Berichte von den Grenzen des Ich

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Karawane

Ein Alptraum lässt mich um Hilfe bitten – und verschafft mir eine unerwartete Einladung zu einem exotischen Retreat…

Ich befinde mich auf einer Anhöhe. Unter mir erstreckt sich ein schmales Tal. Zwischen den kahlen Bäumen hängt der Morgennebel.

Es ist eiskalt.

Während ich in die Stille des frühen Tages hineinlausche, wird mir bewusst, dass ich träume.

Totenruhe, denke ich.

Ich bin im Land der Toten.

Mein Blick folgt dem mäandernden Lauf des Baches, der die Felder durchschneidet. Auf der gegenüberliegenden Uferseite führt eine schmale Straße entlang.

Bewegt sich dort etwas? Ich starre konzentriert auf die andere Seite des Flüßchens. Kein Zweifel: Dort drüben läuft eine Gruppe Menschen in meine Richtung.

Ich halte den Atem an: Das gedämpfte Knirschen des Kieses unter ihren Schritten dringt zu mir herüber. Es müssen viele sein.

Jetzt sind sie auf meiner Höhe angekommen. Zwischen den kahlen Zweigen der Uferbewachsung ziehen sie im Morgennebel an mir vorbei.

Eine Karawane von Toten.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht mein Traum ist.

Ich bin in einem fremden Gehirn gelandet! Dies ist der Traum eines Diktators, der im Schlaf seinen Opfern begegnet.

Damit wache ich auf.

Verstört und verängstigt! Was will mir dieser Traum sagen?

Dass der Auslöser für diese Traumbilder die Schatten der Toten aus dem zerbomten Nachbarhaus waren, die immer morgens zum Rauchopfer vor meiner Dachterrasse auftauchen, ist für mich klar. https://www.water-runs-east.eu/toten-tanz/

Aber warum lande ich im Traum in einem fremden Gehirn? Und auch noch in dem eines Tyrannen?

Waren das karmische Bilder? Seit ich regelmäßig tibetisches Tantra praktiziere, passieren die seltsamsten Dinge. Jahrelang habe ich die Erzählungen meiner Sangha-Brüder und -Schwestern über karmische Träume zurückgewiesen. Die Idee, man könne im Schlaf mit Erinnerungen aus früheren Leben konfrontiert werden, fand ich albern. Ich schwieg, wenn mir solche Geschichten zu Ohren kamen – und dachte mir meinen Teil.

Bis ich selbst mit einem solchen Traum konfrontiert wurde. Mitten im Retreat. Die Bilder waren von höchster Intensität und vollkommend realistisch. Obwohl Ort und Zeit der Handlung mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Nach dem Traum veränderte sich mein Leben. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Seitdem sehe ich die Sache mit den „Karmischen Träumen“ anders. Inzwischen halte ich es für möglich, im Schlaf Zugang zu vergangenen Leben zu finden.

„Und jetzt?“, frage ich mich, als ich nach dem Traum von der Toten-Karawane vor meinem Morgenkaffee sitze. „Was ist, wenn DU in einem früheren Leben dieser Diktator warst, der all diese armen Menschen auf dem Gewissen hat?“

Ein gruseliger Gedanke! Ich glaube es auch nicht wirklich, aber zu mindestens 25%…

„Throma!“, flüstert meine Innere Stimme in mein Ohr. „Du brauchst Throma!“

An die zornvolle Göttin des Todes und der Nacht – Throma Nagmo – habe ich schon länger nicht mehr gedacht. Dabei tanzte sie letztes Jahr über Monate in meinem Unterleib und brachte mein Leben gehörig durcheinander.

Throma ist die tibetisch-buddhistische Praxis der Friedhöfe, der Verbrennungsstätten – und der Toten. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

„Throma“, denke ich mir, „wäre vielleicht wirklich die passende Praxis für den Traum.“

Ich habe letztes Jahr im März in einem Retreat in der Mühle von Uriel Throma gelernt und auch die Übertragung – das Lung – des Lamas dafür erhalten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Aber die Praxis ist anspruchsvoll und ich habe sie seit dem Retreat nicht mehr geübt. Alleine bekomme ich das nie hin! https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-damaru-und-kangling/

Glücklicherweise war damals eine Frau bei dem Throma-Retreat dabei, die die Praxis gut beherrscht – und regelmäßig in Berlin ist. Ich habe ihre Telefonnummer. Nach dem Frühstück melde ich mich bei ihr und spreche mein Anliegen auf ihre Mail-Box:

Ich hätte heute Nacht von einer Karawane von Toten geträumt und bräuchte deshalb Throma. Ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir zu praktizieren, damit ich mich von negativem Karma reinigen kann?

Die Dharma-Schwester ist im übrigen Gynäkologin mit eigener Praxis. Keine ihrer dankbaren Patientinnen ahnt, dass die kluge Ärztin, die schon hunderte von Kindern ins Leben begleitet hat, in ihrer Freizeit eine Expertin der Todes-Göttin Throma Nagmo ist.

Am Nachmittag ruft mich die Dharma-Schwester zurück. Mit dem gemeinsamen Praktizieren sieht es schlecht aus, erfahre ich. Denn die Dharma-Schwester ist gerade sehr beschäftigt: Neben ihrer Arbeit muss sie auch noch für unsere Khandro ein Retreat organisieren. Nächsten Februar. In Berlin!

Khorde Rushen.

Ich fahre hoch: „Khorde Rushen?“

Das Retreat ist so berühmt wie rar. Jeder, der intensiv Tantra praktiziert, hört früher oder später wilde Geschichten darüber. Aber wahrhaftig an einem Khorde Rushen Retreat teilgenommen haben die wenigsten. Es ist schwierig umzusetzen und wird nur sehr selten angeboten.

Und auf einmal ist eines bei mir um die Ecke! Und wird von meiner amerikanischen Zufluchts-Lehrerin geleitet!

„Die Einladung müsste in den nächsten Tagen rausgehen,“ erklärt mir die Dharma-Schwester.

Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass sie mir eine Einladung schicken wird. Obwohl die diesmal nur an die Amerikaner aus der Sangha gehen wird. Die haben sich beschwert, dass immer nur Europäer in den Retreats der Khandro sitzen und sie nicht zum Zug kommen. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht in meinem E-Mail-Verteiler auf: Die Einladung zu Khorde Rushen! Druckfrisch!

Ich bin die erste, deren Name auf der Teilnehmerliste steht!

Der Traum wollte mir sagen, dass ich Khorde Rushen praktizieren muss, denke ich mir am Abend.

Es ging nicht um Throma! Ich muss mein negatives Karma mit Khorde Rushen reinigen…

Uriel

Am Ende der Welt betreibt Erzengel Uriel – zusammen mit seinem kleinen weißen Hund – ein tibetisch-buddhistisches Retreathaus…

Nur ein paar hundert Kilometer von Berlin-Mitte entfernt lebt Erzengel Uriel.

Uriel ist im Kreis der Sieben der Erzengel, der für Mystik und Magie zuständig ist. Es war Uriel gewesen, der den Menschen einst die Kabbala brachte.

Wenn es um Mystik und Magie geht, ist Uriel genauso gnadenlos, wie Suriyel, wenn es um die göttlichen Gesetze geht.

745 nach Christus wurde Uriel deshalb während eines Kirchen-Konzils der Prozess gemacht. Der Papst selbst saß über den Erzengel zu Gericht und kam, nach langer Beweisaufnahme, zu dem Schluss, Uriel wäre in Wahrheit ein Dämon. Denn nur die verstünden etwas von Magie.

Deshalb wurde der Erzengel aus dem Kreis der Heiligen, die von den Gläubigen angebetet werden dürfen, verbannt und aus dem Kirchenkalender gestrichen.

Ein paar hundert Jahre später drehte sich der Wind zu Gunsten Uriels. Der Erzengel wurde in Ehren wieder aufgenommen. Als Zeichen des Respekts für seine mystischen und magischen Fähigkeiten ist das Symbol, mit dem er seitdem auf allen Bildern dargestellt wird, eine offene Hand, die eine Flamme hält.

Uriel hatte dem Prozess keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das Kirchengericht musste selbstverständlich ohne seine Anwesenheit tagen. Dass er aus dem Kreis der Heiligen verbannt worden war, hatte den Erzengel genauso kalt gelassen, wie, dass er irgendwann wieder in Gnaden aufgenommen wurde.

Solche Status- und Distinktionsfragen sind für Engel von Bedeutung, die einen höheren Anteil Materie in sich tragen, als dies bei einem Erzengel der Fall ist.

Aus fünfzig Prozent Äther zu bestehen, geht mit Vorteilen einher.

Seinem Ätheranteil verdankt sich auch Uriels – seit über 4000 Jahren währende – Leidenschaft für Mystik und Magie.

Die Sache mit der Kabbala liegt inzwischen schon etwas zurück. Der Erzengel hat sich mittlerweile dem weiten Feld magischer Techniken der tibetisch-buddhistischen Tradition zugewandt.

Für einen Erzengel spielen die Begrenzungen von Religionen keine Rolle. Mit dem Segen des Allmächtigen kann sich Uriel mit der gleichen Intensität dem buddhistischen Tantra widmen, mit dem er sich zuvor der jüdischen Mystik hingab.

Sowohl Gott als auch seine weisen Diener wissen, dass Mystik nichts anderes ist als die Wissenschaft, die sich der magischen Praxis widmet, universelle Energie zu kanalisieren und zu transformieren.

Diese universellen Energie wird von den Seraphimen und Cherubinen des ersten und zweiten Chores von Anbeginn aller Zeiten erschaffen und durch ihren Gesang in Bewegung gehalten.

Uriel war als Führungsengel des dritten Chores vom Allmächtigen der Auftrag erteilt worden, zu erforschen, wie diese Energie am wirkungsvollsten zum Wohle aller lebenden Wesen kanalisiert und transformiert werden kann.

Er ist deshalb der Erzengel aus der Schar der Sieben, der ruhige und abgelegene Plätze bevorzugt. Nichts soll ihn von seinem Werk ablenken. Und seine jeweilige Heimstatt muss genau über jene Energie verfügen, die er benötigt, um seinen aktuellen Forschungsauftrag am effektivsten bearbeiten zu können.

Uriel hat schon hunderte von Jahren in diversen Wüsten verbracht, am Polarkreis bibernd seinen fünfzigprozentigen materiellen Anteil verflucht, und im neunzehnten Jahrhundert einen Forschungsaufenthalt in der Tiefsee absolviert.

Seit ein paar Jahren bewohnt Uriel ein Heim, das für seine Verhältnisse ausgesprochen kommod ist: sein gerade laufender wissenschaftlicher Auftrag, die Führung des Herrn und ein paar schräge Umstände haben dafür gesorgt, dass er sich in einer einsamen Ecke der Republik in einer alten Mühle niederließ.

Das Retreathaus, in das er die alte Mühle verwandelt hat, dient als Versuchslabor für seine mystisch-magischen Experimente.

Seitdem gehen die seltsamsten Gestalten dort ein und aus. Nepalesische Lamas geben sich mit tibetischen Schamanen die Klinke in die Hand.

Der pferdeköpfige Wassergeist, der im Mühlbach zuhause ist, freut sich genauso darüber, wie die kleinen Zauberwesen, die in den alten Weiden am nahen Flüsschen wohnen.

Alle paar Wochen bekommt Uriel Besuch aus dem fernen Berlin: wenn sein Erzengel-Kollege Suriyel Erholung von Luzifers Treiben in Friedrichshain braucht, schaut er für ein paar Tage bei Uriel vorbei.

Dann praktizieren die beiden Erzengel gemeinsam unter dem Dachstuhl und auf der Terrasse der alten Mühle. Zur Begeisterung all der Naturgeister und magischen Wesen, die, von der Energie der beiden angelockt, von nah und fern herbei eilen.

Uriels kleiner weißer Hund, der mit seinem himmlischen Herrn in der alten Mühle lebt, kennt jeden der magischen Besucher beim Namen und begrüßt die Gäste mit stürmischer Herzlichkeit.

Gerade ist Uriel mit einem besonders komplexen, anspruchsvollen und riskanten magischen Feldversuch beschäftigt.

Deshalb bleibt der Ort, an dem Erzengel Uriel lebt, geheim: er bittet darum, nicht bei seiner Arbeit gestört zu werden…

Karma

Ich reflektiere über Karma, Riwo Sangchö, die Konsequenzen des Vajra Armor Mantras und andere Seltsamkeiten…

An jedem Freitagabend können alle, die Lust und Zeit haben, im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain mit Suriyel „Chenrezig“ praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-chenrezig-eins/

Am Sonntagvormittag bietet er dazu noch seit Jahren „Grüne Tara“ an. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Vor sieben Monaten hat er sein Programm um Riwo Sangchö erweitert. Seit Januar bringt er jeden Sonntag nach der „Grünen Tara“ noch das traditionelle tibetische Rauchopfer dar. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

„Warum ausgerechnet Riwo Sangchö?“, frage ich ihn.

Es wäre eine spontane Idee gewesen. Oder, besser, ein Gefühl. Das Gefühl, dass Riwo Sangchö im Zentrum fehlen würde.

Also besorgte er sich den Text, bestellte die Musikinstrumente im Internet und versuchte sich im Ritual. Anfangs lief es eher holprig, erzählt er mir. Er konnte die Melodien nicht richtig, der Einsatz von Zimbeln und Trommel ging des Öfteren daneben. Aber inzwischen klappe es gut.

Was ich nur bestätigen kann.

Von einem seiner ersten Riwo Sangchö gibt es ein Video. In der Winterkälte steht eine Gruppe Menschen im Innenhof des Buddhistischen Zentrums. Suriyel führt durch das Ritual und nährt, als das Speiseopfer ansteht, die Flammen in der großen Feuerschale mit den Resten eines Christbaums.

Suriyel schickte das Video Uriel. Der schickte es mir. Als ich es sah, wusste ich, wer Maria in den tibetischen Buddhismus einführen – und mir darin Nachhilfe geben – sollte: Suriyel! https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-zwei/

Es war keine rationale Entscheidung, sondern – um mit Suriyel zu sprechen – ein Gefühl. Uriel hätte die Einführung ebenfalls hinbekommen. Und auch ein paar andere Dharma-Schwestern und -Brüder aus der Sangha hätten es gekonnt. Ich meditiere mit Profis.

