Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 14 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Zweiundzwanzig: Geburt

Trötend, trommelnd, die Glocke schlagend und singend arbeiten wir uns durch das dicke Copy-Shop-Buch. Es ist später Vormittag, wir sind beim Wurzelmantra von Krodhi Kali angekommen. Alle greifen zu ihren Malas und fangen murmelnd an, das Mantra zu rezitieren. Die erste Visualisierungseinheit hat begonnen.

Gestern hat uns der Rinpoche im Detail erklärt, welche Bilderfolge und welche Ereignisse wir rund um unsere Vorstellung, wir wären Krodhi Kali, imaginieren sollen. Ich befolgte brav seine Vorgabe, verwandelte mich in Krodhi Kali und fand mich in einem knallbunten Bollywood-Film wieder. Ich konnte das Drehbuch problemlos durchziehen. Aber ich hatte weder das Gefühl, mich in eine weibliche dunkle Nachtseite verwandelt zu haben, noch sagte mir der Prozess, in dem ich mich als Göttin wiederfand, emotional etwas. Das einzige Gefühl, das die Szenerie mir auslöste, war Konfusion. Was hatte diese tanzende blaue Göttin in ihrer quietschbunten Welt mit der gruseligen Knochentrompete vor mir auf dem Schreintischchen zu tun? Ich fühlte mich während der Visualisierung, als wäre ich im Buckingham Palace zum Tee empfangen worden. Das Korsett drückte und bei jedem Schluck aus der zarten Porzellantasse musste ich darauf achten, dass ich vornehm den kleinen Finger abwinkelte. Ich kam mir albern vor – das war der einzige Erkenntnisgewinn, den ich aus der ersten Visualisierungsrunde zog.

Glücklicherweise hatte ich dem amerikanischen Lama Vajranatha, bevor er nach dem Vajrakilaya-Retreat die Heimreise antrat, eine von ihm verfasste Schrift abgekauft: „The Laughter of the Dark Goddess. The Pracitce of Troma Nagmo, the Queen of the Cremation Grounds.“

Krodhi Kali ist der Sanskrit-Name der Friedhofs-Göttin, auf Tibetisch heißt sie Troma Nagmo. Es ist das Buch der Stunde, stelle ich zufrieden fest. Der kleine weiße Band verrät mir, dass der bunte Bollywood-Film, den uns der Rinpoche vorgegeben hat, zur langen Version des Rituals gehört. Es gibt aber auch noch eine kurze Version mit einer vereinfachten Visualisierung. Und die ist genau nach meinem Geschmack: kurz, knackig und auf den Punkt.

Im Text des amerikanischen Lamas ist Krodhi Kali schwarz. In der Beschreibung des Rinpoche – und auf der bunten Tanka, die er neben seinem roten Thron aufgehängt hat – ist sie blau. Als ich mich am nächsten Vormittag zu Beginn der ersten Visualisierungseinheit wieder in Krodhi Kali verwandle, halte ich mich an die Anweisungen von Lama Vajranatha und wähle schwarz. Die Energie, die ich in dem Moment abbekomme, als ich mich als wild tanzende zornvolle schwarze Göttin in meinem Feuerkranz imaginiere, ist so extrem, dass ich das Bild sofort wieder verliere. „Bingo!“ – denke ich mir. „Das war ein Volltreffer.“

Der graue Wolf, der auf sich auf der rechten Seite meines Sitzkissens ausgestreckt hat, drückt sich gegen meinen Oberschenkel. Ich spüre die Wärme seines Körpers und ahne seinen strengen Geruch. Es tut mir gut, ihn so nah bei mir zu haben, das hier geht an meine Grenzen.

Ich fokussiere mich wieder, spüre, wie ich als schwarze Göttin zu wilden Trommelschlägen tanze, meine nackten Fußsohlen berühren immer nur kurz den steinigen Boden, vor meinen Augen sprühen Funken, Flammen lecken in die Höhe, die Luft flimmert vor Hitze. Während ich mich wild und ungebärdig drehe und wende, kreist in meinem Herz-Chakra das Mantra, das ich pausenlos rezitiere und sendet dunkelblaue Strahlen in zehn Dimensionen aus, die alle Negativität dunkler Mächte durchdringen und zerstören.

Die Energie, die dieses Bild in mir aktiviert, ist so stark, dass ich die Visualisierung immer nur wenige Augenblicke halten kann. Es ist eine gewaltige Kraft, die mich jedes Mal durchströmt, wenn ich zur schwarzen Göttin werde. Sie steigt explosionsartig aus meinem Unterleib hoch. Nicht zentral, wie ich es gewöhnt bin, sondern irgendwie links und rechts der Hüften. Während ich – das Mantra rezitierend – die Mala zwischen die Finger meiner linken Hand hindurch laufen lasse und immer wieder in die Visualisierung hineingehe, nur um sofort wieder herausgekickt zu werden, spüre ich, wie der Wolf seine Schnauze auf meinen rechten Oberschenkel legt. Ich streiche ihm mit meiner freien rechten Hand über den Kopf und bin erstaunt, wie weich sein Fell ist. Er scheint sich an der gewaltigen Energie, die sich mit jeder Verwandlung in mir freisetzt, nicht zu stören. Das beruhigt mich. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich wieder und wieder in eine Art Monster verwandeln: das, was mich durchströmt, ist so unbeherrschbar wie kalt und fremdartig. Als der Rinpoche anfängt, das Mantra laut und langsam zu singen und damit das Zeichen gibt, dass die Visualisierungszeit vorbei ist, bin ich erleichtert.

Während der Mittagspause wandern der Wolf und ich mit dem kleinen weißen Spitz den wild schäumenden Bach entlang. Ich laufe vor mich hin und spüre der Energie aus der Visualisierung nach – und dem Schmerz. Mit einem Mal tauchen Bilder in mir auf, erst vage und verschwommen, dann greifbar. Mich schüttelt es, als mir bewusst wird, woran mich der ziehende Schmerz erinnert: an die Geburten meiner Kinder! Es ist das wellenartig aus den Tiefen des Unterleibs aufsteigende Ziehen, dass das Öffnen des Muttermundes begleitet.

Es gibt diesen Augenblick während des Gebärens, der mit dem Gefühl einhergeht, zu sterben. Unbeherrschbare Kräfte übernehmen vollkommend die Kontrolle über den eigenen Körper, verursachen unerträgliche Schmerzen. Das ist der Moment, an dem der Muttermund so weit geöffnet ist, dass die Presswehen einsetzen und das Kind ins Leben geschoben wird. Es ist der Augenblick zwischen Leben und Tod!

Ich habe Kinder geboren, ohne zu begreifen, was dieser Akt der Geburt wirklich bedeutet, wird mir bewusst. Diese unbeherrschbaren Kräfte haben mich nicht von außen angefallen, es ist meine ureigenste Energie. Es ist nicht so, dass ich mich in Krodhi Kali verwandeln muss. Ich BIN Krodhi Kali!

Am Nachmittag nimmt mich der Rinpoche währen einer Pause zur Seite. Er wäre der Ansicht, teilt er mir mit, dass Krodhi Kali die Emanation wäre, die ich bräuchte. Ich solle sie in Zukunft täglich praktizieren, empfiehlt er mir.

Einundzwanzig: Sterben – Teil zwei

Aus den Augenwinkeln sehe ich an meiner rechten Seite den Wolf. Seit er vor ein paar Nächten neben meinem Bett aufgetaucht ist, hat er mich nicht mehr verlassen. So gleichmütig wie wachsam begleitet er mich durch meine Tage und Nächte. Er ist da, egal ob ich gerade gewillt bin, ihn wahrzunehmen oder nicht.

Ich ringe damit, ob ich mir erlauben darf, ihn zu „sehen“. Während meines vergangenen Aufenthalts in der nahen Kreisstadt – unter all den Menschen, die geschäftig ihrem Tagwerk nachgingen – war es besonders seltsam, mit meinem grauen Begleiter an der Seite durch die belebte Fußgängerzone zu wandern.

Seine Energie ist mir unentwegt präsent. Phasenweise ist sie mir bewusst zugänglich, den größten Teil meiner Tage und Nächte ist sie ein nur halb bewusster fixer Punkt, der sich etwa einen Meter von meiner rechten Körperhälfte als eine Art „energetische Verdichtung“ manifestiert. Dass diese Energie in mir das Bild eines „Wolfs“ wachruft, hat – so vermute ich – mit persönlichen Erfahrungen zu tun, weniger damit, das die Energie intrinsisch der eines echten Wolfs entsprechen würde. Es ist einfach die kreative Übersetzung einer unbewussten Wahrnehmung, durch die ein bestimmter Aspekt meines Seins für meinen Verstand greifbar wird.

Der große graue Wolf ist nicht das erste Schattentier, das mich begleitet. Als Kind war ich die Herrin eines kompletten Zoos. Später verschwanden die Kreaturen, der Eintritt in die Welt der Erwachsenen musste mit Anpassung erkauft werden.

Erst als ich mit dem Traum-Yoga begann, tauchten die Tiere wieder auf. Anfangs als innere Bilder, nach ein paar Tagen auch im Außen. Mit der Zeit lernte ich, sie wertzuschätzen: jedes der Tiere, die bisher in Erscheinung getreten sind, repräsentierte einen energetischen Aspekt, den ich in der jeweiligen Lebenssituation dringend brauchte, aber in meinem Inneren nicht abrufen konnte.

Während der harten Wochen der Trauma-Therapie war es eine riesige Löwin, die nicht von meiner Seite wich. Ich lernte, mich auf sie zu fokussieren und bewusst ihre Kraft und Zähigkeit zu spüren. Als sich der Prozess der Bewusstwerdung der traumatischen Ereignisse seinem Ende näherte, löste sie sich auf – in mir. Sie war Teil meines emotionalen Spektrums geworden.

Jetzt also ein großer grauer Wolf. Er läuft rechts, auf der „Vater-Seite“. Und ich „weiß“, dass es ein Rüde ist. Ein scheuer Einzelgänger, denke ich mir, während ich ihn aus dem Augenwinkel taxiere. Uriels Hund stört sich nicht an ihm. Als ich mir im Wald die Beine vertrete, laufen sie einträchtig neben einander her, der kleine weiße Spitz und der riesige graue Wolf.

Früher erklärte ich mir die Schattentiere einzig tiefenpsychologisch: als abgespaltene Anteile, die sich im Prozess der Integration einem Punkt genähert haben, an dem sie nicht mehr ins Außen projiziert, aber noch nicht selbstverständlicher Teil meines sich differenzierenden emotionalen Spektrums geworden waren.

Inzwischen bin ich offen dafür, dass es noch eine zweite Ebene gibt. Es ist eine vage tastende Überlegung, die sich aus einer verwirrenden Beobachtung speist. Der „Wolf“ scheint sich immer eine Grenze entlang zu bewegen. So nehme ich es zumindest wahr: genau dort, wo er sich befindet, endet etwas – und beginnt zugleich etwas anderes. Ich kann nur mutmaßen, was es sein könnte, was ich halb zu „sehen“, halb zu spüren glaube. Vielleicht ist es auch nur Einbildung, die Möglichkeit besteht immer.

Als ich zu Bett gehe, dröhnen die Trommeln weiter in meinen Ohren. Das schrille Tröten der Kanglings hat sich in meinen Gehörgängen festgefressen, es begleitet mich, als ich langsam in den Schlaf gleite. Der Wolf liegt lange ausgestreckt neben meinem Bett, ich registriere es während des Einschlafens. Seine Anwesenheit beruhigt mich. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Nachts träume ich, ich würde mich in vollkommener Dunkelheit in einem unendlich kalten schwarzen Raum befinden. Vor mir im Boden befindet sich ein Brunnenschacht, der tief ins Innere der Erde führt. Ich starre hinunter und höre und spüre, dass dort unten jemand in rasender Todesangst gefangen ist. Die Erkenntnis kommt als Schock. Ich selbst bin es, die in der schwarzen Tiefe feststeckt.

