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Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

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Opfer

Rinpoche wird das Pema Choling einweihen – mit einem Opfer für die Nagas, die mächtigen Wassergeister. Dafür bedarf es Vorbereitungen…

Rinpoche ist das erste Mal im Historischen Pfarrhof von Dewitz! https://www.water-runs-east.eu/ankunft/

Oder besser: Im Pema Choling. https://pema-choling.de/

Denn das ist der Name des Buddhistischen Zentrums, das im Historischen Pfarrhof von Dewitz entstehen wird.

Norbu Tsering Rinpoche wird der Head Lama des Zentrums sein. Er ist gekommen, um sein Zentrum einzuweihen. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Für den Fakt, dass wir – Rinpoche, die Sangha und ich – im Historischen Pfarrhof von Dewitz gelandet sind, gibt es keine rationale Erklärung.

Niemand hatte vor, ein Buddhistisches Meditationszentrum zu gründen.

Das einzige, was wir wollten war ein Ort, an dem wir ungestört Throma-Praxis und Opferrituale praktizieren konnten. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Für die Nagas. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Die Nagas sind mächtige Wassergeister. Sie verfügen über magische Fähigkeiten. Ihnen zu opfern ist segensreich, aber riskant.

Rinpoche hatte uns während seines Besuchs in Berlin gelehrt, wie man den Nagas Opfer darbringt. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Nachdem uns Rinpoche verlassen hatte, suchte ich nach einem Ort, an dem die Sangha ungestört praktizieren konnten.

Auf Suriyels Rat hin schrieb ich ein Buddhistisches Retreathaus im Umland Berlins an. Ich inserierte bei Ebay eine Anzeige. Darin fragte ich nach einem Grundstück im S-Bahnbereich Berlins, auf dem wir ein Zelt aufstellen konnten.

Ohne Erfolg.

Stattdessen: Ein Traum! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Am nächsten Morgen eine Immobilienanzeige des Ortes aus dem Traum.

Dem Historische Pfarrhof von Dewitz.

Perfekt geeignet für ein Buddhistisches Retreathaus. https://www.water-runs-east.eu/retreathaus/

Von Anfang gibt es Indizien dafür, dass der Traum vom Pfarrhof etwas mit den Nagas – den Wassergeistern – zu tun haben könnte:

Der Weiher vor dem Haus.

Die Lage des Historischen Pfarrhofs von Dewitz in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Umgeben von Weihern, Tümpeln und Seen.

Naga-Land.

Dazu die beeindruckende Energie des Pfarrhofs! Sie ähnelt auf verblüffende Weise der Energie, mit der wir konfrontiert waren, als Rinpoche das Naga-Opfer im Garten der Spirituellen WG mit uns praktizierte.

So bizarr es klingt: Einiges spricht dafür, dass der Traum, der mich zum Historischen Pfarrhof von Dewitz führte, eine Einladung war.

Eine Einladung der Nagas.

So erkläre ich das auch Rinpoche: Sein wunderbares Naga-Offering im Garten der Spirituellen WG am Prenzauer Berg in Berlin im September 2024 hatte die Nagas aus der Mecklenburgischen Seenplatte herbeigelockt.

Denn zu Beginn des Ritualtextes werden alle Nagas von Fern und Nah zum Opfer eingeladen.

Das erste Opfer für die Nagas seit Jahrhunderten!

Das noch dazu speziell ist. Auch für tibetisch-buddhistische Maßstäbe. Es gibt nicht viele Lamas, die Naga-Opferungen beherrschen.

Und Rinpoche ist ein hoher Lama von außergewöhnlicher Energie.

Deshalb beschloß der Naga-König des Pfarrhofs von Dewitz, mir den Traum zu schicken. Er wollte nicht mich – er wollte Rinpoche!

Denn nur Rinpoche kann den Nagas geben, was sie so dringend brauchen.

Das ist meine Erklärung für die seltsamen Ereignisse, die sich ereignet haben, seit Rinpoche im Garten der Spirituellen WG ein Naga-Offering praktizierte.

Ich finde die Erklärung komplett überspannt.

Rinpoche findet sie plausibel.

Deshalb wird er das Pema Choling mit einem Naga-Opferritual einweihen.

Für das Naga-Opfer werden spezielle Tormas – Opferkuchen – benötigt. https://www.water-runs-east.eu/naga-tormas/

Am Samstagvormittag sitzen Rinpoche und Suriyel an der langen Tafel hinter dem Pavillon und formen Wassertiere aus Haferflockenteig.

Außerdem unbedingt notwendig für das Ritual: Milch einer weißen Ziege!

Netterweise hat ein Sanga-Mitglied eine Packung Ziegenmilch in einem Berliner Biosupermarkt besorgt und mitgebracht.

Auf der Packung ist eine weiße Ziege aufgedruckt. Das reicht – so Rinpoche – als Nachweis dafür, dass die Ziege, von der die Milch stammt, die korrekt Farbe hat.

Rinpoche gießt die Ziegenmilch in eine große Tasse, kippt eine ordentliche Menge Naga-Powder dazu und rührt um.

Anschließend stellt er den Teller mit den Haferflocken-Tieren und der Tasse mit Ziegenmilch auf den Altar im Pavillon.

Die Einweihung kann beginnen!

Glücksverheißend

Rinpoche besichtigt den Grund und die Gebäude das Pema Choling – und ist sehr angetan von dem, was er sieht…

Am Freitag, den 20. Juni 2025 kommt Rinpoche das erste Mal in sein Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz. Er wird feierlich von der Sangha begrüßt und segnet das Pfarrhaus. https://www.water-runs-east.eu/ankunft/

Danach tragen wir zwei Klapptische und ein paar Campingstühle aus der Werkstatt, bauen am Weiher eine improvisierte Tafel auf und essen mit Rinpoche zu Abend.

Curry mit Reis.

Das ißt Rinpoche am liebsten. Weil er – ansonsten von großer Bescheidenheit – empfindsam in Bezug auf Reis ist, habe ich extra einen Reiskocher für ihn gekauft. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Nach dem Abendessen werden die Schlafplätze verteilt.

Das ist keine einfache Angelegenheit. Dabei sind wir an diesem Freitagabend nur zu zwölft. Und haben 450 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

Zumindest theoretisch.

Denn praktisch läuft es darauf hinaus, dass sich keiner der Gäste dazu aufraffen kann, im unsanierten Teil des Hauses zu übernachten.

Die Zimmer in meiner sanierten Wohnung im Haupthaus sind vergeben: an Rinpoche, seinen Manager und einem Dharma-Bruder mit kleinem Sohn.

Der Rest muss sehen, wo er bleibt.

Auch ich. Denn ich habe mein Zimmer an Rinpoche abgetreten.

Das gehört sich so, hat mir Suriyel bei der Planung des Einweihungswochenendes erklärt: Der Lama bekommt immer das schönste Zimmer!

Das in diesem Fall das meine ist.

Rinpoche ist es ein bisschen unangenehm, als ich ihm mein Zimmer zuweise. Er fragt zwei Mal nach, wo ich schlafen werde.

Ich versichere ihm, dass für mich gesorgt ist.

Dass ich in meinem Crafters übernachten werde, verrate ich ihm nicht.

Es könnte ihn überfordern.

Obwohl der Laderaum des Transporters mit Matratze, Bettzeug und Kuschelkissen sehr gemütlich aussieht.

Suriyel schläft in der Werkstatt.

Zwei Dharma-Brüder übernachten im Pavillon.

Zwei Sangha-Mitglieder sind in ihren Campern angereist. Die parken neben meinem Crafter vor der Werkstatt.

Daneben stehen noch zwei Zelte.

Ich verteile warme Decken, dicke Pullover und Jogginghosen. Nachts hat es um die 10 Grad. Eine Information, die ein paar Gäste verblüfft.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Crafters klettere, empfangen mich die warmen Strahlen der Morgensonne.

Ich habe wunderbar geschlafen.

Die anderen auch, wird mir während des Frühstücks versichert.

Wir nehmen es an unserer Tafel am Weiher ein.

Eine sanfte Brise streicht über die Wasseroberfläche und lässt das Laub im Wallnussbaum rauschen.

In den Kirschbäumen zwitschern die Stare, während sie sich über die reifen Kirschen hermachen.

Rinpoche sitzt auf meinem Garten-Sofa – das Suriyel in der Mitte der Tafel platziert hat – und erfreut sich am perfekten Rührei unseres Sternekochs.

Um vierzehn Uhr soll die Einweihung des Pema Choling beginnen.

Bis dahin ist noch Zeit.

Rinpoche lässt sich von Suriyel und mir das Gelände und die Nebengebäude zeigen.

Den verwilderten Gemüsegarten, indem Johannisbeersträucher und Erdbeeren gegen Brombeerranken und Brennesseln kämpfen.

Den großen Stall mit der schiefen Firstmauer.

Den kleinen Stall mit dem löchrigen Dach.

Als Rinpoche hört, das Suriyel in dem Stall – wenn der saniert sein wird – Schafe halten möchte, ist er entsetzt!

„No sheep!“, erklärt er entschieden.

„Schafe“, so Rinpoche, „machen immer Ärger! Sie verlaufen sich, fressen giftige Pflanzen, werden krank, müssen geschoren werden!“ Rinpoche ist in einem kleinen Bergdorf an den Ausläufern des Himalaya aufgewachsen. Er kennt sich mit Schafen aus. Im Gegensatz zu Suriyel, der seine Kindheit im Herzen Warschaus verbracht hat.

„Da hörst du es!“, sage ich zu Suriyel. „Möchtest du wirklich, dass ich dich nachts um drei in Berlin anrufe, um dir zu sagen, dass eines DEINER Schaf krank ist und du sofort kommen musst?“

Suryiel schaut enttäuscht. Keine Schafe – also auch niemand, der das Gras kurz hält.

Abgesehen von einem Rasenmäher…

Als wir beim Hühnerstall angekommen sind, erkläre ich Rinpoche, dass ich gerne Hühner hätte. Vor ein paar Tagen bin ich zufällig auf einen Bauern im Nachbardorf gestossen, der junge Hühner verkauft. Zehn Hühner und einen Hahn kann ich in dem kleinen Hühnerstall halten, hat mir der Bauer erklärt.

Rinpoche nickt. „Chicken are okay. Chicken are not complicated. Not like Sheep. So Chicken yes, but Sheep no!“

Vor der großen Werkstatt beenden wir den Rundgang. Suryiel eilt von dannen.

Rinpoche und ich bleiben zurück.

Gespannt warte ich, was Rinpoche zum Pema Choling sagen wird.

Der lässt seinen Blick über die große Wiese hinter dem Haus gleiten, bevor er zustimmend nickt. „A really good place! And you did find it through a dream?“

„Yes.“

„This is really auspicious!“ Rinpoche nickt noch einmal bekräftigend, dann eilt er zu Suriyel an den Weiher.

Der wartet schon auf Rinpoche.

Mit den Gebetsfahnen.

Die müssen dringend aufgehängt werden.

Denn aus dem Historischen Pfarrhof von Dewitz wird hier und heute das buddhistische Zentrum Pema Choling.

Ankunft

Am Nachmittag des 20. Juni ist es endlich so weit: Rinpoche kommt das erste Mal in den historischen Pfarrhof von Dewitz.

Drei Monate ist es her, seit ich den Kaufvertrag für den historischen Pfarrhof von Dewitz unterschrieben habe. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Vor neun Monaten kam ich das erste Mal in Kontakt mit dem Pfarrhof. Durch einen Traum! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

In der Woche, bevor ich den Traum vom Pfarrhof träumte, war Rinpoche bei uns in Berlin gewesen. Er hatte mit uns Sur und Naga Offering praktizert. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Bevor sich Rinpoche letzten September von mir verabschiedete, versprach er, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Für ein Troma Retreat. Wohin auch immer. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Und heute ist es endlich so weit! Rinpoche wird das erste Mal in den historischen Pfarrhof von Dewitz kommen.

Oder besser: In das Pema Choling!

Denn so soll das zukünftige Buddhistische Zentrum im historischen Pfarrhof von Dewitz heißen.

Das hat Rinpoche beschlossen.

Nachdem ich ihn per WhatsApp über meinen Taum informiert und gefragt hatte, ob er sich vorstellen könne, dort mit mir zu leben und zu arbeiten.

Als Head Lama.

Ich hatte gerade mal mit dem Immobilienmakler telefoniert und einen Besichtigungstermin vereinbart.

Aber ich wusste von Anfang an: Ohne Rinpoche würde das alles keinen Sinn machen.

Da konnte der Traum noch so verblüffend, und der Pfarrhof noch so schön sein.

Was sollte ich – unwissend und ahnungslos wenn es um die Geheimnisse des buddhistischen Tantra geht – mit einem buddhistischen Meditationshaus?

Denn das war es, was mir der Traum gesagt hatte: Ich solle ihn kaufen, damit „die Sangha dort ihre Praxis machen soll!“. So hatte ich das in dem Traum Suriyel erklärt.

Ohne Rinpoche kein buddhistisches Meditationshaus.

Rinpoche reagierte zuerst enthusiastisch auf mein Angebot. Dummerweise wegen eines Missverständnisses: er hatte gedacht, ich hätte ihm angeboten, in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg dauerhaft zu leben und zu arbeiten.

„I really like this place!“, schrieb er mir zurück. „Berlin is great!“

„Sorry, Rinpoche!“, schrieb ich ihm zurück. „It´s not in Berlin!“

Statt des schönen Townhouses in Berlin konnte ich Rinpoche lediglich ein Leben am Ende der Welt in einem sanierungsbedürftigen Anwesen anbieten.

Seine Reaktion darauf viel gedämpft aus: „I´ll do a Mo when I´ll be back in Kathmandu.“

Ein „Mo“ ist eine Prophezeiung.

Wie die ausfallen würde, war völlig offen.

Rinpoche tingelte gerade durch Europa. Zurück in Kathmandu würde er frühestens Ende November sein.

Bis dahin war der Pfarrhof möglicherweise schon an einen anderen Interessenten verkauft.

Ich beschloss, dass die Sache mit dem Pfarrhof ein bizarrer Störunfall meiner Tantra-Praxis gewesen war.

Mehr aber auch nicht.

Suriyel reagierte erkennbar erleichtert auf Rinpoches verhaltene Begeisterung.

Rinpoche wusste nicht, was er von der Sache halten sollte.

Suriyel wusste es dagegen umso besser: Er hielt definitiv überhaupt nichts davon! https://www.water-runs-east.eu/hurra-aktion/

Umso größer war mein Schock – und auch der von Suriyel – als ich drei Tage später völlig unerwartet eine Nachricht von Rinpoche erhielt.

