Wir starten den Versuch, das Instantpulver für unser Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – selbst herzustellen…
Eineinhalb Jahre, nachdem Suriyel damit begonnen hat, regelmäßig Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu praktizieren, hat sich das Rauchopfer dort etabliert. Wir machen es jeden Sonntag in der Gruppe, einige von uns praktizieren es zudem noch täglich zuhause.
Allerdings ohne konkrete Idee, wie das zu bewerkstelligen ist. Die einzige Information über die Zusammensetzung des Instant-Powders entnehmen wir der Einleitung des Jahrhunderte alten Rezitationstextes des Riwo Sang Chöd.
In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Das beruhigendste an dieser Liste ist für mich der Zusatz „…whatever you have available…“.
Während sich unsere Vorräte an gekauftem Pulver mehr und mehr dem Ende zuneigen, sammle ich deshalb, was mir gerade vor die Nase kommt:
Von einer Treckingtour an der Polnischen Ostseeküste bringe ich eine Dose Kiefernharz nach Hause. Teuer bezahlt mit vielen Mückenstichen, die ich abbekam, als ich, so vorsichtig als möglich, das klebrige Harz von Baumrinden schabte.
Wieder zurück in Berlin, halte ich weiter auf jeder Tour durch die Stadt Ausschau nach allem, was sich für den Do-it-yourself-Sang-Powder verbraten lässt.
Zuvor habe ich das Internet befragt und zu meiner Erleichterung erfahren, dass sich im Grunde jede Pflanze, die duftet und heilt, auch für Räucherwerk eignet.
Ich sammle also alles, was eine Großstadt wie Berlin in Sachen „healing plants“ zu bieten hat. Im Frühsommer, stellt sich heraus, ist das einiges: Am Mauerpark entdecke ich eine Ansammlung großer blühender Holundersträucher.
Ein paar Tage später werden die blühenden Linden in unserer Straße zurückgeschnitten. Ich sammle einen Berg Äste ein und verbringe meinen Abend damit, die Lindenblüten zu zupfen.
Vor dem Zubettgehen lege ich eine weitere Reihe Papier aus und breite die duftenden Lindenblüten neben den vor sich hin trocknenden Holunderblüten darauf aus. Zur Belohnung darf ich in einem wahren Geruchsparadies einschlafen.
Im Garten der Spirituellen WG wächst auch einiges, was sich zum Räuchern eignet: Der rote Rosenbusch neben dem Gartenhaus blüht nicht nur wunderbar, seine Blüten verströmen einen intensiven Geruch, der das Duft-Potpourri meiner – sich immer weiter ausdehnenden – Räucherecke auf das schönste erweitert.
Rosmarin, Thymian, Minze und Melisse, die im Kräuterbeet wuchern, können ebenfalls veräuchert werden.
Ich suche, sammle, trockne, befülle und beschrifte leere Marmeladengläser – und kann, als Suriyel Anfang Juni zu mir zu Besuch kommt, eine stattliche Sammlung „healing plants“ für unseren Sang-Powder präsentieren.
Der zeigt sich angemessen beeindruckt.
Und ich freue mich, dass ich schon mal zwei Punkte auf der tibetischen Zutatenliste abhaken kann: „Resins“ und „Healing Plants“ haben wir schon mal…
Das tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd, dass wir auf der Terrasse des Tempels zelebriert haben, hat die örtlichen Naturgeister besänftigt und dem neuen Gebäude Segen gebracht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Davon sind wir alle überzeugt, denn genauso hat es sich für uns während des Zeremoniells angefühlt.
Ob unsere zahlreichen Zuschauer das ebenso erlebt haben, bleibt uns verborgen. Dass während des einstündigen Zeremoniells alle konzentriert und still dabei saßen und niemand aufstand und ging, werten wir aber als positives Feedback.
Erst nachdem wir fertig sind, verlassen die Besucher des Vesak-Festes die Terrasse. Der nächste Programmpunkt – ein Vortrag – findet im Haupttempel im ersten Stock des Gebäudes statt.
Wir bleiben zurück, um aufzuräumen.
Unser allererstes öffentliches Riwo Sang Chöd ist zu Ende. Das nächste wird wohl in einem Jahr stattfinden. Beim nächsten Vesak.
Bis dahin wird jeder für sich täglich zuhause sein Rauchopfer praktizieren. Jeden Sonntag werden wir uns – wie üblich – hinter den hohen Mauern des tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain treffen, um gemeinsam unser Rauchopfer zu zelebrieren.
Denn genau in diesem Moment erhalten wir die nächste Einladung!
Die schöne Lu aus der chinesischen Sanga unseres tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichhain ist es, die sich von Suriyel ein Rauchopfer wünscht.
Während der die Ritualgegenstände in seinen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt packt, erklärt sie ihm ihr Problem:
Lu möchte ein veganes chinesisches Restaurant eröffnen. Sie hat in Friedrichshain Räume im Erdgeschoss eines Altbaus angemietet. Seit Februar ist sie mit der Renovierung beschäftigt. Jetzt ist alles fast fertig.
Nur – leider, leider – ist irgend etwas mit dem Keller nicht in Ordnung. Die Energie ist schlecht! Geradezu unerträglich!
Lu ist deshalb sehr besorgt. Schließlich sollen dort die Lebensmittel für das Restaurant gelagert werden. Und überhaupt: Sie fürchtet um den Erfolg ihres Unternehmens!
Deshalb fragt sie Suriyel, ob er nicht kommen kann, um bei ihr im Keller ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren. Auf das die verärgerten Naturgeister befriedet werden, die Schützer aktiviert und die Buddhas und Boddhisattvas dem Restaurant ihren Segen schenken mögen.
Und das bitte schnell! In zwei Wochen soll das Restaurant eröffnet werden!
So kommt es, dass wir bereits am nächsten Tag – einem Sonntag – wieder in Rauchopfer-Mission unterwegs sind.
Nachdem wir erst „Grüne Tara“ im Tempel und danach unser sonntägliches Sang im Garten des tibetisch-buddhistischen Zentrums absolviert haben, machen wir uns auf den Weg zu Lu.
Glücklicherweise ist ihr neues Restaurant gerade einmal zwei Straßen vom Zentrum entfernt. Lu packt die große Ritualtrommel in den Kofferraum ihres Autos und fährt schon mal vor.
Wir anderen laufen zu Fuß. Suriyel trägt seinen Baumarkt-Koffer mit den Zeremonien-Gegenständen, ich schleppe die Fahrradtasche mit Glocke und Damaru. Die Darma-Schwester, die immer die große Trommel schlägt und eine chinesische Freundin von Lu sind auch noch mit von der Partie.
Dass wir gerade auf dem Weg in ein veganes chinesisches Restaurant sind, um dort ein mehr als tausend Jahre altes tibetisches Ritual abzuhalten, um böse Geister zu vertreiben, erfreut und erheitert mich zutiefst.
So, finde ich, soll das Leben sein. Wenn es anders ist, läuft etwas verkehrt.
„Wir sind buddhistische ‚Ghost-Busters‘!“, erkläre ich Suriyel, während unsere schräge Truppe unter blühenden Linden durch Friedrichshain läuft. „Oder besser: ‚Gost-Feeders‘!“
Suryiel schweigt dazu. Aber ich sehe ihm an, dass ihn die Situation genauso erheitert wie mich.
Als die aufgekratzte Truppe bei Lu ankommt, werden wir von ihr mit offenen Armen empfangen.
Der Weg in den Keller führt an der Küche des Restaurants vorbei. Auf dem Herd stehen große Schüsseln mit Bergen von Gemüse. Ein schweigsamer Chinese schnippelt Zwiebeln.
Das Gemüse wäre für uns, erklärt uns Lu. Nach dem Ritual würde sie uns zum Essen einladen.
Fantastische Aussichten!
Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.
Als wir nacheinander im Gänsemarsch auf einer schmalen Stiege in den Keller hinunter steigen, weiß ich sofort, was Lu meint: Die Energie dort fühlt sich wirklich furchtbar an! Dabei riecht es nicht modrig. Es ist auch nicht übermäßig dunkel. Aber trotzdem ist es, als stünde man in einer dumpfen drückenden grauen Wolke.
Dabei wäre es schon viel besser geworden, versichert uns unsere Gastgeberin.
Sie hat auch einiges dafür getan: Quer über die riesige Fläche spannt sich eine lange Reihe tibetischer Gebetsfahnen. In der dunkelsten Ecke des riesigen Kellerraums hat Lu zwei große goldene elektrische Gebetsmühlen aufgestellt, die sich ununterbrochen drehen und dabei aus unsichtbaren Lautsprechern in monotonem Sing-Sang tibetische Gebete plärren.
Ich bin fasziniert von den elektrischen Gebetsmühlen: Wir haben die selben im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums. Auch dort stehen sie – sich unaufhörlich drehend – in einer Ecke. Aber dass sie auch noch beten können, wusste ich nicht.
Man könne die Lautsprecher auf „Null“ stellen, erklärt mir Lu. Ich bin erleichtert, als sie das jetzt auch bei den ihren macht. Das blecherne Geleier schmerzt mir in den Ohren.
Wir müssen improvisieren. In Lu’s Restaurant gibt es weder Meditationskissen noch Schreintische. Es dauert trotzdem höchstens eine Viertelstunde, dann sind wir startklar.
Zusammen mit Lu rezitieren, singen und musizieren wir, was das Zeug hält. Alles um uns glüht vor Energie.
Als wir beim Opfern der Speisen angekommen sind, steht Suriyel auf, nimmt die rauchende Schale und wandert mit ihr in der Hand, unaufhörlich das Mantra „Om Ah Hung“ rezitierend, erst durch den Keller, dann die Stiege hoch in das Restaurant und dort durch alle Räume.
Wir folgen ihm im Gänsemarsch, jede mit der Mala in der Hand, ebenfalls konzentriert das Mantra rezitierend.
Vor jeder Buddha-Figur – von denen es bei Lu in jedem Raum mindestens eine gibt – stellt Suriyel einen der brennenden Räucherkegel aus der Opferschale ab.
Am Ende sind wir wieder im Keller angelangt. Dort lassen wiruns erneut auf unseren provisorischen Plätzen nieder und schließen das Ritual feierlich ab.
Hinterher ist Lu erleichtert und dankbar.
Und wir anderen finden auch, dass wir einen guten Job gemacht haben! Das dumpfe drückende Gefühl ist aus dem Keller verschwunden.
