gute Investition!“

Der Architekt zeigt mir zwei Apps auf seinem Handy für Individual-Camper. „Da können sie ihre Stellplätze anbieten. Ich bin mir sicher, sie werden ständig ausgebucht sein, wenn sich das ein bisschen herumgesprochen hat!“

Nachdem mich der Architekt verlassen hat, recherchiere ich die rechtlichen Auflagen für einen Campingplatz in Mecklenburg-Vorpommern.

Ohne größere Schwierigkeiten finde ich online die entsprechende Verordnung.

Mit Schaudern lese ich, dass ein Campingplatz befestigte, beleuchtete Wege braucht, eine Feuerwehrzufahrt, nach Geschlechtern getrennte Waschgelegenheiten und Toiletten, sowie ein ausgefeiltes Entsorgungssystem.

Ab fünf Stellplätzen.

Der Camping-Platz des Pema Choling wird deshalb sehr klein ausfallen. Und dafür ohne Flutlichtanlage und Feuerwehrzufahrt auskommen.

Mit vier Stellplätzen ist es wohl eher ein Camping-Plätzchen…

Den Wildtieren und den Katzen des Pema Choling wird das nur recht sein.

Und mir auch…

Architekten-Sauna

Das Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz soll eine Sauna bekommen. In der Werkstatt, so viel steht fest! Aber der Rest?

Seit Anfang Juni wohne ich im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Seit meinem Einzug möchte ich eine Sauna! https://www.water-runs-east.eu/sauna-zelt/

Nach längerem Hin und Her ist zumindest klar, dass die Sauna in die Werkstatt eingebaut werden soll. In die linke vordere Ecke, hat Suriyel beschlossen.

Alles andere überlässt er mir.

Stundenlang gucke ich Youtube-Videos, in denen enthusiastische Heimwerker erklären, wie sie sich ihre eigene Sauna in den Keller gebaut haben. Oder in das Gartenhaus.

Saunabauen – lerne ich – ist eine komplizierte Sache. Mir schwirrt der Kopf von Holzstärken, Isolierungstechniken, Dampfbremsen…

Ich skizziere erste Pläne meiner Sauna. Die braucht nicht nur einen Sauna-Raum, sondern auch eine Umkleide. Alles andere macht keinen Sinn!

Niemand hat Lust, bei Schnee oder Regen nur im Bademantel bekleidet vom Haupthaus quer über das Gelände in die Werkstatt zu laufen.

Und ist es wirklich einladend, verschwitzt aus der Sauna zu kommen und in der riesigen Werkstatt mit Hochregalen, Maschinen und Werkzeugen zu stehen?

Fazit: Ich bin komplett überfordert!

Zu meinem großen Glück kommt Anfang September der Architekt ins Pema Choling.

Mit Hilfe eines großen futuristischen Geräts vermisst er sämtliche Gebäude. Das lange hohe Ding, dass der Architekt wie ein Echolot, über seinem Kopf haltend, vor sich her trägt, produziert „Datenwolken“, die von einer Software in dreidimensionale Pläne transformiert werden.

Zur Freude des Architekten laufen Aufnahmen wie Datenübertragung reibungslos.

Er ist deutlich früher fertig als geplant und nimmt sich Zeit für ein ausführliches Mittagessen.

Während der Mahlzeit plaudern wir miteinander. Ich erwähne die Sauna.

Zu meiner Erleichterung ist der Architekt begeistert von der Idee! Eine Sauna wäre eine tolle Sache, erklärt er mir. Und die Werkstatt genau der richtige Ort dafür!

Wir lassen die leeren Teller auf dem Küchentisch zurück und eilen in die Werkstatt.

„Dort hinten!“ Der Architekt weißt auf das hintere Ende der Werkstatt. „Es ist doch ganz offensichtlich, dass DORT eine Sauna eingebaut werden muss!“

Ich bin verblüfft! Niemand, mit dem ich bisher meine Pläne diskutiert habe, ist auf diese Idee gekommen. Das waren aber auch alles keine Profis.

Im Gegensatz zum Architekten. Der eilt an die Rückwand der Sauna. Die ist fast komplett verglast. Vor den mit Fliegenkot verschmierten Fenster breiten sich Felder bis zum Horizont aus.

„Der Ausblick ist fantastisch!“, ruft der Architekt, während er mit weit ausholenden Bewegungen erst nach draußen, dann in die Höhe deutet.

„Die Fensterfront muss in die Sauna integriert werden! Dann hat man diesen unglaublichen Blick, während man sauniert!“

Er macht ein paar Schritte zur Seite, schiebt sich an der riesigen Kreissäge vorbei, die den Durchgang blockiert und ruft aus: „Und da ist ja sogar noch eine Tür!“

Tatsächlich: Weil die Kreissäge im Weg stand, habe ich nie realisiert, dass die Werkstatt einen zweiten Eingang hat!

Der Architekt stemmt sich mit aller Kraft gegen den Sägetisch, schiebt ihn ein Stück zur Seite und schafft es, die verglaste Tür aufzureißen.

Ich eile ihm nach ins Freie.

„Das ist perfekt!“, erklärt er mir, wieder die Arme ausbreitend. „Das hier ist der Zugang zur Sauna, und hier ist die Liegewiese, perfekt abgeschirmt durch die beiden Obstbäume“ – er zeigt auf den alten Apfelbaum, der an der linken Ecke und den Zwetschgenbaum, der an der rechten Ecke steht – „und vorne nur Felder! Toller geht es nicht!“

Ich bin verblüfft: Er hat recht! Es ist verrückt, dass ich mich seit Monaten mit der Sauna herumquäle – und allen damit auf die Nerven gehe – und niemand hat das gesehen!

„Das ist ein toller Ort!“, verabschiedet sich der Architekt kurze Zeit später von mir, nachdem er sein futuristisches Messgerät vorsichtig in seinem Camper verstaut hat. „Hier ist alles da! Nichts fehlt!“

Stimmt! Man muss es nur sehen…

Werkstatt-Sauna

Das Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz braucht eine Sauna, habe ich beschlossen. Nur: Wo soll sie hin?

