Für die Belehrungen des nepalesischen Rinpoche in der Spirituellen WG benötigen wir tibetisch-buddhistische Praxistexte der Nyingma-Tradition…
Das erste Mal in meinem Leben trage ich Verantwortung für ein Vajrayana-Teaching!
Ungewollt.
Denn für die Rolle der Veranstalterin – finde ich – bin ich eigentlich nicht qualifiziert. Dafür fehlen mir Wissen und Erfahrung.
Die Teachings und Retreats, an denen ich bisher teilgenommen habe, wurden von Profis organisiert. Leuten wie Uriel und Suriyel, die seit Jahrzehnten Tantra praktizieren und über sämtliche Details tibetisch-buddhistischer Rituale informiert sind.
Denn die Sache ist kompliziert. Man kann unglaublich viel falsch machen.
Deshalb beschränkte sich mein Beitrag bei Veranstaltungen bisher auf basale Tätigkeiten: putzen, backen, kochen…
Aber nun ist ein leibhaftiger nepalesischer Rinpoche im Anmarsch. Ich habe ihn eingeladen, also bin ich auch dafür verantwortlich, dass die Sache läuft.
Glücklicherweise hat mir Karma den liebenswertesten und unkompliziertesten aller Lamas geschickt.
Ein tröstlicher Gedanke.
Als erstes will Rinpoche wissen, was er denn jetzt eigentlich lehren soll? Für Sur – schreibt er mir – braucht er höchstens einen halben Tag. Er wird aber zweieinhalb Tage bei uns zu Gast sein. Die müssen irgendwie gefüllt werden.
Ich überlege: Welche Praxis kann die Sangha noch gut gebrauchen?
Schon lange möchte ich an einem Opfer für die mächtigen Wassergeister teilnehmen. Bisher hat es nie geklappt. Es gibt nur wenige in Europa, die das Ritual beherrschen.
Die Idee, nicht nur dabei sein zu dürfen, sondern – zusammen mit meiner Sangha – die Opferung zu lernen und in Zukunft gemeinsam zu praktizieren, lässt mich vor Aufregung vibrieren.
Mit zitternden Fingern tippe ich in mein Handy: „Could you teach us Naga Offering?“
„For sure“, kommt es zurück. „If you have a text.“
Tja.
Das ist immer die entscheidende Frage. Bei allen Tantra-Teachings und Retreats.
Der Praxistext….
Denn Texte für hohe Tantra-Praktiken sind schwer zu bekommen.
Erstens, weil sie geheim sind.
Und zweitens, weil die Lamas, die sie Auserwählten unterrichten, zwar über eine ganze Bibliothek an Ritualtexten verfügen. Allerdings in Tibetisch.
Damit westliche Praktizierende damit arbeiten können, müssen sie in sinnvoller Weise übersetzt werden. Eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Denn die liturgischen Texte stammen zumeist aus dem tibetischen Mittelalter. Es genügt nicht, lediglich Tibetisch zu können. Die Übersetzer müssen darüber hinaus detailiertes kulturelles und religiöses Wissen über den Vajrayana besitzen.
Je besser die Übersetzung des Texts, desto effektiver die Praxis. Man kann in Bezug auf die Qualität Glück haben – oder Pech.
Ich habe Glück.
Auf der Homepage meiner amerikanischen Khandro gibt es sowohl für Sur als auch für Naga Offering Text-Übersetzungen zu kaufen. Dass ich mir für mein erstes Teaching zwei basale, kurze und nicht-geheime Praktiken ausgesucht habe, erleichtert die Sache.
Ich platziere die beiden Texte im virtuellen Warenkorb, bezahle mit PayPal und bekomme per Mail einen Link zugeschickt. Mit der Info, dass mir zwei Kopien zur Verfügung stünden.
Ich schicke einen Link an Rinpoche. Fünf Minuten später erhalte ich die Rückmeldung, die Texte wären in Ordnung.
Erleichtert speichere ich sie als pdf auf meinem Laptop. Weil ich gerade dabei bin, schreibe ich eine Mail an Suriyel. Er möchte die Texte sicher auch gerne sehen. Die beiden pdf´s wandern in den Anhang. Als ich den vor dem Abschicken kontrolliere, bin ich mit zwei leeren Dokumenten konfrontiert! Quer über jede Seite steht gedruckt: „You have reached your limit!“
Ich bin beeindruckt: Tibetisches Mittelalter trifft Silicon Valley…
Von nun an behandle ich die beiden Übersetzungen wie Rohdiamanten! Erst als mein Drucker zwei vollständige Exemplare in Papierform ausgespuckt hat, wage ich wieder zu atmen!
Ein Punkt auf der langen To-Do-Liste ist schon mal erledigt…
Während der Vorbereitungen des Online-Teachings für Sur werde ich mit einer Überraschung konfrontiert…
Die Zusage des nepalesischen Rinpoche, meiner Sangha mit Hilfe eines Online-Teachings das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur zu lehren, löst hektische Betriebsamkeit aus. https://www.water-runs-east.eu/eingebung/
Esther plant um. Aus ihrer Bibliothek macht sie einen neuen Teaching- und Meditationsraum. Der – beschließen wir – müsste groß genug für das Online-Teaching sein. Denn das soll hier in der Spirituellen WG stattfinden. Die Sangha braucht nicht nur Belehrungen und Einweihung – das Rauchopfer Sur muss auch geübt werden. Nachdem das im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nicht möglich ist, bleibt nur der Garten der WG. https://www.water-runs-east.eu/sur/
Die Technik ist ein weiteres Problem, das uns umtreibt. Ich diskutiere im Freundeskreis und in der Sangha verschiedene Möglichkeiten einer kostenlosen Online-Übertragung. Immer in der Hoffnung, dass Rinpoche im fernen Kathmandu technisch kompatibel mit uns sein wird.
Gleichzeitig suchen Rinpoche und ich via WhatsApp nach passenden Terminen: zwei Mal eineinhalb Stunden veranschlagt der für das Teaching und die Einweihung. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Dazu kommt die Zeitverschiebung.
Er schlägt mir zwei Tage im August vor. Da sind in Deutschland alle im Urlaub, schreibe ich ihm zurück. Erst ab September würde das Teaching Sinn machen.
Da müsse er sehen…
Am Abend rufe ich Facebook auf und verstehe mit einem Mal, warum Rinpoche nicht sicher ist, ob er uns im September ein Online-Teaching geben kann.
Er ist von September bis November in Europa!
Jemand, den ich nicht persönlich kenne, aber auf Facebook befreundet bin – keine Ahnung seit wann und wieso – hat eine lange Liste gepostet: Darauf alle Termine für Retreats und Teachings meines Rinpoche! In der Slowakei – lese ich – geht es los. Danach stehen mehrere Orte in Deutschland auf dem Plan, gefolgt von Polen.
Mit tibetisch-buddhistischen Lehrern zu kommunizieren ist eine Kunst – in der ich nicht sehr bewandert bin. Das führt mir der Facebook-Post des unbekannten Jörg wieder einmal vor Augen.
Ich hätte Rinpoche danach fragen müssen, ob er nach Europa kommt!
Vielleicht möchte er ja auch Berlin besuchen? Wer weiß…
Nachdem ich mit Esther gesprochen habe, schicke ich via WhatsApp eine offizielle Einladung nach Nepal: Wie sehr wir uns doch freuen würden, wenn Rinpoche zu uns käme und sein Teaching persönlich, live und vor Ort abhalten könnte!
Während ich das tippe, ist mir bewusst, dass die Chancen einer Zusage äußerst gering sind. Rinpoche ist sicher schon komplett verplant. Nur extrem gutes Karma, Glück – what´s ever – wird ihn zu uns bringen.
„We will see“, kommt es zurück.
Immerhin keine Absage.
Während des Augustes suchen Rinpoche und ich nach einem Termin für seinen Besuch. Er möchte wirklich gerne kommen, merke ich. Das freut mich sehr.
Rinpoche ist mein Herzens-Lama.
Nur: Es ist kompliziert. Er kann nur im Oktober. Da hat aber niemand aus der Sangha Zeit für ihn. In diesem Monat jagt eine Veranstaltung die nächste im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. Alle, die zum Teaching kommen wollen, werden dort gebraucht.
Es wird wohl nichts werden, denke ich Ende August frustriert. Vielleicht im nächsten Jahr…
Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von Rinpoche: Er könne vom 12.09.-14.09. kommen.
Bingo!
Das ist das einzige Wochenende in drei Monaten, in denen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum keine Veranstaltungen stattfinden!
Ich versichere Rinpoche, wie sehr wir uns alle auf seinen Besuch freuen! Und ich verspreche ihm, dass ich alles tun werde, damit er ein erfolgreiches Teaching in der Spirituellen WG abhalten kann.
Danach muss ich mich erst einmal setzen. Ich stehe unter Schock!
Wir werden einen leibhaftigen Rinpoche zu Gast haben!
Und ich muss das erste Mal in meinem Leben ein Teaching organisieren…
Ich schließe die Haustür hinter ihr ab und steige frustriert die Treppen in den dritten Stock der Spirituellen WG hoch.
Sur – das tibetisch-buddhistische Rauchopfer, das den Verstorbenen im Bardo Nahrung und Wärme gibt und ihnen hilft, in guter Weise wiedergeboren zu werden – möchte praktiziert werden! https://www.water-runs-east.eu/sur/
Alle Zeichen sind da: Die beiden Fremden, die im Tempel auftauchten, auf der Suche nach einem Segen für eine Verstorbene. Maktiels Frage nach dem Sur-Powder, dazu noch ihre Online-Sangha, die einmal wöchentlich Sur via Zoom durchführt….
Vor mich hin grübelnd öffne ich die Tür meines Dachzimmers. Mir ist, als wäre ich nicht in der Spirituellen WG, sondern in einem Haus, das mir völlig fremd ist. Es ist alt, groß und verwinkelt. Irgendwo aus der Tiefe erklingen rhythmische Schläge. Jemand klopft an die Haustür, energisch Einlass verlangend…
Es ist an mir, diese Tür zu öffnen.
Nur: Wo ist sie?
Ich stecke mich in meinem Bett aus. An die Zimmerdecke starrend, kreisen meine Gedanken um den Kern des Problems: Wir haben keinen Lama!
Denn nur ein tibetisch-buddhistischer Lehrer kann uns in der Praxis unterweisen und uns das Lung – die Ermächtigung zur Ausübung des Rituals – geben. https://www.water-runs-east.eu/lung/
Irgendwie muss ich einen Lama auftreiben! Nur: Wie soll ich das anstellen?
Auf einmal flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr: „Du kennst einen Lama! Frag Norbu!“
Ich fahre hoch! Natürlich! Ich kenne wirklich einen Lama! Allerdings lebt der in Kathmandu.
