Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 13 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Dreizehn: Sehen

Der Wolf hat mich im Blick. Er liegt neben dem Schreibtisch – den mächtigen Kopf auf den Vorderläufen – und lässt seine Augen auf mir ruhen. Was sieht er?

Für mich ist er Form gewordenen Energie. Was bin ich für ihn?

Ebenfalls Energie, die Form gefunden hat? Sieht er mich als Spektrum von Farben? Spürt er mich? Hört er mich? Riecht er mich?

Während ich – ihm in die Augen schauend – darüber nachdenke, wird sein Blick müde, die Lider wandern tiefer und tiefer. Es ist keine Frage, die ihn umzutreibt. „Du bist da, was soll´s?“, scheint er mir dösend zuzumurmeln.

Was sehen wir, wenn wir sehen? Unser Alltagsbewusstsein gaukelt uns vor: Realität. Nackte, harte Materie. Die Neurowissenschaft weiß, dass die visuellen Daten unsere Netzhaut im Sehzentrum des Großhirns gefiltert, aufbereitet und umgerechnet werden, bevor sie in unser Bewusstsein gelangen. Wir sind Überlebensmaschinen, keine neutralen Beobachtungsstationen. Das ausschlaggebende Kriterium für unser neurophysiologisches System ist die Relevanz sinnlicher Daten.

Wie diese Relevanz definiert ist, hängt von vielen Faktoren ab: Umwelteinflüssen. Genetik. Sozialen Prägungen, die sich in Lernerfahrungen übersetzt und die individuelle Struktur unseres neuronalen Systems geformt haben. Was erfahren wird, hinterlässt physiologische Spuren im Gehirn. Die Verhaltensmuster, die aufgrund dieser Erfahrungen generiert werden, bilden – wenn sie Routine werden – neuronale „Autobahnen“. Sie determinieren Wahrnehmung und Denken, ohne dass es uns bewusst ist. Denk- und Verhaltensmuster werden habitualisiert: ohne nachzudenken setzen wir den Blinker immmer an der selben Abbiegung unseres Daseins, folgen den immer gleichen ausgetretenen Pfaden des Lebens. Aus evolutionsbiologischer Perspektive macht es Sinn: unser physiologisches System ist darauf ausgelegt, so ökonomisch als möglich zu agieren. Jedes Infragestellen von Eindrücken und Reizen geht mit Stressreaktionen einher, kostet Energie und Zeit. Wir bestehen aus Aminosäuren. Über Millionen von Jahren haben evolutionäre Prozesse dafür gesorgt, dass wir optimal darauf ausgelegt sind, zu überleben, uns fortpflanzen und unsere Nachkommen erfolgreich aufzuziehen.

Deshalb wirken viele Menschen, wenn sie älter werden, „eingefahren“. Sie nehmen Sinnesreize nur im vertrauten Spektrum wahr und verarbeiten diese Eindrücke bevorzugt entlang ihrer neuronalen Standardwege. Alle Umweltreize, inneren Bilder und emotionale Regungen, die nicht in gewohnte Schemata passen, werden ausgeblendet. Wenn das nicht möglich ist, weil die inneren oder äußeren Reize zu massiv sind, werden sie als „Störungen“ interpretiert. Die physiologischen Stressreaktionen, die das Unerwartete auslösen, werden als beängstigend und bedrohlich empfunden. Primitive Abwehrreaktionen sollen das System wieder ins Gleichgewicht bringen. Negative Emotionen werden nach Außen projiziert, ein Arsenal an Verteidigungsmechanismen aktiviert. Meist wird der Radius solcher Menschen im Laufe des Lebens kleiner und kleiner. Sie ziehen sich in ihre vertraute Komfortzone zurück, meiden neue Erfahrungen und fürchten Veränderung.

Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die neben mir im Kammermusiksaal der Musikhochschule den Studenten lauschte. Nach dem Ende des Konzerts lief sie – den Blick gesenkt – in der Abenddämmerung vor mir den Gehweg entlang. Und direkt an einem Waschbären vorbei, der keinen Meter von ihr entfernt am Rinnstein saß. Offensichtlich hatte sie das possierliche Tier nicht bemerkt. „Ein Waschbär!“ rief ich hinter ihr her. „Da sitzt ein Waschbär!“ Sie schien mich nicht gehört zu haben. Stur lief sie weiter und verschwand um die Ecke in die Nebenstraße.

Ich ging vor dem Waschbären in die Hocke. Das war ihm nicht geheuer, er verkroch sich in den Abwasserkanal am Rinnstein, er passte gerade durch das zerborstene Gitter. „Bist du süß!“ erklärte ich seiner schnuppernden Nase. „Grrrrr!“ kam es zurück. Ich hatte nicht gewusst, das Waschbären knurren können.

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen – ohne es zu wissen – von Schatten-Tieren beschützt und begleitet werden. Sie „sehen“ sie nicht, weil es ihnen nie in den Sinn käme, dass es so etwas geben könne wie Energie, die Form annimmt. Es ist ihnen nicht bewusst, dass auch sie nichts anderes sind als Energie, die Form angenommen hat. Deshalb spüren sie auch nicht, dass sie „gesehen“ werden. Was schade ist, finde ich. Was wäre ich ohne meinen Wolf?

Zwölf: The Boss

Mein großes Vorbild, wenn es ums Schreiben geht, ist Bruce Springsteen. Kein Witz!

Stimmigerweise habe ich ihn nicht über seine Musik entdeckt, sondern über sein Buch. Genauer: über seine Autobiographie. Im Feuilleton meiner geliebten Tageszeitung las ich eine hymnische Besprechung darüber. Wie gut sie geschrieben wäre. Und wie klug Springsteen seine Beziehung zum bipolaren Vater reflektieren würde. Das war das Stichwort, dass mich das Buch bestellen ließ: „bipolar“.

Das Thema beschäftigt mich schon länger. Obwohl ich nicht selbst betroffen bin. In meiner Familie sind sie über Generationen alles mögliche und unmögliche gewesen, aber verrückt im Sinne von „psychotisch“ war meines Wissens keiner. Die Familiengeschichte einer Freundin war es, die mein Interesse daran auslöste. Bei ihr wandert ein manisch-depressives Familiengespenst durch den Stammbaum, fällt mal den einen, dann den anderen an. Fast keine Generation bleibt verschont. Und ich war irgendwie mit drin in dieser Familiengeschichte, ohne dass ich mir erklären konnte, wie es zuging. Ich träumte von ihr und ihren verrückten Angehörigen, es beschäftigte mich Tag und Nacht.

Als ich zu schreiben begann, tat ich es für diese Freundin. Es war ein spontaner Einfall nach der Abendmeditation. Aus einer Laune heraus tippte ich die ersten beiden Kapitel einer Geschichte herunter mit dem Gedanken, die Freundin würde es vielleicht gerne lesen. Ich hatte die Protagonisten und die Ereignisse während des Zazen „gesehen“. Ich hängte den Text an eine Mail, gab die Adresse der Freundin ein, schrieb ein paar Worte dazu und ging zu Bett, nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte. Am nächsten Morgen kam die Antwort: wie schade, dass es nur der Anfang der Geschichte wäre!

So wurde ich unversehens zur Chronistin meiner inneren Bilder. Allerdings war ich schnell mit einer Vielzahl technischer Probleme konfrontiert. Ich „sah“ zwar bei jeder Meditationseinheit, was die Charaktere der Geschichte trieben, aber oft war ich überfordert davon, es zu Papier zu bringen. Bilder und Emotionen so in Sprache zu übersetzen, dass es Andere verstehen – lernte ich – erfordert handerwerkliches Können. In welcher grammatischen Zeitform soll ich schreiben? Welcher Erzählperspektive soll ich wählen? Wie beschreibe ich Orte und Landschaften, dass sie für Außenstehende nachvollziehbar sind? Außerdem „sah“ ich wie meine Protagonisten mit sich selbst und mit Anderen sprachen, aber ich „hörte“ sie nicht. Irgendwie wusste ich trotzdem, was sie umtrieb, aber wie ich ihnen eine authentische Stimme geben sollte, war mir ein Rätsel.

Ich bestellte stapelweise Literatur zum Thema „Schreiben“ und absolvierte online einen „Kreativen Schreib-Kurs“, während ich mich tagsüber arbeitend und nachts träumend mit meinen Charakteren und ihrem Schicksal herumschlug.

Erst dachte ich, ich schreibe einen Krimi. Ganz falsch lag ich nicht, die Geschichte kreiste um ein lang zurückliegendes Verbrechen, ein Mordanschlag konnte gerade noch vereitelt werden. Aber nach einigen Wochen harter Arbeit wurde es mehr und mehr zu einer Liebesgeschichte! Das war das letzte, woran ich interessiert war – zu viel Gefühl! Ich versuchte mit allen Tricks und Mitteln, meine Figuren in andere Bahnen zu lenken. Ich hatte ja inzwischen gelernt, wie es ging: ich plotete, entwarf in Tabellenform Handlungsmuster, -Motive, Zeitverläufe – vergebens. Das erste Mal war ich mit dem Eigensinn meiner Figuren konfrontiert. Sie verschränkten die Arme vor der Brust, schoben die Unterlippen nach vorne und weigerten sich, weiter mitzuspielen. Da konnte ich noch so stur sein – meine Charaktere waren sturer!

Schließlich gab ich auf und wurde wieder zur Chronistin meines Innenlebens. Andere können sich Geschichten ausdenken – ich kann sie nur niederschreiben.

Allerdings brachte mich an meine Grenzen, was sich da in meinem Inneren abspielte: es ging um eine psychische Erkrankung, lernte ich. Und um Intimität. Beides sind nicht meine Spezialgebiete. Mit dem einen bin ich auf der persönlichen Ebene noch nie in Berührung gekommen, zweiterem bin ich immer so elegant als möglich aus dem Weg gegangen.

Es half nichts! Meine Figuren hatten an einer Weggabelung der Geschichte diese Abzweigung genommen und ich musste mit, ob ich wollte oder nicht. Nur leider war ich schlecht gerüstet für den emotionalen Parcours, über den sie mich jagten. Es war schon kompliziert genug, zu beschreiben, was sie taten und was sie sagten. Aber wie sollte ich es hinbekommen, glaubwürdig darüber zu berichten, was sie fühlten?

Genau in diesem Augenblick fiel mir die Autobiographie von Bruce Springsteen in die Hände. Es war nicht das erste biographische Buch, dass ich zum Thema „psychische Erkrankung“ las. Aber das hier hatte eine andere Qualität. Die Direktheit, mit der „der Boss“ schrieb, nahm mir den Atem. Während ich mich durch sein Leben arbeitete, hörte ich gleichzeitig zum ersten Mal nicht nur seine Musik – sie hatte mich nie angesprochen – sondern auch seine Texte. Es waren lakonische Miniaturen der Menschlichkeit. Sie berührten mich zutiefst. Irgendwie hatte er es drauf, mit ein paar Strichen und Sätzen komplexe Geschichten zu erzählen – und die Emotionen mit der Wucht einer Abrissbirne dazu zu liefern.

Und dabei konnte er nicht mal singen! Es war mir nie aufgefallen. Erst als ich es in seinem Buch las und mir die Songs bewusst darauf hin anhörte, wurde mir klar, dass er recht hatte. In den frühen Alben trifft er regelmäßig nicht mal den richtigen Ton! Er sang trotzdem – und kam gut an damit.

Seine erste Band hatte er mit fünfzehn, lernte ich. Er war Gitarrist, sie coverten Songs für Tanzveranstaltungen. Mitte der 60er, schrieb er, war es üblich, dass Bands nur instrumental spielten, die Leute kamen, um zu den Hit´s aus dem Radio zu tanzen, mehr wurde nicht erwartet. Mit den Beatles änderte sich das, er begann die ersten Texte und Songs zu schreiben, aus der Cover-Band wurde eine richtige. Gesungen wurden Springsteens Songs von einem Frontmann, Bruce traf die Töne nicht.

Dummerweise traf der Frontmann die Emotionen nicht. Irgendwann wurde deshalb aus dem Gitarristen auch noch der Sänger der eigenen Songs, Springsteen nahm Gesangsunterricht und lernte, dass er nicht melodisch klingen musste, um zu überzeugen.

