Berichte von den Grenzen des Ich

Autor: Katharina (Seite 9 von 15)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Mondo

Das Mondo ist im Zen traditionell ein dialogisches „Battle“ zwischen Lehrer und Schüler. Im Mondo des Spirituellen Zentrum geht es zivilisierter zu…

An jedem letzten Abend eines Sesshins findet im Spirituellen Zentrum ein Mondo statt.

Nachdem der Assistent in einer feierlichen Zeremonie das Mondo angekündigt und der Lehrer die obligatorischen Niederwerfungen vollzogen hat, ist es den Meditierenden das erste Mal seit Beginn des Retreats erlaubt, in der Gruppe zu sprechen.

Im Mondo stellen sie dem Lehrer Fragen zu allen Aspekten von Zen, die der so verständlich als möglich beantwortet. Dieses Frage- und Antwortspiel geht für gewöhnlich routiniert und zivilisiert über die Bühne.

Deshalb entspricht das Mondo, wie es am Hof praktiziert wird, nur bedingt seinem klassischen Vorbild.

Der traditionelle Sinn eines Mondos ist nicht der freundliche Austausch von Ideen, sondern das öffentliche Prüfen der Kenntnisse von Lehrer und Schülern.

Ein traditionelles Mondo hat deshalb eine ähnliche Qualität wie ein modernes Rap Battle.

Der Lehrer muss im Mondo beweisen, dass er den Schülern in Weisheit und Erkenntnis wirklich überlegen ist. Die Schüler haben während des Mondos die Chance, der Sangha zu zeigen, dass sie es in ihrer Meditationspraxis zur Meisterschaft gebracht haben.

Wenn ihre Fragen jedoch von Hybris, und nicht von Erkenntis, geleitet sind, hat der Lehrer keine Skrupel, sie vor versammelter Mannschaft bis auf die Knochen bloß zu stellen.

Im Kern geht es darum zu prüfen, wie realitätsbezogen die Selbst- und Weltwahrnehmung der Diskutanten ist. Sind Lehrer und Schüler vollkommend im Hier und Jetzt, entspinnt sich ein atemberaubend schneller, intellektuell brillianter Schlagabtausch.

In dem Moment, in dem es dem einen gelingt, den anderen durch eine geschickte Frage aus der Präsenz und in ein Konzept zu drängen, ist es, als würde der Linienrichter in Wimbledon „Out!“ rufen.

Der Sieger hat seine Überlegenheit unter Beweis gestellt, der Verlierer schleicht gedemütigt vom Platz.

Manchmal gibt es, im Gegensatz zum Tennis, im Mondo auch ein Patt: der Meister bleibt Meister, hat aber nun einen ebenbürtigen Praktizierenden an seiner Seite.

„In der traditionellen Chan-Literatur werden folgende mögliche Resultate eines Mondos aufgezählt: „Der Meister bleibt Meister, der Schüler wird zum Meister anstelle des Meisters, der Schüler wird zum Meister neben dem Meister.“

Diese spannenden Mondos kenne ich allerdings nur aus der klassischen Literatur. Dort wird anschaulich beschrieben, wie sich ein solcher dialogischer Wettkampf zwischen Meister und Schüler, manchmal auch zwischen zwei Meistern, um das Verständnis von „Leerheit“ entfaltet.

Wenn ich meinem Lehrer während eines Mondos zuhöre, juckt es mich immer öfter, ihn herauszufordern. „Er ist nicht perfekt“, denke ich mir bei manchen seiner Sätzen, „genau jetzt könntest Du ihn stellen!“

Bisher hat er noch jeden meiner vorsichtigen Einwände parriert.

Irgendwann, so meine Hoffnung, wird der Moment gekommen sein, an dem ich mich behaupten kann.

Dass mein Meister in der Zukunft zum „Schüler“ wird, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen…

Tesho

Im Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – erklärt der Meister den Schülern die Prinzipien des Zen…

Regelmäßig, wenn ich während eines Sesshins dem Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – meines Zen-Meisters lausche, bin ich fasziniert davon, in wie vielen Variationen er buchstäblich über „NICHTS“ referieren kann.

Denn das ist das einzige Thema, das im Zen wirklich von Bedeutung ist.

Das Ziel buddhistischer Meditation ist die Befreiung von Leid. Das ist im nüchternen Zen nicht anders als im bunten tibetischen Vajrayana.

Im Herzsutra – einem der Basistexte des Mahayana-Buddhismus, zu dem auch das Zen gehört – heißt es „Bodhisattva Avalokitheshvara, in tiefer Versenkung, erkannte, dass alle fünf Skandhas leer sind und überwand so alles Leiden“.

Die „Fünf Skandhas“ sind die Sinneswahrnehmungen, zu denen im Buddhismus nicht nur das Hören, Sehen, Riechen und Schmecken gehört, sondern auch alle Gefühle, Gedanken und das Ich-Bewusstsein.

Alle dies, lehrte Buddha, ist nicht – wie es uns unser Körper und unser Geist vorgaukelt – fraglos gegeben und absolut, sondern bedingt.

Jeder Sinneseindruck, jede emotionale Reaktion darauf, alle Gedanken, die wir uns über äußere Reize und innere Zustandsveränderungen machen und all die Schlüsse, die wir daraus in Bezug auf unser „Ich“ ziehen, sind vollkommend subjektiv, vom Augenblick, und von äußeren und inneren situativen Gegebenheiten, abhängig.

Deshalb sind sie in ihrer Bedingtheit und Flüchtigkeit ohne Substanz: sie sind leer.

Wer dies erkennt und versteht, ist von allen Leiden befreit.

Darum besteht die einzige Funktion des Lehrers im Zen darin, seine Schülern mit allen Tricks und Mitteln ins „Nichts“ zu bringen.

Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr sitzt der Lehrer deshalb in der Mitte seiner Schüler und referiert in seinen Teshos über Leerheit.

Nur: wie erklärt man etwas, das es nicht gibt?

Die Lehrer der Zen-Linie „Leere Wolke“ am Hof haben unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden.

Es gibt die „Prediger“, die jedes Tesho mit einem klassischen Text aus der Zen-Literatur eröffnen und dann, im Stil einer protestantischen Predigt, eine Textexegese vornehmen .

Es gibt die „Pragmatiker“, die das Prinzip der Leerheit anhand aktueller Alltagsereignisse aufdröseln.

Es gibt die „Humoristen“, die ihre Schüler mit kurzweiligen unterhaltsamen Anektdoten zur Erleuchtung bringen wollen.

Und dann gibt es am Hof noch meinen Lehrer, der das Problem der Leerheit wissenschaftlich angeht. Irgendwie schafft er es, habe ich über die Jahre gelernt, aus allem, was gerade en vouge ist, Zen zu extrahieren.

Wir hatten Tiefenpsychologie, Emotionstheorien, Sprechakttheorien und Dekonstruktion. Seit ein paar Jahren sind es die Erkenntisse der Neurowissenschaften, die für die Erklärung der „Leerheit“ herhalten müssen.

Früher oder später findet fast jeder Schüler am Hof „seinen“ Lehrer, der ihm das Prinzip der „Leerheit“ auf eine, für ihn verständliche Weise, vermitteln kann.

Aber grundsätzlich bleibt es ein schwieriges Geschäft, Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr über „Nichts“ referieren zu müssen.

Sitzen

Ein paar grundsätzliche – und nicht immer ganz ernst gemeinte – Gedanken zur Praxis des Meditierens im Zen des Spirituellen Zentrums…

Im Zen ist das Meditieren im Zazen – der Präsenz in offenem Gewahrsein – essenziell. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber kein Mensch am Spirituellen Zentrum sagt „Zazen“. Alle sprechen nur vom „Sitzen“.

„Ich sitze immer morgens“, heißt es. Oder „Ich sitze schon seit zwanzig Jahren.“ Für Außenstehende klingt das sicher schräg.

Wer es im Zen zu etwas bringen möchte, heißt es im Spirituellen Zentrum, der müsse täglich vierzig Minuten lang „Sitzen“ und dazu noch zwei Sesshins im Jahr „Durchsitzen“.

Das schwarze Meditationskissen heißt im übrigen „Zafu“. Die meisten Zen-Praktizierenden haben eine sehr persönliche und enge Beziehung zu ihrem häuslichen Zafu.

Wobei viele Zen-Praktizierende nicht auf dem Zafu Platz nehmen, wenn sie meditieren. Nicht jeder verfügt über die – für das Sitzen auf dem Zafu erforderliche – Beweglichkeit der Hüft- und Kniegelenke. Alternativ gibt es hölzernen Meditationsbänckchen, auf denen man kniend Platz nimmt.

Für die, denen auch das Meditationsbänckchen noch zu unbequem ist, gibt es Meditationshocker ohne Rückenlehne.

Es gibt auch Achtzigjährige, die auf dem Zafu sitzen. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Früher oder später, weiß der Zen-Jünger, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Meditationshocker landen. Das ist der Lauf der Zeit. Die einen erwischt es eher, die anderen später…

Während der Retreats stellt man schnell fest, dass sich die Praktizierenden nicht nur in ihren Sitzgelegenheiten, sondern auch in ihren „Sitzgewohnheiten“ unterscheiden. Das lässt sich unschwer erkennen, wenn man während des Kinhins – der Gehmeditation – im Kreis durch das Zendo läuft und dabei den Blick über die Sitzunterlagen schweifen lässt.

Es gibt ein paar Grundtypen von Sitzern, die ich hiermit vorstelle:

Typus eins ist „Der Purist“. In seiner Reinform ist er immer männlich. Das einzige, was der Purist auf seinem Platz duldet, ist ein – möglichst kleines – schwarzes Kissen. Das war es.

Kissen, muss ich dazu sagen, gibt es am Hof in drei Größen: klein und rund, flach und breit, und dazu noch die hohe runde Variante.

Puristen wollen den Zen von Zen. Sie suchen nicht nur Erleuchtung, sondern auf dem Weg dorthin auch körperliche Herausforderung und sportlichen Wettkampf. Je kleiner das Kissen, desto besser der Sitzer, so die Logik der Puristen. Das kleine Kissen wird hier zum Statussymbol. Die Botschaft: „Ich bin so ein harter Kerl, dass ich ein komplettes Sesshin auf DIESEM kleinen Kissen durchsitze!“

Es gibt auch die weibliche Variante der Puristen. Die ist ebenfalls fokussiert auf ein einziges und möglichst kleines Kissen. Nur habe ich noch keinen Sitzplatz einer Frau gesehen, auf dem sich – neben dem allerkleinsten schwarzen Kissen – nicht auch noch eine Decke befunden hätte. Frauen frieren eben schneller als Männer.

Typus zwei ist dafür ausschließlich weiblich: Das sind die „Hygge-Sitzerinnen“. Ihre Sitzplätze sehen einladend kuschelig aus. Dafür scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie bringen ihr eigenes geschmackvolles Sitzkissen oder -Bänkchen von Zuhause mit, dazu farblich passende Decken. Meist eine als Unterlage unter das Sitzkissen und eine zweite zum Zudecken, wenn es beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren zu kalt werden sollte.

Zusätzlich haben sie meist auch noch – ebenfalls farblich perfekt abgestimmt – kleine Kissen auf dem Platz liegen, wenn zwischendurch mal die Knie schmerzen sollten. Und oben drauf noch ein schönes – ebenfalls farblich stimmiges – Plaid – dass sie beim Kinhin über die Schultern werfen. In jedem Sesshin sind ein oder zwei Frauen dabei, die das Zen-Hygge zur Perfektion gebracht haben.

Typus drei ist „Der bequeme Sitzer“. Die gibt es in der weiblichen wie männlichen Variante. Die Haltung ist: wenn man sich schon etwas so anstrengendes wie ein Sesshin zumutet, dann soll es so schmerzfrei und komfortabel als möglich ablaufen.

„Bequeme“ mauern sich auf ihrem Platz mit Sitzgelegenheiten, Decken und Kisschen in allen Größen und Variationen regelrecht ein. Mit dem Ziel, für jeden Modus und für jedes Zipperlein sofort die passende Lösung zur Hand zu haben.

Das ist der Typus, der sich in dauerndem Kampf mit dem Assistenten befindet, der versucht, das Horten von Sitzgelegenheiten am Platz einzudämmen.

Dann gibt es noch „Chaos-Sitzer“: die nehmen alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit in das Zendo und lagern sie auf ihrem Platz. Was ebenfalls den Assistenten auf dem Plan ruft. Chaos stört die Konzentration, erklärt er dann.

„Chaos-Sitzer“ sind im Zen aber eine seltene Erscheinung. Der durchschnittliche Zen-Praktizierende ist ordentlich und gut organisiert.

Die Mehrheit der Zen-Praktizierenden changiert irgendwo zwischen den Extremen. So wie ich. Ich bin, nach Jahren Meditationspraxis, irgendwo zwischen „Purist“ und „Bequem“ angelangt.

Regelmäßig vor dem Beginn eines Sesshins mahnt der Assisstent, man solle es mit dem Ehrgeiz im Sitzen nicht übertreiben. Jeder – erklärt er – solle eine Stufe unter seiner anspruchsvollsten Sitzkomposition wählen. Auf das sich niemand verletze und sich selbst Schäden zufüge.

Ein weiser Ratschlag. Ich lernte ihn erst zu befolgen, nachdem ich mir im Versuch, eines meiner ersten Sesshins im vollen Lotus-Sitz „durchzusitzen“, beinahe meine Hüftgelenke ruiniert hätte.

Auch ich war zu Beginn meiner Zen-Karriere „Puristin“. Ich musste viele Stunden und Tage auf meinem kleinen schwarzen Kissen leiden – und mir noch dazu eine ganze Sammlung verbale Ohrfeigen meines Zen-Lehrers im Dokusan abholen – bis ich bereit war, meine aggressiven Ansprüche an meinen Körper aufzugeben. Der Wechsel vom kleinsten zum größten schwarzen Kissen während meines fünften Sesshins war ein Meilenstein in meiner spirituellen Entwicklung. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Seitdem sitze ich nicht nur entspannter: ich bin auch in Bezug auf Essen, Sport treiben, Schlaf und alle anderen Bedürfnisse meines Körpers, nachsichtiger mit mir geworden.

Das ist das Prinzip des „Sitzens“: Zazen lehrt nicht einfach nur Achtsamkeitsmeditation. Die Praxis schreibt sich über die Jahre schleichend in das Gehirn und den Körper ein. Ohne dass dieser Prozess bewusst zugänglich wäre, verkörpert man irgendwann Zazen.

Die Praxis wird zur Haltung. Und macht das Leben zwar nicht einfach oder unkompliziert – eher im Gegenteil – aber dafür reich und spannend.

Kinhin

Das Kinhin – die Meditation im Gehen – ist das zweite Kernelement des Zen im Spirituellen Zentrums…

Neben dem Zazen – dem stillen Meditieren im Sitzen – gibt es im Zen noch eine zweite Form der Meditation: Kinhin – das meditative Gehen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Es gibt die flotte Variante, bei der zügig im Kreis gegangen wird. Am Hof läuft sie unter „Schnelles Kinhin“.

„Langsames Kinhin“, wird am Hof immer vor dem Tesho – dem Abendvortrag des Lehrers – praktiziert. Dann bewegt sich die ganze Sangha im Gänsemarsch durch das Zendo, indem jeder sehr langsam einen Fuß vor den anderen setzt.