Als wir – erschöpft und glücklich – hintereinander die steile Kellerstiege hochklettern, begrüßt uns das Sonnelicht eines späten Sonntagnachmittags. Es kommt uns vor, als hätten wir nicht nur ein paar Stufen, sondern einige Jahrhunderte und eine völlig fremde Welt hinter uns gelassen.
Die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die an der grauen Hauswand des Altbaus vorbeilaufen, ahnen nicht, was hier gerade geschehen ist: Die ‚Ghost-Feeders‘ des tibetisch-buddhistischen Zentrums haben bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen ihre spirituelle Mission erfolgreich abgeschlossen!
Geister-Füttern macht hungrig!
Glücklicherweise ist das Essen fertig. Wir lassen uns an einer großen Tafel nieder. Lu stellt eine große Schüssel mit köstlichen chinesischen Gemüsegerichten nach der anderen vor uns auf den Tisch. Dazu gibt es fantastischen chinesischen Grünen Tee.
Wir sind begeistert von dem tollen Essen – und Lu ist glücklich über unser Entzücken.
Denn die tibetisch-buddhistischen ‚Ghost-Busters‘ sind die allerersten Gäste in Lu’s neuem Restaurant.
Dass wir nicht nur so viel gute Energie geschaffen haben, sondern jetzt auch noch so entzückt von ihrem chinesisch-veganen Essen sind, wertet die schöne Lu als positives Zeichen.
Wir können ihr nur zustimmen: Dieses Restaurant wird ganz sicher der Renner werden…
Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…
Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/
Der Anblick lässt mich schaudern.
Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.
Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.
Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.
Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.
Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.
Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“
„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.
Ich bleibe fassungslos zurück.
Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.
Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.
Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.
Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!
Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.
Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.
Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!
Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!
Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.
Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.
Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.
Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.
In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.
Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.
Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.
Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/
Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.
Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.
Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!
Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.
Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
So viel zum Willen des Meisters…
Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.
Ansonsten ist es vollkommend still.
Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.
Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.
Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.
Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.
Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.
Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…
Dieses historische Ereignis wird am ersten Juni-Wochenende im chinesischen Chan-Kloster von Kreuzberg stattfinden!
Die Frage ist nur: Werden sich genug Unerschrockene für den Auftritt finden?
Denn es ist das eine, gut versteckt hinter hohen Mauern an einem mehr als tausend Jahre alten schamanischen Ritus teilzunehmen.
Und etwas ganz anderes, sich zu einer solch befremdlichen Handlung vor den Augen der Öffentlichkeit zu bekennen!
Und mag die auch noch so buddhistisch sein…
Als ich die Neuigkeit über unseren Auftritt an Vesak in der Whats-App-Gruppe der Sonntagspraktizierenden verkünde, bin ich gespannt, wie die Rückmeldungen ausfallen werden:
Es finden soch doch tatsächlich drei Mutige, die bereit sind, mitzumachen!
Mit Suriyel und mir wären wir zu fünft. Ich bin erleichtert: Das ist nicht beeindruckend, aber ausreichend.
Während der nächstens Sonntagstreffen im Zentrum sammle ich dann noch vier halbe bis dreiviertelte Zusagen ein: Wenn es sich an dem Tag ergeben würde, wäre man dabei, wird mir gesagt.
Am Ende, denke ich, werden wir wohl um die sieben Leute sein.
Dafür, dass wir das zweitgrößte buddhistische Zentrum Berlins repräsentieren, ist das eine bescheidene Truppe.
Aber angesichts der Herausforderung ist die Zahl erfreulich hoch.
An den folgenden Sonntagen wird im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain fleißig für den ersten Auftritt der Gruppe geübt.
Es klappt ganz gut, finde ich. Suriyel ist auch zufrieden.
Und schließlich: Die Generalprobe!
Am letzten Sonntag vor dem Vesak-Fest schleppen wir Sitzunterlagen, Meditationskissen, Schreintischen, Musikinstrumente, Sakralgegenstände, Holz, Speiseopfer und die große Feuerschale ins Freie.
Während der Zeremonie geben wir alles!
Suriyel schlägt die Zimbeln, eine Dharma-Schwester die große Trommel. Dazu schwenken alle die traditionellen tibetischen Handglocken und drehen die kleine Damaru.
Wir rezitieren und singen, dass es eine Freude ist.
Suriyels Rauchfahne ist von beeindruckender Dichte und von perfekt weißer Farbe.
Hinterher sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Rauchopfer. Wenn wir das nächsten Sonntag noch einmal so hinbekommen, wäre das super!
Am Abend meldet sich eine Dharma-Schwester, die nicht an der Sonntagspraxis teilgenommen hat, in der Whats-App-Gruppe.
Was denn los gewesen wäre bei uns heute im Zentrum? Wir hätten bei unserem Rauchopfer einen Krach gemacht, dass man uns auch noch zwei Straßen weiter gehört hätte! Es klang, schreibt sie, als wäre eine Horde Fußballfans durch das Viertel gezogen!
Das chinesische Kloster in Kreuzberg zelebriert ein buddhistisches Fest – und alle buddhistischen Zentren Berlins helfen mit…
Am Vollmondtag des vierten Monats jedes lunaren Jahres feiern Buddhisten in aller Welt Vesak. Dann wird der Geburt, der Erleuchtung und dem Tod Buddhas gedacht.
Das ist wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern an einem Tag!
In Berlin hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Vesak-Fest jedes Jahr reihum von einem anderen buddhistischen Zentrum der Stadt ausgerichtet wird.
Die Mitglieder desjenigen Buddhistischen Zentrums, dem die Aufgabe zufällt, in diesem Jahr das große Fest zu organisieren, befinden sich schon Monate vor dem Fest – das auf einen Tag zwischen Ende April und Anfang Juni fällt – im Ausnahmezustand.
Alle anderen Buddhisten Berlins dürfen sich von den zurückliegenden Strapazen „ihres“ Vesak erholen und sich auf ein entspanntes Fest freuen.
In diesem Jahr trifft es das große chinesische Chan-Kloster in Kreuzberg.
Im Februar erhält das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain deshalb von der chinesischen Dharma-Verwandtschaft die Einladung zum Vesak-Fest. Weil der vierte Vollmond des neuen Jahres auf Donnerstag, den 23. Mai fällt, findet das Fest am Wochenende danach statt.
Ich erfahre von der Einladung, als ich, nach meinem Umzug nach Berlin Ende Februar, an meiner ersten Orga-Team-Sitzung im Zentrum teilnehme.
Das ist auch das erste Mal, dass ich von „Vesak“ höre. Das Fest stammt aus der Theravada-Tradition, der ältesten noch existierenden Schultradition des Buddhismus. Sie wird heute vor allem in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha praktiziert.
Weil meine Zen-Tradition der jüngeren Schullinie des Mahayana angehört und aus Japan stammt, bin ich bisher noch nie mit dem Fest in Berührung gekommen.
Im japanischen Zen wird das Fest von Buddhas Erleuchtung am 8. Dezember gefeiert. Das ist unser „Bodhi-Tag“. Zuvor findet – gemäß der japanischen Tradition – immer ein siebentägiges intensives Retreat statt . In dieser „Rohatsu“ bereiten sich die Praktizierenden durch Meditation und Schweigen auf das Fest vor.
Als mir die anderen Teilnehmer der Orga-Runde erklären, was es mit diesem „Vesak“ auf sich hat, freue mich darüber, auch noch das Fest einer anderen Tradition erleben zu dürfen.
Schnell wird mir während der Orga-Sitzung allerdings klar, dass ich wieder einmal viel zu passiv gedacht habe! Ich werde – stellt sich heraus – nicht nur als Gast im Chinesischen Tempel erwartet.
Ich soll einen Programmpunkt mitgestalten!
Denn die Einladung des chinesischen KLosters ging mit der Bitte einher, alle anderen Zentren mögen sich mit einem Angebot am Tagesprogramm beteiligen.
Und zwar mit einer Praxis oder einem Ritus, der typisch für die Tradition des jeweiligen Zentrums ist.
Der Vorstand des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zerbrach sich gemeinsam den Kopf darüber, was man der versammelten Berliner Community an Vesak präsentieren könnte.
Suriyel praktiziert es jeden Sonntag als offenes Angebot im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. Und ich bin – zusammen mit ein paar Anderen – regelmäßig mit dabei und mache mit.
In kleinem Rahmen. Ohne Publikum…
Dass auf einmal von mir erwartet wird, vor sämtlichen Buddhisten Berlins ein schamanisches Rauchopfer zu präsentieren, trifft mich unvorbereitet.
Drücken will ich mich aber auch nicht. Am Ende steht Suriyel alleine da. Das kommmt nicht in Frage.
Also nicke ich ergeben.
Die Runde reagiert erleichtert über meine Einwilligung.
„Wie gut, dass du dabei sein wirst!“, schallt mir entgegen.
Denn das Orga-Team hat noch einen weiteren Aufrag für mich, erfahre ich umgehend.
Ich solle doch bitte darauf achten, dass Suriyel sich benimmt! Er möge bitte nur ein kleines Feuer im Garten der chinesischen Dharma-Brüder und -Schwestern entfachen. Und um Himmels Willen nicht zu viel Rauch produzieren! Und nicht zu viel Krach machen!
Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain will schließlich einen guten Eindruck hinterlassen – und keinen Ärger produzieren!
Ich werde, denke ich im Stillen, an Vesak nicht nur als Tantra-Praktizierende gefordert sein, sondern auch noch als Kindermädchen!
Wir starten ein neues Projekt mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches Riwo SangChö Pulver nach historischem Rezept selbst herzustellen…
Am Sonntag sitzen wir nach der Grünen-Tara-Praxis und dem Riwo SangChö in der gemütlichen Teestube des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zusammen und diskutieren über das Instant-Pulver aus Nepal. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/
Ich erzähle den anderen von der E-Mail, die ich vom Leiter der Kunstschule des Niyngma-Klosters von Boudhanath in Kathmandu erhalten habe. Dass wir von dort Sang-Pulver bekommen können, aber nicht klar ist, was es kostet.
Für mich ist es keine Frage, dass wir den traditionellen Sang-Powder bei Experten bestellen müssen. Ich habe in der Vergangenheit bereits an Rauchopfern teilgenommen, für die selbstgefertigte Instant-Nahrung verwendet wurde. Die war aus Mehl und diversen Küchenkräutern zusammengemixt worden. Das Ergebnis hat mich nie überzeugt. Es roch nach wenig bis garnichts und es brannte auch nicht so, wie das gekaufte Pulver.