Aber nein!

Genauso wie Suriyel auf einmal das Gefühl überkam, sein Buddhistisches Zentrum brauche Riwo Sangchö, sagte mir mein Gefühl, Maria – und ich – brauchen Suriyels Praxis.

Suriyels, zeitlich überschaubare, Praxiseinheiten während Marias Einführungswochenendes im Retreathaus am Ende der Welt lösten unerwartet heftige emotionale und visuelle Reaktionen aus. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-euphorie/

Von den Träumen aller Beteiligten ganz zu schweigen. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Sechs Wochen nach unserem meditativen LSD-Trip im Retreathaus am Ende der Welt breche ich zu einer Treckingtour auf. Tagelang in Einsamkeit durch die Natur laufen, dazu die stillen Nächte im Zelt – ich brauche das mehrmals im Jahr, damit es mir gut geht.

In Polen war ich noch nie beim Wandern. Dabei ist das Land nach meinem Umzug nach Leipzig auf einmal so nah – und billig ist es dort auch noch. Der einzige Pole im Freundeskreis – Suriyel – empfiehlt mir den Nationalpark von Bialowieza. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Die Wandertour wird zur Grenzerfahrung. Meine Träume im Urwald sind von extremer Intensität, immer wieder halluziniere ich regelrecht. Am letzten Tag meines Aufenthaltes an der Grenze zu Belarus bin ich in einem Zustand, der sich nur sehr eingeschränkt als „zurechnungsfähig“ beschreiben lässt.

In diesem Modus leiste ich am Schauplatz einer Massenhinrichtung ein Versprechen. https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Ich gelobe all den formlosen Wesen, die dort im Bardo gefangen sind, und den örtlichen Naturgeistern, die wegen der Gräueltaten mit der energetischen Blockade ihres Zuhauses klar kommen müssen, dass ich wiederkommen werde.

Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen. Denn das ist das Ritual, in dem durch Magie Weisheitsnektar erschaffen wird. Er gibt allen Wesen genau das, was sie brauchen, um Befreiung zu erlangen.Dafür muss ich das Ritual lernen. https://www.water-runs-east.eu/fazit/

Womit sich der Kreis schließt.

Suriyel und ich wissen beide, dass wir – warum auch immer – durch Karma aneinander gebunden sind. Und dass wir deshalb miteinander auskommen müssen.

Das ist aber auch der einzige Punkt, an dem wir uns einig sind.

Ansonsten sind wir komplett verschieden:

Er leidet unter meinem überbordenden Mitteilungsbedürfnis. Mich treibt seine Schweigsamkeit in den Wahnsinn.

Er empfindet meine Offenheit als übergriffig. Mich überfordert seine Verschlossenheit.

Ihn stört mein Perfektionismus. Mich irritiert sein Chaos.

Ihn nervt meine Dominanz. Mich seine Sturheit.

And so on…

Irgendwann schreibe ich ihm völlig entnervt: „Wir beide sind ein karmischer Frontalunfall! Einer von uns ist falsch rum in die intergalaktische Einbahnstraße eingebogen – und es ist nicht gesagt, dass ICH das war!“

Worauf zurückkommt: „Es gibt kein ‚Ich‘.“

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben – oder, aus der Perspektive Suriyels, nachdem ICH mich wieder beruhigt habe – texte ich ihm: „Wann bist Du auf die Idee gekommen, Riwo Sangchö anzubieten? Vor oder nach unserem Vajra-Armor-Retreat im Januar?“

„Nach dem Retreat.“

„Karma, Baby…“ schreibe ich zurück.

Ich bin mir im Grunde sicher, dass wir unsere seltsame karmische Beziehung unserem Vajra-Armor-Mantra verdanken.

Wie Suriyel das sieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Der schweigt dazu und behält seine Gedanken für sich. Wie üblich…

Zauberei

Im Buddhistischen Zentrum opfert Suriyel – unter strenger Beobachtung – mit zu viel Rauch Weisheitsnektar. Ich bin so irritiert, dass meine Visualisierung misslingt – und meditiere stattdessen über die Natur von Tantra…

Nachdem wir mit der Grünen-Tara fertig sind, schleppt Suriyel aus den Tiefen des Buddhistischen Zentrums wieder die große Plastiktüte mit dem Equipement für das traditionelle tibetische Rauchopfer herbei.

Zu meinem Erstaunen stellt er die große Feuerschale auf die kleine Holzterrasse auf der linken Seite des Schreinraums.

Beim letzten Mal fand das Riwo Sangchö auf der Terrasse statt, die rechts der riesigen Buddhastatue zu einem kleinen Innenhof führt. Heute ist die Terrassentür mit rot-weißem Band umwickelt, auf den Holzblanken – sehe ich durch die Glasscheibe – stehen graue Müllsäcke.

Als ich das binäre Wesen frage, warum der schöne Innenhof gesperrt wäre, bekomme ich erst erklärt, die Holzplanken wären morsch. Auf meinen verblüfften Blick hin – wir standen schließlich erst vor zwei Wochen zu viert darauf – schiebt es nach, es hätte nach unserem Riwo Sangchö vom vorletzten Sonntag im Zentrum Beschwerden wegen des Rauchs gegeben.

Nach einer halben Stunde ist alles für das Rauchopfer bereit – und wir sitzen herum und plaudern, weil wir noch auf jemanden aus dem Leitungsgremium des Zentrum warten.

Schließlich taucht eine sympathische Frau auf. Als einzige. Ansonsten sind es nur das binäre Wesen und ich, die beim Riwo Sangchö mitmachen. Ich frage die Zentrums-Frau, warum denn nicht mehr an dem Ritual teilnehmen?

„Naja,“ antwortet sie, „Suriyel bietet es jede Woche an. Die Leute werden müde.“

Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden einzelnen Morgen mit einem Riwo Sangchö. Zugegeben einer Kurzversion von etwa 25 Minuten, aber trotzdem!

Uriel erklärte mir im März, dass das traditionelle Rauchopfer nicht nur ein schönes Zeremoniell wäre, sondern auch noch höchst effektiv, um formlose Wesen aus dem Bardo zu befreien und karmische Verstrickungen aufzulösen.

Mit nichts lasse sich unkomplizierter gutes Karma anhäufen, als mit Riwo Sangchö, so Uriel.

Und dann werden sie in einem Buddhistischen Zentrum „müde“, weil die Praxis einmal in der Woche angeboten wird?

Und stören sich am Rauch eines Rauchopfers?

Denn die nette Zentrumsoffizielle, so zumindest mein Eindruck, nimmt nicht am Riwo Sangchö teil, um positives Karma zu generieren, sondern um dafür zu sorgen, dass Suriyel möglichst rauchlos opfert.

Was bei einem „Rauchopfer“ ein Widerspruch in sich ist…

Sollte Suriyel den Anspruch als Zumutung empfinden, lässt er es sich nicht anmerken. Allzu kompromissbereit ist er aber auch nicht: er reduziert lediglich die Anzahl der Thujazweige. Statt der üblichen sieben wandern nur zwei auf die glühenden Kohlen. Das reduziert die Dauer der Rauchentwicklung, nicht aber die Intensität: denn was richtig qualmt, ist weniger das Brennmaterial, als die Speisen.

Als Suriyel – beim Opferritual angekommen – nacheinander Honig, Melasse, Zucker, Butter, Joghurt, Milch und zwei Becher mit Kräutern ins Feuer kippt, dazu noch einen Krug Wasser hinterher, steigt eine dicke weiße Rauchwolke hoch. Genau wie es sein soll…

Ich bin so irritiert von den unvermuteten Spannungen um mich, dass ich nicht in die Visualisierung komme. Und das, wo ich schon die halbe Grüne-Tara wegen der Deutschen Bahn verpasst habe. Jetzt läuft auch noch das Riwo Sangchö nicht rund. Wie ärgerlich!

Damit der Karma-Effekt von Riwo Sangchö wirklich funktioniert, muss nicht nur rezitiert, gesungen und geopfert werden – was Suriyel in Perfektion beherrscht – sondern auch noch visualisiert.

Und das bedeutet in Riwo Sangchö – wie bei allen Tantra-Praktiken – nicht, einfach noch nebenher ein nettes Filmchen im Kopf abzuspielen, sondern durch einen bewussten Akt der energetischen Transformation zu einem Bodhisattva zu werden: einem erleuchteten Heiligen, der freiwillig Wiedergeburt auf Wiedergeburt annimmt, um alle leidenden Wesen befreien zu können.

Im Zustand dieser bewusst gehaltenen visuellen Selbsttransformation werden die Speisen geopfert: aber das, was da ins Feuer wandert, sind nicht einfach nur Lebensmittel. Damit sie die formlosen Wesen im Bardo, alle Naturgeister, Buddhas und Bodhisattvas nähren können, müssen sie energetisch in „Weisheitsnektar“ verwandelt werden, einer magischen Substanz, die jedem der vielen verschiedenen Gäste genau das gibt, woran es mangelt.

Diese Verwandlung der Speiseofper erfolgt durch Zauberkraft – und Zaubersprüche: Dem Mantra „Om ah hum“ und dem Mantra „Nama sarva tatagaté…“ das, um seine volle magische Wirkung zu entfalten, von einer festgelegten Abfolge von Mudras – rituellen Handbewegungen – begleitet wird.

Wenn man Riwo Sangchö – und alle anderen Tantra-Praktiken – als das praktizieren möchte, was sie ihrem Ursprung nach sind – Magie – muss man für sich akzeptieren, zum Zauberer oder zur Zauberin zu werden.

Und man muss akzeptieren, dass das, was man da rituell einlädt, wirklich existiert. All diese formlosen Wesen im Bardo, die Naturgeister, Buddhas, Bodhisattvas sind mitten unter uns. Nur sind wir so sehr in unserem limitierten Alltagsgeist gefangen, dass wir sie nicht wahrnehmen können.

Was an unseren Verstrickungen mit ihnen – und dem daraus für alle Beteiligten resultierenden Leid – nichts ändert.

Deshalb suchen Menschen seit den Ursprüngen unseres Geschlechts diese Barrieren unseres beschränkten Denkens und Wahrnehmens zu überwinden. Schamanen gab es zu allen Zeiten – und es wird sie bis ans Ende der Menschheit geben. Denn das, was sie tun, ist die elementarste aller menschlichen Tätigkeiten: sie bringen Lebensenergie ins Gleichgewicht.

Dass das ein anspruchsvoller Job ist, versteht sich von selbst.

Und dass es dabei manchmal etwas unruhiger zugeht, auch. Manchmal raucht es sogar – und nicht nur ein bisschen…

Trotz aller Widrigkeiten – und der fehlenden Visualisierung – sind wir irgendwann im Flow, alles um uns glüht vor Energie.

Ob Gäste kommen oder nicht, entzieht sich leider meiner Kenntnis, denn – wie gesagt – ich „sehe“ nichts.

Hinterher finde ich: wir haben das Beste draus gemacht.

Und die Zentrumsfrau lobt Suriyel, weil er diesmal statt der üblichen 90 Minuten bereits nach sozialverträglichen 45 Minuten mit seinem Riwo Sangchö fertig ist.

Als ich um fünf Uhr Abends wieder im Zug nach Leipzig sitze – der abermals Verspätung hat, wenn auch diesmal nur eine halbe Stunde – texte ich Suriyel: „Das war der Tag des Widerstandes.“

„…oder der Möglichkeiten“, kommt es zurück.

Oder so…

Höheres Tantra

Im Buddhistischen Zentrum finde ich mich – obwohl verspätet – überraschend befriedet ein. Während Suriyel seine Grüne Tara praktiziert, reflektiere ich über das Prinzip neurotischen Leidens und die Herausforderungen der Tantrapraxis für alle Beteiligten…

Als ich am Sonntag aus dem U-Bahnschacht in Berlin-Mitte haste, ist es schon nach 12 Uhr Mittags. Ich bin mehr als eine Stunde zu spät dran für die Praxis im Buddhistischen Zentrum – vielen Dank an die Deutsche Bahn!

Schon seit dem Aufwachen bin ich im Widerstands-Modus. Die zäh dahinfließenden Minuten im still stehenden Zug mit Blick auf die Pampa Brandenburgs ließen mich innerlich vor Wut kochen. Ich musste die Konzentration meiner kompletten Zen-Praxis aufbringen, um nicht einen armen unschuldigen Mitreisenden ohne Anlass anzugiften.

„So wird das nie was!“, denke ich verzweifelt. Wie soll ich eine anspruchsvolle tibetisch-buddhistische Praxis wie die „Grüne Tara“ lernen, wenn ich nur höchstens zwei Mal im Monat teilnehme und dann auch noch regelmäßig zu spät komme?

Ich sehe mich die nächsten Jahre meines Lebens – hilflos der Deutschen Bahn ausgeliefert – zwischen Leipzig und Berlin hin und her pendeln, ohne irgendwelche Fortschritte in meiner Meditationspraxis vorweisen zu können. Ein moderner weiblicher Sisyphos, verurteilt zu ewiger sinnloser Anstrengung.

Zu meiner Verblüffung verfliegen Wut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in dem Moment, in dem ich neben Suriyel im großen Schreinraum auf das Meditationskissen sinke.

Er und das binäre Wesen sind die einzigen, die gerade die Grüne Tara praktizieren. Sie sind schon in der zweiten Hälfte der Praxis angelangt.

Ich sitze still da, höre zu, nehme verblüfft meine plötzliche innere Friedfertigkeit zur Kenntnis – und siniere dabei über das Prinzip buddhistischer Praxis.

Buddha lehrte, dass alles Leiden auf drei Wurzelgifte zurückzuführen ist: Gier, Hass und Ignoranz. Wenn uns diese Emotionen dominieren, leiden wir. Das Leben fühlt sich falsch und ungerecht an. Wir erleben uns als Opfer böser äußerer Mächte, die uns etwas antun und damit verhindern, dass wir glücklich sind.

Dabei entscheiden wir in jedem Moment selbst darüber, ob wir leiden oder nicht. Solange ich einverstanden bin mit dem was ist, gibt es kein Leid – auch wenn das sehr provokativ klingt, angesichts all des Unrechts und der Gewalt in dieser Welt.

