Ich war mit leeren Händen gekommen. Über Monate hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich ihm mitbringen solle, wenn ich ihn das erste Mal besuchen würde. Aber als der Lockdown endlich beendet war und ich aufbrechen konnte, fühlte sich nichts richtig an. Also ließ ich es. So wie er es mich gelehrt hatte.
Anderen war es leichter gefallen, ihm ihre Verbundenheit zu zeigen, sah ich, als ich ihn endlich gefunden hatte. Kerzen brannten, Blumen blühten in Vasen und Töpfen, Malas waren zwischen kleinen Engelsfiguren drapiert.
Willigis war auf dem Klosterfriedhof zwischen seinen Mitbrüdern begraben worden. Ein schmales Grab am unteren Ende der vordersten Reihe. Der Grabstein fehlte noch, ein provisorisches Holzkreuz war mit seinem Namen und seinen Lebensdaten versehen: Willigis Jäger OSB, 7. März 1925 – 20. März 2020.
Vögel sangen in den Bäumen, die entlang der hohen Friedhofsmauer ihre Äste in die warme Morgensonne reckten. Der Duft von frisch gemähtem Gras hing in der Luft, aus der Ferne klang das gleichmäßige Rauschen der Autobahn herüber. Ich stand vor seinem Grab und spürte weinend der vollkommenen Leere nach, die sein Tod hinterlassen hatte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich verstünde in der Tiefe, was es bedeutet, wenn jemand wirklich tot ist. Willigis vor vollkommend WEG! Es erschütterte mich zutiefst. Wo er doch immer so sehr DA gewesen war! Mit Willigis zu sprechen – oder auch nur in seiner Nähe zu sein – war immer mit einer geradezu existentiellen Erfahrung der Präsenz einher gegangen.
Die meisten Menschen – wurde mir in diesem Augenblick bewusst – sind „WEG“ während sie da sind und „DA“, während sie weg sind. Willigis war „DA“ gewesen als er da war und jetzt, wo er „WEG“ war, war er vollkommen verschwunden. Er würde keinen seiner Schüler oder Angehörigen als Gespenst aus der Vergangenheit quälen, er hatte keine Verstrickungen hinterlassen, mit denen er Andere über seinen Tod hinaus an sich band.
„Es ist ihm egal, dass ich DA bin“, dachte ich, während ich mir die Nase putzte und mich wieder sammelte. „Er ist längst schon weitergezogen in ein anderes Universum oder eine andere Dimension. Nichts hat ihn zurückgehalten zu gehen, als es für ihn an der Zeit gewesen ist.“
Ich zog das eiserne Friedhofstor hinter mir zu und trat aus dem Schatten der hohen Bäume in die warme Sommersonne. Auf einmal segelte direkt vor mir eine Taubenfeder vom Himmel. Ich streckte die Hand aus und fing sie ihm Flug. Verblüfft schaute ich nach oben: der strahlend blaue Himmel über mir war leer, weit und breit war kein Vogel zu sehen. Ich lachte schallend: das war wieder einmal typisch Willigis!
Schon immer war ich mit leeren Händen zu ihm gekommen und nie ließ er mich gehen, bevor er mir nicht ein Geschenk überreicht hatte.
Ich rufe die kraftvolle Energie des zornvollen blauen Gottes Vajrakilaya in mir wach – eine umwerfende Erfahrung…
Ich breite meine Flügel aus und bewege sie vorsichtig auf und ab. Sie sind viel größer als auf dem Bild. Vajrakilaya tanzt, spüre ich. Ich nehme seine Bewegung auf, die Flügel schlagen im Takt dazu. Ich hüpfe auf und ab, Funken sprühen, Feuerzungen lodern.
Die Energie, die mich durchströmt, ist phantastisch.
Doch, halt!
Ich habe drei Köpfe!
Einen roten links, einen weißen rechts. Als ich in der Dynamik der Bewegung versuche, auch noch in drei Richtungen gleichzeitig zu schauen, bricht die Visualisierung zusammen.
Ich sitze wieder auf meinem Kissen im Schreinraum und muss mich beherrschen, vor lauter Frustration nicht meine Mala in die Ecke zu pfeffern.
Die Anderen murmeln weiter konzentriert das Wurzel-Mantra vor sich hin, lassen dazu die Perlen ihrer Malas durch die Finger gleiten und sind in der Meditation.
Also noch einmal von vorne: ich nehme wieder Position ein, kontrolliere kurz im Skript, ob ich alle Silben des Wurzel-Mantra auch korrekt rezitiere, fokussiere noch mal den kleinen blauen Vjarakilaya auf der Postkarte vor mir, taste in meinem Unterleib nach der korrespondierenden Energie und lasse sie meine Wirbelsäule entlang nach oben strömen, bis sie über mein Stirnchakra nach Außen dritt.
Während mich die Energie nur so durchschüttelt, transformiere ich erneut zur flügelschlagenden, rhythmisch sechs Arme bewegenden, auf ihren Feinden tanzenden Gottheit Vajrakilaya, die von Flammenzungen umspielt wird.
Ein wunderbares Gefühl der Freiheit durchströmt mich!
Ich beschließe, die Visualisierung der zwei Köpfe erst einmal ruhen zu lassen, genieße Bewegung, Energie und Klarheit und entschuldige mich im Geiste für alles, was ich dem tanzenden blauen Gott gestern in meiner Frustration vorgeworfen habe.
Er fühlt sich auch nicht richtig männlich an. Was ich mit meiner Gefährtin machen soll, die ich auf meiner mächtigen Brust vor mir her trage, ist mir auch noch nicht richtig klar. Sie sind offensichtlich im Geschlechtsakt vereint, aber jetzt an Sex zu denken – und auch noch als Mann! – wäre höchst störend, es ist ein weiteres Problem, das ich auf später verschiebe. Wir haben ja noch ein paar Tage: mehr als zu Vajrakilaya zu werden und das Bild in seiner Komplexität stabil in der Bewegung halten zu können, habe ich mir für das erste Retreat nicht vorgenommen.
Ich konzentriere mich auf die Flügel. Die sind richtig cool! Sechs Arme, nun gut, die werden sicher noch von Nutzen sein, wenn es darum geht, die Feinde zu zerschmettern. Aber gerade tanze ich, schwinge die Arme im Takt dazu und fache mit jedem Schlag meiner mächtigen Flügel das Feuer um mich weiter an. Funken sprühen,der Energielevel steigt und steigt. Es wäre klasse abzuheben und eine Runde zu fliegen, denke ich mir. Nur wohin dann mit den sechs Armen? Außerdem bin ich noch nicht durch, ermahne ich mich. Die beiden Köpfe an den Seiten müssen auch noch aktiviert werden.
Der Rinpoche fängt an, laut das Mantra zu singen, die erste Runde Visualisierung ist beendet. Ich mache mir eine mentale Notiz für den morgigen Tag: einmal Rundumsicht erarbeiten und zur Belohnung ein Flug über das Retreathaus stehen auf dem Programm.
Der achtarmige dreiköpfige geflügelte zornvolle Gott Vajrakilaya löst heftigen Widerstand in mir aus…
Vajrakilaya mit seiner Gefährtin
Irgendwann während der Nacht wache ich auf, etwas kitzelt im Gesicht. Ich taste in der Dunkelheit. Es dauert, bis ich realisiere, dass ich einen der beiden wedelartigen Grashalme in der Hand halte, die uns der kleine nepalesische Rinpoche während der mehr als dreistündigen Einweihung überreicht hatte. Wir sollten einen der Halme unter die Matratze legen, den anderen unter das Kopfkissen, wurde uns aufgetragen. Dann würden uns unsere Träume Aufschluss über unsere Praxis geben.
Ich stopfe den halb zerbröselten Wedel wieder unter das Kopfkissen. Bevor mich der Halm geweckt hat, habe ich von einer aufgeschnittenen Ananas geträumt. Das ist nicht die erschütternde Traumbotschaft, die ich nach einem Retreattag wie dem vergangenen erwarten hätte.
Der zornvolle blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen, sechs Armen, seinen Flügeln und seiner Gefährtin, die er – kaum sichtbar – vor sich auf der Brust trägt, während er unter den Füßen seine Feinde zermalmt, hat sich als unüberwindbares Hindernis entpuppt. So erfreut ich darüber war, wie wenig inneren Widerstand die weibliche zornvolle Gottheit Simhamukha ausgelöst hat, so frustriert bin ich über Vajrakilaya. Mich selbst als löwenköpfige Simhamukha zu visualisieren, hat mir regelrecht Spaß gemacht: es war, wie an Fasching ins Hexenkostüm zu schlüpfen.
Aber mich in einen männlichen zornvollen Gott zu verwandeln? No way! Jedesmal, wenn ich die Postkarte mit seinem Bild, das ich vor mir an meinen Kaffeebecher gelehnt habe, ins Visier nehme und versuche, irgendwie mit ihm in Kontakt zu kommen – ich brauche eine Idee seiner Energie, damit ich mich in ihn „verwandeln“ kann – überkommt mich bleierne Erschöpfung. Es ist, als würde jemand wie auf Kommando mein Hirn ausschalten. Das verdammte Wurzelmantra, das wir rezitieren müssen, während wir uns selbst als Vajrakilaya visualisieren, kann ich mir auf den Tod nicht merken. Bei Simhamukha brauchte ich eine Viertelstunde, bis ich es auswendig konnte. Die eine Zeile für Vajrakilaya will einfach keine Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Er macht mich fertig!
Während des Mittagessens klage ich dem amerikanischen Lama mein Leid. Die Übersetzung des Zeremonien-Texts aus dem Tibetischen samt sämtlicher Fußnoten, wie man was zu visualisieren hätte, stammen schließlich von ihm. „Ja, ja“, nickt er wissend, „sich in die andersgeschlechtliche Meditationsgottheit zu verwandeln, ist immer eine Herausforderung, besonders wenn sie zornvoll ist.“ Das ginge nicht nur mir so. Immerhin ein kleiner Trost.
Die Zeremonie für Vajrakilaya zieht sich über den gesamten Tag. Das dicke Copyshop-Buch, durch das wir uns arbeiten, ist – wie bei Simhamukha – nichts anderes als das ausgefeilte Drehbuch für einen Film, der sich vor unseren inneren Augen abspulen soll. Gute und böse Kräfte erscheinen, Opfergaben in allen Formen und Variationen – auch höchst unappetitlichen aber mächtige – werden visualisierend bereitet und dargebracht. Schließlich der Höhepunkt: Vajrakilaya zermalmt seine Feinde zu Staub!
Der Rinpoche begleitet den inneren Film mit rituellen Handlungen: wenn er nicht gerade die Trommel schlägt und mit uns rezitiert, bereitet er diverse Opfergaben vor und bringt sie dar. Weil ich ihm gegenüber sitze, obliegt es mir, in regelmäßigen Abständen die kleine Schale Bier für die jeweils aktuelle Klasse der Götter aus dem Fenster zu kippen. Zwischendurch fliegt auch mal ein Torma hinaus, beziehungsweise muss irgendwo im Garten platziert werden.
Um sechs Uhr Abends sind wir fast durch, der Rinpoche ruft zufrieden: „Zock!“. Jetzt dürfen wir essen, was die Götter von den geweihten Speisen übrig gelassen haben. Uriel steigt nach vier Tagen Rotwein auf Gin Tonic um, der Rinpoche bevorzugt Bier. Wir teilen Chips, Kekse, Oliven und getrocknetes Fleisch unter uns auf. Der kleine blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen starrt mich giftig von seiner Postkarte an, während ich einen Schluck Wein nehme. Ich starre giftig zurück und denke: du Ekel! Ich verabscheue aggressive Männer. Da können sie noch so Klarheit und Erleuchtung bringen, ich packe sie nicht.