Meine Innere Stimme lässt sich nicht davon beeindrucken: „Wenn ihr das Lung für Riwo Sangchö online bekommen habt, warum nicht auch ein Teaching und Lung für Sur?“, murmelt sie. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/
Dagegen gibt es nichts einzuwenden.
Ich rufe meine WhatsApp-Kontakte auf und scrolle bis fast ganz nach unten. Da ist er! „Norbu Rinpoche“ steht neben dem Photo, auf dem ein freundlich lächelnder nepalesischer Lama in quietschgelbem Shirt zu sehen ist.
Vor eineinhalb Jahren hatte mir Rinpoche seine Nummer gegeben, nachdem die drei Wochen mit ihm im Retreathaus am Ende der Welt zu Ende gegangen waren. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/
Es war der liebenswerte Rinpoche aus Kathmandu gewesen, der mich im März 2023 in die Praxis der Göttin der Friedhöfe einwies. Und es war Rinpoche gewesen, der mir Throma als Hauptpraxis verschrieben hatte.
Wie der Wolf verschwanden auch der Lama und die Göttin der Friedhöfe aus meinem Leben. Und das, obwohl ich, als ich die Einweihung für ihre Praxis erhielt, das Gelübde abgelegt hatte, Throma Nagmo immer zu folgen.
Zwanzig Tage später schicke ich via WhatsApp eine Anfrage nach Kathmandu: Ob sich Rinpoche vorstellen könnte, mir und meiner Sangha in Berlin ein Online-Teaching für Sur zu geben und das Lung noch dazu?
Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht auf meinem Handy auf: „Oh, ok! Idea very good with Online Teaching!“
Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…
Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.
Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!
Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.
Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.
Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.
Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.
Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.
Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.
Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!
Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!
Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…
Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.
Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.
Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!
Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.
Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.
Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.
Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.
Nur wann?
Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.
„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.
„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.
Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?
Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.
Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.
Der Sur-Powder funktioniert!
Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.
Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.
Sur – das Rauchopfer für alle Wesen, die sich im Reich zwischen Leben und Tod aufhalten – beschäftigt mich weiterhin…
Im Juni entschied Rinpoche, dass im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kein Sur – das Rauchopfer für die Verstorbenen im Bardo – abgehalten werden sollte. https://www.water-runs-east.eu/sur/
Doch damit war Sur nicht aus der Welt.
Der Besuch der beiden Fremden, die im Frühsommer im Tempel aufgetaucht waren, um einen Segen für eine Verstorbene zu erbitten, war das Signal gewesen, dass etwas im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum fehlte.
Die Information, dass es dort eine Leerstelle gab, die gefüllt werden wollte.
Mit dem Rauchopfer Sur.
Das Rauchopfer Sur ist Teil des Dharma – der Lehre Buddhas, die zur Befreiung führt. Buddhistische Praktiken haben ihre eigene Macht und folgen ihren eigenen Gesetzen.
Wenn die karmischen Voraussetzungen gegeben sind, manifestieren sie sich…
Wie sich in den Wochen nach dem Besuch der beiden Fremden zeigen sollte, war Sur in unserer Sangha aufgetaucht, um zu bleiben.
Im Juli begann Maktiel – die Dharma-Schwester, die bei Ritualen die große Trommel schlägt und den Bodhi-Baum hütet – gemeinsam mit der europäischen Online-Sangha eines tibetischen Lama das Rauchopfer Sur zu praktizieren. Einmal wöchentlich via Zoom.
„Weißt du auch, wie man Sur-Powder zubereitet?“, fragte mich Maktiel.
Ich wusste es nicht.
Nach einer Internet-Recherche war ich klüger: Sur-Powder besteht aus sechs traditionellen tibetischen Heilkräutern, die mit Tsampa – geröstetem Gerstenmehl – vermengt werden. Deutlich unkomplizierter als der Sang-Powder!
„Wenn du mit europäischen Heilkräutern zufrieden bist, kann ich dir einen machen“, schrieb ich Maktiel zurück.
Weil die damit einverstanden war, produzierte ich am nächsten Tag meinen ersten eigenen Sur-Powder.
Sie tauchten während der wöchentlichen Sonntagspraxis auf.
Still standen sie in einer Ecke und warteten geduldig, bis wir unsere „Grünen Tara“ Puja abgeschlossen hatten.
Ich sah sie aus den Augenwinkeln, während ich – gemeinsam mit den anderen aus der Sangha – den tibetischen Praxistext rezitierte. Die Frau war blaß, ihr Haar unfrisiert. Mit verkrampften Händen drückte sie ein verwaschenes kleines Kissen an ihre Brust. Der Mann hatte schützend den Arm um ihre Schulter gelegt. Auch er sah müde und verstört aus.
Nach dem Ende der Grünen Tara sprach das Paar Suriyel an. Eine nahe Angehörige der Frau war gestorben. Sie baten Suriyel um einen Segen für die Verstorbene. Die Frau drückte Suriyel das kleine Kissen in die Hand.
Er dürfe keinen Segen sprechen, erklärte er den beiden, er wäre kein Lama.
Geistesgegenwärtig lud Suriyel das Paar zum Rauchopfer ein. Nachdem wir alle im Halbkreis um die Feuerschale Platz genommen hatte, erklärte er in die Runde, dass wir das heutige Riwo SangChö der verstorbenen Anna widmen würden.
Was wir dann auch taten.
Nach der Zeremonie verschwanden die beiden Gäste. Sie verflüchtigten sich wie Rauch. Keiner hat sie seitdem wieder im Zentrum gesehen.
„Das hast du schön gemacht!“, lobte ich Suriyel hinterher. „Aber es war das falsche Ritual! Sie hätten Sur gebraucht!“
Denn Sur ist die Nachtschwester von Sang.
Beide Rauchopfer sind Ausdruck selbstloser Großzügigkeit.
Traditionell wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern jeden Morgen das Rauchopfer „Sang“ zelebriert. Unser RiwoSangChö ist nur eine von vielen Varianten. Alle Sang Rituale dienen der Anhäufung positiver Verdienste und gelten als Königsweg zur Beseitigung von Hindernissen und Widerständen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.
Am Abend wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern traditionell das Rauchopfer Sur für alle Verstorbenen praktiziert, die sich gerade im Bardo befinden.
Der tibetisch-buddhistischen Tradition nach dauert der Aufenthalt im Reich zwischen Leben und Tod neunundvierzig Tage. Für die große Mehrheit der Wesen ist das Bardo kein angenehmer Ort: Gequält von schwer erträglichen Traumzuständen, in denen sie mit den karmischen Verstrickungen vergangener Leben konfrontiert werden, an Hunger, Durst und Kälte leidend, befinden sie sich in einer beklagenswerten Situation. Nicht jedem Wesen gelingt es zudem, nach neunundvierzig Tagen den Bardo zu verlassen und in den Kreislauf der Wiedergeburten zurückzukehren. Manche von ihnen sind so schwach und verwirrt, dass sie im Bardo gefangen bleiben.
Um diesen armen hilflosen Wesen zu helfen, wird Sur praktziert. Die heilige Kraft des Feuers verwandelt das Speiseopfer – bestehend aus Mehl und Heilkräutern – in nährenden Rauch. Dieser wird durch die kraftvolle Energie von Meditation, der Rezitation von Mantras und dem Einsatz von Mudras transformiert.
Der magische Rauch, der durch das Sur-Ritual entsteht, dient der Stärkung und Stabilisierung der körperlosen schwachen Wesen im Bardo. Beschenkt mit Kraft und Klarheit ist es ihnen früher oder später möglich, das Reich zwischen Leben und Tod zu verlassen und erneut wiedergeboren zu werden.
Suriyel weißt meinen Einwand, unser RiwoSangChö wäre das falsche Ritual für die trauernden Angehörigen, wie für die verstorbene Frau, gewesen, trotzdem zurück.
„Das Sang war nicht falsch. Das dient auch den Verstorbenen. Sur wäre nur besser gewesen.“
So sieht es auch Rinpoche – der Gründer und Leiter des Zentrums von Friedrichshain – als Suriyel ihn ein paar Wochen später um die Erlaubnis bittet, zusätzlich zum Sang auch noch ein regelmäßiges Sur im Tempel abhalten zu dürfen.
Suriyel solle sich auf das Sang konzentrieren. Ein weiteres Rauchopfer wäre nicht notwendig.
Wir hatten beide mit einer Absage gerechnet. Rinpoche – ein hoher tibetischer Lama – reist unermüdlich von Kontinent zu Kontinent, um in all seinen Tibetisch-Buddhistischen Zentren nach dem Rechten zu sehen. Unser Zentrum in Berlin ist nur eines von vielen. Dass Rinpoche weder Zeit noch Nerven dafür hat, aus der Ferne neben dem Dauerkonflikt um unser Sang auch noch den Ärger um unser Sur in seinem Zentrum in Berlin zu befrieden, ist uns beiden nachvollziehbar. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Als Suriyel mit die Entscheidung des Rinpoche übermittelt, bin ich trotzdem enttäuscht. Suriyel wohl auch. Obwohl er es nicht zugibt.
Aber so ist es nun mal. Kein Sur im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain…
Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/
Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.
War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.
Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.
Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/
Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.
Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.
Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.
Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.
Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.
Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.
Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!
Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!
Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.
Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.
Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?
Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?
Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.
Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.
Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.
Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.
Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/
Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.
Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.
Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.
Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.
Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.
Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.
Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.
Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.
In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.
Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.
Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.
Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.
Genau wie beim letzten Mal.
Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.
Die Einladung der Gäste.
Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.
Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.
So steht es im Text.
Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.
Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.
Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.
Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.
Mein Puls rast.
Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.
Denn ich habe nichts „gesehen“.
Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.
Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.
Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.
Die Landlords.
Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.
Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.
„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.
Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.
Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.
Sie war von nüchterner Klarheit.
Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.
Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/
Zwei Jahre nach meinem ersten Besuch mache ich mich bereit für eine weitere Opfergabe auf dem keltischen Opferstein auf dem Maimont…
Am Abend vor dem Aufbruch in den Pfälzer Wald packe ich meine Sachen. Dabei kreisen meine Gedanken um den keltischen Opferstein auf dem Maimont. https://www.water-runs-east.eu/maimont/
Während ich Schlafanzug und Kosmetikbeutel in den Rucksack stopfe, wird mir bewusst, wie vollkommend naiv ich damals gewesen bin!
Als ich Obst und Blumen in der Schale des Opfersteins drapierte und das Räucherstäbchen entzündete, tat ich dies ohne jede Vorstellung davon, dass dieser simple Akt derart dramatische Folgen haben würde!
Am 28. September – vier Tage nach meiner Opfergabe – lernte ich unter seltsamen Umständen Maria kennen.
Übermorgen werde ich an den keltischen Opferstein zurückkehren. Dort werde ich ein zweites Mal ein Ritual vollziehen.
Diesmal nicht nach Hexen-Art. Denn in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt. Unter andem, wie man ein traditionelles tibetisches Rauchopfer durchführt.