Wenn ich ein 1200 Jahre altes Ritual abhalte, dann nach Vorschrift.
Ich plädere deshalb in der Runde dafür, nachzufragen, wie viel das Nyingma-Kloster für das Pulver verlangt. Und, wenn es irgendwie bezahlbar ist, dort zu bestellen.
Es handelt sich schließlich, argumentiere ich, um traditionell und fachgerecht zubereiteten Sang-Powder nach altem Nyingma-Rezept! Wenn wir ein Pulver nehmen, dann das! Schließlich ist Padmasambahva – der größte Heilige Tibets – nicht nur der Schöpfer unseres Rauchopfers, sondern auch Gründer der Nyingma-Tradition!
So steht es auch auf den kostbaren Packungen des Nyingma-Klosters: „This Riwo Sangcho Powder is made at our Monastry in Nepal according to ancient Tibetan tradition. It is made only from natural herbal substances, fragrant woods, aromatic medicinal plants, white and sweet substances combinded to make this supreme offering.“
Selbstverständlich wollen wir ein „supreme offering“! Was sonst?
Die einzige Lösung die ich sehe, um kostengünstig Riwo SangChö zu praktizieren, ist, das Pulver direkt bei dem Kloster in Nepal zu bestellen.
So meine Logik…
Suriyel wiederspricht: „Klassisches Nyingma-Rezept!“ Das wäre Unfug, erklärt er uns. Auch in dem Kloster würden sie einfach nur das zusammenmischen, was in den Anweisungen der Sadhana – dem Rezitationstext für das Rauchopfer – angegeben ist.
Erst will ich das so nicht stehen lassen. Das Puver ist kostbar, speziell und hoch komplex in der Fertigung! Aber nach ein bisschen hin und ziehe ich dann doch meinen Text aus der Tasche und lese nach, was als Einleitung geschrieben steht: „Making an auspicious fire in a clean fessel or burner, burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Ich muss die Zeilen drei mal lesen, bis die Botschaft bei mir ankommt: „Der Instant-Powder ist einfach nur aromatisiertes Sägemehl?“
Jetzt verstehe ich auch, warum Suryiel es hinbekommt, dass der Sang-Powder bei ihm auch ohne die übliche Kohle-Tablette brennt. Es liegt nicht an seiner überragenden Feuer-Kompetenz, sondern daran, dass das Pulver aus Holz besteht!
Es bleibt mir nur, ihm zuzustimmen: Sägespänne mit Baumharz und Heilkräutern zu mischen, dass können wir auch selbst. Dazu brauchen wir weder ein nepalesisches Nyingma-Kloster, noch ein klima-schädliches Shipment um den halben Globus.
Eine Woche später breche ich zu einem Camping-Urlaub an die polnische Ostsee-Küste auf. Im Rucksack: Mein Taschenmesser und eine kleine Plastikdose. Das Ziel: Baum-Harz sammeln.
Denn das Projekt „Wir produzieren unser eigenes Do-it-yourself-Sang-Pulver nach traditionellem Rezept“ wird hiermit in Angriff genommen.
Für das traditionelle tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd gibt es ein praktisches – und teures – Instantpulver…
Anfang März bestelle ich bei der tibetisch-buddhistischen Spezialbuchhandlung 12 Packungen traditionelles Riwo-Sang-Chöd-Instant-Pulver. Je 250 Gramm für 12 Euro. Importiert aus Nepal.
Dafür brauche ich täglich einen Teelöffel von dem Instant-Pulver. Der Rauch, der entsteht, wenn das Pulver verbrannt wird, nährt meine hungrigen Gäste. https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/
Ich liebe das Instant-Pulver. Der Geruch des Rauchs ist wunderbar!
Dass der „Traditional Riwo Sang Choed Powder“ in einem Nyingma-Kloster in Nepal hergestellt wird, verleiht ihm einen so exotischen wie luxeriösen Charakter.
Das sehe nicht nur ich so: In meiner Sangha im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain haben auch noch andere Mitglieder begonnen, täglich ein häusliches Rauchopfer zu zelebrieren. Meine Großbestellung Sang-Pulver kommt genau zur richtigen Zeit. Innerhalb kurzer Zeit gebe ich fünf Päckchen weiter.
Sie nehme täglich eine oder zwei Messerspitzen von dem kostbaren Pulver, erfahre ich von einer Dharma-Schwester. Es rieche ja so wunderbar und wäre überhaupt ganz speziell!
Bei meiner Bestellung war ich davon ausgegangen, dass das Puver mindestens ein Jahr reichen würde. Für mich – und für Suriyels Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum.
Das Pulver ist mein Beitrag zur Sonntagspraxis. Suriyel kauft das Holz und die Lebensmittel, die verbrannt werden, ich spende den Instant-Powder. Weil Suriyel inzwischen ebenfalls begonnen hat, täglich ein häusliches Rauchopfer zu machen, bekommt er auch dafür von mir Sang-Pulver ab.
Dass ich auf einen Schlag fünf Packungen aus meinem Vorrat an die Sangha weiterverkauft habe, bringt meine Kalkulation durcheinander. Immerhin, beruhigte ich mich, ein halbes Jahr wird das Pulver sicher reichen.
Allerdings habe ich meine Rechnung ohne Suriyel gemacht: Denn der – stellt sich heraus – ist durch und durch großzügig. Im Alltag – und ganz besonders, wenn es um Buddhas, Bodhisattvas, Spirits und alle Bewohner der sechs Daseinsbereiche geht.
Diese Gäste bekommen nur das Beste von ihm – und das in rauen Mengen!
Als er mir erklärt, dass er für sein häusliches Riwo Sang Chöd täglich fünf Teelöffel von dem kostbaren nepalesischen Instant-Pulver verbrennt, muss ich mich setzen.
„Fünf Löffel!“ Ich bin fassungslos. „Ich brauche einen! Die anderen nehmen eine oder zwei Messerspitzen!“ Dann muss ich erst mal Luft holen. „Das Zeug kommt aus einem Nyingma-Kloster in Nepal!“
Ich überschlage seinen Verbrauch im Kopf und realisiere, dass mein Vorrat Instant-Powder in sechs bis acht Wochen aufgebraucht sein wird!
Gleichzeitig bin ich beeindruckt von seiner Großzügigkeit. Und davon, wie entspannt er mit Mangel umgeht: Obwohl er nicht weiß, wann und wie wieder neues Instant-Pulver auftauchen wird, gibt er, was er hat.
Nichtsdestotrotz muss dringend neuer Sang-Powder her! Und bei den Mengen, in dem der im tibetisch-buddhistischen Zentrum verbraucht wird, macht es keinen Sinn, ihn teuer in der Spezialbuchhandlung zu bestellen.
Auf den Etiketten der Päckchen ist eine nepalesische Mail-Adresse vermerkt. Am Abend setze ich mich an meinen Schreibtisch und formuliere eine Anfrage – in Englisch: Ob es dem Nyingma-Kloster in Boudhanath/Kathmandu möglich wäre, ein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin/Friedrichshain direkt zu beliefern? „Kind regards – a member of the Sangha…“
Drei Tage später ploppt die Antwort in meinem Postfach auf. „Dear Member of the Sangha“, lese ich, „thank you for reaching out to us regarding your interest in ordering our Riwo Sang Chod Powder…“
Es wäre möglich, heißt es weiter, allerdings wären die Frachtkosten nach Europa gerade ungewöhnlich hoch. Ich solle mitteilen, wie viele Päckchen wir bestellen wollen, dann würden sie den Versand in die Wege leiten. Was das Pulver und die Warensendung kosten, bleibt im Dunkeln.
Die Angelegenheit ist kompliziert. Aber irgendwie werden wir zu unserem Instant-Pulver kommen. Schließlich warten alle fühlenden Wesen in den sechs Daseinsbereichen darauf, von uns genährt zu werden…
„Großzügiges Geben ohne Gegenleistung“ ist eine der wichtigsten Tugenden des Buddhismus – und kompliziert…
Im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain wird das Prinzip von „Dana“ praktiziert.
Das bedeutet: Jeder gibt mit offenen Händen – und erwartet keine Gegenleistung dafür.
Im Buddhismus – wie im Hinduismus – wird die Übung des „Dana“ als essentiell für die Entwicklung von Großzügigkeit betrachtet. Sie dient als Mittel, das Wurzelgift der Gier zu überwinden.
Im Akt des bedingungslosen Gebens werden wir mit unseren tiefsten Ängsten konfrontiert: Vor Mangel. Vor dem „Zu-wenig-haben“. Vor der materiellen Vernichtung.
Das ist ein Aspekt von „Dana“.
Ein anderer Aspekt zielt auf den bewussten Vollzug der Handlung in diesem Augenblick ab. Überlegungen zur Transaktionalität und angemessenen Reziprozität des Gebens in dieser bestimmten Situation sind nichts anderes als Konzepte.
All diese limitierenden Ego-Strukturen sollen im Akt des Gebens aufgegeben werden. Der Vollzug des Dana wird zu einer Abfolge von Bewegungen, die vollkommend aus der aktuellen Situation heraus entstehen.
Dem natürlichen Rhythmus des Lebens folgend. Einfach nur atmen und loslassen.
Soweit die Theorie.
Wer sich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, dem ist das Prinzip des Dana vertraut.
Neulinge sind des öfteren überfordert. Manche fühlen sich von der Information, der Lama bitte statt einer fixen Kursgebühr um „Dana“ so eingeschüchert, dass sie den Kurs nicht besuchen.
Manche kommen und geben, aus Angst, zu wenig zu geben, zu viel.
Viele geben einen deutlich niedrigeren Betrag, als den, den sie in Form einer fixen Kursgebühr akzeptiert hätten.
Die wörtliche Übersetzung von „Dana“ – „Spende“ – verbinden Menschen im Westen weniger mit einer spirituellen Übung, sondern eher mit Freiwilligkeit.
Man kann geben, muss aber nicht…
Das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain ist ein Ort der Großzügigkeit. Jeder der kommt, ist willkommen. Er wird verköstigt, umsorgt und kann an allen Veranstaltungen teilnehmen. Vorraussetzungslos.
Allerdings ist auch das Zentrum den Bedingungen von Samsara unterworfen: Rechnungen müssen bezahlt, laufende Kosten beglichen werden. Wenn Lehrer mit ihren Veranstaltungen dort zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, kommen sie nicht wieder.
