Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 4 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Karawane

Ein Alptraum lässt mich um Hilfe bitten – und verschafft mir eine unerwartete Einladung zu einem exotischen Retreat…

Ich befinde mich auf einer Anhöhe. Unter mir erstreckt sich ein schmales Tal. Zwischen den kahlen Bäumen hängt der Morgennebel.

Es ist eiskalt.

Während ich in die Stille des frühen Tages hineinlausche, wird mir bewusst, dass ich träume.

Totenruhe, denke ich.

Ich bin im Land der Toten.

Mein Blick folgt dem mäandernden Lauf des Baches, der die Felder durchschneidet. Auf der gegenüberliegenden Uferseite führt eine schmale Straße entlang.

Bewegt sich dort etwas? Ich starre konzentriert auf die andere Seite des Flüßchens. Kein Zweifel: Dort drüben läuft eine Gruppe Menschen in meine Richtung.

Ich halte den Atem an: Das gedämpfte Knirschen des Kieses unter ihren Schritten dringt zu mir herüber. Es müssen viele sein.

Jetzt sind sie auf meiner Höhe angekommen. Zwischen den kahlen Zweigen der Uferbewachsung ziehen sie im Morgennebel an mir vorbei.

Eine Karawane von Toten.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht mein Traum ist.

Ich bin in einem fremden Gehirn gelandet! Dies ist der Traum eines Diktators, der im Schlaf seinen Opfern begegnet.

Damit wache ich auf.

Verstört und verängstigt! Was will mir dieser Traum sagen?

Dass der Auslöser für diese Traumbilder die Schatten der Toten aus dem zerbomten Nachbarhaus waren, die immer morgens zum Rauchopfer vor meiner Dachterrasse auftauchen, ist für mich klar. https://www.water-runs-east.eu/toten-tanz/

Aber warum lande ich im Traum in einem fremden Gehirn? Und auch noch in dem eines Tyrannen?

Waren das karmische Bilder? Seit ich regelmäßig tibetisches Tantra praktiziere, passieren die seltsamsten Dinge. Jahrelang habe ich die Erzählungen meiner Sangha-Brüder und -Schwestern über karmische Träume zurückgewiesen. Die Idee, man könne im Schlaf mit Erinnerungen aus früheren Leben konfrontiert werden, fand ich albern. Ich schwieg, wenn mir solche Geschichten zu Ohren kamen – und dachte mir meinen Teil.

Bis ich selbst mit einem solchen Traum konfrontiert wurde. Mitten im Retreat. Die Bilder waren von höchster Intensität und vollkommend realistisch. Obwohl Ort und Zeit der Handlung mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Nach dem Traum veränderte sich mein Leben. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Seitdem sehe ich die Sache mit den „Karmischen Träumen“ anders. Inzwischen halte ich es für möglich, im Schlaf Zugang zu vergangenen Leben zu finden.

„Und jetzt?“, frage ich mich, als ich nach dem Traum von der Toten-Karawane vor meinem Morgenkaffee sitze. „Was ist, wenn DU in einem früheren Leben dieser Diktator warst, der all diese armen Menschen auf dem Gewissen hat?“

Ein gruseliger Gedanke! Ich glaube es auch nicht wirklich, aber zu mindestens 25%…

„Throma!“, flüstert meine Innere Stimme in mein Ohr. „Du brauchst Throma!“

An die zornvolle Göttin des Todes und der Nacht – Throma Nagmo – habe ich schon länger nicht mehr gedacht. Dabei tanzte sie letztes Jahr über Monate in meinem Unterleib und brachte mein Leben gehörig durcheinander.

Throma ist die tibetisch-buddhistische Praxis der Friedhöfe, der Verbrennungsstätten – und der Toten. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

„Throma“, denke ich mir, „wäre vielleicht wirklich die passende Praxis für den Traum.“

Ich habe letztes Jahr im März in einem Retreat in der Mühle von Uriel Throma gelernt und auch die Übertragung – das Lung – des Lamas dafür erhalten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Aber die Praxis ist anspruchsvoll und ich habe sie seit dem Retreat nicht mehr geübt. Alleine bekomme ich das nie hin! https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-damaru-und-kangling/

Glücklicherweise war damals eine Frau bei dem Throma-Retreat dabei, die die Praxis gut beherrscht – und regelmäßig in Berlin ist. Ich habe ihre Telefonnummer. Nach dem Frühstück melde ich mich bei ihr und spreche mein Anliegen auf ihre Mail-Box:

Ich hätte heute Nacht von einer Karawane von Toten geträumt und bräuchte deshalb Throma. Ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir zu praktizieren, damit ich mich von negativem Karma reinigen kann?

Die Dharma-Schwester ist im übrigen Gynäkologin mit eigener Praxis. Keine ihrer dankbaren Patientinnen ahnt, dass die kluge Ärztin, die schon hunderte von Kindern ins Leben begleitet hat, in ihrer Freizeit eine Expertin der Todes-Göttin Throma Nagmo ist.

Am Nachmittag ruft mich die Dharma-Schwester zurück. Mit dem gemeinsamen Praktizieren sieht es schlecht aus, erfahre ich. Denn die Dharma-Schwester ist gerade sehr beschäftigt: Neben ihrer Arbeit muss sie auch noch für unsere Khandro ein Retreat organisieren. Nächsten Februar. In Berlin!

Khorde Rushen.

Ich fahre hoch: „Khorde Rushen?“

Das Retreat ist so berühmt wie rar. Jeder, der intensiv Tantra praktiziert, hört früher oder später wilde Geschichten darüber. Aber wahrhaftig an einem Khorde Rushen Retreat teilgenommen haben die wenigsten. Es ist schwierig umzusetzen und wird nur sehr selten angeboten.

Und auf einmal ist eines bei mir um die Ecke! Und wird von meiner amerikanischen Zufluchts-Lehrerin geleitet!

„Die Einladung müsste in den nächsten Tagen rausgehen,“ erklärt mir die Dharma-Schwester.

Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass sie mir eine Einladung schicken wird. Obwohl die diesmal nur an die Amerikaner aus der Sangha gehen wird. Die haben sich beschwert, dass immer nur Europäer in den Retreats der Khandro sitzen und sie nicht zum Zug kommen. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht in meinem E-Mail-Verteiler auf: Die Einladung zu Khorde Rushen! Druckfrisch!

Ich bin die erste, deren Name auf der Teilnehmerliste steht!

Der Traum wollte mir sagen, dass ich Khorde Rushen praktizieren muss, denke ich mir am Abend.

Es ging nicht um Throma! Ich muss mein negatives Karma mit Khorde Rushen reinigen…

Altar

Ein traditioneller Haus-Altar gehört zur Grundausstattung jedes Vajrayana-Praktizierenden…

Wer ernsthaft tibetischen Buddhismus praktiziert, verfügt über einen eigenen Haus-Altar.

Denn der gehört zu den Grundvoraussetzungen für die tägliche Praxis.

Deshalb haben alle aus meiner Sangha einen.

Außer mir.

Sieben Jahre lang habe ich Vajrayana praktiziert – ohne Altar!

Ein Skandal!

Weil meine Sangha-Schwestern und -Brüder wohlgeübt darin sind, „nicht über die Fehler und Irrtümer anderer zu sprechen“ – die dritte der „acht Wahrheiten“ des Buddha – bin ich trotzdem von Kritik verschont geblieben.

Das einzige, was ich erntete, wenn ich mich zu diesem Mangel bekannte – oder wenn jemand aus der Sangha zu Besuch kam und feststellte, dass bei mir etwas entscheidendes fehlte – waren hochgezogene Augenbrauen.

Anfangs war es einfach Unwissenheit. Ich stolperte in das tibetische Tantra, wie andere in eine schlecht gesicherte Kellerlucke.

Deshalb dauerte es einige Zeit, bis ich verstand, dass ein Altar nicht nur während der Seminare und Teachings, sondern auch Zuhause von Nöten ist.

Ich legte mir trotzdem keinen zu.

Eisern.

Denn mein stures Ego läuft jedesmal Amok, wenn es mit traditioneller tibetischer Ästhetik konfrontiert wird. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Mein Ego hasst die grellen Farben – und vor allem den ganzen Schnick-Schnack! All diese Schalen und Schälchen, Götter-Figuren und Figürchen, Wandbehänge und Devotonalien!

Dafür praktiziert mein Ego mit Leidenschaft Zen!

Zen ist klar.

Minimalistisch.

Alles in seiner Ästhetik – von der Gestaltung der Räume bis zu den berühmten Zen-Gärten – ist darauf ausgelegt, den Geist zur Ruhe zu bringen.

Ganz automatisch beginnt jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, um Zazen zu üben, seine Umgebung in einer Weise zu gestalten, die der Meditationspraxis gemäß ist. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Schrille Farben und intensive Gerüche werden – wenn sich Konzentration und Sinneswahrnehmungen durch die tägliche Praxis intensivieren – als störend empfunden.

Unordnung tut auf einmal weh.

Mehr und mehr wird spürbar, wie energieraubend Chaos ist.

Mit dem Ergebnis, dass ich seit Jahren nicht nur Zen praktiziere, sondern auch mein Leben danach ausrichte – und meiner Zen-Praxis gemäß wohne.

Die Idee, in meinem klaren, reduzierten, ordentlichen Zuhause einen traditionellen tibetisch-buddhistischen Altar mit all seinen Staubfängern aufzustellen, fand ich geradezu verstörend.

Dazu kam, dass ich – als Zen-Praktizierende – mit dem Konzept eines Altars grundsätzlich nichts anzufangen wusste!

Schließlich lehrte Rinzei: „Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha!“ https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Ich musste sieben Jahre tibetisches Tantra praktizieren, bis mir der Wert eines Haus-Altars bewusst wurde!

Seit drei Wochen besitze ich einen.

Und erfreue mich täglich an ihm.

Er passt wunderbar in mein Zen-Zimmer, finde ich…

Online-Lung

Wir bekommen die Ermächtigung für ein mehr als tausend Jahre altes tibetisch-buddhistisches Ritual via Zoom…

Um halb acht Uhr morgens stehe ich vor dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain.

