Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 10 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Kein Riwo Sangchö im Urwald

Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister…

Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie.

Während meines zweiten Aufenthalt ist der kleine Campingplatz von Bialowieza noch leerer als bei meinem ersten: abgesehen von einem Wohnmobil aus den Niederlanden und einem VW-Passat mit Hannoveraner Kennzeichen und Dachzelt bin ich alleine auf der kleinen Wiese.

Das hier ist das komplette Gegenteil von Overtourism. Schön für die wenigen, die sich hierher verirren – bitter für die Einheimischen, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist.

Nach einer Tasse Instantkaffee und ein paar Bissen altbackenem Brötchen bin ich halbwegs wach. Daran, dass ich mich heute wie achzig fühle, ändert das Frühstück leider nichts. Alle Glieder schmerzen, die Brustmuskulatur ist so verspannt, dass sich jeder Atemzug wie Arbeit anfühlt. Auf dem Rasen vor meinem Mini-Zelt absolviere ich ein paar Yoga-Übungen – vergebens.

Steifbeinig wanke ich in den Waschraum und inspiziere vor dem fleckigen Spiegel meine Augenringe. Dafür, dass gerade der zehnte – und letzte – Tag meines Urlaubs beginnt, sehe ich richtig fertig aus.

Ich habe extrem schlecht geschlafen. Und es war nicht die unbequeme Isomatte, die mich um meine nächtliche Ruhe gebracht hat. Irgendwas habe ich geträumt. Im Traum war es Nacht, ich war im Wald und um mich waren Leid, Verzweiflung, Gewalt und Tod.

Ich setze mich noch mal in den Freisitz neben meinem Zelt, koche mir eine weitere Tasse Instant-Kaffee und überlege, während ich die heiße Brühe trinke, was zu tun ist. Irgendwas steht an. Nur was?

Schließlich fasse ich einen Entschluss. Aus den Tiefen des Treckingrucksacks krame ich eine zerknautschte Schachtel mit Räucherstäbchen, schiebe das Feuerzeug in die Hosentasche, stopfe Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme und Insektenspray in den Tagesrucksack und mache mich auf den Weg in den Supermarkt. Mit vier Grablichtern im Gepäck wandere ich von dort auf der langen Hauptstraße bis zum anderen Dorfende von Bialowieza.

Noch ist die Temperatur gut auszuhalten, aber die Sonne sticht bereits vom Himmel. Heute soll es es zweiunddreißig Grad heiß werden. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ist das kein Vergnügen.

Als die letzten Häuser hinter mir liegen, nehme ich wieder den Weg, der mich vor drei Tagen bis zur Grenze nach Belarus geführt hat. Erst ein Stück die „Wildtierautobahn“ quer durch die Heide entlang, dann geht es rechterhand auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein bis zur befestigten Forststraße, auf der die Armeefahrzeuge verkehren.

Ich folge ihr in Richtung Grenze. Nach etwa fünfhundert Metern taucht auf der linken Seite ein halbhohes Mäuerchen zwischen den Bäumen auf. Dahinter befindet sich eine Gedenkstätte. Ich hatte sie am Montag kurz in Augenschein genommen, bevor ich zur Grenzbefestigung weitergelaufen war.

Mit lautem Quietschen öffnet sich das gußeiserne Tor. Zwischen den bröckelnden Betonplatten wuchert Unkraut, links und rechts des Weges steht der Farn hüfthoch.

Die Anlage selbst ist ein seltsames Sammelsurium aus Gedenkstätte und Friedhof. Auf der linken Seite befindet sich etwas, das wohl ein offizielles Mahnmal darstellt: ein architektonisch ambitionierter geschwungen aufsteigender Betonbogen in rot, der rechter Hand in einer hohen grauen Betonsäule mündet. In der Mitte des Betonbogens ist ein großes Kreuz und auf der Betonsäule eine beschriftete Steintafel angebracht. Bei meinem ersten Aufenthalt las ich nur das inzwischen vertraute „Hitlerowoow“ und „1942“.

Jetzt mache ich mir die Mühe und tippe den ganzen Text in den Google Translater:

"Dieser Ort ist durch das Blut von 222 Einwohnern von Bialowieza und Umgebung geheiligt, die am 14. August und 24. Dezember von Hitlerow ermordet wurden."

Links neben dem Mahnmal befindet sich ein großer grauer Obelisk, davor ist eine graue Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Aufschrift in den Boden eingelassen.

Rechts neben dem Mahnmal steht ein großes orthodoxes Holzkreuz mit den typischen drei Querbalken, eingerahmt von jeweils drei kleinen Grabmalen.

Das Nebeneinander von katholischen und orthodoxen Kreuzen ist mir in den letzten Tagen schon während meiner Wanderungen durch die kleinen Ortschaften aufgefallen. Meist stehen sie einträchtig nebeneinander, ab und zu findet man das eine am Dorfeingang, das andere am Dorfausgang.

Auch hier scheint den von der deutschen Besatzung Ermordeten vereint und gleichzeitig getrennt gedacht zu werden.

Dieser Boden ist durch das Blut der Opfer geheiligt…

Eine seltsame Formulierung. Sie lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass genau hier, an dieser Stelle, im August und an Weihnachten 1942 222 Menschen ermordet wurden.

Ich befinde mich am Tatort eines Massenmordes.

Um mich ist vollkommene Stille, als ich ein Grablicht nach dem anderen aus dem Rucksack ziehe. Dazu die schmale lila Schachtel mit den japanischen Räucherstäbchen, die ich aus einem Impuls heraus beim Packen in Leipzig in die Seitentasche des Rucksacks steckte.

Während in den Bäumen die Vögel singen, Insekten in den blühenden Brombeerranken summen und mich Mücken umschwirren, wandere ich von Grabmal zu Grabmal. Ich kippe Regenwasser und ertrunkene Käfer aus alten Grablichthaltern, werfe die ausgebrannten Plastikhüllen in meinen Rucksack, stelle jeweils eine frische Kerzen hinein, zünde den Docht an und stecke die Abdeckung wieder darauf, damit der Wind die Flamme nicht ausbläst.

Nachdem ich die vier Kerzen verteilt habe, gehe ich noch einmal von Grab zu Grab und platziere jeweils ein paar brennende Räucherstäbchen davor. Dazu singe ich das Vajra-Armor-Mantra.

Die ganze Zeit über bin ich mir sicher, dass ich nicht alleine bin. Ich fühle sie mehr als ich sie sehe: schwache halbtransparente Wesen, die mich aus den Schatten der dunklen Tannen heraus, die hinter den orthodoxen Gräbern aufragen, beobachten.

Ich spüre ihre unendliche Trauer. Und einen Schmerz, der mir den Atem nimmt.

Und da ist noch mehr. Viel mehr, ich bin mir sicher! Nur kann ich das – was immer es auch sein mag – in meinem aktuellen Zustand weder fühlen noch sehen. Und viel anzubieten habe ich den Wesen, die an diesem Ort ausharren, leider auch nicht.

Ein paar Kerzen und Räucherstäbchen, dazu ein wenig Mantra-Gesang. Viel zu wenig für einen Ort, an dem sich Leid, Schmerz, Verzweiflung und Wut geradezu in die Erde hineingefressen haben.

Dieser Platz hier bräuchte ein Riwo Sangchö!

Ganz Bialowieza bräuchte unendlich viele Riwo Sangchö!

Für mich fühlt es sich so an, als fehle das traditionelle tibetische Rauchopfer, mit dem die Buddhas, Bodhisattvas, Naturgeister und formlosen Wesen im Bardo genährt werden, an allen Ecken und Enden: in der Sperrzone, im Sumpfland, an der schrecklichen Grenzmauer. Und an all den Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden. Denn dieser hier ist nur einer von vielen.

Und das einzige, was ich anzubieten weiß, sind ein paar Kerzen, Räucherstäbchen und ein bisschen Gesinge.

Dabei habe ich sogar den Text des Rauchopfers dabei! Suriyel hatte ihn mir Anfang Mail als pdf geschickt, er ruht in der Datei meines ipads im Kofferraum des kleinen Dacia.

Nur leider bringt mir der Text alleine wenig: ich kenne weder die verschiedenen Melodien noch weiß ich genau, wie die Speiseopfer im Feuer dargebracht werden müssen, damit alle Gäste gesättigt werden.

Während ich, mein Mantra singend, die Gräberreihe auf und ab wandere, bis die Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt sind, erinnere ich mich an die Begeisterung, die wir im Mai im Retreathaus am Ende der Welt mit unserem Riwo Sangchö bei all den Wesen, die dort lebten, auslösten.

Genau so wie dort müsste es auch hier sein. Dann wäre es gut.

Als ich meinen Rucksack schultere, glaube ich die Frustration all der hilflosen Wesen zu spüren. Sie möchten den Bardo verlassen, aber dafür müssen sie genährt werden. Das, was ich ihnen gegeben habe, war viel zu wenig!

Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und leiste allen formlosen Wesen, die an diesem schrecklichen Ort gefangen sind, ein Versprechen: ich werde wiederkommen. Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen, nach allen Regeln der Kunst, wie es sich gehört.

Nur muss ich es vorher lernen…

Baumriesen

Ich lerne von Wlodzimierz, dass Buddhas Leitspruch „Leben ist Leiden“ auch für die Urwaldriesen von Bialowieza gilt – und dass es in der Tiefe keinen Tod gibt, genau wie es im Herz-Sutra geschrieben steht…

Was für Bäume!

Ach was!

Was für BÄUME!

Wlodzimierz führt mich durch das Allerheiligste des Nationalparks wie ein Küstner durch die ihm anvertraute Wallfahrtskirche. Er scheint jeden der alten Baumriesen mit Vor- und Zunamen zu kennen und weiht mich großzügig in ihre Familiengeschichten ein. Seit mehr als fünfzig Jahren, erfahre ich, geht er in der Sperrzone ein und aus. Er hat Stürme erlebt, Trockenheiten, Überschwemmungen, Mastjahre und Hungerjahre, hat Bäume wachsen und Bäume sterben sehen.

Zwischen dreihundert und vierhundert Jahre sind die mächtigen Bäume alt, erklärt er mir.

Wlodzimierz, stellt sich heraus, ist nicht nur der Hüter der Bäume, sondern auch ihr Totenwächter. Auf schmalen Pfaden führt er mich von Baumleiche zu Baumleiche. Vor jedem mit Moos überzogenen Riesen, der auf dem mit Gras überwuchterten Waldboden vor sich hinmodert, bleiben wir stehen.

Diese Eiche, erklärt er mir, fällte ein Sturm im Frühjahr 1974. Er hatte leichtes Spiel: das Mark des etwa 400 Jahre alten Baumes war von einem Pilz zersetzt.

„Früher oder später“, doziert Wlodzimierz, „stirbt jeder Baum an einen Pilz.“

Dabei seien Pilze nicht die Feinde des Waldes, sondern die Basis seiner Existenz. Ohne Pilze, erklärt er mir, würde kein Totholz zersetzt werden, könne kein neues Leben entstehen.

Wir bleiben vor einem anderen gefällten Baumriesen stehen: einer riesigen Esche, die buchstäblich in sich zusammengebrochen ist. Die Eschen und Ulmen des Nationalparks, erfahre ich, sterben wie alle ihre Artgenossen in Europa an zwei eingeschleppten Pilzen. Der eine greife die Wurzeln an und verhindere, dass die Baumkronen mit Wasser versorgt werden, der andere unterbinde den Nährstofftransport im Bast, so dass die Zucker der Photosynthese nicht mehr zu den Wurzeln gelange.

Zwischen den mächtigen Bäumen klaffen Lücken. Die niedergemähten Riesen liegen – von winzigen Schmarotzern gefällt – kreuz und quer auf dem Waldboden. Ich bin Zeugin eines stillen Massakers.

„Aber“, referiert Wlodzimierz, während wir andächtig vor diesem Schlachtfeld stehen, „ihre Baumleichen schützen im Tod die Sprößlinge und sorgen dafür, dass neue Bäume wachsen können.“

Und richtig: die riesigen umgestürzten Stämme mit ihren mehrere Meter in die Höhe ragenden kahlen Ästen bilden eine natürliche Barriere. In ihrer Mitte wachsen junge Eichen, Hainbuchen, Ahorne, Eschen und Ulmen heran.

Ungeschützt durch das tote Altholz, erklärt mir Wldozimierz, haben die Baumschösslinge keine Chance. Sie werden sofort von den Hirschen und Wisenten verbissen.

Wir machen einen Abstecher in das Unterholz. Dort liegt eine Fichte, in deren Korpus eine Spalte für einen Wildbienenstock gesägt wurde. Diese Technik der Honiggewinnung wurde 1894 verboten, nachdem der Zar den Wald von Bialowieza gekauft hatte. Irgendwann Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts muss irgendein Mensch diese Fichte hinaufgeklettert sein und hat auf der Höhe von fünf bis zehn Metern dieses Loch gesägt.

1980 beendeten Borkenkäfer das Leben der Fichte. Seitdem fault ihr Stamm vor sich hin. Gezeichnet von einem Menschen, der wohl schon lange vergessen ist.

So wandern wir kreuz und quer durch den Wald. Wlodzimierz erkennt jede Vogelstimme, kann jedes Kraut und jeden Pilz benennen und weiß die wunderlichsten Geschichten zu erzählen.

Das hier wären „Dachstoiletten“ erklärt er mir, und zeigt mir am Wegesrand immer wieder Löcher, in denen Kot und schillernde Käferflügel liegen.

Mehrmals finden wir auf dem Trampelpfad Spuren von Wölfen. Sie markieren ihr Revier wie Hunde, erklärt mir Wlodzimierz. Beeindruckt betrachte ich die Abdrücke der riesigen Pfoten und langen Krallen. Dazwischen sind in der aufgewühlten Erde kleine Pfotenabdrücke zu erkennen: ein Wolfswelpe hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Da Abdrücke sind frisch, die Erde noch nicht angedrocknet. Das Rudel ist nur wenige Minuten vor uns hier den Weg entlang gelaufen.

Unter einer mächtigen alten Kiefer liegt ein großer Haufen Tannenzapfen. Das sei eine „Spechtschmiede“. Wlodzimierz zeigt auf eine Spalte in der Rinde auf etwa drei Metern Höhe. Dort würde ein Buntspecht die Zapfen hineinstecken, die Samen herauspicken und nach getaner Arbeit die Reste auf den Boden werfen.

Überhaupt die Spechte: Ornitologen aus der ganzen Welt kommen nach Bialowieza, erfahre ich, weil hier alle europäischen Spechtarten zuhause sind, auch der Weißrücken- und der Dreizehenspecht. Ich habe weder von dem einen noch von dem anderen jemals zuvor gehört.

An einer großen Biberburg machen wir Rast. Bis vor fünfzehn Jahren wäre das hier ein schmaler Bach gewesen, wird mir erklärt. Dann wären die Biber gekommen, hätten den Damm gebaut und dieser Sumpf wäre entstanden. Ich bin beeindruckt: was zwei winzige Biber alles anrichten können!

Genau genommen, präzisiert Wlodzimierz, ist die gesamte Auenlandschaft des Nationalparks ein Werk der Biber. Es wären ihre Dämme gewesen, die vor vielen tausend Jahren das Wasser der Bäche und Flüsse gestaut hätten. Genau so, erklärt er mir, entstehen Sümpfe.

Biber schufen die Sümpfe und Wisente und Hirsche die lichten Laubwälder, die einst ganz Europa bedeckten. Dann legten die Menschen die Sümpfe trocken und rodeten den Wald. Der letzte Rest dieses urzeitlichen Waldes befindet sich hier, im äußersten Osten Polens und im Westen von Belarus.

Ich bin wieder einmal erstaunt über meine naiven „Natur-Phantasien“. Wenn etwas „geschaffen“ ist, muss es in meiner Logik immer durch Menschenhand geschehen sein. Dass Biber riesige Sümpfe und Wisente und Hirsche Auenwälder „machen“, war bisher jenseits meiner Vorstellungskraft. „Natur“ war das, was einfach da ist, wenn der Mensch nichts tut. Dass auch andere Geschöpfe ihre Umwelt tiefgreifend gestalten und verändern können, hatte ich nicht auf dem Plan.

Wlodzimierz erträgt meine völlige Ahnungslosigkeit mit Würde.

Auf dem Rückweg zum Zarentor laufen wir an einer Gedenktafel vorbei. Ich entziffere „Hitlerowoow“ und „1941-1944“.

Wlodzimierz sieht mir dabei zu, wie ich die Tafel fotographiere.

Was denn da stünde, frage ich ihn. Er antwortet ausweichend. Schlimme Dinge wären im Wald passiert, damals im Krieg.

Ich bohre nicht weiter nach, es ist offensichtlich, dass er nicht mit mir darüber sprechen möchte.

Wir laufen schweigend ein paar Minuten nebeneinander her. „Damals war hier Armageddon,“ unterbricht er mit einem Male die Stille. „Und heute haben die Ukrainer Armageddon.“

Dann wechselt er abrupt das Thema, indem er meine Aufmerksamkeit auf Flechten lenkt, die am Wegesrand auf einem umgestürzten Baumstamm wachsen. Sie wären ein Beleg für die ausgezeichnete Luftqualität im Urwald: kein Lebewesen reagiere empfindlicher auf Schwermetalle und Stickoxide als diese Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Algen.

Kurz darauf sind wir wieder auf dem Hauptweg – und im vorderen Teil der Sperrzone – angelangt. Von weitem kommt uns eine Gruppe Menschen entgegen. Im ersten Moment denke ich: Flüchtlinge! Aber es ist eine Touristengruppe, angeführt von einer blonden Polin, die den gleichen eingeschweißten Ausweis um den Hals trägt wie Wlodzimierz.

Es ist kurz nach elf Uhr, als wir das mächtige Zarentor hinter uns lassen und aus dem schattigen Wald auf die breite Forststraße und in die pralle Sonne treten. Als Wlodzimierz sich am Parkplatz von mir verabschiedet, bin ich völlig erschlagen. Die sechs Stunden Führung waren der komplette Informations-Overkill! Gefühlt hat mir mein kluger Guide jeden Baum, jedes Blümchen und jeden Pilz der Sperrzone namentlich vorgestellt, dazu noch all die Geschichten über Mensch und Tier – ich habe richtig was geboten bekommen für meine 700 Zloty.

Und ich habe wahnsinnig viel gelernt, stelle ich auf der Fahrt zum Campingplatz fest.

Das wichtigste: ich weiß jetzt, dass es so etwas wie „tot“ in der Natur nicht gibt! Ein Baum hört nicht auf zu existieren, nur weil er umstürzt und vermodert. Er bleibt durch all die Pilze, Flechten, Moose, Insekten in seinem Holz weiter „lebendig“ und schützt dazu mit seinem mächten Leib den Nachwuchs. Es gibt nicht den definierten Moment, an dem ein Baum aufhört zu existieren. Er wird einfach nur Teil von etwas anderem, das lebt.

Diese Weisheit rezitiere ich Morgen für Morgen nach der Meditation im „Herz-Sutra“: „…und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod…“

Bisher waren das nur Worte. In der Tiefe hat mir dieser Satz nie etwas gesagt.

Bis heute.

Für den Rest meines Lebens werde ich von jetzt an jeden Morgen, wenn ich das „Herz-Sutra“ rezitiere, an Wlodzimierz denken – und an die gefallenen Riesen des Urwalds von Bialowieza.

Sumpfland

Wlodzimierz führt mich in die Sperrzone und weiht mich in die Geheimnisse des Urwaldes von Bialowieza ein…

„Wlodzimierz“ steht auf dem Notizzettel, den mir der schrullige Guide vom Infopoint des Nationalparks gestern in die Hand gedrückt hat. Dazu eine Mobilfunknummer.

Das Büro der Nationalparksleitung hat mir die Erlaubnis erteilt, den hinteren Teil der Sperrzone zu betreten. Obwohl der – laut Homepage – nur Wissenschaftlern zugänglich ist.

Dass ich den Antrag, den der Guide am Montag im Infopoint für mich ausgefüllt hat, nicht unterschreiben musste, stimmte mich genauso misstrauisch wie die Tatsache, dass Führungen in die Sperrzone bar bezahlt werden müssen. Keine Kartenzahlung möglich – im Gegensatz zur Eintrittskarte.

Dass das nach Korruption riecht, ist mir auch ohne „Transparency International“ klar. Aber ich bin nicht Siemens oder die Deutsche Bank und meine innere Compliance-Abteilung ist gerade im Urlaub.