Ich werde den Augenblick nie vergessen!

Wir waren alle gemeinsam im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Wie jeden Sonntag leitete Suryiel erst die „Grüne-Tara-Praxis“ an, danach das wöchentliche Riwo Sang Chö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Nach Abschluss der Praxen – noch an meinem Platz im Tempel sitzend – schaltete ich den Flugmodus meines Handys aus.

Eine Nachricht poppte auf.

Von Rinpoche.

„Mo is good“, schrieb er.

„Name of Centre is „Pema Choling“.

„You will organise everything.“

Neun dramatische Monate später wird Rinpoche das erste Mal in seinem Pema Choling im historischen Pfarrhof von Dewitz erwartet.

Um kurz vor 15 Uhr schickt mir Suriyel eine Nachricht aus Berlin: „Wir brechen jetzt auf.“

Zwei Stunden bleiben uns noch, bis Rinpoche eintrifft.

Gerade genug Zeit, um den improvisierten Altar im Pavillon aufzubauen, das Abendessen vorzubereiten und das letzte Unkraut vor dem Eingang des Pema Chöling zu entfernen.

Wir kriegen es sogar hin, dass alle Sangha-Mitglieder duschen und sich umziehen können, bevor Rinpoche vorfährt.

Als es dann endlich so weit ist, stehen wir nebeneinander aufgereiht vor dem Eingang, jeder hält einen Katak – den traditionellen weißen Schal – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: eine ungerade Anzahl von Geldscheinen.

Genauso muss es sein, wenn ein hoher Lama eintrifft.

So habe ich das von meiner Khandro letzten September gelernt. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Wir sind jetzt keine versprengte kleine Sangha mehr, deren Praxis im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain eher erduldet wird.

Nein!

Wir sind die Sangha des Pema Choling.

Deshalb müssen wir jetzt professioneller werden.

So erkläre ich das den anderen Sangha-Mitgliedern, während ich darauf achte, dass alle in Reihe und Glied stehen.

Kurz darauf biegt Suriyels Toyota in die Zufahrt ein. Mit Rinpoche auf dem Beifahrersitz.

Der schaut ein bisschen erstaunt, als er uns alle – die Kataks über die ausgestreckten Arme, die Briefumschläge in den Händen – aufgereiht stehen sieht.

So viel Formbewusstsein ist er von der Berliner Sangha nicht gewohnt.

Erkennbar erfreut lässt er sich von mir begrüßen, legt erst mir, dann der Reihe nach den anderen die Kataks um den Hals, drückt seine Stirn gegen die ihre und nimmt die Briefumschläge in Empfang.

Dann schaut er sich interessiert um.

„Rinpoche, the first time you are entering Pema Choling you have to walk through the main entrance!“, erkläre ich ihm.

Das macht organisatorisch keinen Sinn. Der Haupteingang führt in den unsanierten Teil des Hauses, den wir noch nicht nutzen können.

Aber irgendwann in Zukunft wird das der Eingang zum Zentrum sein.

Das Klingelschild habe ich schon mit „Pema Choling“ beschriftet.

Rinpoche schreitet feierlich die – von Unkraut befreiten – Treppenstufen hoch. Suriyel hält ihm die Tür zum Flur auf.

Als Rinpoche über die Schwelle tritt, kommen mir die Tränen.

Wir haben es tatsächlich geschafft!

Hier ist Rinpoche! Im Pema Choling von Dewitz!

Das alles – wird mir in diesem Moment bewusst – ist ein einziges Wunder!

Ein kleiner rundlicher buddhistischer Lama aus Nepal, geboren in Mugu, einer abgeschiedenen Provinz an der Grenze zu Tibet.

In einem evangelischen Pfarrhof, erbaut 1800, in der Mecklenburgischen Provinz.

Zusammengeführt durch einen Traum…

Langsam und konzentriert geht Rinpoche von Raum zu Raum, während er mit gedämpfter Stimme unablässig ein Mantra rezitiert.

Schweigend wandern wir hinter ihm her.

An den Wänden hängen zerschlissene Tapeten, von der Decke bröckelt der Putz.

In uns ist Stille und Freude.

Einweihung

Aus dem Historischen Pfarrhof von Dewitz wird das Buddhistisches Zentrum Pema Choling. Rinpoche wird es einweihen.

Gerade einmal neun Monate ist es her, dass Rinpoche das erste Mal zu Besuch war. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

In der Spirituellen WG in Berlin. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Damals. In einem anderen Leben.

Dass dieses „damals“ gerade einmal ein Dreivierteljahr zurück liegt, verblüfft mich. Es fühlt sich an wie ein Dreivierteljahrhundert!

Ein Traum schleuderte mich aus dem Townhouse am Prenzlauer Berg und katapultierte mich in den historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Im Alten Leben bestand mein persönliches Reich aus vierundzwanzig Quadratmetern WG-Zimmer mit zwanzig Quadratmetern Dachterrasse.

Zur Miete.

Im Neuen Leben bewohne ich alleine ein Haus mit 450 Quadratmetern Wohnfläche, umgeben von einem halben Hektar Grund.

Dazu kommen noch mehrere Nebengebäude.

Und das alles gehört mir. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Allerdings habe ich den alten Pfarrhof nicht für mich gekauft – und den Grund per Erbpacht von der Evangelischen Kirche gepachtet – sondern für Dharma, Lama und Sangha.

Dazu hatte ich im Oktober 2019 bei meiner Khandro Zuflucht genommen. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Damals war es unvorstellbar, dass ich – als Konsequenz dieser Zufluchtnahme – einen riesigen historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte kaufen und ein Buddhistisches Retreathaus eröffnen würde.

Aber genauso ist es gekommen.

Denn in dem Traum, der mich zum Historischen Pfarrhof von Dewitz führte, erklärte ich Suriyel, dass „dies der Ort ist, an dem unsere Sangha Praxis machen soll“.

Unter dieser Prämisse verhandelte ich mit der Evangelischen Kirche von Mecklenburg Kauf und Erbpacht.

Es dauerte sechs zähe Monate, bis sich das Entscheidungsgremium der Evangelischen Kirche dazu durchringen konnte, der Gründung eines buddhistischen Meditations- und Retreathauses auf ihrem Grund – und in einem ehemaligen Pfarrhaus – zuzustimmen.

Monatelang wurde ich im Zweiwochentakt vertröstet. Immer hieß es, bei der nächsten Sitzung würde eine Entscheidung für oder gegen das buddhistische Zentrum fallen.

Und dann wurde die Entscheidung auf den nächsten Sitzungstermin vertagt.

So ging das von Oktober 2024 bis Februar 2025.

Inzwischen war ich aus der Spirituellen WG ausgezogen, meine Möbel wurden von der Spedition eingelagert.

Ich übernachtete in Gästezimmern und auf Sofas des Freundeskreises.

Monatelang.

Denn es wurde Juni, bis ich endlich in mein neues Zuhause ziehen konnte. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Damals – als Rinpoche zu Besuch in Berlin war – versprach er mir zum Abschied, dass er im darauffolgenden Jahr wiederkommen würde. Für ein Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Thröma. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Und er erteilte mir einen Auftrag: Ich sollte das Retreat organisieren. Und einen Ort finden, an dem wir das Retreat durchführen konnten. Die Spirituelle WG war dafür nicht geeignet.

Bereits im Januar – als noch nicht klar war, ob ich das Pfarrhaus überhaupt kaufen konnte – teilte mir Rinpoche mit, dass er im Juni 2025 zu mir kommen würde.

Um das versprochene Thröma-Retreat abzuhalten.

Egal wohin.

Weder Rinpoche noch ich – noch sonst irgendjemand – hatte im September 2024 damit gerechnet, dass wir uns in unserem eigenen Buddhistischen Retreathaus wiederfinden würden!

Aber so ist es gekommen.

Gerade einmal drei Wochen bleiben nach meinem Einzug, dann wird Rinpoche das erste Mal in den Historischen Pfarrhof von Dewitz kommen!

Nach einigem Hin und Her entscheiden wir, dass das Thröma-Retreat erst im nächsten Jahr stattfinden wird.

Stattdessen wird Rinpoche das Buddhistische Zentrum im Historischen Pfarrhof von Dewitz einweihen.

In kleiner Runde.

Die offizielle Einweihung verschieben wir ebenfalls auf das kommende Jahr.

Mehr ist in drei Wochen Vorbereitungszeit nicht zu schaffen.

Und auch das ist elendig knapp!

Von Morgens bis Abends bin ich mit Aufräumen, Putzen, Unkrautjäten und Einkaufen beschäftigt.

An den Wochenenden kommt Suriyel, um mir zu helfen.

Drei Tage vor Rinpoches Besuch treffen Freunde ein, um ebenfalls mit Hand anzulegen.

Die ganze Zeit denke ich, das wir das alles nie rechtzeitig hinbekommen werden!

Aber wir schaffen es.

Wieder mal ein kleines Wunder…

Kidnapping

Damit ich nicht allein in meiner Wohnung im historischen Pfarrhof von Dewitz leben muss, plane ich eine Entführung…

Seit einer Woche lebe ich jetzt im historischen Pfarrhof von Dewitz. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Zu meiner Verblüffung bin ich glücklich hier!

Dabei hatte ich gedacht, ich würde mich einsam und allein zu Tode fürchten. https://www.water-runs-east.eu/allein/

Meine Angst war unbegründet: Ich habe einen Gefährten gefunden!

Einen schwarz-weißen Britisch-Kurzhaar-Kater, den es irgendwie auf den Pfarrhof verschlagen hat. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Ich habe keine Ahnung wie alt er ist, wie er heißt und wo er herkommt?

Aber das ist egal.

Das entscheidende ist: er ist da!

Wenn ich morgens aufwache, führt mich mein erster Weg – im Schlafanzug – vor das Haus. Irgendwo auf dem Gelände finde ich ihn immer, den kleinen Kater. Wenn er mich hört – in Ermangelung eines Namens rufe ich ihn „Spätzle“ – kommt er angetrabt.

Er lässt sich streicheln und legt Wert darauf, dass ich ihm beim Frühstück Gesellschaft leiste.

Danach möchte der Kater ausführlich gebürstet werden, bevor er wieder zwischen den Gebäuden des Pfarrhofs verschwindet.

Abends dasselbe Spiel: Das Spätzle lässt sich vor dem Haus füttern, streicheln und bürsten, dann geht es wieder.

In den ersten Tagen bin ich dem Kater nicht böse, dass er sich wieder verabschiedet. So verfloht und voller Zecken wie er ist, möchte ich ihn nicht in der Wohnung haben.

Aber wenn die weg sind, habe ich an unserem ersten gemeinsamen Morgen beschlossen, soll er mein Haustier werden! Dann soll er bei mir wohnen und wir lassen es uns gemeinsam gut gehen.

Damit dieser glückliche Umstand baldmöglichst eintritt, bestelle ich online ein Spot-on-Präparat gegen Zecken und Flöhe. Zwei Tage später ziehe ich es aus dem Briefkasten.

Weil der Kater nur ein paar Meter vom Briefkasten entfernt im Gras liegt, schreite ich auf der Stelle zur Tat. Es dauert nur ein paar Sekunden, schon habe ich ihm den Inhalt einer Ampulle in den Nacken getropft.

Morgen – denke ich währenddessen – hat das Zeug gewirkt. Dann kann er einziehen!

Am nächsten Morgen stelle ich jedoch erst einmal fest, dass der kleine Kater nicht wie sonst munter und vergnügt ist. Er wirkt apathisch und hat keinen Appetit.

Das Anblick des matten Katers löst heftige Schuldgefühle in mir aus: Habe ich ihn am Ende mit dem Spot-on-Mittel vergiftet? Ich dachte, er wäre ein gesunder Kater in seinen besten Jahren, aber was, wenn er ein Nierenleiden hat?

Den ganzen Tag quäle ich mich mit diesem Gedanken.

Als ich den Kater am nächsten Morgen füttere, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, dass es ihm wieder besser geht. Er frisst mit gutem Appetit und schnurrt tiefenentspannt, als ich ihn bürste.

Puh!!!

Ich beschließe, ihn erst wieder zu spoten, wenn der Tierarzt seine Blutwerte kontrolliert hat.

Aber erst einmal ist er ohne Flöhe und Zecken. Das Spot-on-Präparat wirkt.

Er kann also in meine Wohnung einziehen.

Nicht eine Sekunde kommt mir der Gedanke, dass der kleine Kater das möglicherweise garnicht will!

Schließlich ist er ein verschmuster Kater! Und noch dazu Britisch Kurzhaar!

Was soll so ein Tier anderes wollen, als auf meinem Sofa zu liegen und sich ausführlich von mir kraulen zu lassen?

Dort ist es viel bequemer als auf der Wiese oder dem Treppenabsatz vor der Haustür.

Ganz besonders bei diesem Wetter: Es nieselt. Nachts hatte es acht Grad.

Welche vernünftige Katze möchte da nicht lieber in der warmen gemütlichen Wohnung sein?

So erkläre ich das dem Kater, während ich ihn mit Hilfe von Leckerli zur Wohnungstür führe.

Dort angekommen, trete ich in den Flur und locke den nassen Kater mit warmen Worten und einem weiteren Leckerli.

Er schaut interessiert, weigert sich aber stur, über die Schwelle zu treten.

Alle meine Überredungskünste sind vergebens.

Das darf doch nicht wahr sein!

Ich beschließe, den Kater zu seinem Glück zu zwingen. Wenn er erst einmal in der Wohnung ist, wird er merken, wie angenehm es hier ist!

Entschlossen greife ich zu, schiebe den Kater in den Flur und versuche die Haustür hinter ihm zu schließen.

Aber so schnell kann ich garnicht schauen, da ist er schon an mir vorbei und ins Freie geschossen.

Übel hat er es mir nicht genommen, stelle ich am Abend erleichtert fest. Er lässt sich von mir streicheln und bürsten.

Nur: Als ich das Manöver ein zweites Mal versuche, hetzt er wieder durch die Wohnungstür und verschwindet im abendlichen Nieselregen.

Am Samstag kommt Suriyel aus Berlin zu mir in den historischen Pfarrhof.

Oder besser: zu uns.

Nachdem er mich begrüßt hat, krault er ausführlich das Spätzle.

Beim Mittagessen berichte ich Suriyel von meinen vergeblichen Versuchen, den Kater in die Wohnung zu locken.

