Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 11 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Tarot-Unterricht

Maria möchte lernen, sich selbst die Tarot-Karten zu legen und übt fleißig mit mir…

Wir sitzen in Marias Küche – zum allerersten Mal!

Bis letzte Woche gab es in der kleinen Dachwohnung nur ein Sofa – auf dem sie nachts schläft – und ein wakeliges Sideboard. Beides hat der Vormieter zurückgelassen. Maria ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Leipzig gekommen. Mehr als einen Koffer voller Kleidung konnte sie nicht mitnehmen, als sie vor den russischen Bomben aus der Ukraine floh.

Nach ihrem Ausflug zu Ikea kann sie immerhin einen Küchentisch und zwei Stühle ihr Eigen nennen. Sie ist glücklich: die winzige Wohnung fühlt sich auf einmal fast wie ein Zuhause an.

Damit es auch wirklich Stil hat, platziert Maria noch eine brennende Kerze auf dem neuen Küchentisch und faltet sorgfältig die Servietten, bevor sie mir ihre vortrefflichen vegetarischen Buchweizenpfannkuchen serviert.

Dazu habe ich die Wahl zwischen lauwarmem Weißwein – halbtrocken – oder kaltem Radler aus der Dose. Da fällt die Wahl nicht schwer, ich nehme das Radler. Das passt eh besser zu den Pfannkuchen, erklärt mir Maria. Aus gegebenem Anlass kippt sie das Dosenradler in zwei Weingläser. Wir prosten einander zu und essen – während durch das offene Fenster der Duft des Frühlings hereinstreicht – ukrainische Pfannkuchen und unterhalten uns auf Englisch über Gott und die Welt.

Danach drehen wir uns jede noch eine Zigarette und bewundern – rauchend am Fenster stehend – die Aussicht auf den von der Abendsonne beschienenen Hinterhof.

Als wir wieder am Tisch sitzen, dreht Maria den russischen Hipp Hopp leiser. Zum Dessert gibt es Nachos – und dazu Unterricht in Kartenlegen.

Maria war von Anfang an begeistert von den Tarot-Karten. Sie mochte auch meine schrägen Geschichten – da war sie erstaunlich schmerzfrei, obwohl ich schon zu Beginn unserer Freundschaft sehr offen ihr gegenüber war, viel offener, als ich das für gewöhnlich bin – aber die Karten waren attraktiver. Sie sind ja auch nützlich, vor allem in einer so fragilen Lebenssituation wie der ihren. Keiner kann ihr sagen, was in eine Woche, einem Monat oder einem Jahr mit ihr sein wird – außer Tarot.

Links Karten aus dem Crowley-Tarot, rechts jeweils die gleichen aus dem Raider-Waite.

Sie will deshalb nicht nur ständig Tarot gelegt bekommen – sie will selbst lernen, wie es funktioniert. Ich habe ihr zu Unterrichtszwecken ein Set des „Raider-Waite-Smith-Tarot“ gekauft und lege ihr damit auch immer die Karten. Ich selbst bevorzuge das „Crowley-Thoth-Tarot“, aber das ist schwerer zu deuten, als das „Raider-Waite“, dessen Bildsprache auch für Laien einfach zu entschlüsseln ist. Während die Künstlerin Frieda Harris für die einzelnen Karten im „Crowley-Deck“ lediglich Symbole wählte, nutzte etwa zeitgleich Pamela Smith für das „Raider-Waite“ konkrete Darstellungen mit Figuren, die die Bedeutung der einzelnen Karten beschreiben. Dadurch sind die Motive auch Menschen zugänglich, die von Tarot keine Ahnung haben.

Es gibt hunderte verschiedener Tarot-Decks, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren: jedes Set besteht aus 78 Karten.Von diesen sind 22 Karten „große Arkana“ oder „Trümpfe“, die bei der Deutung stärker gewichtet werden, als die „kleinen Arkana“. Diese entsprechen unseren gängigen Spielkarten. Statt der gängigen vier „Farben“ wie im Skat gibt es vier Symbolklassen, die jeweils den Elementen zugeordnet sind: Schwerter stehen für „Luft“ und damit für die geistige Ebene und beschreiben Denkvorgänge (im Bild ganz oben). Stäbe stehen für „Feuer“ und beschreiben vitale Prozesse auf der Ebene der Lebensenergie (Bild, zweite Reihe). Kelche stehen für „Wasser“ und beziehen sich auf die emotionale Ebene des Erlebens (Bild, dritte Reihe). Münzen stehen für „Erde“ und beschreiben die materielle und körperliche Ebene der Erfahrung (unterste Reihe).

Oben die Legung mit fünf, unten mit sieben Karten. Einen guten Überblick über Legesysteme bietet Banzhaf, Hajo: „Gut beraten mit Tarot.“ für das Raider-Waite.

Maria mischt und legt unter meinem wachsamen Blick aus. Sie beherrscht inzwischen zwei verschiedene Legungen: eine Variante mit fünf, und eine mit sieben Karten.

Grundsätzlich gilt: je mehr Karten, desto differenzierter wird die Legung – und desto anspruchsvoller die Interpretation. Maria entscheidet sich für die „Siebener-Legung“. Die hat gegenüber der Variante mit den fünf Karten den Vorteil, dass es im System eine Karte für das „Außen“ gibt, sowie eine weitere, die eine konkrete Handlungsanweisung erteilt. Deshalb ist die Fragestellung, mit der zur Siebener-Legung gemischt wird immer: „Was ist in Bezug auf X zu tun?“, während zur Fünfer-Legung gefragt wird „Wie steht es um X?“

Nachdem Maria die obersten sieben Karten des Stapels fächerförmig mit der Bildseite nach unten ausgelegt hat, dreht sie – von links nach rechts – eine nach der anderen um und benennt dabei die einzelnen Positionen. „Daher kommt es,“ für die erste. „So ist es aktuell,“ für die zweite. „Das wird kommen,“ für die dritte. Die wichtigste Karte dieses Legesystems ist die vierte. Maria dreht sie konzentriert um und murmelt dazu „This is what I have to do.“

Die fünfte Karte zeigt das „Außen“ in Bezug auf die Fragestellung an. Fragt man nach einer bestimmten Person, ist sie es, die auf dieser Position beschrieben wird. Fragt man nach Situationen oder Institutionen, beschreibt diese Karte die Stimmung im Außen.

Interessant ist die Differenz zwischen den Karten sechs und sieben: während die sechste Karte des Systems anzeigt, wie der Fragende selbst die Situation einschätzt, zeigt die siebte Karte, wie sie – nach Ansicht von Tarot – wirklich ist. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen den beiden Karten lässt sich viel herauslesen.

Maria lässt ihren Blick kritisch über die Karten wandern. Dann fällt ihr ein, dass noch etwas fehlt: Die Quintessenz! Das ist die Quersumme des Gesamtwerts aller in der Legung befindlichen Karten. Die sind – bis auf die Personenkarten (Bube, Ritter, Königin und König) – durchnummeriert. Maria zählt zusammen – im Raider-Waite sind alle Kartenwerte, auch die auf den kleinen Arkana, in römischen Ziffern abgebildet – und nennt die Zahl. Sie ist höher als zweiundzwanzig, deshalb muss sie noch einmal die Quersumme bilden. Sie rechnet und kommt auf die Quintessenz „VIIII“ – „Der Eremit“. Die Kernbotschaft dieser Karte der großen Arkana (es gibt zweiundzwanzig davon im Deck, deshalb darf die Quersumme nicht höher sein) gibt jetzt die Interpretation der Kartenlegung vor. Die Quersumme als Leitprinzip für die Deutung einer Legung zu nutzen ist kein „muss“ – viele machen es nicht – aber ich finde, sie hat sich bewährt.

Die Kernbotschaft der Legung ist also: Rückzug; den Fokus auf die eigenen inneren Prozesse richten und erst einmal abwarten.

Dann ist Maria aufgefordert, die Legung zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Karten in Bezug auf deren aktuelle Position verstehen muss. Damit die Legung aussagekräftig wird, ist es notwendig, aus dem Zusammenspiel der einzelnen Karten eine schlüssige Geschichte zu generieren. Erst dann werden die Karten wirklich „gelesen“. Alles andere ist funktioneller Analphabetismus. Um an diesen Punkt zu kommen, braucht es jahrelange Übung – und sehr viel Geduld.

So weit ist Maria deshalb noch lange nicht. Wir gehen der Reihe nach die Karten durch. Sie kennt inzwischen immerhin schon ihre einzelnen Bedeutungen. Bei den kleinen Arkana – den jeweils zehn Karten der vier Farben, die unseren Spielkarten entsprechen – ist das relativ einfach, die Bildsprache von Pamela Smith ist pointiert. Liegt da eine Personenkarte (Bube, Ritter, Königin, König) wird es schon schwieriger. Und die großen Arkana (die zweiundzwanzig „Trümpfe“) sind so vielschichtig, dass eine sinnvolle Interpretation in Bezug auf die Fragestellung des Öfteren eine Kunst ist.

Immerhin, sie bringt schon eine – etwas holprige – „Geschichte“ zustande. Das ist eine ziemliche Leistung nach gerade mal ein paar Monaten Kartenlegen. Maria ist nicht die erste, der ich versuche, das Kartenlegen beizubringen. Meine Erfolgsbilanz ist mager: bisher hat es nur ein einziges Mal geklappt. Es ist aber auch kompliziert. Man braucht nicht nur Geduld und Interesse, es ist ein spezieller Blick notwendig, die Bildsprache muss intuitiv verstanden werden. Und es ist Offenheit und Kreativität gefragt: auch wenn die Bedeutung der Karten prinzipiell festgelegt ist, sind sie immer vielschichtig. Je nach Person und Fragestellung kann die Karte in der einen Legung das eine, in einer anderen Legung aber etwas anderes bedeuten. Deshalb bevorzuge ich das Crowley-Tarot gegenüber Raider-Waite. Anfang ist das Raider-Waite leichter zu deuten, aber ab einem bestimmten Punkt wird die pointierte Bildsprache zum Hemmschuh, weil sie die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten einengt.

Dazu muss immer noch das „Abwesende“ mit eingerechnet werden. Es braucht sehr viel Erfahrung bis man lernt, darauf zu achten, was eigentlich in Bezug auf die Fragestellung dort liegen müsste – aber fehlt. Erst daraus lässt sich eine Legung wirklich auf die aktuelle Situation einer bestimmten Person hin stimmig interpretieren. Ein einfaches Beispiel: wenn jemand genaueres zu einer Liebesbeziehung wissen möchte und in der ganzen Legung findet sich keine einzige Karte mit Kelchen – die für Emotionen stehen – dann sagt das etwas über die Qualität der Beziehung, unabhängig von den anderen Karten, die da liegen.

Maria und ich arbeiten uns Karte für Karte durch ihrer Legung. Gemeinsam entwickeln wir eine „Geschichte“, die ihr etwas sagt. Hinterher ist sie erleichtert: sie kann das Problem, mit dem sie sich gerade herumschlägt, besser einordnen und verstehen und hat eine klare – und für sie umsetzbare – Handlungsanweisung erhalten, die ihr das Gefühl gibt, die Situation beherrschen zu können.

Darauf noch eine Runde Dosenradler…

Der Meister

Ich folge einer schrägen Eingebung, werde gechannelt und nehme Abschied von meinem erleuchteten Tarot-Meister.

Ich sitze, das Gesicht zur Wand, unter der Dachschräge. Der Regen klopft gleichmäßig gegen die schmalen Giebelfenster. Es ist später November, draußen ist es bereits dunkel. Die Luft ist stickig, wir sind mehr als Zwanzig in dem engen Raum. Jeden Donnerstagabend trifft sich hier eine Meditationsgruppe um, Schulter an Schulter, gemeinsam Zen zu praktizieren.

Ich habe vor einigen Monaten damit begonnen und alleine zuhause die Konzentration zu halten, fällt mir schwer. Der Zen-Lehrer hat während des Einführungskurses die wöchentliche Praxis in einer Gruppe empfohlen. „Für Ungeübte“, hat er uns erklärt, „ist es viel leichter im Chor den Ton zu halten, als Solo.“ Damit her er recht, habe ich festgestellt. Deshalb komme ich regelmäßig hierher, mein Zafu – das Meditationskissen – unter dem Arm, um meine drei Runden Sitzmeditation und zwei Runden Gehmeditation zu absolvieren. Die Zen-Praxis findet im Schweigen statt: ich kenne zwar alle vom Sehen, habe mich aber noch nie mit jemandem aus der Gruppe unterhalten.

Ich sitze und lausche in die Stille hinein, während ich meinen Atem, meinen Körper und die anderen der Gruppe um mich spüre.

Auf einmal erklingt in mir eine Stimme. „Du musst dem Ziegler schreiben!“, sagt sie sehr bestimmt. Das reißt mich aus meiner Konzentration. Ich schüttle verwirrt den Kopf, schiebe den störenden Gedanken beiseite, und versuche wieder, einfach nur präsent zu sein und an nichts zu denken. Vergebens. Nach ein paar Minuten erklingt wieder die lästige Stimme: „Du musst dem Ziegler schreiben!“

Automatisch kommt mir die „VII“ aus den großen Arkana des Tarot in den Sinn – „Der Wagen“. Und dazu der Merksatz eben jenes Zieglers, dem ich, so meine penetrante innere Stimme, unbedingt schreiben soll: „Eingebungen, die in der Meditation aufscheinen, verdienen Aufmerksamkeit und sollten beachtet werden.“

Aha.

Dass ich gerade in Meditationshaltung auf diesem Kissen sitze, verdanke ich in gewisser Weise auch Ziegler. Und einem weiteren seiner Merksätze zu „VII“ – „Der Wagen“: „Regelmäßige Meditation ist ab einem bestimmten Punkt unserer persönlichen Entwicklung kein ‚Luxus‘, sondern eine Notwendigkeit.“

Während der Morgenmeditation am nächsten Tag hängt mir die Botschaft meiner Inneren Stimme von gestern Abend nach. Warum, bitte, soll ich dem Ziegler schreiben?