Es hilft nichts. Ich habe noch fünf Tage Zeit, mich in diesen zornvollen Typen zu verwandeln. Egal wie!
It’s a new day. Katharina invited us to breakfast. The weather was perfect, it was sunny and warm. We left our apartment and went looking for a place to eat. Along the way, we took photos and had fun talking. I was very calm. We came to the city center and decided to go to the first cafe that came across. But the menu did not impress us, there was practically nothing to eat. And we decided to go further in search, as we were too hungry. Having bypassed a couple more establishments, Vasselila remembered that there is a great place nearby where we can have a great meal. I walked with Katarina in front, Vaselisa and her friend walked behind us. I accidentally overheard the conversation. Vasilisa’s friend was extremely unhappy that we could not decide on a place for so long. She thought it was because Katarina didn’t eat many types of foods. It made me very angry, I don’t understand how she could say that? It looked very rude of her. I told Katarina that I was angry and ready to hit Vasilisa’s friend. Of course I said it was not serious, I don’t hit people. Katarina reassured me, we finally found a place where we can have breakfast. It was something like a buffet. We served food, Katarina took coffee. Vasilisa and I took a beer. It was so wonderful to know that I can do whatever I want and I don’t care what others think. I am finally on vacation, I met after long time my friend, next to me is my close friend who shared this journey with me. I’m so young and there’s so much more to come. We had fun all morning. Katarina decided to stay because she is more responsible for writing a blog, and she does it more than once a week, unlike me. And Vasilisa and I decided to take a walk. We walked and at some point sat on a bench and lit a cigarette. We talked about what happened in our lives since we didn’t see each other. I was sincerely sorry for her because she got into bad company. And she returned to the same habits that I tried to help her overcome. I think she was also far away from me, our family situations are very similar. It was sad, but I received a message on Whatsapp that Katarina is free. We are a shipper to the sea. We took a taxi quite quickly, leaving the car we immediately found ourselves at the entrance to the beach. And after a couple of minutes we see the beautiful Baltic Sea. I started to run. I don’t know why, but it seems to me that at that moment I was truly happy, I was overwhelmed with emotions. Vasselila ran after me. Katharina decided to walk along the coast, and we, after our run, decided to stay and take some photos. It was very windy and very soon I felt very cold. We went home. It was a pleasant holiday, short but still. I spent great time with people close to me.
Meditationspraxis muss gefunden werden. Manche laden sich eine App herunter, buchen einen Kurs im Wellness-Hotel. Selbst diese Aktivitäten – so banal sie Hard-Core-Meditationsjüngern scheinen – benötigen einen Impuls, eine innere Suchbewegung. Wenn diese stark genug ist, wird auf dem Radarbildschirm des Bewusstseins irgendwo ein grüner Punkt aufleuchten. Da ist sie – eine Praxis!
Aber jede Praxis wird von einem Wächter beschützt. Er ist ein Archetypus, eine tief im individuellen wie kollektiven Bewusstsein verborgene Figur, präsent in Mythen und Geschichten seit Anbeginn der Menschheit. Der Wächter hat eine wichtige Funktion: er prüft den Willen des potentiellen Adepten.
Zum ersten Mal manifestiert er sich, wenn die Praxis in greifbare Nähe rückt. Manchmal als Zweifel: ist es wirklich das richtige für mich, sollte ich nicht lieber X,Y,Z machen? Des Öfteren nimmt er die Gestalt von Trägheit an und lässt alleine das Buchen des Retreats zu einer nicht zu bewältigenden Kraftanstrengung werden. Häufig tarnt er sich als Getriebenheit: es muss noch so viel erledigt werden, bevor ich – irgendwann – ein Retreat buchen kann.
Der Wächter der Praxis kann sich auch im Außen manifestieren: als Partner, der überhaupt nichts von solchen Albernheiten hält, als Krankheitsfall in der Familie, der in letzter Minute eine Stornierung erzwingt, als ungeduldiger Vorgesetzter, der genau an dem Wochenende Einsatz fordert, an dem das Retreat angesetzt ist.
Den wenigsten, die das erste Mal in einem Meditationskurs sitzen, ist bewusst, dass sie zu den „Happy Few“ gehören. Zu denen, die den ersten Wächter auf dem Weg zur Erleuchtung erfolgreich überwunden haben.
Aber schnell stellt sich heraus, dass es nur ein kleiner Etappensieg war. Kaum beginnt die Unterweisung in die Praxis, ist er wieder da, der Wächter. Während des ersten Zur-Ruhe-Kommens, wenn die Wellen der Emotionen flacher und flacher werden und vage Bilder aus dem Unbewussten aufzusteigen beginnen, prüft er erneut. Im Zen manifestiert sich der Wächter zu Beginn der Praxis vor allem in Form von körperlicher Unruhe und Schmerz. Viele sind völlig überfordert davon, dass es auf einmal buchstäblich „nichts zu tun“ gibt. Über Stunden und Tage nichts anderes als stilles Sitzen auf dem Kissen, dazu der Atem, der kommt und geht.
Begleitet vom Bewusstsein, dass jede kleine Bewegung – das Kratzen an der juckenden Nase, das Verlagern des schmerzenden Knies – die donnernde Stille des Zendos stören würde, man ertappt wäre dabei, in der Praxis nachzulassen. Und je heftiger der innere Widerstand gegen das stille Sitzen wird, je mehr man den erlösenden Gongschlag herbei sehnt, um so unerträglicher werden Unruhe und Schmerz.
Es ist die existentielle Erfahrung des völligen Zurückgeworfen-Werdens auf sich selbst. Nie ist man einsamer und sich selbst mehr ausgeliefert als auf dem Kissen. Die meisten haben sich Meditation anders vorgestellt. Man erwartet Wellness und Glücksgefühle, statt dessen findet man sich in einer Folterkammer wieder. Dazu die Strenge und Kühle des Lehrers, wo man doch geliebt und angenommen werden möchte! Wieder hat der Wächter seine Pflicht getan. Aus den „Happy Few“ sind die „Happy very few“ geworden.
Und so geht es immer weiter, Retreat um Retreat, Jahr um Jahr. Der Wächter lässt nie nach in seinem Bestreben, zu prüfen, ob man es wirklich ernst meint mit der Praxis. Er ist unermüdlich, immer im Dienst und gnadenlos. Je höher der Gewinn, der mit einer Praxis einher geht, um so unerbittlicher seine Prüfung. „Meinst du es wirklich ernst?“ fragt er wieder und wieder. „Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?“
Und der Preis ist hoch: viele bezahlen den Gewinn aus der Praxis mit dem Verlust von Ehepartnern, sozialem Ansehen, der Sicherheit zu wissen, wer und was sie sind, wo sie hingehören.
Die Praxis bringt existentielle Unruhe ins Leben, denn das ist ihr Auftrag: der Weg zur Erleuchtung ist gepflastert mit dem Abschied von Konzepten. „Wenn du deine Mutter triffst, töte deine Mutter. Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha“, lehrte Rinzei. „Es gibt nichts, was heilig ist.“ Alles muss in jedem Augenblick in Frage gestellt werden. Jede Sichtweise, jede Idee davon, wie ich bin, wie Andere sind, wie die Welt zu sein hat, ist einfach nur Konzept, das von der Realität abschneidet.
Meine Zen-Lehrer lehrten mich, den Wächter in allen seinen Erscheinungsformen zu würdigen. Nie begegnet man sich selbst direkter und ungeschminkter, als in den Momenten, in denen er prüft. Er legt alle Schwächen, Phantasien und Ausflüchte gnadenlos bloß. Wenn das erkannt und akzeptiert werden kann, wandelt er sich vom Gegner zum Verbündeten.
Wenn er sich mir in den Weg stellt, falte ich die Hände vor der Brust und verneige mich – meist zähneknirschend – tief vor ihm, um ihm meine Dankbarkeit für sein pflichtbewusstes Werk zu zeigen.
Torma, vom Rinpoche aus Haferflocken und Butter geformt und mit Lebensmittelfarbe eingefärbt.
Sang Chöd. Der Rinpoche hält – auf seinem roten Thron sitzend – die Flamme des Feuerzeugs an ein Stück Kohle, legt es, als es glüht, in eine kleine Metallschale und häuft eine Mischung aus Mehl, Zucker und Butter darüber. Es ist kurz nach halb acht Uhr morgens, wir beginnen den Tag mit einem Opfer-Ritual für die Buddhas, Boddhisttvas und die Wesen aus dem formlosen Bereich. Ich nehme auf sein Zeichen hin die rauchende Metallschale, öffne das Fenster und platziere sie außen auf dem Fensterbrett. Die Metallschale ist ungünstig, hat uns der Rinpoche gestern erklärt, das Behältnis müsse aus Ton sein. Die schwächsten aller Wesen – die aus dem formlosen Bereich – sind so scheu und ängstlich, dass das Metall sie verstört. Obwohl sie unendlich hungrig sind, wagen sie es nicht, das Opfer anzunehmen.
Ich habe schlecht geschlafen. So ist es immer: nach dem High geht es abwärts. Je extremer der positive Effekt der Meditationspraxis, desto krasser der Absturz. Gestern bin ich im Zustand des vollkommenen Friedens durch den Tag gewandert und in tiefer Harmonie eingeschlafen.
Nachts, im Traum oder im Halbschlaf – während intensiver Retreats lässt sich irgendwann der Wachzustand nicht mehr wirklich vom Traum unterscheiden – das Bild meines im Bett liegenden Körpers. Samt meiner Aura. Ich bin irritiert, über meine Aura habe ich mir bisher keine großen Gedanken gemacht. Aber, voila, da ist sie! Weiß und hell. Aber nicht ruhig strahlend, sie vibriert, unangenehme Lichtblitze zucken und stören den Fluss des Lichts. Ich verströme eine Energie, die wirkt, als wäre in meinem Unterleib einen Störsender eingebaut.
Mit diesem Bild stolpere ich morgens um sieben in die kalte dunkle Küche. Mein Blog ist immer noch offline, leider ist in der Nacht kein Wunder geschehen. Ich schreibe eine weitere Klagemail an meine „persönliche Kundenbetreuerin“, von der nur vorgefertigte Standard-Antworten zurückkommen.
Dann muss ich auch schon zum Sang Chöd antreten. Nicht mal einen Kaffee konnte ich mir aufbrühen, es ist nicht mein Tag heute. Als wir mit dem Opfern durch sind, lässt der Rinpoche auf einmal seinen Blick auf mir ruhen und spricht mich direkt an. Ich müsse zukünftig morgens täglich eine bestimmte Praxis durchführen. „Katharina“, erklärt er mir in seinem gebrochenen Englisch, „du brauchst es, damit du damit klar kommst, dass deine Schönheit geht und du alt wirst.“ Die Erlösung läge nur in der Erreichung der Buddha-Natur, keine Antifalten-Creme würde mich befreien. Samsara, was sonst.
Guten Morgen und vielen Dank! Und das ohne Kaffee! „Is this your personal compliment for me before the breakfast?“ Er ist offensichtlich verblüfft darüber, dass ich gekränkt auf seine Fürsorge reagiere und mich über etwas echauffiere, was ja wohl offensichtlich ist und alle betrifft, nicht nur mich. Der Buddha hat schließlich gesagt, dass Leben Leiden ist. „Geboren werden ist Leiden, krank werden ist Leiden, alt werden ist Leiden, sterben ist Leiden.“ Die Anderen aus der Sangha stimmen im Chor in meine Besänftigung mit ein. Das ginge allen so, sie würden auch nicht jünger und schöner etc.