Es geht immer darum, möglichst präzise in Worten und Bildern zu beschreiben, was man spürt, lernte ich vom „Boss“. Die Leitfrage für einen guten Text ist immer: was will ich emotional sagen? Das haute mich um. Ich ließ mich darauf ein – und sitze seitdem des Öfteren über Stunden in Tränen aufgelöst am Schreibtisch. Nach dem Schreiben von Gewaltszenen stehe ich buchstäblich unter Schock. Und hat schon mal jemand eine Sex-Szene geschrieben? Ich kann allen nur raten, es mal auszuprobieren! Viel Spaß damit! Mehr Scham geht nicht…

Nur wenn ich jeden Selbstschutz fahren lasse und mich nackt und verletzlich den Gefühlen meiner Charaktere ausliefere, kann ich wirklich schreiben. Es braucht nicht melodisch zu klingen, gut auszusehen, logisch stringent zu sein – es muss berühren. Nur dann hat es Anderen wirklich etwas zu sagen.

Das war die Lektion, die mir Bruce Springsteen erteilt hat. Er war – und ist – mein großes Vorbild.

Elf: Kontroll-Taube

Die Taube ist busy. Zielstrebig ist sie am Ende des rechten Fenstersimses gelandet, trabt mit energischen kleinen Schritten den Vorsprung entlang, flattert zum nächsten Fenster und schreitet außen an meinem Schreibtisch vorbei, mich dabei mit dem linken Auge konzentriert fokusierend. Das metallische Kratzen ihrer Krallen auf dem Kupferblech begleitet jeden ihrer Schritte. Das macht sie fast jeden Morgen, außer es regnet. Nässe scheint sie nicht zu schätzen.

Ich habe keine Ahnung, was hinter ihrer Morgenroutine steckt. Ich füttere sie nicht, bei mir gibt es nichts zu holen. Sie sucht auch nicht nach Futter. Sie landet, marschiert zielstrebig über beide Fensterbretter, während sie mich – die ich am Schreibtisch sitze und arbeite – fixiert, und flattert wieder davon. Ich gehe davon aus, dass ich ihr herzlich egal bin. Vermutlich bin ich für sie genauso bedeutungslos wie der wuchernde Avocado neben meinem Schreibtisch.

Umgekehrt sieht es anders aus: ich betrachte sie als meine „Kontroll-Taube“. Ihr kritischer Blick beim steifen Vorbeischreiten erinnert an einen Studienrat, der während der schriftlichen Prüfung darüber wacht, dass keiner der Schüler abschreibt oder spickt.

Mein Über-Ich ist gut entwickelt. Fast schon ein bisschen zu gut: einfach mal alle Fünfe grade sein zu lassen, gehört nicht zu meinen Stärken. Es ist ein zweischneidiges Schwert, finde ich. Einerseits ist es ein Malus, sich nicht gehen lassen zu können. Andererseits ist es von Vorteil, selbstdiszipliniert zu sein.

Ich meditiere täglich. Da kann es regnen oder schneien, ich schlecht geschlafen haben, an Liebeskummer leiden, what ever. Kissen ist Kissen und Pflicht ist Pflicht. Die Erfahrung nach Jahren der Selbstkasteiung: irgendwas kommt immer dabei raus. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, nur weil ich unausgeschlafen, depressiv oder kreuzunglücklich bin. Es kommt und geht, heute bin ich verzweifelt, morgen euphorisch, übermorgen gelangweilt. So what?

Mein „silver lining“ Blog ist jetzt zwei Monate alt. Am 07. Februar lud ich den ersten Text hoch. Es war ein Experiment, aus einer Laune heraus geboren. Maria und ich planten eine Reise nach Polen. Es bot sich an, probeweise darüber zu bloggen. Ich wollte es schon länger mal ausprobieren, ging aber davon aus, dass es mir nicht liegen würde. Ich schreibe dicke Schmöker, irgendwo an der Grenze zwischen magischem Realismus und Fantasy. An jedem arbeite ich mindestens ein Jahr. Bis auf meine treue kongeniale Protoleserin kriegt während der Entstehungszeit niemand zu Gesicht, was ich mir ausdenke. Die Idee, jeden morgen einen Text über konkrete Tagesereignisse zu verfassen, der dann sofort gelesen wird, fand ich absurd. Ich dachte weder, dass es mir Spaß machen würde, noch das ich es könnte.

Mit dem Bloggen ist es wie mit dem Meditieren, lautet das Zwischenergebnis nach den ersten zwei Monaten: irgendwas kommt immer dabei raus, wenn ich mich täglich dazu zwinge, einen Blog-Text zu schreiben. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mal neben der Spur, nicht auf der Höhe meiner Schaffenskraft oder emotional Gaga bin. Des Öfteren auch alles zusammen.

Eine wertvolle Erkenntnis, die ihr mir – liebe geduldige Leser – schenkt. Herzlichen Dank dafür, dass ihr nachsichtiger auf mich blickt, als meine strenge Kontroll-Taube!

Zehn: Ach du lieber Schwan!

Ich befinde mich im Schreinraum des Retreathauses am Ende der Welt. Der rote Thron des Lamas ist verwaist. Die Kerzen auf dem Altar sind erloschen. In der Luft die Ahnung des Geruchs abgebrannter Räucherstäbchen. Draußen rauscht der Bach vorbei. Seltsamerweise sitze ich in Zazen. Während ich in der Haltung der Präsenz den Blick auf dem Fußboden ruhen lasse, spüre ich, dass ich nicht allein im Raum bin. Ohne die Augen zu heben, „sehe“ ich ein paar Meter von mir entfernt Uriel auf seinem Stammplatz sitzen. Er ist ebenfalls in Zazen. Ich bin irritiert. Das ist nicht seine Praxis. Und überhaupt hat Zen hier nichts verloren – das Retreathaus am Ende der Welt gehört zum Tantra-Reich.

Ich träume – registriere ich – und meditiere gleichzeitig. Neben mir hat sich der Wolf lang ausgestreckt, seine Pfoten zucken im Schlaf. Ich hebe die Hand und streiche ihm über den Kopf. Wie weich sein Fell ist! Du schläfst – ermahne ich mich – nichts von alledem ist real.

Was ist „real“? Ich gleite in die Traumlosigkeit.

In der Dunkelheit sehe ich Krodhi Kali in meinem Unterleib tanzen. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen und fahren wie Blitze durch meinen Körper. Sie durchschlagen das Fell des Wolfes an meiner Seite, er dreht sich im Schlaf auf den Rücken, seine Kehle leuchtet weiß im fahlen Licht der Straßenlaternen. Ich spüre die Energie der Herrin der Friedhöfe, sie treibt meine Seele vor sich her und scheucht die Untoten aus fauligen Sümpfen und Pfühlen. Ich sehe ihre schattenhaften Umrisse ans feste Ufer meines Traumbewusstseins wanken und versuche vergebens, den Blick von ihnen zu wenden.

Karfreitag. Auf dem Hügel Golgotha wird Jesus heute ans Kreuz genagelt werden und sterben. Um sechs Uhr morgens sinke ich auf mein Kissen, der Gong zum Zazen holt mich nur kurz aus meiner Konfusion. Meine Gedanken wandern wild hin und her, die Träume der Nacht haben meine Seele im Griff. Es ist ein mühsames Geschäft heute: hinein in die Präsenz – kurz die Realisation der Stille des frühen Morgens, des Singens einer Amsel im benachbarten Hinterhof – und wieder haben die Traumbilder meinen Geist verschluckt. Es gibt kein „gutes“ oder „schlechtes“ Sitzen, ermahne ich mich. „Niemals werten“ lautet die Devise. „Selbst die kleinste Unterscheidung schafft eine Distanz wie zwischen Himmel und Erde“, sagt das Shinjin Mei. „Der höchste Weg ist nicht schwer, wenn Du nur aufhörst zu wählen.“

Das ist gerade mein Problem, merke ich. Ich habe das Gefühl, ich müsse wählen: zwischen Tantra und Zen. In der einen Sangha machen alle nur Tantra, in der anderen nur Zen. Ich mache beides. Was ungewöhnlich ist. Ich ernte auf beiden Seiten Kopfschütteln und Unverständnis, denn gegensätzlicher können buddhistische Praxen nicht sein. Die Chinesen kreierten aus dem Amalgan von Daoismus und Buddhismus das vollkommen nüchterne Zen. Die Tibeter aus ihrem uralten, vermutlich aus matriachaler Tradition stammenden, Schamanismus und Buddhismus das bunte wilde Tantra.

Dass die chinesischen Besatzer Tibets autochtone Kultur brutal unterdrücken, macht meinen wilden Mix nicht leichter. Kein tibetisch-buddhistisches Zentrum ohne „Free Tibet“-Flagge. Und überhaupt – denken Vajrayana-Praktizierende – den Zen-Leuten fehlt jedes Gefühl für die Tiefe und den Reichtum des Buddhismus. Nur rumsitzen und nichts-tun, wofür soll das gut sein?

Umgekehrt können sich Zen-Praktizierende über wenig so echauffieren wie über Vajrayana. In den tibetisch-buddhistischen Zentren würden sie im Dschungel ihrer Rieten und Götter die Essenz des Buddhismus nicht begreifen, lautet der Vorwurf. Buddhismus ist doch keine Religion, sagen die Zen-Leute, es ist einfach nur eine Praxis! Wie kann man sich mit all den Albernheiten abmühen, die überhaupt nicht notwendig sind? Und überhaupt: der Dalai Lama wird völlig überschätzt! Der härteste Vorwurf gegen die Vajrayana-Praktizierenden lautet: das sind die seelisch Instabilen, die müssen mit Objekten meditieren, weil sie ihre psychischen Störungen in der nackten Präsenz nicht aushalten.

Mein Zen-Lehrer hält nicht allzuviel von mir, seit ich mich als Vajrayana-Praktizierende geoutet habe. Jahrelang schwieg ich darüber. Wenn ich am Hof war praktizierte ich Zen und Punkt. Aber irgendwann – nachdem er im abendlichen Tesho wieder einmal ausführlich über den tibetischen Buddhismus hergezogen hatte – reichte es mir. Ich betrachtete es als Akt der Loyalität, mich zu einer Praxis zu bekennen, die mir so viel schenkt. Seitdem ist es gelaufen. Ich werde in meiner Zen-Linie keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wer seelisch so instabil ist, dass er sich regelmäßig zu den bunten Göttern Tibets flüchten muss, dem mangelt es an grundsätzlichen Vorraussetzungen für höhere Zen-Weihen. Da kann ich sitzen, bis ich schwarz werde.

Umgekehrt denken die Tantra-Leute, wenn ich sage „ich komme aus dem Zen“, dass ich eingesehen habe, dass ich einem Irrtum „aufgesessen“ bin. Endlich wäre ich in den Hafen der Erwählten eingelaufen, nachdem ich jahrelang meine Zeit mit sinnlosem Herumsitzen vergeudet hätte.

Es ist mühsam, weder Baum noch Borke zu sein.

„Ach du lieber Schwan!“ – ermahne ich mich – „Was jammerst du darüber, reich beschenkt zu werden? Bunter und schöner kann das Leben ja wohl nicht sein!“

Neun: Indras Netz – Teil vier

Der Erzengel gießt Blumen. Kurz wirft er einen Blick zu mir herüber, bevor er sich abwendet und wieder in den dunklen Tiefen seines Wohnzimmers verschwindet. Seit meinem Einzug ins verwunschene Untermietzimmer vor einem Jahr beobachten wir einander. Der Erzengel lebt in der Wohnung auf der anderen Straßenseite. Mein Schreibtisch vor dem Fenster ist genau gegenüber seinem Wohnzimmer platziert, uns trennen gerade mal 15 Meter. Seit wir uns vor ein paar Wochen unerwartet getroffen haben, wissen wir allerhand von einander. Es war Karma, wir verstanden es beide. Die Zeichen ließen sich nicht anders deuten.