Obwohl seine beiden Bücher zu Tarot so etwas wie meine persönliche Bibel sind, habe ich mir nie groß Gedanken um den Autoren gemacht. In beiden Büchern ist auf der letzten Seite ein vages Schwarz-Weiß-Photo von ihm abgebildet. Ich habe deshalb eine ungefähre Idee, wie er aussehen könnte – oder besser, vor Jahren einmal ausgesehen hat – aber das war es auch schon. Ich habe ihn nie gegoogelt und kann mich nicht erinnern, dass mich jemals die Frage beschäftigt hätte, wie der Mann wohl ist, der mir das Kartenlegen beigebracht hat.

Egal, beschließe ich, als ich, die Kaffeetasse neben dem Laptop, an meinem Schreibtisch Platz nehme. Eine Eingebung ist eine Eingebung, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hole Briefpapier und Füllfederhalter heraus – es wird ein privater Brief, so viel ist klar, den tippe ich nicht am Computer. Nur: was soll ich ihm schreiben, diesem ominösen Gerd B. Ziegler?

Ich starre gedankenversunken durch das Fenster in den grauen nassen Garten hinaus. Bilder steigen in mir auf: ich sehe mich neben der Freundin durch eine dunkle Regennacht laufen. Der Asphalt glänzt nass, Laub raschelt unter unseren Füßen. Wir sind auf dem Weg zu einer Bekannten meiner Freundin, die mir die Karten legen wird. Es war die Nacht, in der ich das erste Mal Tarot begegnete. Am nächsten Tag kaufte ich mein erstes Kartenset mit dem Begleitbuch von Ziegler. Es muss Ende November gewesen sein, ungefähr zur gleichen Zeit im Jahr wie jetzt. Wie lange ist das jetzt eigentlich her? Zwanzig Jahre! Seit genau zwanzig Jahren lege ich nach den Anweisungen von Gerd B. Ziegler Tarot-Karten!

Das, denke ich mir, ist wahrhaftig ein Grund für einen Brief. Einen Dankesbrief! Jetzt fällt mir das Schreiben leicht: dass seine klugen Bücher mich seit zwei Jahrzehnten begleiten würden, wie dankbar ich ihm wäre für seinen weisen Rat und dass mein Leben ohne ihn anders – und sicher schlechter – verlaufen wäre, bringe ich zu Papier. Es dauert höchstens zwanzig Minuten, dann bin ich fertig.

Ich schreibe die Verlagsadresse auf den Umschlag, klebe noch eine Briefmarke oben drauf und werfe den Brief am späten Nachmittag auf dem Weg zum Einkaufen in den gelben Postkasten. Als sich die Klappe mit lautem Klappern hinter dem Umschlag schließt, habe ich ihn bereits vergessen. Mission accomplished.

Deshalb trifft mich völlig unvorbereitet, was zwei Wochen später geschieht. Es ist ein Sonntag. Draußen ist es nass, kalt und grau und ich beschließe, einen Cheat-Day einzulegen. Unfrisiert und im Schlafanzug liege ich um zwei Uhr Nachmittags im Bett, lese „Harry Potter“ und esse Schokolade.

Auf einmal trifft mich etwas mit einer solchen Wucht, dass ich beinahe aus dem Bett geschleudert werde. Erschrocken und verwirrt schaue ich mich um und „sehe“ über meinem Kopf einen Mann, der, am Schreibisch sitzend, einen Brief in der Hand hält, über dessen Rand hinweg er mich durchdringend mustert. Es ist, als hätte sich plötzlich ein Fenster in der Wand aufgetan.

Ich schnappe nach Luft: das ist mein Brief und der Mann ist ganz offensichtlich der Autor meiner Tarot-Bücher! Es sind nur wenige Sekunden, dann verschwindet die seltsame Erscheinung wieder. Abgesehen davon, dass ich mich wieder einmal frage, ob es sein kann, dass ich verrückt bin, hat sie mir gründlich den Tag versaut. Ich lege keinen Wert darauf, von irgendjemandem in Augenschein genommen zu werden, während ich im Schlafanzug, Schokolade essend und Harry Potter lesend im Bett liege! Da kann die Form der Kontaktaufnahme noch so außergewöhnlich sein, ich will das nicht! Der Brief war ein Dank gewesen, keine Einladung für Übergriffe!

Nach ein paar Stunden habe ich die seltsame Erscheinung verdaut und vergesse die Sache wieder. In zwei Wochen ist Weihnachten. Ich habe anderes zu tun, als mir über okkulte Seltsamkeiten den Kopf zu zerbrechen.

Drei Tage später ziehe ich mit der Tageszeitung einen goldenen Umschlag aus dem Briefkasten. Ich bin erstaunt: ein früher Weihnachtsgruß? In der Küche stelle ich fest, dass mir doch tatsächlich Gerd B. Ziegler geschrieben hat! Unter seiner Privatadresse!

Wie sehr er sich doch über meine Dankesworte gefreut hätte, schreibt er mir – mit der Hand – und dass er mich enlädt, als sein Gast an einem seiner nächsten Tarot-Kurse in der Schweiz teilzunehmen. Der nächste finde im Februar statt, ein weiterer im Juni. Seine Assistentin wisse Bescheid, nachstehend ihre Nummer, ich solle mich bei ihr melden, um alles weitere zu besprechen.

Ich muss mich setzen. War das die Intention meiner Inneren Stimme, als sie mir auftrug, den Brief zu schreiben?

Ich zermartere mir den Kopf, ob ich die Einladung annehmen soll, oder nicht. Als ich am Donnerstagabend wieder meine Meditationsgruppe besuche, bin ich immer noch nicht zu einer Entscheidung gekommen.

Während ich still auf meinem Zafu sitze und versuche, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren und sonst nichts, habe ich auf einmal ein Lied im Ohr. Von den Beatles! „You say hello and I say goodbye! Hello, Hello – I don´t know why you say hello, I say goodbye…

Ein Ohrwurm! Ich kriege den Song nicht weg, so sehr ich mich auch bemühe, wieder in die Konzentration zu kommen. Als ich nach der Meditation in der Dunkelheit zum Auto laufe, singe ich das Lied gedankenversunken vor mich hin. Auf einmal reißt es mich: Moment! Der Text, der in meinem Inneren aufgetaucht ist, ist falsch. Eigentlich geht es genau anders herum! Im Lied heißt es: „You say goodbye, I say hello. I don´t know why you say goodbye, I say hello.

Jetzt verstehe ich, was ich tun muss.

Am nächsten Morgen schreibe ich einen weiteren Brief an Gerd B. Ziegler: dass ich mich für seine großzügige Einladung bedanken möchte, aber erst jetzt verstanden habe, warum ich ihm meinen Dankesbrief schrieb: weil ich mich von ihm in aller Form verabschieden wollte. Was ich hiermit tue.

Ich werfe den Brief ein und höre nie wieder etwas von Gerd B. Ziegler. Aber drei Monate, nachdem ich ihm den Abschiedsbrief geschrieben habe, treffe ich auf meinen ersten Zen-Lehrer.

Erst nachdem ich offiziell zum ersten Mal Schülerin eines Lehrers geworden bin, verstehe ich, dass Gerd B. Ziegler nicht nur mein kluger Tarot-Meister, sondern auch mein erster Meditationslehrer war. Und dass es notwendig war, Unabgeschlossenes zu beenden, damit ich offen war für das Neue, das in mein Leben treten würde. Genau, wie er es in der „VII“ – „Der Wagen“ empfohlen hat.

Das „B“ in „Gerd B. Ziegler“ steht im übrigen für „Bodhi“ – der Erleuchtete. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber es könnte was dran sein.


Neugierig auf die Arbeit mit Träumen und Innerer Stimme? Mehr über meine Methode: https://katharina-kaintz.com/wie-ich-arbeite/

„Der Papa“

Ich lerne eine weitere professionelle Kartenlegerin kennen, mache Bekanntschaft mit einem Familiengespenst und gewinne neue Einsichten in die Interpretation von Tarot.

Einige Zeit, nachdem die niederbayerische Kartenlegerin in mein Leben getreten ist, lerne ich eine zweite kennen. Diesmal in Oberbayern: die Neue lebt direkt an der Grenze zu Österreich in den Bergen.

Die Kartenlegerin ist bezaubernd, stelle ich bei meinem ersten Besuch fest. Sie ist umwerfend schön, mit großen braunen Augen, dunklen dicken Locken und von großer Herzlichkeit. Ich bekomme erst einmal einen Kaffee angeboten, wir trinken ihn zu dritt. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter – ihrem älteren Ebenbild – in einer kleinen Wohnung.

Das Geplauder, dass sich während des gemeinsamen Kaffeetrinkens entfaltet, ist angenehm – und gleichzeitig völlig verwirrend. Ständig nehmen beide Frauen Bezug auf „den Papa“ – als ob er mit uns am Tisch säße. Obwohl wir definitv nur zu dritt sind. Eine bizarre Situation. Wo bin ich hier nur hingeraten?

Ich versuche, mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen und erfahre nach und nach, dass „der Papa“, bei dem es sich um den Vater der Kartenlegerin handelt, bereits vor fünfzehn Jahren verstorben ist.

Nichtsdestotrotz ist er weiterhin ein fester Bestandteil des Haushaltes, denn Mutter wie Tochter stehen in ständigem Kontakt mit ihm. Bei allen familiären Problemen wird „der Papa“ um Rat gefragt. Und was er sagt, gilt! Er ist schließlich das Familienoberhaupt!

Begeistert erzählen mir beide, wie resolut „der Papa“ aufdringliche Verehrer der Kartenlegerin abwehrt. Der rennen die Männer die Bude ein – was mich nicht wundert, so schön und herzlich wie sie ist – und sie weiß sich nicht zu helfen, wie sie die Bewerber um ihre Gunst wieder los wird. Gutmütigkeit kann eine Bürde sein, zumal, wenn sie mit Schönheit einher geht.

Glücklicherweise hat sie ihren „Papa“, der – ausweislich der Erzählungen meiner Gastgeberinnen – dieses Problem effektiv zu lösen weiß.

Beim Zuhören dreht sich alles um mich, weil genauso selbstverständlich von der erfolgreichen Abwehr eines aufdringlichen Verehrers erzählt wird, der die Kartenlegerin mit Anfang zwanzig bedrängte – als der Vater noch lebte – wie von einem, der vor ein paar Monaten zur Belastung wurde. Die Kartenlegerin ist Mitte vierzig und geschieden. So wie Mutter und Tochter über „den Papa“ sprechen, scheint sein Tod kein großer Einschnitt im Leben der beiden gewesen zu sein.

„Und dann hod der Papa des gmacht, wos er scho immer gmacht hod,“ schildert die Mutter entzückt die Konfrontation des Vaters mit dem letzten Verehrer, „und hod ihm die Meinung gsogt.“

„Und wie, bitte, als Geist?“

Die beiden sind erstaunt, dass ich nachfrage. Sie kichern wie die Schulmädchen, als sie mich in das übliche Procedere einweihen: aufdringliche Verehrer, erfahre ich, werden zum Abendessen eingeladen – worüber sie nachvollziehbarer Weise erfreut sind – und danach wird ihnen „der Papa“ vorgestellt. Im Zuge einer Seance. Meine Kartenlegerin bittet „den Papa“ nach dem Dessert feierlich um einen Besuch. Das wäre bloß Show, erklären mir die beiden, er wäre ja immer da, aber so wirkt es besser. Damit sich der Gast und „der Papa“ unterhalten können, wird außerdem das klassische Equipement aufgefahren: ein Glas und die Buchstaben des Alpabets auf Zetteln aufgemalt, die kreisförmig auf der Tischplatte ausgelegt werden.

Sie könnten sich – im Gegensatz zu Außendstehenden – auch ohne Hilfsmittel mit „dem Papa“ unterhalten, erklärt mir die Kartenlegerin. Obwohl, erinnert die Mutter die Tochter, ab und zu käme jemand vorbei, der es ebenfalls direkt hinkriege.

Ich gehöre zu denen, die das nicht können – worüber ich erleichtert bin.

Wenn also, fährt die Mutter fort, „der Papa“ offiziell eingeladen wurde und seine Anwesenheit durch das autonome Rücken des Glases von Buchstabe zu Buchstabe unter Beweis gestellt hat, wird der Gast aufgefordert, sich mit „dem Papa“ zu unterhalten. Was „der Papa“ regelmäßig nutzt, um den Verehrer in seine Schranken zu weisen.

Die Mutter prustet los, als sie mir erzählt, was „der Papa“ zum letzten Kandidaten gesagt hat: „Du bist ein Arschloch.“

„Des war ned nett vom Papa“, seufzt die Kartenlegerin. „Aber er hat recht ghabt. Der war ja so was von furchtbar! Und wir hätten uns nie getraut, ihm des zu sagen.“ Nach der Seance wurde der Verehrer nie wieder gesehen, versichern mir beide hoch zufrieden.

Damit ist die Kaffeerunde beendet und ich werde ins Büro der Kartenlegerin geführt. Ich bin etwas desorientiert nach der schrägen Papa-Geschichte, aber gespannt, wie sie wohl Karten legt. Ich war erst vor ein paar Wochen bei meiner niederbayerischen Kartenlegerin, es müsste in etwa das Gleiche herauskommen.

Das tut es – und ich lerne, wie wichtig die Persönlichkeit der Kartenlegerin bei der Interpretation ist. Die Kartenlegerin aus Niederbayern hatte mir erklärt, es läge einer in meinem Umfeld, der wäre nett, aber komisch. Irgendwas wäre mit dem nicht in Ordnung. Mehr hat sie nicht dazu gesagt.

Bei der oberbayerischen Kartenlegerin wird daraus ein ganzer Roman: da wäre einer in meinem Umfeld, den hätte ein schlimmer Schicksalsschlag gezeichnet. Der hätte seine Frau verloren, bei einem Unfall, und darüber wäre er nie hinweg gekommen.

Und so geht es weiter, Punkt für Punkt. Es gibt keine Abweichung bei den Fakten, aber sehr wohl in der Interpretation: wo sich meine nüchterne niederbayerische Kartenlegerin auf das beschränkt, was sie sicher weiß, liefert die oberbayerische einen kompletten Roman dazu. Entsprechend lang dauert die Legung: was die erste in einer Stunde schafft, dafür braucht die zweite das doppelte.

