Ein unerwartetes Ereignis macht meine Zukunftspläne zunichte und versetzt mein Ego in Angst und Schrecken…
Die innere Gewissheit, ich würde in naher Zukunft in die gemütliche Altbauwohnung des Schutzengels Israfel in Berlin-Friedrichshain einziehen, hält gerade einmal eine Woche. https://www.water-runs-east.eu/probe-wohnen/
Sie erreicht mich in Form einer E-Mail. Gefolgt von einem Telefonanruf.
Am anderen Ende: mein altes Leben.
Die letzten Septembertage verbringe ich damit, die Tragweite der über mich hereinbrechenden Ereignisse zu verdauen.
Und ihre Konsequenzen.
Am ersten Oktober lelefoniere ich mit Israfel. Und teile ihm mit, dass ich leider nicht bei ihm einziehen kann. Die Hiobsbotschaft aus meiner unabgeschlossenen Vergangenheit hat dafür gesorgt, dass ich nicht mehr die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen erfülle, um einen Mietvertrag für seine Wohnung zu erhalten.
In den Tagen vor dem Gespräch mit Israfel war ich gezwungen, eine harte Entscheidung zu treffen.
Es war meine Innere Stimme, die nüchtern beschloss, in den Krieg zu ziehen. Wenn es notwendig war, für Dharma und Sangha die Klinge zu kreuzen – wohlan! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Das Ego war – nachdem es die Mail gelesen und dem Telefonat gelauscht hatte – in panischer Angst unter die Bettdecke gekrochen. Dort bibberte es seit Tagen vor sich hin. Als es realisierte, wozu die Innere Stimme bereit war, heulte es hohl auf, kniff die Augen zusammen, hielt sich unter der Decke die Ohren zu und stellte sich tot. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/
Seufzend nehme ich am frühen Morgen des 2. Oktober auf meinem Meditationskissen Platz. Über dem schönen Waldstraßenviertel hängt die Finsternis des Herbstes. Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.
In die Stille hinein knarren die ausgetretenen Dielen des Flurs. Der Theurang hat sein Versteck auf der Garderobe verlassen und presst seine Nase von Außen gegen den Spalt meiner Zimmertür. Ausgehungert wie er ist, versucht er, etwas von der positiven Energie meiner Morgenmeditation abzubekommen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/
Ich sitze auf meinem Kissen, atme in der Dunkelheit und lausche seinem gierigen Schnüffeln.
„Alles wird gut!“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Vertrau mir!“
Auf dem Weg zum Probewohnen in Berlin-Friedrichshain bekomme ich am magischen Elstermühlgraben ein Zeichen geschenkt…
Der September nähert sich seinem Ende. Der Monat ist ereignisreich verlaufen.
Anfang September begann ich mit einem neuen Blog-Thema. Arbeitstitel: „Die Engel von Friedrichshain“. Es war auf vier bis sechs Wochen angelegt. Gerade entwickelt es sich zum Mamut-Projekt und droht, mir über den Kopf zu wachsen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/
Mitte September fiel mein „Probe-Wohnen“ bei Israfel genau auf das Mönlam – das traditionelle tibetische Gebetsfest – im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/
Als ich – in Gedanken beim am Abend beginnenden Probe-Wohnen – am Kanal vorbeilief, ertönte ganz in der Nähe der schrille Ruf eines Greifvogels. Ich legte den Kopf in den Nacken und starrte in den herbstblauen Himmel. Der war leer.
Aber irgendwo musste der Vogel sein! Seine rhythmischen Schreie hallten durch das Gründerzeit-Viertel. Suchenden Blickes lief ich weiter – und entdeckte einen Falken, der auf dem First eines Art-Deco-Hauses hockte. War er krank?
Während ich versuchte, mir einen Reim aus der Sache zu machen, ertönten plötzlich Greifvogel-Rufe vom Himmel.
Erst konnte ich nur sechs schwarze Punkte erkennen, die über den Dächern des Waldstraßenviertels kreisten. Aber innerhalb kurzer Zeit waren die Vögel so nah, dass Silhouetten und Farben keinen Zweifel ließen: Am Elstermühlgraben hatten sich sieben Wanderfalken eingefunden!
War das ein Elternpaar mit seinen gerade flügge gewordenen Kindern? Oder eine Schar Jungvögel?
Noch nie hatte ich so viele Falken gleichzeitig gesehen! Und dann auch noch in der Leipziger Innenstadt!
Das so seltsame wie seltene Schauspiel absorbierte mich. Ich stand, den Kopf in den Nacken gelegt, und starrte abwechselnd auf die kreisenden Raubvögel am Himmel und den einen auf dem Dachfirst, lauschte ihren schrillen Schreien, die das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf dem Ring übertönten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schreckte mich ein Gedanke aus meiner Trance: In einer halben Stunde ging mein Zug nach Berlin!
Ich wandte mich schweren Herzens ab und machte mich auf den Weg in die Fußgängerzone in der Annahme, ich würde die Vögel zurücklassen.
Aber ein paar Minuten später – ich hatte inzwischen den Ring überquert – ertönten erneut schrille Raubvogel-Rufe. Der Falke, den ich zuerst entdeckt hatte, war über den Goerdelerring geflogen und saß jetzt auf dem Dachfirst eines Hauses am Richard-Wagner-Platz. Über ihm kreisten die anderen sechs Wanderfalken. Ihre Schreie halten über die belebte Fußgängerzone.
Zu meinem Erstaunen schien keiner der Passanten das seltene Ereignis zu registrieren. Niemand um mich blieb stehen, hob den Kopf und versuchte herauszufinden, woher die Rufe kamen.
Lediglich die Stadttauben verstanden, was es geschlagen hatte. Ein Schwarm schoss direkt an mir vorbei. Die Vögel flogen so tief, dass ihre Bäuche beinahe das ausgetretene Kopfsteinpflaster streiften. Innerhalb von Sekunden waren sie in einer dunklen Tordurchfahrt verschwunden.
Auf meinem Weg durch die Altstadt begleiteten mich unaufhörlich die schrillen Schreie der Wanderfalken. Im Schutz von Dachfirsten und Erkern kauerten Tauben in Todesangst. Die frechen Spatzen, die sich sonst um die Essensreste an den Mülleimern balgten, waren verschwunden.
Aber keiner der Passanten realisierte, dass er gerade gerade ein ornithologisches Kriegsgebiet durchquerte.
Am Himmel kreisten sieben ununterbrochen schreiende Wanderfalken – auch der vom Dachfirst hatte sich jetzt seinen Artgenossen angeschlossen – am Boden war alles Gurren, Piepen und Singen verstummt.
Während ich die Altstadt durchquerte, schraubten sich die Falken höher und höher in den Herbsthimmel. Ihre schrillen Schreie wurden schwächer, bis sie vom Straßenlärm verschluckt wurden.
Als ich – kurz vor dem Hauptbahnhof – am Unteren Park angekommen war, sangen dort die Amseln in den Bäumen. Ein Pulk Spatzen stritt sich, laut zschirpend, um die Reste eines Brötchens.
Die Raubvögel waren verschwunden.
Während der Fahrt nach Berlin starrte ich aus dem Fenster des ICE auf die ausgedörrten Wälder Brandenburgs. In meinen Ohren klangen immer noch die schrillen Schreie der sieben Wanderfalken.
Sie waren wahrhaftig ein Zeichen gewesen!
Nur: Was es zu bedeuten hatte, war mir nicht zugänglich.
Meine Entscheidung, Buddhistin zu werden, katapultiert mich vier Jahre später in das gottlose Berlin-Friedrichshain…
Nach dem Probe-Wohn-Wochenende spricht alles dafür, dass ich zukünftig einen Schutzengel als WG-Genossen haben werde. https://www.water-runs-east.eu/israfel/
Genau dieses Zentrum ist – so meine Vermutung – das eigentliche Ziel meines unfreiwilligen Umzugs: Damit ich weiterhin Fortschritte in meiner Meditationspraxis mache, muss ich dorthin. Und nicht nur als Gast. Ich muss Teil der Gemeinschaft werden.
Buddhistin unter Buddhisten.
Denn ich bin Buddhistin. Ich habe Zuflucht genommen.
Die Zufluchtnahme ist ein magischer Pakt zwischen Lehrer und Schüler: Der Lehrer verspricht, alles zu tun, um den Schüler dabei zu unterstützen, Buddhaschaft zu erlangen. Und der Schüler verspricht dem Lehrer, alles zu geben, um dieses Ziel zu erreichen.
Wenn einer von beiden dieses Versprechen – Samaya – bricht, hat das weitreichende negative karmischen Konsequenzen. Über viele Leben – so heißt es – ist in diesem Fall der Zugang zu den Lehren Buddhas versperrt.
Deshalb sollte man niemals leichtfertig Zuflucht nehmen zu Lama, Dharma und Sangha…
Man nimmt nämlich nicht nur zum Lehrer Zuflucht – dem Lama – sondern gleichzeitig auch zur Lehre Buddhas – dem Dharma – und zur Gemeinschaft der buddhistischen Praktizierenden – der Sangha.
Vor vier Jahren habe ich zu meiner Khandro Zuflucht genommen. Dadurch bin ich zur Buddhistin geworden.
Ohne jede Begeisterung – um es vorsichtig zu formulieren. Ich war schließlich durch und durch katholisch.
Die Zufluchtnahme war der Preis, den ich bezahlen musste, um „mein“ Mantra zu bekommen. Vajra Armor. Es ist speziell.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nichts darüber. Niente! Nothing!
Abgesehen davon, dass ich es unbedingt brauchte. Weil dies meine Innere Stimme beschlossen hatte.
Die monatelange Dauerklage meines Egos – dem das Mantra schnurz-piep-egal war und das bei dem Gedanken, Buddhistin zu werden, Krämpfe bekam – hatte nichts daran geändert. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
An einem sonnigen Donnerstag im Oktober 2019 nahm ich also Zuflucht bei der Khandro. Zum Erstaunen meines Egos fuhr während des Ritus kein Blitz vom Himmel und erschlug mich.
