Erzengel Suriyel ist damit konfrontiert, dass die vertrauten Spielregeln zwischen ihm und Luzifer nicht mehr funktionieren…

Suriyel schloss die Tür seiner Werkstatt hinter sich ab und nahm die Treppe ins Erdgeschoss des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/ Dort empfingen ihn Stille und Dunkelheit. Alle anderen waren bereits nach Hause gegangen.
Wie jeden Abend kontrollierte Suriyel, bevor er das Zentrum verließ, ob sich niemand in den Räumen versteckt hielt.

Die Eingangspforte des Buddhistischen Zentrums stand den ganzen Tag über offen. Jeder, der wollte, konnte die Außenanlagen und die Gebäude betreten.
Das Angebot wurde gerne angenommen. Und nicht nur von Menschen, die sich für Buddhismus interessierten. Angestellte aus Büros im Viertel verbrachten hier ihre Mittagspause. Nachbarn trafen sich auf einen Plausch.
Den ganzen Tag über konnte man Passanten beobachten, die mit erstaunten Blicken das Gelände betraten, versonnen die schmalen Wege entlang wanderten und wie selbstverständlich die runde weiße Stupa mit ihrem goldenen Kegeldach umkreisten, bevor sie wieder durch die Pforte verschwanden.
Das Buddhistische Zentrum war das heimliche Herz des Viertels. Oder besser: Sein spirituelles Krankenhaus. So sah es zumindest der tibetische Lama, der es vor einigen Jahren, mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Helfer, gegründet hatte.
Und die Stupa im Garten war die metaphysische Notaufnahme für die unzähligen hungrigen Geister von Berlin-Friedrichshain.
Die kamen, um sich an der überwältigenden Energie des Ortes zu nähren. Viele verliesen ihn gesättigt und befriedet.
Aber nicht wenige waren so ausgehungert, dass ihre Gier unersättlich war. Die schlichen mit Alkohol und Drogen herein, waren auf der Suche nach einem trockenen Schlafplatz oder nach Wertgegenständen, die geklaut und zu Geld gemacht werden konnten.
Die Zentrumsleute führten einen zähen Kampf gegen die destruktiven Kräfte Friedrichhains. Über Jahre waren sie darin erfolgreich gewesen. Bisher war kein größerer Schaden entstanden.

Während Suriyel alle Nischen des großen Tempels absuchte, brütete er über die Frage, wie lange das noch so bleiben würde. Wohl nicht mehr allzulange, wenn weiterhin ein Schutzengel nach dem anderen seinen Dienst quitierte. https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/
Was aus all diesen ausgehungerten, verwirrten und verzweifelten Menschen in Friedrichshain ohne den Schutz ihrer persönlichen Engel werden würde, wollte sich Suriyel nicht ausmalen.

Als Gott ihm den Auftrag erteilt hatte, sich um die Schutzengel von Berlin-Mitte zu kümmern, war er von einem Routinejob ausgegangen. Suriyel war der Erzengel, der seit 4000 Jahren darüber wachte, dass sich alle Himmlischen Heerscharen an die göttlichen Gebote hielten. Verirrte Schutzengel wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, gehörte zu seinen Basisaufgaben.
Schutzengel waren berüchtigt für ihre Korrumpierbarkeit. Daran trugen sie keine Schuld: Als Mitglieder des neunten und damit niedrigsten Chores des Himmels bestanden sie lediglich zu zehn Prozent aus Äther und dafür zu neunzig Prozent aus Materie.
Das hatte sich auch in den neun Bereichen der Hölle herumgesprochen. Gleich nach den Menschen waren Schutzengel das bevorzugte Ziel dämonischer und teuflischer Attacken.
Jeder der Höllenfürsten hatte dabei seinen eigenen Stil und seine eigene Handschrift.

