Während des traditionellen Rauchopfers soll man nicht nur alle Gäste Mitgefühl entgegenbringen, sondern auch sich selbst…
Jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, weiß, dass das Ziel der Übung „Erleuchtung“ ist.
Zwischen dem Praktizierenden und diesem wunderbaren Zustand – der nicht weniger als das Ende allen Leidens bedeutet – steht ein störrisches Etwas, das aufgeregt hüpft, winkt und ununterbrochen redet, um ganz viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.
Üblicherweise läuft dieses lästige Ding in der westlichen buddhistischen Szene unter „Ego“.
Keiner mag es. Alle wollen es so schnell als möglich los werden. Es gibt in der buddhistischen Szene markige Sprüche wie „Das Ego muss sterben!“
Deshalb ist es verblüffend, dass während des Rauchopfers nicht nur mit liebendem Mitgefühl – dem Bodhicitta – an alle fühlenden Wesen gedacht werden soll – sondern auch an den eigenen karmisch verstricken Geist.
Sonst wirkt das Opfer nicht.
In unserer westlichen Logik steht das in diametralem Widerspruch zu „Selbst-Losigkeit“.
Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sie in einem der Bücher Jack Kornfields gelesen. Der wurde, zusammen mit vielen anderen renomierten westlichen buddhistischen Lehrern, nach Dharamsala eingeladen. Dort wollte der Dalai Lama von ihnen wissen, was denn das größte Problem wäre, mit dem sie in ihren Meditationsunterweisungen konfrontiert wären.
Ausnahmslos alle im Konferenzraum erklärten, der „Selbsthass“ ihrer Schüler wäre das größte Hindernis in ihrem Bemühen, den Buddhismus zu lehren.
Und dann passierte etwas schräges: Der Dalai Lama verstand nicht, was ihm die westliche Lehrer sagen wollten! Und seinen tibetischen Berater ging es nicht anders. Und es handelte sich nicht um ein Übersetzungsproblem.
Die tibetischen Mönche samt ihrem höchsten Oberhaupt wusste mit dem Konzept von „Selbsthass“ nichts anzufangen.
Worauf die westlichen buddhistischen Lehrer unter Zuhilfenahme von vielen Beispielen erklärten, was es damit auf sich hatte. Es war kompliziert und zeitaufwendig.
Als der Dalai Lama schließlich begriff, was „Selbsthass“ ist, war er fassungslos. Und begann zu weinen…
Wer also nicht alle Buddhas und Bodhisattvas – die Gäste der ersten Klasse, die zum häuslichen Riwo Sang Chöd erscheinen – traurig machen will, der sollte es sich erlauben, auch an sich selbst in liebender Güte zu denken.
Trotz aller Neurosen, Charakterschwächen und sonstiger Unzulänglichkeiten, die der Erleuchtung entgegenstehen…
Durch die Praxis des Sang – des klassischen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – werden karmische Beschwernisse beseitigt…
Regelmäßig tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren, geht mit vielen positiven Resultaten einher:
Von den Buddhas und Bodhisattvas – den Gästen der ersten Klasse – erhält man Segnung.
Die Gäste der zweiten Klasse – Schützer – beschenken mit besonderen Fähigkeiten und Einsichten.
Wenn die fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen – die Gäste der dritten Klasse – gesättigt sind, danken sie es mit Wohlwollen.
Es gibt jedoch noch eine vierte Klasse von Gästen: die fühlenden Wesen, die uns nicht gut gesonnen sind!
Während unserer unendlichen Wanderung von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel geschehen. Mit uns – und mit denen, die uns auf unserer Reise begegnet sind.
Wir haben Gutes getan – und Schlechtes.
Deshalb gibt es die Kräfte, die uns karmisch in positiver Weise verbunden sind.
Aber auch die, bei denen wir karmische „Schulden“ haben.
In unserem Dasein zeigen sich diese Verbindlichkeiten aus früheren Leben als Konflikte, Widerstände, gescheiterte Pläne und Niederlagen.
Der unerträgliche Vorgesetzte, der nervige Kunde, die tyranische Verwandtschaft, der untreue Geliebte…
Sie tun uns etwas an – weil wir bei ihnen in der Schuld stehen.
Diese karmischen Passiva müssen entweder mühsam und schmerzhaft „abgearbeitet“ werden – oder man praktiziert ein Sang.
Denn zum Rauchopfer werden bewusst nicht nur die Kräfte eingeladen, die uns wohlmeinend bis neutral gegenüberstehen, sondern auch die vierte Klasse der Gäste.
Die, die mit uns ein Hühnchen zu rupfen haben.
Ihre Anwesenheit ist nicht immer einfach auszuhalten. Trotzdem bitten wir sie zur Tafel: Während der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aufsteigt, visualisieren wir die Präsenz all derer, mit denen wir in Konflikten verstrickt sind. Und wir bewirten sie mit Weisheitsnektar, so gut es uns möglich ist.
Wenn es uns gelingt, während des Rauchopfers eine Haltung der Großzügigkeit gegenüber unseren Widersachern einzunehmen – tiefes Mitgefühl für ihr Leiden zu entwickeln, während wir sie nähren – kann sich mit der Zeit die karmische Blockade auflösen.
Nachdem das morgendliche Sang abgeschlossen ist, wird auf die – immer noch glühenden – Kohle in der Räucherschale ein Bröckchen Guggul gelegt.
Das tibetische Baumharz sondert, während es qualmend verbrennt, einen strengen Geruch ab.
Die Gäste der vierten Klasse – unsere karmischen Gläubiger- verabscheuen ihn!
Wir laden sie zum Mahl, um unsere Schulden bei ihnen zu begleichen. Aber dauerhaft im Haus möchte sie niemand haben. Deshalb werden sie am Ende des Rauchopfers zügig hinauskomplimentiert.
Zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – werden alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche geladen…
Wenn die dritte Klasse der Gäste zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – eintrifft, geht es hoch her!
Hungergeister mit langen dünnen Hälsen kämpfen verzweifelt um den besten Platz an der Tafel: ihre Gier ist grenzenlos! Obwohl sie sich immer alles in ihre riesigen Münder stopfen, was ihnen vor die Nase kommt, sind sie bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Schlund ist so eng, dass fast nichts davon in ihren leeren Mägen ankommt.
Mit rasender Wut werden sie von den Bewohnern der Hölle zur Seite gedrängt. Die kämpfen gegen alles, was ihren Wünschen und Bedürfnissen in die Quere kommt. Obwohl sie unendliche Qualen leiden, ist es ihnen nicht möglich, von ihrem Hass zu lassen.
Der große Pulk der Tiere, die ebenfalls den Ruf zum Mahl vernommen haben, hält sich von diesen Gästen fern. Von ihren Instinkten geleitet, spüren sie, wie gefährlich ihnen Hungergeister und Höllenbewohner werden können.
Die Halbgötter in ihren Rüstungen lassen sich von den Höllenbewohnern nicht beeindrucken. Die Hand am Schwerknauf stossen sie die wüsten Gesellen zur Seite, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Dewas, den Göttern. Denn der größte Wunsch der Halbgötter ist es, aufzusteigen und selbst zum Gott zu werden. Weil ihnen das nicht gegeben ist, werden sie von Eifersucht zerfressen.
Die Dewas lässt das kalt. Sie schweben in erhabener Arroganz über der Masse des gemeinen Volkes. Durch gutes Karma in die höchste Stufe der sechs Daseinsbereiche hineingeboren und mit allen Attributen des Glücks versehen, sind sie den Sorgen und Nöten der anderen fühlenden Wesen enthoben. Ihre größte Angst ist es, alt zu werden und zu sterben. Und das werden sie, auch wenn ihre Lebensspanne viele Jahrtausende umfasst. Früher oder später ist ihr gutes Karma aufgebraucht und sie müssen wieder in den Kreislauf des Samsara zurückkehren.
Während ich vorsichtig einen Löffel der nepalesischen Rauchopfer-Fertigmischung auf das Stück glühende Kohle in meiner Feuerschale gebe, beobachte ich aus den Augenwinkeln meine Gäste, die am offenen Fenster auf ihr Mahl warten.
Mit der kleinen Schale in der Hand trete ich zu ihnen, stelle mein qualmendes Speiseopfer vor ihnen auf das Sims und nehme auf meinem Kissen Platz.
Dort murmle ich – dazu die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om ah hung“ vor mich hin und konzentriere mich dabei darauf, im Zustand des tiefen Mitgefühls den tanzenden Rauch in magischen Weisheitsnektar zu verwanden.
Befriedigt stelle ich fest, dass der Trick funktioniert: jeder meiner Gäste bekommt genau das, was er braucht!
Die Hungergeister können sich endlich satt essen.
Die Höllenbewohner werden durch das spirituelle Mahl friedlich gestimmt.
Die Tiere unter meinen Gästen entspannen sich und werden weniger von ihren Instinkten getrieben.
Die Halbgötter vergessen während des Mahls ihre Eifersucht und ihren Neid.
Und die Arroganz der Götter verwandelt sich in Bescheidenheit und Akzeptanz.
Als Mensch bin ich Teil der bunten Schar. Auch ich bin eine Bewohnerin der sechs Daseinsbereiche. In meiner jetzigen Form bin ich zum Leid verurteilt, denn das ist die Last der menschlichen Existenz – und gleichzeitig die Qualität, die uns auszeichnet.
Denn den Menschen ist es als einzigen Wesen der sechs Daseinsbereiche vorbehalten, gutes Karma zu generieren, zur Erleuchtung zu erlangen und Samsara – den Kreislauf der Widergeburten – dauerhaft zu überwinden.
Deshalb praktiziere ich jeden Morgen mein Riwo Sang Chöd: Ich erwerbe mit jedem Ritual des Rauchopfers „Verdienst“ – gutes Karma – das sich positiv auf meine zukünftigen Widergeburten auswirken wird.
Und während ich es praktiziere, fühlt es sich nicht nur wunderbar für meine Gäste an – sondern auch für mich: Denn ich trage alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche in mir.
Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd füttere ich jeden Morgen meine eigenen hungrigen Anteile, befriede meine Wut, besänftige meine Ängste, lindere meine Eifersucht und Arroganz.
Das Riwo Sang Chöd dauert nur eine halbe Stunde. Wenn ich mich danach von meinem Meditationskissen erhebe, fühle ich mich super!
Ich kann nur allen empfehlen, es ebenfalls einmal zu versuchen…
Die „zweite Klasse der Gäste“ die zum tradtitionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer geladen wird, hat besondere Aufgaben…
Unser persönlicher Beschützer ist immer bei uns. Er begleitet uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt seit dem Beginn unserer vagen Existenz.
Er wird bei uns bleiben, bis wir das große Ziel – Buddhaschaft – erlangt haben werden.
So heißt es in der Nyingma-Tradition, einer der beiden „alten“ schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus.
In unseren Träumen können wir mit unserem persönlichen Beschützer in Kontakt treten. Wenn wir offen dafür sind und Präsenz auch im Schlaf halten können, wird er sich zeigen. Dann gibt er Rat und lädt ein in sein Reich, das jenseits von Raum und Zeit liegt.