Vier Jahre später ist diese Zufluchtnahme auf einmal wieder sehr präsent. Denn während des Mönlam – des tibetischen Gebetswochenendes – habe ich mich zum ersten Mal als Teil einer buddhistischen Gemeinschaft gefühlt. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/
Buddhistin unter Buddhisten. So wie es eigentlich sein soll. Und wie ich es in der Zufluchtnahme versprochen hatte.
In meinem Untermietzimmer in Leipzig steigen während der Morgenmeditation Bilder in mir auf.
Die Khandro mit ihrem prächtigen tibetischen Hut. Ihr langes blondes Haar glänzt im Licht der warmen Herbstsonne. Gedämpft klingt das Rauschen eines Wildbaches herein. Eine Fliege brummt am Fenster.
Der gleichförmige tibetische Singssang der Khandro erfüllt den Raum. Sie schwenkt eine Bhumpa – die tibetische Ritualvase mit geweihtem Safranwasser – über meinem Kopf.
Alles ist vollkommend fremd, zutiefst beängstigend – und gleichzeitig auf seltsame Weise vertraut…
Die Bilder, die aus meinem Inneren aufsteigen, sind so intensiv, das mir ist, als würde ich alles hier und jetzt erleben. Der Geruch der brennenden Räucherstäbchen. Ihre zarten Rauchfäden, während die Khandro das geheimnisvolle Ritual vollzieht.
Die Energie ist atemberaubend.
Ich fühle, wie ich, als alles zu Ende ist, schwankend aufstehe, mich ungeschickt vor der Khandro verbeuge – dabei einen Dank stammelnd – und aus dem Schreinraum stolpere.
Der schmale Flur liegt dunkel und kalt vor mir. Die Tür auf der anderen Seite ist halb geöffnet. Stimmengewirr dringt zu mir. Ich mache ein paar Schritte und stehe in der Küche des unbekannten Hauses. Um einen großen Tisch sitzen Fremde, ins Gespräch vertieft.
Ich schnappe auf meinem Meditationskissen im grauen Leipzig erschrocken nach Luft. Das hatte ich vollkommend vergessen!
Nach der Zufluchtnahme und dem daran anschließenden Vajra-Armor-Retreat kehrte ich nach Hause zurück in der naiven Annahme, ich könne mein Leben weiterleben wie zuvor.
Aber während folgenden zwei Jahren zerbrach meine Existenz. Alles was geschah, war mir völlig unverständlich. Eine Aneinanderreihung von Katastrophen, denen ich hilflos ausgeliefert schien.
Am Ende finde ich mich in einer verwunschenen Altbauwohnung in Leipzig wieder. Dort lebe ich zur Untermiete. Zusammen mit einem Theurang und zwei verschrobenen Mitbewohnern. https://www.water-runs-east.eu/spirits/
Auch hier ist die Energie atemberaubend. Atemberaubend negativ.
Mehr als ein Jahr muss ich das aushalten, bevor ich bereit bin, die Rettung anzunehmen. Sie kommt in Form von Suriyels Riwo Sang Chöd. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Dreieinhalb Jahre nach meiner Zufluchtnahme finde ich mich wegen des Rauchopfers das erste Mal in Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain ein. https://www.water-runs-east.eu/praxis/
Und wieder das Gefühl vollkommener Fremdheit – und gleichzeitig seltsamer Vertrautheit.
Das fahle Grau der Morgendämmerung fällt durch die hohen Altbaufenster. Auf meinem Meditationskissen sitzend, starre ich auf den ausgetretenen Parkettboden. Alles um mich dreht sich.
Ich habe – wird mir in diesem Moment bewusst – an dem Tag, an dem ich Zuflucht nahm, den gesamten Dreiklang des Buddhismus geschenkt bekommen: Dharma, Lama und Sangha!
Verbohrt wie ich war, konnte ich nur eines davon – den Lama in Gestalt der Khandro – akzeptieren.
Bis ich in der Lage war, auch die anderen beiden Gaben meiner Zuflucht annehmen zu können, musste ich lange und intensiv leiden.
Das Mönlam – das traditionelle tibetisch-buddhistische Gebetsfest – in Berlin-Friedrichshain findet ein stimmungsvolles Ende…
Nach drei Tagen des gemeinsamen Betens findet das Mönlam am Sonntagabend ein würdiges Ende.
Mit brennenden Kerzen in den Händen wandern die Teilnehmer – ein Mantra singend – in Scharen zur Stupa im Garten. Sieben Mal muss sie umkreist werden, so lautet die Regel. Nach den vorgeschriebenen Runden stellt einer nach dem anderen seine flackernde Kerze auf dem Sims des großen weißen Kegels mit der goldenen Spitze ab.
In der Dunkelheit hängt der Geruch von Herbst über dem Garten des buddhistischen Zentrums. Mitten darin leuchtet die majestätische Stupa – umkränzt von einer Kette aus Kerzenschein – wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Sie scheint vor Energie zu glühen.
Einer Energie, die das ganze Zentrum vibrieren lässt und sicher auch jenseits des hohen Zaunes in den Straßen Friedrichhains wahrnehmbar ist.
Für die, die spüren wollen…
Als ich von der Stupa zurückkomme, hat sich das ehrenamtliche Orga-Team in der Teestube versammelt. Alle sind gerade damit beschäftigt sich gegenseitig zu versichern, wie gut alles gelaufen ist. Und das bei mindestens 150 Teilnehmern täglich und mehr als zwanzig Lamas, die im Zentrum übernachtet haben. Dazu kamen Gäste aus anderen buddhistischen Zentren Berlins, die an den Nachmittagen Vorträge hielten. Tausend Dinge hätten schief gehen können. Von der Organisation über die Technik bis zur Verpflegung.
Aber – wie durch ein Wunder – hat alles wie am Schnürchen geklappt. Und das mit einem ehrenamtlichen Team, dass noch nie eine Veranstaltung in dieser Größenordnung organisieren musste.
Das Orgateam ist glücklich, erleichtert – und völlig fertig! Niemand der Verantwortlichen hat irgendetwas von der Veranstaltung mitbekommen. Alle waren ununterbrochen von ihren tausend Pflichten in Beschlag genommen.
Nichts desto Trotz: Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum in Friedrichhain hat wieder eine Bewährungsprobe bestanden. Und ein ganzes Wochenende lang viele Menschen glücklich gemacht.
Später laufen Israfel und ich auf überfüllten Gehwegen an Kneipen, Bars und Spätis vorbei. Jenseits der Mauern des Buddhistischen Zentrums genießen Nachtschwärmer eine der letzten lauen Nächte, bevor der Herbst endgültig das Regiment übernimmt.
Während ich – auf Israfels Küchensofa liegend – dem gedämpften Lärm Friedrichhains vor dem geöffneten Fenster lausche, wird mir bewusst, dass die Idee, nach Berlin zu ziehen, viel von seinem Schrecken verloren hat.
Es könnte sogar sein, denke ich beim Einschlafen, dass es schön werden wird…
Am dritten Tag des Mönlam – des traditionellen tibetisch-buddhistischen Gebetswochenendes – findet ein Problem eine überraschende Lösung…
Während des Mönlams wird von morgens bis abends gebetet.
Angeleitet von der dröhnenden Stimme des nepalesischen Unze – des Vorbeters – rezitieren etwa 150 Menschen im Tempel des buddhistischen Zentrums stundenlang traditionelle tibetische Texte.
Das erzeugt eine ganz eigene Energie. Alles – so kommt es mir vor – beginnt zu fließen.
Weil das stundenlange Sitzen und Rezitieren anstrengend ist, haben die Organisatoren in weiser Vorraussicht großzügige Pausen eingeplant.
Während der Unterbrechungen wird getrunken, gegegessen, geplaudert – und vor den Toiletten angestanden. Für solche Menschenmassen wie während des Mönlam ist das Zentrum nicht ausgerichtet.
Zu Beginn der ersten Pause an diesem Sonntagvormittag steuere ich deshalb das Ende der langen Schlange vor der Toilette neben dem Tempel an. In Trippelschritten bewege ich mich vorwärts. Es fällt mir nicht schwer, mich in Geduld zu üben. Bin ich doch seit gestern Abend intensiv mit einem Problem beschäftigt.
Es geht um meinen Blog. Genauer um einen Blogtext für meine Fantasy-Geschichte „Die Engel von Friedrichshain“. Gerade hänge ich im Plot: Dem Dämon Beelzebub ist der Zutritt zu genau dem Zentrum, vor dessen Toilette ich gerade anstehe, verwehrt.
Er kommt nicht rein – hatte ich beim Schreiben beschlossen – weil die Energie im Inneren des Zentrums so positiv ist.
Das war einerseits eine tolle Idee – erzähltechnisch. Andererseits hatte ich mir damit ein ordentliches Problem eingehandelt. Ebenfalls erzähltechnisch.
Denn irgendwie musste Beelzebub trotzdem in das Zentrum kommen. Nur wie?
Ich hatte mir stundenlang den Kopf zerbrochen, alle möglichen Varianten durchgespielt – aber es war nichts vernünftiges dabei rausgekommen.
Und ich wollte eine „buddhistische“ Lösung. Es war schließlich ein buddhistisches Zentrum, mit dem der archaische Naturgott Baal konfrontiert war. Deshalb musste es auch eine dem Zentrum – und dessen Energie – angemessene Auflösung geben.
Aber mir wollte einfach nichts Brauchbares einfallen!
Ich brauchte Hilfe!
Glücklicherweise hatte mich Karma pünktlich für diesen Blog-Beitrag im Mönlam platziert – umgeben von mindestens 20 Lamas. Einer davon würde mir ganz sicher weiter helfen können!
Während des Betens in den Morgenstunden war mein Blick immer wieder die Bänke vor dem Altar hinauf und hinunter gewandert. Da saßen die offiziellen Würdenträger ordentlich aufgereiht, Asiaten und Europäer bunt gemischt. Lediglich zwei Frauen waren darunter.