Nach dem Sang Chöd wird gefrühstückt, ich lehne meine Zeitung an den Saftkrug, gebe mich den aktuellen Weltkatastrophen hin und bin nicht zu mehr zu sprechen.
Wir haben heute frei, Simhamuka ist abgeschlossen, morgen beginnt Vajra Kilaya. Der Rinpoche muss die Tormas – die rituellen Opferspeisen für die Geister und Götter – für das anstehende Retreat basteln. Tormas sind aus Haferflockenteig geknetete dreiseitige Pyramiden, die mit Lebensmittelfarbe rot eingefärbt werden. Die tibetischen Schamanen opfern Tiere, um die Geister und Götter zu besänftigen. Weil der Buddhismus das Töten von Lebewesen untersagt, bieten die Lamas ihnen Tormas an – spirituellen vegetarischen Fleischersatz. Dank ihrer langjährigen Meditationspraxis können sie die Haferflockenpyramiden mit so viel Lebensenergie aufladen, dass die Geisterwelt ohne schlechtes Karma gesättigt und besänftigt wird.
Während der Rinpoche singend und betend seinen Haferflockenteig knetet, schlüpfe ich in meine Laufschuhe. Am Ende wird mich – mit sehr viel Glück – meine Praxis aus dem Samsara befreien. Bis dahin kämpfe ich mit irdischen Mitteln gegen meinen körperlichen Verfall an.
Der Weg führt entlang eines wild rauschenden Baches durch den kahlen Winterwald. Weiße Flocken segeln vom grauen Himmel. Ich folge einem einsamen Paar Fußspuren im Schnee. In den Büschen und Wipfeln singen und pfeifen unverdrossen die Vögel, sie spüren den Frühling trotz Kälte und Eis. Der Pulsoximeter hält sich stabil im roten Bereich, ich glühe vor Energie. Während ich vor mich hinlaufe, spüre ich meinem Ärger nach. Tantra-Praktizierende verbringen ihr Leben damit, Ahnungslosen zu erklären, dass es im tibetischen Tantra NICHT um Sex geht. Es wäre einfach nur Meditation, inklusive der Visualisierung körperlicher Verschmelzung mit dem andersgeschlechtlichen Gefährten der Meditationsgottheit. Das stimmt allerdings nur bedingt. Es gibt durchaus auch den höchst realen geschlechtlichen Aspekt, das macht diese Form des tibetischen Buddhismus so anfällig für sexuelle Ausbeutung. Das traditionelle Ideal des tibetischen Tantra-Praktizierenden ist der wandernde Siddha, der sich ein schönes Dorf-Mädchen sucht, um mit ihr gemeinsam in aller Körperlichkeit an der Vervollkommnung seines Energiekörpers zu arbeiten. Es gibt unsägliche Geschichten darüber, was Lamas naiven Frauen aus dem Westen alles weiß machen, immer mit der Kernbotschaft, was sie mit ihnen anstellen würden, diene einzig und allein ihrer Buddha-Natur.
Das hat unser liebenswerter ernsthafter Rinpoche ganz sicher nicht im Sinn. Er ist rührend besorgt um meine Erleuchtung. Da sitzt diese alternde Frau vor ihm, strengt sich an wie blöd, hat keine Ahnung von nichts und es ist nur noch so wenig Lebenszeit für sie übrig, damit sie Buddha-Natur erlangen kann.
Aber trotzdem! Wenn ich irgendetwas verabscheue, dann ist es dieser wertende Blick auf mein Äußeres. Den haben Männer wie Frauen drauf. Der Blick von Frauen auf Geschlechtsgenossinnen ist oft noch grausamer als der von Männern.
Es ist der Blick, mit dem ich aufgewachsen bin, deshalb reagiere ich wohl so empfindlich. In meiner Familie ist die Rollenteilung klar definiert, Grautöne nicht gestattet. Die Männer haben mit dem Messer zwischen den Zähnen in die Welt hinauszuziehen und in einem Kampf auf Leben und Tod ihr Hab und Gut zu mehren. Den Frauen ist es aufgetragen schön zu sein – sie repräsentieren schließlich den hart erkämpften Erfolg der Männer – und dabei ein unterwürfiges und bedürfnisloses Verhalten an den Tag zu legen. Die einzigen Bedürfnisse die zählen, sind die der Männer.
Ich komme aus einer archaischen Welt, ist mir irgendwann bewusst geworden. Die Moderne mit den philosophischen Errungenschaften der Aufklärung hat keine Spuren im Denken und Fühlen meines Familiensystems hinterlassen. Es gilt die Regel der Omertà, des Schweigens der sizilianischen Mafia. Was in der Familie geschieht – und dazu gehört die „Zurichtung“ des Nachwuchses mit Mitteln, die den Staatsanwalt auf den Plan rufen würden – muss unter allen Bedingungen geheim gehalten werden.
Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass mich der tibetische Buddhismus mit seinen schamanischen Wurzeln und seinem Fokus auf die Besänftigung und Befriedung böser Kräfte so anspricht, obwohl er mir auf der rationalen Ebene fremd ist. In der Tiefe habe ich es im Blut.
Während ich vor mich hin koche, kämpfe ich mich einen Hang hinauf. Oben angekommen geht es über eine Anhöhe, links und rechts Wiesen und Felder. Es ist genug jetzt, ermahne ich mich. Jammern ist verboten. Nichts ist sinnloser, als sich zum Opfer eigener oder fremder Konzepte zu machen. AKZEPTANZ. Es ist wie es ist. Ich altere, in Gottes Namen. So lange ich noch sitzen und meditieren kann, geht die Welt nicht unter.
Als ich in die Auffahrt des Retreathauses einbiege, habe ich mich wieder beruhigt. Ich stoppe den Zeitmesser und bekomme auf dem kleinen Bildschirm meiner Laufuhr einen Pokal überreicht. „Ein neuer Rekord!“ meldet sie. Na bitte!
Der Nepalese ist ein Rinpoche – ein Meister – der Amerikaner ein Lama – ein Lehrer. Deshalb bekommt der Nepalese die Suppe vor dem Amerikaner. Es ist das selbe Prinzip, dass ich schon aus den Zeremonien kenne: die hohen Götter bekommen ihre Opferspeisen vor den lokalen Gottheiten. Hierarchie ist wichtig im tibetischen Buddhismus.
Dass der kleine freundliche Nepalese mit dem kahlgeschorenen Schädel wirklich ein Rinpoche ist, bekomme ich während der Zeremonie für Simhamukha zu spüren. Sie zieht sich über den den ganzen Tag: vier Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Das Skript, durch das wir uns rezitierend, trommelnd und opfernd arbeiten, hat fast vierhundert Seiten.
Die Energie des Rinpoche lässt den Schreinraum glühen. Draußen segeln Schneeflocken in das graue Wasser des Weihers. Drinnen sitzt der Nepalese schwitzend im Unterhemd auf seinem roten Thron, drischt rezitierend auf die große tibetische Trommel ein und führt uns mit verblüffenden Konzentration durch das Ritual.
Ich haste mit dem Finger von Zeile zu Zeile, bei dieser Geschwindigkeit die tibetische Lautschrift zumindest einigermaßen richtig auszusprechen, ist eine Herausforderung. Zwischendurch wird immer wieder gestoppt, das Skript korrigiert, der Rinpoche hört, trotz des durch mich verursachten „Rauschens“, jeden Fehler, der sich in die Übersetzung der tibetischen Schriftzeichen in die Lautschrift eingeschlichen hat!
Eigentlich müsste ich, die Rezitation begleitend, noch Visualisieren. Das Zeremoniell ist nichts anderes als eine Anleitung zur Meditation. Unter der tibetischen Lautschrift wird sowohl in tibetischen Lettern, als auch in englischer Übersetzung, Schritt für Schritt beschrieben, was sich vor meinen inneren Augen abspielen soll. Es ist das Drehbuch eines phantastischen Films. Im Mittelpunkt: die löwenköpfige Dakhini Simhamukha.
Für Tantriker verfügt unser Körper über drei verschiedene Dimensionen: „Body“, „Speech“ and „Mind“. „Body“ ist der physische Körper, „Mind“ die mentale Ebene. Tantra ist auf das fokussiert, was dazwischen ist: „Speech“. „Speech“ beschreibt in diesem Kontext nicht „Sprechen“, sondern bezieht sich auf unsere Existenz als Wesen, die durch und durch aus Energie bestehen. Alles was wir denken, fühlen, tun – die Worte die wir sprechen, die Gedanken, die unser Handeln und Erleben begleiten, die Emotionen die durch innere und äußere Impulse ausgelöst werden, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – ist nichts anderes als ein Ausdruck unseres Energiekörpers.
Sind wir durch karmische Belastungen energetisch blockiert, verstricken wir uns durch Ignoranz und negative Gefühle mit der materiellen Welt. Wir leiden, verursachen Leiden und finden nicht den Weg zur Erleuchtung. Deshalb zielen alle Praktiken des Tantra darauf ab, unseren Energiekörper zu reinigen und unsere Lebensenergie zu transformieren.
Tantra fokussiert auf das Unbewusste. Durch Visualisierungen, das Rezitieren und Singen von Mantras, die Verwendung bestimmter Mudras und Körperhaltungen sollen Blockaden durch negative Emotionen und falsche Vorstellungen aufgebrochen werden. Die Prozesse, die durch das Praktizieren von Tantra ausgelöst werden, können mental herausfordernd sein.
Sowohl die friedvollen als auch die zornvollen Gottheiten, in die sich die Schüler durch Visualisierungen verwandeln sollen, sind Ausdruck der verschiedenen Aspekte der Buddhaschaft. Tantra ist deshalb – trotz des üppigen Götterhimmels – nicht polytheistisch, die einzelnen Gottheiten repräsentieren akzentuierte emotionale Zustände, die vom Lehrer – je nach karmischer Belastung und aktueller Problemlage – verschrieben werden, wie ein Arzt spezifische Medikamente bei körperlichen Beschwerden verordnet.
Zu den „harten“ Methoden des Tantra gehören die „zornvollen“ Praktiken. Eine davon ist Simhamukha, die Dakhini mit dem Löwenkopf.