Denn ich habe mehrere. Zum einen die Fertigmischung aus dem nepalesischen Nyingma-Kloster. Zum anderen mehrere „Do-it-yourself-Sang-Powder“, die ich gemeinsam mit Suriyel produziert habe. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/
Ich gehe meine Vorräte durch und bin hin- und hergerissen: Den nepalesischen Sang-Powder oder doch lieber einen aus eigener Herstellung? Und wenn ja, welchen?
Schließlich entscheide ich mich für die selbstgemachte „Lung-Mischung“. Die habe ich aus Kräutern des Gartens des Buddhistischen Zentrums hergestellt, die während unseres Online-Lungs – der Ermächtigung zur Ausübung des Rauchopfers – neben dem Altar standen. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/
Als das Ritual zu Ende war, nahm ich den Strauß zu mir nach Hause mit. Dort ließ ich die Kräuter trocknen und vermengte sie mit Eichenholzspäne und Harzen. Ein Glas der Mischung schenkte ich Suriyel. Der mahlte sie in der Kaffeemaschine, damit sie staubfein war und gab noch etwas Aroma-Öl dazu, bevor er mir die Hälfte davon wieder zurückgab.
Diese Sang-Powder-Mischung – beschließe ich – ist perfekt für den keltischen Opferstein! Sie ist die Summe der Ereignisse, die seit meinem ersten Ritual dort über mich gekommen sind:
Suriyel, sein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Friedrichshain, in das es mich verschlagen hat und das Riwo SangChö, das ich an diesem Ort von Suriyel gelernt hatte.
Einen anderen als diesen Sang-Powder zu nehmen, wäre komplett unangemessen, beschließe ich.
Allerdings riecht er eigenwillig. Der Garten des Buddhistischen Zentrums wird dominiert von Lavendel und Rosmarin. Die Mischung ist etwas einseitig geraten. Dazu kommt Suryiels Aroma-Öl-Behandlung. Was immer er genommen hat, es verströmten einen strengen herben Duft.
Ich mag den Geruch. Aber was, wenn die Naturgeister des Maimont nicht davon begeistert sind? Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn sie sich von meinem Opfer gekränkt fühlen!
Als mich meine Freundin am Bahnhof abholt, habe ich mein Equipement für ein traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer im Gepäck. Und ein Schraubglas mit einem sehr speziellen Sang-Powder. Der besteht zur einen Hälfte aus unserem eigenwillig riechenden „Home-Made-Lung-Powder“, zur anderen Hälfte aus dem in Nepal hergestellten Pulver.
Jetzt kann ich nur hoffen, dass dieses Opfer Anklang finden wird…
Zwei Jahre nach dem Hexen-Opfer am keltischen Opferstein befiehlt mir meine Innere Stimme, dorthin zurückzukehren…
Atemzug auf Atemzug.
Die Sonne zeichnet weiße Kringel auf das Eichenparkett. Durch das geöffnete Fenster zieht Sommerduft herein. Im Innenhof singt eine Amsel. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/
Zusammen mit den anderen in der Gruppe bleibe ich abrupt stehen, als der trockene Knall durch den Raum hallt. Gemeinsam verbeugen wir uns und eilen zu unseren Plätzen. Ich lasse mich auf meinem Kissen nieder und kontrolliere, ob ich auch bequem sitze. Die anderen, die mit mir an den Längsseiten des Raumes aufgereiht mit den Gesichtern zur Wand sitzen, tun dasselbe.
Dann schlägt der Assistent auch schon die große Klangschale. Drei Mal ertönt das wuchtige Dröhnen und lässt die Luft im Zendo vibrieren.
Ab jetzt darf sich niemand mehr bewegen, bis das zweimalige Anschlagen der Klangschale das Ende der Meditationseinheit signalisieren wird. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/
Vollkommene Stille liegt über dem Zendo.
Es ist der vierte Tag des Sesshins.
Mein neurotisches Ego – das mich im Alltag von Morgens bis Abends mit seinen Ideen, Sorgen und Ängsten auf Trab hält – ist zur Ruhe gekommen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
Endlich Frieden!
Mit einem Mal erklingt in mir die Innere Stimme: „Du musst zum Opferstein!“, flüstert sie.
Es ist so viel passiert in den letzten zwei Jahren, seit ich dort ein Hexen-Opfer darbrachte, dass ich den seltsamen Stein – und alles was dort geschah – vollkommend vergessen hatte. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/
Während ich starr auf meinem Meditationskissen sitze und auf die weiße Wand vor mir starre, sinne ich dem Befehl meiner Inneren Stimme nach. Er ist vollkommend verückt. Aber Irgendwie auch folgerichtig – obwohl ich nicht zu sagen wüsste, warum.
Als das Sesshin drei Tage später zu Ende gegangen ist, kehre ich zurück in den Alltag: An der Bushaltestelle des Spirituellen Zentrums starte ich mein Handy.
Bevor ich im schaukelnden Bus die Mails und Nachrichten der vergangenen Woche lese, schreibe ich der Freundin in der Pfalz.
„Ich würde gerne zu dir zu Besuch kommen! Wir müssen zur Opferschale!“
Meine Freundin – die von ungewöhnlichem Langmut ist – nimmt sich sofort einen Tag Urlaub, um meinem schrägen Ansinnen Folge leisten zu können.
Eine Woche später holt sie mich am Bahnhof ab. Ich bin neun Stunden lang quer durch die Republik bis in die hinterste Ecke der Pfalz gefahren, um ein Opferritual an einer keltischen Opferschale zu verrichten.
Das Vajra Armor Mantra ist voller Magie! Die Khandro lehrt es in ihren Retreats auf traditionelle tibetisch-buddhistische Zauberart…
Das Kletterressort, in dem das Vajra Armor Retreat stattfinden wird, befindet sich inmitten einer beeindruckenden Felsenlandschaft. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/
Das Haupthaus – mit Speisesaal, Wasch- und Toilettenräumen – ist etwa in der Mitte der Anhöhe auf einem Plateau platziert.
Geschlafen wird in mehreren Holzhütten. Die sind hinter dem Haupthaus über den Steilhang verstreut, der sich etwa hundert Meter bis zum Gipfel des Höhenrückens hochzieht. Zu den spartanischen Unterkünfte führt ein schmaler Trampelpfad, der sich von Häuschen zu Häuschen schlängelt.
Das Kletterressort ist ein ungewöhnlicher Ort für ein tibetisch-buddhistisches Retreat.
Einige der Teilnehmer, die nach ihrer Ankunft damit konfrontiert sind, ihre schweren Rollkoffer den steilen Pfad bis zu ihrer Holzhütte hochzuschleppen, haben erkennbar Mühe, ihren buddhistischen Gleichmut aufrecht zu erhalten.
Uriel, der das Retreat organisiert hat, erklärt jedem Neuankömmling geduldig, dass dieser Ort der einzige war, den er auftreiben konnte, der alle Bedingungen für ein Vajra Armor Retreat erfüllt.
Denn das Retreat, das nach den Vorgaben eines tibetischen Sakraltextes aus dem 12. Jahrhundert durchgeführt wird, ist speziell.
Die Khandro ist deshalb von Anfang an begeistert von dem Kletterressort! Egal, wie mühsam der Weg zu den Hütten, und wie spartanisch die Ausstattung ist.
Denn der Ort ist vollkommend abgeschieden! Und dazu noch von wunderbarer Natur umgeben! In der viele verschiedene Naturgeister leben!
Nachdem sie am Nachmittag alle Teilnehmer des Retreats im provisorischen Schreinraum im Haupthaus begrüßt hat, klärt sie uns erst einmal in ihrem breiten Amerikanisch über unsere Gastgeber auf:
Denn nicht der souveräne Besitzer des Kletterressorts – der sich von seinen ungewöhnlichen Gästen nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lässt – sondern diese Naturgeister sind die wahren Besitzer des Geländes!
Im Wasser des Flußes, der am Fuße der Anhöhe talabwärts rauscht, lebe ganz sicher ein Naga, erklärt sie uns, nachdem sie auf ihrem großen roten Thron an der Stirnseite des Raumes Platz genommen hat.
Durch die geöffneten Fenster dringt das Tosen des wild schäumenden Wassers herein. Wir sitzen auf unseren Meditationskissen, lauschen der Musik des Flusses und versuchen, uns den Naga – einen schlangenförmigen Wassergeist – vorzustellen, der dort zuhause ist.
Und so geht es weiter. Die Khandro klärt uns ausführlich über die verschiedenen Gattungen der Naturgeister auf, die in der Erde, in den Bäumen und in den Felszähnen des Kletterressorts leben.
Damit unsere Retreats – sie gibt dieses Jahr drei Vajra Armor Retreats hintereinander – von Erfolg gekrönt sein werden, ist es essenziell, den wahren Besitzern des Geländes Respekt zu zollen.
Denn nur, wenn die örtlichen Naturgeister damit einverstanden sind, dass wir hier das Vajra Armor Mantra praktizieren, werden wir die erhofften Ergebnisse erzielen!
Dann geht sie mit uns den Zeitplan durch:
Nach dem Abendessen wird das Retreat feierlich eröffent werden. Zuerst werden wir im Schreinraum ein Tsog – ein Opferritual – zelebrieren, um den Segen der Buddhas, Bodhisattvas, Schützer und der örtlichen Naturgeister zu erhalten, sowie unliebsame Kräfte, die uns schaden wollen, zu befrieden und vor die Tür zu setzen.
Danach haben wir uns alle vor dem Eingang des Haupthauses zu versammeln.
An allen vier Himmelsrichtungen des Hanges werden wir ein Opferzeremoniell für die örtlichen Naturgeister vollziehen, um uns noch einmal ihrer Unterstützung zu versichern, und uns ihre Erlaubnis dafür einzuholen, dass wir hier praktizieren – und dafür das Gelände absperren.
Denn in diesem Zeremoniell werden in einem feierlichen Akt die Boundaries geschlossen!
Ich bin nicht die einzige, die das erste Mal dabei ist und mit Konfusion auf diese Ankündigung reagiert.
Bei den „Boundaries“ führt die Khandro deshalb aus, handele es sich um eine bunte Schnur, die rund um das Gelände des Ressorts gespannt wurde.
Nach dem feierliche Ritual des „Setting up of the Boundaries“ gelten innerhalb der Grenzen dieser Schnur besondere Regeln:
Zum einen ist jedes Sprechen verboten. Lediglich die Khandro selbst ist von diesem Gebot ausgenommen. Alle anderen müssen schweigen. Immer und überall. Egal was passieren wird.
„And“, die Khandro hebt mahnend den Zeigefinger und mustert einen nach dem anderen der vor ihr am Boden Sitzenden streng: „Crossing the boundaries is completely forbidden!“
Nach einer Kunstpause fährt sie fort: „Wenn auch nur einer der Teilnehmer diese Regel bricht, ist das Retreat für alle beendet!“
Das ist krass! So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Und ich habe schon einige Retreats absolviert.