Die Wurzel dieses Problems liegt, so nehme ich an, nicht in der buddhistischen Philosophie begründet, sondern in deren Übersetzung.

Dass wir glauben, „Akzeptanz“ wäre gleichbedeutend mit „etwas gut finden“, hat vermutlich etwas mit unserer sprachlichen – und kulturellen – Konnotation zu tun.

Der Buddhismus und seine Philosphie stammen aus einem anderen Kulturkreis. Die Übersetzung von Begriffen und Konzepten ist deshalb immer eine Herausforderung. Im Buddhismus ist die Haltung der Akzeptanz nicht gleichbedeutend damit, moralisch einverstanden zu sein.

Es beschreibt einfach nur eine radikale Haltung der Annahme von Realität: die Dinge sind in diesem Moment genau so, wie sie sind. Punkt!

Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie genial diese Haltung ist. Wie befreiend es ist, sich nicht mehr als Opfer der Umstände fühlen zu müssen.

Dass ich dem Prinzip nach verstanden habe, worum es in meiner Praxis geht (oder das zumindest glaube), bedeutet nicht, dass ich in der Lage bin, diese Haltung der Akzeptanz von Realität konsquent einzunehmen. Im Gegenteil – wie der Text oben und die vorhergehenden Blogeinträge beweisen.

Mit dem Ergebnis, dass ich leide. Nicht an tibetisch-buddhistischer Praxis, einem unperfekten buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte oder der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn – sondern an meinen Neurosen!

Wir alle tragen in vielen Schichten, bis hinunter in unser Unbewusstes, fixe Ideen mit uns herum, wie unser Leben und unsere Umwelt zu sein haben, damit wir glücklich sein können. Das ist einfach das Prinzip unserer Conditio Humana. Evolutionsbiologisch scheint diese Form der inneren Selbstorganisation mit Vorteilen für das Überleben unserer Spezies einherzugehen.

Dummerweise dient die Evolutionsbiologie der effektiven Weitergabe von Genen – Lebensglück ist kein Thema für sie.

Deshalb sind wir „Überlebensmaschinen“ und gleichzeitig prädestiniert für seelisches Leid.

Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Konzepte vom „guten Leben“ umzusetzen in der Hoffnung, „glücklich“ zu sein und ahnen nicht, dass wir einfach nur neurobiologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die uns und unseren Nachkommen das Überleben sichern.

Es gibt natürlich eine Schnittstelle zwischen „Glück“ und evolutionären Überlebensmustern: Solange alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, kommen wir weder mit Leid noch mit unseren beschränkten Konzepten in Berührung.

Das fühlt sich gut an, läuft aber – so Buddha – unter „Ignoranz“.

In dem Moment, in dem die Realität den inneren Ansprüchen entgegenläuft, ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Wir reagieren mit Widerstand, Kränkung, Verzweiflung, Kontrollstreben, Wut etc. = wir „leiden“.

Und suchen verzweifelt nach dem Notausgang: „Das fühlt sich gerade alles so völlig falsch und schrecklich an – ich will hier raus!!!“

Und dabei ist genau diese Erfahrung so unendlich wertvoll! Sie ist der Schlüssel, um Ignoranz hinter sich lassen zu können, und wirklich im Hier und Jetzt anzukommen. Nur diese extremen Frustrationserfahrungen, das Leiden an den Begrenzungen und Ungerechtigkeiten des Lebens, befreit.

Denn das, was sich oberflächlich so gut anfühlt – zu bekommen was man will, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, abgeschirmt zu sein von den Zumutungen der Existenz – erweist sich langfristig als „Goldener Käfig“.

Der Kokon unserer Konzepte wird, je länger wir darin vergraben sind, zu einem Gefängnis, dass uns von der Realität – und damit vom Leben – trennt.

Im Ergebnis fühlt sich unsere Existenz fade an. Wir haben das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilhaben zu können. Wir sind zu Zaungästen von Freude, Lust und Spontanität geworden, zu Konsumenten der aufregenden Leben anderer.

Der Preis für Sicherheit und Berechenbarkeit ist Depression.

Diesen Zustand beendet kein Zaubertrick. Wieder ins Leben zurückzufinden, ist harte Arbeit.

Denn der einzige Weg, Zugang zur eigenen Vitalität – und damit zur Vitalität aller Existenz zu finden – führt durch den Prozess der Annahme dessen, was ist.

Mehr noch: der Annahme dessen, was ich bin: der eigenen Limitierungen, der eigenen Ängste – und der eigenen Schwächen.

Und dabei geht es nicht nur um die „allzu menschlichen“ Aspekte der eigenen Persönlichkeit, sondern auch um tief sitzende charakterliche Mängel.

Hinter all diesen „Schatten“ der eigenen Persönlichkeit, die man sich selbst in den dunkelsten Stunden nur kurz und verschämt ansehen möchte, steht letztendlich immer eine Urangst: die Angst vor der eigenen Vernichtung.

Und genau dort setzen die anspruchsvollsten Techniken buddhistischer Meditation an.

Im Gegensatz zu den basalen Praktiken – wie das Singen oder Rezitieren von Mantras, die den Geist beruhigen und friedlich stimmen – haben Praktiken des Höheren Tantra einen disruptiven Effekt: sie „zerlegen“ das Ego.

Gnadenlos.

Dass ich, in dem Moment an dem ich beschloss, Riwo Sangchö und auch noch Grüne-Tara lernen zu müssen, mit den allerunschönsten Seiten meiner Persönlichkeit konfrontiert wurde, gehört zum „Trainingsprogramm“.

Wäre es anders, würde etwas falsch laufen.

Normalerweise dauert diese erste exzessive Phase des hilflosen Um-sich-Schlagens nicht allzu lange. Ich bin „durch“, erkenne ich, während ich still Suriyel lausche, der gerade das Abschlussgebet der Grünen-Tara anstimmt.

Was danach kommt, ist auch nicht vergnüglicher – im Gegenteil – aber immerhin habe ich schon mal den ersten Bewährungstest bestanden.

Ich habe nicht aufgegeben, sondern bin immer noch dabei!

Trotz schlafloser Nächte, unendlicher autoaggressiver Gedankenkreisel, äußeren Widerständen – und einem handfesten Krach mit Suriyel. Auch der hat den Bewährungstest bestanden und nicht aufgegeben. Obwohl mein hysterisches Ego mit allerlei schmutzigen Tricks versucht hat, ihn dazu zu bewegen, mich vor die Tür zu setzen.

Wir wissen eben beide, wie das Spiel läuft: nicht nur die, die die Praxis lernen, müssen zäh sein. Auch die, die sie vermitteln, haben einiges aushalten.

So sind die Regeln für alle, die zum Höheren Tantra berufen sind. Es ist ein unendlicher Leidens- und Lernprozess – für alle Beteiligten…

Wächter

Bei meinem zweiten Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum versuche ich mich in der Grünen-Tara-Praxis, bin ein weiteres Mal irritiert darüber, dass ich keine Gästen während Riwo Sangchö „sehe“ und muss akzeptieren, dass mich wieder einmal mein „Innerer Wächter“ davon abhalten will, Fortschritte in meiner Meditationspraxis zu machen…

Am nächsten Sonntagmorgen nehme ich wieder den ICE nach Berlin. Meine zweite Reise in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum fühlt sich schon fast wie Routine an.

Im Pavillon im großen Innenhof, in dem letzten Sonntag die Praxis stattfand, heftet gerade eine Gruppe von Frauen handgeschriebene Zettel an ein Whiteboard. Irgendeine Weiterbildung, vermute ich.

Wo findet diesmal die Praxis statt?

Ich wandere suchend umher. Im Flur des Haupthauses treffe ich auf das binäre Wesen von letztem Sonntag. Es trägt wieder Batik und weist mir den Weg in den zentralen Schreinraum des Zentrums.

Der ist groß und schön, sehe ich beim Eintreten – und noch ein halber Rohbau. An der Stirnseite steht ein prächtiger tibetisch-buddhistischer Altar vor einer weiß gestrichenen Wand, aber die anderen Seitenwände sind unverputzt, der Dachstuhl ist noch nicht verschallt.

Suriyel hat schon alles vorbereitet. Außer ihm ist nur noch eine einzelne Frau im Raum. Dann kommt auch noch das binäre Wesen dazu und nimmt neben der großen Trommel Platz.

Ich setze mich ebenfalls hinter ein Schreintischchen, auf dem bereits der Rezitationstext der Grünen-Tara-Praxis liegt. Heute, habe ich während der Herfahrt beschlossen, praktiziere ich das erste Mal mit. Nur immer passiv zuzuhören, während Suriyel die Arbeit macht, ist unangemessen.

Hier im Zentrum bin ich mit den traditionellen schmalen Textstreifen konfrontiert, die ich normalerweise nur von tibetischen Lamas kenne. Sie haben mich schon bei meinem ersten Aufenthalt letzten Sonntag während des Riwo Sangchö ins Schleudern gebracht.

Suriyel musste mir zeigen, wie man umblättert – sie werden, wenn die Vorderseite rezitiert ist, nach oben geklappt, dann kann die Rückseite gelesen werden. Trotzdem verlor ich nach kurzer Zeit den Überblick und brachte die Blätter durcheinander.

Diesmal ergeht es mir nicht besser: Rezitiert wird der tibetische Text, der in Lautschrift in lateinischen Buchstaben unter den tibetischen Schriftzeichen steht. Darunter befindet sich eine englische Übersetzung. Die muss ich mir in Ruhe zuhause durchlesen, in dem Tempo, das Suriyel vorlegt, schaffe ich es nur mit größter Mühe, wenigstens ansatzweise dem tibetischen Text zu folgen.

Ich haste mit den Augen von Zeile zu Zeile, meine Zunge stolpert über komplizierte Silben. Wieder einmal merke ich, was für ein ausgezeichnetes Konzentrationstraining die Rezitation tibetisch-buddhistischer Texte ist: sobald mein Geist auch nur eine Sekunde abschweift, verliere ich die Zeile oder zerschelle an einzelnen Silben.

Dazu wird der Text nicht einfach Zeile für Zeile durchgearbeitet. Einzelne Passagen werden mehrmals widerholt. Dann muss mehrere Seiten zurückgeblättert werden – immer so, dass der Text nicht versehentlich verkehrt herum gedreht wird – und wenn ich den Anfang der Passage gefunden habe, ist Suriyel schon wieder zwei Seiten weiter und ich finde die richtige Zeile nicht, weil er alles in rasender Geschwindigkeit auf Tibetisch rezitiert und singt.

Zwischendurch wird auch noch der Text gewechselt – ich blättere und sortiere, suche nach den richtigen Zeilen, falle über komplizierte Silben und bin, als wir nach zwei Stunden am Ende angekommen sind, völlig erschöpft.

Und dabei ist die Rezitation und das Singen des Textes nur ein Aspekt der Praxis. Dazu kommt Meditation: in der Grünen-Tara-Praxis gibt es einen Abschnitt, in dem in offenem Gewahrsein meditiert wird, dazu noch eine ausführliche Meditationspraxis mit dem spezifischen Mantra der Grünen Tara.

Und oben drauf muss zu all dem Rezitieren, Singen und Meditieren auch noch visualisiert werden. Das „Drehbuch“ für den Film, inklusive der Emotionen, die begleitend aufgerufen werden müssen, findet sich im Text. Für Westler gibt es eine englische Übersetzung, in der alles Schritt für Schritt erklärt wird. Man muss sie nicht nur auswendig lernen, sondern auch noch im Kopf haben, an welcher Stelle der Zeremonie welche Bilder und Emotionen abgerufen werden müssen.

Tantra ist eine anspruchsvolle und vorraussetzungsreiche Angelegenheit. Vor allem für uns im Westen, denke ich mir, während ich die Textstreifen wieder in die richtige Reihenfolge bringe und dem binären Wesen überreiche. Tibeter haben es leichter: sie verstehen zumindest, was sie tun.

Als ich das in der Pause zwischen Grüner-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu Suriyel sage, widerspricht er mir: für tibetische Muttersprachler wären die sakralen Rezitationstexte völlig unverständlich. Die dort verwendete Sprache hätte mit dem üblichen Alltagstibetisch so gut wie nichts gemein. Und Übersetzungen in modernes Tibetisch wären nicht üblich. Wir Westler wären tibetischen Praktizierenden gegenüber im Vorteil, weil wir über die englischen Übersetzungen verfügen, die uns detailiert erklären, was korrekterweise zu tun sei.

Das tröstet mich etwas. Daran, dass ich noch sehr viel Arbeit, Zeit und Mühe investieren muss, bis ich die Praxis irgendwann beherrschen werde, ändert das leider nichts.

Während Suriyel von irgendwo eine riesige Plastiktüte mit all seinem Equipement für das Riwo Sangchö herbeischleppt, plaudere ich ein bisschen mit dem binären Wesen, das im übrigen ganz bezaubernd ist. Auf den halben Rohbau-Zustand des Schreinraums angesprochen, erklärt es mir, das Buddhistische Zentrum wäre wie der Kölner Dom: wenn an einem Ende endlich etwas fertig wäre, sei am anderen Ende schon wieder was kaputt. Und wirklich, die schöne Holzterrasse zum kleinen verwunschenen Innenhof, auf der Suriyel gerade seine große Feuerschale platziert, ist an einzelnen Stellen schon wieder morsch.

Bevor Suriyel die Kohlen anzündet, ruft er zu meiner Erheiterung wieder bei der Feuerwache um die Ecke an und meldet, dass es unter der genannten Adresse wegen eines Rituals zu erhöhter Rauchentwicklung kommen wird.

Auf einem kleinen Altar, der vor der Terrasse im Schreinraum platziert ist, hat Suriyel acht kleine Näpfe mit Wasser, einer Blume, einer Kerze und Räucherstäbchen aufgereiht. Sie symbolisieren verschiedene Gegenstände, mit denen die Gäste, die wir zum Festmahl erwarten, willkommen geheißen werden.

In der Ablagefläche darunter hat er die Speiseopfer gestellt, die er später während des Zeremoniells verbrennen wird.