Und ich erzähle ihm von meinem Plan: Ich möchte das Spätzle kidnappen!

Nach ein paar Tagen in der warmen Wohnung wird der Kater doch wohl einsehen, dass es dort schöner ist, als bei Regen und Kälte im halb verfallenen Stall zu schlafen!

Allerdings bekomme ich das nicht alleine hin. Um den Kater in die Wohnung zu locken, brauche ich Suriyels Unterstützung.

Aber der schüttelt energisch den Kopf: „Wenn der Kater nicht will, dann will er nicht!“

Damit ist das Thema für ihn erledigt.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich damit abzufinden.

Ich habe zwar einen Gefährten, aber kein Haustier…

Kater

Ich ziehe in den historischen Pfarrhof von Dewitz – und bin dort nicht so einsam, wie ich das befürchtet hatte…

Ich bin die neue Besitzerin des historischen Pfarrhofs von Dewitz in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Gezwungenermaßen.

So sehe ich das zumindest.

Suriyel ist anderer Meinung: Dass ich den Pfarrhof durch einen Traum gefunden habe, bedeute noch lange nicht, dass ich ihn kaufen müsse, erklärte er mir in den letzten Monaten wieder und wieder. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Während Suriyels wütenden Ausführungen klatschte mein Ego jedesmal begeistert Beifall. https://www.water-runs-east.eu/katastrophen-modus/

Meine intuitive Innere Stimme blieb unerbittlich: „Kauf es!“, flüsterte sie mir wieder und wieder ins Ohr. „Es wird nicht zu deinem Schaden sein!“

In meinem Leben passiert, was meine intuitive Innere Stimme will. Da kann mein Ego – und Suriyel – noch so Amok laufen. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Also unterschreibe ich im März den Kaufvertrag für den historischen Pfarrhof. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Und ziehe Anfang Juni ein. Mit Suriyels tatkräftiger Unterstützung. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Obwohl er mir in den letzten Monaten gebetsmühlenartig erklärt hat, dass er nichts mit der ganzen Sache zu tun haben möchte!

Ich hatte es ihm von Anfang an nicht wirklich abgenommen. Und er sich selbst vermutlich auch nicht…

Wie auch immer: Das Wochenende meines Einzugs ist zu Ende gegangen. Suriyel hat mich gestern Abend alleine auf dem riesigen Pfarrhof zurückgelassen und ist nach Berlin gefahren. https://www.water-runs-east.eu/allein/

Ich gehe zu Bett in Erwartung einer unruhigen Nacht.

Aber als ich am Morgen aufwache, stelle ich fest, dass ich ausgezeichnet geschlafen habe!

Verblüfft stehe ich auf und trete ans Fenster, um einen Blick auf den Weiher vor dem Haus zu werfen.

Und schon erlebe ich die nächste Überraschung: Ich bin nicht allein!

Auf der windschiefen Holzbank am Ufer des Weihers schläft der weiß-schwarze Kater!

Suriyel hat ihn gestern entdeckt. Oder möglicherweise hat der Kater Suriyel entdeckt, wer weiß?

Das Entzücken war jedenfalls auf beiden Seiten groß!

Als ich dazu kam, war die Kennenlernphase bereits abgeschlossen. Suriyel hockte auf der Wiese neben dem Weiher und bürstete eine kleine runde schwarz-weiße Katze.

Mit einer Hundebürste, die er im Heizungsraum gefunden hatte.

„Wo kommt die denn her?“

„Es ist ein Kater!“, korregierte mich Suriyel.

Richtig. Unkastriert, stellte ich fest, als mir der Kater seine Unterseite darbot, während Suriyel seinen runden Bauch striegelte.

Ich ging neben den beiden in die Knie – und erntete einen misstrauischen Blick des fremden Katers.

Leider verfüge ich nicht über Suriyels magische Fähigkeiten: Tiere und Kinder scheinen sich auf besondere Weise zu ihm hingezogen zu fühlen.

Dafür konnte ich etwas anderes anbieten: Katzenfutter!

Weil mein Bruder im April bei einem Besuch im Pfarrhof auf eine magere trächtige Katze gestossen war, hatte ich sicherheitshalber eine Schachtel Trockenfutter besorgt.

Schwarz-weiß wäre sie gewesen, hatte mir mein Bruder hinterher erzählt.

Während Suriyel und ich dem Kater dabei zusahen, wie er das Trockenfutter verschlang als gäbe es kein Morgen, rätselte ich darüber, ob das die Katze war, die mein Bruder gesehen hatte?

Die Farbe würde passen. Nur: War mein Bruder so unbedarft, einen rundlichen kleinen Kater für eine trächtige Kätzin zu halten?

Egal.

„Wem der wohl gehört?“

Suriyel wiegte nachdenklich den Kopf. „Wenn er denn jemandem gehört.“

Ich musste ihm zustimmen: Der Kater war zwar nicht mager, aber wohlversorgt sah er definitiv nicht aus. Er war über und über mit Zecken bedeckt und so wie er sich zwischendurch kratzte, hatte er auch noch Flöhe.

Seine Ohren waren an den Rändern zerfetzt, quer über die Stirn klaffte eine Wunde und der Nasenrücken war blutig gekratzt.

„Er hat sich mit einem anderen Kater geprügelt“, kommentierte Suriyel die Verletzungen.

„Ich wette, er wurde verprügelt! Der wiegt doch nicht mehr als fünf Kilo! Und dazu ist er noch ein Britisch Kurzhaar! Die sind dafür gezüchtet, dass sie auf dem Sofa herumliegen und nicht, dass sie sich alleine durch die Wildnis schlagen!“

Vermutlich ein Covid-Opfer, schlussfolgerte ich. Irgendjemand hatte sich während des Lockdowns kurz entschlossen eine Rassekatze zugelegt. Als der erste Urlaub möglich war, wusste der Besitzer nicht wohin mit dem Kater, also wurde er auf dem Weg an die Ostsee in der Mecklenburgischen Seenplatte ausgesetzt.

Dazu würde auch das Alter passen. Ganz jung war er offensichtlich nicht mehr, der fremde Kater.

Suriyel waren meine Mutmaßungen egal. Es musste was passieren.

Wir schritten zur Erstversorgung. Nachdem ich dem Kater mit Wundspray Stirn und Ohren besprüht hatte, kraulte ich ihn, während Suriyel in gewohnter Geschicklichkeit eine Zecke nach der anderen herausoperierte.

Als der Kater genug hatte, kratzte er mich, drehte sich um und ging.

Ich besprühte meinen blutenden Finger mit dem Wundspray, das neben mir auf der Wiese lag und ging davon aus, dass der Kater so bald nicht wiederkommen würde.

Ich hatte mich getäuscht.

Als ich den Kater zusammengerollt auf der Bank schlafen sehe, kann ich mein Glück nicht fassen: Ich bin nicht allein!

Ohne lange nachzudenken hole ich die Schachtel mit dem Trockenfutter aus der Küche und laufe im Schlafanzug vor das Haus.

Der Kater schreckt hoch, als er meine Schritte hört, freut sich dann aber offensichtlich genauso wie ich, dass er nicht alleine ist.

Die leere Schüssel steht noch vor dem Hauseingang. Ich setzte mich auf die Hausbank neben der Tür und sehe dem Kater beim Fressen zu.

Danach hole ich die Hundebürste aus dem Pavillon, setze mich auf die Treppe und bürste den Kater.

Der schnurrt wie eine Nähmaschine.

Als er genug hat, kratzt er mich.

Das dämpft meine Begeisterung für das neue Haustier etwas.

Egal.

Wir sind jetzt zu zweit im historischen Pfarrhof von Dewitz…

Allein

Auf einmal lebe ich im historischen Pfarrhof von Dewitz – komplett auf mich gestellt, umgeben von vielen wilden Tieren…

Am Abend des Pfingstmontag verabschiedet sich Suriyel von mir und bricht auf nach Berlin. Morgen muss er wieder arbeiten.

Ich bin ihm zutiefst dankbar dafür, dass er mir bei meinem Einzug in den historischen Pfarrhof von Dewitz geholfen hat. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

„Ohne dich wäre ich komplett verloren gewesen!“, hatte ich ihm beim gestrigen Abendessen erklärt.

Suriyel überlegte kurz, bevor er zustimmend nickte. „Das stimmt. Alleine hättest du das nicht hinbekommen.“

Suriyel reparierte die Solartherme und aktivierte das komplizierte Heizsystem. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Er schleppte Möbel, baute Tisch und Bett auf, schraubte zwischendurch ein paar Lampen an. Kurz: er tat, was zu tun war.

Und ich konnte einfach nur herumstehen und mich überwältigt und überfordert fühlen…

Damit ist es jetzt vorbei. Bang sehe ich seinem silbernen Toyota nach, der durch das elektrische Tor rollt und in der Abenddämmerung an der Abzweigung in Richtung Bundesstraße verschwindet.

Jetzt bin ich komplett auf mich gestellt! Umgeben von Fremden! Und gleich ist es Nacht!

Umso dringlicher ist es mir, das Tor zu schließen. Hektisch drücke ich auf den Knopf der Fernbedienung. Die beiden Flügel des Tors zucken und bewegen sich gemächlich auf einander zu.

Zu meinem Entsetzen stocken sie, kurz bevor sie sich berühren und gehen wieder auf!

Langsam zähle ich bis zehn und drücke ein weiteres Mal den Knopf der Fernbedienung.

Wieder dasselbe Schauspiel: Das Tor geht halb zu – und dann wieder auf.

Ich erleide einen Nervenzusammenbruch!

Zehn Minuten später parkt Suriyel vor der Einfahrt des historischen Pfarrhofs, nimmt mir die Fernbedienung aus der Hand und drückt auf den Knopf.

Zu meiner Erleichterung schließt das Tor wieder nicht. Es wäre höchst peinlich gewesen, wenn er zurückgekommen wäre nur um festzustellen, dass ich zu blöd bin, auf einen Knopf zu drücken.

„Das Gras ist zu hoch“, erklärt mir Suriyel, während er in die Knie geht und beginnt, mit der Hand Gräser und Löwenzahn in der Einfahrt auszureißen.

„Da sind Sensoren dran, damit das Tor nicht gegen die Motorhaube oder die Stoßstange knallt. Die reagieren auf das Gras.“

Nachdem er etwa fünf Minuten Unkraut gerupft hat, geht er vor das Tor und drückt probeweise die Fernbedienung. Elegant schwenken die beiden Torflügel nach Innen und schließen sich mit einem vernehmlichen „Klack“.

„Na bitte!“, erklärt mir Suriyel zufrieden, während er mir die Fernbedienung über das Tor reicht. „Du musst nur darauf achten, dass das Gras in der Einfahrt kurz geschnitten ist.“ Damit winkt er mir noch einmal zu, springt in sein Auto und fährt davon.

Ich stehe hinter dem Tor und sehe ihm nach, während ich spüre, wie mein Atem kommt und geht.

Das bewährte Mittel gegen Panikattacken…

Nach ein paar Minuten habe ich die Angst im Griff. Ich bin in der Lage, mich umzudrehen und den Pfarrhof zu betrachten.

Die Äste der Bäume rauschen im Wind. Ein paar Schwalben schießen in der Abenddämmerung um das Stalldach. Im Weiher paddeln Frösche.

Hinter der Werkstatt geht die Sonne unter.

Es ist wunderschön hier.

Ich bin ganz allein.

Nur ich – und viele wilde Tiere…

Heizung

Suryiel führt mich in die Geheimnisse des Heizsystems des historischen Pfarrhofs von Dewitz ein. Ob ich das jemals selbst hinbekommen werde?

Ich schlafe gut in meiner ersten Nacht im neuen Zuhause. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Suriyel auch. Obwohl es nicht sein „neues Zuhause“ ist, wie er immer wieder betont.

Nach dem Frühstück führt er mich in den unsanierten Teil des Haupthauses. Hinter der historischen Schwarzküche befindet sich ein hölzerner Anbau. In dem ist die Heizanlage untergebracht.

Suriyel wird heute Abend nach Berlin zurückkehren. Morgen muss er wieder arbeiten.

Deshalb ist es an mir, zu lernen, wie ich alleine mit der Heizung klarkomme.

Einer komplizierten Konstruktion, bestehend aus einem Holzscheit-Brenner, einer Gastherme und obendrauf noch einer Solartherme.

Suriyel ist begeistert davon. „So ein tolles System!“, erklärt er mir, während er die verschiedenen Displays kontrolliert. „Alles ist gut aufeinander abgestimmt!“

Er referiert die Bestandteile: „Das hier sind die beiden Pufferspeicher.“ Er zeigt auf die beiden Tanks, die in ihren dicken Isolierschichten aussehen wie überdimensionierte Michelin-Männchen.

„Der hier“, er weißt auf den größeren, „speichert innen das warme Verbrauchswasser, das von der Solartherme erhitzt wird und außen das Wasser für das Heizungssytem. Das wird von der Holzscheit-Heizung erhitzt. Wenn du mal keine Zeit zum Einheizen hast, kannst du auch die Gastherme einschalten. Aber bei den aktuellen Gaspreisen würde ich das nur machen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Holz hast du ja genug.“

Das stimmt: Auf dem Gelände und in den Nebengebäuden lagern unzählige Kubikmeter Holz, die für viele Jahre reichen.

„Der kleinere Pufferspeicher ist nur für das Heizsystem“, fährt Suriyel fort.

Ich bin kurz abgelenkt: Hat Suriyel doch tatsächlich den Pin-up-Girl-Kalender über dem Brenner umgeblättert!

Gestern war da noch ein lasziv lächelndes Model im durchsichtigen weißen Häkel-Top, heute ist es eines in braunem Gaze!

Das hätte ich Suriyel nicht zugetraut! Über der Werkbank im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain hängen züchtig die letzten drei Karmapas und der Dalai Lama! https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Der Pin-up-Girl-Kalender stammt vom Vorbesitzer des Pfarrhofs. Einem Mann namens Frank. Dieser Frank scheint ein begabter Handwerker gewesen zu sein. Das Heizungssystem, das elektrische Gartentor, all die klugen Dinge in der Werkstatt – das alles verdanken wir diesem verstorbenen Frank.

Suriyel findet immer wieder einen Grund, sich lobend über Frank zu äußern.

Auch ich bin dem unbekannten Frank dankbar dafür, dass er dafür gesorgt hat, dass ich jetzt in einer sanierten Wohnung leben darf, warmes Wasser und Heizung habe und Suriyel glücklich über die riesige Werkstatt ist.