Redlichkeit hin oder her – ich bin es komplett leid, ständig um die Schutzzone herumzulaufen: ich will da rein!

Nachdem ich also Gottergeben 700 Zloty auf die Theke geblättert hatte – die 56 Zloty für den Eintritt zahlte ich mit Karte – wurde ich in die Details eingeweiht. Der ominöse „Wlodzimierz“ erwarte mich am nächsten Morgen um fünf Uhr früh am Obelisken vor der russisch-orthodoxen Kirche.

In der Nacht sehe ich mich im Traum in der Dunkelheit durch den Urwald irren. Ich bin nicht alleine – andere sind in meiner Nähe, wir sind gemeinsam auf der Flucht. Ich spüre meinen Herzschlag, die Angst schnürt mir die Kehle zu. Als ich aufwache, weiß ich weder zu sagen, wer im Traum mit mir floh, noch, wer uns verfolgte.

Als mich um vier Uhr morgens der Wecker aus dem Schlaf reißt, fühle ich mich wirr und benommen.

Draußen ist es bereits hell. Vogelgesang begleitet mich, als ich meinen Rucksack ins Auto trage. Nachdem sich der Regen verzogen hat, werde ich die letzten zwei Nächte meines Aufenthalts in Bialowieza im Zelt verbringen.

Ich sage „ade“ zu dem kleinen Holzhaus, lasse den Haustürschlüssel auf dem Küchentisch zurück und rolle in der frühen Morgensonne durch den schlafenden Ort bis zur großen roten russisch-orthodoxen Kirche.

Als ich vor dem Obelisken parke, springt auch schon ein hagerer kleiner Mann unbestimmbaren Alters aus dem Wagen vor mir. „Katharina?“, fragt er, als ich aussteige. Er stellt sich mit „Wlodzimierz“ vor und erklärt mir in fließendem Deutsch, ich solle hinter ihm herfahren, er würde mich zum Eingang der Sperrzone bringen.

Das Dorf liegt hinter uns. Ich stelle meinen kleinen Dacia hinter Wlodzimierz´ SUV am Wegesrand ab. Aus der Ferne klingt gleichmäßiges Rattern zu uns herüber: Die Generatoren der Armee-Kaserne, erklärt mir mein Führer erkennbar verstimmt.

Wir wandern nebeneinander einen Feldweg entlang, der durch die Heidelandschaft zum Waldrand führt. In den Büschen singen Vögel, eine Lerche steigt jubilierend vom Boden auf. Trotz der Sonnenstrahlen ist es so früh am Morgen kühl. Fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch.

Etwa fünfzig Meter von uns entfernt bewegt sich etwas im hohen Gras. Durch das Fernglas, das mir Wlodzimierz mitgebracht hat, sehe ich ein Rudel Hirschkühe in Richtung Wald laufen.

Ich erzähle ihm von dem Wisentschädel, den ich am Ufer der Narewka gefunden hatte. Wlodzimierz weiß Bescheid: Das Kalb ist wirklich von Wölfen gerissen worden. Der Kadaver läge direkt am Grenzzaun, erzählt er mir.

Ob es viele Wölfe hier gäbe?

Drei Rudel im polnischen Teil des Nationalparks, dazu noch ein paar Einzelgänger.

Wlodzimierz bleibt stehen und zeigt auf Kot, der vor uns auf dem Weg liegt: der wäre von einem Wolf. Für mich sieht es nach Hundekot aus.

Nein, kommt es zurück. Man erkenne Wolfskot an den Tierhaaren im Stuhl. Dieser Wolf hätte ein Reh oder einen Hirsch gefressen! Und wirklich: bei näherer Betrachtung besteht der Kot fast vollständig aus grau-braunen kurzen Haaren.

Lang wäre es noch nicht her, dass der Wolf hier vorbei gekommen ist, vielleicht zwei oder drei Stunden.

Dann sind wir auch schon am Waldrand angekommen. Der Zugang zur Schutzzone wird von einem riesigen hölzernen Portal mit Torflügeln versperrt. Es stamme noch aus der Zarenzeit, erklärt mir mein Führer, während er mich einlässt.

Mir ist, als hätte ich keinen Wald betreten, sondern eine Kathedrale. Hinter dem vielstimmigen Vogelgesang herrscht vollkommene Stille. Nur einzelne Streifen Sonnenlicht finden ihren Weg durch das dichte grüne Laub hoch über unseren Köpfen. Die Gerüche des Waldes sind hier noch vielschichtiger und intensiver, als ich das in den letzten Tagen erlebt habe.

Wir sind die ersten heute, stellt Wlodzimierz zufrieden fest, als er mich auf einem schmalen Trampelpfad in die Tiefe der Schutzzone führt. „Könnte es sein, dass wir ein Wisent sehen?“, frage ich ihn. „Oder einen Wolf?“

Höchst unwahrscheinlich, erklärt er mir zu meiner Enttäuschung. Die Wölfe wären sehr scheu. Er wedelt mit den Händen nach links und rechts: die säßen sicher gerade hier irgendwo im Gebüsch und würden uns beobachten, aber man müsse Glück haben, dass man mal einen zu Gesicht bekomme. Und die Wisente hätten im Mai geworfen. Bis Mitte August würden sie sich mit den Jungtieren im Unterholz vor den Wölfen verstecken und erst wieder herauskommen, wenn die Kälber schnell genug laufen könnten.

Dagegen wäre so früh am Morgen die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir Flüchtlingen begegnen würden. Erst vorgestern hätte er um vier Uhr morgens einen Mann aus Kuba getroffen. Wlodzimierz ist das Erstaunen darüber immer noch anzuhören. „Einer aus Kuba!“, wiederholt er. Und letzte Woche wären es drei Pakistaner gewesen. Afghanen, sogar Afrikaner – aus aller Herren Länder kämen hier Menschen vorbei.

Auf meine Nachfragen hin erklärt er mir, dass sich der Zaun über 500 Kilometer die Grenze entlangziehe. Nur an einer einzigen Stelle gäbe es eine Lücke: in der Sumpflandschaft im Herzen des Nationalparks wäre der Boden so morastig, dass kein Fundament betoniert werden konnte. Es handele sich um den unwirtlichsten und unpassierbarsten Teil des Urwaldes. Seit undenklichen Zeiten würde der nur von den Elchen durchwandert werden. Nicht einmal die Wölfe trieben sich dort herum.

Und auf einmal wagten sich Afrikaner, Lateinamerikaner und Asiaten dort hindurch!

Ich frage Wlodzimierz nicht, was er von den Flüchtlingen hält und was genau passiert, wenn er sie „trifft“. Er macht den Eindruck eines liebenswerten altersklugen Menschen: vermutlich grüßt er freundlich, wer immer ihm auch über den Weg läuft, und weißt den Weg ins Dorf. Ansonsten, vermute ich, möchte er mit Politik nicht viel zu tun haben.

Und auch nicht mit der Armee, so wie es klingt. Das Dorf, erzählt er mir, war, während der Grenzzaun gebaut wurde, komplett gesperrt. Ein ganzes Jahr lang durfte niemand nach Bialowieza, die Dorfbewohner waren völlig isoliert. Und als der Grenzzaun endlich fertig war und alle auf ein normales Leben hofften, begann die Pandemie und der Tourismus kam zwei weitere Jahre zum Erliegen.

„Wovon haben die Leute gelebt?“, frage ich ihn. Der Staat hätte Ausgleichszahlungen geleistet, aber es wäre trotzdem sehr schwierig gewesen. Und jetzt auch noch das ganze Militär!

Während mich Wlodzimierz tiefer und tiefer in den uralten Wald führt, denke ich an all die Flüchtlinge, die sich nachts von Belarus aus auf den Weg durch das Sumpfland gemacht haben – und nie an das hölzernen Tor des Zaren gelang sind.

Homo homini lupus

Die Grenzanlage quer durch den Urwald von Bialowieza und ein totes Wisentkind verhelfen zu neuen Einsichten…

Auf der befestigten Forststraße kommt mir ein großer Militärlaster entgegen. Ich trete schnell zur Seite. Nachdem er an mir vorbei gerumpelt ist, sehe ich ihm nach. Auf der Ladefläche sitzen etwa ein Dutzend Männer und Frauen in Uniform unter der Flecktarn-Plane, alle mit Maschinengewehren zwischen den Beinen. Die Wachablösung für meinen „Schwiegermutterliebling“ und seine Kameraden vorne an der Grenzanlage?

Während ich, begleitet von Vogelgesang und Mückengeschwirr, durch die wunderschöne Auenlandschaft laufe, sinniere ich über das Militäraufgebot im Urwald: Die mobile Kaserne auf dem Infogelände des Nationalparks ist, so weit sich das von Außen überblicken lässt, von beachtlicher Größe. Und ständig treffe ich im Dorf auf Uniformierte. Gefühlt kommen hier auf jeden Urlauber fünf Soldaten.

So wie es aussieht, hat die polnische Armeeführung hier ein ganzes Bataillon tapferer Kämpfer stationiert. Nur wegen des Krieges in der Ukraine? Schwer vorstellbar… Und dass der unsympathische Zaun mit Stacheldrahtkrone eine feindliche Armee abschreckt, ist wohl auch eher unwahrscheinlich…

Während ich auf der Forststraße, die im Abstand von etwa 500 Metern parallel zur Grenze verläuft, entlangwandere, kapiere ich es endlich: das alles hier dient der Abwehr von Flüchtlingen!

Ich kann nur den Kopf über mich schütteln! Dass mir als einziger Daseinszweck des Militärs hier an der Grenze zu Belarus der Krieg in der Ukraine in den Sinn kam, zeugt von ausgeprägter Egozentrik.

Dabei kocht Lukaschenko – zusätzlich zur Komplizenschaft mit Putins Russland – auch noch seine eigenen Süppchen: er unterdrückt brutal die Opposition und versucht, die EU mit Hilfe von Flüchtlingen so unter Druck zu setzen, dass die Sanktionen gegen ihn und sein Land gelockert werden. Aus der ganzen Welt fliegt das Regime von Belarus verzweifelte Menschen nach Minsk und transportiert sie an die Westgrenze. Manche von ihnen schaffen es – trotz Mauern, Stacheldraht und militärischer Abwehr – in den gelobten Westen. Wie viele von ihnen scheitern, oder dabei gar zu Grunde gehen, weiß niemand.

Ich leide offensichtlich an einem strukturellen Denkfehler, wenn es um „Natur“ geht. „Nationalpark“ ist für mich das Synonym für „Paradies“. Irgendwie muss hier – im „Naturzustand“ – alles gut sein, so meine unreflektierte Grundannahme. Frei nach Rousseau, sozusagen. Dabei konnte der „Émile“ schreiben und gleichzeitig alle seine Kinder im Waisenhaus abgeben.

Mit diesem Gedanken bin ich an einem Holzsteg angekommen, der über die Narewka führt. Der schmale Fluß entspringt im belarussischen Teil des Nationalparks, fließt über die Grenze und quer durch Bialowieza bevor er irgendwo im Nordosten Polens in die Weichsel mündet.

In der Mitte des Steges angekommen, schaue ich mich um. In den breiten Schilfgürteln pfeifen Vögel. Libellen summen über die Wasseroberfläche, auf einem Seerosenblatt quackt ein großer dicker Frosch. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Schöner und friedlicher, denke ich, kann kein Ort sein.

Während ich den Steg überquere, sehe ich, dass auf der anderen Flußseite die Erde des Uferbereich aufgewühlt ist. Eine Tiertränke, schlussfolgere ich. Und wirklich: kurz nach dem Steg verläuft rechter Hand ein breiter Wildpfad durch das hohe Gras bis zum Wasser hinunter.

Genau gegenüber dem Wildpfad entdecke ich am Rande des Weges etwas großes Braunes im Gras liegen.

Ich mache ein paar Schritte darauf zu, um es genauer zu betrachten: ganz offensichtlich ist es der Schädel eines Tieres.

Das kann nur ein Wisent gewesen sein!

Allerdings muss es noch jung gewesen sein: der Schädel hat eine Länge von höchsten dreißig Zentimetern. Und lange tot ist es sicher auch noch nicht: in den Fleischresten der Kieferhöhlen winden sich Fliegenmaden, auf dem knöchernen Nasenrücken glänzt brauens Fell.

Suchenden Blickes wandere ich den Weg auf und ab: wo ist nur der restliche Kadaver des Tieres geblieben?

Da ist nichts, stelle ich fest. Irgendein Raubtier hat den Kopf vom Körper getrennt und hierher geschleppt.

Welches Tier ist überhaupt in der Lage ein Wisent zu erlegen? Das hier war noch jung, aber die Jungtiere werden von den erwachsenen Tieren der Herde beschützt. Und Wisente sind die größten Landsäuger Europas. Eine ausgewachsene Wisentkuh wiegt um die 400 Kilogramm. Wenn das Wisentkind keinem Unfall zum Opfer gefallen ist, kann es nur von einem Rudel Wölfe erlegt worden sein.

„Homo homini lupus“, geht mir durch den Kopf. „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Thomas Hobbes hatte Recht, als er dem „Naturzustand“, den Rousseau später idealisieren sollte, nicht viel abgewinnen konnte.

Der letzte Urwald Europas ist kein Paradies, sondern ein Schlachtfeld: sämtliche Spezies – inklusive Homo sapiens sapiens – kämpfen hier ums Überleben.

Ich muss, wird mir bewusst, meine Vorstellung von „Natur“ einer gründlichen Überprüfung unterziehen…

Grenze

Mitten durch den Urwald von Bialowieza verläuft eine Grenze. Sie ist mit Stacheldraht bewehrt und wird mit Maschinengewehren bewacht…

Während ich auf dem Waldweg dahinlaufe, werfe ich immer wieder einen Blick auf den Bildschirm meines Handys: dort bewegt sich mein virtuelles „Ich“ als kleiner blauer Punkt näher und näher an die Grenze heran.

Die grauen Regenwolken sind weitergewandert, vom Himmel brennt die Sonne. Hitze und Luftfeuchtigkeit lassen mir den Schweiß über den Rücken laufen. Ich bin inzwischen seit mehr als zwei Stunden unterwegs. Dabei sind es von der kleinen Datscha bis zur Grenze zwischen Polen und Belarus gerade mal ein paar hundert Meter.

Luftlinie.

Nachdem ich nicht fliegen kann, muss ich mich auf zwei Beinen zur „Ostflanke“ der NATO bewegen.

Und das zieht sich. Erst die lange Hauptstraße von Bialowieza entlang. Nach dem Ortsende geht es auf einem Feldweg durch eine Heidelandschaft. Das Gras steht hüfthoch, unzählige Blumen blühen, Insekten summen, Grillen zirpen. Jubilierend steigen Lerchen aus den Wiesen in den Himmel auf.

Über einem Buchenhain kreist majestätisch ein riesiger dunkelbrauner Raubvogel. Für einen Bussard ist er zu groß. Ein Adler?

Umso tiefer ich in die Heide hineinlaufe, desto zahlreicher werden die Pfoten- und Hufabdrücke im Matsch des Weges. Ich scheine auf eine Art „Wildtierautobahn“ geraten zu sein! Wenn es die letzten Stunden über nicht so stark geregnet hätte, wäre dieses Geheimnis an mir vorüber gegangen.

Jetzt sehe ich, dass vor Kurzem riesige Hirsche hier entlang gelaufen sind: ihr Gewicht hat sie tief in den Schlamm einsinken lassen. Dazwischen die Abdrücke von Kälbern, zart und klein gegen die mächtigen Klauen der erwachsenen Tiere. Erst sind sie gegangen, schlussfolgere ich. An einer Stelle muss sie etwas aufgescheucht haben: die Abdrücke – mit einem Schlag noch tiefer eingegraben – deuten auf jagenden Lauf.

Dazwischen riesige Pfotenabdrücke. Wölfe?

Links und rechts des Feldweges führen zahlreiche Wildpfade ins Grasland. Hufspuren und Pfotenabdrücke verschwinden auf einem davon, dafür tauchen ein paar Meter weiter neue Abdrücke von Hirschen auf, die sich im Rudel die Straße entlang bewegt haben, nur um kurz darauf auf einem anderen Wildpfad abzubiegen.

Dazwischen seltsam schaufelartige Pfotenabdrücke eines kleineren Tieres mit langen Krallen. Ein Dachs? Und diese schmale schnurartige Spur: das kann doch nur ein Fuchs gewesen sein! Oder das? Ein Marder? Ach: Wildschweine waren auch unterwegs! Mit Frischlingen, so wie es aussieht. Und hier die vertrauten Klauenabdrücke eines einzelnen Rehes, wohl ein Bock.

Ich bin es völlig falsch angegangen, wird mir bewusst. Anstatt nachts zu schlafen und tagsüber zu wandern, hätte ich es andersherum halten müssen. Nach Einbruch der Dunkelheit ist der Aufenthalt im Nationalpark verboten. Aber es ist kurz vor Mittsommer. Gerade wird es erst um elf Uhr abends dunkel und um drei Uhr morgens dämmert es bereits wieder. Es gäbe also genug Spielraum, sich hier spät am Abend oder früh am morgen ins Gebüsch zu setzen und einfach zu schauen, was alles vorbeiläuft.

Ich lasse die Tiere, deren Fährten ich gerade entdeckt habe, in einem Reigen an meinem inneren Auge vorbei wandern. Hirsche, Rehe, Dachse, Füchse – schön.

Aber Wölfe? Und Bachen mit Frischlingen? Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie mein Hund vor ein paar Jahren beim Spaziergang im heimischen Wald von einer Bache attackiert wurde. Er überlebte nur mit viel Glück.

Vielleicht ist eine nächtliche Wacht im Gebüsch doch keine so brillante Idee?

Mit diesem Gedanken finde ich mich unversehens vor einer rot-weißen Schranke wieder. Daneben ein großes Schild, das in entschiedenem Ton auf Polnisch und Englisch verkündet, dass hier die Sperrzone des Nationalparks beginne. „Off Limits to unauthorized personnel! Video control!“

„Ist ja gut, ist ja gut,“ denke ich, während ich mich umdrehe, um den Weg wieder zurückzulaufen. Ich kann nur hoffen, dass meinem Antrag auf eine Führung in die Sperrzone, den ich heute früh im Büro des Nationalparks gestellt habe, stattgegeben wird. Morgen werde ich Bescheid bekommen.

In einem Bogen laufe ich durch die Heide um die Sperrzone herum, umschwirrt von zahlreichen Mücken, denen „Anti-Brumm“ glücklicherweise etwas sagt.

Irgendwann finde ich mich in einer Auenlandschaft wieder: links und rechts der aufgeschütteten Straße steht – zwischen Birken, Eichen und Hainbuchen – das Wasser in kleinen Tümpeln. Darin blühen Seerosen, Frösche quaken, blaue Libellen schießen über den Weg.

Ich zucke zurück: beinahe wäre ich auf eine Kreuzotter getreten. Ich sehe ihr nach, wie sie, sich hastig windend, im Gras der Uferböschung verschwindet.

Auf der befestigten Schotterstraße scheinen regelmäßig schwere LKWs zu fahren. Ihre Reifenabdrücke haben sich tief in den Matsch eingegraben. Je näher ich der Grenze komme, desto ausgefahrener werden die Wege. Irgendwann biege ich – dem Navi folgend – auf einen Feldweg ab, der von den Reifen schwerer Fahrzeuge regelrecht ausgehöhlt ist.

Ich steige über Steine, springe über Furchen, stolpere über harte Erdbrocken. Jetzt ist es keine idyllische Wanderung mehr, sondern ein Hindernislauf. Um mich wird es im Wald immer dunkler. Die Bäume – fast nur noch Fichten – sind jung und wachsen dicht an dicht. Nicht nur ich scheine mich hier unwohl und verloren zu fühlen: aller Vogelgesang ist verstummt. Das einzige, das mich noch begleitet, ist das penetrante Surren der Mücken.

Nach etwa zwanzig Minuten blitzt etwas Helles vor mir zwischen den Baumstämmen auf. Gleich da vorne, sehe ich auf dem Routenplaner, muss die Grenze zu Belarus sein! Im Näherkommen entdecke ich einen etwa fünf Meter hohen stabilen Metallzaun, gekrönt von fünfzig Zentimeter Stacheldraht. Davor lagern Panzersperren aus Beton.

Ich beschleunige meine Schritte und öffne im Dahineilen die Kamera des Handys. Irgendetwas sagt mir, dass ich hier nicht willkommen bin.