Die Sache mit den „Boundaries“ hebt dieses Retreat auf ein komplett neues Level!
Denn die Regel bedeutet in der Praxis: Egal was passiert und in welchen physischen und psychischen Ausnahmezuständen wir uns während des Retreats wiederfinden mögen – wir müssen da durch!
Zum Wohle aller.
Alle für einen – einer für alle…
Als wir beim Abendessen sitzen – der letzten Mahlzeit, während der wir uns unterhalten dürfen – sind wir uns einige, dass dieses Retreat wirklich special werden wird.
Und dass wir alle ein bisschen verrückt sind, dass wir mitmachen. Und das auch noch toll finden!
Einer am Tisch – ein großer Tscheche – lacht begeistert auf: „It´s like Hogwarts! No muggles!“
Denn Zen lehrt, dass es so etwas wie „Zufall“ nicht gibt.
Alles, was das Leben schenkt, ist von Bedeutung.
Selbst wenn es so etwas schräges ist, wie die Bekanntschaft mit einer Hexe aus dem Harz, deren energetischer Sog einen keltischen Opferstein herbeizaubert. https://www.water-runs-east.eu/hexe/
Der japanische Zen-Meister Dogen legte im 11. Jahrhundert anhand der Regeln einer buddhistischen Kloster-Küche dar, was Alltagshandeln „Sinn-voll“ macht:
Man müsse lernen, aus allen Zutaten, die das Leben in diesem Augenblick schenkt, wohlschmeckende Gerichte zuzubereiten. So etwas wie „falsch“, „zuviel“ oder „zuwenig“ gibt es nicht. Weder in der Küche, noch im Leben… https://www.water-runs-east.eu/nahrung/
Voilá!
Im Rezeptbuch meines Lebens stand deshalb an diesem 24. September des Jahres 2022 geschrieben: Man nehme eine keltische Opferschale + ein „Do-it-yourself“-Hexenrezept und bereite ein leckeres Opfer zu!
Serviert bekam ich: Den Schock meines Lebens!
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die riesigen eisigen Gestalten, die sich während des Opfers um den Stein scharten, Hirngespinste waren – oder Geister? https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/
„Wenn sich die Naturgeister zeigen, bedeutet dies, dass sie das Opfer angenommen haben“, erklärte sie mir ungerührt, als ich ihr – zwei Monate nach den Ereignissen auf dem Maimont – von meiner seltsamen Erfahrung berichtete.
Dass daraus nach dem tibetisch-buddhistischen Schamanen-Ein-Mal-Eins folgt, dass dieses Opfer nicht ohne Konsequenzen für mein Leben bleiben würde, musste sie mir nicht sagen.
Das wusste ich auch so. Schließlich war ich bereits seit ein paar Jahren ihre Schülerin.
Und wirklich geschahen nach dem Hexen-Opfer die seltsamsten Dinge!
Überraschende Begegnungen, unerwartete Ereignisse und erschütternde Einsichten reihten sich in einer Geschwindigkeit aneinander, dass ich aus dem Kopfschütteln und Händeringen nicht mehr herauskam!
Auch dieser Blog – gestartet im Februar 2023 – ist ein Produkt dieses überwältigenden Stroms von Lebensereignissen.
Ein paar Wochen nach dem Ball bin ich bei einer Freundin in Rheinland-Pfalz zu Besuch. Durch Zufall erfahre ich von ihr, dass sich auch im Pfälzer Wald ein keltischer Opferstein befindet.
Auf dem Maimont.
Am nächsten Tag machen wir uns auf dem Weg zum Berg – und zur keltischen Opferschale. Denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, dort ein Hexen-Opfer darzubringen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8731&preview=true
Als wir endlich an der Opferschale auf dem Hochplateau des Maimont angekommen sind, ist es bereits Mittag.
Der Stein reicht mir fast bis zur Hüfte. Er hat eine Länge von etwa zwei Metern und ist einen Meter breit. In der vorderen Hälfe befindet sich eine große Mulde. Von oben, finde ich, sieht diese „Opferschale“ aus wie ein Vogelkopf.
Der große Stein ist geborsten. Wie der Riss, der sich quer durch die Vertiefung zieht, entstanden ist, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob der Stein schon seit vielen Jahrhunderten beschädigt ist, oder der Sprung jüngeren Datums ist.
Falls ein Wissenschaftler die Geheimnisse der keltischen Opferschale auf dem Maimont erforscht hat, hat er seine Erkenntnisse nicht online gestellt. Google weiß nichts über den Opferstein.
Was schade ist.
Während ich die Opfergaben für das Hexen-Ritual aus meinem Rucksack hole, frage ich mich, ob der Stein schon immer hier gewesen ist, oder ob ihn die keltischen Erbauer der Ringanlage von irgendwo hierher geschafft haben?
Wurde er wirklich für Opferrituale benutzt, so wie das bei den Opferschalen im Harz der Fall ist? Zumindest hat mir das die Hexe erzählt. Ich habe keine Ahnung, ob ihre Geschichten historisch korrekt sind.
Egal.
Geträulich befolge ich die Anweisungen der Hexe, die sie mir gestern über Messenger hat zukommen lassen. Vorsichtig platziere ich Rosen, Lavendel, Weintrauben und einen Apfel in der Opferschale und komme mir albern dabei vor.
Glücklicherweise sieht mir nur meine Freundin bei den Vorbereitungen zu. Die hat es sich auf einem Felsen nicht weit von mir gemütlich gemacht und Tee und belegte Brote ausgepackt.
Obwohl ein Wanderweg direkt am Opferstein vorbeiführt, scheinen wir alleine auf der Hochebene zu sein.
Um uns herrscht tiefe Stille.
Nachdem ich das Opfer so appetitlich als möglich in der Schale angerichtet habe, kommt das wichtigste: Das Räucherstäbchen!
Vorsichtig platziere ich ein edles japanisches Stäbchen in einem kleinen Halter auf dem Rand des Opfersteins und zünde es an.
So hat mir das die Hexe erklärt.
Und, dass ich an der Opferschale ausharren müsse, bis das Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt ist! Sonst wäre es kein „gültiges“ Opfer!
Als ich heute morgen vor dem Aufbruch noch einmal die Anweisungen für das Opfer überflog, hatte ich spontan meine Mala eingesteckt.
Denn mir war eine Idee gekommen: Während der halben Stunde, die es dauert, bis das Räucherwerk verglüht ist, konnte ich mein Mantra rezitieren, anstatt untätig herumzusitzen!
Jetzt lasse ich mich gegenüber des Räucherstäbchens auf der anderen Seite der Opferschale auf dem Felsen nieder und hole die tibetische Gebetskette mit ihren 108 Perlen aus meiner Jackentasche.
Während der feine Rauchfaden des Räucherstäbchens in den Himmel steigt, rezitiere ich mein Vajra-Armor-Mantra. Das ist magisch und speziell. Ich habe es von meiner Khandro – meiner tibetischen Lehrerin – bekommen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8782&preview=true
Auf einmal ist mir, als würde es schlagartig kühler. War mir noch vor wenigen Minuten in der warmen Herbstsonne angenehm war, beginne ich jetzt zu frieren.
Gleichzeitig glaube ich, die Tritte vieler Menschen wahrzunehmen. Von allen Seiten klingt das Rascheln von Laub zu mir herüber.
So kommt es mir vor – und gleichzeitig auch wieder nicht.
Da ist die vollkommene Stille auf dem – von der warmen Herbstsonne beschienenen – Hochplateau. Und zur selben Zeit die Kälte und die Geräusche.
Ich rezititere weiter konzentriert mein Mantra und starre dabei auf den zarten Rauchfaden des Räucherstäbchens – mit einem Mal glaube ich, in einiger Entfernung Gestalten zu erkennen.
Oder doch nicht?
Verwirrt hebe ich den Blick. Im Abstand von etwa zwanzig Metern um die Opferschale – so scheint es mir – stehen riesige Gestalten.
Eingehüllt in bodenlange fließende Gewänder, das lange Haar offen, die Bärte bis zur Brust reichend, stehen dicht an dicht Männer und Frauen. Sie wirken, als wären sie aus Eis gegossen.
Sie verströmen Klarheit – und Kälte.
Vor Schreck kippe ich beinahe vom Opferstein. Irgendwie gelingt es mir – vor Angst und Kälte mit den Zähnen klappernd – weiter mein Mantra zu rezitieren.
In einem Moment glaube ich, die Gestalten – es müssen mehrere hundert sein – klar zu erkennen. Im nächsten Moment bin ich mir sicher, dass ich mir das alles einbilde.
Sehe ich sie – oder ist das hier alles ein wilder Fiebertraum.
Schließlich ist das Räucherstäbchen heruntergebrannt. Als ich mit zitternden Fingern die Mala wieder in meine Jackentasche stecke, drehen sich die eisigen Gäste um und verschwinden innerhalb von Sekunden zwischen den Bäumen.
Von Minute zu Minute wird es auf dem Hochplateau wieder wärmer.
Irgenwo über mir ruft eine Krähe im Baumwipfel. Es ist, als würde ihr hartes Krächzen einen Zauber brechen.
Meine Freundin kommt zu mir. „Hast du das auch gehört?“
„Was denn?“
„Diese Schritte! Als ob viele Menschen hierher gekommen sind! Und diese Kälte! Was ist das nur gewesen?“
Ich habe keine Ahnung.
Nicht einmal davon, ob es mich beruhigt, dass meine Freundin ähnliches erlebt hat.
Vielleicht spinnen wir einfach beide gleichzeitig?
Nach meinem „Hexen-Opfer“ bin ich so erschöpft, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.
Die wenigen Kilometer bis zum Parkplatz bewältige ich nur mit Mühe. Am Auto angekommen, lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen und versuche, meinen Nerven zu beruhigen.
Ich stehe unter Schock, stelle ich fest.
Zweieinhalb Monate nach dem Hexen-Opfer auf dem Maimont treffe ich meine Khandro wieder. Das nächste Vajra Armor Retreat beginnt.
Endlich – nach mehr als zwei Jahren Pause wegen der Covid-Pandemie!
Ich erzähle der Khandro, dass ich das Vajra Armor Mantra an einem keltischen Opferstein rezitiert habe. Und dass daraufhin hunderte riesige Gestalten aufgetaucht sind. Geformt aus Eis.
Die Khandro verzieht keine Miene. „When they appear it implies that they accept the offer.“
„Who are they?“, frage ich sie.
„Natural spirits. The land lords of this montain.“
Ich nehme Zuflucht zu meiner Khandro und werde zur Buddhistin. Deshalb bekomme ich einen neuen Namen – und ein mächtiges Mantra…
Die Khandro hat ebenmäßige klare Gesichtszüge. Ihr blondes glattes Haar trägt sie im Zopf.
Sie spricht breites Amerikanisch.
Warum ich Zuflucht nehmen möchte, fragt sie mich.
Ich bin so nervös, dass ich mich hinterher nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.