Wem so viel Wachheit nicht gegeben ist, den führt er aus dem Unbewussten. Er – oder sie, es gibt Beschützer und Beschützerinnen – ist die Innere Stimme, die den Weg weißt.
Das, was wir „Intuition“ nennen…
Es gibt „zornvolle“ und „friedvolle“ Beschützer und Beschützerinnen.
Wer mit der sanften Variante gesegnet ist, wird zur Erleuchtung geführt.
Wer die „zornvolle“ Version abbekommen hat, wird zur Überwindung allen Leidens geprügelt.
So kommt es mir zumindest vor.
Ich werde von einer sehr energischen Beschützerin geführt. Sie reagiert allergisch auf Widerspruch, akzeptiert keine Schwächen, ist taub gegenüber meinen Klagen und hat keine Skrupel, mich auch noch die steilste und unwegsamste Abkürzung zum großen Ziel hinaufzujagen.
Denn das ist ihre Aufgabe.
So wie die aller anderen Beschützer – der „zweiten Klasse der Gäste“, nach den Buddhas und Bodhisattvas – die zum Rauchopfer geladen werden.
Einst waren die Beschützer mächtige Naturgeister und animistische Götter. Von Buddhas und Bodhisattvas befriedet, verpflichteten sie sich den Dharma – die Lehre Buddhas – gegen alle Bedrohungen zu verteidigen.
Ihre Obligenheit ist es, dafür zu sorgen, dass jedes fühlende Wesen zur Erleuchtung geführt wird.
Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd treten wir mit ihnen in eine persönliche Beziehung.
Wir bringen ihnen Opfer dar, um unseren Dank für ihren Schutz auszudrücken. Im Gegenzug erhalten wir von ihnen spezielle Fähigkeiten, die uns helfen, unser Ziel – die Überwindung allen Leidens – schneller zu erreichen.
Meine Geister-Gäste erfreuen sich täglich an der magischen Nahrung, die ich ihnen durch den Rauch meines Riwo Sang Chöd zukommen lasse…
Im Elstermühlgraben – dem kleinen Flüsschen, das mitten durch das Waldstraßenviertel plätschert – wohnt ein Naga. Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, bin ich mir dessen sicher.
Der schmale Wasserlauf – eingezwängt zwischen Art-Deco-Villen und gesichtslosen Neubaublöcken – ist der Durchgang zu einer anderen Welt. Und es ist der Naga – ein Wassergeist – der mit seiner magischen Energie dafür sorgt, dass in seinem Reich die Tür zu dieser alternativen Wirklichkeit geöffnet ist.
Für die, die sehen können…
Ich weiß nicht, wie vielen Bewohner des Viertels die Fähigkeit gegeben ist, dieses zarte Flimmern über der Wasseroberfläche wahrzunehmen. Die Zeichen zu deuten, die ihnen von dieser urwüchsigen Kraft geschenkt werden.
Vermutlich nimmt der eine oder andere Bewohner das magische Geschehen aus den Augenwinkeln wahr, wenn er am Kanal entlang in die Altstadt läuft. Die meisten, vermute ich, werden die Signale dieser anderen Welt beiseite wischen.
Tagträume, Hirngespinste…
Im Gegensatz zu ihnen weiß ich, dass der Naga existiert. Ein lokaler Wassergeist, mit Magie und Weisheit gesegnet. Er ist einer von vielen, die hier im Viertel leben.
In der alten Ulme am Rosengarten, in der die Graureiher-Kolonie nistet, lebt ebenfalls ein Naturgeist. Es könnte sich um einen Sadag handeln, den örtlichen Geister-Besitzer des Landstreifens, auf dem das Viertel erbaut wurde.
Und in der verwunschenen Altbauwohnung, in der ich seit nun fast zwei Jahren in einem Untermietzimmer hause, lebt ein Theurang. Der Kerl verströmt eine atemberaubend negative Energie! Ich halte jedesmal automatisch die Luft an, wenn ich mein Zimmer verlasse.
Mir kann der Theurang nichts anhaben, ich bin durch meine spirituelle Praxis geschützt. Mein Zimmer kann er nicht betreten.
Aber meine Mitbewohner leiden unter seinem wilden Treiben: Er sorgt dafür, dass nichts von Wert in ihrem Haushalt Bestand hat. Sobald ein bisschen Geld verdient ist, muss es auch schon wieder ausgegeben werden, weil unerwartet etwas kaputt gegangen ist. Sachen verschwinden und sind nicht mehr auffindbar. Und ständig gibt es Streit.
Einen Theurang im Haus zu haben, ist eine wirklich ungute Sache.
Für alle diese Geister praktiziere ich täglich mein Riwo Sang Chöd.
Wenn der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aus meinem kleinen Räuchergefäß aufsteigt und über die Dächer davonzieht, weiß ich, dass sich der Naga im Elstermühlgraben daran erfreut. Genauso wie der Sadag in der alten Ulme und all die anderen Naturgeister, die in den Bäumen, den Weihern und den verschatteten Hinterhöfen des Viertels leben.
Und im Flur meiner verwunschen Wohnung drückt der Theurang seine Nase an den Türspalt und saugt gierig auch noch das letzte Fitzelchen der Opfergabe in sich hinein.
Mein kleines Riwo Sang Chöd ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die magischen Wesen aus der anderen Welt, die mitten unter uns sind, bräuchten unser aller Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Wer möchte, kann den heimatlichen Naturgeister ein Räucherstäbchen opfern und ihnen dabei ein paar liebevolle Gedanken schicken.
Ohne die magische Kraft des Feuers wäre die Transformation der Speiseopfer im Riwo Sang Chöd nicht möglich…
Das Feuer lebt!
Wer in die Flammen eines offenen Feuers starrt – und sich dabei gestattet, einfach nur zu sehen, was ist – wird sich Auge in Auge mit dem mächtigen Feuer-Gott wiederfinden.
Dass es uns gegeben ist, ihm in dieser Direktheit zu begegnen, verdankt sich unserer Lebensenergie.
Auch wir tragen einen Funken dieses magischen Feuers in uns.
Tummo.
Im Westen ist es Yoga-Adepten als „Kundalini-Energie“ vertraut: Eine Feuerschlange, zusammengerollt schlafend im Unterleib. Durch spezielle Übungen kann sie zum Leben erweckt werden.
Dabei ist Vorsicht geboten: „Kundalini-Unfälle“ – die durch das verfrühte Aktivieren der magischen Feuerkraft verursacht werden – können böse Konsequenzen haben.
Denn die Kraft des Feuers nährt unser Leben – und hat gleichzeitig das Vermögen, es zu zerstören.
Feuer ist schnell: Ein Funke auf trockenem Holz genügt, schon steht alles in Flammen. Es besteht immer die Gefahr, dass es außer Kontrolle gerät.
Deshalb sollte man dem Gott des Feuers immer mit Respekt und Vorsicht begegnen. Egal ob wir mit unserem Tummo – unserer Lebensenergie – oder mit äußeren Flammen zu tun haben.
In den tibetisch-buddhistischen Sang – den rituellen Rauch-Opfern – kommt dem Gott des Feuers eine besondere Aufgabe zu: Es ist seine magische Kraft, durch die Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig, Melasse und Kräuter in Weißheitsnektar verwandelt wird. Der Rauch, der beim Verbrennen der Speiseopfer entsteht, dient lediglich als Vehikel.
In den Himmel aufsteigend, trägt er die sättigende Nahrung in alle Sphären jenseits von Raum und Zeit.
Auf dass sich Buddhas und Bodhisattvas, Schützer und alle fühlenden Wesen daran erfreuen und jeder auf seine Weise karmische Verstrickungen lösen kann.
Der mächtige archaische Gott des Feuers wird gezähmt und in den Dienst des liebenden Mitgefühls – Bodhicitta – gestellt.
Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – Sang – ist eine Übung in Großzügigkeit und liebendem Mitgefühl…
Suriyels perfektes Sang im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain…
Rauchopfer heißen auf Tibetisch „Sang“.
Das bedeutet „rein“.
Der Rauch, der beim rituellen Verbrennen von Speiseopfern, Kräutern und Hölzer entsteht, gilt als Mittel der Reinigung.
Die Basisvariante des Sang praktiziert jeder, der ein Räucherstäbchen entzündet.
Willkommen in der Welt des Schamanismus!
Das Riwo SangChö – das „Berg-Rauch-Opfer“ – ist eines von vielen Sang im Vajrayana. Allen ist gemeinsam, dass sie ursprünglich schamanische Praxis waren. Als der Buddhismus nach Tibet kam, wurden die traditionellen Rauchopfer in die neue Religion integriert.
Tibetische Buddhisten praktizieren Sang als Ausdruck von Bodhicitta, der Haltung des liebenden Mitgefühls. Mit dem täglichen Rauchopfer – das etwa eine halbe Stunde dauert – wird das voraussetzungslose großzügige Geben allen fühlenden Wesen gegenüber eingeübt. Niemand wird ausgeschlossen. Selbst die nicht, die dem Praktizierenden Böses wünschen und ihm schaden wollen.
Denn wir sind – so lehrt es der Buddhismus – mit allen fühlenden Wesen in tiefer Weise verbunden.
Durch den Rauch, der während des Ritus entsteht, wenn die Opfergaben verbrennen, werden alle fühlenden Wesen in sämtlichen Daseinsbereichen auf perfekte Weise gesättigt.
Negatives Karma, das uns – durch falsches Denken und Handeln in der Vergangenheit – in schmerzhaften Situationen gefangen hält, kann durch das großzügige liebende Geben des Rauchopfers aufgelöst werden.
Ein Sang zu vollziehen, ist deshalb eine so schöne wie erfüllende Angelegenheit – für die Praktizierenden, wie für ihre Gäste.
Das Riwo SangChö gibt es in „klein“ für das unkomplizierte tägliche Ritual Zuhause: Dafür wird in einem kleinen Gefäß Räucherkohle entzündet und ein Instant-Pulver darüber gestreut. Das geht schnell und raucht nur dezent.
Praktiziert die Sangha – die buddhistische Gemeinde – im Tempel zusammen, ist ein „großes“ Riwo SangChö angesagt. Denn genauso ist es im jahrhundertealten Ritualtext festgeschrieben: Die Speiseopfer – Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Melasse, Honig und Kräuter – werden in Natura in ein offenes Feuer gekippt. Je mehr Rauch dabei entsteht, um so besser!
Allerdings gibt es ein kleines Problem dabei – zumindest im Westen: Die Nachbarn!
Normalsterbliche nichtbuddhistische Muggles sehen kein Reinigungsritual und sind beim Anblick des Rauches erfüllt von Bodhicitta – sie sehen Feinstaub und fühlen sich belästigt!
Da hat es Uriel im Retreathaus am Ende der Welt besser. Bei ihm hat sich noch nie jemand über sein Riwo SangChö beschwert. Kein Wunder: er hat keine direkten Nachbarn. https://www.water-runs-east.eu/experience/
Der Kampf um die Interpretation des Rauches tobt, seit Suriyel vor einem Jahr das Riwo SangChö in die Sonntags-Praxis des buddhistischen Zentrums aufgenommen hat.