Als wir fertig sind, bin ich völlig erschlagen. Ich zahle ebenfalls fünfunddreißig Mark – viel zu wenig für zwei Stunden – verabschiede mich von der herzlichen Kartenlegerin, von ihrer Mutter und ausdrücklich auch „vom Papa“ und wanke zum Auto.

In der darauf folgenden Zeit gehe ich regelmäßig auch zur oberbayerischen Kartenlegerin. Nicht wegen des Kartenlegens: die meisten ihrer Ausschmückungen – stellt sich heraus – treffen nicht zu. Sondern weil ich Mutter wie Tochter sehr mag und die Atmosphäre bezaubernd finde.

Ach ja: ein paar Jahre später – nach dem Tod ihrer Mutter – hat die schöne oberbayerische Kartenlegerin wieder geheiratet. Einen promovierten Physiker aus Grünwald, der sie auf Händen trägt. Was sie verdient hat.

Ob jetzt neben „dem Papa“ auch „die Mama“ bei ihr lebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich gehe davon aus, dass das so ist. Keine Ahnung, was der Physiker dazu sagt…

Die Kartenlegerin

Ich treffe auf eine professionelle Kartenlegerin und bekomme eine neue Sichtweise auf Tarot.

Irgendwo an den Ausläufern des bayerischen Waldes – mitten im tiefen Niederbayern – liegt ein kleines Dorf. Es ist so winzig, dass es dort nicht einmal ein Wirtshaus gibt. Eigentlich ein Unding in dieser Gegend. Der Ort ist nicht mehr als ein Weiler: eine kleine Kirche, ein Feuerwehrhaus, ein paar Bauernhöfe, dazwischen einige Einfamilienhäuser. In einem davon lebt und arbeitet die Kartenlegerin.

Eine Freundin, die ich in München kennengelernt habe, hat mich hierher geschleppt. Sie stammt aus dieser Ecke und verdankt ihrer Mutter den Kontakt zur Kartenlegerin. Die hatte in der „Landwirtschaftszeitung“ inseriert und die Mutter ging, um zu schauen, ob sie etwas taugt. Bald geht das halbe Heimatdorf der Freundin dort ein und aus, denn die Kartenlegerin versteht ihr Handwerk. Und weil ich auch Karten lege, findet die Freundin, wäre es an der Zeit, dass ich mir ansehe, wie ein Profi arbeitet.

Sie packt mich ins Auto, wir fahren quer durch Oberbayern, die Oberpfalz und halb Niederbayern, bevor wir vor dem schlichten Einfamilienhaus aussteigen. Ich bin nervös, als meine Freundin die Klingel drückt. Mir die Karten als Mittel der Selbstreflexion zu legen ist etwas völlig anderes, als das, was mich hier erwarten wird, so viel weiß ich aus den farbigen Schilderungen meiner Freundin.

Die Tür öffnet sich. Eine zierliche Frau Anfang vierzig empfängt uns. Sie trägt ihr blondes Haar in einer kurzen Sturmfrisur, dazu ein Piercing im Nasenflügel. Ich bin verblüfft: eine niederbayerische Kartenlegerin habe ich mir anders vorgestellt. Großzügig gewährt meine Freundin mir den Vortritt. Die Kartenlegerin führt mich in einen kleinen Raum: ein Tisch, zwei Stühle, an der Wand eine Vitrine.

„So“, sagt sie, während sie mir einen Pack Karten über den Tisch zuschiebt, „dann fang ma o.“ Zumindest ihr Dialekt ist, wie es sich gehört. Tiefstes Niederbayerisch. Sie legt mit Schafkopfkarten, hat mir meine Freundin auf der Herfahrt erklärt. Das hätte sie von ihrer Oma gelernt, und die wäre bei der Mutter in die Lehre gegangen. Das Wissen um das Kartenlegen würde in der Familie seit vielen Generationen weitergegeben. Mit wem und wie es begann, ist in Vergessenheit geraten.

Ich mische mit schweißnassen Händen, hebe ab und schiebe die Karten wieder zurück. Die Kartenlegerin nutzt nicht nur ein paar Karten, so wie ich es kenne, sie breitet das ganze Blatt in mehreren Reihen auf dem Tisch aus.

„Dann schau ma moi“, murmelt sie, während sie den Blick über die Legung gleiten lässt. Was dann kommt, stellt mein Weltbild auf den Kopf. Detailiert und ohne viel nachzufragen, breitet sie meine gesamte Lebenssituation vor mir aus. Mit so derben wie treffenden Charakterbeschreibungen der Mitglieder meiner Herkunftsfamilie und meines Umfeldes, sowie einer messerscharfen Analyse meiner Lebenssituation.

Ich bekomme noch ein paar so kluge wie praktische Ratschläge für die nächste Zeit mit auf den Weg, dazu die Information, in einem Jahr könne ich wieder kommen, wenn ich das wolle, dann wäre es an der Zeit für die nächste Legung. Damit bin ich – nachdem ich ihr fünfunddreißig Mark in die Hand gedrückt habe – wieder entlassen.

Nachdem meine Freundin für ihre Legung ins Büro verschwunden ist, sitze ich wie betäubt im Flur auf einem der Stühle, die dort für die Kunden bereitstehen. In der Ecke plärrt das Radio. Es dient nicht der Unterhaltung der Wartenden, sondern fungiert als Geräuschkulisse, damit niemand hören kann, was hinter der dünnen Holzür besprochen wird.

Eine Stunde später tritt meine Freundin wieder in den Flur – mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Was sie zu hören bekommen hat, scheint positiv gewesen zu sein. Die Kartenlegerin bringt uns zur Tür. Während sie uns verabschiedet, parkt schon die nächste Kundin in der Auffahrt. Die Kartenlegerin ist über Wochen ausgebucht, obwohl sie Vollzeit arbeitet. Die Leute kommen von weit her, um ihren Rat einzuholen.

Auf der Rückfahrt nach München diskutieren wir unsere Sitzungen. Ich stelle fest, dass ich mich an vieles, was mir gesagt wurde, nicht mehr richtig erinnern kann. Der Schock war zu groß. Es wird Monate dauern, bis ich mich damit abfinden kann, dass eine fremde Frau mein komplettes Leben aus einem Pack Schafkopfkarten herauslesen konnte. Inklusiver Zukunftsprognose. In den nächsten Monaten wird alles, was sie mir prognostiziert hat, wirklich eintreten. Obwohl etwas dabei war, was eigentlich nicht möglich schien. Und ich werde tun, was sie mir geraten hat. Was sich als klug erweist.

Ein Jahr später sitze ich wieder bei der Kartenlegerin. Und von da an jedes Jahr. Ich transformiere mit der Zeit von der Kundin zur Freundin – und zur Kollegin. Als sie irgendwann in Rente geht, fragt sie mich, ob sie ihre Kunden zu mir schicken soll. Ich winke ab. So gut wie sie bin ich nie geworden – und werde es auch nie werden. Und mit Schafkopfkarten kann ich auch nicht legen. Ich bleibe beim Tarot. Aber ich habe viel von ihr gelernt – und ihr viel zu verdanken.

Ohne die kluge Kartenlegerin von den Hängen des Bayerischen Waldes wäre mein Leben anders verlaufen.

Tarot

Tarot ist – neben buddhistischer Meditation – die zweite Obsession in meinem Leben…

Ich lege Karten. Ständig und immer. Morgens nach dem Aufstehen. Abends vor dem Schlafengehen. Sobald mich innerlich eine Problem umtreibt, trete ich automatisch in einen Dialog mit Tarot. Es ist meine persönliche Form des Reflektierens.

Ich lege in etwa so ausführlich und intensiv Karten, wie ich meditiere. Es ist meine zweite Obsession.

Die mich – im Gegensatz zur Meditation – Zeit meines Erwachsenenlebens begleitet. Ich war achtzehn, als ich das erste Mal im Leben die Karten gelegt bekam. Von der Freundin einer Schulkameradin. Eine zufällige Begegnung, die tiefe Spuren hinterließ. Am nächsten Tag besorgte ich mir mein erstes eigenes Kartenset.

Was mich von Anfang an faszinierte, war weniger der prognostische Aspekt des Tarot, sondern die verblüffende Erfahrung, auf einmal ein klug reflektierendes Gegenüber zu haben. Das Buch, das meinem ersten Karten-Set beilag, trägt nicht umsonst den Titel: „Tarot. Spiegel der Seele.“ Geschrieben wurde es von Gerd B. Ziegler.

Es ist ein außergewöhnlich kluges Buch, ich hatte großes Glück damit. Es rekuriert auf C. G. Jung, Taoismus und Buddhismus, aber das habe ich erst im Lauf der Jahre wirklich verstanden. Später kaufte ich mir noch andere Bücher zu Tarot, aber keines hat je die gleiche Bedeutung für mich und mein Leben erlangt, wie dieses.

Mein Einstieg ins Kartenlegen war steinig. Es gab niemanden, der mir etwas zeigen oder erklären hätte können. Meine allererste Kartenlegerin habe ich nach diesem einen gemeinsam verbrachten Abend nie wieder gesehen. Ich hatte nur Gerd B. Ziegler und 78 bunte Spielkarten.

Ich brauchte Jahre, bis ich im Ansatz in der Lage war, eine komplette Legung schlüssig zu deuten. Aber darum ging es nicht.

Viel wichtiger war, dass ich durch den regelmäßigen Dialog mit den Karten lernte, was ich fühlte. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es Kultur und Bildung, aber wenig emotionale Intelligenz gibt. Innere Prozesse – wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden – gelten als nicht entschlüsselbar. Meine ganze Sippe lebt seit Generationen nach diesem Motto. Aus irgendeinem Grund war ich anders als der Rest. Ständig versuchte ich mich zu dechiffrieren, hatte aber keine Ahnung, wie es anzustellen war.

Und auf einmal hatte ich etwas in die Hände bekommen, dass mir im Außen eine „Übersetzung“ dessen lieferte, was in meinem Inneren vorging! Erst war ich schockiert. Später wurde es zu meiner persönlichen „Kopernikanische Wende“.

Ich wurde erwachsen im inneren Dialog mit den bunten Bildern des Tarot. Bei jeder Problemstellung, vor jeder Lebensentscheidung, legte ich mir die Karten und las – wieder und wieder – die klugen Anmerkungen des ominösen Gerd B. Ziegler.

Nach einiger Zeit konnte ich jeden der Texte zu den einzelnen Karten auswendig.

Über Jahre vollzog sich unmerklich eine Art „alchimistischer Prozess“ in mir: Meine Gefühlsregungen begannen mit den Bildern und Botschaften der Karten zu verschmelzen. Es war ein unbewusster Vorgang, der mir erst im Nachhinein zugänglich wurde. Dabei half eine spezielle Eigenschaft von Tarot: bestimmte Lebensthemen sind an bestimmte Karten gebunden. Egal wie oft zu einem spezifischen Thema gelegt wird: wieder und wieder ist man mit den selben Karten konfrontiert.

Die Karten wirkten deshalb wie eine Art „spirituelle Konditionierung“. Irgendwann löste allein der Anblick einer bestimmten Karte spezifische Emotionen in mir aus – und bestimmte Gefühlslagen riefen automatisch konkrete Kartenbilder ins Gedächtnis.

Immer begleitet von den klugen Ausführungen Gerd B. Zieglers, der mir ins Ohr flüsterte, was zu tun war, damit die Situation angemessen gemeistert werden konnte.

Der „Tod“, die „XIII“, muss betrauert werden, damit das Alte gehen und Platz für etwas Neues machen kann. Der „Wagen“, die „VII“, fordert zur Innenschau und Konzentration auf: etwas Neues wird ins Leben treten, auf das es sich vorzubereiten gilt. Der „Eremit“, die „VIIII“ lädt zu Rückzug ein, damit ein autonomer Standpunkt gefunden werden kann, während der „Mond“, die „XVIII“, vor dem Abgleiten in Illusionen auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt warnt. Oft unterscheidet sich die Bedeutung der Karten nur in Nuancen, was das Verständnis und die Interpretation schwierig macht. Ist diese Nuancierung erst einmal verstanden, differenziert sich das Erleben aus und erschließt ein weites Spektrum von Handlungsoptionen.

Meine Tarot-Karten haben mein Leben reicher gemacht, mein Gefühlsleben intensiver, meine Reflektionsfähigkeit nuancierter.

Und sie sind ein echter Gewinn für mein Umfeld – auch wenn sie nicht immer richtig liegen, muss ich dazu sagen. Sie haben prognostische Qualität, aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten. Viel wichtiger ist, dass sie helfen, in einer neuen und frischen Weise über alte Probleme nachzudenken. Sie bieten eine andere Sichtweise an, die überraschend und befreiend sein kann.

Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich den für gewöhnlich nur auf der Basis einer Kartenlegung. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das, was ich aus dem Kopf dazu zu sagen habe, banal bis falsch ist. Während die Karten oft in verblüffender Weise den Nagel auf den Kopf treffen.

Und selbst wenn sie es nicht tun – was auch vorkommt – kann die Auseinandersetzung mit der Legung neue Perspektiven auf das Problem eröffnen. Denn jede Karte hat ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Und bei einer kompletten Legung sind es fünf bis zwölf Karten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Ein weites Feld der Spekulation, des Spielens mit verschiedenen Möglichkeiten.

Ich lege deshalb nicht nur mir, sondern auch vielen anderen die Karten. Es ist meine Form des „In-den-Dialog-tretens“ mit meinem Umfeld, wie es das mit mir selbst ist. Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Über Tarot, über die anderen, über mich selbst. Und über das Leben.

Wunder

Unsere Reise ins Vajrayana wird weitergehen…

Dies ist der letzte Text zu „Taliba“ im Blog. https://www.water-runs-east.eu/taliba/

Übermorgen beginnt ein neues Thema.

Was nicht bedeutet, dass die Geschichte, die in „Taliba“ behandelt wird, zu Ende erzählt ist. In nächster Zeit werden Maria und ich unsere Exkursion ins tibetisch-buddhistische Vajrayana fortsetzen. https://www.water-runs-east.eu/chenrezig/

Allerdings wissen wir weder, wann wir erneut aufbrechen werden, noch, wohin uns die Reise führen wird.