Auch das Ritual – das sicher eine halbe Stunde dauert – erscheint mir im Rückblick wie ein verschwommener Traum: Die Khandro mit ihrem prächtigen goldenen Hut auf dem Kopf, die tibetischen Worte, die sie murmelt, die glänzende Vase mit der Pfauenfeder, die sie immer wieder über meinen Kopf schwenkt, bevor sie das Safran-Wasser auf meinen Scheitel tropfen lässt…
Nachdem das Ritual überstanden ist, bekomme ich meine „Taufurkunde“ in die Hand gedrückt. Darauf vermerkt: der Name meiner Lehrerin, das Datum des Tages meiner Zuflucht und mein neuer tibetischer Name: Pema.
Das bedeutet „Lotosblume“.
Ich muss der Khandro versprechen, 10.000 Mal das Zufluchtsgebet zu rezitieren.
Erst dann werde ich wirklich Buddhistin sein.
Praktischerweise ist das Zufluchtsgebet vorne auf dem Zettel abgedruckt. Denn es wird mehr als zwei Jahre dauern, bis ich dieses Versprechen eingelöst haben werde.
Und es wird ziemlich genauso lange dauern, bis ich innerlich für mich akzeptieren kann, dass ich wirklich Buddhistin bin.
Am 14. Oktober 2019 nahm ich Zuflucht. Die Covid-Pandemie, die ein paar Monate später das Leben lahmlegen würde, gewährte mir eine Atempause.
Denn ich hatte nicht Zuflucht genommen, weil ich Buddhistin werden wollte. Ich hatte Zuflucht genommen, weil ich das Mantra wollte.
Vajra Armor.
Am Abend nach meiner Zufluchtnahme beginnt das Vajra-Armor-Retreat.
„Das Mantra ist mächtig“, erklärt uns die Khandro. „Guru Rinpoche Padmasambhava extrahierte es im 8. Jahrhundert aus den hundert stärksten Mantras seiner Zeit. Es reinigt von karmischen Spuren, heilt und schützt.“
Damit es seine Kraft entfalten kann, ist ein intensiver Übungsweg auf vier Ebenen notwendig.
Bald lerne ich, dass das Schweigen des Mantra eine andere Qualität hat. Und dass ich viel weniger geübt bin, in Stille zu sein, als ich erwartet hatte.
Während der nächsten drei Tage muss ich zuverlässig Vormittags und Nachmittags zu den „Beichtterminen“ antreten und der Khandro auf kleinen Zetteln gestehen, dass ich wieder einmal gescheitert bin.
Ein unbedachter Laut, ein gemurmeltes Wort – schon ist das Schweigegebot gebrochen.
Am Morgen des zweiten Tages versuche ich, einen verzweifelt flatternden Schmetterling durch das schmale Toilettenfenster ins Freie zu scheuchen. Im konzentrierten Versuch, ihn unbeschadet hinauszubefördern, rutschen mir ein paar Worte heraus.
Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.
„Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“
Eine noch größere Herausforderung als der flatternde Bodhisattva sind die Nächte. Die seltsamen Rituale, das konzentrierte Schweigen, das Gefühl, mit einer Gruppe Fremder auf engem Raum eingesperrt zu sein, dazu das konzentrierte Rezitieren des Mantras von Morgens bis Abends – ich träume wie auf Speed und spreche in den Träumen wie ein Wasserfall.
Die Khandro scheint nicht erstaunt darüber zu sein.
Zur Wiedergutmachung muss ich Kerzen über Kerzen vor dem Altar anzünden, Niederwerfungen praktizieren und – die härteste aller Strafen – Mantras rezitieren, die ich nicht zählen darf.
10.000 am Tag müssen es sein. So lautet die Regel.
Eine unvorstellbare Zahl!
Ich brauche alleine bis zum Mittag des zweiten Tages des Retreats, bis ich das Vajra Armor Mantra auswendig kann.
Es ist lang und kompliziert.
Außerdem muss es korrekt betont werden, damit es seine Kraft entfalten kann. Die Khandro versammelt die Anfänger unter den Teilnehmern täglich zwei Mal um sich und singt mit uns das Mantra in verschiedenen Melodien. Das ist eine gute Übung.
Nach drei Durchgängen beherrsche ich das Mantra, aber ich bin elend langsam.
Die Fortgeschrittenen klingen wie Nähmaschinen, die Perlen der Malas gleiten durch ihre Finger, während sie das Mantra rezitieren.
Ich stolpere mit schwerer Zunge von Perle zu Perle. Für eine Mala brauche ich anfangs fast eine Stunde. Am zweiten Tag schaffe ich in der selben Zeit zwei Malas, am dritten Tag drei.
Die Mala hat 108 Perlen.
10.000 Mantras, das sind fast 91 Malas!
An einem Tag!
Ich schaffe nicht mal dreißig und häufe „Schulden“ über „Schulden“ an. Alle fehlenden Mantras muss ich nach dem Ende des Retreats Zuhause nachholen.
Mir wird ganz anders: Das hatte ich mir einfacher vorgestellt!
Um halb fünf Uhr am Morgen des vierten Tages versammeln wir uns in Dunkelheit und Kälte vor der Haustür. Der Geko trompetet auf der Muschel. https://www.water-runs-east.eu/muschel/
Die Khandro rezitiert, opfert und trommelt auf der Dachterrasse. Die Sangha wandert von Zaunpfosten zu Zaunpfosten und holt die Schnur ein, die das Haus während des Retreats symbolisch abgeschlossen hat.
Danach treten wir – einer nach dem anderen – vor der Khandro über die Schwelle. Damit ist das Schweigegelübde aufgehoben.
Noch vor der Morgendämmerung zelebrieren wir im Schreinraum das Opferritual – Tsock – denn es muss beendet werden, bevor die Sonne aufgeht.
Um kurz nach sechs Uhr sind wir durch. Es ist seltsam, so früh am Morgen Wein zu trinken und Chips zu essen.
Noch seltsamer ist es, wieder sprechen zu dürfen. Es kostet mich gehörige Überwindung, mich an den Gesprächen zu beteiligen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.
Wir haben einen Tag Pause, danach wird es weitergehen. Ich bin auch für den zweiten Durchgang des Retreats angemeldet.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu Besuch bei einer Freundin im Pfälzer Wald. Als ich der – gemütlich Abends auf ihrer Coach sitzend – mein Handy mit dem Post der Hexe aus dem Harz unter die Nase halte, identifiziert die den großen grauen Felsen, auf dem die Hexe ein Opfer darbringt, sofort als keltischen Opferstein!
Denn, im Gegensatz zu mir, kennt sie diese mystischen Steine.
Einer davon – erfahre ich von ihr – befindet sich nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Inmitten einer 2000 Jahre alten keltischen Ringanlage, die um den Gipfel eines Berges verläuft.
Dem Maimont.
Ich bin elektrisiert!
Inspiriert von den Fotos der Hexe auf Facebook, die stolz ihr Herbst-Tag-und-Nachtgleichen-Opfergaben auf einem keltischen Opferstein im Harz präsentiert, beschließen wir, ebenfalls ein „Hexen-Opfer“ darzubringen.
Denn: Wenn eine keltische Opferschale in erreichbarer Nähe ist, muss sie bespielt werden!
Am nächsten Morgen brechen wir auf. Im Rucksack, den ich im Kofferraum des Auots meiner Freundin verstaue, befinden sich die Opfergaben.
Ich habe schlecht geschlafen. Was gestern Abend ein spontaner Scherz war, hat über Nacht existenzielle Bedeutung gewonnen.
Warum ist mir mit einem Mal, als ginge es bei dieser schrägen Opferung um Leben und Tod?
Ich bin mir selbst wieder einmal ein völliges Rätsel.
Meine seltsame Getriebenheit erscheint mir höchst albern. Beschämt über mich selbst bemühe ich mich, meine Freundin nichts davon spüren zu lassen.
Die parkt in Erwartung eines netten Ausflugs am Fuße des Maimont. Mit den Rucksäcken über den Schultern schlagen wir den Weg in Richtung „Gipfel“ ein. So steht es auf der Wandermarkierung.
„Anhöhe“, finde ich, träfe es besser. Der Maimont ist gerade einmal 518 Meter hoch. Eine halbe Stunde Wegzeit veranschlagt die Wandermarkierung bis zur Opferschale.
Weil ich nicht zu einer Bergwanderung aufgebrochen bin, sondern zu einem Opferritual, kommt mir das entgegen. Ich stürme die Forststraße hoch, als ginge es um ein Wettrennen.
Getrieben von dem Gedanken: „Ich MUSS da hoch!“
Nach einer Viertelstunde kommen wir an der Ruine einer Burg vorbei. Nur die Grundmauern und die Reste eines Turmes stehen noch. Die interessieren mich gerade nicht die Bohne.
Weil ich mir das nicht anmerken lassen möchte, folge ich der Freundin den Trampelpfad entlang zur Ruine.
Auf dem Weg dorthin berichtet sie mir, was sich die Einheimischen seit Generationen über die Burg erzählen:
„Der Sage nach existiert die Burg in zwei Zeitdimensionen. Es gibt einen Punkt am Gipfel des Maimont, von dem man einen direkten Blick hinunter auf die Ruine hat. An speziellen Tagen – so wird erzählt – sehen Menschen immer wieder nicht nur Steine und Geröll, sondern die unzerstörte Burg, in der mittelalterliches Leben herrscht! An diesen Tagen ist es gefährlich auf dem Maimont: Immer wieder verschwinden Menschen! Es heißt, sie wären versehentlich in diese andere Zeitdimension geraten und hunderte von Jahren in die Vergangenheit katapultiert worden, ohne jede Chance, wieder in ihre Zeit zurückzukehren!“
An normalen Tagen hätte ich diese Geschichte faszinierend gefunden.
Heute bin ich völlig auf die Opferschale fixiert.
Weil das so albern wie bizarr ist, folge ich zähneknirschend der Freundin in die Ruine, klettere hinter ihr auf die Turmreste, bewundere den Ausblick über das Elsass – und amte erleichtert auf, als wir wieder auf dem Hauptweg zum Gipfel stehen.
Jetzt stürme ich geradezu voran, die Freundin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten. Jäh werde ich von einem rot-weißen-Flatterband gestoppt. Dahinter: Ein großes Schild. „Betreten verboten! Lebensgefahr!“, lese ich.
“Stimmt! Das hatte ich ganz vergessen!“ Die Freundin ist neben mir zum Stehen gekommen. „Hier hat es letzte Woche gebrannt!“
Und wirklich: Den Steilhang hinauf, über den sich der Wanderweg in Serpentinen hochschlängelt, steht ein schwarz verkohlter Baumstamm neben dem anderen. Schwer hängt der Geruch verbrannten Holzes in der Luft.
Die Freundin packt umständlich die Wanderkarte aus. Ich muss mich beherrschen, sie nicht anzufahren. Ich muss SOFORT hinauf!