It was the fourth hour of our journey. I did not feel tired, I was looking forward to meeting Vasilisa. I felt that something good was about to happen. And now we are already in Poland, but there are still a couple of hours of travel ahead. We stopped at a gas station. Our driver turned out to be quite a nice person. He said that he wanted to go to eat at one of his favorite Polish restaurants. I supported him, as I was determined to try something from Polish cuisine. But it turned out to be McDonald’s. I will not say that I was upset, of course it was not the favorite „Polish restaurant“ that I expected, but it turned out to be no worse. Katorina and I went inside. She does not like such food, so she only took coffee. We talked about what we would like to see in Gdansk, we were so happy. We continued on our way. In one of the villages, our fellow traveler and part-time friend of the driver left us and wished us a good trip. We started talking to the driver. He works near Munich and they immediately hit it off with Katarina as she knows those places around Bavaria. Time flew by, he told us about Gdynia, where he lives, it’s only twenty minutes from Gdansk. And he told us that we had to return when it was warm. We got out of the car at the station, the driver was very worried about whether we would get there, explained many times which train we needed and where to buy a ticket. It was very nice of him, it’s still unusual for me that strangers can be really genuinely kind. And here we are standing at the station, I’m smoking, it’s twenty minutes before the train, I feel like I’m starting to freeze. Suddenly a young man comes up and asks us something in Polish. I answer that we do not speak Polish. He looks at me and asks in Russian “maybe you speak Russian or Ukrainian?”. “I’m talking for two,” I answer and immediately specify where he is from. I’m always wary of this kind of dialogue. „Belarus“. The guy was frankly dissatisfied with the situation in his country, and this is understandable. It was difficult for him to leave the country, but he specified that he was more comfortable in Poland. We got on the train and he continued talking. He talked a lot. It looked like he had no friends and was very lonely. I feel very sorry for such people, because it was clear that he really wanted to talk to us. Before leaving the train, he uttered, “I know a bar where there are a lot of immigrants from Belarus and Ukraine, can we go sometime? Will you give me your number?“ I didn’t want to offend him, it was clear that he was nervous, so I gave my instagram. He left the train, after a few stops we also got off and finally ended up in a taxi, then Vasilisa met us and we went up to our apartment. Vasilisa and her friend cooked dinner for us, the apartment turned out to be much smaller than I expected. But I was glad to meet Vasilisa after a couple of years. At dinner we drank champagne and some gin. After that we decided to go to the club. We had a lot of fun, we remembered our meetings in Zaporozhye. There were many funny situations. We went outside, decided to smoke and call a taxi after. I finally felt at ease. After a long time, I met a person whom I know, with whom I have a memory, something dear. Such a forgotten feeling for me. We got into a taxi, the driver was a rather attractive woman who also turned out to be from Belarus, we talked a little, it turned out that she was a little over forty, which surprised me a little, since she looked much younger. Vasilisa became drunk within minutes of our journey. We stopped at the club. „Let’s smoke?“ she suggested to our driver. She agreed, and while we were smoking, Vasilisa showered her with compliments, even hugged her. It was funny to watch it from the side. When we entered the club, there were not many people, but we liked the music, so we took a cocktail and went to dance. At some point, Vasilisa disappeared. And this club has 3 floors! We went around all three several times. She was at the closet, talking to her friend. In the end, we returned to dance, but she warned that she wanted to continue the discussion with her friend. We didn’t mind, but soon we got tired of this party and we wanted to go home. Vasilisa disappeared again. I went outside with her friend. She is also a little younger than me, but for some reason from the very beginning made me a dubious impression. We’re trying to get through to Vasilisa. I was angry. She always does that, it turns out she left with some guy. We called a taxi, it was 4 am when we arrived home. Katarina woke up. „Everything is fine?“ she asked. I replied that I was angry with Vasilisa and just went to bed. I did not hear when she returned, but when I saw that she was sleeping, I became calmer. It didn’t make sense to talk to her about how it wasn’t right. It happened more than once. I made sure everything was fine and fell asleep again. Looking forward to a new day.
Jede Sekunde zählt! Ich schnalle den Treckingrucksack enger, werfe mich, als sich die Tür des EC vor mir öffnet, aus dem Zug, haste die steilen Treppen des Berliner Hauptbahnhofs hinunter, jage den langen Flur des zweiten Untergeschosses entlang, schlittere um die Kurve.
Da, die letzte Treppe, unten steht der ICE nach Leipzig! Monotones Piepen begleitet das Schließen der Türen. Als ich keuchend am Bahnsteig ankomme, fährt der Zug an. „Sänk you for Träveling wiss Deutsche Bahn“, denke ich ergeben. …Deutschland hat mich wieder.
Die erste Zugdurchsage auf Deutsch während der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt/Oder hatte mir regelrecht in den Ohren geschmerzt. Das polnische Sprachbad in Gdanzg war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dass ich über Tage nicht verstand, was um mich herum gesprochen wurde, hatte mich nicht gestört. Im Gegenteil: erst als ich wieder mit dem Deutschen konfrontiert bin, wird mir bewusst, dass ich in Gdanzg die ganze Zeit mit dem Gefühl herum gelaufen war, in der Tiefe würde ich alles verstehen.
Die deutschen Sätze um mich kommen mir vor wie eine Fremdsprache, es ist, als müsse ich sie die ganze Zeit im Kopf übersetzen. Ich habe einen regelrechten Kulturschock! Und das nach zehn Tagen im Nachbarland Polen!
Ich wandere quer durch den Bahnhof, es ist fünf Uhr abends. Rush Hour. Eine Stunde, bis der nächste ICE nach Leipzig fährt. Auf dem Vorplatz sitzen die üblichen Berliner Verdächtigen in der Abendsonne, von der anderen Seite der Spree grüßt die Reichstagskuppel.
„Ich bin wieder da,“ denke ich, während ich die träge im Wind flatternden Deutschlandfahnen betrachte. „Unfug!“, ermahne ich mich. Was ist das für ein Satz? Ich bin immer „da“! Oder ich sollte es zumindest sein, denn das ist das Ziel meiner Meditationspraxis: Präsenz. Ich war in Gdanzg da, jetzt bin ich in Deutschland da. Ein Zitat von Meister Dosan aus dem 16. Jahrhundert fällt mir ein: „Der Weg liegt immer unter deinen Füßen.“
Das ist die eine Wahrheit. Die unmittelbare, sinnliche: ich höre, ich sehe, ich rieche, ich schmecke. An mir ziehen Geräusche, Farben, Gerüche, Geschmäcker vorbei. In diesem Augenblick: meine Bewegung, meine Emotion, mein Schritt. Jetzt! Alles ist immer nur genau dieser eine Atemzug, dieser eine Moment. Es ist die Essenz dessen, lebendig zu sein.
Gleichzeitig gibt es noch eine andere Wahrheit. Kapuscinski schreibt in „Travels with Herodotus“: „A journey, after all, neither begins in the instant we set out, nor ends when we have reached our doorstep once again. It starts much earlier and is really never over, because the film of memory continues running on inside of us long after we have come to a physical standstill. Indeed, there exists something like a contagion of travel, and the disease is essentially incurable.“
Ich bin im Außen gereist – und gleichzeitig im Inneren. Mein „film of memory“ zeigt mir nicht nur die prächtige Innenstadt von Gdanzg, die Brandung der Ostsee. Irgendwo in mir hat sich Polen verankert. Wohl im Herzen. Es ist lebendig. „This disease is essentially incurable.“ Die Reise geht weiter. Wohin sie führen wird, ist ungewiss. Es spielt keine Rolle: Der Weg liegt immer unter meinen Füßen, im Innen wie im Außen.
Am Abend schreibt mir Uriel: „Keep on writing, Katharina. Jetzt wird der Blog erst richtig gut.“
Übermorgen reise ich ans Ende der Welt. Uriel erwartet mich dort im Retreathaus „Just for Family and Friends“. Er hat eine „Frühjahrsoffensive“ organisiert: drei Trantra-Retreats in drei Wochen.
Wer mich auf dieser „inneren Reise“ durch Simhamukha, Vajrakilaya und Throma begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, weiter mitzulesen…
Mein letzter Tag in Gdanzg – und der erste seit einer Woche, an dem die Sonne scheint. Ich muss noch einmal an den Strand!
Mit Maria und Vasilisa bin ich mit Uber dorthin. ich beschließe, zum Abschluss auch noch den öffentlichen Nahverkehr auszuprobieren. Gleich hinter dem Goldenen Tor fährt die Straßenbahn 9 zur Endhaltestelle Plaza Stogi, dem Stadtstrand von Gdanzg. Es sind schlappe 15 Haltestellen, die Fahrt dauert exakt 23 Minuten. Ich nähere mich dem Fahrkartenautomaten wie der Sprengmeister einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg: werde ich dieser Aufgabe gewachsen sein? Ich schaffe es nicht mal, mir in München ein MVV-Ticket zu lösen! Und jetzt auch noch auf Polnisch! Zwei Minuten später halte ich ein Ticket in der Hand, es ist unglaublich. Ich wäre gerne beeindruckt von mir, aber dafür gibt es keinen Grund: es ist kinderleicht! Der Automat spricht sogar Englisch und die Auswahl an Tickets ist völlig überschaubar, es gibt nicht mal Tarif-Zonen. Ich entscheide mich für „One Way- 75 Minutes“ für 4,60 Zloty – etwas weniger als 1 Euro – und dann fährt auch schon die Straßenbahn ein.
Heute ist der Parkplatz vor dem Deich fast leer. Kein Wunder, es ist Montagmittag, das letzte Mal war ich an einem Sonntagnachmittag hier. Es sind nur ein paar Meter, dann breitet sich der riesige Strand vor mir aus. Ich laufe quer durch den Sand zur Brandung. Es ist gerade Ebbe, am nassen Saum der See entlang zu laufen macht Spaß und ist nicht so anstrengend wie durch den trockenen Sand. Als ich – auf einem Bein balancierend – den Sand aus einem Schuh kippe, kommt eine große Welle, schwappt über meinen Fuß, vor Schreck verliere ich das Gleichgewicht. Erkenntnis: so kalt ist sie garnicht, die Ostsee. Mit nassen Socken und Schuhen laufe ich weiter, es tut der Freude keinen Abbruch.
Am Ende des Strands reicht ein grauer Steinwall weit ins Meer hinaus. Da wollte ich schon bei meinem ersten Besuch hin, zwei müde verfrorene betrunkene Mädels hielten mich davon ab. Heute bin ich alleine da. Ich tippe darauf, dass ich etwa dreißig Minuten brauchen werde. Von wegen! Eineinhalb Stunden später packe ich meine Thermoskanne an den grauen Steinen aus. Der Strand hat eine Länge von mindestens sechs Kilometer! Da passen sicher auch an heißen Sommertagen alle Gdansker Kinder drauf, samt Eltern und Großeltern.
Ich freue mich an Sonne, Meer und Wind, bestelle mir im Strandrestaurant noch eine polnische Fischsuppe und steuere tiefenentspannt am späten Nachmittag die Haltestelle gleich neben dem Restaurant an. Die Straßenbahn wartet schon, Endhaltestelle. Die kräftig gebaute Zugführerin steht neben der geöffneten Fahrertür und raucht. Am Bahnsteig kein Fahrkartenautomat. Ich habe noch zwei Minuten. Vielleicht kann man auch in der Straßenbahn Tickets lösen? Ich laufe einmal durch: nichts. „Idiot!“, denke ich, „warum hast Du nicht das Tagesticket genommen?“
Die Zugführerin versteht kein Englisch und reagiert ungehalten, als ich ihr erkläre, ich würde gerne mitfahren, hätte aber kein Ticket! Ich winke fragend mit dem Handy, sie öffnet ostentativ genervt die Tür zum Fahrgastraum und weist, irgendwas Polnisches ausstossend, auf einen Aufkleber. Ich scanne das Icon und lande wirklich auf der Homepage des Öffentlichen Nahverkehrs von Gdanzg. Im Gegensatz zum vortrefflichen Fahrkartenautomaten ist es komplett unübersichtlich, außerdem akezptiert es kein Apple-Pay, es will Google-Pay. Während die Straßenbahn Fahrt aufnimmt, tippe ich mich nervös durch die Seiten, versuche vergeblich Google-Pay zu aktivieren und gebe irgendwann genervt auf. Ich muss schwarz fahren.