Im Juni bin ich in den Historischen Pfarrhof von Dewitz gezogen. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Seitdem sehne ich mich nach einer Sauna!

Suriyel findet das albern. Drei unsanierte Gebäude mit einer Gesamtfläche von über 10.000 Quadratmetern – das ist Arbeit genug! https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Für unnötigen Luxus wie eine Sauna ist er nicht zu haben. Eisern ignoriert er alles rund um „Sauna“ und hofft offensichtlich, dass ich irgendwann aufgebe.

Erst als er damit konfrontiert ist, dass ich drauf und drann bin, 1000€ für ein Sauna-Zelt auszugeben, bewegt er sich. https://www.water-runs-east.eu/sauna-zelt/

Zumindest ein ganz kleines bisschen.

Sein Vorschlag, einen Sauna-Ofen im Pavillon einzubauen, erweist sich als unpraktikabel. Denn der ist rundum verglast. Mit normalen Terrassentüren, die der Hitze einer Sauna nicht standhalten würden. Und isoliert ist er auch nicht.

Ich brauche ein bisschen, bis ich die Fakten recherchiert habe. Dann beginnt das Spiel von vorne:

„Keine Sauna im Pavillon! Aber irgendwo muss eine hin. Ich will eine Sauna!“, erkläre ich Suriyel.

Es ist ihm anzusehen, dass er mich, samt meiner Sauna, am liebsten sonst wo hin wünschen würde.

Aber die Gefahr besteht, dass ich – wenn er nichts unternimmt – irgendwas mache, das komplett unvernünftig ist. Und teuer.

Suriyel ist wahnsinnig sparsam! Ein Persönlichkeitszug, den ich grundsätzlich an ihm schätze.

Und der mir jetzt entgegen kommt.

„Man könnte die Sauna in die Werkstatt einbauen.“, erklärt er mir widerstrebend.

Die Werkstatt ist Suriyels Heiligtum. Dass er freiwillig eine Sauna darin dulden würde, ist ein echtes Entgegenkommen.

Ich lotse ihn umgehend in die Werkstatt. „Wohin denn genau?“

Suriyel weißt in die linke Ecke neben dem Eingang: „Da ist noch Platz frei! Dahin passt sie am Besten.“

Stimmt. Das ist die einzige Ecke der Werkstatt, die sich unkompliziert entrümpeln lässt.

Ich bin erleichtert, dass endlich eine vernünftige Lösung für meine Sauna gefunden ist! Und mache mich sofort an die Umsetzung.

Eine günstige Sauna muss her. Und ein Sauna-Ofen.

„Natürlich,“ erkläre ich Suriyel, „heizen wir die Sauna mit Holz! Davon haben wir Kubikmeter rumliegen. Strom ist viel zu teuer!“

Zügig lerne ich, dass alles wieder einmal komplizierter ist, als ich mir das vorgestellt hatte: Der Holz-Sauna-Ofen muss diverse Umwelt- und Brandschutzauflagen erfüllen. Und vom Schornsteinfeger vor Betriebnahme abgenommen werden.

Noch dazu kann ich keine simple Billig-Sauna in meine Werkstatt einbauen, wenn die mit Holz beheizt werden soll.

Eine teure Blockbohlen-Sauna muss es sein. Holzstärke minium 45 mm. Wegen des Brandschutzes.

Das Projekt wird viel teurer und aufwendiger, als ich das geplant hatte!

„Sag ich doch!“, erklärt mir Suriyel. „Kompletter Luxus. Und total unnötig!“

Sauna-Zelt

Seit ich im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz lebe, träume ich von einer Sauna. Vielleicht wäre ein Sauna-Zelt die Lösung?

Ich liebe Sauna!

Deshalb recherhierte ich bereits Anfang Juni – kurz nach meinem Einzug in den Historischen Pfarrhof von Dewitz – nach einer Sauna in der Nähe meines neuen Zuhauses.

Frustrierendes Ergebnis: Es gibt keine!

In den nächsten Wochen und Monaten lerne ich, dass vieles, was für mich bisher selbstverständlich war, in meinem neuen Zuhause außer Reichweite ist:

Ein vernünftiger Bio-Supermarkt, zum Beispiel.

Oder eine Bio-Gemüse-Kiste.

Oder ein Drogeriemarkt…

Ich lerne, mich mit dem Gemüse vom Discounter zu begnügen, meine Ausflüge zum Drogeriemarkt langfristig zu planen und mich auf das erste selbstgezogene Bio-Gemüse aus dem eigenen Garten zu freuen.

Aber damit, dass ich keine Sauna habe, kann ich mich nicht abfinden!

Die Nachbarn hinter der Remise, denen ich meinem Schmerz klage, präsentieren mir stolz ihre persönliche Lösung: eine winzige Infrarot-Sauna im Wintergarten. Gerade groß genug, dass sie zu zweit reinpassen.

So etwas in der Art, erklären mir die beiden, hätten hier viele.

Aha.

Eine Sauna für das Pema Choling würde Sinn machen, denke ich mir. Nicht nur ich liebe Saunagänge. Irgendwann, wenn hier Veranstaltungen stattfinden und Gäste kommen werden.

Aber noch ist es nicht so weit.

Die Eröffnung des Pema Choling ist für 2027 geplant.

Frühestens.

Das bedeutet: zwei bis drei Jahre ohne Saunagang!

Suriyel stört das nicht. Er findet, es gibt unendlich viel wichtigeres im Pema Choling zu tun, als ausgerechnet eine Sauna zu bauen.

Ich brauche eine Übergangslösung!

Eine Freundin rät zur Fasssauna. Die könne ich im Garten aufstellen, unabhängig von Sanierung oder nicht Sanierung.

Fassaunen, stelle ich fest, sind nicht ganz billig. Und schön, finde ich, sind sie auch nicht. Sie werden „bis Bordsteinkante“ geliefert, lerne ich. Das riesige Fass müsste in bezahlbarer Weise die letzten 200 Meter auf die Wiese hinter dem Haus transportiert werden. Nur wie? Und von wem?