Ich war aber auch schon mal bei einer Soto-Zen-Gruppe zu Gast. Bei denen – lernte ich – bedeutet „Kinhin“ seeeeeehr langsam zu gehen. Nach einer Viertelstunde Kinhin hatte ich mich etwa dreißig Zentimeter durch den Raum bewegt. https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Interessante Erfahrung…

Während eines Zen-Retreats ist es nur dem Assistenten, der die schweigende Gruppe durch die Tage führt, erlaubt, zu sprechen. https://www.water-runs-east.eu/schweigen/

Der Assistent ist jedoch darauf fokussiert, so wenig Worte als möglich zu verlieren.

Während des Zen-Retreats soll der analytischen Geist der Meditierenden vollkommend zur Ruhe kommen. Schon Gesprochenes zu hören, aktiviert ihn.

Deshalb lenkt der Assistent die Sangha nicht durch Sprache, sondern durch Klänge.

Im Rinzei-Zen – und damit am Hof – sind sein wichtigstes Instrument zwei einfach braune Klanghölzer.

Jeder Tag eines Sesshins am Hof startet um 5:25 Uhr mit dem morgendlichen Kinhin. Der Beginn des meditativen Gehens wird vom Assistenten lautstark angekündigt. Dazu stellt er sich in die Mitte des Innenhofs, nimmt in jede Hand eines der kurzen braunen Klanghölzer und schlägt sie rhythmisch aufeinander. Das klingt fast wie ein Trommelwirbel.

Worauf die verschlafenen Mitglieder der Sangha ihre Teetassen auf den Geschirrwagen des Speisesaals stellen und gehorsam den Innenhof betreten, um dort stumm und in sich gekehrt eine halbe Stunde um einen Baum zu laufen.

Die Konzentration liegt während des Gehens – wie im Zazen – auf dem Atem. Dazu kommt der Fokus auf die Bewegung. Der Geist soll im Kinhin so zur Ruhe kommen, dass man sich selbst nicht mehr im Modus von „ich gehe“ erlebt, sondern zum Gehen wird.

Klingt schräg, funktioniert aber.

Zum Ende des Kinhins erklingen wieder die Klanghölzer. Diesmal schlägt der Assistent die beiden Stäbe einmal kräftig aufeinander. Ein lautes Klacken ertönt.

Das bedeutet „Achtung!“

Alle erstarren mitten in der Bewegung des Kinhin, um dann eine aufrechte Stehhaltung einzunehmen.

Der Assistent wartet kurz, dann schlägt er die Klanghölzer ein weiteres Mal aufeinander. Alle falten die Hände vor der Brust und verneigen sich.

Damit ist das Kinhin beendet.

Nach jedem Zazen – das in den Sesshins am Hof zwischen dreißig und vierzig Minuten bewegungsloses Sitzen auf dem Kissen bedeutet – folgen zwischen zehn und fünfzehn Minuten schnelles Kinhin.

Zu Beginn der Übungsblöcke am Morgen, am Vormittag und nach dem Mittagessen wird normalerweise im Freien Kinhin praktiziert. Während der Übungsblöcke – die aus zwei beziehungsweise drei Runden Zazen bestehen – laufen die Teilnehmer im Zendo im Kreis.

Dabei kommt einiges zusammen: im Schnitt legt man während eines Sesshins etwa zehn Kilometer am Tag durch Kinhin zurück.

Immer orchestriert von den Klanghölzern des Assistenten. Ihr Diktat gibt den Abläufe, denen sich Praktizierende im Rinzei-Zen zu unterwerfen haben, die Anmutung von Exerzierübungen.

Das Rinzei-Zen war im Mittelalter Teil der Elite-Ausbildung der Samurai, der adeligen Kriegerkaste Japans.

Auch heute noch wird, wer sich den Regeln des Rinzei-Zen unterwirft, mit den Jahren zum Krieger – oder zur Kriegerin.

Das muss man mögen.

Ich finde: es hat was…

Grundsätzliches über Zen

Das Zen des spirituellen Zentrums hat seine Wurzeln im chinesischen Chan. Der ist ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus. Das verleiht dem Zen in der Familie der buddhistischen Traditionen eine Sonderstellung…

Was viele nicht wissen: Zen ist keine originär japanische Erfindung, sondern stammt aus China.

Die indische Religion des Buddhismus gelangte im 2. Jahrhundert nach Christus nach China, wurde dort heimisch und zur dritten Staatsreligion neben Konfuzianismus und Daosimus.

Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte verschmolz der Buddhismus in China mit dem Daoismus.

Der Daoismus wurzelt in Jahrtausende alten schamanischen Traditionen und erhielt durch Laotse im 4. Jahrhundert vor Christus eine ganz eigene Philosophie. Laotse lehrte, dass das „Dao“ das „höchste Mysterium“ darstellt. Ihm sind alle kosmischen Prozesse unterworfen. Das Dao repräsentiert sowohl Sein als auch Nicht-Sein und vollzieht sich in unaufhörlichem Wandel.

Der Daoismus hat kein Gottesbild. Das Dao wird als mysteriöses Naturgesetz verstanden, dessen Kräften alles unterworfen ist.

Im Ergebnis entstand im 5. Jahrhundert nach Christus im Norden Chinas das Chan. Es waren Wandermönche, die sich vom traditionellen Buddhismus, wie er in chinesischen Klöstern nach indischer Tradition praktiziert wurde, distanzierten. Dort lag der Fokus auf dem Rezitieren von Sutren, dem Praktizieren aufwendiger Riten und dem Vermitteln intellektuellen Wissens über die Lehren des Buddhismus.

Die chinesischen Wandermönche suchten den direkten Weg zur Erleuchtung, fokussierten sich auf Meditation und beriefen sich dabei auf den historischen Shakayamuni.

Auch Buddha hatte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum nach acht Tagen und Nächten des konzentrierten Meditierens erlangt.

Zuvor hatte er sich an allem versucht, was die spirituellen Traditionen des Hinduismus bereit hielten, um dem Leiden zu entkommen: er hatte diverse Meditationstechniken erlernt und bis zur völligen Erschöpfung praktiziert, er hatte sich kasteit und wäre bei seinem Versuch, durch strenge Nahrungsvorschriften erleuchtet zu werden, beinahe verhungert. Alles war vergebens gewesen.

Am Ende erreichte er durch das Meditieren in offenem Gewahrsein die Erkenntnis über das Entstehen und die Überwindung allen Leidens.

Deshalb, so die chinesischen Wandermönche, reiche diese Praxis der Meditation aus, um Erleuchtung zu erlangen. Alles andere, was der traditionelle Buddhismus noch bereithält, wäre überflüssiger Schnick-Schnack.

Nachvollziehbarer Weise waren traditionelle Buddhisten nicht begeistert von dieser Sichtweise. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die aufmüpfigen Wandermönche zogen durch die Berge Nordchinas, meditierten über viele Jahre und interpretierten die spirituellen Erfahrungen, die ihnen in tiefer Versenkung zuteil wurden, als Mysterienspiele des Dao.

Deshalb hat das Chan eine ganz eigene Philosophie, die Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen nicht ohne weiteres zugänglich ist.

Im 9. Jahrhundert nach Christus kam das Chan durch japanische buddhistische Mönche, die in China in dieser Tradition zu Meistern wurden, nach Japan.

Dort wurde es zum Zen.

In Japan gibt es heute drei Hauptströmungen des Zen-Buddhismus: Soto, Ubaku und Rinzei. Wer im Westen Zen praktizieren möchte, hat üblicherweise die Wahl zwischen Soto-Zen und Rinzei-Zen.

Soto-Zen ist stark vom japanischen Zen-Meister Dogen geprägt. Der erlangte im 13. Jahrhundert in der chinesischen Soto-Tradition Erleuchtung, kehrte danach in sein Heimatland zurück und reformierte dort den japanischen Soto-Zen.

Dogen, der ein bezaubernder Mensch gewesen sein muss, bemühte sich darum, auch Laien den Zugang zum Zen zu ermöglichen. Er – der aus dem japanischen Hochadel stammt – hatte keine Berührungsängste mit dem „einfachen Volk“ und entwickelte eine Meditationspraxis, die auch Menschen mit wenig Bildung und freier Zeit zugänglich war. Er war sehr erfolgreich in seinen Bemühungen. Soto ist bis heute die beliebteste Zen-Tradition in Japan. Sie ist, wie ihr Begründer Dogen, sanft und freundlich.

Die zweite große Zen-Tradition Japans, der Rinzei-Zen, blickt traditionell auf den Soto-Zen herab. Er gilt dort als „Zen der Bauern“.

Rinzei dagegen war das Zen des japanischen Krieger-Adels, der Samurai. Entsprechend elitär und martialisch ist die Tradition das Rinzei-Zen. Das machte ihn anfällig für nationalistische und faschistische Strömungen, die im Zuge der Meiji-Restauration zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan populär wurden.

Der Rinzei-Zen spielte während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle in Japan. Zen-Meister dieser Tradition bildeten zum Beispiel Kamikazi-Piloten aus, die durch Zen-Meditation lernten, ihre Todesangst zu überwinden, während sie ihre Flugzeugen in amerikanische Kriegsschiffe steuerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehrere japanische Zen-Meister als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.

Auch aus diesem Grund beruft sich die Zen-Linie des spirituellen Zentrums weniger auf den japanischen Rinzei-Zen, sondern auf die ursprüngliche chinesische Tradition und ihren Gründer Linij.

Der lebte im achten Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster inmitten eines Gebirges. Er war berühmt für seine Klarheit und berüchtigt für seine Grobheit. Das von ihm bevorzugte Mittel, um seine verstockten Mönche zu tieferer Erkenntnis zu bewegen, war eine saftige Ohrfeige.

Deshalb ist das Zen des spirituellen Zentrums, trotz seiner Hinwendung zum chinesischen Chan, immer noch nichts für sensible Gemüter.

Wer gerne Zen praktizieren möchte und einen etwas weniger rauen Umgang bevorzugt, dem sei eine Soto-Linie empfohlen.

Dokusan

Das Einzelgespräch mit dem Lehrer während des Retreats ist im Zen des Spirituellen Zentrums integraler Bestandteil der Praxis…

Unter jeder der beigen Sitzunterlagen im Zendo befindet sich ein kleiner roter Papierzettel.

Wenn der Assistent zu Beginn einer Meditationseinheit verkündet: „Gelegenheit für Dokusan!“, kann man den Zettel unter der Matte hervorholen und davor platzieren. Dann weiß der Assistent, dass man den Zen-Lehrer sprechen möchte.

Der wartet in einer kleinen Kammer neben dem Zendo auf die Schüler. Wenn er die Glocke läutet, tritt man ein, verneigt sich und nimmt ihm gegenüber auf dem kleinen schwarzen Kissen Platz.

Im Dokusan prüft der Lehrer die Meditation des Schülers. Hat der verstanden, was zu tun ist?

Man sollte regelmäßig den Lehrer konsultieren, wird jedem Zen-Praktizierenden erklärt. Zu recht. Es ist erstaunlich, wie viel man bei einer so simplen Tätigkeit wie Sitzen und Atmen falsch machen kann!

Denn das Zazen ist nicht einfach nur „herumsitzen und entspannen“. Es geht darum, in der Realität anzukommen.

Dummerweise ist das kein Ort, den man freiwillig aufsucht.

Wie der Lehrer nicht müde wird auszuführen, sind wir so gestrickt, dass wir uns automatisch immer in den Modus des „Wohlbefindens“ einschwingen. Darauf ist unser System ausgerichtet. Jeder Einzelne verfügt über eine Fülle von Techniken, um sich im Alltag automatisch zu stabilisieren – und damit einen Schleier aus Phantasien und Konzepten über die Wirklichkeit zu legen.

Die meisten dieser Techniken zerschellen am Zazen. Während der dreißig bis vierzig Minuten des stillen Sitzens auf dem Kissen kann man sich nicht mehr mit Handyscrollen, Textnachrichten schreiben oder dem Gang zum Kühlschrank ablenken. Während der Meditationszeiten darf man nicht auf die Toilette. Man darf sich noch nicht mal bewegen. Selbst das Kratzen an der juckenden Nase oder das Verlagern des schmerzenden Knies sind verpönt.

Heftige Unlustgefühle sind die Folge. Und als einzige Möglichkeit, sich trotzdem emotional in das Gleichgewicht zu bringen, bleibt nur noch der Kopf. Der arbeitet dafür um so hochtouriger: Zukunftsphantasien, Trostworte, Wutanfälle – mit allen Tricks versucht der Geist, der harten Realität zu entfliehen.

Und hier ist der Lehrer gefragt: im Dokusan hört er sich an, was für Ideen, Phantasien und Vorstellungen der Schüler entwickelt, um selbst in dieser misslichen Lage noch irgendwie ein – wie auch immer geartetes – „gutes Gefühl“ zu produzieren.

Worauf der Lehrer zum scharfen Schwert der Logik greift und mit einem entschiedenen Streich alle Gedankenstränge durchtrennt.

Während meiner ersten Jahre Zen-Praxis fühlte ich mich im Dokusan immer wie im „Märchen vom Hasen und vom Igel“. Egal wo ich gedanklich hin flüchtete: der Lehrer war schon da! Das gab er mir üblicherweise mit einer verbalen Ohrfeige zu verstehen. Zen – zumal das der Rinzei-Tradition, zu der meine Linie gehört – ist nichts für empfindsame Gemüter.

Für gewöhnlich bedachte ich, wenn ich nach dem Dokusan die Tür hinter mir zuzog, den Lehrer mit einem stummen „Arschloch!“.

Wenn der Lehrer perfekt ins Schwarze getroffen hatte, verbrachte ich nach einem Dokusan durchaus auch mal ein oder zwei Tage im „Arschloch-Modus“ auf meinem kleinen schwarzen Kissen. Es gibt wenige Menschen, die ich mit derselben Intensität gehasst habe, wie meinen Zen-Lehrer.

Irgendwann lernte ich, dass „Arschloch!“ ein Qualitätssiegel war: der Zen-Lehrer hatte seinen Job wieder einmal gut gemacht.
Früher oder später verrauchte die Wut und ich konnte das Geschenk, das in der Ohrfeige versteckt war, annehmen: ein kleines Stückchen Realität, dass hinter den Wolken meiner Konzepte und Phantasien hervor blitzte.

Zazen

Zazen – das Sitzen in der Stille – ist die zentrale Mediation im Zen des Spirituellen Zentrums…

Es gibt nur wenige Beschäftigungen, die mein pedantisches Ego und meine intuitive Innere Stimme gleichermaßen lieben. Konkret sind das: Wandern, Kochen, Schreiben, Klassische Musik hören – und Zazen.

Beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren in der Stille während eines Sesshins sind meine intuitive Innere Stimme und mein Ego beide glücklich.

Allerdings aus völlig verschiedenen Gründen: der Zendo – und das kleine schwarze Meditationskissen darin – ist einer der ganz wenigen Orte, an denen sich mein ängstliches Ego entspannen kann.

Es darf einfach nur „Da-sein“ und dabei dem Atem lauschen, der kommt und geht, den Körper spüren, der unbewegt im Lotussitz auf dem kleinen schwarzen Kissen platziert ist – und zur Ruhe kommen.

Es muss nichts kontrollieren – es ist alles perfekt organisiert.

Es muss sich nicht damit herumplagen, was es jetzt, in den nächsten fünf Minuten oder heute Abend tun oder lassen soll – es ist alles festgelegt.

Es muss sich nicht überlegen, wie es irgendjemand irgendwas erklärt – während der nächsten Tage ist Sprechen verboten.

Es muss nicht ständig die Umgebung nach Gefahren scannen und Überlebensstrategien durchspielen – der Hof ist „Safe Space“.

