Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Taliba (Seite 2 von 5)

Das Ritual der Fliegen

In Luzifers Höllenareal trifft sich die Führungsriege der gefallenen Engel, um zum ersten Mal das Ritual der Fliegen zu zelebrieren…

Die Holzscheite knackten laut, während sie Feuer fingen. Als Nekael mit dem Schürhacken in die Glut fuhr, stoben Funken in die Höhe und landeten auf dem weißen Marmorboden.

Luzifer, der am Kamin lehnte, machte zwei Schritte, hob den schwarzen Lacklederschuh und trat die roten Glutnester aus.

Nekael griff zum Stabfeuerzeug und wandte sich der langen, festlich gedeckten, Tafel zu. Dort entzündete er die schwarzen Feuerschalen, die jeweils in der Mitte zwischen zwei Tellern platziert waren. Der leicht süßliche Duft brennenden Ethanols vermischte sich mit dem Geruch des offenen Feuers.

Der schmetternde Ruf von Fanfaren hallte aus verborgenen Boxen durch den Saal. Luzifer drehte den Lautstärkregler der High-End-Stereoanlage noch etwas höher. Die Overtüre des „Fliegenden Holländers“ nahm dröhnend Fahrt auf.

Arakiel trat durch die Flügeltür, vorsichtig ein großes Deckelglas zwischen seinen beiden Händen tragend.

„Sehr gut!“ Luzifer wies mit der Hand an die Stirnseite der Tafel. „Stell es auf meinen Platz!“

Arakiel warf einen gierigen Blick auf das Glas mit den vierundzwanzig grünen Schmeißfliegen, bevor er es abstellte und sich zu Nekael gesellte, der an der Bar Aperitifs vorbereitete.

Luzifer wippte, die Hände in den Tiefen der Hosentaschen seines Brioni-Anzugs versenkt, im Takt der Musik, während er ein letztes Mal um die Tafel wanderte und die Details kontrollierte. Alles war perfekt.

Eine Welle der Euphorie überschwemmte ihn. Auf diesen Abend hatte er 2500 Jahre hingearbeitet!

Er warf einen letzten triumphierenden Blick auf die im Glas summenden Fliegen, bevor er sich zur Tür begab, um die Ankommenden zu begrüßen.

Luzifer erhob sich und ließ den Blick über seine Gäste schweifen, die sich um die Tafel versammelt hatten.

Als das aufgeregte Murmeln nicht verstummen wollte, klopfte Luzifer mit der Gabel gegen sein Glas. Vergebens. Die Tischgesellschaft summte wie ein Bienenstock.

Im Festsaal von Luzifers Trakt im dritten Höllenareal hatten sich die mächtigsten gefallenen Engel eingefunden.

Zur Linken Luzifers hatte Nekael Platz genommen, zu seiner Rechten Arakiel. Normalerweise wurden die hohen Gäste bei festlichen Veranstaltungen von einer Schaar Unterteufel bedient. Aber dieser Abend war so speziell und geheim, dass Luzifers beiden Stellvertreter die Handlangerdienste übernommen hatten.

Nichts, was heute Abend hier geschah, durfte nach außen dringen. Zumindest vorerst. Bis auch die zweihundert nächsten Seelenfliegen der Schutzengel Friedrichhains im Höllenareal der gefallenen Engel eingetroffen waren.

Aber so lange, hatte Luzifer beschlossen, konnte er nicht warten. Es waren genug Fliegen für das Who-is-Who seiner Mannschaft angekommen.

Deshalb fand heute Abend die Generalprobe für das höchste, wichtigste und mächtigste Ritual, dass die Hölle zu bieten hatte, statt: Die Verspeisung der Seelenfliegen.

Er klopfte ein weiteres Mal mit der Gabel gegen sein Glas.

Endlich verstummte die aufgeregte Tischgesellschaft. Alle Blicke waren nun auf Luzifer gerichtet.

„Freundinnen und Freunde“, Er räusperte sich, bevor er fortfuhr, „Wir haben uns an diesem denkwürdigen Abend hier versammelt, um endlich – ich wiederhole ENDLICH – das hohe Ritual der Fliegen zu vollziehen!“

Applaus brandete auf.

„Seit unserer Ankunft in der Hölle vor 2500 Jahren verwehren uns die Dämonen den Zugriff auf ihre Seelenfliegen. Mit dramatischen Folgen für unsere Macht und unser Ansehen im Reich der Finsternis. Wir waren hier immer nur Bewohner zweiter Klasse!“

Die Tischgesellschaft klatschte frenetisch.

„Nach vielen Jahrhunderten harter geheimer Arbeit ist es mir gelungen, dieses Übel abzustellen. Auch wir – die Fraktion der Teufel – werden nun endlich in den Genuß der Seelenfliegen kommen.“

Luzifer machte eine Kunstpause.

„Aber, meine lieben Freundinnen und Freunde, wir werden in Zukunft nicht nur die banalen Seelenfliegen verfluchter Menschen verspeisen, wie das unsere dämonischen Nachbarn tun. Nein! Ich biete euch heute Abend etwas viel besseres!“

Alle Augen waren auf Luzifer gerichtet. Vollkommene Stille hatte sich über den Saal gelegt. Nur das Knacken des brennenden Holzes im Kamin war zu hören.

„Das hier,“ Luzifer legte seine Hand auf das große Deckelglas, das vor ihm auf dem Tisch stand, „sind die Seelenfliegen von Schutzengeln!“

Arestigifa schnappte hörbar nach Luft. Die anderen gefallenen Engel starrten stumm auf ihren Anführer.

Luzifer genoss ihre Sprachlosigkeit. „Damit hattet ihr nicht gerechnet, ich weiß! Aber so ist es! Ich habe den Schutzengeln des Herrn in einem alchimistischen Prozess den Äther entzogen, sie dadurch sterblich werden lassen und mich noch dazu ihrer Seele bemächtigt!“

Sein triumphierendes Lachen hallte durch den Saal und ließ die Tischgesellschaft zusammenzucken. „Es ist mir gelungen, den Allmächtigen zu besiegen! Nie wieder wird uns ein Engel davon abhalten können, an den Menschen unser teuflisches Werk auf Erden zu verrichten!“

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wippte auf den Zehenspitzen, während er einen Blick in die atemlose Runde warf. „In Zukunft, meine Freundinnen und Freunde, werden wir Teufel alle Macht in unseren Händen halten. Uneingeschränkt! Im Himmel, auf Erden – und in der Hölle! Keine Kraft wird uns aufhalten können!“

Er gab Nekael ein Zeichen. Der stand auf. Luzifer nickte ihm zu. „Wir beginnen nun mit dem Ritual.“

Feuer

Mit einem magischen Feuer-Ritual für die zornvolle Göttin der Nacht will Erzengel Uriel die verfluchten Schutzengel Friedrichhains retten…

Rote Zungen leckten an den Rand der Metallschale. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel, die dicht aneinder gedrängt auf der Terrasse standen, ein. Nach ein paar Minuten erklang ein explosionsartiges Knacken, gefolgt von singendem Pfeifen: Die Holzscheite hatten Feuer gefangen.

Während vom Weiher feuchte Kälte durch die Dunkelheit herüber kroch, stiegen die Flammen höher und höher. Sich rhythmisch drehend, schienen die glühenden Stränge zu einer Musik zu tanzen, die nur für sie hörbar war.

Maria starrte in die Glut. Nie zuvor in den 2000 Jahren ihrer Existenz hatte sie ein solches Feuer gesehen! Es schien ihr, als wäre es lebendig!

Die Schutzengel, die sich hinter ihr versammelt hatten, waren ganz still. Maria spürte förmlich, wie sie angespannt den Atem anhielten.

Uriel verneigte sich tief vor der Statue der zornvollen Göttin der Nacht, die auf der höchsten Stufe des Altars platziert war. Dann trat er ans Feuer und begann – während er konzentriert in die Flammen blickte – in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln.

Nach wenigen Minuten veränderte sich die Energie auf der Terrasse.

So kam es Maria zumindest vor: Alles um sie schien sich auf seltsame Weise zu verdichten. Die Schutzengel spürten es ebenfalls. Ein paar schnappten hörbar nach Luft. Erschrocken drückten sie sich aneinander. Das Rascheln ihrer Kleider klang unnatürlich laut durch die vollkommenen Stille, die sich über Terrasse und Weiher gesenkt hatte.

Auch Uriel hatte sich verändert. Maria kniff erstaunt die Augen zusammen und öffnete sie wieder: Er schien zu leuchten! Was trieb er da nur? Das alles konnte einfach nur falsch sein!

Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, still zu sein. Jetzt war es zu spät. Was immer hier gerade geschah, es ließ sich nicht mehr aufhalten.

Uriel murmelte weiter vor sich hin, während er konzentriert ins Feuer starte. Schließlich griff er in seine Tasche und holte zu Marias Erstaunen eine lange Perlenkette heraus. Die sah aus wie ein Rosenkranz! Das konnte ja wohl nicht sein!

Während Uriel die Perlen der Kette durch die Finger seinen linken Hand gleiten ließ und dabei weiter etwas in einer fremden Sprache rezitierte, gab er Israfel mit der Rechten ein Zeichen. Der Ober-Schutzengel schritt zum Altar, nahm ein Tablett, das direkt unter der Statue der Göttin der Nacht platziert war, in beide Hände und stellte sich damit neben Uriel.

Auf dem Tablett befanden sich dreizehn Schälchen. Uriel griff nach einem und kippte den Inhalt in die tanzenden Flammen.

Dichter Rauch stieg auf. Gleichzeitig verbreitete sich der strenge Geruch von verbrannter Butter über der Terrasse.

Weiter vor sich hin rezitierend und dabei immer konzentriert in die Flammen starrend, übergab Uriel nach und nach den Inhalt der zwölf anderen Schälchen an das Feuer.

Maria versuchte zu erkennen, was er gerade verbrannte. Das zweite Schälchen enthielt definitiv Reis. Bei den anderen war sie sich nicht sicher. Es schien sich um irgendwelche Samen und Kräuter zu handeln.

Jedesmal, nachdem Uriel den Inhalt eines weiteren Schälchens in die Flammen geworfen hatte, veränderte sich die Qualität des Feuers. Nach jeder Opfergabe glühten die Flammen intensiver. Die Hitze des Feuers ließ die Luft auf der Terrasse flimmern.

Maria kam es vor, als würde vor ihr kein Holz brennen, sondern ein wildes und gefährliches Tier. Sie starrte wie hypnotisiert in die Glut – zuckte erschrocken zurück. Aus dem Boden der Schale blickten sie zwei Augen an!

Kein Zweifel: Zwischen den schwarz verkokelten Holzscheiten zeichneten sich die Konturen eines menschlichen Gesichts ab!

Maria trat erschrocken einen Schritt zurück.

Uriel hatte inzwischen die letzte leere Schale auf das Tablett zurückgestellt, wickelte sich die Perlenkette um sein linkes Handgelenk und gab Israfel ein weiteres Zeichen.

