Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 12 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Riwo Sangchö

Suryiel führt Maria in das traditionelle morgendliche Rauchopfer-Ritual ein…

Vom Weiher kommend, rauscht das Wasser des Baches die Hauswand entlang. Vor der Terrasse verschwindet es unter dem Fundament, um auf der anderen Seite des Gebäudes wieder an die Oberfläche zu treten. Dort vereint sich der schmale Bach mit dem Hauptlauf des Gewässers zu einem wild dahinströmenden Fluss. Uriels Retreathaus ist buchstäblich auf Wasser gebaut.

Nach dem Frühstück beginnt Marias Einführung in Vajrayana mit einem Riwo Sang Chöd. In der englischen Übersetzung heißt das tibetisch-buddhistische Ritual „Mountain Smoke Offering from Accomplishing the Life Force of the Vidayadharas“. Direkt neben dem wild rauschenden Wasserlauf hat Suriyel ein Tischchen auf der Terrasse platziert. Darauf wird alles gerichtet, was wir zur Bewirtung unserer Gäste benötigen.

Wir sind zu fünft an diesem kühlen Morgen: eine sichtlich nervöse Maria und ich, Suriyel, sowie der Hausherr Uriel in Begleitung seines kleinen weißen Hundes. Ich nehme auf dem Gartenstuhl Platz und lege mir fröstelnd die Decke über die Beine, während Suriyel die letzten Vorbereitungen für das Ritual trifft.

Ich sehe ihm dabei zu, wie er Wasser in kleine Schälchen füllt. Damit werden unsere Gäste – Buddhas, Bodhisattvas, die örtlichen Naturgeister und alle positiven und negative Wesen und Kräfte in den sechs Dimensionen – speziell jene, denen wir karmisch etwas schuldig sind – empfangen.

Nach ihrer Reise zu uns sollen sie sich erst einmal erfrischen können. Deshalb bekommen sie im ersten Schälchen Wasser zu Trinken angeboten. Mit dem Wasser im zweiten Schälchen können sie sich den Staub von den Füßen waschen. Damit sie sich bei uns wohl fühlen, werden sie mit Blumen empfangen – symbolisiert durch das Wasser im dritten Schälchen. Im vierten Schälchen verströmt ein Räucherstäbchen seinen Duft, die Kerze im fünften Schälchen spendet Licht, das Wasser im sechsten Schälchen versinnbildlicht Parfüm, das im siebten Speisen und das im achten Musik.

In der Mitte des Tisches wird ein kleines Tonschälchen mit Räucherkohle platziert. Darin wird später das Speiseopfer – eine Mischung aus Mehl, Zucker, Honig, Melasse, Butter und Öl – verbrannt werden. Mit der kleinen Damaru – einer tibetischen Handtrommel – und der Glocke wird das Ritual musikalisch begleitet. Der immergrüne Ast in der Glaskanne wird traditionell benutzt, um die Opfergaben mit geweihtem Wasser zu besprengen. Bei uns ist er Deko – er gehört halt auch dazu.

Es ist also für alles gesorgt, wir können die Gäste zur Tafel bitten.

Wir müssen nicht warten, bis sie sich bei uns eingefunden haben – „sehe“ ich – sie sind bereits da. Auf der großen Wiese, die sich von der Terrasse bis zum Waldrand erstreckt und auf der einen Seite vom Weiher, auf der anderen von einem Seitenarm des Flusses begrenzt wird, glaube ich die Konturen halb transparenter Gestalten in allen Formen und Größen zu erkennen. Ich kneife die Augen zusammen und öffne sie wieder: Doch! Da stehen in mehreren Reihen, still und konzentriert wartend, unsere Gäste. Es müssen hunderte sein!

Ein paar Enten flattern laut quackend über unsere Köpfe hinweg und landen mit vernehmbarem Platschen auf der Oberfläche des Weihers. Eine Amsel singt im Geäst des Apfelbaumes vor der Terrasse. Ihr Gesang übertönt das monotone Rauschen des Baches an der Hauswand. Ansonsten herrscht vollkommene Stille an diesem Samstagmorgen.

Uriels kleiner weißer Hund legt sich vor der Terrasse ins Gras. Er weiß was kommen wird, für ihn gehört Riwo Sangchö zur Altagsroutine. Im Gegensatz zu Maria: sie wird zum allerersten Mal an einem tibetisch-buddhistischen Retreat teilnehmen. „In diesem Leben“, präzisiert Suriyel. Auch Uriel ist davon überzeugt, dass nur in den Genuss einer solchen Praxis kommt, wer schon karmisch „vorbelastet“ ist.

Suriyel rezitiert und singt den tibetischen Text. Er hat eine schöne Stimme. Uriel und ich stimmen ein, Maria hört zu.

Nach Anrufung, Zufluchtnahme und Bodhicitta sind wir gehalten, uns selbst als Guru zu visualisieren. Im nächsten Schritt transformieren wir – uns als weiße Emanation des Buddha imaginierend – alle Opferspeisen in reinen betörenden Weisheitsnektar.

Suriyel kippt einen Löffel von dem pulverförmigen Speiseopfer über die glühende Kohle. Rauch steigt auf und hüllt uns ein. Die Perlen unserer Malas zwischen den Fingern, rezitieren wir das Mantra und visualisieren dabei, wie wir unseren Gästen die Opfergaben zukommen lassen. Die dröhnende Stille hinter unserem Murmeln, des Rauschen des Baches und dem Gesang der Vögel, ist jetzt geradezu greifbar. Gleichzeitig überwältigt mich die Freude und Begeisterung unserer Gäste. Das, was wir ihnen heute anbieten können, scheint sie wirklich zu sättigen, so gierig manche von ihnen auch sind.

Als ich, die Augen gesenkt und das Mantra dabei rezitierend – meinen „Blick“ über die Wiese und die darauf versammelten, begeistert schmausenden Gäste gleiten lasse, registriere ich eine Lücke in der Menge. Dort, wird mir mit einem Mal klar, stand bis vor ein paar Wochen mein Wolf! Bevor er sich eines Nachts im März an meiner Bettseite materialisierte, war er eines der transzendenten Wesen, die hier regelmäßig gefüttert werden. Uriel würde sagen: wir waren durch eine karmische Verstrickung aneinander gebunden. Ich habe ihn hier abgeholt – oder er hat mich hier aufgesucht – damit wir das letzte Stück seines Weges zur Wiedergeburt gemeinsam gehen konnten. Vielleicht, denke ich, während ich weiter rezitiere und währenddessen visualisierend die seltsam transparenten Wesen füttere, auch meiner Wiedergeburt?

Meine körperlichen Grenzen scheinen sich aufzulösen, ich fühle mich völlig entleert, es gibt keine Differenz mehr zwischen mir, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches, den formlosen glücklichen Wesen auf der Wiese.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, schaffe ich es nicht mal, mich vernünftig bei den anderen zu entschuldigen. Obwohl ein kompletter Pferdestall auf seinen Anstrich wartet, wanke ich die Treppen hoch und falle ins Bett. Alles fühlt sich völlig unwirklich an, ich brauche Schlaf und ein paar Träume, um mich zu erholen. Was für ein Riwo Sangchö!

First Steps

I’ll start with the backstory. A couple of years ago, I started getting interested in meditation. In Ukraine, unfortunately, there are few places where they can really teach this. It is very common to get scammed. That’s why I tried to meditate alone, at home. I came to this because of a lot of stress in my life. I wanted to find peace. Naturally, nothing worked out for me and I just stopped doing it.

hBut after some time I met at work with one girl, Anastasia. As it turned out, she practiced meditation and shared her experience. But she practiced more than just meditation. She used mushrooms. From her words, it helped her understand herself from the outside. Nastya said that 5 minutes after taking the Mushrooms, she cried, then laughed, then she saw herself as a little girl from the side and spoke. She described her vision as something incredible. Thoughts and feelings were also indescribable. We were talking about it and then she put on an unusual tune. We were at her house. We lay down on the floor and she told me to just listen to the melody, try not to think about anything and relax. I won’t say that I managed to completely relax, since her story seemed to me too strange. She was too insistent that I should try it too. I am quite apprehensive about such substances, so I refused.

And now, a year and a half later, I met Katharina, who is not the first year in Buddhism. I’ve always been interested in hearing about the things she has to say. Even our meeting is unusual in itself. As if someone told her that she needed to approach me. Otherwise, I do not understand how she could approach two drunken girls who were singing songs in a dark park without fear. We discussed this for a long time.

At some point, we decided to act. I really wanted to know and see what it was like. I was lucky with Katharina, she does a lot for me. And this time she also decided to help me. She contacted Suriyel. She described him as a very intelligent and experienced person in Buddhism. And he agreed to help. In fact, I am very grateful to Katarina, Suriyel and Uriel for how much they helped me and shared their experience.

My introduction to Buddhism took place in an unusual place at the end of the world. I have been to different places. But there is no such nature, energy and air anywhere. I don’t know how to describe it. I haven’t felt this good in a long time. I was looking forward to getting started.

Morning came and Suriyel began to equip the table with offerings. Uriel and Katharina were with us. I only watched and read the text, but the others started to chant the mantra. To say that it was unusual is to say nothing. My thoughts were clear, I didn’t think about my problems for the first time in a long time. I was very surprised.

But what radically convinced me is our evening mantra. We were three. Katarina, Suriyel and myself. This time I closed my eyes and tried to visualize. I felt above my body and it was so easy and unusual. As if I felt the energy that comes from me and from everyone around. I also felt someone behind me. At some point, it frightened me, because I had never experienced such a feeling before.

For some reason, when I tried to visualize, a picture popped up where I saw a small child, myself and a man whom I know. It looked like a real family. I immediately opened my eyes. I have never experienced this. We finished the mantra and I was in a state of shock. My dreams were just as unusual. It was an incredible experience, and it convinced and interested me so much that I would love to study it and delve into it. I still have a lot of thoughts about how this is even possible? But apparently this is exactly what I’ve been looking for.

Amulett

Maria und ich brechen auf, um mit Suryiel ein Tantra-Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen…

Bevor wie aufbrechen, drücke ich Maria das Amulett in die Hand. Es ist ein durchsichtiger kleiner Plastikzylinder, der eine tibetische Gebetsmühle symbolisiert. Darin steckt das winzige Bild von Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha der Bönpos. Samt einer Schriftrolle, auf der in Miniaturlettern ihr Mantra abgedruckt ist.

Vor einigen Jahren habe ich den Anhänger selbst geschenkt bekommen: von einer griechischen Dharma-Schwester, die ich bei den Ngöndro-Teachings der Bönpos kennenlernte. So unbedarft, wie ich meine Tantra-Praxis anging, bräuchte ich Schutz, hatte die griechische Freundin beschlossen. Sie entdeckte den kleinen Anhänger in einem Retreathaus in Österreich – Bönpo-Schnickschnack gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen – erstand ihn für mich, und ließ ihn, wie es sich gehört, gleich noch vom örtlichen Lama weihen. Auf dass er mich vor allen Gefahren – vor allem vor meiner eigenen Ignoranz bezüglich der Praxis – bewahren möge.

Ich freute mich über das Mitbringsel, als sie es mir bei unserem nächsten Aufeinandertreffen feierlich überreichte. Genauer: ich freute mich über die Geste – nicht über das Geschenk an sich: dieses billige bunte Ding sollte ich Tag und Nacht um den Hals tragen?

Ich trage nur echten Schmuck, Modeschmuck finde ich indiskutabel. Außerdem verströmte der Anhänger den Charme einer Hundemarke: ich war immer sehr darauf bedacht, niemanden in meiner Umgebung wissen zu lassen, dass ich so etwas exotisches und seltsames wie tibetischen Buddhismus praktizierte. Und dann sollte ich auf einmal mit diesem Ding um den Hals herumlaufen, das nicht nur aus Plastik, sondern auch offensichtlich buddhistisch war. Und sich – zumindest im Sommer – nur bedingt verbergen ließ!