Das Ego darf sich zurücklehnen, alle Viere von sich strecken und zum Mitläufer werden. Was es genießt.

Mein Ego ist – das habe ich durch Zazen gelernt – von bescheidener Natur: es hat weder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, noch möchte es über andere bestimmen. Im Gegenteil: das sind genau die Modi, in denen es sich unwohl fühlt.

Mein Ego ist kein egozentrischer Tyrann. Mein Ego ist ein ängstlicher Neurotiker. Es will Ordnung und Struktur. Menschen und Situationen sollen berechenbar, alles Notwendige zuverlässig vorhanden sein.

Dann ist es gut, findet das Ego. Mehr braucht es nicht.

Für all das ist am Hof gesorgt. Sobald der Assistent mit dröhnendem Gongschlag die erste Runde Zazen zu Beginn eines Sesshins einläutet, geht das Ego auf seinem kleinen schwarzen Kissen deshalb in den Entspannungsmodus über.

Und meine intutitive Innere Stimme atmet erleichtert auf: Endlich Ruhe!

Bevor die beiden mit Zazen begannen, war meine intuitive Innere Stimme vierundzwanzig Stunden täglich damit beschäftigt, das hysterische Ego zu stabilisieren. Ein Drama jagte das nächste!

Die intuitive Stimme besänftigte und beruhigte, setzte Katastrophen-Phantasien des Egos Happy Ends entgegen, offerierte Ablenkungsangebote – und fühlte sich andauernd erschöpft und überfordert.

Irgendwann ergab es sich, dass sich das neurotische Ego auf dem Hof und in Willigis Ostergottesdienst wiederfand. Die intuitive Innere Stimme wird das ihrige dazu beigetragen haben. Was – und wie das alles zugegangen ist – darüber schweigt sie sich bis heute aus.

Das Ego war von Anfang an begeistert und klagte und jammerte kein bisschen, als ihm die intuitive Innere Stimme den Besuch des Zen-Einführungsseminars vorschlug.

Dort angekommen, saß das Ego keine fünf Minuten das erste Mal in Zazen auf dem kleinen schwarzen Kissen, als es begriff, dass es genau die Tätigkeit und den Ort gefunden hatte, nach dem es sich sein Leben lang gesehnt hatte.

Und die intuitive Innere Stimme musste sich das erste Mal in diesem Leben nicht um das Ego kümmern, sondern konnte sich auf sich selbst konzentrieren.

Ergebnis: so bescheiden und unkompliziert das Ego ist, so dominant und komplex ist die intuitive Innere Stimme.

Das Ego darf im Alltag gerne freundlich und bescheiden sein. Das stört die intuitive Innere Stimme kein bisschen. Auch sie schätzt Harmonie. Je größer die Stille im Außen und Innen, desto besser kann sie wahrnehmen was ist – und sich danach ausrichten.

Denn das ist ihre Funktion: sie hat – in einer Weise, die sich weder verstehen noch durch Sprache erklären lässt – Zugang zu etwas, von dem das Ego keine Ahnung hat. Was das ist, darüber schweigt die Innere Stimme. Und beschränkt sich – wenn das Ego wieder einmal auf Erklärungen drängt – auf ein Lächeln.

Wie immer es auch zugehen mag: wenn das Ego befriedet ist, kann die Innere Stimme beide mit traumwandlerischer Sicherheit durchs Leben führen. Von Wunder zu Wunder, wie sich über die Jahre herausgestellt hat.

Deshalb lieben die beiden Zazen. So einfach ist das…

Autopilot

Im Spirituellen Zentrum ist alles perfekt durchorganisiert. Man kann den Verstand am Ankunftstag am Empfang abgeben und nach dem Ende des Zen-Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen, ohne dass man ihn in sieben Retreattagen auch nur einmal vermisst hätte…

Während eines Sesshins verbringe ich die Nächte auf engem Raum mit anderen Menschen.

Tagsüber ist es nicht anders: Jeder Teilnehmer hat einen festen Platz im Zendo – der Meditationshalle.

Exakt einen Quadratmeter groß sind die beigen Meditationsunterlagen, die an den Wänden entlang ausgelegt sind. Davor hat der Assistent – alphabetisch geordnet – die Namensschilder der Teilnehmer platziert. Man kann sich weder aussuchen wo, noch neben wem man sitzt.

Und auch auf dem eigenen einen kostbaren Quadratmeter ist es nicht erlaubt, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat.

Jeder darf nur so viele Sitzgelegenheiten auf den Platz nehmen, wie gerade benötigt werden, ermahnt der strenge Assistent. Private Dinge haben im Zendo nichts verloren! Und auf dem Platz hat immer Ordnung zu herrschen!

Auch die Kleiderordnung ist festgelegt: am Hof sind keine grellen Farben erlaubt, der Körper soll bedeckt sein und alles was intensiv riecht – vom Parfum über Rasierwasser bis Weichspüler – ist ebenfalls verpönt.

Nichts soll die Sinne von der Konzentration auf das Sitzen und Atmen abhalten.

Nach dem Abendessen – das selbstverständlich im Schweigen stattfindet – beginnt das Sesshin.

Vierzig Leute haben sich diesmal zum Sommertraining eingefunden, stelle ich fest, während wir stumm und bewegungslos vor unseren Matten stehen. In Bezug auf das Geschlecht herrscht Parität. Die Altersspanne reicht von Anfang Zwanzig bis Ende Siebzig.

Bevor er das Sesshin feierlich eröffnet, erklärt der Assistent den wenigen Novizen die Regeln. Tagesablauf, Ordnung am Platz, Schweigen immer und überall.

Besonders wichtig: Pünktlichkeit! Man hat sich fünf Minuten vor dem Beginn jedes Meditationsblocks an seinem Platz einzufinden. Wer zu spät kommt, stört nicht nur die anderen in ihrer Konzentration – und dazu noch das fein abgestimmte Procedere – sondern läuft auch noch Gefahr, sich vor verschlossener Tür wiederzufinden. Dann muss dreißig bis vierzig Minuten gewartet werden, bis der Assistent die Meditationsrunde mit einem kräftigen Gongsschlag beendet und wieder Zutritt zum Zendo gewährt.

Überhaupt läuft der Hof wie ein Uhrwerk. Wenn man die Prozesse einmal verstanden hat – und sie sind so logisch, dass das nicht schwer ist – kann man seinen Verstand bei der Anmeldung am Empfang abgeben und ihn am Ende des Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen.

Es ist, als würde man in einen Fluss steigen. Wenn der Widerstand gegen die dauernde Bevormundung überwunden ist, treibt man durch die Tage, ohne sich auch nur einmal fragen zu müssen: „Was soll ich tun?“

Es ist toll! Ja, wirklich!

Schweigen

Im Spirituellen Zentrum herrscht Schweigen. Nicht nur während der Zen-Praxis, sondern immer und überall. Eine existentielle Erfahrung…

„Ich bin wieder da!“, denke ich beglückt, als ich – den Rucksack über den Schultern – den Innenhof betrete.

Im großen Springbrunnen plätschert das Wasser. Vögel singen in den Bäumen. Auf der Terrasse des Buchladens sitzen ein paar Gäste in der Sonne, trinken Kaffee und blättern in Büchern.

Ich reihe mich in die lange Schlange ein, die, vom Empfang kommend, die Treppe des Eingangsportals hinunter bis auf den Weg reicht. Es ist Sonntagnachmittag und mit dem Abendessen beginnen gleich mehrere Kurse: neben meinem „Zen-Sommertraining“ die „Schwesterveranstaltung“ „Kontemplations-Sommertraining“, dazu noch ein Tai-Chi-Kurs und zwei Selbsterfahrungsangebote mit seltsamen Titeln, die mir nichts sagen.

Als ich nach zwanzig Minuten am Empfangstresen angekommen bin, zahle ich und bekomme den Schlüssel in die Hand gedrückt. Ich bin im Mehrbettzimmer untergebracht. Zusammen mit acht anderen Frauen, wie sich herausstellen wird.

Während meiner Schulzeit besuchte ich jahrelang ein Internat: ich bin es gewohnt, mit anderen in einem Raum zu schlafen. Trotzdem musste ich zu meinem Glück gezwungen werden: für meine ersten Retreats am Hof nahm ich immer ein Einzelzimmer. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.

Allerdings sind Einzelzimmer im spirituellen Zentrum ein rares Gut. Man muss Wochen vorher buchen, wenn man den Luxus eines eigenen Zimmers haben möchte.

Irgendwann beschloss ich spontan, ein Retreat zu besuchen, dass nur wenige Tage später starten sollte. Das Sesshin war noch nicht ausgebucht – aber die Einzelzimmer. Ich fand mich mit einem Bett im Mehrbettzimmer ab – und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass sich das „Rudelschlafen“ positiv auf meine Meditationspraxis auswirkt.

Auf einmal konnte ich mich nicht mehr zurückziehen und das Sesshin für ein paar Stunden „aussperren“. Im Mehrbettzimmer gibt es keine Auszeit von der Praxis!

Ich war auf einmal Tag und Nacht in mitten der Sangha und ununterbrochen den subtilen energetischen und sozialen Prozessen ausgeliefert, die sich während eines mehrtägigen Retreats entfalten.

Auch in der Stille.

Denn am Hof herrscht Schweigen. Immer und überall. Damit man das nicht vergisst, wird man, wo man steht und geht, mit dem oben abgebildeten Symbol daran erinnert. Es klebt buchstäblich überall – und auch an der Tür des Mehrbettzimmers.

Während meiner ersten Retreats war das Schweigen eine Herausforderung. Nicht mehr spontan bei den Mahlzeiten den Tischnachbarn um Butter oder die Käseplatte bitten können. Keine Entschuldigung mehr aussprechen, wenn ich versehentlich jemanden in der engen Umkleide auf die Zehen getreten war. Nicht mehr „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ wünschen.

Und das für solide fünf, sechs oder sieben Tage!

Nachdem Verwirrung und Stress nachließen, wurde ich – wie die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen – mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt.

Für mich war die entscheidende Erfahrung, wie sehr ich meine Umgebung durch freundliche Kommunikation zu kontrollieren versuche. Das wurde mir aber erst zugänglich, als ich es nicht mehr durfte: die Angst, die mich plötzlich in sozialen Situationen anfiel, die ich nicht mehr durch Sprechen steuern konnte, war heftig.

Es kostete mich anfangs erhebliche Anstrengungen, das Schweigegebot durchzuhalten. Aber die Stille am Hof ist so überwältigend, die Strenge, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, so greifbar, dass ich zähneknirschend den Mund hielt – und die Angst und die heftigen Unlustgefühle, die sie begleiteten, ausstand.

Erste Erkenntnis: die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht „Entschuldigung“ sage. Oder jemandem „Guten Morgen“ wünsche. Oder mit dem Zeigefinger auf die Butter deute und mich lediglich mit einem Kopfnicken beim Tischnachbarn bedanke.

Zweite Erkenntnis: es ist angenehm, nicht dauernd die Bedürfnisse anderer bei jeder Alltagshandlung mit einplanen zu müssen. Ich sorge für mich, halte mich an die Regeln – alle anderen tun das gleiche.

Im Schweigen eine Woche mit acht Frauen im Schlafsaal zu verbringen, ist deshalb gut auszuhalten.

Mehr noch: Es ist erholsam!

Der Hof

Ich mache mich auf die Reise in das Spirituellen Zentrum meiner Zen-Linie, um zum jährlichen Zen-Sommer-Training anzutreten…

Der Linienbus schleicht von Haltestelle zu Haltestelle durch die Unterfränkische Provinz. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt – wie immer, wenn am Hof neue Kurse beginnen.

In einem kleinen Dorf, dreißig Kilometer hinter Würzburg, spuckt er fast alle Fahrgäste auf einmal aus. Mit Rollkoffern, Rucksäcken und Taschen beladen, wandert die kleine Karavane von der Bushaltestelle zum Empfang des spirituellen Zentrums.

Sie nimmt den Weg über den großen Parkplatz. Die Mehrheit der Gäste kommt mit dem Auto. Und zwar aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wie die Kfz-Kennzeichen verraten.

Nach dem Parkplatz geht es an der roten Backsteinkirche vorbei durch einen Durchgang. Dann steht man im riesigen Innenhof. Der wird auf allen vier Seiten von Gebäuden umrahmt.

Ich praktiziere Zen in einem der größten spirituellen Zentren Europas.

Über viele hundert Jahre war der Hof ein Benediktinerkloster. Die Säkularisierung machte dem Klosterleben ein Ende. Nach einer wechselvollen Geschichte – und Jahren des Leerstandes – erwachte er zu neuem spirituellen Leben.

Was wohl die Benediktinermönche, die hier einst beteten und arbeiteten, über diese Spiritualität denken würden?

Immerhin war es einer ihrer Brüder, der den Hof aus seinem Zauberschlaf erweckte: der Benediktinermönch Willigis Jäger.

Die katholische Kirche war ihm nicht dankbar dafür – um es Milde auszudrücken. Der Leiter der Glaubenskongregation in Rom – Kardinal Ratzinger (der später ironischerweise den Papstnamen „Benedikt“ wählen sollte) – überzog Willigis mit Lehr- und Publikationsverboten.

Das war die Vorgeschichte: damals war Willigis noch in Würzburg aktiv. In seiner Dreifachfunktion als Ordenspriester, Lehrer (Latein) und Zen-Meister gab er in einem ehemaligen Priesterseminar seines Ordens Meditationskurse, schrieb Bücher und zelebrierte Gottesdienste. Seine Messfeiern, Predigten und Veröffentlichungen entsprachen nur bedingt der reinen Lehre der katholischen Kirche.

Das kam in den Leitungsgremien der katholischen Kirche nicht gut an. Aber viele andere waren ihm sehr dankbar dafür. Zumal Willigis damals – Mitte der 80er Jahre – einer von ganz wenigen Deutschen war, die in Japan zu Zen-Meistern wurden und diese Kunst in ihre Heimat zurückbrachten.

Zuvor waren es nur japanische Meister gewesen, die immer wieder für ein paar Wochen nach Deutschland reisten und hier Sesshins anboten. Sie sprachen weder Deutsch noch Englisch und waren deshalb immer auf Dolmetscher angewiesen. Es muss für beide Seiten eine mühsame Angelegenheit gewesen sein.

Deshalb wurde Willigis überrannt von Praktizierenden. Jeder Raum, in dem er Kurse abhielt, jedes Haus, in dem Sesshins unter seiner Leitung stattfanden, war bald zu klein. Erst waren es fünfzig Schüler, dann hundert, irgendwann zweihundert.

Umgekehrt proportional zur Popularität Willigis bei den Praktizierenden entwickelte sich seine Reputation in Rom. Er und eine Reihe anderer Ordensschwestern und -Brüder, die sich der Mystik verschrieben hatten und in Japan zu Zen-Lehrern geworden waren, galten dort als Bedrohung für die Lehre der katholischen Kirche.

Als das – lange erwartete – Lehr- und Publikationsverbot von der Glaubenskongregation verhängt wurde, gab es deshalb schon einen Plan: Willigis ließ sich von seiner Ordensgemeinschaft „beurlauben“ und seine Truppe kaufte ein Retreathaus im Schwarzwald. Nur – wie immer – war es bald zu klein.

Eine große Lösung musste her.

Eine von Willigis Schülerinnen hatte als Unternehmerin ein Vermögen erwirtschaftet. Sie gründete eine Stiftung, die das halb verfallene Kloster im Mainfränkischen kaufte.