Zwanzig: Sterben – Teil eins

Am nächsten Morgen liegt auf meinem Schreintischen eine Kangling. Uriel hat sie mir hingelegt, damit ich lerne darauf zu spielen. Und mir erklärt, woraus sie gemacht ist: aus einem menschlichen Oberschenkelknochen. Ich nehme auf meinem Kissen Platz und fixiere die Knochentrompete, die zwischen Glocke und und Trommel direkt vor meiner Nase liegt.

Krodhi Kali – die Dakini, der Throma gewidmet ist – ist die „Königin der Friedhöfe.“ Sie ist der „Schatten“, die dunkle Seite des weiblichen Aspekts der Buddha-Natur und repräsentiert den Übergang zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Sie ist die Schutzheilige des Chöd – des Opfer-Rituals der „Abtrennung“ – das dazu dient, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und traditionell an Verbrennungsstätten der Toten und Friedhöfen abgehalten wird.

Mit dieser Form des Chöd bin ich schon während meiner Ngöndro-Praxis zu Beginn meiner Vajrayana-Laufbahn in Berührung gekommen. Über Wochen visualisierte ich – ein Mantra rezitierend – täglich das Häuten und Entbeinen meines eigenen Körpers. Meine Knochen dienten als Brennholz. Aus meiner Schädelschale wurde ein Suppenkessel, den ich auf meinen lodernden Knochen platzierte und in dem ich mein eigenes Fleisch kochte, das ich zum Abschluss des Rituals den Buddhas und Boddhisattvas als Opfer darbrachte.

Auch das hatte mich anfangs Überwindung gekostet, aber es war einfach etwas gewesen, was ich mir ausgedacht hatte. Die Knochentrompete dagegen ist Fakt: irgend ein Mensch von zierlichem Körperbau im fernen Nepal hat gelebt, ist gestorben und ich sitze hier und jetzt in einem deutschen Schreinraum und bin gezwungen, seinem Oberschenkelknochen Töne zu entlocken. Was schon alleine technisch nicht einfach ist. Nachdem ich im Januar während des Vajra-Armor-Retreats schon schmählich daran gescheitert bin, auf der großen weißen Muschel zu trompeten, habe ich nichts anderes erwartet. Aber eine Muschel ist eine Muschel – und ein Oberschenkelknochen ist ein Oberschenkelknochen!

Ich presse trotzdem am Anfang jeden neuen Kapitels des Rituals die Kangling an meine Lippen und blase hinein, auch wenn ich weiß, dass ich keinen Ton zustande bringen werde. Hier geht es nicht um das Geräusch – die Anderen trompeten laut genug – sondern um den psychologischen Effekt. Selten hat mich etwas so verstört wie dieses makabre Musikinstrument. Ich beobachte mich wieder und wieder dabei, wie ich mich automatisch emotional völlig „ausschalte“, sobald ich die Knochentrompete an die Lippen drücke. Das Anfassen ist auszuhalten, stelle ich fest, aber das Ding „zu küssen“ – ein höchst intimer Akt – überfordert mich völlig. Ich dissoziere ein ums andere Mal komplett und schaffe es nur in Spurenelementen, wieder in Kontakt mit meinen Emotionen zu kommen.

Und es ist nicht nur die Kangling, die mich ausknockt. Das ganze Throma-Ritual ist eine einzige Überwältigung. Schon alleine der Krach! Bei Zen-Retreats wird darauf geachtet, das die Umgebung so reizarm als möglich ist. Alle Farben sind gedämpft, das Essen mild, intensive Gerüche – wie Parfum – sind verboten. Nichts im Außen soll die Sinne anregen. Es geht darum, den Geist vollkommend zur Ruhe zu bringen. Nach ein oder zwei Tagen in einem Sesshin spürt man, wie die Sinne wacher und wacher werden. Auf einmal hört man das gleichmäßige Plätschern des Springbrunnens im Hof. Die Intensität des Geschmacks des Mittagessens, das man im Alltag fade finden würde, ist überwältigend. Der Duft der Blumen im Innenhof, an denen man Anfangs achtlos vorbeilief, wird von Tag zu Tag betörender.

Ich liebe Stille und Klarheit. Und jetzt das!

Über Stunden dröhnen ununterbrochen die Trommeln, dazu klingeln – mehr oder weniger im Takt – die Glocken, die jeder der Teilnehmer in der linken Hand hält. Die stete Melodie des Mantras, das alle vor sich hin singen, wird von dem Klangteppich fast vollständig verschluckt. Zwischendurch kommt noch das laute Trompeten der Kangling oben drauf. Und es ist nicht so, dass wärendessen die Trommeln schweigen würden! Der Rinpoche beherrscht es meisterhaft, in der linken Hand gleichzeitig Glocke und Trompete zu halten und zu tröten, während er dazu in der rechten Hand weiter im Takt die Trommel dreht.

Die Kombination aus kompletter Reizüberflutung und Multitasking-Ansprüchen, denen ich nicht im Ansatz gewachsen bin, lässt mein Gehirn regelrecht zusammenbrechen. Ich kann nicht mehr denken, stelle ich fest. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand Beton in den Schädel gegossen.

Irgendwann komme ich wieder so weit zu Bewusstsein, dass ich zumindest in der Lage bin, einen strategischen Plan zu entwickeln: zuerst muss ich lernen, die Trommel im Takt zu schlagen, danach kommt die Glocke dazu und irgendwann auch die Kangling. Und wenn ich weiterhin dem Rinpoche eisern an den Lippen klebe, werden sich die Melodien der Mantras, die er in einem schönen hüpfenden Singsang von sich gibt, im Prozess der Osmose von selbst in meinem Gehirn festsetzen. „Schritt für Schritt“, ermahne ich mich, „dann wird das schon werden.“

Neunzehn: Damaru und Kangling

Ich bekomme eine Damaru, eine tibetische Sanduhrtrommel. Der Rinpoche hat sie mir aus Nepal mitgebracht. Feierlich packt er sie vor meinen Augen aus, zeigt mir, wie sie gehalten werden muss und dreht sie aus dem Handgelenk hin und her. Die beiden an Schnüren befestigten Knöpfe knallen gegen die Trommelfelle. Rhythmisch dröhnen die Schläge durch das Treppenhaus.

Der Resonanzkörper meiner Damaru besteht aus hellem lackiertem Holz. Die Felle sind grün eingefärbt, das Band zwischen den beiden Klangkörpern ist knallrot und mit Muscheln verziert. Der Rinpoche erklärt mir, wie ich die kleine Trommel einpacken muss, damit sie nicht zu Schaden kommt. Jetzt verstehe ich, warum der Griff aus Stoff ist: so lässt er sich – zusammen mit dem lange bunte Zierband mit den Fransen – um die schmale Mitte des Instruments wickeln. Die Damaru hat ihre Reise aus Kathmandu ans Ende der Welt in einem schicken Instrumentenkasten aus gelb leuchtendem Satin zurückgelegt. Der Rinpoche packt sie wieder sorgfältig darin ein, bevor er mir meinen neuen Schatz in die Hand drückt.

Am Abend findet die Einweihung für Throma statt. Für das letzte Retreat von Uriels „Frühjahrsoffensive“ haben wir Verstärkung bekommen, wir sind jetzt immerhin zu sechst. Der Rinpoche erlöst mich dankenswerterweise aus meiner Verantwortung als „Chopin“. Einer der Neuen bekommt den Job als Messdiener aufs Auge gedrückt und beweist schon während der ersten Minuten, dass er der Aufgabe deutlich besser gewachsen ist als ich.

Stolz packe ich meine Damaru aus und platziere sie neben der Glocke und dem Dorje auf meinem Schreintischchen. Dazu noch die Mala und das dicke Copyshop-Buch mit den Rezitationstexten für das Throma-Ritual. Das Equipement für Throma bringt den kleinen Tisch an seine Grenzen.

Ich habe den Platz direkt neben dem Rinpoche erwischt. Zu meinem Glück, stelle ich fest, als das Ritual beginnt. Bei Throma werden die Texte nicht rezitiert, sondern gesungen und mit dem rhythmischen Schlagen der Damaru und dem Läuten der Glocke begleitet.

Uriels kleiner Hund ergreift erschrocken die Flucht, als das Dröhnen der Trommeln, begleitet vom Klang der Glocken, einsetzt. Weil ich nicht mal einen Meter vom Lama entfernt sitze, höre ich durch den tosenden Lärm seinen Gesang und bin in der Lage, dem Text zu folgen. Aber eine unbekannte Melodie zu singen und gleichzeitig im richtigen Takt die Trommel dazu zu drehen und rythmisch die Glocke zu bewegen? Pustekuchen!

Ich versuche mich in Multitasking: mit dem linken Ohr hänge ich an den Lippen des Rinpoche, lese die tibetische Lautschrift mit und bemühe mich, die Töne der gesungenen Melodie zumindest ungefähr zu treffen. Gleichzeitig versuche ich aus den Augenwinkeln auch noch seine Damaru im Blick zu behalten, damit ich den Rhythmus der Drehungen eingermaßen hinkriege. Es klappt irgendwie, aber es klingt schaurig!

Immer wenn ein neues Kapitel anfängt, blasen die Anderen laut dröhnend auf einer Art Trompete, irgendwas graues langes schmales mit rotem Kopf. Was ist das? Davon hat mir vorher keiner was erzählt.

Die Trompete des Rinpoche ist mit Kupferaufsätzen verziert, sehe ich, als er sie zwischendurch direkt vor meiner Nase auf seinem Schreintisch ablegt. Während einer kurzen Pause nehme ich das seltsame Ding genauer in Augenschein. Der Körper des Blasinstruments besteht aus einem Röhrenknochen, stelle ich irritiert fest. Am schmalen Ende des Knochens wird hineingeblasen, die Luft wandert durch die Röhre und am anderen Ende an einer Verdickung wieder heraus. Diese Verdickung ist knallrot lackiert. Und hat in etwa die Form eines Hüftgelenks. Was für ein Tierknochen dafür wohl verwendet wurde? Die ganze Sache ist mir ein Rätsel.

Achzehn: Lebenskraft

Ich wäre so lebendig, höre ich ab und zu. Das kommt von denen, die sich an meiner Vitalität erfreuen können. Ich wäre eine wandelnde Provokation, sagen andere. „Die ist verrückt, völlig gaga!“ Das wird dann meist hinter meinem Rücken kolportiert. Von jenen, die mit Lebenskraft ein grundsätzliches Problem haben.

Das ist meine persönliche Schlussfolgerung, die Betroffenen sehen es sicher anders. Sie wollen ja nur, das alles seine Ordnung hat! Dass sich alle an die Regeln halten! Wo käme man hin, wenn alle täten, was sie wollten?

Es handelt sich im Allgemeinen um einen Typus Mensch, der davon durchdrungen ist, dass genau der Punkt im Universum, an dem er Wurzeln geschlagen hat, der richtige ist. Und jeder, der auch nur fünf Zentimeter davon entfernt ist, kann nur falsch sein! Diese Kategorie Homo Sapiens geht durchs Leben im Zustand des Ärgers und der Fassungslosigkeit darüber, dass Andere Widerstand dagegen leisten, ganz genau so zu sein, zu denken und zu fühlen wie sie. Warum nur – fragen sie sich – sind sie von Idioten, Feinden, Untermenschen umgeben, die partout nicht bereit sind zu tun, was vernünftig, logisch und einzig glücklich machend ist?

Ohne diesen Typus Mensch wären Stand-up-Comedians und Cartoonisten genauso verloren wie sämtliche Autoren der Weltliteratur. Worüber hätten Jane Austen, Shakespeare, Dostojevski schreiben sollen? Monty Python wäre undenkbar ohne die Zahllosen, die davon überzeugt sind, der Mittelpunkt des Universums zu sein.

Zeitgenossen wie ich, die intrinsisch motiviert sind, wenig Interesse an Anerkennung von Außen haben, sind für diesen Typus Mensch eine Quelle tiefer Beunruhigung und dauernder Provokation. Wir sind flexibel, schwer zu fassen – und dabei auch noch renitent, kaum manipulierbar, wir folgen keinen konventionellen Regeln. Wir tun, was wir für richtig halten. Das läßt beim Egozentriker alle Alarmglocken schrillen!