Der trat an den Altar, stellte das Tablett mit den Schälchen darauf ab und griff nach einer großen Platte, auf der mehrere seltsame rote Pyramiden mit weißen Scheiben standen. Die kannte Maria: Uriel hatte ihr bereits erklärt, dass es sich um Tormas – Opfergaben für die Gottheiten – handelte.

Israfel trug die Platte mit den Tormas zum Feuer und übergab sie Uriel. Außerdem hatte er noch eine große Glocke vom Altar genommen, die ihm Uriel ebenfalls abnahm.

Uriel drehte sich zum Feuer. In der linken Hand hielt er die Glocke, auf der Handfläche der rechten Hand balancierte er das Tablett mit den Tormas.

Dann begann er laut und rhythmisch in dieser fremden Sprache zu rezitieren. Dabei ließ er das Tablett über den Flammen kreisen und schwang gleichzeitig die Glocke. Ihr lautes Klingeln übertönte seine Stimme.

Maria schnappte nach Luft. Ein paar Engel kreischten erschrocken auf.

In den wild tanzenden Feuerzungen zeichnete sich der blaue Körper einer nackten Frau ab! Sie trug eine Krone aus Totenköpfen, schwang ein langes glänzendes Schwert in ihrer rechten Hand und bleckte – rhythmisch von einem Bein auf das andere springend – ihre spitzen weißen Zähne. Ihre riesigen schwarzen Pupillen rollten in ihren aufgerissenen Augen.

Die mächtige Yeshe Walmo – zornvolle weibliche Emanation des Buddha, Herrin über Leben und Tod, Zerstörerin aller Abhängigkeiten und Verstrickungen – war Uriels Ruf gefolgt und hatte sich mitten unter den Schutzengeln Friedrichhains und vor den Augen der Jungfrau Maria auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt manifestiert.

In der Tiefe

Suriyel und Gabriel machen sich auf die Suche nach Luzifers Energie-Apparat und stoßen auf einen geheimnisvollen Tunnel…

Gabriel schreckte hoch. Inzwischen musste es Abend sein. Der Bürostuhl, auf dem sie die letzten Stunden im Halbschlaf verbracht hatte, war unerträglich unbequem. In ihrem Rücken stach es. Ihr war kalt. Sie war totmüde.

Ein paar Meter von ihr entfernt saß Suriyel am Schreibtisch und tippte immer noch auf dem Laptop herum, den er in einem der Büros gefunden hatte.

Seitdem Luzifer und sein Assistent am Morgen gegangen waren, hatte niemand mehr die Seelenfliegen-Abteilung betreten.

Was doppelt positiv war: Sie waren ungestört geblieben. Und es war offensichtlich keine weitere Seelen-Fliege eines Schutzengels in der Hölle angekommen.

Wenn Luzifer recht behielt, würde sich das morgen ändern.

Gabriel schauderte bei dem Gedanken daran, dass hundert Schutzengel gestorben und ihre verfluchten Seelen gerade – in Fliegen verwandelt – auf dem Weg in die Hölle waren.

„Ich hab´s! Hier müsste Luzifers Apparat sein!“ Suriyel starrte auf den Laptop.

Gabriel stemmte sich aus dem Drehstuhl hoch, trat hinter Suriyel und warf einen Blick über seine Schulter. Auf dem Bildschirm war der Lageplan eines Gebäudes abgebildet. „Wie bist du da reingekommen?“

„Da können die hier noch so ausgefeilte Sicherheitssysteme haben: Wenn das Passwort ‚1234567‘ ist, hat der Administrator ein Problem.“

„Und was soll das sein?“

„Der Grundriss von Luzifers Höllenareal. Hat sich der Abteilungsleiter wohl hochgeladen, um die Büros zu planen. Suriyel deutete auf einen Punkt in der Mitte des Bildschirms. „Das hier könnte der Raum sein, den wir suchen.“

„Wie kommst du jetzt da drauf?“ Gabriel sah nur Striche, Punkte und unverständliche Kürzel.

„Das ist die Etage unter der hier. Sämtliche elektrischen Leitungen führen genau da hin!“ Suriyel drückte wieder den Finger gegen den Bildschirm.

„Da kommen wir genausowenig rein, wie in das Fliegen-Zimmer.“

„Jetzt finden wir das erstmal, und dann werden wir ja sehen.“ Suryiel stand auf, klappte den Laptop zusammen und steckte ihn in seine Umhängetasche. „Die Tür zur Treppe ist gegenüber vom Aufzug.“

Die Wände des Vorraums waren schwarz. Die Aufzugtür wurde von einer Notbeleuchtung erhellt, ansosten war alles dunkel.

„Wenn wir Glück haben, kommt heute keiner mehr. Um die Zeit fangen sie an zu saufen.“

Gabriel betrachtete stirnrunzelnd Suriyels Rücken. Der kniete vor ihr auf dem Boden und tastete eine Ecke der – dem Aufzug gegenüber liegenden – Wand ab. Woher ihr Erzengel-Kollege diese Detailkenntnisse über das Leben in der Hölle hatte, war ihr ein Rätsel.

„Leuchte mir mal!“ Er kramte in seinem Beutel herum und hielt ihr eine Taschenlampe hin.

Gehorsam lenkte sie den Lichtkegel auf seine Hände. „Da ist was!“ Suriyel drückte gegen die Fußboden-Leiste. Ein metallenes Klicken ertönte. Vor ihnen schwang eine schmale Tür auf.

Während Suriyel aufstand, leuchtete Gabriel in die Öffnung hinein. Eine steile Treppe führte in die Dunkelheit. „Dafür, dass sie sonst so high tech sind, ist das aber pöpelig gemacht.“

Suriyel holte eine Stirnlampe aus seinem Beutel und zog sie sich über den Kopf. „Sieht nach einem Schwarzbau aus. In der Zentrale weis sicher keiner was davon.“

Gabriel folgte ihm durch die Öffnung und zog die Tür hinter sich zu. Abermals ertönte das metallene Klicken. Sie versuchte vergebens, die Tür aufzudrücken. „Ich hoffe, wir kommen hinterher wieder raus!“

„Damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.“ Suriyel drehte sich um und lief die Treppe hinunter. Das Licht seiner Stirnlampe tanzte über schwarze Felswände. Die Luft war eiskalt und roch abgestanden. Offensichtlich befanden sie sich in einem ehemaligen Minenschacht.

Hier sah es exakt so aus, wie sich Gabriel die Hölle vorgestellt hatte.

Am Fuße der Treppe folgte Suriyel dem Tunnel, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzusehen. Ihn stumm verfluchend, lief sie hinter ihm her.

Nach etwa hundert Metern blieb er abrupt stehen. Der Haupttunnel, auf dem sie gekommen waren, führte in einer Biegung nach rechts. In der Wand vor ihnen befand sich ein hüfthohes Loch. Gabriel bückte sich und leuchtete hinein. Das Licht fiel in einen engen Gang, dessen Boden mit Geröll bedeckt war. Er schien steil in die Tiefe zu führen.

Aus der Ferne klang das vertraute metallene Klicken. Irgendjemand hatte die Tür zur Treppe geöffnet. Gabriel spürte, wie ihr der Angstschweiß über den Rücken lief. Das hier war ein Alptraum!

Suriyel packte ihre Hand, ging in die Knie und kroch – Gabriel hinter sich herziehend – durch das Loch. Mit zitternden Händen folgte sie Suriyes Beispiel und löschte ihre Lampe.

In der Dunkelheit erklangen Schritte. Ein vager Lichtschein gewann stetig an Stärke. Schließlich tauchten zwei Gestalten mit Taschenlampen direkt vor ihrem Versteck auf, hielten dort kurz inne, und liefen weiter.

Allerdings nur wenige Meter, dann schienen die beiden Fremden an ihrem Ziel angekommen zu sein. „Hier ist es, Kanzler!“, erklang eine hohe Männerstimme.

„Sehr gut, Cabor!“, das tiefe Grollen seines Partners hallte im engen Gang wider.

„Das ist Beelzebub!“, flüsterte Suriyel in Gabriels Ohr. „Scheiße!“

„Und wer ist Cabor?“

„Kannst du dich nicht mehr an ihn erinnern? Der gehörte doch auch mal zum dritten Chor, bevor ihn der Allmächtige aus dem Himmel geworfen hat! So ein schmieriger Wichtigtuer. Wusste immer alles besser!“

„Nein. Keine Ahnung.“ Im Stillen dachte Gabriel, dass es kein Wunder war, dass Suriyel sich noch an diesen Cabor erinnern konnte. Mit einem Engel, der „immer alles besser wusste“, war er sicher regelmäßig in Streit geraten.

„Sperr auf!“ Das war wieder Beelzebub.

„Moment.“ Ein helles Klingeln ertönte. Cabor schien einen Schlüsselbund hervorgezogen zu haben.

„Wie bist du an das Duplikat gekommen?“ Beelzebub war erkennbar bemüht, sich seine Bewunderung nicht anhören zu lassen.

„Berufsgeheimnis. Ich habe ihn. Das muss genügen, Kanzler.“

Ein Klacken ertönte, gefolgt vom leisen Quietschen metallener Scharniere. Nach ein paar Sekunden fiel mit lautem Krachen eine Tür ins Schloss.

„Was für ein Mist! Die sind drin! Was machen wir jetzt?“ Suriyel schaltete seine Stirnlampe an.

„Wir müssen da lang!“ Gabriel wies in die Tiefe des schmalen Gangs hinein, an dessen Wand sie immer noch kauerten.

„Was heißt: ‚Wir müssen da lang?‘ Wir müssen an Luzifers Apparat! Und der ist DA vorne!“ Suriyel deutete durch das Loch in den Hauptgang.

„Ich habe keine Ahnung warum, aber ich bin mir sicher, wir müssen DA lang!“ Gabriel ließ ihre Taschenlampe aufleuchten und folgte – den Kopf eingezogen und den Rücken gebeugt – dem schmalen Gang in die Tiefe.

„Du spinnst! Ich komme nicht mit! Geh alleine!“

„Bin ich der Erzengel der Visionen, oder bin ich es nicht?“ Gabriel drehte sich zu ihm um. Er starrte stur in die andere Richtung.

„Gut! Dann bleibst du eben hier!“ Sie kroch weiter in die Dunkelheit hinein.

„Du machst mich fertig!“

Gabriel hörte, wie er ihr folgte. Obwohl sie sich gerade halb zu Tode fürchtete, konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Transformator

Die Dämonin Proserpina findet sich in den Eingeweiden von Luzifers magischer Apparatur wieder…

Lichtblitze jagten an Proserpina vorbei, während sie sich in rasender Geschwindigkeit durch eine elektrische Leitung bewegte.

Als sie den Knopf unter dem Tisch des Türstehers in Luzifers Partyzone gedrückt hatte, war ein Mechanismus aktiviert worden, der darauf ausgelegt zu sein schien, positiv geladenen Äther-Teile von Materie zu trennen und zu absorbieren.