Selbstverständlich konnte ich das Geschenk nicht zurückweisen, oder – wie gruselige Präsente der buckeligen Verwandtschaft – in irgendeiner dunklen Ecke verstauben lassen. Es handelte sich um einen magischen Artefakt, also hatte ich das Amulett auch zu tragen!

Zähneknirschend beschloss ich, die Angelegenheit als Übung in Demut und Akzeptanz zu betrachten. Was blieb mir auch anderes übrig? Meine griechische Freundin hängte mir das kleine Plastikding feierlich um den Hals, drückte ihr Entzücken darüber aus, dass ich jetzt sicher und geschützt vor allen Gefahren wäre und verließ mich wieder.

Und ich ging von nun an mit dem kleinen Plastikzylinder vor dem Herzen durchs Leben, wieder einmal innerlich über mich und meine Seltsamkeiten den Kopf schüttelnd. Es dauerte etwas, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich mich beschützt damit fühlte. Wer hätte das gedacht?

Ich trug den kleinen Anhänger Tag und Nacht und nahm ihn nur ab, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das Chlorwasser im Schwimmbad, z.B. wollte ich ihm nicht antun. Auch bei gehobenen gesellschaftlichen Anlässen wanderte er vom Dekolleté in die Handtasche – bei mir hatte ich ihn immer.

Deshalb hing er auch um meinen Hals, als ich vor meinem ersten Vajra-Armor-Retreat Zuflucht bei der Khandro nahm, die Übertragung für das Mantra erhielt und damit zu praktizieren begann. Wenn das Mantra täglich praktiziert wird, hatte uns die Khandro während des Retreats erklärt, wäre es der beste Schutz gegen alle physischen und metaphysischen Bedrohungen, die man sich wünschen könne. So fühlte es sich für mich auch an. Ein halbes Jahr, nachdem ich die Übertragung erhalten hatte, legte ich den kleinen Anhänger mit der blauen zornvollen Bönpo-Göttin ab. Ich brauchte ihn nicht mehr. Ich verstaute ihn im Schmuckkästchen und vergaß ihn.

Bis zum letzten Wochenende, als mir Suriyel die Einladung an Maria und mich für eine private Einführung in den Vajrayana-Buddhismus im Retreathaus am Ende der Welt überbrachte. Der Ort ist speziell, er hat eine ganz besondere Energie. Und Maria würde sich dorthin begeben, ohne durch eine Tantra-Praxis geschützt zu sein. Genau so – verstand ich mit einem Mal – hatte meine griechische Freundin gedacht, als sie mich bei dem Ngöndro-Teaching kennengelernte: die anderen Teilnehmer waren durch ihre jahrelange Praxis geschützt – ich hatte nichts! Praktisch veranlagt wie sie war, kaufte sie bei nächst bester Gelegenheit das Amulett für mich und lies es weihen, damit ich nicht völlig schutzlos war.

Bevor Maria und ich am Freitag aufbrechen, krame ich den kleinen Anhänger hervor. Er sieht mitgenommen aus. Das Plastik des Rörchens ist zerkratzt, die kleine blaue zornvolle Gottheit auf der Schriftrolle nur noch vage zu erkennen. Maria freut sich trotzdem – ob über die Geste, oder den Anhänger, behält sie für sich.

Sie hängt ihn sich um den Hals, während wir im Nieselregen vor der Araltankstelle an der Ausfallstraße auf Suriyel warten. Es ist komplett albern, denke ich mir. Ich bin trotzdem erleichtert, dass sie ihn hat.

Sie soll ihn niemandem präsentieren, schärfe ich ihr noch ein. Tantra-Magie wirkt nur, wenn sie geheim gehalten wird. Deshalb ziert auch kein Foto des Anhängers diesen Blogtext. Statt dessen muss ein Bild von Suriyels Devotionalien-Sammlung herhalten, mit der er den Rückspiegel seines Autos dekoriert hat. Ich habe das Bild während der Fahrt ins Retreathaus ans Ende der Welt aufgenommen. Wir kamen bei Einbruch der Dunkelheit an, von Uriel freudig in Empfang genommen. Suriyel und ich geschützt durch unsere Praxis – und Maria durch einen kleinen billigen Plastikanhänger „Made in Nepal“.

Hag me!

Den kleinen grauen Kiesel mit der seltsamen Aufschrift fand ich letztes Frühjahr während einer Wanderung im Flussbett der wilden Isar. Er lag direkt zu meinen Füßen in einem Meer aus Steinen aller Größen und Formen. Im Nachhinein war ich verblüfft darüber, dass ich ihn im Laufen wahrgenommen hatte. Ich bückte mich aus einem Reflex heraus und hielt ihn in der Hand, bevor ich verstand, was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. „Hag me!“, las ich. Ein Rechtschreibfehler, dachte ich. Irgendjemand mit eigenwilligem Humor hatte „Hug me“ versehentlich mit „a“ statt mit „u“ geschrieben. Ich fand den Stein mit der schrägen Aufschrift witzig und steckte ihn ein.

Als ich ihn Abends wieder aus der Jackentasche holte, realisierte ich, dass man „Hag me“ auch anders übersetzen konnte: „Verhex mich!“

„There is no such thing as an accident“ – zumindest nicht in meinem Leben. Beziehungsweise in meinem Denken. Nach den Regeln des Hexeneinmaleins hat mir jemand eine Botschaft zukommen lassen, schlussfolgerte ich. Im Imperativ. Das hier war keine Bitte, kein Vorschlag – es war ein Befehl!

Wer jetzt über mich den Kopf schüttelt, hat mein vollstes Verständnis. Aber es ist einfach meine Art des Weltzugangs. Es liegt nicht in meiner Macht, etwas daran zu ändern. Und ich kann allen Skeptikern verraten, dass es funktioniert, obwohl es gegen alle Regeln der klassischen Logik verstößt.

So bezaubernd ich den kleinen Findling fand, so bizarr war der Auftrag. Wer, bitteschön, konnte sich ernsthaft wünschen, von mir „verhext“ zu werden?

In den letzten Monaten hat sich herausgestellt: der eine oder andere schätzt es durchaus. Ob auch der ominöse „Jemand“ dabei war, von dem die Botschaft stammt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf der Rückseite des Steines steht übrigens „Love!“. Ebenfalls im Imperativ….

Tod

In einer ruhigen Stunde während der drei Retreats im März, legte ich am großen Esstisch im Retreathaus am Ende der Welt die Karten. Uriel, der mir – an seinem Notebook arbeitend – gegenüber saß, hob den Kopf: „Und?“

„Der Tod!“ Irritiert ließ ich meinen Blick über die Legung wandern. „Etwas geht zu Ende.“

Ich hatte das Retreathaus am Ende der Welt ausgelegt. Mit der Fragestellung, was wohl daraus werden würde. Jetzt, wo hier die ersten Retreats stattfanden und das Gebäude langsam begann, ein eigenes magisches Leben zu entwickeln. Und dann lag da „der Tod“!

Die meisten, die beim Kartenlegen mit der „XIII“ im Zyklus der großen Arkana konfrontiert sind, erschrecken. Der Tod hat keinen guten Ruf in unserer Kultur. Er ist etwas schreckliches, das so konsequent als möglich ausgeblendet, so effektiv als möglich ferngehalten werden muss.

Dabei hat die Karte eine schöne Botschaft – man muss sich nur darauf einlassen. „Das, was sich in Deinem Leben überlebt hat, wird dich verlassen,“ wispert sie. „Etwas Neues ist dabei, zu Dir zu kommen.“

Es ist die ultimative Botschaft der Transformation! Und im Gegensatz zu ihrer „zornvollen Schwester“, der „XVI“ – dem „Turm“, vollzieht sich diese Neuwerdung auf natürliche, organische Weise. Während sich der Effekt des „Turms“ anfühlt, als wäre man beim Überqueren der Autobahn von einem 40-Tonner gerammt worden, läuft der transformative Prozess im Zeichen des „Todes“ auf friedvolle Weise ab.

Allerdings nur, wenn man bereit ist, die Regeln des Lebens und des Todes zu akzeptieren: „Was wirklich zu Dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht mehr zu Dir gehört, kannst Du nicht festhalten.“ Alles ist Werden und Vergehen. Wir sind dem natürliche Prinzip des Wandels unterworfen, ob es uns passt, oder nicht. Wer das nicht einsieht, leidet. Und wird am Ende trotzdem unter Schmerzen verlieren, was er nicht hergeben möchte – Veränderung lässt sich nicht aufhalten.

Oft ist das Entsetzen groß, wenn der Tod auf einmal ins Leben tritt, um sich zu holen, was ihm zusteht. Allzu lange hat man aus Bequemlichkeit, Angst, emotionaler Treue alle Zeichen ignoriert, die nagende innere Stimme überhört, die immer wieder flüsterte „merkst du nicht, dass es vorüber ist?“

Aber eines Tages klingelt es. Und wenn man in Erwartung des Paketboten die Türe öffnet, steht er da: der Tod.

Wenn der Tod auftaucht – in den Karten wie im richtigen Leben – gilt es loszulassen, was einmal existentiell war. Gehenzulassen, was dem Leben einmal Bedeutung gegeben hatte.

Und die Trauer zuzulassen. Es ist keine Schande, zu weinen. Ich trauere heute. Ich vermisse meinen Wolf so sehr! Und er wird nie wieder zu mir zurückkehren! Er ist unwiederbringlich gegangen – wohin auch immer.

Es war von Anfang an klar, dass er nur ein Gast in meinem Leben sein würde, der große scheue graue Wolf. Er ging so magisch und überraschend, wie er vor sechs Wochen in mein Leben getreten ist. Ich habe keine Ahnung, woher er kam. Ich werde nie erfahren, wohin er verschwunden ist. Niemand wird mir jemals erklären können, warum er ausgerechnet in meiner Existenz Form angenommen hat.

Er ist gegangen, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Wie immer das, was in mein Leben treten wird, auch aussehen mag. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.

Genauso wenig, wie wir wissen, was mit dem Retreathaus am Ende der Welt geschehen wird. Damit der Ort seine magische Bestimmung erfüllen kann, scheint auch dort sterben zu müssen, was sich überlebt hat, damit Platz für Neues ist.

Transformation – drei

Die Dinge sind in Bewegung geraten, wie gesagt. Am Wochenende war, nach tagelanger vager Unruhe, auf einmal der Eindruck entstanden, um mich würde sich eine neue Dimension öffnen. Es fühlte sich an, als würden sich die Grenze meiner Wahrnehmung ausdehnen. Eine ebenso überraschende wie bedrohliche Erfahrung, die ich mir nicht erklären konnte. Dazu die Einladung, gemeinsam mit Maria das kommende Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen.

Am nächsten Tag die Information, der Khenpo – ein hoher tibetischer buddistischer Lama – würde sich gerade dort aufhalten. Er wolle das Retreathaus, samt dem Außenbereich mit Weiher und Bachlauf, mit schamanischen Riten weihen. Auf einmal machte dieses seltsame Gefühl, etwas wäre gerade dabei, sich auf magische Weise zu verändern, Sinn.