“Es gibt noch einen Wanderweg, der auf der französischen Seite hoch führt“, erklärt mir meine Freundin. Ihr Finger zeichnet einen großen Bogen auf der Karte. „Wir müssen da lang.“ Sie zeigt auf einen schmalen Pfad, der um den Berg herumführt.
Zähneknirschend laufe ich hinter ihr her.
Nach einiger Zeit stoßen wir auf eine Abzweigung. Endlich geht es wieder hoch zum Gipfel. Ich hetze den Weg hinauf.
“Schau!“, ruft die Freundin hinter mir. „Tibetische Gebetsfahnen!“ Ich drehe mich zu ihr um. Richtig! Einige Meter abseits vom Weg spannen sich bunte tibetische Gebetsfahnen über einer Felsformation. Ich war so absorbiert von der keltischen Opferschale, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte!
“Wer die wohl gespannt hat? Und warum ausgerechnet hier?“ Die Freundin, die wie ich tibetischen Buddhismus praktiziert, ist hingerissen von dem Ort.
Ich habe ihn schon wieder vergessen. Das einzige, das mich gerade interessiert, ist die keltische Opferschale!
Sollte die Freundin mein Verhalten seltsam finden, behält sie es für sich. Stumm klettert sie hinter mir den steilen Hang hinauf. Etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Hochplateau.
“Der Maimont hat zwei Gipfel. Der eine liegt auf der französischen, der andere auf er deutschen Seite“, referiert meine Freundin, während wir die Hochebene überqueren. „1940 fand hier eine verlustreiche Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der französischen Armee statt. Viele Soldaten sind gestorben.“
Das reißt mich kurz aus meiner Obsession. Eine seltsame Schwere scheint über der bewaldeten Hochebene zu liegen. Schweigend laufen wir hintereinander den schmalen Pfad entlang. Der endet an einem mächtigen Metallkreuz, das auf einer Felsnase montiert ist.
Das „Friedenskreuz“, das auf dem deutschen Gipfel des Maimont zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurde. Wir klettern die Trittleiter zum Denkmal hoch. Aus der Tiefe klingt das an- und abschwellende Rauschen einzelner Autos zu uns hoch. Die Häuser des Dorfes, das sich in das Tal schmiegt, sehen von hier oben aus wie Spielzeugklötze. Die bewaldeten Hänge, die sich dahinter erstrecken, leuchten schon in bunten Herbstfarben.
Kurz bin ich von dem friedlichen Ausblick gefangen, dann fällt mich wieder der Gedanke an die Opferschale an.
„Wir müssen weiter!“
Gehorsam klettert meine Freundin hinter mir die Trittleiter hinunter.
„Wo ist der Opferstein?“, frage ich sie ungeduldig. Der Weg, dem wir den Berg hoch gefolgt sind, endet am Friedenskreuz.
Die Freundin sucht auf der Wanderkarte. Der Opferstein ist nicht eingezeichnet. Sie ruft die Wander-App auf. Auch die kennt keine keltische Opferschale.
Jetzt werde ich hysterisch: „Ich MUSS da hin!“
„Wir finden sie schon!“, beruhigt mich die Freundin. „Sie muss irgendwo da drüben sein!“
Jetzt trabe ich hinter ihr her. Quer über die Hochebene, dann erst einen steilen Hang hinunter und danach einen weiteren hoch.
Wir waten durch raschelndes Laub, um uns segeln Blätter zu Boden. Der schrille Ruf eines Bussards dringt durch die dichten Äste zu uns hinunter.
Hinter seinem Schrei steht die Stille wie eine Wand. Es ist, als wären wir mit einem Mal vollkommend alleine auf diesem seltsamen Berg.
Auf einmal fällt mir die Sage über die zwei Zeitdimensionen wieder ein. Was, wenn heute gerade einer dieser Tage ist, an denen die Tür zwischen Gegenwart und Vergangenheit offen steht und wir uns auf einmal im Mittelalter wiederfinden?
„Wir könnten uns noch nicht mal verständigen!“, erkläre ich voller Furcht der Freundin. „Wir können weder Althochdeutsch noch Latein.“
„Ich habe das große Latinum“, antwortet sie gedankenverloren, während sie sich zu orientieren versucht. „Schau! Da oben ist die Wallanlage!“
Richtig: Der Hang, den wir gerade hochklettern, wird von einer langgezogenen Erhöhung umschlossen.
Als wir dort ankommen, muss ich erst einmal Luft holen. Die keltische Verteidigungsanlage – ein etwa zwei Meter hoher Wall, der in einem großen Bogen über das Plateau verläuft – ist auch nach 2000 Jahre deutlich zu erkennen.
„Dort ist der Opferstein!“ Die Freundin weist auf einen großen roten Felsen, nicht weit vom Wall entfernt.
Endlich!
Ich renne auf den Stein zu, als ginge es um mein Leben.
Inspiriert von einem keltischen Tages-und-Nachtgleichen-Ritual im Thüringer Harz fasse ich einen spontanen Beschluss…
Am 23. September – einen Monat, nachdem ich auf dem Barockball in der sächsischen Provinz eine echte Hexe kennengelernt habe – mache ich mich wieder auf die Reise. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696
Nicht in den Harz, wo die Hexe wohnt, sondern in den Pfälzer Wald. Die Dharma-Schwester, die ich dort besuche, lebt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt in einem zweihundert Jahre alten Bauernhof.
Nachdem wir es uns am Abend auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, erzähle ich der Freundin vom Barockball.
Und von der Frau, mit der ich dort getanzt habe. Die nicht nur aussieht wie eine Hexe, sondern wahrhaftig eine ist!
Ich rufe den Facebook-Account meiner neuen Bekanntschaft auf, um ihr Profilbild zu präsentieren.
“Schau dir das an!“ Ich halte meiner Freundin das Handy unter die Nase. „Was sagst du dazu?“
Die Hexe aus dem Harz hat heute Morgen ein Foto gepostet: Ein grauer Felsen, auf dem sie kunstvoll Blumen, Obst und Kerzen drapiert hat. „Herzlicher Mabon!“ steht darunter.
Was ist „Mabon“?
Google weiß Rat: Es handelt sich um die Herbst-Tages-und-Nacht-Gleiche, die heute gefeiert wird, lese ich meiner Freundin vor.
Am Tag nach dem Barockball hat mir die Hexe auf der gemeinsamen Rückfahrt nach Leipzig von diesen keltischen Ritualen erzählt. Die praktiziert sie immer an original keltischen Opfersteinen. Von denen, hat sie mir erklärt, gibt es im Harz mehrere.
Bei dem Felsen auf dem Foto muss es sich demnach um einen dieser seltsamen Opfersteine handeln.
Meine Freundin betrachtet interessiert das Foto. „So einen haben wir hier auch!“
Ich falle beinahe vom Sofa. „Im Ernst?“ Ich kann mich nicht entsinnen, jemals in meinem Leben auf einen keltischen Opferstein getroffen zu sein.
Und auf einmal ist unversehens einer um die Ecke!
Wenn es einen Opferstein gibt – beschließe ich umgehend – muss er auch genutzt werden!
Nur wie?
Meine Dharma-Freundin und ich haben schon öfter an tibetisch-buddhistischen Opferritualen teilgenommen. Aber ohne Lama eines an einem keltischen Opferstein durchführen?
Das trauen wir uns beide nicht zu.
Dann muss es eben nach Hexen-Art gehen!
Netterweise lässt uns die Hexe aus dem Harz, die ich über Messenger anschreibe, detaillierte Anweisungen zukommen.
„Die Schale des Opfersteins“, lese ich meiner Freundin vor, „muss mit Rosen, Lavendel, Äpfeln und Weintrauben gefüllt werden. Davor werden Kerzen platziert. Für das Ritual werden Räucherstäbchen angezündet. Der Opferstein darf erst verlassen werden, wenn die Räucherstäbchen niedergebrannt sind.“
“So einfach?“, fragt meine Freundin ungläubig.
Tibetisch-Buddhistische Opferrituale sind erheblich anspruchsvoller.
“Ist doch gut so. Das bekommen wir auf alle Fälle hin!“ Ich bin entzückt von der Idee, am nächsten Tag ein Hexen-Ritual an einem original keltischen Opferstein abhalten zu dürfen. Egal, wie unterkomplex das aus Vajrayana-Perspektive auch sein mag.
Und wirklich – stellt sich am nächsten Morgen heraus – hat meine Freundin alles, was benötigt wird, vorrätig: Äpfel und Weintrauben, Rosen und Lavendel wachsen in ihrem Garten. Räucherstäbchen hat sie als gläubige Buddhistin schachtelweise im Schrank. Und zwei Teelichter in Gläsern finden sich auch.
Ich packe alles in meinen Rucksack, dann brechen wir auf.
Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich mit einer Hexe aus dem Harz Quadrille…
Am Morgen weckt mich das Summen einer Fliege. Schlaftrunken versuche ich, mich zu orientieren: Die staubigen Fenstern sind von Efeu überwuchert. Über der fleckigen Matratze, die an der Wand lehnt, hängt mein rotes Samtkleid.
Ich tappe die schmale Stiege hinunter, drehe den riesigen Eisenschlüssel im Schloss und trete auf den Innenhof. Die frühe Morgensonne lässt den Kies leuchten. In den Zweigen der Kastanien singen Vögel.
Ich lasse die Gebäude hinter mir und folge dem schmalen Pfad in den Schlosspark. Das Knirschen meiner Schritte im Kies klingt unnatürlich laut in der Stille. Am Ufer des verschlammten Weihers lasse ich mich im feuchten Gras nieder und verrichte meine Morgenmeditation.
In gelassenem Gleichmut kehre ich eine Dreiviertelstunde später wieder zum Schloss zurück.
Im Stillen bete ich darum, dass mich diese Geisteshaltung heute nicht verlassen wird. Denn mir steht eine harte Bewährungsprobe bevor: Ich muss einen Barockball überleben.
Mit sämtlichen Vorbereitungen: Und die sind aufwendig!
Beim Frühstück im Innenhof des Schlosses erfahre ich von den anderen Gästen, dass diese mehrere Stunden für das Ankleiden und Frisieren einplanen. Alleine die Unterkleider anzuziehen, wäre echte Arbeit, wird mir erklärt.
Mein frisch herbei meditierter Gleichmut gerät sofort ins Wanken. Ich habe nicht mal einen Unterrock dabei! Und mehr als Haare hochstecken ist auch nicht drin! Ich kann – mangels einer Dusche – noch nicht mal duschen!
„Es ist, wie es ist!“, ermahnt mich meine Innere Stimme. „Genieß den Tag und erfreue dich an dem, was du hast!“
Um fünf Uhr Abends lege ich mein Buch zur Seite, verabschiede mich von den Fröschen des Weihers, die mich mit ihrem Gequake den Tag über unterhalten haben, und steige die Stiege zum Pilgerzimmer hinauf.