Anstatt der Apparatur nachzugeben und zuzulassen, dass die Äther-Energie der Schutzengel-Verträge aus ihrem Herzen gesogen wurde, hatte Proserpina sich in elektrische Ladung transformiert.

Das war ein reiner Routinevorgang: Prosperina vollzog diesen Prozess jedes Mal, wenn sie von einer Erscheinungsform in die andere wechselte.

Luzifers seltsame Maschine hatte deshalb nicht nur die positiv geladenen Äther-Anteile der Schutzengel, sondern die gesamte Energie der Dämonen-Königin aufgesogen.

Und nun jagte Proserpina – nur noch bestehend aus Bewusstsein und Energie – durch die Spiralen eines teuflischen Transformators! Sie versuchte, ihre Todesangst zu ignorieren.

Erst einmal in ihrer 2500jährigen Existenz war sie der vollkommenen Auslöschung so nah gewesen, wie in diesem Augenblick.

Über Jahrhunderte hatte sie es vorgezogen, nicht über ihre Vergangenheit nachzudenken. Aber jetzt, während sie als Lichtblitz durch die Eingeweide des magischen Transformators schoss, tauchten lang vergessene Bilder in ihrem Bewusstsein auf.

Wie sie, Tochter des Jupiter und der Ceres, in Tempeln angebetet wurde. Das paradiesische Leben im Olymp. Pluto, der auf einer von vier Rappen gezogenen Kutsche in ihrem Zuhause auftauchte. Wie er sie überwältigte und mit brutaler Gewalt in die Unterwelt verschleppte. Niemand hatte ihr damals geholfen! Nicht einmal ihre eigene Mutter!

Dass das römische Volk hinterher behauptete, Ceres hätte nach ihrem Kind gesucht und durchgesetzt, dass Proserpina die Hälfte des Jahres im Olymp leben durfte, war eine reine Phantasie gewesen! Die Römer konnten die Idee nicht aushalten, eine – von ihnen verehrte – Göttin könne ihre eigene Tochter verraten.

Diese Lüge gab Proserpina den Rest!

Sie hatte ihre Lehren aus der Sache gezogen und beschlossen, niemals wieder irgendjemandem zu vertrauen. Über Jahrhunderte hatte sie im Geheimen an ihren magischen Kräften gearbeitet, bis sie zur mächtigen Dämonin geworden war. Sie hatte Pluto für das, was er ihr angetan hatte, bezahlen lassen. Er war in der Hölle längst vergessen.

Proserpina stieg zur Dämonen-Königin auf. Allerdings nur mit Hilfe Beelzebubs, des Kanzlers des Ordens der Fliege. Dabei war sie ihm in ihren magischen Fähigkeiten weit überlegen. Aber in der Hölle galt das Prinzip, dass eine Dämonin einen Dämon brauchte, um Macht zu haben.

Und Beelzebub war von allen Dämonen der erträglichste gewesen. Es gab sogar Tage, an denen Proserpina ihn mochte.

Proserpina spürte, wie sich ihre Energie in einer noch nie zuvor erlebten Weise verdichtete. Die positiven Äther-Anteile der Schutzengel verschmolzen mit ihrer Dämonen-Energie. Bis an ihre Grenzen aufgeladen wurde sie aus dem Transformator gescheudert, und schoss durch elektrische Leitungen tiefer und tiefer in das Innere der Erde.

Die zornvolle Göttin der Nacht

Erzengel Uriel möchte eine zornvolle dunkle Göttin anrufen, um die Schutzengel Friedrichhains von Lutzifers Fluch zu befreien…

Am Nachmittag materialisierte sich Israfel auf der Landstraße vor der Mühle.

Maria entdeckte ihn, als sie auf den Hof trat.

Suriyel hatte ihr seinen Ober-Schutzengel gestern vorgestellt. Israfel sollte den Kontakt zwischen dem Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain und der Mühle halten und ihr, wenn sie Unterstützung brauchte, zur Hand gehen.

Maria, die den wortkargen Suriyel etwas seltsam fand, war erleichtert darüber gewesen. Der kleine runde Schutzengel machte einen zugänglicheren Eindruck als sein Vorgesetzter.

Israfel war genau zum richtigen Zeitpunkt in der Mühle aufgetaucht. Am Abend würde das Feuer-Puja stattfinden. Uriel hatte eine Liste mit den Namen sämtlicher Engel Friedrichhains – lebend, tot und verschollen – verlangt.

Maria kannte die Schutzengel erst seit ein paar Stunden. Von den meisten wusste sie nicht einmal, wie sie hießen. Deshalb hatte sie sich während des Mittagessens an der Tür des Pferdestalls postiert. Jeder Engel, der seine Mahlzeit beendet hatte, musste unter ihrer Aufsicht seinen Namen in eine Liste eintragen. Es fehlte noch mindestens ein Drittel.

Seit zwei Stunden irrte sie deshalb in der Mühle umher und fragte jeden Engel, der ihr begegnete, ob sein Name schon auf der Liste stand. Dass Schutzengel alle ziemlich gleich aussehen, erleichterte ihre Aufgaben nicht.

Nur Israfel, in seiner weiten Batikhose und mit seinem Fusselbart, sah definitiv anders aus, als die anderen. Nachdem Maria ihm das Problem erklärt hatte, nahm er ihr Block und Stift aus der Hand und verschwand ins Haupthaus.

Am späten Nachmittag fuhr der Transporter des Großhändlers vor. Der Lieferant beklagte sich wortreich über das Seil, das ihm die Zufahrt versperrte. Maria setzte ein strahlendes Lächeln auf. Das wirkte immer. Der Lieferant lächelte verwirrt zurück und wuchtete stumm mehrere Transportboxen über das Gatter, bevor er sich mit glasigem Blick verabschiedete.

Maria delegierte den Vorratskammer-Engelstrupp und trug die Kiste mit den Milchprodukten in die Küche. Als sie den Speisesaal durchquerte, entdeckte sie Israfel. Der saß an einem der langen Tische und schrieb konzentriert an der Liste. Ihm gegenüber auf der Eckbank hatte ein halbes Dutzend Engel Platz genommen, die eifrig Namen diskutierten.

Unberührt von der Aufregung um ihn herum, lag Uriels kleiner weißer Hund in seinem Korb neben der Kaffeemaschine und schlief.

Während Maria Großpackungen mit Joghurt und Käse in den Kühlschrank schichtete, stellte sie erstaunt fest, wie wohl sie sich fühlte. Die Mühle war gemütlich, die Engel liebenswert und Uriel ein Schatz. Und sie hatte endlich eine Aufgabe, die sie erfüllte.

Sie schob den Gedanken zur Seite und warf einen Blick aus dem Küchenfenster. Auf der Terrasse war Uriel damit beschäftigt, eine Art Altar aufzubauen. Davor hatte er eine große Feuerschale mit Brennholz platziert.

Nach dem Abendessen strömten die Schutzengel auf die Terrasse. Es war bereits dunkel. Die Wipfel der Bäume des nahen Waldes rauschten im Wind. Vom Weiher zog feuchte Kälte herüber und lies die Engel frösteln. Maria verteilte Decken und Kopfbedeckungen aller Art, die der Dachboden-Trupp zutage gefördert hatte.

Israfel war mit dem Altar beschäftigt. Er platzierte Räucherstäbchen, füllte Wasser in kleine Schälchen und entzündete Kerzen. Auf der obersten Stufe des – mit einem prächtigen bunten Tuch bedecken – Altars stand eine kleine Statue.

Maria trat näher heran, um sie in Augenschein zu nehmen. Es war eine Frauenfigur, stellte sie fest. Das war Maria gewöhnt: Es gab wohl keine Frau der Menschheitsgeschichte, die so intensiv verehrt wurde, wie sie. Ihr in sich ruhendes, schönes, mild lächelndes Antlitz blickte seit bald 2000 Jahren auf Betende auf allen Kontinenten.

Die Figur war blau. Genau wie ihre Marienbilder und Statuen. Die Muttergottes kniff die Augen zusammen, registrierte zum ersten Mal die Details der kleinen Altarfigur – und schüttelte sich. Diese Frau, die dort dargestellt war, sah ganz sicher nicht in sich ruhend, schön und liebend aus!

Die Figur schien wild zu tanzen. Um sie schlugen rote Flammen in den Himmel. Ihr aufgerissener Mund gab den Blick auf spitze Fangzähne frei. Ihr Kopf war nicht von einem Heiligenschein, sondern von einem Ring aus Totenköpfen gekrönt. In ihrer erhobenen rechten Hand schwang sie ein Schwert.

Maria war fassungslos: Wie konnte Uriel glauben, eine solche schreckliche Heilige würde die Schutzengel vor Luzifers Fluch schützen! Es war doch offensichtlich, dass diese Figur nur Tod und Verderben brachte! Suriyel hatte seine Schutzengel ganz sicher nicht in die Mühle gebracht, damit Uriel alles noch schlimmer machte, als es eh schon war!

Uriel stand vor der Feuerschale. Er kontrollierte gerade die lange Namensliste. Zu seinen Füßen leckten die ersten Flammen an den Holzscheiten. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel ein, die dicht an dicht auf der Terrasse versammelt waren.

Maria trat zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Das erlaube ich Dir nicht!“

Uriel schreckte hoch und starrte ihr verwirrt ins Gesicht: „Wie meinst Du das?“

Es gelang Maria nur schwer, ihre Stimme zu dämpfen: „Es kommt nicht in Frage, dass du diesen Hokuspokus mit den Engeln machst! Suriyel würde dir das ganz sicher verbieten! Das kann doch nur in die Katastrophe führen, mit DER da!“ Maria wies mit zitterndem Finger auf die blaue Statue auf dem Altar.

„Das ist Yeshe Walmo. Die zornvolle Seite der weiblichen Kraft. Das ist einfach Deine Nachtseite, Maria. Du repräsentierst den sanften, liebenden Aspekt des Weiblichen. Aber die andere Seite ist genauso wichtig. Manchmal muss etwas Destruktives zerstört werden, bevor gesunde Strukturen entstehen können. Das ist die Aufgabe von Yeshe Walmo. Sie vernichtet, was lebensfeindlich ist!“

„DIE DA soll positiv sein?“

„Ja. Ganz sicher. Haben wir in unserer Religion leider vergessen. Zu unserem Schaden. Vertrau mir.“

Die Schutzengel wurden unruhig, stellte Maria fest. Das Murmeln und Flüstern auf der Terrasse wurde lauter, die ersten begannen von hinten zu schieben. Das letzte, was sie hier gebrauchen konnten, waren panische Engel.

Maria presste die Lippen aufeinander. Schließlich nickte sie widersrebend: „Ja, gut. Aber auf deine Verantwortung!“ Sie senkte den Blick und starrte Uriel in die Augen: „Und wehe dir, auch nur einem Engel wird ein Haar gekrümmt!“

Uriel trat vor Schreck einen Schritt zurück. So hatte er sie noch nie erlebt! Schließlich schmunzelte er: „Es sieht fast so aus, als würde Yeshe Walmo bereits wirken!“

Der Raum der Fliegen

Erzengel Suriyel entdeckt die Seelenfliegen seiner verfluchten Schutzengel im Keller von Luzifers Höllenareal…

Aus versteckten Boxen erklang sphärische Musik, untermalt von Vogelgesang. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte die gegenüberliegende Wand hinunter.