Also keine Fasssauna.

Frustriert suche ich weiter und entdecke: ein Sauna-Zelt! Die billigsten gibt es ab etwa 800€. In Skandinavien und Kanada – Ländern mit wenig Menschen und vielen Seen – scheint es üblich zu sein, Saunazelte an Seeufern aufzuschlagen, das klappbare Saunaöfchen mit Holz zu beheizen und nach dem Saunagang in den See zu springen.

Ich bin entzückt!

Schließlich lebe ich jetzt auch in einem Land(kreis) mit wenig Menschen und vielen Seen – der Mecklenburgischen Seenplatte!

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass ich ein Saunazelt an einem See aufschlagen darf – warum nicht auf dem heimischen Grundstück am Weiher?

Ein hübsches Saunazelt aus Japan für 1000€ hat es mir besonders angetan. Es würde sich ausgezeichnet am Weiher machen, finde ich.

An einem warmen Abend Anfang September, gemütlich am Lagerfeuer am Weiher sitzend, male ich mir – und Suriyel – aus, wie wir im Herbst und Winter an dieser Stelle Saunagänge im Saunazelt absolvieren werden.

Zu meiner Verblüffung ist Suriyel strikt gegen das Saunazelt: „Da gehst du drei Mal rein und danach steht es rum!“

„Ganz bestimmt nicht! Wenn das da ist, dann nutze ich das auch!“ Ich bin ernsthaft beleidigt.

Suriyel ruft die Anzeige auf dem Handy auf, die ich ihm ein paar Tage zuvor geschickt hatte. „1000 Euro für ein Zelt und einen billigen Ofen? Das ist doch völlig überteuert!“

„Es kommt aus Japan! Und die Folie hat speziellen Hitze- und Dämmschutz!“

Suriyel zeigt mir einen Vogel: „Das ist eine normale Zeltplane!“

„Ich will aber eine Sauna!“

Suriyel kämpft mit sich. Die Aussicht, dass ich unglaubliche 1000€ für Schrott ausgeben könnte, findet er unerträglich.

Dass er in die Verantwortung für meine Sauna-Wünsche kommt, will er aber auch nicht.

„Dann kauf doch einen Sauna-Ofen für den Pavillon! Wenn du den hochheizt, ist der Pavillon eine Sauna und wenn wir den nur ein bisschen einheizen, dann ist der Pavillon warm und kann im Winter genutzt werden.“

Ich bezweifle sehr, dass das funktioniert. Aber das Sauna-Zelt zu bestellen, traue ich mir nach dieser Auseinandersetzung nicht mehr.

Wenn es wirklich nichts taugt, muss ich mir das für den Rest meines Lebens anhören.

Oder zumindest für die nächsten zehn Jahre.

November

Grau und kalt ist es mittlerweile im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz – und doch wird der Ort immer mehr zu meinem Zuhause.

Die Tage gehen dahin, hier in Dewitz in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Im Frühsommer zog ich in den Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Aus dem Ende Juni ein Buddhistisches Zentrum wurde. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Nachdem der nepalesische Rinpoche, der die Einweihung vornahm, wieder abgereist war, passierte erst mal: nichts.

Keine Retreats, kein Programm – nichts.

Im Pema Choling gab – und gibt es – nur mich und meine private Meditationspraxis:

Morgens Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Danach ein Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

That´s it…

Denn damit aus einem sanierungsbedürftigen denkmalgeschützten Pfarrhof ein buddhistisches Retreathaus werden kann, muss einiges an Vorarbeit geleistet werden.

Ende August vermisst der Landvermesser das Grundstück.

Mitte September kommt der Architekt aus Hamburg und vermisst die Gebäude.

Auf der Basis der Daten entwickelt eine Architektin des Büros eine Machbarkeitsstudie für die Gebäude des Pema Cholings.

Die ersten Entwürfe sind toll!

Weil die Sanierung viel Geld kosten wird, bin ich auf Fördergelder angewiesen. Ich recherchiere, schreibe Mails, nehme persönliche Termine wahr, fülle Formulare aus, tippe Anschreiben, telefoniere zwischendurch mit dem Architekten, um mich mit ihm abzustimmen…

Es passiert also einiges. Allerdings nur hinter den Kulissen.

Das Pema Choling sieht aus wie immer: Auf dem undichten Stalldach liegen vermost und schief die alten Schindeln.

Das Loch im Dach des Backhauses grüßt weiterhin alle, die von Burg Stargard aus nach Dewitz kommen.

Die buddhistischen Gebetsfahnen, die Suriyel mit Rinpoche im Juni am Weiher des Pema Choling aufhängte, flattern verblichen und fadenscheinig im Wind. https://www.water-runs-east.eu/gluecksverheissend/

Im Oktober kann ich den Nachbarn, die vorbeikommen um zu sehen, was im Pfarrhof vor sich geht, zumindest die Entwürfe der Machbarkeitsstudie zeigen.

Alle sind schwer beeindruckt. Und skeptisch.

„Werde ich das noch erleben?“, fragt zweifelnd die Nachbarin, deren Grundstück an meine Remise grenzt.

Sie ist Mitte siebzig.

Ich versichere ihr, dass ich zuversichtlich bin, dass sie bei der Einweihung dabei sein wird.

In etwa drei Jahren.

Wenn alles gut geht…

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Währenddessen übe ich mich in Geduld.

Und Vertrauen ins Leben.

Versuche, die Dinge geschehen zu lassen. Den Impulsen zu folgen, die der Augenblick mir schenkt.

Mich nicht von meinen Fantasien, Ängsten und Konzepten leiten zu lassen.

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Der alte Pfarrhof ist ein wunderbarer Ort für diese Übung:

Im September sind die Äpfel und Birnen reif. Ich verbringe meine Tage mit Ernten und Einkochen.

Im Oktober sammle ich Wallnüsse und Haselnüsse.