Welchen von ihnen sollte ich fragen?
Die Idee, einfach nach dem Zufallsprinzip ein paar Lamas anzusprechen, hatte ich sofort wieder verworfen. Alle waren auf das Gebet fokussiert. Die Gefahr war groß, dass sie meine Frage – und dann auch noch wegen eines christlichen Dämons! – als störend empfinden könnten.
Ich brauchte ein Zeichen.
Vor mich hin sinierend, wie ich es am Besten anstellen sollte, war ich an der Spitze der Schlange angekommen. Die Toilettentür schwang auf und ein rundlicher europäischer Lama mit Brille in roter Robe trat heraus, schlängelte sich an mir vorbei und verschwand im Tempel.
Als die Mittagspause anbrach, war ich immer noch nicht klüger. Wieder reihte ich mich in die lange Schlange ein. Wieder ging, als ich vor der Toilette angekommen war, die Tür auf – und wieder trat der selbe rundliche europäische Lama mit Brille in seiner roten Robe heraus.
Das Spiel wiederholte sich während der Nachmittagspause: Wieder ging – als ich an der Reihe war – die Toiletten-Tür auf und wieder trat der rundliche Lama mit Brille heraus.
Ich atmete erleichtert auf. Na bitte! Das Zeichen!
Nachdem auch ich meinen Toiletten-Besuch absolviert hatte, ging ich sofort zum Angriff über. Ich entdeckte den nichtsahnenden Lama am Ende des Speisesaal. Als ich bei ihm angelangt war, erklärte ich ihm – Englisch – ich hätte ein Problem, wir hätten uns gerade zum dritten Mal vor der Toilettentür getroffen und deshalb wäre ich der Überzeugung, dass er derjenige wäre, der mir helfen könne. Ob er kurz Zeit für mich hätte?
Es war ihm anzusehen, dass er keine Lust darauf hatte, sich während seiner wohlverdienten Kaffee-Pause das Problem einer offensichtlich völlig überspannten Frau anzuhören.
Ergeben nickend ließ er sich trotzdem von mir zum nächsten freien Tisch schieben. Dort erklärte ich ihm, ich schriebe einen Blog. In der Geschichte käme ein Dämon vor, der in ein buddhistisches Zentrum wolle, aber durch die positive Energie dort am Zutritt gehindert wäre. Die Erzählung wäre aber so angelegt, dass er unbedingt hinein müsse. Ich bräuchte ein buddhistische Lösung für dieses Problem. Ob ihm was einfallen würde?
Ich war beeindruckt von seiner Reaktion. Erst die Story mit der Toilettentür, dann der Blog mit dem Dämon vor dem buddhistischen Zentrum – die allermeisten hätten daraus geschlossen, ich wäre ein Fall für die Psychiatrie.
Der rundliche Lama blühte auf. Seine wachen Augen hinter den Brillengläsern blitzten. „Es ist eine Geschichte?“, fragte er auf Englisch noch einmal nach. „Ja, genau!“, bestätigte ich. „Ich suche jemanden, der sich mit Buddhismus auskennt und Geschichten mag!“
„I love stories!“, kam es zurück. Mein Gesprächspartner dachte etwa drei Sekunden konzentriert nach, bevor er Luft holte, und zu einer Erklärung ansetzte: „Das ist ganz einfach! Jedes Mal, wenn jemand in diesem Zentrum von negativen Gefühlen übermannt wird, ist es so, als ob er diesem Dämon die Tür öffnet!“
Genau das war es, was ich gesucht hatte!
Während ich mich überschwenglich bedankte, war der Lama bereits aufgestanden, nickte mir noch einmal zu und verschwand in Richtung Kuchen-Buffett.
Ich sah ihm beeindruckt nach. Karma hatte mir einen außergewöhnlich intelligenten Lama über den Weg geschickt.
Nachdem ich mir eine Tasse Kaffee besorgt hatte, entdeckte ich in einer Ecke des Speisesaals zu meinem Erstaunen Suryiel, der sich angeregt unterhielt. Und zwar genau mit „meinem“ Lama.
Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu den beiden zu treten und Suriyel von dem schrägen karmischen Zeichen zu berichten, dass mich zu seinem Gesprächspartner geführt hatte.
Und den blitzgescheiten Lama informierte ich darüber, dass Suriyel in der Blog-Geschichte vorkam, für die er gerade eine so brillante Wendung gefunden hatte. Dass der Hardcore-Buddhist Suriyel im Blog ausgerechnet als Erzengel auftrat, behielt ich allerdings für mich.
Irgendwann am Abend traf ich Suriyel in einer ruhigen Minute alleine an. Ich nutzte die Gelegenheit ihn zu fragen, wer denn dieser Lama wäre, den ich heute drei Mal vor der Toilette getroffen hatte?
Das wäre sein Wurzel-Lama gewesen, erfuhr ich. Und der höchste Würdenträger der tibetisch-buddhistischen Linie in Polen. Er habe, faktisch im Alleingang, Vajrayana nach Polen gebracht.
Jetzt war mir mein Auftritt peinlich. In meiner Fokussierung auf die Blog-Geschichte und das seltsame karmische Zeichen waren ein paar elementare soziale Informationen an mir vorüber gegangen: z.B., dass der rundliche Lama in der ersten Reihe platziert worden war, direkt neben dem Abt. Und auch, mit welchem Respekt ihm ansonsten begegnet wurde.
Ich hatte mich wieder einmal ordentlich daneben benommen. Der hohe Würdenträger schien sich darüber allerdings – so zumindest mein Eindruck – weniger geärgert, sondern eher amüsiert zu haben.
Ein paar Wochen später machte sich Suriyel auf den Weg nach Polen. Er wollte an einem Retreat seines Wurzel-Lamas teilnehmen.
Ich trug Suriyel auf, er solle ihn doch bitte von mir grüßen und ihm ausrichten, dass aus seiner Idee inzwischen eine Geschichte geworden war.
Ich ging davon aus, dass der polnische Lama mich nicht vergessen hatte: Die Frau, die er in Berlin-Friedrichshain drei Mal vor der Toiletten-Tür getroffen und von der er deshalb um Hilfe für eine schräge Blog-Story gebeten worden war.
Obwohl man als Lama sicher die seltsamsten Dinge erlebt…
Am ersten Abend des Mönlam – dem traditionellen tibetischen Gebetsfest – findet eine Feuer-Puja statt…
Während der Teepause am Nachmittag bildet sich in einer Ecke des Tempels eine lange Schlange. Die Teilnehmer des Mönlams tragen Namen über Namen in eine Liste ein, die dort ausliegt.
Denn heute Abend gibt es eine Feuer-Puja.
Über dem Buddhistischen Zentrum hängt die Dunkelheit. Alle sind satt vom guten Essen und müde vom stundenlangen Gebet. Als die zwanzig Lamas in ihren orangenen Roben den Tempel betreten, fällt einigen der Teilnehmer des Mönlams das Aufstehen für die respektvolle Begrüßung erkennbar schwer.
Der tibetische Abt, der uns alle den ganzen Tag durch das Zeremoniell geführt hat, wirkt vollkommend wach. Und das trotz seines fortgeschrittenen Alters!
Er wird auch die Feuer-Puja anleiten. Als er das Eingangsgebet spricht, bildet sich im Tempel ein seltsamer Sog.
Begleitet vom schrillen Dröhnen der Trompeten, dem durchringenden Scheppern der Zimbeln und dem fibrigen Klingeln der Glocken in den Händen der Lamas, tritt der Chöpen – der Messdiener – an den Altar, um dort das Zeremoniell vorzubereiten.
Mit jeder Minute wird die Energie im Tempel intensiver. Alles scheint zu vibrieren. Die Teilnehmer sind jetzt wach. Alle Müdigkeit ist verschwunden.
Von einen unsichtbaren Band gezogen, stehe ich auf, schlängele mich durch dichtbesetzte Reihen und setze mich direkt vor den Altar. Es ist gerade noch so viel Platz, dass der Chöpen an mir vorbei laufen kann. Er schenkt mir keine Beachtung.
Der rhythmische tibetische Sing-Sang des Abtes wird von den konzentrierten Bewegungen des Chöpen am Altar begleitet.
Auf der Terrasse des Tempels entzündet Suriyel währenddessen das Feuer. Durch die offene Tür dringt die Kälte der Nacht, begleitet vom Knacken und Knistern der Holzscheite, an denen die ersten Flammen lecken. Der Geruch von Rauch breitet sich im Raum aus. Nach ein paar Minuten tanzen die ersten Feuerzungen in der Dunkelheit, ich nehme es aus den Augenwinkeln war, während ich wie hypnotisiert beobachte, was sich direkt vor mir abspielt.
Der Messdiener tritt mit den Opfergaben zum Abt. Der greift mit der einen Hand zur Glocke, die andere hebt er und segnet die Gaben. Während der Chöpen das Tablett mit den kleinen Schalen langsam vor dem Abt kreisen lässt, schwenkt der die Glocke und murmelt dabei vor sich hin.
Das fiebrige Läuten der Glocke, begleitet vom unverständlichen Strom der Worte füllt den Saal und steigt zur hohen Decke. Die Energie ist jetzt so stark, dass mein ganzer Körper vibriert.
Direkt vor dem Abt ist die aufgerollte Liste mit all den Namen befestigt, die die Mönlam-Teilnehmer am Nachmittag darauf geschrieben haben.
Der Chöpen nimmt den Stab mit der Namensliste, legt ihn auf das Tablett und trägt – in die plötzliche Stille hinein – beides auf die Terrasse.
Während der Abt wieder die Stimme erhebt und – begleitet von den Lamas – rezitiert und betet – wirft Suriyel erst die Opfergaben, danach die Liste in das wild lodernde Feuer.
Als das Papier von den Flammen verzehrt wird, schießt eine Stichflamme in die Dunkelheit.
All die Namen der Menschen, die krank oder vor kurzem gestorben sind, verbrennen in Sekunden. Begleitet von der Energie des Rituals, das sie von ihrem Leid befreien soll.