Willigis war damals Mitte 70. Die Leute schüttelten die Köpfe und fragten: „Was will der Alte mit der Ruine?“

Wie sich herausstelle: Viel. Oder besser: Alles. Bescheidenheit gehörte nur bedingt zu Willigis hervorstechenden Charaktereigenschaften.

Dafür konnte Willigis gut führen und hatte ein Gespür dafür, auf welche seiner Schüler er setzen musste, damit der Hof gedieh.

Und das tut er noch immer. Auch, nachdem Willigis in hohem Alter die Leitung abgab, und nachdem er 2020 starb.

Dabei ist der Hof nicht jedermanns Geschmack. Viele „Altschüler“ aus der Würzburger Zeit waren nicht begeistert darüber, als es auf einmal so anonym zuging. Und auch darüber, dass nicht mehr nur Zen und die christliche Meditationsvariante „Kontemplation“ angeboten wird, waren nicht alle glücklich.

Aber ein Haus mit 200 Betten, zwei Speisesälen und einer ganzen Sammlung Seminarräumen muss bespielt werden.

Deshalb gleicht das Jahresprogramm des Hofes einem spirituellen Gemischtwarenladen: man kann Bogenschießen und japanischen Schwertkampf lernen, achtsam töpfern und vergolden, Reki, hypotrophes Atmen und Chanten üben, Paartherapie- und Familienaufstellungswochenenden buchen.

Die zwei bis drei Zen-Einführungskurse im Monat sind gut besucht. Genau wie die Sesshins, die mehrmals im Monat stattfinden. Aber die Zen-Leute müssen damit leben, dass sie nicht unter sich sind. Dass sie sich den Hof mit Menschen teilen müssen, von denen sich viele mit dem Schweigen schwer tun und denen es an Achtsamkeit und Präsenz mangelt.

Im Ergebnis ist der Hof mit seinem stilvollen Zen-Garten, seinen gepflegten Außenanlagen, seinen geschmackvollen Gebäuden und dem wohlsortierten Buch- und Hofladen Spiegelbild und Sammelbecken der deutschen Achtsamkeits-Kultur. Die teilweise schrille Blüten treibt.

Ich betrachte es als Übung in Akzeptanz – und Humor. Auch über mich selbst.

Umgekehrt muss für viele Entschleunigungsadepten der Anblick all der konzentriert im Schweigen vor sich hin wandelnden Zen- und Kontemplations-Schüler befremdlich sein.

Ich finde, es hat alles seine Vor- und Nachteile: das Retreathaus am Ende der Welt ist klein und persönlich. Ich bin mit meinen Dharma-Schwestern und -Brüdern befreundet. Wir treffen uns regelmäßig, um gemeinsam mit unserer Lehrerin zu meditieren. Zugehörigkeit und Beständigkeit sind wichtige Qualitäten – im Leben, wie in der Spiritualität. Allerdings geht es unvermeidlich mit den Schattenseiten sozialer Beziehungen einher: persönliche Spannungen, Divergenzen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft…

Eine Sangha ist nichts anderes als eine spirituelle Familie. Mit allen Konsequenzen.

Die Anonymität des Hofs – und das Schweigen während der Kurse – verhindert, dass persönliche Beziehungen entstehen können. Und sorgt dafür, dass soziale Spannungen und Richtungsstreitigkeiten für Durchschnittspraktizierende wie mich ohne Bedeutung sind.

Ich komme Jahr für Jahr, praktiziere Zazen (Sitzmeditation), Kinhin (Gehmeditation), verrichte die tägliche Arbeitsstunde, zu der jeder Gast verpflichtet ist und erfreue mich am leckeren Essen und den schönen Gärten.

Normalerweise spreche ich während meines Aufenthaltes nur mit einem Menschen: dem Zen-Lehrer im Dokusan.

Und am Ende bedanke ich mich beim Assistenten. Mit zwei Sätzen. Das war es.

Karma

Ich reflektiere über Karma, Riwo Sangchö, die Konsequenzen des Vajra Armor Mantras und andere Seltsamkeiten…

An jedem Freitagabend können alle, die Lust und Zeit haben, im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain mit Suriyel „Chenrezig“ praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-chenrezig-eins/

Am Sonntagvormittag bietet er dazu noch seit Jahren „Grüne Tara“ an. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Vor sieben Monaten hat er sein Programm um Riwo Sangchö erweitert. Seit Januar bringt er jeden Sonntag nach der „Grünen Tara“ noch das traditionelle tibetische Rauchopfer dar. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

„Warum ausgerechnet Riwo Sangchö?“, frage ich ihn.

Es wäre eine spontane Idee gewesen. Oder, besser, ein Gefühl. Das Gefühl, dass Riwo Sangchö im Zentrum fehlen würde.

Also besorgte er sich den Text, bestellte die Musikinstrumente im Internet und versuchte sich im Ritual. Anfangs lief es eher holprig, erzählt er mir. Er konnte die Melodien nicht richtig, der Einsatz von Zimbeln und Trommel ging des Öfteren daneben. Aber inzwischen klappe es gut.

Was ich nur bestätigen kann.

Von einem seiner ersten Riwo Sangchö gibt es ein Video. In der Winterkälte steht eine Gruppe Menschen im Innenhof des Buddhistischen Zentrums. Suriyel führt durch das Ritual und nährt, als das Speiseopfer ansteht, die Flammen in der großen Feuerschale mit den Resten eines Christbaums.

Suriyel schickte das Video Uriel. Der schickte es mir. Als ich es sah, wusste ich, wer Maria in den tibetischen Buddhismus einführen – und mir darin Nachhilfe geben – sollte: Suriyel! https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-zwei/

Es war keine rationale Entscheidung, sondern – um mit Suriyel zu sprechen – ein Gefühl. Uriel hätte die Einführung ebenfalls hinbekommen. Und auch ein paar andere Dharma-Schwestern und -Brüder aus der Sangha hätten es gekonnt. Ich meditiere mit Profis.

Aber nein!

Genauso wie Suriyel auf einmal das Gefühl überkam, sein Buddhistisches Zentrum brauche Riwo Sangchö, sagte mir mein Gefühl, Maria – und ich – brauchen Suriyels Praxis.

Suriyels, zeitlich überschaubare, Praxiseinheiten während Marias Einführungswochenendes im Retreathaus am Ende der Welt lösten unerwartet heftige emotionale und visuelle Reaktionen aus. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-euphorie/

Von den Träumen aller Beteiligten ganz zu schweigen. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Sechs Wochen nach unserem meditativen LSD-Trip im Retreathaus am Ende der Welt breche ich zu einer Treckingtour auf. Tagelang in Einsamkeit durch die Natur laufen, dazu die stillen Nächte im Zelt – ich brauche das mehrmals im Jahr, damit es mir gut geht.

In Polen war ich noch nie beim Wandern. Dabei ist das Land nach meinem Umzug nach Leipzig auf einmal so nah – und billig ist es dort auch noch. Der einzige Pole im Freundeskreis – Suriyel – empfiehlt mir den Nationalpark von Bialowieza. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Die Wandertour wird zur Grenzerfahrung. Meine Träume im Urwald sind von extremer Intensität, immer wieder halluziniere ich regelrecht. Am letzten Tag meines Aufenthaltes an der Grenze zu Belarus bin ich in einem Zustand, der sich nur sehr eingeschränkt als „zurechnungsfähig“ beschreiben lässt.

In diesem Modus leiste ich am Schauplatz einer Massenhinrichtung ein Versprechen. https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Ich gelobe all den formlosen Wesen, die dort im Bardo gefangen sind, und den örtlichen Naturgeistern, die wegen der Gräueltaten mit der energetischen Blockade ihres Zuhauses klar kommen müssen, dass ich wiederkommen werde.

Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen. Denn das ist das Ritual, in dem durch Magie Weisheitsnektar erschaffen wird. Er gibt allen Wesen genau das, was sie brauchen, um Befreiung zu erlangen.Dafür muss ich das Ritual lernen. https://www.water-runs-east.eu/fazit/

Womit sich der Kreis schließt.

Suriyel und ich wissen beide, dass wir – warum auch immer – durch Karma aneinander gebunden sind. Und dass wir deshalb miteinander auskommen müssen.

Das ist aber auch der einzige Punkt, an dem wir uns einig sind.

Ansonsten sind wir komplett verschieden:

Er leidet unter meinem überbordenden Mitteilungsbedürfnis. Mich treibt seine Schweigsamkeit in den Wahnsinn.

Er empfindet meine Offenheit als übergriffig. Mich überfordert seine Verschlossenheit.

Ihn stört mein Perfektionismus. Mich irritiert sein Chaos.

Ihn nervt meine Dominanz. Mich seine Sturheit.

And so on…

Irgendwann schreibe ich ihm völlig entnervt: „Wir beide sind ein karmischer Frontalunfall! Einer von uns ist falsch rum in die intergalaktische Einbahnstraße eingebogen – und es ist nicht gesagt, dass ICH das war!“

Worauf zurückkommt: „Es gibt kein ‚Ich‘.“

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben – oder, aus der Perspektive Suriyels, nachdem ICH mich wieder beruhigt habe – texte ich ihm: „Wann bist Du auf die Idee gekommen, Riwo Sangchö anzubieten? Vor oder nach unserem Vajra-Armor-Retreat im Januar?“

„Nach dem Retreat.“

„Karma, Baby…“ schreibe ich zurück.

Ich bin mir im Grunde sicher, dass wir unsere seltsame karmische Beziehung unserem Vajra-Armor-Mantra verdanken.

Wie Suriyel das sieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Der schweigt dazu und behält seine Gedanken für sich. Wie üblich…

Zauberei

Im Buddhistischen Zentrum opfert Suriyel – unter strenger Beobachtung – mit zu viel Rauch Weisheitsnektar. Ich bin so irritiert, dass meine Visualisierung misslingt – und meditiere stattdessen über die Natur von Tantra…

Nachdem wir mit der Grünen-Tara fertig sind, schleppt Suriyel aus den Tiefen des Buddhistischen Zentrums wieder die große Plastiktüte mit dem Equipement für das traditionelle tibetische Rauchopfer herbei.

Zu meinem Erstaunen stellt er die große Feuerschale auf die kleine Holzterrasse auf der linken Seite des Schreinraums.

Beim letzten Mal fand das Riwo Sangchö auf der Terrasse statt, die rechts der riesigen Buddhastatue zu einem kleinen Innenhof führt. Heute ist die Terrassentür mit rot-weißem Band umwickelt, auf den Holzblanken – sehe ich durch die Glasscheibe – stehen graue Müllsäcke.

Als ich das binäre Wesen frage, warum der schöne Innenhof gesperrt wäre, bekomme ich erst erklärt, die Holzplanken wären morsch. Auf meinen verblüfften Blick hin – wir standen schließlich erst vor zwei Wochen zu viert darauf – schiebt es nach, es hätte nach unserem Riwo Sangchö vom vorletzten Sonntag im Zentrum Beschwerden wegen des Rauchs gegeben.

Nach einer halben Stunde ist alles für das Rauchopfer bereit – und wir sitzen herum und plaudern, weil wir noch auf jemanden aus dem Leitungsgremium des Zentrum warten.

Schließlich taucht eine sympathische Frau auf. Als einzige. Ansonsten sind es nur das binäre Wesen und ich, die beim Riwo Sangchö mitmachen. Ich frage die Zentrums-Frau, warum denn nicht mehr an dem Ritual teilnehmen?

„Naja,“ antwortet sie, „Suriyel bietet es jede Woche an. Die Leute werden müde.“

Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden einzelnen Morgen mit einem Riwo Sangchö. Zugegeben einer Kurzversion von etwa 25 Minuten, aber trotzdem!

Uriel erklärte mir im März, dass das traditionelle Rauchopfer nicht nur ein schönes Zeremoniell wäre, sondern auch noch höchst effektiv, um formlose Wesen aus dem Bardo zu befreien und karmische Verstrickungen aufzulösen.

Mit nichts lasse sich unkomplizierter gutes Karma anhäufen, als mit Riwo Sangchö, so Uriel.

Und dann werden sie in einem Buddhistischen Zentrum „müde“, weil die Praxis einmal in der Woche angeboten wird?

Und stören sich am Rauch eines Rauchopfers?

Denn die nette Zentrumsoffizielle, so zumindest mein Eindruck, nimmt nicht am Riwo Sangchö teil, um positives Karma zu generieren, sondern um dafür zu sorgen, dass Suriyel möglichst rauchlos opfert.

Was bei einem „Rauchopfer“ ein Widerspruch in sich ist…

Sollte Suriyel den Anspruch als Zumutung empfinden, lässt er es sich nicht anmerken. Allzu kompromissbereit ist er aber auch nicht: er reduziert lediglich die Anzahl der Thujazweige. Statt der üblichen sieben wandern nur zwei auf die glühenden Kohlen. Das reduziert die Dauer der Rauchentwicklung, nicht aber die Intensität: denn was richtig qualmt, ist weniger das Brennmaterial, als die Speisen.

Als Suriyel – beim Opferritual angekommen – nacheinander Honig, Melasse, Zucker, Butter, Joghurt, Milch und zwei Becher mit Kräutern ins Feuer kippt, dazu noch einen Krug Wasser hinterher, steigt eine dicke weiße Rauchwolke hoch. Genau wie es sein soll…

Ich bin so irritiert von den unvermuteten Spannungen um mich, dass ich nicht in die Visualisierung komme. Und das, wo ich schon die halbe Grüne-Tara wegen der Deutschen Bahn verpasst habe. Jetzt läuft auch noch das Riwo Sangchö nicht rund. Wie ärgerlich!

Damit der Karma-Effekt von Riwo Sangchö wirklich funktioniert, muss nicht nur rezitiert, gesungen und geopfert werden – was Suriyel in Perfektion beherrscht – sondern auch noch visualisiert.

Und das bedeutet in Riwo Sangchö – wie bei allen Tantra-Praktiken – nicht, einfach noch nebenher ein nettes Filmchen im Kopf abzuspielen, sondern durch einen bewussten Akt der energetischen Transformation zu einem Bodhisattva zu werden: einem erleuchteten Heiligen, der freiwillig Wiedergeburt auf Wiedergeburt annimmt, um alle leidenden Wesen befreien zu können.

Im Zustand dieser bewusst gehaltenen visuellen Selbsttransformation werden die Speisen geopfert: aber das, was da ins Feuer wandert, sind nicht einfach nur Lebensmittel. Damit sie die formlosen Wesen im Bardo, alle Naturgeister, Buddhas und Bodhisattvas nähren können, müssen sie energetisch in „Weisheitsnektar“ verwandelt werden, einer magischen Substanz, die jedem der vielen verschiedenen Gäste genau das gibt, woran es mangelt.

Diese Verwandlung der Speiseofper erfolgt durch Zauberkraft – und Zaubersprüche: Dem Mantra „Om ah hum“ und dem Mantra „Nama sarva tatagaté…“ das, um seine volle magische Wirkung zu entfalten, von einer festgelegten Abfolge von Mudras – rituellen Handbewegungen – begleitet wird.

Wenn man Riwo Sangchö – und alle anderen Tantra-Praktiken – als das praktizieren möchte, was sie ihrem Ursprung nach sind – Magie – muss man für sich akzeptieren, zum Zauberer oder zur Zauberin zu werden.

Und man muss akzeptieren, dass das, was man da rituell einlädt, wirklich existiert. All diese formlosen Wesen im Bardo, die Naturgeister, Buddhas, Bodhisattvas sind mitten unter uns. Nur sind wir so sehr in unserem limitierten Alltagsgeist gefangen, dass wir sie nicht wahrnehmen können.

Was an unseren Verstrickungen mit ihnen – und dem daraus für alle Beteiligten resultierenden Leid – nichts ändert.