Stundenlag reche ich Laub und unterhalte mich dabei mit dem Spätzle, dem alten Kater des verstorbenen Vorbesitzers des Pfarrhofs. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Ab Ende September heize ich jeden Tag ein. Weil das Haus mit Holz beheizt wird, muss ich die Holzscheite mit der Schubkarre aus dem Holzlager in der Werkstatt in den Heizungsanbau karren. Im Kessel ein Feuer entzünden. Alle drei bis vier Stunden nachheizen.

Anfangs hilft mir Suriyel und kontrolliert jeden meiner Handgriffe. Die Sache ist kompliziert! https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Aber wenn er in Berlin ist, muss ich alleine klar kommen.

Was ich auch hinkriege – nach ein paar Anfangsschwierigkeiten…

Suriyel und ich machen Ausflüge und entdecken die Umgebung. Dass ich nur ein paar Kilometer vom Müritz-Nationalpark entfernt wohne, freut uns beide!

Weil es mich gruselt, im Dunkeln über das Gelände zu laufen, dekoriere ich die Bäume am Weiher mit Lichterketten.

Und jeden Tag wird das Pema Choling ein bisschen mehr mein Zuhause…

Schreihals

Von Ende Juni bis Anfang August lebe ich alleine im Pema Choling – umgeben von Jungvögeln, die hier ihre ersten Flugversuche starten…

Sieben Wochen lang bin ich ganz alleine im Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/stille-2/

Das ist jetzt – nach der Einweihung durch Norbu Tsering Rinpoche – ein Buddhistisches Zentrum. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Abgesehen von den bunten Gebetsfahnen, die über dem Eingang und zwischen den Kirschbäumen am Weiher flattern, ist davon nichts zu bemerken.

Denn es muss noch viel getan werden, bevor Leben in das Pema Choling einkehren kann.

Sämtliche Gebäude müssen saniert und umgebaut werden.

Ein Mamutprojekt!

Aber erst einmal passiert: nichts.

Denn es ist Urlaubszeit.

Der Architekt ist verreist, der Sachbearbeiter der Unteren Denkmalschutzbehörde ebenso, die E-Mail an das Liegenschaftsamt wird mit einer Abwesenheitsnotiz beantwortet…

Für mich gibt es trotzdem genug zu tun:

Jeden Morgen praktiziere ich im Pavillon am Weiher Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Danach ein Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Keine Ahnung, was sich die Nachbarn dabei denken, wenn mein Getrommel und Gebimmel über den Weiher schallt, während der Rauch des brennenden Opfers aufsteigt. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Neben meinen spirituellen Pflichten muss ich:

Das Spätzle füttern und bürsten. https://www.water-runs-east.eu/kidnapping/

Rasen mähen (auf 4500 Quadratmetern!).

Die unendlich lange Hecke und drei wild wuchernde Weinstöcke schneiden.

Die Homepage aktivieren. (pema-choling.de)

Mit den Staren um meine Kirschen kämpfen (vier Süßkirschenbäume und sieben Sauerkirschenbäume) und Marmelade kochen.

Im Internet nach Fördermöglichkeiten für die Sanierung forschen.

Und so weiter und so fort…

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Während ich meinen Pflichten nachgehe, kommt es mir vor, als würde ich mit jedem Tag mehr zu einem Teil des Pema Choling werden.

Als würde ich mit dem Ort verschmelzen.

Ein seltsames Gefühl.

Und durchaus beängstigend.

Zum Trost schenkt mir das Pema Choling wunderbare Begegnungen mit den Tieren, die hier leben.

Den Anfang machen die Turmfalken.

Die erste stürmische Begegnung mit den Turmfalken hatte ich kurz nach meinem Einzug in das Pema Choling. https://www.water-runs-east.eu/turmfalke/

Es handelt sich um ein Turmfalkenpaar, erfahre ich kurz darauf von Nachbarn. Sie brüten am anderen Ende des Dorfes hinter der Kirche.

Das Pema Choling ist Teil ihres Jagdgebiets. Regelmäßig fliegen die Falken über die Dächer der Gebäude, immer begleitet von wütenden Rufen und Attacken der Schwalben, die im Stall nisten.

Aber das ist noch garnichts gegen die Aufregung, die im Pema Choling einsetzt, als die Jungfalken flügge werden!

Drei sind es.

Die erste Woche ihres neuen Erwachsenenlebens verbringen sie auf der großen Wiese des Pema Choling.

Dort üben sie sich im Fliegen und Jagen.

Vom Badezimmerfenster aus beobachte ich einen jungen Turmfalken, der seine Beute auf dem Gastank verzehrt.

Ich bin begeistert von den unerwarteten Gästen.

Im Gegensatz zu den anderen Vögeln.

Turmfalken, lerne ich, haben es nicht leicht. Sie sind zwar Raubvögel, aber klein. Nicht viel größer als eine Taube.

Deshalb sind sie bei den anderen Vögeln unbeliebt – aber nicht gefürchtet.

Die Krähen, die in den hohen Pappeln hinter dem Zaun des Pema Choling leben, stürzen sich auf die drei Jungfalken, sobald die ihren Bäumen zu nahe kommen.

Nicht einmal die zarten Schwalben lassen sich ihre Nähe bieten. Sobald sich die Jungfalken dem Stall nähern, gehen Schwalben-Geschwader zum Angriff über.

Bei dem mächtigen Milan, der regelmäßig über dem Pema Choling nach Beute Ausschau hält, würden das weder Schwalben noch Krähen wagen.

Wenn der über den Dächern des Pema Choling segelt, herrscht auf einmal vollkommene Stille.

Die Schwalben flüchten in den Stall.

Die Krähen in die dicht belaubten Äste der Pappeln.

Bei den jungen Turmfalken dagegen: keine Gnade!

Besonders eines der drei Geschwister wirkt von der Situation überfordert. Von Morgens bis Abends stößt es fast ununterbrochen schrille Schreie aus.

Egal ob es auf der Wiese sitzt, in einem der Obstbäume oder auf dem Hausdach.

Es schreit und schreit.

Der größte der Jungfalken ist nach drei Tagen verschwunden.

Falken sind Einzelgänger.

Vielleicht ist ihm auch das andauernde Geschrei des Geschwisters zu sehr auf die Nerven gegangen.