Er hat die Einladung ausgeschlagen. Es war ihm zu riskant, vermute ich. Dabei gäbe es viel, was er hinter sich lassen müsste. Zu seinem eigenen Wohl, wie er mir selbst sagte. Aber es gehört Kraft und Mut dazu, die alte Haut abzustreifen und sich von einer überlebten Identität zu verabschieden. Ich wünsche ihm eine weitere karmische Begegnung, die ihn auf sanftere Weise von seinem Fluch erlösen wird, als es mir möglich gewesen wäre.

Ich bin eines von unzähligen Juwelen in Indras Netz. In mir spiegeln sich alle anderen Juwelen und ich spiegele mich in ihnen. Jedes Mal, wenn jemand zeitgleich mit mir an einem der Fäden zieht, die uns verbinden, begegnen wir uns. Ich gehe davon aus, dass diese karmischen Aufeinandertreffen in der Mehrzahl unverstanden an mir – und den Anderen – vorüber gehen.

„Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, Pupillen, die Lider; Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück… Vorbei, verweht, nie wieder.“

Und dabei geht es nicht nur um Liebesbeziehungen. Der Erzengel hat sich gegen eine Freundschaft entschieden. Manchmal ist es noch banaler: man entscheidet sich in Sekunden gegen eine freundliche Geste, einen warmen Blick, einen emphatischen Gedanken. Und schon ist die Gelegenheit vertan, karmische Verstrickung aufzulösen, sich – und einem unbekannten Anderen – ein paar Gramm Balast von der Seele zu nehmen.

Dann ist das Ego stärker gewesen. Der Eigenwille hat einen Pyrrussieg davon getragen. Ohne es zu verstehen. Er hat kein Gefühl für Indras Netz, für die tiefe Verbundenheit mit allem, was ist. „Wie Innen – so Außen“ heißt es im Tantra. Der selbe warme Blick, die gedankliche Fürsorge, das nichtwertende Verstehen, die ich einem unbekannten Anderen vorenthalte, verbiete ich mir selbst.

In diesen Momenten haben unsere Konzepte uns fest im Griff: wir handeln unter der Maßgabe von Ideen, wer und wie wir sind, wer und wie die Anderen zu sein haben, damit sie uns genehm sind. Es ist die Quelle allen Leidens. Wir schneiden uns ab von den Geschenken, die uns das Leben in jedem Augenblick macht. Einer wunderbaren Begegnung, die unerkannt an uns vorüber gegangen ist, weil der, den uns Karma geschickt hat, nicht ins Konzept passt. Oder weil wir gerade so an Lebensumständen leiden, dass wir nur um uns kreisen und das Wunder nicht sehen, selbst wenn es verzweifelt winkend direkt vor unserer Nase herumhüpft.

„Wenn der Wind aus Norden bläst, gehe ich nach Süden. Wenn der Wind aus Westen bläst, gehe ich nach Osten.“ Die Kunst ist es, mit dem Leben zu fließen. Nicht, dem Leben möglichst gekonnt seinen Stempel aufzudrücken.

Acht: Frieden

Im Auwald hinter dem Zoo ein Weiher in der Größe eines Reihenhäuschens. Dem Schwanenpaar fehlen nur die Gartenzwerge zum Spießerglück. Das Weibchen hält, die Eier bebrütend, den zukünftigen Vater im Blick, der in Rufweite durch das brackige Wasser paddelt.

Während ich, den Wolf an meiner Seite, am Ufer vorbei jogge, ertappe ich mich dabei, wie ich die Vögel, die uns keines Blickes würdigen, vermenschliche. Es fällt mir nicht schwer meine Motivation zu entschlüsseln. Ich bin neidisch auf zwei unschuldige Höckerschwäne! Schäm dich – ermahne ich mich – nur weil du kein gemütliches Zuhause hast, musst du es Glücklicheren nicht madig machen.

Am Morgen nach dem Sitzen wie immer das Tesho der Zen-Lehrerin: „Die wahre Natur alles Seienden ist die Dualität. Nur wer das erkennt, findet Frieden.“ Damit ist es gerade nicht weit her bei mir. Dass meine souveräne Pallas Athene ihre schwache Medusa in sich trägt, kann ich nicht akzeptieren. Obwohl es albern ist, Medusa/Krodhi Kali als „schwach“ zu bezeichnen. Sie sind die Herrinnen über Leben und Tod. Es eine Stärke, die sich jeder Kontrolle entzieht. Sie ist wild, ungezähmt, unzivilisiert, bricht alle Regeln.

Ein ehemaliger Klassenkamerad fällt mir ein. Sein Vater wollte hoch hinaus. Er gründete ein eigenes Unternehmen, obwohl er ein unbedeutender „Niemand“ war, ein „Flüchtling“, wie die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten abschätzig genannt wurden. Sein Aufbegehren war ein Affront für die Dorfgemeinschaft. Umso größer die Schadenfreude, als das Projekt scheiterte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woran.

Ich weiß nur noch, dass die Familie ihr Zuhause verlor. Auf Geheiß des Bürgermeisters kamen sie in den leerstehenden hinteren Räumen der Aussegnungshalle auf dem Friedhof unter.

Das Quietschen des eiserne Tores. Der graue Kies knirscht unter den Sohlen. Dunkle Tannen werfen ihre langen Schatten auf die frisch geharkten Wege. Selbst das Zwitschern der Vögel klingt gedämpft. Die Schwelle aus grauem Stein. Man tritt darüber, die Augen gesenkt, den Rosenkranz murmelnd, meine Großmutter führte mich in die Regeln ein. Gemessenen Schrittes zum Sarg. Auf der Höhe des wächsernen Antlitzes des Verstorbenen wird betend verweilt. Jedes „Gegrüßet seiest Du Maria“ hilft der Seele des Toten, ins himmlische Reich zu gelangen.

Mit zusammengepressten Lippen stehen Geschwister, Kinder, Enkel – wer immer gerade Totenwache halten muss – neben dem Sarg und nehmen die Beileidsbezeugungen der trauerenden Gemeinschaft entgegen. Über Verstorbene darf nicht mehr schlecht gesprochen werden, lerne ich, das schadet ihrer wie der eigenen Seele. Mit den Lebenden verhält es sich anders.

Kaum ist das Friedhofstor in die Angeln gefallen, wird gegen die Aussätzigen hinter der Aussegnungshalle gehetzt.

Wer gegen die Regeln verstößt, Schwäche zeigt, scheitert, wird ins Reich von Krodhi Kali verwiesen. Vorbei ist es mit dem beschaulichen Spießerdasein, es bleiben Kälte, Ablehnung und das Hausen mit den wächsernen Toten, die gestorben sind in der Hoffnung, dass sie Auferstehen.

Ich bin aufgewachsen mit diesem bösen Blick auf alle die schwach und hilflos sind, die gefehlt haben. Dabei hat der Pfarrer im Sonntagsgottesdienst des Öfteren die Geschichte vom Zöllner Zachäus erzählt.

Als Jesus in Jerusalem einzog, versammelten sich viele Menschen. Einer davon war der Zöllner Zachäus, der, weil klein von Gestalt, auf einen Baum kletterte. Als Jesus vorbeikam, sprach er Zachäus mit Namen an und sagte ihm, er solle schnell herunterkommen, denn heute wolle er bei ihm zu Gast sein. Das brachte die Umstehenden auf, Zachäus war ein Sünder, der mit den verhassten Römern gemeinsame Sache gemacht und auf Kosten seiner jüdischen Mitbrüder reich geworden war. Er hatte selbstsüchtig gegen die Regeln der Gemeinschaft verstossen und Jesus wollte trotzdem bei ihm übernachten! Es war eine meiner Lieblingsgeschichten als Kind.

Mit denen, die sich und Anderen keine Fehler verzeihen können, die nur auf Kontrolle und Perfektion aus sind, habe ich lange genug verkehrt. Es ist macht keinen Spaß. Ich bin Pallas Athene und Medusa zugleich. Und das ist gut so.

Sieben: Medusa

Eine unerwartete Begegnung im Bayreuther Hofgarten.

Hoch über mir ragt Pallas Athene auf. Sie versteht zu kämpfen, daran lassen Helm und Kettenhemd keinen Zweifel. Unter den Falten ihrer Tunika verbirgt sich ihr Schwert. Gelassen ruht ihr Blick auf den frisch bepflanzten Rabatten, in denen Narzissen und Krokusse vom Frühlingsregen benetzt werden.

Schlachtenerprobt stützt sie sich mit ihrer Linken auf das große Schild. Darauf: der abgeschlagene schlangenumkränzte Kopf der schrecklichen Medusa.

Ich bin schon des Öfteren an der schönen Göttin der Weisheit, des Krieges und der Kunst vorbeigewandert, die aus dem Olymp in die Parkanlage hinter dem Neuen Schloss herabgestiegen ist. Sie ist mir vertraut.

Aber heute registriere ich zum ersten Mal die andere Frau: ich starre verblüfft auf den abgeschlagenen Kopf der Medusa auf Athenes Schild. Wie kann es sein, dass ich die Gorgonin immer übersehen habe?

„Sie sieht aus wie Krodhi Kali!“ denke ich, während ich im Nieselregen das von Schlangen umkränzte Antlitz mit den wilden Augen und dem zum Schrei aufgerissenen Mund betrachte.

Medusa, ein Kind unbedeutender Götter – so heißt es – war in einem der Tempel Pallas Athenes vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt worden. Um sich an dem Frevel zu rächen, bestrafte die Göttin nicht den Täter, das war ihr zu riskant. Er war Athene an Macht ebenbürtig und beide gehörten dem selben Hausstand an: als Hauptgötter lebten sie gemeinsam auf dem Olymp. Als Bruder des Göttervaters Zeus stand Poseidon zudem unter besonderem Schutz. Er konnte tun und lassen, was er wollte.

Athene richtete ihren Zorn deshalb gegen die schutzlose Medusa und verzauberte sie in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schweinshauern, Schuppenpanzer, heraushängender Zunge und glühenden Augen. Aus einer schönen jungen Frau war ein Monster geworden: jeder, der sie zu Gesicht bekam, erstarrte vor Schreck zu Stein.

Mit dem Wolf an meiner Seite wandere ich durch die barocke Gartenanlage. Mein Gefährte lässt sich weder vom grauen Regenwetter noch von der schlangenköpfigen Medusa aus der Ruhe bringen. Ab und zu unterbricht er die eingehende Untersuchung der Fährten am Wegesrand, hebt kurz den Kopf und blickt wachsam umher. Er kann keine Gefahr erkennen.

Im Gegensatz zu mir: der Anblick der verhexten Medusa hat mich aus der Fassung gebracht. Es arbeitet in mir. Langsam schält sich eine Idee heraus, warum mich die Praxis von Krodhi Kali so an meine Grenzen bringt. Sie rührt an meinen Urängsten und bringt mich mit meiner eigenen Nachtseite in Berührung.

Ich dachte, es wäre ihre Macht, die mich so erschreckt. Das ist falsch. Als Pallas Athene fühle ich mich wohl. Es ist die Seite an mir, die ich zu schätzen gelernt habe: dank meiner Meditationspraxis bin ich nüchtern und klar. Geschützt durch das Kettenhemd vor meinem Herzen ziehe ich mein Schwert, wenn die Situation es erfordert. Athene ist das Sinnbild für Autonomie und Selbstkontrolle, auf die mein Leben ausgerichtet ist.

Was mich ängstigt, ist Hilflosigkeit. Das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Wenn ich mit dieser Seite in mir konfrontiert bin, reagiere ich genauso brutal und empathielos wie die Göttin des Krieges. Da ist kein Mitleid in mir. Nur Zorn darüber, dass sich mir meine eigene Schwäche in den Weg stellt und mich daran hindert, meinen Weg zu gehen. Ich kann diese hilflosen ohnmächtigen Aspekte in mir nur als schlangenköpfiges Monster wahrnehmen. Jedesmal, wenn mein Blick darauf fällt, erstarre ich zu Stein.

Über diesen Aspekt von Wildheit habe ich noch nie nachgedacht. Gedankenversunken folge ich meinem Wolf, der einen schmalen Seitenweg entlang des Kanals eingeschlagen hat. Ein Entenpaar paddelt in der grün-gelben Lache neben uns her, der leise Nieselregen malt zarte Kreise auf die Oberfläche des Wassers.