Heute bekommen wir hier Lung für unser traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer! Deshalb ist das Tor bereits geöffnet. Zwei aus der Rauchopfer-Gruppe sind seit sieben Uhr morgens hier, um alles für das feierliche Ereignis vorzubereiten. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Ich hänge meine feuchte Jacke an die Garderobe im Flur und schiebe den Vorhang zum Tempel beiseite.

Der ist hell erleuchtet. Auf dem Altar – zu Füßen der riesigen Buddha-Statue – sind die Opfer-Schalen mit frischem Wasser gefüllt. Dazwischen brennen Kerzen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen hängt in der Luft.

Nachdem ich meine drei Niederwerfungen vor dem Altar vollzogen habe, eile ich den anderen zur Hilfe. Jemand schaltet den Beamer an, den Suriyel uns gestern Abend an die Tempel-Decke montiert hat:

Auf der Leinwand erscheint eine Terrasse. Darauf ist ein großer Ofen aus Ton platziert, in dem ein Holzfeuer brennt. Sanft streicht der Rauch aus dem Kamin der Feuerstelle.

Noch fünfzehn Minuten!

Bevor er sich gestern Abend verabschiedete, hat Suriyel die Feuerschale für uns präperiert. Kunstvoll stapelt sich das Holz darin fünfzig Zentimeter hoch. Dazwischen sind Grillanzünder patziert, damit wir das Feuer ganz sicher zum Brennen bringen.

Wir müssen heute morgen ohne Suriyel auskommen. Er ist der einzige von uns, der bereits Lung – die feierliche Übertragung der Praxis – erhalten hat. Deshalb darf er ausschlafen.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Sonntags-Sangha. Die laufen gerade alle ein. Die meisten erkennbar unausgeschlafen. Aber es hilft nichts: Wenn wir Lung für das Riwo Sangchö haben wollen, dann hier und heute – und auf ungewöhnlichem Wege.

Denn eigentlich wird das Lung direkt übertragen: Der Lehrer sitzt auf seinem Thron und liest den Schülern feierlich den Praxistext auf Tibetisch vor. Getragen von der Intention, diese in die jahrhundertealte Linie der Meisterinnen und Meister aufzunehmen, die diese Praxis entwickelt und ausgeführt haben.

So ist es seit altersher üblich. Eigentlich ist es nur dann ein Lung. Der tibetische Buddhismus heißt nicht umsonst „Lamaismus“: In keiner anderen buddhistischen Tradition ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so eng und verbindlich wie hier.

Allerdings braucht man dafür einen leibhaftigen Lama.

Den das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain nicht vorrätig hat. Es funktioniert ohne „Präsenz-Lama“. Der Gründer des Zentrums – ein hoher tibetischer Würdenträger – kommt mehrmals im Jahr vorbei. Andere Lamas werden eingeladen, um Seminare und Teachings zu geben.

Obwohl inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag ein Riwo Sangchö im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain praktiziert wird, hat es sich irgendwie nie ergeben, dass einer von den „Besuchs-Lamas“ Lung für das Riwo Sangchö gegeben hat.

Warum auch immer…

Und das, obwohl aus der Sonntags-Sangha regelmäßig um das Lung gebeten wird.

Inzwischen ist nicht nur die Frustration in der Rauchopfer-Gruppe groß, es macht sich auch immer stärker Unbehagen breit. Schließlich wurden wir bereits in andere buddhistische Zentren geschickt, um dort unser Rauchopfer zu präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Wir wurden sogar schon eingeladen, um es bei anderen Mitgliedern unserer Sangha zu praktizieren. Auf das wir gute Energie damit schaffen. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Und das alles ohne Lung!

Wir fühlen uns wie Hochstapler. Da können wir noch so viel üben: ohne Lung keine vernünftige Praxis!

Es musste also dringend eine Lösung her! Nur welche?

Schließlich die erlösende Nachricht: Ein Mitglied unserer Sangha erfährt zufällig, dass der Lama einer anderen Sangha an einem Samstag im Juni Lung geben wird.

Online. Via Zoom!

Jeder, der Zuflucht genommen hat – egal bei welchem Lehrer – kann daran teilnehmen, wird uns auf Nachfrage erklärt.

Obwohl die Skepsis groß ist, was von einem Online-Lung zu halten ist, lassen wir uns darauf ein.

Besser ein Lung über Zoom, als gar keines, beschließen wir.

Damit das Lung – trotz der seltsamen Umstände – würdevoll und feierlich über die Bühne geht, wollen wir nicht nur passiv bei dem Rauchopfer der Online-Sangha des fremden Lamas zusehen.

Wir werden parallel zur Zoom-Veranstaltung ein Rauchopfer auf der Terrasse unseres Tempels veranstalten!

Deshalb hat Suiyel gestern Abend die Feuerschale vorbereitet. Bevor er nach Hause ging, schärfte er mir noch ein, am Morgen auf keinen Fall zu vergessen, bei der Feuerwache anzurufen!

Das ist deshalb das erste, was ich mache, nachdem ich meine Niederwerfungen beendet habe. Die Nummer der Feuerwache ist unter meinen Kontakten gespeichert. Als der diensthabende Feuerwehrmann abhebt, sage ich brav den Spruch auf, den ich schon so oft von Suriyel gehört habe: „Hier ist das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain. Wir werden bis etwa 13 Uhr ein Ritualfeuer mit starker Rauchentwicklung abhalten.“ Ich muss meinen Namen, meine Telefonnummer und die Adresse des Zentrums hinterlassen.

Ich beende das Gespräch mit dem Gefühl der Erheiterung. Heute bin zur Abwechslung ich mal „die Spinnerin mit dem Ritualfeuer“. Obwohl man als Feuerwehrmann in Berlin sicher härteres erlebt als ein paar Exzentriker, die mit sehr viel Rauch Buddhas, Bodhisattvas und alle fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen nähren…

Als ich wieder in den Tempel komme, züngeln die ersten Flammen aus der Feuerschale, die Israfel auf die Terrasse platziert hat.

Ich bin verstimmt: eigentlich wollte ich das Feuer hüten. Das Holz – dicke Eichenscheite – habe ich gestern bei meinem Zimmerer-Bruder besorgt. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Auch der Instant-Powder, der während der Opferungen verbrannt werden wird, ist von mir. Eine Spezialmischung, die ich extra für unser Lung zubereitet habe. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Aber nun gut. Schließlich geht es um „Ego-Losigkeit“! Da wäre es höchst unpassend, wenn ich mich mit Israfel um das Feuer streiten würde.

Noch zwei Minuten bis acht Uhr. Wir nehmen auf unseren Sitzunterlagen Platz und starren auf die Leinwand. Dort flackert weiterhin das Feuer im Brennofen auf der Terrasse vor sich hin.

Wir sitzen und warten. Warum passiert nichts?

Jemand aus der Gruppe ruft den Zoom-Link mit seinem Handy auf. „Es gab gerade eine Durchsage: Noch eine Minute, dann geht es los!“

Im Tempel bricht Panik aus. Warum funktioniert die Tonübertragung nicht? Gestern haben die beiden Techniker bis Mitternacht Kabel verlegt und die Lautsprecher an das Mischpult angeschlossen. Und jetzt das!

Ich krame mein Handy aus der Tasche, rufe mit fliegenden Fingern den Zoom-Link auf und stelle den Lautstärke-Regler bis zum Anschlag hoch.

Gerade noch rechtzeitig: Auf der Leinwand erscheint der Lama. Er nickt würdig in die – visuelle – Runde.

Dann beginnt er sofort mit dem Lung!

Wir sitzen mit angehaltenem Atem und lauschen den Worten, die aus meinem Handy in den Tempel klingen.

Auf einmal springt Israfel auf und jagt zur Terrasse: Brennende Holzscheite sind von Suiyels kunstvollem Turm auf die Holzplanken gefallen und haben bereits zu rauchen begonnen.

Während wir anderen dem Lama zuhören, beobachten wir Israfel dabei, wie er hektisch die brennenden Scheite von der Terrasse befördert und die Brandstellen austritt.

Das ist wahrhaftig ein dramatisches Lung!

Erstaunlicherweise hat es – trotz der Übertragung via Zoom und der bescheidenen Tonqualität – beeindruckende Kraft.

Es fühlt sich nicht anders an – stelle ich fest – als eine „klassisches“ Übertragung!

Nachdem wir das Lung erhalten haben, zelebrieren wir acht Rauchopfer hintereinander: Wir im Tempel – und parallel dazu die Online-Sangha abwechselnd in verschiedenen Städten Europas und in den USA.

Um zwölf Uhr mittags verabschieden sich alle von einander: auch die Sonntags-Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Berlin-Friedrichshain winkt fröhlich in die Kamera, bevor die Zoom-Übertragung beendet wird.

Danach machen wir es uns in der Teestube bei einem späten Frühstück gemütlich und feiern unser Lung.

Das wirken wird. Keine Frage…

Lung

Wir bekommen endlich die Ermächtigung, das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren…

Als ich leise die Haustür der Spirituellen WG hinter mir ins Schloss ziehe, ist es gerade einmal kurz vor sieben Uhr morgens.

Völlig übermüdet trabe ich die Schönhauser Allee entlang. Über den stählernen Trägern der Hochbahn spannt sich der Morgenhimmel in dumpfem Grau. Sanft, aber unerbittlich geht seit Stunden Nieselregen nieder.

Eigentlich ist es einer dieser Samstage, die man am Besten im Bett verbringt.

Mir fiel das Aufstehen heute trotzdem nicht schwer. Und das trotz meines Schlafdefizits!

Als ich die Treppen zum Bahnsteig hinunterlaufe, fährt mit lautem Rumpeln die Ringbahn ein. Ein paar letzte Partygänger hängen in den Sitzen. Draußen zieht Berlin vorbei.

Am Frankfurter Ring steige ich aus und schlage den Weg ins tibetisch-buddhistische Zentrum ein.

Das ich gerade einmal vor sieben Stunden verlassen habe!

Denn am vorherigen Abend waren wir bis Mitternacht damit beschäftigt gewesen, alles für den großen Moment heute Morgen vorzubereiten:

Wir bekommen Lung!

Für das Riwo Sang Chö!

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer wird inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum praktiziert.

Und der einzige, der Lung für das Riwo Sang Chö hat, ist Suriyel.