Die ehrenamtlichen Organisatoren des tibetisch-buddhistischen Zentrums befinden sich deshalb in einem Dilemma:
Sollen unbedarfte Besucher zum Glück des großzügigen Gebens gezwungen werden?
Soll „Dana“ nicht mehr mit „Spende“ sondern mit „Aufwandsentschädigung“ übersetzt werden? Damit können Deutsche eher etwas anfangen. Dass man sich an den Kosten eines genossenen Gutes beteiligen muss, ist für uns leichter nachvollziehbar, als die Gesetzmäßigkeiten von gutem Karma und Ego-Losigkeit.
Nur würde damit das eherne Prinzip des großzügigen vorraussetzungslosen Gebens aufgegeben werden.
Wir wären in unserer westlichen Logik des transaktionalen Gebens angelangt, das zwar praktisch ist, aber alle unglücklich und einsam macht.
Esther möchte eine „Spirituelle WG“ gründen – und ich bin auserwählt, das erste Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden…
„Intuition is the ability of experts to rapidly solve complicated problems that are highly difficult for the average person. […] These findings suggest that experts, after long-term, focused training, can use these evolutionarily-old brain structures for „intuitive“ decision-making, which, in non-experts, are only involved in primitive behaviors.“ https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29887530/
Dass Esther – die Vermieterin und Mitbewohnerin – speziell ist, bemerkt man nicht auf den ersten Blick. Aber auf dem zweiten. Schon während sie mich durch ihr Haus führt, bin ich beeindruckt von der tiefen Ruhe, die sie ausstrahlt. Dass sie intensiv meditiert, ist offensichtlich.
Ich bin fasziniert, dass sie diese Qualität der Präsenz nicht durch buddhistische Praxis, sondern durch eine spezielle Form des christlichen Gebets erreicht hat. Dass dies möglich ist, wusste ich bisher nicht.
Als wir uns – nachdem die Führung beendet ist – mit einer Tasse Tee am Küchentisch niederlassen, haben wir uns viel zu erzählen. Ich lasse mir von Esther die Prinzipien ihrer täglichen Praxis erklären, sie sich die meinen.
Wir gleichen unsere Biographien ab und stellen verblüffende Parallelen fest.
Aber das, was uns am stärksten verbindet – so sehe ich das zumindest – sind unsere „Inneren Stimmen“. Beide tragen wir diese autonome Instanz in uns. Und beide sind wir in der Lage, sie nicht nur bewusst zu hören, sondern auch ihren Anweisungen zu folgen.
Dass es andere Menschen gibt, die das – wie ich – können, wusste ich bisher nur aus der Literatur. Leibhaftig ist mir noch niemand begegnet, der diese Fähigkeit besitzt. Oder – was wahrscheinlicher ist – niemand hat sich bisher dazu bekannt.
Dass Esther so offen darüber spricht, erlebe ich als beglückend. Ich bin doch tatsächlich auf eine Seelenverwandte gestossen!
Und Esther ist auch erfreut darüber, dass ich an ihrem Küchentisch sitze. Sie plane – so erklärt sie mir im Laufe unseres Gesprächs – eine „spirituelle WG“. Sie wolle mit Gleichgesinnten zusammenleben! Und ganz besonders erfreulich findet sie es, dass ich Buddhistin bin. Denn der Buddhismus – vor allem der tibetische – hätte sie schon immer fasziniert.
Vorletzten Freitag sinierte sie nach dem Aufwachen über ihre Pläne und rief – aus einem Impuls heraus – das einschlägige Online-Portal auf. Exakt zu dem Zeitpunkt, als ich – 120 Kilometer entfernt – in Leipzig meine „WG-Zimmer-gesucht“-Anzeige hochgeladen hatte. https://www.water-runs-east.eu/die-anzeige/
Das erste, was auf Esthers Bildschirm aufploppte, war die Annonce einer dauermeditierenden Buddhistin und Autorin gleichen Alters und mit dem selben Beruf.
Auf einmal verstand ich, warum meine „Innere Stimme“ an diesem Freitagmorgen so beharrlich darauf bestanden hatte, ich müsse SOFORT die Annonce schreiben! Nicht einmal eine Tasse Morgenkaffee hatte sie mir zugestanden!
Kein Wunder. Ich gehe davon aus, dass unser beider „Innere Stimmen“ in direktem Kontakt miteinander standen. So stelle ich mir das zumindest vor.
Wie auch immer: Esther und ich haben zusammen gefunden. Der Gründung der „Spirituellen WG“ am Prenzlauer Berg stand nichts mehr im Wege…
Als die Sonntagspraxis im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain zu Ende gegangen ist, nehme ich die Ringbahn.
Draußen zieht Berlin-Mitte vorbei. Drinnen hocken und stehen Berliner in allen Variationen: Übergewichtige Frauen mit künstlichen Wimpern und Fingernägeln in knallengen Jeans. Rentner in Wanderkluft. Eine Familie mit Bollerwagen. Zugekiffte Jugendliche. Ein schwarz gekleidetes Pärchen mit ganz vielen Tattoos.
An der S-Bahn-Station „Schönhauser Allee“ muss ich aussteigen. Erst geht es ein Stück die vierspurige Straße entlang. Dann biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein.
Während ich – die Hausnummern abzählend – den Gehweg entlang laufe, spüre ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Die Angst hat mich fest im Griff.
Denn die Situation, in die ich mich selbst laviert habe, ist wieder einmal mehr als befremdlich.
Darauf kam umgehend eine Antwort. Von einer „Spirituellen Heilerin“.
Später wird sich herausstellen, dass dies das einzige seriöse Angebot auf meine Anzeige bleiben wird. Alles andere, was sonst noch in meinem Postfach aufploppt, ist Scam. Die akute Wohnungsnot in Berlin zieht jede Menge Betrüger an.
So erfreulich die Offerte deshalb ist: Ein weniger exotisches Zimmerangebot wäre mir lieber gewesen. Ich hause schließlich seit beinahe zwei Jahren – zusammen mit zwei verschrobenen Mitbewohnern und einem Theurang – in einer verwunschen Altbauwohnung in Leipzig. Zur Untermiete. Das ist so anstrengend wie bedrückend. Nicht nur mein Ego findet, dass ich mir etwas Erholung und Normalität verdient hätte.
Das aktuelle Angebot klingt nicht danach.
Ich bin vor der richtigen Hausnummer angekommen. Ein schmales modernes Townhouse in freundlichem Gelb. Nervös drücke ich den Klingelknopf. Wie wohl eine „Spirituelle Heilerin“ aussieht?
Ganz normal, stellt sich heraus, als die Haustür aufgeht. Esther ist klein, blond, energisch und herzlich.
Ich werde eingelassen und bekomme das Haus präsentiert. Das ist toll: hell, in schönen Farben gehalten und großzügig geschnitten. Es gibt eine offene Küche – und sogar einen Garten!
Im dritten Stock schließlich das freie Zimmer. Es handelt sich um ein großes Studio. Inklusive einer eigenen Dachterrasse mit Blick auf die begrünten Innenhöfe des Straßenzugs.
Ich bin sprachlos – was mir nicht oft passiert.
Zwei Stunden später verabschiedet mich Esther. Sie hat mir versprochen, zügig den Mietvertrag zu schicken.
Zum ersten März werde ich an den Prenzlauer Berg ziehen.
Mein Ego ist glücklich und zufrieden darüber. Es könnte sogar sein, dass es die Innere Stimme lobt. Wenn auch nur ganz leise. Obwohl ich nichts gehört habe, würde es mich nicht wundern…
Meine Innere Stimme diktiert mir eine schräge WG-Zimmer-Gesucht-Anzeige – und ich erhalte umgehend eine Antwort…
Am Freitag, den 13. Oktober, jagt mich meine Innere Stimme unmittelbar nach der Morgenmeditation an den Schreibtisch. Mein Flehen, sie möge mir doch zumindest noch einen Kaffee zugestehen, bleibt unerhört.
„Jetzt! Sofort!“, fährt sie mich an.
Ergeben starte ich den Laptop.
Während der Meditation hatte mir meine Innere Stimme ins Ohr geflüstert, was ich zu tun habe: Ich müsse ein Zimmer-Gesuch verfassen. Den Text teilte sie mir ebenfalls mit. Wort für Wort. Inklusive der Quadratmeter und der Höchstgrenze der Miete.
„So groß?“, frage ich zweifelnd, während ich tippe, was mir aufgetragen wurde. „Und so teuer???“
Die Innere Stimme schweigt. Sie hat mir gesagt, was es zu sagen gibt. Jedes weitere Wort wäre Energieverschwendung.
Ich habe gelernt, ihr zu gehorchen. Genau dafür praktiziere ich seit Jahren Zen. Damit ich tue, was ansteht.
Denn dem fällt einiges zum Auftrag der Inneren Stimme ein. Und definitv nichts positives!
„Bist du wahnsinnig geworden?“, fährt es mich an. Seine Stimme überschlägt sich vor Angst und Wut. „Du hast keine Ahnung, wie die Schlacht ausgehen wird! https://www.water-runs-east.eu/?p=7263&preview=true
Warte gefälligst ab, bist du weißt, ob du dir das leisten kannst!“ Es muss kurz Luft holen, bevor es kreischt: „Und heute ist auch noch Freitag, der 13.!!!!“
Ich blende das hysterische Gekeife des Egos aus, so gut es geht. Dank der exakten Vorgaben der Inneren Stimme brauche ich gerade einmal eine Stunde, dann ist die „WG-Zimmer-Gesucht“-Anzeige geschrieben, korrigiert und hochgeladen.
Danach darf ich mir endlich einen Espresso kochen. Während ich das Aluminium-Kännchen auf den altertümlichen Herd stelle, beruhige ich mein Ego: „Du musst dich nicht so aufregen. Es wird sich niemand auf das Gesuch melden! Der Text war viel zu schräg!“
Meine volle Kaffeetasse balancierend, wandere ich zurück an meinen Schreibtisch. Einen Schluck nehmend, rufe ich, bevor ich anfange zu arbeiten, meine E-Mails ab.
„Sie haben eine Antwort auf ihre Anzeige erhalten.“, informiert mich das Wohnungs-Portal, auf dem ich gerade einmal vor zwanzig Minuten meine Anfrage platziert habe.
Verblüfft rufe ich die Nachricht auf. Esther hat mir geschrieben, lese ich. Ein paar magere Zeilen: Sie würde ein Zimmer am Prenzlauer Berg vermieten. Exakt in der Größe und zu dem Preis, den ich angegeben hatte. Angehängt ein Photo des Zimmers: Helle Holzdielen, eine Fensterfront. Davor ein großer Balkon.