Denn das ist meine Erfahrung: Der Dharma – die Lehre Buddhas – ist immer ein Geschenk. Wenn er ins Leben tritt, gleicht es einem Wunder.

Wunder lassen sich weder planen noch erzwingen.

Traurig, aber wahr.

Es bleibt uns nur, wach zu sein, damit wir den Moment nicht verpassen, an dem es uns begegnen wird. Und das wird es, ich bin mir sicher. Wer den Dharma einmal geschenkt bekommen hat, ihn würdigt und bereit ist, sich seinen Regeln zu unterwerfen, den lässt er nicht mehr los.

Maria und ich treiben gerade auf einem Floß gemächlich den Fluss des Lebens hinunter – immer in Richtung Osten. Wir sind auf dem Weg zu den Grenzen des Ich. Auf der Reise dorthin trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – Miley Cyrus schallt aus der Soundbar, Maria pflegt ihren Instagram-Account und ich schreibe meinen Blog – über Tarot. Denn auch das Kartenlegen führt an die Grenzen des Ich.

Sobald wir über das Wunder gestolpert sind und wieder am Ufer des Flußes angelegt haben, werde ich den Bericht über die Welt des Vajrayana fortsetzen.

Choices

If you really want to practice Varayana, you have to find a good teacher and good teachings…

„So many choices! How can we know, if the quality is good?”, Maria sighed while looking a bit desperate at the big collection in the supermarket.

Katharina had sent us a small shopping list with items she needed for the dinner in the retreat house at the end of the world. Always with the addition “good quality”. “Well”, I replied, “It’s not easy to find good quality. Same with spirituality.”

If you really want to practice, you have to find a good teacher and good teachings. I very often see people claiming that their teacher would be a high lama. But if you see him once a year in a group of 50 people, how can you be so arrogant to think he is your teacher? Maybe he even doesn’t know your name, how can he guide you on the path?
Or people go to workshops, where the teacher takes one part out of the traditional teachings and mixes it with western psychology. To make it more understandable. Or condense a practice of 400 pages and complex rituals, so it is learnable in one week-end. If your teacher does so, I suggest that you put on your sport shoes and run away as fast as possible.
Or you are visiting every second month another teacher on another topic. Then you can truly call yourself a “Dharma tourist” and send nice postcards and pictures to your friends. But don’t expect any progress there.

“I see”, Maria replied while still looking a bit skeptical at all the different brands. “But how to find the right choice?”.  “In our tradition, it’s the teacher.”, I said while giving her a jar out of the big collection for a more precise examination. “The teacher has to guide you on the path. Therefore he must be qualified in a unbroken lineage. This is a big commitment, so don’t expect, that a teacher is always happy, if you run to him, telling him, that he should guide you on the way from now on. He might test you for years. And you practice only certain practices – over and over again. Until you get a result. Not every week something else.”.

We were going down the passage in the supermarket. Most of the items we had already in the basket. Now only a good white wine was missing. “And then, there is the choice of your personal taste”, I said. “You have to be clear, what you want. And why you want it. And if you should do a practice or better watch the last Netflix series. What you do must fit your taste, otherwise it’s just a waste of time!”.
“Well”, she was laughing while her brown eyes were flashing, “That’s easy. I have the simplest taste – I’m always satisfied with the best“.

Bodhicitta

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha…

“Uuuuriel”, Bernadette was calling me through the breakfast room of the retreat house at the end of the world, while searching for a cup to prepare her second coffee after breakfast. “Uriel, in the Buddhist texts, I always read about the importance of Bodhicitta, but what is it?”

“Well”, I replied, “first of all, there are two different forms of Bodhicitta – relative and absolute Bodhicitta”.

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha. There is a so called ‘relative Bodhicitta’ which you train, when you are doing the practice. In a Tantric practice for example, you transform yourself in a Yidam like Chenrezig or Green Tara, then out of the heart comes immeasurable light with the best wishes for all living beings. First you may concentrate on your friends and family. Later the practice will be more like the rays of the sun. More and more the lights will go out in every direction, touching impartial the mind of all living beings, no matter how small or big they are. This is what we call relative Bodhicitta.

“And what is then absolute Bodhicitta, what does this mean?”, Bernadette was asking me, while pressing the button on the coffee machine to underline the importance of her question.

“The difference between relative and absolute Bodhicitta is, that for the absolute Bodhicitta, no discursive mind is acting.”, I answered trying to be louder than the humming coffee machine.

There is no thought of doing a practice, no will of helping others. It is beyond the mind and therefore happens without it. You cannot enter into this state by willing it. You just do your practice and relax, and that state will show by itself after a time. This is the real result of the practice. Since then, real Buddhism begins. But you need a teacher for a good progress, as there will be some bigger or smaller rocks on the way.

“And why are there so many different practices and rituals and all this?”, Bernadette was asking me. She grabbed the vegetable oat milk and started to open the bottle in a very elaborate way. “Well”, I answered, “you have different practices because people are just different.”

But to develop the absolute Bodhicitta is most important. Of course, you can perform complicated rituals, banging the drum, lighting incense, ringing the bell and walk with an important face in front of other practicioners. Or you talk to the otherworld of the spirits. Or you sit for hours on your cushion and punish yourself, every time a discursive thought is arising in your mind. But without Bodhicitta, this is mainly to entertain yourself. You should be clear about that. There is no liberation coming out of it.

“I am not sure, if I understood everything”, Bernadette was laughing while presenting me her nicely prepared coffee. “Maybe it’s too complicated for me…or too easy. Not clear. But one thing is for sure – I will liberate now this coffee!”.

Zurück

Nach unserem Vajrayana-Einführungwochenende im Retreathaus am Ende der Welt sind Maria und ich mit den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis konfrontiert.

Wir stehen in der warmen Frühlingssonne auf dem Gehweg gegenüber der Araltankstelle. Genau hier hat uns Suriyel vor zwei Wochen aufgelesen, um uns ins Retreathaus ans Ende der Welt zu bringen. Maria sollte zwei Tage lang eine Einführung in den Vajrayana-Buddhismus bekommen und nebenher wollten wir Uriel bei der Renovierung des historischen Pferdestalls helfen.

Maria lädt die App des Fahrradverleihs herunter und nach ein bisschen hin und her springen mit lautem Klacken die Schlösser der beiden Räder auf. Zuvor haben wir uns noch im Konsum um die Ecke für ein Picknick eingedeckt. Mit den Rucksäcken in den kleinen Körben vor den Lenkern radeln wir zu einem der künstlichen Seen im Leipziger Umland. Es war Marias Idee, den Samstagnachmittag am Strand zu verbringen: so neben der Spur, wie wir beide wären, bräuchten wir Entspannung.

Das Vajrayanawochenende im Retreathaus am Ende der Welt hat uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin erstaunt – und habe Maria gegenüber ein schlechtes Gewissen – denn so war es nicht gedacht gewesen. Alles sollte völlig harmlos ablaufen: Maria sollte mit ein paar nette Basics vertraut gemacht werden, damit sie eine Idee davon bekommen würde, um was es eigentlich geht. Und sich überlegen kann, ob tibetisch-buddhistische Mediationspraxis etwas ist, mit dem sie sich weiter beschäftigen möchte. Eine Dreiviertelstunde Riwo Sangchö am Morgen, eine Stunde Chenrezig am Abend – mehr war es nicht gewesen.

Und ich hatte aus gutem Grund Suriyel gebeten, die Einführung zu übernehmen: ich kenne niemanden, der eine friedlichere und entspanntere Praxis hat als er.

Und dann so etwas!

Ich fühle mich auch zwei Wochen nach unserer Rückkehr, als hätte ich ein Hardcore-Retreat hinter mir – und nicht ein langes Wochenende mit gerade mal zwei Stunden Praxis am Tag.

Und auch Maria – die lediglich zwei Tage im Retreathaus am Ende der Welt verbracht und nicht mehr als zwei morgendliche Riwo Sangchö und ein abendliches Chenrezig miterlebt hat – alles harmlose und der Überwältigung unverdächte Rituale – wirkt, als hätte sie mit knapper Not einen spirituellen Frontalzusammenstoß überlebt.

Wir leiden beide unter den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis – auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das geschehen konnte. Aber die Symptome sind wie aus dem Lehrbuch: während der Praxis intensive Erfahrungen, begleitet von extremen Emotionen. Dann der Moment vollkommener Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt – und danach der Zusammenbruch.

Der gewollt ist. Denn das ist der Sinn jeder buddhistischen Meditationspraxis: „Das ‚Ich‘ soll sterben.“ Und es klingt nicht nur martialisch – es fühlt sich auch so an. Nichts ist für unseren Geist beängstigender, als Glaubenssätze aufgeben zu müssen, über die wir uns definieren.

Am Strand angekommen, breite ich die Decke aus. Maria drapiert den Käse appetitlich auf einem Holzbrettchen, platziert noch ein paar Erdbeeren darauf, füllt die Weingläser und macht erst mal ein Foto für ihren Instagram-Account. Danach holt sie die Soundbar heraus und wir sind wieder mit unserem Grundproblem konfrontiert: sie mag keinen Indie und ich finde Miley Cyrus grausig – schließlich einigen wir uns auf Bruno Mars.

Während der verkündet, dass er frisch rasiert sei und seine Tür offen stehe, trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – und essen Erdbeeren und Käse. Danach lege ich Maria die Karten, die – wie erwartet – erklären, dass alles nicht so furchtbar ist, wie sie gerade denkt. Sie seufzt schwer: „I know! But I am overthinking all the time!“

Ich kann ihr nur recht geben, mir geht es nicht anders. Auch mein Verstand arbeitet wie auf Speed. Im Gegensatz zu ihr kenne ich dieses Phänomen gut.

Die vollkommene Stille in der Meditation lässt den Wächter, der im normalen Leben dafür sorgt, dass unbewusste Inhalte vom gewöhnlichen Denken ferngehalten werden, zur Seite treten. In diesem Moment öffnet sich in der Seele eine Tür – und Körper und Geist werden schlagartig mit vorher abgespaltenen Emotionen und Bildern überschwemmt. Das ist der Mechanismus, der Meditation zu einem so mächtigen wie gefährlichen Instrument für die seelische Stabilität macht: jeder, der anfängt zu meditieren, muss sich bewusst sein, dass er genau darauf hinarbeitet und, bei entsprechender Disziplin, auch dorthin gelangen wird. Früher oder später wird sich die Tür zum Unbewussten öffnen – und niemand kann ihm sagen, was daraus hervor treten wird.

Maria ist glücklicherweise nicht mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Eine Retraumatisierung durch das plötzliche Aufbrechen abgespaltener Erinnerungen ist eines der Risiken buddhistischer Meditation. Aber die alternativen Perspektiven auf ihre Persönlichkeit und ihren Lebensentwurf, die während der Meditation aufstiegen, sind für Maria schon überwältigend genug.

Das „overthinking“ ist der Versuch des rationalen Geistes, die vorher verdrängten Bilder und Emotionen irgendwie einzufangen und in vertraute Denkmuster zu pressen, um das Selbstbild wieder zu stabilisieren.

Wenn die Meditation intensiv genug war – und das war sie bei uns, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das mit dieser Mini-Praxis zugegangen sein kann – klaffen neue Meditationserfahrungen und alte Konzepte so weit auseinander, dass der Geist geradezu Amok läuft. Ich habe gelernt, mir meine wild jagenden Gedanken freundlich anzusehen und die extremen Trauer-, Unlust- und Bedrohungsgefühle, die diesen Prozess begleiten, geduldig auszuhalten.

Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Übergangsphase ist. Nach einiger Zeit fügt sich der Geist, nimmt die Bilder aus dem Unbewussten an und integriert sie in ein neues Selbst- und Weltverständnis. Am Ende dieses Prozesses findet man sich reifer, authentischer und gelassener wieder.

Bis zum nächsten Retreat: dann geht der Spaß von vorne los…

Energy

I never thought that you can feel the energy of an area. Feels so light and calm…

As we had arrived at the retreathaus at the end of the world, I got out of the car, and immediately felt something that I still do not understand. It was some kind of new feeling. The air was completely different, and despite of the darkness, it was immediately clear how beautiful this place was. The sound of the water calmed me immediately.

I went to bed in anticipation of my first meditation. On Saturday morning I woke up. Katharina was already preparing coffee in the kitchen. Despite the rainy weather, the atmosphere was so warm and cozy.

We spoke about the upcoming day and our plans, and after a while Uriel and Suriyel also appeared in the kitchen. We drank coffee and discussed the upcoming practice, I eagerly wanted to understand how it would all happen, what I would feel and what would change.

The most important thing in this practice is to try to share all the blessings with those around you. Suriyel started preparing, I saw a table with 8 bowls and some offerings and also incense. All this looked rather unusual.

After a few moments, we moved on to practice. In this morning practice, I was only an observer, but even so, I felt so unusual. As if I felt all the energy that surrounds me. Positive energy. Katarina, Suriyel and Uriel hummed the tune. All this happened in Tibetan, which shocked me even more, but fortunately there was an English translation and I managed to understand the text at least a little.

As I said earlier, the whole practice was to share all the good things and make an offering. I watched them and some unknown feeling seized me. They also made quite unusual gestures with their hands, it looked so synchronous and beautiful. I only thought about how calm and good I feel for the first time in a long time.

We finished the practice and talked a bit about what exactly they were doing, I asked a few questions. About why this particular mantra? Why repeat it several times? And so on.

After we finished the Riwo Sangchö we and went shopping and did some renovations during the day.

In the evening we planned the next practice. Suriyel again prepared all the offerings, we went out onto the terrace. Katharina and Suriyel began to chant the mantra, I must say that their voices sound great together. I closed my eyes and tried to focus on the mantra. There were no thoughts in my head. At some point, I realized that it was as if I was going beyond the limits of my body. Maybe that’s how I felt my energy, but I’ve never had that feeling before. It was so light and weightless. And I began to see pictures of the coming future and past. It was only a moment, but it scared me a little.