Was eigentlich ein Unding ist!

Denn im tibetischen Buddhismus ist die Ausübung von Meditationspraxen an strenge Regeln gebunden.

Eine davon lautet: Nur wer Lung – die feierliche Ermächtigung eines Lehrers – für eine Praxis erhalten hat, darf sich ihr widmen.

Das ist nicht nur Formsache! Denn wer das Lung übertragen bekommt, erhält nicht nur die offizielle Erlaubnis für die Ausübung der Praxis.

Er wird in die Traditionslinie aufgenommen, aus der diese Praxis hervorgegangen ist.

In dem Moment, in dem der Lama feierlich die magischen Worte des Praxistexts auf tibetisch ausspricht, vollzieht sich eine Transformation. Die Teilnehmer der Zeremonie hören auf, isoliere Individuen zu sein.

Durch die feierliche Übertragung werden die Schüler vom mächtigen Energiestrom der Praxis aufgesogen und zu winzigen Partikel der vielen Jahrhunderte alten Linie. Die ganze Kraft all der mächtigen Meister und Meisterinnen, die sich in dieser Praxis geübt haben, steht ihnen von nun an zur Verfügung.

Gleichzeitig wird es durch das Lung möglich, dass die Energie-Tropfen, die diese neuen Mitglieder der Linie generieren, wenn sie sich der Praxis widmen, in den karmischen Fluß der Traditionslinie eingespeist werden.

Jeder, der Lung erhält, kann gewiss sein, dass er von nun an über mehr verfügt, als seine eigenen bescheidenen Kräfte. Er wird durch die Energie aller Praktizierenden der Linie getragen, die sich über viele Generationen dieser Praxis gewidmet haben.

Ohne Lung zu praktizieren ist eine nette, aber wenig fruchtbare Angelegenheit.

Erst das Lung ermöglicht den vollen Zugang zur Macht einer Meditationspraxis.

Und jeder, der den Unterschied schon einmal erlebt hat, wird das bestätigen…

Weißer Salbei

Die Räume der Spirituellen WG werden mit dem Rauch des traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – Riwo Sangchö – von negativer Energie befreit…

In den Wochen vor dem ersten Riwo Sangchö in unserer Spirituellen WG habe ich mich intensiv mit der Herstellung von Räuchermischungen beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Auf meinem Schreibtisch liegt eine lange Liste mit den Namen von Kräutern, Harzen, Hölzern und Wurzeln, die traditionell für Räucherwerk verwendet werden.

Einige Zutaten habe ich inzwischen besorgt: manches wuchs im Garten. Anderes entdeckte ich auf Streifzügen durch den Prenzlauer Berg und Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Mastix – das Harz des Pistazienbaums – und eine Reihe von getrockneten Heilkräuern habe ich online gekauft.

Am meisten entzückte mich bei meiner Recherche das Angebot einer Spezial-Gärtnerei für Räucherpflanzen! In einem regelrechten Kaufrausch füllte ich den virtuellen Warenkorb mit den Setzlingen exotischer Pflanzen, die Schamanen in Amerika, Afrika und Mexiko für ihre Rauchopfer verwenden.

Das war Ende April. Ich warte bis heute auf meine Pflänzchen. Denn die Lieferzeit der Spezial-Gärtnerei beträgt zwei Monate. Mein Räucherwerk-Hobby ist wohl doch nicht so exotisch und ungewöhnlich, wie ich dachte.

Und bevor ich Blüte, Früchte, Blätter und Rinden meiner Räucherpflanzen ernten kann, müssen die ja erst einmal auf meiner Dachterrasse wachsen und gedeihen. Vor Herbst 2025 ist realistischerweise nicht mit schamanischem Eigenanbau zu rechnen.

Es handelt sich um ein langfristiges Projekt.

Um trotzdem für unser allererstes Riwo Sangchö in der heimischen Spirituellen WG gerüstet zu sein, bestelle ich deshalb mehrere Bündel Weißen Salbei bei einem Online-Anbieter. Denn Weißer Salbei wird seit altersher von indianischen Schamanen für Reinigungs-Rituale verwendet.

Als meine Sangha am Samstag zu Besuch ist, stelle ich für Suriyel ein Schälchen mit meiner „Home-Made-Sang-Powder-Mischung“ auf den Terrassentisch. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Dazu lege ich eines der, etwa 15 Zentimeter langen, Bündel aus getrocknetem Weißem Salbei.

So etwas haben wir noch nie für unser Rauchopfer verwendet.

Damit Suriyel die geschnürten Zweige nicht einfach ins Feuer wirft, erkläre ich ihm, der Weiße Salbei wäre für die Reinigung des Hauses. Er dürfe ihn nur anzünden, nicht verbrennen!

Die Mitglieder meiner Sangha aus dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain haben inzwischen an der langen Tafel in der Wohnküche der Spirituellen WG Platz genommen. Durch die verglaste Fensterfront schauen wir auf die Terrasse und den Garten von Esthers Townhouse.

Nachdem Suriyel dort draußen das Brennholz in der großen Feuerschale entzündet hat, beginnen wir mit dem Ritual.

Als wir – den tibetischen Text rezitierend und singend – an der Stelle angelangt sind, an der das Speiseopfer dargebracht wird, legt Suriyel erst ein paar frische Zweige von Esthers Zypresse auf die brennenden Scheite, bevor er meinen „Do-it-yourself-Sang-Powder“ in die Flammen kippt. Eine dichte weiße Rauchwolke steigt auf, während wir alle unablässig das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren.

Dann hält Suriyel das Bündel Weißen Salbei in die Flammen. Als es brennt, kommt er in die Küche und drückt es mir in die Hand. Das Zeug raucht wie verrückt – und riecht unglaublich gut.

Während das Speiseopfer in der Feuerschale im Garten in weißem Rauch aufgeht, reinigen wir das Haus: Suriyel geht mit einer Schale mit glühendem Räucherwerk von Raum zu Raum, ich folge ihm mit dem brennenden Weißen Salbei. Hinter uns wandern die anderen Teilnehmer des Rituals. Wir rezitieren unaufhörlich „Om Ah Hung“, während wir – das glühende Räucherwerk in alle Ecken haltend – jedes Zimmer auf allen drei Stockwerken mit wohlriechendem Rauch füllen.

Als wir uns – nachdem wir ganz am Schluss auch noch mein großes Zimmer und meine Dachterrasse im Gänsemarsch durchschritten haben – wieder alle in einer langen Reihe die Treppen hinunter zurück in die Küche begeben, während unser monotones „Om Ah Hung“ durch das Haus schallt, ist das so bizarr wie berührend.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, bedanken wir uns alle gegenseitig beieinander: Was hatten wir doch wieder für ein wunderbares Riwo Sangchö!

Danach gibt es Brunch. Begleitet von vielen anregenden Gesprächen.

Es war ein wunderschöner Tag, stellen Esther und ich fest, als uns unsere Gäste am späten Nachmittag verlassen haben.

Und das Haus wirkt, als würde es leuchten…

Buddha

Ich bereite unsere Spirituelle WG für das Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetische Rauchopfer – vor…

In einer Fensternische im ersten Stock von Esthers Townhouse am Prenzlauer Berg sitzt bereits seit Jahren ein grauer Buddha.

Dabei ist Esther Christin.

Ein paar Tage bevor meine Sangha zu uns zu Besuch kam, um in der Spirituellen WG ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren, war Suriyel bei uns zu Gast. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Nach dem Abendessen wanderten wir gemeinsam durch das Haus und besprachen, wie Esther und ich zukünftig die Räume nutzen wollten. Im ersten Stock angekommen, setzte ich mich – in ein Gespräch mit Suriyel vertieft – in die Fensternische.

Direkt neben den Buddha.

Suriyel zuckte zusammen. „Ist der gefüllt?“, fuhr er mich an.

Ich wäre vor Schreck beinahe von der Fensterbank gekippt. „Nein, nein!“, beruhigte ich ihn. „Du weißt doch, das Esther Christin ist! Der ist einfach nur Deko!“

Es war Suriyel anzusehen, dass er nicht glücklich darüber war. Er nahm die schwere Hartplastik-Figur in beide Hände und drehte sie um. Sie war Innen hohl.

„Na bitte!“, erklärte er uns. „Man kann sie füllen!“

Im tibetischen Buddhismus werden Statuen, die für Altäre bestimmt sind, in besonderer Weise sakralisiert: Man kauft eine profane Figur – wie Esthers Buddha aus dem Inneneinrichtungs-Shop – und bringt sie zu einem Lama. Der weiht sie nicht nur, sondern präperiert sie auf spezielle Weise: In einer feierlichen Zeremonie werden Schriftrollen mit Mantras im Inneren der Figur platziert. Danach wird der Hohlraum mit einer Mischung aus Kräutern und gesegneten Substanzen aufgefüllt und mit einem Deckel verschlossen.

Im Anschluss wird die Figur gesegnet. Der Besitzer kann mit einer sakralen Altar-Figur nach Hause gehen.

Suriyel war offensichtlich der Ansicht, dass auch Esthers Deko-Buddha diese Behandlung verdient hätte.

Am Samstagmorgen bereite ich alles für unser Riwo Sang Chöd in der Spirituellen WG vor. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Um elf Uhr kommen die Mitglieder meiner Sangha. Suriyel wird das Zeremoniell leiten.

Das Rauchopfer findet im Garten statt. Aber während des Speiseopfers werden wir alle durch die Räume des Hauses gehen und sie – mit Hilfe von brennendem Räucherwerk – reinigen.

Auch die Bibliothek im ersten Stock, in der Esthers Deko-Buddha zuhause ist.

Das Riwo Sang Chöd ist ein tibetisch-buddhistisches Ritual. Alle aus meiner Sangha, die heute zu Besuch kommen, um den Ritus mit uns – und für uns – zu vollziehen, sind Buddhisten.

Deshalb ist es komplett unpassend, dass Esthers Buddha während des Zeremoniells Deko ist. Da kann er noch so ungefüllt sein…

Ich muss improvisieren. Und zwar schnell! In vierzig Minuten kommen die Gäste!

Mit Schwung nehme ich die Treppenstufen in den dritten Stock. Mit zwei blühenden Pflanzen aus meinem Dachterrassen-Garten jage ich wieder nach unten.