Das Mönlam – des traditionellen tibetischen Gebetsfest – ist eine so stimmungsvolle wie überraschende Angelegenheit…
Der Unze – der Vorbeter – ein schöner junger Lama mit Löwenstimme – wurde extra für das Mönlam aus Nepal eingeflogen. Hospitiert vom Chöpen – dem nepalesischen Lama, der als Messdiener fungiert – führt er souverän durch das Programm. Unter seiner Anleitung beten und singen wir den ganzen Vormittag über.
Als die Mittagspause beginnt, treten wir aus dem kühlen Tempel in die warme Herbstsonne. Vor der Tür begrüßt uns der Lärm der Großstadt: Von der nahen Karl-Marx-Allee klingt monotones Verkehrsrauschen, über unseren Köpfen dröhnt ein Rettungshubschrauber. Die Stimmen von Schulkindern schallen vom Gehweg in den verwunschenen Innenhof des buddhistischen Zentrums.
Nach den Stunden, die wir – begleitet von der dröhnenden Stimme des Unze – mit tibetischem Gebet verbracht haben, löst der plötzliche Kontakt mit der Realität Berlin-Mittes ein geradezu schockartiges Gefühl aus.
Im Zentrum geht es weiterhin exotisch zu: Die Lamas in ihren leuchtend roten und orangen Gewändern reihen sich – streng hierarchisch geordnet – als erstes am Buffett auf. Nachdem sie versorgt sind, darf sich das Fußvolk anstellen. Es gibt reichlich und köstlich zu essen. Ein Trupp Ehrenamtlicher hat den ganzen Vormittag für mehr als 100 Leute gekocht – und deshalb das Vormittagsgebet verpasst.
Nachdem die Mittagspause beendet ist, finden sich wieder alle im Tempel ein. Der Abt eines Berliner Klosters, aus Sri Lanka stammend, hält einen Vortrag. Seine Linie gehört zur Theravada-Tradition des Buddhismus. Diese ursprüngliche Form fußt ausschließlich auf die überlieferten Reden Buddhas, den Pali-Kanon.
Im Gegensatz dazu gehört der tibetische Buddhismus zur Mahayana-Tradition. Der Mahayana – eine Reformbewegung, die etwa 500 Jahre nach Buddhas Tod im 2. Jahrhundert nach Christus entstand – beruft sich, neben dem Pali-Kanon, auch auf andere Schriften und zeichnet sich durch ein divergierendes Verständnis des Bodhisattva-Prinzips, des Laientum und des Klosterlebens aus.
Das Verhältnis zwischen den „alten“ und den „reformierten“ Traditionen des Buddhismus ist kompliziert. Es dominieren Vorurteile und Vorbehalte. Umso schöner finde ich es, dass ein Vertreter des Theravada zu einem Mahayana-Gebetsfest eingeladen wurde. Der Abt betet in seiner Tradition mit uns, danach hält er einen anregenden Vortrag.
Um zu uns zu kommen, musste er gerade mal ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. So wäre das eben in Berlin, erklärt mit Suryiel in der Kaffee-Pause: Hier wolle jede Buddhistische Linie – egal ob „alt“ oder „reformiert“ – Flagge zeigen und einen Tempel unterhalten. Berlin, London und Paris – da müsse man als buddhistische Linie, die auf sich hält, präsent sein. Mit dem Ergebnis, das alles, was global im Buddhismus von Wichtigkeit ist, seinen Weg nach Berlin findet.
Ich bin unversehens im Buddhistischen Schlaraffenland gelandet! Das hätte ich dem säkularen Berlin nicht zugetraut! In meiner bayerisch-katholischen Arroganz ging ich immer davon aus, dass es hier nur Party und Subkultur, aber keine Religion gibt. Umso schöner, dass mich Karma ausgerechnet in Suriyels buddhistisches Zentrum nach Berlin-Mitte geführt hat!
Beseelt nehme ich nach der Pause wieder auf meinem Gebetskissen Platz und stimme, zusammen mit hundert Mitbetern – Zeile für Zeile tibetischen Text von der Leinwand ablesend – in den dröhnenden Gesang des schönen nepalesischen Unze ein.
Zum Mönlam finden sich buddhistische Lehrer aus verschiedenen Ländern, Klöstern, Linien und Traditionen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain ein…
Misstrauisch beäugt von Israfels Katze nehme ich am frühen Morgen auf meinem Meditationskissen Platz.
Von der Warschauer Straße ertönt gedämpfter Verkehrslärm. Vor dem Haus entlädt der türkische Gemüsehändler seinen Transporter. Das Klappern und Krachen der abgestellten Kisten klingt rhythmisch zu mir hoch.
Ich lausche den Geräuschen Friedrichhains und beobachte, wie die Morgensonne langsam über den Parkett des leeren Zimmers wandert. Das hier ist der Raum, für den ich mich zum „Probe-Wohnen“ bei Israfel eingefunden haben.
Ich sitze, atme, lausche den Geräuschen um mich und bemühe mich, dem beängstigenden Gefühl vollkommener Verlorenheit, das mich erfüllt, mit freundlicher Gelassenheit zu begegnen.
Nachdem meine Meditationseinheit abgeschlossen ist, stoße ich im Flur auf Israfel. Er ist gerade dabei, sein schönstes Hemd zu bügeln. Ich hole mein langes Kleid aus dem Rucksack. Es ist schließlich Mönlam!
Nach einem hastigen Frühstück ziehen wir vor der frustrierten Katze die Wohnungstür ins Schloss und eilen zu Fuß ins Buddhistische Zentrum.
Dort herrscht bereits reger Betrieb. Zwanzig Lamas aus Nepal und verschiedenen Ecken Europas sind in den letzten Tagen angereist. Sie übernachten während des Mönlam im Buddhistischen Zentrum. Dazu werden noch eine Reihe buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Zentren Berlins erwartet. Und obendrauf noch mindestens 100 Laien. Alle müssen ein komplettes Wochenende lang bekocht und versorgt werden.
Das Mönlam ist selbst für Suryiels tibetisch-buddhistisches Zentrum, das zu den größten Berlins gehört, eine Herausforderung. Dazu kommt, dass es das allererste traditionelle Gebetsfest ist, dass dort stattfinden wird. Niemand hat Erfahrung damit. Entsprechend nervös sind die ehrenamtlichen Helfer und Organisatoren.
Als wir eintreffen, sind die Lamas gerade mit ihrem Frühstück fertig und wandern von der Teestube in den Tempel. Dort wurden – in jeweils drei Reihen links und rechts des Altars – Schreintische und Sitzgelegenheiten für sie bereitgestellt.
Suriyel erzählt mir später, dass es eine höchst komplexe Angelegenheit war, im Vorfeld zu entscheiden, welcher Lama an welcher Stelle platziert werden sollte. Das wäre ganz große Politik gewesen: Es musste streng nach Hierarchie und Status entschieden werden.
Die wichtigsten Lamas dürfen in die erste Reihe, die ein bisschen weniger wichtigen in die zweite. Das Lama-Fußvolk kommt in die dritte Reihe. Dazu sind alle noch mal in jeder einzelnen Reihe nach Wichtigkeit sortiert. Je näher am Altar, desto höher der Status.
Die tibetisch-buddhistischen Lamas – Asiaten wie Europäern – tragen rote Kutten. Heute sind außerdem noch drei Herren in Orange zu Gast. Es handelt sich um indonesische Theravada-Mönche aus einem buddhistischen Zentrum in Berlin, dessen Abt heute Nachmittag einen Vortrag halten wird.
Israfel und ich sichern uns zwei Plätze, von denen wir einen guten Blick auf eine der beiden Leinwände haben, die links und rechts des Altars aufgebaut wurden. Wir werden die nächsten drei Tage von morgens bis abends beten: Die Gebetstexte werden mit Beamern darauf projiziert.
Als der Gründer des Zentrums – eine hoher tibetisch-buddhistischer Lama – den Tempel betritt, ist der bis auf den letzten Platz besetzt. Und das an einem ganz normalen Freitag-Morgen! Wer es irgendwie einrichten konnte, hat sich den Tag frei genommen.
Nach den Niederwerfungen setzen sich alle. Dann wird das Mönlam feierlich eröffnet: Die Lamas in den ersten beiden Reihen stülpen sich riesige gelbe Hüte über den Kopf. Ein paar greifen zu den traditionellen tibetischen Trompeten, zwei andere schlagen die großen Trommeln.
Das schrille Vibrato der Trompeten, untermalt von den rhythmischen Trommelschlägen, lässt den Tempel beben. Dazu steigt aus mehreren Schalen der Geruch von Räucherwerk auf. Er vermischt sich mit dem intensiven Duft der Blumen, die in großen Vasen neben dem Altar platziert sind.
Alles um uns bebt vor Energie. Es fühlt sich an, als wären wir in eine andere Dimension und in eine andere Wirklichkeit katapultiert worden. Dass jenseits der Mauern des Zentrums der ganz normale Wahnsinn eines Werktags in Berlin-Friedrichshain stattfindet, erscheint plötzlich surrial.
Wir dagegen befinden uns mit einem Mal im 15. Jahrhundert, irgendwo in einem Kloster in Zentral-Tibet. Die unverputzten Wände des Tempels, die moderne Technik, die Europäer in ihrer westlichen Kleidung – es ist, als wäre alles durch die intensive Vibration transzendiert worden.
Nachdem die Musik verstummt ist, erhebt der höchste Lama seine Stimme und beginnt in wohlklingendem Singsang auf Tibetisch das erste Gebet zu sprechen. Alle anderen fallen ein.
Ich verbringe eine Nacht in Friedrichshain auf dem Küchensofa eines Schutzengels…
Als ich mich mit Israfel auf den Weg zu ihm nach Hause mache, geht hinter dem Fernsehturm gerade die Sonne unter.
In der Woche davor war ich bereits einmal in der Altbauwohnung in der Nähe der Warschauer Straße zu Besuch gewesen: Wir hatten die Modalitäten meines „Probe-Wohnens“ besprochen und mir wurden die gemütliche Altbauwohnung und die Katze vorgestellt.