Der süßlich-abgestandene Geruch von Dope hing in der Luft.

Gabriel starrte verwirrt auf die riesige Sofalandschaft, die in der Mitte der leeren Halle platziert war. „Das soll die Hölle sein?“

„Klar. Was sonst?“ Suriyel sah sich prüfend um.

„Ich meine, ich dachte: Werden die hier nicht gefoltert und leiden und so?“

„Im alten Areal haben sie noch das traditionelle Equipement, aber das hier ist der Neubau.“

„Und warum sieht der so anders aus?“

„Die gehen halt mit der Zeit. Folter ist es trotzdem. Und leiden tun sie nicht weniger als früher.“

„Ach komm! Das ist doch Wellness!“ Gabriel schüttelte fassungslos den Kopf. „Davon kann ich nur träumen! Und ich lebe im Himmel!“

„Wenn du hier ein paar Wochen mit Tausenden von Teufeln sinnlos abgehangen hättest, würdest du das anders sehen.“ Er griff nach ihrem Arm. „Jetzt komm. Und sei leise!“

Gabriel folgte ihm quer durch den Raum. Auf beiden Seiten des Wasserfalls entdeckte sie je eine Tür. Suriyel steuerte die rechte an.

Die Türflügel öffneten sich automatisch. Der Flur, der sich dahinter auftat, war breiter als der Notausgang, durch den sie gekommen waren. Links und rechts gingen in regelmäßigen Abständen Seitengänge ab. Gabriel musterte im Vorbeilaufen besorgt die Türen, die sich dort befanden. „Wo sind wir hier?“, flüsterte sie Suriyel ins Ohr.

„Luzifers Areal. Das hier ist einer der Wohntrakte seiner Teufel.“

„Du meinst: Hinter diesen Türen wohnen Teufel?“

„Wenn wir Glück haben, schlafen sie.“

„Oh Suriyel!“ Gabriel wollte sich überhaupt nicht ausmalen, was mit ihnen geschehen würde, sollten sie entdeckt werden! „Du bist wahnsinnig!“

„Ich habe dir gesagt: ‚Das ist nichts für dich!‘ Wenn es dir nicht passt, kannst du gehen. Du weißt, wo der Ausgang ist.“

Gabriel biss die Zähne zusammen und klammerte sich an seine Hand.

Sie waren am Ende des langen Flures angekommen. Wieder schwang die Tür automatisch auf. Vor ihnen erstreckte sich ein großes Treppenhaus. „Wir müssen runter.“ Suriyel rief den Aufzug.

Mit leisem Sirren öffnete sich die Aufzugtür. Suriyel schob Gabriel in die leere Kabine, folgte ihr und mustere die Etagenbeschriftungen. „Das sieht doch gut aus!“ Er drückte auf den untersten Knopf.

Während sich die Kabine lautlos nach unten bewegte, überflog Gabriel die Anzeigetafel. Es gab zehn Stockwerke, stellte sie fest. Ganz oben stand „Lounge/Wellness/Speisesaal/L-X“. Darunter L-IIIIV, L-IIIV, L-IIV, L-IV. Ab dem fünften Stock änderte sich die Beschriftung: Es gab Abteilungen für Sünden, Naturkatastrophen, Seuchen und sogar eine für Geschlechtskrankheiten! In den Stockwerken eins und zwei war die Verwaltung untergebracht. Inklusive der Pressestelle.

Die Beschriftung des untersten Knopfes war überklebt. Jemand hatte mit Edding „L-F“ auf den Aufkleber geschrieben.

Die Aufzugtür öffnete sich und gab den Blick auf einen, von einem Notlicht beleuchteten, Vorraum frei. Die Glastür zum Flur war mit einem biometrischen Smart Lock gesichert. Suriyel drückte seinen rechten Daumen gegen das Display. Ein schrilles Piepen ertönte, dann schwang die Tür auf. Suryiel nickte zufrieden. „Meine Daten sind in der höchsten Sicherheitsstufe gespeichert. Praktisch, oder?“

Gabriel schwieg. Es war definitiv nicht der richtige Augenblick, darüber zu diskutieren, dass sie Suriyels intime Beziehung zur Hölle nicht „praktisch“, sondern verstörend fand.

Links und rechts des Flurs gingen Büros ab. Die wurden jedoch nicht benutzt, stellten sie fest, nachdem sie in mehreren das Licht angeschaltet und sich umgesehen hatten. Die Drehstühle waren eingeschweißt, in den Ecken stappelten sich Drucker, Tischlampen und Laptops in Kartons. Gabriel zog probeweise die Schublade eines Hängeschranks auf. Das Registerfach war leer. „Was sie hier wohl vorhaben?“

Suriyel war schon wieder verschwunden. Sie löschte das Licht und fand ihn am Ende des Flures. Er stand an einer weißen Sicherheitstür und drückte seine Stirn gegen die Glasscheibe. Gabriel stellte sich neben ihn. „Was ist da?“

Er trat einen Schritt zur Seite. Sie presste ihre Nase gegen die dicke Scheibe. Dahinter befand sich ein Raum überschaubarer Größe, in dessen Mitte ein weißer Tisch stand. Darauf waren eine flache Schale Wasser platziert und daneben ein Teller, auf dem sich etwas großes Rot-Braunes befand.

Während Gabriel das seltsame Ding näher musterte, landete plötzlich eine Fliege auf der anderen Seite der Scheibe. Ihre vordersten Beinchen klopften gegen den Türrahmen. „Oh nein! Ist das die Seelenfliege von dem armen Engel in der Warschauer Straße?“

Suriyel wies kommentarlos mit dem Kinn auf den Tisch hinter der Scheibe. Gabriel folgte seinem Blick: Das seltsame rot-braune Ding, stelle sie fest, war ein Stück gammeliges Fleisch. Darauf krabbelte ein ganzer Schwarm Schmeißfliegen. Es waren sicher zwanzig oder dreißig Stück.

„Wusste ich es doch, dass die nicht verloren gegangen sind. Sie sind gestorben!“ Suriyel drosch mit der Faust gegen die Scheibe. „Und wir kommen nicht rein!“

Die Tür, sah Gabriel, war mit einem klassischen Sicherheitsschloss versperrt. Wer hier hinein wollte, brauchte einen Schlüssel.

Die beiden Erzengel zuckten zusammen. Die Tür zum Flur war aufgeschwungen. Schritte erklangen. Suriyel packte Gabriel am Arm, schob sie in das nächstgelegene leere Büro und zog die Tür bis auf einen schmalen Spalt hinter ihnen zu.

Die Schritte kamen näher und stoppten vor der Glastür, hinter der sich die Fliegen befanden. Gabriel warf einen vorsichtigen Blick in den Flur. Nur fünf Meter von ihr entfernt stand Luzifer. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er ihr den Rücken zuwandte.

Neben ihm wippte ein schmaler Teufel auf seinen Zehen, während er seinen Blick über ein Klemmbrett schweifen ließ. „Wir hatten die letzte Ankunft gestern morgen.“ Der Teufel fuhr mit seinem Finger die Liste entlang. „Die Fliege wurde um 9:13 Uhr am Hölleneingang registriert und hier um 10:00 Uhr im System abgespeichert. Es handelt sich um die Seele des Schutzengels Rahab, wohnhaft Grünberger Straße 48 in Berlin-Friedrichshain.“

„Informiere das Höllentor, dass ich morgen Abend etwa hundert Fliegen erwarte!“

Der Unterteufel trat ein paar Schritte zur Seite und presste sein Handy ans Ohr.

Nach ein paar Sätzen steckte er es wieder ein und trat zu Luzifer. „Sie wissen Bescheid.“

„Gut.“ Luzifer drehte sich um und ging, gefolgt von seinem Assistenten, in Richtung Ausgang. „Stell zehn Teufel ab, die morgen ab zwölf Uhr Mittags am Höllentor Posten beziehen. Oder besser zwanzig. Sicher ist sicher. Es müssen immer mindestens zwei von unseren Leuten am Empfang stehen. Der Orden soll keine einzige unserer Fliegen bekommen!“ Damit schloss sich die Tür hinter ihm und seinem Unterteufel.

Die beiden Erzengel warteten ein paar Minuten, bevor sie das Büro verließen.

Gabriel strich Suriyel, der wieder durch die Glasscheibe auf die Fliegen starrte, tröstend über den Arm.

Cabor

Cabor, Mitglied des Vorstands des Ordens der Fliege, informiert seine Kollegen über Luzifers geheimes Treiben in der Hölle…

Der Zigarrenrauch hing so dicht im Konferenzraum, dass Beelzebub die riesige Gestalt seines Stellvertreters Nergal, der am anderen Ende der langen Tafel saß, nur schemenhaft erkennen konnte.

Auf den Aufruf ihres Kanzlers hin, hatten sich elf Mitglieder des Vorstands des Ordens der Fliege um den Tisch versammelt. Lediglich ein Platz war noch nicht besetzt.

Die Flügeltür schwang auf. Alle Gespräche verstummten. Eine schmale, schwarz gekleidete Gestalt schritt über den roten Teppichboden, nickte kurz in Richtung Beelzebub und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.

Der räusperte sich: „Gut. Wir sind vollzählig. Fangen wir an.“ Er ließ den Blick über die Vorstandsmitglieder schweifen. Elf Dämonen. Ein gefallener Engel.

„Ich habe Euch zusammengerufen, weil der ehrwürdige Orden der Fliege das erste Mal in seiner 2000jährigen Geschichte in seiner Existenz bedroht ist.“

Er unterbrach das Murmeln mit einem energischen:“Ruhe!“

In das Schweigen hinein fuhr er fort: „Luzifer, dieser billige Emporkömmling, hat bindende Verträge mit Schutzengeln geschlossen. Ein Engel ist gestorben. Seine Seele hat sich in eine Fliege verwandelt. Aber diese Seelenfliege ist nie im Höllenareal unseres Ordens angekommen!“

Astaroth, der Schatzmeister des Ordens, unterbrach ihn: „Engel sind unsterblich! Genau wie wir! Du hast Dich verarschen lassen, Kanzler!“

„Halt´s Maul! Ich habe den toten Engel mit eigenen Augen gesehen! Er wurde von zwei Erzengeln und einem Schutzengel identifziert! Die Zeiten haben sich geändert, Astaroth!“

Molech mischte sich ein: „Soll das heißen, wir können auch sterben?“

Nergals schrilles Lachen ließ alle zusammenzucken: „Luzifer will uns in den Himmel schicken!“ Er sprang auf, bleckte die Fangzähne, breitete seine riesigen Flügel aus und drosch mit der Faust auf den Tisch. „Den Scheißer mache ich fertig!“

„Beruhig Dich!“, fuhr Beelzebub den Drachen-Dämon an. „Bevor wir Luzifer bezahlen lassen, müssen wir erst mal wissen, was er genau treibt! Und ja, verdammt noch mal, ich will weder sterben, noch will ich in den Himmel kommen! Es geht nicht nur um den Orden! Es geht um unser Leben!“

Er erntete zustimmendes Murmeln.