Und wirklich! Rechts von mir läuft zwischen den Bäumen eine menschliche Gestalt auf mich zu. Es ist ein Soldat in Flecktarn-Uniform, der sich, auf mich zueilend, hektisch eine schwarze Maske über Mund und Nase zieht.

Schnell drücke ich auf den Auslöser und schiebe das Handy wieder in meine Hosentasche. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich der Hüter der Grenze – ein Maschinengewehr über der Schulter – vor mir aufbaut.

Ich mustere ihn. Er macht trotz seiner martialischen Aufmachung einen harmlosen Eindruck. Ich sehe nur seine Augenpartie – Augenfarbe braun – aber die lässt vermuten, dass ich es mit einem polnischen Wehrpflichtigen von Anfang zwanzig zu tun habe. Er spricht mich – erkennbar um Autorität bemüht – auf Polnisch an.

„I don´t speak Polish!“ Dazu wedle ich hilflos mit beiden Händen, setze meinen „Damsel in Distress“-Gesichtsausdruck auf und erkläre ihm, dass ich „on holidays and interested in the border“ wäre.

Ich sehe nicht viel von ihm. Das was ich sehe, verrät mir, dass er sich gerade überfordert fühlt. „Please, go!“ stößt er hervor. „You are not allowed to be here!“

„Abiturient“, denke ich automatisch und „Liebling aller Schwiegermütter“. „Was ich immer denke!“, denke ich weiter, während ich – um einen würdevollen Abgang bemüht – dem Schwiegermutterliebling „A good day to you!“ wünsche und auf dem Weg zurück stolpere.

Heute ist wahrhaftig ein „Grenztag“, resümiere ich, während ich wieder in Richtung der befestigten Straße laufe. Ich wurde zwei Mal hintereinander zurückgewiesen. Und dazu noch diese extremen Übergänge zwischen wilder Natur und menschlicher Rigidität: erst die Heide mit den Wildfährten, durch die die Grenze der Sperrzone des Naturschutzgebiets führt, danach die wilde Auenlandschaft, das von einem Bollwerk aus Menschenhand durchschnitten wird.

Ich habe – wird mir mit einem Mal bewusst – mein ganzes bisheriges Leben in einer „Sperrzone“ verbracht: der „Festung Europa“. Ein „Naturschutzgebiet“ für die Glücklichen, die in diesem Leben das große Los gezogen haben: Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Frieden, dazu die Freiheit, sich lebenslang mit nichts anderem als den eigenen Neurosen beschäftigen zu dürfen. Ein Fakt, der mir auf der rationalen Ebene bewusst war, mir aber emotional nichts sagte.

Mit einem Mal hat das Wort „Grenze“ eine neue Bedeutung für mich bekommen. Von nun an werde ich es nicht mehr mit einem dicken schwarzen Strich auf Landkarten verbinden, sondern mit der stacheldrahtbewährten Zaunanlage im Wald im Osten Polens. Und mit dem Gedanken, dass ich mich – auf die menschliche Ebene übersetzt – in der gleichen Kategorie wie die Wisente des Nationalparks bewege: als Europäerin bin ich ein rares Exemplar meiner Spezies. Ich werde in einer Sperrzone beschützt und bewacht, damit ich nicht zu Grunde gehe…

Datscha

Ich träume von einem Leben in der eigenen Datscha in Bialowieza…

Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag über rauscht der Regen vom Himmel. Ich verbringe lesend und schreibend einen entspannten Sonntag in meiner Datscha.

Zwischendurch koche ich mir eine Tasse Tee und nehme mir etwas zu Essen aus dem wunderbaren Kühlschrank. Mein Bedürfnis, jemals wieder in mein Untermietzimmer nach Leipzig zurückzukehren, geht gegen Null.

Ich war schon während meines allerersten Aufenthaltes in Polen erstaunt darüber gewesen, dass ich mich so sehr Zuhause gefühlt hatte. Im Februar begründete ich das fehlende Fremdheitsgefühl noch damit, dass Danzig ursprünglich eine deutsche Stadt ist. Architektonisch hätte ich mich auch in Lübeck oder Kiel befinden können.

Jetzt bin ich ganz im Osten Polens, aber immer noch will sich kein Fremdheitsgefühl einstellen. Dabei unterscheiden sich Landschaft und Architektur erkennbar von „Zuhause“ und das Polnische ist mir ein völliges Rätsel.

Alles hier fühlt sich für mich seltsam „natürlich“ an: die wunderbare Landschaft, die kleinen pittoresken Ortschaften, dazu die sinnenberauschende Natur und die netten Menschen. Es ist mir, als würde ich hierher gehören.

Während ich über dieses seltsame Gefühl das „Da-Seins“ siniere, höre ich mit einem Mal eine Stimme. „Warum“, wispert sie mir ins Ohr, „bleibst Du nicht einfach hier? Arbeiten kannst Du schließlich überall, wo es Internet und einen Supermarkt gibt!“

Ehe ich mich versehe, bin ich mit Hilfe von Google-Translater auch schon auf Immobiliensuche. Was wohl so ein gemütliches Holzhaus in Bialowieza kostet?

Es sind gleich mehrere Datschas im Angebot, sehe ich auf einer einschlägigen polnischen Seite. Und sie kosten nicht die Welt. Ab 200.000 Zloty – etwa 45.000€ – ist man dabei.

Ein hübsches braunes Holzhaus mit rotem Dach und weißen Sprossenfenstern hat es mir besonders angetan: vier Zimmer, dazu Sommerküche, Nebengebäude und fast 2000 Quadratmeter Grund. Das alles für gerade mal 50.000 €!

Ich schicke die Anzeige einer Freundin. Ein paar Minuten später schreibt sie zurück: sie kennt die Immobilienmaklerin, die genau dieses Haus verkauft! Ich bin fassungslos: Hey, ich bin 1000 Kilometer von ihr entfernt am Ende der Welt! Aber nein: ihre polnische Freundin ist von Deutschland zurück nach Warschau gezogen, versucht sich im Immobiliengeschäft – und bietet genau die Datscha an, in die ich mich verliebt habe.

Wenn es nach „There is no such thing as an accident“ geht, müsste ich mir die Datscha kaufen und nach Bialowieza ziehen. 255.000 Zloty lassen sich sicher irgendwie auftreiben.

Lang ausgestreckt auf dem Bett liegend, finde ich mich im Tagtraum auf der sonnenbeschienenen Veranda der kleinen braunen Datscha wieder. Vor mir steht der Laptop, auf der Blumenwiese summen Bienen, in den alten Obstbäumen zwitschern Vögel und zu meinen Füßen ruht ein großer freundlicher Hund. Was für ein Leben…

„Moment mal!“,meldet sich barsch die Stimme der Vernunft. „Wie stellst Du Dir das vor? Du kannst ja nicht einmal Polnisch!“

Das trifft einen wunden Punkt: Vorgestern hatte ich Suriyel triumphierend ein Photo geschickt, auf dem die erste polnische Beschriftung abgebildet war, die ich automatisch im Vorbeilaufen übersetzt hatte: „Uwaga Pies!“ Von „Vorsicht Hund!“ bis zum alltagstauglichen Polnisch ist es ein weiter Weg. Und die Sprache ist tricky – das wurde mir schon bei der ersten vorsichtigen Annäherung klar.

Meine idealistische Innere Stimme hält dagegen: „Es ist schließlich nicht Chinesisch! Mit ein bisschen Mühe wird das schon!“

Die Stimme der Vernunft fährt das nächste Gegenargument auf: „Glaubst Du wirklich, dass Du die Menschen hier überhaupt verstehen willst?“

Das bringt mich zum Nachdenken. Noch habe ich mich mit niemandem unterhalten, der nicht des Deutschen oder Englischen mächtig ist. Das führt unweigerlich zu einer sozialen Vorauswahl meiner Gesprächspartner. Die, mit denen ich bisher näher zu tun hatte, waren alle offen und entspannt. Aber eben auch höher gebildet und polyglott.

Was ich hier wohl alles zu hören bekommen würde, wenn ich mich mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten könnte? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mit Weltanschauungen konfrontiert wäre, die den meinen diametral entgegenstehen.

Hmmmm…

Die Stimme der Vernunft stellt zufrieden fest, dass sie einen Treffer gelandet hat. Jetzt holt sie zum großen Rundumschlag aus: „Willst Du wirklich zu jedem Retreat 1000 Kilometer weit fahren? Und weit und breit keine Sangha! Das nächste Buddhistische Zentrum ist in Warschau, 250 Kilometer von hier! Es käme ab und zu sicher jemand zu Besuch, aber Du würdest hier sozial und spirituell trotzdem völlig vereinsamen! Sieh doch ein, dass es eine Schnapsidee ist!“

Ich lausche in mich hinein. Meine idealistische Innere Stimme schweigt. Ist sie gekränkt? Traurig? Oder flüstert sie gerade so leise, dass ich sie nicht hören kann?

Seufzend schließe ich die polnische Immobilienseite. Eine Datscha im letzten Urwald Europas ist eine schöne Phantasie – mehr aber leider auch nicht…

Vom kleinen Glück

Ich starte Verhandlungen für eine Führung ins Allerheiligste des Nationalparks, laufe blind in einen Gewittersturm, ziehe in ein pittoreskes Holzhaus um und reflektiere über Up- und Downgrades und das kleine Glück im Leben…

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krieche, ist der Himmel grau. Während der kleine Spirituskocher das Wasser für den Instantkaffee zum Kochen bringt, rufe ich die Wetter-App auf. Die Aussichten sind trübe: Neunzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit während der nächsten vier Tage. Die werde ich nicht im Zelt verbringen, beschließe ich, dafür bin ich zu verweichlicht.

Auf einer altbackenen Mohnschnecke kauend, suche ich online nach einem Dach über den Kopf. Während der Wanderung gestern war ich entzückt von den traditionellen Holzhäusern gewesen. Wie gerne, hatte ich gedacht, würde ich in so einem gemütlichen Ding mal übernachten. Bei booking.com werden gleich mehrere davon hier in der Ecke angeboten, aber ein komplettes Haus ist viel zu teuer.

Schließlich finde ich drei Kilometer weiter die Hauptstraße entlang ein einzelnes Zimmer in einem Holzhäuschen, das bezahlbar ist. Ich buche und beende zügig mein Frühstück, damit ich das Zelt abbauen kann, bevor es anfängt zu regnen.

Als ich meine Utensilien im Kofferraum verstaue, fallen die ersten Tropfen. Ich flüchte mich in den kleinen Dacia, winke im Vorbeifahren dem Campingplatzbesitzer zum Abschied zu und steuere das Informationszentrum des Nationalparks an.

Als ich von der Hauptstraße auf das Gelände abbiege, muss ich mich im Schritttempo durch einen großen Pulk Soldaten zum Besucherparkplatz schieben. Der ist besetzt, stelle ich fest: von einer kompletten mobilen Kaserne. Generatoren rattern, Militärlaster rangieren, Dutzende von Männern und Frauen in Tarnfarben laufen mehr oder weniger geschäftig zwischen grauen Containern herum.

Als ich wende, um wieder vom Gelände zu fahren, klopft ein rundlicher Herr an mein Fenster. Ich könne, bedeutet er mir, mein Auto vor seinem Souvenir-Shop gegenüber des Besucherparkplatzes abstellen. Erleichtert nehme ich das nette Angebot an und eile im Sprühregen die Treppen hoch in das kleine Büro des Nationalparks.

Darin steht ein grauhaariger Ranger in Tarnfarben, der, zu meinem Erstaunen, Deutsch spricht. Er sucht mir eine Wanderkarte heraus und erklärt mir, dass ich überall wandern darf – nur nicht in der Sperrzone, dort wo der Urwald am ältesten und wildesten ist.

Das hatte ich schon Zuhause auf der Homepage des Nationalparks gelesen: in geführten Gruppen wären der Besich des vorderen Teils der Sperrzone möglich. Der hintere – weit größere Teil – stünde nur Wissenschaftlern offen. Die schriftlich zu beantragenden Sondererlaubnis würde von der Parkleitung ausgestellt werden, wenn das Forschungsinteresse nachweisbar wäre.

Ich möchte gerne an einer Touristenführung teilnehmen. Ob denn während der nächsten Tage eine stattfindet, frage ich den Guide. Der blättert in einem großen Kalender. Morgen früh gäbe es eine auf Spanisch, ansonsten wären nur noch Führungen auf Polnisch angemeldet. Damit kann ich nichts anfangen.

Wir diskutieren ein bisschen hin und her und auf einmal erklärt er mir, dass ich auch eine Führung in den hinteren Teil der Sperrzone anmelden könne – vorausgesetzt ich wäre bereit, dafür zu zahlen. Aha? Wie viel das kosten würde?

Er zählt zusammen: 700 Zloty für die Führung, 65 Zloty für den Eintritt, also 765 Zloty, etwa 170 Euro. Von wegen „Low-Budget-Urlaub“! Erst die Vollkasko-Versicherung beim Autovermieter, gleich darauf die 400 Zloty für die Geschwindigkeitsüberschreitung, heute morgen der Übernachtungs-Upgrate wegen des Regenwetters – und jetzt auch noch eine teure Führung. Egal! Wann ich gehen könne, frage ich enthusiastisch.

Jetzt rudert der Guide wieder zurück. Hat er den Mund zu voll genommen? Er wiegt den Kopf hin und her, blättert im Kalender, starrt an die Zimmerdecke. Erst müsse eine Sondergenehmigung beantragt werden, dann werde man sehen. Und überhaupt ginge das erst ab Montag, heute – einem Samstag – wäre niemand im Büro. Ich solle zu Wochenbeginn noch einmal nachfragen.

Also was jetzt: Führung oder keine Führung? Ich will es mir nicht mit ihm verscherzen, bedanke mich, verspreche – oder drohe – dass ich auf alle Fälle wieder kommen werde und eile, die Wanderkarte in der Hand, zum Auto zurück. Hinter dem Tresen des Souvenir-Shops langweilt sich der nette Besitzer. Ein paar Touristen wandern zwischen Trauben von Soldaten in Tarnfarben über das Gelände, es ist ein seltsamer Anblick.

Der kauzige Guide im Info-Point hat mir erklärt, im nördlichen Teil des Nationalparks wären die Bäume besonders alt. Dort lebten die Wisente. Im südlichen Teil wären die Bäume jünger, dort gäbe es besonders viele Vögel und „tolle Energie“.

Während der Regen von draußen an die Windschutzscheibe klopft, überlege ich, die Wanderkarte über das Lenkrad gebreitet, worauf mir der Sinn steht? Alte Bäume und Wisente oder junge Bäume und „tolle Energie“? Davon, beschließe ich nach kurzem Nachdenken, hatte ich gestern genug. Also auf nach Norden in den alten Wald und zu den Wisenten.

Die Straße dorthin führt durch einen kilometerlang grünen Tunnel, so hoch und dicht stehen hier die Bäume. In regelmäßigen Abständen warnen Schilder vor Wildwechsel. Statt des üblichen Hirsch-Symbols ist ein massiges Wisent darauf abgebildet. Ich scheine mich wirklich in der „Büffel-Ecke“ zu befinden.

Fünfzehn Kilometer hinter Bialowieza parke ich auf einem großen Wanderparklatz. Darauf stehen gerade mal drei Autos, alle mit polnischem Kennzeichen. Ich breche mit einem besorgten Blick zum wolkenverhangenen Himmel auf. Hoffentlich wird der Regen nicht stärker!

Der Wald ist wirklich alt! Links und rechts des schmalen Forstwegs stehen riesige alte Eichen, Hainbuchen und Kiefern. Die Äste bilden ein regelrechtes Dach über dem Weg, der mich vor dem immer stärkeren Regen schützt. Während ich vor mich hinlaufe, frischt der Wind merklich auf und lässt die Blätter über meinem Kopf rauschen. Dumpfes Grollen rollt über die Wipfel, ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Irgendwo, ein paar Kilometer entfernt, hat der Blitz eingeschlagen.

Ich drehe um und haste zum Auto zurück, so schnell es mir möglich ist. Die Bäume hier sind richtig alt – und einige sicher morsch. Im Gewittersturm einen Ast – oder gleich einen ganzen Baum – auf den Kopf zu bekommen, ist keine attraktive Idee. Erst gehe ich zügig. Als das Grollen lauter und lauter wird, fange ich an zu laufen – und ärgere mich dabei über mich selbst. Wie konnte ich nur so blöd sein, mich auf die Wetter-App zu verlassen? Auch wenn die nur Regen verkündet hat – es war offensichtlich, dass ein Gewitter aufzog. Ich bin aber auch immer noch neben der Spur!

Die letzten paar hundert Meter lege ich in getrecktem Galopp zurück. Um mich tobt der Wald im Sturmwind, über meinem Kopf rollt der Donner. Einmal knallt es, dass es mir durch Mark und Bein geht: irgenwo hat ein Blitz eingeschlagen. Dazu gießt es wie aus Kübeln. Schwer atmend und triefend vor Nässe werfe ich mich ins Auto. Immerhin: ich lebe – und jetzt bin ich wach!

Völlig durchnässt parke ich zwanzig Minuten später an der Hauptstraße von Bialowieza vor der Datscha, in der ich ein Zimmer gebucht habe. Ein pittoreskes altes Holzhäuschen mit Sprossenfenstern, an der Front halb überwachsen von Kletterrosen. Während sanft der Regen rauscht, stehe ich fröstelnd vor der geschlossenen Haustür und wähle die Nummer meiner Zimmerwirtin. Ihre Mutter käme gleich, um mir die Tür zu öffnen, erklärt sie mir in gebrochenem Englisch.

Und wirklich: ein paar Minuten später läuft – vom Nachbarhaus kommend – eine ältere Frau in Wickelschürze über die Wiese zu mir herüber. Sie spricht kein Englisch, stellt sich heraus, während sie mich in das alte Holzhaus einlässt.

Innen ein großer Raum: rechts ein langer Tisch – und links eine kleine Küche, dazu in der Ecke ein großer Kühlschrank! Davon stand nichts bei booking.com. Ob ich das alles benutzen dürfe? Die Frau nickt und erklärt mir irgendwas auf Polnisch.

Dann öffnet sie eine Tür gleich neben dem Küchenbord: mein Zimmer. Darin ein großes Bett samt Nachtisch, dazu ein einfaches Bad. Als ich zustimmend nicke, bekomme ich die Schlüssel in die Hand gedrückt und dann ist meine Wirtin auch schon verschwunden.

Ich habe die Datscha für mich alleine, stelle ich fest, nachdem ich – geduscht und in trockener Kleidung- alles in Augenschein nehme. Was für ein Upgrate! Vom Treckingzelt zum pitoresken Holzhaus – genau wie ich es mir gestern gewünscht hatte. Dass Bialowieza gerade nicht von Touristen, sondern vom Militär überrannt wird, scheint mein persönliches Glück zu sein.

Im örtlichen Supermarkt gebe ich mich anschließend einem regelrechten Kaufrausch hin. Ich habe einen Kühlschrank! Also Milch statt Milchpulver für den Kaffee, Pfirsiche statt Äpfel, was ich für Frischkäse halte, wird sich zuhause als handgemachter Quark entpuppen. Ich muss ein bisschen suchen, bis ich zwischen den Regalen jemanden auftreibe, der Englisch spricht, aber schließlich übersetzt mir ein Pole die Zutatenliste der Fertig-Piroggen. Es gibt zwei vegetarische Sorten! Die Tomatensauce ist sogar im Angebot. Um den Pfefferminztee zu identifizieren, genügen meine bescheidenen botanischen Kenntnisse.

Wieder in der Datscha angekommen, verstaue ich meine Vorräte feierlich in dem großen Kühlschrank. Er hat sogar ein Tiefkühlfach! Seit eineinhalb Jahren muss ich in meiner Untermietwohnung in Leipzig mit einem winzigen Campingkühlschrank auskommen. Dass ein absolut durchschnittlicher Kühlschrank solche Glücksgefühle in mir auslösen kann, ist eine neue Erfahrung.

Und dazu noch eine Küche! Obwohl das etwas hochgegriffen ist: es gibt gerade mal einen zweiflammigen Gaskocher, ein paar einfache Töpfe und nicht mal einen Kochlöffel. Ich krieche unter die Spüle, drehe die Propangasflasche auf, koche eine Portion Piroggen „Ukrainische Art“ (lecker) mit polnischer Fertiggemüsesoße (furchtbar) und bin glücklich.