Sechs: Höhle

Die Sonne schickt ein paar warme Strahlen durch das Fenster des ICE, bevor sie wieder von dunklen Wolken verschluckt wird. Im Vorgarten am Bahnhof des Zwischenhalts blüht eine Zierkirsche in zartem Rosa.

Der Wolf liegt im Großraumabteil unter dem schmalen Tisch und döst vor sich hin. Wie gut, dass nur ich ihn sehe, denke ich, während der Schaffner meine Fahrkarte kontrolliert. Sein Schattenwesen spart nicht nur Beförderungsentgeld, Leine und Maulkorb. Wenn Andere ihn wahrnehmen könnten, gäbe es sicher Ärger. Jenseits des Ganges öffnen zwei junge Männer ihre Bierflaschen und packen ein Kartenspiel aus. Auch sie achten darauf, nur so viel Wildheit zu zeigen, wie es gerade noch akzeptabel ist.

Wir sind alle lediglich an der Oberfläche domestiziert. In der Tiefe brodeln unsere Instinkte. Während ich meiner eigenen ungezähmten Stimme lausche, die mich während der Nacht wach hielt und meine Gedanken und Emotionen Achterbahn fahren lässt, fällt mir ein Satz meines Zen-Lehrers ein: viele wären in den ersten Jahren der Praxis vor allem damit beschäftigt, Selbstkontrolle zu entwickeln. Nicht mehr auf jeden Impuls anzuspringen, nicht mehr jedem Begehren nachzujagen, nicht mehr alles reflexhaft wegzustoßen, was nicht ins Konzept passt. Sich nicht mehr von jedem Gedanken vom DA-sein ablenken zu lassen. Nicht mehr jede Emotion auszuleben.

Diese Form der Selbstkontrolle geht mit dem Geschenk der Freiheit einher. Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich mich auf das tägliche Sitzen einließ. Umso beglückender war die Erfahrung, auf einmal Herrscherin über das eigene innere wie äußere Reich geworden zu sein. Zen ist der Weg der Samurai, der Krieger. Anfangs ängstigte mich diese neue distanziert-kühle Haltung, die ich eigenen wie fremden emotionalen Dramen und Irrationalitäten entgegen brachte. Aber bald wurde mir bewusst, dass mir unverhofft eine scharfe – bisweilen tödliche – Waffe in die Hand gegeben worden war. Ich lernte die Macht, die mit der souveränden Kontrolle von Wildheit einher ging, zu schätzen und zu gebrauchen.

Und jetzt das: die unbezähmbare schwarze Herrin der Friedhöfe, die in meinen Eingeweiden wühlt und gräbt, hat mir meine Selbstkontrolle geraubt. Ich fühle mich wie ein Schiff, dessen Ankerkette dem tosenden Sturm nicht standgehalten hat. Es bleibt mir nichts, als meine innere Aufruhr auszuhalten. Es wird seinen tieferen Sinn haben, obwohl sich gerade alles einfach nur falsch anfühlt.

Während der ICE durch die Tunnel des Thüringer Waldes jagt, träume ich davon, mich mit meinem Wolf in einer Höhle zu verkriechen. Irgendwo im Bauch eines Berges im Schutz der Dunkelheit von ihm gewärmt zu werden und einfach nur zu schlafen, während Krodhi Kali in den Tiefen meines Unbewussten für Aufruhr sorgt. Und erst wieder ans Tageslicht zu kommen, wenn sie ihr Werk vollendet hat.

Der Wolf streckt sich unter dem Tisch und legt seine Schnauze auf meinen rechten Schuh. Er sieht es genauso, will er mir wohl sagen. Leider hat das Leben andere Pläne mit uns. Noch zehn Minuten bis Leipzig Hauptbahnhof.

Fünf: Bergwerk

Der Wolf schlich letzte Nacht in der Dunkelheit zum Retreathaus ans Ende der Welt. Uriel entdeckte ihn um drei Uhr morgens vor seiner Tür. Er wusste sofort, wer sich da bei ihm eingefunden hatte. Mein Wolf wäre wirklich ein wildes Tier und kein „Spirit in Tierform“, schrieb er mir am Morgen. Und dass er, sollte mein wilder Begleiter noch einmal bei ihm auftauchen, mit ihm Kontakt aufnehmen wolle. Wir hatten schon darüber diskutiert: Uriel möchte, dass ich dem Geheimnis meines Wolfs auf den Grund gehe. Aber ich wage es nicht: mein geheimnisvoller Gefährte ist so scheu wie eigen! Was, wenn ich ihn aus Unbedachtheit und Ignoranz in die Flucht schlage? Dafür ist er mir zu kostbar.

Bei Uriel ist es etwas anderes. Ich schreibe ihm zurück, dass er es gerne versuchen kann. Und dass es ja auch möglich ist, dass mein Schatten-Tier von ihm entschlüsselt werden möchte. Ohne Grund wird mein wachsamer Wolf nicht von meiner Seite gewichen sein.

Er wartete einen Moment ab, an dem ich so tief schlief, dass ich ihn nicht vermisste. Und das ist gut so, gerade brauche ich ihn sehr. Die Retreats arbeiten in mir, vor allem das letzte, Throma. Der Rinpoche wussste, warum er mich zur schwarzen Herrin der Friedhöfe verurteilte: sie gräbt und wühlt in den Tiefen meiner Seele, als wäre es ein Bergwerk. Möglicherweise ist dort wirklich der Schatz verborgen, nachdem sie mit eisernem Willen zu suchen scheint. Bisher hat sie nur Schlacke und Gestein Zutage gefördert. Die Fruchtlosigkeit ihres Unterfangens scheint sie nicht zu kümmern, sie arbeitet unermüdlich Tag und Nacht und gönnt weder sich noch mir Ruhe.

Ich muss ihr stures Tätigsein ertragen. Es ist mir nicht möglich ihr Einhalt zu gebieten, auch wenn mich das, was sie vor meinen Augen ausbreitet, völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Der Pakt mit Krodhi Kali war in dem Augenblick besiegelt, als mir der nepalesische Rinpoche während des Retreats das Lung – die Übertragung der Praxis – gab. Er tat es mit einer Energie, die alles vibrieren ließ.

Jetzt habe ich den Salat, denke ich mir, während ich mich im Unfrieden mit mir und der Welt durch den Tag schleppe und Nachts von düsteren Träumen gequält werde. Es kommt mir gerade vor, als wäre ich ohne meinen Wolf verloren.

Vier: Indras Netz – Teil drei

Am Bahnsteig empfängt mich ein doppelter Regenbogen. Wenn ein Praktizierender stirbt, der Vollendung erlangt hat – so heißt es im Vajrayana – vergeht seine Seele in den Spektralfarben des Lichts. Ich bin in meiner Phantasie so sehr mit dem Erleuchteten beschäftigt, dessen Reise ins Nirvana ich gerade beobachten darf, dass ich um ein Haar den Anschlusszug verpasse.

Mitte Januar, am letzten Tag des Vajra-Armor-Retreats, kämpften Schnee, Regen und Sonnenschein verbissen um den besten Sendeplatz. Ein Regenbogen jagte den nächstens. Die Khandro freute sich, alle Zeichen sprächen für einen erfolgreichen Abschluss des Retreats. Am Abend bestanden genau so viele Sangha-Mitglieder den Test, wie wir tagsüber Regenbogen gezählt hatten. Einer davon war meiner gewesen.

Jetzt also wieder ein Regenbogen – und gleich ein doppelter! „There is no such thing as an accident.“

Draußen zieht im Nieselregen die graue Stadt vorüber. Ich steige an meinem alten Leben aus. Jenseits des Bahnsteigs gesichtsloser gehobener Neubau. Das zart sprießende Grün der jungen Bäume kämpft vergebens gegen die leblos fade Atmosphäre an. Dagegen ist die verwunschene staubige Wohnung im Leipziger Gründerzeitviertel, in der ich im Untermietzimmer hause, ein Hort der Vitalität.

Ich erinnere mich an das Gefühl, tot zu sein, das mein Leben an diesem Ort begleitete. Und an die seltsame Begegnung, die mich unversehens ins Offene jagte. Es war wie im Märchen: ich hatte mich zu meiner Überraschung auf einem Barockball wiedergefunden. Dort war ich zum Tanz aufgefordert worden. Und zwar vom leibhaftigen Charakter eines meiner Helden aus meiner Geschichte! Nach diesem zauberhaften Abend verschluckte ihn das Leben wieder, ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Er praktizierte ebenfalls tibetisch-buddhistische Meditation. Es war nur eine von vielen verblüffenden Gemeinsamkeiten, die wir an diesem Abend konstatierten.

Wir hatten wohl beide zeitgleich an einem der unzähligen Fäden von Indras Netz gezogen. Die Schwingung, die wir dadurch auslösten, ließ uns für einen Abend aufeinander treffen und stellte die Weichen meines Lebens neu.

Während ich in der Abenddämmerung den Weg zur Freundin einschlage, die früher einmal meine Nachbarin war, fühle ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass mir diese wundersame Begegnung geschenkt worden ist. Wie Dornröschen, das vom Prinzen erlöst wurde, befreite mich Einer – ohne es zu wissen – von einem uralten Fluch und erweckte mich aus meinem Zauberschlaf.

Drei: Camouflage – Teil eins

Jeder von meiner Sorte weiß, dass JK Rowling eine von uns ist. Für uns ist „Harry Potter“ nicht Fantasy, sondern Selbsterfahrung. Wir fliegen nicht auf Besen. Der Regionalzug zum Retreathaus am Ende der Welt wartet nicht am Bahnsteig 9 3/4. Aber trotzdem: vieles, was dort abgehandelt wird, kennen wir aus erster Hand. Allem voran die tägliche Übung: wie überlebe ich in einer Welt, die nicht den eigenen Regeln folgt?

Ich erinnere mich an den erleichterten Ausruf eines Dharma-Bruders während eines Tantra-Retreats: „At last: No Muggles!“ Wir stimmten ihm alle aus tiefstem Herzen zu.

Die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, inkognito unter Muggles zu leben, die J.K. Rowling in ihren Büchern beschreibt, hat sie sicher selbst durchexerziert, bevor sie sich – reich und berühmt – endlich geben durfte, wie sie ist. Uns sind diese Spiele ebenfalls vertraut. Wie in „Harry-Potter“ können es die Einen besser als die Anderen. Es hängt sowohl von der individuellen Camouflage-Begabung als auch vom persönlichen Ehrgeiz ab – und dem beruflichen Umfeld. Einem Künstler wird mehr verziehen als einem Anwalt. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen wird intuitives oder spiritistisches Denken und Handeln eher nachgesehen. Misogynie hat auch ihre positiven Seiten.

Wenn die Sangha zusammenkommt und ich meine Dharma-Brüder und Schwestern beobachte, belustigt mich regelmäßig der Gedanke, dass ihr weiteres Umfeld meist völlig ahnungslos darüber ist, mit wem sie es zu tun haben.

Wir teilen dieses „Doctor Jekyll and Mister Hyde-Spiel“ mit allerhand dunklen Gestalten. Dabei interessiert sich weder das BKA noch der Verfassungsschutz für uns. Wir sind vollkommen harmlos. Unser rezitieren, opfern, singen, meditieren, visualisieren und alles, was wir sonst noch so treiben, tut keinem weh.

Trotzdem: Geheimhaltung ist oberstes Gebot. Die meisten von uns haben schon als Kinder gelernt, dass es nur Ärger bringt, zu sagen was man sieht, fühlt und denkt.

Und so leben wir unter Euch: die biedere Hausfrau, der smarte Anwalt, der fleißige Handwerker. Wir sind überall. Am wohlsten fühlen wir uns in Nischen: da wo es bunt und ein bisschen chaotisch zugeht, findet man uns des Öfteren nicht nur als Solitär, sondern im Rudel.

Wer ein Ohr für Zwischentöne hat, erkennt uns auch in disguise. Wenn wir gut getarnt sind, umweht uns einfach nur ein Hauch von Exotik. Wenn wir es nicht sind – oder wir in ein Umfeld geraten, in dem „bunte Vögel“ nicht erwünscht sind – kann es schnell sehr ungemütlich für uns werden.