Zufrieden stelle ich fest, dass der Buddha durch den Blumenschmuck gewinnt. Er sieht richtig feierlich aus!

Da geht doch noch mehr!

Opferschalen habe ich leider keine für ihn übrig. Aber zwei Kerzen und ein Schälchen! Nach einem weiteren wilden Galopp hoch in mein Zimmer und wieder die Treppen herunter, stelle ich schwer atmend auch noch zwei Schälchen mit Kerzen und eines mit einem Räucherkegel vor dem Buddha ab.

Als ich das Räucherwerk anzünde und der Rauch in zarten Fäden am Gesicht des Buddhas vorbeizieht, ist mir, als würde ich ihn lächeln sehen.

Suriyel hat recht, denke ich. Der Buddha würde wirklich gerne gefüllt werden.

„Du gehörst Esther“, flüstere ich ihm zu, bevor ich ihn verlasse, um mich den weiteren Vorbereitungen zu widmen. „Das musst du mit ihr besprechen!“

Sangha

Meine Dharma-Brüder und Schwestern kommen zum ersten Mal zu Besuch in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Um halb elf Uhr steht die erste Dharma-Schwester vor der Tür.

Dreißig Minuten zu früh!

Nach einer kurzen Begrüßung drücke ich ihr den Besen in die Hand mit der Bitte, die Wohnküche zu fegen.

Als ich sehe, wie sie energisch den Staub aus den Ecken holt, verstehe ich, dass sie genau zur rechten Zeit gekommen ist!

Obwohl Esther und ich schon seit dem Morgen damit beschäftigt sind, die Spirituelle WG vorzubereiten, sind wir noch nicht fertig!

Wir hetzen die Treppen hoch und runter, schleppen Stühle und decken Tische.

Um Viertel vor elf läutet es ein weiteres Mal. Suriyel steht im Hauseingang. Mit seiner großen Feuerschale unter dem Arm und der riesigen blauen Ikea-Tüte über der Schulter. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Ich eile ihm voran und öffne die beiden Flügeltüren zum Garten.

Suriyel trägt sein Equipement auf die Terrasse, platziert alles neben Esthers Sonnenschirm und spannt ihn auf. Es regnet in Strömen, das Brennholz darf nicht naß werden.

Während ich im Minutentakt neue Gäste begrüße und Esther noch schnell das Buffett bestückt, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für das Zeremoniell vor.

Unser allererstes tibetisch-buddhistisches Rauchopfer in der Spirituellen WG! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Denn Esther will ihr Townhouse reinigen.

Deshalb habe ich meine Sangha – meine spirituelle Gemeinschaft – dazu eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/identitaetskrise/

Über unsere WhatsApp-Gruppe. Da sind alle drin, die mit mir an den offenen Praxisangeboten teilnehmen, die Suriyel jeden Freitag und Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain anbietet. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Die Gruppe hat mehr als fünfzig Mitglieder.

Beim Rauchopfer – das auf Tibetisch „Riwo Sang Chöd“ heißt – machen etwa zwölf Personen regelmäßig mit.

Drei haben sich entschuldigt. Die anderen neun stehen jetzt in unserer Küche.

Dazu noch eine Freundin von Esther aus ihrer evangelikalen Gemeinde. Und ein Dharma-Freund von mir, mit dem ich Zen praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Die tibetischen Buddhisten packen ihre Ritual-Texte und Instrumente aus. Die beiden anderen Gäste schauen ihnen interessiert dabei zu. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Nachdem alle an den beiden langen Tafeln Platz genommen haben, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf Suriyel.

Der hat inzwischen die beiden Flügeltüren, die Küche und Terrasse trennen, komplett aufgeklappt.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Feuerschale, in der kunstvoll das Brennholz zu einem kleinen Turm gestapelt ist, steht unter den tropfenden Obstbäumen im Rasen.

Suriyel drückt seine große weiße Muschel an die Lippen und bläst kräftig hinein. Der tiefe dumpfe langgezogene Klang der Conch hallt über die Gärten und Innenhöfe. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Alle örtlichen Naturgeister https://www.water-runs-east.eu/spirits/ und die anderen fühlenden Wesen der sechs Bereiche sollen wissen, dass hier und jetzt das Riwo Sang Chöd beginnen wird! https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Spirit Cookies

Ich backe Kekse für alle fühlenden Wesen der sechs Bereiche, die beim Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetischen Rauchopfer – eingeladen sind…

Nachdem wir die Rauch-Eiche-Späne für unseren Instant-Powder abgeholt haben, herrscht Harmonie zwischen Suriyel und mir. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Wie üblich währt der Frieden nur kurz. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.

Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.

Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!

Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.

Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.

Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.

Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.

Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.

Kein Duft, kein Rauch – so bekommen wir keinen einzigen Naturgeist satt! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!

Ich bin verzweifelt!

Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.

Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?

„Das wird ranzig!“

Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“

„Wird es doch!“

„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“

Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.

Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.

„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.

„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!

Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.

Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!

Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.

Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.

Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!

Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!

Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.

Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.

Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.

Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!

Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.

Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!

Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!

Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!

Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.

Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.

Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.

Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?

Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.

Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.

Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.

Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.

Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!

Rauch-Eiche

Wir machen uns auf die Suche nach „aromatischen Hölzern“ für das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer…

Anfang Juni stapeln sich in meinem WG-Zimmer Marmeladengläser mit getrockneten Heilpflanzen und eine Dose mit Kiefernharz. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Denn das alles brauchen wir für unseren „Home made Sang-Powder“. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.

Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?

Ein echtes Problem!

Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.

Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.

Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!

Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.

Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.

So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.

Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.

Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!

Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!

Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.

„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“

Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.

Darf ich das dann noch schön finden?

Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.

Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.

Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.

Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…

Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.

Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.

Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!

Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.

Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.

Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“

Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.

Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…

Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.

Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.

Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.

Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.

Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.

In der Mitte steht ein brauner Flügel.

Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.

Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.

Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.

Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.

Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.

Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.

Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.

Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.

Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!

Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.

Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…

Healing Plants

Wir starten den Versuch, das Instantpulver für unser Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – selbst herzustellen…

Eineinhalb Jahre, nachdem Suriyel damit begonnen hat, regelmäßig Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu praktizieren, hat sich das Rauchopfer dort etabliert. Wir machen es jeden Sonntag in der Gruppe, einige von uns praktizieren es zudem noch täglich zuhause.

Mit dem Ergebnis, dass wir Unmengen von dem teuren nepalesischen Instant-Powder verbrauchen! https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Weil das Nachbestellen des Powders in Nepal so kostspielig wie klimaschädlich ist, hatten im April nach längerer Diskussion beschlossen, ihn zukünftig selbst zu fabrizieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Allerdings ohne konkrete Idee, wie das zu bewerkstelligen ist. Die einzige Information über die Zusammensetzung des Instant-Powders entnehmen wir der Einleitung des Jahrhunderte alten Rezitationstextes des Riwo Sang Chöd.

In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Das beruhigendste an dieser Liste ist für mich der Zusatz „…whatever you have available…“.

Während sich unsere Vorräte an gekauftem Pulver mehr und mehr dem Ende zuneigen, sammle ich deshalb, was mir gerade vor die Nase kommt:

Von einer Treckingtour an der Polnischen Ostseeküste bringe ich eine Dose Kiefernharz nach Hause. Teuer bezahlt mit vielen Mückenstichen, die ich abbekam, als ich, so vorsichtig als möglich, das klebrige Harz von Baumrinden schabte.

Wieder zurück in Berlin, halte ich weiter auf jeder Tour durch die Stadt Ausschau nach allem, was sich für den Do-it-yourself-Sang-Powder verbraten lässt.

Zuvor habe ich das Internet befragt und zu meiner Erleichterung erfahren, dass sich im Grunde jede Pflanze, die duftet und heilt, auch für Räucherwerk eignet.

Ich sammle also alles, was eine Großstadt wie Berlin in Sachen „healing plants“ zu bieten hat. Im Frühsommer, stellt sich heraus, ist das einiges: Am Mauerpark entdecke ich eine Ansammlung großer blühender Holundersträucher.

Ein paar Tage später werden die blühenden Linden in unserer Straße zurückgeschnitten. Ich sammle einen Berg Äste ein und verbringe meinen Abend damit, die Lindenblüten zu zupfen.

Vor dem Zubettgehen lege ich eine weitere Reihe Papier aus und breite die duftenden Lindenblüten neben den vor sich hin trocknenden Holunderblüten darauf aus. Zur Belohnung darf ich in einem wahren Geruchsparadies einschlafen.

Im Garten der Spirituellen WG wächst auch einiges, was sich zum Räuchern eignet: Der rote Rosenbusch neben dem Gartenhaus blüht nicht nur wunderbar, seine Blüten verströmen einen intensiven Geruch, der das Duft-Potpourri meiner – sich immer weiter ausdehnenden – Räucherecke auf das schönste erweitert.

Rosmarin, Thymian, Minze und Melisse, die im Kräuterbeet wuchern, können ebenfalls veräuchert werden.

Ich suche, sammle, trockne, befülle und beschrifte leere Marmeladengläser – und kann, als Suriyel Anfang Juni zu mir zu Besuch kommt, eine stattliche Sammlung „healing plants“ für unseren Sang-Powder präsentieren.

Der zeigt sich angemessen beeindruckt.

Und ich freue mich, dass ich schon mal zwei Punkte auf der tibetischen Zutatenliste abhaken kann: „Resins“ und „Healing Plants“ haben wir schon mal…

Keller-Geister

Der Rauchopfer-Trupp des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain erhält eine sehr spezielle Anfrage…

Nach unserem allerersten Rauchopfer-Auftritt im Chinesischen Tempel von Kreuzberg sind wir erleichtert und zufrieden. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Das tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd, dass wir auf der Terrasse des Tempels zelebriert haben, hat die örtlichen Naturgeister besänftigt und dem neuen Gebäude Segen gebracht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Davon sind wir alle überzeugt, denn genauso hat es sich für uns während des Zeremoniells angefühlt.

Ob unsere zahlreichen Zuschauer das ebenso erlebt haben, bleibt uns verborgen. Dass während des einstündigen Zeremoniells alle konzentriert und still dabei saßen und niemand aufstand und ging, werten wir aber als positives Feedback.