Nach dem Essen sitze ich vor einer Tasse dampfendem Pfefferminztee, schaue in den regennassen Garten hinaus und meditiere über mein Leben. Dass mich ein winziges Holzhaus, ein simpler Kühlschrank und ein primitiver Propangaskocher einmal so glücklich machen könnten, wäre mir noch vor zwei Jahren niemals in den Sinn gekommen. Im „Früher“ war die Designerküche so selbstverständlich wie der Urlaub im Luxushotel.

Manchmal ist wohl ein radikaler Down-Grade nötig – sinniere ich – damit sich die Tür für das Glück öffnen kann…

Berauscht

Ich stoße im Wald von Bialowieza auf Spuren der Taten Walter Freverts, sehe den ersten Eisvogel meines Lebens und bin berauscht von Natur.

Die Dorfstraße entlanglaufend, suche ich in der Wander-App nach einer Route. Zweiundzwanzig Kilometer, denke ich benebelt, müssten reichen, damit ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Ich lade die Strecke herunter, ohne auf mehr zu achten, als das ich am Ende wieder auf dem Campingplatz ankommen werde.

Vor dem Info-Center des Nationalparks muss ich links in eine schmale Teerstraße einbiegen. Eine braune Hündin schiebt sich durch das Loch im Zaun eines der kleinen Holzhäuser und trabt mir freundlich wedelnd entgegen. Ich gehe vor ihr in die Hocke und kraule ihr ausführlich den Rücken. Sie begleitet mich zum Ortsausgang und schaut mir nach, als ich von der Straße in einen Waldweg abbiege.

Hier ist es kühler als in der prallen Sonne. Dafür werde ich sofort von Mückenschwärmen attackiert. Ich krame das Insektenspray aus dem Rücksack, verteile es großzügig über sämtliche Gliedmaßen und stelle erleichtert fest, dass sich das lästige Volk davon beeindrucken lässt.

Nach ein paar Kilometern durch den Wald eine Ansiedlung. Ein paar pitoreske kleine Holzhäuser entlang der schmalen Teerstraße, mehr ist es nicht.

Vor einem leeren Grundstück, auf dem die verwitterten Grundmauern eines Häuschens zu erkennen sind, eine vergilbte Tafel, beschriftet in Polnisch und Englisch.

Die ursprüngliche Ortschaft, lese ich, wurde im 19. Jahrhundert gegründet, als der Urwald von Bialowieza im Privatbesitz des russischen Zaren war. Ihre Bewohner bewirtschafteten den Wald und dienten als Fußvolk für Jagdveranstaltungen. 1941 wurde der Ort von den deutschen Besatzern niedergebrannt, die Bewohner vertrieben. Nach dem Ende des Krieges kehrten diese zurück und bauten ihre Häuser wieder auf.

Mehr steht da nicht.

Ich schaue mich um. Die hübschen Häuser mit den blühenden Vorgärten scheinen in der Schwüle des Sommertages vor sich hin zu dösen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Die Vögel zwitschern in den Bäumen um die Wette, in den Rabatten summen unzählige Insekten. Ansonsten herrscht vollkommene Stille.

Alles fühlt sich unwirklich und seltsam bleiern an. Ob es an meiner seelischen Verfassung liegt, am heranziehenden Gewitter oder an der Atmosphäre der Ortschaft, weiß ich nicht zu sagen.

Im Weiterlaufen denke ich über den nüchternen Text auf der vergilbten Tafel nach. Im Wikipedia-Eintrag über den Oberforstmeister Walter Frevert, der den Befehl Hermann Görings zur Vertreibung der Bevölkerung damals umsetzte, klang das dramatischer: ingesamt vierundreißig Dörfer im Urwald von Bialowieza waren vom „Forstschutzkorps“ eingekesselt worden. Die Bewohner bekamen eine halbe Stunde Zeit, ihre Habseligkeiten auf Wagen zu laden, bevor sie vertrieben wurden. Was sie zurücklassen mussten, wurde verbrannt.

584 jüdische Männer, die in den Ortschaften lebten, wurden erschossen, jüdische Frauen und Kinder in ein Ghetto nahe Brest-Litovsk deportiert. Wer von ihnen hat wohl den Krieg überlebt und ist hierher zurückgekommen, um sein Haus wieder aufzubauen? Über ihr Schicksal schweigt die Tafel.

Von frustrierten Mücken umsurrt, wandere ich immer tiefer in den Wald hinein. Er ist verwunschen, stelle ich fest. Hinter der betäubenden Geräuschkulisse aus Vogelgesang und Insektengesumm herrscht vollkommene Stille. Und hinter der Stille atmet der Wald. Ich spüre seine tiefen gleichmäßigen Atemzüge auf der Haut. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich sanft seine Brust. Mit jedem Ausatmen ertrinke ich in Geruchsmolekülen, bei jedem Einatmen nimmt er etwas von meiner Energie in sich auf.

Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung. Irgendwann gelange ich auf einem schmalen Trampelpfad zu einer Brücke, die einen Tümpel überspannt. Ich starre fasziniert auf die Wasseroberfläche. Glänzende blaue Libellen schießen über die Seerosenblätter. Eine Bachstelze stolziert, bei jedem Schritt wippend, über einen im Wasser vor sich hin modernden Baumstamm. Im Schilf quacken unzählige Frösche. Auf einmal schießt etwas leuchtend Blaues direkt an meinem Kopf vorbei und landet auf einem nahen Ast. Ein Eisvogel! Als ich ihn näher in Augenschein nehmen will, schwirrt er davon.

Als ich sechs Stunden nach meinem Aufbruch wieder auf dem Campingplatz zurückkehre, bin ich müde, entspannt – und betrunken von Natur. Meine Sinnesorgane sind völlig überfordert davon, Reize in dieser Komplexität und Dichte aufzunehmen und zu verarbeitet. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und dabei stamme ich aus einem Dorf im bayerischen Chiemgau. Ich hatte bisher gedacht, ich wüsste, was Natur ist. Das war eine Illusion, hat mich der heutige Tag gelehrt. Was für mich bisher „Natur“ war, ist nur begrünte Zivilisation.

Als ich nach dem vegetarischen Abendessen – ein weiteres Mal serviert vom enthusiastischen Kellner des alten Holzhauses – um zehn Uhr Abends in mein Zelt krieche, krakeelen die Vögel immer noch in der Abenddämmerung. Ich lasse mich von ihnen in den Schlaf singen und wandere im Traum die ganze Nacht durch einen riesigen verwunschenen Wald.

Frühstücksvisionen

Nach einer kurzen Nacht im Bialowieza-Nationalpark holen mich beim Morgenkaffee Erinnerungen ein…

Ich werde von Vogelgesang geweckt. Fahles Licht fällt durch das kleine Sichtfenster des Treckingzeltes. Draußen dämmert es. Ich fühle mich, als wäre ich eben eingeschlafen. Nach dem Handy tastend sehe ich, dass es gerade Mal drei Uhr morgens ist! Als ich um elf Uhr Abends die kleine Taschenlampe löschte, war es draußen noch nicht richtig dunkel gewesen.

Seltsam, denke ich, als ich mir meinen Kleiderbeutel so bequem als möglich unter den Kopf stopfe und versuche, wieder einzuschlafen. Ich bin rund 1000 Kilometer nach Osten gefahren – und nicht nach Norden. Und trotzdem geht hier – sechs Tage vor Mittsommer – die Sonne nicht wirklich unter.

Um sieben Uhr morgens zwitschern und singen die Vögel in den Bäumen rund um das Zelt in einer Lautstärke, dass an Schlaf nicht länger zu denken ist. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie. Auf der Wiese glänzt Tau. Abgesehen vom Lärm der Vögel ist es geradezu gespenstisch still.

Der Geruch, der mich umgibt, ist noch überwältigender als gestern Abend. Es riecht nach Sommermorgen, Blumen, Gräsern – und nach Wald! Als ich, den Kosmetikbeutel unter dem Arm, über die Wiese zum primitiven Waschraum wandere, kommt es mir vor, als würde ich durch Moleküle schwimmen.

Die kleine Gasflamme des Campingkochers zischt, nach ein paar Minuten brodelt das Wasser. Ich gieße den Instantkaffee auf und lasse mich in der warmen Morgensonne auf dem Freisitz nieder. Ich bin komplett steif von der kurzen Nacht auf der harten Isomatte, am frühen Morgen habe ich noch dazu ordentlich gefroren – aber dafür trennt mich kein Fenster, keine Wand und kein Dach von der Natur!

Glücklich lege ich die Tageskarten – und starre verstimmt auf den „Kaiser“. Die IV der großen Arkana des Tarot steht für männliche Macht und patriachale Strukturen.

Nach der gestrigen Begegnung mit den beiden Polizisten und „dem Namen des Vaters“ bin ich nicht wirklich überrascht von der Karte. https://www.water-runs-east.eu/der-name-des-vaters/

Irgendwas in der Richtung muss ich auch geträumt haben. Ich krame in meinem Gedächtnis nach einem Traumbild der vergangenen Nacht, aber es will mir nichts einfallen außer dem vagen Gefühl, dass die Tageskarte des roten Kaisers den Nagel auf den Kopf trifft. Dass mich meine Innere Stimme, mein Karma – what´s ever – hierher nach Bialowieza geschickt hat, weil es genau darum geht: um männliche Gewalt – und alles, was damit zusammenhängt.

Ich lasse die beiden Anreisetage noch einmal Revue passieren: Der psychisch kranke Obdachlose in Warschau, „Der Name des Vaters“ des polnischen Polizisten, das Militär auf dem Nationalparkgelände, die nahe Grenze zu Belarus, Verbündeter Russlands im verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine. Dazu die Erwähnung von „Göring“ und der seltsame Zusammenhang mit Walter Frevert.

Meine Gedanken wandern vom ehemaligen NS-Forstmeister des Bialowieza-Nationalparks zu meiner Romanfigur, für deren Charakter Frevert Pate stand. Dem Psychopathen, der trächtige Hirschkühe erlegt und ihre ungeborenen Kälber verbrennt. Der gruselige „Friedrich-Zwei“ tauchte vor zwei Jahren aus meinem Unbewussten auf – und begleitet mich seitdem. Mittlerweile ist bereits das zweite Manuskript, in dem ich mich an ihm abarbeite, fast fertig. Aber ich kann es einfach nicht abschließen. Seit Monaten sind alle inneren Bilder verschwunden – und ich habe keine Ahnung, warum?

Ich trinke eine weitere Tasse Instantkaffee an und kaue gedankenverloren an einem altbackenen Hörnchen. Unversehens steigen Bilder aus der Vergangenheit in mir auf: Ich stehe in der abendlichen Dunkelheit mit einer Gruppe von Menschen vor einem Haus. Rechts von uns ragt eine steile Felswand auf.

Warum fällt mir ausgerechnet jetzt mein allererstes Vajra-Armor-Retreat ein? Es fand im Oktober 2019 statt. Vor dreieinhalb Jahren. Es kommt mir vor, als läge es erste ein paar Wochen zurück, so intensiv sind die Erinnerungen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/

Ich sehe die amerikanische Khandro aus der Haustür treten. Ihr prächtiger goldener tibetischer Hut, den sie auf dem langen blonden Haar trägt, glänzt im Licht der Flurbeleuchtung. Sie kontrolliert, ob alles für das Setzen der Boundaries auf dem weitläufigen Gelände bereit ist. Sie wird, während die Gruppe an allen Himmelsrichtungen Opfer für die örtlichen Naturgeister bringt, das begleitende Ritual auf der Dachterrasse durchführen.

Nachdem sie die letzten Anweisungen erteilt hat, verschwindet sie wieder im Haus. Kurz darauf erklingt lautes Trommeln von der Terrasse, wir können beginnen. Einer von den drei Ungarn ist der Geko. Er presst die große weiße Muschel an die Lippen und trötet, dass es nur so von den steilen Felswänden widerhallt.

Damit setzt sich der Trupp in Bewegung, Taschenlampen blitzen auf. Wir sind nur vier Frauen im ersten Durchgang, automatisch gehen wir gemeinsam. Vor uns laufen die Männer durch die Dunkelheit. Alle in langen tibetischen Röcken, sie rezitieren im Gehen ein Mantra. An der Einfahrt wird ein Stop eingelegt. An dem bunten Band, das auf Hüfthöhe gespannt ist und die Grenzen des Retreats symbolisiert, machen wir Halt.

Fasziniert stehe ich am Rand der Gruppe, und beobachte, wie die Männer in ihren langen Röcken kleine Figürchen aus Haferflockenteig, die Naturgeister symbolisieren, neben dem Begrenzungspfosten ins Gras legen, sie mit Wein übergießen und dabei singen und beten. Der stämmige Ungar trompetet mit der Muschel durch die Nacht. Die Khandro antwortet mit wildem Trommeln von der Dachterrasse.

Noch nie vorher habe ich Männer erlebt, die, angeleitet von einer Frau, Röcke tragen, singen und opfern – und sich kein bisschen seltsam dabei vorzukommen scheinen. Im Gegenteil, alle genießen ganz offensichtlich das Ritual. Auch ich. Aber noch mehr als am fremdartigen Setzen der Boundaries erfreue ich mich am Anblick der Männer. Sie sind schön anzusehen. Es ist ein so seltsames wie berührendes Schauspiel.

Meine Gedanken wandern weiter: kurz vor dem Ende des Retreats verlor ich auf dem weitläufigen Gelände meinen Schlüsselbund. Wohnungsschlüssel, Autoschlüssel, Briefkastenschlüssel – alles war weg und blieb trotz intensiven Suchens verschwunden. Ich wusste in dem Moment, dass mir dieser Verlust etwas wichtiges zu sagen hatte. „There is no such thing as an accident.“ Aber ich konnte mir keinen Reim daraus machen. Ich tappte damals genauso im Dunkeln, wie ich es jetzt gerade tue.

Als ich, nach dem Abschluss des Retreats, irgendwann samt Auto wieder Zuhause angelangt war, stand ich völlig neben mir. Kein ungewöhnlicher Zustand nach intensiven Meditationserfahrungen. Allerdings hält er normalerweise nicht länger als drei bis vier Wochen an. Diesmal war es anders. Sechs Monate lang war ich buchstäblich „verrückt“! Während der ganzen Zeit war mir bewusst, dass ich mich unmöglich verhielt – aber ich konnte nichts dagegen machen. Und als ich im Sommer 2020 wieder einen Zustand erreicht hatte, der sich von außen als „normal“ bezeichnen ließ, verfiel ich für ein weiteres halbes Jahr in eine Art innere Schockstarre. Ich war mir selbst vollkommend fremd geworden. Alles was ich dachte, sprach und tat, fühlte sich falsch an. Dass durch den Lockdown die Zeit stillzustehen schien, war ein großes Glück.

Mit diesem Gedanken finde ich mich auf dem kleinen Campingplatz im äußersten Osten Polens wieder. Die Morgensonne fällt auf die Tischplatte, in den Bäumen singen unzählige Vögel, Insekten summen, der Duft des Waldes hüllt mich ein. Die intensiven Sinneseindrücke erreichen mein Gehirn nur in Spurenelementen.

Verwirrt schüttle ich den Kopf. Alles um mich dreht sich. Ich fühle mich, als wäre ich – wie damals, nach dem Retreat – in einem seltsamen Zwischenreich gefangen. Kurz überwältigt mich Panik: was, wenn ich hier und jetzt verrückt werde?

Ich zwinge mich dazu aufzustehen, meine Frühstücksutensilien ins Auto zu räumen und ein paar Äpfel, Riegel und Wasser in den Rucksack zu stopfen. Laufen, denke ich vage, ist das Beste, was ich jetzt tun kann. Wenn ich mich richtig anstrenge, werde ich wieder in meinem Körper ankommen.

Puzzle

Ich erkunde Bialowieza, bekomme vegetarische Piroggen serviert und rätsel über den Sinn meiner Reise…

Ich laufe die Dorfstraße von Bialowieza entlang. Ab und zu fährt ein Auto an mir vorbei. Es sind fast keine Fußgänger unterwegs.

Traditionelle kleine Holzhäuser, von Gärten umgeben, ducken sich unter hohe Bäume. Obwohl der Ort von überschaubarer Größe ist, sind es vom Campingplatz bis zum Zentrum fast zwei Kilometer. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch taucht linkerhand ein großes rotes Backsteingebäude auf: ein Vier-Sterne-Hotel. Der Parkplatz ist halb leer, ein kleines Grüppchen Touristen in Wanderkleidung steht vor dem Portal.

Ein paar Meter weiter entdecke ich auf der anderen Straßenseite ein großes hölzernes Tor: der Eingang zum Info-Zentrum des Nationalparks.

Ein Militärlaster in Tarnfarben donnert an mir vorbei, blinkt – und fährt zu meinem Erstaunen durch das Tor und auf das Gelände. Als ich auf Höhe des Infozentrums angelangt bin, schlendert ein Trupp Soldaten in Uniform über die Straße.

Was ist denn hier los? Kaum Touristen, dafür Militär?

Zwei Kilometer von hier, erinnere ich mich, endet die „Ostflanke“ der NATO. Jenseits der polnischen Grenze liegt Belarus, Vasallenstaat Russlands, von dem fast täglich Drohnen und Raketen auf die Ukraine abgefeuert werden. Der Krieg ist auf einmal ganz nah.

Ich wandere einen langgezogenen, blau gestrichenen, Pavillon entlang. „Frog-Café“ steht über dem Eingang. Das seltsame Gebäude wirkt verwunschen, es ist keine Menschenseele zu sehen.

Nach dem Pavillon eine wild wuchernde Hecke. An ihrem Ende eine schmale Stichstraße. Ich schaue neugierig, was sich dort befindet – und entdecke einen Soldaten, der, den Helm auf dem Kopf, ein Maschinengewehr über der Schulter, Wache steht. Hinter ihm sind in zwei langen Reihen Militärlaster geparkt. Dazwischen laufen geschäftig Dutzende Uniformierter herum. Mitten im Touristenort befindet sich eine Kaserne!

Schnell gehe ich weiter. Mich treibt die vage Furcht, wenn ich zu lange stehe und starre, könne mich jemand für eine Spionin halten. Schräger Gedanke.

Nach ein paar weiteren Metern wilder Hecke auf einmal eine Brücke. Darunter ein schmaler Fluß. Die Narewka, teilt mit das Handy mit. Das Wasser glänzt in der Abendsonne, im Schilf pfeifen Vögel, aus der Ferne grüßt ein hölzerner Aussichtsturm.

Auf der anderen Seite der Narewka ein weiterer riesiger roter Backsteinbau. Er sieht aus wie ein amerikanischer Gothic-Traum. Nathaniel Howthorn lässt grüßen. Das Ding war wohl mal ein Herrenhaus. Der Architekt muss beim Entwerfen auf Drogen gewesen sein, mehr Neo-Gotik geht nicht. Der Bau wird von einem halben Dutzend Schornsteinen gekrönt. Auf einem davon wohnt eine Storchenfamilie. Wer auch immer sich diesen Horror-Traum einst hat bauen lassen – heute ist dort das Nationalpark-Museum zuhause, verkündet eine Tafel.

Gleich neben dem Museum befindet sich – ebenfalls in rotem Backstein – eine russisch-orthodoxe Kirche von imposanter Größe. Auf dem Gehweg davor haben sich zwei Zeugen Jehovas postiert. Das junge Paar – er im blauen Anzug, sie im passenden Kostüm – steht mit ernsten Gesichtern neben dem üblichen fahrbaren Aufsteller, auf dem bunte Zeitschriften drapiert sind. Die beiden wirken, als hätte die Produktionsleitung eines Filmsets versehentlich falsche Statisten für einen Horrorfilm gebucht.

In Sichtweite der tapferen Zeugen Jehovas befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein schönes altes Holzhaus mit einladender Terrasse. Ich kontrolliere die Speisekarte, die davor auf einem Tischchen platziert ist. Netterweise wird jedes Gericht auf Polnisch wie Englisch angeboten. Ich entdecke zu meiner Erleichterung eine komplette Seite mit vegetarischen Gerichten und eile hinein.

Drinnen empfängt mich ein enthusiastischer Kellner. Er ist sicher noch keine zwanzig, trägt das lange Haar im Zopf, spricht ein kreatives Englisch und wedelt, als ich frage, wo ich mich setzen darf, großzügig mit beiden Händen. Bis auf einen Tisch, an dem eine Familie gerade das Abendessen einnimmt, ist der Gastraum leer.