Deshalb suchen Menschen seit den Ursprüngen unseres Geschlechts diese Barrieren unseres beschränkten Denkens und Wahrnehmens zu überwinden. Schamanen gab es zu allen Zeiten – und es wird sie bis ans Ende der Menschheit geben. Denn das, was sie tun, ist die elementarste aller menschlichen Tätigkeiten: sie bringen Lebensenergie ins Gleichgewicht.

Dass das ein anspruchsvoller Job ist, versteht sich von selbst.

Und dass es dabei manchmal etwas unruhiger zugeht, auch. Manchmal raucht es sogar – und nicht nur ein bisschen…

Trotz aller Widrigkeiten – und der fehlenden Visualisierung – sind wir irgendwann im Flow, alles um uns glüht vor Energie.

Ob Gäste kommen oder nicht, entzieht sich leider meiner Kenntnis, denn – wie gesagt – ich „sehe“ nichts.

Hinterher finde ich: wir haben das Beste draus gemacht.

Und die Zentrumsfrau lobt Suriyel, weil er diesmal statt der üblichen 90 Minuten bereits nach sozialverträglichen 45 Minuten mit seinem Riwo Sangchö fertig ist.

Als ich um fünf Uhr Abends wieder im Zug nach Leipzig sitze – der abermals Verspätung hat, wenn auch diesmal nur eine halbe Stunde – texte ich Suriyel: „Das war der Tag des Widerstandes.“

„…oder der Möglichkeiten“, kommt es zurück.

Oder so…

Höheres Tantra

Im Buddhistischen Zentrum finde ich mich – obwohl verspätet – überraschend befriedet ein. Während Suriyel seine Grüne Tara praktiziert, reflektiere ich über das Prinzip neurotischen Leidens und die Herausforderungen der Tantrapraxis für alle Beteiligten…

Als ich am Sonntag aus dem U-Bahnschacht in Berlin-Mitte haste, ist es schon nach 12 Uhr Mittags. Ich bin mehr als eine Stunde zu spät dran für die Praxis im Buddhistischen Zentrum – vielen Dank an die Deutsche Bahn!

Schon seit dem Aufwachen bin ich im Widerstands-Modus. Die zäh dahinfließenden Minuten im still stehenden Zug mit Blick auf die Pampa Brandenburgs ließen mich innerlich vor Wut kochen. Ich musste die Konzentration meiner kompletten Zen-Praxis aufbringen, um nicht einen armen unschuldigen Mitreisenden ohne Anlass anzugiften.

„So wird das nie was!“, denke ich verzweifelt. Wie soll ich eine anspruchsvolle tibetisch-buddhistische Praxis wie die „Grüne Tara“ lernen, wenn ich nur höchstens zwei Mal im Monat teilnehme und dann auch noch regelmäßig zu spät komme?

Ich sehe mich die nächsten Jahre meines Lebens – hilflos der Deutschen Bahn ausgeliefert – zwischen Leipzig und Berlin hin und her pendeln, ohne irgendwelche Fortschritte in meiner Meditationspraxis vorweisen zu können. Ein moderner weiblicher Sisyphos, verurteilt zu ewiger sinnloser Anstrengung.

Zu meiner Verblüffung verfliegen Wut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in dem Moment, in dem ich neben Suriyel im großen Schreinraum auf das Meditationskissen sinke.

Er und das binäre Wesen sind die einzigen, die gerade die Grüne Tara praktizieren. Sie sind schon in der zweiten Hälfte der Praxis angelangt.

Ich sitze still da, höre zu, nehme verblüfft meine plötzliche innere Friedfertigkeit zur Kenntnis – und siniere dabei über das Prinzip buddhistischer Praxis.

Buddha lehrte, dass alles Leiden auf drei Wurzelgifte zurückzuführen ist: Gier, Hass und Ignoranz. Wenn uns diese Emotionen dominieren, leiden wir. Das Leben fühlt sich falsch und ungerecht an. Wir erleben uns als Opfer böser äußerer Mächte, die uns etwas antun und damit verhindern, dass wir glücklich sind.

Dabei entscheiden wir in jedem Moment selbst darüber, ob wir leiden oder nicht. Solange ich einverstanden bin mit dem was ist, gibt es kein Leid – auch wenn das sehr provokativ klingt, angesichts all des Unrechts und der Gewalt in dieser Welt.

Die Wurzel dieses Problems liegt, so nehme ich an, nicht in der buddhistischen Philosophie begründet, sondern in deren Übersetzung.

Dass wir glauben, „Akzeptanz“ wäre gleichbedeutend mit „etwas gut finden“, hat vermutlich etwas mit unserer sprachlichen – und kulturellen – Konnotation zu tun.

Der Buddhismus und seine Philosphie stammen aus einem anderen Kulturkreis. Die Übersetzung von Begriffen und Konzepten ist deshalb immer eine Herausforderung. Im Buddhismus ist die Haltung der Akzeptanz nicht gleichbedeutend damit, moralisch einverstanden zu sein.

Es beschreibt einfach nur eine radikale Haltung der Annahme von Realität: die Dinge sind in diesem Moment genau so, wie sie sind. Punkt!

Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie genial diese Haltung ist. Wie befreiend es ist, sich nicht mehr als Opfer der Umstände fühlen zu müssen.

Dass ich dem Prinzip nach verstanden habe, worum es in meiner Praxis geht (oder das zumindest glaube), bedeutet nicht, dass ich in der Lage bin, diese Haltung der Akzeptanz von Realität konsquent einzunehmen. Im Gegenteil – wie der Text oben und die vorhergehenden Blogeinträge beweisen.

Mit dem Ergebnis, dass ich leide. Nicht an tibetisch-buddhistischer Praxis, einem unperfekten buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte oder der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn – sondern an meinen Neurosen!

Wir alle tragen in vielen Schichten, bis hinunter in unser Unbewusstes, fixe Ideen mit uns herum, wie unser Leben und unsere Umwelt zu sein haben, damit wir glücklich sein können. Das ist einfach das Prinzip unserer Conditio Humana. Evolutionsbiologisch scheint diese Form der inneren Selbstorganisation mit Vorteilen für das Überleben unserer Spezies einherzugehen.

Dummerweise dient die Evolutionsbiologie der effektiven Weitergabe von Genen – Lebensglück ist kein Thema für sie.

Deshalb sind wir „Überlebensmaschinen“ und gleichzeitig prädestiniert für seelisches Leid.

Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Konzepte vom „guten Leben“ umzusetzen in der Hoffnung, „glücklich“ zu sein und ahnen nicht, dass wir einfach nur neurobiologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die uns und unseren Nachkommen das Überleben sichern.

Es gibt natürlich eine Schnittstelle zwischen „Glück“ und evolutionären Überlebensmustern: Solange alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, kommen wir weder mit Leid noch mit unseren beschränkten Konzepten in Berührung.

Das fühlt sich gut an, läuft aber – so Buddha – unter „Ignoranz“.

In dem Moment, in dem die Realität den inneren Ansprüchen entgegenläuft, ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Wir reagieren mit Widerstand, Kränkung, Verzweiflung, Kontrollstreben, Wut etc. = wir „leiden“.

Und suchen verzweifelt nach dem Notausgang: „Das fühlt sich gerade alles so völlig falsch und schrecklich an – ich will hier raus!!!“

Und dabei ist genau diese Erfahrung so unendlich wertvoll! Sie ist der Schlüssel, um Ignoranz hinter sich lassen zu können, und wirklich im Hier und Jetzt anzukommen. Nur diese extremen Frustrationserfahrungen, das Leiden an den Begrenzungen und Ungerechtigkeiten des Lebens, befreit.

Denn das, was sich oberflächlich so gut anfühlt – zu bekommen was man will, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, abgeschirmt zu sein von den Zumutungen der Existenz – erweist sich langfristig als „Goldener Käfig“.

Der Kokon unserer Konzepte wird, je länger wir darin vergraben sind, zu einem Gefängnis, dass uns von der Realität – und damit vom Leben – trennt.

Im Ergebnis fühlt sich unsere Existenz fade an. Wir haben das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilhaben zu können. Wir sind zu Zaungästen von Freude, Lust und Spontanität geworden, zu Konsumenten der aufregenden Leben anderer.

Der Preis für Sicherheit und Berechenbarkeit ist Depression.

Diesen Zustand beendet kein Zaubertrick. Wieder ins Leben zurückzufinden, ist harte Arbeit.

Denn der einzige Weg, Zugang zur eigenen Vitalität – und damit zur Vitalität aller Existenz zu finden – führt durch den Prozess der Annahme dessen, was ist.

Mehr noch: der Annahme dessen, was ich bin: der eigenen Limitierungen, der eigenen Ängste – und der eigenen Schwächen.

Und dabei geht es nicht nur um die „allzu menschlichen“ Aspekte der eigenen Persönlichkeit, sondern auch um tief sitzende charakterliche Mängel.

Hinter all diesen „Schatten“ der eigenen Persönlichkeit, die man sich selbst in den dunkelsten Stunden nur kurz und verschämt ansehen möchte, steht letztendlich immer eine Urangst: die Angst vor der eigenen Vernichtung.

Und genau dort setzen die anspruchsvollsten Techniken buddhistischer Meditation an.

Im Gegensatz zu den basalen Praktiken – wie das Singen oder Rezitieren von Mantras, die den Geist beruhigen und friedlich stimmen – haben Praktiken des Höheren Tantra einen disruptiven Effekt: sie „zerlegen“ das Ego.

Gnadenlos.

Dass ich, in dem Moment an dem ich beschloss, Riwo Sangchö und auch noch Grüne-Tara lernen zu müssen, mit den allerunschönsten Seiten meiner Persönlichkeit konfrontiert wurde, gehört zum „Trainingsprogramm“.

Wäre es anders, würde etwas falsch laufen.

Normalerweise dauert diese erste exzessive Phase des hilflosen Um-sich-Schlagens nicht allzu lange. Ich bin „durch“, erkenne ich, während ich still Suriyel lausche, der gerade das Abschlussgebet der Grünen-Tara anstimmt.

Was danach kommt, ist auch nicht vergnüglicher – im Gegenteil – aber immerhin habe ich schon mal den ersten Bewährungstest bestanden.

Ich habe nicht aufgegeben, sondern bin immer noch dabei!

Trotz schlafloser Nächte, unendlicher autoaggressiver Gedankenkreisel, äußeren Widerständen – und einem handfesten Krach mit Suriyel. Auch der hat den Bewährungstest bestanden und nicht aufgegeben. Obwohl mein hysterisches Ego mit allerlei schmutzigen Tricks versucht hat, ihn dazu zu bewegen, mich vor die Tür zu setzen.

Wir wissen eben beide, wie das Spiel läuft: nicht nur die, die die Praxis lernen, müssen zäh sein. Auch die, die sie vermitteln, haben einiges aushalten.

So sind die Regeln für alle, die zum Höheren Tantra berufen sind. Es ist ein unendlicher Leidens- und Lernprozess – für alle Beteiligten…

Wächter

Bei meinem zweiten Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum versuche ich mich in der Grünen-Tara-Praxis, bin ein weiteres Mal irritiert darüber, dass ich keine Gästen während Riwo Sangchö „sehe“ und muss akzeptieren, dass mich wieder einmal mein „Innerer Wächter“ davon abhalten will, Fortschritte in meiner Meditationspraxis zu machen…

Am nächsten Sonntagmorgen nehme ich wieder den ICE nach Berlin. Meine zweite Reise in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum fühlt sich schon fast wie Routine an.

Im Pavillon im großen Innenhof, in dem letzten Sonntag die Praxis stattfand, heftet gerade eine Gruppe von Frauen handgeschriebene Zettel an ein Whiteboard. Irgendeine Weiterbildung, vermute ich.

Wo findet diesmal die Praxis statt?

Ich wandere suchend umher. Im Flur des Haupthauses treffe ich auf das binäre Wesen von letztem Sonntag. Es trägt wieder Batik und weist mir den Weg in den zentralen Schreinraum des Zentrums.

Der ist groß und schön, sehe ich beim Eintreten – und noch ein halber Rohbau. An der Stirnseite steht ein prächtiger tibetisch-buddhistischer Altar vor einer weiß gestrichenen Wand, aber die anderen Seitenwände sind unverputzt, der Dachstuhl ist noch nicht verschallt.

Suriyel hat schon alles vorbereitet. Außer ihm ist nur noch eine einzelne Frau im Raum. Dann kommt auch noch das binäre Wesen dazu und nimmt neben der großen Trommel Platz.

Ich setze mich ebenfalls hinter ein Schreintischchen, auf dem bereits der Rezitationstext der Grünen-Tara-Praxis liegt. Heute, habe ich während der Herfahrt beschlossen, praktiziere ich das erste Mal mit. Nur immer passiv zuzuhören, während Suriyel die Arbeit macht, ist unangemessen.

Hier im Zentrum bin ich mit den traditionellen schmalen Textstreifen konfrontiert, die ich normalerweise nur von tibetischen Lamas kenne. Sie haben mich schon bei meinem ersten Aufenthalt letzten Sonntag während des Riwo Sangchö ins Schleudern gebracht.

Suriyel musste mir zeigen, wie man umblättert – sie werden, wenn die Vorderseite rezitiert ist, nach oben geklappt, dann kann die Rückseite gelesen werden. Trotzdem verlor ich nach kurzer Zeit den Überblick und brachte die Blätter durcheinander.

Diesmal ergeht es mir nicht besser: Rezitiert wird der tibetische Text, der in Lautschrift in lateinischen Buchstaben unter den tibetischen Schriftzeichen steht. Darunter befindet sich eine englische Übersetzung. Die muss ich mir in Ruhe zuhause durchlesen, in dem Tempo, das Suriyel vorlegt, schaffe ich es nur mit größter Mühe, wenigstens ansatzweise dem tibetischen Text zu folgen.

Ich haste mit den Augen von Zeile zu Zeile, meine Zunge stolpert über komplizierte Silben. Wieder einmal merke ich, was für ein ausgezeichnetes Konzentrationstraining die Rezitation tibetisch-buddhistischer Texte ist: sobald mein Geist auch nur eine Sekunde abschweift, verliere ich die Zeile oder zerschelle an einzelnen Silben.

Dazu wird der Text nicht einfach Zeile für Zeile durchgearbeitet. Einzelne Passagen werden mehrmals widerholt. Dann muss mehrere Seiten zurückgeblättert werden – immer so, dass der Text nicht versehentlich verkehrt herum gedreht wird – und wenn ich den Anfang der Passage gefunden habe, ist Suriyel schon wieder zwei Seiten weiter und ich finde die richtige Zeile nicht, weil er alles in rasender Geschwindigkeit auf Tibetisch rezitiert und singt.

Zwischendurch wird auch noch der Text gewechselt – ich blättere und sortiere, suche nach den richtigen Zeilen, falle über komplizierte Silben und bin, als wir nach zwei Stunden am Ende angekommen sind, völlig erschöpft.

Und dabei ist die Rezitation und das Singen des Textes nur ein Aspekt der Praxis. Dazu kommt Meditation: in der Grünen-Tara-Praxis gibt es einen Abschnitt, in dem in offenem Gewahrsein meditiert wird, dazu noch eine ausführliche Meditationspraxis mit dem spezifischen Mantra der Grünen Tara.