Nachdem wir wieder alle vier Platz genommen haben – das binäre Wesen schlägt abermals die Trommel – beginnt das Zeremoniell. Riwo Sangchö ist einfacher als die Grüne-Tara-Praxis: es gibt weniger Text, der Aufbau ist übersichtlicher, die Melodien sind eingängig und werden langsamer gesungen. Außerdem habe ich es schön öfter praktiziert. Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden Tag mit einem Riwo Sangchö, es ist mir deshalb schon ein wenig vertraut.

Ich versuche also, während ich singe und das Mantra rezitiere, auch noch zu visualisieren. Aber wieder ergeht es mir nicht besser als beim Riwo Sangchö am vorherigen Sonntag hier im Zentrum: ich „sehe“ keine Gäste.

Und dabei vibriert alles um uns vor Energie! Wir sind gerade richtig im Flow – genau wie es sich gehört. Dazu produzieren die Thuja-Zweige, die Suriyel auf die glühenden Kohlen gelegt hat, dicke Rauchschwaden und seine Opfergaben sind vom Feinsten.

Während ich, zusammen mit den anderen, wieder und wieder im Singsang das Mantra rezitiere, schaue ich auf den Boden und versuche gleichzeitig, mein „Drittes Auge“ zu justieren. Das kann ja wohl nicht sein, dass da nichts ist? Normalerweise kommen sie immer!

Aber ich „sehe“ keine wie auch immer gearteteten Wesen, Gestalten, Gottheiten, Naturgeister – what´s ever – um die Feuerschale herum auftauchen. Gibt es hier keine oder ist heute einfach nicht mein Tag?

Als wir fertig sind, fühle ich mich seltsam leer und unzufrieden. Dabei war es wieder einmal so ein schönes Ritual: niemand beherrscht es in dieser Perfektion wie Suriyel.

Auf dem Weg zurück nach Leipzig beschließe ich, dass mir gerade mein arrogantes Ego einen Streich spielen will: es mault und tobt Tag und Nacht in meinem Kopf, seit ich beschloss, in Suriyels Buddhistischem Zentrum Riwo Sangchö – und jetzt auch noch Grüne Tara – zu lernen. Es spielt sicher gerade ein böses Spiel mit mir, in der Hoffnung, ich könne die Lust an der Praxis verlieren und einfach nicht mehr hinfahren.

Je größer der Gewinn einer Praxis, desto extremer der Widerstand, lautet die Faustformel. https://www.water-runs-east.eu/sieben-der-waechter/

Schizophrene Beziehungskrise

Die Entscheidung, im Buddhistischen Zentrum in Berlin regelmäßig Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu praktizieren, beschert mir eine heftige „Beziehungskrise“ zwischen meinem kontrollbedürftigen Ego und meiner intuitiven Inneren Stimme….

Der Besuch am Sonntag im Buddhistischen Zentrum hat mir gut getan. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Am Montag bin ich regelrecht befriedet, mein arrogantes Ego ist abgetaucht. Am Dienstag bin ich immer noch gut gelaunt, während mein Ego schweigend schmollt.

Am Mittwochmorgen brauche ich garnicht erst auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen. Ich muss noch nicht mal nach dem Aufwachen mein Bett verlassen, um zu realisieren, dass dieser Tag schon gelaufen ist, bevor er überhaupt begonnen hat.

Mein widerständiges Ego hat den Schock der intensiven Praxis vom Sonntag überwunden und ist bereit für einen neuen Frontalangriff. Es will mit allen Mitteln verhindern, dass ich noch einmal nach Berlin fahre, um mit Suriyel Grüne Tara und Riwo Sangchö zu praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Es lamentiert, klagt, droht und beschimpft mich – oder besser meine intuitive Innere Stimme, die ihm den Schlamassel eingebrockt hat.

Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen sich mein Ego und meine intuitive Innere Stimme gut verstehen. Wenn meine intuitive Innere Stimme dafür sorgt, dass alles so läuft, wie sich das mein Ego wünscht, ist es ihr sogar sehr zugetan.

Aber wehe, die intuitive Innere Stimme entscheidet sich für irgendwas, was dem Ego Angst macht. Und das passiert schnell: mein Ego ist – wie alle Egos – extrem ängstlich. Es will Kontrolle, immerzu, in allen Situationen, sonst dreht es hohl.

Im Gegensatz zu meiner intuitiven Inneren Stimme: die ist komplett furchtlos. Mehr noch: das ständige Katastrophisieren des Egos ist ihr ein Rätsel.

Dazu sind die beiden auch noch völlig verschieden: mein Ego ist komplett an Sprache gebunden. Es braucht logische Erklärungen, will argumentativ überzeugen – und überzeugt werden – und lässt nur stehen, was in vertraute und bewährte Konzepte passt. Es ist intelligent, intellektuell beschlagen, sprachlich gewandt – und gleichzeitig engstirnig, unflexibel und bar jeder Phantasie. Kurz: es ist ein ängstlicher bildungsbürgerlicher Spießer.

Meine intuitive Innere Stimme dagegen kann mit Logik, Argumenten und Konzepten nichts anfangen. Planen, Bewerten, Ziele formulieren – wofür soll das gut sein? Das Leben macht eh was es will! Kontrolle ist Illusion, erklärt sie dem ängstlichen Ego wieder und wieder. Und so etwas wie Tod gibt es nicht!

Denn das ist die größte Furcht des Egos: dass die intuitive Innere Stimme in ihrer völligen Blindheit für die Konsequenzen etwas tut, was ihm das Leben kosten könnte.

Für diese Situationen hat das ängstliche Ego einen siebten Sinn: es riecht regelrecht, wenn die intuitive Innere Stimme wieder mal in größter Naivität Entscheidungen trifft, die sein Überleben bedrohen.

Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum und die Meditationspraxis, die er anbietet, hat genau die Qualitäten, die alle Alarmsirenen meines Egos schrillen lassen.

Und das Ego kennt die intuitive Innere Stimme gut: es muss schließlich schon sein ganzes Leben mit ihr klar kommen. Es hat aus bitterer Erfahrung gelernt, dass die sich von ihm nichts sagen lässt. Und dass der intuitiven Inneren Stimme im Zweifelsfall das Wohlbefinden des Egos komplett egal ist.

Dass das tibetisch-buddhistische Zentrum mit Konsequenzen für sein Wohlergehen einhergehen wird, kann sich das Ego an seinen 10 Fingern abzählen. Auf beruhigende Sprüche wie „Du musst Dich nicht aufregen, wir fahren da ein paar Mal hin und dann ist es gut!“, fällt das Ego nicht mehr rein. Die hat es in den letzten Jahren zu oft gehört – und was war?

Erst hieß es: „Wir praktizieren ein bisschen Traum-Yoga, damit wir besser schlafen können.“

Und auf einmal fand es sich in einem schmuddeligen Retreathaus mitten im Odenwald wieder und musste zwei Jahre Ngöndro-Praxis ertragen.

Mit allen Konsequenzen für sein Seelenheil: für ein fragiles spießiges Ego sind Meditationstechniken, in denen es der intuitiven Inneren Stimme dabei zusehen muss, wie die visualisiert, der gemeinsam bewohnte Körper würde sterben, alles Fleisch würde von den Knochen gesägt werden, die Schädelschale werde zum Suppenkessel, die Haare zum Brennmaterial, Fleisch und Innereien zur Suppeneinlage und wenn alles gut gekocht ist, bekommen es die Buddhas, Bodhisattvas und Dhakinis serviert, ein einziger Albtraum.

Auch damals war ihm gesagt worden: „Keine Panik, mehr wird es nicht werden!“

Und dann?

Hatte die dämliche intuitive Innere Stimme inmitten 140 Teilnehmern mit gewohnter Zielsicherheit ausgerechnet Uriel ausgewählt, dem die E-Mail-Adresse in die Hand gedrückt und um Aufnahme in seinen Verteiler gebeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Es kam, wie es kommen musste: die Einladung zum Vajra-Armor-Mantra-Retreat entzückte die intuitive Innere Stimme und trieb das kontrollwütige Ego in den Wahnsinn. https://www.water-runs-east.eu/no-muggles/

Das Ego mutete Uriel damals einiges zu: es wollte kein Mantra, es wollte keine Zuflucht nehmen, es wollte partout überhaupt nichts von allem, was sich da auf einmal auftat. Uriel ertrug mit Würde alle hysterischen Mails, widmete auch den dümmsten Einwänden noch seine freundliche Aufmerksamkeit, lies sich von allen Versuchen meines Egos, die Sache durch gezielte Blödheit an die Wand zu fahren, nicht beeindrucken – und am Ende fand sich das völlig verzweifelte Ego als Buddhistin in einem komplett bizarren Boundary-Retreat mit einem Haufen Röcke tragender singender Männer wieder. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Die Konsequenzen waren so zahlreich wie tiefgreifend: Drei Jahre später war das Ego sein bequemes Leben, seinen Status und all die Annehmlichkeiten los, die ihm so wichtig gewesen waren. https://www.water-runs-east.eu/spalt/

Als einziger Trost war ihm erklärt worden, mehr als das Vajra-Armor-Mantra würde es nie ertragen müssen.

Und was war?

Im März gleich drei zornvolle Praktiken hintereinander! Am Schluss stand es mit einer zornvollen schwarzen Göttin da, die seitdem ununterbrochen im Unterleib vor sich hin tanzt. Mit den entsprechenden Konsequenzen für den Energiehaushalt und die Dominanz der intuitiven Inneren Stimme. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Und wieder als einziger Trost das Versprechen, dass jetzt aber wirklich Schluss wäre: Vajra-Armor-Mantra, Throma-Praxis, dazu täglich Zazen – das wäre genug. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber dann fand es sich statt in einem Wanderurlaub auf einem Selbsterfahrungstrip wieder – und kurz danach in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

„Und da wunderst Du Dich, dass ich Dir nicht mehr über den Weg traue?“, tobt und schreit es meine intuitive Innere Stimme an. „Ständig werde ich hier belogen und betrogen! Alles was Du machst ist kompletter Wahnsinn und ich muss mit den Konsequenzen leben! Dabei bin ICH die Stimme der Vernunft! Und du spinnst!“

Erste Praxis

Meine erste Praxis in einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum geht mit konfusen Eindrücken einher…

Das Buddhistische Zentrum ist weit größer, als es von Außen den Anschein hat. Es besteht nicht nur aus einem Gebäude, wie ich es erwartet hatte, sondern aus einem ganzen Gebäudeensemble. Ich sehe mich um: wo muss ich hin?

Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich wird verkündet, dass heute ein „Schweige-Retreat“ stattfindet. Mehr Information gibt es nicht.

Ich wandere suchend umher, entdecke durch ein Fenster eine Gruppe Menschen in stiller Meditation vertieft – wohl das Schweige-Retreat – biege um eine Ecke und stoße zu meiner Erleichterung in einem großen Innenhof auf Suriyel.

Er befindet sich in Begleitung eines rundlichen binären Wesens mit Knebelbart und in Batikkleidung.

Ich begrüße Suriyel, stelle mich seiner Begleitung vor, und bekomme den Weg in den Schreinraum gewiesen.

Der ist schön, das muss selbst mein dämliches Ego zugeben. Meditationskissen gibt es auch, sogar in rauen Mengen, dazu bequeme Sitzunterlagen und Schreintischchen oben drauf. Mein Ego ist verstimmt, dass es nichts zu meckern gibt.

Ich nehme Platz und harre der Dinge, die da kommen werden. Während Suriyel alles für das Ritual vorbereitet, tröpfeln nach und nach die anderen Teilnehmer herein. Am Ende sind wir zu fünft – inklusive des binären Wesens.

Dann geht es los: Suriyel rezitiert, singt und opfert, die anderen machen mit – ich sitze einfach nur da. Ich bin wegen des Riwo Sangchö hier, die Grüne Tara nehme ich mit, habe ich beschlossen. Zwei lange Praxiseinheiten hintereinander sind mir zu anstrengend. Außerdem ist es ein Genuss, Suriyel zuzuhören, der mir gegenüber sitzt. Er macht das richtig schön. Genau, wie beim ersten Mal, als ich mit ihm praktizieren durfte. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Obwohl ich passiv bin, geht die Praxis nicht spurlos an mir vorüber: irgendwann schmerzt meine ganze linke Körperhälfte zum Gotterbarmen. Was das Ritual in mir auslöst, weiß ich nicht zu sagen. Irgendwas triggert mich, sonst würde ich hier nicht gerade so sehr auf meinem Kissen leiden. Ich versuche mich in Akzeptanz, senke den Blick und konzentriere mich auf meinen Atem und den Raum um mich herum. Aber was ist das?

Direkt vor mir steht auf einmal eine riesige Grüne Tara! Ihr Kopf reicht bis zur Decke, sie hat beide Arme erhoben, dazu ein Bein.

Ihre Energie hebt mich regelrecht von meinem Sitzkissen.

Das kann ja wohl nicht sein! Ich habe schließlich nicht visualisiert! Ich sitze einfach nur da, lausche einer Praxis, die ich überhaupt nicht kenne, denke an nichts und trotzdem ist da auf einmal diese Göttin. Noch dazu ist das Bild ist von erstaunlicher Stabilität. Normalerweise muss ich mich konzentrieren, um eine Visualisierung so konstant zu halten. Jetzt bin ich einfach nur irritiert – das Bild bleibt.

Außerdem ist diese Grüne Tara schlammgrün. Hätte ich sie bewusst visualisiert, wäre meine Grüne Tara flaschengrün, ich bin mir sicher. Diesen wenig attraktiven Grünton würde ich niemals für eine buddhistische Göttin wählen, er widerspricht meiner Ästhetik.

Was ist hier los? „Sehe“ ich auf blöd Suriyels Grüne-Tara-Visualisierung? Ist so etwas möglich?

Das schlammgrüne Drei-D-Bild samt der überwältigenden Energie bleibt stabil fast bis zum Schluss des Rituals in der Mitte des Raumes stehen. Erst als Suriyel das Abschlussgebet anstimmt, verschwindet sie.