Ihm selbst ist das Verlassen des eigenen Standpunkts nicht möglich: schon alleine der Gedanke, eine Position der Vergangenheit revidieren zu müssen, ist zu bedrohlich. Er könnte zur Erkenntnis führen, dass das Leben anders gestaltet ist – fluide, floureszierend, sich ständig wandelnd – als er es braucht, um sich sicher und stabil zu fühlen.

Im Buddhismus ist „Unwissenheit“ – neben Gier und Abneigung – eines der drei Wurzelgifte. Es ist die Quelle allen menschlichen Leides. „Unwissenheit“ wird hier verstanden als „Ignoranz“ – der Unfähigkeit, das Lebens zu akzeptieren, wie es ist.

Lebenskraft ist das größte Geschenk, das uns gemacht wird. Sie ist unbegrenzt vorhanden, wenn wir bereit sind, ihre Regeln zu akzeptieren. Die wichtigste lautet: sie folgt ihren eigenen Gesetzen, die wir mit unseren primitiven Menschengehirnen, unserer kurzen Lebenszeit, unseren dumpfen Sinnen niemals durchdringen werden.

Glücklicherweise ist es nicht notwendig, Lebenskraft intellektuell zu verstehen. Es genügt, sich von ihr tragen zu lassen. Sie findet immer ihren Weg. Das einzige, was sie davon abhält, sich in Vollkommenheit zu entfalten, ist unsere Angst vor dem Unbekannten. Das Bedürfnis nach Kontrolle, das durch diese existentielle Furcht vor der vollkommenen Offenheit ausgelöst wird, muss aufgegeben werden. Dann fließt die Lebenskraft, wird zu einem breiten Strom aus Energie, trägt uns sicher und stabil durch diese Existenz und schenkt Wunder über Wunder.

Siebzehn: Normalität

Am Nebentisch diskutieren sie über Baugrundstücke und Finanzierungsmodelle. Gegenüber unterhalten sich zwei ältere Frauen über ihre Schwiegertöchter. Der Kellner bringt den Milchkaffee.

Uriel hat mich im Zentrum der Kleinstadt abgesetzt. Wir haben frei, das Throma-Retreat beginnt erst morgen Nachmittag. Während ich auf den Bildschirm meines Laptops starre, versuche ich mich in Präsenz. Was höre, rieche, sehe ich? Es klappt nicht. Sobald ich meine Sinne bewusst öffne, werde ich überschwemmt von Eindrücken. Die Stimmen der Gäste dröhnen in meinen Ohren, die bunte Dekoration flirrt vor meinen Augen, Essensgerüche und Ausdünstungen der Menschen um mich überwältigen mich. Nach zwölf Tagen fast durchgängiger Meditation bin ich wach. Zu wach für das normale Leben.

Dabei bin ich gerade im Wellness-Abklingbecken. Sanfter kann man nicht in dieser anderen Dimension, die für Durchschnittsmenschen „Normalität“ ist, ankommen. Nach den drei Durchgängen Vajra-Armor-Retreat im Januar prallte ich am Münchner Hauptbahnhof auf das „ganz normale Leben“. Schon alleine der Weg vom Bahnsteig quer durch den Bahnhof und hinunter zu den S-Bahngleisen war ein Horrortrip. Massen hastender, schiebender, drängender Menschen. Ich fand mich im Zustand orientierungsloser Konfusion wieder. Es war mir nicht möglich, die Anzeigentafeln zu dechiffrieren, hilflos irrte ich durch unendlich lange Gänge. Der Lärm um mich, das künstliche Licht, diese Unmengen gesichtsloser fremder Menschen, lösten das Gefühl aus, jetzt, hier, in diesem Moment verrückt zu werden.

Das Leben wird in den Augenblicken als „SINN-VOLL“ erlebt, in denen wir mit allen Sinnen präsent sind. Dann sind wir ganz DA. Die Erfahrung, mit allen Sinnen wach zu sein, wird vom überwältigenden Gefühl begleitet, lebendig zu sein.

Wir leben in einer Kultur, in der das Überleben in Dissozation als „Normalität“ definiert ist. In dem Moment, in dem ich meine Sinnesorgane herunterdimme, aufhöre in jedem Augenblick wahrzunehmen was um mich ist, was in mir geschieht, bin ich dissoziert. Es ist der Überlebensmodus, den die Natur eigentlich für lebensbedrohliche Zustände vorgesehen hat. Bei uns heißt er „Alltag“.

Der dissoziierte Zustand darf nur in klar definierten Lebensvollzügen verlassen werden und auch dann gelingt es nicht jedem. Manche schaffen es beim Sport, andere in der Natur, am ehesten gelingt es den meisten noch beim Sex.

Aber sonst?

Es gibt oft nicht einmal eine Vorstellung davon, was fehlt, so selbstverständlich ist dieser Zustand des „Ausgeschaltet-seins“. Kompensiert wird die fehlende sinnliche Erfahrung mit Suchtverhalten: Arbeiten, Karriere, Shoppen, Essen, Alkohol, Drogen, die suchtartige Konsumption von Intimität und Sex, das getriebene Aneinanderreihen besonderer Ereignisse – und das alles, weil die Würdigung des DA-SEINS verloren gegangen ist. Und die Fähigkeit dazu. Einfach nur atmen, spüren, sehen, hören, schmecken, riechen. Lebendig sein.

Sechzehn: Hypnotized – Teil zwei

Meine Traumatherapeutin war beeindruckt von meiner Imaginationsfähigkeit. Und von meiner seelischen Robustheit. Das eine wäre nicht möglich ohne das andere, erklärte sie mir. Kreativität sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Seele traumatische Erfahrungen unbeschadet überstehen könne.

Meine Kindheit gleicht im Rückblick einer langen Reihe von Traumsequenzen, nur kurz unterbrochen von Einbrüchen der Realität. Ich öffne Türen zu imaginären Welten mit der gleichen Leichtigkeit, mit der Andere das Garagentor aufziehen. Es ist eine innere habitualisierte Bewegung, wieder und wieder eingeübt in einer Entwicklungsphase, in der die Synapsen des Gehirns ihre Grundstrukturen bilden. Bei anderen stirbt die Seele. Ich lernte fliegen.

Es bedarf der genetischen Voraussetzung für Kreativität. Wie sie ihren individuellen Ausdruck findet, hängt von Umwelteinflüssen ab. Ich hätte mich auch auf dem Podium eines Konzertsaals wiederfinden können, vermute ich, oder in den Ausstellungsräumen eines Galeristen. Statt dessen hat meine Imaginationsfähigkeit durch äußere Umstände einen Ausdruck gefunden, die mich für buddhistische Meditation prädestiniert.

Es gehört zu den seltsamen Regeln der Existenz, dass aus Gutem Schlechtes erwachsen kann und aus Schlechtem Gutes. Es ist das Prinzip des Tao: das Eine trägt das Andere als Essenz in sich. Im fortlaufenden Prozess von Werden und Vergehen wandelt sich unaufhaltsam das Eine zum Anderen.

Kreativität ist nichts anderes als Lebensenergie. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen, lässt sich dauerhaft weder vernichten, noch formen, kontrollieren oder unterdrücken. Wie Wasser, dass sich seinen Weg selbst durch den härtesten Stein gräbt, lässt sie sich nicht aufhalten. Und genau wie Wasser verändert Lebensenergie den Aggreggatszustand, gefriert oder verdampft, wenn die Umstände es verlangen.

Der Buddhismus lehrt, Leiden zu beenden. Zen und Tantra zeigen verschiedene Weg dazu auf. Im Zen lernt der Schüler, den Prozess von Wandel und Vergehen als etwas Natürliches zu erkennen und zu akzeptieren. Tantra wählt einen anderen Weg: es hält die Mittel bereit, Lebensenergie wieder fließen zu lassen.

Fünfzehn: Flags

Das Bild Simhamukhas auf den blauen Fahnen

Uriels kleiner Hund jagt durch den frisch gefallenen Schnee. Es ist sieben Uhr morgens. Oben im zweiten Stock sitzt der Rinpoche betend in seinem Zimmer und begleitet uns mit einer Zeremonie dabei, wie wir im Garten die Schnüre der tibetischen Gebetsfahnen spannen. Auf den blauen Fahnen prangt das Bild von Simhamukha, auf den roten das von Kurukulle.

Als wir fertig sind, flattern entlang des wild rauschenden Baches zwei lange Reihen blauer und roter Fahnen. Der kalte Wind trägt ihre Gebete und Wünsche hinaus in die Welt. Gestern nach dem Abendessen haben wir die einzelnen Fähnchen noch „personalisiert“, indem wir die Namen von Freunden und Familienmitgliedern darauf schrieben. Die flatternden roten Fähnchen beten jetzt für jeden von ihnen um Liebe und Wohlstand , die blauen Fähnchen um Schutz und Klarheit.

Es ist inzwischen acht Uhr, aber das Frühstück muss warten. Während wir Schuhe und Jacken ausziehen, hat der Rinpoche bereits im Schreinraum auf seinem roten Thron Platz genommen und betet und singt halblaut vor sich hin. Das Vajrakilaya-Retreat wird mit einem feierlichen Zeremoniell beendet, das langes Leben schenkt. Gestern in der Mittagspause hat der Rinpoche kleine Haferflocken-Bällchen vorbereitet und heute morgen in einem Schälchen auf dem Schrein platziert. Nachdem sie durch das Ritual gesegnet worden sind, treten wir einzeln vor, nehmen ein paar davon – zusammen mit einem Schluck geweihtem Schnaps – in Empfang und stopfen sie uns in den Mund.

Danach folgt noch das morgendliche Riwo Sang Chöd – das tägliche Opferritual. Eigentlich soll die Kohle glühen, aber heute hat der Rinpoche so viel Energie, dass er versehentlich ein Feuer in der kleinen Metallschale entfacht, die neben seinem Thron auf dem Boden steht. Besorgt beobachten wir, während wir die tibetischen Silben rezitieren, wie die Flammen gefährlich nah an seinem Sitzkissen züngeln. Als er noch ordentlich von der Mischung aus Mehl, Butter und Zucker darüber gibt, füllt sich der Raum mit Rauch. Uriel balanciert das heiße qualmende Gefäß unter Mühen aus dem Schreinraum und auf die Terrasse, damit sich die Buddhas, Boddhisattvas und die Wesen des formlosen Bereichs daran gütlich tun können.

Für die Metallschale wurde – trotz des Einwands des Rinpoche, dass sich die armen hungrigen Geister aus dem formlosen Bereich vor dem Metall fürchten und das Opfer nicht annehmen können – kein brauchbarer Ersatz im Haus gefunden. Uriel wird in den nächsten Tagen mit dem nepalesischen Lama in den örtlichen Baumarkt fahren, damit der dort ein tönernes Gefäß aussucht, das auch für die ärmsten und schwächsten aller Wesen kein Hindernis darstellt.

Als wir – der amerikanische Lama, der tibetische Rinpoche und die verbliebenen drei Praktizierenden – gemeinsam beim späten Frühstück sitzen, wirft die Frühlingssonne ihre Strahlen durch die Fenster. „I feel like I worked in a coal mine!“ stelle ich fest, während ich mir den zweiten Pott Kaffee des Morgens gönne. Es war ein gutes, aber extrem forderndes Retreat.

Und bald geht es weiter: wir haben zwei Tage Pause, dann beginnt Throma.

Wolf

Während der Nacht frisst mich das Retreat. Im Kopf dröhnt monoton der Rezitationstext, tibetische Silben wandern gleichförmig an meinen Augen vorbei. Schlafe ich, bin ich wach? Meditiere ich? Werde ich verückt? Alles ist möglich.

Mein Körper ist so fluide wie meine Seele. Ich bin Vajrakilaya. Im Schlaf schlinge ich meine sechs Arme um meine Gefährtin, drücke sie an meine Brust. Sie streckt im Halbschlaf ihre Hand aus und streicht mir über die Wange.

Die Perspektive verändert sich: auf einmal sehe ich von der Zimmerdecke auf das Bett hinunter. Dort schläft – seine Gefährtin in den Armen haltend – der riesige blaue Vajrakilaya und neben ihm auf dem Boden wacht ein großer grauer Wolf!