Allerdings bin ich auf eine Reihe von Indizien gestossen, die vermuten lassen, dass mein Vorgänger ein antiquiertes Frauenbild pflegte. Und überhaupt zu Frauen ein eher kompliziertes Verhältnis zu unterhalten schien.

Nicht nur der vergilbte Pin-up-Girl-Kalender über dem Heizkessel und die anderen leicht bekleideten Mädchen, die mir von den vielen Email-Schildern und Plaketen im Heizungsraum entgegen lächeln, lassen diesen Schluss zu.

Am sprechensten finde ich ein Email-Schild in der riesigen Sammlung am Werkstatttor: „Frauen an die Macht!“ steht da. Und darunter: „Macht Kaffe! Macht Essen! Macht Sauber!“

„Kein Wunder, dass Frank nie eine Frau gefunden hat, die ihn geheiratet hat.“, stelle ich fest, als ich diesen Ausbund an Dämlichkeit entdecke.

Suriyel schweigt dazu. So ist das mit den Männern: Eine Krähe hakt der anderen kein Auge aus…

Suriyel in seinem Reich: Der riesigen Werkstatt des historischen Pfarrhofs von Dewitz.

„Was machen wir mit den ganzen Plaketten und Bildern?“, frage ich Suriyel.

„Hängen lassen“, kommt es zurück.

Jetzt spare ich mir den Kommentar dazu. Das ist keinen Streit wert.

Nichtsdestotrotz werde ich bei nächster Gelegenheit den Akkuschrauber herausholen und Franks Sammlung an die neuen Besitzverhältnisse anpassen.

Oder besser: Die neuen Besitzerin-Verhältnisse.

Aber erst einmal muss die emanzipierte neue Besitzerin des Pfarrhofs lernen, das Heizsystem zu bändigen!

Brav wiederhole ich alle Ausführungen Suriyels, benenne Pufferspeicher, Anzeigen, lasse mich von ihm durch das Menü des Heizkessels lotsen und versuche zu behalten, welches Rohr wohin führt.

Womit wir beim wichtigsten Punkt angekommen sind: Dem Beheizen des Kessels.

Mit Holz.

Dem fühle ich mich einigermaßen gewachsen, bin ich doch mit einem großen Kachelofen aufgewachsen. Auch den musste ich regelmäßig heizen und schüren.

Allerdings mit einer Zeitung und Kiefernästen, die meine Oma immer im Wald sammelte und neben dem Ofen lagerte.

Im Pfarrhof geht es rustikaler zu: Suriyel nimmt ein Holzscheit vom Stapel, sperrt die Seitentür des Heizungsraums auf und scheucht mich ins Freie. Im Nieselregen geht es ein paar Meter quer über die Wiese zur Werkstatt. An deren Ecke stehen zwei Hackstöcke. Auf dem vorderen liegt ein verrostete Spaltbeil.

Mit dem hackt Suriyel gekonnt das Holzscheit klein.

„Willst du es auch mal versuchen?“

Ich habe nicht vor, mich vor ihm lächerlich zu machen. Das probiere ich ohne Zuschauer aus.

„Nein, das mache ich, wenn ich selbst einheize.“ Ich mache mir eine mentale Notiz, beim nächsten Besuch im Baumarkt an ein neues Spaltbeil zu denken. Damit geht es hoffentlich einfacher, als mit diesem verrosteten Ding.

Ich folge Suriyel zurück in den Heizungsraum.

„So geht der Kessel auf!“ Er entriegelt den Brenner – und schließt ihn gleich wieder.

„Jetzt du!“

Ich brauche drei Anläufe, bis ich es heraus habe.

„Jetzt heizen wir an.“ Suriyel wirft das Holz in den Brenner, entzündet mit dem Feuerzeug ein Stück Grillanzünder – von Frank in einer staubigen Keksdose unter dem Pin-up-Girl-Kalender platziert – und lässt ihn ebenfalls in den Brenner fallen.

Nach ein paar Minuten – und mehreren Kontrollblicken – fordert Suriyel mich auf, ein großes Scheit vom Holzstoß zu nehmen und in den Brenner zu werfen.

Was ich auch tue – aber so ungeschickt, dass sich das schwere Scheit im Inneren des Brenners verkeilt und nicht in die Flammen fällt.

„Die Scheite sind genau auf die Maße des Brenners hin geschnitten“, erklärt mir Suriyel, während er in die züngelnden Flammen greift und das verklemmte Scheit wieder herausholt. „Du musst es gerade reinwerfen!“

Ergeben stemme ich das schwere Scheit hoch und hieve es vorsichtig in den Brenner. Funken sprühen, als es in den Flammen auf dem Boden des Brenners aufschlägt.

Suriyel wirft noch zwei weitere Scheite hinterher – ihm macht die Sache erkennbar Spaß – dann verriegelt er die Brennertür.

„Du musst alle drei bis vier Stunden nachheizen. Das machst du so lange, bis die Pufferspeicher bei 85-90 Grad sind.“

„Und wie lange halten die das warme Wasser vor?“

„Das musst du ausprobieren. Wenn du Glück hast, zwei bis drei Tage.“

Na dann.

Ich bin mir sicher, dass ich im Frühjahr nächsten Jahres souverän das Heizsystem bedienen werde. Ganz alleine, autonom und selbstbestimmt.

Bis dahin werde ich mich sicher regelmäßig blöd anstellen, frustriert und verzweifelt sein.

Das ist der Preis für „Frauen an die Macht“…

Einzug

Anfang Juni ist es endlich so weit: Ich ziehe in den historischen Pfarrhof von Dewitz!

Inzwischen sind acht Monate seit meinem ersten Besuch im historischen Pfarrhof von Dewitz vergangen. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Nachdem ich in einer Nacht Ende September vom Pfarrhof geträumt und ihn am nächsten Morgen in einer Immobilienanzeige gefunden hatte! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Im März unterschrieb ich den Kaufvertrag für das denkmalgeschützte Ensemble. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Noch einmal zwei Monate später – Anfang Juni – ziehe ich dort ein.

Einerseits freue ich mich! Sogar sehr! Es ist wunderschön im Pfarrhof von Dewitz und dass ich – nach dreieinhalb Jahren in Untermietzimmern – endlich wieder eine eigene Wohnung haben werde, macht mich sehr glücklich.

Andererseits graut mir davor! Ich werde dort ganz alleine sein! Ich kenne dort niemanden! Und ich habe keine Ahnung, welche Herausforderungen auf mich zukommen werden.

Glücklicherweise habe ich Suriyel!

Nachdem ich am Vortag mit meinem, bis oben hin voll beladenen, Crafter aus Bayern zu ihm nach Berlin gekommen bin und bei ihm übernachtet habe, brechen wir am nächsten Morgen – einem sonnigen Sonntag – auf in die Mecklenburgische Seenplatte.

Genauer gesagt: Erst breche ich in meinem Crafter auf, eine Stunde später folgt mir Suriyel in seinem Toyota.

Dehalb stehe ich – nach zwei Stunden Fahrtzeit – alleine vor dem hohen grünen Tor. Das lässt sich über Funk öffnen und schließen.

Ein Fakt, der Suriyel entzückt – und mich in den Wahnsinn treibt!

Denn das Tor ist zickig: Wenn es nicht mit der angemessenen Sorgfalt und Konzentration bedient wird, streikt es.

Zumindest bei mir.

Bei Suriyel funktioniert es immer…

Diesmal habe ich Glück. Kurz zucken die beiden Flügel des Tors, nachdem ich mit angehaltenem Atem auf den Knopf der Fernbedienung gedrückt habe, dann öffnen sie sich in eleganter Synchronizität und geben die Durchfahrt frei.

Mit zitternden Knien klettere ich in den Crafter, fahre auf den Schotterweg und parke zwischen Haupteingang und Weiher.

Inzwischen hat es zugezogen. Die Äste der Kirschbäume am Weiher – schwer beladen mit unreifen Früchten – biegen sich im Wind.

Ich rutsche vom Fahrersitz und schaue mich um: Pfarrhaus, Ställe, Werkstatt, Weiher, Wiese, Obstbäume – das alles gehört mir!

Es ist unglaublich!

Benommen wandere ich durch hüfthoches Gras über das Gelände. Schwalben schießen durch die zerborstenen Fenster des Stalls. Ein Milan schwebt über dem Dach des Haupthauses, in der alten Ulme an der Grundstücksgrenze erklingt das schrille Rufen eines Falken.

Als ich meinen Rundgang beendet habe und wieder beim Weiher angekommen bin, fährt Suriyel vor.

Während ich benommen von Natur und Stille bin, beschäftigt ihn ein praktisches Thema: Funktioniert die Heizung? Das Haus stand zwei Jahre leer, der Makler wusste von nichts.

Nachts hat es hier auch Anfang Juni noch weniger als zehn Grad.

Deshalb führt Suriyels erster Weg zur Heizung. Die ist in einem hölzernen Anbau hinter dem Haupthaus untergebracht.

Kurz darauf taucht er wieder in der Wohnung auf. Die Gastherme funktioniert, erklärt er mir. Aber die Solartherme heizt nicht!

Ich folge ihm nach draußen und sehe ihn in Richtung Werkstatt laufen. Auf deren Dach befinden sich die Module der Solartherme.

Suriyel muss hoch. Aber die Leiter, die er kurz darauf aus der Werkstatt schleppt, ist zu kurz. Es fehlen etwa zwei Meter.

„Ich brauche deinen Autoschlüssel!“

„Heute ist Sonntag!“, erkläre ich ihm in der Annahme, er wolle eine längere Leiter besorgen.

Unwirsch schüttelt er den Kopf. Ich drücke ihm meinen Schlüsselbund in die Hand und sehe ihm dabei zu, wie er in den Crafter klettert, den Motor startet und meinen Transporter neben der Werkstattwand parkt.

Es dauert keine zwei Minuten, dann steht er auch schon auf dem Dach des Crafters, zieht die Leiter hoch, lehnt sie an die Wand der Werkstatt und klettert auf das Dach.

Dort macht er sich an der Solartherme zu schaffen. Zwei Mal noch klettert er rauf und runter, dann verschwindet er wieder im Heizungsanbau.

Kurz darauf taucht er wieder in der Wohnung aus. „Das Kabel vom Sensor war durchgebissen. Aber jetzt läuft sie wieder.“

Zufrieden führt er mich in den Heizungsraum. Ich stehe vor zwei riesigen Tanks, diversen digitalen Anzeigen, einem großen roten Heizkessel und vielen Rohrleitungen.

Ich finde: es sieht beängstigend aus.

Suriyel findet: es sieht super aus!

„Da!“, ruft er zufrieden. „Die Therme heizt!“

Ich bin erleichtert, auch wenn ich keine Ahnung habe, woran er das erkennt.

Bevor sich Suriyel dem wichtigsten Teil der Heizanlage – der Holzscheitheizung – widmet, trägt er den Inhalt meines Crafters in die Wohnung: ein großes Bauernbett, Matratzen, Lattenroste, Kisten mit Kleidung, Bettwäsche, Geschirr…

All das, was ich den letzten Monaten besorgt hatte, als ich – ohne festen Wohnsitz – bei Freunden in Bayern untergekommen war.

Meine Besitztümer wurden währenddessen von der Spedition eingelagert. Nur zehn Kilometer vom Pfarrhof, in Neubrandenburg. Trotzdem fand die Umzugsfirma keinen zeitnahen Termin, um meine Sachen vorbeizubringen.

Ich muss mich bis in einer Woche gedulden.

Zu meiner Erleichterung stellt sich heraus, dass trotzdem alles da ist, was wir brauchen!

In meinem neuen Zimmer baut Suriyel das hölzerne Bauernbett auf, das mir die bayerischen Freunde geschenkt haben. Großzügigerweise mit Lattenrosten und Matrazen!

Der große dunkelbraune Holztisch, den ich einem Bestatter in Hof in der Oberpfalz abgekauft habe, passt perfekt in die Küche.

Dort befindet sich zu meiner Erleichterung nicht nur die Einbauküche des Vorbesitzers, sondern auch jede Menge Geschirr und Töpfe.

Während ich das Abendessen richte, wird es in der Küche spürbar wärmer.

Suriyel hat das Feuer in der Holzscheitheizung geschürt!

Ich freue mich auf einen ruhigen ersten Abend in meinem neuen Zuhause.

Aber das kann ich vergessen!

Nach dem Abendessen breitet Suriyel einen Stapel Bedienungsanleitungen vor mir auf der Tischplatte aus. Morgen fährt er zurück nach Berlin. Bis dahin muss ich verstanden haben, wie die Heizung funktioniert!

Ich nicke brav zu allen seinen Ausführungen, starre interessiert auf die Skizze, die er für mich zeichnet, aber meine doofen Fragen entlarven mein Unverständnis.

Suryiel seufzst schwer: „Jetzt gehst du ins Bett und morgen üben wir das mit der Heizung so lange, bis du das alleine hinbekommst.“

Entrümpler

Vor drei Wochen habe ich den Kaufvertrag für ein altes Pfarrhaus unterschrieben. Das ist riesig – und voller Gerümpel…

Am 03. März unterschreibe ich den Kaufvertrag für das alte evangelische Pfarrhaus von Dewitz in der Mecklenburgischen Seenplatte. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Es wird noch einige Wochen dauern, bis ich die Schlüssel für mein neues Zuhause bekommen werde: Mit sechs bis acht Wochen Wartezeit müsse ich rechnen, erklärt mir der Makler, bis alle Unterschriften eingeholt sind und die Vormerkung ins Grundbuch erfolgt ist.

Das Gute daran: Dem Entrümpler, der vom Makler beauftragt wurde, das Pfarrhaus zu räumen, bleibt genug Zeit, seine Arbeit zu tun.

Denn ein Passus des Kaufvertrags besagt, dass das Pfarrhaus „besenrein“ an mich übergeben werden wird.

Diesen Passus habe ich mir ausbedungen. Mein Bruder war nicht begeistert davon! Er war dafür, den ganzen Krempel, der sich über Jahrzehnte in den vielen Zimmern und Nebengebäuden des Pfarrhauses angesammelt hat, selbst zu verwerten. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

„Da ist doch einiges dabei, was du brauchen kannst!“, hatte er argumentiert.

Besonders das Boot mit Außenbordmotor, das in der Werkstatt an der Decke hängt, hat es meinem Bruder angetan.

Nach ein bisschen hin und her entscheide ich mich dagegen. In dem Traum, durch den ich das Pfarrhaus gefunden habe, waren alle Räume leer. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Das Pfarrhaus braucht einen neuen Start, beschließe ich. Wenn ich die Schlüssel bekomme, sollen alle Räume so leer sein wie in meinem Traum.