The only thing that scared me was that I had never experienced anything like this. I felt that there was someone else besides the three of us. And that someone was right behind me. I opened my eyes. I was a little disturbed by what I saw, and after our practice, I was at a loss for words. I sank into my thoughts. Have you thought about how this is possible? See the future and the past like this? And was it true or just my imagination? I needed time to rethink this. I asked Katarina and Suriyel if this is possible? And the answer was positive.

I thought about it all evening, and for a long time I could not sleep. The dreams were very strange.

But the next morning I felt much better, my thoughts were calmer, I was full of energy and I was looking forward repeating the practice. It was a warm sunny day, we went out onto the terrace and here again the voices of Katarina and Suriyel sounded together. I closed my eyes and concentrated on the mantra. I again felt someone’s presence. But I was very calm and good. I felt that I was in the right place.

After that I returned home. At first I was very calm, but after a while, I noticed that I began to think about everything. About the past, present and future. I was warned about this, I knew it was normal. Perhaps this is the study of one’s consciousness. Or an attempt by the subconscious to say something. But this experience is definitely unusual and necessary. All this surprised me in a good way. I began to see Buddha statues everywhere, which had never happened to me before. Perhaps this is a sign that I’m on the right track.

Löcher

Im Retreathaus am Ende der Welt bleibt nach unseren magischen Vajrayana-Tagen noch viel zu tun…

Nachdem wir mit der „Grünen Tara“ durch sind, packt Suriyel sein Ritual-Equipment in einen Werkzeugkoffer und verschwindet nach oben. In den Gästezimmern warten Regalbretter darauf, an die Wand gedübelt zu werden. Ich putze währenddessen die Küche und kehre einmal durch.

Kaum bin ich fertig, hüpft auch schon der kleine weiße Hund durch die Küchentür. Er begrüßt mich, als hätte er gerade eine Altantiküberquerung auf einem Einhandsegler überlebt. Dabei hat er einfach nur mit Uriel eine Nacht bei Freunden verbracht. Nachdem ich ihn mit angemessener Begeisterung in Empfang genommen habe, machen wir uns auf die Suche nach seinem Herrchen.

Wir finden Uriel zusammen mit Suriyel im historischen Pferdestall. Der Hausherr inspiziert gerade, was wir während seiner Abwesenheit getrieben haben. Die Elektrik ist fertig, das ist die gute Nachricht. Ich war weniger erfolgreich, mehr als ein Drittel des Pferdestalls habe ich bei meiner sonntäglichen Streichaktion nicht geschafft. Und zu allem Unglück habe ich ordentlich Putz von der historischen Gewölbedecke geholt. In regelmäßigen Abständen sind Brocken davon an der Farbrolle kleben geblieben.

Der Pferdestall ist sanierungstechnisch eine Herausforderung: Wände und Decke sind imprägniert mit den Ausdünstungen des Viehs, dass hier über die Jahrhunderte gehalten wurde. Und noch dazu fließt unter dem Fundament des Stalls der Fluss hindurch, das Gebäude ist feucht. Deshalb hat Uriel von Profis einen teuren Spezialputz auftragen lassen – und jetzt das!

Ich drücke meine Erleichterung darüber aus, dass es nicht an mir ist, eine Lösung für dieses Problem zu finden – von Altbausanierung habe ich keine Ahnung – und laufe noch einmal ins Retreathaus, um meinen Rucksack aus dem Zimmer zu holen. Während ich ihn mir über die Schulter werfe, sehe ich zu meiner Freude, dass Suriyel den Handtuchhalter an die Wand gedübelt hat. Das ist ein echtes Improvement: bisher wusste ich nie, wohin mit meinem Handtuch, wenn ich mir am Waschbecken die Hände wusch.

Zurück auf dem Hof, packe ich meinen Rucksack in den Kofferraum. Während die beiden Erzengel mit gefurchten Stirnen Sanierungsfragen diskutieren, spielen der kleine weiße Hund und ich auf dem Rasenstück vor dem Pferdestall Fussball.

Ich bin gelassen: Früher oder später wird sich der historische Pferdestall in einen phantastischen Seminarraum verwandeln. Dann können bis zu vierzig Leute hier gleichzeitig an Retreats teilnehmen. Ich freue mich schon darauf – und nicht nur wegen des ausgesuchten Programms, das Uriel plant. Die westliche Tantra-Szene ist international: das Retreathaus am Ende der Welt wird bald Besuch aus allen Ecken Europas und Amerikas bekommen. Viele herzliche Begegnungen warten auf uns, wir werden neue Freunde finden, spannende Geschichten hören und ganz sicher Aufregendes erleben.

Grüne Tara

Ich lerne die Tantra-Praxis der Grünen Tara kennen und bekomme eine perfekte Meditation im Paradies geschenkt.

Nach dem Riwo Sangchö machen wir Pause. Ich habe gerade eine Dreiviertelstunde im Lotossitz hinter mir und gleich wird es weiter gehen: in der „Kurzvariante für Westler“ – hat mir Suriyel erklärt – dauert die Grüne Tara etwa eine Stunde. Ohne Unterbrechung zwei Praktiken schmerzfrei in Meditationshaltung durchzusitzen, ist uns beiden nicht gegeben. Ich hüpfe auf der Terrasse herum und lockere meine Muskulatur wie ein Sprinter kurz vor dem Startschuss zum Hundert-Meter-Lauf. Auch stilles Meditieren kann eine sportliche Herausforderung sein.

Suriyel holt währenddessen die große weiße Muschel aus der Küche, stellt sich an den Weiher und bläst hinein, dass es nur so dröhnt. Es soll kein Wesen, Geist, Gnom, Wolf, Luchs, Gott – oder was auch immer am Retreathaus lebt – sagen können, es oder er hätte nichts davon gewusst, dass hier und jetzt die Praxis der Grünen Tara dargeboten wird.

Ich habe noch nie eine „Tara-Praxis“ erlebt. Dabei ist sie populär: Suriyel ist nicht das einzige Mitglied unserer Sangha, der seine Hauptmeditation dem weiblichen Buddha Tara widmet.

Der Legende nach inkarnierte einst ein Bodhisattva im Körper der Prinzessin Tara. Sie widmete ihr Leben der Befreiung aller leidenden Wesen, um für diese und sich selbst Erleuchtung zu erlangen. Ein Mönch machte sich über sie lustig: als Frau könne sie sich noch so anstrengen, Erleuchtung gäbe es trotzdem keine für sie. Aber wenn sie sich weiterhin so verausgabe, würde ihr im nächsten Leben zumindest eine Wiedergeburt als Mann geschenkt werden, in dessen Körper sie dann erleuchtet werden könne. Daraufhin schwor Tara, von nun an nur noch in weiblichen Körpern zu inkarnieren und in dieser Form die Erleuchtung zu erlangen.

Sie gilt als „Mutter der Befreiung“ und ist eine Inspiration für männliche wie weibliche Praktizierende.

Tara wird in einundzwanzig verschiedenen Aspekten verehrt, für die es jeweils eigene Meditationspraktiken gibt. Die „Weiße Tara“ steht für ein langes Leben. Wer die „Rote Tara“ erfolgreich praktiziert, zieht auf magnetische Weise hilfreiche Wesen an. Die „Gelbe Tara“ vermehrt Gutes, die Praxis der „Blauen Tara“ beseitigt Hindernisse…

Suriyels „grüne Tara“ ist die „Hauptform“ in der alle anderen einundzwanzig Emanationen enthalten sind. Sie repräsentiert den aktiven Aspekt des Mitgefühls und eilt herbei, wenn jemand in Not ist.

Unsere Pause ist vorbei. Suriyel bringt die Muschel auf ihren Platz in der Küche zurück, zündet ein frisches Räucherstäbchen auf dem kleinen Schreintisch an und legt sich den Text bereit. Ich setze mich neben ihn auf die Bank, die Beine übereinandergeschlagen, und freue mich, dass nichts von mir erwartet wird. Ich kann – ohne Text – nicht mal mitlesen. Das stört mich kein bisschen, einfach nur DA-Sein zu dürfen, ist auch eine schöne Sache. Und noch dazu an einem so wunderbaren Tag wie diesem.

Suriyel rezitiert und singt auf Tibetisch, ich sitze still daneben und höre ihm zu, während der Wind mit meinen Haaren spielt. Die warme Frühlingssonne lässt alles leuchten. Der Duft des Räucherstäbchens mischt sich mit den vielfältigen Gerüchen der erwachenden Natur. Hinter uns rauscht der Bach die Hauswand entlang, vor uns singen die Vögel in den Obstbäumen, auf dem Weiher neben der Terrasse quaken ein paar Enten.

Während Suriyel praktiziert, wird es stiller und stiller um uns. Es ist diese spezielle Qualität von Stille, die greifbar wird, wenn der Geist in der Meditation vollkommend zur Ruhe kommt. Ich spüre, wie alles in mir zu fließen beginnt. Es fühlt sich an, als würde ich mich auflösen. Zu meinem Erstaunen kommen mir die Tränen: etwas – von dem ich nicht sagen kann, was es ist – berührt mich zutiefst.

Suriyel rezitiert und singt, ich sitze und atme – eine Stunde lang. Als er den letzten Textstreifen zurücklegt, fällt es mir schwer, diesen Zustand vollkommenen Friedens wieder zu verlassen. Wir bedanken uns beieinander: was hatten wir doch für eine schöne Praxis! Und auch noch an einem so wunderbaren Ort!

Und damit ist unser Vajrayana-Wochenende beendet…

Spuren

Irgendetwas hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz vor Mitternacht ist. Unter dem Fenster rauscht monoton der Bach, ansonsten herrscht nächtliche Stille um das Retreathaus am Ende der Welt.

Während ich in den Schlaf gleite, dringen auf einmal seltsame Laute an mein Ohr. Ich schrecke hoch. Dass war das Geräusch, das mich geweckt hat! Aus dem Wald erklingt in regelmäßigen Abständen der Ruf eines Vogels. Es ist ein seltsamer Gesang, ich habe ihn noch nie gehört. Ein monotones, leicht singendes „Ah-ah-ah“. Die Laute erinnern an eine Krähe, aber das ist kein Krächzen, es ist ein melodischer langgezogener Klang. Was kann das nur für ein Nachtvogel sein? Dem melancholisch klagenden Rufen lauschend, schlafe ich wieder ein.

In dieser Nacht finde ich mich in meinen Träumen ein ums andere Mal in einem großen Haus wieder. Alle Türen stehen weit offen, seltsame Gestalten wandern ein und aus: Geister und Gnome geben sich ein Stelldichein, hungrige Wesen mit riesigen Mündern und langen dürren Hälsen hausen im Keller, eine schmale Gestalt kriecht auf hundert Beinen durch den Schornstein, das tropfende Wasserwesen mit dem Pferdekopf schaut zum Fenster herein. Irgendwann landet ein riesiger schwarzer Vogel auf dem Dachfirst, hebt den Kopf und singt melodisch „Ah-ah-ah“…

Als ich am Morgen in die Küche stolpere und die Kaffemaschine anschalte, bin ich unausgeschlafen und konfus. Es ist erst mein vierter – und letzter – Tag im Retreathaus am Ende der Welt, aber es kommt mir vor, als wäre ich schon seit vier Jahren hier.

Die dampfende Kaffeetasse neben dem Laptop, schreibe ich meinen Blogtext. Als ich am letzten Absatz feile, kommt Suriyel in die Küche. Ob er heute Nacht auch diesen seltsamen Vogel gehört hat, frage ich ihn. Nein, er schlafe bei geschlossenem Fenster und hätte nichts mitbekommen. Der Vogel beschäftigt mich. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, beschließe ich, werde ich herauszufinden versuchen, was für ein Tier es war, das ich heute Nacht im Wald habe rufen hören.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für unser letztes Riwo Sangchö vor. Ich folge ihm ins Freie und sehe den Weiher, auf dem ein paar Enten paddeln. Daneben gelben Löwenzahn, der im Frühlingsgrün der Wiese von der warmen Morgensonne beschienen wird – und sonst nichts. Keine Geister, Gnome, Drachen, hungrige Wesen – einfach nur friedliche Natur im Sonnenschein.

Erleichtert will ich auf der Bank Platz nehmen – und starre verblüfft auf die Sitzfläche. Was sind das für seltsame Pfotenabdrücke, die von einem Ende der Bank zum anderen führen? Auf den weißen Sitzkissen sind sie noch besser zu erkennen, als auf der Plastikoberfläche. Irgend ein Tier mit schmutzigen Pfoten ist heute Nacht über die Bank gelaufen. Für eine Katze sind die Abdrücke viel zu groß. Ein Fuchs oder ein Hund? Aber dann müssten die Krallen zu sehen sein, Füchse und Hunde können sie nicht – wie Katzen – einziehen. Das einzige Tier, zu dem Größe und Form passen würden, ist ein Luchs. Kann es wirklich sein, dass heute Nacht ein Luchs hier auf der Terrasse war? Was für ein verrückter Gedanke!

Ich drehe das schmutzige Sitzkissen mit den seltsamen Pfotenabdrücken um, lasse mich darauf nieder und begleite Suriyel durch ein perfekt schönes, absolut geisterfreies Riwo Sangchö. Wer weiß, wen wir heute füttern?

Chenrezig – zwei

Ich erhole mich – zumindest ein bisschen – von der Meditation, reflektiere über ein schräges Versprechen zur Tantra-Praxis und erfahre Neues über Regeln im Vajrayana.

Unter der Dusche rubble ich mir so gut als möglich die Farbspritzer von Gesicht, Armen und Händen.

Nach der Pflicht kommt die Kür, ich darf wieder kochen. Die Lasagne-Nudeln, die ich aus meinem vergangenen Leben mit nach Leipzig gebracht hatte, sind bio und glutenfrei – und schon kurz vor dem Ende des Ablaufdatums. Es handelt sich um eine 250-Gramm-Packung, deshalb trifft es sich gut, dass wir heute Abend nur zu zweit sind.