Am Montag wird der Sog stärker, ich spüre die Energie der Transformation, während ich die Aufgaben des Tages erledige. Abends wandere ich mit dem Wolf durch die Stadt, wir brauchen beide Auslauf. Ich bin inzwischen so an meinen großen grauen Begleiter gewöhnt, dass seine dauernde Präsenz für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Gedankenverloren beobachte ich ihn dabei, wie er zu meiner Rechten, die Nase am Boden, neben mir her läuft. Ich stutze: Irgendwie sieht er auf einmal anders aus! Kann das sein? Ich nehme ihn genauer in den Blick: Keine Frage, sein Fell ist dunkler geworden, es ist jetzt fast schwarz, an einzelnen Stellen sind weiße Punkte zu erkennen. Außerdem kommt es mir vor, als würde er wachsen! Eigentlich reicht er mir bis an die Hüfte. Während wir dahinlaufen, scheint er sich auszudehnen, wird immer länger und höher, bis er mir bis zu den Schultern reicht und sicher doppelt so lang ist wie zuvor. Gleichzeitig verhält er sich seltsam. Von seinem ruhigen gelassenen Wesen ist nichts mehr geblieben. Erschrocken beobachte ich, wie er geifert. Aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel zwischen den riesigen spitzen Zähnen hervor! Die Zunge hängt lang aus dem Maul, während er – den Kopf gesenkt – wittert und dabei seinen Blick lauernd umher schweifen lässt. Ich bin entsetzt: aus meinem ruhigen treuen Wolf ist ohne ersichtlichen Grund ein riesiges wildes Tier geworden!

Im verwunschenen Untermietzimmer angekommen, lässt er sich auf seinem gewohnten Platz auf dem dicken weißen Schafwollteppich neben dem Schreibtisch nieder. Er nimmt fast die ganze Breite des Zimmers ein, so lang ist er geworden. Er ist unruhig, immer wieder steht er auf, dreht sich um die eigene Achse, lässt sich wieder auf den Boden sinken, nur um wieder aufzusehen, und – den Kopf wiegend – ein paar Schritte hin und her zu laufen. Dabei hechelt er, aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel auf meinen Teppich. Ob er Schmerzen hat? Irgendwas ist überhaupt nicht in Ordnung mit ihm!

Ich schreibe eine Textnachricht an Uriel und frage, was der tibetische Khenpo in Gottesnamen gerade bei ihm anstellen würde? Meinem Wolf ginge es nicht gut!

Irgendwie, denke ich, muss das Leiden meines Schattentiers etwas mit dem zu tun haben, was gerade im Retreathaus am Ende der Welt passiert. Von dort stammt er schließlich, der Wolf. Ursprünglich war er einer der Wächter des Mandalas von Vajrakilaya, bevor er beschloss, sich eines Nachts neben meinem Bett zu materialisieren. Und bei mir zu bleiben und mit mir nach Leipzig zu kommen, als das Retreat zu Ende war.

Uriel schreibt zurück, der Kenpho und sein Geshe – der gelehrte Assistent – würden gerade die Tormas – die Opfergaben – für das morgige Ritual vorbereiten. Wem sie denn opfern wollen, frage ich zurück. „Den Naturgeistern“, kommt als Antwort. „Bist du doch ein Naturgeist?“, frage ich den nervös vor sich hin hechelnden Wolf. Auf dem Boden ausgestreckt hat er den Kopf gehoben und starrt aus dem Fenster in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Er scheint mich nicht gehört zu haben.

Diese Nacht verbringe ich alleine in meinem Bett. Zum ersten Mal, seit ich im März aus dem Retreathaus am Ende der Welt zurück nach Leipzig gekommen bin. Anstatt wie üblich zu meinen Füßen zu schlafen, wandert der Wolf, nervös hechelnd, Stunde um Stunde unruhig im Zimmer auf und ab. Im Schlaf glaube ich die gewaltige Energie zu sehen, die in ihm arbeitet. Es ist, als würde er größer und dann wieder kleiner werden, seine Konturen sind mal klar erkennbar, dann wieder scheint er sich in winzige Partikel aufzulösen, bevor er wieder zu seiner Form zurück findet. Die ganze Zeit bleibt er stumm. Dabei müsste ich ihn eigentlich winseln hören, ich bin mir sicher, dass er Qualen leidet. Es liegt nicht in meiner Hand, ihm zu helfen. Das einzige, was ich für ihn tun kann ist, ihn nicht bei seiner Verwandlung zu stören. Und ihn nicht festzuhalten. Obwohl es mir schwer fällt. Er bedeutet mir viel, mein schöner großer grauer Wolf!

Ich erschrecke, als ich am nächsten Morgen aufwache: anstelle des Wolfs liegt eine riesige schwarze Hyäne mit weißen Tupfen auf meinem Teppich! Mich ignorierend, starrt sie unverwandt aus dem Fenster in die Morgendämmerung. Während ich neben ihr auf meinem Meditationskissen am Morgen-Zazen der Online-Sangha teilnehme, wird mir bewusst, dass sie kein Tier ist. Das was sich da neben mir befindet, kann eigentlich nur ein Geist sein, so verrückt das auch klingt.

Ich bin erleichtert, dass das Wesen keine Schmerzen mehr leidet. Ruhig liegt es den ganzen Tag, bis spät in den Abend hinein, auf dem Teppich und starrt – ohne mir auch nur die geringste Beachtung zu schenken – aus dem Fenster.

Vor dem Schlafengehen bekomme ich eine Nachricht von Uriel. Ich starre verblüfft auf die beiden Fotos, die er mir geschickt hat. Darauf ist eine brennende Feuerstelle zu sehen. Mit einem Feuer, wie ich noch keines in meinem Leben gesehen habe. Es wirkt, als wären die Flammen lebendig! Sie sind dick, klar konturiert und leuchten so gleißend auf dem Foto, dass es nur ein Trick sein kann. KI lässt grüßen. Allerdings sind Uriel solche Fähigkeiten nicht gegeben. Er kann nicht mal seine Selfies mit Photoshop aufhübschen! „Was ist das????“, schreibe ich zurück. „Sur Chöd“, kommt als Antwort. Ich habe schon so manches Feuer-Opfer gesehen, aber keines, das aussah wie dieses hier. Uriel auch nicht. Er wäre schon zwanzig Jahre dabei, aber so etwas wie das, was der Khenpo und sein Geshe heute an Ritual vollzogen hätten, wäre ihm noch nie untergekommen. Die Energie wäre unbeschreiblich gewesen. Ich starre auf die Fotos mit dem seltsam lebendigen Feuer für die Naturgeister – ob das auch für mein Schattentier gebrannt hat?

Ich gehe zu Bett und verbringe eine unruhige Nacht. Als ich am nächsten Morgen aufwache, kommt es mir vor, als hätte der Geist – oder was auch immer es sein mag – an Dichte eingebüßt. Tagsüber nehme ich das stille Wesen immer wieder in den Blick, während ich am Schreibtisch vor mich hin arbeite. Von Mal zu Mal wirken die Umrisse fließender, das Schwarz des Körpers blasser. Am Nachmittag ist es nur noch vage erkennbar, ich muss genau hinsehen, um die nebelhaften Konturen zu erkennen. Am Abend bin ich mit einem Mal allein in meinem Zimmer.

„Mein Wolf hat mich verlassen!“, schreibe ich Uriel. „Ich bin wieder allein, es ist bitter!“ Der antwortet umgehend: „Vielleicht hat er ja seine Form verloren und ist jetzt bereit für eine neue Wiedergeburt. Er muss nicht mehr im Bardo festhängen, das ist doch gut für ihn!“

Taliba

Ich benenne einen Dharma-Bruder nach dem Erzengel Suryiel – und begegne im Traum einer Frau mit seltsamem Namen…

Es ist Nacht. Das fahle Mondlicht lässt das Moos zu meinen Füßen silbern leuchten. Um mich steht der Wald wie eine schwarze Wand. Die Bäume sind alt und mächtig. Ich scheine mich in einer Art Urwald zu befinden. Irgendwo neben mir in der Dunkelheit ahne ich den Wolf. Während ich mich umsehe, wird mir bewusst, dass ich träume.

Auf einmal steht eine Frau vor mir. Sie ist ganz in weiß gekleidet, ihr dunkles glattes Haar fällt über ihren Rücken. „Mein Name ist Taliba.“ Sie mustert mich, während sie mit mir spricht, mit kritischem Blick. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“

Durch die hohen Fenster fällt das matte Licht der Straßenlaternen. Der Traum war von einer solchen Intensität gewesen, dass ich erst wieder in die Wachwelt zurück finden muss. Richtig, ich liege in meinem Bett! Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es drei Uhr morgens ist. Ich schalte die Leselampe an und greife nach meinem Traumtagebuch. „Taliba“, kritzle ich schlaftrunken hinein. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“ Wenn ich das nicht aufschreibe, besteht die Gefahr, dass ich mich am Morgen nicht mehr daran erinnern kann. Was schade wäre. Träume, die von einer solchen Dichte und Intensität sind, haben für gewöhnlich eine tiefe Bedeutung.

Während ich nach dem Aufstehen und der Morgenmeditation mein Frühstück bereite, denke ich über den Traum nach. Und über „Taliba“. Es ist höchst seltsam! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich mir jemals zuvor eine Traumfigur mit ihrem Namen vorgestellt hätte.

Ein Name…

Meine Gedanken wandern zu einer Textnachricht, die ich am gestrigen Tag verfasst hatte. Es ging um einen Namen – genauer um ein Alias. Der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo hatte sich auf meine Bitte hin bereit erklärt, Maria in den Vajrayana-Buddhismus einzuführen. Sie hat es sich gewünscht – und er kennt sich damit aus. Ich hatte mich über seine Zusage nicht nur für Maria gefreut, sondern auch für mich. Ich meiner Zen-Linie gibt es keinen Dharma, keine Riten und keine spirituelle Tradition. Mit dem Ergebnis, dass alles, was jenseit von Meditationspraxis stattfindet, für mich ein großes Rätsel ist. Maria braucht eine Einführung – ich brauche Nachhilfe!

Dem Dharma-Bruder wird als Lehrer im Blog eine wichtige Rolle zukommen. Also – hatte ich beschlossen – braucht er einen Namen. Uriel, mit dem ich das Problem besprach, ist nach einem Erzengel benannt. Der Einfachheit halber sollte wieder einer aus der himmlischen Heerschar für ein Alias herhalten. Uriel und ich gingen die Kandidaten durch – und waren uns beide einig, dass „Suriyel“ der perfekte Namensgeber für den Dharma-Bruder ist: der Engel, der darüber wacht, dass alle Geschöpfe des Himmels die göttlichen Gebote einhalten.

Ich schickte dem Dharma-Bruder eine Nachricht, in der ich ihm seinen neuen Namen mitteilte und meiner Hoffnung Ausdruck verlieh, er könne die Sache mit Humor nehmen. Worauf ich in der darauffolgenden Nacht von einer Frau namens „Taliba“ träume, die gekommen war, um nach dem Rechten zu sehen. Während ich meinen Morgenkaffee trinke, google ich den Namen. Er wäre arabisch, lese ich. Und bedeute „Schülerin“.

Mein Unbewusstes scheint der Überzeugung zu sein, dass ich Nachhilfe in Vajrayana bitter nötig habe…

Transformation – eins

Am Freitag die erste Ahnung eines Sogs. In der Frühlingssonne vor einem Café in der Altstadt sitzend, glaube ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Flirren wahrzunehmen. Es kommt mir vor, als würde sich der Raum um mich auf unerklärliche Weise weiten. Auf dem Weg nach Hause das Gefühl, unter Strom zu stehen. Wirre, nur vage fassbare Bilder ziehen an meinen Augen vorbei. Der Wolf läuft unbeeindruckt von Straßenlärm und Menschenmassen neben mir her. Was immer gerade geschieht, es scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

Die konfuse Ahnung wird am Samstag zur Gewissheit: Die Dinge sind wieder in Bewegung geraten. Zuerst eine Textnachricht: Maria und ich würden nächstes Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt erwartet, schreibt mir Suriyel, der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo. Er würde uns in Leipzig abholen und dorthin mitnehmen. Wir könnten gemeinsam praktizieren und die Renovierungsarbeiten am Seminarraum im historischen Pferdestall abschließen. Ich frage Maria, ob sie Lust auf Buddhismus und Wände streichen hat? Sie sagt ja.