Dem Makler gegenüber erwähne ich den Traum selbstverständlich nicht. Was würde er von mir denken?

Stattdessen begründe ich meinen Wunsch nach einer „besenreinen Übergabe“ damit, dass es mich zu viel Zeit kosten würde, die Räumung selbst zu organisieren.

Das kann der Makler nachvollziehen. Nur – wendet er ein – was ist mit der Ausstattung der Werkstatt? Davon könne ich doch sicherlich einiges gebrauchen, wenn ich in dem Haus leben werde?

Da hat er recht.

Das Ende vom Lied ist, dass ich – nachdem ich den Kaufvertrag unterschrieben habe – mit dem Entrümpler den Preis für den Inhalt der Werkstatt verhandeln muss.

Oder zumindest: möchte…

Der Makler hatte mich schon vorgewarnt: Der wäre ein harter Hund, der Entrümpler.

Zwei Telefonate mit dem „harten Hund“ bringen mich nicht weiter als bis zu dem Punkt, dass ich dem Makler recht geben muss.

Glücklicherweise hat mein Bruder beruflich in der Ecke des Pfarrhauses zu tun. Und hat nichts dagegen, einen Abstecher zum Pfarrhaus zu machen, um nach dem Rechten zu sehen.

Vom Aufeinandertreffen meines Bruders mit dem Entrümpler erhalte ich Zeugnis in Form eines verwackelten Videos, dass er bei seinem Besuch heimlich gefilmt hat und durch seine farbige Schilderung, nachdem er wieder wohlbehalten im Auto sitzt.

Offensichtlich ist der Entrümpler nicht der Typus Mensch, dem an einem harmonischen Verhältnis mit seiner Umwelt gelegen ist. Oder an einem Platz im Himmel. Beziehungsweise einer guten Wiedergeburt…

Meinem Bruder ist es immerhin gelungen, mit dem neuen Herrscher des Krempels zu vereinbaren, dass dieser mir zum Abschluss der Räumaktion ein Angebot für den Inhalt der Werkstatt unterbreiten wird.

Nicht pauschal!

Wo kämen wir da hin?

Nein: Gegenstand für Gegenstand.

„Er wird dich komplett über den Tisch ziehen“, spricht mein Bruder düster in die Freisprechanlage seines Oberklasse-Audi. (Der Entrümpler fährt einen Oberklasse-BMW, habe ich zuvor von meinem Bruder erfahren).

„Wenn er zu unverschämt ist, muss er die Sachen eben abholen und ich besorge mir was ich brauche über Ebay.“

Im Stillen denke ich mir: „Na toll! Hätte ich es mal lieber selbst gemacht.“

Aber hinterher ist man immer schlauer…

Kühlschrank

Begleitet vom Klappern eines alten Kühlschranks im Laderaum meines Crafters kurve ich seit Wochen quer durch Deutschland…

Am 6. März beseitige ich – beschienen von einer freundlichen Frühlingssonne – die letzten Spuren meines Auszugs aus der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg.

Am Ende ist der Laderaum des Transporters leer – bis auf einen alten Kühlschrank. Mit dem fahre ich seit Ende Januar quer durch die Republik spazieren.

Dabei wollte ich überhaupt keinen Kühlschrank!

Ich verdanke ihn Suriyel: Der hat sich zu Beginn unseres dreiwöchigen Retreats mit der Khandro in den Kopf gesetzt, dass ein Kühlschrank angeschafft werden muss. https://www.water-runs-east.eu/bedingungen/

Die Tormas – die rituellen Opferkuchen für die Zeremonien – mussten gekühlt werden! Und überhaupt wäre der Kühlschrank in der Gruppenküche zu klein.

„Glücklicherweise haben wir ja jetzt deinen Crafter!“, erklärt Suriyel mir am Vortrag des ersten Retreats. „Damit können wir nach Potsdam fahren und einen Kühlschrank besorgen!“

„Wir“ deshalb, weil Suriyel nicht versichert ist. Ich muss also mit.

Dazu, finde ich, gäbe einiges zu sagen. Aber wenn Suriyel sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos.

Ergeben reiche ich ihm den Autoschlüssel – wenn er schon nach Potsdam will, soll er selbst fahren – und erklimme den Beifahrersitz.

Während wir über holprige Landstraßen in Richtung Potsdam kutschieren, versuche ich herauszufinden, was er genau vor hat.

„Du willst also für gerade mal drei Wochen Retreat einen neuen Kühlschrank kaufen? Und was machst du mit dem, wenn das Retreat zu Ende ist?“

„Dann spende ich den Kühlschrank dem Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain. Die brauchen auch einen für die Tormas!“

„Hast du gefragt, ob die den haben wollen?“

Hat er natürlich nicht…

Wie gesagt: wenn Suriyel sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist Widerstand zwecklos. Der Kühlschrank wird gekauft werden, ob ich das für sinnvoll halte, oder nicht.

Während Suriyel im Kreisverkehr die dritte Abfahrt nimmt und in die Bundesstraße in Richtung Potsdam einbiegt, überlege ich, ob sich zumindest Details seines Plans modifzieren lassen.

Suriyel ist super sparsam! Viel sparsamer als ich…

„Warum muss es unbedingt ein neuer Kühlschrank sein? Für die drei Wochen würde es doch auch ein gebrauchter tun? Das wäre viel billiger!“

„Das stimmt. Aber ich hatte keine Zeit, zu suchen.“

Noch fünfundvierzig Minuten bis Potsdam, sagt das Navi.

Ich beschließe, die Herausforderung anzunehmen. Es wird sich doch wohl innerhalb einer dreiviertel Stunde ein gebrauchter Kühlschrank auftreiben lassen?

Hektisch rufe ich die EBay-App auf und tippte „Kühlschrank“ und „Potsdam“ ein. Kühlschränke in allen Größen und Preisklassen ploppen auf.

Nein, Suriyel will keinen von Ikea! Wenn schon gebraucht, dann ein Markengerät! Ich unterdrücke ein genervtes Stöhnen und scrolle tiefer.

Da! Ein Miele-Kühlschrank! Für 50 Euro!

„Miele ist gut!“, wird mir vom Fahrersitz beschieden.

Die Anzeige läuft unter „gewerblich“, deshalb ist sogar eine Telefonnummer angegeben.

Der Anbieter spricht nur gebrochen Deutsch, deshalb dauerte es etwas, bis ich verstehe, dass er dringend zum Zahnarzt muss! Spätestens in zehn Minuten müsse er los!

Ich tippte die Adresse ins Navi.

„Wir sind in zwanzig Minuten da!“, dränge ich. „Wir zahlen in bar und nehmen den Kühlschrank sofort mit, wenn er okay ist!“

Nachdem ich das Gespräch beendet habe, kann ich Suriyel Vollzug melden: „Er wartet auf uns!“.

„Ich habe kein Bargeld dabei!“, kommt es zurück.

„Ich schon.“

Und so kommt es, dass wir zwanzig Minuten später von einem, von Zahnweh gequältem, Afghanen in den Keller eines Potsdamer Plattenbaus geführt werden.

Dort präsentierte er uns einen ältlichen, mit Priel-Blumen dekorierten, Miele-Kühlschrank. Nicht eingesteckt, natürlich. Es gibt auch weit und breit keine Steckdose. Eile tat Not – der arme Mann musste schließlich zum Zahnarzt – deshalb beschließen wir, nicht lange zu fackeln und den Kühlschrank einfach mitzunehmen.

Suriyel und der Afghane tragen den Kühlschrank die Treppen hoch, über den Gehweg zum Crafter und hieven ihn hinein.

Während Suriyel den Kühlschrank im Laderaum sichert, drücke ich dem Verkäufer auf dem Gehweg fünfzig Euro in die Hand, wünsche viel Glück beim Zahnarzt und baldige Genesung!

Die späte Nachmittagssonne lässt die Wasserflächen von Flüssen und Seen leuchten. Ein erster Hauch von Frühling liegt in der Luft.

Es ist ein wunderschöner Tag, stelle ich fest, während wir quer durch das Havelland zurück zum Yoga-Ressort fahren.

Es ist der Tag, an dem ich aus Versehen einen Kühlschrank gekauft habe!

Suriyel sei Dank!

Nach unserer Rückkehr beschäftigt mich der Gedanke, was ich mit dem Kühlschrank anfangen soll, wenn das Retreat zu Ende ist?

Im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain wollen sie ihn nicht haben, vielen Dank der Nachfrage…

Vier Tage nach dem spontanen Kühlschrank-Kauf erhalte ich die Zusage, dass ich das Alte Pfarrhaus von Dewitz kaufen und daraus ein Buddhistisches Seminarhaus machen kann. https://www.water-runs-east.eu/retreathaus/

Damit habe nicht nur ich, sondern auch der alte Miele-Kühlschrank seinen Bestimmungsort gefunden…

Notartermin

Nach Monaten des Wartens ist es endich so weit: An einem sonnigen Märztag breche ich auf, um das alte Pfarrhaus von Dewitz zu kaufen…

Die Nacht vom 02. auf den 03. März verbringe ich auf Suriyels Küchensofa im 9. Stock eines Plattenbaus irgendwo im Osten Berlins. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Denn ich habe in Berlin kein Zuhause mehr. Genauer gesagt: ich habe überhaupt kein Zuhause mehr…

Mitte Februar bin ich aus der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg ausgezogen. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Die Umzugsfirma hat mein Hab und Gut eingelagert. Ich bin bei Freunden in Bayern untergekommen.

Vorübergehend.

Deshalb bin ich froh, dass Suriyel mich so großzügig bei sich aufnimmt. Ich darf am Sonntag, dem 02. März im Buddhistischen Zentrum von Berlin-Friedrichshain Lhosar – Tibetisches Neujahr – feiern und verbringe einen wunderbaren Tag mit meiner Sangha.

Und es gibt wahrhaftig etwas zu feiern: Das Jahr des „Holz-Drachen“ ist glücklich überstanden!

Mir hat der hölzerne Drache dramatische zwölf Monate geschenkt: Zu seinem Beginn – Ende Februar 2024 – zog ich nach Berlin in die Spirituelle WG. https://www.water-runs-east.eu/prenzlauer-berg/

Im September 2024 organisierte ich dort die erste Veranstaltung des neu gegründeten „Zentrums für Praktische Spiritualität“. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Zwei Wochen später träumte ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus mit Weiher. Am nächsten Morgen fand ich die Immobilienanzeige dazu. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Karma, Baby…

Herbst und Winter waren rocky – um es milde auszudrücken. Ich beerdigte sämtliche Lebenspläne, litt an Angstzuständen und einer heftigen Identitätskrise und legte mir ein riesiges Baufahrzeug zu. https://www.water-runs-east.eu/crafter/

Während der ganzen Zeit war offen, ob ich das Pfarrhaus kaufen konnte, oder nicht.

Ende Januar erhielt ich die Zusage, dass ich es kaufen, und daraus ein buddhistisches Seminarhaus machen durfte.

Genauer: Das „Zentrum für Praktische Spiritualität ‚Pema Chölin‘ im Alten Pfarrhaus von Dewitz“.

Und heute, am 03. März – pünktlich zu Beginn des Jahres der „Holz-Schlange“ – mache ich mich auf dem Weg nach Neubrandenburg, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen.

Nach dem Frühstück und der Morgenpraxis verabschiede ich mich von Suriyel, ziehe seine Wohnungstür zu und nehme den Aufzug ins Erdgeschoss.

Als ich das erste Mal bei Suriyel übernachtete, fand ich sein Zuhause höchst exotisch. Noch nie zuvor war ich in einer Plattenbausiedlung gewesen! Riesige Wohntürme säumen die Straße, in der Suryiel lebt. Sein Haus hat sechzehn Stockwerke, in denen Tür an Tür 150 Menschen wohnen.

Ich bin in einem Bauerndorf im bayerischen Chiemgau aufgewachsen. Schon das Konzept, zur Miete in einer Wohnung zu wohnen, war mir fremd.

Man hatte sein eigenes Haus und Punkt!

Später lebte ich dann selbst jahrelang in Mietwohnungen. Es fühlte sich nie richtig an.

Deshalb war es wohl unvermeidlich, dass sich irgendwann die „natürliche Ordnung“ in Form einer Eigentumswohnung einstellte.

Begleitet vom, aus der Kindheit vertrauten, Gefühl der Sicherheit. Und vom ebenso vertrauten Gefühl, unbeweglich zu sein.

Fixiert.

Abgeschnitten vom Fluss des Lebens.

Vor fünf Jahren der Ausbruch. Und der Schwur, von nun an im Flow zu leben. Niemals wieder Erstarrung zuzulassen.

Selbst um den Preis eines Lebens in den Wohnungen fremder Menschen. Erst zur Untermiete in Leipzig, dann in der Spirituellen WG in Berlin.

So unbequem und mühsam die Sache war – ich lebte im Bewusstsein, alle Begrenzungen hinter mir gelassen zu haben.

Der erste Besuch bei Suriyel im Februar 2024 führt mir vor Augen, wie limitiert diese Einschätzung war! Ich hatte zwar das bürgerliche Wohneigentum, nicht aber den gutbürgerlichen Lebensstil aufgegeben.

In Leipzig lebte ich zur Untermiete in einer Altbauwohnung im edlen Gründerzeitviertel. In Berlin bewohnte ich das oberste Stockwerk eines Architekten-Townhouses im angesagten Prenzlauer Berg.

Als ich das erste Mal in Suriyels Ein-Zimmer-Wohnung stand, musst ich mir eingestehen, dass ich – WG hin oder her – immer noch ein fürchterlicher Snob war!

Eine Plattenbausiedlung lag schlicht jenseits meines Vorstellungsvermögens.

Inzwischen fühle ich mich fast schon Zuhause, stelle ich fest, als ich im Fahrstuhl in die Tiefe gleite. So furchtbar, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist das Leben im Plattenbau defintiv nicht.

Gleich gegenüber – auf dem zentralen Parkplatz des Plattenbauviertels – steht mein Crafter. Ich turne auf den Fahrersitz und tippe die Adresse der Notarin in das Navi ein.

Zwei Stunden Fahrtzeit bis Neubrandenburg.

Der Crafter zuckelt durch Lichtenberg. Stop and go durch Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Moabit.

Zwanzig Minuten Autobahn, dann Bundesstraße. Kilometerlange Alleen, die alten Bäume links und rechts der Straße sind noch winterkahl.