Und oben drauf muss zu all dem Rezitieren, Singen und Meditieren auch noch visualisiert werden. Das „Drehbuch“ für den Film, inklusive der Emotionen, die begleitend aufgerufen werden müssen, findet sich im Text. Für Westler gibt es eine englische Übersetzung, in der alles Schritt für Schritt erklärt wird. Man muss sie nicht nur auswendig lernen, sondern auch noch im Kopf haben, an welcher Stelle der Zeremonie welche Bilder und Emotionen abgerufen werden müssen.

Tantra ist eine anspruchsvolle und vorraussetzungsreiche Angelegenheit. Vor allem für uns im Westen, denke ich mir, während ich die Textstreifen wieder in die richtige Reihenfolge bringe und dem binären Wesen überreiche. Tibeter haben es leichter: sie verstehen zumindest, was sie tun.

Als ich das in der Pause zwischen Grüner-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu Suriyel sage, widerspricht er mir: für tibetische Muttersprachler wären die sakralen Rezitationstexte völlig unverständlich. Die dort verwendete Sprache hätte mit dem üblichen Alltagstibetisch so gut wie nichts gemein. Und Übersetzungen in modernes Tibetisch wären nicht üblich. Wir Westler wären tibetischen Praktizierenden gegenüber im Vorteil, weil wir über die englischen Übersetzungen verfügen, die uns detailiert erklären, was korrekterweise zu tun sei.

Das tröstet mich etwas. Daran, dass ich noch sehr viel Arbeit, Zeit und Mühe investieren muss, bis ich die Praxis irgendwann beherrschen werde, ändert das leider nichts.

Während Suriyel von irgendwo eine riesige Plastiktüte mit all seinem Equipement für das Riwo Sangchö herbeischleppt, plaudere ich ein bisschen mit dem binären Wesen, das im übrigen ganz bezaubernd ist. Auf den halben Rohbau-Zustand des Schreinraums angesprochen, erklärt es mir, das Buddhistische Zentrum wäre wie der Kölner Dom: wenn an einem Ende endlich etwas fertig wäre, sei am anderen Ende schon wieder was kaputt. Und wirklich, die schöne Holzterrasse zum kleinen verwunschenen Innenhof, auf der Suriyel gerade seine große Feuerschale platziert, ist an einzelnen Stellen schon wieder morsch.

Bevor Suriyel die Kohlen anzündet, ruft er zu meiner Erheiterung wieder bei der Feuerwache um die Ecke an und meldet, dass es unter der genannten Adresse wegen eines Rituals zu erhöhter Rauchentwicklung kommen wird.

Auf einem kleinen Altar, der vor der Terrasse im Schreinraum platziert ist, hat Suriyel acht kleine Näpfe mit Wasser, einer Blume, einer Kerze und Räucherstäbchen aufgereiht. Sie symbolisieren verschiedene Gegenstände, mit denen die Gäste, die wir zum Festmahl erwarten, willkommen geheißen werden.

In der Ablagefläche darunter hat er die Speiseopfer gestellt, die er später während des Zeremoniells verbrennen wird.

Nachdem wir wieder alle vier Platz genommen haben – das binäre Wesen schlägt abermals die Trommel – beginnt das Zeremoniell. Riwo Sangchö ist einfacher als die Grüne-Tara-Praxis: es gibt weniger Text, der Aufbau ist übersichtlicher, die Melodien sind eingängig und werden langsamer gesungen. Außerdem habe ich es schön öfter praktiziert. Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden Tag mit einem Riwo Sangchö, es ist mir deshalb schon ein wenig vertraut.

Ich versuche also, während ich singe und das Mantra rezitiere, auch noch zu visualisieren. Aber wieder ergeht es mir nicht besser als beim Riwo Sangchö am vorherigen Sonntag hier im Zentrum: ich „sehe“ keine Gäste.

Und dabei vibriert alles um uns vor Energie! Wir sind gerade richtig im Flow – genau wie es sich gehört. Dazu produzieren die Thuja-Zweige, die Suriyel auf die glühenden Kohlen gelegt hat, dicke Rauchschwaden und seine Opfergaben sind vom Feinsten.

Während ich, zusammen mit den anderen, wieder und wieder im Singsang das Mantra rezitiere, schaue ich auf den Boden und versuche gleichzeitig, mein „Drittes Auge“ zu justieren. Das kann ja wohl nicht sein, dass da nichts ist? Normalerweise kommen sie immer!

Aber ich „sehe“ keine wie auch immer gearteteten Wesen, Gestalten, Gottheiten, Naturgeister – what´s ever – um die Feuerschale herum auftauchen. Gibt es hier keine oder ist heute einfach nicht mein Tag?

Als wir fertig sind, fühle ich mich seltsam leer und unzufrieden. Dabei war es wieder einmal so ein schönes Ritual: niemand beherrscht es in dieser Perfektion wie Suriyel.

Auf dem Weg zurück nach Leipzig beschließe ich, dass mir gerade mein arrogantes Ego einen Streich spielen will: es mault und tobt Tag und Nacht in meinem Kopf, seit ich beschloss, in Suriyels Buddhistischem Zentrum Riwo Sangchö – und jetzt auch noch Grüne Tara – zu lernen. Es spielt sicher gerade ein böses Spiel mit mir, in der Hoffnung, ich könne die Lust an der Praxis verlieren und einfach nicht mehr hinfahren.

Je größer der Gewinn einer Praxis, desto extremer der Widerstand, lautet die Faustformel. https://www.water-runs-east.eu/sieben-der-waechter/

Schizophrene Beziehungskrise

Die Entscheidung, im Buddhistischen Zentrum in Berlin regelmäßig Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu praktizieren, beschert mir eine heftige „Beziehungskrise“ zwischen meinem kontrollbedürftigen Ego und meiner intuitiven Inneren Stimme….

Der Besuch am Sonntag im Buddhistischen Zentrum hat mir gut getan. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Am Montag bin ich regelrecht befriedet, mein arrogantes Ego ist abgetaucht. Am Dienstag bin ich immer noch gut gelaunt, während mein Ego schweigend schmollt.

Am Mittwochmorgen brauche ich garnicht erst auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen. Ich muss noch nicht mal nach dem Aufwachen mein Bett verlassen, um zu realisieren, dass dieser Tag schon gelaufen ist, bevor er überhaupt begonnen hat.

Mein widerständiges Ego hat den Schock der intensiven Praxis vom Sonntag überwunden und ist bereit für einen neuen Frontalangriff. Es will mit allen Mitteln verhindern, dass ich noch einmal nach Berlin fahre, um mit Suriyel Grüne Tara und Riwo Sangchö zu praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Es lamentiert, klagt, droht und beschimpft mich – oder besser meine intuitive Innere Stimme, die ihm den Schlamassel eingebrockt hat.

Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen sich mein Ego und meine intuitive Innere Stimme gut verstehen. Wenn meine intuitive Innere Stimme dafür sorgt, dass alles so läuft, wie sich das mein Ego wünscht, ist es ihr sogar sehr zugetan.

Aber wehe, die intuitive Innere Stimme entscheidet sich für irgendwas, was dem Ego Angst macht. Und das passiert schnell: mein Ego ist – wie alle Egos – extrem ängstlich. Es will Kontrolle, immerzu, in allen Situationen, sonst dreht es hohl.

Im Gegensatz zu meiner intuitiven Inneren Stimme: die ist komplett furchtlos. Mehr noch: das ständige Katastrophisieren des Egos ist ihr ein Rätsel.

Dazu sind die beiden auch noch völlig verschieden: mein Ego ist komplett an Sprache gebunden. Es braucht logische Erklärungen, will argumentativ überzeugen – und überzeugt werden – und lässt nur stehen, was in vertraute und bewährte Konzepte passt. Es ist intelligent, intellektuell beschlagen, sprachlich gewandt – und gleichzeitig engstirnig, unflexibel und bar jeder Phantasie. Kurz: es ist ein ängstlicher bildungsbürgerlicher Spießer.

Meine intuitive Innere Stimme dagegen kann mit Logik, Argumenten und Konzepten nichts anfangen. Planen, Bewerten, Ziele formulieren – wofür soll das gut sein? Das Leben macht eh was es will! Kontrolle ist Illusion, erklärt sie dem ängstlichen Ego wieder und wieder. Und so etwas wie Tod gibt es nicht!

Denn das ist die größte Furcht des Egos: dass die intuitive Innere Stimme in ihrer völligen Blindheit für die Konsequenzen etwas tut, was ihm das Leben kosten könnte.

Für diese Situationen hat das ängstliche Ego einen siebten Sinn: es riecht regelrecht, wenn die intuitive Innere Stimme wieder mal in größter Naivität Entscheidungen trifft, die sein Überleben bedrohen.

Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum und die Meditationspraxis, die er anbietet, hat genau die Qualitäten, die alle Alarmsirenen meines Egos schrillen lassen.

Und das Ego kennt die intuitive Innere Stimme gut: es muss schließlich schon sein ganzes Leben mit ihr klar kommen. Es hat aus bitterer Erfahrung gelernt, dass die sich von ihm nichts sagen lässt. Und dass der intuitiven Inneren Stimme im Zweifelsfall das Wohlbefinden des Egos komplett egal ist.

Dass das tibetisch-buddhistische Zentrum mit Konsequenzen für sein Wohlergehen einhergehen wird, kann sich das Ego an seinen 10 Fingern abzählen. Auf beruhigende Sprüche wie „Du musst Dich nicht aufregen, wir fahren da ein paar Mal hin und dann ist es gut!“, fällt das Ego nicht mehr rein. Die hat es in den letzten Jahren zu oft gehört – und was war?

Erst hieß es: „Wir praktizieren ein bisschen Traum-Yoga, damit wir besser schlafen können.“

Und auf einmal fand es sich in einem schmuddeligen Retreathaus mitten im Odenwald wieder und musste zwei Jahre Ngöndro-Praxis ertragen.

Mit allen Konsequenzen für sein Seelenheil: für ein fragiles spießiges Ego sind Meditationstechniken, in denen es der intuitiven Inneren Stimme dabei zusehen muss, wie die visualisiert, der gemeinsam bewohnte Körper würde sterben, alles Fleisch würde von den Knochen gesägt werden, die Schädelschale werde zum Suppenkessel, die Haare zum Brennmaterial, Fleisch und Innereien zur Suppeneinlage und wenn alles gut gekocht ist, bekommen es die Buddhas, Bodhisattvas und Dhakinis serviert, ein einziger Albtraum.

Auch damals war ihm gesagt worden: „Keine Panik, mehr wird es nicht werden!“

Und dann?

Hatte die dämliche intuitive Innere Stimme inmitten 140 Teilnehmern mit gewohnter Zielsicherheit ausgerechnet Uriel ausgewählt, dem die E-Mail-Adresse in die Hand gedrückt und um Aufnahme in seinen Verteiler gebeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Es kam, wie es kommen musste: die Einladung zum Vajra-Armor-Mantra-Retreat entzückte die intuitive Innere Stimme und trieb das kontrollwütige Ego in den Wahnsinn. https://www.water-runs-east.eu/no-muggles/

Das Ego mutete Uriel damals einiges zu: es wollte kein Mantra, es wollte keine Zuflucht nehmen, es wollte partout überhaupt nichts von allem, was sich da auf einmal auftat. Uriel ertrug mit Würde alle hysterischen Mails, widmete auch den dümmsten Einwänden noch seine freundliche Aufmerksamkeit, lies sich von allen Versuchen meines Egos, die Sache durch gezielte Blödheit an die Wand zu fahren, nicht beeindrucken – und am Ende fand sich das völlig verzweifelte Ego als Buddhistin in einem komplett bizarren Boundary-Retreat mit einem Haufen Röcke tragender singender Männer wieder. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Die Konsequenzen waren so zahlreich wie tiefgreifend: Drei Jahre später war das Ego sein bequemes Leben, seinen Status und all die Annehmlichkeiten los, die ihm so wichtig gewesen waren. https://www.water-runs-east.eu/spalt/

Als einziger Trost war ihm erklärt worden, mehr als das Vajra-Armor-Mantra würde es nie ertragen müssen.

Und was war?

Im März gleich drei zornvolle Praktiken hintereinander! Am Schluss stand es mit einer zornvollen schwarzen Göttin da, die seitdem ununterbrochen im Unterleib vor sich hin tanzt. Mit den entsprechenden Konsequenzen für den Energiehaushalt und die Dominanz der intuitiven Inneren Stimme. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Und wieder als einziger Trost das Versprechen, dass jetzt aber wirklich Schluss wäre: Vajra-Armor-Mantra, Throma-Praxis, dazu täglich Zazen – das wäre genug. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber dann fand es sich statt in einem Wanderurlaub auf einem Selbsterfahrungstrip wieder – und kurz danach in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

„Und da wunderst Du Dich, dass ich Dir nicht mehr über den Weg traue?“, tobt und schreit es meine intuitive Innere Stimme an. „Ständig werde ich hier belogen und betrogen! Alles was Du machst ist kompletter Wahnsinn und ich muss mit den Konsequenzen leben! Dabei bin ICH die Stimme der Vernunft! Und du spinnst!“

Erste Praxis

Meine erste Praxis in einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum geht mit konfusen Eindrücken einher…

Das Buddhistische Zentrum ist weit größer, als es von Außen den Anschein hat. Es besteht nicht nur aus einem Gebäude, wie ich es erwartet hatte, sondern aus einem ganzen Gebäudeensemble. Ich sehe mich um: wo muss ich hin?

Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich wird verkündet, dass heute ein „Schweige-Retreat“ stattfindet. Mehr Information gibt es nicht.

Ich wandere suchend umher, entdecke durch ein Fenster eine Gruppe Menschen in stiller Meditation vertieft – wohl das Schweige-Retreat – biege um eine Ecke und stoße zu meiner Erleichterung in einem großen Innenhof auf Suriyel.

Er befindet sich in Begleitung eines rundlichen binären Wesens mit Knebelbart und in Batikkleidung.

Ich begrüße Suriyel, stelle mich seiner Begleitung vor, und bekomme den Weg in den Schreinraum gewiesen.

Der ist schön, das muss selbst mein dämliches Ego zugeben. Meditationskissen gibt es auch, sogar in rauen Mengen, dazu bequeme Sitzunterlagen und Schreintischchen oben drauf. Mein Ego ist verstimmt, dass es nichts zu meckern gibt.

Ich nehme Platz und harre der Dinge, die da kommen werden. Während Suriyel alles für das Ritual vorbereitet, tröpfeln nach und nach die anderen Teilnehmer herein. Am Ende sind wir zu fünft – inklusive des binären Wesens.

Dann geht es los: Suriyel rezitiert, singt und opfert, die anderen machen mit – ich sitze einfach nur da. Ich bin wegen des Riwo Sangchö hier, die Grüne Tara nehme ich mit, habe ich beschlossen. Zwei lange Praxiseinheiten hintereinander sind mir zu anstrengend. Außerdem ist es ein Genuss, Suriyel zuzuhören, der mir gegenüber sitzt. Er macht das richtig schön. Genau, wie beim ersten Mal, als ich mit ihm praktizieren durfte. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Obwohl ich passiv bin, geht die Praxis nicht spurlos an mir vorüber: irgendwann schmerzt meine ganze linke Körperhälfte zum Gotterbarmen. Was das Ritual in mir auslöst, weiß ich nicht zu sagen. Irgendwas triggert mich, sonst würde ich hier nicht gerade so sehr auf meinem Kissen leiden. Ich versuche mich in Akzeptanz, senke den Blick und konzentriere mich auf meinen Atem und den Raum um mich herum. Aber was ist das?

Direkt vor mir steht auf einmal eine riesige Grüne Tara! Ihr Kopf reicht bis zur Decke, sie hat beide Arme erhoben, dazu ein Bein.

Ihre Energie hebt mich regelrecht von meinem Sitzkissen.