Zwei: Indras Netz – Teil zwei

Wie ein Biologe am Mikroskop beobachte ich die Charaktere meiner Geschichte in meinem Inneren, versuche ihr Mienenspiel zu lesen, jede ihrer Emotionen zu erspüren. Und wie ein verlässlicher Sekretär tippe ich auf meinem Laptop ihre Gedanken und Gespräche herunter. Es ist das selbe Prinzip wie mit meinem Wolf: die Charaktere meiner Geschichte gibt es nicht wirklich – aber ich denke sie mir auch nicht aus.

Damit ich dieses spezielle Niveau der Wahrnehmung halten kann, brauche ich meine tägliche Meditationspraxis – und eine Umgebung, die es mir erlaubt, mich zu entspannen. In der düsteren staubigen Wohnung hier in Leipzig, in der ich zur Untermiete lebe, scheint eine böse Fee die Zeiger der Uhren angehalten zu haben.

Ein halbes Jahr lang habe ich in dieser verwunschenen Stimmung versucht, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich quälte mich Stunde für Stunde. Nur um in regelmäßigen Abständen frustriert wieder alle Seiten zu löschen. Was ich zustande brachte, hatte ich mir ausgedacht, es las sich blutleer und konventionell. Ich kann keine Geschichten erfinden, ich kann sie nur „sehen“.

Ich lebe um zu schreiben – und schreibe, um zu leben. Ich protokolliere, was in meinem Inneren geschieht – und es ereignet sich im Außen. Und ich nähre meine Charaktere mit meinen äußeren Erlebnissen, auf dass sie sich, ihre Gedanken und Beziehungen transformieren. Was ich wiederum niederschreibe, auf das es in meiner äußeren Welt Folgen zeigen möge. Es ist ein ständiger osmotischer Austausch, es gibt keine wirkliche Grenze zwischen meiner inneren und meiner äußeren Welt.

Uriel meinte einmal, ich würde in einer Soap-Opera leben. Von der er ein Teil ist. Er brauchte nur zwanzig Seiten, um sich im „Hamberger“ zu erkennen. Ich habe zwei Jahre gebraucht und war nicht weniger verblüfft als er. Im Buch ist der Hamberger Mitglied im Rotary-Club. Wieder nichts, was ich mir ausgedacht hatte. Ich hielt schriftlich fest, wie er nach den Freitagsvorträgen am blank polierten Tresen der Bar des Landhotels sein Pils trank. Uriel war so inspiriert davon, dass er Mitglied bei den Rotariern wird.

Wieder einmal verschmelzen Geschichte und Leben…

Wie diese Osmose funktioniert, ist mir ein Rätsel. Deshalb kann ich sie auch nicht willentlich steuern. Es bleibt mir nur, auf meinem Kissen sitzend zu beobachten, wie der Atem kommt und geht. Zu hören, wie die Vögel singen. Regen gegen die Scheiben klopft. Das Leben dahinfließt. Und dadurch so wach und präsent zu sein, dass ich erkenne: „Jetzt!“

Es gibt diese kurzen Momente, in denen mir meine Intuition sagt, dass genau hier und in diesem Augenblick etwas zu tun ist. Nach Tagen, Wochen, manchmal Monaten des stillen Abwartens, der mühsam erkämpften Akzeptanz für Lebenssituationen, die eigentlich danach verlangen würden, in Aktion zu treten. Aber das wäre kontraproduktiv. So funktioniert es bei Anderen, aber nicht bei mir. Wenn ich den falschen Impulsen folge – aus Angst, Unzufriedenheit, Frustration, Ärger oder Gier aktiv werde – verändere ich lediglich meine Koordinaten. Energetisch finde ich mich im selben Schlamassel wieder.

Die Kunst ist es abzuwarten, bis sich mein Energielevel in meinem Inneren so verändert hat, dass auch im Außen die Dinge zu fließen beginnen. Dafür brauche ich Tantra. Damit ich den Moment erkenne, in dem sich im Außen eine Tür zur neuen Welt öffnet, ich den entscheidenden Schritt machen muss, brauche ich Zen.

Es sind Impulse – ein vages Gefühl, ein Flüstern im Herzen – in meinem Inneren. Oder eine hingeworfene Bemerkung im Gespräch, ein Flyer unter vielen im Hotelfoyer – im Außen. Wenn ich wach bin, reagiere ich darauf wie ein Jagdhund, der auf die Schweißspur des angeschossenen Wildes gestoßen ist. Ich bin elektrisiert und nicht mehr davon abzubringen, der Fährte zu folgen. Wehe, jemand versucht sich mir in den Weg zu stellen, wenn meine Intuition mich lenkt. Dass ich so aggressiv sein kann, trauen mir die wenigsten zu. Was von Außen abstrus erscheint, ist für mich eine Sache auf Leben und Tod.

Ich jage nach dem Anfang des Regenbogens. Bisher hat es immer funktioniert. Nicht in dem Sinne, dass ich am Ziel immer mit etwas Schönem oder Beglückenden belohnt worden wäre. Des Öfteren warten dort Schmerz und Verzweiflung auf mich. Aber es ist der Ort an dem ich zu diesem Zeitpunkt sein muss, damit die Dinge ins Gleichgewicht kommen können, die Energie wieder zu fließen beginnt. Auf das ich meine Geschichte weiterschreiben kann…

Indras Netz – Teil eins

Alles ist mit allem verbunden, nichts voneinander getrennt – so lehrt es die Sage des Gottes Indra…

Am Berg Meru, seiner himmlischen Wohnstätte – so geht die Geschichte – ließ Indra von einem listigen Handwerker ein unendliches Netz von überwältigender Schönheit und Perfektion spannen. Es reicht über alle Dimensionen und Universen und ist geschmückt mit unzähligen Juwelen, die so konzipiert sind, dass sich in jedem einzelnen Juwel alle anderen wiederspiegeln.

Ich denke an Indras Netz, während ich an meinem Manuskript schreibe. Meine Figuren sind wieder lebendig, das erste Mal seit sechs Monaten. Eine quälende Phase des verzweifelten Tastens in meinem Inneren liegt hinter mir. Im Herbst waren meine Charaktere auf einmal nicht mehr zu fassen gewesen. Ich versuchte sie mit allen Tricks und Mitteln zum Agieren zu bewegen, aber es war, als würde ich an den Schnüren von Marionetten ziehen. Sie handelten, aber die Geschichten, die ich ihnen andichtete, waren flach und leer. Ich hatte den Kontakt zu ihnen verloren, weil ich sie nicht mehr verstand. Ich war „blind“. Es kann mir nichts schrecklicheres passieren.

Ich werde immer wieder gefragt: „Denkst Du Dir das alles aus, oder passiert das wirklich?“

Was ist „wirklich“?

Mein Wolf zum Beispiel, der gerade neben meinem Schreibtisch auf dem dicken weißen Schafwollteppich vor sich hin döst, ist nicht „wirklich“ in dem Sinne, dass dort ein Tier aus Fleisch und Blut läge. Aber ich denke ihn mir auch nicht aus. Er ist auf eine andere Art lebendig. Er existiert in einem energetischen Zwischenreich zu dem ich Zugang habe, wenn meine Sinne wach sind und mein Geist offen ist. Dann „sehe“ ich ihn. Und damit ist nicht nur der optische Aspekt gemeint. Mit „sehen“ bezeichne ich eine umfassende sinnliche Erfahrung: ich spüre ihn. Ich glaube ihn zu riechen, zu hören. Er ist vollkommend DA.

Wir haben diese Fähigkeit in der Familie. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die sich ganz selbstverständlich mit den Geistern Verstorbener über Kochrezepte unterhielt. Spirituell Gesinnte nennen es „hellsichtig“. Unvoreingenommene nennen es „imaginativ“. Die große Mehrheit nennt es „verrückt“.

Ich nehme an, dass diese Art des Sehens nicht so selten ist, wie man es vermuten würde. Weil wir in einer Kultur leben, in der diese „Kunst“ weder geschätzt noch gefördert wird, hat sie sich in Nischen zurückgezogen und treibt oft die wildesten Blüten. Wie jede Begabung muss sie kultiviert, der angemessene Umgang mit ihr muss gelehrt werden. Sonst führt die Fähigkeit des differenzierten Sehens auf Abwege. Des Öfteren – bei mentaler Instabilität und psychischen Anfälligkeiten – auch ins Verderben.

Die Glücklichen, seelisch Stabilen malen inspirierende Bilder, denken sich die schönsten Geschichten aus. Was wären Filmkunst und Literatur ohne all die Hellsichtigen, die ihre Fähigkeiten nutzen, um das, was sie wahrnehmen, so zu übersetzen, dass es auch Anderen zugänglich wird, ihnen etwas über das eigene Leben zu sagen hat?

Ich habe lange gebraucht, um meinen Frieden mit dieser Fähigkeit zu machen. Über Jahre habe ich mich in meinen Kopf geflüchtet. Es war verführerisch, denken kann ich gut. Und intellektuelle Beschlagenheit geht mit Anerkennung und Status einher. Die Fähigkeit „Wölfe“ und noch vieles Andere zu sehen, definitiv nicht.

Erst der Osten schenkte mir eine Haltung, die es mir ermöglichte, mit meiner speziellen Begabung zu leben und sie für mich nutzbar zu machen.

Für Andere ist mein extremes tägliches Meditieren – mindestens eineinhalb Stunden sind es immer – und meine vielen Retreats ein Spleen. Für mich ist es existentell: nur wenn ich konstant in diesem speziellen Modus der Wachheit und Präsenz bin, den buddhistische Meditation schenkt, bin ich in der Lage, mich sicher in beiden Welten zu bewegen. Dann bewältige ich auch in extremen Stress-Situationen pragmatisch meinen Alltag und bin gleichzeitig in der Lage „Indras Netz“ zu „sehen“.

Wir sind alle in der Tiefe miteinander verbunden. Ob wir uns – wie es im tibetischen Buddhismus selbstverständlich angenommen wird – in unzähligen früheren Leben karmisch miteinander verstrickt haben, oder ob es – so sieht es Zen – einfach das Prinzip des Tao ist: Alles steht mit Allem in Beziehung, wenn sich das Eine wandelt, wandelt sich das Andere.

Im Kern – da sind sich Vajrayana und Zen einig – ist alles Leerheit. Jede Erscheinung ist bedingt. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ein großes Gewese um das zu machen, was um uns ist. Ob es unser Alltag ist – oder Wunder und seltsame Erscheinungen, die uns Indras Netz schenkt. Sie sind genauso DA wie meine Stromrechnung, mein leerer Kühlschrank und meine nervenden Nachbarn.

Und genauso gehen sie auch wieder: gerade hat man sich noch furchtbar darüber aufgeregt – oder war zutiefst erschüttert – morgen ist es schon Vergangenheit, wird von etwas Anderem abgelöst, was unseren Geist völlig in Beschlag nimmt.

Ich sitze täglich auf meinem Kissen um zu „sehen“ – und es gleichzeitig nicht allzu ernst zu nehmen.

Neunundzwanzig: Ver-Lassen

Ich lasse die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten, während ich – wie immer vor dem Einschlafen – mein Mantra rezitiere. Das Licht der Straßenlaternen fällt durch die hohen Sprossenfenster. Aus dem Flur klingt gedämpft der abendliche Unfriede meiner verwunschenen Mitbewohner.

Die gelben Augen des Wolfs leuchten im Dämmerlicht vom Fußende des Bettes. Er hat sich lang ausgestreckt und lauscht meinem monotonen Murmeln, es ist sein Nachtgebet. Als ich alle 108 Perlen durch habe, drapiere ich die Mala auf dem Nachtkästchen, stelle den Wecker für die Morgenmeditation mit der Online-Sangha auf sechs Uhr und mache es mir im breiten Himmelbett bequem. Das Gewicht des Wolfs auf meinen Füßen spürend, visualisiere ich die wild in ihrem Feuerkranz tanzende und blaue Lichtstrahlen aussendende Krodhi Kali in meinem Unterleib und versuche das Bild – und die Energie die es begleitet – während des Einschlafens zu halten.