Die hingebungsvoll Praktizierenden beharren darauf, dass sie Gutes tun.
Die Nachbarn wollen von Religionsausübungen jeder Couleur unbelästigt bleiben.
Es ging hoch her!
Statt von karmischen Verstrickungen zu reinigen, bestand die Gefahr, dass das Sang welche produzierte.
Deshalb musste eine friedvolle Lösung gefunden werden. Wie es sich für ein buddhistisches Zentrum gehört.
Letzten Sonntag hat Suriyel das erste Mal ein Indoor-Riwo-SangChö praktiziert. Mit Räucherkohle. Ganz bescheiden. Niemand wurde von den zarten Rauchschwaden belästigt.
Nächsten Sonntag wird im buddhistischen Zentrum Losar gefeiert – lunares Neujahr. Zu diesem Anlass darf Suriyel ein großes Feuer machen. Mit ganz viel Rauch. Egal, was die Nachbarn sagen…
Ich emanzipiere mich – zumindest ein bisschen – und wage mich an ein privates Riwo Sang Chöd, das traditionelle tibetische Rauchopfer.
Ich praktiziere Zen – und gleichzeitig tibetisch-buddhistisches Vajrayana.
Das chinesisch-japanische Zen ist so etwas wie die Instantversion des Mahajana-Buddhismus: Der lösliche Kaffee im Schraubglas. Ein Löffel davon in die Tasse, heißes Wasser drüber, fertig.
Für meine tägliche Meditation – das Zazen – brauche ich einfach nur ein Kissen. Platz nehmen, ruhig werden, atmen. That´s it.
Vajrayana – die tibetische Form des Mahajana-Buddhismus – ist dagegen so etwas wie die Barista-Kaffee-Version.
Man braucht eine ausgefeilte – und oft teure – Ausstattung. Es gibt tausend Tricks und Kniffe, die man beachten muss und man kann wahnsinnig viel falsch machen.
Zen und Vajrayana bieten das selbe „Produkt“: Erleuchtung.
Aber der Weg dahin könnte nicht unterschiedlicher sein.
Wie bei der Wahl des Kaffees ist es eine Frage des Persönlichkeitstyps: Die einen bevorzugen Purismus, die anderen mögen es üppiger.
Und dann gibt es seltsame Menschen wie mich, die wollen beides.
Mit dem Ergebnis, dass ich morgens aus dem Bett wanke und auf mein Meditationskissen sinke. Dort sitze ich und tue nichts außer Atmen und „Da-Sein“.
Es ist fantastisch. Ich liebe es!
Wer es nicht glaubt, sollte das Zazen einfach mal selbst ausprobieren. Wie gesagt: Man braucht nur ein Kissen und Disziplin.
Aber danach ist es bei mir vorbei mit dem Minimalismus. Dann wird es kompliziert. Denn dann wechsle ich ins Vajrayana.
Bisher waren meine Bemühungen immer provisorisch. Und das ist noch milde ausgedrückt. Ich beschränkte mich auf das nackte Rezitieren meines Mantras. Immerhin mit Mala und Räucherstäbchen, aber für Vajrayana-Verhältnisse ist das Frevel.
Vergleichbar mit einem Barista, der ganze Espresso-Bohnen in eine Kaffeetasse gibt und heißes Wasser darüber gießt. Jeder Kaffeehaus-Besitzer würde ihn sofort feuern.
Seit ein paar Tagen absolviere ich deshalb täglich nach dem Zazen mein eigenes Riwo Sang Chöd! Das morgendliche Rauchopfer ist fester Bestandteil im Leben jedes gläubigen tibetischen Buddhisten. Es dauert etwa dreißig Minuten und ist nicht sonderlich kompliziert. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/
Ich habe beschlossen, dass ich mich nicht länger auf Suriyels und Uriels Praxis ausruhen und nur immer konsumieren kann. Nach sechs Jahren Vajrayana ist es an der Zeit, dass ich anfange, mein eigenes Ding zu machen.
Und das tue ich mit allem Chichi: Ich rezitiere den kompletten Text. Ich verbrenne währenddessen in einem kleinen Räuchergefäß original „Mountain-Top pure fragrant Smoke Offering“, gefertigt in einem Kloster in Nepal.
Das Räuchern praktiziere ich am offenen Fenster auf dem Fensterbrett, immer mit besorgtem Blick auf den Rauchmelder. Bisher ist er stumm geblieben. Möge es so bleiben.
Die größte Hemmnis für die häusliche Praxis des Riwo Sang Chöd ist aber nicht der Rauch, sondern der Krach, den man während des Rituals verursacht.
An mehreren Stellen muss mit der linken Hand die große Handglocke geläutet und gleichzeitig mit der rechten Hand die kleine Damaru – eine traditionelle tibetische Handtrommel – gedreht werden. Das ist koordinationstechnisch eine Herausforderung.
Und man produziert höchst exotischen Lärm – bei offenem Fenster. Dem Rauchmelder-Gesetz sei dafür gedankt.
Viele hier im Westen, die im stillen Kämmerlein tibetische Meditation praktizieren, wollen sich nicht vor ihren Nachbarn outen. Sie verzichten deshalb schweren Herzens auf die Praxis.
Das Riwo Sang Chöd – in Tibet, Nepal und Bhutan selbstverständlicher Teil des Alltags – ist in westlichen Großstädten ein Störfaktor. Der Rauch! Und dann noch der Lärm!
Aber ohne geht es nicht…
Insgesamt wird fünf mal Krach gemacht:
Am Ende der Anrufung von Guru Padmasambhava (dem wir der Legende nach das Riwo Sang Chöd verdanken) wird getrommelt und geläutet, um Dankbarkeit auszudrücken.
Nachdem das Speiseopfer durch Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt wurde, werden die vier Klassen der Gäste mit dem Lärm zum Mahl gebeten.
Nachdem das Opfer verbrannt ist – und dann noch einmal ganz zum Schluss – wird verkündet, dass alles erfolgreich verlaufen ist.
Und im letzten Drittel werden mit ohrenbetäubendem Krach alle negativen Kräfte vertrieben.
Das muss so sein. Ohne Musikinstrumente ist es kein Riwo Sang Chöd.
In einem anthropologischen Buch über Schamanen in der Mongolei habe ich folgendes traditionelle Zitat gelesen: „Wer mutig ist, wird ein Held. Wer sich nicht schämt, wird Schamane.“
Ich wäre lieber eine Heldin geworden, hätte ich die freie Wahl gehabt.
Mehr als eine „Schamanin in Ausbildung“ ist leider nicht aus mir geworden.
Was sich meine Nachbarn von mir denken, haben sie bisher für sich behalten…
Von links nach rechts, oben: Die traditionelle Ritual-Glocke mit dem Dorje, das Sang-Fertigpulver, ein kleiner Löffel, Räucherkohle, darunter ein traditionelles tibetisches Räuchergefäß, daneben die kleine Damaru. Darunter links die Mala, die für die Rezitation des Mantras von Guru Padmasambahavas gebraucht wird, sowie der Rezitationstext, gedruckt auf den typischen Papierstreifen.
Am Ende der Welt betreibt Erzengel Uriel – zusammen mit seinem kleinen weißen Hund – ein tibetisch-buddhistisches Retreathaus…
Nur ein paar hundert Kilometer von Berlin-Mitte entfernt lebt Erzengel Uriel.
Uriel ist im Kreis der Sieben der Erzengel, der für Mystik und Magie zuständig ist. Es war Uriel gewesen, der den Menschen einst die Kabbala brachte.
Wenn es um Mystik und Magie geht, ist Uriel genauso gnadenlos, wie Suriyel, wenn es um die göttlichen Gesetze geht.
745 nach Christus wurde Uriel deshalb während eines Kirchen-Konzils der Prozess gemacht. Der Papst selbst saß über den Erzengel zu Gericht und kam, nach langer Beweisaufnahme, zu dem Schluss, Uriel wäre in Wahrheit ein Dämon. Denn nur die verstünden etwas von Magie.
Deshalb wurde der Erzengel aus dem Kreis der Heiligen, die von den Gläubigen angebetet werden dürfen, verbannt und aus dem Kirchenkalender gestrichen.
Ein paar hundert Jahre später drehte sich der Wind zu Gunsten Uriels. Der Erzengel wurde in Ehren wieder aufgenommen. Als Zeichen des Respekts für seine mystischen und magischen Fähigkeiten ist das Symbol, mit dem er seitdem auf allen Bildern dargestellt wird, eine offene Hand, die eine Flamme hält.
Uriel hatte dem Prozess keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das Kirchengericht musste selbstverständlich ohne seine Anwesenheit tagen. Dass er aus dem Kreis der Heiligen verbannt worden war, hatte den Erzengel genauso kalt gelassen, wie, dass er irgendwann wieder in Gnaden aufgenommen wurde.
Solche Status- und Distinktionsfragen sind für Engel von Bedeutung, die einen höheren Anteil Materie in sich tragen, als dies bei einem Erzengel der Fall ist.
Aus fünfzig Prozent Äther zu bestehen, geht mit Vorteilen einher.
Seinem Ätheranteil verdankt sich auch Uriels – seit über 4000 Jahren währende – Leidenschaft für Mystik und Magie.
Die Sache mit der Kabbala liegt inzwischen schon etwas zurück. Der Erzengel hat sich mittlerweile dem weiten Feld magischer Techniken der tibetisch-buddhistischen Tradition zugewandt.
Für einen Erzengel spielen die Begrenzungen von Religionen keine Rolle. Mit dem Segen des Allmächtigen kann sich Uriel mit der gleichen Intensität dem buddhistischen Tantra widmen, mit dem er sich zuvor der jüdischen Mystik hingab.
Sowohl Gott als auch seine weisen Diener wissen, dass Mystik nichts anderes ist als die Wissenschaft, die sich der magischen Praxis widmet, universelle Energie zu kanalisieren und zu transformieren.
Diese universellen Energie wird von den Seraphimen und Cherubinen des ersten und zweiten Chores von Anbeginn aller Zeiten erschaffen und durch ihren Gesang in Bewegung gehalten.
Uriel war als Führungsengel des dritten Chores vom Allmächtigen der Auftrag erteilt worden, zu erforschen, wie diese Energie am wirkungsvollsten zum Wohle aller lebenden Wesen kanalisiert und transformiert werden kann.
Er ist deshalb der Erzengel aus der Schar der Sieben, der ruhige und abgelegene Plätze bevorzugt. Nichts soll ihn von seinem Werk ablenken. Und seine jeweilige Heimstatt muss genau über jene Energie verfügen, die er benötigt, um seinen aktuellen Forschungsauftrag am effektivsten bearbeiten zu können.
Uriel hat schon hunderte von Jahren in diversen Wüsten verbracht, am Polarkreis bibernd seinen fünfzigprozentigen materiellen Anteil verflucht, und im neunzehnten Jahrhundert einen Forschungsaufenthalt in der Tiefsee absolviert.