Oder besser gesagt: Ich wurde der Katze vorgestellt.
An diesem Tag hatte ich zwei Entscheidungen getroffen: Zum einen, dass der fusselbärtige Assistent Suriyels in Zukunft als Schutzengel Israfel in diesem Blog von Bedeutung sein wird.
Zum anderen, dass ich dort eine Geschichte über die „Engel Friedrichshains“ schreiben würde…
Wie sich herausstellen sollte, waren die Engelsgeschichte und das Mönlam – das Gebetswochenende im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum – auf das engste miteinander verwoben.
Aber erst einmal durfte ich die Nacht vor dem offiziellen Beginn des Mönlams auf Israfels Küchensofa verbringen. Kritisch beäugt von Israfels eigenwilliger Katze, der anzusehen war, dass sie nicht viel von der Idee mit dem „Probe-Wohnen“ hielt.
Nachdem Israfel und seine Katze zu Bett gegangen waren, lauschte ich in der dunklen Küche der fremdartigen Geräuschkulisse Friedrichhains während einer Donnerstagnacht. Verkehrslärm mischte sich mit Musik aus den Kneipen und Bars. Es wurde gerufen, geschrien und gejohlt.
Das hier sollte mein zukünftiges Zuhause sein?
Mein spießiges Ego zog sich verstört die Decke über die Ohren.
Mein „Probe-Wohnen“ in Friedrichshain fällt ausgerechnet auf das große Gebetswochenende im Buddhistischen Zentrum.
Als ich am Berliner Hauptbahnhof die Treppe hinunter zur U-Bahn nehme, spüre ich ein fast schon vergessenes Kribbeln im Bauch. Es fühlt sich genauso an wie damals, während der Kindheit, als das Christkind hinter der verschlossenen Wohnzimmertür die Geschenke brachte.
Heute ist nicht Weihnachten, aber dafür beginnt Mönlam!
Die Tradition dieses großen tibetischen Gebetsfestes reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Es dauert sieben Tage und wird gleich nach dem tibetischen Neujahr im Februar zelebriert.
Während des Mönlam versammeln sich Mönche und Laien, um gemeinsam für ein langes Leben ihrer Lehrer, für die Verbreitung des Dharma – der Lehre Buddhas – und für Frieden auf der Welt zu beten. In Tibet finden schon lange keine Mönlams mehr statt, die chinesischen Besatzer haben sie verboten. Aber in den großen tibetischen Exilgemeinden in Indien und Nepal werden sie immer noch gefeiert. Dann kommen jedes Jahr Tausende zusammen.
Das Mönlam im Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain ist in allem eine Nummer kleiner: es dauert nur drei Tage und keine sieben. Es werden keine tausend Gäste erwartet, sondern lediglich um die 150. Und es findet nicht im Februar statt, sondern im September.
Aber ansonsten ist alles, wie es sein soll: Bereits seit ein paar Wochen ist ein Lama aus Nepal im Buddhistischen Zentrum zu Gast, der die riesigen Tormas – die Opfergaben – für das Mönlam vorbereitet. Suriyel hilft ihm dabei, die Formen aus Holz herzustellen, um die dann ein Getreide-Teig geknetet wird. Wenn der getrocknet ist, werden die Opfergaben aufwendig bemalt. Die Herstellung von Tormas ist eine Kunst für sich! Der bescheidene Mönch ist ein Meister seines Fachs.
Als ich, vom U-Bahn-Ausgang kommend, das Buddhistische Zentrum betrete, summt es dort wie in einem Bienenstock!
Aus der Küche klingt das Klappern von Töpfen: Gerade wird das Abendessen für die Lamas gekocht, die bereits aus allen Ecken Europas angereist sind.
Durch die Gänge und Wege des Zentrums hasten Freiwillige, kontrollieren Listen, schleppen Stühle, Teller, Gebetstexte und tausend andere Kleinigkeiten.
Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und betrete den großen Tempel. Der Blick des riesigen Buddha ruht voller Gelassenheit auf dem bunten Treiben zu seinen Füßen.
In einer Ecke schraubt die Technik-Crew am Mischpult herum. Ein paar Leute rücken Sitzunterlagen und Stühle zurecht. Jemand verteilt Meditationskissen.
Ich trete an den Altar: Noch nie habe ich so schöne und große Tormas gesehen! Sie sind perfekt geformt und von Hand bemalt. Das zentrale Torma ist der Grünen Tara gewidmet. Im zarten Halbrelief streckt sie Hand zum Friedenssegen aus.Es wirkt, als wolle sie die gläserne Statue eines Kindes beschützen, die direkt unter ihr platziert ist.
Auf meine Frage hin erklärt mir eine Nonne mit britischem Akzent auf Englisch, dass es sich um den kindlichen Buddha handelt. Er wird, so sagt sie mir, während der Zeremonien eine wichtige Rolle spielen.
Während ich die Tormas und das seltsame Kind aus Glas bestaune, betritt ein Trupp nepalesischer Lamas den Tempel. Sie nehmen vor dem Altar Platz und packen traditionelle tibetische Trompeten – Rag Dung – aus. Gemeinsam fangen sie an, darauf zu spielen. Das schrille Vibrato ihrer Instrumente hallt durch den Tempel, hinaus in die Straßen und Hinterhöfe Friedrichhains.
„Alles ist bereit!“, rufen sie. „Das Mönlam kann beginnen!“
Ich verbringe einen sonnigen Augustsonntag im Buddhistischen Zentrum und erhalte eine Einladung…
Meine Innere Stimme hat beschlossen, dass ein Umzug nach Berlin ansteht.
Gegen meinen Willen!
Den ganzen August über bin ich im Widerstand. Das Keifen und Lamentieren meines verstörten Egos hält mich während der Nächte wach und verdüstert meine Tage.
Es hat eine lange Liste an Argumenten, die gegen ein Leben in Berlin sprachen. Aber eine Sorge treibt es besonders um:
„Und wie stellst du dir das vor? Bei dem angespannten Wohnungsmarkt in Berlin? Dort eine Wohnung zu suchen ist ein Albtraum! Da mache ich nicht mit!“
Ich kann meinem ängstlichen Ego nur zustimmen. Wenn die Innere Stimme uns in Berlin sehen will, ist es an ihr, dafür zu sorgen, dass eine Unterkunft auftaucht. Wie immer sie das auch anstellen will.
Die Innere Stimme schweigt.
Am letzten Sonntag im August fahre ich das erste Mal seit vier Wochen wieder ins Buddhistische Zentrum nach Friedrichshain. Die Sommerpause dort ist vorüber.
Nachdem wir die „Grüne Tara“ und das Riwo Sang Chöd hinter uns gebracht haben, sitzen Suriyel, sein Assistent Israfel und ich hinter der Teeküche auf der Terrasse und plaudern.
Israfel beklagt sich darüber, dass seine Mitbewohnerin, die gerade erst eingezogen ist, nächste Woche wieder ausziehen wird. Und das, wo es so anstrengend ist, jemanden zu finden, mit dem er gut zurechtkommt!
„Ich suche übrigens ein Zimmer in Berlin“, höre ich mich zu ihm sagen.
Suriyel, der links von mir sitzt, wäre vor Schreck beinahe von der Bank gekippt. Ich bin genauso erschrocken wie er.
„Was redest du da?“, zischt mein Ego die Innere Stimme an. „Bist du verrückt geworden?“
Aber es ist zu spät: Der Satz ist ausgesprochen. Er schwebt über dem kleinen Rasenstück vor der Terrasse. Nach ein paar Sekunden beginnt er sich im Takt der Gebetsfähnchen sanft im Wind zu wiegen. Vor unseren Augen steigt er zur goldenen Kuppel der Stupa auf und tanzt einmal um ihre Spitze, bevor er über den Dächern Friedrichhains verschwindet.
Nun gut, erklärt mir Israfel, nachdem er unseren Blicken entschwunden war. Wenn ich das wollen würde, könne ich gerne am nächsten Wochenende bei ihm übernachten.
Denn während meines Aufenthalts im polnisch-weißrussischen Bialowieza-Nationalpark zwei Wochen zuvor, war mir bewusst geworden, wie sehr ich diese Praxis entbehre. https://www.water-runs-east.eu/frevert/
Im letzten Urwald Europas begegneten mir auf Schritt und Tritt all die fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche, deren Erlösung meine Aufgabe ist.
Das ist das Grundprinzip buddhistischer Praxis in der Mahajana-Tradition. Zu Beginn jeder Meditation leiste ich den „Bodhicitta-Schwur“: Das Versprechen, Erleuchtung nicht aus eigensüchtigen Motiven erreichen zu wollen, sondern zur Beendigung allen Leidens.
Noch nie sind mir so viele Schattenwesen begegnet, wie in dieser archaischen Landschaft:
Erschossenen Juden.
Zu Tode gehetzten und gefolterte Partisanen.
Niedergemetzelten Dorfbewohner.
Und all die unzähligen Anderen, die in diesem riesigen uralten Wald ihr Leben verloren.
Ein nicht enden wollender Strom von Leid, Tod und Verzweiflung.
Heute sind es Flüchtlinge aus den entferntesten Orten der Erde, die hier – in diesem wilden Schwemmland, dessen Moore so unwegsam sind, dass nicht einmal die Wölfe es durchqueren – versuchen, nach Europa zu gelangen.
Wie viele von ihnen in den Sümpfen von Bialowieza zu Grunde gehen, weiß niemand.
Und ich konnte all diesen Wesen – deren verzweifelte Energie mir regelrecht den Atem nahm – nichts besseres anbieten, als ein paar Kerzen und Räucherstäbchen.
Weil ich zu träge gewesen war, das Rauchopfer zu lernen. Immer nur dabei saß, wenn Uriel – der Herr der Mühle – es mit mir praktizierte. Das hatte ich nun davon: Am hungrigsten Ort, in dem ich jemals gewesen war, fand ich mich alleine und mit leeren Händen wieder.