Ach ja: Sie wäre „Spirituelle Heilerin“ – und habe dasselbe Fach wie ich studiert.
Während das Ego schluchzend neben dem Schreibtisch zusammenbricht, schmunzelt die Innere Stimme zufrieden vor sich hin…
Ein unerwartetes Ereignis macht meine Zukunftspläne zunichte und versetzt mein Ego in Angst und Schrecken…
Die innere Gewissheit, ich würde in naher Zukunft in die gemütliche Altbauwohnung des Schutzengels Israfel in Berlin-Friedrichshain einziehen, hält gerade einmal eine Woche. https://www.water-runs-east.eu/probe-wohnen/
Sie erreicht mich in Form einer E-Mail. Gefolgt von einem Telefonanruf.
Am anderen Ende: mein altes Leben.
Die letzten Septembertage verbringe ich damit, die Tragweite der über mich hereinbrechenden Ereignisse zu verdauen.
Und ihre Konsequenzen.
Am ersten Oktober lelefoniere ich mit Israfel. Und teile ihm mit, dass ich leider nicht bei ihm einziehen kann. Die Hiobsbotschaft aus meiner unabgeschlossenen Vergangenheit hat dafür gesorgt, dass ich nicht mehr die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen erfülle, um einen Mietvertrag für seine Wohnung zu erhalten.
In den Tagen vor dem Gespräch mit Israfel war ich gezwungen, eine harte Entscheidung zu treffen.
Es war meine Innere Stimme, die nüchtern beschloss, in den Krieg zu ziehen. Wenn es notwendig war, für Dharma und Sangha die Klinge zu kreuzen – wohlan! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Das Ego war – nachdem es die Mail gelesen und dem Telefonat gelauscht hatte – in panischer Angst unter die Bettdecke gekrochen. Dort bibberte es seit Tagen vor sich hin. Als es realisierte, wozu die Innere Stimme bereit war, heulte es hohl auf, kniff die Augen zusammen, hielt sich unter der Decke die Ohren zu und stellte sich tot. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/
Seufzend nehme ich am frühen Morgen des 2. Oktober auf meinem Meditationskissen Platz. Über dem schönen Waldstraßenviertel hängt die Finsternis des Herbstes. Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.
In die Stille hinein knarren die ausgetretenen Dielen des Flurs. Der Theurang hat sein Versteck auf der Garderobe verlassen und presst seine Nase von Außen gegen den Spalt meiner Zimmertür. Ausgehungert wie er ist, versucht er, etwas von der positiven Energie meiner Morgenmeditation abzubekommen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/
Ich sitze auf meinem Kissen, atme in der Dunkelheit und lausche seinem gierigen Schnüffeln.
„Alles wird gut!“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Vertrau mir!“
Auf dem Weg zum Probewohnen in Berlin-Friedrichshain bekomme ich am magischen Elstermühlgraben ein Zeichen geschenkt…
Der September nähert sich seinem Ende. Der Monat ist ereignisreich verlaufen.
Anfang September begann ich mit einem neuen Blog-Thema. Arbeitstitel: „Die Engel von Friedrichshain“. Es war auf vier bis sechs Wochen angelegt. Gerade entwickelt es sich zum Mamut-Projekt und droht, mir über den Kopf zu wachsen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/
Mitte September fiel mein „Probe-Wohnen“ bei Israfel genau auf das Mönlam – das traditionelle tibetische Gebetsfest – im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/
Als ich – in Gedanken beim am Abend beginnenden Probe-Wohnen – am Kanal vorbeilief, ertönte ganz in der Nähe der schrille Ruf eines Greifvogels. Ich legte den Kopf in den Nacken und starrte in den herbstblauen Himmel. Der war leer.
Aber irgendwo musste der Vogel sein! Seine rhythmischen Schreie hallten durch das Gründerzeit-Viertel. Suchenden Blickes lief ich weiter – und entdeckte einen Falken, der auf dem First eines Art-Deco-Hauses hockte. War er krank?
Während ich versuchte, mir einen Reim aus der Sache zu machen, ertönten plötzlich Greifvogel-Rufe vom Himmel.
Erst konnte ich nur sechs schwarze Punkte erkennen, die über den Dächern des Waldstraßenviertels kreisten. Aber innerhalb kurzer Zeit waren die Vögel so nah, dass Silhouetten und Farben keinen Zweifel ließen: Am Elstermühlgraben hatten sich sieben Wanderfalken eingefunden!
War das ein Elternpaar mit seinen gerade flügge gewordenen Kindern? Oder eine Schar Jungvögel?
Noch nie hatte ich so viele Falken gleichzeitig gesehen! Und dann auch noch in der Leipziger Innenstadt!
Das so seltsame wie seltene Schauspiel absorbierte mich. Ich stand, den Kopf in den Nacken gelegt, und starrte abwechselnd auf die kreisenden Raubvögel am Himmel und den einen auf dem Dachfirst, lauschte ihren schrillen Schreien, die das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf dem Ring übertönten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schreckte mich ein Gedanke aus meiner Trance: In einer halben Stunde ging mein Zug nach Berlin!
Ich wandte mich schweren Herzens ab und machte mich auf den Weg in die Fußgängerzone in der Annahme, ich würde die Vögel zurücklassen.
Aber ein paar Minuten später – ich hatte inzwischen den Ring überquert – ertönten erneut schrille Raubvogel-Rufe. Der Falke, den ich zuerst entdeckt hatte, war über den Goerdelerring geflogen und saß jetzt auf dem Dachfirst eines Hauses am Richard-Wagner-Platz. Über ihm kreisten die anderen sechs Wanderfalken. Ihre Schreie halten über die belebte Fußgängerzone.
Zu meinem Erstaunen schien keiner der Passanten das seltene Ereignis zu registrieren. Niemand um mich blieb stehen, hob den Kopf und versuchte herauszufinden, woher die Rufe kamen.
Lediglich die Stadttauben verstanden, was es geschlagen hatte. Ein Schwarm schoss direkt an mir vorbei. Die Vögel flogen so tief, dass ihre Bäuche beinahe das ausgetretene Kopfsteinpflaster streiften. Innerhalb von Sekunden waren sie in einer dunklen Tordurchfahrt verschwunden.
Auf meinem Weg durch die Altstadt begleiteten mich unaufhörlich die schrillen Schreie der Wanderfalken. Im Schutz von Dachfirsten und Erkern kauerten Tauben in Todesangst. Die frechen Spatzen, die sich sonst um die Essensreste an den Mülleimern balgten, waren verschwunden.
Aber keiner der Passanten realisierte, dass er gerade gerade ein ornithologisches Kriegsgebiet durchquerte.
Am Himmel kreisten sieben ununterbrochen schreiende Wanderfalken – auch der vom Dachfirst hatte sich jetzt seinen Artgenossen angeschlossen – am Boden war alles Gurren, Piepen und Singen verstummt.
Während ich die Altstadt durchquerte, schraubten sich die Falken höher und höher in den Herbsthimmel. Ihre schrillen Schreie wurden schwächer, bis sie vom Straßenlärm verschluckt wurden.
Als ich – kurz vor dem Hauptbahnhof – am Unteren Park angekommen war, sangen dort die Amseln in den Bäumen. Ein Pulk Spatzen stritt sich, laut zschirpend, um die Reste eines Brötchens.
Die Raubvögel waren verschwunden.
Während der Fahrt nach Berlin starrte ich aus dem Fenster des ICE auf die ausgedörrten Wälder Brandenburgs. In meinen Ohren klangen immer noch die schrillen Schreie der sieben Wanderfalken.
Sie waren wahrhaftig ein Zeichen gewesen!
Nur: Was es zu bedeuten hatte, war mir nicht zugänglich.
Meine Entscheidung, Buddhistin zu werden, katapultiert mich vier Jahre später in das gottlose Berlin-Friedrichshain…
Nach dem Probe-Wohn-Wochenende spricht alles dafür, dass ich zukünftig einen Schutzengel als WG-Genossen haben werde. https://www.water-runs-east.eu/israfel/
Genau dieses Zentrum ist – so meine Vermutung – das eigentliche Ziel meines unfreiwilligen Umzugs: Damit ich weiterhin Fortschritte in meiner Meditationspraxis mache, muss ich dorthin. Und nicht nur als Gast. Ich muss Teil der Gemeinschaft werden.
Buddhistin unter Buddhisten.
Denn ich bin Buddhistin. Ich habe Zuflucht genommen.
Die Zufluchtnahme ist ein magischer Pakt zwischen Lehrer und Schüler: Der Lehrer verspricht, alles zu tun, um den Schüler dabei zu unterstützen, Buddhaschaft zu erlangen. Und der Schüler verspricht dem Lehrer, alles zu geben, um dieses Ziel zu erreichen.
Wenn einer von beiden dieses Versprechen – Samaya – bricht, hat das weitreichende negative karmischen Konsequenzen. Über viele Leben – so heißt es – ist in diesem Fall der Zugang zu den Lehren Buddhas versperrt.
Deshalb sollte man niemals leichtfertig Zuflucht nehmen zu Lama, Dharma und Sangha…
Man nimmt nämlich nicht nur zum Lehrer Zuflucht – dem Lama – sondern gleichzeitig auch zur Lehre Buddhas – dem Dharma – und zur Gemeinschaft der buddhistischen Praktizierenden – der Sangha.
Vor vier Jahren habe ich zu meiner Khandro Zuflucht genommen. Dadurch bin ich zur Buddhistin geworden.
Ohne jede Begeisterung – um es vorsichtig zu formulieren. Ich war schließlich durch und durch katholisch.
Die Zufluchtnahme war der Preis, den ich bezahlen musste, um „mein“ Mantra zu bekommen. Vajra Armor. Es ist speziell.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nichts darüber. Niente! Nothing!
Abgesehen davon, dass ich es unbedingt brauchte. Weil dies meine Innere Stimme beschlossen hatte.
Die monatelange Dauerklage meines Egos – dem das Mantra schnurz-piep-egal war und das bei dem Gedanken, Buddhistin zu werden, Krämpfe bekam – hatte nichts daran geändert. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
An einem sonnigen Donnerstag im Oktober 2019 nahm ich also Zuflucht bei der Khandro. Zum Erstaunen meines Egos fuhr während des Ritus kein Blitz vom Himmel und erschlug mich.