Seit ein paar Jahren bewohnt Uriel ein Heim, das für seine Verhältnisse ausgesprochen kommod ist: sein gerade laufender wissenschaftlicher Auftrag, die Führung des Herrn und ein paar schräge Umstände haben dafür gesorgt, dass er sich in einer einsamen Ecke der Republik in einer alten Mühle niederließ.
Das Retreathaus, in das er die alte Mühle verwandelt hat, dient als Versuchslabor für seine mystisch-magischen Experimente.
Seitdem gehen die seltsamsten Gestalten dort ein und aus. Nepalesische Lamas geben sich mit tibetischen Schamanen die Klinke in die Hand.
Der pferdeköpfige Wassergeist, der im Mühlbach zuhause ist, freut sich genauso darüber, wie die kleinen Zauberwesen, die in den alten Weiden am nahen Flüsschen wohnen.
Alle paar Wochen bekommt Uriel Besuch aus dem fernen Berlin: wenn sein Erzengel-Kollege Suriyel Erholung von Luzifers Treiben in Friedrichshain braucht, schaut er für ein paar Tage bei Uriel vorbei.
Dann praktizieren die beiden Erzengel gemeinsam unter dem Dachstuhl und auf der Terrasse der alten Mühle. Zur Begeisterung all der Naturgeister und magischen Wesen, die, von der Energie der beiden angelockt, von nah und fern herbei eilen.
Uriels kleiner weißer Hund, der mit seinem himmlischen Herrn in der alten Mühle lebt, kennt jeden der magischen Besucher beim Namen und begrüßt die Gäste mit stürmischer Herzlichkeit.
Gerade ist Uriel mit einem besonders komplexen, anspruchsvollen und riskanten magischen Feldversuch beschäftigt.
Deshalb bleibt der Ort, an dem Erzengel Uriel lebt, geheim: er bittet darum, nicht bei seiner Arbeit gestört zu werden…
Nach meiner Heimkehr vom Zen-Sesshin im Spirituellen Zentrum ziehe ich Bilanz und meditiere über die Magie von Zen…
Die Woche „Sitzen“ im Sommer-Sesshin des Spirituellen Zentrums war effektiv, stelle ich nach meiner Rückkehr fest. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/
Zen ist direkt und brutal. Der Effekt der Meditationspraxis zeigt sich jedoch auf sanfte Weise.
Was sofort nach einem intensiven Sesshin zugänglich wird, ist die tiefe Ruhe, in der man sich danach durch die Tage bewegt.
Es ist, als hätte jemand im Universum auf die „Stop-Taste“ gedrückt.
Alle Sinne arbeiten mit verblüffender Präzision. Gleichzeitig ist mit einem Mal – hinter der neuen Intensität der Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und Empfindungen – eine unendliche Stille erahnbar.
Das ist die Stille der Leerheit.
In einem jahrelangen schleichenden Prozess, der erst im Rückblick greifbar wird, transformiert diese Stille Wahrnehmung, Fühlen, Denken – und irgendwann die Persönlichkeit.
Und auch das Ergebnis ist völlig individuell: Manche werden bescheiden, andere dominant. Die einen werden zu Künstlern, die anderen zu Handwerkern. Soziale Menschen entdecken ihre Egozentrik. Karrieristen erforschen Hingabe und Fürsorge.
Zen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Niemand kann dem Anfänger sagen, was aus ihm nach einigen Jahren intensiver Praxis werden wird.
Gleich einer Raupe, die in der Stille des Kokons nur vage ahnt, dass sie zum Schmetterling wird, verharrt der Meditationsschüler auf dem Kissen und hat auszuhalten, dass die Veränderung gewiss, der Ausgang aber offen ist.
Als einzige Gewissheit des Zazen gilt: Alles, was nicht wirklich zur eigenen Persönlichkeit gehört, wird früher oder später abfallen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
Diese Gewissheit speist sich aus zwei „Zauberformeln“ des Zen, die für mich an Magie grenzen:
Zum einen werden durch die innere Klarheit, die das Meditieren in der Stille schenkt, vorher unhinterfragbare Ideen und Konzepte transparent. Dadurch werden sie als bloße Anschauungen greifbar, können verändert oder abgelegt werden.
Ich habe diesen Prozess als persönliche „Kopernikanische Wende“ erlebt. Meine Weltsicht wurde buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt.
Das Hinterfragen und Ablegen persönlicher, familiärer und sozialer Glaubensätze geht für gewöhnlich mit großen Ängsten einher.
Diese Gewissheiten aufzugeben, fühlt sich an wie der Gang zum Schafott.
Bei diesem existentiell bedrohlichen Prozess hilft die zweite „magische“ Wirkung des Zazen: über die Jahre hat man zu dem Zeitpunkt, an dem Gewissheiten zu bloßen Glaubenssätzen werden, gelernt, extreme Unlustgefühle auszuhalten.
Das, oft schmerzhafte und eintönige Meditieren, dazu die ruppige Behandlung durch den Lehrer im Dokusan, haben den – ständig besorgt um sein Wohlergehen kreisenden – Anfänger zum abgebrühten Stoiker gemacht. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/
Die Haltung der abgeklärten Akzeptanz gegenüber den Zumutungen der Realität macht den Zusammenbruch des Selbst- und Weltbildes zu einer beherrschbaren Katastrophe.
Hinterher steht der fortgeschrittene Praktizierende vor den Trümmern seines Egos. Nachdem der Schock überwunden ist, widmet er sich – als guter Zen-Schüler – stoisch der Neuordnung seines Lebens.
Und wird mit einer vitalen, lustvollen Existenz beschenkt.
Das typische Feedback, das Praktizierende nach dem Zusammenbruch ihres alten „Ich“ zu hören bekommen, ist üblicherweise nicht: „Du hast Dich aber verändert!“
Sondern: „Du bist jetzt viel mehr so, wie Du schon immer warst.“
Das Mondo ist im Zen traditionell ein dialogisches „Battle“ zwischen Lehrer und Schüler. Im Mondo des Spirituellen Zentrum geht es zivilisierter zu…
An jedem letzten Abend eines Sesshins findet im Spirituellen Zentrum ein Mondo statt.
Nachdem der Assistent in einer feierlichen Zeremonie das Mondo angekündigt und der Lehrer die obligatorischen Niederwerfungen vollzogen hat, ist es den Meditierenden das erste Mal seit Beginn des Retreats erlaubt, in der Gruppe zu sprechen.
Im Mondo stellen sie dem Lehrer Fragen zu allen Aspekten von Zen, die der so verständlich als möglich beantwortet. Dieses Frage- und Antwortspiel geht für gewöhnlich routiniert und zivilisiert über die Bühne.
Deshalb entspricht das Mondo, wie es am Hof praktiziert wird, nur bedingt seinem klassischen Vorbild.
Der traditionelle Sinn eines Mondos ist nicht der freundliche Austausch von Ideen, sondern das öffentliche Prüfen der Kenntnisse von Lehrer und Schülern.
Ein traditionelles Mondo hat deshalb eine ähnliche Qualität wie ein modernes Rap Battle.
Der Lehrer muss im Mondo beweisen, dass er den Schülern in Weisheit und Erkenntnis wirklich überlegen ist. Die Schüler haben während des Mondos die Chance, der Sangha zu zeigen, dass sie es in ihrer Meditationspraxis zur Meisterschaft gebracht haben.
Wenn ihre Fragen jedoch von Hybris, und nicht von Erkenntis, geleitet sind, hat der Lehrer keine Skrupel, sie vor versammelter Mannschaft bis auf die Knochen bloß zu stellen.
Im Kern geht es darum zu prüfen, wie realitätsbezogen die Selbst- und Weltwahrnehmung der Diskutanten ist. Sind Lehrer und Schüler vollkommend im Hier und Jetzt, entspinnt sich ein atemberaubend schneller, intellektuell brillianter Schlagabtausch.
In dem Moment, in dem es dem einen gelingt, den anderen durch eine geschickte Frage aus der Präsenz und in ein Konzept zu drängen, ist es, als würde der Linienrichter in Wimbledon „Out!“ rufen.
Der Sieger hat seine Überlegenheit unter Beweis gestellt, der Verlierer schleicht gedemütigt vom Platz.
Manchmal gibt es, im Gegensatz zum Tennis, im Mondo auch ein Patt: der Meister bleibt Meister, hat aber nun einen ebenbürtigen Praktizierenden an seiner Seite.
„In der traditionellen Chan-Literatur werden folgende mögliche Resultate eines Mondos aufgezählt: „Der Meister bleibt Meister, der Schüler wird zum Meister anstelle des Meisters, der Schüler wird zum Meister neben dem Meister.“
Diese spannenden Mondos kenne ich allerdings nur aus der klassischen Literatur. Dort wird anschaulich beschrieben, wie sich ein solcher dialogischer Wettkampf zwischen Meister und Schüler, manchmal auch zwischen zwei Meistern, um das Verständnis von „Leerheit“ entfaltet.
Wenn ich meinem Lehrer während eines Mondos zuhöre, juckt es mich immer öfter, ihn herauszufordern. „Er ist nicht perfekt“, denke ich mir bei manchen seiner Sätzen, „genau jetzt könntest Du ihn stellen!“
Bisher hat er noch jeden meiner vorsichtigen Einwände parriert.
Irgendwann, so meine Hoffnung, wird der Moment gekommen sein, an dem ich mich behaupten kann.
Dass mein Meister in der Zukunft zum „Schüler“ wird, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen…
Im Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – erklärt der Meister den Schülern die Prinzipien des Zen…
Regelmäßig, wenn ich während eines Sesshins dem Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – meines Zen-Meisters lausche, bin ich fasziniert davon, in wie vielen Variationen er buchstäblich über „NICHTS“ referieren kann.
Denn das ist das einzige Thema, das im Zen wirklich von Bedeutung ist.
Das Ziel buddhistischer Meditation ist die Befreiung von Leid. Das ist im nüchternen Zen nicht anders als im bunten tibetischen Vajrayana.
Im Herzsutra – einem der Basistexte des Mahayana-Buddhismus, zu dem auch das Zen gehört – heißt es „Bodhisattva Avalokitheshvara, in tiefer Versenkung, erkannte, dass alle fünf Skandhas leer sind und überwand so alles Leiden“.
Die „Fünf Skandhas“ sind die Sinneswahrnehmungen, zu denen im Buddhismus nicht nur das Hören, Sehen, Riechen und Schmecken gehört, sondern auch alle Gefühle, Gedanken und das Ich-Bewusstsein.
Alle dies, lehrte Buddha, ist nicht – wie es uns unser Körper und unser Geist vorgaukelt – fraglos gegeben und absolut, sondern bedingt.
Jeder Sinneseindruck, jede emotionale Reaktion darauf, alle Gedanken, die wir uns über äußere Reize und innere Zustandsveränderungen machen und all die Schlüsse, die wir daraus in Bezug auf unser „Ich“ ziehen, sind vollkommend subjektiv, vom Augenblick, und von äußeren und inneren situativen Gegebenheiten, abhängig.
Deshalb sind sie in ihrer Bedingtheit und Flüchtigkeit ohne Substanz: sie sind leer.
Wer dies erkennt und versteht, ist von allen Leiden befreit.