Am Sonntag eine Nachricht von Uriel: der Khenpo wäre zusammen mit seinem Assistenten im Retreathaus am Ende der Welt eingetroffen. Ich bin überrascht über den Besuch, Uriel hat mir vorher nichts verraten. Vor sieben Jahren haben Uriel und ich uns bei bei den Ngöndro-Teachings dieses Khenpo – der Ehrentitel des Abts eines buddhistischen Klosters – kennengelernt. Uriel darf sich mit hochgestellten Gästen schmücken: der Khenpo ist nicht irgendwer, sondern das Oberhaupt eines Klosters in Kathmandu und einer der Linienhalter der Bönpos – einer der beiden alten schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus – und ein Mann von großer Kenntnis und Macht. Was man ihm nicht ansieht: in westlicher Kleidung würde der kleine schmale Mann mit seinem eleganten Englisch und seinem freundlich zurückhaltenden Auftreten als Manager oder Wissenschaftler durchgehen. Aber nein, er ist Schamane. Und was für einer!

Zwei Tage lang wird das Oberhaupt der Bönpos uralte Rituale durchführen, um die Naturgeister auf den Gründen des Retreathauses zu befrieden, negative Energie fernzuhalten und alle Dimensionen und Sphären wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Etwas besseres kann einem Ort, an dem Tantra praktiziert und meditiert wird, nicht geschehen.

Wie gesagt: die Dinge sind in Bewegung geraten…

Muschel

Die prächtige weiße Conch dient im tibetischen Buddhismus seit vielen hundert Jahren als Ritualinstrument…

Das Foto oben zeigt nicht irgendeine anonyme Muschel, sondern eine ganz spezielle. Uriel hat mir das Bild geschickt: Es handelt sich um seine persönliche „Conch“. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Woher er die riesige weiße Muschel hat, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, wo sie sich gerade befindet: In der Küche des Retreathauses am Ende der Welt wartet sie auf das nächste Retreat – und auf Einen, der willens und fähig ist, auf ihr zu trompeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Der wird zum „Geko“ erklärt, zum „Aufseher“.

Vor jeder Mahlzeit, vor Teachings und gemeinsamen Übungszeiten stellt er sich ins Treppenhaus und ruft mit lautem Tröten die Truppe zusammen. Um die Würde und Bedeutung des Amtes zu unterstreichen, bekommt der Geko bei seiner Ernennung einen prächtigen roten Hut überreicht.

Während meines ersten, von Uriel organisierten, Retreats durfte die Conch nicht fehlen. Ich war schwer beeindruckt von den archaischen Lauten, die man ihr entlocken kann – und von dem roten Hut.

Zu Beginn des nächsten Retreats fragte die Khandro wieder in die Runde, wer denn der Geko sein wolle? Ich meldete mich mit Enthusiasmus – und war irritiert ob der sichtbaren Erleichterung meiner Dharma-Schwestern und -Brüder.

Der Job schien nicht so begehrt zu sein, wie ich gedacht hatte.

Ich bekam den roten Hut und die große weiße Muschel in die Hand gedrückt mit der Info, vor dem Abendessen würde mein erster Einsatz erwartet.

Und danach wäre es meine Aufgabe, während der zeremoniellen Errichtung der Boundaries rund um das Retreathaus, auf der Conch zu trompeten. Und zwar so laut, dass die Khandro auf der Terrasse den Klang der Muschel hören könne.

Ich hätte ja noch zwei Stunden Zeit zu üben, meinte Uriel mit Blick auf die Uhr, bis dahin würde ich es schon hinkriegen.

Ich klemmte mir den roten Hut unter den Arm, nahm vorsichtig die schwere Muschel in beide Hände, trug sie die Treppen hoch in mein Zimmer, machte es mir auf dem Bett bequem und blies hinein.

Nichts.

Kein Laut!

Es käme auf den richtigen Winkel an, hatte mir Uriel noch mitgegeben. Ich solle mir vorstellen, ich spiele auf einer Trompete.

Dummerweise hatte ich noch nie auf einer Trompete gespielt. Keine Ahnung, wie das funktionieren sollte.

Ich drückte meine Lippen in allen möglichen Variationen an die schmale Öffnung der Muschel, während ich sie gleichzeitig in den verschiedensten Winkeln hielt – irgendwie musste es doch klappen!

Dazu immer wieder der Blick auf die Uhr: schon war eine Dreiviertelstunde vergangen, ohne dass ich der Conch auch nur einen Hauch von Laut entlockt hatte.

Und ich übte komplett ineffektiv! Nachdem ich jeweils ein paar Minuten verzweifelt Luft durch die Muschel gepresst hatte, musste ich jedesmal pausieren, weil mir so schwindelig war, dass sich alles um mich zu drehte.

Mir dämmerte, warum alle so erleichtert gewesen waren, als ich mich gemeldet hatte.

Nach einer Stunde ein Zufallstreffer. Die Conch hatte einen zarten Quick-Laut von sich gegeben.

Ich war euphorisch.

Dummerweise ließ sich der Erfolgserlebnis nicht willentlich wiederholen. Ab und zu produzierte ich einen hörbaren Klang, meist hallte nur mein herausgepresster Atem aus dem Inneren der Muschel wider. Die Zeit rannte mir davon. Das durfte doch nicht wahr sein!

Es klopfte an meiner Tür.

Es war der Dharma-Bruder, der in seinem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs meine hilflosen Versuche vernommen hatte.

Ich müsse es anders angehen, meinte er, auf dem zweiten Bett im Raum Platz nehmend. Er blies zu Vorführ-Zwecken hinein. Das Dröhnen der Muschel ließ mich zusammenzucken.

Ich müsse durch die zusammengepressten Lippen hindurch in einem schiefen Winkel in die Öffnung der Muschel blasen, erklärte er mir.

Ob er es gleich gekonnt hätte, fragte ich ihn.

Er spiele Didgeridoo, für ihn wäre es kein Problem gewesen.

Das wurde ja immer schöner! Erst Trompete, jetzt auch noch Didgeridoo! Ich hatte gerade mal in der Grundschule Blockflöte gelernt! Das war das einzige Blasinstrument, das ich vorweisen konnte.

Wie sich herausstellte, war das zu wenig.

Als ich nach zwei Stunden meinen Posten im Treppenhaus einnahm, um die Truppe zum Abendessen zu rufen, bekam ich zwar einen kräftigen Laut heraus – und wurde entsprechend gelobt dafür.

Aber als ich zwei Stunden später – den roten Hut auf dem Kopf – ein weiteres Mal antrat, um alle zum zeremoniellen Schließen der Boundaries zusammenzutrompeten, versagte ich.

Auf der ganzen Linie!

Ich bekam keinen Ton heraus.

Nichts! Nothing! Niente!

Ich wäre am liebesten vor Scham und Verzweiflung im Boden versunken.

Einer der Umstehenden konnte das peinliche Schauspiel, dass ich bot, nicht länger ertragen, nahm mir resolut die Conch ab und blies hinein.

Sein Trompeten ließ das Treppenhaus beben.

Und erfüllte seinen Zweck.

Aus allen Ecken und Enden schossen die anderen Retreatteilnehmer herbei.

Zutiefst beschämt nahm ich den roten Hut ab und drückte ihn meinem fähigen Nachfolger auf den Kopf. Das war es mit dem Geko-Job, ich war auf der ganzen Linie gescheitert.

Beim zeremoniellen Schließen der Bounderies bekam ich dann doch noch eine Aufgabe zugeteilt: ich musste die Rotweinflasche tragen und an jedem Eckpfosten Wein in das Gefäß füllen, mit dem die kleinen Haferflocken-Männchen begossen wurden, die die örtlichen Naturgeister symbolisierten, denen geopfert wurde.

Während der Geko mit Hut und Muschel voranlief und an jeder Ecke stolz trompetete, trabte ich hinterher – ich war zur Assistentin des Assistenten des Assistenten der Khandro degradiert worden!

Es kam noch schlimmer: als wir wieder im Haus waren, nahm mich mein Nachfolger-Geko zur Seite. Wir waren jetzt im Schweigen, es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Deshalb schrieb er auf einem Notizblatt nieder, was er mir zu sagen hatte. Nachdem er meinen Job übernommen habe, müsse ich den seinen machen.

Ich sah ihn verwirrt an: was sollte ich tun?

Ganz einfach, kritzelte er: Ich hätte an seiner Statt täglich das komplette Retreathaus zu kehren. Das Treppenhaus, alle Flure, Küche und Speisesaal.

Vom Geko zur Putzfrau – was für ein Abstieg!

Und das alles nur, weil ich zu doof gewesen war, auf der Conch zu trompeten…

Horn

Da steht einer im Gebüsch. Er bläst auf einem Waldhorn. Ein Herr mit Hund, der mir auf dem schmalen Pfad entgegenkommt, blickt sich suchend um. Auch er versucht herauszufinden, woher die Musik kommt. Die warmen Töne begleiten mich noch ein Stück meines Weges in den Auwald hinein.

Es ist ein bisschen schräg, denke ich mir im Weiterlaufen, dass der Musiker – vielleicht ein Student der örtlichen Musikhochschule, der keinen der raren Übungsräume abbekommen hat? – mit seinem Waldhorn ins Gebüsch geflüchtet ist. „Back to the roots“, sozusagen.

Während ich dahintrabe, fallen mir meine eigenen Erfahrungen mit Blasinstrumenten ein. Seit ich nicht mehr nur meditiere, sondern mich auch auf buddhistische Riten eingelassen habe, begegnen sie mir in regelmäßigen Abständen.

Das erste Mal war es ein Kuhhorn. Die Teilnehmerin eines Treffens der Zen-Peacemaker bot spontan an, mit uns die Liturgie „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Die Begeisterung über ihren Vorschlag fiel gedämpft aus. Die meisten stimmten erkennbar zu, weil es unhöflich gewesen wäre, „nein“ zu sagen.

In meiner Zen-Linie gibt es keine Riten. Alles ist komplett nüchtern, ohne jeden spirituellen Bezug. Viele – meist vom Katholizismus der Kindheit Geschädigte – schätzen das sehr. Deshalb hatte ich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre Zen praktizierte, noch nie an einem Chöd – einem buddhistischen Opferritual – teilgenommen.

Die Liturgie „Tor des süßen Nektar“ geht auf den – inzwischen verstorbenen – Gründer der Zen-Peacemaker, Bernie Glassman, zurück. Er hatte einer klassischen japanischen Zen-Linie angehört, in der die Riten des Mahayana-Buddhismus praktiziert wurden. Für die von ihm gegründete amerikanische Linie kreierte er ein modernes Chöd zur „Fütterung der hungrigen Geister“.

Die Teilnehmerin ließ sich von der Reserviertheit der Gruppe nicht beeindrucken. Zum Abschluss des offiziellen Programms kamen wir also am letzten Abend noch einmal zusammen, um das „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Der Eine oder Andere mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er Zahnweh.

Bevor es losging, wurden Reis, Obst und Gemüse in kleinen Schälchen drapiert. Weil es ein japanisches Ritual war, sollte den Geistern grüner Tee serviert werden. Die Gongs und Klanghölzer zu organisieren war kein Problem, die gibt es am Hof im Überfluss. Aber, meinte die Frau, es fehle noch etwas, um die Geister zu rufen. Ein Horn! Es gab ein kurzes Hin und Her, dann stellte sich heraus, dass einer der Teilnehmer, der am Hof lebte, doch tatsächlich ein Kuhhorn besaß! Er ging es holen und – siehe da – er konnte ihm sogar Töne entlocken. Das sollte er vor dem Speiseopfer so geräuschvoll als möglich tun, wurde ihm von unserer Pop-up-Priesterin beschieden, damit auch kein hungriger Geist die Einladung überhören könne.