„Cabor hat sich heute bei Luzifer umgesehen.“ Beelzebub nickte in Richtung des Spätankömmlings. „Er wird uns sagen, was er herausgefunden hat.“

Der schmale Mann mit der Gesichtsmaske und dem hohen Zylinder erhob sich. Zwischen den elf riesigen Dämonen mit ihren Tierköpfen, Flügeln und Klauen wirkte er verloren.

Es hatte Beelzebub erhebliche Überwindung gekostet, Cabor erst die Mitgliedschaft und später den Vorstandsposten im Orden der Fliege anzutragen. Erstens, weil er grundsätzlich nichts von gefallenen Engeln hielt. Und zweitens, weil Proserpina einen Narren an Cabor gefressen hatte.

Sie war es gewesen, die seine Mitgliedschaft durchdrückte. Mit dem Ergebnis, dass sich Beelzebub einmal im Monat mit dem Liebhaber seiner Dämonenkönigin am selben Tisch wiederfand.

Jetzt war er froh, dass er ihr nachgegeben hatte. Cabor war der einzige aus dem Orden, der sich unauffällig zwischen Luzifers gefallenen Engeln bewegen konnte.

Cabor wartete unbewegt, bis sich die Tischgesellschaft beruhigt hatte. „Es ist in der Tat so, dass in den letzten Tagen Seelenfliegen im dritten Höllenareal angekommen sind, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Sie sind weder in den Listen des Ordens aufgeführt, noch wurden sie nach ihrer Ankunft an unsere Leute übergeben. Sie sind, laut Unterschrift, von Luzifers Teufeln in Empfang genommen und in sein Neubauareal gebracht worden.“

Molech drosch auf den Tisch, dass die Whiskeygläser klingelten: „Dommiel, der Drecksack, steckt mit Luzifer unter einer Decke! Anders ist es nicht möglich, dass die Torwächter mitspielen!“

„Er ist ein Teufel! Was erwartest Du von ihm?“, kreischte Astaroth.

Beryth unterbrach ihn: „Jetzt mal langsam und der Reihe nach! Wie ihr wisst, bin ich im Orden für alle Pakte und Verträge zuständig. Von einer Klausel, die Engel sterben und ihre Seelen in die Hölle kommen lässt, habe ich noch nie gehört! Möglicherweise kocht Luzifer sein eigenes Süppchen! Aber dass diese ominösen Seelenfliegen aus Engeln geschlüpft sind, kann mir keiner erzählen!“

Beelzebub mischte sich ein: „Genau das werden wir allen anderen erklären! Luzifer versucht, dem ehrwürdigen Orden der Fliege das Wasser abzugraben, indem er uns die verfluchten Seelen von Menschen klaut!“ Er nahm einen Schluck Whiskey: „Aber wir hier im Vorstand wissen, dass es die Seelen von Engeln sind!“

Beryth wiegte den Kopf. „Mir fehlt der Beweis, Kanzler. Auch zwei Erzengel können sich täuschen.“

Cabor schaltete sich ein. „Wie es der Zufall wollte, kam eine Seelenfliege am Höllentor an, während ich mich dort herumtrieb. Der Sachbearbeiter stellte fest, dass sie nicht für unseren Orden, sondern für Luzifer registriert war. Weil ich mich als einer von Luzifers Teufeln ausgegeben hatte, bekam ich die Fliege in die Hand gedrückt.“

Astaroth brach in hysterisches Kichern aus.

Als er wieder ruhig war, fuhr Cabor fort: „Ich bin mit der Fliege in Luzifers Areal und erst mal von einer Abteilung in die nächste geschickt worden, bis sich ein Teufel gefunden hat, der sich auskannte. Der hat mich, samt der Fliege, in das unterste Stockwerk im Neubau geschickt. Dort gibt es bestimmt zwanzig Büros, in denen aber niemand arbeitet. Die Stühle sind noch in Plastik eingeschweißt, die Drucker stehen in Kartons in der Ecke und so weiter.“

Molech pfiff durch die Zähne: „Luzifer scheint uns wirklich Konkurrenz machen zu wollen! Wie viele Dämonen beschäftigen wir?“

„Dreißig“, antwortete Astaroth. „Aber Teufel sind effektiver.“

„Lasst Cabor fertig reden!“, fuhr Beelzebub die beiden an.

Der gefallene Engel referierte weiter, als wäre er nie unterbrochen worden. „Irgendwann ist ein junger Teufel aufgetaucht, der mir die Fliege abnehmen wollte. Wir sind ins Gespräch gekommen und das Ende vom Lied war, dass ich sie zu ihrem Bestimmungsort tragen durfte. Auf dem Weg zum Fliegenraum hat der Teufel ununterbrochen geredet. Er schien ziemlich glücklich über seine Beförderung zum Abeilungsleiter gewesen zu sein. Er hat mir das gleiche erzählt, wie unser Kanzler.“

Cabor wies mit dem Kinn zu Beelzebub. „Die neue Abteilung ist exklusiv für die Seelenfliegen von Engeln geschaffen worden. Luzifer hat ein Patent für eine Apparatur angemeldet, die das zu Stande bringt. Sie befindet sich irgendwo in Luzifers Neubauareal. Ort unbekannt und streng geheim.“

Er machte eine Pause. Die Blicke sämtlicher Mitglieder klebten an dem schmalen Mann mit der schwarzen Maske. Atemlose Stille lag über dem Raum.

„Damit waren wir auch schon am Ende des langen Ganges vor einer Sicherheitstür angekommen. Daneben befindet sich eine gesicherte Luftschleuse. In die musste ich die Fliege setzen. Der Teufel schloss die Schleuse auf unserer Seite und öffnete danach die Schleuse auf der anderen Seite. Durch die Glastür konnte ich beobachten, wie die Fliege, die ich hergetragen hatte, aus der Schleuse heraus- und zu einem Tisch in der Raummitte flog. Dort befand sich Wasser und rohes Fleisch. Und jede Menge Fliegen.“

„Und das alles sollen die Seelen von Engeln sein?“, fragte Beryth ungläubig.

„So wurde mir das gesagt. Aktuell sind es vierundzwanzig. Im Laufe der nächsten Tage erwarten sie noch viel mehr. Um die zweihundert, hat mir der Teufel erklärt.“

Beelzebub überbrüllte das aufgeregte Rufen und Schreien der Vorstandsmitglieder. „Wir brauchen diesen Apparat von Luzifer! Koste es, was es wolle!“

Cabor nahm schweigend Platz.

Der Knopf

Die Dämonin Proserpina aktiviert Luzifers magische Apparatur und lässt sich auf ein riskantes Experiment ein…

Mit einem Mal stach ihr der Geruch von Bier und Schweiß in der Nase. Die magere schwarze Katze, die bewegungslos in Luzifers verlassener Partyzone gesessen hatte, schüttelte verwirrt den Kopf und erhob sich unsicher von ihren Hinterpfoten. Alles um sie drehte sich. Mehrere Minuten lang stand sie, leicht schwankend, in der Mitte des breiten Flurs.

Als Proserpina aus ihrem Trance-Zustand wieder in die Realität zurückgefunden hatte, wusste sie, was zu tun war.

Die Spitze ihres hoch erhobenen Schwanzes zuckte nervös, während sie mit ihrer Nase die Tür zum fensterlosen Büro aufschob. Auf dem Schreibtisch lag immer noch der aufgeschlagene Ordner mit den magischen Verträgen, in denen die Schutzengel ihre Seele an den Teufel verkauft hatten.

Mit einem federnden Sprung landete die schwarze Katze auf der Schreibtischplatte und stieg, laut vor sich hin schnurrend, mit allen vier Pfoten auf die Seiten des Ordners. Tänzelnd drehte sie sich mehrmals im Kreis und kam schließlich so auf dem Papier zu liegen, dass ihr Brustkorb genau auf der Stelle platziert war, an der die Energie der magisch leuchtenden Unterschriften am Stärksten war.

Proserpina schloss ihre Augen. Mit aller Macht konzentrierte sie sich darauf, die Lebensenergie der Verträge in ihr Herz zu saugen.

Als sie nach etwa zehn Minuten wieder aufstand, fühlte sich ihr Brustkorb an, als hätte er Feuer gefangen. Ihr ganzer Körper glühte.

Vor sich hin vibrierend sprang sie vom Schreibtisch, lief in den Flur und zu dem Bartisch hinter der Eingangstür, an dem üblicherweise Dommiel – der Torwächter der Hölle – stand. In Luzifers Partyzone fungierte er als Türsteher, der feierwütige Menschen aussortierte und nur Schutzengeln den Zutritt gestattete.

Die schwarze Katze schob sich unter den Streben des Bartisches hindurch und starrte nach oben. Tatsächlich! An der Unterseite der Tischplatte war ein unauffälliger kleiner weißer Knopf angebracht.

Proserpina trat unter dem Tisch hervor, nahm innerhalb von Sekunden ihre dämonische Gestalt an und drückte energisch auf den Schalter.

Ein schrilles Pfeifen, dessen Ursprung sie nicht lokalisieren konnte, ertönte. Proserpina nahm wieder die Form der schwarzen Katze an und eilte an den Punkt im Flur, an dem sie vor kurzem die magische Schwelle lokalisiert hatte. Ihre Schnurrhaare zuckten: Sie hatte definitiv die seltsame Apparatur aktiviert.

Proserpina fokussierte sich auf die Energie, die sie in ihr Herz gesogen hatte und nahm auf der Schwelle Platz, während sie einen Zauberspruch vor sich hin murmelte. Gewaltige Kräfte zerrten an ihr. Irgendetwas versuchte mit aller Macht, die Vitalität der Schutzengel-Verträge aus ihr heraus zu pressen. Sie biss die Zähne zusammen und hielt dagegen. Einige Minuten lang vollzog sich ein stummer Kampf. Die schwarze Katze vibrierte vor sich hin, ihre Konturen wurden von Minute zu Minute transparenter.

Ein lauter Knall ließ den Bartisch erbeben. Das kalte Licht der Deckenstrahler erleuchtete den leeren Flur. Die schwarze Katze war verschwunden.

Beschützer

Während Maria für die kontaminierten Schutzengel von Friedrichshain sorgt, ruft Erzengel Uriel Torwächter und Beschützer herbei…

Zweihundert verstörte Schutzengel in einer alten Mühle zu versorgen und bei Laune zu halten, war selbst für die Mutter Gottes eine Herausforderung.

Maria hetzte – in jeder Hand eine Thermoskanne mit Kaffee – aus dem Haupthaus. Dort hatten sich sechzig Engel um die drei langen Tische des Speisesaals gequetscht. Die hundertvierzig anderen saßen im historischen Pferdestall und warteten auf ihr Frühstück.