Ich lasse mich in einer Ecke nieder und bestelle vegetarische Piroggen. Wärend ich auf das Essen warte, bewundere ich den offenen Dachstuhl des alten Holzhauses.

Als ich einen Blick auf das Handy werfe, stelle ich fest, dass es schon neun Uhr Abends ist. Das kann ja wohl nicht sein! Ich frage den Kellner nach der Uhrzeit. Richtig, es ist erst acht. Ich wäre wohl im Mobilfunknetz von Belarus gelandet, meint er dazu. Die hätten Moskauer Zeit. Das passiere hier ständig, ich müsse meinen Mobilfunkanbieter händisch festlegen, sonst könne das richtig teuer werden. Ich erledige es, während die Piroggen vor mir dampfen.

Die Portion ist üppig und lecker. Vor mich hinkauend denke ich über den Tag nach. Es war einiges geboten: morgens der „Teufel“ in den Tageskarten, am Vormittag meine idiotische Suche nach dem Bus, danach der peinliche Zusammenbruch im Mietwagenverleih. Auf der Fahrt die ärgerliche Geschwindigkeitsüberschreitung, die mich 400 Zloty gekostet hat. Dazu die Frage des Polizisten nach „dem Namen des Vaters“.

Und hier, in Bialowieza, auf dem Campingplatz der Deutsch sprechende Besitzer, der mir von „Göring“ erzählt. Ich frage mich, während ich zwischendurch einen Schluck Wasser nehme, wie viele Deutsche heute noch wissen, dass es sich dabei um den durchgeknallten NS-Luftfahrtsminister handelt, der die „Endlösung der Judenfrage“ in Auftrag gab, 1946 in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde und sich vor der Hinrichtung in der Gefängniszelle erhängte?

Dazu das ganze Militär, das im pittoresken Touristenort in etwa so unpassend wirkt, wie die beiden Zeugen Jehovas vor der russisch-orthodoxen Kirche.

Dann noch die wiederholte Erinnerung daran, dass ich mich buchstäblich an eine Grenze begeben habe. In mehrfacher Hinsicht: hier endet nicht nur Polen, sondern auch das westliche Verteidigungsbündnis und die EU. Und damit die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. So wenig perfekt sie in Europa – und Polen – gelebt werden, im Vergleich zu Belarus und Russland ist das hier das Paradies.

Es kommt mir vor, als hätte ich mich – ohne es bewusst geplant zu haben – in ein großes Rätsel katapultiert. Als würde ich vor einer riesigen Sammlung winziger Puzzlestücke sitzen, ohne den Hauch einer Idee zu haben, welches Motiv ich zusammensetzen soll.

Ich hatte Suriel nach einem schönen Ort in Polen für eine Treckingtour gefragt. Nach Wochen am Schreibtisch war ich ausgehungert nach Natur und Bewegung. Er schlug den Bialowieza-Nationalpark vor und ich war sofort Feuer und Flamme, als ich las, dass es sich dabei um den letzten Urwald Europas handelt.

Als sich während der Planung der Reise herausstellt, dass ich in Polen ohne Kreditkarte keinen Mietwagen bekomme, breche ich Zuhause am Schreibtisch regelrecht zusammen.

In dem Moment wird mir das erste Mal bewusst, dass es nicht nur um ein paar Tage Wandern in der Natur geht. Meine Verzweiflung, während ich die Kreditkarte bestelle, ist grenzenlos. Wer weiß, was bis September, wenn ich – dann mit Kreditkarte – endlich dorthin aufbrechen kann, alles passiert ist? Ich könnte bis dahin von einem LKW überrollt, Polen von Russland überfallen worden, die Welt untergegangen sein! Und ich würde in diesem Leben nicht mehr nach Bialowieza kommen! Und dabei MUSS ich da hin!

Als überraschend schon nach wenigen Tagen die Mail mit der Bewilligung der Kreditkarte eingeht, buche ich wie im Fieber Zugtickets, Ferienappartement und Mietwagen.

In der darauffolgenden Nacht träume ich vom „großen Waidmann“ Walter Frevert. Und werde am nächsten Morgen damit konfrontiert, dass das Vorbild für meinen Romanpsychopathen während der deutschen Besetzung Polens in Bialowieza Kriegsverbrechen begangen hat.

Alles ist völlig konfus. Aber gleichzeitig in der Tiefe klar und stimmig. Nur kann ich niemandem – mir selbst inbegriffen – erklären, warum es sich so absolut richtig anfühlt, dass ich genau jetzt in Bialowieza bin.

Ich zahle und laufe in der Abendämmerung zurück zum Zeltplatz. Es ist inzwischen neun Uhr Abends. Die Storchenkinder im großen Nest neben dem Supermarkt schlafen schon.

Bialowieza

Ich komme in Bialowieza an, werde mit „Göring“ konfrontiert und schlage mein Zelt auf dem Campingplatz auf.

Die letzten fünfzehn Kilometer geht es nur noch durch Wald. Zu Beginn ist er licht und jung. Je näher ich meinem Ziel komme, desto älter und größer werden die Bäume. Ihre Äste strecken sich weit über die schmale Landstraße. Es ist, als würde ich durch einen kilometerlangen grünen Tunnel fahren. Ein – in seiner Intensität geradezu betäubender – Waldgeruch streicht durch die offenen Fenster herein.

Schließlich das Ortschild: „Bialowieza“. Der große Nationalpark ist nach einem kleinen Städtchen benannt. Links und rechts der Straße reihen sich bescheidene Holzhäuser in braun und rot nebeneinander auf.

Es ist jetzt kurz nach sechs Uhr abends. Statt der vom Navi prognostizierten dreieinhalb, habe ich mehr als fünf Stunden von Warschau bis hierher gebraucht.

Ich bin so müde, dass ich beinahe die handbeschriebene Tafel am Straßenrand übersehe. „Camping“ lese ich im Vorbeifahren und muss am nächsten Kreisverkehr wenden. Erleichtert sehe ich, dass es dort eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und einen Geldautomaten gibt.

Im zweiten Anlauf biege ich in die schmale Einfahrt ein und holpere auf einem Schotterweg durch einen Vorgarten. Hinter dem kleinen weißen Einfamilienhaus erstreckt sich eine überschaubare Wiese. Darauf vier Wohnmobile – zwei aus den Niederlanden, zwei aus Polen. Ansonsten ist alles leer. Massentourismus sieht anders aus.

Ich steuere die hintere linke Ecke an, stelle den kleinen Dacia ab und mache mich auf die Suche nach der Rezeption. Neben der Haustür des bescheidenen Häuschens hängt eine schwarze Schiefertafel. Darauf hat jemand mit weißer Kreide einfache Symbole gemalt, daneben jeweils Zahlen. In der obersten Reihe ein Strichmännchen, daneben „=15 Zloty“. In der zweiten Reihe ein Zelt, „=20 Zloty“. Ein Auto „=20 Zloty“. Ein Wohnmobil „=50 Zloty“, Hunde/ Kinder „=10 Zloty“.

Es geht ganz offensichtlich auch ohne Fremdsprachen.

Ich drücke die Klingel und sortiere, während ich darauf warte, dass jemand auftaucht, Zloty-Scheine. Am Flughafen habe ich glücklicherweise zweihundert Euro gewechselt. Es würde mich sehr wundern, wenn ich hier mit Karte zahlen kann.

Nach ein paar Minuten öffnet sich die Haustür, ein älterer Herr in Shorts und Feinrippunterhemd tritt heraus. Ich begrüße ihn mit“Dzien Dobry!“. Damit haben sich meine Polnischkenntnisse auch schon erschöpft, ich wechsle ins Englische. Zu meinem Kummer schüttelt er den Kopf. Während ich das Handy herauskrame, um den Google-Übersetzer aufzurufen, fragt er „Deutsch?“ Ich nicke erleichtert.

Es stellt sich heraus, dass der Campingplatzbesitzer ausgezeichnet Deutsch spricht. Nachdem ich für zwei Nächte 110 Zloty bezahlt habe – etwas mehr als vierundzwanzig Euro – bringt er mich zu meinem Auto zurück und plaudert währenddessen mit mir. „Ach ja, Leipzig, die Stadt Bachs“, meint er, als er hört, woher ich komme. Er liebt klassische Musik, stellt sich heraus. Warum er so gut Deutsch kann, will er mir nicht sagen.

Als wir an meinem Auto angekommen sind, wechselt er das Thema: „Wussten sie, dass Göring zwei Mal hier in Bialowieza war?“, fragt er mich. Als ich nicke, reagiert er erstaunt. „Ach, das wussten sie?“ Worauf er mir hastig einen schönen Abend wünscht, sich abrupt umdreht und geht.

Ich sehe ihm erstaunt nach. Was war das jetzt?

Egal. Ich öffne den Kofferraum und hole mein Zelt heraus. Ich mag es sehr: es ist leicht – gerade mal drei Kilo – hat eine phantastische Wassersäule – 1500 – ist von appartem Orange und in weniger als fünf Minuten aufgebaut. Ganz billig war es auch nicht. Neben den vier Wohnmobilen sieht es trotzdem ziemlich bescheiden aus.

Die Isomatte ist ebenfalls ein Qualitätsprodukt. Das mit dem „selbst Aufblasen“ klappt trotzdem nie so richtig. Ich helfe ein bisschen nach, stopfe die pralle Matte samt Schlafsack ins Zelt, sperre das Auto ab und mache mich – hungrig wie ein Löwe – zu Fuß auf ins Zentrum von Bialowieza in der Hoffnung auf ein Restaurant, das irgendein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte hat.

Der Name des Vaters

Ich breche zum Bialowieza-Nationalpark auf, kommuniziere via Google-Übersetzer mit zwei polnischen Polizisten, werde um 400 Zloty erleichtert – und zu unangenehmen Einsichten gezwungen…

Ich starre auf das Display. „Der Name des Vaters“ lese ich. Das macht ja wohl keinen Sinn!

Entnervt lösche ich die Übersetzung und strecke dem Polizisten durch das heruntergelassene Autofenster ein weiteres Mal das Handy entgegen. Er beugt sich darüber, spricht auf Polnisch ins Mikro, kontrolliert den Text und nickt zufrieden. Jetzt scheint Google richtig übersetzt zu haben. Aber – Himmel hilf! – da steht wieder: „Der Name des Vaters“!

Nicht genug, dass mich die beiden Polizisten etwa hundert Kilometer hinter Warschau aus dem Verkehr gewunken haben. Sie können beide auch noch kein Englisch. Und ich kein Polnisch. Glücklicherweise gibt es Google-Übersetzer, der nicht nur der Völkerverständigung dient, sondern auch noch dafür sorgt, dass der polnische Staat nicht zu kurz kommt.

400 Zloty wollen sie von mir, lese ich ungläubig. Der Ältere der beiden hält mir ein mobiles Messgerät unter die Nase: „78 km/h“ zeigt das Display an. Ich bin konfus. Auf polnischen Landstraßen wären bis zu 90 km/h erlaubt, war mir vom Autoverleih erklärt worden. Das lasse ich jetzt mein Handy übersetzen. Der jüngere der beiden Polizisten, der das mühsame Geschäft der Kommunikation via Google-Translater übernommen hat, liest die polnische Übersetzung und schüttelt energisch den Kopf. Das hier wäre eine Ortschaft, lese ich wiederrum, und ich wäre fast 30 km/h zu schnell gefahren!

Nach Ortschaft sieht es nicht aus. Links und rechts der Landstraße stehen Wiesen und Hecken. Der Polizist macht mir ein Zeichen: ich halte ihm ein weiteres Mal mein Handy unter die Nase. Ich könne bei ihnen mit Karte zahlen, lese ich. Sie akzeptieren sowohl EC- als auch Kreditkarten.

Das weckt mein Misstrauen. Sind die beiden überhaupt echt? Oder werde ich hier gerade abgezockt? Sie sind in Uniform, samt Pistole am Hüfthalter, ein Polizeiauto steht ein paar Meter weiter vorne. Ich beschließe, dass ich es wohl nicht mit Trickbetrügern zu tun habe, steige zähneknirschend aus und begleite sie zum Dienstwagen. Der eine schreibt auf einem Block, der andere hält das mobile Karten-Lesegerät durch das heruntergelassene Autofenster.

Ergeben tippe ich meine Geheimzahl ein, ratternd spuckt der kleine schwarze Kasten die Quittung aus. Der Ältere ist auf dem Beifahrersitz noch mit meinem Strafzettel beschäftigt, vor ihm auf der Ablage ruht mein Führerschein.

Ich soll in meinem Auto warten, bis sie fertig sind, bedeutet mir der Jüngere. Ein paar Minuten später steht er neben meiner Fahrertür, in der einen Hand Block und Stift, in der anderen meine Fahrerlaubnis. Anstatt mir alles in die Hand zu drücken und mich – hundert Euro ärmer – von Dannen ziehen zu lassen, will er „Den Namen des Vaters“. Er zeigt auf eine Spalte ganz oben auf dem Strafzettel und dreht meinen Führerschein zwischen den Fingern.

Wofür braucht er für einen Strafzettel „den Namen des Vaters“? Wohl des Meinen, schlussfolgere ich. So katholisch Polen ist: ich nehme nicht an, dass wir hier gerade über Gott diskutieren.

„Der Name meines Vaters“, erkläre ich dem Handy, „ist exakt derselbe wie meiner“. Google hat korrekt übersetzt, sehe ich. Der Polizist ist mit der Antwort trotzdem nicht zufrieden. Er schaut erst mich an, dann meinen Führerschein, dann wieder mich, dann seinen Block. Dass eine Frau meines Alters noch mit ihrem Mädchennamen durchs Leben geht, scheint ihn zu überfordern.

Schließlich gibt er auf, reicht mir Strafzettel, Quittung und Führerschein herein und signalisiert mir, dass er mir noch etwas sagen möchte. Er spricht ein paar Wörter auf Polnisch ins Mikrophon. „Ich, für meinen Teil“, lese ich, „wünsche ihnen noch einen schönen Urlaub!“

Ich fahre wie auf Eiern vom Parkplatz. Durch den Rückspiegel sehe ich eine lange Karavane von Autos hinter mir her schleichen. Angeführt vom Polizeiwagen, in dem die beiden Polizisten sitzen, die mich gerade um 100 Euro ärmer gemacht haben. Eisern halte ich die 50 km/h ein, obwohl links und rechts weiterhin Wiesen und Hecken vorbeiziehen. Ab und zu ist dahinter ein einzelnes Haus zu erkennen.

Und tatsächlich. Nach etwa zwei Kilometern verkündet ein weißes Schild mit durchgestrichener Häusersilhouette am Straßenrand, dass hier eine Ortschaft zu Ende ist. Allerdings nur kurz, nach ein paar hundert Metern schon wieder ein neues Ortschild, obwohl sich an der Bebauung nichts verändert hat. Die Polen scheinen Freiraum zu schätzen – und die örtlichen Bauvorschriften stehen ihnen dabei offensichtlich nicht im Weg.

Während ich konzentriert nach Ortseingangs-, Ausgangs- und Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern Ausschau halte, kommt mir meine Tageskarte in den Sinn: „Der Teufel“. Genauso ist der Tag bisher gelaufen, stelle ich fest. Irgendwie ist der Wurm drin. Und es hat was mit mir zu tun. Denn das ist die Botschaft des Teufels: wenn er auftaucht, signalisiert er immer die Chance, eigene Abhängigkeiten, Süchte und Verstrickungen zu erkennen.

Während ich, weiterhin eine lange Schlange Autos mit dem Polizeiwagen an der Spitze hinter mich herziehend, über die Landstraße schleiche, frage ich mich, was mir das alles zu sagen hat?

„Der Name des Vaters“, kommt mir in den Sinn.

Ich bin auf dem Weg in den Bialowieza-Nationalpark. An den Ort, an dem Walter Frevert, das Vorbild für meinen psychopathischen Romancharakter, vor achtzig Jahren Kriegsverbrechen begangen hat.

Als ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie hilflos ich mich heute gefühlt – und verhalten habe. Anstatt pragmatisch das Uber zu bestellen, bin ich wirr und überfordert eine Stunde lang durch die Gegend gelaufen, in der Hoffnung, dass irgendwer oder -was mich retten wird. Und beim Autovermieter wäre ich beinahe in Tränen ausgebrochen und wurde wahrhaftig von einem netten Mann gerettet.

Im Nachhinein finde ich es seltsam, dass ich von meinem eigenen Verhalten nicht irritiert war.

„Was ist nur los mit Dir?“, frage ich mich streng.

Während ich mich bis zu diesem Punkt der Selbsterkenntnis vorgearbeitet habe, bin ich das erste Mal seit längerem in einem erkennbaren Ortszentrum angekommen. Gerade fahre ich an der Polizeiwache vorbei. Im Rückspiegel sehe ich wie der Wagen der beiden Polizisten abbiegt und in der Einfahrt daneben verschwindet.

Am Ortsausgang trete ich energisch aufs Gas. Noch 150 Kilometer bis Bialowieza, verkündet das Navi.

Warschau-Chopin

Zum Warschauer Flughafen und an den Mietwagen zu kommen, wird zur Herausforderung. Aber ohne Mietwagen kein Urwald von Bialowieza.

Um kurz nach sieben Uhr morgens reißt mich lautes Krachen aus dem unruhigen Schlaf. Im Hinterhof wird der Bauschuttcontainer geleert. Immerhin hat es während der Nacht aufgehört zu regnen, stelle ich fest, als ich ans Fenster trete.

Ich habe heftig geträumt, daran kann ich mich erinnern. Aber so sehr ich mich auch konzentriere, es will mir kein Traumbild in den Sinn kommen, während ich mich zum Aufbruch fertig mache. Die Tageskarten verheißen nichts Gutes: verstimmt betrachte ich den „Teufel“ vor mir auf dem Sofa.

Um kurz nach acht Uhr verlasse ich das kleine Appartement und trabe, den schweren Rucksack auf den Schultern und den Blick auf das Handy-Display, zur Straßenbahnhaltestelle.

Im Zentrum, sehe ich auf dem Routenplaner, gibt es eine reiche Auswahl an Cafés. Ich bin so müde und desorientiert, dass ich trotzdem zwei Anläufe brauche, bis ich endlich auf einen Stuhl sinken und meinen Morgenkaffee bestellen kann.

Um mich ist richtig viel los, stelle ich fest, nachdem das Coffein anfängt zu wirken. Die Gäste sind Anfang bis Mitte zwanzig, im selben Alter wie die zierliche blonde Bedienung. Ich beobachte sie besorgt, während ich auf mein Frühstück warte. Sie ist kreidebleich und wirkt, als müsse sie sich beherrschen, nicht jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Ich tippe auf akuten Liebeskummer und bin voller Mitgefühl, obwohl ich sie zwei Mal an meinen Kaffee erinnern muss.

Als ich mein Frühstück beendet habe und aufbreche, bin ich immer noch neben der Spur. Ob es an den entschwundenen Träumen liegt? Oder daran, dass ich zu eilig unterwegs bin? Vermutlich bräuchte ich noch ein paar Tage Zeit für Warschau. Ich verspreche der Stadt im Stillen, bald wiederzukommen, um ihr die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihr gebührt.

Aber jetzt muss ich an den Flughafen, um den Mietwagen abzuholen. Dort sind sie billiger als im Stadtzentrum, hatte ich bei der Reisepanung festgestellt. Laut Routenplaner sind es mit dem Bus gerade mal dreißig Minuten dorthin. Ein Katzensprung – wenn man denn die Bushaltestelle findet.

Der Vormittag geht genauso weiter, wie der Morgen begann: ich irre, den Blick auf dem Handy-Display, durch das Zentrum. Der Routenplaner scheint sich nicht sicher zu sein, wo die vermaledeite Bushaltestelle lokalisiert ist. Ich laufe eine lange Ausfallstraße entlang. Kurz vor dem Ziel wechselt die Anzeige, auf einmal wird die Gegenrichtung angezeigt. Also trabe ich wieder zurück – mit zwanzig Kilo auf dem Rücken – nur um festzustellen, dass sich da, wo ich hingeschickt werde, ganz sicher keine Bushaltestelle befindet.

Passanten, die ich in meiner Not anspreche, sind hilfsbereit, können aber alle kein Englisch. Ich versuche, aus Handzeichen schlau zu werden – und laufe immer nur im Kreis.