Deshalb trat ich an einem Sonntag im Juli – nach meiner Rückkehr aus dem Urwald – die Fahrt nach Berlin an. Es gab keinen anderen Platz, an dem ich das Rauchopfer hätte lernen können. Uriel lebt in einer einsamen Mühle am Ende der Welt. Er ist nicht erreichbar für mich. https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-eins/
Also musste es Berlin sein. Genauer: Friedrichshain. Ein Gedanke, der mich schaudern ließ!
Im Buddhistischen Zentrum angekommen, stellte ich fest, dass es dort angenehm ist. Mein Fazit während der Heimfahrt mit dem ICE zurück nach Leipzig war trotzdem: Es war kein Ort, den ich mir freiwillig ausgesucht hätte.
Umso verblüffte war ich deshalb über das, was sich am darauffolgenden Samstag ereignete: Während eines nachmittaglichen Spaziergangs durch die Leipziger Altstadt, meldete sich auf einmal meine Innere Stimme: „Tschüss Leipzig“, murmelte sie in mein Ohr. Kopfschüttelnd lief ich weiter. Ich musste mich verhört haben.
Doch es kam schlimmer!
Am nächsten Tag – einem Sonntag – fuhr ich ein zweites Mal nach Berlin, um mich von Suriyel in der korrekten Durchführung des Riwo Sang Chöd unterweisen zu lassen. Nachdem wir damit zu Ende waren, machte ich mich auf den Heimweg. Es war ein schöner Sommertag. Deshalb beschloss ich – anstatt die U-Bahn zu nehmen – bis zum Hauptbahnhof zu laufen.
Umweht von Abgasen, wanderte ich in Richtung Alexanderplatz – und dachte dabei an nichts. Auf einmal erklang erneut meine Innere Stimme: „Hallo Berlin!“
Diesmal war es kein Flüstern. DAS hatte ich mir definitv nicht eingebildet. Ich blieb wie erstarrt auf dem breiten Gehsteig der Karl-Marx-Allee stehen.
Auf den Fahrstreifen wurde gerade eine Radfahr-Demo abgehalten: Hunderte entspannt winkende Berliner radelten an frustriert hupenden Autofahrern vorbei, die schon seit längerem im Stau festsaßen. Auf einer nahen Parkbank hockten – beschallt von einem Ghetto-Blaster – kiffende Jugendliche und ergötzten sich an dem Schauspiel.
Ich fand es auch interessant. In der Art, in der ein Anthropologe den Ritus eines Indigenen-Stammes auf Papua-Neuguinea spannend findet. Und begleitet vom Wissen, dass mich bald ein ICE in mein zivilisiertes Leipzig zurückbringen würde.
Und auf einmal hieß es „Hallo Berlin!“
„Ach komm!“, flehte ich meine Innere Stimme an. „Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein? Gestern: ‚Tschüss Leipzig‘? Heute ‚Hallo Berlin‘?
Als ich am Abend wieder in meinem Untermietzimmer angekommen war, schrieb ich eine Textnachricht an Uriel: „Ich werde wohl nach Berlin ziehen müssen.“ Der dachte, ich mache einen Scherz. Wie ich fand er, dass Berlin schön für ein paar Stunden ist. Aber sicher kein Ort, an dem man freiwillig lebt.
Ich ziehe nicht aus freien Stücken nach Berlin: Meine Inneren Stimme hat mich dazu verurteilt…
Ich lasse die dustere Wohnung samt ihren verwunschenen Bewohnern hinter mir…
Während der Nacht fühle ich mich, als würde ich am nächsten Morgen zum Schafott geführt werden.
Nach unruhigen Stunden im Halbschlaf kündigt trübes Morgengrauen den 29. Februar. Ein Schalttag.
Zufall…
Aber trotzdem stimmig: Ein gewöhnliches Datum wäre für dieses Ereignis unpassend gewesen.
Ein letztes Mal tappe ich auf knarzenden Dielen über den dusteren Flur, stelle in der Küche meine Espressokanne auf den altertümlichen Herd.
Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.
Lediglich der Theurang ist bereits wach. Er hockt wie eine zerzauste Krähe auf der Garderobe und beobachtet jede meiner Bewegungen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/
„Ich gehe heute,“ flüstere ich ihm im Vorbeilaufen zu. „So leid es mir tut, ich kann dich nicht mehr füttern.“
Ich spüre seinen missgünstigen Blick, als ich – vorsichtig die Kaffeetasse balancierend – die Tür zu meinem Zimmer aufstemme.
Dort sieht es ungemütlich aus: Umzugskisten stapeln sich fast bis zur Decke. Schwarze Müllsäcke lagern Schicht auf Schicht. Während ich mein Bettzeug in die letzte leere Tüte stopfe, lausche ich auf das Läuten der Umzugsleute.
Die kommen – wie immer – zu spät.
Ich habe noch keine Umzugsfirma erlebt, die zum versprochenen Zeitpunkt vor der Tür steht. Und ich bin schon oft in meinem Leben umgezogen.
Deswegen verstehe ich auch nicht, warum sich ausgerechnet dieser Umzug so sehr nach „Tod“ anfühlt.
Von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachte ich zwei Stunden später, wie der Außenaufzug in gleichmütiger Monotonie mein Hab und Gut aus dem vierten Stock in den Transporter befördert.
Damit die beiden Umzugsleute in Ruhe ihre Arbeit tun können, gehe ich in die Bäckerei an der Ecke, um dort einen letzten Kaffee zu trinken. Maria und ich haben uns dort fast täglich getroffen. Jetzt ist sie in der Arbeit.
Sie wird in Zukunft ohne mich zurecht kommen müssen…
Mein Untermietzimmer ist übrigens wieder vermietet! Am Vortag kam ein Interessent, der es genommen hat.
Ich habe nur Gesprächsfetzen mitgehört, aber allem Anschein nach leidet er an Liebeskummer. Er habe eine Beziehung beendet und brauche so schnell als möglich eine neue Bleibe.
Willkommen im „Liebeskummer-Zimmer“.
So habe ich es getauft.
Meinem verwunschenen Vermieter fiel der Zusammenhang nicht auf: Kurz nach meinem Einzug vor zwei Jahren zählte er auf, wer schon alles in diesem Zimmer gewohnt hatte. Und erklärte mir, warum der-, oder diejenige, ein- und wieder ausgezogen war.
Fazit: Alle hatten sie Liebeskummer…
Das ist die Grundvorraussetzung, um in dieses Untermietzimmer einziehen zu können. Alle anderen – die eine praktische Bleibe suchen, eine gute WG-Gemeinschaft, oder ein günstiges Zuhause im schönen Waldstraßenviertel – lehnen dankend ab. Die Wohnung ist ihnen zu duster, der Vermieter zu seltsam.
Und auch wenn sie ihn weder sehen, ja noch nicht einmal von seiner Existenz ahnen, spüren sie die negative Energie des Theurangs, der jede ihrer Bewegungen während der Besichtigung aus den Augenwinkeln verfolgt.
Aber jemand, der mit Liebeskummer auftaucht, fühlt sich zuhause!
Die dusteren Bilder an den Wänden empfindet er als anheimelnd.
Der ausgetretene Parkett knarzt im Rhythmus der inneren Seufzer.
Die ausgehungerte Gier des Theurang, die drückend in allen Winkeln der Wohnung hängt, korrespondiert perfekt mit der Leere des Herzens.
Als ich damals in dieser Wohnung stand, wusste ich, dass ich genau das gefunden hatte, was ich brauchte.
Meinem Nachfolger wird es nicht anders ergangen sein. So habe ich ihn zumindest verstanden, während ich so still als möglich mein bescheidenes Fach im Badezimmer leerte und sauber wischte.
Heute darf ich weiterziehen. Was immer mich an diese Wohnung und seine verwunschenen Bewohner gebunden hat, scheint abgegolten zu sein.
Während ich – nachdem die Umzugsleute aufgebrochen sind – mein leeres Zimmer kehre, frage ich mich, was es wohl in der Tiefe gewesen ist, das mich hierher gebracht hat?
Ich habe keine Antwort darauf…
So ist es das mit Karma: Wir wissen, dass es uns leitet – von einer Verstrickung zur nächsten.
Auf das – Schritt für Schritt, in einer unendlichen Abfolge an Handlungen – die Balance wiederhergestellt wird.
Das Gleichgewicht allen Lebens…
Aber wie dessen Regeln lauten und welchen Gesetzen es folgt, bleibt uns verschlossen.
Mein morgendliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – dient dem Wohl meiner Mitbewohner…
Seit drei Tagen stellt das morgendliche Sang eine echte Herausforderung dar!
Denn: Ich werde übermorgen umziehen – und entsprechend chaotisch sieht es in meinem Untermiet-Zimmer aus.
Die Räucherschale mit der glühenden Kohle in der Hand balanzierend, steige ich über Stapel von aussortierten Büchern und stolpere über zusammengerollte Teppiche.
Dass hinter meinem Rücken eine Wand aus bereits gefüllten Umzugskartons aufragt, ist meiner Konzentration nicht förderlich.
Ich gebe trotzdem jeden Morgen mein Bestes.
Bald werde ich die verwunschene Wohnung verlassen haben.
Das tägliches Riwo Sang Chöd ist mein Abschiedsgeschenk.
Für die dustere Wohnung, in der sich negative Energie in allen Ritzen und Ecken abelagert zu haben scheint.
Für deren unglücklichen Bewohner, die gefangen sind in seltsamen Phantasien, Riten und Bräuchen.
Für meinen Nachfolger, der noch nicht gefunden ist.
Und für den Theurang.
Der kleine Kobold, der in der Garderobe im Flur zuhause ist und seine Mitbewohner ohne Unterlass quält, ist der einzige, der versteht, was ich tue.
Deshalb erfreut er sich jeden Morgen an meinem Rauchopfer. Und ist den Rest des Tages umgänglich.
Aber allen anderen nützt es ebenso. Und nicht nur, weil der Theurang dadurch befriedet ist.