Darum besteht die einzige Funktion des Lehrers im Zen darin, seine Schülern mit allen Tricks und Mitteln ins „Nichts“ zu bringen.
Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr sitzt der Lehrer deshalb in der Mitte seiner Schüler und referiert in seinen Teshos über Leerheit.
Nur: wie erklärt man etwas, das es nicht gibt?
Die Lehrer der Zen-Linie „Leere Wolke“ am Hof haben unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden.
Es gibt die „Prediger“, die jedes Tesho mit einem klassischen Text aus der Zen-Literatur eröffnen und dann, im Stil einer protestantischen Predigt, eine Textexegese vornehmen .
Es gibt die „Pragmatiker“, die das Prinzip der Leerheit anhand aktueller Alltagsereignisse aufdröseln.
Es gibt die „Humoristen“, die ihre Schüler mit kurzweiligen unterhaltsamen Anektdoten zur Erleuchtung bringen wollen.
Und dann gibt es am Hof noch meinen Lehrer, der das Problem der Leerheit wissenschaftlich angeht. Irgendwie schafft er es, habe ich über die Jahre gelernt, aus allem, was gerade en vouge ist, Zen zu extrahieren.
Wir hatten Tiefenpsychologie, Emotionstheorien, Sprechakttheorien und Dekonstruktion. Seit ein paar Jahren sind es die Erkenntisse der Neurowissenschaften, die für die Erklärung der „Leerheit“ herhalten müssen.
Früher oder später findet fast jeder Schüler am Hof „seinen“ Lehrer, der ihm das Prinzip der „Leerheit“ auf eine, für ihn verständliche Weise, vermitteln kann.
Aber grundsätzlich bleibt es ein schwieriges Geschäft, Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr über „Nichts“ referieren zu müssen.
Aber kein Mensch am Spirituellen Zentrum sagt „Zazen“. Alle sprechen nur vom „Sitzen“.
„Ich sitze immer morgens“, heißt es. Oder „Ich sitze schon seit zwanzig Jahren.“ Für Außenstehende klingt das sicher schräg.
Wer es im Zen zu etwas bringen möchte, heißt es im Spirituellen Zentrum, der müsse täglich vierzig Minuten lang „Sitzen“ und dazu noch zwei Sesshins im Jahr „Durchsitzen“.
Das schwarze Meditationskissen heißt im übrigen „Zafu“. Die meisten Zen-Praktizierenden haben eine sehr persönliche und enge Beziehung zu ihrem häuslichen Zafu.
Wobei viele Zen-Praktizierende nicht auf dem Zafu Platz nehmen, wenn sie meditieren. Nicht jeder verfügt über die – für das Sitzen auf dem Zafu erforderliche – Beweglichkeit der Hüft- und Kniegelenke. Alternativ gibt es hölzernen Meditationsbänckchen, auf denen man kniend Platz nimmt.
Für die, denen auch das Meditationsbänckchen noch zu unbequem ist, gibt es Meditationshocker ohne Rückenlehne.
Es gibt auch Achtzigjährige, die auf dem Zafu sitzen. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Früher oder später, weiß der Zen-Jünger, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Meditationshocker landen. Das ist der Lauf der Zeit. Die einen erwischt es eher, die anderen später…
Während der Retreats stellt man schnell fest, dass sich die Praktizierenden nicht nur in ihren Sitzgelegenheiten, sondern auch in ihren „Sitzgewohnheiten“ unterscheiden. Das lässt sich unschwer erkennen, wenn man während des Kinhins – der Gehmeditation – im Kreis durch das Zendo läuft und dabei den Blick über die Sitzunterlagen schweifen lässt.
Es gibt ein paar Grundtypen von Sitzern, die ich hiermit vorstelle:
Typus eins ist „Der Purist“. In seiner Reinform ist er immer männlich. Das einzige, was der Purist auf seinem Platz duldet, ist ein – möglichst kleines – schwarzes Kissen. Das war es.
Kissen, muss ich dazu sagen, gibt es am Hof in drei Größen: klein und rund, flach und breit, und dazu noch die hohe runde Variante.
Puristen wollen den Zen von Zen. Sie suchen nicht nur Erleuchtung, sondern auf dem Weg dorthin auch körperliche Herausforderung und sportlichen Wettkampf. Je kleiner das Kissen, desto besser der Sitzer, so die Logik der Puristen. Das kleine Kissen wird hier zum Statussymbol. Die Botschaft: „Ich bin so ein harter Kerl, dass ich ein komplettes Sesshin auf DIESEM kleinen Kissen durchsitze!“
Es gibt auch die weibliche Variante der Puristen. Die ist ebenfalls fokussiert auf ein einziges und möglichst kleines Kissen. Nur habe ich noch keinen Sitzplatz einer Frau gesehen, auf dem sich – neben dem allerkleinsten schwarzen Kissen – nicht auch noch eine Decke befunden hätte. Frauen frieren eben schneller als Männer.
Typus zwei ist dafür ausschließlich weiblich: Das sind die „Hygge-Sitzerinnen“. Ihre Sitzplätze sehen einladend kuschelig aus. Dafür scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie bringen ihr eigenes geschmackvolles Sitzkissen oder -Bänkchen von Zuhause mit, dazu farblich passende Decken. Meist eine als Unterlage unter das Sitzkissen und eine zweite zum Zudecken, wenn es beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren zu kalt werden sollte.
Zusätzlich haben sie meist auch noch – ebenfalls farblich perfekt abgestimmt – kleine Kissen auf dem Platz liegen, wenn zwischendurch mal die Knie schmerzen sollten. Und oben drauf noch ein schönes – ebenfalls farblich stimmiges – Plaid – dass sie beim Kinhin über die Schultern werfen. In jedem Sesshin sind ein oder zwei Frauen dabei, die das Zen-Hygge zur Perfektion gebracht haben.
Typus drei ist „Der bequeme Sitzer“. Die gibt es in der weiblichen wie männlichen Variante. Die Haltung ist: wenn man sich schon etwas so anstrengendes wie ein Sesshin zumutet, dann soll es so schmerzfrei und komfortabel als möglich ablaufen.
„Bequeme“ mauern sich auf ihrem Platz mit Sitzgelegenheiten, Decken und Kisschen in allen Größen und Variationen regelrecht ein. Mit dem Ziel, für jeden Modus und für jedes Zipperlein sofort die passende Lösung zur Hand zu haben.
Das ist der Typus, der sich in dauerndem Kampf mit dem Assistenten befindet, der versucht, das Horten von Sitzgelegenheiten am Platz einzudämmen.
Dann gibt es noch „Chaos-Sitzer“: die nehmen alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit in das Zendo und lagern sie auf ihrem Platz. Was ebenfalls den Assistenten auf dem Plan ruft. Chaos stört die Konzentration, erklärt er dann.
„Chaos-Sitzer“ sind im Zen aber eine seltene Erscheinung. Der durchschnittliche Zen-Praktizierende ist ordentlich und gut organisiert.
Die Mehrheit der Zen-Praktizierenden changiert irgendwo zwischen den Extremen. So wie ich. Ich bin, nach Jahren Meditationspraxis, irgendwo zwischen „Purist“ und „Bequem“ angelangt.
Regelmäßig vor dem Beginn eines Sesshins mahnt der Assisstent, man solle es mit dem Ehrgeiz im Sitzen nicht übertreiben. Jeder – erklärt er – solle eine Stufe unter seiner anspruchsvollsten Sitzkomposition wählen. Auf das sich niemand verletze und sich selbst Schäden zufüge.
Ein weiser Ratschlag. Ich lernte ihn erst zu befolgen, nachdem ich mir im Versuch, eines meiner ersten Sesshins im vollen Lotus-Sitz „durchzusitzen“, beinahe meine Hüftgelenke ruiniert hätte.
Auch ich war zu Beginn meiner Zen-Karriere „Puristin“. Ich musste viele Stunden und Tage auf meinem kleinen schwarzen Kissen leiden – und mir noch dazu eine ganze Sammlung verbale Ohrfeigen meines Zen-Lehrers im Dokusan abholen – bis ich bereit war, meine aggressiven Ansprüche an meinen Körper aufzugeben. Der Wechsel vom kleinsten zum größten schwarzen Kissen während meines fünften Sesshins war ein Meilenstein in meiner spirituellen Entwicklung. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/
Seitdem sitze ich nicht nur entspannter: ich bin auch in Bezug auf Essen, Sport treiben, Schlaf und alle anderen Bedürfnisse meines Körpers, nachsichtiger mit mir geworden.
Das ist das Prinzip des „Sitzens“: Zazen lehrt nicht einfach nur Achtsamkeitsmeditation. Die Praxis schreibt sich über die Jahre schleichend in das Gehirn und den Körper ein. Ohne dass dieser Prozess bewusst zugänglich wäre, verkörpert man irgendwann Zazen.
Die Praxis wird zur Haltung. Und macht das Leben zwar nicht einfach oder unkompliziert – eher im Gegenteil – aber dafür reich und spannend.
Das Kinhin – die Meditation im Gehen – ist das zweite Kernelement des Zen im Spirituellen Zentrums…
Neben dem Zazen – dem stillen Meditieren im Sitzen – gibt es im Zen noch eine zweite Form der Meditation: Kinhin – das meditative Gehen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
Es gibt die flotte Variante, bei der zügig im Kreis gegangen wird. Am Hof läuft sie unter „Schnelles Kinhin“.
„Langsames Kinhin“, wird am Hof immer vor dem Tesho – dem Abendvortrag des Lehrers – praktiziert. Dann bewegt sich die ganze Sangha im Gänsemarsch durch das Zendo, indem jeder sehr langsam einen Fuß vor den anderen setzt.
Ich war aber auch schon mal bei einer Soto-Zen-Gruppe zu Gast. Bei denen – lernte ich – bedeutet „Kinhin“ seeeeeehr langsam zu gehen. Nach einer Viertelstunde Kinhin hatte ich mich etwa dreißig Zentimeter durch den Raum bewegt. https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/
Der Assistent ist jedoch darauf fokussiert, so wenig Worte als möglich zu verlieren.
Während des Zen-Retreats soll der analytischen Geist der Meditierenden vollkommend zur Ruhe kommen. Schon Gesprochenes zu hören, aktiviert ihn.
Deshalb lenkt der Assistent die Sangha nicht durch Sprache, sondern durch Klänge.
Im Rinzei-Zen – und damit am Hof – sind sein wichtigstes Instrument zwei einfach braune Klanghölzer.
Jeder Tag eines Sesshins am Hof startet um 5:25 Uhr mit dem morgendlichen Kinhin. Der Beginn des meditativen Gehens wird vom Assistenten lautstark angekündigt. Dazu stellt er sich in die Mitte des Innenhofs, nimmt in jede Hand eines der kurzen braunen Klanghölzer und schlägt sie rhythmisch aufeinander. Das klingt fast wie ein Trommelwirbel.
Worauf die verschlafenen Mitglieder der Sangha ihre Teetassen auf den Geschirrwagen des Speisesaals stellen und gehorsam den Innenhof betreten, um dort stumm und in sich gekehrt eine halbe Stunde um einen Baum zu laufen.