Erst nachdem wir fertig sind, verlassen die Besucher des Vesak-Festes die Terrasse. Der nächste Programmpunkt – ein Vortrag – findet im Haupttempel im ersten Stock des Gebäudes statt.

Wir bleiben zurück, um aufzuräumen.

Unser allererstes öffentliches Riwo Sang Chöd ist zu Ende. Das nächste wird wohl in einem Jahr stattfinden. Beim nächsten Vesak.

Bis dahin wird jeder für sich täglich zuhause sein Rauchopfer praktizieren. Jeden Sonntag werden wir uns – wie üblich – hinter den hohen Mauern des tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain treffen, um gemeinsam unser Rauchopfer zu zelebrieren.

So denke ich, während ich meine tibetische Glocke und meine kleine Sanduhrtrommel – die Damaru – einpacke. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Weit gefehlt!

Denn genau in diesem Moment erhalten wir die nächste Einladung!

Die schöne Lu aus der chinesischen Sanga unseres tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichhain ist es, die sich von Suriyel ein Rauchopfer wünscht.

Während der die Ritualgegenstände in seinen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt packt, erklärt sie ihm ihr Problem:

Lu möchte ein veganes chinesisches Restaurant eröffnen. Sie hat in Friedrichshain Räume im Erdgeschoss eines Altbaus angemietet. Seit Februar ist sie mit der Renovierung beschäftigt. Jetzt ist alles fast fertig.

Nur – leider, leider – ist irgend etwas mit dem Keller nicht in Ordnung. Die Energie ist schlecht! Geradezu unerträglich!

Lu ist deshalb sehr besorgt. Schließlich sollen dort die Lebensmittel für das Restaurant gelagert werden. Und überhaupt: Sie fürchtet um den Erfolg ihres Unternehmens!

Deshalb fragt sie Suriyel, ob er nicht kommen kann, um bei ihr im Keller ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren. Auf das die verärgerten Naturgeister befriedet werden, die Schützer aktiviert und die Buddhas und Boddhisattvas dem Restaurant ihren Segen schenken mögen.

Und das bitte schnell! In zwei Wochen soll das Restaurant eröffnet werden!

So kommt es, dass wir bereits am nächsten Tag – einem Sonntag – wieder in Rauchopfer-Mission unterwegs sind.

Nachdem wir erst „Grüne Tara“ im Tempel und danach unser sonntägliches Sang im Garten des tibetisch-buddhistischen Zentrums absolviert haben, machen wir uns auf den Weg zu Lu.

Glücklicherweise ist ihr neues Restaurant gerade einmal zwei Straßen vom Zentrum entfernt. Lu packt die große Ritualtrommel in den Kofferraum ihres Autos und fährt schon mal vor.

Wir anderen laufen zu Fuß. Suriyel trägt seinen Baumarkt-Koffer mit den Zeremonien-Gegenständen, ich schleppe die Fahrradtasche mit Glocke und Damaru. Die Darma-Schwester, die immer die große Trommel schlägt und eine chinesische Freundin von Lu sind auch noch mit von der Partie.

Dass wir gerade auf dem Weg in ein veganes chinesisches Restaurant sind, um dort ein mehr als tausend Jahre altes tibetisches Ritual abzuhalten, um böse Geister zu vertreiben, erfreut und erheitert mich zutiefst.

So, finde ich, soll das Leben sein. Wenn es anders ist, läuft etwas verkehrt.

„Wir sind buddhistische ‚Ghost-Busters‘!“, erkläre ich Suriyel, während unsere schräge Truppe unter blühenden Linden durch Friedrichshain läuft. „Oder besser: ‚Gost-Feeders‘!“

Suryiel schweigt dazu. Aber ich sehe ihm an, dass ihn die Situation genauso erheitert wie mich.

Als die aufgekratzte Truppe bei Lu ankommt, werden wir von ihr mit offenen Armen empfangen.

Der Weg in den Keller führt an der Küche des Restaurants vorbei. Auf dem Herd stehen große Schüsseln mit Bergen von Gemüse. Ein schweigsamer Chinese schnippelt Zwiebeln.

Das Gemüse wäre für uns, erklärt uns Lu. Nach dem Ritual würde sie uns zum Essen einladen.

Fantastische Aussichten!

Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.

Als wir nacheinander im Gänsemarsch auf einer schmalen Stiege in den Keller hinunter steigen, weiß ich sofort, was Lu meint: Die Energie dort fühlt sich wirklich furchtbar an! Dabei riecht es nicht modrig. Es ist auch nicht übermäßig dunkel. Aber trotzdem ist es, als stünde man in einer dumpfen drückenden grauen Wolke.

Dabei wäre es schon viel besser geworden, versichert uns unsere Gastgeberin.

Sie hat auch einiges dafür getan: Quer über die riesige Fläche spannt sich eine lange Reihe tibetischer Gebetsfahnen. In der dunkelsten Ecke des riesigen Kellerraums hat Lu zwei große goldene elektrische Gebetsmühlen aufgestellt, die sich ununterbrochen drehen und dabei aus unsichtbaren Lautsprechern in monotonem Sing-Sang tibetische Gebete plärren.

Ich bin fasziniert von den elektrischen Gebetsmühlen: Wir haben die selben im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums. Auch dort stehen sie – sich unaufhörlich drehend – in einer Ecke. Aber dass sie auch noch beten können, wusste ich nicht.

Man könne die Lautsprecher auf „Null“ stellen, erklärt mir Lu. Ich bin erleichtert, als sie das jetzt auch bei den ihren macht. Das blecherne Geleier schmerzt mir in den Ohren.

Wir müssen improvisieren. In Lu’s Restaurant gibt es weder Meditationskissen noch Schreintische. Es dauert trotzdem höchstens eine Viertelstunde, dann sind wir startklar.

Zusammen mit Lu rezitieren, singen und musizieren wir, was das Zeug hält. Alles um uns glüht vor Energie.

Als wir beim Opfern der Speisen angekommen sind, steht Suriyel auf, nimmt die rauchende Schale und wandert mit ihr in der Hand, unaufhörlich das Mantra „Om Ah Hung“ rezitierend, erst durch den Keller, dann die Stiege hoch in das Restaurant und dort durch alle Räume.

Wir folgen ihm im Gänsemarsch, jede mit der Mala in der Hand, ebenfalls konzentriert das Mantra rezitierend.

Vor jeder Buddha-Figur – von denen es bei Lu in jedem Raum mindestens eine gibt – stellt Suriyel einen der brennenden Räucherkegel aus der Opferschale ab.

Am Ende sind wir wieder im Keller angelangt. Dort lassen wiruns erneut auf unseren provisorischen Plätzen nieder und schließen das Ritual feierlich ab.

Hinterher ist Lu erleichtert und dankbar.

Und wir anderen finden auch, dass wir einen guten Job gemacht haben! Das dumpfe drückende Gefühl ist aus dem Keller verschwunden.

Als wir – erschöpft und glücklich – hintereinander die steile Kellerstiege hochklettern, begrüßt uns das Sonnelicht eines späten Sonntagnachmittags. Es kommt uns vor, als hätten wir nicht nur ein paar Stufen, sondern einige Jahrhunderte und eine völlig fremde Welt hinter uns gelassen.

Die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die an der grauen Hauswand des Altbaus vorbeilaufen, ahnen nicht, was hier gerade geschehen ist: Die ‚Ghost-Feeders‘ des tibetisch-buddhistischen Zentrums haben bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen ihre spirituelle Mission erfolgreich abgeschlossen!

Geister-Füttern macht hungrig!

Glücklicherweise ist das Essen fertig. Wir lassen uns an einer großen Tafel nieder. Lu stellt eine große Schüssel mit köstlichen chinesischen Gemüsegerichten nach der anderen vor uns auf den Tisch. Dazu gibt es fantastischen chinesischen Grünen Tee.

Wir sind begeistert von dem tollen Essen – und Lu ist glücklich über unser Entzücken.

Denn die tibetisch-buddhistischen ‚Ghost-Busters‘ sind die allerersten Gäste in Lu’s neuem Restaurant.

Dass wir nicht nur so viel gute Energie geschaffen haben, sondern jetzt auch noch so entzückt von ihrem chinesisch-veganen Essen sind, wertet die schöne Lu als positives Zeichen.

Wir können ihr nur zustimmen: Dieses Restaurant wird ganz sicher der Renner werden…

Auftritt

Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…

Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Der Anblick lässt mich schaudern.

Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.

Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.

Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.

Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.

Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.

Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“

„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.

Ich bleibe fassungslos zurück.

Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.

Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.

Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.

Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.

Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.

Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!

Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!

Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.

Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.

Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.

Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.

In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.

Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.

Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.

Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/

Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.

Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!

Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.

Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

So viel zum Willen des Meisters…

Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.

Ansonsten ist es vollkommend still.

Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.

Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.

Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.

Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.

Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.

Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…

Generalprobe

Wir üben das traditionelle tibetische Rauchopfer – Riwo Sang Chöd – für unseren Auftritt am höchsten buddhistischen Feiertag…

Das buddhistische Zentrums von Friedrichshain wird zur Ehren von Vesak ein Riwo Sang Chöd präsentieren! https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Denn das Zentrum gehört einer Traditionslinie des tibetischen Buddhismus an. Das traditionelle Rauchopfer ist eine ihrer Basis-Praktiken. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Dieses historische Ereignis wird am ersten Juni-Wochenende im chinesischen Chan-Kloster von Kreuzberg stattfinden!

Die Frage ist nur: Werden sich genug Unerschrockene für den Auftritt finden?

Denn es ist das eine, gut versteckt hinter hohen Mauern an einem mehr als tausend Jahre alten schamanischen Ritus teilzunehmen.

Und etwas ganz anderes, sich zu einer solch befremdlichen Handlung vor den Augen der Öffentlichkeit zu bekennen!

Und mag die auch noch so buddhistisch sein…

Als ich die Neuigkeit über unseren Auftritt an Vesak in der Whats-App-Gruppe der Sonntagspraktizierenden verkünde, bin ich gespannt, wie die Rückmeldungen ausfallen werden:

Es finden soch doch tatsächlich drei Mutige, die bereit sind, mitzumachen!

Mit Suriyel und mir wären wir zu fünft. Ich bin erleichtert: Das ist nicht beeindruckend, aber ausreichend.

