Mein neues Leben im historischen Pfarrhof bringt mich mit den Ritualen und Eigenarten der Mecklenburgischen Provinz in Berührung…

Die rote Backstein-Kirche aus dem 13. Jahrhundert befindet sich etwa 500 Meter von meinem Pfarrhof entfernt.
Ein Umstand, der Besucher regelmäßig in Erstaunen versetzt. Der Gutachter der Deutschen Stiftung Denkmalschutz kam fünfzehn Minuten verspätet zum Ortstermin, weil er das partout nicht glauben wollte und vergebens an der Kirche nach dem Pfarrhof Ausschau hielt.
Abgesehen von der seltsamen Distanz, die sich bisher niemand erklären konnte, passt mein roter Backstein-Pfarrhof vortrefflich zu der bescheidenen Kirche an der Hauptstraße.
So denke ich, als ich – beschallt von Glockengeläut – auf die Kirche zustrebe.
Heute ist Christi-Himmelfahrt – in Mecklenburg sagt man „Herrentag“ – und deshalb findet dort ausnahmsweise ein Gottesdienst statt.
Geschützt vom Nieselregen steht die Pastorin im schwarzen Talar mit weißem Bäffchen unter dem Torbogen und begrüßt die Besucher. Etwa dreißig sind es, die sich im schmucklosen Kirchenschiff versammelt haben.
Vor dem Altar hat der Posaunenchor Platz genommen: fünf ältere Herren und eine Dame sitzen mit ernster Miene vor ihren Notenständern, blitzende Blasinstrumente in den Händen haltend.
Ich lasse meinen Blick über die Gottesdienstbesucher schweifen. Die dominierende Haarfarbe ist grau. Jünger als vierzig sind lediglich zwei Afrikanerinnen, die gerade vom Küster hereingeführt werden, sowie drei kleine Kinder in Begleitung einer jungen Frau. Der Nachwuchs der Pastorin samt Aupair, flüstert mir meine Banknachbarin ins Ohr.
Hoch oben auf dem Altar steht ein gekreuzigter wiederauferstandener Jesus und breitet segnend seine Hände über den Gottesdienstbesuchern aus.
Der Bläserchor stimmt das Eröffnungslied an. Dummerweise sind auf den Zetteln mit den Liedtexten keine Noten abgedruckt. Ich singe trotzdem mit, so gut es geht.
Die Pastorin scheint den Gottesdienst vor allem mit Blick auf ihre drei Kinder gestaltet zu haben. Nachdem die Psalmen rezitiert sind, lässt sie – anstatt eine Predigt zu halten – nach einer kurzen Einführung ihren Nachwuchs bunte Wollfäden an die Gottesdienstbesucher verteilen. Als Ausdruck dafür, dass „die Kirche bunt ist“. Brav knoten alle ihre Wollfäden aneinander, obwohl das stumme Kopfschütteln einiger Umsitzender nicht zu übersehen ist.
Wir beten das Vaterunser, der Posaunenchor spielt vier weitere Lieder, wir empfangen den Schlusssegen – und dann ist der Gottesdienst auch schon wieder vorbei.
Der Ehemann der Pastorin hat währenddessen Tee gekocht und die mitgebrachten Speisen der Gottesdienstbesucher auf dem Buffet in der Eingangshalle der Kirche arrangiert. Aus einer Kammer werden Biertische und Bierbänke herbeigeschleppt und vor dem Altar platziert.
Währenddessen stelle ich mich der Pastorin als neue Besitzerin des Pfarrhofs vor. Die steht – jetzt im blauen Pullover und mit dem jüngsten Kind auf dem Arm – wieder unter dem Torbogen und verabschiedet die Besucher. Meine Einladung zum „Tag der offenen Tür“ im Pfarrhof nimmt sie freundlich entgegen. Ihre Kinder wären ebenfalls willkommen, erkläre ich ihr, und freue mich im Stillen, dass wir bei der Planung an den Mandala-Maltisch gedacht haben.
Danach reihe ich mich in die lange Schlange vor dem Buffett ein. Während ich ein Stück Gemüsekuchen nehme, registriere ich erleichtert, dass der Korb mit meinen selbstgebackenen Vollkornbrötchen bereits leer ist.
Meinen Teller balancierend kehre ich in das Kirchenschiff zurück und steuere den Altarraum an.
Mit Schaudern.
Ich bin katholisch aufgewachsen. Der Altarraum – so lernte ich als Kind – ist heilig! Denn dort steht in katholischen Kirchen der Tabernakel mit der konsekrierten Hostie – dem Leib Christi! Zumindest wenn die ewige Lampe brennt. Und das tat sie in der Dorfkirche meiner Kindheit zuverlässig. Deshalb war der Altarraum tabu und nur dem Pfarrer, den Ministranten und dem Mesner war es erlaubt, ihn zu betreten.
Selbst in meinem Buddhistischen Zentrum im anarchistischen Friedrichshain ist es streng verboten, im Tempel unter den Augen des riesigen goldenen Buddha zu essen.
Und auf einmal sitze ich an einem Biertisch unter Kanzel und segnendem Christus, esse Gemüsekuchen und krieche zwischendurch unter den Tisch, um eine verlorengegangene Olive von der mittelalterlichen Grabplatte zu klauben!
Als ich im Nieselregen nach Hause laufe, denke ich über den seltsamen Gottesdienst nach. Im Grunde, beschließe ich, war es sehr nett.
Unprätentios, unaufgeregt und entspannt.
Wie meine neue Heimat…










