Bei der Idee, was passieren wird, sollte ich einem polnischen Kontrolleur in die Hände fallen, wird mir ganz anders! Meine wenigen Begegnungen mit Autoritätspersonen haben mich gelehrt, dass die Polen deutlich autoritärer ticken als die Deutschen. Und mangelnde Englischkenntnisse kompensieren sie durch Grobheit. Mein multifunktional einsetzbarer Allwetter-Charme, seit dem Kleinkindalter in Perfektion eingeübt, zerschellt an polnischen Respektspersonen. Er ist mein Geheimrezept gegen Autoritätsgehabe, Unterwürfigkeit beherrsche ich leider nicht. Ich beschließe, es nicht auf einen Versuch ankommen zu lassen und verlasse, kaum sind wir an den Rändern der Innenstadt angekommen, die Straßenbahn. Lieber drei Kilometer laufen, als einem polnischen Fahrkartenkontrolleur in die Hände zu fallen…
Es schneit, eiskalter Wind bläst mir ins Gesicht. Für Winterwetter bin ich nicht ausgestattet, ich trage drei Schichten Kleidung übereinander. Egal, ich will endlich ans Meer. Ein Fußweg führt den Kanal entlang aus der Altstadt. Jachten schaukeln am Kai, auf der gegenüberliegenden Seite grüßt der riesige Appartementkomplex, in dem ich meine ersten Nächte mit Maria in Gdanzg verbracht habe.
Das ist der Appartementkomplex – aktuell belegt von Belarussen auf der Flucht vor Lukaschenko….
Der Fußweg endet, ich finde mich zwischen riesigen halb verfallenen Lagerhallen wieder. Das Navigationssystem lotst mich verlassene Straßen entlang, schaurig pfeift der Wind in den Industrieruinen. An einem leeren Parkplatz eine große Schautafel: „Welcome to imperial shipyard“. Netterweise in Englisch. Ich erwarte irgendwas Historisches und werde sofort eines Besseren belehrt: es handelt sich um ein Immobilienprojekt! Der ehemalige imperiale Hafenbereich, erfahre ich, wird neu bebaut und auch ich könne hier mein Traum-Appartement erstehen. Zentrumsnah, mit allem Chichi – inklusive Spa, Gym und Concierge-Service. Wow! Zielgruppe scheinen nur bedingt Polen zu sein, sonst müsste das Projekt nicht Englisch annonciert werden. Während ich fröstelnd lese, fährt ein Mietwagen an mir vorbei, kreist einmal um den Parkplatz, der Fahrer verrenkt, während er mich umrundet, den Hals in alle Richtungen. Ein Kaufinteressent! Wo der wohl herkommt? Ukraine, Russland, Belarus?
Für mich wirkt die Bevölkerung von Gdansk irritierend homogen. Alle sind kaukasisch, nur die alten Frauen auf dem Wochenmarkt tragen Kopftuch, ich habe während meines Aufenthalts genau ein farbiges Paar gesehen, offensichtlich Touristen. Was für ein Unterschied zu westdeutschen Großstädten!
Dabei geht es auch hier bunt gemischt zu, Gdansk wird überrannt von Flüchtlingen aus dem Osten. Mit den üblichen Konsequenzen. Meine Kosmetikerinnen aus Dnepro haben sich bei mir bitterlich über die polnische Kundschaft beklagt: die ließe sich nach allen Regeln der Kunst von ihnen verwöhnen, benähme sich aber respektlos und herablassend. Als ob Ukrainerinnen Dienstboten wären! Dabei könnten sie nicht mal putzen, die Polinnen!
Ein paar Meter von der Immobilien-Schautafel entfernt entdecke ich Kunst: Riesige Figuren aus Metallschrott wanken aus dem Hafenbecken an Land. Der Kommentar eines Gdanzger Künstlers zu was? Sowjetischem Imperialismus? Immobilienhaien? Reichen Russen? Oder einfach nur Deko, mit der sich die Immobilien-Kundschaft schmückt?
Es geht über mehrere Kilometer Richtung Norden. Ich könnte genauso gut die S-Bahn nehmen, sie fährt in regelmäßigen Abständen auf der anderen Seite der vierspurigen Stadtautobahn an mir vorbei, aber nein, ich muss laufen, warum auch immer. Der nasse Schnee klatscht mir ins Gesicht, außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs. Irgendwann wieder ein Neubaugebiet, die selben verklinkerten Appartementblöcke mit den gläsernen Balkonen. „Lighthouse“ lese ich auf einem Wegweiser. Das klingt nach Hafen, ich schlage den Weg nach links ein und tatsächlich, auf einem Hügel ragt ein altertümlicher Leuchtturm in die Höhe. Als ich an ihm vorbei laufe, lässt sich auf dem schneebedeckte Dach des großen langgestreckten Gebäudes ein riesiger Schwarm Aaskrähen nieder. Ihr lautes Krächzen übertönt das gleichmäßige Klatschen der Wellen an der Kaimauer.
Die Kaimauer ist gerade einmal zwei- oder dreihundert Meter lang. Auf der anderen Seite des breiten Kanals laufen Spaziergänger, dahinter ragt ein bewaldeter Hügel auf. Ich habe die falsche Kanalseite erwischt, die nächste Brücke ist zwei Kilometer entfernt. Ich beschließe, dass mir mehr Meer heute nicht vergönnt ist, drehe um und laufe die elf Kilometer wieder zurück.
Als ich wieder am „imperial shipyard“ ankomme, bricht die Dunkelheit herein. Es hat aufgehört zu schneien, am Himmel leuchtet der Mond. Außer mir ist niemand zu Fuß unterwegs, auf der vierspurigen Straße fahren am Sonntagabend nur wenige Autos. Ich laufe einen unendlich langen Bauzaun entlang und fühle mich unwohl. So was sollte man als Frau nicht tun! Das Handy in den eiskalten Fingern vor mich haltend, folge ich dem Navigationssystem. Es sind nur zwei Kilometer bis in die Innenstadt, das werde ich wohl irgendwie überleben. Das Navi schickt mich nach links, ich folge ihm im Laufschritt, nur weg von hier. Die Nase am Bildschirm umkreise ich eine rot-weiße Schranke. Da schießt ein bulliger Kerl aus dem Verschlag, stellt sich mir in den Weg und bellt mich auf Polnisch an. Dafür habe ich keine Zeit, ich halte ihm mein Handy entgegen, setze einen hilflosen Gesichtsausdruck auf und versuche, ihn zu umrunden. Keine Chance! Er packt mich an den Schultern und blafft mich, als ich protestiere, an: „Privat Property!“ Damit schiebt er mich auf die andere Seite der Schranke. Ich denke mir etwas höchst Unhöfliches über ihn, er sich sicher in etwa das Selbe – nur auf Polnisch – über mich. Das Navy rechnet, während ich vor mich hin fluchend die dunkle menschenleere Straße entlang haste, noch mal einen Kilometer oben drauf. Als ich vierzig Minuten später die verfallenen Industriegebäude hinter mir lasse und in die belebte Innenstadt einbiege, atme ich erleichtert auf. „Privat Property!“ Was für eine Scheiße…
Ich vermisse mein Zafu, mein Sitzkissen. Morgens um sechs staple ich alles, was das Mini-Appartement an Kissen zu bieten hat, auf dem Schlafsofa, nehme irgendwie oben drauf Platz und wähle mich zur täglichen Morgenmeditation mit meiner Online-Sangha ein. Pünktlich um 6:10 Uhr erscheint die Zen-Lehrerin auf meinem Handy-Bildschirm, um 6.15 Uhr erklingt drei Mal der großen Gong, das Zazen beginnt. Wir meditieren 45 Minuten. Den Abschluss bildet ein kleines Ritual: wir rezitieren gemeinsam das Herz-Sutra, gefolgt von einem Tesho – dem traditionellen Vortrag des Lehrers/der Lehrerin – in diesem Fall ist es ein kurzer Tagesimpuls.
Die zwei gemeinsamen Sitzzeiten Online – um 20:15 Uhr findet täglich das Abendsitzen statt – verdanken wir der Pandemie. Vorher bin ich jahrelang zwei Mal täglich alleine für mich auf meinem Kissen gesessen.
Dann wurde am 18. März 2020 der erste Lockdown angekündigt. Und Willigis beschloss, dass der richtige Moment gekommen war, um zu gehen. Er starb am 20. März 2020 mit 95 Jahren. Mein Zen-Lehrer scherzte während der ersten Online-Sesshin, die er ein paar Tage später über Zoom „in Memoriam Willigis“ abhielt, dass Willigis wieder mal perfekt im Timing gewesen war: eigentlich wäre die Wahlfamilie weit weg vom Hof gewesen. Mein Zen-Lehrer – und Willigis Zieh-Sohn – sollte z.B. ein Sesshin in Spanien abhalten, aber wegen des angekündigten Lockdowns saß auf einmal die ganze Belegschaft auf dem Hof fest und gleichzeitig war das riesige Retreathaus leer, alle Kurse waren abgesagt worden. Willigs war umgeben von allen, die ihm wichtig waren und verließ den Hof in Stille. Es war friedlich und schön, erzählte mein Zen-Lehrer.
Am Morgen nach seinem Tod kamen Brüder aus dem Kloster Münster Schwarzach auf den Hof, wuschen den Leichnam und kleideten ihn wieder in seine Kutte. Er hatte sie fast zwanzig Jahre nicht mehr getragen. Nachdem sie Willigis in seiner Benediktiner-Kluft in den Sarg gelegt hatten, wickelte ihm mein Zen-Lehrer noch die Mala um das Handgelenk. So wurde er auch auf dem Kloster-Friedhof von Münster Schwarzach begraben: In Benediktinerkutte, mit Kreuz und Mala. Keine Ahnung, was sich Archäologen denken werden, sollte sein Leichnam in 1000 Jahren exhumiert werden? Schade, dass ich den Fachaufsatz zu diesem Fund nie lesen kann….
Die Wahlfamilie konnte sich verabschieden, der Rest der Sangha nicht. An der Beerdigung durfte nur die Klostergemeinschaft teilnehmen, die Video-Übertragung brach unter dem Ansturm zusammen. Die Homepage des Hofs füllte sich mit Klagen. Ich weinte drei Tage durch.
Zen-Leute sind konservativ, aber flexibel. Es musste was passieren, also wurde in Windeseile Zoom angeschafft und das allererste Online-Sesshin zu Ehren Willigis abgehalten. Glücklicherweise nahmen ein paar Mädels teil, die Zoom schon aus der Arbeit kannten, sie lotsten meinen Lehrer durch die Software. Es hatte seine komischen Momente und war ansonsten ein großer Trost.
Und Doris und ihr Mann Frieder eröffneten die Online-Sangha. Seit März 2020 findet an jedem einzelnen Tag des Jahres zuverlässig Morgens und Abends das Online-Sitzen statt. Wenn die beiden keine Zeit haben, übernehmen andere aus der Sangha. Die Online-Sangha wird zu einem Fixpunkt in meinem unruhigen Leben und ist ein großes Geschenk für meine Praxis.
Es ist kein „Zufall“, dass ich ausgerechnet im Zen und bei Willigis gelandet bin. So sehr er in seinem christlichen Glauben verwurzelt war, so gelassen und offen war er allen anderen Traditionen gegenüber. Deshalb hat er sein Zen auch von jeder Religion entleert. Es ging ihm immer nur um die Praxis: wenn es ums Sitzen ging, war er knallhart. In seiner Linie wird gesessen, bis der Arzt kommt. Alles andere, was den traditionellen japanischen Rinzei-Zen ausmacht, ließ er weg. Wir haben nur die Basics: Gongs, Klanghölzer, Zazen, Kinhin, Tesho, Mondo, Dokusan, die Basis-Texte und den Bhoddhisattva-Schwur. Er fand, das würde reichen. Ansonsten konnte jeder suchen, nehmen, glauben und praktizieren, was ihm vor die Nase kam.