Als alle mit Gongs, Klangschalen und Schlaghölzern sowie Textkopien ausgestattet waren und wir uns im Kreis aufgestellt hatten, hob ich die Hand. Ob ich jemanden zum Ritual einladen dürfe, frage ich. Die Priesterin reagierte verwundert. Die hungrigen Geister sollten ja zum Speiseopfer eingeladen werden, meine Bitte war gegen die Regeln. Ich erklärte in die Runde hinein, dass es jemanden in meiner Familie gäbe, der verstorben wäre und der mir aus dem Jenseits das Leben schwer machen würde. Er wäre auch ein „hungriger Geist“. Einer, der die Fütterung besonders nötig hätte. Deshalb würde ich ihn gerne persönlich und gleich zu Beginn einladen. Zen ist Akzeptanz – man nimmt, was kommt. In diesem Fall, dachte sich die Priesterin wohl, den überspannten Wunsch einer neurotischen Teilnehmerin. Sie nickte ergeben.

Ich stellte die Kerze, die ich vorher organisiert hatte, neben die der Priesterin auf den improvisierten Altar, zündete sie an und lud dabei – die Einladung laut aussprechend – den Geist des Verwandten ein.

Wenn mich meine innere Stimme leitet, gehe ich über jede Schamgrenze hinweg.

Als ich – mit hochrotem Kopf ob der Peinlichkeit der Situation – wieder meinen Platz im Kreis eingenommen hatte, stimmte die Priesterin mit klarer Stimme das Eingangslied an. (Es ist sehr schön. Wer es sich anhören möchte: man findet es auf Youtube unter „Krishna Das Music“ – Bernie´s Chalisa – Gates of Sweet Nectar)

Danach wurden Unmengen von Räucherstäbchen angezündet. Dazu wurde gegongt und mit den Klanghölzern geschlagen, was das Zeug hielt. Der Boddhi-Geist musste erweckt werden. Als alles für die Mahlzeit bereitet war, sollten wir Krach machen, so laut wir konnten. Der Schall des Kuhhorns ließ die Fensterscheiben zittern und übertönte spielend den Lärm der anderen Instrumente. Eine solche Geräuschkulisse hatte es auf dem Hof – auf dem Schweigen und Stille Gebot sind – selten gegeben. Aber nicht nur der Lärm, auch die Energie, die die Gruppe mit einem Mal verströmte, war geradezu verstörend.

Als wir fertig waren ging ich zu Bett. Verwirrt und aufgelöst, aber auch sehr zufrieden. Ich hatte keine Ahnung, wie es möglich war, aber ich wusste, dass das Ritual seinen Zweck erfüllt hatte. Und richtig, während der Nacht bekam ich Besuch: vom Geist des verstorbenen Verwandten. Wir hatten eine lange und heftige Auseinandersetzung, die mit einer tiefen Erkenntnis meinerseits einher ging. Seit dieser Nacht hat er mich nicht mehr heimgesucht. Wir sind in Frieden auseinander gegangen.

Ach ja: vor der Abreise am nächsten Morgen sprach mich eine andere Teilnehmerin an. Sie wolle sich bei mir bedanken, flüstere sie mir ins Ohr. Als ich vor den Augen aller meine Kerze anzündete und meinen verstorbenen Verwandten einlud, hätte sie sich im Stillen mit einer weiteren Einladung angeschlossen. Die Seele, die sie eingeladen hatte, wäre wirklich gekommen, habe sich heute Nacht herausgestellt, und etwas konnte geklärt werden. Wenn ich nicht so unerschrocken meine Einladung ausgesprochen hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, für sich das Selbe zu tun. Und, fuhr sie fort, sie hätte noch von einem anderen Teilnehmer gehört, der es genauso gemacht und ebenfalls erfolgreich gewesen wäre.

Ich weiß, es klingt schräg! Ehre, schwöre – ich habe es mir nicht ausgedacht!

Zweiundzwanzig: Rorschach-Test

Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiographie, er hätte irgendwann eingesehen, dass seine Songs „musikalische Rorschach-Tests“ wären.

Der berühmteste davon ist „Born in the U.S.A.“. Die Konservativen lieben diesen Song! Donald Trump ließ ihn bei Auftritten spielen, obowohl Springsteen öffentlich Hillary Clinton unterstützte. Ronald Reagan machte mit ihm – und dem Verweis auf den Patrioten Springsteen – Wahlkampfwerbung. Der Hit gilt in der Fachpresse als „one of the most misunderstood songs in history“.

Der Refrain ist aber auch zu verführerisch! Dass es in dem Songtext um einen traumatisierten Vietnam-Veteranen geht, der – von der Politik im Stich gelassen – am untersten Rand der Gesellschaft vor sich hin vegetiert, scheint auf konservativer Seite nur den wenigsten aufzustoßen.

Springsteen meint dazu, er schreibe seine Texte für ein Publikum, von dem er annimmt, dass es mit der selben Sorgfalt zuhört, mit der er seine Worte wählt. Es wäre ein langer Prozess gewesen, bis er für sich akzeptieren konnte, dass die Leute hören, was sie hören wollen.

Das ist der Preis für seine Ambiguität. Gerade diese Ambivalenz, die seinen Texten Tiefe und Unmittelbarkeit gibt, lädt dazu ein, nur die eine Seite zu sehen und die andere auszublenden. Der desillusionierte Vietnam-Veteran ist – trotz allem, was ihm sein Land angetan hat – Patriot geblieben. Deshalb passt der mit so viel Kraft und Stolz vorgetragene Refrain so gut zum bitteren Text. Und wer weiß, was der Ich-Erzähler damals in Vietnam nicht nur selbst erlitten hat, sondern andere hat erleiden lassen?

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, gut oder böse. So einladend und entlastend es ist, Menschen, Taten, Ereignisse zu katalogisieren, so sehr widerspricht es der Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität.

Ich denke, für viele Fans ist die Annäherung an diese Wahrheit ein lebenslanger Prozess. Die Songs von Springsteen begleiten sie „from cradle to grave“. Sie hörten sie als Kinder auf den Rückbänken der Autos ihrer Eltern. Später laufen seine Hits während sie, die eigenen Kinder im Font, selbst am Steuer sitzen. Der eine oder andere – denke ich – hat irgendwann in einem stillen Moment an der roten Ampel auf einmal angefangen so zuzuhören, wie es sich der Boss wünscht. Und ist um eine tiefe Erkenntnis reicher geworden.

So läuft das mit Einsichten. Sie lassen sich weder erzwingen noch verordnen. Sie sind immer ein Geschenk – für beide Seiten.

Einundzwanzig: Geister

Was wohl mein nepalesischer Rinpoche „sehen“ und schlussfolgern würde, käme er in die verwunschene Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel, in der ich ein Zimmer bewohne?

„Ist das duster hier!“, bekam ich von einer Freundin zu hören. „Was für eine gruselige Atmosphäre!“, meinte eine andere. Dabei bin ich von Kunst umgeben: riesige bemalte Leinwände im Flur, Siebdrucke im Badezimmer, Radierungen auf der Toilette. Alles schwarz und bedrohlich: Menschenfresser, Gefangene, Gefolterte. Auf dem Duschvorhang der Schattenriss einer Hexe, die – den spitzen Dolch erhoben – nur darauf wartet, zuzustechen. So auffällig wie das Anwesende ist das Abwesende. Alles hier scheint nur aus Leerstellen und Symbolik zu bestehen – begleitet von dröhnender Sprachlosigkeit.

Was ist das, was mich tagein, tagaus umgibt?

Als ich im Januar letzten Jahres, nach dem Vorstellungsgespräch für mein Untermietzimmer, das schöne Art-Deco-Treppenhaus hinunterlief, kam mir in den Sinn, dass nicht nur die Wohnung, sondern das ganze Haus und alle Bewohner darin, verzaubert sein müssen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: der nette Hausbesitzer erinnert mich mit seinem langen Bart und seiner gebeugten Erscheinung bei jeder Begegnung an Herrn Turtur, den Scheinriesen aus „Jim Knopf“. Ich bin jedesmal erstaunt, dass er nicht größer ist als ich, obwohl er die Statur eines mächtigen Mannes hat. Er wirkt als wäre er von Spinnenweben bedeckt. Seine Frau pflegt, den Kopf gesenkt, den Garten im Innenhof. Sie spricht nicht und nimmt nie Blickkontakt auf, selbst wenn sie gegrüßt wird. Im Haus herrscht seltsame Stille. Bei Begegnungen höre ich freundlich „Guten Tag“. Und doch kommt es mir vor, als würden alle in Luftblasen die Treppen hinauf und hinunter schweben.

Das Waldstraßenviertel ist das „jüdische Viertel“ der Stadt. Fast kein Haus, vor dem nicht glänzende „Stolpersteine“ an die ehemaligen Bewohner erinnern, die in Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald ermordet wurden. Ob es ihre Geister sind, mit denen ich zusammenlebe?

Für meinen nepalesischen Rinpoche ist es selbstverständlich, dass wir von schwachen unsichtbare Wesen, Geistern und Götter verschiedenster Klassen umgeben sind. Es ist seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen und übernatürliche Geschöpfe in Frieden koexistieren können. Regelmäßig wird er aus seinem quierligen Kathmandu in entlegene Bergdörfer gerufen, weil ein erzürnter Naturgeist oder eine nicht angemessen behandelte regionaler Gottheit den Bewohnern das Leben schwer macht. Dann ist er über Tage damit beschäftigt, herauszufinden, was die Ursache der Verwerfungen ist und die entsprechenden Riten zu vollziehen, um wieder alles ins Gleichgewicht zu bringen.

Die amerikanische Khandro hat uns im Januar erklärt, dass meist gekränkte Naturgeister für Unglück an bestimmten Orten verantwortlich sind. Wenn sie schlecht behandelt, oder ihnen die angemessenen Opfer dafür, dass man in ihren Grenzen lebt, verwehrt werden, wenden sie sich gegen die Menschen. Es kann der Geist eines Berges sein, der bebaut, der Geist eines Flusses, der begradigt oder zugeschüttet wurde. Sie sind zurecht verärgert über die schlechte Behandlung, die ihnen angetan wurde und lassen es die Verursacher und ihre Nachkommen spüren.

Das Waldstraßenviertel ist auf einem Sumpfgebiet errichtet worden. Einzelne Arme des Flüsschens ziehen sich, einbetoniert in Kanälen, entlang der kopfsteingepflasterten Straßen. Die Graureiher fischen des Nachts darin, sie haben gelernt, dass das Licht der Straßenlaternen die Fische an die Wasseroberfläche lockt. Vielleicht sind die Naturgeister weniger flexibel?

Erst fand ich diese Perspektive bizarr. Aber meine tiefenpsychologisch-systemischen Interpretationen wären es umgekehrt für meinen Rinpoche. Wenn ich mein Zimmer verlasse und durch die dustere Wohnung wandere – was ich nur ungern und so wenig als möglich tue – frage ich mich jedesmal: „Was „sehe“ ich wirklich? Wenn ich alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“, von „möglich“ und „unmöglich“ bei Seite lasse: Was ist es, womit ich seit einem Jahr zusammenlebe?

Es ist stark, merke ich jedesmal. Es ist bedrohlich. Es ist etwas, das wütend und gekränkt ist. Es sinnt auf Rache, kommt mir in den Sinn.

Während ich mir selbst beim Fühlen und Denken zusehe und -höre, schüttle ich den Kopf über mich. „Lass gut sein!“, ermahnt mich die Stimme der Vernunft.

Ich lasse es bleiben, es führt zu nichts. Dass mir die Khandro im Januar versichert hat, dass mich mein Vajra Armor-Mantra vor allen metaphysischen Bedrohungen schützt, beruhigt mich trotzdem. Solange ich es täglich praktiziere, hat sie mir erklärt, kann mir nichts passieren. Ich rezitiere es mehrmals am Tag. Mir geht es wie Nils Bohr mit dem umgedrehten Hufeisen. Es reicht mir, wenn mir gesagt wird, dass es hilft, selbst wenn ich nicht daran glaube…

Einundzwanzig: Streben

Meine Gedanken krabbeln in chaotischem Durcheinander. Verzweifelt kämpft jeder einzelne um meine Aufmerksamkeit.