Die Energie in der Wohnung ist fühlbar angenehmer, seit ich täglich mein Rauchopfer praktiziere.
Ich gehe davon aus, dass es sich nur um einen temporären Effekt handelt. Ich bin schließlich kein Lama, sondern nur eine kleine Praktizierende.
Wenn ich übermorgen verschwunden sein werde, ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich das Unglück die Wohnung zurückerobert haben wird.
Mein tägliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – ruft seltsame Traumbilder in mir wach…
In der Nacht nach meinem fünften „Homemade Riwo Sang Chöd“ träumte ich das erste Mal vom Mond. Im Traum stand er unbewegt am nächtlichen Himmel. Mir schien es, als würde er mich mit kaltem Blick fixieren.
Am nächsten Morgen nahm ich im Zustand des emotionalen Aufruhrs auf meinem Meditationskissen Platz, um mein tägliches Rauchopfer zu praktizieren.
Während ich meine zahlreichen Gäste bewirtete und dabei tiefes Mitgefühl für die Leiden aller fühlenden Wesen in mir wach hielt, versuchte ich zu ergründen, was gerade geschah?
Ich tappte völlig im Dunkeln…
In der darauffolgenden Nacht träumte ich abermals vom Mond: Wieder stand er voll und still am Himmel. Um mich erkannte ich die vagen Umrisse menschlicher Gestalten. Ein seltsames Murmeln begleitete ihre Bewegungen. Sie kamen und gingen als flüchtige Schatten.
Am Morgen wieder das tägliche Rauchopfer.
Während ich die Instant-Nahrung auf das glühende Kohlestück löffelte, war es mir, als würden sich an meinem offenen Fenster die Traumgestalten der letzten Nacht versammeln.
Das Mantra „Om ah Hum“ murmelnd, ließ ich die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten. Im Zustand tiefer Trance beobachtete ich dabei die tanzenden Rauchschwaden, die zum wolkenbedeckten Himmel aufstiegen.
Auf einmal war ich mir sicher, dass hier und jetzt meine Traumgestalten um mich waren, die sich an meinem Opfer gütlich taten!
Die Erkenntnis wurde begleitet von tiefem Mitgefühl: Wie waren sie doch verzweifelt und verloren!
Eine Welle der Trauer überschwemmte mich, kaum war dieser Gedanke an die Oberfläche meines Bewusstseins aufgestiegen.
Die nächsten Tage und Nächte waren unschön. Um es vorsichtig zu formulieren.
Jeden Morgen fütterte ich meine hungrigen Gäste.
Meine Tage brachte ich irgendwie hinter mich, innerlich gequält vom Gefühl völliger Verlorenheit.
Und jede Nacht träumte ich von Monden.
Vom vertrauten Erdtrabanten, der mich seit dem Beginn dieser Existenz begleitet.
Von fremden Monden, die um unbekannte Planeten kreisen und auf denen ich mich in meinen Träumen unversehens wiederfand. Ich wanderte Nacht für Nacht durch seltsame Landschaften – Wüsten, Dschungel, Hochebenen, Gebirge – immer begleitet von kahlen, mit Kratern überzogenen Himmelskörpern.
In diesen Träumen begegnete ich den seltsamsten Wesen. Mit allen schien ich auf tiefe Weise verbunden zu sein.
So kam es mir zumindest vor.
Meine Tage waren erfüllt von Trauer. Immer wieder überschwemmte mich das Gefühl des unendlichen Verlustes. Dabei hätte ich nicht zu sagen gewusst, was es war, was ich verloren hatte.
Es war einfach nur ein Gefühl vollkommener Leere. Als hätte sich unversehens in mir ein gigantischer Krater aufgetan, der gefüllt werden wollte.
Jeden Morgen fütterte ich während des Riwo Sang Chöd meine Gäste. Insbesondere die, die ich Nachts in meinen Träumen auf den fremden Planeten getroffen hatte.
Aber ganz besonders fütterte ich mich selbst. Nach jedem Rauchopfer erhob ich mich von meinem Kissen mit dem tröstlichen Gefühl, das Loch in meinem Inneren würde gerade – Schicht für Schicht – mit etwas aufgeschüttet, was ich unendlich lange entbehrt hatte.
Sang – traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – sind unkompliziert und angenehm. Ihre Wirkung aber ist nicht zu unterschätzen…
…“Khorwa dong né trukpar solwa deb…“ rezitiere ich jeden Morgen bei meinem Riwo Sang Chöd, dem „Berg-Rauch-Opfer“.
Der Satz kommt irgendwann in der Mitte des Ritus, im Kapitel „The Seven Aspects of Devotional Pracitce“.
Weil man in diesem kurzen Kapitel nichts tun muss – weder Visualisieren, noch Opfern, noch Musik machen – habe ich ihm bisher keine große Beachtung geschenkt.
Während der ersten beiden Wochen, in denen ich mein tägliches Sang alleine Zuhause praktizierte, war ich vollauf damit beschäftigt, das „Drehbuch“ korrekt durchzuziehen.
Rauchopfer gehören zu den unkomplizierten Riten des tibetischen Buddhismus.
Das bedeutet nicht, dass es nichts zu tun gäbe: Der Text muss mit verschiedenen Melodien gesungen werden.
Es gilt, drei verschiedene Mantras zu rezitieren – zwei mit Hilfe der Mala, eines mit Mudras, speziellen Handbewegungen.
An den mehreren Stellen bin ich gefordert, gleichzeitig in der rechten Hand die kleine Trommel zu drehen und in der Linken die Glocke zu schwingen.
Und natürlich muss visualisiert werden! Anfangs produziert man das Bild Guru Padmasambhavas – des höchsten Heiligen Tibets, von dem, der Legende nach, das „Riwo Sang Chöd“ stammt – vor sich.
Zu diesem visualisierten Bild nimmt man „Zuflucht“, während man sein tiefes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen bewusst wahrnimmt. Danach „verwandelt“ man sich selbst in ihn, ruft dabei diese Emotion in sich selbst wach und hält sie während des gesamten Ritus.
Der Rauch des verbrennenden Speiseopfers wird mit Hilfe von Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt und an alle Gäste der vier Klassen verteilt.
Deren Anwesenheit man zumindest „fühlen“, noch besser aber „sehen“ sollte.
Und oben drauf bin ich immer gefordert, mein Speiseopfer in einer Weise darzubringen, die den Rauchmelder nicht alarmiert.
“Unkompliziert“ ist eine Frage der Definition…
Deshalb hat es ein bisschen gedauert, bis bei mir ankam, was ich mir da eigentlich jeden Morgen wünsche.
Übersetzt bedeutet “Khorwa dong né trukpar solwa deb“: „Ich bete dafür, dass mein Samsara in der Tiefe durchgerüttelt wird.“
So harmlos das Riwo Sang Chöd daherkommt: Sein Anspruch ist radikal.
Und auch sein Effekt.
Ich zumindest bin gerade ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, weil der Boden unter meinen Füßen bebt.
Ohne dass es mir bewusst war, habe ich mir ein Erdbeben gewünscht – und ich habe es bekommen…
Während des traditionellen Rauchopfers soll man nicht nur alle Gäste Mitgefühl entgegenbringen, sondern auch sich selbst…
Jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, weiß, dass das Ziel der Übung „Erleuchtung“ ist.
Zwischen dem Praktizierenden und diesem wunderbaren Zustand – der nicht weniger als das Ende allen Leidens bedeutet – steht ein störrisches Etwas, das aufgeregt hüpft, winkt und ununterbrochen redet, um ganz viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.
Üblicherweise läuft dieses lästige Ding in der westlichen buddhistischen Szene unter „Ego“.
Keiner mag es. Alle wollen es so schnell als möglich los werden. Es gibt in der buddhistischen Szene markige Sprüche wie „Das Ego muss sterben!“
Deshalb ist es verblüffend, dass während des Rauchopfers nicht nur mit liebendem Mitgefühl – dem Bodhicitta – an alle fühlenden Wesen gedacht werden soll – sondern auch an den eigenen karmisch verstricken Geist.
Sonst wirkt das Opfer nicht.
In unserer westlichen Logik steht das in diametralem Widerspruch zu „Selbst-Losigkeit“.
Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sie in einem der Bücher Jack Kornfields gelesen. Der wurde, zusammen mit vielen anderen renomierten westlichen buddhistischen Lehrern, nach Dharamsala eingeladen. Dort wollte der Dalai Lama von ihnen wissen, was denn das größte Problem wäre, mit dem sie in ihren Meditationsunterweisungen konfrontiert wären.
Ausnahmslos alle im Konferenzraum erklärten, der „Selbsthass“ ihrer Schüler wäre das größte Hindernis in ihrem Bemühen, den Buddhismus zu lehren.
Und dann passierte etwas schräges: Der Dalai Lama verstand nicht, was ihm die westliche Lehrer sagen wollten! Und seinen tibetischen Berater ging es nicht anders. Und es handelte sich nicht um ein Übersetzungsproblem.
Die tibetischen Mönche samt ihrem höchsten Oberhaupt wusste mit dem Konzept von „Selbsthass“ nichts anzufangen.
Worauf die westlichen buddhistischen Lehrer unter Zuhilfenahme von vielen Beispielen erklärten, was es damit auf sich hatte. Es war kompliziert und zeitaufwendig.
Als der Dalai Lama schließlich begriff, was „Selbsthass“ ist, war er fassungslos. Und begann zu weinen…
Wer also nicht alle Buddhas und Bodhisattvas – die Gäste der ersten Klasse, die zum häuslichen Riwo Sang Chöd erscheinen – traurig machen will, der sollte es sich erlauben, auch an sich selbst in liebender Güte zu denken.
Trotz aller Neurosen, Charakterschwächen und sonstiger Unzulänglichkeiten, die der Erleuchtung entgegenstehen…
Durch die Praxis des Sang – des klassischen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – werden karmische Beschwernisse beseitigt…
Regelmäßig tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren, geht mit vielen positiven Resultaten einher:
Von den Buddhas und Bodhisattvas – den Gästen der ersten Klasse – erhält man Segnung.