Maria hätte sich schon längst ein Uber bestellt! Als wir gemeinsam in Danzig waren, sind wir keinen Meter ÖNV gefahren. Gefühlt zehn Mal am Tag tippte sie kurz auf dem Handy rum, und zack: ein paar Minuten später stand, wie von Zauberhand geschickt, ein Auto vor unserer Nase. Es war nicht teuer und man konnte mit Apple-Pay bezahlen. Und Maria hat mir im Februar sogar die polnische Uber-App heruntergeladen und mich – fürsorglich wie immer – angemeldet. Ich müsste nichts anderes tun, als die App aufzurufen und meinen Standort einzugeben.

Ich weiß, dass ich mich gerade völlig bescheuert verhalte, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Mir mangelt es heute noch mehr an Marias wilder ukrainischer Energie, als das für gewöhnlich der Fall ist.

Irgendwann hat das Schicksal trotzdem ein Einsehen mit mir. Dort vorne ist doch tatsächlich die Bushaltestelle! Als ich einsteige, ist meine Erleichterung grenzenlos. Obwohl es nicht einmal einen Sitzplatz gibt und sich die Koffer im Gang stapeln. Ich umklammere den Haltegriff, um im schaukelnden Bus nicht durch den schweren Rucksack aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden und versuche, drei stiernackige Soldaten in Uniform, die direkt neben mir stehen, zu ignorieren.

Warschau-Chopin, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, als der Bus auf das Flughafengelände einbiegt, ist von überschaubarer Größe. Das kommt mir entgegen, denn auf der Buchungsbestätigung für den Mietwagen findet sich als einzige Ortsangabe: „Terminal“.

Es wird sich wohl um den Ankunftsterminal handeln, schlussfolgere ich. Normalsterbliche verlassen das Flugzeug und buchen für die Weiterreise einen Mietwagen.

Ich verlasse den Bus und finde doch tatsächlich ohne weiteres Drama den Autovermieter. Der heißt „Viaggiare“, was ich lustig finde. Es klingt, als wäre ich in Italien und nicht in Polen. Das Lachen vergeht mir zügig, als ich am Tresen stehe und den Mietvertrag abschließen möchte. Nein, erklärt mir der nette Angestellte, mit meiner online-Kreditkarte könne er leider nichts anfangen. Um das Deposit abzubuchen, müsste ich das Plastikkärtchen in das Lesegerät einschieben. Ich bin fassungslos! Da habe ich extra einen Kreditkartenvertrag abgeschlossen, nur um dieses verdammte Auto mieten zu können und dann so etwas! Dabei hatte mir Barclays noch enthusiastisch mitgeteilt, dass es nicht notwendig wäre, auf die Plastikkarte zu warten, die Handy-Version wäre genauso gut. Und das alles, weil meine Online-Bank nur Debit-Kreditkarten ausgibt. Die von Autovermietern in Polen nicht akzeptiert werden. Ich hatte einen halben Arbeitstag geopfert, um das herauszufinden.

Und jetzt das! „I am sorry,“ erkläre ich dem Angestellten, „but I have to burst into tears.“ Und tatsächlich gelingt es mir nur mühsam, die Tränen zurückzuhalten. Mein einziger Gedanke ist: „Ich muss in diesen verdammten Urwald!“ Der Mann hinter dem Tresen schaut alarmiert. Er hat wohl was gegen weinende Frauen!

Wie immer er die Sache sieht, er ist auf alle Fälle gewillt, das Schlimmste zu verhindern. Besänftigtend auf mich einredend, versucht er, Struktur in das Drama zu bringen. Was ich denn sonst noch für Karten hätte? Aufgelöst krame ich meine EC- und meine Debit-Kreditkarte hervor. Wenn ich eine Vollkasko-Versicherung akzeptiere, könne er die Kaution über die Debit-Karte abwickeln, erklärt er mir. Ich bin bereit, alles zu akzeptieren, wenn ich nur ein Auto kriege!

Es geht ein bisschen hin und her, der Angestellte ist von größter Fürsorge. Irgendwann unterschreibe ich auf einem Tablett nacheinander zehn verschiedene Formblätter und werde anschließend von ihm in den Bauch der Tiefgarage zum Mietwagen geleitet.

Ein kleiner Dacia. Leider sei dem letzten Kunden ein Malheur beim Einparken passiert, deshalb sei der Kofferraumdeckel eingedrückt, aber er lasse sich noch öffnen und schließen. Ob ich damit leben könne?

Ich kann mit allem leben, das fährt. Der fürsorgliche Angestellte fragt drei Mal, ob ich sonst noch etwas brauche, verstaut für mich den Rucksack im Kofferraum, zählt mir noch die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Polens Straßen auf: 50 km/h Innerorts, 90 auf Landstraßen, 140 auf Autobahnen. Dann drückt er mir den Schlüssel in die Hand, wünscht herzlich einen schönen Urlaub, erinnert mich daran, dass ich jederzeit anrufen könne, wenn was wäre und verabschiedet sich.

Als ich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf den Fahrersitz sinke, ist es kurz nach Mittag. Geschafft!

Warschau

„Wir tanzen und singen, wir lachen und springen. Because we have got eine Stadt für uns allein. Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt…“

Als Suriel mir vor drei Jahren erzählte, er stamme aus Warschau, war mein erster Gedanke: er kommt aus der Stadt, die der Führer den Klonen schenken sollte!

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich den Song das erste Mal hörte. Es muss lange zurückliegen, er stammt von 1981. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich das erste Mal vom „Pabst-Plan“ erfuhr.

Die Vermutung liegt nahe, dass ich mit beiden etwa zeitgleich konfrontiert wurde. Jedenfalls sind „Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt“ von Extrabreit und „Warschau“ eine seltsame Symbiose in meinem Gehirn eingegangen. Ohne dass mir das bewusst war, bevor ich Suriel traf.

Von was ich hier gerade schreibe? In Kurzform:

Der Überfall Polens durch die Deutsche Wehrmacht 1939 eröffnete unerhörte Karrierechancen. Ein kleiner Würzburger Stadtkämmerer wurde hopplahopp zum Stadtpräsidenten der Hauptstadt Polens ernannt! Würzburg hatte damals nicht einmal 100.000 Einwohner – Warschau 1,3 Millionen. Der ehrgeizige Herr Dengler aus der unterfränkischen Provinz war nicht nur Mitglied der SS, sondern auch noch ein Mann mit einer Vision. Für ihre Umsetzung holte er sich zwanzig Angestellte des Würzburger Bauamtes an seine Seite. Sie sollten Warschau in eine „neue deutsche Stadt“ verwandeln.

„Nach diesem Vernichtungs- und Zerstörungsplan sollte Warschau in eine deutsche Provinzstadt verwandelt werden. Der Plan sah vor, dass 95% der Stadtbebauung zerstört und nur die Krakauer Vorstadt und Belweder unzerstört gelassen wurden. (…) Die Bevölkerung der Stadt sollte in Konzentrationslager gebracht oder vor Ort – im 1943 entstandenen KZ Warschau – ermordet werden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Pabst-Plan

Dengler konnte sich mit seinen Plänen – die heute im Warschauer Stadtmuseum zu besichtigen sind – nicht durchsetzen und erklärte deshalb 1940 seinen Rücktritt. Weil es ab und zu so etwas wie Gerechtigkeit gibt, wurde er 1950 in Warschau wegen Kriegsverbrechen zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.

Ich denke an die Geschichte von den Klonen und ihrer Stadt, als ich in Warschau aus dem EC steige. Sechs Stunden Fahrt liegen hinter mir, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. In strömendem Regen haste ich im Pulk der Mitreisenden über den Bahnsteig und in die Unterführung.

Als ich eine Viertelstunde später in der ratternden Straßenbahn sitze und durch das beschlagene Fenster auf die Häuser starre, bin ich erstaunt, wie normal alles aussieht. Meine Kindheitsphantasie hat nichts mit der Realität zu tun. Draußen zieht eine osteuropäische Stadt im Feierabendmodus vorbei.

Im Zentrum muss ich umsteigen. Auf den Straßen und in den Unterführungen geht es unerwartet entspannt zu. Warschau ist etwa so groß wie München. Zwischen fünf und sechs Uhr Abends auf dem Stachus unterwegs zu sein, fühlt sich anders an. Alle hasten und schieben, die S-Bahnen fahren im Minutentakt und sind trotzdem völlig überfüllt, die Innenstadt erinnert an einen Ameisenhaufen.

Hier wirkt alles gemächlich. Die Leute – so kommt mir vor – laufen langsamer als in München oder Berlin. Sogar in Leipzig geht es hektischer zu als hier, denke ich, während ich, den ausladenden Rucksack geschultert, nach der richtigen Straßenbahnhaltestelle suche. Ich werde angestarrt, merke ich. Es scheinen sich nicht viele Rucksacktouristen nach Warschau zu verirren.

Die altertümliche Straßenbahn rattert auf einer Brücke über die Weichsel. An dieser Stelle kein Strom, sondern ein Fluss. Es geht am Zoo vorbei, dann am imposanten Nationalstadion. Vier Stationen danach steige ich aus. Schöne Jugendstilhäuser am Straßenrand, die Fassaden bröckeln vor sich hin. Die Straßenlaternen sind richtig Retro. Ein tiefes Loch im Gehweg. Wer da reintritt, hat Pech gehabt. Der Zugang zum Appartement ist von einem gußeisernen Tor versperrt.

Der Regen tropft auf das Handy-Display. Ich brauche mehrere Versuche, bis ich den Türcode richtig eingetippt habe. Ein paar Meter weiter vor dem Hintereingang das selbe Procedere, schließlich geht es fünf Stockwerke hoch – ohne Aufzug – bis in die kleine Wohnung. Ausziehcoach, Küchenzeile, Bad.

Ich stelle den Rucksack in die Ecke, sinke auf das Sofa und gehe das nächste Problem an: Abendessen. Es gibt eine reiche Auswahl an vegetarischen Restaurants, stelle ich erleichtert fest. Alle in der Innenstadt, mit der Straßenbahn kein Problem.

Als ich den Innenhof betrete, regnet es in Strömen. Ein Obdachloser hat sich unter den Tordurchgang geflüchtet. Er steht genau neben der Tastatur, in die ich die Ziffern eingeben muss, damit ich auf die Straße komme. Es soll die ganze Nacht durchregnen. Darauf zu warten, dass er geht, ist nicht zielführend. Ihn zu bitten, auf die Seite zu treten, geht auch nicht. Ich bin überfordert. Und außerdem habe ich Hunger. Er wohl auch, denke ich mit schlechtem Gewissen, und dazu hat er nicht einmal ein Zuhause – und das bei diesem Scheißwetter.

Es hilft nichts. Ich komme mir unendlich dämlich vor, als ich, mich verrenkend, beide Hände durch die Gitter schiebe, mit der einen die Tastatur abschirme, während ich mit der anderen den Türcode eingebe. Mit leisem Surren öffnet sich das Tor. Ich krame in meinem Geldbeutel herum und ziehe einen 20-Zltoy-Schein heraus, der noch von der letzten Polenreise im Februar übrig geblieben war. Umgerechnet etwa 4,50 Euro. Die drücke ich dem Mann in die Hand und haste im strömendem Regen zur Haltestelle. Dort setze ich mich auf die Bank und halte nach der Straßenbahn Ausschau. Eigentlich müsste sie in zwei Minuten kommen, aber die Straße ist leer. Nicht einmal Autos fahren und Fußgänger sind auch keine Unterwegs.

Auf einmal trabt der Obdachlose, dem ich ein paar hundert Meter weiter vorne den Schein in die Hand gedrückt habe, an der Haltestelle vorbei, sieht mich – und setzt sich neben mich auf die Bank, während er mich mit starrem Blick mustert. Irgendwas ist mit ihm nicht in Ordnung. Ich hatte es mir schon an der Tordurchfahrt gedacht. Er wirkt, als ob er psychisch nicht gesund wäre. Vielleicht eine Psychose?

Ich schaue stur gerade aus und zähle die Sekunden. Der Kerl sitzt und starrt mich an. Aus der Ferne erklingt das Rattern der Straßenbahn, es kommt rasch näher. Ich stehe auf und bete, dass der Mann nicht ebenfalls einsteigen wird. Zu meiner Erleichterung bleibt er zurück. Er verschwindet aus meinem Blickfeld, als die Straßenbahn um die Kurve biegt.

Im Zentrum steige ich aus, es regnet immer noch in Strömen. Auf der anderen Seite der Unterführung ragt ein riesiger stalinistischer Prachtbau mit erleuchteter Kuppel in die Höhe. So etwas habe ich bisher nur in Kiew gesehen. Der Routenplaner verrät mir, dass es sich um den Kulturpalast handelt.

Ein paar Straßen weiter schließlich das „Tel Aviv“. Es sieht aus wie alle Hipster-Lokale rund um den Globus: ein hoher kahler Altbau, spartanisch eingerichtet. Der Kellner bringt mir eine englischsprachige Karte und nimmt akzentfrei meine Bestellung auf. Die vegetarische Moussaka ist super, der Tee duftet – die eigene Blase ist doch immer die wohligste.

Als ich – satt und müde – wieder am Appartement ankomme, ist der Obdachlose verschwunden. Im Haus ist alles still. Es kommt mir vor, als wäre ich die einzige, die in dieser Nacht dort schlafen würde. Draußen rattern in regelmäßigen Abständen die Straßenbahnen vorbei, sie lassen das Haus beben und wiegen mich in den Schlaf.

Berlin-Warschau

Ich breche zu meiner Reise in den Bialowieza-Nationalpark auf.

Der EC 47 nach Warszawa Gdanska fährt von Berlin-Gesundbrunnen. Er braucht gerade mal sechs Stunden in die polnische Hauptstadt.

Als ich, den schweren Treckingrucksack über den Schultern, durch das morgendlich stille Waldstraßenviertel zum Leipziger Hauptbahnhof trabe, spüre ich ein vertrautes Kribbeln im Magen. Es ist die „Ich-bin-unterwegs“ Aufregung – sie fühlt sich gut an.

Es gibt Ecken, an denen sieht Berlin aus wie ein Vorort von Bratislawa oder Kiew. Gesundbrunnen hat eher Istanbul-Charme, stelle ich fest, als ich den Bahnhof nach meiner Ankunft im ICE von Leipzig nach Berlin verlasse. Das Café, in dem ich die Dreiviertelstunde Wartezeit bis zur Abfahrt des Warschau-Expresses überbrücke, heißt „La Femme“. Von Savoir-vivre keine Spur: in der Auslage stapeln sich orientalische Köstlichkeiten, um mich sprechen alle türkisch, die Bedienung wedelt mit einem schmuddeligen Lappen über den Tisch und verteilt ungerührt Brösel auf meinen Schoß. Ich trinke einen Cappucino und inhaliere Berlin. Neben dem Gehweg rauscht der Großstadtverkehr vierspurig vorbei. Von der schöne Jugendstilfassade des „Hauses der Volksbildung“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite löst sich der Putz, die Fenster des Erdgeschosses sind mit Sperrholzplatten verrammelt. Wells Fargo bietet neben dem Döner-Laden seine Dienste an und alles vibriert vor Energie.

Der EC kommt pünktlich und ist fast ausgebucht. Dank der in Polen üblichen Reservierungspflicht verläuft das Einsteigen trotzdem zivilisiert, der Kampf um den Sitzplatz erübrigt sich. Ich wuchte den schweren Rucksack in die Gepäckablage, lasse mich auf dem bequemen Fensterplatz nieder und freue mich über die Beinfreiheit. Für diesen Luxus müsste man in Deutschland erste Klasse buchen! Auch sonst zeigt sich die polnische Bahn großzügig: während der Fahrt gibt es gratis Wasser und zwei Mal kommt ein Herr mit Mülltüte, um die leeren Flaschen einzusammeln.

Unter der Brücke glänzt die Oder. Jetzt bin ich in Polen! Erst das zweite Mal in meinem Leben. Und dabei liegt meine erste Reise ins östliche Nachbarland gerade mal vier Monate zurück: im Februar hatte ich Maria nach Danzig begleitet. Die überraschende Einladung war der Auslöser dafür gewesen, diesen Blog zu starten. https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-aufbruch/

Frevert

Ich plane eine Treckingtour in Bialowieza und träume von einem NS-Kriegsverbrecher.

Links Oberjagdmeiser Walter Frevert, rechts Hermann Göring. https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Frevert

Ein Hoch auf das Internet! Vor dem Einschlafen buche ich den Polen-Urlaub nächste Woche, es dauert keine Stunde. Zugticket nach Warschau und zurück, Hotel in der Warschauer Innenstadt für eine Nacht, dazu ein Mietwagen. Der Bialowieza-Nationalpark an der Grenze zu Belarus – das Ziel meiner Treckingtour – ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar.

Nach vollbrachter Tat lege ich das Handy zur Seite und schlafe ein. Während der Nacht träume ich. Der Trauminhalt ist mir mit dem Aufwachen verloren gegangen. Aber irgendwas war da. Nur was? Ich registriere während der Morgenmeditation, wie etwas in mir arbeitet. Nach dem Abschlussgong stemme ich mich von meinem Meditationskissen hoch – und werde, wie an einem unsichtbaren Faden, zum Bücherregal gezogen.

Ich stehe vor dem „Handapparat“: der Büchersammlung, die ich mir als Hintergrundwissen für meine Romane zugelegt habe. Auf der bewussten Ebene habe ich keine Ahnung, was ich suche. Ich sehe meiner linken Hand dabei zu, wie sie zielsicher über zwei Buchreihen hinweg einen dicken Wälzer herauszieht. „Mein Jägerleben“ von Walter Frevert.

Was soll ich damit?

Während ich mein Espressokännchen für den Morgenkaffee auf den Herd stelle, denke ich über das Buch nach. Ich hatte es mir vor drei Jahren im Zuge meiner Recherche für einen Roman bestellt. Eine meiner Romanfiguren ging auf Jagd, es hatte sich während des Schreibens ergeben. Es waren verstörende Szenen, die sich vor meinem Inneren Auge abspielten: ein Psychopath, der mit einer Armbrust trächtige Hirschkühe schoss, ihnen die Bäuche aufschlitzte und ihre ungeborenen Kälber auf dem offenen Feuer verbrannte.

Ich kann mir so etwas leider nicht aussuchen, ich fungiere nur als „Sekretärin“ meines Unbewussten: brav beschreibe ich die Bilder, die in meinem Inneren aufsteigen – bis daraus irgendwann ein Roman geworden ist.

Allerdings „sehe“ ich nur Bilder. Es ist wie ein Film, den ich in Sprache übersetzen muss. Und da kam ich bei den Jagdszenen schnell an meine Grenzen: es fehlte mir das Fachvokabular, um das Geschehen angemessen beschreiben zu können.

Ich recherchiere also Online nach Fachbücher – und stoße auf Walter Frevert und sein Standardwerk „Jagdliches Brauchtum und Jägersprache“. Es ist schon älter, der Autor bereits verstorben. Egal, es ist genau das, was ich suche! Ich gehe die Reihe der Veröffentlichungen von Frevert durch. Er hat auch noch Jagdromane geschrieben. Die Leserkommentare dazu sind hymnisch. Der Sammelband ist nicht teuer, also bestelle ich ihn aufs Geradewohl dazu.

Ein paar Tage später drückt mir der Paketbote den Karton mit den beiden Büchern von Frevert in die Hand. Am Abend mache ich es mir mit „Mein Jägerleben“ auf dem Sofa bequem. 626 Seiten, geliebt von Generationen von Jägern, das kann doch nur ein schöner Schmöker sein.

Nach zwanzig Seiten lege ich das Buch angewidert zur Seite: Von diesem hochfahrenen, arroganten, sexistischen, zynischen, selbstverliebten Herrenreiter will ich ganz sicher keine Zeile mehr lesen! Da muss ich nicht mal das erste Kapitel abschließen, um zu wissen, dass dieser Walter Frevert genau der Typ von Mann war, den ich absolut zum Kotzen finde. Und so was war ein „großer Waidmann“!

Während ich, vor mich hinkochend, auf dem Sofa sitze, kreisen meine Gedanken um Frevert. Was für ein Mensch war er gewesen, dieser „Oberforstmeister, der in der Geschichte des Waidwerks markante Fußspuren hinterlassen hat“?