Es ist einer der der Hüter Vajrakilayas, wird mir bewusst. Der nepalesische Rinpoche hat mir am Abend beim Spaziergang mit Uriels kleinem weißem Hund von ihnen erzählt. Sie bewachen das Mandala – Vajrakilayas heiligen Hain – vor bösen Kräften. Manche sind friedvoll, manche zornvoll. Der mit dem Wolfskopf gehört zu den zornvollen Beschützern. Jetzt hat er sich vor meinem Bett eingefunden.

Wir verbringen die Nacht zusammen: Vajrakilaya, seine Gefährtin, der wachsame Wolf – und irgendwo dazwischen ich.

Am nächsten Morgen fühle ich mich erschöpft. Der letzte volle Tag des Retreats steht an, wir beginnen bereits um halb acht Uhr morgens. Die Zeremonie muss vor Sonnenuntergang beendet sein.

Als wir uns bis zum Wurzel-Mantra und der ersten Meditationseinheit durch den Text gearbeitet haben, finde ich mich als Vajrakilaya tanzend auf einem riesigen Berg feiner Asche wieder. Ich fühle sie unter meinen Fußsohlen, ihr Staub vermischt sich mit den Feuerzungen, die mich umspielen. Ich sehe mich um: während der Nacht sind meine inneren Feinde – die weißen Vampire – vollständig verbrannt. Nichts ist von ihnen übrig geblieben als grauer Staub, der vom Wind davon getragen wird.

Eigentlich sollte sich ein unsterblicher zornvoller Gott nicht erschöpft fühlen. Ich bin es trotzdem. Im Lotossitz nehme ich vor dem heruntergebrannten Scheiterhaufen Platz. Mit den Augen des roten Kopfs sehe ich links von mir einen jungen Baum. Mit den Augen des weißen Kopfs sehe ich rechts von mir – den grauen Wolf! Er liegt im Gras, das Haupt wachsam erhoben und scheint sich an der Hitze, die mein Feuerkranz verbreitet, nicht zu stören.

Mit dem dritten Augen auf der Stirn des mittleren blauen Kopfs sehe ich über den Scheiterhaufen hinweg in das Innere des Berges hinein. Dorthin, wo ich gestern die weißen Vampire entdeckt und vernichtet habe. Tief in seinen Gedärmen versteckt sich ein weiterer Feind. Es ist der riesige schwarze Schatten, der blitzschnell aufsprang und durch den Ausgang floh, als ich die Höhle der Vampire betrat.

Mein Wolf hat den Schatten ebenfalls wahrgenommen. Er reckt witternd seine Schnauze in Richtung des Berges, zieht knurrend die Lefzen hoch und zeigt seine spitzen weißen Zähne.

Ich habe keine Ahnung, was sich hinter diesem hastenden Schatten verbirgt. Ich weiß nur, dass er gefährlich ist. Viel gefährlicher als die weißen Vampire. Und mächtig. Selbst der machtvolle Vajrakilaya mit seinen waffenstarrenden sechs Armen wäre ihm nicht gewachsen. Es bedarf weiterer Fähigkeiten, Mittel und Hilfe, um es mit ihm aufzunehmen. Die Zeit ist noch nicht gekommen, den Eingang in das Innere des Berges zu betreten und den Feind zu stellen.

Der Hüter-Wolf legt, den Blick weiterhin wachsam auf den Berg gerichtet, den Kopf auf die Vorderläufe. Wir warten ab. Alles wird sich finden.

Dreizehn: Blutbad

Ich fokusiere mich auf die tibetische Lautschrift und stoße Silbe um Silbe aus. Es ist zehn Uhr morgens, wir haben mit dem täglichen Ritual für Vajrakilaya begonnen.

Gestern fehlte ich. Ich hatte es schon erwartet, als ich mich nach meinem virtuellen Rundflug als dreiköpfiger geflügelter Gott abends schlafen legte. Es ist immer das selbe: nach dem High das Down. Und je extremer das High, desto tiefer geht es abwärts. In dem Fall in den Zusammenbruch. Die Nacht war höchst unruhig gewesen, am Morgen wachte ich mit hämmernden Kopfschmerzen auf. Die Strafe dafür, dass ich aus drei Köpfen gleichzeitig im 180-Grad-Winkel gesehen hatte! Ich entschuldigte mich beim Rinpoche – „I have come down with a cold“ – warf eine Runde Aspirin ein und ging wieder ins Bett. Gott, war ich fertig!

Mittags noch einmal Aspirin, ich brauchte zumindest meinen Kopf und meine Finger, um zu tippen. Während der vergangenen Nacht hatte ich gefühlt nichts geträumt. Nur ein einziges Bild war immer wieder in mir aufgetaucht: das Photo einer im Gras liegenden Feder. Irgendwann in der Nacht war die Botschaft angekommen: mein Unbewusstes erwartete von mir, dass ich genau zu diesem Photo einen Text schreiben sollte. In meinem Zustand! Ich bin die Sklavin meiner Inneren Stimme: zähneknirschend stopfte ich mir das Kopfkissen in den Rücken, suchte das Bild in der Datei heraus, lud es im Blog hoch und starrte darauf: so what?

Ich hatte das Photo letzten September aufgenommen, als ich mit einer Freundin in der Pfalz auf dem Weg zur keltischen Opferschale gewesen war. („Wir reisen nach Polen“/16. „Feuer“) Es war ein ganz besonderer Tag gewesen. Nur: was sagte mir das Bild jetzt? Auf einmal kam die Erleuchtung! Ich tippte eisern durch, es wurden zwei lange Texte.

Am nächsten Tag bin ich wieder einsatzfähig, mit den anderen Beiden arbeite ich mich durch die Seiten des Vajrakilaya-Textes. Nach etwa einer Stunde sind wir beim Wurzelmantra angekommen: ich stimme in das rezitierende Murmeln im Raum ein, lasse die Mala durch meine Finger gleiten und verwandele mich wieder in den dreiköpfigen sechsarmigen blauen Gott Vajrakilaya. Feuerzungen umspielen mich, als ich mich tanzend im Kreis drehe. Die Flügel bleiben heute geschlossen, ich drücke sie eng an meinen mächtigen Körper, damit ich erst garnicht in Versuchung komme, wieder abzuheben.

Heute möchte ich mich meinen sechs Armen widmen, habe ich mir zu Beginn der Zeremonie vorgenommen. Nur: was soll ich mit ihnen anstellen? Ich sehe mich um: die Luft um mich flirrt vor Hitze, Funken fliegen. Jenseits der Feuerzungen, die mich umspielen, breitet sich eine grüne Wiese aus. Und in der Mitte ragt ein blaues Zelt auf, das seltsamerweise von einer soliden schwarzen Tür verschlossen ist. Ohne nachzudenken bewege ich mich tanzend darauf zu. Am Zelt angekommen, drücke ich mit einem der sechs Arme die Tür auf: dahinter befindet sich so etwas wie eine Waffenkammer! Ich trete ein und beobachte, wie jede meiner Hände von dem schmalen Tisch, der um die Wand des Zeltes herumführt, zielsicher eine Waffe nimmt. Den Vorschlaghammer, für den sich die rechte obere Hand entscheidet, finde ich am gruseligsten. Die anderen wählen je ein Messer, Schwert, Dolch und einen Speer aus.

Ich kann die Visualisierung problemlos halten, aber ich fühle mich höchst unwohl bei der ganzen Sache. Was soll ich mit diesen gruseligen Dingern anstellen? Ich halte sie im Sicherheitsabstand von meinem Körper weg und tanze unruhig von einem Bein auf das andere. Da meldet sich meine Gefährtin zu Wort. Ich trage sie inzwischen so selbstverständlich vor meiner Brust her, dass ich sie vollkommend vergessen habe. Sie weißt mich an, ich solle dem Weg folgen, der vom Zelt quer über die Wiese führt und klingt sehr bestimmt dabei.

Gehorsam befolge ich ihre Anweisung. Siehe da, der Weg führt zu einer Höhle! Jetzt sind die Flammen, die mich umspielen praktisch, ich brauche weder Fakel noch Taschenlampe während ich den schmalen Gang immer tiefer in der Erde folge.

Auf einmal sehe ich wieder „doppelt“! Ich bin Vajrakilaya, der mit seiner Gefährtin auf der Brust und den Waffen in den sechs Händen den schmalen Gang entlang wandert und gleichzeitig sehe ich – auf dem Kissen sitzend – einen winzigen, von Flammen umspielten Vajrakilaya in meinem Unterleib wandern. Der stechende Schmerz, den das Bild begleitet, versuche ich wegzuatmen. Die Übelkeit, die mich auf einmal würgt, lässt mich beinahe die Visualisierung verlieren. „Egal was passiert“, ermahne ich mich, „zieh es durch!“

Ich fokusiere mich wieder auf meine Visualisierung als Vajrakilaya. Die Flammen, die mich umspielen, werfen lange zuckende Schatten an die raue Felswand. Ich spüre die Kälte des Steinbodens unter meinen nackten Füßen. Als ich um eine Kurve biege, taucht vor mir ein heller Fleck auf. Im Näherkommen sehe ich, dass es der Eingang zu einer Höhle ist. Irgendwas ist da drin, ich fühle die Anwesenheit von Lebewesen, meine sechs roten Hände umklammern die Waffen, alle meine Sinne sind bis zum Äußersten angespannt. Meine Gefährtin flüstert mir ins Ohr: „Zieh es durch!“

Entschlossen trete ich aus dem dunklen Gang in die von mattem Licht beschienene Höhle. Dort kauern hunderte weiß phloreszierende Gestalten um ein Feuer. In dem Moment, in dem sie mich sehen, springen sie auf. Da ist noch jemand, bemerke ich: auf der gegenüberliegenden Höhlenwand kommt eine riesige scharze Gestalt blitzschnell auf die Füße – ich kann sie nur schemenhaft erkennen – schleudert ein paar der weißen schmalen Wesen zur Seite und jagt, ehe ich mich regen kann, durch den Ausgang auf der anderen Seite davon.

Eine der weißen Gestalten will ihr folgen. Jetzt bin ich bereit. Ich reiße den obersten linken Arm in die Höhe, der Speer schießt durch die Luft und bohrt sich in den Rücken des Fliehenden. Der bricht stöhend zusammen, Blut schießt aus der Wunde. Die anderen Wesen versuchen panisch rennend und schiebend zu fliehen. Der erste ist im Begriff, über den getötenen Kameraden zu springen und durch den Gang zu verschwinden. Da greift meine Gefährtin ein. Sie kann zaubern, stelle ich verblüfft fest. Mit einer einzigen energischen Bewegung lässt sie zwei riesige Felsbrocken vor Eingang und Ausgang der Hölle fallen. Die weißen Gestalten sind gefangen. Es sind Vampire, sehe ich, als sie mich aus tausend schwarzen blicklosen Augen anstarren und ihre spitzen Zähne fletschen!

Ohne dass ich es irgendwie steuern könnte, beginnt ein Schlachtfest. Von meinen tanzenden Flammen umspielt steche, schlage und trete ich auf die Vampire ein. Jeden, den ich zu Fall bringe, trample ich nieder, dass das Blut nur so spritzt. Ich fälle meine Feinde wie Grashalme. Schon wate ich durch Blut, es ist unglaublich, wie viel die schmalen weißen, leblos wirkenden Gestalten in sich tragen. Irgendwann habe ich alle niedergemäht, das Blut reicht mir inzwischen bis zu den Knien. Ab und zu regt sich noch ein Vampir, aber sofort bin ich über ihm und mache ihn nieder. Ich springe und trample in der Höhle herum, wie die Frauen, die nach der Weinlese die Trauben mit ihren Füßen austreten, um Saft zu gewinnen. Die ganze Zeit über ist mir speiübel, der Schmerz im Unterleib ist unerträglich.