Die Gäste der zweiten Klasse – Schützer – beschenken mit besonderen Fähigkeiten und Einsichten.
Wenn die fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen – die Gäste der dritten Klasse – gesättigt sind, danken sie es mit Wohlwollen.
Es gibt jedoch noch eine vierte Klasse von Gästen: die fühlenden Wesen, die uns nicht gut gesonnen sind!
Während unserer unendlichen Wanderung von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel geschehen. Mit uns – und mit denen, die uns auf unserer Reise begegnet sind.
Wir haben Gutes getan – und Schlechtes.
Deshalb gibt es die Kräfte, die uns karmisch in positiver Weise verbunden sind.
Aber auch die, bei denen wir karmische „Schulden“ haben.
In unserem Dasein zeigen sich diese Verbindlichkeiten aus früheren Leben als Konflikte, Widerstände, gescheiterte Pläne und Niederlagen.
Der unerträgliche Vorgesetzte, der nervige Kunde, die tyranische Verwandtschaft, der untreue Geliebte…
Sie tun uns etwas an – weil wir bei ihnen in der Schuld stehen.
Diese karmischen Passiva müssen entweder mühsam und schmerzhaft „abgearbeitet“ werden – oder man praktiziert ein Sang.
Denn zum Rauchopfer werden bewusst nicht nur die Kräfte eingeladen, die uns wohlmeinend bis neutral gegenüberstehen, sondern auch die vierte Klasse der Gäste.
Die, die mit uns ein Hühnchen zu rupfen haben.
Ihre Anwesenheit ist nicht immer einfach auszuhalten. Trotzdem bitten wir sie zur Tafel: Während der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aufsteigt, visualisieren wir die Präsenz all derer, mit denen wir in Konflikten verstrickt sind. Und wir bewirten sie mit Weisheitsnektar, so gut es uns möglich ist.
Wenn es uns gelingt, während des Rauchopfers eine Haltung der Großzügigkeit gegenüber unseren Widersachern einzunehmen – tiefes Mitgefühl für ihr Leiden zu entwickeln, während wir sie nähren – kann sich mit der Zeit die karmische Blockade auflösen.
Nachdem das morgendliche Sang abgeschlossen ist, wird auf die – immer noch glühenden – Kohle in der Räucherschale ein Bröckchen Guggul gelegt.
Das tibetische Baumharz sondert, während es qualmend verbrennt, einen strengen Geruch ab.
Die Gäste der vierten Klasse – unsere karmischen Gläubiger- verabscheuen ihn!
Wir laden sie zum Mahl, um unsere Schulden bei ihnen zu begleichen. Aber dauerhaft im Haus möchte sie niemand haben. Deshalb werden sie am Ende des Rauchopfers zügig hinauskomplimentiert.
Zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – werden alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche geladen…
Wenn die dritte Klasse der Gäste zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – eintrifft, geht es hoch her!
Hungergeister mit langen dünnen Hälsen kämpfen verzweifelt um den besten Platz an der Tafel: ihre Gier ist grenzenlos! Obwohl sie sich immer alles in ihre riesigen Münder stopfen, was ihnen vor die Nase kommt, sind sie bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Schlund ist so eng, dass fast nichts davon in ihren leeren Mägen ankommt.
Mit rasender Wut werden sie von den Bewohnern der Hölle zur Seite gedrängt. Die kämpfen gegen alles, was ihren Wünschen und Bedürfnissen in die Quere kommt. Obwohl sie unendliche Qualen leiden, ist es ihnen nicht möglich, von ihrem Hass zu lassen.
Der große Pulk der Tiere, die ebenfalls den Ruf zum Mahl vernommen haben, hält sich von diesen Gästen fern. Von ihren Instinkten geleitet, spüren sie, wie gefährlich ihnen Hungergeister und Höllenbewohner werden können.
Die Halbgötter in ihren Rüstungen lassen sich von den Höllenbewohnern nicht beeindrucken. Die Hand am Schwerknauf stossen sie die wüsten Gesellen zur Seite, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Dewas, den Göttern. Denn der größte Wunsch der Halbgötter ist es, aufzusteigen und selbst zum Gott zu werden. Weil ihnen das nicht gegeben ist, werden sie von Eifersucht zerfressen.
Die Dewas lässt das kalt. Sie schweben in erhabener Arroganz über der Masse des gemeinen Volkes. Durch gutes Karma in die höchste Stufe der sechs Daseinsbereiche hineingeboren und mit allen Attributen des Glücks versehen, sind sie den Sorgen und Nöten der anderen fühlenden Wesen enthoben. Ihre größte Angst ist es, alt zu werden und zu sterben. Und das werden sie, auch wenn ihre Lebensspanne viele Jahrtausende umfasst. Früher oder später ist ihr gutes Karma aufgebraucht und sie müssen wieder in den Kreislauf des Samsara zurückkehren.
Während ich vorsichtig einen Löffel der nepalesischen Rauchopfer-Fertigmischung auf das Stück glühende Kohle in meiner Feuerschale gebe, beobachte ich aus den Augenwinkeln meine Gäste, die am offenen Fenster auf ihr Mahl warten.
Mit der kleinen Schale in der Hand trete ich zu ihnen, stelle mein qualmendes Speiseopfer vor ihnen auf das Sims und nehme auf meinem Kissen Platz.
Dort murmle ich – dazu die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om ah hung“ vor mich hin und konzentriere mich dabei darauf, im Zustand des tiefen Mitgefühls den tanzenden Rauch in magischen Weisheitsnektar zu verwanden.
Befriedigt stelle ich fest, dass der Trick funktioniert: jeder meiner Gäste bekommt genau das, was er braucht!
Die Hungergeister können sich endlich satt essen.
Die Höllenbewohner werden durch das spirituelle Mahl friedlich gestimmt.
Die Tiere unter meinen Gästen entspannen sich und werden weniger von ihren Instinkten getrieben.
Die Halbgötter vergessen während des Mahls ihre Eifersucht und ihren Neid.
Und die Arroganz der Götter verwandelt sich in Bescheidenheit und Akzeptanz.
Als Mensch bin ich Teil der bunten Schar. Auch ich bin eine Bewohnerin der sechs Daseinsbereiche. In meiner jetzigen Form bin ich zum Leid verurteilt, denn das ist die Last der menschlichen Existenz – und gleichzeitig die Qualität, die uns auszeichnet.
Denn den Menschen ist es als einzigen Wesen der sechs Daseinsbereiche vorbehalten, gutes Karma zu generieren, zur Erleuchtung zu erlangen und Samsara – den Kreislauf der Widergeburten – dauerhaft zu überwinden.
Deshalb praktiziere ich jeden Morgen mein Riwo Sang Chöd: Ich erwerbe mit jedem Ritual des Rauchopfers „Verdienst“ – gutes Karma – das sich positiv auf meine zukünftigen Widergeburten auswirken wird.
Und während ich es praktiziere, fühlt es sich nicht nur wunderbar für meine Gäste an – sondern auch für mich: Denn ich trage alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche in mir.
Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd füttere ich jeden Morgen meine eigenen hungrigen Anteile, befriede meine Wut, besänftige meine Ängste, lindere meine Eifersucht und Arroganz.
Das Riwo Sang Chöd dauert nur eine halbe Stunde. Wenn ich mich danach von meinem Meditationskissen erhebe, fühle ich mich super!
Ich kann nur allen empfehlen, es ebenfalls einmal zu versuchen…
Die „zweite Klasse der Gäste“ die zum tradtitionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer geladen wird, hat besondere Aufgaben…
Unser persönlicher Beschützer ist immer bei uns. Er begleitet uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt seit dem Beginn unserer vagen Existenz.
Er wird bei uns bleiben, bis wir das große Ziel – Buddhaschaft – erlangt haben werden.
So heißt es in der Nyingma-Tradition, einer der beiden „alten“ schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus.
In unseren Träumen können wir mit unserem persönlichen Beschützer in Kontakt treten. Wenn wir offen dafür sind und Präsenz auch im Schlaf halten können, wird er sich zeigen. Dann gibt er Rat und lädt ein in sein Reich, das jenseits von Raum und Zeit liegt.
Wem so viel Wachheit nicht gegeben ist, den führt er aus dem Unbewussten. Er – oder sie, es gibt Beschützer und Beschützerinnen – ist die Innere Stimme, die den Weg weißt.
Das, was wir „Intuition“ nennen…
Es gibt „zornvolle“ und „friedvolle“ Beschützer und Beschützerinnen.
Wer mit der sanften Variante gesegnet ist, wird zur Erleuchtung geführt.
Wer die „zornvolle“ Version abbekommen hat, wird zur Überwindung allen Leidens geprügelt.
So kommt es mir zumindest vor.
Ich werde von einer sehr energischen Beschützerin geführt. Sie reagiert allergisch auf Widerspruch, akzeptiert keine Schwächen, ist taub gegenüber meinen Klagen und hat keine Skrupel, mich auch noch die steilste und unwegsamste Abkürzung zum großen Ziel hinaufzujagen.
Denn das ist ihre Aufgabe.
So wie die aller anderen Beschützer – der „zweiten Klasse der Gäste“, nach den Buddhas und Bodhisattvas – die zum Rauchopfer geladen werden.
Einst waren die Beschützer mächtige Naturgeister und animistische Götter. Von Buddhas und Bodhisattvas befriedet, verpflichteten sie sich den Dharma – die Lehre Buddhas – gegen alle Bedrohungen zu verteidigen.
Ihre Obligenheit ist es, dafür zu sorgen, dass jedes fühlende Wesen zur Erleuchtung geführt wird.
Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd treten wir mit ihnen in eine persönliche Beziehung.
Wir bringen ihnen Opfer dar, um unseren Dank für ihren Schutz auszudrücken. Im Gegenzug erhalten wir von ihnen spezielle Fähigkeiten, die uns helfen, unser Ziel – die Überwindung allen Leidens – schneller zu erreichen.