Vier Jahre später ist diese Zufluchtnahme auf einmal wieder sehr präsent. Denn während des Mönlam – des tibetischen Gebetswochenendes – habe ich mich zum ersten Mal als Teil einer buddhistischen Gemeinschaft gefühlt. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/
Buddhistin unter Buddhisten. So wie es eigentlich sein soll. Und wie ich es in der Zufluchtnahme versprochen hatte.
In meinem Untermietzimmer in Leipzig steigen während der Morgenmeditation Bilder in mir auf.
Die Khandro mit ihrem prächtigen tibetischen Hut. Ihr langes blondes Haar glänzt im Licht der warmen Herbstsonne. Gedämpft klingt das Rauschen eines Wildbaches herein. Eine Fliege brummt am Fenster.
Der gleichförmige tibetische Singssang der Khandro erfüllt den Raum. Sie schwenkt eine Bhumpa – die tibetische Ritualvase mit geweihtem Safranwasser – über meinem Kopf.
Alles ist vollkommend fremd, zutiefst beängstigend – und gleichzeitig auf seltsame Weise vertraut…
Die Bilder, die aus meinem Inneren aufsteigen, sind so intensiv, das mir ist, als würde ich alles hier und jetzt erleben. Der Geruch der brennenden Räucherstäbchen. Ihre zarten Rauchfäden, während die Khandro das geheimnisvolle Ritual vollzieht.
Die Energie ist atemberaubend.
Ich fühle, wie ich, als alles zu Ende ist, schwankend aufstehe, mich ungeschickt vor der Khandro verbeuge – dabei einen Dank stammelnd – und aus dem Schreinraum stolpere.
Der schmale Flur liegt dunkel und kalt vor mir. Die Tür auf der anderen Seite ist halb geöffnet. Stimmengewirr dringt zu mir. Ich mache ein paar Schritte und stehe in der Küche des unbekannten Hauses. Um einen großen Tisch sitzen Fremde, ins Gespräch vertieft.
Ich schnappe auf meinem Meditationskissen im grauen Leipzig erschrocken nach Luft. Das hatte ich vollkommend vergessen!
Nach der Zufluchtnahme und dem daran anschließenden Vajra-Armor-Retreat kehrte ich nach Hause zurück in der naiven Annahme, ich könne mein Leben weiterleben wie zuvor.
Aber während folgenden zwei Jahren zerbrach meine Existenz. Alles was geschah, war mir völlig unverständlich. Eine Aneinanderreihung von Katastrophen, denen ich hilflos ausgeliefert schien.
Am Ende finde ich mich in einer verwunschenen Altbauwohnung in Leipzig wieder. Dort lebe ich zur Untermiete. Zusammen mit einem Theurang und zwei verschrobenen Mitbewohnern. https://www.water-runs-east.eu/spirits/
Auch hier ist die Energie atemberaubend. Atemberaubend negativ.
Mehr als ein Jahr muss ich das aushalten, bevor ich bereit bin, die Rettung anzunehmen. Sie kommt in Form von Suriyels Riwo Sang Chöd. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Dreieinhalb Jahre nach meiner Zufluchtnahme finde ich mich wegen des Rauchopfers das erste Mal in Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain ein. https://www.water-runs-east.eu/praxis/
Und wieder das Gefühl vollkommener Fremdheit – und gleichzeitig seltsamer Vertrautheit.
Das fahle Grau der Morgendämmerung fällt durch die hohen Altbaufenster. Auf meinem Meditationskissen sitzend, starre ich auf den ausgetretenen Parkettboden. Alles um mich dreht sich.
Ich habe – wird mir in diesem Moment bewusst – an dem Tag, an dem ich Zuflucht nahm, den gesamten Dreiklang des Buddhismus geschenkt bekommen: Dharma, Lama und Sangha!
Verbohrt wie ich war, konnte ich nur eines davon – den Lama in Gestalt der Khandro – akzeptieren.
Bis ich in der Lage war, auch die anderen beiden Gaben meiner Zuflucht annehmen zu können, musste ich lange und intensiv leiden.
Das Mönlam – das traditionelle tibetisch-buddhistische Gebetsfest – in Berlin-Friedrichshain findet ein stimmungsvolles Ende…
Nach drei Tagen des gemeinsamen Betens findet das Mönlam am Sonntagabend ein würdiges Ende.
Mit brennenden Kerzen in den Händen wandern die Teilnehmer – ein Mantra singend – in Scharen zur Stupa im Garten. Sieben Mal muss sie umkreist werden, so lautet die Regel. Nach den vorgeschriebenen Runden stellt einer nach dem anderen seine flackernde Kerze auf dem Sims des großen weißen Kegels mit der goldenen Spitze ab.
In der Dunkelheit hängt der Geruch von Herbst über dem Garten des buddhistischen Zentrums. Mitten darin leuchtet die majestätische Stupa – umkränzt von einer Kette aus Kerzenschein – wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Sie scheint vor Energie zu glühen.
Einer Energie, die das ganze Zentrum vibrieren lässt und sicher auch jenseits des hohen Zaunes in den Straßen Friedrichhains wahrnehmbar ist.
Für die, die spüren wollen…
Als ich von der Stupa zurückkomme, hat sich das ehrenamtliche Orga-Team in der Teestube versammelt. Alle sind gerade damit beschäftigt sich gegenseitig zu versichern, wie gut alles gelaufen ist. Und das bei mindestens 150 Teilnehmern täglich und mehr als zwanzig Lamas, die im Zentrum übernachtet haben. Dazu kamen Gäste aus anderen buddhistischen Zentren Berlins, die an den Nachmittagen Vorträge hielten. Tausend Dinge hätten schief gehen können. Von der Organisation über die Technik bis zur Verpflegung.
Aber – wie durch ein Wunder – hat alles wie am Schnürchen geklappt. Und das mit einem ehrenamtlichen Team, dass noch nie eine Veranstaltung in dieser Größenordnung organisieren musste.
Das Orgateam ist glücklich, erleichtert – und völlig fertig! Niemand der Verantwortlichen hat irgendetwas von der Veranstaltung mitbekommen. Alle waren ununterbrochen von ihren tausend Pflichten in Beschlag genommen.
Nichts desto Trotz: Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum in Friedrichhain hat wieder eine Bewährungsprobe bestanden. Und ein ganzes Wochenende lang viele Menschen glücklich gemacht.
Später laufen Israfel und ich auf überfüllten Gehwegen an Kneipen, Bars und Spätis vorbei. Jenseits der Mauern des Buddhistischen Zentrums genießen Nachtschwärmer eine der letzten lauen Nächte, bevor der Herbst endgültig das Regiment übernimmt.
Während ich – auf Israfels Küchensofa liegend – dem gedämpften Lärm Friedrichhains vor dem geöffneten Fenster lausche, wird mir bewusst, dass die Idee, nach Berlin zu ziehen, viel von seinem Schrecken verloren hat.
Es könnte sogar sein, denke ich beim Einschlafen, dass es schön werden wird…
Am dritten Tag des Mönlam – des traditionellen tibetisch-buddhistischen Gebetswochenendes – findet ein Problem eine überraschende Lösung…
Während des Mönlams wird von morgens bis abends gebetet.
Angeleitet von der dröhnenden Stimme des nepalesischen Unze – des Vorbeters – rezitieren etwa 150 Menschen im Tempel des buddhistischen Zentrums stundenlang traditionelle tibetische Texte.
Das erzeugt eine ganz eigene Energie. Alles – so kommt es mir vor – beginnt zu fließen.
Weil das stundenlange Sitzen und Rezitieren anstrengend ist, haben die Organisatoren in weiser Vorraussicht großzügige Pausen eingeplant.
Während der Unterbrechungen wird getrunken, gegegessen, geplaudert – und vor den Toiletten angestanden. Für solche Menschenmassen wie während des Mönlam ist das Zentrum nicht ausgerichtet.
Zu Beginn der ersten Pause an diesem Sonntagvormittag steuere ich deshalb das Ende der langen Schlange vor der Toilette neben dem Tempel an. In Trippelschritten bewege ich mich vorwärts. Es fällt mir nicht schwer, mich in Geduld zu üben. Bin ich doch seit gestern Abend intensiv mit einem Problem beschäftigt.
Es geht um meinen Blog. Genauer um einen Blogtext für meine Fantasy-Geschichte „Die Engel von Friedrichshain“. Gerade hänge ich im Plot: Dem Dämon Beelzebub ist der Zutritt zu genau dem Zentrum, vor dessen Toilette ich gerade anstehe, verwehrt.
Er kommt nicht rein – hatte ich beim Schreiben beschlossen – weil die Energie im Inneren des Zentrums so positiv ist.
Das war einerseits eine tolle Idee – erzähltechnisch. Andererseits hatte ich mir damit ein ordentliches Problem eingehandelt. Ebenfalls erzähltechnisch.
Denn irgendwie musste Beelzebub trotzdem in das Zentrum kommen. Nur wie?
Ich hatte mir stundenlang den Kopf zerbrochen, alle möglichen Varianten durchgespielt – aber es war nichts vernünftiges dabei rausgekommen.
Und ich wollte eine „buddhistische“ Lösung. Es war schließlich ein buddhistisches Zentrum, mit dem der archaische Naturgott Baal konfrontiert war. Deshalb musste es auch eine dem Zentrum – und dessen Energie – angemessene Auflösung geben.
Aber mir wollte einfach nichts Brauchbares einfallen!
Ich brauchte Hilfe!
Glücklicherweise hatte mich Karma pünktlich für diesen Blog-Beitrag im Mönlam platziert – umgeben von mindestens 20 Lamas. Einer davon würde mir ganz sicher weiter helfen können!
Während des Betens in den Morgenstunden war mein Blick immer wieder die Bänke vor dem Altar hinauf und hinunter gewandert. Da saßen die offiziellen Würdenträger ordentlich aufgereiht, Asiaten und Europäer bunt gemischt. Lediglich zwei Frauen waren darunter.
Welchen von ihnen sollte ich fragen?
Die Idee, einfach nach dem Zufallsprinzip ein paar Lamas anzusprechen, hatte ich sofort wieder verworfen. Alle waren auf das Gebet fokussiert. Die Gefahr war groß, dass sie meine Frage – und dann auch noch wegen eines christlichen Dämons! – als störend empfinden könnten.
Ich brauchte ein Zeichen.