Geschirr gab es genug in Uriels alter Mühle. Die vorherigen Eigentümer hatten über Jahrzehnte eine Pension betrieben und schienen nie etwas weggeworfen zu haben. Zwei Schutzengel folgten Maria, zwischen sich einen Wäschekorb voller Teller und Tassen. Dahinter kamen noch ein paar andere, die auf Tabletts Essen zum Pferdestall schleppten.

Maria war sehr erleichtert gewesen, als sie heute morgen feststellte, dass sich in der Speisekammer H-Milch, Müsli, Knäckebrot, Nudeln, Reis und Konserven aller Art bis zur Decke stapelten. In einer Ecke lagen zwei Säcke Kartoffeln. Der Kühlschrank war bis zum letzten Zentimeter mit Joghurt und Käse gefüllt. Uriel hatte, als er gestern seine Bestellung beim Großhändler aufgab, sogar an Kekse und Schokolade für die Schutzengel gedacht. Und, weil er Maria kannte, an zwei Kisten mit Obst und Gemüse.

Nach dem Frühstück verteilte Maria Aufgaben: Zehn Schutzengel wurden zu Assistenten ernannt, die jeweils zwanzig Engel beaufsichtigten. Jede Gruppe bekam eine andere Arbeit zugewiesen. Zu tun gab es genug: Maria teilte Kochgruppen für drei Mahlzeiten ein, Tisch- und Spüldienste, Putz- und Gartengruppen. Nach kurzem Überlegen setzte sich auch noch Fensterputzen und Dachboden sortieren auf ihre lange Liste.

Das Ziel war, alle Engel möglichst sinnvoll und ausführlich zu beschäftigen. Keiner sollte irgendwo herumsitzen, Trübsal blasen und auf dumme Gedanken kommen.

Morgens und Abends, beschloss sie, sollte mindestens eine Stunde gebetet werden. Das beruhigte die Nerven aller Schutzengel und hatte hoffentlich auch noch ein paar andere positive Nebeneffekte.

Nachdem sie alle Aufgaben verteilt hatte, machte sich Maria auf die Suche nach Uriel. Heute morgen war sie ihm kurz in der Küche begegnet. Seitdem war er verschwunden.

Während sie im Haupthaus von Zimmer zu Zimmer ging, stellte sie erleichtert fest, dass die Engel einen stabilen Eindruck machten. Bei ihrer Ankunft gestern Nachmittag waren einige in einem beklagenswerten Zustand gewesen. Sie hatte ernsthafte Sorge gehabt, es könnte noch eines sterben. Ein paar von ihnen waren so schwach und apathisch gewesen, dass Suriyel sie hatte tragen müssen.

Heute schien es allen besser zu gehen. Ob das an der Mühle lag?

Uriel war im Garten beschäftigt, stellte Maria beim Blick aus einem der Fenster im zweiten Stock fest. Sie eilte die Treppen hinunter, durchquerte den Speisesaal und trat auf die überdachte Terrasse. Ein paar Meter davor stand Uriel an dem dicken Seil, dass sich rund um die Grenze der Mühle spannte.

Als Maria zu ihm trat, stellte sie fest, dass er gerade dabei war, Holz auf einer Feuerstelle aufzuschichten. Daneben stand auf einem kleinen Tisch ein seltsames rotes pyramidenförmiges Ding, das mit weißen Scheiben dekoriert war. „Was machst Du da?“

Uriel richtete sich auf. „Die Boundaries stehen und alle haben ihre Posten bezogen.“ Er wies mit dem Kinn an die Ecken des Grundstücks. „Vier Wächter an den Toren und zehn Beschützer entlang der Grenzen.“

Marias Blick folgte stirnrunzelnd dem Seil. „Ich sehe nichts!“

„Wirklich?“ Uriel schüttelte den Kopf. „Eigentlich sind sie nicht zu übersehen. Aber es fehlt Dir wohl die Praxis dafür.“ Er griff zum Feuerzeug und entzündete das Papier, auf dem er die Holzscheite gestapelt hatte. „Wahrscheinlich ist es besser so. Sie sehen ziemlich furchteinflössend aus. Zumindest die Beschützer. Es sind zornvolle Gottheiten. Sie halten böse Mächte von der Mühle fern.“

„Das habe ich noch nie gehört.“

Sie kommen aus Tibet. Eigentlich sind es schamanische Kräfte. Die buddhistischen Lamas haben sie sich untertan gemacht. Die haben verstanden, dass auch die Nachtseiten des Lebens wertvoll sind.“

„Wie meinst Du das?“

„Ach, unsere Trennung zwischen Gut und Böse ist Unfug, wenn Du meine persönliche Meinung hören willst. Wir sind die guten Engel und wohnen im Himmel, die anderen sind die bösen Dämonen und Teufel und leben in der Hölle – alles Käse.“

„Das sagst Du nur, weil Du schon so lange nicht mehr im Himmel lebst!“

„Das sage ich, weil ich ein bisschen rumgekommen bin in den letzten 4000 Jahren, ja.“ Uriel nahm das seltsame rote Ding, murmelte vor sich hin und stellte es ins lodernde Feuer.

Maria beobachtete, neben ihm stehend, wie die Flammen an dem seltsamen Gebilde leckten. „Was ist das?“

„Ein Torma, eine Opfergabe. Habe ich gestern Nacht gemacht und geweiht. Damit füttere ich die zornvollen Beschützer, damit sie die negativen Kräfte Luzifers fern halten.“

Vor Marias Augen fing die rote Opfergabe Feuer. Sie starrte in die Flammen. „Und das funktioniert?“

„Geht es den Schutzengeln heute besser?“

„Ja.“

„Dann scheint es wohl zu funktionieren.“

„Heute Abend wollte ich mit ihnen beten.“

„Du kannst gerne morgen mit ihnen beten. Heute Abend machen wir eine Feuer-Puja. Bis dahin brauche ich die Namen aller Engel , die hier in der Mühle sind, auf einem Blatt Papier niedergeschrieben. Und dazu noch die Namen von denen, die Suriyel erwähnte. Die, die in Friedrichshain hätten sein müssen, aber verschwunden sind. Ach ja: Und der Namen des Engels, der gestorben ist, muss auch drauf stehen!“

„Und wofür brauchst Du die Liste?“

„Wie gesagt: Heute Abend machen wir hier eine große Feuer-Puja. Dann wirst Du ja sehen.“ Damit drehte er sich um und ging ins Haus.

Maria sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan zu verstehen, was Uriel ihr eigentlich sagen wollte.

Im dritten Höllenareal

Erzengel Suriyel macht sich auf den Weg in die Hölle, um die Seelenfliegen der verfluchten Schutzengel Friedrichshains zurückzuholen…

Gabriel lief durch die stillen Straßen Friedrichhains. Es war früher Sonntagmorgen. Lediglich aus der 24/7 Kneipe dröhnte noch Techno in die Dunkelheit. Der Erzengel umrundete ein paar letzte Partygänger, die vor der Tür standen und sich an ihren Kippen und Bierflaschen festhielten.

Drei Straßen weiter, am Boxhagener Platz, lagen Obdachlose unter Zeltplanen. Ein Streifenwagen fuhr langsam an Gabriel vorbei und verschwand in Richtung Warschauer Straße.

Der Erzengel war komplett übermüdet. Die Evakuierung der kontaminierten Schutzengel Friedrichhains in die alte Mühle ihres Kollegen Uriel hatte sich bis Mitternacht gezogen. Mehr als fünf Stunden Schlafen waren nicht drin gewesen.

Denn in ein paar Minuten war sie schon wieder mit Suriyel im Buddhistischen Zentrum verabredet. Die Angelegenheit duldete keinen Aufschub!

Und das, obwohl Gabriel heute Abend im dritten Chor des Himmels erwartet wurde. Auf ihrem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit sicher schon bis zur Decke! Sämtliche Engel gingen davon aus, dass sie morgen, wie seit 4000 Jahren, in ihrem Büro sitzen und für alles und jedes Verantwortung tragen würde.

Aber das kam nicht in Frage!

Im Dahinlaufen ordnete sie ihre Argumente. Sie musste Rafael davon überzeugen, dass sie in Friedrichshain gebraucht wurde.

„Ich will nicht zurück!!!“ Der Satz drängte sich so energisch in Gabriels wohlsortierte Gedanken, dass die verblüfft stehen blieb. Er wurde – stellte sie irritiert fest – von einem tiefen Gefühl des Widerwillens begleitet.

Sie konnte nur den Kopf über sich schütteln.

Als Erzengel, der für Verkündigungen, den Beginn und das Gedeihen allen Lebens, für Prophezeiungen und oben drauf noch für Heil und Gnade zuständig war, hatte sie ihre Aufgabe bisher nie in Frage gestellt. Im Gegenteil: bis vor kurzem war sie davon überzeugt gewesen, einen Traumjob abbekommen zu haben. Das nagende Gefühl der Sinnlosigkeit, mit dem sie in letzter Zeit immer wieder konfrontiert war, hatte sie erfolgreich verdrängt.

Und auf einmal stand sie in der morgendlichen Dunkelheit Friedrichhains und war mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie lieber sterben, als zurück in den Himmel gehen würde.

Ein makaberer Gedanke für einen Engel. Und speziell für einen so pflichtbewussten Erzengel wie Gabriel. Ihre Versuche, den verstörenden Impuls mit: „Wir können ja ab und zu für ein paar Tage nach Berlin zu Besuch kommen!“ zu besänftigen, lösten heftige Gegenwehr aus.

Und das in ihrem Zustand! In diesem Augenblick! Zu dieser Uhrzeit!

Gabriel fand sich vor dem Stahltor des Buddhistischen Zentrums wieder. Es stand offen. Suriyel schien bereits da zu sein.

Gabriel entdeckte ihren Erzengel-Kollegen im Keller. Er stand an der Werkbank und schraubte wieder an diesem komischen Metallgestänge herum, mit dem er bereits am Vortag beschäftigt gewesen war. Als er sie kommen hörte, hob Suriyel den Kopf. Er sah genauso müde aus, wie sie sich fühlte.

„Ich bin fertig.“ Er löste das seltsame Ding aus dem Schraubstock und steckte es in seine Tasche. Im Flur nahm er seine Jacke von der Garderobe und öffnete die Eingangstür. „Wenn du noch bleiben willst, lasse ich Dir den Schlüssel hier. Vergiss nicht, abzusperren.“

Gabriel verstand kein Wort. „Wo willst Du hin?“

„Ich gehe, die Schutzengel holen.“

„Aber die sind doch bei Uriel in der Mühle!“

„Nicht die. Die anderen. Die, die gestorben sind.“

„Einer! Einer ist gestorben!“

„Es fehlen ein paar. Um die zwanzig. Israfel denkt, sie sind irgendwo in Mitte verloren gegangen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

„Und wie willst Du sie holen, wenn sie wirklich gestorben sind? Sie sind in der Hölle!“

Suriyel trat in den Innenhof und nickte ihr ungeduldig zu. Er schien keine Lust auf Diskussionen zu haben.