Er hat mir – und vielen anderen – mit dieser Offenheit und Klarheit ein großes Geschenk gemacht. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt…“
Es gibt so viele Wege zur Erleuchtung, wie es Lebenwesen gibt…
Maria schreibt jetzt auch im Blog. Pünktlich zum Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine, dem wir auf makabre Weise unsere Freundschaft verdanken, hat sie ihren ersten Beitrag hochgeladen. Sie muss Englisch schreiben, das macht es viel schwerer für sie, ihren „Sound“ zu finden, als wenn sie in ihrer Muttersprache erzählen könnte. Ich hoffe, sie wird trotzdem weiter machen. Immer nur Objekt meiner Erzählung zu sein, ist ihr nicht angemessen.
Ich bin am 24. Februar gleich mit mehreren existentiellen Themen konfrontiert. Neben dem Krieg ist es der Hunger. Er begegnet mir in Gestalt eines Mannes mittleren Alters, im roten Anorak und auf Krücken, kurz nachdem ich die alternative Suppenküche mit einem großen Glas Kimchi verlassen habe. Er spricht mich auf Polnisch an, und wechselt, als er meinen verständnislosen Gesichtsausdruck sieht, ins Englische: „Please, I need money! I am hungry!“ Ich bin völlig überfordert, ich habe keinen einzigen Zloty bei mir! Maria bezahlt selbst Kleinbeträge mit Karte und hat mir nach unserer Ankunft erklärt, dass es nicht notwendig wäre Geld zu wechseln. Ich stammle: „I am realy sorry! I have no cash!“ Der arme Kerl entschuldigt sich auch noch bei mir, bevor er sich umdreht und auf seinen Krücken weiterhinkt. In der ersten Wechselstube, an der ich vorbei komme, hole ich mir Zloty, so was soll mir nicht noch einmal passieren.
Während ich durch die Stadt laufe, beschäftigt mich die Begegnung. Es war das erste Mal seit meiner Ankunft vor einer Woche, dass ich angebettelt wurde. Und dann auch noch so existentiell! Es hat mir ganz sicher was zu sagen, wie Innen so Außen. Nur was? Ich laufe über den Wochenmarkt. Der Blumenkohl sieht aus wie gemalt, Kartoffeln in allen Farben, Formen und Variationen, rote und gelbe Beete leuchten zwischen Bergen Karotten und Salat. Die Saubohnen gibt es frisch, nicht nur getrocknet wie bei uns. Dagegen ist ein deutscher Wochenmarkt ein Trauerspiel. Polen scheinen durchaus Gemüse zu essen, aber wohl nur Zuhause und nicht im Restaurant. Leider kann ich nichts mitnehmen, ich habe ja keine Küche in meinem Mini-Ferienappartement.
Meine Gedanken wandern zu meiner aktuellen Lebenssituation: In Leipzig habe ich auch keine Küche. Oder zumindest nichts, was den Namen verdienen würde. Mein verwunschener Vermieter hat viele Jahre in Lateinamerika gelebt und nicht nur einen Sohn aus der Karibik zurück nach Sachsen gebracht, sondern auch einen mehr als frugalen Lebensstil. Ich hatte beschlossen, dass meine neue Existenz mit Campingkühlschrank, Mikrowelle und rosa Waschschüsselchen im Spülbecken statt Spülmaschine eine verdiente karmische Strafe ist. Für meine zurückgelassene Existenz mit Luxusküche, Fünf-Gänge-Menüs, gehobener Tischkultur, dem Bücherregal voller Kochbücher. Das vergangene Jahr habe ich mich von vegangem Standard-Eintopf ernährt, den ich einmal in der Woche unter widrigen Bedingungen zubereitet und portionsweise täglich in der Mirowelle aufgewärmt habe. That´s it.
Die prächtigen Blumensträuße auf dem Wochenmarkt lösen die nächste innere Jammertirade aus: statt in meinem prächtigen Garten fand ich mich in Leipzig auf einem winzigen Balkon wieder. Mein verwunschener Vermieter gab mir netterweise kurz nach meinem Einzug im Frühjahr einen seiner vier Balkonkästen ab. Die Ringelblumen und der winzige Basilikum waren kein wirklicher Trost. Das ganze Gartenjahr über habe ich gelitten, wenn ich auf meinen Joggingrunden an den üppigen Schrebergärten vorbei lief. Und jetzt kommt das nächste Frühjahr, das ich ohne Blumenrabatten verbringen muss.
Es ist offensichtlich, dass auch ich „hungrig“ bin. Akzeptanz, ermahne ich mich wieder einmal, Akzeptanz… Es funktioniert nicht wirklich. Mein hungriger Geist lenkt mich ins Outlet-Store. In einem Moment geistiger Umnachtung erstehe ich Spitzenunterwäsche in Pink!
Am Abend finde ich mich im edel gestylten Kosmetiksalon wieder. Hinter dem Tresen lehnt eine zusammengerollte ukrainische Fahne in der Ecke. Die eine Kosmetikerin ist blond, die zweite brünett, die dritte schwarzhaarig. Schön sind sie alle drei. Und sie sehen aus wie geklont: volle Botox-Lippen, null Mimik dank Botox-behandelter Stirn, dafür perfekter Taint. Die Blonde ist die einzige, die Englisch kann, untereinander sprechen sie – kein Polnisch, sondern Ukrainisch! Jawohl, sie kämen aus der Ukraine, erklärt mir die Blonde, genauer aus Dnepro. Ich drücke mein Beileid über den Jahrestag aus, verkünde, dass ich schon mal in der Ukraine war und wie gut es mir dort gefallen hat – before the war – und gebe mein Schicksal in ihre Hände. Die Brünette übernimmt die Kosmetikbehandlung. Nach der Grundreinigung holt sie die Blonde und die fragt, ob ich „Injections“ möchte? Ich bin hochgradig alarmiert: „What kind of injections?“ „For your skin.“ Ist das der Code für „Botox“? So wie man beim Cocain-Taxi „Pizza“ bestellt? Oder bin ich paranoid? Ich lehne dankend ab, sicher ist sicher.
Auch ohne „Injections“ läuft die Kosmetikbehandlung auf einem Niveau ab, wie ich noch keine erlebt hatte. Diverse seltsame Geräte kommen zum Einsatz, damit die Gesichtsmaske besser einzieht, bekomme ich eine futuristisch leuchtende Wärmeplatte aus Metall aufgelegt. Ich sehe sicher aus, als käme ich von einem fremden Planeten.
Danach kommt Phase zwei. Jetzt ist die Dunkelhaarige am Zug, ich bewundere ihre perfekt gepflegte Augenpartie. Ich bin an einen Profi geraten, denke ich. Während der nächsten Stunde lerne ich, dass die Schlussfolgerung zu kurz gegriffen war: ich bin an eine Künstlerin geraten. Sie pinselt, malt, zupft und wachst an meinen Augenbrauen herum, als wäre ich ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle.
Ich bin etwas erschrocken, als ich mich nach dem Ende der Behandlung im Spiegel betrachte. Was für Augenbrauen! Ich sehe ukrainisch aus! Die drei Kosmetikerinnen freuen sich, so soll es sein. Wir machen noch ein Selfie zu viert, ich verspreche, dass ich bei meinem nächsten Besuch in Gdanzg wieder vorbei kommen werde, die Blonde sortiert meine Kundenkarte in ihren Hängeordner ein.
Andere tragen am 24. Februar die gelb-blaue Fahne, um ihre Solidarität mit der Ukraine auszudrücken, ich trage ukrainische Augenbrauen…
Für alle, die in Gdanzg zu Besuch sind und auch ukrainische Augenbrauen – und eine perfekte Kosmetikbehandlung – möchten: Moon-light, Szeroka 56/57
My name is Maria. To be honest, I am completely inexperienced and have never written anything before, unlike my good friend, and now partly a co-author, Katharina. But we decided that the blog would be more interesting if we show two different views on certain situations. I want to tell our little „journey“ to Poland, Gdansk. A couple of weeks before, I was completely at a loss as to what I could do on my vacation. In truth, this is my first real vacation, although I have been working since early childhood. But unfortunately in my country it is normal when people work a lot and have very little rest. A couple of months earlier I was already in Poland with my colleagues, it was exciting and very cheap, so the idea arose in my head to visit this country again. On the most ordinary Tuesday evening, I was relaxing at home after a working day. I opened instagram and saw the story of my old friend Vasilisa. We met back in Zaporozhye, 3 years ago in one of the clubs. Since then, we began to communicate, but in these friendly relations, I rather felt like a mother or an older sister. She is only a couple of years younger than me. But our life stories are somewhat similar. In a bad way. But this is not about that now, in fact, when I opened Instagram, I saw her photo, and just asked what country she was in now. She replied that she now lives in Poland, in Gdansk. I said that I had a vacation soon, and we agreed to meet. Emotions overwhelmed me. Probably because I haven’t seen my entourage since I left the country because of the war. Some nostalgia washed over me. After a couple of days, I finally met Katharina. We met in one of the Vietnamese restaurants. As always, we chatted about everything, and at some point I told her that I was planning a trip to Poland and invited her to come with me. It was so spontaneous and so similar to me. And I was very happy when she agreed. We both needed this trip. I wanted a change of scenery, to see something new, to be away from everything. We have been looking forward to the next couple of weeks and finally the day has arrived. We met Katarina in my apartment, chatted and waited for our blablacar. I was insanely excited as this was the first trip I had organized. The driver, as it turned out, was from Poland, spoke Polish to me. I understand Polish, not completely, but most of it. It is a bit similar to Ukrainian. The driver immediately seemed kind and open to me. This makes me happy here. I rarely meet gloomy and angry people. I got into the car and turned on classical music on my headphones. It doesn’t look like me at all. But I began to listen to this melody and felt that all the anxiety was letting go of me. As if something is changing. Finally our journey begins.
Der morgendliche Blick in den Spiegel jagt mir Schauer über den Rücken. Wenn Maria mich sehen könnte, würde sie weinen. Kein Geheimnis gehobener Gesichtspflege ist ihr fremd. Leider ist sie 800 Kilometer weit weg. Das Kosemtikregal bei Rossmann ist nicht dechifrierbar. Ich habe nur eine vage Idee davon, wo die Shampoos aufhören und die Cremes anfangen – ohne Maria bin ich verloren.
Auf dem Weg ins Café laufe ich an einem Ladengeschäft vorbei. „Milky Spa“, lese ich. „Bubble Ozean“. Wunderbar, Problem gelöst! Dann eben eine Kosmetikbehandlung. Ich nehme die Stufen mit Elan und klingle, als ich feststelle, dass die Tür verschlossen ist. Eine gepflegte Frau Ende vierzig öffnet, perfekt gezupfte Augenbrauen, keine Botox-Lippen. Die Kosmetikerin meines Vertrauens! Sie lässt ihren Blick um meine Beine wandern und sieht mich dann fragend an. Ich hätte gerne einen Termin, erkläre ich ihr. Sie runzelt die Stirn. Versteht sie kein Englisch? Ich zeige auf meine Wange. „For my face.“ Sie schaut einen Moment verblüfft, stößt mit Schwung die Tür auf und weißt ins Innere. „But it´s for dogs!“ Tatsächlich: auf dem Behandlungstisch steht ein perfekt frisierter Tibet-Terrier und wedelt mir freundlich entgegen. Wir lachen schallend. Es ist aber auch schräg! Ich verabschiede mich und denke, dass ich zumindest ein neues polnisches Wort gelernt habe: „Psa“ heißt wohl Hund.
Als ich kurz darauf in einem Café sitze und im Online-Lexikon nachschlage, lerne ich, dass es so einfach leider nicht ist: „Hund“ heißt in der Grundform „pies“. „Psa“ ist eine Konjugation. Eines Substantivs! Es gibt auch noch „psem“, „psami“ und „psy“, erfahre ich. Himmel hilf!