Das andere Falkenkind steht dem Schreihals weiter tapfer zur Seite.

Eine Woche lang sehe ich den beiden beim Erwachsenwerden zu.

Dann wird ihr Radius weiter. Anfangs sehe ich sie noch auf den Dächern der Nachbarhäuser – und höre den Schreihals rufen – aber bald darauf sind sie verschwunden.

Ich vermisse sie. Und hoffe, dass sie überleben werden.

An einem sonnigen Tag anfang September radle ich zum Plather See. Der ist acht Kilometer vom Pema Choling entfernt.

Kurz bevor ich den See erreiche, sehe ich einen Bussard, der über dem abgeernteten Feld zu meiner Linken kreist.

Auf einmal stürzt sich ein Turmfalke – hysterisch schreiend – auf den Bussard.

Vor meinen Augen entbrennt ein Luftkampf. Der Bussard ist größer und kräftiger, der Turmfalke schneller und wendiger.

Immer wieder stößt der kleine auf den viel größeren Raubvogel herab.

Und schreit und schreit dabei.

Der Bussard ergreift die Flucht.

Triumphierend schreiend fliegt der Turmfalke über dem Röricht davon.

Er klingt exakt wie der Schreihals, der vor ein paar Wochen auf der Wiese des Pema Choling lebte.

Er scheint – so denke ich mir – seinen Weg gefunden zu haben.

Turmfalke

Ich putze den Pavillon des Historischen Pfarrhofs von Dewitz – und bekomme unerwartet Besuch…

Anfang Juni ziehe ich in den Historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Allein. https://www.water-runs-east.eu/allein/

Zumindest unter der Woche. Denn an den Wochenenden kommt zuverlässig Suriyel aus Berlin zu mir.

Bald lerne ich, dass nicht nur ich und ein alter Kater im Pfarrhof zuhause sind, sondern auch noch viele wilde Tiere.

Ich lebe in einem Biotop!

Das ich von quakenden Fröschen, zwitschernden Staren und einer Kolonne Schwalben umgeben bin, wird mir bereits in den ersten Tagen bewusst.

Wie wild und ungezähmt das Leben im Historischen Pfarrhof wirklich ist, verstehe ich aber erst in der zweiten Woche nach meinem Einzug.

Durch eine dramatische Begegnung mit einem Turmfalken.

Sie ereignet sich an dem Tag, an dem die Spedition meine eingelagerten Besitztümer in mein neues Zuhause bringt.

Während die Umzugsleute Kisten und Möbel in meine Wohnung schleppen, putzte ich den Pavillon am Weiher.

Im Oktober 2024 war ich das erste Mal im Historischen Pfarrhof.

Zur Besichtigung mit dem Makler. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Damals stand in dem Pavillon ein langer Tisch. Darum herum viele Stühle. In der Ecke eine kleine Kommode, auf der sich Schnapsgläser stappelten.

Über der Eingangstür ein Schild mit der Aufschrift „Zum alten Fritz“.

Offensichtlich hatte der Vorbesitzer – ein Mann namens Frank – den Pavillon als eine Art private Kneipe genutzt. https://www.water-runs-east.eu/abschied/

Vor meinem Einzug wurde der Pavillon geräumt. https://www.water-runs-east.eu/entruempler/

Weil der Pavillon idyllisch direkt am Weiher liegt, möchten wir die Einweihungsfeier dort abhalten.

Denn am 22. Juni 2025 wird aus dem Historischen Pfarrhof von Dewitz das Buddhistische Retreathaus Pema Choling werden. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Dafür muss der Pavillon dringend geputzt werden. Die Scheiben der Glastüren starren vor Schmutz. Spinnweben hängen von der Decke. Auf dem Fußboden liegt zentimeterdick Staub.

Zuerst schraube ich den „Alten Fritz“ ab.

Danach reiße ich die mittleren Glastüren zum Weiher und zum Stall auf. Damit ich nicht ersticke, während ich Staub und Spinnweben von der Decke fege.

Den Kopf im Nacken, den Besen in der Hand, arbeite ich mich Quadratmeter für Quadratmeter durch den Pavillon.

Draußen auf einmal hysterisches Geschrei. Bevor ich verstehe, was vor sich geht, schießt etwas an mir vorbei.

In der Ecke des Pavillon flattert ein brauner Vogel. Vergebens versucht er, aus dem Häuschen zu fliehen. Immer wieder knallt er gegen die Glasscheiben.

Ein Turmfalke!

Und was ist das?

Unter dem Rahmen der geöffneten Glastür an der Stallseite kauert eine kleine Schwalbe!

Mit einem Sprung sichere ich die Tür, damit die arme Schwalbe nicht zerquetscht wird, sollte der Wind die Tür zuschlagen.

Dann öffne ich die Glastür in der Ecke, in der der hysterische Falke flattert. Ich muss ihn zwischen die Hände nehmen und durch die Öffnung ins Freie schieben.

Mit einem lauten Schrei schießt er über das Stalldach davon.

Die Schwalbe kauert immer noch unter dem Rahmen. Ein Streifen Blut leuchtet rot neben ihrem kleinen Körper.

Lebt sie noch?

Vorsichtig nehme ich sie in die Hände. Wie winzig klein sie ist!

Auf einmal breitet sie die Flügel aus, stößt sich ab, schießt durch die Tür und ist in Sekunden zwischen Stallmauer und Werkstatt verschwunden.

Ungläubig starre ich auf den schmalen roten Streifen Blut am Türrahmen.

Beweis dafür, dass gerade wirklich ein Turmfalke und eine Schwalbe in meinem Pavillon waren.

Während ich der profansten aller Tätigkeiten nachgehe: Putzen.

Stille

Rinpoche und die Gäste der Einweihungsfeier haben sich verabschiedet. Im Pema Choling kehrt Frieden ein…

Die Einweihung des Pema Choling ist zu Ende gegangen. https://www.water-runs-east.eu/wasserschlange/

Am 23. Juni bricht Rinpoche auf nach Warschau. Dort wird er ein Retreat anleiten.