Als sich nichts mehr regt, winkt die Gefährtin wieder mit ihrem Arm, die beiden Felsen vor Eingang und Ausgang verschwinden. Das Blut fließt ab, der sinkende Pegel legt die Leichen der von mir erschlagenen Feinde frei. Ich fühle mich wie betäubt, meine Gefährtin muss mich leiten. Sie schickt mich aus der Höhle und lässt mich vor dem Eingang ein großes Feuer entfachen. Ich drapiere meine blutbefleckten Waffen im Kreis um die Feuerstelle, dann trage ich auf ihren Befehl hin die Leiber meiner erschlagenen Feinde ins Freie und werfe sie ins Feuer. Sie wiegen fast nichts, stelle ich fest. Ob es daran liegt, dass ich als Vajrakilaya so stark bin, oder ob diese seltsamen Vampire ohne Substanz sind, kann ich nicht sagen. Nachdem ich die letzte der Nachtgestalten aus der Höhle gebracht und den Flammen übergeben habe, heißt mich die Gefährtin ins Feuer zu springen und wieder zu tanzen.

Der einsetzende Gesang des Rinpoche, der die Meditation beendet, kommt als Erlösung. Ich lasse die Visualisierung los und finde mich auf meinem Kissen wieder. Übelkeit würgt mich. Ich versuche, den Schmerz im Unterleib wegzuatmen und stelle fest, dass ich unter Schock stehe.

Zwölf: Verbunden – Teil zwei

Vorne wacht der Lehrer, hinten blüht die Sangha…

Vier Dinge braucht es, um erleuchtet zu werden:

Buddha: das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur

Dharma: die Lehren des Buddha

Lama: den spirituellen Lehrer

Sangha: die spirituelle Gemeinschaft

Das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur bildet den „Motor“ – den Antrieb – für die Praxis. Es ist tief im Unbewussten vergraben wie ein Samen, der darauf wartet, dass er von Wärme und Feuchtigkeit zum Leben erweckt werden wird.

Wenn die Umstände günstig sind, beginnt dieser Samen zu keimen, zarte Wurzeln zu schlagen, sich beharrlich an die Oberfläche zu arbeiten. Die „Sonnenstrahlen“, die das zarte Pflänzchen ins Leben gerufen haben, können von einem spirituellen Lehrer ausgeschickt worden sein, von eine kraftvolle Sangha, manchmal auch von einem Praktizierenden, der genug Verdienste angesammelt hat, um andere daran teilhaben zu lassen.

Das Vertrauen in die eigene Buddha-Natur ist das tiefe Wissen darüber, in der Essenz energetisches Bewusstsein zu sein, das von allem Leid befreit werden kann. Nur wenn dieses Wissen aktiviert worden ist, kann der Weg gegangen werden. Aber auch dann ist er hart und steinig. Und an jeder Kreuzung lauert Mara – der buddhistische Teufel – um den Praktizierenden zu täuschen und in die Irre zu führen.

Deshalb ist ein guter Lehrer existentiell. Und eine starke Sangha – eine Gemeinschaft von Praktizierenden. Der Lehrer führt und leitet, die Sangha hält und unterstützt.

Ich habe vortreffliche Lehrer – und gleich zwei gute Sanghas. Die eine – meine Zen-Online-Sangha – trägt mich durch ihre zuverlässige Präsenz: jeden Morgen und Abend sind wir via Zoom miteinander verbunden. Wir meditieren gemeinsam, ich kenne inzwischen ihre Sitzecken und Wohnzimmer. Siehe da, Jürgen und seine Frau sind gerade im Urlaub, sie meditieren um sechs Uhr morgens auf den Fahrersitzen ihres Wohnmobils. Und Ute sitzt schon im Garten, bei diesen Temperaturen! Wenn wir uns zu Sesshins am Hof treffen, gibt es immer ein Hallo: „Sitzt du nicht auch immer mit mir?“ Aber während der Retreats wird geschwiegen. Ich kenne und mag viele, näheren Kontakt habe ich zu niemandem.

Glücklicherweise habe ich noch meine Tantra-Sangha. Im Tantra ist es etwas Besonderes, mit anderen Schülern eine gemeinsame Praxis und einen gemeinsamen Lehrer zu teilen. Man wird zur Dharma-Schwester und zum Dharma-Bruder – zur spirituellen Verwandtschaft – mit der man auf vielfältige Weise verbunden ist.

Als die Khandro uns im Januar nach dem letzten Durchgang des Mantra-Retreats verabschiedete, hat sie uns genau das bescheinigt: dass wir eine richtige Sangha geworden sind. Sie würde es spüren, wir hätten jetzt als Gemeinschaft die richtige Energie. Viele von uns würden schon seit Jahren gemeinsam praktizieren, und jetzt, wo wir auch noch einen festen Ort gefunden hätten, wären wir zusammengewachsen, erklärte sie uns und freute sich sichtlich darüber. Wir konnten ihr nur zustimmen, genauso hatte es sich auch für uns angefühlt.

Jetzt – während der Retreats im März – vermisse ich meine Dharma-Schwestern und Brüder. Wir waren anfangs vier Praktizierende, eine hat uns gestern verlassen, jetzt sind wir nur noch zu dritt. Und das bei einer so kraftvollen Praxis wie Vajrakilaya! Während ich zu den Trommelschlägen des Rinpoche gemeinsam mit den beiden Anderen laut die Texte rezitiere, spüre ich die Leere an der gegenüberliegenden Wand. Es fühlt sich an, als wäre da ein Loch, das ich ständig mit Energie füllen muss.

Es kommt mir vor, als würde ich ihre Anwesenheit spüren, ein seltsames Gefühl, das mich immer wieder überkommt, während ich völlig in der Rezitation aufgehe und die tibetischen Silben mit der Kraft meines Wurzel-Mantras ausstosse. Es sind drei aus der Sangha, von denen ich das Gefühl habe, sie müssten eigentlich da sein. Zwei Dharma-Brüder, eine Dharma-Schwester.

Mit der Dharma-Schwester habe ich gestern lange telefoniert, wir sind uns verbunden, tauschen fast täglich Nachrichten aus. Sie hat eine phantastische Energie, schillernd und kraftvoll, es ist immer ein Genuß, mit ihr zu praktizieren. Kein Wunder, dass ich sie vermisse.

Während der Pause am Nachmittag sehe ich zu meiner Verblüffung, dass einer der beiden Dharma-Brüder – und zwar der, der mir gefühlt gegenüber sitzt – versucht hat, mich anzurufen. Na so etwas! Ich habe ihn erst im Januar kennengelernt, wir führten ein einziges – intensives – Gespräch, tauschten Telefonnummern aus und das war es dann gewesen. Was will er auf einmal von mir? Am Abend rufe ich zurück. Er ist erstaunt, als er hört, dass ich gerade bei Uriel und im Retreat bin. „Ach, ist da gerade was?“ fragt er. Nein, von meinem Blog hat er auch noch nicht gehört.

Er hätte in den letzten Tagen immer wieder an mich gedacht – warum auch immer – und spontan beschlossen, mich anzurufen, erklärt er mir. Wir führen ein einstündiges Gespräch, es ist, als würden wir uns seit vielen Jahren kennen. Zum Abschied versichern wir uns gegenseitig, wie schön es war, von einander zu hören. Wir wären eben Sangha, meint er noch, bevor er auflegt.

Elf: Verbunden – Teil eins

Ich war mit leeren Händen gekommen. Über Monate hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich ihm mitbringen solle, wenn ich ihn das erste Mal besuchen würde. Aber als der Lockdown endlich beendet war und ich aufbrechen konnte, fühlte sich nichts richtig an. Also ließ ich es. So wie er es mich gelehrt hatte.

Anderen war es leichter gefallen, ihm ihre Verbundenheit zu zeigen, sah ich, als ich ihn endlich gefunden hatte. Kerzen brannten, Blumen blühten in Vasen und Töpfen, Malas waren zwischen kleinen Engelsfiguren drapiert.

Willigis war auf dem Klosterfriedhof zwischen seinen Mitbrüdern begraben worden. Ein schmales Grab am unteren Ende der vordersten Reihe. Der Grabstein fehlte noch, ein provisorisches Holzkreuz war mit seinem Namen und seinen Lebensdaten versehen: Willigis Jäger OSB, 7. März 1925 – 20. März 2020.

Vögel sangen in den Bäumen, die entlang der hohen Friedhofsmauer ihre Äste in die warme Morgensonne reckten. Der Duft von frisch gemähtem Gras hing in der Luft, aus der Ferne klang das gleichmäßige Rauschen der Autobahn herüber. Ich stand vor seinem Grab und spürte weinend der vollkommenen Leere nach, die sein Tod hinterlassen hatte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich verstünde in der Tiefe, was es bedeutet, wenn jemand wirklich tot ist. Willigis vor vollkommend WEG! Es erschütterte mich zutiefst. Wo er doch immer so sehr DA gewesen war! Mit Willigis zu sprechen – oder auch nur in seiner Nähe zu sein – war immer mit einer geradezu existentiellen Erfahrung der Präsenz einher gegangen.

Die meisten Menschen – wurde mir in diesem Augenblick bewusst – sind „WEG“ während sie da sind und „DA“, während sie weg sind. Willigis war „DA“ gewesen als er da war und jetzt, wo er „WEG“ war, war er vollkommen verschwunden. Er würde keinen seiner Schüler oder Angehörigen als Gespenst aus der Vergangenheit quälen, er hatte keine Verstrickungen hinterlassen, mit denen er Andere über seinen Tod hinaus an sich band.

„Es ist ihm egal, dass ich DA bin“, dachte ich, während ich mir die Nase putzte und mich wieder sammelte. „Er ist längst schon weitergezogen in ein anderes Universum oder eine andere Dimension. Nichts hat ihn zurückgehalten zu gehen, als es für ihn an der Zeit gewesen ist.“

Ich zog das eiserne Friedhofstor hinter mir zu und trat aus dem Schatten der hohen Bäume in die warme Sommersonne. Auf einmal segelte direkt vor mir eine Taubenfeder vom Himmel. Ich streckte die Hand aus und fing sie ihm Flug. Verblüfft schaute ich nach oben: der strahlend blaue Himmel über mir war leer, weit und breit war kein Vogel zu sehen. Ich lachte schallend: das war wieder einmal typisch Willigis!

Schon immer war ich mit leeren Händen zu ihm gekommen und nie ließ er mich gehen, bevor er mir nicht ein Geschenk überreicht hatte.

Flügel

Ich rufe die kraftvolle Energie des zornvollen blauen Gottes Vajrakilaya in mir wach – eine umwerfende Erfahrung…

Ich breite meine Flügel aus und bewege sie vorsichtig auf und ab. Sie sind viel größer als auf dem Bild. Vajrakilaya tanzt, spüre ich. Ich nehme seine Bewegung auf, die Flügel schlagen im Takt dazu. Ich hüpfe auf und ab, Funken sprühen, Feuerzungen lodern.

Die Energie, die mich durchströmt, ist phantastisch.

Doch, halt!

Ich habe drei Köpfe!

Einen roten links, einen weißen rechts. Als ich in der Dynamik der Bewegung versuche, auch noch in drei Richtungen gleichzeitig zu schauen, bricht die Visualisierung zusammen.

Ich sitze wieder auf meinem Kissen im Schreinraum und muss mich beherrschen, vor lauter Frustration nicht meine Mala in die Ecke zu pfeffern.

Die Anderen murmeln weiter konzentriert das Wurzel-Mantra vor sich hin, lassen dazu die Perlen ihrer Malas durch die Finger gleiten und sind in der Meditation.

Also noch einmal von vorne: ich nehme wieder Position ein, kontrolliere kurz im Skript, ob ich alle Silben des Wurzel-Mantra auch korrekt rezitiere, fokussiere noch mal den kleinen blauen Vjarakilaya auf der Postkarte vor mir, taste in meinem Unterleib nach der korrespondierenden Energie und lasse sie meine Wirbelsäule entlang nach oben strömen, bis sie über mein Stirnchakra nach Außen dritt.

Während mich die Energie nur so durchschüttelt, transformiere ich erneut zur flügelschlagenden, rhythmisch sechs Arme bewegenden, auf ihren Feinden tanzenden Gottheit Vajrakilaya, die von Flammenzungen umspielt wird.

Ein wunderbares Gefühl der Freiheit durchströmt mich!

Ich beschließe, die Visualisierung der zwei Köpfe erst einmal ruhen zu lassen, genieße Bewegung, Energie und Klarheit und entschuldige mich im Geiste für alles, was ich dem tanzenden blauen Gott gestern in meiner Frustration vorgeworfen habe.