Siehe da, Wikipedia weiß Bescheid! „Walter Frevert“, erfahre ich, „war ein deutscher Forstmann, Jäger, Jagdschriftsteller und Kriegsverbrecher.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Frevert

Ich lese den langen Wikipediaeintrag durch und bin sprachlos. Wie ist es möglich, dass auf der Basis dieses Wissens zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommentarlos dieser Schinken verlegt worden ist? Am nächsten Morgen schreibe ich einen wütenden Brief an die Geschäftsführung des Kosmos-Verlags. Ob sie noch alle Tassen im Schrank hätten? Ich formuliere es etwas höflicher – und gespickt mit vielen Fremdwörtern – aber die Botschaft ist unmissverständlich.

Die beschwichtigende Antwort erreicht mich postwendend: man nähme die Sache ernst und plane für die nächste Ausgabe ein klärendes Vorwort zu den NS-Verstrickungen des „großen Waidmanns“. Ich denke „Arschlöcher“ und feuere den Brief ins Altpapier.

Allerdings hat die Sache auch eine positive Seite, stelle ich fest. Im Grunde habe ich nur auf Frevert gewartet! Ich „sehe“ zwar, was mein böser Hauptcharakter „Friedrich-Zwei“ treibt, aber seine Motivation und seine Persönlichkeit waren mir bisher ein Rätsel. Was das Schreiben über ihn schwierig gemacht hat.

Wenn es um „das Böse“ geht, bin ich von ausgeprägter Naivität. Genuss daraus zu ziehen, anderen Menschen Schaden zuzufügen, ist etwas, was mir völlig fremd ist.

Mit Frevert habe ich auf einmal den „O-Ton“ für meinen Bösewicht in die Hände bekommen. Genau diese kalte, unemphatische, selbstverliebte Larmoyanz ist es, mit der er durchs Leben geht! Von da an habe ich eine Idee, mit wem ich es in meinem Roman zu tun habe.

Ich bin zufrieden damit, ein Problem gelöst zu haben. Die Person, die als Vorlage für meinen Psychopathen dient, den „großen Waidmann“ Walter Frevert, vergesse ich.

Bis heute Nacht. Ich muss von Frevert geträumt haben. Sonst hätte mir meine Innere Stimme nicht auf einmal sein Machwerk in die Hand gedrückt.

Was soll das?

Mit dem Espresso neben dem Laptop rufe ich noch einmal den selben Wikipedia-Eintrag auf, den ich schon vor drei Jahren gelesen habe. Meine Augen wandern die Zeilen entlang:

„Er verwaltete als Oberforstmeister von 1936 bis 1945 das Staatsjagd- und Naturschutzgebiet Rominter Heide (Ostpreußen) und war während des Zweiten Weltkrieges in Kriegsverbrechen im Umfeld des Urwalds von Bialowieza verstrickt.“

Bialowieza! Das darf doch nicht wahr sein! Der widerliche Frevert hat ausgerechnet in dem Wald, in dem ich nächste Woche wandern werde, Juden erschießen lassen, Dörfer niedergebrannt und mit vergnügten nationalsozialistischen Jagdfreunden Treibjagden auf Partisanen abgehalten – inklusive dem stolzen Abgehen der langen Reihe der zu Tode gehetzter Menschen am Ende der „Jagdveranstaltungen“.

Ich hatte es vor drei Jahren gelesen, mir aber den Namen des Waldes nicht bewusst gemerkt, weil mir zu diesem Zeitpunkt „Bialowieza“ nicht das geringste sagte. Ich wäre auch nie von selbst auf die Idee gekommen, dort Urlaub zu machen. Mein Dharma-Bruder Suriel hat mir den Nationalpark empfohlen.

Und jetzt fahre ich ausgerechnet an den Ort, an dem das Vorbild für meinen Romancharakter Kriegsverbrechen begangen hat!

There is no such thing as an accident…

Samsara

Die Tarot-Karte „XVIII“ – „Der Mond“ steht für Illusionen und Prüfungen auf der Schwelle zu einer neuen Bewusstseinsebene.

Ein paar Tage, nachdem ich den Piraten-Lama-Traum geträumt habe, tippe ich den Blogtext dazu herunter, bevor ich zu Bett gehe. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Hinterher schlafe ich mit den Bildern des seltsamen Traumes im Kopf ein – und bekomme von meinem Unbewussten eine „Traum-Fussnote“ nachgeliefert:

Ich sitze auf dem Cloodeckel einer Toilette in einem weiß gekachelten Badezimmer und starre in eine Badewanne. Sie ist fast bis zum Rand mit einer brackig-braunen Brühe gefüllt. In dem schmutzigen Wasser paddelt verzweifelt ein Wildschwein-Ferkel, den Rüssel in die Luft gestreckt. Unter der Oberfläche erkenne ich einen seltsamen Fisch, er ist lang und schmal und sieht aus wie ein Stock. Außerdem schwimmt auf dem Grund der Wanne noch ein drittes Tier, an das ich mich aber nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern kann.

Während ich die drei Tiere beobachte, die vor meinen Augen in der ekeligen Suppe wieder und wieder im Kreis an mir vorbei ziehen, weiß ich, dass ich irgendwas tun muss. Nur was? Alles in mir fühlt sich an wie tot, die Situation löst keine Emotionen in mir aus.

Schließlich greife ich ins Wasser, packe den Fisch und halte das steife Tier angeekelt auf Armeslänge von mir weg. Ich müsste ihn erschlagen, wird mir bewusst. Nur habe ich keine Ahnung, wo sich bei diesem seltsamen Fisch der Kopf und der Schwanz befindet? Er sieht einfach nur aus wie ein langer schmaler Stock. Während ich ihn verwirrt anstarre und mir einen Reim daraus zu machen versuche, fällt mir ein, dass er wohl gerade dabei ist, zu ersticken. Ich werfe ihn wieder ins Wasser zurück. Den Vorgang wiederhole ich mehrmals, aber sooft ich den seltsamen Fisch auch in der Hand halte: ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll.

Irgendwann kommt mir in den Sinn, dass der Frischling bald geschlachtet werden muss. Wenn er zu viele Stresshormone produziert, wird die Qualität seines Fleisches darunter leiden! Das ist ein Gedankengang, mit dem mein Traumbewusstsein etwas anfangen kann. Ich nehme ein Handtuch, klaube das zappelnde Ferkel aus der Brühe und rubble es auf dem Fliesenboden ab.

Damit wache ich auf. Und bin kein bisschen schlauer als zuvor. Wenn DAS die Erklärung für den Piraten-Lama-Traum gewesen sein soll, dann vielen herzlichen Dank an mein Unbewusstes! „Geht es vielleicht ein bisschen pragmatischer?“, beschwere ich mich. Vergebens. Es folgt kein verständlicher „Erklärtraum“ in dieser Nacht. Meine Innere Stimme scheint der Ansicht zu sein, dass sie getan hat, was in ihrer Macht steht.

„XVIII“ – „Der Mond“ aus dem Crowley-Tarot.

Am nächsten Morgen befrage ich meine Tarot-Karten zur Bedeutung des Traumes – und bin nicht überrascht, als die „XVIII“ – „Der Mond“ vor mir auf dem Tisch liegt. Nicht zum ersten Mal: Seit ein paar Wochen verfolgt mich die Karte regelrecht.

„Mond“-Phasen sind keine schönen Zeiten im Leben.

Wenn die Karte in der Legung auftaucht, ist das immer ein Hinweis auf einen tiefgreifenden Transformationsprozess – begleitet von der Information, dass man die bedrohlichste Phase des Übergangs zwischen zwei Lebensabschnitten erreicht hat. In frühen Kulturen wurde dieser „rite de passage“ von Schamanen orchestriert. Sie führten die Menschen durch das steinige dunkle Niemandsland, das sich zwischen den Grenzen auftut und halfen den Adepten mit ihrem Wissen und ihren geheimen Techniken.

In unserer Kultur müssen wir allein durch. Was die Angelegenheit nicht nur unangenehmer macht, als sie sein müsste, sondern auch deutlich riskanter. Denn der „Mond“ markiert immer eine Zeit der Gefahr: die Bilder, die während dieser Übergangsphase aus dem Unbewussten aufsteigen, sind von extremer Suggestivkraft. Alte verdrängte Phantasien, Ängste und Wünsche werden mit einem Mal aktiv. Der Weg ins Neue ist schmal, und links und rechts lauert ein Abgrund aus Süchten und Verführungen. In dunklen Höhlen am Wegesrand verbergen sich die lange vergessenen Monster unserer Kindheit. Sie warten nur darauf, uns anzufallen, wenn wir müde, erschöpft und verängstigt an ihren Eingängen vorbeistolpern.

Während ich auf die „Mond“-Karte vor mir auf dem Tisch starre, taucht das Bild der drei im Kreis schwimmenden Tiere in der Badewanne in mir auf. Auf einmal macht es „Klick“ in meinem Kopf: ich habe vom „Rad des Samsara“ geträumt!

Das „Lebensrad“ ist eines der bekanntesten Symbole des Buddhismus: es zeigt drei Tiere – ein Schwein, eine Schlange und einen Hahn – die, immer im Kreis laufend, ein großes Rad antreiben. Das Bild repräsentiert das menschliche Gefangensein im Samsara – dem leidvollen Zyklus des immerwährenden Werdens und Vergehens der menschlichen Existenz. Die drei Tiere symbolisieren die drei „Geistesgifte“, die uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt immer wieder neu im Leid gefangen halten. Das Schwein steht für Unwissenheit, die Schlange für Hass und der Hahn – an den ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern konnte – für Gier. (Wie schwimmt ein Hahn? Das wusste wohl nicht mal mein Unbewusstes…)

Die Badewanne mit der brackigen Brühe verbildlicht – wie alle Gefässe mit Flüssigkeiten in Träumen – Emotionen. Aktuell bin ich mit dumpfen und einengenden Gefühlen konfrontiert – das Wasser war schmutzig – zu denen ich keinen Zugang habe. Deshalb habe ich während des Traumes nichts gespürt. Das eigentliche unbewusste Thema scheint „Hass“ zu sein, zu dem ich aber Null Bezug habe. Im Traum wusste ich deshalb im wahrsten Sinne nicht einmal, wo „oben“ und „unten“ an diesem „Fisch“ war. Ich habe das Tier nicht mal erkannt, weil mir das Gefühl so fremd ist. Deshalb dachte ich, die Schlange wäre ein Fisch.

Damit ich das Rätsel um die Schlange lösen kann, muss deshalb erst mal das Ferkel sterben: Symbol für meine Unwissenheit. Immerhin habe ich es im Traum schon mal aus der Badewanne geklaubt im Bewusstsein, dass es geschlachtet werden muss.

Nur: wie soll ich das anstellen? Und auch noch als Vegetarierin? Das arme Schwein!

Dass alles so rätselhaft ist, finde ich frustrierend. Und das, wo ich mich gerade so unwohl und verloren fühle! Aber so ist es immer im Mond, das weiß ich aus Erfahrung. Und es gibt keine Abkürzung und auch keinen Notausgang.

Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sehe ich auch die positive Seite der Traum-Botschaften:

Sowohl im Piraten-Lama-Traum als auch in dem von den Tieren geht es um die Beendigung karmischer Verstrickungen. Das ist eine erfreuliche Nachricht, denn dafür meditiere ich schließlich: Ich möchte das Samsara-Rad der Wiedergeburten hinter mir lassen. Ich nehme die dusteren Träume als Information meines Unbewussten, dass ich zumindest die Chance dazu habe. Nur: wenn der Traum-Vajranatha mit seiner Tarot-Prophezeiung recht hat, werde ich mein großes Lebensziel nicht alleine erreichen. Ich brauche „all of us“ dazu…

Wer immer das auch sein mag.

Traum-Mord

Im Vajrayana gibt es keinen Unterschied zwischen Traum und Realität.

Die nächsten Tage über arbeitet der schräge Piraten-Lama-Traum in mir. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Jedesmal wenn ich zur Ruhe komme, kreisen meine Gedanken um die Traumbilder, die Tarotkarte des „Teufels“ und die seltsame Botschaft Vajranathas.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass mich mit Lama Vajranatha bereits eine eigenartige Geschichte verbindet.

Alles beginnt – wie soll es auch anders sein – mit einem Traum.

In einer Nacht im Sommer 2018 finde ich mich als Lehrerin in einem Klassenzimmer wieder. Meine Schüler sind schon fast erwachsen und haben erkennbar keine Lust auf Unterricht. Sie äffen mich nach, tanzen schreiend und kreischend um mich herum und ihr Anführer macht sich einen Spaß daraus, mich mit Heften und Schulbüchern zu bewerfen. Ich versuche mir Gehör zu verschaffen, vergebens. Der Anführer gebärdert sich nur noch aggressiver. Er wird von einer blonden Mitschülerin angefeuert, der die Sache offensichtlich großen Spaß macht.

Ohnmächtig vor Wut drehe ich mich um und renne aus dem Klassenzimmer. Es geht die Treppe hinunter durch die Aula und hinaus auf den Schulhof. Von dort sind es zu meinem Erstaunen nur ein paar Meter bis zu einem Sandstrand. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herunter. Vor mir breitet sich – im gleißenden Licht glänzend – das Mittelmeer aus.

Nicht weit von der Bucht entfernt liegt eine kleine Insel. Ich beschließe, dorthin zu schwimmen. Die ungezogenen Schüler habe ich schon fast vergessen. Ich schlüpfte aus dem Kleid, freue mich, dass ich darunter einen Badeanzug trage, springe kopfüber ins glasklare Wasser und kraule zur Insel. Sie ist klein, nur ein paar Felsbrocken und ein bisschen Sand, die aus dem Wasser ragen. Ich klettere hinauf, setze mich in die Sonne und schaue über die glitzernde Wasseroberfläche hinüber zu dem langgestreckten weißen Schulgebäude, dass einige Meter hinter dem Strand in der Sonne flirrt.

Kurz darauf sehe ich, wie dort eine kleine Gestalt herausläuft, zum Strand eilt, ebenfalls aus den Kleidern schlüpft, ins Wasser springt und zu mir schwimmt. Es ist meine griechische Freundin, stelle ich zu meiner Freude fest, die ich während des Ngöndros kennengelernt habe. https://www.water-runs-east.eu/drei-ngoendro/ Dann wache ich auf.

Am nächsten Morgen schicke ich eine Mail nach Athen: „Last night I dreamed about you. We met each other on a small Greece Island.“ Mittags kommt eine Mail zurück. „Yes. I dreamed the same.“

Jetzt bin ich verblüfft. So was hatte ich noch nie! Es passiert mir immer wieder, dass ich von etwas träume, was gerade anderen Menschen, die mir nah sind, passiert. Oder – manchmal auch – passieren wird.

Aber dass ich mir mit jemandem einen Traum „teilen“ kann, ist mir neu. Auch meine griechische Freundin ist erstaunt. Wir schicken uns gegenseitig die Details unserer Träume und es wird immer wilder: meine Freundin – die auch im wirklichen Leben Lehrerin ist – betrat das Klassenzimmer mit den aufmüpfigen Schülern, kurz nachdem ich es verlassen hatte. Die Tür stand offen, schreibt sie mir. Auch sie versuchte zu unterrichten und wurde von dem aggressiven jungen Mann daran gehindert, der die ganze Klasse gegen sie aufhetzte. Als alle ihre Versuche, für Ordnung zu sorgen, scheiterten, tat sie etwas radikales: sie griff zu einem Messer und erstach den Störenfried von hinten. „I knew it was just a dream,“ schreibt sie mir. „And I can´t stand such a behaviour!“

Ich bin beeindruckt: so sind sie, die Griechinnen! Noch beeindruckter sind wir beide davon, dass wir uns zeitgleich im gleichen Traum bewegt haben. Wie kann so etwas möglich sein?

Kurz darauf tritt der Traum in den Hintergrund, denn meine griechische Freundin wird mit einem fehlerhaften Steuerbescheid konfrontiert. Das Finanzamt hat Nachzahlungen falsch berechnet und fordert eine astronomische Summe von ihr. Fällig innerhalb von sechs Wochen. Täglich sitzt sie im Finanzminsterium in Athen, zusammen mit vielen anderen Unglücklichen, die zum Opfer der fehlerhaften Software geworden sind. Und wie allen anderen wird ihr von den Sachbearbeitern versichert, dass sie recht hat und der Steuerbescheid falsch ist. Aber keiner ist in der Lage und Willens, den Fehler zu beheben. Sie ist verzweifelt, es geht um ihre Existenz.

Auf dem Höhepunkt des Dramas, dass sich gerade im fernen Athen abspielt, fahre ich zu meinem nächsten Ngöndro-Termin in den Odenwald. Ich bin jetzt im zweiten Jahr der vorbereitenden Übungen für die Tsog-Chen-Praxis des Vajrayana. Alles läuft wie immer: der Rinpoche des Bön-Klosters in Nepal hält – auf seinem roten Thron sitzend – Vorträge über die Praktiken und Meditationstechniken der nächsten drei Übungseinheiten, dazwischen finden Opfer-Rituale statt.

Es gibt nur einen Unterschied: An den Abenden hält ein amerikanischer Lama namens Vajranatha Vorträge über tibetischen Buddhismus. Am vorletztenTag laufe ich ihm während der Mittagspause über den Weg und spreche ihn an. Die Sache mit dem geteilten Traum beschäftigt mich immer noch und ich scheine einen Experten vor mir zu haben. Er hört sich meine Geschichte geduldig an. Zu meinem Erstaunen ist er an dem geteilten Traum nicht weiter interessiert, das scheint das Normalste der Welt für ihn zu sein. Ihn beschäftigt etwas anderes: „What happened to your friend?“, fragt er mich. Ich schaue ihn verständnislos an. „She killed someone!“ „But it was just a dream!“ stottere ich. „There is no difference between a dream and reality!“ bekomme ich zu hören. „A murder is a murder! It´s the energy!“

Auf einmal verstehe ich: Der kafkaeske Ärger mit dem Finanzamt ist die griechische Höllenstrafe für den Traummord. Ich lasse den Lama grußlos stehen, jage die Treppe in mein Zimmer hoch und schreibe meiner Freundin eine SMS, in der ich ihr die neuesten Erkenntnisse mitteile. Die sitzt gerade völlig verzweifelt auf einem harten Holzstuhl im Finanzministerium und sieht sich dem sicheren Untergang geweiht. „Go!“ Schreibt sie zurück. „Tell this american Lama I need a Puja! Immediatly!“ Was ist eine „Puja“? Und wie viel kostet so was? Egal, die Sache eilt. Ich greife zu meinem Portmonaie, renne wieder die Treppe hinunter, finde zu meiner Erleichterung Lama Vajranatha im Garten und teile ihm den Wunsch meiner Freundin mit. Fünfzig Euro wären ok, erklärt er mir, lässt sich von mir das Geld geben und teilt mir mit, am Donnerstag würde er das bestellte Puja – ein Opferritual – durchführen, keine Panik.

Am Sonntag stolpere ich aus dem Bauch eines Flugzeugs in die flirrende griechische Hitze hinaus. Der Geruch von Benzin und Meerwasser hängt in der Luft. Vor dem Terminal empfängt mich meine griechische Freundin. Sie strahlt. Alles ist gut ausgegangen. Als sie am Freitag – dem Tag nachdem Vajranatha das Puja abhielt – ins Finanzministerium in Athen kam, wartete bereits eine Sekretärin auf sie. Alles wäre entschieden, teilte sie ihr mit, die Unterlagen lägen bereit, sie müsse nur noch unterschreiben. Während sie meiner Freundin den Stift in die zitternde Hand drückte, erklärte sie ihr: „Das ist ein Wunder!“

Meine Freundin sieht es bis heute so. Und sie hat versprochen, sich an das zu halten, was ihr Lama Vajranatha durch mich hat ausrichten lassen: „Do not kill again! Neither in dream nor in reality!“

Was sagt mir diese Geschichte über meinen Piraten-Teufels-Karten-Traum? Das ist die Frage…

Eine Piraten-Lama-Prophezeiung

Ich bin im Traum mit „Dem Teufel“ konfrontiert, bekomme eine Tarot-Deutung von einem Piraten-Lama – und verstehe nichts…

Ich sehe mich um. Kein Zweifel: ich befinde mich in der Küche des Retreathauses am Ende der Welt. Die vertrauten blau gestrichenen Wände, an denen die beiden weißen Eckbänke entlanglaufen, davor die beiden langen Holztische – alles ist wie immer.