Die Konzentration liegt während des Gehens – wie im Zazen – auf dem Atem. Dazu kommt der Fokus auf die Bewegung. Der Geist soll im Kinhin so zur Ruhe kommen, dass man sich selbst nicht mehr im Modus von „ich gehe“ erlebt, sondern zum Gehen wird.
Klingt schräg, funktioniert aber.
Zum Ende des Kinhins erklingen wieder die Klanghölzer. Diesmal schlägt der Assistent die beiden Stäbe einmal kräftig aufeinander. Ein lautes Klacken ertönt.
Das bedeutet „Achtung!“
Alle erstarren mitten in der Bewegung des Kinhin, um dann eine aufrechte Stehhaltung einzunehmen.
Der Assistent wartet kurz, dann schlägt er die Klanghölzer ein weiteres Mal aufeinander. Alle falten die Hände vor der Brust und verneigen sich.
Damit ist das Kinhin beendet.
Nach jedem Zazen – das in den Sesshins am Hof zwischen dreißig und vierzig Minuten bewegungsloses Sitzen auf dem Kissen bedeutet – folgen zwischen zehn und fünfzehn Minuten schnelles Kinhin.
Zu Beginn der Übungsblöcke am Morgen, am Vormittag und nach dem Mittagessen wird normalerweise im Freien Kinhin praktiziert. Während der Übungsblöcke – die aus zwei beziehungsweise drei Runden Zazen bestehen – laufen die Teilnehmer im Zendo im Kreis.
Dabei kommt einiges zusammen: im Schnitt legt man während eines Sesshins etwa zehn Kilometer am Tag durch Kinhin zurück.
Immer orchestriert von den Klanghölzern des Assistenten. Ihr Diktat gibt den Abläufe, denen sich Praktizierende im Rinzei-Zen zu unterwerfen haben, die Anmutung von Exerzierübungen.
Das Rinzei-Zen war im Mittelalter Teil der Elite-Ausbildung der Samurai, der adeligen Kriegerkaste Japans.
Auch heute noch wird, wer sich den Regeln des Rinzei-Zen unterwirft, mit den Jahren zum Krieger – oder zur Kriegerin.
Das Zen des spirituellen Zentrums hat seine Wurzeln im chinesischen Chan. Der ist ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus. Das verleiht dem Zen in der Familie der buddhistischen Traditionen eine Sonderstellung…
Was viele nicht wissen: Zen ist keine originär japanische Erfindung, sondern stammt aus China.
Die indische Religion des Buddhismus gelangte im 2. Jahrhundert nach Christus nach China, wurde dort heimisch und zur dritten Staatsreligion neben Konfuzianismus und Daosimus.
Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte verschmolz der Buddhismus in China mit dem Daoismus.
Der Daoismus wurzelt in Jahrtausende alten schamanischen Traditionen und erhielt durch Laotse im 4. Jahrhundert vor Christus eine ganz eigene Philosophie. Laotse lehrte, dass das „Dao“ das „höchste Mysterium“ darstellt. Ihm sind alle kosmischen Prozesse unterworfen. Das Dao repräsentiert sowohl Sein als auch Nicht-Sein und vollzieht sich in unaufhörlichem Wandel.
Der Daoismus hat kein Gottesbild. Das Dao wird als mysteriöses Naturgesetz verstanden, dessen Kräften alles unterworfen ist.
Im Ergebnis entstand im 5. Jahrhundert nach Christus im Norden Chinas das Chan. Es waren Wandermönche, die sich vom traditionellen Buddhismus, wie er in chinesischen Klöstern nach indischer Tradition praktiziert wurde, distanzierten. Dort lag der Fokus auf dem Rezitieren von Sutren, dem Praktizieren aufwendiger Riten und dem Vermitteln intellektuellen Wissens über die Lehren des Buddhismus.
Die chinesischen Wandermönche suchten den direkten Weg zur Erleuchtung, fokussierten sich auf Meditation und beriefen sich dabei auf den historischen Shakayamuni.
Auch Buddha hatte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum nach acht Tagen und Nächten des konzentrierten Meditierens erlangt.
Zuvor hatte er sich an allem versucht, was die spirituellen Traditionen des Hinduismus bereit hielten, um dem Leiden zu entkommen: er hatte diverse Meditationstechniken erlernt und bis zur völligen Erschöpfung praktiziert, er hatte sich kasteit und wäre bei seinem Versuch, durch strenge Nahrungsvorschriften erleuchtet zu werden, beinahe verhungert. Alles war vergebens gewesen.
Am Ende erreichte er durch das Meditieren in offenem Gewahrsein die Erkenntnis über das Entstehen und die Überwindung allen Leidens.
Deshalb, so die chinesischen Wandermönche, reiche diese Praxis der Meditation aus, um Erleuchtung zu erlangen. Alles andere, was der traditionelle Buddhismus noch bereithält, wäre überflüssiger Schnick-Schnack.
Nachvollziehbarer Weise waren traditionelle Buddhisten nicht begeistert von dieser Sichtweise. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die aufmüpfigen Wandermönche zogen durch die Berge Nordchinas, meditierten über viele Jahre und interpretierten die spirituellen Erfahrungen, die ihnen in tiefer Versenkung zuteil wurden, als Mysterienspiele des Dao.
Deshalb hat das Chan eine ganz eigene Philosophie, die Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen nicht ohne weiteres zugänglich ist.
Im 9. Jahrhundert nach Christus kam das Chan durch japanische buddhistische Mönche, die in China in dieser Tradition zu Meistern wurden, nach Japan.
Dort wurde es zum Zen.
In Japan gibt es heute drei Hauptströmungen des Zen-Buddhismus: Soto, Ubaku und Rinzei. Wer im Westen Zen praktizieren möchte, hat üblicherweise die Wahl zwischen Soto-Zen und Rinzei-Zen.
Soto-Zen ist stark vom japanischen Zen-Meister Dogen geprägt. Der erlangte im 13. Jahrhundert in der chinesischen Soto-Tradition Erleuchtung, kehrte danach in sein Heimatland zurück und reformierte dort den japanischen Soto-Zen.
Dogen, der ein bezaubernder Mensch gewesen sein muss, bemühte sich darum, auch Laien den Zugang zum Zen zu ermöglichen. Er – der aus dem japanischen Hochadel stammt – hatte keine Berührungsängste mit dem „einfachen Volk“ und entwickelte eine Meditationspraxis, die auch Menschen mit wenig Bildung und freier Zeit zugänglich war. Er war sehr erfolgreich in seinen Bemühungen. Soto ist bis heute die beliebteste Zen-Tradition in Japan. Sie ist, wie ihr Begründer Dogen, sanft und freundlich.
Die zweite große Zen-Tradition Japans, der Rinzei-Zen, blickt traditionell auf den Soto-Zen herab. Er gilt dort als „Zen der Bauern“.
Rinzei dagegen war das Zen des japanischen Krieger-Adels, der Samurai. Entsprechend elitär und martialisch ist die Tradition das Rinzei-Zen. Das machte ihn anfällig für nationalistische und faschistische Strömungen, die im Zuge der Meiji-Restauration zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan populär wurden.
Der Rinzei-Zen spielte während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle in Japan. Zen-Meister dieser Tradition bildeten zum Beispiel Kamikazi-Piloten aus, die durch Zen-Meditation lernten, ihre Todesangst zu überwinden, während sie ihre Flugzeugen in amerikanische Kriegsschiffe steuerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehrere japanische Zen-Meister als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.
Auch aus diesem Grund beruft sich die Zen-Linie des spirituellen Zentrums weniger auf den japanischen Rinzei-Zen, sondern auf die ursprüngliche chinesische Tradition und ihren Gründer Linij.
Der lebte im achten Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster inmitten eines Gebirges. Er war berühmt für seine Klarheit und berüchtigt für seine Grobheit. Das von ihm bevorzugte Mittel, um seine verstockten Mönche zu tieferer Erkenntnis zu bewegen, war eine saftige Ohrfeige.
Deshalb ist das Zen des spirituellen Zentrums, trotz seiner Hinwendung zum chinesischen Chan, immer noch nichts für sensible Gemüter.
Wer gerne Zen praktizieren möchte und einen etwas weniger rauen Umgang bevorzugt, dem sei eine Soto-Linie empfohlen.
Das Einzelgespräch mit dem Lehrer während des Retreats ist im Zen des Spirituellen Zentrums integraler Bestandteil der Praxis…
Unter jeder der beigen Sitzunterlagen im Zendo befindet sich ein kleiner roter Papierzettel.
Wenn der Assistent zu Beginn einer Meditationseinheit verkündet: „Gelegenheit für Dokusan!“, kann man den Zettel unter der Matte hervorholen und davor platzieren. Dann weiß der Assistent, dass man den Zen-Lehrer sprechen möchte.
Der wartet in einer kleinen Kammer neben dem Zendo auf die Schüler. Wenn er die Glocke läutet, tritt man ein, verneigt sich und nimmt ihm gegenüber auf dem kleinen schwarzen Kissen Platz.
Im Dokusan prüft der Lehrer die Meditation des Schülers. Hat der verstanden, was zu tun ist?
Man sollte regelmäßig den Lehrer konsultieren, wird jedem Zen-Praktizierenden erklärt. Zu recht. Es ist erstaunlich, wie viel man bei einer so simplen Tätigkeit wie Sitzen und Atmen falsch machen kann!
Denn das Zazen ist nicht einfach nur „herumsitzen und entspannen“. Es geht darum, in der Realität anzukommen.
Dummerweise ist das kein Ort, den man freiwillig aufsucht.
Wie der Lehrer nicht müde wird auszuführen, sind wir so gestrickt, dass wir uns automatisch immer in den Modus des „Wohlbefindens“ einschwingen. Darauf ist unser System ausgerichtet. Jeder Einzelne verfügt über eine Fülle von Techniken, um sich im Alltag automatisch zu stabilisieren – und damit einen Schleier aus Phantasien und Konzepten über die Wirklichkeit zu legen.
Die meisten dieser Techniken zerschellen am Zazen. Während der dreißig bis vierzig Minuten des stillen Sitzens auf dem Kissen kann man sich nicht mehr mit Handyscrollen, Textnachrichten schreiben oder dem Gang zum Kühlschrank ablenken. Während der Meditationszeiten darf man nicht auf die Toilette. Man darf sich noch nicht mal bewegen. Selbst das Kratzen an der juckenden Nase oder das Verlagern des schmerzenden Knies sind verpönt.
Heftige Unlustgefühle sind die Folge. Und als einzige Möglichkeit, sich trotzdem emotional in das Gleichgewicht zu bringen, bleibt nur noch der Kopf. Der arbeitet dafür um so hochtouriger: Zukunftsphantasien, Trostworte, Wutanfälle – mit allen Tricks versucht der Geist, der harten Realität zu entfliehen.
Und hier ist der Lehrer gefragt: im Dokusan hört er sich an, was für Ideen, Phantasien und Vorstellungen der Schüler entwickelt, um selbst in dieser misslichen Lage noch irgendwie ein – wie auch immer geartetes – „gutes Gefühl“ zu produzieren.