Völlig erschlagen flüchte nach dem Ende des Zeremoniells in den Innenhof. Der ist gerade besetzt: mit verklärten Gesichtern wandeln dort die Teilnehmer des Schweigeretreats in der warmen Mittagssonne. Den Zustand kenne ich gut, so geht es mir auch immer während meiner Zen-Retreats. Das sind heilige – und hart ersessene – Momente.

Es dauert ein bisschen, bis Suriyel alles für das Riwo Sangchö hergerichtet hat. Dafür lässt er sich nicht lumpen: nur das Beste für die Gäste!

Während Uriel im Retreathaus am Ende der Welt auf eine praktische nepalesische Fertigmischung zurückgreift, gibt es hier alles frisch: Butter, Joghurt, Milch, Honig, Melasse, Zucker, dazu Räucherwerk und einen Krug Wasser. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Wir nehmen vor der Hausmauer im Innenhof Platz. Der Wind zerrt an der großen Trommel und lässt die Praxistexte flattern.

Bevor er die Kohle in der großen Feuerschale anzündet, telefoniert Suriyel zu meiner Erheiterung mit der örtlichen Feuerwehr: wegen eines Rituals würde es unter dieser Adresse zu Rauchentwicklung kommen.

Wie sich herausstellt, eine vernünftige Maßnahme, denn der Rauch, den Suriyel produziert, ist vom Feinsten. Er hat einen großen Sack Thuja-Zweige mitgebracht, die er auf die glühenden Kohlen legt. Es raucht und qualmt, dass es eine Freude ist.

Unter den abwesenden Blicken der stumm vor sich hin wandelnden Schweigeretreat-Teilnehmer singen wir die tibetischen Texte des Opfer-Rituals. Das gebatikte Wesen schlägt die große Trommel dazu. Als wir bei der Opferung angekommen sind, rezitieren wir alle das Mantra, während Suriyel die Opfergaben auf das Feuer legt.

Ich genieße das Ritual und die Energie, die uns umgibt, während ich wieder und wieder das Mantra rezitiere. Allerdings bin ich irritiert, weil ich keine Gäste „sehe“. Das hatte ich eigentlich erwartet, denn so bin ich es gewöhnt: Spätestens wenn das Opfer dargebracht wird, tauchen halb transparente Wesen in allen Formen und Variationen auf, die sich über das Dargebotene freuen. Diesmal spüre ich tiefe Freude in meinem Herzen – aber weit und breit ist nichts und niemand um die Opferschale herum zu erkennen oder zu spüren.

Seltsam!

Erst „sehe“ ich gegen jede Logik und Erfahrung eine Grüne Tara – und dann „sehe“ ich keine Gäste, obwohl die da sein müssten?

Ob es am Buddhistischen Zentrum liegt? Allzuviele Naturgeister werden sich in Berlin-Mitte wohl nicht rumtreiben. Und vielleicht sind alle formlosen Wesen im Bardo bereits durch die viele Praxis hier erlöst und die Buddhas und Bodhisattvas haben gerade etwas Besseres zu tun?

In dem Moment merke ich, dass ich gerade dabei bin, mir schräge Geschichten auszudenken. Die vielen neuen Reize und Eindrücke überfordern mein Gehirn.

Ich verordne mir selbst Schweigen, helfe – nachdem wir fertig sind – aufräumen, bedanke ich mich bei Suriyel und eile heimwärts.

Das Buddhistische Zentrum

Ich beuge mich meiner intuitiven Inneren Stimme und mache mich auf den Weg in ein Tibetisch-Buddhistisches Zentrum, um Riwo Sangchö zu lernen, während in mir ein Gewittersturm tobt…

Irgendwo in der Innenstadt Berlins befindet sich ein Buddhistisches Zentrum. Versteckt im Innenhof liegt es in einer Ecke der Stadt, die grau, trist und fade ist.

So kommt es mir zumindest vor, als ich aus dem U-Bahn-Schacht trete. Nach ein paar Metern biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein. Suriyel hat mir den Weg beschrieben.

Während ich durch das morgendlich stille Viertel laufe, denke ich über die Absonderlichkeit der aktuellen Situation nach. Es war ausgerechnet Suriyel gewesen, der mir zum Besuch des Nationalparks von Bialowieza geraten hatte. Und das sicher nicht mit dem Ziel, mich deshalb eines Sonntags in seinem Schreinraum vorzufinden. https://www.water-runs-east.eu/?p=3124&preview=true

Ich hatte ihn um einen Tipp für einen Wanderurlaub in Polen gebeten, und er – der aus Warschau stammt – empfahl mir den letzten Urwald Europas.

Und dann komme ich nicht aus einem Wanderurlaub, sondern von einer extremen Grenzerfahrung zurück – und das auch nur halb – und bin damit konfrontiert, dass ich dringend Riwo Sangchö lernen muss. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Und der einzige für mich erreichbare Ort, an dem ich Riwo Sangchö lernen kann, ist ausgerechnet Suriyels Buddhistisches Zentrum in Berlin. Jeden Sonntag bietet er hier „Grüne Tara-Praxis“ an – und danach Riwo Sangchö.

Das ich brauche, nicht nur zu meinem Wohl, sondern auch zum Wohl anderer. Wer immer diese „Anderen“ auch sein mögen… https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Das ist einer der Punkte in dieser ganzen schrägen Geschichte, über den ich nicht genauer nachdenken möchte. Das ist mir zu spekulativ, zu esoterisch und zu heikel.

Überhaupt finde ich gerade alles schwierig und anstrengend. In mir tobt – seit ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, ins Buddhistische Zentrum zu fahren – ein Gewittersturm.

„Widerstand“ nennt sich das, was da in mir abgeht, im Achtsamkeitsmeditations-Fachjargon. Jeder Praktizierende kennt die höchst schmerzhafte und verstörende Erfahrung, in der Stille der Meditation auf einmal mit einem Amok laufenden Ego konfrontiert zu sein.

An welchem Punkt das Ego austickt, ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Es hängt davon ab, was biographisch und strukturell als „Kontrollverlust“ erlebt wird.

Bei mir ist es die bunte esoterische Praxis des tibetischen Tantra.

Dass ich gerade dabei bin, das erste Mal in meinem Leben ein tibetisch-buddhistisches Zentrum zu betreten, lässt mein Ego buchstäblich die Wände hochgehen.

Während ich eine Baustelle umrunde, die den Gehweg blockiert, lausche ich der wütenden Dauerklage meines egozentrischen Geistes.

Ich versuche, ihm mit Argumenten zu kommen. „Pfadabhängigkeit“ nennt sich das, womit er gerade konfrontiert ist. Prozesse folgen ihrer eigenen inhärenten Logik. Ob es ihm passt, oder nicht.

Es passt ihm nicht!

Mein Ego will das alles nicht! Wortreich erklärt es mir, dass es kein Orange mag, und auch kein Gold, Ornamente völlig überflüssig sind und kein vernünftiger Mensch Riten brauche! Und überhaupt: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain! Wenn es wenigstens Unter-den-Linden wäre! Aber nein! Ausgerechnet hier! Und dann auch noch tibetisch-buddhistische Praxis!

„Warum“, fragt es mich völlig entnervt, „musst Du Dich immer zum Idioten machen? Du bist gesegnet mit Bildung, Kultur und guten Umgangsformen, beherrscht Konversation und Lebensart – und dann willst Du ausgerechnet da hin? Bist Du komplett bescheuert?“

Mein Ego – das weiß ich schon lange – liebt Zen. Zen ist ästhetisch, elitär und über jeden esoterischen Chichi erhaben. In meinem gepflegten Zen-Retreathaus ist mein Ego ganz bei sich, glücklich und zufrieden. So wie dort, findet es, sollte all meine Meditations-Praxis sein. Zen entspricht meiner Herkunft, meinem Bildungsstand und meinem Lebensstil.

Nur, leider leider, besteht meine intuitive Innere Stimme seit Jahren darauf, dass Zen zu wenig ist. Meine intuitive Innere Stimme liebt Tantra. Uneingeschränkt. Die Praxis, all das Mantra-Gesinge, die Riten – sogar das Orange und die goldenen Ornamente.

Und in meinem Leben bestimmt meine intuitive Innere Stimme, was geschieht, und nicht mein arrogantes Ego. Was dem überhaupt nicht passt. Und dann macht es Drama. So wie jetzt!

Den wüsten Beschimpfungen meines Egos lauschend, sehe ich auf einmal jenseits einer hohen Mauer bunte tibetische Gebetsfahnen flattern. Ich bin da.

Exakt zwei Stunden dauert es, um von meiner Haustür in Leipzig bis zum Metalltor des Buddhistischen Zentrums zu kommen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest.

Und das alles, weil ich gezwungen bin, Riwo Sangchö zu lernen. Und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

„Halt jetzt endlich die Klappe!“, herrsche ich mein maulendes Ego an. „Wir ziehen das jetzt durch, ob es Dir passt oder nicht!“

Damit atme ich tief durch und betrete den Innenhof.

Wunder

Unsere Reise ins Vajrayana wird weitergehen…

Dies ist der letzte Text zu „Taliba“ im Blog. https://www.water-runs-east.eu/taliba/

Übermorgen beginnt ein neues Thema.

Was nicht bedeutet, dass die Geschichte, die in „Taliba“ behandelt wird, zu Ende erzählt ist. In nächster Zeit werden Maria und ich unsere Exkursion ins tibetisch-buddhistische Vajrayana fortsetzen. https://www.water-runs-east.eu/chenrezig/

Allerdings wissen wir weder, wann wir erneut aufbrechen werden, noch, wohin uns die Reise führen wird.

Denn das ist meine Erfahrung: Der Dharma – die Lehre Buddhas – ist immer ein Geschenk. Wenn er ins Leben tritt, gleicht es einem Wunder.

Wunder lassen sich weder planen noch erzwingen.

Traurig, aber wahr.

Es bleibt uns nur, wach zu sein, damit wir den Moment nicht verpassen, an dem es uns begegnen wird. Und das wird es, ich bin mir sicher. Wer den Dharma einmal geschenkt bekommen hat, ihn würdigt und bereit ist, sich seinen Regeln zu unterwerfen, den lässt er nicht mehr los.

Maria und ich treiben gerade auf einem Floß gemächlich den Fluss des Lebens hinunter – immer in Richtung Osten. Wir sind auf dem Weg zu den Grenzen des Ich. Auf der Reise dorthin trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – Miley Cyrus schallt aus der Soundbar, Maria pflegt ihren Instagram-Account und ich schreibe meinen Blog – über Tarot. Denn auch das Kartenlegen führt an die Grenzen des Ich.

Sobald wir über das Wunder gestolpert sind und wieder am Ufer des Flußes angelegt haben, werde ich den Bericht über die Welt des Vajrayana fortsetzen.

Choices

If you really want to practice Varayana, you have to find a good teacher and good teachings…

„So many choices! How can we know, if the quality is good?”, Maria sighed while looking a bit desperate at the big collection in the supermarket.

Katharina had sent us a small shopping list with items she needed for the dinner in the retreat house at the end of the world. Always with the addition “good quality”. “Well”, I replied, “It’s not easy to find good quality. Same with spirituality.”

If you really want to practice, you have to find a good teacher and good teachings. I very often see people claiming that their teacher would be a high lama. But if you see him once a year in a group of 50 people, how can you be so arrogant to think he is your teacher? Maybe he even doesn’t know your name, how can he guide you on the path?
Or people go to workshops, where the teacher takes one part out of the traditional teachings and mixes it with western psychology. To make it more understandable. Or condense a practice of 400 pages and complex rituals, so it is learnable in one week-end. If your teacher does so, I suggest that you put on your sport shoes and run away as fast as possible.
Or you are visiting every second month another teacher on another topic. Then you can truly call yourself a “Dharma tourist” and send nice postcards and pictures to your friends. But don’t expect any progress there.

“I see”, Maria replied while still looking a bit skeptical at all the different brands. “But how to find the right choice?”.  “In our tradition, it’s the teacher.”, I said while giving her a jar out of the big collection for a more precise examination. “The teacher has to guide you on the path. Therefore he must be qualified in a unbroken lineage. This is a big commitment, so don’t expect, that a teacher is always happy, if you run to him, telling him, that he should guide you on the way from now on. He might test you for years. And you practice only certain practices – over and over again. Until you get a result. Not every week something else.”.

We were going down the passage in the supermarket. Most of the items we had already in the basket. Now only a good white wine was missing. “And then, there is the choice of your personal taste”, I said. “You have to be clear, what you want. And why you want it. And if you should do a practice or better watch the last Netflix series. What you do must fit your taste, otherwise it’s just a waste of time!”.
“Well”, she was laughing while her brown eyes were flashing, “That’s easy. I have the simplest taste – I’m always satisfied with the best“.

Bodhicitta

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha…

“Uuuuriel”, Bernadette was calling me through the breakfast room of the retreat house at the end of the world, while searching for a cup to prepare her second coffee after breakfast. “Uriel, in the Buddhist texts, I always read about the importance of Bodhicitta, but what is it?”

“Well”, I replied, “first of all, there are two different forms of Bodhicitta – relative and absolute Bodhicitta”.

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha. There is a so called ‘relative Bodhicitta’ which you train, when you are doing the practice. In a Tantric practice for example, you transform yourself in a Yidam like Chenrezig or Green Tara, then out of the heart comes immeasurable light with the best wishes for all living beings. First you may concentrate on your friends and family. Later the practice will be more like the rays of the sun. More and more the lights will go out in every direction, touching impartial the mind of all living beings, no matter how small or big they are. This is what we call relative Bodhicitta.

“And what is then absolute Bodhicitta, what does this mean?”, Bernadette was asking me, while pressing the button on the coffee machine to underline the importance of her question.

“The difference between relative and absolute Bodhicitta is, that for the absolute Bodhicitta, no discursive mind is acting.”, I answered trying to be louder than the humming coffee machine.

There is no thought of doing a practice, no will of helping others. It is beyond the mind and therefore happens without it. You cannot enter into this state by willing it. You just do your practice and relax, and that state will show by itself after a time. This is the real result of the practice. Since then, real Buddhism begins. But you need a teacher for a good progress, as there will be some bigger or smaller rocks on the way.

“And why are there so many different practices and rituals and all this?”, Bernadette was asking me. She grabbed the vegetable oat milk and started to open the bottle in a very elaborate way. “Well”, I answered, “you have different practices because people are just different.”

