Klientinnen einer Kartenlegerin wünschen sich ein Happy End – dumm nur, wenn die Karten das nicht hergeben…

Ich bin Kartenlegerin.

Ein ehrwürdiges Gewerbe.

Schließlich entstanden Tarot-Karten im 15. Jahrhundert. Zur Zeit der Renaissance. Zuerst als Kartenspiel. Zweihundert Jahre später – nachdem die 22 Großen Arkana dazugekommen waren – auch als Werkzeug für Wahrsagung.

Und Menschen, die professionell Zukunftsprognosen erstellen, sind vermutlich schon seit Beginn der Menschheit tätig.

Denn der Wunsch zu erfahren, was das Leben wohl bringen wird, ist uns als Spezies eingeschrieben. Unser Denken und Fühlen kreist um unser „Ich“, seine Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Befürchtungen.

Deshalb gehen die Leute zum Kartenlegen: sie wollen hören, dass alles gut ausgehen wird!

Dummerweise macht das Leben, was es will. Zuverlässige Happy Ends gibt es nur in Hollywood-Filmen.

Das ist die größte Herausforderung meiner Profession…

Wie jede gute Kartenlegerin hatte ich Lehrmeister. Den vortrefflichen Ziegler. https://www.water-runs-east.eu/der-meister/

Die schöne Christine. https://www.water-runs-east.eu/die-andere-kartenlegerin/

Und meine geliebte Kartenlegerin Traudl aus Niederbayern. https://www.water-runs-east.eu/die-kartenlegerin/

Ihre absurden Geschichten über uneinsichtige verblendete Kundinnen und Kunden habe ich geliebt!

Ich lachte oft Tränen, wenn sie – mit ihrem unnachahmlich klugen trockenen Humor – Dialoge aus Kartenleg-Sitzungen wiedergab. Natürlich anonymisiert. Wir Kartenlegerinnen sind dem Schweigegebot verpflichtet!

Das war das Thema, das Traudl am meisten beschäftigte: Klientinnen und Klienten, die einfach nicht einsehen wollten, dass sich das Leben nicht zwingen lässt.

Und dass eine Kartenlegerin keinen gute Fee ist, die den Zauberstab schwingt, sondern eine Dolmetscherin des eigenen Lebens.

Dieses Lebens, für das man selbst die Verantwortung trägt – und dass man sich in jedem Augenblick selbst erschafft.

Die Zeiten, in denen ich diese Geschichten lustig fand, sind lange schon vorbei.

Das war, bevor ich selbst anfing, anderen Menschen professionell die Karten zu legen.

Inzwischen arbeite ich schon länger als Kartenlegerin.

Und bin regelmäßig mit dem Problem konfrontiert, dass ich kontaktiert werde, weil meine Klientinnen von mir hören wollen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen werden.

Des Öfteren funktioniert das: Dann zeigt die Kartenlegung genau das, was sich die Leute wünschen.

Das ist super: für die Klientin – wie für mich.

Die Klientin ist glücklich – und ich hatte eine entspannte Sitzung.

Allerdings werde ich üblicherweise kontaktiert, wenn die Dinge nicht laufen, wie sie sollen.

Meist wissen die Klientinnen schon, dass sie mit erheblichen Hindernissen und Widerständen konfrontiert sind.

Und dass die Gefahr besteht, dass die Sache nicht so ausgeht, wie erhofft.

Wenn die nüchterne Realität dann buchstäblich „auf dem Tisch liegt“, ist das für die meisten trotzdem ein großer Schock.

Ich wurde ja kontaktiert – und dafür bezahlt – dass ich Ängste beruhige.

Vertrauen in eine positive Zukunft schaffe.

Wenn ich das nicht anbieten kann, sind viele Klientinnen schwer enttäuscht.

Wie gesagt: damit professionell umzugehen, ist die größte Herausforderung meines seltsamen Berufs…