Auf den Feldern sprießt das erste Grün. Darauf immer wieder Vogelschwärme auf der Suche nach Futter: Silberne Reiher, weiße Reiher, Störche, Gänse.

In den Dörfern links und rechts der Bundesstraße rote Backsteinhäuser.

Schön ist es hier. Und fremd.

Zur Mittagszeit erreiche ich Neubrandenburg. In der Innenstadt drei Parkhäuser, ansonsten nur Kurzparkzonen. In einer ruhigen Seitenstraße endlich ein Parkplatz, groß genug für den Crafter.

Zwei Stunden bis zum Notartermin. Ich wandere durch die gesichtslose Fußgängerzone.

Der Himmel hat zugezogen. Eisige Windböen jagen durch die breiten Straßen.

Auf einem leeren Platz eine riesige rote Backsteinkirche. Hier gibt es keine Gottesdienste, entnehme ich der Infotafel, dafür Konzerte, Cabarett-Abende und Musical-Aufführungen.

Die Kirche ist im gleichen Baustil wie mein Pfarrhaus erbaut. Sie ist allerdings ein paar Jahre jünger: Einweihung 1841.

Mein Pfarrhaus ist Jahrgang 1800. Elf Jahre nach der Französischen Revolution erbaut.

Fröstelnd überquere ich den großen menschenleeren Platz, wandere durch ein historisches Stadttor, kreuze den Innenstadtring und betrete das Büro der Notarin.

Der Makler erhebt sich bei meinem Anblick vom Stuhl im Wartezimmer und schüttelt mir die Hand. Er wird im Auftrag der Besitzer den Kaufvertrag unterschreiben.

Ich gebe meinen Ausweiß am Empfang ab.

Der Makler und ich werden in einen Konferenzraum geführt. Die Notarin ist Ende dreißig, groß, blond und schön. Nach einer kurzen Begrüßung rattert sie mit leiernder Stimme fünfzehn Seiten Kaufvertrag hinunter.

Der Makler unterschreibt zuerst, dann reicht er den Kugelschreiber über den Tisch.

Ich denke und fühle nichts, als ich meinen Namen auf die letzte Seite des Dokuments setze.

Auf dem Gehweg überreicht mir der Makler eine Plastiktasche. Darin: Ein leerer Ordner für meine Haus-Unterlagen und drei Gläser Honig vom örtlichen Imker.

Er drückt mir zum Abschied die Hand. „Da haben sie einen guten Kauf getan!“, erklärt er mir, bevor er in Richtung Innenstadt verschwindet.

So wird es wohl sein.

Kastanienallee

Ich darf mit Maktiel einen letzten schönen Tag am Prenzlauer Berg verbringen und bekomme eine wilde Zeit-Geschichte erzählt…

Den Tag, an dem ich mich von meinem Leben als Berlinerin verabschiede, verbringe ich mit Maktiel.

Mit ihrer gelben Strickmütze über den kurzgeschorenen Haaren steht sie am frühen Nachmittag an der Prenzlauer Allee vor einem koreanischen Ladenlokal.

Nachdem wir uns begrüßt haben, muss ich erst einmal mein Fahrrad absperren. Ich ziehe mein zwei Kilo schweres 150€-Schloss aus dem Rucksack. Mit dem Profi-Blick der Alt-Berlinerin hat Maktiel ein stabiles Verkehrschild am Straßenrand ausgemacht: „Das da drüben sieht gut aus!“

Inzwischen bin ich geübt. Ich schaffe es innerhalb weniger Sekunden, das unhandliche Schloss um Pfosten und Fahrradrahmen zu schieben und abzusperren. Das ist in etwa die selbe Geschwindigkeit, in der in Berlin Fahrräder geklaut werden.

Seit ich in die Stadt gezogen bin, lasse ich mein Fahrrad niemals unbeaufsichtigt, wenn ich es nicht mit meinem Monster-Schloss an einem stabilen Gegenstand fixiert habe. Nicht mal für zwei Minuten beim Bäcker mache ich eine Ausnahme. Berliner common sense…

Im Koreanischen Ladenlokal ergattern wir einen winzigen Tisch vor der Theke. Selbstbedienung. Die bunt tätowierte Frau hinter der Kasse bittet um eine Bestellung in Englisch. Während draußen Nieselregel auf dem Prenzlauer Berg niedergeht, löffeln Maktiel und ich Bibimbap.

Eine Stunde später wandern wir gemeinsam durch den Kiez. Vorbei an der Gethsemane-Kirche schiebe ich mein Fahrrad, danach über den Weihnachtsmarkt in den Höfen der Kulturbrauerei. Wir kreuzen die Schönhauser Allee. Über unseren Köpfen rauscht auf hohen Metallstelzen die U-Bahn in Richtung Alexanderplatz.

In der Kastanienallee reiht sich ein Szene-Laden an den anderen. Öko-Klamotten, schicker Krims-Krams, cross-over Restaurants in allen Schatierungen – vorzugsweise vegan.

An einem sympathisch stabilen Fahrradständer in der Oderberger Straße schließe ich mein Rad ab. Maktiel lotst mich in ein schlecht geheiztes Café, in dem Christbaumkugeln von der Decke baumeln. Auf einem durchgesessenen Sofa essen wir Buttermilchwaffeln mit Zimt-Zucker und unterhalten uns über das, was uns beiden am wichtigsten ist: Meditation, Praxis, Retreats…

Am Nebentisch sitzt eine schöne Frau „of color“ mit dicken Dreatlocks. Sie stillt ihren Sohn, während sie sich in breitem Amerikanisch bei einer asiatisch aussehenden Frau über die hohen Lebenshaltungskosten in New York beklagt. Später kommt der Vater dazu – ebenfalls mit prächtigen Dreatlocks unter der Strickmütze – und wird von seinem Sohn begeistert begrüßt.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Maktiel und ich brechen auf in Richtung Szene-Kino. Wir wollen „No other Land“ anschauen. Der Film über ein palästinensisches Dorf im Westjordanland hat die Auszeichnung „bester Dokumentarfilm“ der Berlinale gewonnen.

Unterwegs erzählt mir Maktiel, wie sie vor einigen Jahren erst knapp einen Selbstmordanschlag in Jerusalem überlebte, danach im Schockzustand in einen Bus flüchtete und sich in Bethlehem wiederfand. Später kletterte sie, von jüdischen Siedlern mit Müll beworfen, über Hebrons Hausdächer und passierte Straßensperren des israelischen Militärs.

Der Vorraum des Kinos ist vage beleuchtet. Der schmale Mann hinter dem Tresen schüttelt bedauernd den Kopf, als wir nach zwei Tickets für „No other Land“ verlangen.

„Der ist schon ausverkauft.“

Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Mittwochabends um 18:15 Uhr? Wie kann das sein?

„Wir haben nur zweiundreißig Plätze. Die sind schnell weg.“ Der Mann hinter dem Tresen zuckt bedauernd die Schultern. „Er läuft noch bis Ende Dezember.“

Schlagartig bin ich das erste Mal mit „nach Berlin“ konfrontiert. Ich weiß nicht, ob ich im Dezember in der Stadt sein werde. Meine „In Between Phase“ hat hier und jetzt begonnen…

Eine Stunde später bin ich wieder in meinem WG-Zimmer. Zuvor habe ich die Kündigung für meinen Mietvertrag im Späti um die Ecke aufgegeben. Per Einwurf-Einschreiben, damit alles seine Richtigkeit hat. Morgen wird sie im Briefkasten vor der Haustür liegen.

Meine Zeit in Berlin geht hier und jetzt zu Ende.

Was schade ist. Es gefällt mir hier.

Oder besser: es hat mir hier gefallen…

Ahnen

Der Kauf des alten Pfarrhauses ist ein langwieriger Prozess. Die Zeit des Abwartens bringt mich mit überkommenen Glaubenssätzen in Berührung…

Foto von MoFei

Nach aufregenden Wochen, in denen sich die Ereignisse geradezu überschlugen, kehrt Anfang November Ruhe ein. Einiges muss geklärt werden, bevor ich das Pfarrhaus kaufen kann. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Es bleibt mir nichts, als abzuwarten und mich in Geduld zu üben.

Ich versuche, die Situation als Geschenk zu nehmen: jetzt kann ich endlich in der Tiefe darüber nachdenken, was eigentlich seit dem 24. September – der Nacht, in der ich von dem Pfarrhaus geträumt habe – mit mir und meinem Leben geschehen ist. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Das habe ich auch bitter nötig. https://www.water-runs-east.eu/schock/

„Jedesmal wenn wir uns sehen, erzählst du mir mindestens zwei Mal die Story vom Pfarrhaus“, konstatiert Israfel freundlich. „Man merkt, dass du die ganze Zeit versuchst, dir einen Reim daraus zu machen.“ https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Wie gut, dass ich kluge – und geduldige – Freunde habe!

Allen ist nachvollziehbar, dass mich der Gedanke, die Verantwortung für ein sanierungsbedürftiges denkmalgeschütztes Ensemble zu tragen, einschüchtert.

Dass ich plane, alleine in dem riesigen alten Pfarrhaus zu leben, finden alle „mutig“.

Meine Trauer darüber, dass meine unbeschwerte Zeit in Berlin ein schlagartiges Ende gefunden hat, wird von allen nachempfunden.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass niemand versteht, was gerade mit mir los ist – inklusive ich selbst!

Blind tastend bewege ich mich durch meine Gedanken- und Gefühlswelt. Mir ist, als wäre ich unversehens auf einem unbekannten Planeten gelandet!

Dass ich mir selbst ein komplettes Rätsel bin, kränkt mich.

Wo ich doch immer so wunderbar selbstreflektiert bin! Meditiere, psychologisiere – immer auf der Jagd nach den Schatten meiner Persönlichkeit! https://www.water-runs-east.eu/eins-mein-teufel/

Und gerade als ich dachte, ich hätte einen Lebensstil und ein Lebensumfeld gefunden, das perfekt zu mir passt – Päng!!!!

Irgendwas ist ganz offensichtlich schief gelaufen…

Ich komme zu dem Schluss, dass es auf folgendes Problem hinausläuft: entweder ich habe mich in meinem alten Lebenskonzept getäuscht – oder ich täusche mich jetzt in meinem neuen!

Moment mal: Kann es sein, dass ich mich gerade von einer falschen Dichotomie narren lasse?

Dass ich unter der irrigen Vorstellung leide, mein alter und mein neuer Lebensentwurf würden sich gegenseitig ausschließen?

Dass ich irgendwo in der Tiefe die Überzeugung mit mir herumtrage, dass ich mich von meinem alten Ich verabschieden muss, damit ich meiner zukünftigen Lebensaufgabe gewachsen sein werde?

Das ist doch wohl Unfug?!

Was spricht dagegen, auch in Zukunft sonntägliche Praxistage im chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu verbringen? Hinterher den Australiern des „Salami-Social-Club“ in der Frankfurter Allee dabei zuzusehen, wie sie zu Punkrock Pizza backen?

Und mit einem Pizzakarton auf dem Beifahrersitz zum Pfarrhaus in die Mecklenburgische Provinz zurückzukehren?

Gut: Fahrtstrecke 100 Kilometer. Nicht um die Ecke, aber bewältigbar.

Es geht weniger um den Aufwand, stelle ich fest, sondern um ein bestimmtes Konzept:

Irgendwie scheine ich die Wirklichkeit unter der Prämisse zu betrachten, dass es nicht möglich ist, Verantwortung zu tragen – und gleichzeitig entspannt Spaß zu haben!

Wo ich die Idee wohl herhabe?

Ich vermute, es handelt sich um eine traditierte transgenerationale familiäre Weisheit.

Oder wohl besser: um eine Angstbewältigungsstrategie…

Meine aktuelle Arbeitshypothese ist, dass der Glaubensatz, der mir – sicher in bester Absicht – mitgegeben wurde, in etwa lautet: „Wenn du Besitz hast, musst du Tag und Nacht arbeiten und darfst dich niemals entspannen und Spaß haben, sonst wirst du zur Strafe alles verlieren!“

Kein Wunder, dass ich so verzweifelt von der Aussicht bin, das Pfarrhaus zu kaufen!

Dabei ist in meiner Familie meines Wissens nach noch nie jemand verarmt!

„Genau deshalb!“, rufen mir meine Ahnen zu. „Weil wir uns nie entspannt haben! Weil wir immer auf der Hut waren!

Es ist wohl an der Zeit, ein neues Kapitel der Familiengeschichte zu beginnen…

Totensonntag

Das sonntägliche Rauchopfer im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain bekommt spontan eine protestantische Note…

Um dreizehn Uhr sind wir mit der „Grünen Tara“ – dem ersten Teil unserer wöchentlichen Sonntagspraxis – durch. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Wie immer haben wir knapp zwei Stunden dafür gebraucht. Denn wir praktizieren die Grüne Tara in der langen tibetischen „Tempel-Version“ und nicht in der – im Westen üblichen – verkürzten Weise.

Trotz der Länge und Komplexität unserer Praxis – und der Tatsache, dass es im ungeheizten Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain im Winter ungemütlich kalt ist – haben sich heute wieder dreizehn Leute eingefunden, um gemeinsam zu rezitieren, zu singen und zu meditieren.

Nachdem wir fertig sind, versichern wir uns gegenseitig, was wir doch wieder einmal für eine schöne gemeinsame Praxis hatten! Danach flüchten die anderen in die gemütliche Teestube des Zentrums, in der die Heizkörper glühen.

Israfel und ich machen einen Abstecher in die Küche, die sich in einem Nebengebäude befindet. Wir wärmen die Gemüsesuppe mit den bayerischen Semmelknödeln auf, die wir beide gestern fabriziert haben. https://www.water-runs-east.eu/hausmannskost/

Als in der Teestube alle vor ihren dampfenden Tellern sitzen, breitet sich Schweigen über dem Tisch aus. Wir falten die Hände, Suriyel spricht das kurze tibetische Tischgebet.

Während der Mahlzeit diskutieren wir das anstehende Programm. Suryiel möchte ein „kleines“ Rauchopfer in einer Schale machen, anstelle des üblichen Feuers auf der Terrasse. Zu Schulungszwecken. Er hat – erklärt er uns – eine neue unkomplizierte Methode entdeckt, den Instant-Powder ohne Räucherkohle zu opfern. Die möchte er heute präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Kurz überlege ich, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch?

„Widerspruch!“, befiehlt mir meine intuitive Innere Stimme.

„Ach komm, Suriyel!“, rufe ich deshalb aus. „Mach ein Feuer! Bitte!“

„Ich mache doch ein Feuer! Ein ganz kleines!“, kommt es zurück.