Ich habe in meinem Mini-Appartement ein paar polnische Floskeln auswendig gelernt. „Dziekuje!“ heißt „Danke!“. Noch schöner ist „Dziekuje piknie!“ „Danke schön!“ Aber wenn es so weit wäre, dass ich mich für irgendwas bedanken könnte, traue ich mich nicht, es auszusprechen, weil ich denke, es klingt albern.
Am Nachmittag ergattere ich dann doch noch einen Termin in einem Kosmetiksalon. Die Kosmetikerin ist leider nicht im Ansatz so sympathisch wie die Hunde-Salon-Dame. Sie schürzt ihre üppigen Botox-Lippen und mustert mich abschätzend. Sie überlegt offensichtlich, wie viel Touristenaufschlag sie mir zumuten kann, ohne dass ich mich umdrehe und gehe. Als sie mir den Preis nennt, tippe ich auf sportliche 50%. Egal, ich nicke ergeben. „With waxing, yes.“ Es ist ein Experiment, ich bin gespannt, wie ich hinterher aussehen werde.
Maria hat mir Photos geschickt. Sie war am Morgen in Leipzig bei einem professionellen Photoshooting. Die Photographin wäre super nett und aus Saporischschja, schreibt sie mir. Ich bewundere die coole Optik. Das Photo mit Tattoo gefällt mir am Besten. Ich frage, ob ich es im Blog posten darf? „For sure!“ kommt es zurück.
Deshalb: wer Maria sehen möchte, gehe zum Blogeintrag Nummer 18 „Hipster“…
„You safed my life!“ Die Bedienung lächelt routiniert. Ich bin wohl nicht das erste Opfer der polnischen Küche, das vor Dankbarkeit über ihren veganen Kichererbseneintopf die Tischplatte küsst. Ich habe Kimchi dazu bestellt. Hinter dem Tresen steht das Bio-Limo appart nach Farben sortiert, die Bedienung trägt ihr Haar in zartem Rosa – die Subkultur hat mich wieder!
Ich denke an Maria und Vasilisa, die inzwischen gut in Deutschland angekommen sind und sich sicher gerade mit der gleichen Erleichterung, mit der ich meine vegane Suppe löffle, die Kante geben. Das Experiment „interkulturelle Akzeptanz“ wurde erfolgreich abgeschlossen, aber nur, weil beide Seiten höchste Selbtdisziplin bewiesen haben.
Vor dem Abendessen in der alternativen Suppenküche lande ich bei Rossmann. Bioladen gibt es keinen in der Innenstadt, sagt mir mein Handy, also muss es der Drogeriemarkt tun. Erst kommt ein gut sortiertes Regal mit Tiernahrung, dann ein noch üppiger befülltes mit Baby-Nahrung. Das Regal danach ist doppelt so lang wie das mit der Baby-Nahrung, perfekt ausgeleuchtet, und von oben bis unten bestückt mit allen Arten von Alkoholika.
Die „Gesund-Abteilung“ schräg gegenüber der Spirituosen ist so winzig, dass ich erst daran vorbei laufe. Protein geht noch am ehesten, lerne ich, es gibt ein paar Riegel und Shakes. Außerdem noch Trockenfrüchte, ein paar Pasten und drei verschiedene Sorten vegane Milch. Alles aus Deutschland importiert, ich habe keine Probleme damit, die Beschriftungen zu verstehen. Die Preise sind auch wie Zuhause, für Durchschnittspolen ist das sicher Luxus.
Ich komme von einem anderen Planeten.
Wer ist hier seltsam: Die Mädels mit ihrem exzessiven Alkoholkonsum, ihrer Leidenschaft für Botox und ihrem Umgang mit Sex, der konfliktfrei zwischen Porno und Puritanismus navigiert?
Oder ich, mit meinem Vegetarismus, meiner Dauerbesorgtheit über mein körperliches und mentales Wohlergehen, dem exzessiven Meditieren für die harten Highs statt Alkohol und Drogen?
Ich zahle die vegane Suppe und das Kimchi mit der Karte. „Euro or Zloty?“ fragt mich die Bedienung und hält mir das Lesegerät hin. Definitiv Euro, denke ich…
Um sechs Uhr morgens brechen die beiden auf, ich registriere es im Halbschlaf. Vasilisa muss irgendwann spät Abends wieder aufgetaucht sein, als ich bereits schlief. Ich habe alles, was ich an Wert bei mir trage, in Griffweite neben meinem Bett platziert. Sie hatte mir erzählt, dass sie mehrmals innerhalb von Tagen als Zimmermädchen gefeuert wurde, weil sie klaut wie ein Rabe. Es wäre schade, wenn unsere gerade beginnende Freundschaft an ihren Straßenkind-Instinkten scheitern würde.
Als ich um neun Uhr aufstehe, rüttelt immer noch der Sturm an den Fenstern. Auf der anderen Seite der halb überfluteten Brachfläche, die sich vor dem Appartementkomplex ausbreitet, blähen sich an einem eingerüsteten Neubau riesige graue Planen im Wind. Das seltsame Knacken ertönt. Ich hatte auf einen eigenwilligen Rauchmelder getippt, der sich an Marias banana-taste E-Zigarette stört. Aber nein, es ist ein Lautsprecher! „Uwaga! Uwaga!“ schallt es von der Decke. Dafür muss ich kein Polnisch können, die Tonlage sagt alles. Was danach kommt, ist mir ein Rätsel. Ich denke: „Scheiße!“ Netterweise folgt eine weitere Durchsage in Englisch: „Attention! Attention! There is a hazard in the building where you are currently in. Stay calm, don´t leave the room and wait for further instructions!“
Was ist „a hazard?“ Streicht ein Axtmörder durch die leeren Flure und Gänge? Oder hat der gelangweilte Concierge hinter seinem Desk im protzigen Eingangsbereich versehentlich auf den falschen Knopf gedrückt? Ich beschließe, zu duschen und zu packen, während ich auf „further instructions“ warte. Der Lautsprecher bleibt still, der Concierge hat wohl wirklich den falschen Knopf erwischt. Während ich meinen Rucksack schultere und noch mal kontrolliere, ob ich nichts vergessen habe, frage ich mich, ob der Lautsprecher auch als Mikro funktioniert? Und was sonst noch an Technik in den Appartements versteckt ist, mit der sich die gelangweilte Belegschaft die Zeit vertreibt?
Auf dem Vorplatz pfeift mir der Wind um die Ohren. Am Rand sind mehrere Wagen mit weißrussischen Kennzeichen geparkt. Unser Hippster war nicht so exotisch, wie wir dachten. Die Stadt wäre voller Belarussen, hat mir Maria erzählt, sie hört es an ihrem Russisch. Es sind nur 500 km von der Belarussischen Grenze nach Gdanzg. Die Taxifahrerin, die Daria und Maria nach dem Clubbesuch zurück ins Appartement gebracht hatte, war ebenfalls Weißrussin. Maria hat mir von ihr berichtet: dass sie von perfekter Schönheit gewesen wäre. Und viel jünger wirkend, als ihre vierundvierzig Jahre. Die schöne Belarussin hat zwei Kinder, einen Sohn von achtundzwanzig und eine Tochter von sechsundzwanzig Jahren, die mit ihr nach Gdanzg gekommen sind, so hat sie es Maria erzählt. Ich rechne nach: die Taxifahrerin hätte in Marias Lieblings-Youtube-Sendung auftreten können. Bei dem Gedanken daran, was es bedeutet, in Gdanzg an Wochenenden nachts als Taxifahrerin zu arbeiten, schaudert mich.
Ich steuere auf das Restaurant am Goldenen Tor zu, in dem wir am Sonntag Frühstücken waren. Das Buffett ist wieder üppig gedeckt, nur scheint es an Werktagen nicht üblich zu sein, dass Laufkundschaft vorbei kommt. Die Bedienung lässt ihren Blick über die Liste mit den Zimmergästen wandern und möchte, dass ich sofort zahle, als ich erkläre, ich wäre kein Hotelgast. Während ich frühstücke, tippe ich an meinem Blogtext. Es zieht sich. Lauter Krach reißt mich aus meinen Gedanken: die Bedienung stellt die Tische um, die Frühstückszeit ist vorbei. Ich frage, ob ich noch einen Kaffee haben kann? „We are closed!“ Richtig, ich sitze allein in dem großen Gastraum. Es ist mir unangenehm. „Why did you tell me?“ Sie schüttelt den Kopf: „No problem.“ Ob ich noch fertig schreiben könne, frage ich hoffnungsvoll. Selbstverständlich. Ich sitze noch mehr als eine Stunde in meiner Ecke, hebe zwischendurch die Beine, als die Putzfrau unter meinem Tisch den Boden wischt und niemand stört sich an mir. Nachdem ich den Blogtext hochgeladen habe, verabschiede ich mich herzlich von Bedienung, Barmann und Putzfrau und freue mich darüber, wie entspannt die Polen sind.
Ich kann erst um vierzehn Uhr in mein Innenstadt-Appartement und flüchte vor dem eisigen Wind in die riesige Mall. Ein Buchladen! Die Verkäuferin führt mich zu einem schmalen halbhohen Regal. Mehr an engischsprachiger Literatur wäre nicht vorrätig, erklärt sie, als sie meinen enttäuschten Gesichtsausdruck sieht. Ich hatte auf irgendwas Historisches gehofft, irgend ein Standardwerk zur Geschichte Polens oder etwas in der Art. Was sich kulturbeflissene Touristen eben zu Gemüte führen, wenn sie in Gdanzg einen Stop einlegen. Statt dessen: vier Regalbretter Flughafen-Billigliteratur. Ich suche die Reihen ab und finde ein einziges Buch eines polnischen Autors: „Travels with Herodotus.“ Ryszard Kapuscinski. Der Name sagt mir nichts, egal, zumindest ist es von einem Polen – und Penguin, ganz banal kann es nicht sein. Erst als ich vor der Kasse stehe, merke ich, dass ich ein Reisebuch erwischt habe. „Ryszard Kapuscinski was the greatest traveller-reporter of our time…“ verrät mir der Text auf der Rückseite des Taschenbuchs.
Ich muss mich durch zwei Türcodes tippen, bevor ich an meine Zimmerschlüssel komme. Das Appartement ist winzig, vierzehn Quadratmeter, es gibt nicht mal einen Kleiderschrank. Dafür ist es hell und freundlich, keine Spur von Mikrophonen, und vor der Haustür ebt und flutet das ganz normale Gdanzger Leben an einem kalten Februartag.
Telefonica schickt eine Sturmwarnung per SMS. Der Wind rüttelt an den Fassaden und treibt laut pfeifend Schneeregen durch die Gdanzger Altstadt. Maria und Vasilisa verschwinden in irgendeine Mall, ich bleibe im Restaurant zurück und tippe meinen Tagesblog herunter.
Ich habe die beiden wieder zum Frühstück ausgeführt, Vasilisa hat auf ein polnisches Restaurant bestanden. Es gäbe nichts besseres als polnisches Essen, erklären mir beide. Die Frühstückskarte ist netterweise mit englischen Untertiteln. Ich lerne, dass ohne Waffeln nichts geht in der polnischen Küche: Waffeln mit Ei Benedikt und Würstchen, Waffeln mit Nutella-Pfannkuchen – sogar das Müsli wird mit Waffel angeboten! Ich nehme das Müsli mit Kaffee, die beiden anderen Ei Benedikt und Nutella-Pfannkuchen. Mit Sekt. Sie prosten mir ausgelassen zu.