Er fühlt sich auch nicht richtig männlich an. Was ich mit meiner Gefährtin machen soll, die ich auf meiner mächtigen Brust vor mir her trage, ist mir auch noch nicht richtig klar. Sie sind offensichtlich im Geschlechtsakt vereint, aber jetzt an Sex zu denken – und auch noch als Mann! – wäre höchst störend, es ist ein weiteres Problem, das ich auf später verschiebe. Wir haben ja noch ein paar Tage: mehr als zu Vajrakilaya zu werden und das Bild in seiner Komplexität stabil in der Bewegung halten zu können, habe ich mir für das erste Retreat nicht vorgenommen.

Ich konzentriere mich auf die Flügel. Die sind richtig cool! Sechs Arme, nun gut, die werden sicher noch von Nutzen sein, wenn es darum geht, die Feinde zu zerschmettern. Aber gerade tanze ich, schwinge die Arme im Takt dazu und fache mit jedem Schlag meiner mächtigen Flügel das Feuer um mich weiter an. Funken sprühen,der Energielevel steigt und steigt. Es wäre klasse abzuheben und eine Runde zu fliegen, denke ich mir. Nur wohin dann mit den sechs Armen? Außerdem bin ich noch nicht durch, ermahne ich mich. Die beiden Köpfe an den Seiten müssen auch noch aktiviert werden.

Der Rinpoche fängt an, laut das Mantra zu singen, die erste Runde Visualisierung ist beendet. Ich mache mir eine mentale Notiz für den morgigen Tag: einmal Rundumsicht erarbeiten und zur Belohnung ein Flug über das Retreathaus stehen auf dem Programm.

Vajrakilaya

Der achtarmige dreiköpfige geflügelte zornvolle Gott Vajrakilaya löst heftigen Widerstand in mir aus…

Vajrakilaya mit seiner Gefährtin

Irgendwann während der Nacht wache ich auf, etwas kitzelt im Gesicht. Ich taste in der Dunkelheit. Es dauert, bis ich realisiere, dass ich einen der beiden wedelartigen Grashalme in der Hand halte, die uns der kleine nepalesische Rinpoche während der mehr als dreistündigen Einweihung überreicht hatte. Wir sollten einen der Halme unter die Matratze legen, den anderen unter das Kopfkissen, wurde uns aufgetragen. Dann würden uns unsere Träume Aufschluss über unsere Praxis geben.

Ich stopfe den halb zerbröselten Wedel wieder unter das Kopfkissen. Bevor mich der Halm geweckt hat, habe ich von einer aufgeschnittenen Ananas geträumt. Das ist nicht die erschütternde Traumbotschaft, die ich nach einem Retreattag wie dem vergangenen erwarten hätte.

Der zornvolle blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen, sechs Armen, seinen Flügeln und seiner Gefährtin, die er – kaum sichtbar – vor sich auf der Brust trägt, während er unter den Füßen seine Feinde zermalmt, hat sich als unüberwindbares Hindernis entpuppt. So erfreut ich darüber war, wie wenig inneren Widerstand die weibliche zornvolle Gottheit Simhamukha ausgelöst hat, so frustriert bin ich über Vajrakilaya. Mich selbst als löwenköpfige Simhamukha zu visualisieren, hat mir regelrecht Spaß gemacht: es war, wie an Fasching ins Hexenkostüm zu schlüpfen.

Aber mich in einen männlichen zornvollen Gott zu verwandeln? No way! Jedesmal, wenn ich die Postkarte mit seinem Bild, das ich vor mir an meinen Kaffeebecher gelehnt habe, ins Visier nehme und versuche, irgendwie mit ihm in Kontakt zu kommen – ich brauche eine Idee seiner Energie, damit ich mich in ihn „verwandeln“ kann – überkommt mich bleierne Erschöpfung. Es ist, als würde jemand wie auf Kommando mein Hirn ausschalten. Das verdammte Wurzelmantra, das wir rezitieren müssen, während wir uns selbst als Vajrakilaya visualisieren, kann ich mir auf den Tod nicht merken. Bei Simhamukha brauchte ich eine Viertelstunde, bis ich es auswendig konnte. Die eine Zeile für Vajrakilaya will einfach keine Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Er macht mich fertig!

Während des Mittagessens klage ich dem amerikanischen Lama mein Leid. Die Übersetzung des Zeremonien-Texts aus dem Tibetischen samt sämtlicher Fußnoten, wie man was zu visualisieren hätte, stammen schließlich von ihm. „Ja, ja“, nickt er wissend, „sich in die andersgeschlechtliche Meditationsgottheit zu verwandeln, ist immer eine Herausforderung, besonders wenn sie zornvoll ist.“ Das ginge nicht nur mir so. Immerhin ein kleiner Trost.

Die Zeremonie für Vajrakilaya zieht sich über den gesamten Tag. Das dicke Copyshop-Buch, durch das wir uns arbeiten, ist – wie bei Simhamukha – nichts anderes als das ausgefeilte Drehbuch für einen Film, der sich vor unseren inneren Augen abspulen soll. Gute und böse Kräfte erscheinen, Opfergaben in allen Formen und Variationen – auch höchst unappetitlichen aber mächtige – werden visualisierend bereitet und dargebracht. Schließlich der Höhepunkt: Vajrakilaya zermalmt seine Feinde zu Staub!

Der Rinpoche begleitet den inneren Film mit rituellen Handlungen: wenn er nicht gerade die Trommel schlägt und mit uns rezitiert, bereitet er diverse Opfergaben vor und bringt sie dar. Weil ich ihm gegenüber sitze, obliegt es mir, in regelmäßigen Abständen die kleine Schale Bier für die jeweils aktuelle Klasse der Götter aus dem Fenster zu kippen. Zwischendurch fliegt auch mal ein Torma hinaus, beziehungsweise muss irgendwo im Garten platziert werden.

Um sechs Uhr Abends sind wir fast durch, der Rinpoche ruft zufrieden: „Zock!“. Jetzt dürfen wir essen, was die Götter von den geweihten Speisen übrig gelassen haben. Uriel steigt nach vier Tagen Rotwein auf Gin Tonic um, der Rinpoche bevorzugt Bier. Wir teilen Chips, Kekse, Oliven und getrocknetes Fleisch unter uns auf. Der kleine blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen starrt mich giftig von seiner Postkarte an, während ich einen Schluck Wein nehme. Ich starre giftig zurück und denke: du Ekel! Ich verabscheue aggressive Männer. Da können sie noch so Klarheit und Erleuchtung bringen, ich packe sie nicht.

Es hilft nichts. Ich habe noch fünf Tage Zeit, mich in diesen zornvollen Typen zu verwandeln. Egal wie!

Poland. Part 3.

It’s a new day. Katharina invited us to breakfast. The weather was perfect, it was sunny and warm. We left our apartment and went looking for a place to eat. Along the way, we took photos and had fun talking. I was very calm. We came to the city center and decided to go to the first cafe that came across. But the menu did not impress us, there was practically nothing to eat. And we decided to go further in search, as we were too hungry. Having bypassed a couple more establishments, Vasselila remembered that there is a great place nearby where we can have a great meal. I walked with Katarina in front, Vaselisa and her friend walked behind us. I accidentally overheard the conversation. Vasilisa’s friend was extremely unhappy that we could not decide on a place for so long. She thought it was because Katarina didn’t eat many types of foods. It made me very angry, I don’t understand how she could say that? It looked very rude of her. I told Katarina that I was angry and ready to hit Vasilisa’s friend. Of course I said it was not serious, I don’t hit people. Katarina reassured me, we finally found a place where we can have breakfast. It was something like a buffet. We served food, Katarina took coffee. Vasilisa and I took a beer. It was so wonderful to know that I can do whatever I want and I don’t care what others think. I am finally on vacation, I met after long time my friend, next to me is my close friend who shared this journey with me. I’m so young and there’s so much more to come. We had fun all morning. Katarina decided to stay because she is more responsible for writing a blog, and she does it more than once a week, unlike me. And Vasilisa and I decided to take a walk. We walked and at some point sat on a bench and lit a cigarette. We talked about what happened in our lives since we didn’t see each other. I was sincerely sorry for her because she got into bad company. And she returned to the same habits that I tried to help her overcome. I think she was also far away from me, our family situations are very similar. It was sad, but I received a message on Whatsapp that Katarina is free. We are a shipper to the sea. We took a taxi quite quickly, leaving the car we immediately found ourselves at the entrance to the beach. And after a couple of minutes we see the beautiful Baltic Sea. I started to run. I don’t know why, but it seems to me that at that moment I was truly happy, I was overwhelmed with emotions. Vasselila ran after me. Katharina decided to walk along the coast, and we, after our run, decided to stay and take some photos. It was very windy and very soon I felt very cold. We went home. It was a pleasant holiday, short but still. I spent great time with people close to me.

Sieben: Der Wächter

Vajrapani – der Wächter

Meditationspraxis muss gefunden werden. Manche laden sich eine App herunter, buchen einen Kurs im Wellness-Hotel. Selbst diese Aktivitäten – so banal sie Hard-Core-Meditationsjüngern scheinen – benötigen einen Impuls, eine innere Suchbewegung. Wenn diese stark genug ist, wird auf dem Radarbildschirm des Bewusstseins irgendwo ein grüner Punkt aufleuchten. Da ist sie – eine Praxis!

Aber jede Praxis wird von einem Wächter beschützt. Er ist ein Archetypus, eine tief im individuellen wie kollektiven Bewusstsein verborgene Figur, präsent in Mythen und Geschichten seit Anbeginn der Menschheit. Der Wächter hat eine wichtige Funktion: er prüft den Willen des potentiellen Adepten.

Zum ersten Mal manifestiert er sich, wenn die Praxis in greifbare Nähe rückt. Manchmal als Zweifel: ist es wirklich das richtige für mich, sollte ich nicht lieber X,Y,Z machen? Des Öfteren nimmt er die Gestalt von Trägheit an und lässt alleine das Buchen des Retreats zu einer nicht zu bewältigenden Kraftanstrengung werden. Häufig tarnt er sich als Getriebenheit: es muss noch so viel erledigt werden, bevor ich – irgendwann – ein Retreat buchen kann.

Der Wächter der Praxis kann sich auch im Außen manifestieren: als Partner, der überhaupt nichts von solchen Albernheiten hält, als Krankheitsfall in der Familie, der in letzter Minute eine Stornierung erzwingt, als ungeduldiger Vorgesetzter, der genau an dem Wochenende Einsatz fordert, an dem das Retreat angesetzt ist.

Den wenigsten, die das erste Mal in einem Meditationskurs sitzen, ist bewusst, dass sie zu den „Happy Few“ gehören. Zu denen, die den ersten Wächter auf dem Weg zur Erleuchtung erfolgreich überwunden haben.

Aber schnell stellt sich heraus, dass es nur ein kleiner Etappensieg war. Kaum beginnt die Unterweisung in die Praxis, ist er wieder da, der Wächter. Während des ersten Zur-Ruhe-Kommens, wenn die Wellen der Emotionen flacher und flacher werden und vage Bilder aus dem Unbewussten aufzusteigen beginnen, prüft er erneut. Im Zen manifestiert sich der Wächter zu Beginn der Praxis vor allem in Form von körperlicher Unruhe und Schmerz. Viele sind völlig überfordert davon, dass es auf einmal buchstäblich „nichts zu tun“ gibt. Über Stunden und Tage nichts anderes als stilles Sitzen auf dem Kissen, dazu der Atem, der kommt und geht.

Begleitet vom Bewusstsein, dass jede kleine Bewegung – das Kratzen an der juckenden Nase, das Verlagern des schmerzenden Knies – die donnernde Stille des Zendos stören würde, man ertappt wäre dabei, in der Praxis nachzulassen. Und je heftiger der innere Widerstand gegen das stille Sitzen wird, je mehr man den erlösenden Gongschlag herbei sehnt, um so unerträglicher werden Unruhe und Schmerz.