Am Nachmittag des 24. Juni verlassen die letzten Gäste der Einweihungsfeier das Pema Choling.

Ich bleibe zurück.

Alleine.

Sieben Wochen lang.

Nicht einmal Suriyel kommt zu Besuch.

Nur ich – und ein alter Kater. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Umgeben von vielen wilden Tieren.

Dem Reh, das nachts auf der Wiese hinter dem Haus äst.

Dem Fuchs, der am Nachmittag ein Nickerchen unter dem Busch am Zaun hält.

Dem riesigen Schwarm Stare, der sich in meinen Kirschbäumen über die reifen Früchte hermacht.

Dem Milan, der über dem Dach des Pfarrhauses schwebt, als hinge er an einer Drachenschnur.

Den Schwalben, die über der Wasseroberfläche des Weihers nach Mücken jagen.

Den Turmfalken, die sich mit den Schwalben Luftkämpfe liefern.

Den Fledermäusen, die über dem Weiher jagen, wenn die Schwalben bei Einbruch der Nacht zu Bett gegangen sind.

Den Fröschen, die mich in den Schlaf quaken.

Der Eule, deren schriller Ruf mich in den ersten Nächten aus dem Schlaf reißt.

Jeden Morgen praktiziere ich im Pavillon am Weiher.

Erst Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Danach Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Danach tue ich, was zu tun ist.

Nicht mehr, nicht weniger.

Mir ist, als würde ich mit jedem Tag, den ich alleine verbringe, mehr zu einem Teil des Pema Choling werden.

Verschmelzen mit der friedlichen Stille.

Eins werden mit der Zeitlosigkeit des Ortes.

Trotz all meiner Neurosen, die durch die Natürlichkeit des Pema Cholings schmerzhaft transparent werden.

„Interessant!“, denke ich ein um das andere Mal, wenn ich mit abstrusen Mustern, Gedanken und Ängsten in meinem Inneren konfrontiert werde.

Sieben Wochen verbringe ich allein im Pema Choling.

Jeder Tag gleich.

Jeder Tag eine Überraschung…

Abschied

Am Tag nach der Einweihung des Pema Choling praktizieren wir das Ritual „Sur“ für den verstorbenen Vorbesitzer des historischen Pfarrhofs…

Anfang Juni ziehe ich in den historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Überwältigt, überfordert – aber auch erleichtert und dankbar für die schöne sanierte Wohnung im Erdgeschoss des Haupthauses.

Meine zukünftig Wohnung hat drei Zimmer, ein großzügiges Bad – und eine hübschen kleinen Küche im Landhausstil.

Den Küchentisch hat der Entrümpler mitgenommen. https://www.water-runs-east.eu/entruempler/

Aber das Geschirr aus blauem Glas, Töpfe und Besteck hat er zurückgelassen. Und auch noch sonst so einiges andere, was er nicht gebrauchen konnte. Angebrochene Ketchup- und Grillsoßenflaschen im Kühlschrank zum Beispiel.

Während Suriyel versucht, das Heizungssystem ans Laufen zu bringen, gehe ich Schublade für Schublade durch. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Im Hängeschrank über dem Herd stapeln sich Gewürzdöschen. Ich finde eine Gewürzmischung für saure Gurken und eine andere extra für Pommes.

Was es nicht alles gibt!

Im Ausziehschrank neben dem Kühlschrank Schlaf- und Beruhigungstees. Mehrere Packungen. Im Hängeschrank daneben pflanzliche Beruhigungstropfen.

Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich mit dem vergangenen Leben eines unbekannten Menschen konfrontiert zu sein.

Von dem wir nur wissen, dass er „Frank“ hieß. Und den Nachnamen. Denn so steht es immer noch am Briefkasten und am Klingelschild.

Der Makler, der den Kauf abwickelte, wusste auch nicht viel mehr. Die Erben hatten ihm den Auftrag erteilt, den Pfarrhof zu verkaufen. Frank war unverheiratet und kinderlos gestorben.

Ich gehe die Schubladen durch. Besteck, Kochlöffel, Dosenöffner.

Der Inhalt der letzten Schublade lässt sich nicht exakt zuordnen. Ich ziehe Müllbeutel, Teelichter, einen Schraubenzieher und ein kaputtes Feuerzeug heraus.

Außerdem einen Packen Plastikkarten. Ich sortiere sie durch: eine Tankkarte, eine Rabattkarte des örtlichen Discounters, die Visitenkarte eines Fensterbauers – und ein Führerschein!

Franks Führerschein!

Mit ernstem Blick schaut mir ein Mann mittleren Alters mit Halbglatze und hängenden Mundwinkeln entgegen.

Das also war Frank!

Ich drehe den Führerschein um. Frank war ziemlich genau mein und Suriyels Jahrgang, stelle ich fest.

Und er hätte in wenigen Wochen Geburtstag gehabt!

Als Suriyel in die Küche kommt um zu überprüfen, ob der Heizkörper warm wird, halte ich ihm Franks Führerschein entgegen.

„Schau, was ich gefunden habe!“

Suriyel dreht den Führerschein in den Händen und betrachtet konzentriert Franks Foto. Er ist genauso berührt wie ich.

„Warum ist der Führerschein noch da? Wollten die Erben den nicht haben?“

„Ich glaube nicht. Sonst hätten die den Führerschein doch mitgenommen.“

Ich zeige auf das Geburtsdatum. „Schau mal. Franks Geburtstag ist nach dem Wochenende, an dem Rinpoche kommt. Wir könnten Rinpoche fragen, ob wir an seinem Geburtstag eine Praxis für Frank machen sollen?“

Das, findet Suriyel, ist eine ausgezeichnete Idee.

Ich lege Franks Führerschein zurück in die Schublade.

Am Tag nach der Einweihung des Pema Choling hole ich den Führerschein von Frank wieder heraus.

Rinpoche wird uns am Abend verlassen.