Worauf der Lehrer zum scharfen Schwert der Logik greift und mit einem entschiedenen Streich alle Gedankenstränge durchtrennt.
Während meiner ersten Jahre Zen-Praxis fühlte ich mich im Dokusan immer wie im „Märchen vom Hasen und vom Igel“. Egal wo ich gedanklich hin flüchtete: der Lehrer war schon da! Das gab er mir üblicherweise mit einer verbalen Ohrfeige zu verstehen. Zen – zumal das der Rinzei-Tradition, zu der meine Linie gehört – ist nichts für empfindsame Gemüter.
Für gewöhnlich bedachte ich, wenn ich nach dem Dokusan die Tür hinter mir zuzog, den Lehrer mit einem stummen „Arschloch!“.
Wenn der Lehrer perfekt ins Schwarze getroffen hatte, verbrachte ich nach einem Dokusan durchaus auch mal ein oder zwei Tage im „Arschloch-Modus“ auf meinem kleinen schwarzen Kissen. Es gibt wenige Menschen, die ich mit derselben Intensität gehasst habe, wie meinen Zen-Lehrer.
Irgendwann lernte ich, dass „Arschloch!“ ein Qualitätssiegel war: der Zen-Lehrer hatte seinen Job wieder einmal gut gemacht. Früher oder später verrauchte die Wut und ich konnte das Geschenk, das in der Ohrfeige versteckt war, annehmen: ein kleines Stückchen Realität, dass hinter den Wolken meiner Konzepte und Phantasien hervor blitzte.
Zazen – das Sitzen in der Stille – ist die zentrale Mediation im Zen des Spirituellen Zentrums…
Es gibt nur wenige Beschäftigungen, die mein pedantisches Ego und meine intuitive Innere Stimme gleichermaßen lieben. Konkret sind das: Wandern, Kochen, Schreiben, Klassische Musik hören – und Zazen.
Beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren in der Stille während eines Sesshins sind meine intuitive Innere Stimme und mein Ego beide glücklich.
Allerdings aus völlig verschiedenen Gründen: der Zendo – und das kleine schwarze Meditationskissen darin – ist einer der ganz wenigen Orte, an denen sich mein ängstliches Ego entspannen kann.
Es darf einfach nur „Da-sein“ und dabei dem Atem lauschen, der kommt und geht, den Körper spüren, der unbewegt im Lotussitz auf dem kleinen schwarzen Kissen platziert ist – und zur Ruhe kommen.
Es muss nichts kontrollieren – es ist alles perfekt organisiert.
Es muss sich nicht damit herumplagen, was es jetzt, in den nächsten fünf Minuten oder heute Abend tun oder lassen soll – es ist alles festgelegt.
Es muss sich nicht überlegen, wie es irgendjemand irgendwas erklärt – während der nächsten Tage ist Sprechen verboten.
Es muss nicht ständig die Umgebung nach Gefahren scannen und Überlebensstrategien durchspielen – der Hof ist „Safe Space“.
Das Ego darf sich zurücklehnen, alle Viere von sich strecken und zum Mitläufer werden. Was es genießt.
Mein Ego ist – das habe ich durch Zazen gelernt – von bescheidener Natur: es hat weder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, noch möchte es über andere bestimmen. Im Gegenteil: das sind genau die Modi, in denen es sich unwohl fühlt.
Mein Ego ist kein egozentrischer Tyrann. Mein Ego ist ein ängstlicher Neurotiker. Es will Ordnung und Struktur. Menschen und Situationen sollen berechenbar, alles Notwendige zuverlässig vorhanden sein.
Dann ist es gut, findet das Ego. Mehr braucht es nicht.
Für all das ist am Hof gesorgt. Sobald der Assistent mit dröhnendem Gongschlag die erste Runde Zazen zu Beginn eines Sesshins einläutet, geht das Ego auf seinem kleinen schwarzen Kissen deshalb in den Entspannungsmodus über.
Und meine intutitive Innere Stimme atmet erleichtert auf: Endlich Ruhe!
Bevor die beiden mit Zazen begannen, war meine intuitive Innere Stimme vierundzwanzig Stunden täglich damit beschäftigt, das hysterische Ego zu stabilisieren. Ein Drama jagte das nächste!
Die intuitive Stimme besänftigte und beruhigte, setzte Katastrophen-Phantasien des Egos Happy Ends entgegen, offerierte Ablenkungsangebote – und fühlte sich andauernd erschöpft und überfordert.
Irgendwann ergab es sich, dass sich das neurotische Ego auf dem Hof und in Willigis Ostergottesdienst wiederfand. Die intuitive Innere Stimme wird das ihrige dazu beigetragen haben. Was – und wie das alles zugegangen ist – darüber schweigt sie sich bis heute aus.
Das Ego war von Anfang an begeistert und klagte und jammerte kein bisschen, als ihm die intuitive Innere Stimme den Besuch des Zen-Einführungsseminars vorschlug.
Dort angekommen, saß das Ego keine fünf Minuten das erste Mal in Zazen auf dem kleinen schwarzen Kissen, als es begriff, dass es genau die Tätigkeit und den Ort gefunden hatte, nach dem es sich sein Leben lang gesehnt hatte.
Und die intuitive Innere Stimme musste sich das erste Mal in diesem Leben nicht um das Ego kümmern, sondern konnte sich auf sich selbst konzentrieren.
Ergebnis: so bescheiden und unkompliziert das Ego ist, so dominant und komplex ist die intuitive Innere Stimme.
Das Ego darf im Alltag gerne freundlich und bescheiden sein. Das stört die intuitive Innere Stimme kein bisschen. Auch sie schätzt Harmonie. Je größer die Stille im Außen und Innen, desto besser kann sie wahrnehmen was ist – und sich danach ausrichten.
Denn das ist ihre Funktion: sie hat – in einer Weise, die sich weder verstehen noch durch Sprache erklären lässt – Zugang zu etwas, von dem das Ego keine Ahnung hat. Was das ist, darüber schweigt die Innere Stimme. Und beschränkt sich – wenn das Ego wieder einmal auf Erklärungen drängt – auf ein Lächeln.
Wie immer es auch zugehen mag: wenn das Ego befriedet ist, kann die Innere Stimme beide mit traumwandlerischer Sicherheit durchs Leben führen. Von Wunder zu Wunder, wie sich über die Jahre herausgestellt hat.
Deshalb lieben die beiden Zazen. So einfach ist das…
Im Spirituellen Zentrum ist alles perfekt durchorganisiert. Man kann den Verstand am Ankunftstag am Empfang abgeben und nach dem Ende des Zen-Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen, ohne dass man ihn in sieben Retreattagen auch nur einmal vermisst hätte…
Während eines Sesshins verbringe ich die Nächte auf engem Raum mit anderen Menschen.
Tagsüber ist es nicht anders: Jeder Teilnehmer hat einen festen Platz im Zendo – der Meditationshalle.
Exakt einen Quadratmeter groß sind die beigen Meditationsunterlagen, die an den Wänden entlang ausgelegt sind. Davor hat der Assistent – alphabetisch geordnet – die Namensschilder der Teilnehmer platziert. Man kann sich weder aussuchen wo, noch neben wem man sitzt.
Und auch auf dem eigenen einen kostbaren Quadratmeter ist es nicht erlaubt, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat.
Jeder darf nur so viele Sitzgelegenheiten auf den Platz nehmen, wie gerade benötigt werden, ermahnt der strenge Assistent. Private Dinge haben im Zendo nichts verloren! Und auf dem Platz hat immer Ordnung zu herrschen!
Auch die Kleiderordnung ist festgelegt: am Hof sind keine grellen Farben erlaubt, der Körper soll bedeckt sein und alles was intensiv riecht – vom Parfum über Rasierwasser bis Weichspüler – ist ebenfalls verpönt.
Nichts soll die Sinne von der Konzentration auf das Sitzen und Atmen abhalten.
Nach dem Abendessen – das selbstverständlich im Schweigen stattfindet – beginnt das Sesshin.
Vierzig Leute haben sich diesmal zum Sommertraining eingefunden, stelle ich fest, während wir stumm und bewegungslos vor unseren Matten stehen. In Bezug auf das Geschlecht herrscht Parität. Die Altersspanne reicht von Anfang Zwanzig bis Ende Siebzig.
Bevor er das Sesshin feierlich eröffnet, erklärt der Assistent den wenigen Novizen die Regeln. Tagesablauf, Ordnung am Platz, Schweigen immer und überall.
Besonders wichtig: Pünktlichkeit! Man hat sich fünf Minuten vor dem Beginn jedes Meditationsblocks an seinem Platz einzufinden. Wer zu spät kommt, stört nicht nur die anderen in ihrer Konzentration – und dazu noch das fein abgestimmte Procedere – sondern läuft auch noch Gefahr, sich vor verschlossener Tür wiederzufinden. Dann muss dreißig bis vierzig Minuten gewartet werden, bis der Assistent die Meditationsrunde mit einem kräftigen Gongsschlag beendet und wieder Zutritt zum Zendo gewährt.
Überhaupt läuft der Hof wie ein Uhrwerk. Wenn man die Prozesse einmal verstanden hat – und sie sind so logisch, dass das nicht schwer ist – kann man seinen Verstand bei der Anmeldung am Empfang abgeben und ihn am Ende des Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen.
Es ist, als würde man in einen Fluss steigen. Wenn der Widerstand gegen die dauernde Bevormundung überwunden ist, treibt man durch die Tage, ohne sich auch nur einmal fragen zu müssen: „Was soll ich tun?“
Im Spirituellen Zentrum herrscht Schweigen. Nicht nur während der Zen-Praxis, sondern immer und überall. Eine existentielle Erfahrung…
„Ich bin wieder da!“, denke ich beglückt, als ich – den Rucksack über den Schultern – den Innenhof betrete.
Im großen Springbrunnen plätschert das Wasser. Vögel singen in den Bäumen. Auf der Terrasse des Buchladens sitzen ein paar Gäste in der Sonne, trinken Kaffee und blättern in Büchern.
Ich reihe mich in die lange Schlange ein, die, vom Empfang kommend, die Treppe des Eingangsportals hinunter bis auf den Weg reicht. Es ist Sonntagnachmittag und mit dem Abendessen beginnen gleich mehrere Kurse: neben meinem „Zen-Sommertraining“ die „Schwesterveranstaltung“ „Kontemplations-Sommertraining“, dazu noch ein Tai-Chi-Kurs und zwei Selbsterfahrungsangebote mit seltsamen Titeln, die mir nichts sagen.
Als ich nach zwanzig Minuten am Empfangstresen angekommen bin, zahle ich und bekomme den Schlüssel in die Hand gedrückt. Ich bin im Mehrbettzimmer untergebracht. Zusammen mit acht anderen Frauen, wie sich herausstellen wird.
Während meiner Schulzeit besuchte ich jahrelang ein Internat: ich bin es gewohnt, mit anderen in einem Raum zu schlafen. Trotzdem musste ich zu meinem Glück gezwungen werden: für meine ersten Retreats am Hof nahm ich immer ein Einzelzimmer. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.
