Erzengel Gabriels Bemühen um die Schutzengel von Berlin-Friedrichshain bringt ihr Ärger mit einem Kollegen ein…

Am Dienstag um zehn Uhr vormittags platzierte der Vorzimmerengel einen Zettel auf den Schreibtisch seiner Chefin und verschwand wieder. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Erzengel Gabriel legte einen Stapel Einsatzberichte zur Seite und überflog die Notiz: Die von ihr gestern Abend ausgesandten Gnadenengel des fünften Chores hatten weisungsgemäß Stellung in Berlin-Friedrichshain bezogen. Die Reinigungsvorrichtung wäre in einem leerstehenden Ladengeschäft schräg gegenüber des Buddhistischen Zentrums aufgebaut worden, las sie. Bis Mittag würde das Viertel nach kontaminierten Schutzengeln durchkämmt, danach solle zügig mit der Gnadendusche begonnen werden. https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Der Vorzimmerengel riss Gabriel aus ihren Gedanken: In zwanzig Minuten stünde der monatliche Termin des Gremiums der Gnadengesuche an. Wenn sie pünktlich im fünften Chor sein wolle, müsse sie jetzt aufbrechen!
Als Gabriel, einen dicken Ordner in der Umhängetasche, aus ihrem Büro hastete, hatte sie die von Luzifer übertölpelten Schutzengel von Berlin-Mitte bereits wieder vergessen. https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Gabriel war mit dem Management ihrer Heerschar von Engeln aus dem dritten und vierten Chor komplett ausgelastet.

Trotzdem musste sie auch bei den Mächten des fünften Chores Führungsverantwortung übernehmen. So schön es war, neben all dem banalen Alltagskram auch noch für Wunder und Wohltaten zuständig sein zu dürfen: Im Grunde war es ihr zu viel.

Glücklicherweise teilte sie sich den Job mit Erzengel Rafael. Die beiden hatten die pragmatische Lösung gefunden, dass er für alle männlichen Gnadensuchenden, Gabriel dagegen für alle weiblichen zuständig war.

Bis vor 2100 Jahren hatte noch ein dritter Erzengel zur Gnadenkommission gehört: Luzifer.
Bevor er gegen den Allmächtigen rebellierte und – nach seiner Niederlage – des Himmels verwiesen wurde, war er der Leiter der Gnadenkommission gewesen. In seinen Händen hatte die letztendliche Entscheidung über alle besonders schwierigen und moralisch grenzwertigen Gnadengesuche gelegen.

Gabriel konnte sich noch gut daran erinnern, wie beeindruckt sie immer wieder von Luzifers messerscharfer Analyse und seinem klugen Abwägen gewesen war.
Seit er weg war, lief es irgendwie nicht mehr richtig rund in der Gnadenkomission, fand Gabriel.
Und dass es extrem anstrengend für die verbliebenen Erzengel war, seit 2100 Jahren die zahlreichen Verpflichtungen von Luzifers dauerhaft vakanter Führungsposition nebenher erledigen zu müssen, gehörte auch zur bitteren Wahrheit.

Um zwei Uhr Nachtmittags versuchte Gabriel vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken. Neben ihr bohrte Erzengel Raphael gelangweilt die Spitze seines Kugelschreibers durch die Ecke der Liste, auf der die Gnadensuchenden aufgeführt waren. Die war dieses Mal besonders dick: Vor sieben Uhr abends würden sie damit auf keinen Fall durch sein.

Im großen Konferenzraum des fünften Chores waren – wie jeden Monat – etwa dreißig Engel der Leitungsebene versammelt, um gemeinsam über die Gnadengesuche zu entscheiden. An der Stirnseite des Raumes hatte sich ein graugelockter Engel neben einem Whiteboard postiert und referierte Namen, Daten und Qualifikationskritierien der Antragsteller. Wenn er mit einem durch war, bat er um Handzeichen.

Erforderlich für die Gewährung von Gnade waren immer fünfundsiebzig Prozent der Stimmen – das schafften nicht viele. Gnade war eben kein Massenprodukt. Zumindest nicht für Menschen. Bei Engeln sah es ein bisschen anders aus.

Auf einmal wurde Gabriel von einer Stimme in ihrem linken Ohr aus dem Halbschlaf gerissen. „Was fällt Dir ein, Dich in meine Angelegenheiten zu mischen?!!!“ Sie wäre vor Schreck beinahe vom Stuhl gekippt!

Gott hatte, als er seine Erzengel erschuf, einen Strom reinsten Äthers mit einer speziellen Mischung Sternenstaub vermengt. Da alle Erzengel aus Materialien gleichen Ursprungs geschaffen waren, verband sie ein besonderes Band. So war es ihnen möglich, lautlos miteinander zu kommunizieren. Das hatte sich über die Jahrtausende in brenzeligen Situationen immer wieder als nützliche Sache erwiesen. Allerdings galt – jenseits akuter Krisen – die unausgesprochene Regel, dass angefragt wurde, bevor die Erzengel-Kollegen auf diese Weise Kontakt miteinander aufnahmen.

Gabriel murmelte Rafeal eine Entschuldigung ins Ohr, schob ihm das ausgefüllte und unterschriebene Formblatt mit ihrem Stimmrecht zu, und eilte in den Flur.

Nachdem sie die Tür des Konferenzraumes hinter sich geschlossen hatte, antwortete sie lautlos: „Suriyel?“ https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Es ist doch immer das Selbe mit Dir: nie hältst Du Dich an die Regeln! Ich habe Dich nicht darum gebeten, dass Du Dich in meine Angelegenheiten einmischt! Ist das klar?“

Das Dröhnen seiner Stimme liess Gabriel erschrocken zusammenfahren. „Ich höre Dich, Suriyel! Kannst Du bitte etwas leiser sprechen?“

Es kostete Suriyel hörbar Mühe, seine Stimme zu dämpfen. „Deine unausgegorene Aktion sorgt dafür, dass ich gerade mit dreißig tropfnassen, verzweifelten Schutzengeln am Tor des Buddhistischen Zentrums stehe! Und dabei will ich hier nicht auffallen! Wie soll ich vernünftig meine Arbeit tun, wenn Du mir ständig dazwischen funkst?“

„Warum geht ihr nicht einfach rein?“

„Weil es nicht geht! Die Schutzengel kommen nicht über die Schwelle – wie gehabt! Deine alberne Gnadendusche ändert überhaupt nichts daran! Jetzt sind sie bitter enttäuscht, schreien und heulen hier herum und locken mit dem Krach die ganze Nachbarschaft herbei! Und das alles, weil Du mich, wie üblich, vorher nicht um Erlaubnis gefragt hast! Es ist doch immer das Selbe mit Dir!“

„Aber Uriel hatte mich doch…“ https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Es war zu spät: Suriyel war bereits aus Gabriels Kopf verschwunden.