Weil Suriyel und ich beide kein Fleisch essen, fülle ich die Nudeln mit Spinat-Ricotta-Creme. Die Tomatensoße möchte ich „Aurora“ kochen – in der „Morgenröte“-Variante, gebunden mit einer Bechamelsauce. Dummerweise bin ich immer noch so konfus, dass ich das Mehl in der fremden Küche nicht finden kann. Suriyel muss mich wieder retten – ich stand ein weiteres Mal direkt davor, stellt sich heraus, ohne gesehen zu haben, was ich suche. Gleichzeitig metaphysische Wesen im Bardo und banalen Alltagskram zu registrieren, scheint mein Gehirn zu überfordern.

Während ich Parmesan reibe, Salat wasche, die Einbrenne rühre und den Knoblauch hacke, werfe ich immer wieder einen Blick durch das Küchenfenster in den Garten hinaus. Keine halbtransparenten Wesen weit und breit, stelle ich erleichtert fest. Wenn ich Glück habe, lässt der Effekt langsam nach.

Es wäre schade, bei dem schönen Wetter in der Küche zu essen, beschließen wir beide. Die Teller mit der heißen Lasagne auf den Knien balancierend, sitzen wir in der Abendsonne auf der Bank und diskutieren das weitere Programm. Ich wünsche mir zum Tagesabschluss die „Grüne Tara“ von Suriyel.

Das wäre heute nicht möglich, erklärt er mir, er hätte Eier gegessen. Ich bin verblüfft: Was ist das für ein Argument? Doch, doch, so wäre es festgelegt: vor der Praxis seien keine Eier, kein Alkohol, kein Fleisch und auch keine Zwiebeln erlaubt. Das läge an den indischen Wurzeln der „Grünen Tara“, und Regel sei Regel. Richtig! Er ist „Suriyel“, der Erzengel, der über die Einhaltung der göttlichen Gebote wacht.

Wir könnten die „Grüne Tara“ morgen statt Riwo Sangchö machen, schlägt er vor. Ich wiederspreche vehement: „Wir müssen Riwo Sangchö machen!“ „Müssen tun wir garnichts“, kommt es zurück. Ich winde mich: ich kann ihm nicht sagen, dass ich vor gerade mal drei Stunden einer Schar halbtransparenter Wesen versprochen habe, dass wir morgen Riwo Sangchö machen werden. Wie bescheuert klingt das denn?

Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich unüberlegt ein Versprechen gegeben habe, für dessen Einhaltung ich auf jemand anderen angewiesen bin. „Aber die warten doch…“, stottere ich.

Außerdem war es ungehörig, ist mir in diesem Moment bewusst geworden, Riwo Sangchö zu versprechen, ohne vorher Suriyels Zustimmung eingeholt zu haben. Aber, denke ich mir, wie, bitte, hätte ich ihn fragen sollen? „Hey, da steht gerade eine ganze Sammlung Naturgeister und verlorener Seelen vor dem Pferdestall, die gerne regelmäßig Riwo Sangchö von uns hätten. Ist es in Ordnung für Dich, wenn ich zusage?“ Haha…

„Dann machen wir heute Abend Chenrezig und morgen früh erst Riwo Sangchö und dann Grüne Tara“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert auf. Das klingt nach der perfekten Lösung! Was er sich bei der ganzen Sache denkt, behält er für sich…

Pünktlich zum Sonnenuntergang praktiziert Suriyel Chrenrezig. Wieder verströmt der weiße Buddha, beschienen von mildem Mondschein, unendliches Mitgefühl für alle leidenden Wesen, während aus der Dunkelheit die Schreie des Pfaus über den Weiher schallen.

Ich bin inzwischen mit einigen der leidenden Wesen, für die er seine Praxis macht, näher bekannt. Was ich Suriyel nicht erzähle. Was würde er von mir denken?

Experience

Ich schlage mich mit den Nebenwirkungen intensiver Meditation herum und verbringe, dank buddhistischem Tantra, einen magischen Nachmittag.

Als ich in der immer noch feuchten Jogginghose und Uriels ausgewaschenem T-Shirt vor die Haustür in die warme Sonne trete, geht es schon auf Mittag zu. Zwei Fahrradfahrer radeln gerade, miteinander plaudernd, an der Gartenhecke vorbei. Ich sehe ihnen nach, wie sie hinter der Kurve verschwinden. Jetzt ist nur noch das Rauschen des Flusses und das Singen der Vögel in den Bäumen zu hören.

Ich laufe die Treppe zum Hof hinunter. Kaum stehe ich auf dem Pflaster, kommen mir die kleinen Gnome entgegen gehüpft, die ich eben noch vor der Terrasse „gesehen“ hatte. Ihre halbtransparenten Körper umkreisen mich, sie kommen mir vor wie aufgeregte Kinder. Ich verdrehe innerlich die Augen und sende eine Kurznachricht an mein Gehirn: „Hallo! Es reicht jetzt!“

Seit ich angefangen habe zu meditieren, schlage ich mich in regelmäßigen Abständen mit visuellen Erscheinungen herum. Dafür muss ich keine weißen Buddhas auf Lotosblüten imaginieren, das bringt mein Gehirn auch in der Achtsamkeitsmeditation des stocknüchternen Zen zustande.

Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Zen-Retreat vor vielen Jahren: kaum war ich wieder Zuhause, wurde ich unerwartet mit Halluzinationen konfrontiert, die es mit jedem LSD-Trip aufnehmen konnten. Die Wiese, an der ich entlanglief, leuchtete mit einem Mal violett, die Birken am Wegesrand strahlten neonweiß, der Himmel färbte sich dunkelgrün. Dazu hörte ich Hallgeräusche, es klang, als stünde ich in einem Tunnel. Es dauerte satte zwei Stunden, bis mein Gehirn alle Sinnesreize wieder nach Vorschrift verarbeitete. Glücklicherweise hatte ich zuvor gelesen, dass so etwas durch das Meditieren passieren konnte. Gruselig fand ich es trotzdem.

Als ich während des nächsten Retreats dem Meditationslehrer von diesen Halluzinationen erzählte, erklärte er mir, ich solle es als Information nehmen, dass meine Praxis Wirkung zeige: die neuronalen Verbindungen meines Gehirns würden sich neu verschalten und die visuellen und akustischen Störungen wären einfach eine Begleiterscheinung dieses Prozesses. Das wichtigste, schärfte er mir ein, wäre, nicht auf die Bilder anzuspringen. „Mach keine Story draus,“ erklärte er mir, „weder im positiven noch im negativen Sinne, schau dir an, was immer es ist und lass es wieder gehen.“

Ich rufe mir seinen Rat ins Gedächtnis zurück und versuche keine Geschichten über die vergnügt um mich herumhüpfenden, winkenden und lachenden Wesen herbeizuphantasieren. Wenn ich mich auf meinen Atem fokussiere, schaffe ich es sogar, keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Ich kann es mir trotzdem nicht verkneifen, festzustellen, dass sie enttäuscht aussehen, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. „Himmel!“, fahre ich mich innerlich an, „Reiße Dich jetzt zusammen!“

Uriel hat mir, bevor er aufbrach, erklärt, im Pferdestall stünde alles für meine Streichaktion bereit. Weil ich so konfus bin, dass ich nicht mal die Farbe finde, muss ich Suriyel holen, der seine Elektrikerarbeiten abgeschlossen hat und heute im Retreathaus beschäftigt ist. Er stellt fest, dass die Eimer mit der Wandfarbe in den großen Kartons stecken, die in einer Ecke gestappelt sind, hilft mir, die Farbe anzurühren und verlässt mich wieder.

Ich kopple mein Handy an die kleine Soundbar, die Uriel gestern für Maria in den Stall gebracht hat – zum Dank dafür wurde er den ganzen Nachmittag mit Latino-Hip-Hop beschallt – und probiere ein bisschen rum, bis ich was finde, das meinen nervösen Geist besänftigt. Beethoven stört, stelle ich fest, aber „Experience“ von Ludovico Enaudi passt super.

Begleitet von sphärischen Klängen beginne ich zu streichen und kippe mir, beim Versuch den Maleimer oben auf der Leiter festzuklemmen, fast sofort einen ordentlichen Schwall Farbe über Oberkörper und Beine. Ich starre auf den weißen See zu meinen Füßen und überlege kurz, ob jetzt der richtige Moment gekommen ist, in Tränen auszubrechen. Ich entscheide mich dagegen – ich bin groß – stelle den Eimer zurück auf den Boden, wische den Farbkleks notdürftig auf und versuche mich zu fokussieren: dieser Atemzug, diese Bewegung, dieser Schritt… Monoton bewegt sich die Farbrolle auf und ab, ich spüre, wie ich mich entspanne.

Während ich, vor dem Eimer stehend, die Rolle in den weißen Brei tauche, wandert mein Blick gedankenverloren zur hinteren Glastür. Ich zucke zurück: da starrt mich etwas an! Völlig konfus starre ich zurück. Das seltsame Wesen ist groß und hat einen langen dünnen Hals, Hängeohren, riesige Augen in einer Art Pferdekopf und scheint zu fließen. Die Konturen seines Körpers wabern, es wirkt, als würde es aus Wasser bestehen. Und es tropft vor sich hin, exakt im selben Rhythmus wie die Wandfarbe von meiner Malerrolle, die ich – in der Bewegung erstarrt – über den Eimer halte. Ich kneife die Augen zusammen, öffne sie wieder: kein Zweifel! Da steht eine vor sich hin tropfende Kreatur mit Pferdekopf und Giraffenhals, die mich neugierig betrachtet.

Ich drehe mich um und werfe einen Blick zur vorderen Glastür, die zum Hof führt. An ihrer Scheibe drücken sich gerade drei von den Gnomen die Nasen platt. Als sie sehen, dass ich sie in den Blick nehme, winken sie mir begeistert lachend zu.

„Sieh es ein“, spricht auf einmal meine innere Stimme zu mir. „Du wirst sie nicht so schnell los werden! Du hast nur die Wahl, Dir von ihnen den Tag verderben zu lassen, oder Dich an ihnen zu erfreuen.“

Ich betrachte erst das Wasserwesen, das gerade den Kopf dreht, um mich aus seinem linken Auge besser in den Blick nehmen zu können, dann die vergnügt Grimassen ziehenden Gnome. Meine innere Stimme hat recht: wenn ich den Fakt beiseite lasse, dass es das, was ich da gerade sehe, nicht geben kann, ist es einfach nur bezaubernd!

Ich winke erst den Gnomen, dann der vor sich hin tropfenden Gestalt zu, schalte am Handy von Neoklassik auf Punkrock um, drehe den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und verbringe einen ziemlich schrägen – und sehr entspannten – Nachmittag in den ehrwürdigen Gewölben des historischen Pferdestalls.

Während ich um die schmalen Fenster herummale, winken mir von draußen all die Gestalten zu, die wir gestern und heute während Riwo Sangchö gefüttert haben. Manche haben dürre Hälse und kleine Köpfe, andere Flügel und Segelohren, die einen sind winzig klein, die anderen riesig groß – aber alle sind sie freundlich und vergnügt. Und dankbar dafür, dass wir sie so gut gefüttert haben.

Irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich mich mit ihnen unterhalte. Das erstaunt mich, ich bin visuell – ich „sehe“ zwar detailiert, aber das einzige, was ich normalerweise „höre“ sind Halleffekte. Jetzt geht es auf einmal wie von selbst.

Vielstimmig und in allen Tonlagen wird mir erklärt, wie glücklich alle darüber sind, uns zu Besuch zu haben und vor allem, wie begeistert sie von unserer Praxis sind! Ich möchte mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. „Es ist nicht mein Verdienst“, erkläre ich, während ich versuche, die Decke zu streichen, ohne den halben Putz dabei mitzunehmen, „ich sitze nur dabei, es ist Suriyel, der die Arbeit macht.“

Sie scheinen nicht nach Leistung zu differenzieren, ich werde weiter ausführlich gelobt und bekomme in allen Variationen erzählt, wie glücklich sie über uns wären. Am späten Nachmittag, als meine Arme müde sind und Blasen meine Finger zieren, ertappe ich mich dabei, dass ich ihnen doch tatsächlich verspreche, wir würden das jetzt regelmäßig machen.

In dem Moment bekomme ich eine Textnachricht von Uriel: Wie es denn laufen würde, bei mir?

„Ich wollte immer schon mal auf LSD einen historischen Pferdestall streichen“, schreibe ich zurück. „Stand noch auf meiner Lebens-To-Do-Liste! Dank Dir kann ich jetzt ein Häckchen dahinter machen…“

Während ich die Farbrollen einweiche und den Deckel auf den Eimer drücke, malt die späte Nachmittagssonne helle Kringel an die frisch gestrichenen Wände. Er wird schön werden, der neue Seminarraum – geradezu magisch…

Euphorie

Ich lege Tarot, bekomme eine interessante Meditations-Augendiagnose verpasst und darf – Dank Suriyels Riwo Sangchö-Rauchopfer aus dem tibetischen Buddhismus – an einem magischen Happening teilnehmen.

Am Sonntagmorgen weckt mich Vogelgesang. Im Bett sitzend, werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Der Weiher glänzt in der frühen Morgensonne. Ein paar Enten paddeln darauf herum, ich höre sie quaken, während ich mich anziehe.

Um sieben Uhr früh stehe ich in der Küche. Ich bin die Erste, die wach ist, stelle ich zu meiner Erleichterung fest. Der Blogtext für morgen muss in den nächsten zwei Stunden geschrieben werden, tagsüber werde ich keine Zeit finden. Dafür brauche ich Ruhe. Bevor ich anfange zu arbeiten, schalte ich Uriels ehrwürdige Jura-Kaffeemaschine an. Jetzt ist Konzentration gefordert, sie ist von sensiblem Gemüt – ein unachtsamer Handgriff und ich kann meinen Morgenkaffee vergessen! Mit angehaltenem Atem befolge ich die Anweisungen auf dem Display und hole erst wieder Luft, als der braune Kaffeestrahl in die Tasse läuft. Geschafft!

Ich bin schon im letzten Drittel des Textes angekommen, als nach und nach die anderen in die Küche einlaufen. Suriyel in seinem üblichen Gleichmut und im Pyama, Maria komplett angezogen, dafür in aufgelöstem Zustand. Sie hätte seltsames geträumt! Da ist sie nicht die einzige, mir ging es nicht anders. Suriyel setzt sich mit seinem Kaffee zu uns an den Tisch. Ihm wäre es genauso gegangen, erzählt er uns. Es wäre immer das selbe: in seinen Nächten im Retreathaus am Ende der Welt hätte er die wildesten Träume.