Nach einer Katzenwäsche schlüpfe ich in mein Rokoko-Kleid. Das reicht bis zum Boden und ist aus dickem rotem Samt genäht. Obwohl es schon auf den Abend zugeht, hat es draußen immer noch dreiundreißig Grad. Ich habe noch nicht einmal den Reißverschluss auf dem Rücken zugezogen, da ist mir schon zu heiß. „Was für ein Glück,“ denke ich bei mir, „dass ich nicht auch noch Unterröcke tragen muss!“
Vor dem winzigen fleckigen Spiegel im Badezimmer stecke ich mir irgendwie die Haare hoch. Die Haarnadeln mit den Perlen habe ich im Brautmodeladen besorgt. Noch ein bisschen Rouge und Lippenstift, dann bin ich fertig für den Ball.
Unten im Hof flanieren schon die ersten Gäste. Die sehen atemberaubend aus! Die Damen tragen prächtige Barockroben, dazu aufwendigen Kopfputz in den hohen Perücken. Die Herren stecken in Samt und Seide, der Dreizack sitzt perfekt auf den gepuderten Perücken.
Ich wandere von Gruppe zu Gruppe, bewundere ausführlich die liebevollen Details und bin entzückt von der Gesellschaft, in die ich geraten bin.
Die erfreut sich an meiner Begeisterung und sieht mir großmütig meine Minimalkostümierung nach. Es scheint ausreichend zu sein, dass ich mir Mühe gegeben habe.
Eine Frau nimmt mich zur Seite und steckt mir kunstvoll das Haar hoch. Dass ich mich glücklich schätzen könne, so lange und dicke Haare zu haben, erklärt sie mir. Die meisten hier müssten bei diesen Temperaturen Perücken tragen, weil die Natur ihnen gegenüber weniger großzügig gewesen ist.
Nach einem gemeinsamen Flanieren – und Fotografieren – im Schlosspark wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Dass ist gut-bürgerlich und nicht höfisch, aber alles andere wäre zu teuer. Schließlich speist hier nicht der echte Hochadel, sondern eher die untere Mittelschicht.
Nach dem Dessert wandern wir eine Etage höher in den Schlosssaal. Dort findet die Audienz statt.
Jeder der Gäste wird vom Zeremonienmeister namentlich aufgerufen. Mit dem Adelsnamen. Den musste man mit der Anmeldung einreichen. Den meinen hatte ich mühsam online recherchiert und – nachdem ich ihn in der Mail niedergeschrieben hatte – sofort wieder vergessen.
Deshalb realisiere ich nicht, dass diese Freifrau von sowieso, die jetzt ausgerufen wird, mein adeliges Alias ist. Glücklicherweise nehmen die Umstehenden die Sache ernster als ich. Gleich mehrere wissen, im Gegensatz zu mir, wie ich heute Abend heiße!
Jemand packt mich am Ellenbogen und schiebt mich energisch aus dem Pulk vor den Vorsitzenden des Vereins, der heute Abend als „seine Majestät“ fungiert.
Ich bekomme irgendwie einen halben Hofknicks hin und bringe mich – tiefrot vor Scham – wieder in der Menge in Sicherheit.
Danach schaltet jemand die Stereoanlage ein. Beschwingte Barockmusik ertönt. Die Tanzmeisterin ruft „Polonaise!“, alle reihen sich in Paaren hinter seiner Majestät und dessen Ehefrau auf und dann ziehen wir im Wechselschritt durch den Saal.
Die ersten Tänze, die danach kommen, bringe ich erstaunlich gut über die Bühne. Während ich zwei Schritte nach links und einen nach rechts mache, mich zwischendurch um die eigene Achse drehe und in den Knien wiege, beobachte ich fasziniert eine Frau in einer prächtigen silbernen Robe, die neben mir tanzt. Sie hat dickes braunes Haar, eine große Nase, viele Sommersprossen – und sieht wahrhaftig aus, wie eine Hexe!
In einer Pause komme ich auf dem Balkon neben dem Ballsaal mit ihr ins Gespräch. Sie sieht nicht nur aus wie eine Hexe – stellt sich heraus – sie IST doch wahrhaftig eine Hexe.
Eine echte Hexe aus dem Harz!
Die letzten Tänze darf ich mit der Hexe aus dem Harz tanzen. Die kann das so gut – und führt mich so energisch – dass ich auch die anspruchsvollen Schrittfolgen in Würde hinter mich bringe.
Der Ball, stelle ich fest, als ich um zwei Uhr morgens im Pilgerzimmer in meinen Schlafsack krieche, war ein voller Erfolg! Nur selten in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in dieser Nacht!
Und dann habe ich auch noch eine echte Hexe kennengelernt.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück packt mich die Hexe in ihr Auto und fährt mich nach Hause. Leipzig liegt auf ihrem Weg und wir haben uns einiges zu erzählen.
Sie wäre auf Facebook zu finden, teilt sie mir zum Abschied mit. Wenn ich möchte, könne ich sie gerne einmal besuchen kommen.
Ich unternehme eine Zeitreise von 400 Jahren und versuche, Quadrille zu tanzen…
Zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, machte ich mich auf den Weg in die Sächsische Provinz.
Irgendwo hinter Dresden öffnete der Regionalzug seine Türen und entließ mich in den heißen Augusttag. Gegen meine Gewohnheit zog ich einen laut ratternden Rollkoffer hinter mir her.
In der gleißenden Sonne an einem Jägerzaun lehnend und beäugt von verblichenen Gartenzwergen, wartete ich auf den Bus.
Der kam pünktlich. Ein paar Haltestellen weiter entließ er mich vor einem Schloss.
Das war etwas in die Jahre gekommen, stellte ich fest, als ich, den Rollkoffer hinter mir herziehend, durch das Tor in den Innenhof trat.
Von den Hausmauern blätterte der Putz. Den Holzfenstern und Türen hätte ein neuer Anstrich gut getan.
Während ich mich umsah, schoss ein runder Herr in kurzen Hosen aus dem Eingangsportal. Der Veranstalter, stellte sich heraus. Er begrüßte mich herzlich in breitem Sächsisch und führte mich zu meinem Schlafplatz – einem Pilgerzimmer über der Scheune.
Das war spartanisch eingerichtet, aber ideal für mich. Auto-los wie ich war, musste ich im Schloss übernachten. Die Hotels im Umkreis waren mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht erreichbar.
Zumindest Nachts. Wenn der Ball zu Ende war.
Denn in diesem Schloss würde morgen ein Barockball stattfinden. An dem ich unbedingt teilnehmen musste. Schließlich schrieb ich gerade ein Buch, indem genau ein solcher Barockball die Schlüsselzsene bildete.
Damit die so authentisch wie möglich gestaltet war, musste die Autorin des Werks einen erleben, hatte ich beschlossen.
Das ist in Sachsen nicht schwer: Im Verborgenen blüht und gedeiht eine bunte Szene, die sich der Barockmusik und dem Barocktanz verschrieben hat. Und genug Schlösser für solche Veranstaltungen gibt es auch.
Bereits im Mai hatte ich mich für diesen hier angemeldet. Die Suche nach einem einigermaßen passenden Kleid beschäftigte mich über Wochen. Barock – lernte ich – ist kompliziert. Die handgenähten Kleider sind teuer. Gebrauchte Kleider wurden zwar auf E-Bay angeboten, aber nie in meiner Größe. Barockenthusiasten – so schien es – tendieren zur Üppigkeit.
Schließlich ergatterte ich ein günstiges Rokoko-Kleid. Es stammte aus einem Theater und war lediglich milde historisch. Roter Samt und goldene Rüschen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Kostümierung den Ansprüchen genügen würde.
Nachdem ich mein Ballkleid aus dem Koffer geholt und zum Entknittern über eine, an die Wand gelehnte, alte Matratze gespannt hatte, stieg ich die schmale Stiege wieder hinunter. Der Türstock zum Hof war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste, um hindurch zu kommen.
Außer mir schienen sich alle, die sich im schattigen. Schlosshof auf den Bierbänken niederließen, zu kennen. Bei jedem Neuankömmling gab es ein großes „Hallo“.
Ich wurde neugierig beäugt. Dass ich die angebotene Bratwurst zurückwies, löste Irritation aus. Vegetarier war man erkennbar nicht gewohnt. Umgekehrt war ich irritiert von der Selbstverständlichkeit, mit der rassistische und rechte Sprüche geklopft wurden. Offensichtlich ohne böse Hintergedanken. Das schien einfach die Art und Weise zu sein, wie man sich hier unterhielt.
Dass ich Bücher schreibe, behielt ich für mich. Wie immer. Neue Bekanntschaften reagieren häufig besorgt, sie könnten sich ungewollt in meinen Geschichten wiederfinden. Meine Zusicherung, in meinen Texten alle Personen zu anonymisieren, beruhigt die wenigsten.
Nach dem Abendessen versammelten sich die Gäste im Schlosssaal. Alle Fenster standen offen. Vom Weiher strich eine kühle Brise herein. Der Schweiß lief trotzdem in Strömen. Denn die Tanzmeisterin, eine kleine drahtige Frau mit kräftiger Stimme, jagte uns energisch durch sämtliche Figuren, die für den morgigen Ball geplant waren.
Nachdem ich in meinem Ungeschick mehrere Karambolagen verursacht hatte, wurde mir zu meiner Erleichterung ein kompetenter Tanzpartner zugewiesen. Der schob mich mit eisernem Griff von Schrittfolge zu Schrittfolge. Als wir mit der Generalprobe durch waren, bedankte ich mich bei seiner Frau, dass sie ihn mir so großzügig überlassen hatte.
Morgen würde ich ohne ihn auskommen müssen.
Um Mitternacht verschwanden die anderen Gäste in Richtung Parkplatz.
Ich zog die alte Holztür hinter mir zu und drehte den mächtigen Schlüssel im Schloss, bevor ich wieder die schmale Stiege zum Pilgerzimmer hochstieg. Im Licht einer matten Glühbirne putzte ich mir in der winzigen Toilette die Zähne. Dusche gab es keine, ich beschränkte mich auf eine Katzenwäsche am Waschbecken.
In der Kammer strich ich noch einmal mein Samtkleid glatt, bevor ich in meinen Schlafsack kroch.
Während des Einschlafens versuchte ich, mir die einzelnen Tänze mit ihren Schrittfolgen ins Gedächtnis zu rufen. Mir war bang! Die Chancen standen gut, dass ich mich beim morgigen Ball bis auf die Knochen blamieren würde…
Während ich in Schweigen und „Nichts-Tun“ verharrte, war Esther in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg von Morgens bis Abends beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/
Denn wir haben große Pläne!
Ab September wird die Spirituelle WG mehr sein, als ein privates Wohnprojekt.
Sie wird zum „Zentrum für Praktische Spiritualität“!