„Schau mich an!“, schreit der eine. „Denk mich!“, der nächste. „Vergiss mich nicht!“, presst ein anderer hervor, während er – heftig um sich schlagend – versucht, an die Oberfläche zu gelangen.

Ich sitze wie betäubt auf meinem Kissen. Was für ein Chaos! „Warum“ – herrsche ich meine Gedanken an – „könnt ihr nicht einfach Ruhe geben? Ich meditiere, verdammt noch mal!“

Sie wimmeln unbeeindruckt weiter. Was interessiert sie mein Seelenfrieden?

Ich weiß genau, was sie gerne hätten. Sie wollen sich auf einer To-do-Liste wiederfinden. Jeder einzelne ruft: „Nimm mich als Punkt eins! Nur wenn Du umsetzt, was ich Dir rate, wird alles gut werden!“

Mein Leben gliedert sich in zwei Zeitrechnungen – wie „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“. Bei mir ist es „bevor ich anfing, zu meditieren“ und „nachdem ich anfing, zu meditieren.“

BCE nahm ich nicht stoisch jeden Morgen auf meinem Kissen Platz, sondern schrieb mit der gleichen Disziplin To-do-Listen. Es dauerte auch ungefähr genauso lange, bis ich meine Gedanken katalogisiert, strukturiert und gewichtet hatte. Den Tag über war ich damit beschäftigt, eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Wenn ich am Abend, bevor ich ins Bett fiel, den letzten Punkt abhaken konnte, war es ein „guter Tag“ gewesen.

Meist waren die Tage „schlecht“. Es lag nicht an meiner Planung: die war realistisch – unter der Voraussetzung, dass alles wie am Schnürchen klappen würde.

Dummerweise funktioniert das Leben selten „nach Plan“. Regelmäßig zerschellten alle Machbarkeitsphantasien an äußeren Widerständen.

Ein paar Wochen, nachdem ich angefangen hatte zu meditieren, hörte ich auf einmal meine innere Stimme. Die war schon immer da gewesen, wurde mir schockartig bewusst. Ich hatte sie nur noch nie wahrgenommen. Oder wohl besser: ich hatte sie nie wahrnehmen wollen! Nachvollziehbarer Weise: ihr Genöle war unerträglich. Es war mir höchst peinlich, als mir aufging, dass ich im Modus des Dauer-Jammerns vor mich hin lebte.

Leider sind Einsicht und Umsetzung zwei Paar Stiefel (zur Zeit habe ich es mit den Schuhen, ich weiß…)

Wie „Christi Geburt“ brachte meine persönliche Zeitenwende nicht das messianische Zeitalter, sondern einfach nur den gleiche Käse auf höherem Erkenntnisniveau.

Auch jetzt, nach Jahren auf meinem Kissen, falle ich immer noch regelmäßig darauf rein: ein Gedanke, der mir sagt, was ich wollen soll, damit ich glücklich bin, okkupiert meine Aufmerksamkeit. Ohne dass es mir bewusst ist, hat er mich in Geiselhaft genommen und zwingt mir einen Fokus auf, der nur noch auf die Erreichung eines bestimmten Ziels hin ausgerichtet ist. Ich entwickle Strategien, plane die nächsten Schritte – nur um damit konfrontiert zu werden, dass das Leben wieder mal nicht so will, wie ich es zu erzwingen versuche. Und – zack – leide ich. Aber wie! Ich kann ja so was von verzweifelt und hilflos sein! Was mir die böse böse Welt antut! Es macht mich fertig. Dabei wollte ich doch nur….

Wenn ich Glück habe, fällt irgendwann der Groschen. Ich erkenne, dass ich mich wieder einmal selbst in den Höllen-Modus katapultiert habe. Zähneknirschend kehre ich zurück auf „Start“.

„Freiheit“ – erklärte meine Zen-Lehrerin heute nach der Morgenmeditation im Tesho – bedeute nicht, die freie Wahl zu haben. „Wahrhaftig frei sind wir, wenn wir annehmen können, was immer uns das Leben in diesem Augenblick schenkt.“

Klingt einfach. Die Umsetzung ist das Problem.

Es empfiehlt sich, die Herausforderung mit Humor zu nehmen. Bert Brecht konnte das, finde ich. Zum Beispiel in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper:

Ja, renn‘ nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug
.

Wo er recht hat, hat er recht….

Zwanzig: Mitgefühl

„Welche Freude auch immer in der Welt ist, sie entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu machen. Welches Leiden auch immer in der Welt ist, es entsteht aus dem Wunsch sich selbst glücklich zu machen.“

Ich arbeite mich wieder einmal an Shantideva ab. „Bodhicaryavatara“, die „Anleitung zum Leben als Bodhisattva“, ist fast eineinhalb tausend Jahre alt. Die zeitliche Distanz ändert nichts an ihrer Schock-Wirkung. Radikaler – denke ich – geht es nicht.

Das Empfinden von Individualität und Getrenntheit ist Illusion. Um die absolute Verbundenheit mit allen Wesen zu erfahren, muss jede Form von Anhaftung – an den eigenen Körper, an Besitz, an Status, Liebe, Beziehungen – aufgegeben werden. Nur so kann das Leben als Boddhisattva gelingen. Wie das geht, beschreibt der Siddha in einer Drastik, die Luther vor Neid erblassen ließe. Und mit dem Charme einer Werbeagentur, die Rektruten für die Fremdenlegion sucht.

Es hilft nichts, nur so ist wahres Mitgefühl möglich:

„Deshalb gebe ich um der Linderung des eigenen Leidens willen und zur Linderung des Leidens der anderen diesen mein Ich, und ich nehme die anderen als mein Ich an.“

Es hat seinen Grund, warum ich mich gerade wieder mit Shantideva abmühe. Es fällt mir leicht, auf Distanz Mitgefühl mit Anderen zu haben: es berührt mich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die traurig, einsam und verzweifelt sind – solange es nichts mit mir zu tun hat und meine einzige Aufgabe darin besteht, mit ihnen mitzufühlen.

Aber sobald ich in dieses Leid involviert bin, tritt der Selbsterhalt an Stelle der Empathie. Wenn mir jemand vorzuschreiben versucht, wie ich zu leben, zu denken und zu fühlen habe, hört der Spaß auf! Der Andere wird zum absoluten Gegenüber. Die Idee, diesen tyrannischen Feind, der nicht weniger als die Vernichtung meines „Ich“ anstrebt, als integralen Teil von mir anzusehen, löst nur Wut in mir aus. Nichts sonst.

Und umgekehrt lösen meine Versuche, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben, im Gegenüber diese rasende Wut aus – die mir in diesen Momenten aber völlig unverständlich ist! Ich erlebe mich in diesen Situationen nicht als tyrannisch – ich tue, was vernünftig ist.

„Haha!“ Würde Shantideva – von dem ich mir immer denke, er müsse ein Mensch mit Humor gewesen sein – rufen. „Erwischt!“

Immer wenn wir antreten, das eigene Glück zu verteiden – weil wir sonst sterben, unglücklich sind, es uns zusteht, es nur so richtig ist – bringen wir Leid über uns und andere.

Und umgekehrt ist es genauso: sobald wir mit einem Gegenüber konfrontiert sind, das glaubt, sein eigenes Glück gegen uns verteidigen zu müssen, leiden wir – und der Andere.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem Leben zum Boddhisattva werde. Dafür bin ich viel zu egozentrisch.

Realistischerweise bleibt mir nur, was mein Zen-Lehrer vorschlägt: mich nicht so wichtig zu nehmen. Und im Alltag nicht immer in die Opfer-Rolle zu rutschen, wenn wieder mal ein Gegenüber denkt, sein persönliches Glück durchdrücken zu müssen. Hey, es hat nichts mit mir zu tun!

Ab und an schaffe ich es dann sogar, aus meinen Schuhen zu schlüpfen, in die des Anderen zu steigen und ein paar Schritte darin zu laufen. Und – ganz kurz – Mitgefühl zu empfinden für jemanden, den ich am liebsten erschießen würde.

Jedesmal begleitet von der verblüffenden Erkenntnis, wie sehr mich genau diese Haltung entspannt. Dummerweise hält sie nie lange an…

Neunzehn: Identität

Ich träume von Schuhen. Jede Nacht. In allen Variationen. Ich trage zwei verschiedene, ich trage falsche, zu kleine, zu große… Oder ich stehe vor Schuhgeschäften im Wissen, ich müsste mir welche aussuchen, aber kein Paar in der Auslage spricht mich an.

Schuhträume sind Identitätsträume. „Wer bin ich?“, will die Seele wissen, wenn das Unbewusste sich mit der – nur scheinbar banalen – Frage nach der richtigen Fußbekleidung beschäftigt.

„I am Nobody. Who are you? Are you – Nobody – too?“

Mit „Nobody“ als Selbstbeschreibung scheint mein Unbewusstes nichts anfangen zu können – auch wenn ich mich mit diesen Zeilen aus einem Gedicht von Emily Dickinson auf Facebook vorstelle.

Identität ist lediglich ein Konzept, heißt es im Zen. Verzichten können wir leider nicht darauf. „Wer ohne Ego ist, ist nicht erleuchtet, sondern psychisch krank“, sagt mein Zen-Lehrer dazu. Es ginge nicht darum, „Ego-los“ zu werden, das wäre auch nur wieder Konzept. Eigene wie fremde Zuschreibungen nicht allzu ernst zu nehmen, sei die einzig vernünftige Lösung.

Die schwarze Göttin der Friedhöfe tanzt und tanzt in meinem Unterleib. Ich „sehe“ Krodhi Kali jede Nacht im Schlaf. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen, die alle Negativität und Bösartigkeit zerschmettern.

Ich hatte meine Füße in Schuhe gezwängt, die mir zu eng waren. Mich zu Konzepten verurteilt, die mich klein gehalten haben. Nur selten kann die Negativität und Bösartigkeit, die uns Andere entgegen bringen, mit der konkurrieren, die wir für uns selbst bereit halten.

Die Herrin über Leben und Tod räumt auf. Sie macht selbst vor meinem Schuhregal nicht halt. Ich versuche, es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Achtzehn: Namaste

Ich zähle nicht mit, während ich auf ein „Bestätigen“ nach dem anderen tippe. Es ist Donnerstagabend und damit Zeit für mein wöchentliches Facebook-Ritual: ich nehme alle Freundschaftsanfragen an. Auch die von Männern, deren Fotos mich zurückzucken lassen.

Haben die keine Frau, Freundin, Schwester, Tochter – what´s ever – die ihnen sagt, dass dieses Profilbild indiskutabel ist? Und ihnen, wenn sie auch in Natura so unglücklich aussehen, zeigt, wie Photoshop funktioniert?

Die wenigen Frauen, die mit mir befreundet sein wollen, wirken dafür umso hochglanzpolierter. Es gibt auch zu viel Photoshop, denke ich, während ich einer jungen Vietnamesin die Ehre meiner Freundschaft gewähre.

Den ganzen Abend und den nächsten Tag über erklingt in regelmäßigen Abständen „ping“: Wieder eine Nachricht auf Messenger, meldet mein Handy. Drei besonders verwegene neue „Freunde“ versuchen, mich via Videoanruf zu erreichen. Jungs, das hier ist Facebook, nicht Tinder!

Freitagabend ziehe ich vor dem Schlafengehen Bilanz: vierundvierzig neue Chats. Und nicht nur das übliche „Hi“! Lesen sie in Indien meinen Blog? Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen: eine Frau, dreiundvierzig Männer. Was gegen die These spricht, dass es in Indien üblich ist, sich für das Annehmen der eigenen Freundschaftsanfrage zu bedanken.