Während der nächstens Sonntagstreffen im Zentrum sammle ich dann noch vier halbe bis dreiviertelte Zusagen ein: Wenn es sich an dem Tag ergeben würde, wäre man dabei, wird mir gesagt.

Am Ende, denke ich, werden wir wohl um die sieben Leute sein.

Dafür, dass wir das zweitgrößte buddhistische Zentrum Berlins repräsentieren, ist das eine bescheidene Truppe.

Aber angesichts der Herausforderung ist die Zahl erfreulich hoch.

An den folgenden Sonntagen wird im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain fleißig für den ersten Auftritt der Gruppe geübt.

Es klappt ganz gut, finde ich. Suriyel ist auch zufrieden.

Und schließlich: Die Generalprobe!

Am letzten Sonntag vor dem Vesak-Fest schleppen wir Sitzunterlagen, Meditationskissen, Schreintischen, Musikinstrumente, Sakralgegenstände, Holz, Speiseopfer und die große Feuerschale ins Freie.

Während der Zeremonie geben wir alles!

Suriyel schlägt die Zimbeln, eine Dharma-Schwester die große Trommel. Dazu schwenken alle die traditionellen tibetischen Handglocken und drehen die kleine Damaru.

Wir rezitieren und singen, dass es eine Freude ist.

Suriyels Rauchfahne ist von beeindruckender Dichte und von perfekt weißer Farbe.

Hinterher sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Rauchopfer. Wenn wir das nächsten Sonntag noch einmal so hinbekommen, wäre das super!

Am Abend meldet sich eine Dharma-Schwester, die nicht an der Sonntagspraxis teilgenommen hat, in der Whats-App-Gruppe.

Was denn los gewesen wäre bei uns heute im Zentrum? Wir hätten bei unserem Rauchopfer einen Krach gemacht, dass man uns auch noch zwei Straßen weiter gehört hätte! Es klang, schreibt sie, als wäre eine Horde Fußballfans durch das Viertel gezogen!

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Vor allem, wenn es um das Riwo Sang Chöd geht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Vesak

Das chinesische Kloster in Kreuzberg zelebriert ein buddhistisches Fest – und alle buddhistischen Zentren Berlins helfen mit…

Am Vollmondtag des vierten Monats jedes lunaren Jahres feiern Buddhisten in aller Welt Vesak. Dann wird der Geburt, der Erleuchtung und dem Tod Buddhas gedacht.

Das ist wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern an einem Tag!

In Berlin hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Vesak-Fest jedes Jahr reihum von einem anderen buddhistischen Zentrum der Stadt ausgerichtet wird.

Die Mitglieder desjenigen Buddhistischen Zentrums, dem die Aufgabe zufällt, in diesem Jahr das große Fest zu organisieren, befinden sich schon Monate vor dem Fest – das auf einen Tag zwischen Ende April und Anfang Juni fällt – im Ausnahmezustand.

Alle anderen Buddhisten Berlins dürfen sich von den zurückliegenden Strapazen „ihres“ Vesak erholen und sich auf ein entspanntes Fest freuen.

In diesem Jahr trifft es das große chinesische Chan-Kloster in Kreuzberg.

Im Februar erhält das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain deshalb von der chinesischen Dharma-Verwandtschaft die Einladung zum Vesak-Fest. Weil der vierte Vollmond des neuen Jahres auf Donnerstag, den 23. Mai fällt, findet das Fest am Wochenende danach statt.

Ich erfahre von der Einladung, als ich, nach meinem Umzug nach Berlin Ende Februar, an meiner ersten Orga-Team-Sitzung im Zentrum teilnehme.

Das ist auch das erste Mal, dass ich von „Vesak“ höre. Das Fest stammt aus der Theravada-Tradition, der ältesten noch existierenden Schultradition des Buddhismus. Sie wird heute vor allem in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha praktiziert.

Weil meine Zen-Tradition der jüngeren Schullinie des Mahayana angehört und aus Japan stammt, bin ich bisher noch nie mit dem Fest in Berührung gekommen.

Im japanischen Zen wird das Fest von Buddhas Erleuchtung am 8. Dezember gefeiert. Das ist unser „Bodhi-Tag“. Zuvor findet – gemäß der japanischen Tradition – immer ein siebentägiges intensives Retreat statt . In dieser „Rohatsu“ bereiten sich die Praktizierenden durch Meditation und Schweigen auf das Fest vor.

Als mir die anderen Teilnehmer der Orga-Runde erklären, was es mit diesem „Vesak“ auf sich hat, freue mich darüber, auch noch das Fest einer anderen Tradition erleben zu dürfen.

Schnell wird mir während der Orga-Sitzung allerdings klar, dass ich wieder einmal viel zu passiv gedacht habe! Ich werde – stellt sich heraus – nicht nur als Gast im Chinesischen Tempel erwartet.

Ich soll einen Programmpunkt mitgestalten!

Denn die Einladung des chinesischen KLosters ging mit der Bitte einher, alle anderen Zentren mögen sich mit einem Angebot am Tagesprogramm beteiligen.

Und zwar mit einer Praxis oder einem Ritus, der typisch für die Tradition des jeweiligen Zentrums ist.

Der Vorstand des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zerbrach sich gemeinsam den Kopf darüber, was man der versammelten Berliner Community an Vesak präsentieren könnte.

Am Ende fiel die Entscheidung, alle Buddhisten Berlins am hauseigenen Riwo Sang Chöd teilhaben zu lassen. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel praktiziert es jeden Sonntag als offenes Angebot im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. Und ich bin – zusammen mit ein paar Anderen – regelmäßig mit dabei und mache mit.

In kleinem Rahmen. Ohne Publikum…

Dass auf einmal von mir erwartet wird, vor sämtlichen Buddhisten Berlins ein schamanisches Rauchopfer zu präsentieren, trifft mich unvorbereitet.

Drücken will ich mich aber auch nicht. Am Ende steht Suriyel alleine da. Das kommmt nicht in Frage.

Also nicke ich ergeben.

Die Runde reagiert erleichtert über meine Einwilligung.

„Wie gut, dass du dabei sein wirst!“, schallt mir entgegen.

Denn das Orga-Team hat noch einen weiteren Aufrag für mich, erfahre ich umgehend.

Ich solle doch bitte darauf achten, dass Suriyel sich benimmt! Er möge bitte nur ein kleines Feuer im Garten der chinesischen Dharma-Brüder und -Schwestern entfachen. Und um Himmels Willen nicht zu viel Rauch produzieren! Und nicht zu viel Krach machen!

Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain will schließlich einen guten Eindruck hinterlassen – und keinen Ärger produzieren!

Ich werde, denke ich im Stillen, an Vesak nicht nur als Tantra-Praktizierende gefordert sein, sondern auch noch als Kindermädchen!

Na toll…

Do-it-yourself-Sang-Pulver

Wir starten ein neues Projekt mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches Riwo SangChö Pulver nach historischem Rezept selbst herzustellen…

Am Sonntag sitzen wir nach der Grünen-Tara-Praxis und dem Riwo SangChö in der gemütlichen Teestube des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zusammen und diskutieren über das Instant-Pulver aus Nepal. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Ich erzähle den anderen von der E-Mail, die ich vom Leiter der Kunstschule des Niyngma-Klosters von Boudhanath in Kathmandu erhalten habe. Dass wir von dort Sang-Pulver bekommen können, aber nicht klar ist, was es kostet.

Für mich ist es keine Frage, dass wir den traditionellen Sang-Powder bei Experten bestellen müssen. Ich habe in der Vergangenheit bereits an Rauchopfern teilgenommen, für die selbstgefertigte Instant-Nahrung verwendet wurde. Die war aus Mehl und diversen Küchenkräutern zusammengemixt worden. Das Ergebnis hat mich nie überzeugt. Es roch nach wenig bis garnichts und es brannte auch nicht so, wie das gekaufte Pulver.

Wenn ich ein 1200 Jahre altes Ritual abhalte, dann nach Vorschrift.

Ich plädere deshalb in der Runde dafür, nachzufragen, wie viel das Nyingma-Kloster für das Pulver verlangt. Und, wenn es irgendwie bezahlbar ist, dort zu bestellen.

Es handelt sich schließlich, argumentiere ich, um traditionell und fachgerecht zubereiteten Sang-Powder nach altem Nyingma-Rezept! Wenn wir ein Pulver nehmen, dann das! Schließlich ist Padmasambahva – der größte Heilige Tibets – nicht nur der Schöpfer unseres Rauchopfers, sondern auch Gründer der Nyingma-Tradition!

So steht es auch auf den kostbaren Packungen des Nyingma-Klosters: „This Riwo Sangcho Powder is made at our Monastry in Nepal according to ancient Tibetan tradition. It is made only from natural herbal substances, fragrant woods, aromatic medicinal plants, white and sweet substances combinded to make this supreme offering.“

Selbstverständlich wollen wir ein „supreme offering“! Was sonst?

Die einzige Lösung die ich sehe, um kostengünstig Riwo SangChö zu praktizieren, ist, das Pulver direkt bei dem Kloster in Nepal zu bestellen.

So meine Logik…

Suriyel wiederspricht: „Klassisches Nyingma-Rezept!“ Das wäre Unfug, erklärt er uns. Auch in dem Kloster würden sie einfach nur das zusammenmischen, was in den Anweisungen der Sadhana – dem Rezitationstext für das Rauchopfer – angegeben ist.

Erst will ich das so nicht stehen lassen. Das Puver ist kostbar, speziell und hoch komplex in der Fertigung! Aber nach ein bisschen hin und ziehe ich dann doch meinen Text aus der Tasche und lese nach, was als Einleitung geschrieben steht: „Making an auspicious fire in a clean fessel or burner, burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich muss die Zeilen drei mal lesen, bis die Botschaft bei mir ankommt: „Der Instant-Powder ist einfach nur aromatisiertes Sägemehl?“

Jetzt verstehe ich auch, warum Suryiel es hinbekommt, dass der Sang-Powder bei ihm auch ohne die übliche Kohle-Tablette brennt. Es liegt nicht an seiner überragenden Feuer-Kompetenz, sondern daran, dass das Pulver aus Holz besteht!