Ich schreibe den Blogtext zu Ende und lege gleichzeitig Maria die Karten. Multitasking gehört nicht zu meinen Stärken, aber sie möchte so dringend wissen, was der seltsame Traum zu bedeuten hat, dass sich die Sache nicht auf später verschieben lässt. Suriyel verschwindet dezent nach oben – Kartenlegen ist eine intime Sache – dafür taucht, kaum ist er zur einen Tür hinaus, durch die andere der kleine weiße Hund auf und möchte begrüßt und gestreichelt werden. Kurz darauf gefolgt von Uriel, der etwas derangiert aussieht. Er hätte aber auch wildes Zeug geträumt, heute Nacht, erzählt er uns, während im Hintergrund die alte Jura-Maschine krachend Kaffeebohnen mahlt.

Ich fotographiere Marias Legung und schicke ihr die Bilder per Whatsapp samt der Info, die Interpretation würde ich später per Sprachnachricht liefern. Für ein entspanntes Kartenlegen ist hier gerade zu viel Betrieb. Maria wird uns nach Riwo Sangchö verlassen, am Abend wartet in Leipzig eine Geburtstagsparty auf sie. Auch Uriel hat gesellschaftliche Verpflichtungen, er muss – samt Hund – schon vor dem Morgenritual aufbrechen. Bis zum Mittag des nächsten Tages wäre er wieder zurück, meint er. Bevor er verschwindet, schaut er mir tief in die Augen: ich hätte wieder diesen wahnsinnigen Blick, wie er ihn von mir eigentlich nur während Retreats kennen würde! Ich solle bloß aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird! Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich über den „wahnsinnigen Blick“ ärgern, oder ob seiner Fürsorge gerührt sein soll…

Allerdings hat er mit seiner „Augen-Diagnose“ ich wäre gerade gaga, recht. Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich Suriyel, der alles für unser morgendliches Riwo Sangchö vorbereitet – und vor ihm auf der Wiese im warmen Licht der Vormittagssonne eine Ansammlung wild herumtollender halbtransparente Gestalten. Sie reichen ihm bis zur Hüfte. „Himmel hilf!“, denke ich mir, „Geht das schon wieder los?“ Ich verkneife mir die Frage, ob Suriyel die muntere Schar ebenfalls sieht, versuche die seltsamen Wesen, die sich keine zwei Meter vor uns aufreihen, zu ignorieren und nehme so würdevoll, wie es mir in meinem aktuellen Zustand möglich ist, vor dem Schreintischen Platz.

Maria setzt sich auf einen der Gartenstühle, Suriyel entzündet Kerze und Räucherstäbchen und dann fangen wir an.

Die seltsamen Gnome, Wichtel, Klabautermänner what´s ever – waren nur die Vorhut, stelle ich fest. Kaum schwingt Suriyel das erste Mal die Glocke, ist die Wiese voll. In allen Größen, Formen und Variationen haben sich wieder die gleichen halbtransparenten Gestalten wie gestern eingefunden. Es hat was von Open Air, denke ich mir, während ich, den Blick auf den Text, den ich gemeinsam mit Suriyel rezitiere und singe, gleichzeitig mit meinem hyperaktiv delierenden „Dritten Auge“ das Szenario vor uns betrachte. Als wären wir eine Band auf einer Bühne und vor uns stehen die begeisterten Fans. Und begeistert sind sie, mir fällt kein anderes Wort dafür ein.

Als wir beim Speiseopfer angelangt sind und Suriyel einen Löffel von der Mehl-Zucker-Butter-Mischung über die Räucherkohle in dem kleinen Tongefäß kippt, setzt unser Publikum noch eins drauf: jetzt hat es was von Woodstock, denke ich mir. So viel Euphorie muss man erst mal zustande bringen!

Während ich das bizarre Szenario vor mir beobachte, nehme ich gleichzeitig die friedliche Stille um uns war: hinter uns rauscht der Bach, in den Bäumen singen Vögel, ab und zu klingt das Quaken der Enten vom Weiher zu uns herüber. Eine leichte Brise spielt mit meinen Haaren und weht mir ein paar Strähnen ins Gesicht. Ich sitze in Meditationshaltung neben Suriyel auf der Bank, höre ihn und mich, betrachte die euphorische Geisterschar und spüre gleichzeitig die vollkommene Stille um uns. Das Szenario ist vollkommend verrückt – und gleichzeitig wahnsinnig schön.

Als wir zu Ende sind, sehe ich den kleinen Gnomen nach, die vergnügt über die Wiese davon hüpfen. Ich bin richtig neben der Spur! Eigentlich müsste ich erneut schlafen, um mein Gehirn in die Balance zu bringen. Aber ich kann nicht schon wieder kneifen! Während Suriyel Maria zum Bahnhof fährt, ziehe ich in meinem Zimmer die immer noch feuchte Malerkluft über. Ein kompletter historischer Pferdestall wartet darauf, von mir gestrichen zu werden!

Chenrezig

Suriyel führt Maria und mich in Chenrezig ein – der buddhistischen Meditations-Praxis des unbegrenzten Mitgefühls…

Ich kippe einen Schuss Weißwein ins Risotto und rühre andächtig um. Der Duft von Steinpilzen und dampfendem Wein zieht durch das Retreathaus. Ich bin glücklich: endlich darf ich wieder kochen!

Bevor wir hierher aufbrachen, kramte ich in meinem Untermietzimmer die Lebensmitteln hervor, die ich aus meiner zurückgelassenen Vergangenheit nach Leipzig gebracht und nie verwendet hatte. Die Campingküche meiner verwunschenen Behausung ist selbst für ein simples Risotto zu unwirtlich. Uriels Einladung ins Retreathaus ans Ende der Welt kam gerade noch rechtzeitig, stellte ich fest, als ich das Ablaufdatum auf den Packungen kontrollierte.

Den Nachmittag über waren wir im Pferdestall beschäftigt gewesen. Suriyel montierte Steckdosen, Maria und Uriel trugen die Grundierung für den Farbanstrich am nächsten Tag auf. Nach meiner wenig eleganten Landung im Bach war meine Malerkluft triefnass, mein Beitrag beschränkte sich deshalb auf das Abkleben der Fenster und Türen.

Zum Ausgleich koche ich. Das erfreut nicht nur mich, sondern auch die anderen. Maria bereitet den Salat, dann sitzen wir um den Tisch, essen, plaudern und haben es gemütlich. Auf einmal wird mir bewusst, dass wir gerade gemeinsam damit beschäftigt sind, die letzten Reste meines alten Lebens zu verspeisen! Heute ist einfach ein komplett schräger Tag…

Nach dem Abendessen verabschiedet sich Uriel samt seinem Hund, sie haben etwas zu erledigen. Für uns andere drei ist der Tag ebenfalls nicht abgeschlossen, es fehlt noch der letzte Programmpunkt: Chenrezig.

Es wäre ein wunderbares Anfänger-Ritual, erklärt uns Suriyel, und die allererste Praxis, die er selbst gelernt habe. Er bereitet auf der Terrasse ein weiteres Mal den kleinen Schreintisch vor. Maria und ich sehen ihm dabei zu, wie er vorsichtig Wasser in die kleinen Metallschälchen füllt und Kerze und Räucherstäbchen anzündet. Die Tonschale brauchen wir diesmal nicht, Chenrezig – die Praxis des grenzenlosen Mitgefühls – kommt ohne Speiseopfer aus.

„Chenrezig“ ist der tibetische Name von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls, der die Klagen aller leidenden Wesen vernimmt und ihnen zur Hilfe kommt. Es gibt eine wunderbare Sage über ihn: er wäre einst ein Prinz gewesen, der das Gelübde abgelegt habe, allen Wesen Beistand zu ihrer Befreiung zu leisten. Sollte er darin nachlassen, hatte er geschworen, wolle er in tausend Stücke zerspringen. Er begab sich ins Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – und befreite alle Wesen – Geister, Dämonen, Menschen, Tiere, Götter – die er finden konnte, von ihrem Leid. Als er sich nach einiger Zeit umblickte, sah er, dass unendlich viele neue leidende Wesen nachgekommen waren, die ebenfalls von ihm erlöst werden wollten. Er zweifelte für einen Augenblick daran, dass es ihm gelingen würde, sein Gelübde zu erfüllen – und zersprang in tausend Stücke. Glücklicherweise gelang es Amitabha – dem Buddha der unterscheidenden Weisheit – Avalokiteshvara wieder zusammenzusetzen. Weil er gerade dabei war, gab er ihm tausend Arme, in deren Handflächen jeweils ein Auge sitzt und dazu noch elf Köpfe. Damit konnte Avalokiteshvara sein Gelübde viel effektiver erfüllen als in seiner alten menschlichen Gestalt.

Avalokiteshvaras Mantra „Om ma ni padme hung“ – das „Mantra des Mitgefühls“ – ist eines der ältesten und bekanntesten im Buddhismus.

Auch ich habe eine persönliche Beziehung zu Avalokiteshvara. Er wird zu Beginn des „Herz-Sutra“, einem der zentralen Texte des Mahayana-Buddhismus – und damit auch im Zen – angerufen. Am Ende jeder Morgen-Meditation rezitiere ich deshalb – Tagein, Tagaus – mit meiner Online-Sangha: „Avalokiteshvara, im Zustand der tiefen transzendenten Weisheit, erkannte, dass alle fünf Skandas leer sind und überwand so alles Leiden…“

Aber jetzt sind wir nicht im Zen – Maria hat sich gegen „stumm auf dem Kissen sitzen und an nichts denken“ entschieden – wir praktizieren hier Vajrayana. Besser gesagt: Suriyel praktiziert und Maria und ich sehen ihm dabei zu. Vorher erklärt er uns noch, worum es dem Prinzip nach geht. Die Chenrezig-Praxis helfe, erfolgreich den Weg eines Bodhisattvas zu gehen, indem sie die Fähigkeit kultiviere, Mitgefühl mit allen leidenden Wesen zu empfinden. Die Basis dafür ist die Identifikation mit dem Bodhisattva. Nach der Eingangsrezitation sollen wir deshalb auf Kopfhöhe vor uns Chenrezig – Avalokiteshvara auf Tibetisch – als weißen, in einem Lotos sitzender Buddha visualisieren, hinter dem der volle Mond leuchtet. In dieser Praxis hat er nur vier Arme, keine tausend. Während der Visualisierung solle wir bewusst das tiefe liebende Mitgefühl für alle leidenden Wesen spüren, dass die leuchtende Gestalt vor uns verströmt.

Es ist inzwischen dunkel geworden. Sanft flackert das Licht der kleinen Kerze auf der überdachten Terrasse. Vom rauschenden Bach an der Hauswand kriecht kühle Feuchtigkeit zu uns.

Suriyel beginnt erst zu rezitieren und dann zu singen. Ich senke den Blick – die Augen halb geöffnet – und konzentriere mich auf mein „drittes Auge“ oberhalb meiner Nasenwurzel. In der Dunkelheit erscheint, über der Wiese schwebend, eine weiß flouriszierende Gestalt. Der Buddha sitzt, die Beine übereinander geschlagen, auf einer großen Lotosblüte. Hinter ihm strahlt in milchigem Licht der volle Mond. Ich konzentriere mich darauf, sein Mitgefühl zu spüren. Es fällt mir nicht schwer: Suriyel verströmt es während seiner Meditation in einer Intensität, dass ich keine großartige Imagination brauche, um damit in Berührung zu kommen.

In Suriyels Gesang hinein schallen aus der Dunkelheit die schrillen Rufe eines Pfaus. Er lebt auf dem Nachbargut, ich habe ihn schon öfter gehört. Aber jetzt, in dieser feierlichen nächtlichen Stille, kommt es mir vor, als wären wir in eine andere Wirklichkeit versetzt worden. Als hätten wir das Retreathaus am Ende der Welt und das 21. Jahrhundert hinter uns gelassen, und würden uns mit einem Mal im alte Indien befinden – der Heimat der Pfaue und des Buddhismus – zu der Zeit, als Prinz Avalokitshvara zu seiner Reise ins Bardo aufbrach, um alle Lebewesen von Leid zu befreien.

Suriyel greift zur Mala. Wir sind beim Mantra angekommen. „Om ma ni padme hung“ murmeln wir beide, und lassen dazu die Perlen zwischen unseren Fingern hindurch gleiten. Maria ist währendessen ganz still, aus der Ferne ruft unermüdlich der Pfau.

Als wir zu Ende sind, bin ich berührt. Es war mein erstes Chenrezig – und es war sehr schön.

Brücke

Als ich voller Tatendrang vor die Haustür trete, empfangen mich warme Sonnenstrahlen und ein enthusiastischer Hund.

Ich überquere den Hof und öffne die schwere Glastür zum historischen Pferdestall, der gerade in einen großen Seminarraum umfunktioniert wird. In einer Ecke entdecke ich Suriyel, er montiert Steckdosen. Die anderen beiden wären zum Baumarkt gefahren, erfahre ich, es fehle noch was für die Grundierung.

Ich trete wieder auf den Hof und wandere, das Handy schwenkend, umher: Auf dem Gelände des Retreathauses am Ende der Welt Empfang zu bekommen, ist eine Kunst für sich. Endlich erscheint ein einzelner schüchterner Balken auf dem Display. Ich rufe Maria an: wann sie zurück wären? Ich stünde jetzt bereit, um den Pferdestall zu streichen! Es würde noch dauern, antwortet sie.

Und jetzt?

So aufgeregt, wie der kleine weiße Spitz um meine Aufmerksamkeit kämpft, liegt die Antwort auf der Hand. Mit dem Hund an der Leine lasse ich das Retreathaus hinter mir und laufe den Fluss entlang in den Wald.

Ich bin immer noch völlig neben der Spur, stelle ich dabei fest. Irgendwie funktionieren meine Sinne nicht richtig. Um mich flourisziert das Gras neongrün, das Gelb des Löwenzahns leuchtet, als hätte jemand unzähliche 1000 Watt-Strahler auf der Wiese montiert. Das Rauschen des Baches, begleitet vom Gesang der Vögel, dröhnt in Discolautstärke in meinen Ohren. Als ich den Waldrand erreiche, löst die Geruchspalette von Moder, Blumenduft, Harz und jungem Fichtengrün Schwindelgefühle in mir aus.