Die einzige Frau im Chatverlauf ist Amerikanerin. Sie nimmt Bezug auf das Gedicht von Emily Dickinson, mit dem ich mich in meinem Facebook-Profil vorstelle. Das ist eine Antwort wert, beschließe ich, und formuliere einen dürren Satz, der nicht zu weiterer Konversation einlädt. Mein erstes Jahr als Single hat mich gelehrt, dass auch Frauen eindeutig zweideutige Absichten verfolgen können.

Danach gehe ich die Männer durch: einer ohne Profilbild erklärt mir, er wäre „empty space“. Ohne Anrede. Ich glaube es ihm sofort.

Außerdem sechs „Hello“, ein „Hallo“, drei „Hi“, einmal „Hru“ (?), einmal „o“ (?), dazu noch „Hii“, „Hoi“, „Hoy“, „Hola“ und „Hey“. Ein paar haben sich ein bisschen mehr Mühe gegeben und dem obligatorischen „Hi“ meinen Vornamen angefügt. Des weiteren zwei Mal „Namaste“, einer schickt ein kritisch guckendes Smiley und drei je einen hochgereckten Daumen. Die Frankreich-Fraktion schreibt, wie immer, „Bonjour“. Der einzige Italiener in der Runde schafft einen kompletten – netten – Satz: „Bounasera Katharina come stai spero tutto bene.“ Dafür kriegt er ein „Grazie“

Einer schreibt „Hey Baby“, ein anderer garniert sein „Good morning, babe“ mit einer tanzenden Hindu-Göttin. Etwas irritiert bin ich von „Yes Mam!“ und von „Nmha Sivay Mom“.

Dark Rock hat mir einen Sticker geschickt, ein hüpfendes rosa Blümchen in Herzchenform, dazu „Greetings from the dark side of the moon.“

Einer aus Bombay und einer aus Kairo bedanken sich formell: „Thanks for accepting my friends request.“

So weit, so gut.

Ich lösche die Chats – an Konversationen mit „Freunden“ bin ich nicht interessiert – und schaue, was die Neuerwerbungen posten. Fazit: alles völlig harmlos. Familienfotos, Gartenbilder, der üblichen Kitsch auf asiatisch: in Herzchenform drapierte Elefantenköpfe, schrill-bunte Hindu-Göttinnen, Sonnenuntergänge an Palmenstränden. Erstaunlich viele Bilder von Haustempeln mit appetitlich dekorierten Opfergaben. Die automatischen Übersetzungen aus dem Sanskrit sind noch mal wilder als die aus dem Polnischen. Und ich kriege jetzt Reels von ekstatisch zu Discomusik tanzenden jungen Indern mit Turban.

Maria würde sagen „Nice!“.

Siebzehn: Goldene Eier

„Sie kriegen heute was umsonst!“ Als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, nickt die Verkäuferin hinter dem Tresen der Bäckerei bestimmt. „Sie haben“, sie wirft einen Blick auf den Display ihrer elektronischen Kasse, „zwanzig halbe Roggenbrote gekauft.“ Das hat ihr wohl meine Kundenkarte verraten, die ich brav bei jedem Einkauf vorlege. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir eine zuzulegen, obwohl die Bäckereikette offensiv dafür wirbt. Eine besonders mütterliche Verkäuferin hatte im Winter darauf bestanden: bei dieser Inflation freue man sich doch über jeden Cent, den man sparen könne!

Ich bekomme mein halbes Brot seitdem um fünf Cent billiger und habe mir in drei Monaten einen satten Euro gespart! Dass ich jeden 21. Einkauf gratis bekomme, war mir nicht bewusst.

Ich bedanke mich und will mein halbes Brot einpacken. „Aber nein!“, ruft die Verkäuferin. „Sie können doch nicht nur ein halbes Brot nehmen, wenn sie einen Einkauf umsonst kriegen!“ Ich sehe sie hilflos an. Ich kaufe hier nie etwas anderes als ein halbes Roggenbrot. „Nehmen sie doch zumindest noch das andere halbe!“, beharrt mein Gegenüber.

„Ich bin Single. So viel esse ich nicht.“ Wie kommt es, dass ich hier meinen Beziehungstatus diskutiere? Die Verkäuferin ist unerschütterlich. „Sie können die andere Hälfte einfrieren!“

„Ich habe kein Tiefkühlfach.“ Sie scheint mich nicht gehört zu haben. „Doch!“, beharrt sie, „Das geht gut. Wenn es aufgetaut ist, schmeckt es wie frisch.“

Die Verkäuferin wirft mir einen flehenden Blick zu. Ich bin konfus. Warum lässt sie mich nicht einfach mit meinem halben Gratis-Brot von dannen ziehen? Sie ist es wohl gewohnt, ihre Backwaren gegen fordernde Kunden verteidigen zu müssen, die in ihrem inflationsgetriebenen Sparwillen austesten, wo die Grenzen des Kundenkarten-Bonus liegen. Jemand wie ich scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein.

„Ich wohne zur Untermiete und habe noch nicht mal einen richtigen Kühlschrank,“ fühle ich mich bemüsigt ihr zu erklären. „Nur einen Campingkühlschrank!“ Innerlich schüttle ich den Kopf. Ich wollte einfach nur ein halbes Brot kaufen! Statt dessen gebe ich nach meinem Beziehungstatus jetzt auch noch meine Wohnsituation preis.

Die Verkäuferin mustert mich verblüfft. Ich scheine nicht den Eindruck einer Frau zu machen, die knapp oberhalb der Obdachlosigkeit lebt. „So lasse ich sie nicht gehen!“, sagt sie bestimmt. „Irgendwas müssen sie noch mitnehmen!“ Sie ist jung und schön, das ist mir schon beim Betreten des Ladens aufgefallen. Und sie hat umwerfende grüne Augen. Das merke ich erst jetzt. Aus denen wirft sie mir einen flehenden Blick zu. „Sie machen mich sonst unglücklich!“

Das will ich auf keinen Fall! Verzweifelt inspiziere ich die Auslage. „Dann geben sir mir doch noch ein Stück Kuchen.“ Ich deute aus einem Impuls heraus auf den Zupfkuchen, der so schön gelb und braun vor mir leuchtet. Die Verkäuferin nickt erleichtert und packt – zu meinem Entsetzen – nicht ein, sondern gleich zwei Stücke ein. Ich stopfe Brot und Kuchen in meinen Rucksack, bedanke mich herzlich und eile mit einem Seufzer der Erleichterung hinaus.

Auf dem Gehsteig rufe ich Maria an. Sie wohnt gleich hinter der Bäckerei. Ob ich ihr zwei Stück Zupfkuchen vorbei bringen dürfe? Sie wäre „realy sorry“, teilt sie mir mit, „but no.“ Ich hatte es schon befürchtet.

Ich bin der Schrecken aller Gastgeber: ich esse kein Fleisch, meide Gluten und Zucker. Das letzte, wofür ich mich begeistern kann, ist Kuchen. Wegwerfen will ich den Zupfkuchen der schönen Verkäuferin aber auch nicht. Während ich auf dem Rückweg ins Untermietzimmer vor mich hin grüble, kommt mir eine abgerissene Gestalt entgegen. Ein großer hagerer Mann, der sich mit der rechten Hand bei jedem Schritt auf einer Krücke abstützt, sein fandenscheiniger Mantel flattert um die langen Beine. Als ich auf gleicher Höhe mit ihm bin, spricht er mich an und hält mir seine Hand hin.

„Ich habe was für sie!“, erkläre ich ihm entschieden, lasse den Rucksack von meiner Schulter gleiten, hole das Päckchen der grünäugigen Verkäuferin heraus und drücke es ihm in die Hand. „Da! Zwei Stück Zupfkuchen!“

„Ich war nur der Bote!“, denke ich mir im Weiterlaufen, während ich den verblüfften Blick des Mannes im Rücken spüre. „Der Kuchen war garnicht für mich. Der war von Anfang an für den da.“

Sechzehn: „Stop Thinking!“

Wenn ich erzähle, dass ich gerade die Autobiographie von Andre Agassi lese, kommt jedes Mal wie aus der Pistole geschossen: „Der hat Steffi Graf geheiratet!“

Ob das auch der erste Gedanke ist, der Amerikanern in den Sinn kommt, wenn sie „Andre Agassi“ hören?

Ich interessiere mich nicht für Tennis. Meine kurze Tennis-Karriere endete mit der Trennung meiner Eltern. Der Auszug meines Vaters erlöste mich von der Pflicht, meinen Status als gehobenes Mittelschichtskind auf dem roten Sandplatz des örtlichen Tennisvereins verteidigen zu müssen. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung: nichts hatte mich mehr angeödet, als in Bruthitze kleine Filzbälle über viel zu hohe Netze schlagen zu müssen. Ich war klein und zierlich, außerdem fehlte mir jeder Killerinstinkt. Wenn der Ball ins Aus ging, gut, dann war er im Aus. Kein Grund, sich deswegen einen Kopf zu machen.

Meinen Vater machte es rasend. Was ich nicht verstand: wenn ich außerhalb des Court Initiative und Eigenwille an den Tag legte, ließen seine Wutanfälle die Wände unseres gepflegten Einfamilienhauses zittern. Es dauerte Jahre, bis mir klar wurde, dass ich meine Tennis-Qualen Steffi Graf zu verdanken hatte. Es war en vouge, eine sportliche Tochter zu haben, da wollte mein Vater nicht nachstehen. Dass Steffi jenseits des Turnierplatzes still, bescheiden, blond und hübsch war, machte das Ziel sicher noch erstrebenswerter.

Diese längst vergessene Episode meiner Kindheit kommt mir wieder in den Sinn, während ich Agassis Buch lese. Es wurde von dem selben Ghostwriter geschrieben, der auch die aktuelle Autobiographie von Prinz Harry verfasste, hatte ich in meiner Tageszeitung gelesen. Und dass dieser Ghostwriter – ein bekannter Journalist – spezialisiert wäre auf Lebensläufe von Männern, die alle dem selben archetypischen Muster folgen würden: sie wären von starken Frauen befreit worden.

Das finde ich interessant. Ich schreibe schließlich Geschichten. Wie alle Autoren kenne ich den Mythos der „Heldenreise“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell. Unzählige Disney-Movies und Hollywood-Blockbuster sind nach diesem Urmuster gestrickt, dass Campbell – in Anlehnung an C.G. Jung – als Archetypus definierte, der die Menschheit seit den Anfängen der Kultur begleitet. Der männliche Held muss die Heimat verlassen, eine harte Initiation durchstehen, sich – unterstützt von Weisen und Magiern – inneren wie äußeren Schatten und Verführungen stellen, um schließlich siegreich und gereift nach Hause zurück zu kehren.

Nirgends steht, dass der Held von einer starken Frau befreit werden muss.

Prince Harry interessiert mich nicht. Mit Agassi kann ich was anfangen – er hat Steffi Graf geheiratet. Also lese ich „Open“, erschienen 2010.

Zusammenfassung: ein intelligenter sensibler Junge wird von seinem narzisstischen Vater mit extremer Brutalität vom Kleinkindalter an auf eine Tenniskarriere vorbereitet, landet mit dreizehn Jahren in einem sadistischen Tennis-Bootcamp, bricht mit fünfzehn die Schule ab und wird Profi, unterhält und verstört die Welt mit pubertärem Rebellentum, erlebt Höhenflüge und Abstürze, findet irgendwann einen guten Ersatzvater, entdeckt, dass sein Lebenssinn darin liegt, anderen zu helfen und erobert – nach Jahren des erfolglosen Werbens – seine Steffi.

Es ist die klassische Heldenreise! Inklusive Magie – sein zweiter Trainer ist hellsichtig, immer wieder geschieht etwas in Andres Leben, das man auch unter „Wunder“ laufen lassen könnte.