Das kann ja wohl nicht sein! Ich habe schließlich nicht visualisiert! Ich sitze einfach nur da, lausche einer Praxis, die ich überhaupt nicht kenne, denke an nichts und trotzdem ist da auf einmal diese Göttin. Noch dazu ist das Bild ist von erstaunlicher Stabilität. Normalerweise muss ich mich konzentrieren, um eine Visualisierung so konstant zu halten. Jetzt bin ich einfach nur irritiert – das Bild bleibt.

Außerdem ist diese Grüne Tara schlammgrün. Hätte ich sie bewusst visualisiert, wäre meine Grüne Tara flaschengrün, ich bin mir sicher. Diesen wenig attraktiven Grünton würde ich niemals für eine buddhistische Göttin wählen, er widerspricht meiner Ästhetik.

Was ist hier los? „Sehe“ ich auf blöd Suriyels Grüne-Tara-Visualisierung? Ist so etwas möglich?

Das schlammgrüne Drei-D-Bild samt der überwältigenden Energie bleibt stabil fast bis zum Schluss des Rituals in der Mitte des Raumes stehen. Erst als Suriyel das Abschlussgebet anstimmt, verschwindet sie.

Völlig erschlagen flüchte nach dem Ende des Zeremoniells in den Innenhof. Der ist gerade besetzt: mit verklärten Gesichtern wandeln dort die Teilnehmer des Schweigeretreats in der warmen Mittagssonne. Den Zustand kenne ich gut, so geht es mir auch immer während meiner Zen-Retreats. Das sind heilige – und hart ersessene – Momente.

Es dauert ein bisschen, bis Suriyel alles für das Riwo Sangchö hergerichtet hat. Dafür lässt er sich nicht lumpen: nur das Beste für die Gäste!

Während Uriel im Retreathaus am Ende der Welt auf eine praktische nepalesische Fertigmischung zurückgreift, gibt es hier alles frisch: Butter, Joghurt, Milch, Honig, Melasse, Zucker, dazu Räucherwerk und einen Krug Wasser. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Wir nehmen vor der Hausmauer im Innenhof Platz. Der Wind zerrt an der großen Trommel und lässt die Praxistexte flattern.

Bevor er die Kohle in der großen Feuerschale anzündet, telefoniert Suriyel zu meiner Erheiterung mit der örtlichen Feuerwehr: wegen eines Rituals würde es unter dieser Adresse zu Rauchentwicklung kommen.

Wie sich herausstellt, eine vernünftige Maßnahme, denn der Rauch, den Suriyel produziert, ist vom Feinsten. Er hat einen großen Sack Thuja-Zweige mitgebracht, die er auf die glühenden Kohlen legt. Es raucht und qualmt, dass es eine Freude ist.

Unter den abwesenden Blicken der stumm vor sich hin wandelnden Schweigeretreat-Teilnehmer singen wir die tibetischen Texte des Opfer-Rituals. Das gebatikte Wesen schlägt die große Trommel dazu. Als wir bei der Opferung angekommen sind, rezitieren wir alle das Mantra, während Suriyel die Opfergaben auf das Feuer legt.

Ich genieße das Ritual und die Energie, die uns umgibt, während ich wieder und wieder das Mantra rezitiere. Allerdings bin ich irritiert, weil ich keine Gäste „sehe“. Das hatte ich eigentlich erwartet, denn so bin ich es gewöhnt: Spätestens wenn das Opfer dargebracht wird, tauchen halb transparente Wesen in allen Formen und Variationen auf, die sich über das Dargebotene freuen. Diesmal spüre ich tiefe Freude in meinem Herzen – aber weit und breit ist nichts und niemand um die Opferschale herum zu erkennen oder zu spüren.

Seltsam!

Erst „sehe“ ich gegen jede Logik und Erfahrung eine Grüne Tara – und dann „sehe“ ich keine Gäste, obwohl die da sein müssten?

Ob es am Buddhistischen Zentrum liegt? Allzuviele Naturgeister werden sich in Berlin-Mitte wohl nicht rumtreiben. Und vielleicht sind alle formlosen Wesen im Bardo bereits durch die viele Praxis hier erlöst und die Buddhas und Bodhisattvas haben gerade etwas Besseres zu tun?

In dem Moment merke ich, dass ich gerade dabei bin, mir schräge Geschichten auszudenken. Die vielen neuen Reize und Eindrücke überfordern mein Gehirn.

Ich verordne mir selbst Schweigen, helfe – nachdem wir fertig sind – aufräumen, bedanke ich mich bei Suriyel und eile heimwärts.

Das Buddhistische Zentrum

Ich beuge mich meiner intuitiven Inneren Stimme und mache mich auf den Weg in ein Tibetisch-Buddhistisches Zentrum, um Riwo Sangchö zu lernen, während in mir ein Gewittersturm tobt…

Irgendwo in der Innenstadt Berlins befindet sich ein Buddhistisches Zentrum. Versteckt im Innenhof liegt es in einer Ecke der Stadt, die grau, trist und fade ist.

So kommt es mir zumindest vor, als ich aus dem U-Bahn-Schacht trete. Nach ein paar Metern biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein. Suriyel hat mir den Weg beschrieben.

Während ich durch das morgendlich stille Viertel laufe, denke ich über die Absonderlichkeit der aktuellen Situation nach. Es war ausgerechnet Suriyel gewesen, der mir zum Besuch des Nationalparks von Bialowieza geraten hatte. Und das sicher nicht mit dem Ziel, mich deshalb eines Sonntags in seinem Schreinraum vorzufinden. https://www.water-runs-east.eu/?p=3124&preview=true

Ich hatte ihn um einen Tipp für einen Wanderurlaub in Polen gebeten, und er – der aus Warschau stammt – empfahl mir den letzten Urwald Europas.

Und dann komme ich nicht aus einem Wanderurlaub, sondern von einer extremen Grenzerfahrung zurück – und das auch nur halb – und bin damit konfrontiert, dass ich dringend Riwo Sangchö lernen muss. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Und der einzige für mich erreichbare Ort, an dem ich Riwo Sangchö lernen kann, ist ausgerechnet Suriyels Buddhistisches Zentrum in Berlin. Jeden Sonntag bietet er hier „Grüne Tara-Praxis“ an – und danach Riwo Sangchö.

Das ich brauche, nicht nur zu meinem Wohl, sondern auch zum Wohl anderer. Wer immer diese „Anderen“ auch sein mögen… https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Das ist einer der Punkte in dieser ganzen schrägen Geschichte, über den ich nicht genauer nachdenken möchte. Das ist mir zu spekulativ, zu esoterisch und zu heikel.

Überhaupt finde ich gerade alles schwierig und anstrengend. In mir tobt – seit ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, ins Buddhistische Zentrum zu fahren – ein Gewittersturm.

„Widerstand“ nennt sich das, was da in mir abgeht, im Achtsamkeitsmeditations-Fachjargon. Jeder Praktizierende kennt die höchst schmerzhafte und verstörende Erfahrung, in der Stille der Meditation auf einmal mit einem Amok laufenden Ego konfrontiert zu sein.

An welchem Punkt das Ego austickt, ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Es hängt davon ab, was biographisch und strukturell als „Kontrollverlust“ erlebt wird.

Bei mir ist es die bunte esoterische Praxis des tibetischen Tantra.

Dass ich gerade dabei bin, das erste Mal in meinem Leben ein tibetisch-buddhistisches Zentrum zu betreten, lässt mein Ego buchstäblich die Wände hochgehen.

Während ich eine Baustelle umrunde, die den Gehweg blockiert, lausche ich der wütenden Dauerklage meines egozentrischen Geistes.

Ich versuche, ihm mit Argumenten zu kommen. „Pfadabhängigkeit“ nennt sich das, womit er gerade konfrontiert ist. Prozesse folgen ihrer eigenen inhärenten Logik. Ob es ihm passt, oder nicht.

Es passt ihm nicht!

Mein Ego will das alles nicht! Wortreich erklärt es mir, dass es kein Orange mag, und auch kein Gold, Ornamente völlig überflüssig sind und kein vernünftiger Mensch Riten brauche! Und überhaupt: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain! Wenn es wenigstens Unter-den-Linden wäre! Aber nein! Ausgerechnet hier! Und dann auch noch tibetisch-buddhistische Praxis!

„Warum“, fragt es mich völlig entnervt, „musst Du Dich immer zum Idioten machen? Du bist gesegnet mit Bildung, Kultur und guten Umgangsformen, beherrscht Konversation und Lebensart – und dann willst Du ausgerechnet da hin? Bist Du komplett bescheuert?“

Mein Ego – das weiß ich schon lange – liebt Zen. Zen ist ästhetisch, elitär und über jeden esoterischen Chichi erhaben. In meinem gepflegten Zen-Retreathaus ist mein Ego ganz bei sich, glücklich und zufrieden. So wie dort, findet es, sollte all meine Meditations-Praxis sein. Zen entspricht meiner Herkunft, meinem Bildungsstand und meinem Lebensstil.

Nur, leider leider, besteht meine intuitive Innere Stimme seit Jahren darauf, dass Zen zu wenig ist. Meine intuitive Innere Stimme liebt Tantra. Uneingeschränkt. Die Praxis, all das Mantra-Gesinge, die Riten – sogar das Orange und die goldenen Ornamente.

Und in meinem Leben bestimmt meine intuitive Innere Stimme, was geschieht, und nicht mein arrogantes Ego. Was dem überhaupt nicht passt. Und dann macht es Drama. So wie jetzt!

Den wüsten Beschimpfungen meines Egos lauschend, sehe ich auf einmal jenseits einer hohen Mauer bunte tibetische Gebetsfahnen flattern. Ich bin da.

Exakt zwei Stunden dauert es, um von meiner Haustür in Leipzig bis zum Metalltor des Buddhistischen Zentrums zu kommen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest.

Und das alles, weil ich gezwungen bin, Riwo Sangchö zu lernen. Und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

„Halt jetzt endlich die Klappe!“, herrsche ich mein maulendes Ego an. „Wir ziehen das jetzt durch, ob es Dir passt oder nicht!“

Damit atme ich tief durch und betrete den Innenhof.

Fazit

Ich vermisse meine Seele, die im Nationalpark von Bialowieza zurückgeblieben ist, ziehe ein erstes – esoterisches – Fazit meiner Urwald-Reise und fasse einen Entschluss…

Mein Leben in Leipzig ist wieder Business as usual:

Ich meditiere täglich und treffe genauso regelmäßig Maria.

Tagsüber sitze ich am Schreibtisch, arbeite vor mich hin und versuche dabei, den üblichen Unfrieden in der verwunschenen Untermietwohnung auszublenden. Wenn mir das nicht mehr gelingen will, radle ich an einen der Seen im Leipziger Umland und schreibe – in der Hängematte liegend – auf dem iPad weiter.

Alles wie gehabt…

Nur: irgendwie ist zwar mein Körper wieder aus dem Urwald zurückgekehrt – aber nicht meine Seele.

Die wandert weiterhin Nacht für Nacht im Traum durch den Nationalpark. Begleitet von Geistern, formlosen Wesen und Dämonen ist sie auf der Flucht, auf der Suche – was genau geschieht, kann ich nicht sagen, dafür sind die intensiven Traumbilder zu wirr und zu kryptisch.

Es ist, als ob ich „an der Grenze“ festhängen würde. Ein unangenehmes Gefühl: ich will schließlich „Da“ sein! Dafür meditiere ich seit Jahren – und das normalerweise durchaus erfolgreich. Und auf einmal fühle ich mich, als wäre ich zweigeteilt.

Ich versuche, diese Grenzerfahrungen, die mich immer noch gefangen halten, zu strukturieren:

Am einfachsten zu fassen ist die pyhsische Grenze: ein fünf Meter hoher Zaun zwischen Polen und Belarus, gekrönt mit Stacheldraht, bewacht von schwer bewaffnetem Militär. Das Grenzregime dient der Abwehr von Flüchtlingen.

Womit ich bei der nächsten Grenze angekommen bin: der zwischen Zivilisation und Barbarei. An der Grenze, die quer durch den Nationalpark von Bialowieza führt, enden EU und NATO. Hier bin ich dem „Schatten“ von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit begegnet: der eigenen Bevölkerung gegenüber zivil, Fremden gegenüber brutal. Der Tod von Flüchtlingen auf der anderen Seite des Zaunes und im Sumpfland des Nationalparks wird billigend in Kauf genommen.

Dazu kommen all die schrecklichen Grausamkeiten, die hier in der Vergangenheit geschehen sind: ich wanderte, inmitten phantastischer Natur, von einem Mahnmal zum nächsten: hier wurden 222 Dorfbewohner erschossen, da 900 jüdische Männer, in der Sperrzone eine unbekannte Zahl Partisanen, die Ränder der Wege werden nicht – wie in Deutschland – von Kreuzen für Verkehrsopfer, sondern für von Scharfschützen niedergemähte sowjetische Soldaten geziert. Dazu die Überreste niedergebrannter Dörfer in Wäldern und Heiden.

„Hitlerowoow“ – wie die deutsche Besatzung hier umschrieben wird – hat tiefe Spuren hinterlassen. Und das, was ich sah, war nur die Oberfläche, markiert durch eine institutionalisierte Erinnerungskultur.

In der Tiefe – glaubte ich zu spüren und zu „sehen“ – ist der Schmerz so vielschichtig, differenziert und dicht wie die unendlich vielen Geruchsmoleküle, die der uralte Wald verbreitet.

Dieser Schmerz befindet sich auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze. Abgetrennt nicht durch eine physische Barriere, sondern durch eine energetische. Und hinter diesem seltsamen Grenzregime scheint meine Seele festzuhängen.

Irgendwie – so kommt es mir zumindest vor – haben im Urwald von Bialowieza die Gesetze von Zeit und Raum ihre Bedeutung verloren. Es gibt dort kein „Gestern“ und „Heute“. Es gibt nur ein einziges großes „Jetzt“, in dem alles, was jemals in diesem Wald geschehen ist, aufzugehen scheint.

„…und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod…“ heißt es im Herz-Sutra.

Genauso ist es dort: einerseits ist im Urwald „Tod“ bedeutungslos. Nichts dort stirbt wirklich, alles ist einfach nur beständiger Wandel: jede Pflanze, jeder Organismus, jedes Tier, jeder Mensch ist einfach nur Energie. „Tod“ ist lediglich ein Wechsel der Energie-Frequenz.

Nie zuvor bin ich an einem Ort gewesen, der eine solche Vitalität verströmt. Alles im Urwald von Bialowieza ist Leben.

Und gleichzeitig bin ich noch nie zuvor an einem Ort gewesen, an dem es so viel „Tod“ gibt: der Urwald ist ein einziges Schlachtfeld! Baumriesen werden von Pilzen gefällt, Wisentkinder von Wölfen gerissen. Jedes Jungtier, das im Wald geboren wird – von der winzigsten Insektenlarve bis zum Elchkalb – muss einem ganzen Heer von Feinden standhalten, wenn es überleben will.

Dass ist die Quintessenz meiner Erfahrung: es gibt keinen Tod – und gleichzeitig ist er überall.

Im Grunde, sinniere ich weiter, ist „Tod“ dort greifbar, wo er mit Schmerz und Leid verbunden ist. Auf der energetischen Ebene handelt es sich um eine Art „Blockade“, der natürliche Fluß der Transformation scheint gestört zu sein.