But to develop the absolute Bodhicitta is most important. Of course, you can perform complicated rituals, banging the drum, lighting incense, ringing the bell and walk with an important face in front of other practicioners. Or you talk to the otherworld of the spirits. Or you sit for hours on your cushion and punish yourself, every time a discursive thought is arising in your mind. But without Bodhicitta, this is mainly to entertain yourself. You should be clear about that. There is no liberation coming out of it.

“I am not sure, if I understood everything”, Bernadette was laughing while presenting me her nicely prepared coffee. “Maybe it’s too complicated for me…or too easy. Not clear. But one thing is for sure – I will liberate now this coffee!”.

Zurück

Nach unserem Vajrayana-Einführungwochenende im Retreathaus am Ende der Welt sind Maria und ich mit den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis konfrontiert.

Wir stehen in der warmen Frühlingssonne auf dem Gehweg gegenüber der Araltankstelle. Genau hier hat uns Suriyel vor zwei Wochen aufgelesen, um uns ins Retreathaus ans Ende der Welt zu bringen. Maria sollte zwei Tage lang eine Einführung in den Vajrayana-Buddhismus bekommen und nebenher wollten wir Uriel bei der Renovierung des historischen Pferdestalls helfen.

Maria lädt die App des Fahrradverleihs herunter und nach ein bisschen hin und her springen mit lautem Klacken die Schlösser der beiden Räder auf. Zuvor haben wir uns noch im Konsum um die Ecke für ein Picknick eingedeckt. Mit den Rucksäcken in den kleinen Körben vor den Lenkern radeln wir zu einem der künstlichen Seen im Leipziger Umland. Es war Marias Idee, den Samstagnachmittag am Strand zu verbringen: so neben der Spur, wie wir beide wären, bräuchten wir Entspannung.

Das Vajrayanawochenende im Retreathaus am Ende der Welt hat uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin erstaunt – und habe Maria gegenüber ein schlechtes Gewissen – denn so war es nicht gedacht gewesen. Alles sollte völlig harmlos ablaufen: Maria sollte mit ein paar nette Basics vertraut gemacht werden, damit sie eine Idee davon bekommen würde, um was es eigentlich geht. Und sich überlegen kann, ob tibetisch-buddhistische Mediationspraxis etwas ist, mit dem sie sich weiter beschäftigen möchte. Eine Dreiviertelstunde Riwo Sangchö am Morgen, eine Stunde Chenrezig am Abend – mehr war es nicht gewesen.

Und ich hatte aus gutem Grund Suriyel gebeten, die Einführung zu übernehmen: ich kenne niemanden, der eine friedlichere und entspanntere Praxis hat als er.

Und dann so etwas!

Ich fühle mich auch zwei Wochen nach unserer Rückkehr, als hätte ich ein Hardcore-Retreat hinter mir – und nicht ein langes Wochenende mit gerade mal zwei Stunden Praxis am Tag.

Und auch Maria – die lediglich zwei Tage im Retreathaus am Ende der Welt verbracht und nicht mehr als zwei morgendliche Riwo Sangchö und ein abendliches Chenrezig miterlebt hat – alles harmlose und der Überwältigung unverdächte Rituale – wirkt, als hätte sie mit knapper Not einen spirituellen Frontalzusammenstoß überlebt.

Wir leiden beide unter den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis – auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das geschehen konnte. Aber die Symptome sind wie aus dem Lehrbuch: während der Praxis intensive Erfahrungen, begleitet von extremen Emotionen. Dann der Moment vollkommener Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt – und danach der Zusammenbruch.

Der gewollt ist. Denn das ist der Sinn jeder buddhistischen Meditationspraxis: „Das ‚Ich‘ soll sterben.“ Und es klingt nicht nur martialisch – es fühlt sich auch so an. Nichts ist für unseren Geist beängstigender, als Glaubenssätze aufgeben zu müssen, über die wir uns definieren.

Am Strand angekommen, breite ich die Decke aus. Maria drapiert den Käse appetitlich auf einem Holzbrettchen, platziert noch ein paar Erdbeeren darauf, füllt die Weingläser und macht erst mal ein Foto für ihren Instagram-Account. Danach holt sie die Soundbar heraus und wir sind wieder mit unserem Grundproblem konfrontiert: sie mag keinen Indie und ich finde Miley Cyrus grausig – schließlich einigen wir uns auf Bruno Mars.

Während der verkündet, dass er frisch rasiert sei und seine Tür offen stehe, trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – und essen Erdbeeren und Käse. Danach lege ich Maria die Karten, die – wie erwartet – erklären, dass alles nicht so furchtbar ist, wie sie gerade denkt. Sie seufzt schwer: „I know! But I am overthinking all the time!“

Ich kann ihr nur recht geben, mir geht es nicht anders. Auch mein Verstand arbeitet wie auf Speed. Im Gegensatz zu ihr kenne ich dieses Phänomen gut.

Die vollkommene Stille in der Meditation lässt den Wächter, der im normalen Leben dafür sorgt, dass unbewusste Inhalte vom gewöhnlichen Denken ferngehalten werden, zur Seite treten. In diesem Moment öffnet sich in der Seele eine Tür – und Körper und Geist werden schlagartig mit vorher abgespaltenen Emotionen und Bildern überschwemmt. Das ist der Mechanismus, der Meditation zu einem so mächtigen wie gefährlichen Instrument für die seelische Stabilität macht: jeder, der anfängt zu meditieren, muss sich bewusst sein, dass er genau darauf hinarbeitet und, bei entsprechender Disziplin, auch dorthin gelangen wird. Früher oder später wird sich die Tür zum Unbewussten öffnen – und niemand kann ihm sagen, was daraus hervor treten wird.

Maria ist glücklicherweise nicht mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Eine Retraumatisierung durch das plötzliche Aufbrechen abgespaltener Erinnerungen ist eines der Risiken buddhistischer Meditation. Aber die alternativen Perspektiven auf ihre Persönlichkeit und ihren Lebensentwurf, die während der Meditation aufstiegen, sind für Maria schon überwältigend genug.

Das „overthinking“ ist der Versuch des rationalen Geistes, die vorher verdrängten Bilder und Emotionen irgendwie einzufangen und in vertraute Denkmuster zu pressen, um das Selbstbild wieder zu stabilisieren.

Wenn die Meditation intensiv genug war – und das war sie bei uns, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das mit dieser Mini-Praxis zugegangen sein kann – klaffen neue Meditationserfahrungen und alte Konzepte so weit auseinander, dass der Geist geradezu Amok läuft. Ich habe gelernt, mir meine wild jagenden Gedanken freundlich anzusehen und die extremen Trauer-, Unlust- und Bedrohungsgefühle, die diesen Prozess begleiten, geduldig auszuhalten.

Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Übergangsphase ist. Nach einiger Zeit fügt sich der Geist, nimmt die Bilder aus dem Unbewussten an und integriert sie in ein neues Selbst- und Weltverständnis. Am Ende dieses Prozesses findet man sich reifer, authentischer und gelassener wieder.

Bis zum nächsten Retreat: dann geht der Spaß von vorne los…

Energy

I never thought that you can feel the energy of an area. Feels so light and calm…

As we had arrived at the retreathaus at the end of the world, I got out of the car, and immediately felt something that I still do not understand. It was some kind of new feeling. The air was completely different, and despite of the darkness, it was immediately clear how beautiful this place was. The sound of the water calmed me immediately.

I went to bed in anticipation of my first meditation. On Saturday morning I woke up. Katharina was already preparing coffee in the kitchen. Despite the rainy weather, the atmosphere was so warm and cozy.

We spoke about the upcoming day and our plans, and after a while Uriel and Suriyel also appeared in the kitchen. We drank coffee and discussed the upcoming practice, I eagerly wanted to understand how it would all happen, what I would feel and what would change.

The most important thing in this practice is to try to share all the blessings with those around you. Suriyel started preparing, I saw a table with 8 bowls and some offerings and also incense. All this looked rather unusual.

After a few moments, we moved on to practice. In this morning practice, I was only an observer, but even so, I felt so unusual. As if I felt all the energy that surrounds me. Positive energy. Katarina, Suriyel and Uriel hummed the tune. All this happened in Tibetan, which shocked me even more, but fortunately there was an English translation and I managed to understand the text at least a little.

As I said earlier, the whole practice was to share all the good things and make an offering. I watched them and some unknown feeling seized me. They also made quite unusual gestures with their hands, it looked so synchronous and beautiful. I only thought about how calm and good I feel for the first time in a long time.

We finished the practice and talked a bit about what exactly they were doing, I asked a few questions. About why this particular mantra? Why repeat it several times? And so on.

After we finished the Riwo Sangchö we and went shopping and did some renovations during the day.

In the evening we planned the next practice. Suriyel again prepared all the offerings, we went out onto the terrace. Katharina and Suriyel began to chant the mantra, I must say that their voices sound great together. I closed my eyes and tried to focus on the mantra. There were no thoughts in my head. At some point, I realized that it was as if I was going beyond the limits of my body. Maybe that’s how I felt my energy, but I’ve never had that feeling before. It was so light and weightless. And I began to see pictures of the coming future and past. It was only a moment, but it scared me a little.

The only thing that scared me was that I had never experienced anything like this. I felt that there was someone else besides the three of us. And that someone was right behind me. I opened my eyes. I was a little disturbed by what I saw, and after our practice, I was at a loss for words. I sank into my thoughts. Have you thought about how this is possible? See the future and the past like this? And was it true or just my imagination? I needed time to rethink this. I asked Katarina and Suriyel if this is possible? And the answer was positive.

I thought about it all evening, and for a long time I could not sleep. The dreams were very strange.

But the next morning I felt much better, my thoughts were calmer, I was full of energy and I was looking forward repeating the practice. It was a warm sunny day, we went out onto the terrace and here again the voices of Katarina and Suriyel sounded together. I closed my eyes and concentrated on the mantra. I again felt someone’s presence. But I was very calm and good. I felt that I was in the right place.

After that I returned home. At first I was very calm, but after a while, I noticed that I began to think about everything. About the past, present and future. I was warned about this, I knew it was normal. Perhaps this is the study of one’s consciousness. Or an attempt by the subconscious to say something. But this experience is definitely unusual and necessary. All this surprised me in a good way. I began to see Buddha statues everywhere, which had never happened to me before. Perhaps this is a sign that I’m on the right track.

Löcher

Im Retreathaus am Ende der Welt bleibt nach unseren magischen Vajrayana-Tagen noch viel zu tun…

Nachdem wir mit der „Grünen Tara“ durch sind, packt Suriyel sein Ritual-Equipment in einen Werkzeugkoffer und verschwindet nach oben. In den Gästezimmern warten Regalbretter darauf, an die Wand gedübelt zu werden. Ich putze währenddessen die Küche und kehre einmal durch.

Kaum bin ich fertig, hüpft auch schon der kleine weiße Hund durch die Küchentür. Er begrüßt mich, als hätte er gerade eine Altantiküberquerung auf einem Einhandsegler überlebt. Dabei hat er einfach nur mit Uriel eine Nacht bei Freunden verbracht. Nachdem ich ihn mit angemessener Begeisterung in Empfang genommen habe, machen wir uns auf die Suche nach seinem Herrchen.

Wir finden Uriel zusammen mit Suriyel im historischen Pferdestall. Der Hausherr inspiziert gerade, was wir während seiner Abwesenheit getrieben haben. Die Elektrik ist fertig, das ist die gute Nachricht. Ich war weniger erfolgreich, mehr als ein Drittel des Pferdestalls habe ich bei meiner sonntäglichen Streichaktion nicht geschafft. Und zu allem Unglück habe ich ordentlich Putz von der historischen Gewölbedecke geholt. In regelmäßigen Abständen sind Brocken davon an der Farbrolle kleben geblieben.

Der Pferdestall ist sanierungstechnisch eine Herausforderung: Wände und Decke sind imprägniert mit den Ausdünstungen des Viehs, dass hier über die Jahrhunderte gehalten wurde. Und noch dazu fließt unter dem Fundament des Stalls der Fluss hindurch, das Gebäude ist feucht. Deshalb hat Uriel von Profis einen teuren Spezialputz auftragen lassen – und jetzt das!

Ich drücke meine Erleichterung darüber aus, dass es nicht an mir ist, eine Lösung für dieses Problem zu finden – von Altbausanierung habe ich keine Ahnung – und laufe noch einmal ins Retreathaus, um meinen Rucksack aus dem Zimmer zu holen. Während ich ihn mir über die Schulter werfe, sehe ich zu meiner Freude, dass Suriyel den Handtuchhalter an die Wand gedübelt hat. Das ist ein echtes Improvement: bisher wusste ich nie, wohin mit meinem Handtuch, wenn ich mir am Waschbecken die Hände wusch.

Zurück auf dem Hof, packe ich meinen Rucksack in den Kofferraum. Während die beiden Erzengel mit gefurchten Stirnen Sanierungsfragen diskutieren, spielen der kleine weiße Hund und ich auf dem Rasenstück vor dem Pferdestall Fussball.

Ich bin gelassen: Früher oder später wird sich der historische Pferdestall in einen phantastischen Seminarraum verwandeln. Dann können bis zu vierzig Leute hier gleichzeitig an Retreats teilnehmen. Ich freue mich schon darauf – und nicht nur wegen des ausgesuchten Programms, das Uriel plant. Die westliche Tantra-Szene ist international: das Retreathaus am Ende der Welt wird bald Besuch aus allen Ecken Europas und Amerikas bekommen. Viele herzliche Begegnungen warten auf uns, wir werden neue Freunde finden, spannende Geschichten hören und ganz sicher Aufregendes erleben.

Grüne Tara

Ich lerne die Tantra-Praxis der Grünen Tara kennen und bekomme eine perfekte Meditation im Paradies geschenkt.

Nach dem Riwo Sangchö machen wir Pause. Ich habe gerade eine Dreiviertelstunde im Lotossitz hinter mir und gleich wird es weiter gehen: in der „Kurzvariante für Westler“ – hat mir Suriyel erklärt – dauert die Grüne Tara etwa eine Stunde. Ohne Unterbrechung zwei Praktiken schmerzfrei in Meditationshaltung durchzusitzen, ist uns beiden nicht gegeben. Ich hüpfe auf der Terrasse herum und lockere meine Muskulatur wie ein Sprinter kurz vor dem Startschuss zum Hundert-Meter-Lauf. Auch stilles Meditieren kann eine sportliche Herausforderung sein.