Der Hund hat eine Fährte aufgenommen und folgt ihr, laut japsend, ins Gebüsch. Ich rutsche hinter ihm die Böschung hinunter. Haken schlagend zieht er mich zum Fluss, der einige Meter parallel zum Forstweg durch den Wald fließt und sich genau an dieser Stelle gabelt: der vordere Arm, an dessen Ufer ich stehe, begrenzt Uriels Grundstück, der hintere nährt mit seinem Wasser den Weiher, bevor er unter dem Fundament des Retreathauses verschwindet, um auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche zu kommen und sich mit dem Seitenarm zu vereinen. Zwischen den beiden Wasserläufen liegt eine Insel, ein winziger Fleck Erde mit zwei Bäumen drauf. Kinder haben aus dicken Ästen eine Brücke hinüber gebaut.

Ich starre auf die grauen Felsblöcke, die direkt unter mir aus dem wild schäumenden Wasser ragen. Auf einmal überkommt mich eine wahnsinnige Lust, das kalte Wasser an den Füßen zu spüren. Ich setze mich ans Ufer, ziehe Schuhe und Socken aus und steige vorsichtig hinein. Das klare Wasser ist eiskalt, die spitzen Steine des Flussbettes stechen in meine Fusssohlen.

Ich möchte hinüber auf die Insel, beschließe ich. Der kleine weiße Hund steht am Ufer und schaut besorgt zu mir herunter. „Jetzt komm doch!“, rufe ich ihm zu. „Es ist nicht tief!“ Zwanzig Zentimeter Wassertiefe, finde ich, sind für einen Spitz zu bewältigen. Der sieht das anders. Er stemmt alle vier Pfoten in den Boden, schaut sichtlich angeekelt in die Tiefe und lässt sich weder durch Bitten noch durch Befehle dazu bewegen, zu mir zu kommen. Ich klettere fluchend wieder hoch, binde die Leine des Hundes um den nächsten Baum und steige wieder in das kalte Wasser.

Vorsichtig auf den glitschigen Steinen Fuß vor Fuß setzend, bewege ich mich gegen die Strömung flussaufwärts, das eiskalte Wasser schäumt um meine Schienbeine. Die extremen Sinnesreize tun mir gut, merke ich, sie wirken wie ein Anker für meinen Geist, der gerade nicht richtig mit meinem Körper verbunden zu sein scheint. Mein Kopf ist vollkommend leer. Es kommt mir vor, als würde ich mich in einer Sphäre bewegen, in der weder Raum noch Zeit von Bedeutung sind. Und gleichzeitig ist es so, als würde ich von oben auf mich herabsehen, mit dem selben Blick, mit dem man einen Fremden betrachtet. Irgendwer läuft gerade in meinem Körper durchs Wasser, stelle ich fest, aber wer dieser „jemand“ sein soll, weiß ich nicht zu sagen.

Während ich das Flussbett hoch wandere, halte ich nach einem günstigen Einstieg auf die kleine Insel Ausschau. Vergebens. Die Brennesseln auf der Böschung sind erst wenige Zentimeter hoch, stehen aber schon so dicht, dass es eine höchst schmerzhafte Angelegenheit wäre, dort barfuß hochzuklettern. Kurz überlege ich ernsthaft, ob ich es nicht gerade deshalb tun soll – das intensive Brennen würde mich sicher effektiv in meinen Körper zurückholen – zeige mir dann selbst einen Vogel und beschließe, mein Glück lieber am anderen Ende der kleinen Insel zu versuchen, das Ufer scheint dort flacher zu sein.

Ich drehe vorsichtig um. Jetzt geht es abwärts, der Bach hat an dieser Stelle ein spürbares Gefälle und noch dazu drückt die Strömung von hinten gegen meine Waden. Schritt für Schritt bewege ich mich auf die provisorische Brücke zu, die vom Ufer auf die kleine Insel führt.

Ich hebe meinen Fuß aus dem Wasser, bewege ihn nach vorne – es fühlt sich an, als würde er nicht zu meinem Körper gehören – und senke ihn wieder in das schäumende Nass. Auf einmal ist es, als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt. Ich bin wieder zwölf Jahre alt und das hier ist der Bach meiner Kindheit. Es ist mir, als wäre ich an eine Weggabelung zurückgekehrt, die ich vollkommend vergessen hatte. Damals, im Alter von zwölf Jahren, traf ich genau an dieser Stelle eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen für den weiteren Verlauf meines Lebens haben sollte. Jetzt finde ich mich unversehens an diese Gabelung meines Lebenswegs wieder.

Ich stehe im schäumenden Wasser, starre auf die Äste der provisorischen Brücke, die sich ein paar Meter vor mir über den Bachlauf streckt und verstehe, dass ich jetzt, in diesem Moment, die Chance habe, diese Entscheidung zu revidieren. Es steht mir frei, jetzt den Pfad einzuschlagen, gegen den ich mich vor vielen Jahren entschieden hatte. Im Rückblick glaube ich zu verstehen, warum mein zwölfjähriges Ich – genau an der magischen Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – die Entscheidung für den Weg getroffen hatte, den mein weiteres Leben danach nahm. Es war ein wagemutiger Entschluss, den ich damals traf, wird mir bewusst. Und vollgerichtig. Er hat mich weit gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, zu sehen, wohin mich der andere Weg bringen wird, der, gegen den ich mich damals entschieden habe. Es ist ein großes Geschenk, wird mir in diesem Augenblick bewusst, dass ich für einen Moment den Gesetze von Raum und Zeit enthoben bin und noch einmal an diesen längst vergangenen Punkt in meinem Leben zurückkehren und einen Neuanfang wagen darf.

Mit diesem Gedanken mache ich einen weiteren Schritt, rutsche unversehens auf einem glitschigen Stein aus und lande mit einem lauten Platschen im schäumenden Wasser. Kälte und Nässe bringen mich wieder zur Besinnung. Ich lache schallend, während ich – den Kopf über mich und meinen Wahnsinn schüttelnd – triefend und vor Kälte schlotternd ans Ufer klettere. Oben empfängt mich sichtlich erleichtert der kleine weiße Hund. Vor mich hin tropfend laufe ich mit ihm zurück zum Retreathaus ans Ende der Welt.

Der Löwenzahn leuchtet immer noch mit dem Grün des Grases und dem Blau des Himmels um die Wette. Ich bin glücklich, merke ich, während ich das schwere Tor zum Hof aufziehe. Geradezu euphorisch, um genauer zu sein. Es ist jemand anderes an diesen Ort zurückgekehrt als der, der ihn vor einer Stunde verlassen hat. Jemand, der an einer Wegkreuzung eine neue Entscheidung getroffen hat. Es klingt so vollkommend bizarr, dass ich beschließe, den anderen nichts von der „Taufe“ meines neuen „Ich“ im wilden Bauchlauf zu erzählen.

Im Nebel

Ich wanke die Treppen hoch und falle ins Bett. Es ist gerade mal elf Uhr Vormittags, aber ich bin so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Augen offen halten kann – geschweige denn einen Pferdestall streichen.

Unser erstes, von Suriyel angeleitetes, Riwo Sangchö auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt an diesem Samstag hat mich völlig ausgeknockt. Dabei ist das Rauchopfer eigentlich nur ein netter – und dem Karma dienlicher – Tageseinstieg und keine Praxis, die den Ruf hat, mentale Ausnahmezustände auszulösen.

Es war einzig und alleine darum gegangen, Maria während ihres Buddhismus-Einführungswochenendes mit den Basics im Vajrayana vertraut zu machen. Riwo Sangchö gehört dazu, und ist außerdem ein schönes Ritual – Punkt. Und dann so etwas!

Damit, dass ich auf einmal mit den leibhaftigen „Gästen“ unseres imaginierten Festmahls konfrontiert sein könnte, hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte nicht einmal ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie wirklich existieren! Und dann „sehe“ ich plötzlich, vor Uriels Terrasse aufgereiht, nicht nur hunderte bizarrer halbtransparenter Gestalten, sondern glaube mit einem Mal auch noch zu verstehen, woher mein Wolf kam. Eine karmische Verstrickung mit einem formlosen Wesen, dass im Bardo festhing – mein Zen-Lehrer würde mir eine Ohrfeige verpassen, wenn er wüsste, was ich hier gerade treibe und welche Geschichten mein Hirn produziert.

Ich hasse es, wenn ich so gaga bin!

Das einzige, was gegen diese Zustände hilft, ist Schlaf. In den ich gnädigerweise sofort falle, sobald ich, im warmen Bett ausgestreckt, meine Augen schließe. Während unten an der Hauswand der Bach vorbeirauscht, die Vögel in den Bäumen am Ufer des Weihers singen, und irgendwo in der Ferne ein Rasenmäher dröhnt, lasse ich das Retreathaus am Ende der Welt hinter mir.

Um mich ist dichter Nebel, das Licht ist fahl. Ich stehe auf einem Feldweg. Links und rechts ragen hohe Bäume auf, ihre Äste sind fast kahl, nur noch ein paar letzte Blätter hängen in den Kronen. Der Geruch von Feuchtigkeit und Tod steigt mir in die Nase. Es muss später November sein. Lang kann es nicht mehr dauern, bis der erste Schnee fällt.

Ich laufe den Weg entlang, unter meinen Füßen raschelt Laub. Wo ich mich befinde, kann ich nicht sagen, der Nebel umgibt mich wie eine Wand, weiter als ein paar Meter reicht mein Blick nicht. Auf einmal kommt Wind auf. Eisig zerrt er an meiner dünnen Kleidung, treibt mir die Haare ins Gesicht und lässt die Nebelschwaden um mich tanzen. In den Bäumen über mir rauscht es, ein kräftiger Windstoß reißt die wenigen verbliebenen Blätter von den Ästen. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus den Augen und beobachte, wie das Laub, im Wind tanzend, um mich herum zu Boden segelt.

Ich zucke zusammen. Es sind keine Blätter, die mir vor die Füße fallen, sondern alte vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos! Auf allen sind Menschen abgebildet. Ihren Frisuren und ihrer Kleidung nach zu schließen, aus den zwanziger, dreißiger Jahren, manche könnten auch aus den Vierzigern oder Fünfzigern sein. Ein wildes Potpourri vergangener Leben hat sich um mich ausgebreitet: ernste Gesichter auf Portraitaufnahmen, Hochzeitsphotos neben Bildern von Taufen, Geburstagen, Babys in Wiegen, steife Familienszenen…

Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe nach oben: die Äste der Bäume über mir sind jetzt kahl. Bis auf ein Bild, das sich gerade in diesem Augenblick löst und mir direkt zwischen die Beine segelt: darauf, in vergilbtem schwarz-weiß, sind – um einen Tisch sitzend – zwei Paare abgebildet, sie lachen in die Kamera. Ich glaube sie zu kennen, obwohl ich ihre Gesichter noch nie zuvor gesehen habe.

Warmes Sonnenlicht fällt auf mein Kissen. Vor dem Fenster singen Vögel, monotones Wasserrauschen wird vom Dröhnen eines Rasenmähers übertönt. Verwirrt versuche ich mich zu orientieren. Richtig: ich liege in meinem Bett in einem der Zimmer des Retreathauses am Ende der Welt. Damit ist immerhin mein Aufenthaltsort lokalisiert. Als nächstes versuche ich herauszufinden, in welcher Zeitrechnung ich mich befinde. Es ist auf alle Fälle nicht Herbst, daran lassen Licht und Vogelgesang keinen Zweifel. Ich starre konfus auf meine Uhr: es ist kurz nach zwölf, sehe ich und heute ist der 29. April 2023. Auch das ist eine wertvolle Information.

Ich beschließe, aufzustehen. Als ich in meine Jeans steigen will, fällt mein Blick auf einen Stapel ausgemusterter Kleider, die ich auf dem Stuhl bereitgelegt habe. Richtig! Ich soll den Pferdestall streichen! Etwas besseres als harte körperliche Arbeit, denke ich mir, während ich in meine ausgeleierte Jogginghose schlüpfe, kann mir heute nicht passieren. Mich ordentlich anzustrengen, wird mich auf andere Gedanken bringen.

Als ich die Treppen hinunterlaufe und im Flur meine Schuhe schnüre, habe ich den seltsamen Traum irgendwo tief in meinem Hinterkopf vergraben. „Es ist genug jetzt!“, ermahne ich mich, „Tu, was zu tun ist und vergiss dieses ganze konfuse Zeug!“

Primer

“Do you also want to write for my blog from time to time?”, Katharina asked me – Uriel –  while fixating me with her radiating blue eyes. “Sure, sure”, I muttered while still investigating her eyes. It is easy to see a good result of a spiritual practice in the eyes of people, I was thinking. Katharina just finished the morning practice she did with Suriyel and Maria. When the inner spiritual energy is rising, you can see it in the eyes.

What do you need for a successful practice, I was asking myself. First you need a unbroken lineage, if you want to have real progress. You get access to the energy inside the lineage and this will lead you to real results. Then – you need a qualified teacher inside this lineage. He is not only introducing you to the lineage and the practice but also helps you in difficult stages of your practice. Then you should have some experiences, especially at the beginning. This helps you to convince yourself that the practice you are doing is working. And last, you need a good fundament. I saw so many people failing on the path or not having any deep results at all, just because the fundament was missing. You need to enter into the practice in a correct way, which was developed hundreds of years ago and led thousands of people to the fruit of the path. In our tradition the fundament is called the preliminary practice.

I was very happy to see, that the practice the three did on the terrasse of the retreat house at the end of the world was working. My friend Suriyel developed strongly over the years and in his hometown he is already performing rituals for the public. Katharina is not only following the path by entering into the energy of the lineage – she is jumping into it like into a river. Already in the last three months you can feel the difference, I was thinking. And Maria – her inner energy feels like you mix a nice fragrance with a lustral golden liquid. She will be successful. Now only the fundament is needed, like the primer on the wall before you start painting.

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