Das Müsli ist mit einer riesigen Waffel dekoriert und üppig mit Puderzucker bestäubt. Während ich mich hindurch arbeite, bekomme ich die Photos von gestern vorgeführt, Maria muss ihren Instagram-Account füttern – für all die armen Jungs, die keine Telefonnummer von ihr bekommen haben. Sie beherrscht Photoshop wie der Stardirigent das Synphonieorchester, ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie es hinkriegt. Und auch die Posen: die Welt eine Bühne.
Als ich mit dem Tippen fertig bin, zahle ich, freue mich wieder einmal darüber, wie günstig hier alles ist, und frage per WhatsApp nach, wo die beiden stecken. Immer noch in der Mall, es dauere noch, ich bekomme ein aufgekratztes Photo aus der Umkleidekabine.
Draußen pfeift mir der Wind um die Ohren. Ich ziehe mir die Kapuze der Regenjacke über den Kopf und laufe los, heraus aus der geradezu künstlich perfekt sanierten Altstadt in Richtung Hafen. Riesige Möven segeln in der Höhe elegant im Sturm, Menschen hasten an mir vorbei, es ist Montag. Rosenmontag. In Gdanzg scheint keiner Fasching zu feiern.
Morgen fahren Maria und Vasilisa nach Berlin, Maria hat heute früh gleich nach dem Aufwachen Blablacar gebucht. Ich bleibe und habe meinerseits ein kleines Appartement in der Altstadt gebucht. Den osteuropäische Mittelschichtstraum, in dem wir jetzt untergebracht sind, finde ich schaurig. Maria und Vasilisa sind beide im Plattenbau aufgewachsen, für sie scheint der gesichtslose riesige Appartementkomplex mit dem gelangweilten Concierge, Spa, Gym und den verspiegelten Aufzügen der Inbegriff von Luxus zu sein. An jedem Durchgang muss der Türcode eingetippt werden. Ich finde es klaustrophobisch, die beiden anderen scheint es zu beruhigen. Wir Innen, die Anderen ordentlich ausgesperrt draußen.
Ich laufe im Schneeregen ziellos umher. Aus der Ferne winken riesige Kräne. Es geht eine vierspurige Ausfallstraße entlang, links und rechts davon halb verfallene Fabrikgebäude. Ich umkreise riesige Pfützen, die sich in den Löchern des zerborstenen Asphalts sammeln. Ab und zu rumpelt ein LKW an mir vorbei. Aus der Nähe wirken die Kräne wie versteinerte Riesen. In der Bewegung verhext. Nichts regt sich auf dem riesigen Gelände, nur die Möven kreischen in der Höhe.
Müde und ausgefroren falle ich am Nachmittag neben Maria ins Bett. Vasilisa ist entschwunden, sie muss für die Reise nach Berlin packen. Maria hat ihren Instagram-Account auf den neuesten Stand gebracht. „Oh no!“ Sie hält mir das Handy hin. „I found Daria.“ Richtig, das ist Daria, ordentlich gephotoshopped, bei Maria sieht das deutlich besser aus. Maria scrollt vor meinen Augen Darias Photos. Wir sind beide schockiert. „What does she think?“ Viel nackte Haut und höchst aufreizende Posen. Ich hatte schon etwas in der Art befürchtet, als ich Daria am Sonntag beim Frühstück fragte, was sie denn arbeiten würde und mir Vasilisa ein vages „nichts Konkretes“ übersetzte. Die Photos im Account hat sie definitv nicht selbst aufgenommen, sie hat sich für irgendwen in Pose geworfen. Ohne Zweifel ein Mann, der voeyristische Blick ist unverkennbar. Wir betrachten beide den mageren Körper, der sich in einem kurzen Videoclip lasziv an einer Wand reibt. So wie es aussieht, wird Daria effektiv vermarktet.
Während wir die Katastrophe betrachten, plärrt gegenüber an der Wand der Fernseher. Auf Russisch. Als Maria die Sendung gestern das erste Mal aufrief, war ich schockiert: „You are watching Russia TV?“ Maria verstand meine moralische Empörung nicht: „It´s not TV. It´s on Youtube. And the guy is Belarus! I love him.“
Der von Maria angebetete Moderator ist ein kraftsportgestählter Typen mit Bart und Haifischgrinsen, der auf der rechten Bildschirmhälfte in Maschinengewehrgeschwindigkeit in die Kamera rattert. Auf der linken Hälfte läuft etwas anderes, da sitzt ein Mädchen heulend mit einer älteren Frau, die wohl ihre Mutter ist. Ich verstehe wieder einmal nichts. „What´s the story about?“ Maria strahlt: „It´s about girls who get pregnant at sixteen.“ Ich verstehe immer noch nichts. „It´s a TV series about pregnant girls?“ „Yes!“ „That´s interesting?“ Maria nickt. „Yes. I love how stupid they are.“ Ich bin fassungslos und flüchte mich in Zynismus. „At least they couldn´t cover you anymore. You crossed the age gap.“
Nachdem das Baby glücklich geboren und der pickelige Vater die stark geschminkte Mutter mit einem Blumenstrauß an der Kliniktür empfangen hat, können wir uns der ersten Unterrichtseinheit „Kartenlegen“ widmen. Vasilisa ist immer noch verschwunden, sie antwortet wieder einmal nicht auf Textnachrichten, Maria ist genervt. Also kriegt Maria die Einführungsstunde exklusiv. Wir machen zwei Runden: erst kriegt sie eine Legung von mir und ich erkläre die Fußnoten dazu. Dann legt sie mir die Karten und ich kontrolliere, ob sie auch den Subtext verstanden hat.
Ich drehe Marias Karten um und siehe da – oben rechts „der Teufel“. „Oh no, Maria, I am sorry, that´s not good!“ „Der Teufel“ ist die negativste Karte im Deck, erkläre ich ihr, eigentlich ist es üblich, die anderen Karten nicht mehr zu deuten, weil „der Teufel“ so dominant ist, dass alles andere ohne Bedeutung ist. Ich interpretiere die Karten psychologisch, deshalb finde ich diese hilflose Haltung nicht zielführend. „Der Teufel“ hat einem immer was zu sagen. „It´s about shadows,“ erkläre ich Maria, „a surpressed unconscious theme who present itself through an incident in the outside.“
Danach bin ich dran, sie übernimmt die Rolle der Interpretin und dreht meine Karten um. Siehe da: auch ich habe „den Teufel.“ Maria grinst und streckt mir über die Karten hinweg ihre Hand hin. Ich schüttelte sie: willkommen im Club! Sie macht ihre Sache gut, es ist auch für mich erhellend, was ihr alles zu meiner Legung einfällt.
Warum sich immer alle freuen, wenn ich zu Besuch komme?
…. Weil ich unkompliziert, nett und unterhaltsam bin?
Völlig falsch: weil ich Karten legen kann! My biggest asset – und ein Alleinstellungsmerkmal. Ich kenne niemanden, der es so gut kann wie ich. (Die einzige, die es besser konnte, ist vor ein paar Jahren in Rente gegangen.) Das sage ich, obwohl ich normalerweise kein gutes Haar an mir lasse – ich glaube, z.B. nicht wirklich, dass ich gut schreiben kann. Aber Kartenlegen, das kann ich.
Maria, die von dieser Fähigkeit im Schnitt drei Mal pro Woche profitiert, hat es Vasilisa schon vor unserer Ankunft per Text-Nachricht verkündet. Die will bitte sofort eine Legung. Ich weigere mich, ihr die Karten während des Frühstücks im Restaurant zu legen. Ich bin schließlich im Urlaub, es reicht, dass ich, von Britney Spears beschallt, meinen Blog-Text runtertippen muss.
Als ich damit fertig bin, schicke ich Maria eine Textnachricht, sie holen mich mit Uber ab. Ohne Daria, die hätte von sich aus beschlossen, dass es an der Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, versichern mir beide.
Wir fahren an die Ostsee. Der Parkplatz ist bis auf den letzten Platz belegt, es ist Sonntagnachmittag. Wir laufen mit Familien, Pärchen und Hundebsitzern einen Wanderweg entlang. Hinter dem Deich weißer Sandstrand. Maria und Vasilisa rennen kreischend in Richtung Meer, jetzt sind sie besoffen von der Natur.
Ich wandere völlig versunken den Strand entlang, der eisige Wind pfeift mir um die Ohren, über mir kreischen Möven. Als ich schon fast am Ende der Bucht angekommen bin, eine Textnachricht von Maria. Wo ich stecken würde? Ihnen wäre kalt, sie wären müde! Ich drehe um, stemme mich gegen den Wind und lasse schweren Herzens die See hinter mir.
Wieder zurück im Appartement gibt es kein Entkommen mehr. Vasilisa kriegt Raider-Waite, die Anfänger-Karten. Sie sind am plastischsten. Und am nüchternsten, ideal für Beruf und Zukunft. Vasilisa will wissen, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll?
Während des gestrigen Abendessens hat sie mir erzählt, dass ein Freund von ihr in den Niederlanden lebt und sie gefragt hat, ob sie nicht zu ihm kommen möchte. Er arbeitet in einer Sandwich-Fabrik, sie würde dort auch einen Job bekommen. Nein, sie hätte keine Beziehung mit ihm, er sei schwul, erklärt sie mir. Als der Krieg begann, hätte er die Ukraine illegal verlassen, um der Einberufung zu entgehen. Er könne nie mehr zurück, ihm drohen in der Heimat zehn Jahre Haft wegen Fahnenflucht. Deshalb würde er sich in den Niederlanden ein neues Leben aufbauen und hätte sie gerne bei sich. Vasilisa spricht nach zwei Jahren in Gdansk fließend Polnisch. Ihr Englisch ist sehr überschaubar. Ich bin skeptisch, ob das eine gute Idee ist: „You would have to learn Dutch. It´s not easy. A lot like German.“ Sie bekommt einen sturen Zug um den Mund. „I can manage.“
Das Kartenlegen lohnt sich auf alle Fälle, ich lasse sie mischen und abheben. Ihre Legung beeindruckt mich. „You have to listen to the voice of your heart,“ erkläre ich ihr. „You should trust your inner guidance.“ Visilsa scheint intuitiv zu sein, solche Karten sind selten. Sie könnten von mir sein.
Vasilisa hat mich von Anfang an fasziniert. Wie Maria ist sie blitzgescheit, ich bin beeindruckt von ihrer Auffassungsgabe. Und sie hat dieselbe Vitalität und Energie, die auch Maria und ich teilen. Außerdem sieht sie mir ähnlich. Ich bin mir sicher, dass die Bedienungen in den Restaurants, in denen wir einkehren, davon ausgehen dass hier Mutter und Tochter sitzen, begleitet von einer Freundin der Tochter. Und sie ist, wie Maria, aus Shaporischschja. Ob auch ihre Eltern und Großeltern von dort kämen? Sie nickt. „You should tell Vasilisa the story about my grandfather and Shaporischschja,“ sage ich zu Maria. Das hätte sie bereits getan, erklärt sie mir, Vasilisa wisse Bescheid. Vasilisa nicht dazu.
Vasilisa versteht sofort, wie Tarot funktioniert. Sie leidet an extremen Ängsten, sagen die Karten, deshalb fällt es ihr so schwer, ihrer Inneren Stimme zu trauen. Kein Wunder, bei der Kindheit. Ich fasse einen Entschluss: „You know, Vasilisa, it seems, it´s about time that you learn how to read Tarot for your own. It will help you to calm yourself and will teach you how to follow your inner guidance. I will explain to you how it works.“