Etwas, was weder Esther noch ich im Sinn hatten, als ich Anfang März in das Townhouse am Prenzlauer Berg zog.
Ziel war ein privates Wohnprojekt, dass uns beiden – und ein bis zwei weiteren Personen, die bis dato noch nicht gefunden sind – einen gemeinsamen spirituellen Alltag ermöglichen sollte.
Das haben wir in den letzten Monaten richtig gut hinbekommen!
Zu Beginn unseres gemeinsamen WG-Lebens betete Esther im ersten Stock, während ich unter dem Dach meditierte und mein Rauchopfer darbrachte. https://www.water-runs-east.eu/arbeitsteilung/
Nach einigen Wochen und vielen intensiven Gesprächen funktionierten wir Anfang Juni ein Zimmer zum provisorischen Meditationsraum um. Wir begannen, dort täglich eine Stunde lang gemeinsam zu meditieren.
Im Freundeskreis stieß unsere „Mini-Haus-Meditationsgruppe“ auf Begeisterung. Man wolle auch mitmachen, wurde uns gesagt.
Deshalb starteten wir Anfang Juli eine abendliche Sitzgruppe. Jeden Donnerstag ab 19.30 Uhr kann sich jeder, der Lust hat, bei uns im Meditationsraum in der Kunst des Zazen und Kinhin üben. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/
Sitzen und Atmen. Gehen und Atmen.
That´s it.
Das Angebot kommt erstaunlich gut an.
Religionsübergreifend!
Sowohl aus Esthers Evangelikaler Gemeinde wie aus meiner Tibetisch-Buddhistischen Sangha kommen Freunde, um mit uns gemeinsam zu meditieren.
Wie gut die Stille täte, wird uns gesagt. Und wie schön es wäre, mit Gleichgesinnten zu praktizieren und sich hinterher austauschen zu können.
Denn nach der Meditation gibt es Tee und Gespräche.
Dass es ein so großes Bedürfnis nach gemeinsamer spiritueller Praxis im Alltag gibt, war uns nicht bewusst. Und auch nicht, dass die Sehnsucht nach Austausch darüber so intensiv ist.
Deshalb soll die Spirituelle WG ein Ort werden, an dem sich alle – und nicht nur ihre Bewohner – in der Kunst praktischer Spiritualität üben können.
So viel wissen Esther und ich.
Wie das Programm unseres Zentrums – jenseits der Meditationsgruppe – gestaltet sein wird, liegt noch im Dunkeln.
Denn Esther und ich sind intuitiv. Während wir Wände streichen, mit den Tücken der Homepage-Gestaltung kämpfen und lange Gespräche führen, warten wir auf überraschende Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/nachricht/
Und auf Impulse von Außen.
Für Esther ist das die „Führung des Göttlichen“. Für mich ist es „Karma“.
Wie immer man die Wunder des Alltags nennt: Wir werden ihnen die Tür der Spirituellen WG öffnen und sie willkommen heißen.
In Sanskrit lautet der Name der Göttin der Friedhöfe und Verbrennungsstätten „Krodhi Kali“. Die Tibeter nennen sie „Throma Nagmo“.
Sie repräsentiert die dunkle Seite des Lebens: Vernichtung, Tod, Zerstörung.
In der tibetisch-buddhistischen Throma-Praxis wird diese zornvoll-destruktive Energie gereinigt und zum Wohle aller fühlenden Wesen nutzbar gemacht.
Thorma gehört zu den anspruchsvollsten tibetisch-buddhistischen Praktiken, die mit der Visualisierung einer Buddha-Emanation arbeiten. Die Sadhana – der uralte Praxis-Text – ist lang und kompliziert. Der Einsatz der Musikinstrumente – Glocke und Handtrommel – anspruchsvoll.
Die Energie, die – durch die visualisierten Bilder, den Gesang, die Musik und die Rezitation des Mantras der Throma Nagmo – freigesetzt wird, ist schwer auszuhalten.
Throma Nagmo ist der Inbegriff aller Urängste.
Deshalb störte es mich nicht wirklich, dass ich – nachdem das erste Throma-Retreat überlebt war – nicht mehr mit der zornvollen Göttin des Todes in Berührung kam.
Obwohl ich ihr einen Schwur geleistet hatte!
Allerdings, ohne dass mir dies in diesem Moment bewusst gewesen war. Denn der liebenswerte nepalesische Lama, der mir die Einweihung und Übertragung für Throma gab, tat dies – wie es im Tantra Tradition ist – in Tibetisch.
Während der Zeremonie hatte ich den tibetischen Text vorschriftsmäßig mit ihm gemeinsam rezitiert. Allerdings hatte ich nur die Lautschrift gelesen, die unter den tibetischen Schriftzeichen stand. Ohne zu verstehen, was ich da eigentlich sagte.
Um mir gleichzeitig auch noch die englische Übersetzung durchzulesen, rezitierte der nepalesische Lama viel zu schnell.
Als das Zeremoniell vorbei war, nahm mich Uriel zu Seite. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass du einen Schwur geleistet hast?“, fragte er mich.
Ich schaute ihn blöde an: „Habe ich das?“
Er nickte ernst: „Du hast gerade eben das Gelübde abgelegt, dass Du Throma Nagmo immer ehren und ihr folgen wirst.“
Um seine Mundwinkel zuckte es: „Im Zufluchts-Text steht: Solltest du diesen Schwur brechen, wird ein zornvoller Beschützer der Throma Nagmo deine Halsschlagader mit seinen Zähnen und Klauen zerreissen und du wirst verbluten.“
Aha.
Gloomy prospects.
Aber jetzt war es passiert. Schwur war Schwur. Und Tantra-Schwüre sind noch einmal eine Kategorie für sich.
Am Ende des Retreats im März 2023 in Uriels Mühle wurde die Sache mit Throma für mich noch einmal komplizierter!
Als wir uns alle voneinander verabschiedeten, fragte ich den nepalesischen Lama, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich den zornvollen Gott Vajrakilaya zu meiner Hauptpraxis machen würde? https://www.water-runs-east.eu/vajrakilaya/
Nach anfänglichem Widerstand hatte ich mich in den blauen zornvollen Gott mit den acht Armen, den drei Köpfen und den Flügeln verliebt. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/
Die mächtige Buddha-Emanation Vajrakilaya – beschloss ich – sollte meine Hauptpraxis werden!
Denn jeder, der tibetisch-buddhistisches Tantra praktiziert, braucht eine Praxis, die er über einen langen Zeitraum täglich ausführt.
Zu meiner Enttäuschung schüttelte der kleine runde Lama entschieden den Kopf, als er mein Ansinnen vernahm.
„No, no!“, erklärte er mir freundlich, aber unerbittlich, „your pracitce is Throma!“
Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen!
Aber was der Lama sagt, gilt! Tibetisch-buddhistisches Tantra ist kein Gemischtwarenladen, indem man aus dem Regal nimmt, was am appetitlichsten aussieht. Es ist der Weg zur Erleuchtung.
Welche Praxis dem individuellen Schüler den Weg dorthin weißt, bestimmt der Lehrer. Er verschreibt die Sadhana wie eine Medizin.
Ich beugte mich also meinem Schicksal und versprach, in Zukunft Throma zu praktizieren.
Allerdings kam dann alles anders als geplant. In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert.
Eine Seltsamkeit jagte die nächste. Wunder geschahen am laufenden Band.
Erfreuliche Wunder – und solche, die sich erst im Rückblick als positiv herausstellten.
Die Verkettung dieser schrägen Geschehnisse hinderten mich daran, weiterhin Throma Nagmo zu huldigen.
Die friedvollste, mütterlichste und angstbefreienste aller tibetisch-buddhistischen Sadhanas.
Das absolute Gegenteil von Throma Nagmo.
Innerlich atmete ich auf. „Ich würde ja gerne Throma praktizieren“, erklärte ich der zornvollen Göttin des Todes im Stillen, „aber, wie du siehst, geht es nicht! Kein Lehrer, keine Sangha – ich kann nichts dafür!“
Throma Nagmo schwieg.
Nachdem meine Halsschlagader unverletzt blieb und sich mein Leben in positiver Weise entwickelte, ging ich davon aus, dass die Göttin der Friedhöfe ein Einsehen mit mir hatte.
Vor drei Wochen – in der Nacht vom achten auf den neunten Juli – stellte sich heraus: Sie hat mir nur eine Pause gewährt.
Eineinhalb Jahre, in denen ich meine Angelegenheiten in einer Weise ordnen konnte, die meiner Throma-Praxis günstig sind.
Denn in jener Nacht tauchte sie wieder auf. Der Traum, in dem sie mir erschien, war so kraftvoll wie verstörend.
Als ich am nächsten Morgen das Internet aufrief, stand ich immer noch unter Schock. Ich brauchte nur fünf Minuten, um zu tun, was zu tun war.
Zehn Tage später wickelte ich die Statue der Throma Nagmo aus ihrer Plastik-Hülle. In der Versandbox entdeckte ich zwei Gratis-Packungen tibetischer Räucherstäbchen – „handmade“ – und eine bunte Postkarte: „Thank your for ordering!“, las ich. Und: „With best greatings from Nepal!“
Throma Nagmo ist wieder in mein Leben zurückgekehrt.
Am 19. Juli 2024 hielt sie Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg.
Esthers Gebet und meine Meditation öffnen einfach nur Türen. Esther nennt das, was sich dahinter verbirgt: „Das Göttliche“. Für mich ist es „Buddha-Natur“. https://www.water-runs-east.eu/fuelle/
Zwei Namen von unendlich vielen. Wie alle anderen, die seit Anbeginn der Menschheit für diese Kraft gefunden wurden, sagen sie – nichts…
Klüger wäre es, darüber zu schweigen – und diese Energie selbst zu erleben.
Deshalb startete in der Spirituellen WG Anfang Juli ein Experiment:
Jeden Donnerstagabend findet im Meditationsraum des Hauses eine „Sitzgruppe“ statt.
Wir sind gerade in der „Erprobungsphase“. Es wurde noch keine offizielle Einladung ausgesprochen.
Den Sommer über wollen wir uns in der Anleitung der gemeinsamen Meditation üben. Ab September – so der Plan – kann kommen, wer mag, und mit uns meditieren.
Trotzdem beginnt sich der Raum langsam zu füllen. Donnerstag für Donnerstag findet sich jemand anders aus dem Freundeskreis ein.
Was uns glücklich macht.
Denn gemeinsam zu meditieren ist eine tolle Sache! Es ist viel schöner – und geht viel tiefer – als alleine zu praktizieren.
Wenn der Gongschlag verklingt und sich Stille über den Raum legt, kann jeder ganz bei sich sein: den eigenen Körper und den eigenen Atem spüren, dazu die unendliche Offenheit des Raums – und die Präsenz der anderen.
Man muss nicht miteinander sprechen, um zu erfahren, dass alles mit allem verbunden ist.