„Ich komme mit!“ Gabriel folgte ihm. „Glaub nur nicht, dass Du mich los wirst! Das geht mich genauso an wie Dich!“

„Das ist nichts für Dich!“

„Sagt wer?“ Gabriel stemmte die Hände in die Hüften. 4000 Jahre mit sechs männlichen Erzengel-Kollegen, dazu ein Patriarch als Chef: Sie hatte gelernt, sich durchzusetzen.

Suriyel stöhnte auf: „Ich habe keine Zeit zu verlieren! Warum verstehst Du das nicht?“

„Nimm mich mit und diese Diskussion ist beendet.“

Er gab auf. „In Gottes Namen. Aber Du tust, was ich Dir sage!“

„Ja, gut. Versprochen.“ Wenn das der Preis war, würde sie ihn bezahlen.

Suriyel streckte seine Hand aus. „Dann komm.“

Eine kräftige Böe trieb Gabriel die Haare ins Gesicht. Sie ließ Suriyels Hand los, drehte sich mit dem Rücken zum Wind und schob sich die Strähnen aus den Augen.

Sie stand auf einer riesigen Ebene. Um sie war nur Sand und Gestein. Über ihr spannte sich ein seltsam blassblauer Himmel. Am Horizont zeichneten sich die weißen Gipfel eines riesigen Gebirges ab.

„Wo sind wir hier?“

„Chile.“

„Sieht aus wie eine Wüste.“

„Das ist es auch. Die Atacama-Wüste.“ Suriyel drehte sich um und begann, in Richtung der Gebirgskette zu laufen. „Da vorne sind die Anden.“

Gabriel registrierte, dass sie sich auf einem schmalen Trampelpfad materialisiert hatten. „Und was wollen wir hier?“

Suriyel ignorierte ihre Frage und lief stur den Weg entlang. Ihn innerlich verfluchend, stolperte sie hinter ihm her. Sie musste sich anstrengen, mit seinem Tempo mitzuhalten.

Nach etwa zwanzig Minuten kam er so abrupt zum Stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingerannt wäre. Vor ihnen tat sich eine riesige Grube auf. Wohl eine verlassene Mine. Der schmale Pfad, der sie hergebracht hatte, führte in Serpentinen bis zum Grund. Weil und breit war niemand zu sehen.

„Wir müssen da runter. Aber leise!“ Suriyel machte sich an den Abstieg, ohne sich nach ihr umzusehen.

Seitenwände und Boden der Mine bestanden aus schwarzem Gestein. Von der Hochebene klang gedämpft das Pfeifen des Windes in die Tiefe. Ansonsten herrschte völlige Stille.

Gabriel folgte Suriyel, der die weite Fläche überquerte und vor der gegenüberliegenden Steilwand zum Stehen kam. Dort versperrte eine solide Metalltür den Zugang zum Minenschacht. Sie sah neu aus.

„Ich hoffe, ich bin noch im System“, murmelte Suryiel vor sich hin, während er seine rechte Hand in Hüfthöhe in einen schmalen Felsspalt schob.

Ein metallisches Klicken ertönte. Die Tür schwang auf. Dahinter befand sich kein Tunnel aus roh behauenen Felswänden, wie Gabriel das erwartet hatte. Statt dessen starrte sie in einen langen schmalen, weiß getünchten Flur. Grüne Fluchtwegleuchten spendeten mattes Licht. „Wo sind wir hier?“

„Das ist einer der Notausgänge des dritten Höllenareals. Haben sie erst vor ein paar Jahren gebaut. Alles nagelneu.“

Gabriel drehte sich um und musterte Suriyel misstrauisch. „Wie kommt es, dass Du die Tür zur Hölle öffnen kannst? Was spielst Du hier für ein Spiel, Suriyel?“ Sie kannte ihn seit 4000 Jahren. Das hätte sie ihm niemals zugetraut!

„Ich kenne eben ein paar von Luzifers gefallenen Engeln von früher. Mit einem aus der IT bin ich immer noch befreundet. Er hat meine biometrischen Daten im System abgespeichert. Ab und zu treffen wir uns hier.“

„Ach? Und dann spielt ihr Scrabbel, oder was?“

„Wir unterhalten uns.“ Suriyel schob sie zur Seite und trat in den Flur.

„Suriyel!“ Gabriel war fassungslos.

„Komm jetzt! Und sei leise! Du tust was ich sage, war ausgemacht!“

Gabriel verdrehte die Augen, trabte aber gehorsam hinter ihm her.

An der Schwelle

Proserpina findet Luzifers magische Verträge mit den Schutzengeln von Berlin-Friedrichshain und macht eine weitere Entdeckung…

Proserpina durchsuchte Luzifers Loft. Systematisch. Zimmer für Zimmer, Schrank für Schrank, Schublade für Schublade.

Sie klopfte Möbel und Wände ab, kippte Zucker und Kaffeepulver aus, inspizierte seine üppige – und nur halb legale – Medikamentensammlung, wühlte sich durch Bettwäsche, kontrollierte Schuhe und Jackets, entfaltete Sockenpaare, stülpte Hosentaschen um.

Nichts.

Vor den raumhohen Fenstern kämpfte die müde Herbstsonne gegen eine dicke graue Wolkendecke.

Proserpina sank frustriert auf das Sofa. Sie hatte damit gerechnet, dass Luzifer den Schlüssel für die schwarze Stahltür mit sich in die Hölle genommen hatte.

Aber sie war davon ausgegangen, dass sie zumindest Hinweise finden würde. Ein paar Indizien, die ihr verraten würden, wie Luzifer es anstellte, den Schutzengeln die Unsterblichkeit zu nehmen. Und natürlich, woher die Energie kam, die sich hinter der Stahltür im Keller verbarg.

Seitdem Proserpina die seltsamen Vibrationen entdeckt hatte, war sie wieder und wieder in den Keller zurückgekehrt.

Proserpina war die Herrin des Todes. Wo immer sie – oder eine ihrerTeufelinnen und Dämoninnen – auftauchten, brachte sie Unglück und Verzweiflung über Mensch und Tier.

Ihr oberstes Ziel war die Vernichtung allen Lebens. Nichts sollte wachsen und gedeihen können.

Proserpinas natürliche Gegenspielerin war Erzengel Gabriel. Die hielt – zusammen mit der Heerschar Engel, die unter ihrem Kommando stand – ihre schützende Hand über alles, was sich auf Erden entfalten wollte.

Gabriel war das große „Ja“ zum Leben – Proserpina das große „Nein“.

Und hinter Luzifers Stahltür verbarg sich das, worum Gabriel und Proserpina so erbittert kämpften: Lebensenergie. In seiner reinsten Form.

Proserpina zog die Tür des Loft hinter sich zu und nahm die Treppe in den zweiten Stock. Dort, wo normalerweise Luzifers Schutzengel-Parties stattfanden, empfing sie Stille. Sowohl Dommiel – der Torwächter der Hölle, der in Friedrichshain als Türsteher fungierte – als auch Luzifers zahlreichen Unterteufel schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Die Tür zu den Partyräumen war ebenfalls versperrt. Allerdings nicht mit Magie, sondern mit einem Standard-Türschloss. Proserpina benötigte exakt dreißig Sekunden und einen simplen Zauberspruch, dann stand sie im dunklen Flur.

Dort schlug ihr der Geruch von Bier, Schweiß und Pott entgegen. Alle Wände waren schwarz gestrichen, stellte sie fest, während sie die Räume durchwanderte. Die Fenster waren mit Folie verklebt. Sie warf einen Blick in die Toiletten und inspizierte den Vorratsraum, in dem Bierfässer und Flaschen mit hochprozentigen Alkoholika dicht an dicht standen.

Am Ende der Etage entdeckte sie ein kleines fensterloses Büro. Sie trat ein. An der gegenüberliegenden Wand stapelten sich Ordner bis zur Decke. Davor stand ein einfacher Schreibtisch. Proserpina ließ sich auf dem Drehstuhl nieder und begann damit, die Unterlagen durchzusehen.

Luzifer wurde direkt aus der Hölle beliefert, stellte sie fest, während sie die gewaltigen Getränkerechnungen durchging. Selbst die Reinigungsfirma hatte ihren Sitz im Reich der Finsternis.

Ordner für Ordner arbeitete sich Proserpina durch das Regal. Sie überflog Arbeitsverträge, Listen mit Dienstzeiten und lachte mehrmals schallend über die zahlreichen bösartigen Mitarbeiter-Mails, die Luzifer ordentlich ausgedruckt und abgelegt hatte.

Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit zog sie einen Ordner aus dem Regal, der mit „E-I“ beschriftet war. Sie schlug ihn auf und pfiff erfreut durch die Zähne. Proserpina war auf die Verträge gestossen, mit denen die Schutzengel von Friedrichshain ihre Seele an den Teufel verkauften!

Sie kontrollierte die Rücken der nächsten Ordner: Dort fanden sich „E-II“, „E-III“ und „E-IV“! Luzifer hatte mindestens zweihundert Schutzengeln die Seele abgenommen!

Proserpina zog den obersten Vertrag aus dem aufgeschlagenen Ordner. Ein Schutzengel namens Achaiah hatte ihn Anfang Juni dieses Jahres abgeschlossen, stellte Proserpina mit einem Blick auf die Datumsangabe neben der Unterschrift fest. Auch alle anderen Verträge im Ordner trugen eine Unterschrift.

Das war seltsam. Während ihrer langen Stunden im Buddhistischen Zentrum hatte sie ein Gespräch zwischen Suriyel und dem Schutzengel Israfel belauscht. Die beiden waren sich einig gewesen, dass die Schutzengel nicht wussten, dass sie einen Vertrag mit Luzifer abschlossen, wenn sie auf seine Party gingen.

Das machte auch Sinn: Welcher Engel, der bis drei zählen konnte, würde seine unsterbliche Seele an den Teufel verkaufen? Menschen, ja. Aber Engel?

Proserpina hielt das Blatt mit der Unterschrift prüfend unter die Schreibtischlampe. Irgendwas stimmte mit ihr nicht.

Sie verwandelte sich in eine magere schwarze Katze, sprang auf die Arbeitsplatte und untersuchte die Unterschrift mit ihren fibrierenden Schnurrhaaren. Danach legte sie sich auf den Bauch und starrte auf die Schriftzüge. Fasziniert beobachtete sie, wie die Buchstaben vor ihren gelben Katzenaugen mehrere Zentimter hoch auf dem Papier flirrten. Das hier war eindeutig Magie! Von einer Sorte, wie ihr noch keine begegnet war.

Die Unterschrift verströmte die gleiche Energie, die hinter der Stahltür im Keller versperrt war.