Es ist ein probates Mittel, unbewusste Prozesse und energetische Transformationen zu stabilisieren, habe ich gelernt. „Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf.“ Allerdings um den Preis wilder Träume und unruhiger Nächte. Als am nächsten Morgen der Wecker läutet, fühle ich mich völlig konfus. Habe ich geträumt, dass der Wolf irgendwann Nachts auf einmal dicht an mich geschmiegt an meiner Seite lag und mir seine feuchte Nase ans Ohr drückte? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn im Halbschlaf umarmte mit dem Gefühl, er wäre traurig und einsam.

Als der Wolf während der Morgenmeditation vor sich hin dösend neben mir auf dem dicken Schafwollteppich liegt, habe ich Sorge, er könne mich verlassen. Ich kann ihn, obwohl ich offen und präsent bin, nur noch schemenhaft erahnen, er scheint zu fließen. Ich spüre seine nur noch vage Präsenz – und gleichzeitig meine Hilflosigkeit. Er nährt sich nicht von meiner Energie, es liegt nicht in meiner Hand, für ihn zu sorgen. So unerwartet er in meinem Leben getreten ist, kann er auch jederzeit wieder verschwinden.

Ich konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, lausche dem Gesang der Vögel, der gedämpft durch das geschlossene Fenster an mein Ohr dringt und nehme wahr, wie das Licht im Raum von Minute zu Minute heller wird. Die Sonne geht auf.

Und gleichzeitig spüre ich in dieser friedlichen Stille im Außen die schmerzhafte Energie des Wolfs – und in meinem Inneren die wahnsinnige Angst davor, verlassen zu werden. Sie steigt aus meinem Unterleib auf, krallt sich an mein Herz und drückt mir den Atem ab. Ich versuche, mir beides einfach nur anzusehen – ohne es zu werten, es weg haben zu wollen, mir eine Geschichte darüber zu erzählen – und es auszuhalten. So wie ich es gelernt habe. Es ist die Essenz meiner Praxis: genau jetzt bin ich ganz bei mir. Krodhi Kali hat mich in ihren Fängen, hält mir den Spiegel vor: ich beobachte meinen verzweifelten Geist, wie er Rettungs- und Untergangsphantasien mit der Geschwindigkeit eines Quantencomputers entwickelt, verwirft, innerlich zusammenbricht, nur um erneut Kontroll- und Machtstrategien zu produzieren.

Ich spüre, höre, sehe, beobachte – die Stille um mich, die Angst und Verzweiflung in mir, den Wolf neben mir, meinen hysterischen Geist – alles gleichzeitig. Der Gong ertönt, die fünfundvierzig Minuten morgendliche Sitzzeit sind vorüber. Ich falte die Hände vor der Brust und rezitiere mit den anderen aus der Online-Sangha das Herz-Sutra. Danach hält die Zen-Lehrerin ein kurzes Tesho: „Shosho fragte den Meister: ‚Was ist Buddha?‘ Der Meister antwortete: Die weißen Rettiche sind dieses Jahr besonders prächtig geraten.“

Mein „weißer Rettich“ ist ein großer grauer Wolf. Während ich in der Camping-Küche das Espresso-Kännchen auf den Herd stelle, sitzt er neben mir und beobachtet konzentriert jede meiner Bewegungen. Er hat sich wohl entschlossen, erst einmal zu bleiben.

Achtundzwanzig: Wild – Teil zwei

„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder.“ Novalis

Unbewegt läuft der große graue Wolf neben mir, den massigen Kopf wachsam erhoben, und streckt seine Nase in den Wind. Wir nehmen Schleichwege um die Fußgängerzone herum, die am Samstag zur Mittagszeit völlig überlaufen ist. An einer roten Ampel müssen wir warten, vor uns rauscht der Großstadtverkehr. Ich lege dem Wolf, der ruhig neben mir steht, die Hand auf den Rücken und spüre seine knochige Schulter unter dem zottigen Fell.

Die erste Nacht in Leipzig hat er im breiten Himmelbett zu meinen Füßen verbracht, wir haben jetzt mehr Platz als auf dem schmalen Lager in Uriels Retreathaus.

Der Wolf trägt den Umzug nach Leipzig mit Gleichmut, ich kann keine Veränderung in seinem Verhalten feststellen. Er ist ja auch nicht das einzige wilde Tier im Viertel: während des Einschlafens gestern Abend hörten wir die schrillen Schreie der Graureiher, die in den Kanälen im Licht der Straßenlaternen nach ihrer Beute fischen. Am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang wurde das heisere Bellen der Füchse vom vielstimmigen Krächzen der riesigen Krähenschwärme übertönt, die im nahen Zoo zu Hause sind. Waschbären wühlen in den Mülltonnen, Wildschweine durchpflügen den Park. Das Wilde lebt mitten unter uns. Mein Wolf kommt wohl nicht mal auf die Idee, er könne hier fehl am Platz sein.

Während ich am Nachmittag im Café auf meinem Laptop tippe, schläft er unter dem Tisch. Keiner der anderen Gäste ahnt, dass sich ein großer Wolf in ihrer Mitte befindet. Auch meine verwunschenen Mitbewohner wissen nichts von ihrem neuen Untermieter. Dabei ist er mehr DA, als mancher von denen, die um mich sind. Für mich verströmt er ungeheure Energie. Ich versuche immer wieder zu „sehen“ woher er sie wohl nimmt?

Die Retreats arbeiten weiter in mir, vor allem das letzte, Throma. Heute Nacht hörte ich im Schlaf wie aus weiter Ferne die dumpfen Schläge der Trommeln, das Läuten der Glocken, immer wieder übertönt vom schrillen Tröten der Knochentrompeten. Alles um mich war schwarz, ich schien wieder durch die Höhlen meines Inneren zu wandern, den Wolf wie immer schützend an meiner Seite. Allerdings war er auf einmal größer als ich. Während ich mich darüber wunderte, bemerkte ich, dass ich nicht auf zwei Beinen unterwegs war, sondern auf vier weißen Pfoten! Auch meine Wahrnehmung hatte sich verändert: ich schien mehr zu riechen, zu hören und zu spüren als zu sehen, die Dunkelheit um mich stellte kein Hindernis für meine Orientierung dar. Unter Mühen gelang es mir, den Fokus zu verändern und vom Traumsubjekt zum Objekt zu werden. Ich sah auf einmal aus der Beobachterposition, wie der Wolf durch eine dunkle Höhle schlich – und neben ihm ein grau-weißer Husky mit meinen blauen Augen! Im Traum war ich vom Menschen zum Hund geworden!

Als wir im diffusen Licht der Abenddämmerung durch den Clara-Park nach Hause laufen, sinniere ich über den Traum und beobachte währenddessen den Wolf, der, die Nase am Wegesrand, ein paar Schritte vor mir her trabt.

Auf einmal überkommt mich wieder das vage Gefühl, eine „Grenze“ erkennen zu können, an der er sich entlang bewegt. Er repräsentiert so etwas wie eine Schnittstelle, kommt mir vor. Es ist, als würden zwei energetische Felder aufeinander treffen. Er bewegt sich – und gehört – zu meiner Realität. Gleichzeitig scheint der stete Energiestrom, der ihn nährt, aus einer Quelle zu stammen, die jenseits meines Universums liegt. Es ist, als würde etwas auf der anderen Seite dieser Grenze in einem stetigen Strom gleichförmig mit mir fließen, dessen gewaltige Energie sich konstant rechts von mir „verknotet“. Eine energetische Verdichtung, deren intensive Wellenbewegungen in mir das imaginative Bild eines langbeinigen hageren zottigen Wolfs auslösen.

„Lass die Spekulation“, ermahne ich mich „mach keine Story draus!“ Ich bin froh, dass er bei mir ist. Warum auch immer…

Siebenundzwanzig: Mary Poppins

Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum hat unsere Energie ausgerechnet diese banale menschliche Form angenommen? Warum nur hat es uns auf diesen winzigen blauen Planeten verschlagen, der irgendwo in einem unwichtigen Winkel des Universums um eine unbedeutende Sonne kreist?

Etwa drei Milliarden Herzschläge, eine halbe Milliarde Atemzüge sind uns gegeben, wenn wir unsere Lebensspanne ausschöpfen dürfen, bevor wir diese Existenz wieder verlassen werden.

Wofür? Wozu?

Zen ist an dieser Fragestellung nicht interessiert. Wir sind da, das genügt. Jede Idee, warum wir existieren, ist einzig wieder Konzept, dass uns davon abhält, einfach nur DA zu sein. Über den Sinn des Lebens zu reflektieren ist nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv. So habe ich es gelernt.

Allerdings stand immer Willigis dagegen, der Zen-Meister, aber gleichzeitig Mystiker war. Und Priester. Das wohl zu allererst. „Warum bist Du da?“ hat er immer wieder gefragt.

„Aus tiefstem Herzen sage ich Euch allen: Immer geht es um Leben und Tod. Alles vergeht und kein Verweilen kennt der Augenblick. Darum seid immer wachsam, nie nachlässig, nie vergesslich.“ Das ist der Spruch, mit dem der Assistent jedes Sesshin am Hof eröffnet und mit dem wir am Ende auch wieder entlassen werden. So viel zur Idee, Meditation würde der Entspannung dienen.

Sowohl Zen als auch Tantra sind Teil des Mahajana-Buddhismus. In dieser Tradition ist das Ziel nicht nur die eigene Verwirklichung, sondern die Erlösung aller Lebewesen. Deshalb ist das Ideal des Mahajana-Buddhismus der Bodhisattva: ein Praktizierender, der auf dem Weg so weit fortgeschritten ist, dass er Erleuchtung – und damit das Eingehen ins Nirvana – erlangen könnte, aber freiwillig so lange immer wieder menschliche Existenz annimmt, bis auch das letzte Lebenwesen von Leid befreit sein wird. In der Zen-Praxis sind es die „vier großen Gelübde“ im Vajrayana „Bodhicitta“ – aber das Prinzip ist das gleiche. Rituell wird als Teil der Praxis der Wunsch ausgedrückt, Erleuchtung nicht nur zum eigenen Nutzen zu erlangen, sondern zum Wohle aller.

Wie das Bodhisattva-Gelübde im Alltag am Besten gelebt werden kann, ist eine komplizierte Frage. Wann ist man auf dem Weg so weit fortgeschritten, dass man berufen, verpflichtet und kompetent genug ist, Anderen zu helfen? Wo enden Narzissmus und Selbstausbeutung, wann beginnt spirituelle Verpflichtung? Ein schwieriges Thema: so mancher, der weit fortgeschritten ist, traut sich nichts zu – und viele, die es nicht sind, fühlen sich berufen, obwohl sie nur Unheil anrichten.

Auch hier lauert Mara an jeder Kreuzung.

Seit etwa einem Jahr passiert es mir immer wieder, dass mir etwas gesagt wird in der Art von: „So jemanden wie dich hatte ich mir gewünscht.“ Oder: „Du bist das, was mir gefehlt hat.“ Die etwas melodramatische Version „Dich schickt der Himmel!“ habe ich auch schon zu hören bekommen.

Meine aktuelle Hypthese dazu ist, dass ich eine Art „Mary Poppins für schwierige Fälle“ zu sein scheine. Ich komme nicht mit dem Ostwind zu netten Kindern gesegelt, sondern treffe in allen möglichen – und des öfteren unmöglichen – Situationen auf Menschen, die irgendwie in ihrem Leben feststecken. Es kommt mir zumindest so vor, als wäre es das, was alle gemeinsam haben, so verschieden sie auch sonst sind.

Und man scheint sich mich wünschen zu müssen, sonst klappt es nicht. Ich weiß, es klingt völlig abgedreht und ziemlich narzisstisch, aber – wie gesagt – es ist das, was mir immer wieder mitgeteilt wird.

Das Experiment läuft noch, es liegen lediglich Zwischenergebnisse vor. Die bisher erhobenen Daten lassen sich so interpretieren, dass es das eine ist, sich jemanden wie mich zu wünschen. Und etwas völlig anderes, mit den Konsequenzen meiner Präsenz klar zu kommen.