Allerdings sind Einzelzimmer im spirituellen Zentrum ein rares Gut. Man muss Wochen vorher buchen, wenn man den Luxus eines eigenen Zimmers haben möchte.
Irgendwann beschloss ich spontan, ein Retreat zu besuchen, dass nur wenige Tage später starten sollte. Das Sesshin war noch nicht ausgebucht – aber die Einzelzimmer. Ich fand mich mit einem Bett im Mehrbettzimmer ab – und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass sich das „Rudelschlafen“ positiv auf meine Meditationspraxis auswirkt.
Auf einmal konnte ich mich nicht mehr zurückziehen und das Sesshin für ein paar Stunden „aussperren“. Im Mehrbettzimmer gibt es keine Auszeit von der Praxis!
Ich war auf einmal Tag und Nacht in mitten der Sangha und ununterbrochen den subtilen energetischen und sozialen Prozessen ausgeliefert, die sich während eines mehrtägigen Retreats entfalten.
Auch in der Stille.
Denn am Hof herrscht Schweigen. Immer und überall. Damit man das nicht vergisst, wird man, wo man steht und geht, mit dem oben abgebildeten Symbol daran erinnert. Es klebt buchstäblich überall – und auch an der Tür des Mehrbettzimmers.
Während meiner ersten Retreats war das Schweigen eine Herausforderung. Nicht mehr spontan bei den Mahlzeiten den Tischnachbarn um Butter oder die Käseplatte bitten können. Keine Entschuldigung mehr aussprechen, wenn ich versehentlich jemanden in der engen Umkleide auf die Zehen getreten war. Nicht mehr „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ wünschen.
Und das für solide fünf, sechs oder sieben Tage!
Nachdem Verwirrung und Stress nachließen, wurde ich – wie die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen – mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt.
Für mich war die entscheidende Erfahrung, wie sehr ich meine Umgebung durch freundliche Kommunikation zu kontrollieren versuche. Das wurde mir aber erst zugänglich, als ich es nicht mehr durfte: die Angst, die mich plötzlich in sozialen Situationen anfiel, die ich nicht mehr durch Sprechen steuern konnte, war heftig.
Es kostete mich anfangs erhebliche Anstrengungen, das Schweigegebot durchzuhalten. Aber die Stille am Hof ist so überwältigend, die Strenge, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, so greifbar, dass ich zähneknirschend den Mund hielt – und die Angst und die heftigen Unlustgefühle, die sie begleiteten, ausstand.
Erste Erkenntnis: die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht „Entschuldigung“ sage. Oder jemandem „Guten Morgen“ wünsche. Oder mit dem Zeigefinger auf die Butter deute und mich lediglich mit einem Kopfnicken beim Tischnachbarn bedanke.
Zweite Erkenntnis: es ist angenehm, nicht dauernd die Bedürfnisse anderer bei jeder Alltagshandlung mit einplanen zu müssen. Ich sorge für mich, halte mich an die Regeln – alle anderen tun das gleiche.
Im Schweigen eine Woche mit acht Frauen im Schlafsaal zu verbringen, ist deshalb gut auszuhalten.
Ich mache mich auf die Reise in das Spirituellen Zentrum meiner Zen-Linie, um zum jährlichen Zen-Sommer-Training anzutreten…
Der Linienbus schleicht von Haltestelle zu Haltestelle durch die Unterfränkische Provinz. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt – wie immer, wenn am Hof neue Kurse beginnen.
In einem kleinen Dorf, dreißig Kilometer hinter Würzburg, spuckt er fast alle Fahrgäste auf einmal aus. Mit Rollkoffern, Rucksäcken und Taschen beladen, wandert die kleine Karavane von der Bushaltestelle zum Empfang des spirituellen Zentrums.
Sie nimmt den Weg über den großen Parkplatz. Die Mehrheit der Gäste kommt mit dem Auto. Und zwar aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wie die Kfz-Kennzeichen verraten.
Nach dem Parkplatz geht es an der roten Backsteinkirche vorbei durch einen Durchgang. Dann steht man im riesigen Innenhof. Der wird auf allen vier Seiten von Gebäuden umrahmt.
Ich praktiziere Zen in einem der größten spirituellen Zentren Europas.
Über viele hundert Jahre war der Hof ein Benediktinerkloster. Die Säkularisierung machte dem Klosterleben ein Ende. Nach einer wechselvollen Geschichte – und Jahren des Leerstandes – erwachte er zu neuem spirituellen Leben.
Was wohl die Benediktinermönche, die hier einst beteten und arbeiteten, über diese Spiritualität denken würden?
Immerhin war es einer ihrer Brüder, der den Hof aus seinem Zauberschlaf erweckte: der Benediktinermönch Willigis Jäger.
Die katholische Kirche war ihm nicht dankbar dafür – um es Milde auszudrücken. Der Leiter der Glaubenskongregation in Rom – Kardinal Ratzinger (der später ironischerweise den Papstnamen „Benedikt“ wählen sollte) – überzog Willigis mit Lehr- und Publikationsverboten.
Das war die Vorgeschichte: damals war Willigis noch in Würzburg aktiv. In seiner Dreifachfunktion als Ordenspriester, Lehrer (Latein) und Zen-Meister gab er in einem ehemaligen Priesterseminar seines Ordens Meditationskurse, schrieb Bücher und zelebrierte Gottesdienste. Seine Messfeiern, Predigten und Veröffentlichungen entsprachen nur bedingt der reinen Lehre der katholischen Kirche.
Das kam in den Leitungsgremien der katholischen Kirche nicht gut an. Aber viele andere waren ihm sehr dankbar dafür. Zumal Willigis damals – Mitte der 80er Jahre – einer von ganz wenigen Deutschen war, die in Japan zu Zen-Meistern wurden und diese Kunst in ihre Heimat zurückbrachten.
Zuvor waren es nur japanische Meister gewesen, die immer wieder für ein paar Wochen nach Deutschland reisten und hier Sesshins anboten. Sie sprachen weder Deutsch noch Englisch und waren deshalb immer auf Dolmetscher angewiesen. Es muss für beide Seiten eine mühsame Angelegenheit gewesen sein.
Deshalb wurde Willigis überrannt von Praktizierenden. Jeder Raum, in dem er Kurse abhielt, jedes Haus, in dem Sesshins unter seiner Leitung stattfanden, war bald zu klein. Erst waren es fünfzig Schüler, dann hundert, irgendwann zweihundert.
Umgekehrt proportional zur Popularität Willigis bei den Praktizierenden entwickelte sich seine Reputation in Rom. Er und eine Reihe anderer Ordensschwestern und -Brüder, die sich der Mystik verschrieben hatten und in Japan zu Zen-Lehrern geworden waren, galten dort als Bedrohung für die Lehre der katholischen Kirche.
Als das – lange erwartete – Lehr- und Publikationsverbot von der Glaubenskongregation verhängt wurde, gab es deshalb schon einen Plan: Willigis ließ sich von seiner Ordensgemeinschaft „beurlauben“ und seine Truppe kaufte ein Retreathaus im Schwarzwald. Nur – wie immer – war es bald zu klein.
Eine große Lösung musste her.
Eine von Willigis Schülerinnen hatte als Unternehmerin ein Vermögen erwirtschaftet. Sie gründete eine Stiftung, die das halb verfallene Kloster im Mainfränkischen kaufte.
Willigis war damals Mitte 70. Die Leute schüttelten die Köpfe und fragten: „Was will der Alte mit der Ruine?“
Wie sich herausstelle: Viel. Oder besser: Alles. Bescheidenheit gehörte nur bedingt zu Willigis hervorstechenden Charaktereigenschaften.
Dafür konnte Willigis gut führen und hatte ein Gespür dafür, auf welche seiner Schüler er setzen musste, damit der Hof gedieh.
Und das tut er noch immer. Auch, nachdem Willigis in hohem Alter die Leitung abgab, und nachdem er 2020 starb.
Dabei ist der Hof nicht jedermanns Geschmack. Viele „Altschüler“ aus der Würzburger Zeit waren nicht begeistert darüber, als es auf einmal so anonym zuging. Und auch darüber, dass nicht mehr nur Zen und die christliche Meditationsvariante „Kontemplation“ angeboten wird, waren nicht alle glücklich.
Aber ein Haus mit 200 Betten, zwei Speisesälen und einer ganzen Sammlung Seminarräumen muss bespielt werden.
Deshalb gleicht das Jahresprogramm des Hofes einem spirituellen Gemischtwarenladen: man kann Bogenschießen und japanischen Schwertkampf lernen, achtsam töpfern und vergolden, Reki, hypotrophes Atmen und Chanten üben, Paartherapie- und Familienaufstellungswochenenden buchen.
Die zwei bis drei Zen-Einführungskurse im Monat sind gut besucht. Genau wie die Sesshins, die mehrmals im Monat stattfinden. Aber die Zen-Leute müssen damit leben, dass sie nicht unter sich sind. Dass sie sich den Hof mit Menschen teilen müssen, von denen sich viele mit dem Schweigen schwer tun und denen es an Achtsamkeit und Präsenz mangelt.
Im Ergebnis ist der Hof mit seinem stilvollen Zen-Garten, seinen gepflegten Außenanlagen, seinen geschmackvollen Gebäuden und dem wohlsortierten Buch- und Hofladen Spiegelbild und Sammelbecken der deutschen Achtsamkeits-Kultur. Die teilweise schrille Blüten treibt.
Ich betrachte es als Übung in Akzeptanz – und Humor. Auch über mich selbst.
Umgekehrt muss für viele Entschleunigungsadepten der Anblick all der konzentriert im Schweigen vor sich hin wandelnden Zen- und Kontemplations-Schüler befremdlich sein.
Ich finde, es hat alles seine Vor- und Nachteile: das Retreathaus am Ende der Welt ist klein und persönlich. Ich bin mit meinen Dharma-Schwestern und -Brüdern befreundet. Wir treffen uns regelmäßig, um gemeinsam mit unserer Lehrerin zu meditieren. Zugehörigkeit und Beständigkeit sind wichtige Qualitäten – im Leben, wie in der Spiritualität. Allerdings geht es unvermeidlich mit den Schattenseiten sozialer Beziehungen einher: persönliche Spannungen, Divergenzen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft…
Eine Sangha ist nichts anderes als eine spirituelle Familie. Mit allen Konsequenzen.
Die Anonymität des Hofs – und das Schweigen während der Kurse – verhindert, dass persönliche Beziehungen entstehen können. Und sorgt dafür, dass soziale Spannungen und Richtungsstreitigkeiten für Durchschnittspraktizierende wie mich ohne Bedeutung sind.
Ich komme Jahr für Jahr, praktiziere Zazen (Sitzmeditation), Kinhin (Gehmeditation), verrichte die tägliche Arbeitsstunde, zu der jeder Gast verpflichtet ist und erfreue mich am leckeren Essen und den schönen Gärten.
Normalerweise spreche ich während meines Aufenthaltes nur mit einem Menschen: dem Zen-Lehrer im Dokusan.
Und am Ende bedanke ich mich beim Assistenten. Mit zwei Sätzen. Das war es.