Nach dem Frühstück zeige ich Rinpoche den Führerschein. „Look Rinpoche, this is the late owner of Pema Choling. He died two years ago. Tomorrow would be his birthday. Can Suriyel and I do a practice for him at his birthday? Maybe Chenrezig?“

Auch Rinpoche betrachtet eingehend Franks Foto. Dann schüttelt er den Kopf.

„No. Not Chenrezig. And not on his birthday. It would bind him to you and to the place. He has to move on. We will do a Sur for him. Today.“

Das, finde ich, ist eine kluge Entscheidung von Rinpoche.

Gleichzeitig bestätigt Rinpoches Antwort meine eigene Einschätzung: Frank hat den historischen Pfarrhof nicht verlassen. Obwohl er bereits vor zwei Jahren gestorben ist.

Eigentlich – so lehrt es der Buddhismus – vergehen zwischen dem Tod eines Lebewesens und seiner Wiedergeburt höchstens 49 Tage.

Aber der Weg aus dem Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – in ein neues Leben ist ein komplexer und störanfälliger Prozess. Manch einer geht darin verloren.

Mir kommt es so vor, als wäre das auch bei Frank der Fall. Dieses Gefühl, er wäre noch da – unsichtbar, aber energetisch spürbar – begleitet mich durch meine ersten Wochen im historischen Pfarrhof.

Rinpoche scheint es nicht anders zu ergehen.

Deshalb also Sur.

Die Praxis, die Verstorbene in einer Weise nährt, dass ihnen eine gute Wiedergeburt möglich ist.

Am Vormittag versammeln sich alle Gäste im Pavillon.

In einem tragbaren Räuchergefäß bereitet Rinpoche sorgfältig das Rauchopfer für Frank vor.

Dann nimmt er auf dem grünen Samtsessel Platz und führt uns durch die Praxis.

Die einführenden Gebete, Zufluchtnahme, Bodhichitta, schließlich die Transformation der Opfergabe.

Rinpoche nimmt das Schälchen mit dem Sur-Powder und kippt es über die glühende Kohle im Räuchergefäß. Eine schmale Rauchsäule steigt auf.

Er winkt Suriyel zu sich und drückt ihm das qualmende Räuchergefäß und einen Feder-Fächer in die Hand. „Carry it through the house.“

Ich springe auf und folge Suriyel, der mit großen Schritten aus dem Pavillon eilt und das Haupthaus betritt.

Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Suriyel voran, ich hinter ihm her. Beide rezitieren wir ein Mantra. In jedem Zimmer schreitet Suriel von Ecke zu Ecke, während er mit dem Feder-Fächer den Rauch der verbrennenden Opfergabe verteilt.

Nach zwanzig Minuten sind wir wieder zurück im Pavillon. Dort haben während unserer Abwesenheit Rinpoche und die Sangha ebenfalls ein Mantra rezitiert.

Für Frank.

Der jetzt hoffentlich gehen kann. In eine gute neue Wiedergeburt.

Suriyel stellt das Räuchergefäß, in dem immer noch Kohle glüht, vor Rinpoche auf dem Boden. Dann lässt er sich – wie ich – auf dem Meditationskissen nieder.

Auf einmal ruft einer der Dharma-Brüder, der einen Sitzplatz mit Blick auf den Weiher hat, laut auf: „Da! Eine Wasserschlange!“

Wie am Vortag springen alle auf und versuchen, einen Blick auf den Weiher und die Schlange zu erhaschen. https://www.water-runs-east.eu/wasserschlange/

Wieder bin ich zu langsam. Als ich einen Blick durch das Fenster werfen kann, ist die Schlange bereits im Ufergebüsch verschwunden. Genau wie gestern.

„Die war deutlich kleiner, als die von gestern!“, merkt einer aus der Gruppe an, der mehr Glück hatte.

„Die Wasserschlange gestern war der Naga-König. Und das heute war die Naga-Königin!“, erklärt ein anderer mit großer Bestimmtheit.

Rinpoche schweigt dazu. Er macht einen zufriedenen Eindruck.

Das Sur scheint funktioniert zu haben…

Wasserschlange

Während der Einweihung des Pema Choling praktiziert Rinpoche ein Naga-Opfer für die mächtigen Wassergeister – mit verblüffendem Ergebnis!

Es wird Mittag, bis wir mit der Einweihungs-Zeremonie des Pema Choling beginnen können.

Weil Rinpoche das Pema Choling mit einem Naga-Opfer einweihen möchte, mussten erst in aufwendiger Kleinarbeit Tormas – traditionelle Opferkuchen – geknetet werden.

Rinpoche und Suriyel waren sicher eine Stunde damit beschäftigt, aus Haferflockenteig kleine Wassertiere und Kügelchen zu formen. https://www.water-runs-east.eu/opfer/

Jetzt steht der Teller mit den Haferflockentieren und den Kügelchen auf dem improvisierten Altar im Pavillon am Weiher. Daneben befindet sich eine Tasse mit Ziegenmilch, in die Rinpoche eine spezielle nepalesische Kräutermischung gerührt hat.

Während Rinpoche und Suriyel die Tormas basteln, treffen die „Tagesgäste“ ein. Mein Zen-Dharma-Bruder kommt aus Berlin und bringt seine kleine Tochter mit. Eine Dharma-Schwester aus Bayern hat ihren Urlaub so geplant, dass sie auf dem Weg an die Ostsee im Pema Choling vorbeikommen kann. Schließlich fährt mein Bruder samt Familie vor.

Mein Bruder ist der einzige, der das Pema Choling bereits kennt. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Alle anderen sind das erste Mal hier – und sind entzückt!

Was mich sehr freut.

Aber vor allem bin ich erleichtert, dass sich der Regen der letzten Tage verzogen hat und – pünktlich zum Besuch von Rinpoche – die Sonne scheint.

Weil schönes Wetter ist, können die Gäste auf der Wiese neben dem Weiher bewirtet werden. Bei Regen hätten wir mit der unsanierten Schwarzküche im Haupthaus vorlieb nehmen müssen.