In Friedrichshain stank es geradezu nach Luzifer, hatte Suriyel gleich nach seiner Ankunft festgestellt: Das uncharakteristisch großkotzige Getue, dass die Schutzengel dort an den Tag legten. Ihre larmoyanten Sprüche und ihre blasierte Coolness. Die schrecklichen Musik, die sie hörten! Sie waren sogar angezogen wie Luzifer!
Suriyel hatte deshalb von Anfang an gewusst, wer sein höllischer Gegenspieler war. Dafür hätte Luzifer nicht persönlich bei ihm vorstellig werden müssen. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/
Der Erzengel und sein ehemaliger Kollege trafen routinemäßig aufeinander. Für gewöhnlich endete jede Konfrontation mit einem Patt: Luzifer gelang es regelmäßig, gehörigen Schaden anzurichten, bevor Suriyel ihm Einhalt gebieten konnte.
Dann verschwand Luzifer, um einige Zeit später an einem anderen Ort wieder aufzutauchen. Dort trieb er so lange im Geheimen sein Unwesen, bis er wieder auf den himmlischen Radarbildschirm geriet, und von einem Erzengel vertrieben wurde. Bei dem es sich in siebzig Prozent aller Fälle um Suriyel handelte. Die beiden spielten dieses Spiel inzwischen seit 2100 Jahren.
Aber diesmal war alles anders.
Dass es Suriyel nicht wie gewöhnlich gelungen war, die Schutzengel von Luzifers Fluch zu befreien, war die erste erschütternde Erkenntnis gewesen.
Kurz darauf hatte Suriyel erfahren, dass er es nicht nur mit Luzifer, sondern zusätzlich noch mit Dommiel zu tun hatte. Der berühmt-berüchtigte Torwächter der Hölle verließ das Reich der Finsternis nur in Ausnahmefällen. Deshalb war Suriyel ihm bisher lediglich drei Mal begegnet. Jedes Aufeinandertreffen war äußerst unerfreulich verlaufen. Wenn Dommiel in der Menschenwelt auftauchte, war das immer ein Zeichen dafür, dass in der Hölle das ganz große Rad gedreht wurde. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/
Und dann war auch noch Beelzebub bei Luzifer eingezogen! Der Kanzler des Ordens der Fliege interessierte sich normalerweise nicht für Engel. Sein Spezialgebiet waren die Seelen von Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel schlossen. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/ Deshalb hatte Suriyel noch nie mit ihm zu tun gehabt.
Aber Beelzebubs schlechter Ruf war auch in den neun Chören der Engel legendär. Suriyel hatte keine Ahnung, warum sich der Dämon in Friedrichshain herumtrieb. Eines war ihm jedoch klar: Beelzebubs Anwesenheit in Berlin-Mitte bedeutete „Alarmstufe Rot“.
Das Gefühl drohenden Unheils hatte Suriyel während der letzten zwei Wochen schlaflose Nächte bereitet. Und gestern waren seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen worden!
Dass die Rettungsaktion der Gnadenengel erfolglos geblieben war, hatte Suriyel bis ins Mark erschüttert. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/
Der Erzengel war sich sicher, dass die Gnadendusche nicht aufgrund eines technischen Fehlers versagt hatte. Das hatte er auch Rafael erklärt, als der ihn heute Nachmittag kontaktiert hatte, um ihm eine Wiederholung des Procederes vorzuschlagen.
Suriyel hatte, als er versuchte, einen tropfnassen Schutzengel nach dem anderen auf seinen Armen in das Buddhistische Zentrum zu tragen, die leuchtende Energie der Gratia Sanctificans gespürt. Die verzweifelt schreienden Schutzengel waren regelrecht durchtränkt von der Gnade Gottes gewesen! Sie hatte nichts gegen Luzifers Pakt ausrichten können!
Das Unvorstellbare war geschehen: Das Böse hatte das Gute besiegt!
Suriyel hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Er musste das alles erst einmal verdauen und in Ruhe darüber nachdenken.
Und die allerletzte, die er in seinem aktuellen Zustand ertragen konnte, war Gabriel! https://www.water-runs-east.eu/gabriel/
Mit diesem Gedanken versperrte Suriyel die Eingangstür zum Tempel und lief in der Dunkelheit zum Stahltor an der Pforte. Im fahlen Licht einer Straßenlaterne drehte er sorgfältig den Schlüssel im Schloss.
Danach trat er zu seinem Wagen, den er vor dem Zentrum geparkt hatte. Er warf seine Tasche auf den Beifahrersitz und machte sich auf den Heimweg.

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