Vor mich hin sinierend, wie ich es am Besten anstellen sollte, war ich an der Spitze der Schlange angekommen. Die Toilettentür schwang auf und ein rundlicher europäischer Lama mit Brille in roter Robe trat heraus, schlängelte sich an mir vorbei und verschwand im Tempel.
Als die Mittagspause anbrach, war ich immer noch nicht klüger. Wieder reihte ich mich in die lange Schlange ein. Wieder ging, als ich vor der Toilette angekommen war, die Tür auf – und wieder trat der selbe rundliche europäische Lama mit Brille in seiner roten Robe heraus.
Das Spiel wiederholte sich während der Nachmittagspause: Wieder ging – als ich an der Reihe war – die Toiletten-Tür auf und wieder trat der rundliche Lama mit Brille heraus.
Ich atmete erleichtert auf. Na bitte! Das Zeichen!
Nachdem auch ich meinen Toiletten-Besuch absolviert hatte, ging ich sofort zum Angriff über. Ich entdeckte den nichtsahnenden Lama am Ende des Speisesaal. Als ich bei ihm angelangt war, erklärte ich ihm – Englisch – ich hätte ein Problem, wir hätten uns gerade zum dritten Mal vor der Toilettentür getroffen und deshalb wäre ich der Überzeugung, dass er derjenige wäre, der mir helfen könne. Ob er kurz Zeit für mich hätte?
Es war ihm anzusehen, dass er keine Lust darauf hatte, sich während seiner wohlverdienten Kaffee-Pause das Problem einer offensichtlich völlig überspannten Frau anzuhören.
Ergeben nickend ließ er sich trotzdem von mir zum nächsten freien Tisch schieben. Dort erklärte ich ihm, ich schriebe einen Blog. In der Geschichte käme ein Dämon vor, der in ein buddhistisches Zentrum wolle, aber durch die positive Energie dort am Zutritt gehindert wäre. Die Erzählung wäre aber so angelegt, dass er unbedingt hinein müsse. Ich bräuchte ein buddhistische Lösung für dieses Problem. Ob ihm was einfallen würde?
Ich war beeindruckt von seiner Reaktion. Erst die Story mit der Toilettentür, dann der Blog mit dem Dämon vor dem buddhistischen Zentrum – die allermeisten hätten daraus geschlossen, ich wäre ein Fall für die Psychiatrie.
Der rundliche Lama blühte auf. Seine wachen Augen hinter den Brillengläsern blitzten. „Es ist eine Geschichte?“, fragte er auf Englisch noch einmal nach. „Ja, genau!“, bestätigte ich. „Ich suche jemanden, der sich mit Buddhismus auskennt und Geschichten mag!“
„I love stories!“, kam es zurück. Mein Gesprächspartner dachte etwa drei Sekunden konzentriert nach, bevor er Luft holte, und zu einer Erklärung ansetzte: „Das ist ganz einfach! Jedes Mal, wenn jemand in diesem Zentrum von negativen Gefühlen übermannt wird, ist es so, als ob er diesem Dämon die Tür öffnet!“
Genau das war es, was ich gesucht hatte!
Während ich mich überschwenglich bedankte, war der Lama bereits aufgestanden, nickte mir noch einmal zu und verschwand in Richtung Kuchen-Buffett.
Ich sah ihm beeindruckt nach. Karma hatte mir einen außergewöhnlich intelligenten Lama über den Weg geschickt.
Nachdem ich mir eine Tasse Kaffee besorgt hatte, entdeckte ich in einer Ecke des Speisesaals zu meinem Erstaunen Suryiel, der sich angeregt unterhielt. Und zwar genau mit „meinem“ Lama.
Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu den beiden zu treten und Suriyel von dem schrägen karmischen Zeichen zu berichten, dass mich zu seinem Gesprächspartner geführt hatte.
Und den blitzgescheiten Lama informierte ich darüber, dass Suriyel in der Blog-Geschichte vorkam, für die er gerade eine so brillante Wendung gefunden hatte. Dass der Hardcore-Buddhist Suriyel im Blog ausgerechnet als Erzengel auftrat, behielt ich allerdings für mich.
Irgendwann am Abend traf ich Suriyel in einer ruhigen Minute alleine an. Ich nutzte die Gelegenheit ihn zu fragen, wer denn dieser Lama wäre, den ich heute drei Mal vor der Toilette getroffen hatte?
Das wäre sein Wurzel-Lama gewesen, erfuhr ich. Und der höchste Würdenträger der tibetisch-buddhistischen Linie in Polen. Er habe, faktisch im Alleingang, Vajrayana nach Polen gebracht.
Jetzt war mir mein Auftritt peinlich. In meiner Fokussierung auf die Blog-Geschichte und das seltsame karmische Zeichen waren ein paar elementare soziale Informationen an mir vorüber gegangen: z.B., dass der rundliche Lama in der ersten Reihe platziert worden war, direkt neben dem Abt. Und auch, mit welchem Respekt ihm ansonsten begegnet wurde.
Ich hatte mich wieder einmal ordentlich daneben benommen. Der hohe Würdenträger schien sich darüber allerdings – so zumindest mein Eindruck – weniger geärgert, sondern eher amüsiert zu haben.
Ein paar Wochen später machte sich Suriyel auf den Weg nach Polen. Er wollte an einem Retreat seines Wurzel-Lamas teilnehmen.
Ich trug Suriyel auf, er solle ihn doch bitte von mir grüßen und ihm ausrichten, dass aus seiner Idee inzwischen eine Geschichte geworden war.
Ich ging davon aus, dass der polnische Lama mich nicht vergessen hatte: Die Frau, die er in Berlin-Friedrichshain drei Mal vor der Toiletten-Tür getroffen und von der er deshalb um Hilfe für eine schräge Blog-Story gebeten worden war.
Obwohl man als Lama sicher die seltsamsten Dinge erlebt…
Am ersten Abend des Mönlam – dem traditionellen tibetischen Gebetsfest – findet eine Feuer-Puja statt…
Während der Teepause am Nachmittag bildet sich in einer Ecke des Tempels eine lange Schlange. Die Teilnehmer des Mönlams tragen Namen über Namen in eine Liste ein, die dort ausliegt.
Denn heute Abend gibt es eine Feuer-Puja.
Über dem Buddhistischen Zentrum hängt die Dunkelheit. Alle sind satt vom guten Essen und müde vom stundenlangen Gebet. Als die zwanzig Lamas in ihren orangenen Roben den Tempel betreten, fällt einigen der Teilnehmer des Mönlams das Aufstehen für die respektvolle Begrüßung erkennbar schwer.
Der tibetische Abt, der uns alle den ganzen Tag durch das Zeremoniell geführt hat, wirkt vollkommend wach. Und das trotz seines fortgeschrittenen Alters!
Er wird auch die Feuer-Puja anleiten. Als er das Eingangsgebet spricht, bildet sich im Tempel ein seltsamer Sog.
Begleitet vom schrillen Dröhnen der Trompeten, dem durchringenden Scheppern der Zimbeln und dem fibrigen Klingeln der Glocken in den Händen der Lamas, tritt der Chöpen – der Messdiener – an den Altar, um dort das Zeremoniell vorzubereiten.
Mit jeder Minute wird die Energie im Tempel intensiver. Alles scheint zu vibrieren. Die Teilnehmer sind jetzt wach. Alle Müdigkeit ist verschwunden.
Von einen unsichtbaren Band gezogen, stehe ich auf, schlängele mich durch dichtbesetzte Reihen und setze mich direkt vor den Altar. Es ist gerade noch so viel Platz, dass der Chöpen an mir vorbei laufen kann. Er schenkt mir keine Beachtung.
Der rhythmische tibetische Sing-Sang des Abtes wird von den konzentrierten Bewegungen des Chöpen am Altar begleitet.
Auf der Terrasse des Tempels entzündet Suriyel währenddessen das Feuer. Durch die offene Tür dringt die Kälte der Nacht, begleitet vom Knacken und Knistern der Holzscheite, an denen die ersten Flammen lecken. Der Geruch von Rauch breitet sich im Raum aus. Nach ein paar Minuten tanzen die ersten Feuerzungen in der Dunkelheit, ich nehme es aus den Augenwinkeln war, während ich wie hypnotisiert beobachte, was sich direkt vor mir abspielt.
Der Messdiener tritt mit den Opfergaben zum Abt. Der greift mit der einen Hand zur Glocke, die andere hebt er und segnet die Gaben. Während der Chöpen das Tablett mit den kleinen Schalen langsam vor dem Abt kreisen lässt, schwenkt der die Glocke und murmelt dabei vor sich hin.
Das fiebrige Läuten der Glocke, begleitet vom unverständlichen Strom der Worte füllt den Saal und steigt zur hohen Decke. Die Energie ist jetzt so stark, dass mein ganzer Körper vibriert.
Direkt vor dem Abt ist die aufgerollte Liste mit all den Namen befestigt, die die Mönlam-Teilnehmer am Nachmittag darauf geschrieben haben.
Der Chöpen nimmt den Stab mit der Namensliste, legt ihn auf das Tablett und trägt – in die plötzliche Stille hinein – beides auf die Terrasse.
Während der Abt wieder die Stimme erhebt und – begleitet von den Lamas – rezitiert und betet – wirft Suriyel erst die Opfergaben, danach die Liste in das wild lodernde Feuer.
Als das Papier von den Flammen verzehrt wird, schießt eine Stichflamme in die Dunkelheit.
All die Namen der Menschen, die krank oder vor kurzem gestorben sind, verbrennen in Sekunden. Begleitet von der Energie des Rituals, das sie von ihrem Leid befreien soll.
Das Mönlam – des traditionellen tibetischen Gebetsfest – ist eine so stimmungsvolle wie überraschende Angelegenheit…
Der Unze – der Vorbeter – ein schöner junger Lama mit Löwenstimme – wurde extra für das Mönlam aus Nepal eingeflogen. Hospitiert vom Chöpen – dem nepalesischen Lama, der als Messdiener fungiert – führt er souverän durch das Programm. Unter seiner Anleitung beten und singen wir den ganzen Vormittag über.
Als die Mittagspause beginnt, treten wir aus dem kühlen Tempel in die warme Herbstsonne. Vor der Tür begrüßt uns der Lärm der Großstadt: Von der nahen Karl-Marx-Allee klingt monotones Verkehrsrauschen, über unseren Köpfen dröhnt ein Rettungshubschrauber. Die Stimmen von Schulkindern schallen vom Gehweg in den verwunschenen Innenhof des buddhistischen Zentrums.