Ich scheine immer so etwas wie eine Einladung zu sein, die man annehmen oder ausschlagen kann. Die Ausfallquote ist hoch, habe ich gelernt. Die „schwierigen Fälle“ treffen unter den wunderlichsten Umständen auf mich. Aber sich in der Tiefe auf mich einzulassen um den enstprechenden Nutzen für das eigene Leben daraus ziehen zu können, ist nicht vielen von ihnen gegeben. Die meisten tauchen auf, freuen sich, erschrecken kurz darauf zutiefst und verschwinden wieder.

„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. So versuche ich es zu handhaben: wer auf mich trifft und mit mir etwas anzufangen weiß, den versuche ich anzunehmen, auch wenn er nicht meinen Vorstellungen entspricht oder ich eigentlich gerade etwas anderes vorhatte. Und wer mich wieder verlässt, obwohl mir mein Gefühl sagt, dass er eigentlich bleiben sollte, den lasse ich ziehen. Eine interessante und des Öfteren herausfordernde Übung in Akzeptanz.

Ich bin gespannt, was noch aus dieser Mary-Poppins-Sache werden wird. Es scheint die aktuelle Resonanz im Außen auf das zu sein, was sich in meinem Inneren abspielt. Alles ist fluide, in jedem Augenblick kann es anders sein. Schon morgen können alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie auf mich treffen. Ich würde mich zähneknirschend – und sicher des Öfteren wenig erfolgreich – darin üben, es ok zu finden.

Warum wir in diese Existenz hineingeboren wurden, werden wir nie wissen, denke ich. Deshalb hat Zen recht, dass es müßig ist, ein Konzept daraus zu machen. Und Willigis hat recht, dass er trotzdem so beharrlich danach gefragt hat: es ist unserer Natur eingeschrieben, dass wir für etwas leben wollen, das über die eigene Existenz hinaus reicht. Lebewesen von Leid befreien zu wollen auf eine Art und Weise, die uns entspricht und Anderen angemessen ist, löst das Boddhisattva-Versprechen ein – und ist eine Antwort auf Willigis Frage, die ihn wohl gefreut hätte.

Sechsundzwanzig: Geschafft!

Der Rinpoche hat die Bumpa zur Blumenvase umfunktioniert, um den Frühling willkommen zu heißen…

Am frühen Abend breitet sich Entspannung im Schreinraum aus. Wir sind beim Tsok – dem Speiseopfer- angekommen. Alle Buddhas, Boddhisattvas und örtliche Naturgeister sind versorgt, die Beschützer besänftigt und gefüttert. Wir sitzen vor Rotwein, Nüsschen, Schokolade, Keksen und Käsestücken und lauschen dem Rinpoche, der – zwischendurch am alkoholfreien Bier nippend – gut gelaunt Schwänke aus seinem bewegten Leben als nepalesischer Lama zum Besten gibt.

Alle sind erleichtert: wir haben es fast geschafft. Nach dem Tsok steht noch ein Stündchen trommeln, bimmeln und singen an. Und Morgen vor dem Frühstück findet das Abschlussritual statt, aber das sind nur Petitessen im Vergleich zu dem, was wir hinter uns gebracht haben. Achtzehn Tage Retreat in drei Wochen! Auf diesem Niveau!

Wir fühlen uns, als hätten wir gerade den Mount Everest erklommen. Unser nepalesischer Scherpa scheint auch zufrieden mit seiner europäischen Mannschaft zu sein. Obwohl sicher des Öfteren gruselig klang, was wir von uns gegeben haben. Zumindest ich hatte während des tagelangen Rezitierens nur eine vage Vorstellung davon, wie die tibetischen Silben lautmalerisch korrekt ausgesprochen werden. Und mein Gesinge, Getrommel und Gebimmel war anfangs zum Gotterbarmen und am Ende des einwöchigen Retreats mit gutem Willen akzeptabel. Immerhin kann ich jetzt die Damaru einigermaßen im Takt drehen, die roten Knöpfe an den langen Schnüren treffen meist die beiden Trommelfelle und bleiben nicht mehr in meinen Haaren oder an den Fransen des Zierbandes hängen. Auch die Glocke schwenke ich ab und an im korrekten Rhythmus. Und heute habe ich sogar ein paar schwache Tröt-Töne auf der gruseligen Knochentrompete zustanden gebracht.

Der Rinpoche verspricht, in den nächsten Tagen ein Audio für uns aufzunehmen, damit wir Zuhause fleißig üben können und ihm keine Schande machen werden, wenn er im Sommer aus Nepal zum nächsten Throma-Retreat anreisen wird. Ich habe mir im dicken Copy-Shop-Buch mit vielen bunten Markern die Abschnitte markiert, die ich für das Basis-Ritual brauche. Der Gedanke, was meine verwunschenen Mitbewohner in Leipzig denken werden, wenn ich trommelnd, singend und bimmelnd in meinem Untermietzimmer sitze, erheitert mich. Zumindest das Tröten bleibt ihnen erspart, die Kangling kann ich nicht nach Leipzig nehmen, sie gehört Uriel.

Wir nehmen Stellung für das obligatorische Gruppenphoto. Der Rinpoche steckt noch schnell den traditionellen Pfauenfeder-Aufsatz auf die Bumpa – dem Behälter für das geweihte Safranwasser, das er immer wieder über Opfergaben und Tormas verteilt – damit man die gelbe Nelke nicht sieht. Es scheint nicht üblich zu sein, sie als Blumenvase zweckzuentfremden.

Am Abend gehen Uriel und ich mit dem kleinen weißen Spitz und dem großen grauen Wolf spazieren. Ich spüre mehr als ich sehe, wie er an meiner Seite durch den dunklen Wald läuft. Die Frage, ob er mich Morgen nach Leipzig begleiten wird, beschäftigt mich. Ich würde ihn vermissen, sollte er am Ende der Welt zurück bleiben. Aber was will ein großer grauer Wolf in der Großstadt?

Fünfundzwanzig: Im Nebel

Durch Krodhi Kali taste ich mich an die Quelle meiner Vitalität heran – und an die Kraft, aus der sich mein Teufel speist.

Ein Zen-Lehrer erklärte mir einmal, dass ihn die langen Jahre der Praxis nicht von seinen Neurosen befreit hätten. Er habe vielmehr gelernt, entspannt mit ihnen Tee zu trinken.

Das fand ich gut, an den Punkt wollte ich auch kommen. Ich kaufte mir meinen Teufel („Eins“), damit ich lernen möge, mit ihm Frieden zu schließen. Sonderlich erfolgreich – so meine aktuelle Erkenntnis – ist das Projekt bisher nicht verlaufen, sonst würde mich Krodhi Kali nicht in jeder Visualisierungsrunde aufs Neue so an meine Grenzen bringen.

Jetzt ist mir klar: letztendlich habe ich immer versucht, meinen „Teufel“ in all seinen Ausprägungen in Schach zu halten. Ich wollte ihn nicht abspalten und projizieren. Statt dessen habe ich versucht, ihn zu kontrollieren, damit er mich – und Andere – nicht in einem unaufmerksamen Moment von hinten anfällt. Das hat nichts mit „Frieden schließen“ zu tun. Anstatt ihn an meine Tafel zu bitten, habe ich versucht, meinen Teufel in ein Verlies zu sperren.

Jetzt denke ich mir: er hat sich sicher königlich über meine Naivität amüsiert. Und sich so groß und mächtig vor mir aufgebaut, dass ich ihn in meiner Großspurigkeit nicht erkannt habe. Ich bin um seinen kleinen Zehennagel in Gestalt meiner putzigen kleinen Figur herumgehüpft und habe mich nicht getraut, einfach den Kopf in den Nacken zu legen, nach oben zu schauen und mir einzugestehen, dass er DA ist.

Eine ebenso beschämende wie erheiternde Erkenntnis.

Wir wenden uns allen Objekten im Außen in der selben Weise zu, wie wir dies unseren „inneren Objekten“ gegenüber tun. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat diese Erkenntnis in ihrer „Objektbeziehungstheorie“ dargestellt. Tantra weiß es schon lange. Der eherne Grundsatz lautet: „Wie Innen – so Außen.“

Das bedeutet: ich gestalte unbewusst meine äußere Welt in derselben Weise, in der ich innerlich strukturiert bin. Deshalb ist der Weg zur Beendigung des Leidens nicht die möglichst kunstvolle Manipulation äußerer Faktoren – inklusive Partner, Kinder, Kollegen – sondern die heilsamenTransformation der inneren Realität durch die Beseitigung energetischer Blockaden.

Ich habe meine wilde Vitalität immer gefürchtet und entwertet. Ich konnte akzeptieren, dass sie DA ist. Und auch, dass sie nicht WEG gehen würde. Aber ohne dass es mir bewusst war, habe ich sie immer als Erbsünde erlebt. Etwas in mir, das schlecht und verdorben ist und nur Unheil bringen kann. Und deshalb mit allen Mitteln unter Kontrolle gebracht werden muss.

„Unter Schmerzen sollst du gebären…“ wurde mir als Kind gepredigt. Eva war Schuld daran, dass Gott die Menschen aus dem Paradies verbannt hat. Sie hatte sich vom Teufel verführen lassen, Gottes Gebot missachtet und Adam und sich ins Unglück gestürzt. Die Bibel lehrt, dass es ein schlechtes Ende mit ihr genommen hat: nach dem Rauswurf aus dem Paradies musste sie sich ihr Brot durch harte Arbeit verdienen und zu allem Unglück ermordete einer ihrer Söhne auch noch den anderen. Über die Qualität ihrer Ehe schweigt die Bibel, aber die Chance ist groß, dass ihr Adam bei jeder Gelegenheit vorhielt, dass SIE Schuld an der ganzen Katastrophe hätte…

Kein Wunder, dass ich um wilde Vitalität herumtanze, als wäre sie eine ungesicherte Handgranate. Nicht nur bei mir, sondern auch bei Anderen. Nichts provoziert mich mehr als rüdes und aggressives Verhalten, bringt mich zügig an die Grenzen meiner Akzeptanz und macht mich gleichzeitig völlig hilflos. Ich habe mit der Zeit Strategien erlernt, nicht mehr sofort darauf anzuspringen, aber letztendlich behandle ich die Nachtseiten anderer auch nicht besser als meine eigenen – mit Ohnmacht, Entwertung und Kontrollversuchen.

Was wäre, wenn ich Kodhri Kali zum Tee bitten würde? Könnte ich mir mein Dominanzverhalten – und auch das Anderer – als Ausdruck ihrer Kraft verzeihen?

Vielleicht könnte ich in Zukunft meine Grenzen besser verteidigen, wenn ich die aufbrausende Wut Anderer in banalen Alltagssituationen nicht mehr als Affront, sondern als Repräsentation der Wildheit Kodhri Kalis würdigen würde? Und notfalls meine eigene Kodhri Kali auspacke, anstatt mich zwanghaft in Akzeptanz zu üben?

Möglicherweise – denke ich gerade – wäre es mir und meiner Umgebung angemessen, wenn ich mir zugestehen könnte, dass ich in der Tiefe weit weniger kultiviert und umgänglich bin, als ich es gerne wäre.

Aber das ist nur eine Idee. Ich stochere gerade im Nebel….

Vierundzwanzig: Wild – Teil eins

Nachts weckt mich der Wolf. Er hat seinen Platz am Fußende des Bettes verlassen und streckt mir die feuchte Schnauze ins Gesicht. Schon steht er an der Zimmertür. Im Dunkeln steige ich in meine Hausschuhe, nehme automatisch das Handy vom Nachtkästchen und trete mit ihm in den stillen Flur.

Alle schlafen. Ich wohl auch. Es ist ein Traum, denke ich mir, und beobachte mich dabei, wie ich unter dem erwartungsvollen Blick des Wolfes die Haustür aufschließe und ihm über die Auffahrt in den Wald auf der anderen Seite des Bachlaufs folge. Über uns leuchten die Sterne am nachtschwarzen Himmel, in den hohen Kronen der Kiefern rauscht der Wind. Irgenwo im Gebüsch knackt es. Wo will der Wolf nur um diese Uhrzeit mit mir hin?