„Du weißt genau was ich meine! Ich möchte ein großes! In der Feuerschale!“ Dazu setze ich einen erstklassigen Hunde-Blick auf.

Jetzt ist es an Suriyel zu überlegen, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch.

Er entscheidet sich für Akzeptanz. „Ja, gut. Wenn du das willst. Machen wir halt ein großes Rauchopfer.“

Alle am Tisch schauen erfreut. Anscheindend hat sich außer mir nur keiner getraut, Suriyel zu widersprechen.

Bevor wir im Tempel alles für das Rauchopfer vorbereiten, spüle ich mit einer Dharma-Schwester das schmutzige Geschirr. „Weißt du, das heute Totensonntag ist?“, fragt sie mich währenddessen.

„Nein, wusste ich nicht. Ich bin katholisch. Bei uns sind das Allerheiligen und Allerseelen. Die waren schon am 1. und 2. November.“

Die Dharma-Schwester versenkt den nächsten Suppenteller im Spülwasser. „Meine Mutter ist evangelisch. Der ist Totensonntag wichtig. Da rufe ich sie immer an.“

Auf dem Weg in den Tempel komme ich an einem Dharma-Bruder vorbei. Der steht im Flur und spricht besänftigtend ins Telefon.

Kurz darauf lässt er sich auf dem Meditationskissen zu meiner Rechten nieder. „Wusstest du, das heute Totensonntag ist?“

„Ja. Aber nur, weil es mir gerade gesagt wurde. Ich bin katholisch.“

Der Dharma-Bruder seufzt. „Ich habe es vergessen! Dabei ist meine Oma vor ein paar Wochen gestorben! Heute wurde im Gottesdienst ihr Namen verlesen, weil Totensonntag ist, und meine Mutter war ganz aufgelöst, weil ich nicht angerufen habe!“ Es ist dem Dharma-Bruder anzusehen, wie unglücklich er über die Situation ist.

Ich überlege, wie wir ihm beistehen können. „Sollen wir das Rauchopfer für deine Oma machen? Wo sie doch gerade gestorben ist?“

„Sie ist schon im August gestorben!“

Ja, gut, das ist deutlich länger als die 49 Tage, die Verstorbene im Bardo – dem Zwischenreich von Leben und Tod – verbringen. So wird es im tibetischen Buddhismus gelehrt. Außerdem praktiziert man für Verstorbene nicht Riwo SangChöd – das Rauchopfer, das wir gleich machen werden – sondern Sur. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Egal! „Wir sind flexibel!“, erkläre ich dem Dharma-Bruder. „Wir können trotzdem Rauchopfer für deine Oma machen.“ Maktiel, die an der großen Trommel Platz genommen hat, lacht belustigt auf.

„Es ist eher… Meine Mutter…“

Der Dharma-Bruder macht sich erkennbar weniger Sorgen um die Wiedergeburt seiner Oma, als um das Wohlbefinden seiner Mutter. Es ist doch gut, dass wir kein Sur, sondern ein Riwo Sangchö machen werden, denke ich. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

„Wie heißen denn deine Oma und deine Mutter?“

„Hildegard und Hannelore.“

Während wir über Oma und Mutter diskutieren, wurden die Vorbereitungen für das Rauchopfer abgeschlossen. Die Feuerschale, in der das Holz kunstvoll zu einem Turm aufgeschichtet ist, steht auf der Terrasse des Tempels. Davor sind auf einem Tischchen die Opfergaben aufgereiht.

Suriel zündet den Holzstoss an. Begleitet von lautem Knistern zucken die ersten Feuerzungen in die Höhe.

Dann kommt er zu uns und nimmt auf dem Meditationskissen zu meiner Linken Platz.

„Wir machen heute Sang für Hildegard und Hannelore! Das sind die verstorbene Oma und die Mama von …“, erkläre ich ihm. „Weil heute Totensonntag ist!“

Suriyel versteht erkennbar kein Wort. „Wir machen immer Sang für alle!“

„Für alle – und heute ganz besonders für Hildegard und Hannelore! Du musst es auch sagen, damit es wirkt!“

Suriyel weiß immer noch nicht, was gerade los ist, nickt aber ergeben. „Gut, dann machen wir heute Sang für alle und ganz besonders für Hildegard und Hannelore!“ Er kämpft hörbar mit den ungewohnten deutschen Namen.

„Weil Totensonntag ist.“

Das ignoriert er. Als Pole, denke ich, weiß er vermutlich nicht einmal was ‚Totensonntag‘ ist. „Das ist wie ‚Allerheiligen‘ und ‚Allerseelen‘ für Protestanten!“, schiebe ich schnell hinterher.

Auch das sagt ihm erkennbar nichts. Leider weiß ich nicht, wie die Feiertage auf Polnisch heißen.

Suriyel ist es egal. Er schlägt den Gong und stimmt das erste Sutra an. Während die Flammen in der Feuerschale höher und höher steigen und die Hitze die feuchten Terrassenbohlen dampfen lässt, nehmen wir Zuflucht, entwickeln Bodhichitta und laden die Gäste ein.

Die Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Dakinis, alle Naturgeister, Tiere, Menschen und alle anderen sichtbaren und unsichtbaren Wesen, mit denen wir in Verbindung stehen.

Und Hildegard und Hannelore…

Als wir bei der Opferung angekommen sind, steht Suriyel auf, geht zur Terrasse und wirft die Opfergaben in die Flammen.

Weißer Rauch steigt aus der Feuerschale auf und windet sich wie eine dicke Schlange in den grauen Herbsthimmel.

Auf Israfels Vorschlag hin singen wir, nachdem wir mit dem Rauchopfer durch sind, noch drei Mal das Dewa Chen Gebet für eine glückliche sofortige Wiedergeburt von Hildegard und Hannelore.

Hinterher sitzen alle auf ihren Kissen und sind geradezu betäubt vom Ritual. Nie zuvor haben wir ein solch perfektes Rauchopfer hinbekommen als das heutige am Totensonntag! Das Feuer, der Rauch, die Musik der Instrumente, unser Gesang – alles war genau so, wie es sein soll.

„Ich bin mir sicher, dass davon etwas bei deiner Oma und deiner Mutter angekommen ist!“, flüstere ich dem Dharma-Bruder zu meiner Rechten zu.

Der nickt. „Ganz sicher! Ich werde gleich meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass wir für sie und Oma gebetet haben. Sie wird sich sehr darüber freuen!“ Damit steht er auf und eilt – sein Handy aus der Jackentasche ziehend – aus dem Tempel.

Crafter

Meine neue Identität als „die Frau mit dem sanierungsbedürftigen Denkmal“ manifestiert sich in Form eines Baufahrzeuges…

„Was hältst du von dem?“ Der Büroleiter meines Bruders schiebt den Curser über seinen riesigen Bildschirm und klickt auf das Angebot ganz oben. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Mit ein paar Mausklicks vergrößert er das Foto des Transporters. „Ein typischer Gabelstapler-Unfall!“, erklärt er mir, während er den Curser zu einer kaum sichtbaren Delle an der Karosserie wandern lässt. „Passiert ständig. Ich frage mich jedesmal, wie man so ungeschickt sein kann!“

„Gabelstapler-Unfall? Was es nicht alles gibt!“,denke ich mir. Ich versuche mir meine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. „Würdest du den nehmen?“

„Um den Preis? Ja!“, kommt es zurück. Er ruft die Fahrzeugdaten auf. „Oder: nein! Drei Fahrzeughalter! Dabei ist der Transporter gerade mal vier Jahre alt! Mit dem ist irgendwas faul.“

Der Büroleiter schließt die Anzeige. Schade! Das war der einzige bezahlerbare Crafter mit Hochdach, den die Autofirma im Angbot hat! Alle anderen sind zu teuer.

Bis vor zehn Minuten war mir nicht bewusst gewesen, dass ein Transporter mit Hochdach eine gute Wahl für mich wäre. Oder besser gesagt: für das Pfarrhaus. Der Büroleiter hat es mir erklärt, während er meine Angaben in die Suchmaske des Online-Autohändlers eingab: „Damit kannst du auch mal ein paar Fenster oder so transportieren.“

Fenster???

Bis vor sechs Wochen wusste ich nicht einmal, dass ich bald einen Transporter brauchen würde. Geschweige denn einen mit Hochdach, um Fenster zu transportieren!

Ich war überzeugte Fahrradfahrerin gewesen! Was sollte ich am Prenzlauer Berg auch mit einem Auto? https://www.water-runs-east.eu/schock/

Das Pfarrhaus hat mein Leben auf den Kopf gestellt! https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Auf einmal bin ich „die Frau mit dem sanierungsbedürftigen Denkmal“ – und finde mich in einer mir fremden Welt wieder.

Oder besser: einer Welt, die ich nur aus der Zuschauerperspektive kenne. Schließlich bin ich auf dem Dorf aufgewachsen. Die Väter meiner Schulfreundinnen waren tüchtige Bauern und Handwerker. Der meine nicht. Der war auch tüchtig und erfolgreich, allerdings in einem akademischen Beruf. Wie schon sein Vater.

Inspiriert vom Bruder meiner besten Freundin, der ein begnadeter Zimmermeister ist, absolvierte mein musischer sensibler Bruder nach dem Abitur eine Zimmermanns-Lehre, bevor er sein Ingenieurstudium begann. Zu meinem Glück – und dem des Pfarrhauses – gründete er vor ein paar Jahren seine eigene Zimmerei. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Jetzt steht ein Stutzflügel in seinem Büro. Wenn er gestresst ist, spielt er Klavier. Aber der ist nur eine Fußnote. Mein Bruder fühlt sich in der zupackenden maskulinen Welt des Handwerks erkennbar wohl. Und mich hat er jetzt auch noch dort hineingezogen. Mein Bruder findet: Zu meinem Besten!

Der Büroleiter öffnet die nächste Anzeige des Online-Autohändlers. Kein Hochdach, aber nur ein Fahrzeughalter. Vier Jahre alt. 83.000 Kilometer. Scheckheftgepflegt. Der Preis ist gerade noch innerhalb meiner Schmerzgrenze. Motorhaube und Heck sind mit rot-weißem Leuchtband beklebt.

„Ein Baufahrzeug.“ Der Büroleiter scrollt die Fotos nach Schäden ab. „Der hier ist in Ordnung. Soll ich den mal anfragen?“ Er greift zum Telefon.

Fünfzehn Minuten später bin ich die zukünftige Besitzerin eines Baufahrzeugs.

Wie passend…

Retreathaus

Israfel recherchiert, dass das Pfarrhaus, dass ich durch einen Traum gefunden habe, ein wunderbarer Ort für Retreats sein könnte…

Ende September träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus und finde am nächsten Morgen eine stimmige Makler-Annonce. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mehr als die Anzeige an ein paar Freunde weiterzuleiten, bringe ich nicht mehr zustande, bevor ich mich auf mein Meditationskissen rette. Ich stehe regelrecht unter Schock. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Zum Glück habe ich Israfel! https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Während ich verzweifelt versuche, mein hysterisches Ego zu besänftigen, geht der die Sache systematisch an. https://www.water-runs-east.eu/katastrophen-modus/

Mittags ruft Israfel an, um mich über die Ergebnisse seiner Recherche zu informieren. Fazit: So wie es aussieht, habe ich ein ziemlich perfektes Retreathaus herbeigeträumt!

Das Haus liegt 100 Kilometer von Berlin entfernt. Für die große buddhistische Community der Stadt eine akzeptable Distanz. Zumal es in und um Berlin kein buddhistisches Retreathaus gibt. Wer in der Hauptstadt der BRD ein Retreat machen möchte, muss im Moment nach Hamburg oder Nordrhein-Westfalen fahren.

Innerdeutsche Gäste des Pfarrhauses könnten den ICE nach Berlin nehmen. Gäste aus dem Ausland via BER einfliegen.

Die Verkehrsanbindung von Berlin ist ausgezeichnet, erklärt mir Israfel weiter: Alle zwei Stunden fährt ein Regionalzug von Berlin-Gesundbrunnen innerhalb von neunzig Minuten bis zum Bahnhof des Nachbarorts. Von dort bis zum Pfarrhaus sind es fünf Kilometer. Die könne man notfalls laufen, findet Israfel. Denn der Bus fährt nur dreimal am Tag. Alternativ gibt es am Bahnhof ein Taxiunternehmen. Fünf Kilometer kosten nicht die Welt.

Mit dem Auto sind es von Berlin knappe zwei Stunden. Das Pfarrhaus ist nur über Landstraßen zu erreichen. Das ist ein kleiner Wehrmutstropfen, aber auch der Grund dafür, dass ich mir das Pfarrhaus leisten kann. Läge es innerhalb der „Ein-Stunden-Grenze“ von der Hauptstadt entfernt, wäre es unbezahlbar.

Nachdem der durchschnittliche Berliner Buddhist eh kein Auto hat, sind das theoretische Überlegungen.

Für alle Gäste aus anderen Ecken Deutschlands, die über ein Auto verfügen und ins Pfarrhaus kommen wollen, liegt die nächste Autobahnabfahrt fünfzehn Kilometer entfernt, referiert Israfel.

Ich bin beeindruckt: Er hat an alles gedacht! Und dabei hat er nicht mal einen Führerschein!

Als er mit seinen Ausführungen zu Ende ist, muss ich Israfel zustimmen: Für ein Retreathaus läuft das definitiv unter „gut erreichbar“.

Denn es liegt in der Natur von Retreathäusern, abgelegen zu sein. Sie sind Orte des Rückzugs und der Kontemplation. Dafür braucht es Abgeschiedenheit.

Zu abgeschieden ist aber auch nicht gut: Die Gäste müssen ja irgendwie an- und wieder abreisen.

Die Lage des alten evangelischen Pfarrhauses ist ein guter Kompromiss, finden Israfel und ich: Am Rande eines kleinen Dorfes gelegen, ist es nicht völlig abgeschieden, aber dafür kommt man problemlos und kostengünstig hin. Berliner Buddhisten haben für gewöhnlich kein Auto, dafür aber ein Deutschland-Ticket.

Des weiteren hat Israfel herausgefunden, dass es in der Ecke, in der das Pfarrhaus liegt, sehr schön ist. Das Dorf ist geradezu umzingelt von Naturschutzgebieten. Dazu ein riesiger See, nur zehn Kilometer entfernt! Achzig Kilometer bis zur Ostsee! Dreißig Kilometer zum Nationalpark!