Aber irgendwie sieht trotzdem alles anders aus! Verwirrt lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern. Der ist viel schmaler und niedriger, als ich ihn in Erinnerung habe! Und statt durch braune Holzfenster schaue ich auf einmal durch runde Bullaugen ins Freie. Zu meiner Konfusion breitet sich dort draußen nicht der Weiher vor der überdachten Terrasse aus. Statt Tümpel, Wiese und Wald erkenne ich durch die nassen Scheiben eine unendliche grau-blaue wogende Wasserfläche. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich der Boden, wird mir mit einem Mal bewusst. Alles um mich dreht sich: Das Retreathaus am Ende der Welt scheint sich in ein Schiff verwandelt zu haben!

Glücklicherweise bin ich nicht allein in dieser seltsamen Küche. An der Stirnseite des Tisches unter den Fenstern sitzt Lama Vajranatha mit unbewegter Miene auf seinem gewohnten Stammplatz. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/ Wie immer hat er sich seine langen dicken grauen Dreadlocks mit einem breiten schwarzen Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt. Er mustert mich kühl und wirkt kein bisschen erstaunt darüber, dass er sich statt im Retreathaus im Bauch eines Schiffes befindet. Auch mein plötzliches Auftauchen scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Zu freuen scheint er sich über meinen Anblick allerdings auch nicht. Ich sehe mich nach Uriel um – er ist schließlich der Hausherr – aber von dem ist weit und breit nichts zu sehen. Und auch Uriels kleiner weißer Hund ist verschwunden.

Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Lama Vajranatha – und bemerke einen großen grün-gelb-blauen Papagei, der gerade hinter der Tischplatte auftaucht und – ein Bein vor das andere setzend – den rechten Oberarm des Lamas hinaufklettert. Als er auf seiner Schulter angelangt ist, schüttelt sich der große Vogel, spreizt kurz das Gefieder, richtet sich dann zu seiner vollen Größe auf, dreht den Kopf und starrt mich mit seinem rechten Auge durchdringend an.

„Du träumst!“, spricht in diesem Moment meine innere Stimme zu mir. „Kein Grund zur Panik. Schau einfach, was passiert.“

Auf einmal schiebt Lama Vajranatha energisch den Tisch ein Stück zurück – das scharrende Geräusch lässt mich zusammenzucken – stemmt sich schwerfällig von der Eckbank hoch und macht ein paar Schritte zur Tür. Jedesmal wenn er den rechten Fuß aufsetzt, klackt es laut. Kein Wunder: er trägt ein Holzbein!

Als er in seiner ganzen Größe und Breite, wie immer vollkommend schwarz gekleidet, mit seinem Turban, dem Papagei auf der Schulter und seinem Holzbein in der Tür steht, wird mir mit einem Mal bewusst, dass er aussieht wie ein Pirat! Ich bin im Traum in einem Piratenschiff gelandet!

Er tritt durch die Tür und winkt mir im Hinausgehen zu: ich soll ihm folgen. Statt im langen Flur des Retreathauses finde ich mich in einem schmalen dunklen Durchgang wieder. Ich stolpere hinter dem Lama-Piraten die enge Stiege hoch. Als ich auf das Deck klettere, sehe ich, dass ich mich auf einem alten Dreimaster befinde. Alle Segel sind gehisst, das Schiff jagt übers Meer. Ich höre, wie die Wellen rhythmisch gegen den Kiel klatschen. Von der Reling zu den Spitzen der Masten sind Schnüre gespannt, an denen viele bunte Wimpel im Fahrtwind flattern. Ich erkenne die fünf Farben der Buddha-Familien: blau, gelb, rot, weiß, und grün. Es sind tibetische Gebetsfahnen! Eigentlich hängen sie in den Bäumen am Weiher des Retreathauses am Ende der Welt. Am hinteren Mast flattern außerdem eine Reihe roter und blauer Fahnen. Das sind doch die, die Uriel und ich im März am Fluß aufgespannt haben! https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-flags/ Nur waren unsere rechteckig. Und auf einmal sind sie zu dreieckigen Wimpeln geworden!

Während ich mich umgeschaue, ist Vajranatha mit seinem Papagei auf der Schulter zum großen hölzernen Steuerrad in der Mitte des Decks geschritten. Wir scheinen alleine auf dem riesigen Schiff zu sein. Es ist wohl ein Zauberschiff, denke ich mir. Es braucht keine Mannschaft.

„XV“ – „Der Teufel“ aus dem Crowley-Tarot

Vajranatha winkt mich zu sich. Als ich neben ihm am Steuerrad stehe, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass er gerade dabei ist, einen Pack Karten zu mischen. Auf dem Deckel eines großen Holzfasses, das vor dem Steuerrad platziert ist, legt er sieben Karten aus und dreht sie vor meinen Augen eine nach der anderen um. Es sind meine vertrauten Crowley-Tarot-Karten! Die erste Karte der Legung ist „Der Teufel“.

Der Piraten-Lama mustert die Karten eindringlich. Dann hebt er den Kopf, schaut mir konzentriert in die Augen und spricht zu mir. „Remember: you all went into this together! So you all will only come out of this together!“

Ich fahre hoch. Durch die beiden hohen Sproßenfenster fällt das Licht der Straßenlaterne in mein Zimmer. Ich taste nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz nach zwei Uhr Morgens ist. Der Traum war so intensiv, dass ich immer noch glaube, das Schwanken des Schiffs unter mir zu spüren. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, mich an die Karten der Legung zu erinnern, so sehr ich mir auch den Kopf zermartere. Das einzige, was geblieben ist, ist das Bild des „Teufels“, auf der ersten Position. Die Karte, die dort liegt, verweist auf den Ursprung einer Situation. Der Merksatz für diese Position lautet: „Daher kommt es.“

Ob damit dasselbe gemeint ist wie mit dem „this“, von dem Lama Vajranatha sprach? Wenn ja, muss dieses „this“ etwas höchst Ungutes gewesen sein. Denn der Teufel ist die negativste Karte im ganzen Tarot-Deck. Er steht für Verstrickungen, Süchte, Abhängigkeiten und menschliche Abgründe. Traditionell werden die anderen Karten der Legung nicht mehr gewertet, wenn „Der Teufel“ auftaucht, weil seine negative Energie so stark ist. Ob ich mich deshalb nicht mehr an den Rest der Legung erinnern kann?

Der Bedeutung des schrägen Traums beschäftigt mich so sehr, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Schliesslich gebe ich auf, schalte das Licht an, stehe auf und blättere schlaftrunken am Bücherregal ein paar Tarot-Bücher nach der Bedeutung des „Teufels“ durch. In einem der Bücher werde ich fündig. In einer langen Liste, wofür „Der Teufel“ stehen kann, stoße ich auf „Schicksalsgemeinschaft“.

Das würde zu dem passen, was mir Vajranatha im Traum mit auf den Weg gegeben hat: „You all went into this together. You all will only come out of this together.“ Ich scheine also Teil von so etwas wie einer „Schicksalsgemeinschaft“ zu sein. Nur: wer, bitte, soll der Rest dieser vergnüglichen Mannschaft sein? Und was, zum Teufel noch mal, ist „this“?

Am liebsten würde ich den Traum und seine Botschaft einfach vergessen. Aber das traue ich mir nicht. Dafür war alles zu intensiv. Nur hätte ich mir klarere Handlungsanweisungen gewünscht. Und ein paar Informationen mehr wären auch kein Schaden gewesen.

Konfus und unzufrieden schlafe ich endlich wieder ein.

Motherpeace-Tarot

Nach einer langen Nacht lege ich mir vor einem Hostel in Berlin-Kreuzberg Tageskarten – mit dem Motherpeace-Tarot-Deck…

Eine Tageskarten-Legung: links der Stapel mit den großen Arkana, in der Mitte der Stapel mit den Personenkarten, rechts der Stapel mit den kleinen Arkana. Die oberste Karte der Stapel wird nach dem Mischen umgedreht und beschreibt bestimmte Aspekte, die an diesem Tag von Bedeutung sind.

Sonntagmorgen um Neun. Ich sitze in Berlin-Kreuzberg vor dem Hostel und sehne den Moment herbei, an dem mir erlaubt sein wird, meine Augenringe hinter der Sonnenbrille zu verstecken. Noch liegt der schmale Holztisch im Schatten, aber die warmen Sonnenstrahlen wandern stetig näher an die Hauswand heran. Ich zähle die Minuten, halte mich an meiner Kaffeetasse fest und konzentriere mich auf das pralle Leben, dass neben mir auf dem Gehweg vorbei zieht.

Ein Mann im Clownkostüm bleibt an unserem Tisch stehen und hält mir eine Plastiktröte unter die Nase. Mein Humor hat heute Urlaub. Er nimmt mein genervtes „No! Thank you!“ ungerührt zur Kenntnis und versucht sein Glück ein Straßencafé weiter. Ein Obdachloser wandert, unaufhörlich vor sich hin schimpfend, den Gehweg auf und ab. Touristen steuern, begleitet vom lauten Rattern ihrer Rollkoffer, den nahen U-Bahn-Schacht an. Die Schlange vor der Bäckerei auf der anderen Straßenseite wird lang und länger. Mit lautem Bimmeln scheucht die Straßenbahn ein Rudel übernächtigter Brautjungfern von den Schienen. Die Schleier auf ihren Köpfen wippen, als sie sich auf hohen Absätzen hinter der in Schlangenlinien laufenden Braut in spé auf den Bürgersteig retten.

Maria und ich haben im Acht-Bett-Zimmer übernachtet. Gemischt. Die Zeiten, in denen Berlin billig war, sind definitv vorbei. Dass wir nach dem Open-Air in Köpenick jede hundert Euro für ein paar Stunden Schlaf im Hotelzimmer investieren sollen, haben wir beide nicht eingesehen. Das Hostel ist ok und glücklicherweise hat keiner der Herren im Raum geschnarcht. Und besoffen und zugedröhnt war auch keiner.

Unausgeschlafen bin ich trotzdem. Aber das liegt an meiner Erkältung, mit der ich mich nach Berlin geschleppt habe. Die Tickets für das Open-Air hatte ich schon im Oktober gekauft, ein „once-in-a-lifetime-event“. Ich musste hin, da konnte mich der Husten noch so quälen. Jetzt habe ich den Salat: die Nase läuft, meine Stimme ist weg und zur Abwechslung sehe ich mal so alt aus wie ich bin – und fühle mich noch mal zehn Jahre älter. Mindestens…

Maria sitzt mir – schön wie der strahlende Frühsommermorgen – gegenüber. Sie dreht sich entspannt ihre Morgenzigarette. Nach der zweiten Tasse Filterkaffe kehrt meine Stimme zumindest in Ansätzen wieder und wir unterhalten uns über den gestrigen Abend. Maria war das allererste Mal in ihrem Leben auf einem Live-Konzert, sie fand es toll. Obwohl alles auf Deutsch war und sie faktisch nichts verstanden hat. Aber die Stimmung war super, das Wetter schön und die übliche Berliner Menagerie machte ihre Aufwartung, es gab also auch abseits der Bühne genug zu bestaunen.

Nach dem Frühstück krame ich mein Karten-Deck aus dem Rucksack. Wenn ich auf Reisen gehe, packe ich ein, was jeder vernünftige Mensch mitzunehmen pflegt: Schlafanzug, Zahnbürste etc. – und dazu immer noch zwei „unvernünftige“ Dinge: zum einen meine Mala, die tibetische Gebetskette. Denn ich habe mich verpflichtet, täglich mein Vajra-Armor-Mantra zu rezitieren, komme was wolle. Auch gestern Abend habe ich es vor dem Einschlafen im Acht-Bett-Zimmer vor mich hingemurmelt. Und zum zweiten meine Tarot-Karten. Denn jeden Morgen – ebenso komme was wolle – lege ich mir meine Tageskarten. Ich habe schon so manches Mal Schlafanzug oder Zahnbürste vergessen. Mit meiner Mala und meinen Tarot-Karten ist mir das noch nie passiert.

Normalerweise habe ich immer etwas Hemmungen, mir in der Öffentlichkeit die Karten zu legen. Aber das hier ist Berlin! Der Herr am Nebentisch mustert mich trotzdem irritiert, als ich anfange zu mischen. Da muss er durch: wer in Berlin-Kreuzberg nächtigt, wird mit Verstörenderem konfrontiert als einer übermüdeten mittelalten spleenigen Frau, die einfach nur wissen will, was der Tag bringen wird.

Meine Tageskarten lege ich mir immer mit dem „Motherpeace-Tarot“. Das ist ein feministisches Set aus den USA und weit weniger gebräuchlich als das „Raider-Waite“, mit dem ich immer Maria die Karten lege, oder das „Crowley“, das ich im Alltag benutze.

Drei Mal „V“ – „Der Hohepriester“: links „Motherpeace“, in der Mitte „Crowley“, rechts „Raider-Waite“.

Das Besondere an „Motherpeace“ ist, dass es fast nur Karten mit weiblichen Abbildungen gibt. Aber nicht nur die Bildmotive, auch die Deutung der Karten unterscheidet sich von klassischen Decks: im „Motherpeace“ werden traditionelle patriachale Perspektiven zurückgewiesen, der Fokus liegt auf weiblicher Selbstermächtigung und der Betonung des Vertrauens in die weibliche Intuition.

Eine weitere Besonderheit des „Motherpeace“ ist, dass die Karten rund sind – und die jeweilige Bildposition in die Deutung mit einfließt. Ist das Motiv nach rechts gedreht, steht das für eine Verstärkung der Botschaft. Eine Drehung nach links gilt als Hemmung. Steht die Karte auf dem Kopf, wird das – je nach Karte – entweder als Blockade oder als Umkehrung interpretiert.

Deshalb ist das „Lesen“ einer „Motherpeace“-Legung ein bisschen komplizierter: es gibt noch einmal eine Information mehr, die mit berücksichtigt werden muss. Dafür spart man sich in vielen Fällen das „Unterlegen“. Das ist eine Technik, bei der noch einmal gezielt mit einer weiteren Legung gefragt wird, ob diese konkrete Karte positiv oder in ihrem Schattenaspekt gedeutet werden muss.

Beim Motherpeace erschließt sich das aus der Drehung der Karte. Wenn man es mal raus hat, ist die runde Form deshalb sehr praktisch. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Set für meine Tageslegung benutze: Morgens muss es schnell gehen und bei diesen Karten ist die Bedeutung mit einem Blick ersichtlich.

Für die Tageslegung werden die 78 Karten des Tarot in drei Stapel sortiert: in den ersten kommen alle zweiundzwanzig „großen Arkana“, in den zweiten Stapel alle „Personenkarten“ (klassisch: Bube, Ritter, Königin, König) in den dritten alle vierzig Karten der „kleinen Arkana“.

Dann wird jeder Stapel einzeln gemischt und die jeweils oberste Karte umgedreht. Beim Motherpeace muss das mit Bedacht geschehen, auch die Drehung der Karte ist von Bedeutung. Der Winkel sollte also beim Umdrehen nicht verändert werden.

Hier noch einmal meine Tageslegung aus Berlin: links „V“ – „Hohepriester“, in der Mitte „Sohn der Stäbe“, rechts „Vier Kelche“.

Die Karten werden nun wie folgt gedeutet: Links beschreibt die Karte der „Großen Arkana“ welches Thema den Tag dominieren wird. Die Personenkarte in der Mitte zeigt, welcher Persönlichkeitsanteil in mir heute aktiv ist. Die Karte rechts steht für die Energie, mit der mir die Außenwelt – meist ist es eine konkrete Person – begegnet.

Am heutigen Tag stehe ich unter dem Einfluss des „Hohepriesters“. Ich habe Glück, dass er auf dem Kopf steht, denn im Motherpeace ist die „V“ – im Gegensatz zum klassischen Tarot – negativ beschrieben.

Auf der Karte ist ein Mann abgebildet, der sich als Frau verkleidet hat und von den Frauen um ihn herum auf Knien angebetet wird. Der Hohepriester hat die natürliche intuitive Macht der Frauen unter seine Kontrolle gebracht und manipuliert seine Anhängerinnen, indem er ihnen ihre Fähigkeit selbst zu denken, zu fühlen und ihrer Intuition zu vertrauen, abspricht. Er steht für patriachale starre Autorität, die alles Weibliche und Intuitive kontrollieren und ausbeuten will.

Weil die Karte auf dem Kopf steht, ist mein Grundthema des heutigen Tages die Rebellion gegen diese Strukturen. Das mache ich allerdings auf charmante Weise: die Karte in der Mitte zeigt den „Sohn der Stäbe“ – eine der wenigen männlichen Abbildungen des Decks. Er steht aufrecht. Das bedeutet, dass ich heute unterhaltsam und verspielt bin. Und im Außen, so die Karte rechts, bin ich mit einer Person konfrontiert, die sich eine Auszeit vom Alltag nimmt, um in Ruhe über eine Situation nachdenken zu können.

So ist es, stellen Maria und ich fest, als wir uns über die Karten unterhalten. In der Nacht bevor wir nach Berlin fuhren, haben wir beide Seltsames geträumt. Unser beider Träume waren von jener speziellen Qualität, die darauf hinweist, dass es sich nicht um „normale“ nächtliche Verabeitungsprozesse des Gehirns handelt, sondern um Botschaften, in denen wir nicht nur mit unserem eigenen Unbewussten, sondern auch noch mit anderen Personen in Kontakt standen.

Wer regelmäßig Tantra-Meditation praktiziert, kennt diese Erfahrung. Maria praktiziert nicht: sie hat vor einem Monat das erste Mal in ihrem Leben an drei Tantra-Zeremonien teilgenommen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/ Das war es auch schon gewesen. Ich bin deshalb beeindruckt von ihrem Traum: sie scheint es ohne Praxis und ohne Vorerfahrung fertig gebracht zu haben, mit einer anderen Person im Traum in Kontakt zu treten. Respekt!

Allerdings lag diesem Treffen kein Plan zugrunde. Maria war innerlich mit dieser anderen Person beschäftigt gewesen – wohl so sehr, dass sie unbewusst im Traum das Treffen arrangiert hat. Jetzt ist sie konfus – wie konnte das passieren? Außerdem beschäftigt sie die Frage, welche Schlüsse sie aus der seltsamen Traumbegegnung ziehen soll. Von daher passt die Tageskarte für sie als mein „Außen“ heute gut.

Auch ich hatte eine „Traum-Begegnung“. Im Gegensatz zu Maria hatte ich sie mir beim Einschlafen bewusst gewünscht und ich bin erfreut, dass das Treffen zustande gekommen ist. Es verlief sehr harmonisch. Deshalb bin ich seit gestern morgen – trotz Erkältung – ausgesprochen gut gelaunt. Von daher finde ich den „Sohn der Stäbe“ stimmig.

Und auch der auf dem Kopf stehende „Hohepriester“ passt perfekt. Denn das, was in diesem Traum passiert ist, lässt mich wieder einmal an meinem Verstand zweifeln. Dass ich jemand anderen zu einem Traumgespräch einladen kann, ist für Tantra-Praktizierende Standard. Und mein Gast praktiziert auch, von daher war die Schwelle niedrig. Aber dass ich mich mit jemandem ausführlich über komplizierte Dinge austauschen kann, ohne dabei im Traum zu sprechen, bringt mich an meine Grenzen. Kann es sein, dass ich mir das alles ausgedacht habe? Es ist ja wohl nicht möglich, dass ich mich wortlos mit einer anderen Person „unterhalten“ kann, einfach nur durch meine Herzensenergie?

Die Sonne hat den Tisch vor dem Hostel erreicht. Erleichtert verstecke ich meine Augenringe hinter den dunklen Brillengläsern, beobachte die Menschen, die auf dem Gehweg an uns vorbei ziehen, nehme einen Schluck Kaffee und beschließe, meiner Tageskarte und meiner Intuition zu vertrauen: es war keine Einbildung. Ich bin mittlerweile in der Lage, mit Hilfe meiner Herzensenergie zu hören und zu „sprechen“. Das verdanke ich wohl meinem Vajra-Armor-Mantra, dass ich seit mehr als drei Jahren praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/

Im Januar habe ich am Ende des Retreats den Tantra-Test des ersten Levels für das Mantra bestanden. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-feuer/

So etwas geht immer mit Konsequenzen auf der energetischen Ebene einher. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was es diesmal wohl gewesen sein könnte, was sich in mir verändert hat. Die Frage scheint hiermit beantwortet zu sein.

Übermüdet, hustend, heiser – und sehr vergnügt – schultere ich meinen Rucksack und laufe mit Maria in Richtung Hauptbahnhof. Leipzig ruft…

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