Das Spezielle ist wohl, dass ihm die Prinzessin – die er über Jahre liebt und die ihm eisern die kalte Schulter zeigt und erst bereit ist, sich erobern zu lassen, als er seinen Lebenssinn gefunden hat – überlegen ist.

Agassi kann acht Grand-Slam-Titel vorweisen, Steffi zweiundzwanzig. Agassi war 101 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste, Steffi 377 Wochen. Bezeichnend eine Szene während ihres zweiten Dates: Sie erzählt ihm, dass sie mit dem Deutschen Leichtathletik-Kader 800-Meter-Läufe trainiert. Was ihre Bestzeit wäre, fragt Agassi. Das will sie ihm nicht sagen. Statt dessen schlägt sie ihm ein Wettrennen vor – das er prompt verliert. Es stört ihn nicht. Genauso wenig, wie es ihn erschüttert, dass sie ihn bei Trainingseinheiten auf dem Tennisplatz regelmäßig düpiert. Im Gegenteil: er ist stolz auf sie!

Was ihn am meisten an ihr beeindruckt, ist – neben ihrer persönlichen Integrität (und ihren Beinen) – ihre Fähigkeit, sich nicht von Rückschlägen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Stoisch zieht sie ihr Ding durch, egal was passiert. Das kann er nicht, es ist seine Achillessehne: regelmäßig erleidet er Niederlagen in Spielen, die er hätte gewinnen können, weil er sich von Punktverlusten den Schneid abkaufen lässt. Seitenlang geht es in dem Buch darum, wie sein Trainer und er versuchen, gedankliche Losungen zu finden, die ihn wieder auf die richtige Spur bringen. Meist vergebens.

Als er mit Steffi darüber spricht, meint sie trocken: „Stop thinking! Feeling is the thing. FEELING!“ Das hat ihm vor ihr noch keiner gesagt. Er dachte immer, es gehe darum, die falschen destruktiven Gedanken auszumerzen und durch die richtigen zu ersetzen. Das findet Steffi albern. Es führe ins Nichts. Es gehe darum zu akzeptieren, dass er fühlt, was er fühlt. Er ist schwer beeindruckt. Und beschließt, zu seinen Emotionen zu stehen.

Der kluge Andre Agassi hat eine Zen-Lehrerin geheiratet. Sie scheinen immer noch glücklich miteinander zu sein…

Fünfzehn: Öffnen

Im Clara-Park flattert etwas Grünes an einem Baum. Es ist ein gefalteter Notizzettel, sehe ich im Näherkommen. „Öffne mich!“ lese ich. Das finde ich witzig. Ich klappe das Papier auf: „Folge dem Licht Deines Herzens“, wird mir mitgeteilt. Aha.

Während ich meinen Wolf beobachte, der konzentriert schnuppernd unsichtbaren Fährten auf dem Rasen nachspürt, denke ich über die beiden Botschaften nach. Ob dem unbekannten Schreiber bewusst war, dass er mit den Forderungen „sich zu öffnen“ und gleichzeitig „dem Licht seines Herzens zu folgen“ Widersprüchliches verlangt?

Ich lasse den grünen Zettel hinter mir, trete wieder auf den Weg und wandere weiter durch den Park. Um mich Pärchen, Eltern mit Kindern. Auf den Grünflächen lagern Grüppchen von Menschen, die – plaudernd, musizierend, mit einander spielend – einen der ersten warmen Frühlingstage genießen.

Ich bin allein unterwegs, begleitet nur von meinem Schattentier. Ich „folge dem Licht meines Herzens“, auch wenn ich es nicht so dramatisch ausdrücken würde. Mich „zu öffnen“ – fürchte ich – würde dem im Wege stehen.

Seit letztem Sommer bin ich auf Facebook. Mit Widerwillen, aber es war unvermeidlich. Seit ich „dem Licht meines Herzens folge“, bewege ich mich in Subkulturen, die vorzugsweise dort ihre Infos posten. Die Gothic-Scene lädt zu schrägen Festen ein, die Barock-Community zu Bällen in die hintersten Ecken der Republik und die weltweit vernetzten Tantra-Leute sind ebenfalls in Scharen dort unterwegs. Ich erstellte ein möglichst nichtssagendes Profil, lud zwei Photos hoch und harrte der Dinge, die da kommen würden. Zu meinem Erstaunen wurde ich augenblicklich überrannt mit „Freundschaftsanfragen“. Fast ausschließlich von Männern.

„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. Wie übersetze ich das in Social Networking? Ich beschloss, alle Anfragen anzunehmen – „wer kommt, ist willkommen“ – egal wie schräg die Photos aussehen – und abzuwarten, was passiert.

Erkenntnis Nummer eins: der globale Durchschnittsmann eröffnet eine Konversation via Messenger üblicherweise mit „Hi“ – und sonst nichts. Es gibt nationale Besonderheiten, Franzosen z.B. schreiben stur „Bonjour“. Entweder sie sind des Englischen nicht mächtig oder darüber erhaben, ich weiß es nicht. Nepalesen und Inder bevorzugen das formellere „Hello“. Männer aus dem arabischen Sprachraum tendieren zu ungebetenen Komplimenten wie „You are so beauteful“ oder „You are amazing“. Ungeschickter geht es nicht. Das war es dann aber auch schon an kulturellen Akzentuierungen.

Jede Initiativnachricht via Messenger, die impliziert, ich müsse emotional in Vorleistung gehen – beschloss ich – läuft unter „wer geht, wird nicht aufgehalten“. Der Chat-Verlauf wird umstandslos gelöscht, die betreffenden Herren fliegen wieder aus der Freundschaftsliste. Ich handhabe meinen Facebook-Account inzwischen möglichst ökonomisch: einmal in der Woche nehme ich alle Freundschaftsanfragen an, am nächsten Tag bin ich einen Abend lang damit beschäftigt, alle „Hi“-Kontakte zu löschen und im Laufe der nächsten Tage auch noch alle, die nicht persönlich mit mir in Kontakt getreten sind, aber Indiskutables posten. Meine Taktik, Zen auf Facebook zu praktizieren, ist extrem zeitaufwendig, des Öfteren frustrierend – und ob es wirklich meiner Erleuchtung dient, steht in den Sternen.

Aber, Erkenntnis Nummer Zwei: die schönsten und überraschensten Posts verdanke ich Herren, deren Freundschaftsanfragen ich sicher nie angenommen hätte, würde ich selektieren. Dem in Norwegen lebenden Ägypter, der sich nur für Sex und Kiffen zu interessieren scheint, aber phantastische Fotos postet. Zwischendurch schüttle ich über seine Sprüche den Kopf, aber er ist einer von wenigen, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt und richtig witzig sein kann.

Oder der kleine runde Pole mit der Barock-Perücke aus Danzig: er wohnt original 18. Jahrhundert, liebt – neben seiner Frau – Desserts in allen Variationen und hat zwischendurch Kluges über die Welt und das Leben zu sagen, auch wenn der automatische Übersetzer oft die schrägsten Texte aus dem polnischen Original fabriziert. Ich kenne ihn nicht, aber alle Zeichen lassen sich nur so deuten, dass er ein ausgesprochen liebenswerter und gutherziger Mensch ist. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sind seine banalen Alltagsposts immer ein Trost für mich. Er kriegt ganz viele Likes von mir und hat mir umgekehrt – auf Englisch – zum Geburstag gratuliert.

Es ist immer eine Gratwanderung zwischen „dem eigenen Licht zu folgen“ und „sich zu öffnen“. Wann wird aus „Innerer Führung“ sturer Eigenwille? Und umgekehrt: Ab welchem Punkt sind Einflüsse von Außen keine Bereicherung mehr, sondern nur noch Ablenkung? Eine schlüssige Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden. Ich laviere, etwas besseres fällt mir nicht ein…

Vierzehn: Orichiw

Die Kaffeetasse in der Hand lese ich meine Tageszeitung. An einer Landkarte, die unter einem Artikel über den Ukraine-Krieg abgedruckt ist, bleibt mein Blick hängen. Automatisch suche ich nach Saporischschja, Marias Heimatstadt. Seit wir befreundet sind, steht und fällt nicht nur ihre, sondern auch meine Stimmung mit dem Schicksal der fernen Metropole am Dnipro. Wenn dort wieder einmal ein Wohnblock von Bomben oder Raketen getroffen wird, sind wir beide über Tage bedrückt. Maria, weil sie von Angst um ihre Familie und Schuldgefühlen gequält wird, und ich – so denke ich – aus Solidarität.

Meine Augen wandern vom schwarzen Punkt mit der Aufschrift „Saporischschja“ ein kleines Stück nach unten – und bleiben bei Orichiw“ hängen.

Auf einmal glaube ich die Stimme meines verstorbenen Großvaters zu hören. Es ist, als würde er aus dem, kurz vor seinem Tod verfassten, Lebenslauf zitieren: „10.10.1943: ca. 6 km ostwärts Orechov (bei Saporroschje-Dnjepopetroysk) durch Granatwerfer am Kopf verwundet“

Die kleine Landkarte in meiner Tageszeitung zeigt den aktuellen Frontverlauf im Süden der Ukraine – und die Befestigungsanlagen der russischen Besatzer. „6 km ostwärts Orechov“ hatte mein Großvater geschrieben. Von Saporischschja in die Kleinstadt Orichiw (russisch „Orechov“) sind es siebenundfünfzig Kilometer, informiert mich Wikipedia. Ich schätze die Distanzen auf der Karte ab: sechs Kilometer – denke ich mir – zwischen dem kleinen schwarzen Punkt auf der Karte neben dem Ortsnamen „Orichiw“ und dem dicken roten Streifen, der östlich davon die russischen Panzersperren und -Gräben symbolisiert, sind realistisch.

In sechs Monaten wird es achzig Jahre her sein, dass mein Großvater genau an diesem Ort während einer Panzerschlacht schwer verwundet wurde. Mehr als 2200 Kilometer östlich seiner bayerischen Heimat, irgendwo in den unendlichen Weiten der damaligen Sowjetunion.

Das Schicksal und die Weltpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts hatten ihn mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren aus seinem vorbestimmten Dasein als katholischen Gemeindepfarrer heraus- und in die Brutalität eines völkerrechtswidrigen Krieges hineinkatapultiert.

Ohne den Krieg gäbe es mich nicht: mein Großvater verlor an der Ostfront nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen Glauben. Als er – an Körper und Seele schwer gezeichnet – wieder in seine bayerische Voralpenidylle zurückkehrte, war nichts mehr für ihn, wie es vorher gewesen war. Er schloss sein Theologiestudium nie ab. Statt dessen wurde er Beamter und gründete eine Familie. Erzkonservativ blieb er. Als mein Vater – mit ebenfalls vierundzwanzig Jahren – unbedachterweise ein Kind zeugte, bestand mein Großvater darauf, dass er die schwangere Freundin zu heiraten hätte. Zum Ausgleich bot er an, das Kind bei sich aufzunehmen. Ich wuchs während der ersten vier Lebensjahre bei meinen Großeltern auf. Sie lehrten mich Beten. Obwohl er den seinen verloren hatte, war es für meinen Großvater unvorstellbar, ein Kind ohne Glauben aufwachsen zu lassen.

Acht Jahrzehnte später wird ein anderer völkerrechtswidriger Krieg Millionen von ukrainischen Frauen und Kinder zur Flucht zwingen. Eine davon ist Maria, der ich auf seltsame Weise in einem Park in Leipzig begegnen bin. Ihre Familie lebt seit mehreren Generationen in Saporischschja. Sie kennt Orichiw gut, hat sie mir erzählt. Es wäre eine nette Kleinstadt direkt an der Kinska, einem Nebenfluss des Dnipro.

Ohne den Krieg gäbe es mich so wenig, wie die Freundschaft zwischen Maria und mir.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien,“ schrieb Heraklit vor 2.500 Jahren.

Eine zeitlose Wahrheit, so bitter sie auch ist.

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