Es bleibt mir nur, ihm zuzustimmen: Sägespänne mit Baumharz und Heilkräutern zu mischen, dass können wir auch selbst. Dazu brauchen wir weder ein nepalesisches Nyingma-Kloster, noch ein klima-schädliches Shipment um den halben Globus.

Eine Woche später breche ich zu einem Camping-Urlaub an die polnische Ostsee-Küste auf. Im Rucksack: Mein Taschenmesser und eine kleine Plastikdose. Das Ziel: Baum-Harz sammeln.

Denn das Projekt „Wir produzieren unser eigenes Do-it-yourself-Sang-Pulver nach traditionellem Rezept“ wird hiermit in Angriff genommen.

Sang-Powder

Für das traditionelle tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd gibt es ein praktisches – und teures – Instantpulver…

Anfang März bestelle ich bei der tibetisch-buddhistischen Spezialbuchhandlung 12 Packungen traditionelles Riwo-Sang-Chöd-Instant-Pulver. Je 250 Gramm für 12 Euro. Importiert aus Nepal.

Ein teures Vergnügen. Aber notwendig.

Schließlich praktiziere ich seit Februar mein eigenes Rauchopfer. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Dafür brauche ich täglich einen Teelöffel von dem Instant-Pulver. Der Rauch, der entsteht, wenn das Pulver verbrannt wird, nährt meine hungrigen Gäste. https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Ich liebe das Instant-Pulver. Der Geruch des Rauchs ist wunderbar!

Dass der „Traditional Riwo Sang Choed Powder“ in einem Nyingma-Kloster in Nepal hergestellt wird, verleiht ihm einen so exotischen wie luxeriösen Charakter.

Das sehe nicht nur ich so: In meiner Sangha im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain haben auch noch andere Mitglieder begonnen, täglich ein häusliches Rauchopfer zu zelebrieren. Meine Großbestellung Sang-Pulver kommt genau zur richtigen Zeit. Innerhalb kurzer Zeit gebe ich fünf Päckchen weiter.

Sie nehme täglich eine oder zwei Messerspitzen von dem kostbaren Pulver, erfahre ich von einer Dharma-Schwester. Es rieche ja so wunderbar und wäre überhaupt ganz speziell!

Bei meiner Bestellung war ich davon ausgegangen, dass das Puver mindestens ein Jahr reichen würde. Für mich – und für Suriyels Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum.

Das Pulver ist mein Beitrag zur Sonntagspraxis. Suriyel kauft das Holz und die Lebensmittel, die verbrannt werden, ich spende den Instant-Powder. Weil Suriyel inzwischen ebenfalls begonnen hat, täglich ein häusliches Rauchopfer zu machen, bekommt er auch dafür von mir Sang-Pulver ab.

Dass ich auf einen Schlag fünf Packungen aus meinem Vorrat an die Sangha weiterverkauft habe, bringt meine Kalkulation durcheinander. Immerhin, beruhigte ich mich, ein halbes Jahr wird das Pulver sicher reichen.

Allerdings habe ich meine Rechnung ohne Suriyel gemacht: Denn der – stellt sich heraus – ist durch und durch großzügig. Im Alltag – und ganz besonders, wenn es um Buddhas, Bodhisattvas, Spirits und alle Bewohner der sechs Daseinsbereiche geht.

Diese Gäste bekommen nur das Beste von ihm – und das in rauen Mengen!

Als er mir erklärt, dass er für sein häusliches Riwo Sang Chöd täglich fünf Teelöffel von dem kostbaren nepalesischen Instant-Pulver verbrennt, muss ich mich setzen.

„Fünf Löffel!“ Ich bin fassungslos. „Ich brauche einen! Die anderen nehmen eine oder zwei Messerspitzen!“ Dann muss ich erst mal Luft holen. „Das Zeug kommt aus einem Nyingma-Kloster in Nepal!“

Ich überschlage seinen Verbrauch im Kopf und realisiere, dass mein Vorrat Instant-Powder in sechs bis acht Wochen aufgebraucht sein wird!

Gleichzeitig bin ich beeindruckt von seiner Großzügigkeit. Und davon, wie entspannt er mit Mangel umgeht: Obwohl er nicht weiß, wann und wie wieder neues Instant-Pulver auftauchen wird, gibt er, was er hat.

So wie es eigentlich auch sein soll… https://www.water-runs-east.eu/dana/

Nichtsdestotrotz muss dringend neuer Sang-Powder her! Und bei den Mengen, in dem der im tibetisch-buddhistischen Zentrum verbraucht wird, macht es keinen Sinn, ihn teuer in der Spezialbuchhandlung zu bestellen.

Auf den Etiketten der Päckchen ist eine nepalesische Mail-Adresse vermerkt. Am Abend setze ich mich an meinen Schreibtisch und formuliere eine Anfrage – in Englisch: Ob es dem Nyingma-Kloster in Boudhanath/Kathmandu möglich wäre, ein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin/Friedrichshain direkt zu beliefern? „Kind regards – a member of the Sangha…“

Drei Tage später ploppt die Antwort in meinem Postfach auf. „Dear Member of the Sangha“, lese ich, „thank you for reaching out to us regarding your interest in ordering our Riwo Sang Chod Powder…“

Es wäre möglich, heißt es weiter, allerdings wären die Frachtkosten nach Europa gerade ungewöhnlich hoch. Ich solle mitteilen, wie viele Päckchen wir bestellen wollen, dann würden sie den Versand in die Wege leiten. Was das Pulver und die Warensendung kosten, bleibt im Dunkeln.

Die Angelegenheit ist kompliziert. Aber irgendwie werden wir zu unserem Instant-Pulver kommen. Schließlich warten alle fühlenden Wesen in den sechs Daseinsbereichen darauf, von uns genährt zu werden…

Dana

„Großzügiges Geben ohne Gegenleistung“ ist eine der wichtigsten Tugenden des Buddhismus – und kompliziert…

Im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain wird das Prinzip von „Dana“ praktiziert.

Das bedeutet: Jeder gibt mit offenen Händen – und erwartet keine Gegenleistung dafür.

Im Buddhismus – wie im Hinduismus – wird die Übung des „Dana“ als essentiell für die Entwicklung von Großzügigkeit betrachtet. Sie dient als Mittel, das Wurzelgift der Gier zu überwinden.

Im Akt des bedingungslosen Gebens werden wir mit unseren tiefsten Ängsten konfrontiert: Vor Mangel. Vor dem „Zu-wenig-haben“. Vor der materiellen Vernichtung.

Das ist ein Aspekt von „Dana“.

Ein anderer Aspekt zielt auf den bewussten Vollzug der Handlung in diesem Augenblick ab. Überlegungen zur Transaktionalität und angemessenen Reziprozität des Gebens in dieser bestimmten Situation sind nichts anderes als Konzepte.

All diese limitierenden Ego-Strukturen sollen im Akt des Gebens aufgegeben werden. Der Vollzug des Dana wird zu einer Abfolge von Bewegungen, die vollkommend aus der aktuellen Situation heraus entstehen.

Dem natürlichen Rhythmus des Lebens folgend. Einfach nur atmen und loslassen.

Soweit die Theorie.

Wer sich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, dem ist das Prinzip des Dana vertraut.

Neulinge sind des öfteren überfordert. Manche fühlen sich von der Information, der Lama bitte statt einer fixen Kursgebühr um „Dana“ so eingeschüchert, dass sie den Kurs nicht besuchen.

Manche kommen und geben, aus Angst, zu wenig zu geben, zu viel.

Viele geben einen deutlich niedrigeren Betrag, als den, den sie in Form einer fixen Kursgebühr akzeptiert hätten.

Die wörtliche Übersetzung von „Dana“ – „Spende“ – verbinden Menschen im Westen weniger mit einer spirituellen Übung, sondern eher mit Freiwilligkeit.

Man kann geben, muss aber nicht…

Das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain ist ein Ort der Großzügigkeit. Jeder der kommt, ist willkommen. Er wird verköstigt, umsorgt und kann an allen Veranstaltungen teilnehmen. Vorraussetzungslos.

Allerdings ist auch das Zentrum den Bedingungen von Samsara unterworfen: Rechnungen müssen bezahlt, laufende Kosten beglichen werden. Wenn Lehrer mit ihren Veranstaltungen dort zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, kommen sie nicht wieder.

Die ehrenamtlichen Organisatoren des tibetisch-buddhistischen Zentrums befinden sich deshalb in einem Dilemma:

Sollen unbedarfte Besucher zum Glück des großzügigen Gebens gezwungen werden?

Soll „Dana“ nicht mehr mit „Spende“ sondern mit „Aufwandsentschädigung“ übersetzt werden? Damit können Deutsche eher etwas anfangen. Dass man sich an den Kosten eines genossenen Gutes beteiligen muss, ist für uns leichter nachvollziehbar, als die Gesetzmäßigkeiten von gutem Karma und Ego-Losigkeit.

Nur würde damit das eherne Prinzip des großzügigen vorraussetzungslosen Gebens aufgegeben werden.

Wir wären in unserer westlichen Logik des transaktionalen Gebens angelangt, das zwar praktisch ist, aber alle unglücklich und einsam macht.

Die Angelegenheit ist kompliziert…

Spirituelle WG

Esther möchte eine „Spirituelle WG“ gründen – und ich bin auserwählt, das erste Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden…

„Intuition is the ability of experts to rapidly solve complicated problems that are highly difficult for the average person. […] These findings suggest that experts, after long-term, focused training, can use these evolutionarily-old brain structures for „intuitive“ decision-making, which, in non-experts, are only involved in primitive behaviors.“ https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29887530/

Am Sonntag, dem 23. Oktober 2023 besichtige ich am Prenzlauer Berg ein WG-Zimmer. https://www.water-runs-east.eu/prenzlauer-berg/

Dass Esther – die Vermieterin und Mitbewohnerin – speziell ist, bemerkt man nicht auf den ersten Blick. Aber auf dem zweiten. Schon während sie mich durch ihr Haus führt, bin ich beeindruckt von der tiefen Ruhe, die sie ausstrahlt. Dass sie intensiv meditiert, ist offensichtlich.

Ich bin fasziniert, dass sie diese Qualität der Präsenz nicht durch buddhistische Praxis, sondern durch eine spezielle Form des christlichen Gebets erreicht hat. Dass dies möglich ist, wusste ich bisher nicht.