Es ist die existentielle Erfahrung des völligen Zurückgeworfen-Werdens auf sich selbst. Nie ist man einsamer und sich selbst mehr ausgeliefert als auf dem Kissen. Die meisten haben sich Meditation anders vorgestellt. Man erwartet Wellness und Glücksgefühle, statt dessen findet man sich in einer Folterkammer wieder. Dazu die Strenge und Kühle des Lehrers, wo man doch geliebt und angenommen werden möchte! Wieder hat der Wächter seine Pflicht getan. Aus den „Happy Few“ sind die „Happy very few“ geworden.

Und so geht es immer weiter, Retreat um Retreat, Jahr um Jahr. Der Wächter lässt nie nach in seinem Bestreben, zu prüfen, ob man es wirklich ernst meint mit der Praxis. Er ist unermüdlich, immer im Dienst und gnadenlos. Je höher der Gewinn, der mit einer Praxis einher geht, um so unerbittlicher seine Prüfung. „Meinst du es wirklich ernst?“ fragt er wieder und wieder. „Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?“

Und der Preis ist hoch: viele bezahlen den Gewinn aus der Praxis mit dem Verlust von Ehepartnern, sozialem Ansehen, der Sicherheit zu wissen, wer und was sie sind, wo sie hingehören.

Die Praxis bringt existentielle Unruhe ins Leben, denn das ist ihr Auftrag: der Weg zur Erleuchtung ist gepflastert mit dem Abschied von Konzepten. „Wenn du deine Mutter triffst, töte deine Mutter. Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha“, lehrte Rinzei. „Es gibt nichts, was heilig ist.“ Alles muss in jedem Augenblick in Frage gestellt werden. Jede Sichtweise, jede Idee davon, wie ich bin, wie Andere sind, wie die Welt zu sein hat, ist einfach nur Konzept, das von der Realität abschneidet.

Meine Zen-Lehrer lehrten mich, den Wächter in allen seinen Erscheinungsformen zu würdigen. Nie begegnet man sich selbst direkter und ungeschminkter, als in den Momenten, in denen er prüft. Er legt alle Schwächen, Phantasien und Ausflüchte gnadenlos bloß. Wenn das erkannt und akzeptiert werden kann, wandelt er sich vom Gegner zum Verbündeten.

Wenn er sich mir in den Weg stellt, falte ich die Hände vor der Brust und verneige mich – meist zähneknirschend – tief vor ihm, um ihm meine Dankbarkeit für sein pflichtbewusstes Werk zu zeigen.

Sechs: Riwo Sang Chöd

Torma, vom Rinpoche aus Haferflocken und Butter geformt und mit Lebensmittelfarbe eingefärbt.

Sang Chöd. Der Rinpoche hält – auf seinem roten Thron sitzend – die Flamme des Feuerzeugs an ein Stück Kohle, legt es, als es glüht, in eine kleine Metallschale und häuft eine Mischung aus Mehl, Zucker und Butter darüber. Es ist kurz nach halb acht Uhr morgens, wir beginnen den Tag mit einem Opfer-Ritual für die Buddhas, Boddhisttvas und die Wesen aus dem formlosen Bereich. Ich nehme auf sein Zeichen hin die rauchende Metallschale, öffne das Fenster und platziere sie außen auf dem Fensterbrett. Die Metallschale ist ungünstig, hat uns der Rinpoche gestern erklärt, das Behältnis müsse aus Ton sein. Die schwächsten aller Wesen – die aus dem formlosen Bereich –  sind so scheu und ängstlich, dass das Metall sie verstört. Obwohl sie unendlich hungrig sind, wagen sie es nicht, das Opfer anzunehmen.

Ich habe schlecht geschlafen. So ist es immer: nach dem High geht es abwärts. Je extremer der positive Effekt der Meditationspraxis, desto krasser der Absturz. Gestern bin ich im Zustand des vollkommenen Friedens durch den Tag gewandert und in tiefer Harmonie eingeschlafen.

Nachts, im Traum oder im Halbschlaf – während intensiver Retreats lässt sich irgendwann der Wachzustand nicht mehr wirklich vom Traum unterscheiden – das Bild meines im Bett liegenden Körpers. Samt meiner Aura. Ich bin irritiert, über meine Aura habe ich mir bisher keine großen Gedanken gemacht. Aber, voila, da ist sie! Weiß und hell. Aber nicht ruhig strahlend, sie vibriert, unangenehme Lichtblitze zucken und stören den Fluss des Lichts. Ich verströme eine Energie, die wirkt, als wäre in meinem Unterleib einen Störsender eingebaut.

Mit diesem Bild stolpere ich morgens um sieben in die kalte dunkle Küche. Mein Blog ist immer noch offline, leider ist in der Nacht kein Wunder geschehen. Ich schreibe eine weitere Klagemail an meine „persönliche Kundenbetreuerin“, von der nur vorgefertigte Standard-Antworten zurückkommen.

Dann muss ich auch schon zum Sang Chöd antreten. Nicht mal einen Kaffee konnte ich mir aufbrühen, es ist nicht mein Tag heute. Als wir mit dem Opfern durch sind, lässt der Rinpoche auf einmal seinen Blick auf mir ruhen und spricht mich direkt an. Ich müsse zukünftig morgens täglich eine bestimmte Praxis durchführen. „Katharina“, erklärt er mir in seinem gebrochenen Englisch, „du brauchst es, damit du damit klar kommst, dass deine Schönheit geht und du alt wirst.“ Die Erlösung läge nur in der Erreichung der Buddha-Natur, keine Antifalten-Creme würde mich befreien. Samsara, was sonst.

Guten Morgen und vielen Dank! Und das ohne Kaffee! „Is this your personal compliment for me before the breakfast?“ Er ist offensichtlich verblüfft darüber, dass ich gekränkt auf seine Fürsorge reagiere und mich über etwas echauffiere, was ja wohl offensichtlich ist und alle betrifft, nicht nur mich. Der Buddha hat schließlich gesagt, dass Leben Leiden ist. „Geboren werden ist Leiden, krank werden ist Leiden, alt werden ist Leiden, sterben ist Leiden.“ Die Anderen aus der Sangha stimmen im Chor in meine Besänftigung mit ein. Das ginge allen so, sie würden auch nicht jünger und schöner etc.

Nach dem Sang Chöd wird gefrühstückt, ich lehne meine Zeitung an den Saftkrug, gebe mich den aktuellen Weltkatastrophen hin und bin nicht zu mehr zu sprechen.

Wir haben heute frei, Simhamuka ist abgeschlossen, morgen beginnt Vajra Kilaya. Der Rinpoche muss die Tormas – die rituellen Opferspeisen für die Geister und Götter – für das anstehende Retreat basteln. Tormas sind aus Haferflockenteig geknetete dreiseitige Pyramiden, die mit Lebensmittelfarbe rot eingefärbt werden. Die tibetischen Schamanen opfern Tiere, um die Geister und Götter zu besänftigen. Weil der Buddhismus das Töten von Lebewesen untersagt, bieten die Lamas ihnen Tormas an – spirituellen vegetarischen Fleischersatz. Dank ihrer langjährigen Meditationspraxis können sie die Haferflockenpyramiden mit so viel Lebensenergie aufladen, dass die Geisterwelt ohne schlechtes Karma gesättigt und besänftigt wird.

Während der Rinpoche singend und betend seinen Haferflockenteig knetet, schlüpfe ich in meine Laufschuhe. Am Ende wird mich – mit sehr viel Glück – meine Praxis aus dem Samsara befreien. Bis dahin kämpfe ich mit irdischen Mitteln gegen meinen körperlichen Verfall an.

Der Weg führt entlang eines wild rauschenden Baches durch den kahlen Winterwald. Weiße Flocken segeln vom grauen Himmel. Ich folge einem einsamen Paar Fußspuren im Schnee. In den Büschen und Wipfeln singen und pfeifen unverdrossen die Vögel, sie spüren den Frühling trotz Kälte und Eis. Der Pulsoximeter hält sich stabil im roten Bereich, ich glühe vor Energie. Während ich vor mich hinlaufe, spüre ich meinem Ärger nach. Tantra-Praktizierende verbringen ihr Leben damit, Ahnungslosen zu erklären, dass es im tibetischen Tantra NICHT um Sex geht. Es wäre einfach nur Meditation, inklusive der Visualisierung körperlicher Verschmelzung mit dem andersgeschlechtlichen Gefährten der Meditationsgottheit. Das stimmt allerdings nur bedingt. Es gibt durchaus auch den höchst realen geschlechtlichen Aspekt, das macht diese Form des tibetischen Buddhismus so anfällig für sexuelle Ausbeutung. Das traditionelle Ideal des tibetischen Tantra-Praktizierenden ist der wandernde Siddha, der sich ein schönes Dorf-Mädchen sucht, um mit ihr gemeinsam in aller Körperlichkeit an der Vervollkommnung seines Energiekörpers zu arbeiten. Es gibt unsägliche Geschichten darüber, was Lamas naiven Frauen aus dem Westen alles weiß machen, immer mit der Kernbotschaft, was sie mit ihnen anstellen würden, diene einzig und allein ihrer Buddha-Natur.

Das hat unser liebenswerter ernsthafter Rinpoche ganz sicher nicht im Sinn. Er ist rührend besorgt um meine Erleuchtung. Da sitzt diese alternde Frau vor ihm, strengt sich an wie blöd, hat keine Ahnung von nichts und es ist nur noch so wenig Lebenszeit für sie übrig, damit sie Buddha-Natur erlangen kann.

Aber trotzdem! Wenn ich irgendetwas verabscheue, dann ist es dieser wertende Blick auf mein Äußeres. Den haben Männer wie Frauen drauf. Der Blick von Frauen auf Geschlechtsgenossinnen ist oft noch grausamer als der von Männern.

Es ist der Blick, mit dem ich aufgewachsen bin, deshalb reagiere ich wohl so empfindlich. In meiner Familie ist die Rollenteilung klar definiert, Grautöne nicht gestattet. Die Männer haben mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Welt hinauszuziehen und in einem Kampf auf Leben und Tod ihr Hab und Gut zu mehren. Den Frauen ist es aufgetragen schön zu sein – sie repräsentieren schließlich den hart erkämpften Erfolg der Männer – und dabei ein unterwürfiges und bedürfnisloses Verhalten an den Tag zu legen. Die einzigen Bedürfnisse die zählen, sind die der Männer.

Ich komme aus einer archaischen Welt, ist mir irgendwann bewusst geworden. Die Moderne mit den philosophischen Errungenschaften der Aufklärung hat keine Spuren im Denken und Fühlen meines Familiensystems hinterlassen. Es gilt die Regel der Omertà, des Schweigens der sizilianischen Mafia. Was in der Familie geschieht – und dazu gehört die „Zurichtung“ des Nachwuchses mit Mitteln, die den Staatsanwalt auf den Plan rufen würden – muss unter allen Bedingungen geheim gehalten werden.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass mich der tibetische Buddhismus mit seinen schamanischen Wurzeln und seinem Fokus auf die Besänftigung und Befriedung böser Kräfte so anspricht, obwohl er mir auf der rationalen Ebene fremd ist. In der Tiefe habe ich es im Blut.

Während ich vor mich hin koche, kämpfe ich mich einen Hang hinauf. Oben angekommen geht es über eine Anhöhe, links und rechts Wiesen und Felder. Es ist genug jetzt, ermahne ich mich. Jammern ist verboten. Nichts ist sinnloser, als sich zum Opfer eigener oder fremder Konzepte zu machen. AKZEPTANZ. Es ist wie es ist. Ich altere, in Gottes Namen. So lange ich noch sitzen und meditieren kann, geht die Welt nicht unter.

Als ich in die Auffahrt des Retreathauses einbiege, habe ich mich wieder beruhigt. Ich stoppe den Zeitmesser und bekomme auf dem kleinen Bildschirm meiner Laufuhr einen Pokal überreicht. „Ein neuer Rekord!“ meldet sie. Na bitte!


Vier: Simhamukha

Die zornvolle Dakini Simhamukha

Der Nepalese ist ein Rinpoche – ein Meister – der Amerikaner ein Lama – ein Lehrer. Deshalb bekommt der Nepalese die Suppe vor dem Amerikaner. Es ist das selbe Prinzip, dass ich schon aus den Zeremonien kenne: die hohen Götter bekommen ihre Opferspeisen vor den lokalen Gottheiten. Hierarchie ist wichtig im tibetischen Buddhismus.