Nach den Stunden, die wir – begleitet von der dröhnenden Stimme des Unze – mit tibetischem Gebet verbracht haben, löst der plötzliche Kontakt mit der Realität Berlin-Mittes ein geradezu schockartiges Gefühl aus.
Im Zentrum geht es weiterhin exotisch zu: Die Lamas in ihren leuchtend roten und orangen Gewändern reihen sich – streng hierarchisch geordnet – als erstes am Buffett auf. Nachdem sie versorgt sind, darf sich das Fußvolk anstellen. Es gibt reichlich und köstlich zu essen. Ein Trupp Ehrenamtlicher hat den ganzen Vormittag für mehr als 100 Leute gekocht – und deshalb das Vormittagsgebet verpasst.
Nachdem die Mittagspause beendet ist, finden sich wieder alle im Tempel ein. Der Abt eines Berliner Klosters, aus Sri Lanka stammend, hält einen Vortrag. Seine Linie gehört zur Theravada-Tradition des Buddhismus. Diese ursprüngliche Form fußt ausschließlich auf die überlieferten Reden Buddhas, den Pali-Kanon.
Im Gegensatz dazu gehört der tibetische Buddhismus zur Mahayana-Tradition. Der Mahayana – eine Reformbewegung, die etwa 500 Jahre nach Buddhas Tod im 2. Jahrhundert nach Christus entstand – beruft sich, neben dem Pali-Kanon, auch auf andere Schriften und zeichnet sich durch ein divergierendes Verständnis des Bodhisattva-Prinzips, des Laientum und des Klosterlebens aus.
Das Verhältnis zwischen den „alten“ und den „reformierten“ Traditionen des Buddhismus ist kompliziert. Es dominieren Vorurteile und Vorbehalte. Umso schöner finde ich es, dass ein Vertreter des Theravada zu einem Mahayana-Gebetsfest eingeladen wurde. Der Abt betet in seiner Tradition mit uns, danach hält er einen anregenden Vortrag.
Um zu uns zu kommen, musste er gerade mal ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. So wäre das eben in Berlin, erklärt mit Suryiel in der Kaffee-Pause: Hier wolle jede Buddhistische Linie – egal ob „alt“ oder „reformiert“ – Flagge zeigen und einen Tempel unterhalten. Berlin, London und Paris – da müsse man als buddhistische Linie, die auf sich hält, präsent sein. Mit dem Ergebnis, das alles, was global im Buddhismus von Wichtigkeit ist, seinen Weg nach Berlin findet.
Ich bin unversehens im Buddhistischen Schlaraffenland gelandet! Das hätte ich dem säkularen Berlin nicht zugetraut! In meiner bayerisch-katholischen Arroganz ging ich immer davon aus, dass es hier nur Party und Subkultur, aber keine Religion gibt. Umso schöner, dass mich Karma ausgerechnet in Suriyels buddhistisches Zentrum nach Berlin-Mitte geführt hat!
Beseelt nehme ich nach der Pause wieder auf meinem Gebetskissen Platz und stimme, zusammen mit hundert Mitbetern – Zeile für Zeile tibetischen Text von der Leinwand ablesend – in den dröhnenden Gesang des schönen nepalesischen Unze ein.
Zum Mönlam finden sich buddhistische Lehrer aus verschiedenen Ländern, Klöstern, Linien und Traditionen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain ein…
Misstrauisch beäugt von Israfels Katze nehme ich am frühen Morgen auf meinem Meditationskissen Platz.
Von der Warschauer Straße ertönt gedämpfter Verkehrslärm. Vor dem Haus entlädt der türkische Gemüsehändler seinen Transporter. Das Klappern und Krachen der abgestellten Kisten klingt rhythmisch zu mir hoch.
Ich lausche den Geräuschen Friedrichhains und beobachte, wie die Morgensonne langsam über den Parkett des leeren Zimmers wandert. Das hier ist der Raum, für den ich mich zum „Probe-Wohnen“ bei Israfel eingefunden haben.
Ich sitze, atme, lausche den Geräuschen um mich und bemühe mich, dem beängstigenden Gefühl vollkommener Verlorenheit, das mich erfüllt, mit freundlicher Gelassenheit zu begegnen.
Nachdem meine Meditationseinheit abgeschlossen ist, stoße ich im Flur auf Israfel. Er ist gerade dabei, sein schönstes Hemd zu bügeln. Ich hole mein langes Kleid aus dem Rucksack. Es ist schließlich Mönlam!
Nach einem hastigen Frühstück ziehen wir vor der frustrierten Katze die Wohnungstür ins Schloss und eilen zu Fuß ins Buddhistische Zentrum.
Dort herrscht bereits reger Betrieb. Zwanzig Lamas aus Nepal und verschiedenen Ecken Europas sind in den letzten Tagen angereist. Sie übernachten während des Mönlam im Buddhistischen Zentrum. Dazu werden noch eine Reihe buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Zentren Berlins erwartet. Und obendrauf noch mindestens 100 Laien. Alle müssen ein komplettes Wochenende lang bekocht und versorgt werden.
Das Mönlam ist selbst für Suryiels tibetisch-buddhistisches Zentrum, das zu den größten Berlins gehört, eine Herausforderung. Dazu kommt, dass es das allererste traditionelle Gebetsfest ist, dass dort stattfinden wird. Niemand hat Erfahrung damit. Entsprechend nervös sind die ehrenamtlichen Helfer und Organisatoren.
Als wir eintreffen, sind die Lamas gerade mit ihrem Frühstück fertig und wandern von der Teestube in den Tempel. Dort wurden – in jeweils drei Reihen links und rechts des Altars – Schreintische und Sitzgelegenheiten für sie bereitgestellt.
Suriyel erzählt mir später, dass es eine höchst komplexe Angelegenheit war, im Vorfeld zu entscheiden, welcher Lama an welcher Stelle platziert werden sollte. Das wäre ganz große Politik gewesen: Es musste streng nach Hierarchie und Status entschieden werden.
Die wichtigsten Lamas dürfen in die erste Reihe, die ein bisschen weniger wichtigen in die zweite. Das Lama-Fußvolk kommt in die dritte Reihe. Dazu sind alle noch mal in jeder einzelnen Reihe nach Wichtigkeit sortiert. Je näher am Altar, desto höher der Status.
Die tibetisch-buddhistischen Lamas – Asiaten wie Europäern – tragen rote Kutten. Heute sind außerdem noch drei Herren in Orange zu Gast. Es handelt sich um indonesische Theravada-Mönche aus einem buddhistischen Zentrum in Berlin, dessen Abt heute Nachmittag einen Vortrag halten wird.
Israfel und ich sichern uns zwei Plätze, von denen wir einen guten Blick auf eine der beiden Leinwände haben, die links und rechts des Altars aufgebaut wurden. Wir werden die nächsten drei Tage von morgens bis abends beten: Die Gebetstexte werden mit Beamern darauf projiziert.
Als der Gründer des Zentrums – eine hoher tibetisch-buddhistischer Lama – den Tempel betritt, ist der bis auf den letzten Platz besetzt. Und das an einem ganz normalen Freitag-Morgen! Wer es irgendwie einrichten konnte, hat sich den Tag frei genommen.
Nach den Niederwerfungen setzen sich alle. Dann wird das Mönlam feierlich eröffnet: Die Lamas in den ersten beiden Reihen stülpen sich riesige gelbe Hüte über den Kopf. Ein paar greifen zu den traditionellen tibetischen Trompeten, zwei andere schlagen die großen Trommeln.
Das schrille Vibrato der Trompeten, untermalt von den rhythmischen Trommelschlägen, lässt den Tempel beben. Dazu steigt aus mehreren Schalen der Geruch von Räucherwerk auf. Er vermischt sich mit dem intensiven Duft der Blumen, die in großen Vasen neben dem Altar platziert sind.
Alles um uns bebt vor Energie. Es fühlt sich an, als wären wir in eine andere Dimension und in eine andere Wirklichkeit katapultiert worden. Dass jenseits der Mauern des Zentrums der ganz normale Wahnsinn eines Werktags in Berlin-Friedrichshain stattfindet, erscheint plötzlich surrial.
Wir dagegen befinden uns mit einem Mal im 15. Jahrhundert, irgendwo in einem Kloster in Zentral-Tibet. Die unverputzten Wände des Tempels, die moderne Technik, die Europäer in ihrer westlichen Kleidung – es ist, als wäre alles durch die intensive Vibration transzendiert worden.
Nachdem die Musik verstummt ist, erhebt der höchste Lama seine Stimme und beginnt in wohlklingendem Singsang auf Tibetisch das erste Gebet zu sprechen. Alle anderen fallen ein.
Ich verbringe eine Nacht in Friedrichshain auf dem Küchensofa eines Schutzengels…
Als ich mich mit Israfel auf den Weg zu ihm nach Hause mache, geht hinter dem Fernsehturm gerade die Sonne unter.
In der Woche davor war ich bereits einmal in der Altbauwohnung in der Nähe der Warschauer Straße zu Besuch gewesen: Wir hatten die Modalitäten meines „Probe-Wohnens“ besprochen und mir wurden die gemütliche Altbauwohnung und die Katze vorgestellt.
Oder besser gesagt: Ich wurde der Katze vorgestellt.
An diesem Tag hatte ich zwei Entscheidungen getroffen: Zum einen, dass der fusselbärtige Assistent Suriyels in Zukunft als Schutzengel Israfel in diesem Blog von Bedeutung sein wird.
Zum anderen, dass ich dort eine Geschichte über die „Engel Friedrichshains“ schreiben würde…
Wie sich herausstellen sollte, waren die Engelsgeschichte und das Mönlam – das Gebetswochenende im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum – auf das engste miteinander verwoben.
Aber erst einmal durfte ich die Nacht vor dem offiziellen Beginn des Mönlams auf Israfels Küchensofa verbringen. Kritisch beäugt von Israfels eigenwilliger Katze, der anzusehen war, dass sie nicht viel von der Idee mit dem „Probe-Wohnen“ hielt.
Nachdem Israfel und seine Katze zu Bett gegangen waren, lauschte ich in der dunklen Küche der fremdartigen Geräuschkulisse Friedrichhains während einer Donnerstagnacht. Verkehrslärm mischte sich mit Musik aus den Kneipen und Bars. Es wurde gerufen, geschrien und gejohlt.
Das hier sollte mein zukünftiges Zuhause sein?
Mein spießiges Ego zog sich verstört die Decke über die Ohren.