Als wir uns – nachdem die Führung beendet ist – mit einer Tasse Tee am Küchentisch niederlassen, haben wir uns viel zu erzählen. Ich lasse mir von Esther die Prinzipien ihrer täglichen Praxis erklären, sie sich die meinen.

Wir gleichen unsere Biographien ab und stellen verblüffende Parallelen fest.

Aber das, was uns am stärksten verbindet – so sehe ich das zumindest – sind unsere „Inneren Stimmen“. Beide tragen wir diese autonome Instanz in uns. Und beide sind wir in der Lage, sie nicht nur bewusst zu hören, sondern auch ihren Anweisungen zu folgen.

Dass es andere Menschen gibt, die das – wie ich – können, wusste ich bisher nur aus der Literatur. Leibhaftig ist mir noch niemand begegnet, der diese Fähigkeit besitzt. Oder – was wahrscheinlicher ist – niemand hat sich bisher dazu bekannt.

Auch ich pflege darüber zu schweigen. Aus den bekannten Gründen. https://www.water-runs-east.eu/?p=7380&preview=true

Dass Esther so offen darüber spricht, erlebe ich als beglückend. Ich bin doch tatsächlich auf eine Seelenverwandte gestossen!

Und Esther ist auch erfreut darüber, dass ich an ihrem Küchentisch sitze. Sie plane – so erklärt sie mir im Laufe unseres Gesprächs – eine „spirituelle WG“. Sie wolle mit Gleichgesinnten zusammenleben! Und ganz besonders erfreulich findet sie es, dass ich Buddhistin bin. Denn der Buddhismus – vor allem der tibetische – hätte sie schon immer fasziniert.

Vorletzten Freitag sinierte sie nach dem Aufwachen über ihre Pläne und rief – aus einem Impuls heraus – das einschlägige Online-Portal auf. Exakt zu dem Zeitpunkt, als ich – 120 Kilometer entfernt – in Leipzig meine „WG-Zimmer-gesucht“-Anzeige hochgeladen hatte. https://www.water-runs-east.eu/die-anzeige/

Das erste, was auf Esthers Bildschirm aufploppte, war die Annonce einer dauermeditierenden Buddhistin und Autorin gleichen Alters und mit dem selben Beruf.

Auf einmal verstand ich, warum meine „Innere Stimme“ an diesem Freitagmorgen so beharrlich darauf bestanden hatte, ich müsse SOFORT die Annonce schreiben! Nicht einmal eine Tasse Morgenkaffee hatte sie mir zugestanden!

Kein Wunder. Ich gehe davon aus, dass unser beider „Innere Stimmen“ in direktem Kontakt miteinander standen. So stelle ich mir das zumindest vor.

Wie auch immer: Esther und ich haben zusammen gefunden. Der Gründung der „Spirituellen WG“ am Prenzlauer Berg stand nichts mehr im Wege…

Prenzlauer Berg

Ich besichtige das WG-Zimmer im Haus einer „Spirituellen Heilerin“ in Berlin-Mitte – und beschließe, an den Prenzlauer Berg zu ziehen…

Neun Tage nach der überraschenden Antwort auf mein Zimmer-Gesuch mache ich mich auf den Weg zum Prenzlauer Berg. https://www.water-runs-east.eu/?p=7288&preview=true

Als die Sonntagspraxis im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain zu Ende gegangen ist, nehme ich die Ringbahn.

Draußen zieht Berlin-Mitte vorbei. Drinnen hocken und stehen Berliner in allen Variationen: Übergewichtige Frauen mit künstlichen Wimpern und Fingernägeln in knallengen Jeans. Rentner in Wanderkluft. Eine Familie mit Bollerwagen. Zugekiffte Jugendliche. Ein schwarz gekleidetes Pärchen mit ganz vielen Tattoos.

Und dazwischen: Ich. Beschäftigt mit der bangen Frage, was ich hier – bitteschön – soll? https://www.water-runs-east.eu/metropole/

An der S-Bahn-Station „Schönhauser Allee“ muss ich aussteigen. Erst geht es ein Stück die vierspurige Straße entlang. Dann biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein.

Während ich – die Hausnummern abzählend – den Gehweg entlang laufe, spüre ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Die Angst hat mich fest im Griff.

Denn die Situation, in die ich mich selbst laviert habe, ist wieder einmal mehr als befremdlich.

Zuerst zwang mich meine Innere Stimme, ein schräges Zimmer-Gesuch online zu stellen. Tenor: „Ich bin dauermeditierende Buddhistin und Autorin.“ https://www.water-runs-east.eu/?p=7288&preview=true

Darauf kam umgehend eine Antwort. Von einer „Spirituellen Heilerin“.

Später wird sich herausstellen, dass dies das einzige seriöse Angebot auf meine Anzeige bleiben wird. Alles andere, was sonst noch in meinem Postfach aufploppt, ist Scam. Die akute Wohnungsnot in Berlin zieht jede Menge Betrüger an.

So erfreulich die Offerte deshalb ist: Ein weniger exotisches Zimmerangebot wäre mir lieber gewesen. Ich hause schließlich seit beinahe zwei Jahren – zusammen mit zwei verschrobenen Mitbewohnern und einem Theurang – in einer verwunschen Altbauwohnung in Leipzig. Zur Untermiete. Das ist so anstrengend wie bedrückend. Nicht nur mein Ego findet, dass ich mir etwas Erholung und Normalität verdient hätte.

Das aktuelle Angebot klingt nicht danach.

Ich bin vor der richtigen Hausnummer angekommen. Ein schmales modernes Townhouse in freundlichem Gelb. Nervös drücke ich den Klingelknopf. Wie wohl eine „Spirituelle Heilerin“ aussieht?

Ganz normal, stellt sich heraus, als die Haustür aufgeht. Esther ist klein, blond, energisch und herzlich.

Ich werde eingelassen und bekomme das Haus präsentiert. Das ist toll: hell, in schönen Farben gehalten und großzügig geschnitten. Es gibt eine offene Küche – und sogar einen Garten!

Im dritten Stock schließlich das freie Zimmer. Es handelt sich um ein großes Studio. Inklusive einer eigenen Dachterrasse mit Blick auf die begrünten Innenhöfe des Straßenzugs.

Ich bin sprachlos – was mir nicht oft passiert.

Zwei Stunden später verabschiedet mich Esther. Sie hat mir versprochen, zügig den Mietvertrag zu schicken.

Zum ersten März werde ich an den Prenzlauer Berg ziehen.

Mein Ego ist glücklich und zufrieden darüber. Es könnte sogar sein, dass es die Innere Stimme lobt. Wenn auch nur ganz leise. Obwohl ich nichts gehört habe, würde es mich nicht wundern…

Nachricht

Meine Innere Stimme diktiert mir eine schräge WG-Zimmer-Gesucht-Anzeige – und ich erhalte umgehend eine Antwort…

Am Freitag, den 13. Oktober, jagt mich meine Innere Stimme unmittelbar nach der Morgenmeditation an den Schreibtisch. Mein Flehen, sie möge mir doch zumindest noch einen Kaffee zugestehen, bleibt unerhört.

„Jetzt! Sofort!“, fährt sie mich an.

Ergeben starte ich den Laptop.

Während der Meditation hatte mir meine Innere Stimme ins Ohr geflüstert, was ich zu tun habe: Ich müsse ein Zimmer-Gesuch verfassen. Den Text teilte sie mir ebenfalls mit. Wort für Wort. Inklusive der Quadratmeter und der Höchstgrenze der Miete.

„So groß?“, frage ich zweifelnd, während ich tippe, was mir aufgetragen wurde. „Und so teuer???“

Die Innere Stimme schweigt. Sie hat mir gesagt, was es zu sagen gibt. Jedes weitere Wort wäre Energieverschwendung.

Ich habe gelernt, ihr zu gehorchen. Genau dafür praktiziere ich seit Jahren Zen. Damit ich tue, was ansteht.

Und dabei mein Ego ausblende. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Denn dem fällt einiges zum Auftrag der Inneren Stimme ein. Und definitv nichts positives!

„Bist du wahnsinnig geworden?“, fährt es mich an. Seine Stimme überschlägt sich vor Angst und Wut. „Du hast keine Ahnung, wie die Schlacht ausgehen wird! https://www.water-runs-east.eu/?p=7263&preview=true

Warte gefälligst ab, bist du weißt, ob du dir das leisten kannst!“ Es muss kurz Luft holen, bevor es kreischt: „Und heute ist auch noch Freitag, der 13.!!!!“

Ich blende das hysterische Gekeife des Egos aus, so gut es geht. Dank der exakten Vorgaben der Inneren Stimme brauche ich gerade einmal eine Stunde, dann ist die „WG-Zimmer-Gesucht“-Anzeige geschrieben, korrigiert und hochgeladen.

Danach darf ich mir endlich einen Espresso kochen. Während ich das Aluminium-Kännchen auf den altertümlichen Herd stelle, beruhige ich mein Ego: „Du musst dich nicht so aufregen. Es wird sich niemand auf das Gesuch melden! Der Text war viel zu schräg!“

Meine volle Kaffeetasse balancierend, wandere ich zurück an meinen Schreibtisch. Einen Schluck nehmend, rufe ich, bevor ich anfange zu arbeiten, meine E-Mails ab.

„Sie haben eine Antwort auf ihre Anzeige erhalten.“, informiert mich das Wohnungs-Portal, auf dem ich gerade einmal vor zwanzig Minuten meine Anfrage platziert habe.

Verblüfft rufe ich die Nachricht auf. Esther hat mir geschrieben, lese ich. Ein paar magere Zeilen: Sie würde ein Zimmer am Prenzlauer Berg vermieten. Exakt in der Größe und zu dem Preis, den ich angegeben hatte. Angehängt ein Photo des Zimmers: Helle Holzdielen, eine Fensterfront. Davor ein großer Balkon.

Ach ja: Sie wäre „Spirituelle Heilerin“ – und habe dasselbe Fach wie ich studiert.

Während das Ego schluchzend neben dem Schreibtisch zusammenbricht, schmunzelt die Innere Stimme zufrieden vor sich hin…


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