Und dass nicht alle Gäste in den kleinen Pavillon passen, in dem Rinpoche das Nago-Opfer praktizieren wird, ist bei Sonnenschein auch kein Problem. Wir öffnen die Flügeltüren und wer Innen keinen Platz findet, setzt sich draußen ins Gras.

Überhaupt hat sich alles auf das Beste gefügt!

Der Regen der letzten Tage hat den Wasserspiegel des Weihers merklich ansteigen lassen.

Was ein großes Glück ist!

Durch die Trockenheit des Frühjahrs betrug die Wassertiefe zuvor höchstens einen Meter. Suriyel war so besorgt gewesen, dass das Wasser im Weiher kippen könnte, dass er vor zwei Wochen in der Mitte des Teichs eine Wasserpumpe installierte.

Obwohl der Wasserstand jetzt höher ist, hat Suriyel die Pumpe eingesteckt. In der Mitte des Weihers verankert, plätschert eine Wasserfontäne vor sich hin.

Rinpoche hat von seinem Platz im Pavillon aus einen perfekten Blick auf den Weiher und die Fontäne. Er trohnt neben dem Altar auf meinem grünen Samtsessel und wartet geduldig, bis alle Gäste ihren Platz gefunden haben.

Auf meinem Coffee-Table hat Rinpoche alles platziert, was er für die Zeremonie braucht: Dorje und Glocke, seine kleine Handtrommel, eine Schüssel mit Rauchpulver, eine mit Safran-Wasser gefüllte Bumpa, ein mehrstöckiges Mandala aus Metall und dazu noch einen Stapel länglicher Papierstreifen, auf die der Text des Zeremoniells gedruckt ist.

Die Teilnehmer haben die Texte nur als pdf auf dem Handy. Besser als nichts, aber zum Mitrezitieren mit Rinpoche nicht ideal.

Wir geben trotzdem unser Bestes, mit Rinpoche mitzuhalten, der sich Seite um Seite durch den Text arbeitet.

Als wir mit der Eröffnungsgebeten durch sind, legt Rinpoche überraschend einen Stop ein.

„Is this water-pump neccessary?“, fragt er Suriyel, während er mit dem Finger nach draußen auf die vor sich hin plätschernde Fontäne weißt.

„Not really“, antwortet Suriyel.

„Switch it out“, befielt Rinpoche.

Suriyel steht auf und geht ins Freie. Die Pumpe ist an der Außenwand des Pavillons mit der Steckdose verbunden. Kaum hat Suriyle den Stecker gezogen, legt sich tiefe Stille über den Weiher.

„Much better!“, stellt Rinpoche zufrieden fest, bevor er mit dem Naga-Opfer beginnt.

Zuerst werden die Gäste eingeladen: die Hauptwassergeister, die Dharma-Schützer-Wassergeister und am Schluss die örtlichen Naturwassergeister. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Als die Wassergeister-Gäste versammelt sind, weiht Rinpoche die Tormas, kippt die kleinen Haferflocken-Kügelchen in die Ziegenmilch und winkt zwei Dharma-Brüder aus der Gruppe zu sich.

Die beiden bekommen den Auftrag, die Opfer-Kuchen am Ufer des Weihers zu platzieren, während wir anderen – im Pavillon sitzend – wieder und wieder ein Mantra rezitieren.

Den drei Kindern unter den Gästen ist das Zeremoniell inzwischen zu langweilig geworden. Begleitet von ihren Eltern halten sie am Ufer des Weihers Ausschau nach Fröschen.

Die beiden Dharma-Brüder kommen wieder in den Pavillon, den leeren Teller und die leere Tasse in der Hand.

Die Tormas und die in der Ziegenmilch getränkten Haferflockenkügelchen haben sie hinter dem Pavillon direkt am Ufer des Weihers ins Gras gelegt.

Rinpoche greift zur Trommel, um im Ritual fortzufahren. Die Wassergeister-Gäste müssen verabschiedet werden.

Auf einmal werden wir aus unserer Konzentration gerissen. Am Ufer des Weihers herrscht Aufregung. Von meinem Platz aus sehe ich nur die Kinder, die aufgeregt schreiend ins Wasser zeigen.

„Eine Schlange!“, ruft einer, der mit Blick auf dem Weiher im Pavillon sitzt. „Dort schwimmt eine riesige Wasserschlange!“

Alle springen auf, um einen Blick auf die Schlange zu erhaschen und verstellen sich gegenseitig die Sicht.

„Jetzt ist sie im Uferdickicht verschwunden“, erklärt einer aus der Sangha.

Schade. Ich war zu langsam.

Alle sind aufgeregt. Nicht nur die Kinder. Auch die Erwachsenen.

„Die kam von da drüben!“, ruft einer der beiden Männer, der das Naga-Opfer ausgelegt hatte. „Die kam direkt von den Tormas und schwamm danach quer über den Weiher!“

Der einzige, der ruhig und unbeeindruckt bleibt, ist Rinpoche. Er sitzt entspannt auf dem grünen Samtsessel und ist offensichtlich kein bisschen erstaunt über unseren Gast.

Nüchtern betrachtet: Warum sollte er es sein?

Schließlich hatten wir die Nagas – die Wassergeister – ausdrücklich eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Und Nagas – das weiß in Nepal und Tibet jedes Kind – sind magische Wasserschlangen.

Wenn keine Wasserschlange käme, wenn Rinpoche ein Ritual für sie volllzieht, wäre er ein schlechter Lama.

So sieht das vermutlich Rinpoche.

Er ist Profi. Ausgebildet als buddhistischer Schamane – denn das sind die Nyingmas, zu denen Rinpoche gehört – seit er acht Jahre alt ist.

Wir dagegen: Naive Westler, die brav ihre Meditation praktizieren. Über Jahre. Manche seit Jahrzehnten.

Und gleichzeitig sind wir nie wirklich sicher, dass das, was wir so hingebungsvoll praktizieren, mehr ist als kluge Psychologie.

Deshalb stellt die Wasserschlange für uns einen Bruch unserer Realität dar.

Nach dem Zeremoniell versammeln sich die Gäste und Rinpoche um die lange Tafel am Weiher. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Und einiges zu besprechen.

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