Auf einmal verändert sich die Szenerie: ich folge dem grauen Schatten über eine große Wiese, der von Sternen übersähte Nachthimmel spendet sanftes blaues Licht. Vor uns ragt der hohe kahle Berg auf, in dem ich als Vajrakilaya die weißen Vampire niedergemetzelt habe. Zielstrebig läuft der Wolf zum Eingang der Höhle. Dort bleibt er stehen und sieht sich nach mir um. Als ich zu ihm aufgeschlossen habe, verschwindet er in die Dunkelheit des schmalen Gangs. Diesmal bin ich kein sechsarmiger Gott im lichtspendenden Feuerkranz, ich tappe blind in Hausschuhen und im Schlafanzug in die Finsternis. Ein Glück, dass ich das Handy dabei habe, ich schalte die Taschenlampe an, so geht es besser. Vor mir trabt wachsam der Wolf dahin, die Nase in die Höhe haltend und nach allen Seiten witternd. Erstaunlicherweise habe ich keine Angst: ich habe einen großen starken Begleiter, das genügt, um meine Nerven zu beruhigen.

Wir durchqueren die Höhle der Vampire, sie ist vollkommend leer. Es geht weiter in den Berg hinein, ich spüre – während ich mich dabei beobachte, wie ich durch den schmalen Gang gehe – das vertraute schmerzhafte Ziehen im Unterleib.

Irgendwo vor uns flackert blaues Licht. Im Näherkommen erkenne ich den Durchgang zu einer weiteren Höhle. Als uns nur noch wenige Meter vom Eingang trennen, setzt sich der Wolf auf seine Hinterläufe und starrt unbewegt geradeaus. Ich folge seinem Blick – und sehe Kadhro Kali! Sie windet und dreht sich wie wahnsinnig, ihr hässliches Gesicht ist in Ekstase verzerrt. Um sie schlagen die Feuerzungen in die Höhe, aus ihrem Herzen jagen blaue Lichtblitze in alle Richtungen davon, gleichzeitig wird weißes Licht in ihrem Brustkorb absorbiert.

DAS war das Monster, vor dem ich mich so gefürchtet hatte, dass ich es als unsterblicher sechsarmiger, bis an die Zähne bewaffneter zornvoller Gott nicht gewagt hatte, ihm entgegen zu treten!

Ganz falsch war es nicht, denke ich, während ich das so faszinierende wie abstossende Schauspiel vor mir beobachte. Krodhi Kali ist viel mächtiger als Vajrakilaya. Er zieht seine Klarheit aus seiner mentalen und physischen Stärke, sie ist die Herrin über Leben und Tod.

In der Tiefe sind wir alle Krodhi Kali. Wir sind wilde Tiere, die nur den Gesetzen der Natur verpflichtet sind. Wir wollen überleben, fressen, uns fortpflanzen. Wir brauchen Gemeinschaft. Wir wollen eins sein mit der Natur. Am Ende werden wir sterben, unsere Körper werden verwesen. Es ist so natürlich wie alles andere, das uns ausmacht.

Krodhi Kali schenkt ihre Kraft und Weisheit in den Lebenssituationen, in denen wir mit dem Rücken zur Wand stehen und alles um uns zusammenbricht. Wenn nichts mehr geht, alle Hoffnung, an die wir uns geklammert hatten, verloren ist. Wenn auch die letzte Illusion stirbt, die verzweifelteste Rettungsphantasie vergebens ist – dann ist sie da.

Nie begegnen wir ihr direkter als zu Beginn und am Ende unseres Lebens.

Der Wolf ist an meiner Seite erschienen, weil er diese Kraft in sich trägt – und sie in mir spürt. Wir sind Seelen-Gefährten, in der Tiefe bin ich so wild und ungezähmt wie er.

Ich wache auf. Mondlicht fällt durch einen Spalt der Jalousien und lässt das weiße Schnauze des Wolfs aufleuchten, der zu meinen Füßen zusammengerollt auf der Bettdecke schläft.

Dreiundzwanzig: Gräberfriedhof

Neben mir rauscht der Bach. Der Wolf folgt, die Nase dicht über dem Boden haltend, einer Spur am Wegesrand. Der kleine weiße Spitz wieselt geschäftig an der Ausziehleine hin und her. Ich pfeife vergnügt vor mich hin, während ich in der Abenddämmerung mit meinen Gefährten durch den Wald laufe. Ein Spruch kommt mir in den Sinn: „Mädchen, die pfeifen, und Hähnen, die krähen, soll man beizeiten den Hals umdrehen.“ Ich pfeife noch ein bisschen lauter – was ist das für eine Melodie? Richtig! Irgendein Kirchenlied aus meiner bewegten katholischen Jugendzeit, der Titel ist mir entfallen.

Während der Visualisierungsrunde am Nachmittag bin ich wieder zu Krodhi Kali geworden. Mein wild tanzender schwarzer Körper sendet aus dem Herz-Chakra dunkelblaue Lichtstrahlen in alle zehn Dimensionen. Im Buch steht, sie durchschlagen und zerstören alle bösen Geister und löschen jede Negativität aus, bevor sie als strahlende Klarheit wieder vom Wurzelmantra, das in meinem Herz-Chakra kreist, absorbiert werden. Inzwischen kann ich die Visualisierung etwas besser halten. Es ist, als hätte ich am Radio einen Sender eingestellt, der mal mehr, mal weniger rauscht. Es ist nicht toll, aber es geht. Die Energie, die aus meinem Becken in mein Herz-Chakra aufsteigt und durch das Mantra als blaue Lichtblitze verteilt wird, fühlt sich immer noch kalt und bedrohlich an. Die stechenden Unterleibschmerzen machen das Visualisieren nicht leichter.

Zu meinem Erstaunen bemerke ich, während ich mit Krodhi Kali kämpfe, wie sich mein grauer Wolf, der wieder an meiner rechten Seite ruht, auf den Rücken legt und entspannt alle vier Pfoten von sich streckt. Die Energie, die mich verstört, scheint ihm gut zu tun! Ich lege meine freie rechte Hand auf seinen mächtigen Brustkorb und spüre seinen Herzschlag unter meiner Handfläche. Das beruhigt mich, das Bild wird klarer und stabiler.

Der Fokus kehrt zur Visualisierung zurück: ich kann tanzen, das Mantra im Herz-Chakra kreisen lassen und Lichtenergie aussenden, merke ich. Aber damit, dass diese Energie wieder zu mir zurückkommt, habe ich ein Problem. Immer, wenn ich mich auf diesen Aspekt konzentriere, „rutsche“ ich aus Krodhi Kali heraus und sehe das Bild nur noch von außen. Während ich es wieder und wieder versuche und dabei die Wärme des Wolfs an meiner Seite spüre, tauchen Bilder in mir auf: meine Füße in verdreckten Hausschuhen, ich habe den Schlafanzug an. Neben mir ein wütender Bauer, der mich aus dem Maisfeld hinter dem Gartenzaun gezogen und bei meinem Vater abgeliefert hat. Ich war zur Schlafenszeit heimlich über die Terrasse ausgebüxt und hatte mit den Nachbarsjungen im hohen Mais eine „Wohnung“ eingerichtet. Mehrere Reihen von Maispflanzen mussten den „Zimmern“ weichen. Und das kurz vor der Ernte! Mein Vater schob dem schimpfenden Bauern ein paar knisternde Geldscheine in die Hand. Die Jungen hatte er laufen lassen – sie gingen schon zur Schule – mich hatte er heimgebracht. Ich war fünf Jahre alt. Und ein „Teufelsbraten“, wie er meinem Vater erklärte.

Ich war schon im Kindergarten das wilde Mädchen, das mit den coolen Jungs spielte. Kein Baum zu hoch, kein Hang der riesigen Kiesgrube im nahen Wald zu steil. Wenn wir bei irgendeinem Unfug erwischt wurden, war immer ich es, die Fassungslosigkeit auslöste. „Und so was als Mädchen!“ Dass ich klein, zart und mit der Optik eines Püppchens gestraft war, machte es nicht besser.

Beim Versuch, Fallschirm zu springen, brach ich mir das Sprungglenk. Der große Sonnenschirm war auch hinüber, dabei war er neu und teuer gewesen. Die Eltern logen den Arzt an, mit mir war kein Staat zu machen.

Meinen ersten Verweis bekam ich in der dritten Klasse. Ich hatte mich im Pausenhof auf eine Schulkameradin geworfen, die mich nach Mädchenart mobbte. Sie hatte einen Esel und nur wer nicht mit mir sprach, durfte darauf reiten. Eine Taktik, die aufging. Und mich so erboste, dass ich rasend vor Wut zum Angriff überging. Ich hatte keine Chance, die Andere war ein großes kräftiges Bauernmädchen. Nachdem mich die Pausenaufsicht unter ihren Fäusten hervorgezogen und dem Rektor übergeben hatte, wieder der Spruch: „Und so was als Mädchen!“ Als ich im zerrissenen Kleid mit meinem Verweis nach Hause kam, gab es noch mal Ärger. Ich war trotzdem der Meinung, es richtig gemacht zu haben. Nur sagen durfte ich es keinem.

Beliebt – besonders bei älteren Damen der Umgebung – war außerdem der auf mich gemünzte Spruch: „Mit dir wird es noch mal ein schlechtes Ende nehmen!“

Wohl deshalb finde ich die Idee, ich sende diese ungebärdige wilde Energie aus, auf das sie Negativität und Bösartigkeit zerstöre und dann kommt auch noch Klarheit zurück, absurd. Sie widerpricht komplett meiner Lebenserfahrung! Die eherne Regel meiner Kindheit lautete: ich sende diese Energie aus – unfreiwillig, ich habe mir oft gewünscht, ein „braves Mädchen“ zu sein – und was zurückkommt ist nicht Klarheit, sondern unvermeidlich Ärger und Anfeindungen!

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin schon lange kein wildes Mädchen mehr, das Erwachsenwerden hat mir diese Energie genauso ausgetrieben wie meine imaginäre Tierwelt. Jetzt kann ich nur den Kopf über die Bigotterie und Engstirnigkeit meiner Kindheit schütteln. Ich bin in einer Familie und einem Milieu aufgewachsen, in dem habitualisiert Berge zu Maulwurfshügel gemacht wurden – und Maulwurfshügel zu Bergen!

Ich habe schließlich keine Drogen auf dem Pausehof vertickt, oder die coolen Jungs verführt. Zumindest nicht sexuell. Dafür war ich viel zu katholisch. Aber oft war der Unfug, den wir trieben, auf meinem Mist gewachsen. Die Jungs waren des Öfteren die willigen Vollstrecker meiner ungebärdigen Phantasie.

Ich rutsche aus der Visualisierung und betrachte den grauen Wolf, der immer noch neben mir auf dem Rücken liegt und mir – den Kopf nach hinten gelegt – seine Kehle entgegenstreckt. Er scheint zu schlafen. Die Einzigen, denke ich jetzt, die diese Energie mochten, waren die „coolen Jungs“. Der Wolf scheint auch einer von ihnen zu sein.

Es ist schon fast dunkel. Der Wolf, der kleine weiße Spitz und ich sind bei unserem Abendspaziergang auf einer Anhöhe angelangt. Wir laufen an einem großen Gebäude vorbei. Die wilde Steinsammlung auf der Freifläche des Geländes zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich gehe näher heran. Zwischen Blöcken von Ziegeln und Holzstapeln entdecke ich aufgelassene Gräber! Auf der einen oder anderen schief auf den Umrandungen liegenden Grabplatte flackert noch ein müdes Grablicht. Ich inspiziere die makabre Sammlung: der Herr Pfarrer, lese ich, ist schon 1973 gestorben. Er scheint keine Verwandtschaft gehabt zu haben, die über die zwanzigjährige Liegezeit hinaus bereit war, für sein Grab zu bezahlen. So enden die – denke ich mir – die im Leben alles richtig gemacht und ein „gutes Ende“ gefunden haben. Naja.

Ich mache ein Photo des leeren Grabs mit der zerbrochenen Grabplatte und beschließe, dass ich es mir in Zukunft erlauben darf, meine wilde Energie auszusenden. Vielleicht kommt ja sogar ab und zu so etwas wie Erleuchtung zurück?

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