Suriyel holt währenddessen die große weiße Muschel aus der Küche, stellt sich an den Weiher und bläst hinein, dass es nur so dröhnt. Es soll kein Wesen, Geist, Gnom, Wolf, Luchs, Gott – oder was auch immer am Retreathaus lebt – sagen können, es oder er hätte nichts davon gewusst, dass hier und jetzt die Praxis der Grünen Tara dargeboten wird.

Ich habe noch nie eine „Tara-Praxis“ erlebt. Dabei ist sie populär: Suriyel ist nicht das einzige Mitglied unserer Sangha, der seine Hauptmeditation dem weiblichen Buddha Tara widmet.

Der Legende nach inkarnierte einst ein Bodhisattva im Körper der Prinzessin Tara. Sie widmete ihr Leben der Befreiung aller leidenden Wesen, um für diese und sich selbst Erleuchtung zu erlangen. Ein Mönch machte sich über sie lustig: als Frau könne sie sich noch so anstrengen, Erleuchtung gäbe es trotzdem keine für sie. Aber wenn sie sich weiterhin so verausgabe, würde ihr im nächsten Leben zumindest eine Wiedergeburt als Mann geschenkt werden, in dessen Körper sie dann erleuchtet werden könne. Daraufhin schwor Tara, von nun an nur noch in weiblichen Körpern zu inkarnieren und in dieser Form die Erleuchtung zu erlangen.

Sie gilt als „Mutter der Befreiung“ und ist eine Inspiration für männliche wie weibliche Praktizierende.

Tara wird in einundzwanzig verschiedenen Aspekten verehrt, für die es jeweils eigene Meditationspraktiken gibt. Die „Weiße Tara“ steht für ein langes Leben. Wer die „Rote Tara“ erfolgreich praktiziert, zieht auf magnetische Weise hilfreiche Wesen an. Die „Gelbe Tara“ vermehrt Gutes, die Praxis der „Blauen Tara“ beseitigt Hindernisse…

Suriyels „grüne Tara“ ist die „Hauptform“ in der alle anderen einundzwanzig Emanationen enthalten sind. Sie repräsentiert den aktiven Aspekt des Mitgefühls und eilt herbei, wenn jemand in Not ist.

Unsere Pause ist vorbei. Suriyel bringt die Muschel auf ihren Platz in der Küche zurück, zündet ein frisches Räucherstäbchen auf dem kleinen Schreintisch an und legt sich den Text bereit. Ich setze mich neben ihn auf die Bank, die Beine übereinandergeschlagen, und freue mich, dass nichts von mir erwartet wird. Ich kann – ohne Text – nicht mal mitlesen. Das stört mich kein bisschen, einfach nur DA-Sein zu dürfen, ist auch eine schöne Sache. Und noch dazu an einem so wunderbaren Tag wie diesem.

Suriyel rezitiert und singt auf Tibetisch, ich sitze still daneben und höre ihm zu, während der Wind mit meinen Haaren spielt. Die warme Frühlingssonne lässt alles leuchten. Der Duft des Räucherstäbchens mischt sich mit den vielfältigen Gerüchen der erwachenden Natur. Hinter uns rauscht der Bach die Hauswand entlang, vor uns singen die Vögel in den Obstbäumen, auf dem Weiher neben der Terrasse quaken ein paar Enten.

Während Suriyel praktiziert, wird es stiller und stiller um uns. Es ist diese spezielle Qualität von Stille, die greifbar wird, wenn der Geist in der Meditation vollkommend zur Ruhe kommt. Ich spüre, wie alles in mir zu fließen beginnt. Es fühlt sich an, als würde ich mich auflösen. Zu meinem Erstaunen kommen mir die Tränen: etwas – von dem ich nicht sagen kann, was es ist – berührt mich zutiefst.

Suriyel rezitiert und singt, ich sitze und atme – eine Stunde lang. Als er den letzten Textstreifen zurücklegt, fällt es mir schwer, diesen Zustand vollkommenen Friedens wieder zu verlassen. Wir bedanken uns beieinander: was hatten wir doch für eine schöne Praxis! Und auch noch an einem so wunderbaren Ort!

Und damit ist unser Vajrayana-Wochenende beendet…

Spuren

Irgendetwas hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz vor Mitternacht ist. Unter dem Fenster rauscht monoton der Bach, ansonsten herrscht nächtliche Stille um das Retreathaus am Ende der Welt.

Während ich in den Schlaf gleite, dringen auf einmal seltsame Laute an mein Ohr. Ich schrecke hoch. Dass war das Geräusch, das mich geweckt hat! Aus dem Wald erklingt in regelmäßigen Abständen der Ruf eines Vogels. Es ist ein seltsamer Gesang, ich habe ihn noch nie gehört. Ein monotones, leicht singendes „Ah-ah-ah“. Die Laute erinnern an eine Krähe, aber das ist kein Krächzen, es ist ein melodischer langgezogener Klang. Was kann das nur für ein Nachtvogel sein? Dem melancholisch klagenden Rufen lauschend, schlafe ich wieder ein.

In dieser Nacht finde ich mich in meinen Träumen ein ums andere Mal in einem großen Haus wieder. Alle Türen stehen weit offen, seltsame Gestalten wandern ein und aus: Geister und Gnome geben sich ein Stelldichein, hungrige Wesen mit riesigen Mündern und langen dürren Hälsen hausen im Keller, eine schmale Gestalt kriecht auf hundert Beinen durch den Schornstein, das tropfende Wasserwesen mit dem Pferdekopf schaut zum Fenster herein. Irgendwann landet ein riesiger schwarzer Vogel auf dem Dachfirst, hebt den Kopf und singt melodisch „Ah-ah-ah“…

Als ich am Morgen in die Küche stolpere und die Kaffemaschine anschalte, bin ich unausgeschlafen und konfus. Es ist erst mein vierter – und letzter – Tag im Retreathaus am Ende der Welt, aber es kommt mir vor, als wäre ich schon seit vier Jahren hier.

Die dampfende Kaffeetasse neben dem Laptop, schreibe ich meinen Blogtext. Als ich am letzten Absatz feile, kommt Suriyel in die Küche. Ob er heute Nacht auch diesen seltsamen Vogel gehört hat, frage ich ihn. Nein, er schlafe bei geschlossenem Fenster und hätte nichts mitbekommen. Der Vogel beschäftigt mich. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, beschließe ich, werde ich herauszufinden versuchen, was für ein Tier es war, das ich heute Nacht im Wald habe rufen hören.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für unser letztes Riwo Sangchö vor. Ich folge ihm ins Freie und sehe den Weiher, auf dem ein paar Enten paddeln. Daneben gelben Löwenzahn, der im Frühlingsgrün der Wiese von der warmen Morgensonne beschienen wird – und sonst nichts. Keine Geister, Gnome, Drachen, hungrige Wesen – einfach nur friedliche Natur im Sonnenschein.

Erleichtert will ich auf der Bank Platz nehmen – und starre verblüfft auf die Sitzfläche. Was sind das für seltsame Pfotenabdrücke, die von einem Ende der Bank zum anderen führen? Auf den weißen Sitzkissen sind sie noch besser zu erkennen, als auf der Plastikoberfläche. Irgend ein Tier mit schmutzigen Pfoten ist heute Nacht über die Bank gelaufen. Für eine Katze sind die Abdrücke viel zu groß. Ein Fuchs oder ein Hund? Aber dann müssten die Krallen zu sehen sein, Füchse und Hunde können sie nicht – wie Katzen – einziehen. Das einzige Tier, zu dem Größe und Form passen würden, ist ein Luchs. Kann es wirklich sein, dass heute Nacht ein Luchs hier auf der Terrasse war? Was für ein verrückter Gedanke!

Ich drehe das schmutzige Sitzkissen mit den seltsamen Pfotenabdrücken um, lasse mich darauf nieder und begleite Suriyel durch ein perfekt schönes, absolut geisterfreies Riwo Sangchö. Wer weiß, wen wir heute füttern?

Chenrezig – zwei

Ich erhole mich – zumindest ein bisschen – von der Meditation, reflektiere über ein schräges Versprechen zur Tantra-Praxis und erfahre Neues über Regeln im Vajrayana.

Unter der Dusche rubble ich mir so gut als möglich die Farbspritzer von Gesicht, Armen und Händen.

Nach der Pflicht kommt die Kür, ich darf wieder kochen. Die Lasagne-Nudeln, die ich aus meinem vergangenen Leben mit nach Leipzig gebracht hatte, sind bio und glutenfrei – und schon kurz vor dem Ende des Ablaufdatums. Es handelt sich um eine 250-Gramm-Packung, deshalb trifft es sich gut, dass wir heute Abend nur zu zweit sind.

Weil Suriyel und ich beide kein Fleisch essen, fülle ich die Nudeln mit Spinat-Ricotta-Creme. Die Tomatensoße möchte ich „Aurora“ kochen – in der „Morgenröte“-Variante, gebunden mit einer Bechamelsauce. Dummerweise bin ich immer noch so konfus, dass ich das Mehl in der fremden Küche nicht finden kann. Suriyel muss mich wieder retten – ich stand ein weiteres Mal direkt davor, stellt sich heraus, ohne gesehen zu haben, was ich suche. Gleichzeitig metaphysische Wesen im Bardo und banalen Alltagskram zu registrieren, scheint mein Gehirn zu überfordern.

Während ich Parmesan reibe, Salat wasche, die Einbrenne rühre und den Knoblauch hacke, werfe ich immer wieder einen Blick durch das Küchenfenster in den Garten hinaus. Keine halbtransparenten Wesen weit und breit, stelle ich erleichtert fest. Wenn ich Glück habe, lässt der Effekt langsam nach.

Es wäre schade, bei dem schönen Wetter in der Küche zu essen, beschließen wir beide. Die Teller mit der heißen Lasagne auf den Knien balancierend, sitzen wir in der Abendsonne auf der Bank und diskutieren das weitere Programm. Ich wünsche mir zum Tagesabschluss die „Grüne Tara“ von Suriyel.

Das wäre heute nicht möglich, erklärt er mir, er hätte Eier gegessen. Ich bin verblüfft: Was ist das für ein Argument? Doch, doch, so wäre es festgelegt: vor der Praxis seien keine Eier, kein Alkohol, kein Fleisch und auch keine Zwiebeln erlaubt. Das läge an den indischen Wurzeln der „Grünen Tara“, und Regel sei Regel. Richtig! Er ist „Suriyel“, der Erzengel, der über die Einhaltung der göttlichen Gebote wacht.

Wir könnten die „Grüne Tara“ morgen statt Riwo Sangchö machen, schlägt er vor. Ich wiederspreche vehement: „Wir müssen Riwo Sangchö machen!“ „Müssen tun wir garnichts“, kommt es zurück. Ich winde mich: ich kann ihm nicht sagen, dass ich vor gerade mal drei Stunden einer Schar halbtransparenter Wesen versprochen habe, dass wir morgen Riwo Sangchö machen werden. Wie bescheuert klingt das denn?

Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich unüberlegt ein Versprechen gegeben habe, für dessen Einhaltung ich auf jemand anderen angewiesen bin. „Aber die warten doch…“, stottere ich.

Außerdem war es ungehörig, ist mir in diesem Moment bewusst geworden, Riwo Sangchö zu versprechen, ohne vorher Suriyels Zustimmung eingeholt zu haben. Aber, denke ich mir, wie, bitte, hätte ich ihn fragen sollen? „Hey, da steht gerade eine ganze Sammlung Naturgeister und verlorener Seelen vor dem Pferdestall, die gerne regelmäßig Riwo Sangchö von uns hätten. Ist es in Ordnung für Dich, wenn ich zusage?“ Haha…

„Dann machen wir heute Abend Chenrezig und morgen früh erst Riwo Sangchö und dann Grüne Tara“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert auf. Das klingt nach der perfekten Lösung! Was er sich bei der ganzen Sache denkt, behält er für sich…

Pünktlich zum Sonnenuntergang praktiziert Suriyel Chrenrezig. Wieder verströmt der weiße Buddha, beschienen von mildem Mondschein, unendliches Mitgefühl für alle leidenden Wesen, während aus der Dunkelheit die Schreie des Pfaus über den Weiher schallen.

Ich bin inzwischen mit einigen der leidenden Wesen, für die er seine Praxis macht, näher bekannt. Was ich Suriyel nicht erzähle. Was würde er von mir denken?

Experience

Ich schlage mich mit den Nebenwirkungen intensiver Meditation herum und verbringe, dank buddhistischem Tantra, einen magischen Nachmittag.

Als ich in der immer noch feuchten Jogginghose und Uriels ausgewaschenem T-Shirt vor die Haustür in die warme Sonne trete, geht es schon auf Mittag zu. Zwei Fahrradfahrer radeln gerade, miteinander plaudernd, an der Gartenhecke vorbei. Ich sehe ihnen nach, wie sie hinter der Kurve verschwinden. Jetzt ist nur noch das Rauschen des Flusses und das Singen der Vögel in den Bäumen zu hören.

Ich laufe die Treppe zum Hof hinunter. Kaum stehe ich auf dem Pflaster, kommen mir die kleinen Gnome entgegen gehüpft, die ich eben noch vor der Terrasse „gesehen“ hatte. Ihre halbtransparenten Körper umkreisen mich, sie kommen mir vor wie aufgeregte Kinder. Ich verdrehe innerlich die Augen und sende eine Kurznachricht an mein Gehirn: „Hallo! Es reicht jetzt!“

Seit ich angefangen habe zu meditieren, schlage ich mich in regelmäßigen Abständen mit visuellen Erscheinungen herum. Dafür muss ich keine weißen Buddhas auf Lotosblüten imaginieren, das bringt mein Gehirn auch in der Achtsamkeitsmeditation des stocknüchternen Zen zustande.

Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Zen-Retreat vor vielen Jahren: kaum war ich wieder Zuhause, wurde ich unerwartet mit Halluzinationen konfrontiert, die es mit jedem LSD-Trip aufnehmen konnten. Die Wiese, an der ich entlanglief, leuchtete mit einem Mal violett, die Birken am Wegesrand strahlten neonweiß, der Himmel färbte sich dunkelgrün. Dazu hörte ich Hallgeräusche, es klang, als stünde ich in einem Tunnel. Es dauerte satte zwei Stunden, bis mein Gehirn alle Sinnesreize wieder nach Vorschrift verarbeitete. Glücklicherweise hatte ich zuvor gelesen, dass so etwas durch das Meditieren passieren konnte. Gruselig fand ich es trotzdem.

Als ich während des nächsten Retreats dem Meditationslehrer von diesen Halluzinationen erzählte, erklärte er mir, ich solle es als Information nehmen, dass meine Praxis Wirkung zeige: die neuronalen Verbindungen meines Gehirns würden sich neu verschalten und die visuellen und akustischen Störungen wären einfach eine Begleiterscheinung dieses Prozesses. Das wichtigste, schärfte er mir ein, wäre, nicht auf die Bilder anzuspringen. „Mach keine Story draus,“ erklärte er mir, „weder im positiven noch im negativen Sinne, schau dir an, was immer es ist und lass es wieder gehen.“

Ich rufe mir seinen Rat ins Gedächtnis zurück und versuche keine Geschichten über die vergnügt um mich herumhüpfenden, winkenden und lachenden Wesen herbeizuphantasieren. Wenn ich mich auf meinen Atem fokussiere, schaffe ich es sogar, keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Ich kann es mir trotzdem nicht verkneifen, festzustellen, dass sie enttäuscht aussehen, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. „Himmel!“, fahre ich mich innerlich an, „Reiße Dich jetzt zusammen!“

Uriel hat mir, bevor er aufbrach, erklärt, im Pferdestall stünde alles für meine Streichaktion bereit. Weil ich so konfus bin, dass ich nicht mal die Farbe finde, muss ich Suriyel holen, der seine Elektrikerarbeiten abgeschlossen hat und heute im Retreathaus beschäftigt ist. Er stellt fest, dass die Eimer mit der Wandfarbe in den großen Kartons stecken, die in einer Ecke gestappelt sind, hilft mir, die Farbe anzurühren und verlässt mich wieder.

Ich kopple mein Handy an die kleine Soundbar, die Uriel gestern für Maria in den Stall gebracht hat – zum Dank dafür wurde er den ganzen Nachmittag mit Latino-Hip-Hop beschallt – und probiere ein bisschen rum, bis ich was finde, das meinen nervösen Geist besänftigt. Beethoven stört, stelle ich fest, aber „Experience“ von Ludovico Enaudi passt super.

Begleitet von sphärischen Klängen beginne ich zu streichen und kippe mir, beim Versuch den Maleimer oben auf der Leiter festzuklemmen, fast sofort einen ordentlichen Schwall Farbe über Oberkörper und Beine. Ich starre auf den weißen See zu meinen Füßen und überlege kurz, ob jetzt der richtige Moment gekommen ist, in Tränen auszubrechen. Ich entscheide mich dagegen – ich bin groß – stelle den Eimer zurück auf den Boden, wische den Farbkleks notdürftig auf und versuche mich zu fokussieren: dieser Atemzug, diese Bewegung, dieser Schritt… Monoton bewegt sich die Farbrolle auf und ab, ich spüre, wie ich mich entspanne.

Während ich, vor dem Eimer stehend, die Rolle in den weißen Brei tauche, wandert mein Blick gedankenverloren zur hinteren Glastür. Ich zucke zurück: da starrt mich etwas an! Völlig konfus starre ich zurück. Das seltsame Wesen ist groß und hat einen langen dünnen Hals, Hängeohren, riesige Augen in einer Art Pferdekopf und scheint zu fließen. Die Konturen seines Körpers wabern, es wirkt, als würde es aus Wasser bestehen. Und es tropft vor sich hin, exakt im selben Rhythmus wie die Wandfarbe von meiner Malerrolle, die ich – in der Bewegung erstarrt – über den Eimer halte. Ich kneife die Augen zusammen, öffne sie wieder: kein Zweifel! Da steht eine vor sich hin tropfende Kreatur mit Pferdekopf und Giraffenhals, die mich neugierig betrachtet.

Ich drehe mich um und werfe einen Blick zur vorderen Glastür, die zum Hof führt. An ihrer Scheibe drücken sich gerade drei von den Gnomen die Nasen platt. Als sie sehen, dass ich sie in den Blick nehme, winken sie mir begeistert lachend zu.

„Sieh es ein“, spricht auf einmal meine innere Stimme zu mir. „Du wirst sie nicht so schnell los werden! Du hast nur die Wahl, Dir von ihnen den Tag verderben zu lassen, oder Dich an ihnen zu erfreuen.“

Ich betrachte erst das Wasserwesen, das gerade den Kopf dreht, um mich aus seinem linken Auge besser in den Blick nehmen zu können, dann die vergnügt Grimassen ziehenden Gnome. Meine innere Stimme hat recht: wenn ich den Fakt beiseite lasse, dass es das, was ich da gerade sehe, nicht geben kann, ist es einfach nur bezaubernd!

Ich winke erst den Gnomen, dann der vor sich hin tropfenden Gestalt zu, schalte am Handy von Neoklassik auf Punkrock um, drehe den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und verbringe einen ziemlich schrägen – und sehr entspannten – Nachmittag in den ehrwürdigen Gewölben des historischen Pferdestalls.

Während ich um die schmalen Fenster herummale, winken mir von draußen all die Gestalten zu, die wir gestern und heute während Riwo Sangchö gefüttert haben. Manche haben dürre Hälse und kleine Köpfe, andere Flügel und Segelohren, die einen sind winzig klein, die anderen riesig groß – aber alle sind sie freundlich und vergnügt. Und dankbar dafür, dass wir sie so gut gefüttert haben.

Irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich mich mit ihnen unterhalte. Das erstaunt mich, ich bin visuell – ich „sehe“ zwar detailiert, aber das einzige, was ich normalerweise „höre“ sind Halleffekte. Jetzt geht es auf einmal wie von selbst.

Vielstimmig und in allen Tonlagen wird mir erklärt, wie glücklich alle darüber sind, uns zu Besuch zu haben und vor allem, wie begeistert sie von unserer Praxis sind! Ich möchte mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. „Es ist nicht mein Verdienst“, erkläre ich, während ich versuche, die Decke zu streichen, ohne den halben Putz dabei mitzunehmen, „ich sitze nur dabei, es ist Suriyel, der die Arbeit macht.“

Sie scheinen nicht nach Leistung zu differenzieren, ich werde weiter ausführlich gelobt und bekomme in allen Variationen erzählt, wie glücklich sie über uns wären. Am späten Nachmittag, als meine Arme müde sind und Blasen meine Finger zieren, ertappe ich mich dabei, dass ich ihnen doch tatsächlich verspreche, wir würden das jetzt regelmäßig machen.

In dem Moment bekomme ich eine Textnachricht von Uriel: Wie es denn laufen würde, bei mir?

„Ich wollte immer schon mal auf LSD einen historischen Pferdestall streichen“, schreibe ich zurück. „Stand noch auf meiner Lebens-To-Do-Liste! Dank Dir kann ich jetzt ein Häckchen dahinter machen…“

Während ich die Farbrollen einweiche und den Deckel auf den Eimer drücke, malt die späte Nachmittagssonne helle Kringel an die frisch gestrichenen Wände. Er wird schön werden, der neue Seminarraum – geradezu magisch…

Euphorie

Ich lege Tarot, bekomme eine interessante Meditations-Augendiagnose verpasst und darf – Dank Suriyels Riwo Sangchö-Rauchopfer aus dem tibetischen Buddhismus – an einem magischen Happening teilnehmen.

Am Sonntagmorgen weckt mich Vogelgesang. Im Bett sitzend, werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Der Weiher glänzt in der frühen Morgensonne. Ein paar Enten paddeln darauf herum, ich höre sie quaken, während ich mich anziehe.

Um sieben Uhr früh stehe ich in der Küche. Ich bin die Erste, die wach ist, stelle ich zu meiner Erleichterung fest. Der Blogtext für morgen muss in den nächsten zwei Stunden geschrieben werden, tagsüber werde ich keine Zeit finden. Dafür brauche ich Ruhe. Bevor ich anfange zu arbeiten, schalte ich Uriels ehrwürdige Jura-Kaffeemaschine an. Jetzt ist Konzentration gefordert, sie ist von sensiblem Gemüt – ein unachtsamer Handgriff und ich kann meinen Morgenkaffee vergessen! Mit angehaltenem Atem befolge ich die Anweisungen auf dem Display und hole erst wieder Luft, als der braune Kaffeestrahl in die Tasse läuft. Geschafft!

Ich bin schon im letzten Drittel des Textes angekommen, als nach und nach die anderen in die Küche einlaufen. Suriyel in seinem üblichen Gleichmut und im Pyama, Maria komplett angezogen, dafür in aufgelöstem Zustand. Sie hätte seltsames geträumt! Da ist sie nicht die einzige, mir ging es nicht anders. Suriyel setzt sich mit seinem Kaffee zu uns an den Tisch. Ihm wäre es genauso gegangen, erzählt er uns. Es wäre immer das selbe: in seinen Nächten im Retreathaus am Ende der Welt hätte er die wildesten Träume.

Ich schreibe den Blogtext zu Ende und lege gleichzeitig Maria die Karten. Multitasking gehört nicht zu meinen Stärken, aber sie möchte so dringend wissen, was der seltsame Traum zu bedeuten hat, dass sich die Sache nicht auf später verschieben lässt. Suriyel verschwindet dezent nach oben – Kartenlegen ist eine intime Sache – dafür taucht, kaum ist er zur einen Tür hinaus, durch die andere der kleine weiße Hund auf und möchte begrüßt und gestreichelt werden. Kurz darauf gefolgt von Uriel, der etwas derangiert aussieht. Er hätte aber auch wildes Zeug geträumt, heute Nacht, erzählt er uns, während im Hintergrund die alte Jura-Maschine krachend Kaffeebohnen mahlt.

Ich fotographiere Marias Legung und schicke ihr die Bilder per Whatsapp samt der Info, die Interpretation würde ich später per Sprachnachricht liefern. Für ein entspanntes Kartenlegen ist hier gerade zu viel Betrieb. Maria wird uns nach Riwo Sangchö verlassen, am Abend wartet in Leipzig eine Geburtstagsparty auf sie. Auch Uriel hat gesellschaftliche Verpflichtungen, er muss – samt Hund – schon vor dem Morgenritual aufbrechen. Bis zum Mittag des nächsten Tages wäre er wieder zurück, meint er. Bevor er verschwindet, schaut er mir tief in die Augen: ich hätte wieder diesen wahnsinnigen Blick, wie er ihn von mir eigentlich nur während Retreats kennen würde! Ich solle bloß aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird! Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich über den „wahnsinnigen Blick“ ärgern, oder ob seiner Fürsorge gerührt sein soll…

Allerdings hat er mit seiner „Augen-Diagnose“ ich wäre gerade gaga, recht. Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich Suriyel, der alles für unser morgendliches Riwo Sangchö vorbereitet – und vor ihm auf der Wiese im warmen Licht der Vormittagssonne eine Ansammlung wild herumtollender halbtransparente Gestalten. Sie reichen ihm bis zur Hüfte. „Himmel hilf!“, denke ich mir, „Geht das schon wieder los?“ Ich verkneife mir die Frage, ob Suriyel die muntere Schar ebenfalls sieht, versuche die seltsamen Wesen, die sich keine zwei Meter vor uns aufreihen, zu ignorieren und nehme so würdevoll, wie es mir in meinem aktuellen Zustand möglich ist, vor dem Schreintischen Platz.

Maria setzt sich auf einen der Gartenstühle, Suriyel entzündet Kerze und Räucherstäbchen und dann fangen wir an.

Die seltsamen Gnome, Wichtel, Klabautermänner what´s ever – waren nur die Vorhut, stelle ich fest. Kaum schwingt Suriyel das erste Mal die Glocke, ist die Wiese voll. In allen Größen, Formen und Variationen haben sich wieder die gleichen halbtransparenten Gestalten wie gestern eingefunden. Es hat was von Open Air, denke ich mir, während ich, den Blick auf den Text, den ich gemeinsam mit Suriyel rezitiere und singe, gleichzeitig mit meinem hyperaktiv delierenden „Dritten Auge“ das Szenario vor uns betrachte. Als wären wir eine Band auf einer Bühne und vor uns stehen die begeisterten Fans. Und begeistert sind sie, mir fällt kein anderes Wort dafür ein.

Als wir beim Speiseopfer angelangt sind und Suriyel einen Löffel von der Mehl-Zucker-Butter-Mischung über die Räucherkohle in dem kleinen Tongefäß kippt, setzt unser Publikum noch eins drauf: jetzt hat es was von Woodstock, denke ich mir. So viel Euphorie muss man erst mal zustande bringen!

Während ich das bizarre Szenario vor mir beobachte, nehme ich gleichzeitig die friedliche Stille um uns war: hinter uns rauscht der Bach, in den Bäumen singen Vögel, ab und zu klingt das Quaken der Enten vom Weiher zu uns herüber. Eine leichte Brise spielt mit meinen Haaren und weht mir ein paar Strähnen ins Gesicht. Ich sitze in Meditationshaltung neben Suriyel auf der Bank, höre ihn und mich, betrachte die euphorische Geisterschar und spüre gleichzeitig die vollkommene Stille um uns. Das Szenario ist vollkommend verrückt – und gleichzeitig wahnsinnig schön.

Als wir zu Ende sind, sehe ich den kleinen Gnomen nach, die vergnügt über die Wiese davon hüpfen. Ich bin richtig neben der Spur! Eigentlich müsste ich erneut schlafen, um mein Gehirn in die Balance zu bringen. Aber ich kann nicht schon wieder kneifen! Während Suriyel Maria zum Bahnhof fährt, ziehe ich in meinem Zimmer die immer noch feuchte Malerkluft über. Ein kompletter historischer Pferdestall wartet darauf, von mir gestrichen zu werden!

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