All diese Symbole für Leid und Tod, mit denen ich im Nationalpark konfrontiert wurde – der Grenzzaun, der Schädel des Wisentkindes, all die Mahnmale und Gedenktafeln für die Opfer von Kriegsverbrechen – markieren Orte und Geschehen, an denen Lebensenergie aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Fazit: Ich wurde an einen Ort urwüchsiger Vitalität geschickt, der mit Symbolen energetischer Blockaden gespickt ist.

Ich bin mir bewusst, dass das so esoterisch wie weltfremd klingt. Aber leider bin ich so gestrickt. Ich funktioniere komplett intuitiv. Mir ist weder politische Durchschlagkraft noch zivilgesellschaftlicher Aktionismus gegeben – so sehr ich das auch bedauere.

Trotzdem bin ich aufgefordert, etwas zu unternehmen. Im Rahmen dessen, was mir möglich ist.

Ich denke an das Versprechen, dass ich den formlosen Wesen an der Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes im Wald von Bialowieza gab: dass ich wiederkommen und Riwo Sangchö für sie praktizieren würde.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, schreibe ich am nächsten Morgen eine Textnachricht an Suriyel: Wann er denn in seinem Buddhistischen Zentrum die nächste Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö anbieten würde? Und ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich dazu käme?

„Nächsten Sonntag“, kommt es zurück. Und wenn es mir nicht zu mühsam wäre, so weit zu fahren für ein bisschen Praxis, wäre ich willkommen…

Abschied von der Grenze

Ich lasse alle Grenzen des Urwalds von Bialowieza hinter mir und kehre zurück nach Leipzig…

Ein letztes Mal besuche ich den enthusiastischen Kellner im alten Holzhaus. Nach einer Portion polnischem Kartoffelkuchen in Pilzrahmsauce mache ich mich auf den Heimweg. Das Wasser der Narewka leuchtet im Abendlicht. Die Storchenkinder in den großen Nestern auf den Dächern und Laternenmasten entlang der Dorfstraße schlafen schon.

In der Ferne erklingt das hysterische Bellen von Hunden, während sich die letzten Vögel in den hohen Bäumen zur Ruhe begeben. Vom Info-Gelände des Nationalparks dröhnen die Generatoren der mobilen Kaserne. Aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser am Straßenrand fällt Licht.

Während ich dahinwandere, sage ich dem Ort „Auf Wiedersehen“.

Es ist fünf Uhr morgens, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt krieche. Nach einer Katzenwäsche und drei Tassen Instantkaffee baue ich das Zelt ab, packe Schlafsack und Isomatte ein und stopfe alles in den Kofferraum des kleinen Dacia.

Um kurz vor sechs Uhr biege ich auf die Hauptstraße in Richtung Warschau ein. Das Dorf scheint noch zu schlafen, außer mir ist niemand unterwegs. Wieder geht es kilometerlang durch einen grünen Tunnel aus hohen Bäumen. Ich habe, trotz der morgendlichen Kühle, alle Fenster geöffnet, der Fahrtwind trägt ein letztes Mal den unglaublichen Waldgeruch zu mir herein.

Beseelt von der Natur lasse ich die letzten Bäume hinter mir – und bin mit einem Mal mit einer Sraßensperre konfrontiert! Ein Polizeiwagen blockiert die Gegenfahrbahn. Auf meinem Fahrstreifen stehen zwei Polizisten mit Pistolen im Halfter, einer schwenkt eine Kelle. Ich bringe meinen Wagen vor ihnen zum Stehen und beobachte, wie einer der Polizisten langsam um mein Auto herum geht und dabei eine Art langen Stab an die Karosserie hält. Während ich noch versuche, aus dem Procedere schlau zu werden, winkt mir der Polizist mit der Kelle zu: ich kann weiterfahren.

Fümf Kilometer danach, an der Kreuzung zur Bundesstraße, das selbe Schauspiel. Diesmal ist es Militär, das mich kontrolliert.

Jetzt bin ich heilfroh, dass wir vorgestern bei unserer morgendlichen Wanderung durch die Sperrzone, entgegen Wlodzimierz Ankündigung, keine Flüchtlinge getroffen haben. Wenn ich gebeten worden wäre, jemanden im Auto bis nach Warschau mitzunehmen, hätte ich das selbstverständlich getan. Mit dramatischen Folgen, so wie es aussieht. Auf die Idee, dass nicht nur die Grenze, sondern auch alle Ausfallstraßen aus dem Nationalpark überwacht werden, wäre ich wieder einmal nicht gekommen.

Eine Stunde nach meinem Aufbruch setzt zwischen den kleinen Dörfern der morgendliche Berufsverkehr ein. Jetzt geht es langsamer vorwärts.

Um zehn Uhr bin ich am Rande Warschaus angelangt. Kurz vor dem Flughafen tanke ich, kreise erst zweimal um die beiden – glücklicherweise bescheidenen – Terminals bis ich die korrekte Tiefgarageneinfahrt gefunden habe und stelle um elf Uhr mit einem erleicherten Seufzer den kleinen Dacia auf dem Parkplatz des Autovermieters ab.

Im dortigen Büro im ersten Stock des Ankunftsterminals herrscht großer Andrang. Ein Angstellter nimmt mir einfach Schlüssel und Papiere ab, ohne mich irgendwas unterschreiben zu lassen. Was mit meiner Kaution wäre? Er müsse sich erst das Auto ansehen, wenn alles in Ordnung ist, bekäme ich das Geld zurück. Ich überlege kurz, ob ich auf etwas Schriftliches bestehen soll, komme mir unglaublich deutsch dabei vor – und lasse es bleiben.

Nach kurzem Herumirren finde ich in der großen Ankunftshalle den Zugang zur S-Bahn. Glücklicherweise gibt es eine Direktverbindung zum Bahnhof Warsaw Gdanska. Von dort geht pünktlich um zwölf Uhr mein EC nach Frankfurt/Oder.

Am frühen Abend ist meine Reise zu Ende. Gegenüber dem Bahnhof grüßt vom Dach des Einkaufszentrum der vertraute gelbe Schriftzug „Willkommen in Leipzig“.

Ich bin wieder da.

Es ist ein Schock!

Meine Sinne laufen geradezu Amok. Die Luft ist grauenhaft, das Licht fahl, der Geschmack auf der Zunge widerlich. Alles fühlt sich seltsam künstlich an.

Und dabei wandere ich gerade – den schweren Rucksack über den Schultern – durch das wunderschöne Waldstraßenviertel. Links und rechts der breiten Straßen werfen mächtige alte Bäume ihre Schatten auf prächtige Jugendstilfassaden.

Und doch: Alles um mich erscheint mir unbeseelt und von erschreckender Leblosigkeit.

Irgend etwas ist mit mir geschehen, während ich an der Grenze war…

Kein Riwo Sangchö im Urwald

Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister…

Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie.

Während meines zweiten Aufenthalt ist der kleine Campingplatz von Bialowieza noch leerer als bei meinem ersten: abgesehen von einem Wohnmobil aus den Niederlanden und einem VW-Passat mit Hannoveraner Kennzeichen und Dachzelt bin ich alleine auf der kleinen Wiese.

Das hier ist das komplette Gegenteil von Overtourism. Schön für die wenigen, die sich hierher verirren – bitter für die Einheimischen, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist.

Nach einer Tasse Instantkaffee und ein paar Bissen altbackenem Brötchen bin ich halbwegs wach. Daran, dass ich mich heute wie achzig fühle, ändert das Frühstück leider nichts. Alle Glieder schmerzen, die Brustmuskulatur ist so verspannt, dass sich jeder Atemzug wie Arbeit anfühlt. Auf dem Rasen vor meinem Mini-Zelt absolviere ich ein paar Yoga-Übungen – vergebens.

Steifbeinig wanke ich in den Waschraum und inspiziere vor dem fleckigen Spiegel meine Augenringe. Dafür, dass gerade der zehnte – und letzte – Tag meines Urlaubs beginnt, sehe ich richtig fertig aus.

Ich habe extrem schlecht geschlafen. Und es war nicht die unbequeme Isomatte, die mich um meine nächtliche Ruhe gebracht hat. Irgendwas habe ich geträumt. Im Traum war es Nacht, ich war im Wald und um mich waren Leid, Verzweiflung, Gewalt und Tod.

Ich setze mich noch mal in den Freisitz neben meinem Zelt, koche mir eine weitere Tasse Instant-Kaffee und überlege, während ich die heiße Brühe trinke, was zu tun ist. Irgendwas steht an. Nur was?

Schließlich fasse ich einen Entschluss. Aus den Tiefen des Treckingrucksacks krame ich eine zerknautschte Schachtel mit Räucherstäbchen, schiebe das Feuerzeug in die Hosentasche, stopfe Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme und Insektenspray in den Tagesrucksack und mache mich auf den Weg in den Supermarkt. Mit vier Grablichtern im Gepäck wandere ich von dort auf der langen Hauptstraße bis zum anderen Dorfende von Bialowieza.

Noch ist die Temperatur gut auszuhalten, aber die Sonne sticht bereits vom Himmel. Heute soll es es zweiunddreißig Grad heiß werden. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ist das kein Vergnügen.

Als die letzten Häuser hinter mir liegen, nehme ich wieder den Weg, der mich vor drei Tagen bis zur Grenze nach Belarus geführt hat. Erst ein Stück die „Wildtierautobahn“ quer durch die Heide entlang, dann geht es rechterhand auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein bis zur befestigten Forststraße, auf der die Armeefahrzeuge verkehren.

Ich folge ihr in Richtung Grenze. Nach etwa fünfhundert Metern taucht auf der linken Seite ein halbhohes Mäuerchen zwischen den Bäumen auf. Dahinter befindet sich eine Gedenkstätte. Ich hatte sie am Montag kurz in Augenschein genommen, bevor ich zur Grenzbefestigung weitergelaufen war.

Mit lautem Quietschen öffnet sich das gußeiserne Tor. Zwischen den bröckelnden Betonplatten wuchert Unkraut, links und rechts des Weges steht der Farn hüfthoch.

Die Anlage selbst ist ein seltsames Sammelsurium aus Gedenkstätte und Friedhof. Auf der linken Seite befindet sich etwas, das wohl ein offizielles Mahnmal darstellt: ein architektonisch ambitionierter geschwungen aufsteigender Betonbogen in rot, der rechter Hand in einer hohen grauen Betonsäule mündet. In der Mitte des Betonbogens ist ein großes Kreuz und auf der Betonsäule eine beschriftete Steintafel angebracht. Bei meinem ersten Aufenthalt las ich nur das inzwischen vertraute „Hitlerowoow“ und „1942“.

Jetzt mache ich mir die Mühe und tippe den ganzen Text in den Google Translater:

"Dieser Ort ist durch das Blut von 222 Einwohnern von Bialowieza und Umgebung geheiligt, die am 14. August und 24. Dezember von Hitlerow ermordet wurden."

Links neben dem Mahnmal befindet sich ein großer grauer Obelisk, davor ist eine graue Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Aufschrift in den Boden eingelassen.

Rechts neben dem Mahnmal steht ein großes orthodoxes Holzkreuz mit den typischen drei Querbalken, eingerahmt von jeweils drei kleinen Grabmalen.

Das Nebeneinander von katholischen und orthodoxen Kreuzen ist mir in den letzten Tagen schon während meiner Wanderungen durch die kleinen Ortschaften aufgefallen. Meist stehen sie einträchtig nebeneinander, ab und zu findet man das eine am Dorfeingang, das andere am Dorfausgang.

Auch hier scheint den von der deutschen Besatzung Ermordeten vereint und gleichzeitig getrennt gedacht zu werden.

Dieser Boden ist durch das Blut der Opfer geheiligt…

Eine seltsame Formulierung. Sie lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass genau hier, an dieser Stelle, im August und an Weihnachten 1942 222 Menschen ermordet wurden.

Ich befinde mich am Tatort eines Massenmordes.

Um mich ist vollkommene Stille, als ich ein Grablicht nach dem anderen aus dem Rucksack ziehe. Dazu die schmale lila Schachtel mit den japanischen Räucherstäbchen, die ich aus einem Impuls heraus beim Packen in Leipzig in die Seitentasche des Rucksacks steckte.

Während in den Bäumen die Vögel singen, Insekten in den blühenden Brombeerranken summen und mich Mücken umschwirren, wandere ich von Grabmal zu Grabmal. Ich kippe Regenwasser und ertrunkene Käfer aus alten Grablichthaltern, werfe die ausgebrannten Plastikhüllen in meinen Rucksack, stelle jeweils eine frische Kerzen hinein, zünde den Docht an und stecke die Abdeckung wieder darauf, damit der Wind die Flamme nicht ausbläst.

Nachdem ich die vier Kerzen verteilt habe, gehe ich noch einmal von Grab zu Grab und platziere jeweils ein paar brennende Räucherstäbchen davor. Dazu singe ich das Vajra-Armor-Mantra.

Die ganze Zeit über bin ich mir sicher, dass ich nicht alleine bin. Ich fühle sie mehr als ich sie sehe: schwache halbtransparente Wesen, die mich aus den Schatten der dunklen Tannen heraus, die hinter den orthodoxen Gräbern aufragen, beobachten.

Ich spüre ihre unendliche Trauer. Und einen Schmerz, der mir den Atem nimmt.

Und da ist noch mehr. Viel mehr, ich bin mir sicher! Nur kann ich das – was immer es auch sein mag – in meinem aktuellen Zustand weder fühlen noch sehen. Und viel anzubieten habe ich den Wesen, die an diesem Ort ausharren, leider auch nicht.

Ein paar Kerzen und Räucherstäbchen, dazu ein wenig Mantra-Gesang. Viel zu wenig für einen Ort, an dem sich Leid, Schmerz, Verzweiflung und Wut geradezu in die Erde hineingefressen haben.

Dieser Platz hier bräuchte ein Riwo Sangchö!

Ganz Bialowieza bräuchte unendlich viele Riwo Sangchö!

Für mich fühlt es sich so an, als fehle das traditionelle tibetische Rauchopfer, mit dem die Buddhas, Bodhisattvas, Naturgeister und formlosen Wesen im Bardo genährt werden, an allen Ecken und Enden: in der Sperrzone, im Sumpfland, an der schrecklichen Grenzmauer. Und an all den Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden. Denn dieser hier ist nur einer von vielen.

Und das einzige, was ich anzubieten weiß, sind ein paar Kerzen, Räucherstäbchen und ein bisschen Gesinge.

Dabei habe ich sogar den Text des Rauchopfers dabei! Suriyel hatte ihn mir Anfang Mail als pdf geschickt, er ruht in der Datei meines ipads im Kofferraum des kleinen Dacia.

Nur leider bringt mir der Text alleine wenig: ich kenne weder die verschiedenen Melodien noch weiß ich genau, wie die Speiseopfer im Feuer dargebracht werden müssen, damit alle Gäste gesättigt werden.

Während ich, mein Mantra singend, die Gräberreihe auf und ab wandere, bis die Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt sind, erinnere ich mich an die Begeisterung, die wir im Mai im Retreathaus am Ende der Welt mit unserem Riwo Sangchö bei all den Wesen, die dort lebten, auslösten.

Genau so wie dort müsste es auch hier sein. Dann wäre es gut.

Als ich meinen Rucksack schultere, glaube ich die Frustration all der hilflosen Wesen zu spüren. Sie möchten den Bardo verlassen, aber dafür müssen sie genährt werden. Das, was ich ihnen gegeben habe, war viel zu wenig!

Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und leiste allen formlosen Wesen, die an diesem schrecklichen Ort gefangen sind, ein Versprechen: ich werde wiederkommen. Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen, nach allen Regeln der Kunst, wie es sich gehört.

Nur muss ich es vorher lernen…

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