„Suriyel findet es sicher auch gut“, beschließt Israfel seinen Vortrag. „Nur hundert Kilometer bis Polen!“

Katastrophen-Modus

Wieder einmal wirft meine intuitive Innere Stimme alle meine wohlüberlegten Lebenspläne über den Haufen. Mein Ego läuft Amok…

Nach der Entdeckung des alten evangelischen Pfarrhauses in der Mecklenburgischen Provinz leide ich. https://www.water-runs-east.eu/hurra-aktion/

Aber richtig!

Ich kann nicht mehr schlafen. Nicht mehr essen. Meine Nerven vibrieren. Meine Gedanken jagen. Während ich mich nachts im Bett wälze, lausche ich dem ununterbrochenen Klagegesang meines Egos:

„Was hast du mir da schon wieder angetan?“, wirft es schluchzend meiner intuitiven Inneren Stimme vor. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

„Warum kannst du nicht einmal Ruhe geben? Immer machst du alles kaputt! Ständig kommst du mit den dümmsten Ideen! Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen!“

Nachdem es sich laut trötend die Nase geputzt und tief Luft geholt hat, fährt es mit zitternder Stimme fort: „Wir werden bankrott gehen! Wir werden dort draußen einsam sterben! Wir werden NIE WIEDER GLÜCKLICH SEIN!“

Mehr als drei Wochen lang tobt, schreit und heult das Ego.

Lediglich während meiner täglichen Meditationspraxis gelingt es ihm, sich ein bisschen zu entspannen. Wenn ich – auf meinem Kissen sitzend – bei meinem Atem bin und das Ego nur noch leise vor sich hinweint, vernehme ich ab und zu die tröstenden Worte meiner intuitiven Inneren Stimme:

„Das ist alles nicht so schlimm wie du glaubst!“, flüstert sie dem Ego ins Ohr. „Vertrau mir!“

Ich meditiere deshalb morgens.

Ich meditiere mittags.

Ich meditiere abends.

Nur mit sehr viel Meditation ist das Drama, das sich in meinem Inneren abspielt, auszuhalten.

Anderen Menschen gehe ich so weit als möglich aus dem Weg. Die müssten sich ansonsten die Klagegesänge meines Egos anhören. Es reicht, wenn ich darunter leide, habe ich beschlossen. Meiner Umwelt möchte ich das ersparen.

Langsam, ganz langsam, beginnt mein Ego sich mit dem Gedanken, in Zukunft nicht mehr mitten in Berlin in der Spirituellen WG, sondern alleine in einem winzigen Dorf in einem alten Pfarrhaus zu wohnen, anzufreunden. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Zwischendurch wird das Ego immer wieder von Trauer überschwemmt. Dann weint es lang und heftig: Um die Sangha im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain, um all die Zeit, die es zukünftig nicht mehr dem Schreiben widmen kann, um all den Spaß, den es nun nicht mehr erleben wird.

Wenn es sich wieder beruhigt hat, beginnt das Ego vorsichtig tastend, die eine oder andere Zukunftsphantasie zu entwickeln. Für jede noch so bescheidene positive Vorstellung wird das Ego von der intuitiven Inneren Stimme ausführlich gelobt.

Kurz hat es sich ein bisschen beruhigt, mein verzagtes Ego, da wird es auch schon wieder von Angstzuständen geschüttelt. Wortreich malt es der intuitiven Inneren Stimme eine zukünftige Katastrophe nach der anderen aus: echter Hausschwamm im Gebälk des alten Pfarrhauses, die Sanierungskosten laufen aus dem Ruder, niemand möchte im Pfarrhaus meditieren, keiner wird dort auch nur zu Besuch kommen! Vollkommend verarmt und vereinsamt werden das Ego und die Innere Stimme in einer Ruine vegetieren müssen…

Irgendwann ist das Ego so erschöpft, dass es nicht einmal mehr jammern kann. Nach langem schmerzhaftem Widerstand hat es eingesehen, dass es gegen die intuitive Innere Stimme nicht ankommt.

„Mach doch, was du willst!“, ruft das Ego der intuitiven Inneren Stimme mit letzter Kraft zu. „Aber wenn es schief geht, bist du schuld!“

Hurra-Aktion

Der Fund des Pfarrhauses löst starke Emotionen aus – nicht nur in mir, sondern auch bei den Menschen, die mit mir verbunden sind…

Nach der Besichtigung des evangelischen Pfarrhauses ist mein Bruder enthusiastisch – während ich verzweifelt bin. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

So hatte ich mir mein zukünftiges Leben nicht vorgestellt! Noch wenige Tage zuvor war ich die gewesen, die in einer Spirituellen WG am Prenzlauer Berg lebt, Fantasy und Blogtexte schreibt, mit ihren spannenden Freunden im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain abhängt, nebenher ein „Zentrum für Praktische Spiritualität“ betreibt und meditiert. https://www.water-runs-east.eu/plaene/

Und jetzt auf einmal das: Ein riesiges denkmalgeschütztes unsaniertes evangelisches Pfarrhaus von 1800, mitten im Nirgendwo der Mecklenburgischen Provinz.

Das soll ich kaufen? Dort soll ich leben?

Allein?

Während sich mein Bruder auf der Rückfahrt von der Besichtigung in Sanierungsphantasien ergeht, sitze ich auf dem Beifahrersitz und fürchte mich!

Mein Bruder ist Zimmermann und Bauingenieur: Kein Dach zu marode, kein Fußboden zu verfault… https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Ich dagegen bin gerade mal in der Lage, Dübel zu setzen und Ikea-Möbel zusammenzuschrauben. Gut, Lampen kann ich auch noch anschließen, aber damit sind meine handwerklichen Fertigkeiten auch schon erschöpft.

Meinen Klagegesang, ich wäre dem nicht gewachsen und würde ganz bestimmt scheitern, wischt mein Bruder zur Seite: „Ich liefere das Know-how und die Kontakte, du organisierst vor Ort. Das ist doch kein Problem!“

„Und was ist, wenn die Handwerker Mist bauen? Ich sehe so was nicht!“

„Wir leben im 21. Jahrhundert“, antwortet mein Bruder ungerührt. „Du schickst mir ein Video auf WhatsApp und ich sage dir, ob es passt.“

Na dann…

Damit auch alle Freunde und Familienmitglieder an meiner Neuendeckung teilhaben können, produziert mein Bruder, nachdem wir zurück in Berlin sind, am heimischen Computer ein kurzes Video über das Pfarrhaus. Er bastelt es innerhalb einer halben Stunde aus den Aufnahmen der Drohne zusammen, die er während des Besichtigungstermins über das Pfarrhaus und die Nebengebäude fliegen ließ. Die Bilder von den Löchern in den Dächern und der schiefen Giebelwand des Stalls schneidet er heraus. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Als er mit dem Video fertig ist, darf ich mir ein Stück aus seiner selbst komponierten Liedersammlung aussuchen. Ich habe nur die Wahl zwischen Pop, Rock und Techno. Nichts davon passt wirklich, aber egal.

Kurz darauf verschicke ich sein zweiminütiges „Werbevideo“ des Pfarrhauses, unterlegt mit rhythmischem Rock.

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: es dominiert Begeisterung.

Allerdings gibt es auch kritische Rückmeldungen. Am harschesten fällt die von Suriyel aus. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Der ist auch Handwerker. Er muss die Löcher in den Dächern nicht gesehen haben um zu wissen, was es bedeutet, ein mehr als 200 Jahre altes Haus zu sanieren.

Von solchen „Hurra-Aktionen“ würde er überhaupt nichts halten, erfahre ich umgehend. Ob ich denn überhaupt einen Business-Plan hätte?

Ich glaube erst, mich verlesen zu haben: Suriyel ist in meinen Augen der letzte, der etwas von „Business“ vesteht!

Und überhaupt: „Hurra-Aktion“.

Wenn mir gerade nach etwas ganz sicher nicht der Sinn steht, dann ist es „Hurra!“…

Aber so läuft es eben zwischen uns. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Besichtigung

Drei Wochen, nachdem ich mich im Traum im evangelischen Pfarrhaus wiederfand, bin ich das erste Mal dort zu Besuch…

Der Makler ist schon vor Ort. Sein Wagen mit Werbeaufschrift parkt neben einem VW-Passat. Als wir in die Auffahrt einbiegen, eilt eine Frau durch das Tor. Wohl eine andere Kaufinteressentin. Sie springt in den Passat und braust davon. Es wirkt, als wäre sie auf der Flucht.

Während ich die Beifahrertür öffne, tritt ein Mann mittleren Alters aus der Haustür des Pfarrhauses. Ich tippe auf den Makler. Kurz schweift sein Blick über mich. Dann sieht er meinen Bruder, der – wie immer in Zimmermannskluft – behutsam die Fahrertür seines Oberklasse-Audi zuschiebt.

Die Gesichtszüge des Maklers beginnen bei seinem Anblick zu leuchten. Enthusiastisch die Hand meines Bruders schüttelnd, ruft er aus: „Sie sind genau der Mann, den dieses Objekt braucht!“

„Ich bin diejenige, die sich für das Haus interessiert!“, mache ich ihn auf mich aufmerksam. „Bei dem Herrn“, ich deute auf meinen Bruder, „handelt es sich um den Sachverständigen.“

Diese Information dämpft die Begeisterung des Maklers etwas. Dabei habe ich ihn nur beim Wort genommen. Der letzte Satz des Exposés des Pfarrhauses lautet: „Bitte bringen Sie zum Besichtigungstermin einen Bausachverständigen mit.“

Glücklicherweise bin ich mit einem Bausachverständigen verwandt: Mein Bruder ist nicht nur Zimmerer und Bauingenieur, sondern auch noch Chef seiner eigenen Baufirma. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Als ich ihm von meinem Traum vom evangelischen Pfarrhaus erzähle und ihm das Makler-Exposé zukommen lasse, ist er nicht im geringsten erstaunt über die Geschichte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mein Bruder und ich funktionieren nach den selben Prinzipien. Wir sind beide intuitiv.

Was mindestens ein genauso großes Glück ist wie der Fakt, dass er etwas von Altbausanierung versteht.

„Gott, ist das schön!“, murmelte er vor sich hin, während er sich die Fotos des Pfarrhauses das erste Mal ansah.

Als wir jetzt leibhaftig vor dem Gebäude stehen, ist sein Gesichtsausdruck neutral. Auf der Fahrt zum Besichtigungstermin hat er mir eingeschäft, dass ich mir meine Begeisterung auf keinen Fall ansehen lassen darf! Das könne mich viel Geld kosten!

Es fällt mir nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Im Gegenteil: Während uns der Makler über das Gelände führt, wird mir bang und bänger!

Im Schafstall ist bereits ein Teil des Dachs eingebrochen. Die Tür hängt schief in den Angeln. Mein Bruder stemmt sie mit aller Kraft auf. Nach einem Blick zur Decke verbietet er mir den Zutritt: Akute Einsturzgefahr.

Seine Führsorge rührt mich. Alles andere überfordert mich.

Als nächstes ist der Hauptstall an der Reihe. Umständlich öffnet der Makler das Vorhangschloss an einer der Stalltüren. Als er sie aufzieht, fällt mein Blick auf rottendes Stroh. An der Wand hängen rostende Metallkörbe. Mein Bruder klettert die schmale Treppe hoch. Die rohen Dielenbretter sind stellenweise verfault. „Pass auf, dass du auf dem Hauptbalken bleibst!“, ruft er mir zu, während er vorsichtig Schritt für Schritt den Dachboden durchquert. Er bleibt stehen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Na, das sieht aber nicht schön aus!“

Das, finde ich, ist eine absolute Untertreibung: Zwischen Dachfirst und Außenmauer klafft ein Loch von mindestens einem halben Meter! Und die Außenmauer sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen!

Wir nehmen den nächsten Stallzugang in Augenschein. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses wieder rottendes Stroh, im hinteren Teil eine weitere Pferdebox. Auch hier Stroh. Die schwache Ahnung von Pferdegeruch. Ein großer schwarzer leerer Plastikeimer. In der Ecke ein Rest Heu im Futtertrog. Allzu viele Jahre kann es nicht her sein, dass hier ein Tier gehalten wurde.

Wir nehmen die zweiteTreppe in den Dachboden. Im vorderen Teil lagert das rottende Heu hüfthoch. Mein Bruder wiegt skeptisch den Kopf.

Neben dem historischen Stall ein runder hölzerner Hühnerstall jüngeren Datums. Auch der ist eingestreut, im Inneren riecht es nach Huhn. Hier hat ganz sicher bis vor kurzem Federfieh gewohnt.

Der erste Lichtblick des Tages: Die Werkstatt. Mein Bruder pfeift anerkennend durch die Zähne, als uns der Makler das Tor aufschließt. Das Gebäude ist neu, aus Holz, mindestens sechs Meter hoch, mit großen Fenstern, einer riesigen Werkbank und Regalen, in denen ordentlich Werkzeug neben Werkzeug liegt.

Auf dem Weg zum Haupthaus kreuzen wir ein rotes Gartenhaus. Es befindet sich direkt am Ufer des Weihers, von dem ich geträumt hatte. „Zum alten Fritz“, steht über der Eingangstür. Durch die verglaste Front fällt unser Blick auf einen großen Tisch mit Wachstuchtischdecke. Drumherum Stühle. Auf einer kleinen Anrichte in der Ecke stappeln sich Schnapsgläser.

Das Häuschen wirkt inmitten des zweihundert Jahre alten Ensembles, als hätte es sich verlaufen.

Wir betreten das Haupthaus. In meinem Traum waren alle Räume leer. Jetzt bin ich mit der Realität konfrontiert: Während ich – wie in meinem Traum – von Zimmer zu Zimmer gehe, fällt mein Blick auf vergilbte Bravo-Poster aus den 90ern, DDR-Möbeln aus den 70ern. Auf wuchtigen Gründerzeit-Vitrinen stauben gerahmte Familienfotos vor sich hin. Die Küche wirkt, als wäre der Besitzer nur mal kurz zum Einkaufen gefahren.

Während ich mich – um Haltung bemüht – vom Makler verabschieden, ertönt hinter mir ein scharfes Surren. Mein Bruder lässt eine Drohne aufsteigen und über die Dächer der Gebäude fliegen, auf der Jagd nach weiteren Schäden, die nur durch Luftaufnahmen erkennbar sind.

Als ich – die Tür des Oberklasse-Audis achtsam zuziehend – auf den Beifahrersitz sinke, bin ich komplett bedient.

Das hier – denke ich – kann nur ein Alptraum sein!

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