Dass der kleine freundliche Nepalese mit dem kahlgeschorenen Schädel wirklich ein Rinpoche ist, bekomme ich während der Zeremonie für Simhamukha zu spüren. Sie zieht sich über den den ganzen Tag: vier Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Skript, durch das wir uns rezitierend, trommelnd und opfernd arbeiten, hat fast vierhundert Seiten.

Die Energie des Rinpoche lässt den Schreinraum glühen. Draußen segeln Schneeflocken in das graue Wasser des Weihers. Drinnen sitzt der Nepalese schwitzend im Unterhemd auf seinem roten Thron, drischt rezitierend auf die große tibetische Trommel ein und führt uns mit verblüffenden Konzentration durch das Ritual.

Ich haste mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bei dieser Geschwindigkeit die tibetische Lautschrift zumindest einigermaßen richtig auszusprechen, ist eine Herausforderung. Zwischendurch wird immer wieder gestoppt, das Skript korrigiert, der Rinpoche hört, trotz des durch mich verursachten „Rauschens“, jeden Fehler, der sich in die Übersetzung der tibetischen Schriftzeichen in die Lautschrift eingeschlichen hat!

Eigentlich müsste ich, die Rezitation begleitend, noch Visualisieren. Das Zeremoniell ist nichts anderes als eine Anleitung zur Meditation. Unter der tibetischen Lautschrift wird sowohl in tibetischen Lettern, als auch in englischer Übersetzung, Schritt für Schritt beschrieben, was sich vor meinen inneren Augen abspielen soll. Es ist das Drehbuch eines phantastischen Films. Im Mittelpunkt: die löwenköpfige Dakhini Simhamukha.

Für Tantriker verfügt unser Körper über drei verschiedene Dimensionen: „Body“, „Speech“ and „Mind“. „Body“ ist der physische Körper, „Mind“ die mentale Ebene. Tantra ist auf das fokussiert, was dazwischen ist: „Speech“. „Speech“ beschreibt in diesem Kontext nicht „Sprechen“, sondern bezieht sich auf unsere Existenz als Wesen, die durch und durch aus Energie bestehen. Alles was wir denken, fühlen, tun – die Worte die wir sprechen, die Gedanken, die unser Handeln und Erleben begleiten, die Emotionen die durch innere und äußere Impulse ausgelöst werden, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – ist nichts anderes als ein Ausdruck unseres Energiekörpers.

Sind wir durch karmische Belastungen energetisch blockiert, verstricken wir uns durch Ignoranz und negative Gefühle mit der materiellen Welt. Wir leiden, verursachen Leiden und finden nicht den Weg zur Erleuchtung. Deshalb zielen alle Praktiken des Tantra darauf ab, unseren Energiekörper zu reinigen und unsere Lebensenergie zu transformieren.

Tantra fokussiert auf das Unbewusste. Durch Visualisierungen, das Rezitieren und Singen von Mantras, die Verwendung bestimmter Mudras und Körperhaltungen sollen Blockaden durch negative Emotionen und falsche Vorstellungen aufgebrochen werden. Die Prozesse, die durch das Praktizieren von Tantra ausgelöst werden, können mental herausfordernd sein.

Sowohl die friedvollen als auch die zornvollen Gottheiten, in die sich die Schüler durch Visualisierungen verwandeln sollen, sind Ausdruck der verschiedenen Aspekte der Buddhaschaft. Tantra ist deshalb – trotz des üppigen Götterhimmels – nicht polytheistisch, die einzelnen Gottheiten repräsentieren akzentuierte emotionale Zustände, die vom Lehrer – je nach karmischer Belastung und aktueller Problemlage – verschrieben werden, wie ein Arzt spezifische Medikamente bei körperlichen Beschwerden verordnet.

Zu den „harten“ Methoden des Tantra gehören die „zornvollen“ Praktiken. Eine davon ist Simhamukha, die Dakhini mit dem Löwenkopf.

About Poland. Part 2.

It was the fourth hour of our journey. I did not feel tired, I was looking forward to meeting Vasilisa. I felt that something good was about to happen. And now we are already in Poland, but there are still a couple of hours of travel ahead. We stopped at a gas station. Our driver turned out to be quite a nice person. He said that he wanted to go to eat at one of his favorite Polish restaurants. I supported him, as I was determined to try something from Polish cuisine. But it turned out to be McDonald’s. I will not say that I was upset, of course it was not the favorite „Polish restaurant“ that I expected, but it turned out to be no worse. Katorina and I went inside. She does not like such food, so she only took coffee. We talked about what we would like to see in Gdansk, we were so happy. We continued on our way. In one of the villages, our fellow traveler and part-time friend of the driver left us and wished us a good trip. We started talking to the driver. He works near Munich and they immediately hit it off with Katarina as she knows those places around Bavaria. Time flew by, he told us about Gdynia, where he lives, it’s only twenty minutes from Gdansk. And he told us that we had to return when it was warm. We got out of the car at the station, the driver was very worried about whether we would get there, explained many times which train we needed and where to buy a ticket. It was very nice of him, it’s still unusual for me that strangers can be really genuinely kind. And here we are standing at the station, I’m smoking, it’s twenty minutes before the train, I feel like I’m starting to freeze. Suddenly a young man comes up and asks us something in Polish. I answer that we do not speak Polish. He looks at me and asks in Russian “maybe you speak Russian or Ukrainian?”. “I’m talking for two,” I answer and immediately specify where he is from. I’m always wary of this kind of dialogue. „Belarus“. The guy was frankly dissatisfied with the situation in his country, and this is understandable. It was difficult for him to leave the country, but he specified that he was more comfortable in Poland. We got on the train and he continued talking. He talked a lot. It looked like he had no friends and was very lonely. I feel very sorry for such people, because it was clear that he really wanted to talk to us. Before leaving the train, he uttered, “I know a bar where there are a lot of immigrants from Belarus and Ukraine, can we go sometime? Will you give me your number?“ I didn’t want to offend him, it was clear that he was nervous, so I gave my instagram. He left the train, after a few stops we also got off and finally ended up in a taxi, then Vasilisa met us and we went up to our apartment. Vasilisa and her friend cooked dinner for us, the apartment turned out to be much smaller than I expected. But I was glad to meet Vasilisa after a couple of years. At dinner we drank champagne and some gin. After that we decided to go to the club. We had a lot of fun, we remembered our meetings in Zaporozhye. There were many funny situations. We went outside, decided to smoke and call a taxi after. I finally felt at ease. After a long time, I met a person whom I know, with whom I have a memory, something dear. Such a forgotten feeling for me. We got into a taxi, the driver was a rather attractive woman who also turned out to be from Belarus, we talked a little, it turned out that she was a little over forty, which surprised me a little, since she looked much younger. Vasilisa became drunk within minutes of our journey. We stopped at the club. „Let’s smoke?“ she suggested to our driver. She agreed, and while we were smoking, Vasilisa showered her with compliments, even hugged her. It was funny to watch it from the side. When we entered the club, there were not many people, but we liked the music, so we took a cocktail and went to dance. At some point, Vasilisa disappeared. And this club has 3 floors! We went around all three several times. She was at the closet, talking to her friend. In the end, we returned to dance, but she warned that she wanted to continue the discussion with her friend. We didn’t mind, but soon we got tired of this party and we wanted to go home. Vasilisa disappeared again. I went outside with her friend. She is also a little younger than me, but for some reason from the very beginning made me a dubious impression. We’re trying to get through to Vasilisa. I was angry. She always does that, it turns out she left with some guy. We called a taxi, it was 4 am when we arrived home. Katarina woke up. „Everything is fine?“ she asked. I replied that I was angry with Vasilisa and just went to bed. I did not hear when she returned, but when I saw that she was sleeping, I became calmer. It didn’t make sense to talk to her about how it wasn’t right. It happened more than once. I made sure everything was fine and fell asleep again. Looking forward to a new day.

Die Reise ist zu Ende. Oder doch nicht?

Jede Sekunde zählt! Ich schnalle den Treckingrucksack enger, werfe mich, als sich die Tür des EC vor mir öffnet, aus dem Zug, haste die steilen Treppen des Berliner Hauptbahnhofs hinunter, jage den langen Flur des zweiten Untergeschosses entlang, schlittere um die Kurve.

Da, die letzte Treppe, unten steht der ICE nach Leipzig! Monotones Piepen begleitet das Schließen der Türen. Als ich keuchend am Bahnsteig ankomme, fährt der Zug an. „Sänk you for Träveling wiss Deutsche Bahn“, denke ich ergeben. …Deutschland hat mich wieder.

Die erste Zugdurchsage auf Deutsch während der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt/Oder hatte mir regelrecht in den Ohren geschmerzt. Das polnische Sprachbad in Gdanzg war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dass ich über Tage nicht verstand, was um mich herum gesprochen wurde, hatte mich nicht gestört. Im Gegenteil: erst als ich wieder mit dem Deutschen konfrontiert bin, wird mir bewusst, dass ich in Gdanzg die ganze Zeit mit dem Gefühl herum gelaufen war, in der Tiefe würde ich alles verstehen.

Die deutschen Sätze um mich kommen mir vor wie eine Fremdsprache, es ist, als müsse ich sie die ganze Zeit im Kopf übersetzen. Ich habe einen regelrechten Kulturschock! Und das nach zehn Tagen im Nachbarland Polen!

Ich wandere quer durch den Bahnhof, es ist fünf Uhr abends. Rush Hour. Eine Stunde, bis der nächste ICE nach Leipzig fährt. Auf dem Vorplatz sitzen die üblichen Berliner Verdächtigen in der Abendsonne, von der anderen Seite der Spree grüßt die Reichstagskuppel.

„Ich bin wieder da,“ denke ich, während ich die träge im Wind flatternden Deutschlandfahnen betrachte. „Unfug!“, ermahne ich mich. Was ist das für ein Satz? Ich bin immer „da“! Oder ich sollte es zumindest sein, denn das ist das Ziel meiner Meditationspraxis: Präsenz. Ich war in Gdanzg da, jetzt bin ich in Deutschland da. Ein Zitat von Meister Dosan aus dem 16. Jahrhundert fällt mir ein: „Der Weg liegt immer unter deinen Füßen.“

Das ist die eine Wahrheit. Die unmittelbare, sinnliche: ich höre, ich sehe, ich rieche, ich schmecke. An mir ziehen Geräusche, Farben, Gerüche, Geschmäcker vorbei. In diesem Augenblick: meine Bewegung, meine Emotion, mein Schritt. Jetzt! Alles ist immer nur genau dieser eine Atemzug, dieser eine Moment. Es ist die Essenz dessen, lebendig zu sein.

Gleichzeitig gibt es noch eine andere Wahrheit. Kapuscinski schreibt in „Travels with Herodotus“: „A journey, after all, neither begins in the instant we set out, nor ends when we have reached our doorstep once again. It starts much earlier and is really never over, because the film of memory continues running on inside of us long after we have come to a physical standstill. Indeed, there exists something like a contagion of travel, and the disease is essentially incurable.“

Ich bin im Außen gereist – und gleichzeitig im Inneren. Mein „film of memory“ zeigt mir nicht nur die prächtige Innenstadt von Gdanzg, die Brandung der Ostsee. Irgendwo in mir hat sich Polen verankert. Wohl im Herzen. Es ist lebendig. „This disease is essentially incurable.“ Die Reise geht weiter. Wohin sie führen wird, ist ungewiss. Es spielt keine Rolle: Der Weg liegt immer unter meinen Füßen, im Innen wie im Außen.

Am Abend schreibt mir Uriel: „Keep on writing, Katharina. Jetzt wird der Blog erst richtig gut.“

Übermorgen reise ich ans Ende der Welt. Uriel erwartet mich dort im Retreathaus „Just for Family and Friends“. Er hat eine „Frühjahrsoffensive“ organisiert: drei Trantra-Retreats in drei Wochen.

Wer mich auf dieser „inneren Reise“ durch Simhamukha, Vajrakilaya und Throma begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, weiter mitzulesen…

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