Proserpina überflog Vertrag für Vertrag. Alle Unterschriften sahen gleich aus! Das war Luzifer gewesen, der dort unterschrieben hatte. Mit dem Namen des jeweiligen Engels. Die Verträge waren trotzdem bindend, sonst wäre im Herzen des toten Schutzengels von der Warschauer Straße nicht eine Seelenfliege geschlüpft.

Proserpina stand auf und trat in den Flur.

Dort verwandelte sie sich abermals in eine Katze und tastete mit ihren Schnurrhaaren die Wände ab. Auf Höhe der verwaisten Garderobe erstarrte sie. Genau an dieser Stelle spürte sie eine energetische Veränderung. Es fühlte sich an, als hätte sie eine Schranke passiert.

Sie trat ein paar Schritte zurück und dann wieder nach vorne: Richtig! Genau hier, zwischen dem Bartisch, an dem der Türsteher stand, und dem Tresen der Garderobe, veränderte sich schlagartig die Energie. Der Unterschied war minimal. In ihrer dämonischen Form hatte sie ihn nicht wahrgenommen.

Vermutlich handelte es sich um eine magische Apparatur, die aktuell im Stand-by-Modus war.

Die magere schwarze Katze wanderte mehrmals im Kreis, bevor sie genau auf der unsichtbaren energetischen Schwelle Platz nahm. Ihre Schwanzspitze zuckte nervös, während sie konzentriert nachdachte.

In der Mühle

Erzengel Suriyel bringt die Schutzengel Berlin-Friedrichshains in der alten Mühle seines Kollegen Uriel in Sicherheit…

Uriel stand vor seiner Mühle und sah kopfschüttelnd der Gruppe Schutzengeln hinterher, die gerade von Maria in den ehemaligen Pferdestall geführt wurde. „Und wie lange sollen die hier bleiben?“

Suriyel trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er hatte keine Zeit zu verlieren! Im leerstehenden Eckladen gegenüber des Buddhistischen Zentrums in Berlin-Friedrichshain warteten Dutzende von Engeln darauf, von ihm abgeholt zu werden. „Nicht lange. Ein paar Tage. Höchstens.“ Damit trat er vom Hof auf die Straße, machte ein paar Schritte und war verschwunden.

Gabriel kam mit einem großen Stapel Bettwäsche auf dem Arm aus dem Haupthaus. „Was für ein Glück dass du so gut ausgestattet bist!“ rief sie Uriel auf ihrem Weg in den historischen Pferdestall zu.

Bis vor ein paar Jahren war die alte Mühle als Ferienpension genutzt worden. Auf dem Dachboden stapelten sich Matratzen und Bettzeug. Im Haupthaus und im historischen Pferdestall war genug Platz, um 200 Schutzengel unterzubringen.

Als Erzengel Uriel am Morgen von seinem Kollegen Suriyel darüber informiert worden war, dass von ihm erwartet wurde, die kontaminierten Engel Friedrichhains aufzunehmen, wäre er trotzdem beinahe in Ohnmacht gefallen!

Nicht umsonst lebte er seit 4000 Jahren an einsamen und abgeschiedenen Orten: Er brauchte Ruhe für seine magischen Experimente! Und die Versuchsanordnung, der er sich aktuell widmete, war besonders störungsanfällig. Ein Moment der Unkonzentriertheit und viele Jahre mühevoller Arbeit wären dahin!

Wenn Maria nicht gekommen wäre, hätte Uriel niemals zugestimmt. Nicht nur, weil die sich um die vermaledeiten Engel kümmern würde. Sondern auch, weil Uriel Maria sehr mochte. Und des Öfteren vermisste. Was er niemals zugeben würde. Genauso wenig wie, dass die zwölf Jahre, die er – getarnt als biederer Zimmermann Josef – mit Maria verbringen hatte dürfen, die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Aber so war es nun einmal.

Deshalb war Uriel bereit, für einige gemeinsame Tage mit Maria 200 Schutzengel in Kauf zu nehmen. Egal in welchem Zustand die waren. Und obwohl er mit der Belegschaft des neunten Chores nicht viel anzufangen wusste.

Gerade schob Suriyel eine weitere Gruppe Schutzengel durch das Tor und scheuchte sie in Richtung Pferdestall.

Uriel sah ihnen stirnrunzelnd hinterher: „Die sehen absolut merkwürdig aus! Wenn ich es nicht besser wüsste, käme ich niemals auf die Idee, dass das Engel sind. Sie wirken wie Menschen.“

Suriyel war neben ihm zu Stehen gekommen. „Das stimmt. Luzifer scheint es irgendwie geschafft zu haben, sie um ihren Äther-Anteil zu bringen! Es ist ein Glück, dass Israfel alle Schutzengel von Friedrichshain kennt. Wir hätten sie sonst nicht identifizieren können. Gabriels Gnadenengel konnten es auch nicht. Die Hälfte von denen, die sie für die Gnadendusche eingesammelt hatten, waren Menschen.“

„Dann wundert es mich nicht, dass sie sterblich sind. Ihr Äther-Anteil ist ihr einziger Schutz vor dem Tod. Und Schutzengel haben nur zehn Prozent, das ist nicht viel.“ Uriel kratzte sich am Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wie Luzifer das angestellt hat! Dir ist klar, dass er damit den ganzen Himmel auf den Kopf stellen kann?“

Suriyel war wieder am Tor angelangt. „Ich bin für die Schutzengel zuständig.“ Damit trat er auf die Straße und verschwand ein weiteres Mal.

Uriel blieb alleine zurück. Nachdem er ein paar Minuten tief in Gedanken auf die leere Straße gestarrt hatte, drehte er sich um und eilte ins Haus.

Es war bereits nach Mitternacht, als auch noch der letzte Schutzengel in einen unruhigen Schlaf hinüber geglitten war.

All die armen Schutzengel waren völlig durch den Wind! Kein Wunder: Sie hatten ihre magischen Eigenschaften verloren und mussten irgendwie damit klar kommen, dass sie auf einmal sterblich waren!

Maria war ebenfalls eingeschlafen, stellte Gabriel fest, als sie leise an deren Lager in der Ecke des historischen Pferdestalls trat. Das war gut sie, die Muttergottes hatte harte Tage vor sich. Sie würde sich alleine um 200 seelisch labile Engel kümmern müssen!

Über dem Hof der Mühle stand der Mond. Hinter dem Haus rauschte der Bach talabwärts. Es war eiskalt, stellte Gabriel fest, als sie müde zum Tor ging. Sie blieb verblüfft davor stehen: Uriel hatte entlang der Grundstücksgrenze ein dickes Seil gespannt. Vor jedem Pfosten des Gartenzauns waren kleine Figuren aus Teig auf dem Boden platziert.

Gabriel schob das Tor auf und kroch unter dem Seil hindurch auf die Straße. Während sie sich nach ein paar Schritten dematerialisierte, fragte sie sich, was Uriel wohl mit all dem bezweckte?

Hölle

Beelzebub trifft im Reich der Finsternis ein und ruft den Vorstand des Ordens der Fliege zusammen…

Während Beelzebub seine angestammte Form als kanaanitischer Fruchtbarkeitsgott Baal annahm, pfiff ihm der Wind um die Ohren. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/ Wilde Böen jagten Staubwolken über die verkarstete Hochebene in Richtung der schneebedeckten Gipfel der Anden, die sich am Horizont abzeichneten.

Der Dämon stellte zufrieden fest, dass er eine Punktlandung hingelegt hatte. Er stand auf einem Trampelpfad, der sich – inmitten der Atacama-Wüste – in Richtung Osten schlängelte. Nach einer Viertelstunde zügigem Marsch kam er an der Abbruchkante einer Erzmine zum Stehen.

Zu Beelzebubs Füßen führte der Pfad in Serpentinen hangabwärts bis zum Grund der riesigen Grube.

Beelzebub stieg, vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, in die Tiefe. Das Heulen des Windes über der Hochebene wurde mit jedem Schritt leiser. Ab und an löste sich ein Stein unter seinen Fußsohlen, rollte abwärts und landete mit unnatürlich lautem Klacken auf einer der Abraumhalden.

Völlig überraschend war die Mine vor zwanzig Jahren aufgegeben worden. Die Betreiberfirma meldete Konkurs an, ihre Aktien wurden wertlos. Klagen blieben vergebens.

Weder der New Yorker Börsenaufsicht, noch den Aktienbesitzern war bewusst, dass der Minenbetreiber ein Konstrukt der Hölle gewesen war. Es diente dazu, das wahre Ziel des Minenprojekt – die Erweiterung des Reiches der Finsternis – zu verschleiern.

Teufel und Dämonen waren – genau wie Menschen – mit den Konsequenzen der Überbevölkerung konfrontiert. Die neun Areale des Reiches der Finsternis platzten buchstäblich aus allen Nähten! Satan hatte sich deshalb dazu entschlossen, jedes Areal um ein Neubauprojekt zu erweitern.

Damit die Baumaßnahmen Menschen wie Engeln verborgen blieben, gründeten die Finanzexperten der Hölle ein global agierendes Bergbaukonsortium, das über eine Reihe von Briefkastenfirmen, die in Steuerparadisen angesiedelt waren, gesteuert wurde.

Die Erweiterung des dritten Höllen-Areals – Beelzebubs Reich – entstand im Regenschatten der Anden im chilenischen Hochland. Dort begann das Konsortium mit dem Abbau von Eisenerz.

Als das teuflische Ingenieurteam nach einigen Jahren zu dem Schluss gekommen war, Grube und Stollen wären tief genug, übernahm die Propaganda-Abteilung der Hölle das Kommando. Sie bestellte gefälschte Gutachten, die belegten, dass die weitere Ausbeutung unwirtschaftlich war. Sie bestach Lokalpolitiker und organisierte, als die Arbeiter protestierten, Schlägertrupps. Ihre Anwälte sorgten dafür, dass alle Klagen der Aktienbesitzer im Sande verliefen.

Die Mine wurde stillgelegt, die Hochebene zur Sperrzone erklärt. Die Architekten und Bauingenieure der Hölle konnten ungestört ihre Arbeit abschließen.

Beelzebub war gerade dabei, das Neubauprojekt seines dritten Höllenbereichs durch den Notausgang zu betreten.

Das war zwar deutlich mühsamer, als sich einfach vor dem Haupteingang der Hölle in der Fojba-Schlucht in Kroatien zu materialisieren. Aber dafür bestand die realistische Chance, dass seine Ankunft geheim bleiben würde.

Beelzebub überquerte die ebene Fläche am Grund der Grube und folgte den Lorenschienen zum Schacht der Erzmine.

Der Eingang wurde von einer stabilen Stahltür versperrt. Der Dämon drückte seinen Daumen gegen den Sensor eines biometrischen Fingerabdruckscanners, der in einem Spalt der rohen Felswand versteckt war.

Mit leisem Summen schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen langen schmalen, weiß getünchten und mit schwarzen Fließen ausgelegten, Gang frei. Im matten Licht der Notbeleuchtung eilte der Dämon dahin und stieß ein paar Minuten später die Glastür zum dritten Areal der Hölle auf. Er war wieder Zuhause!

Aus High-End-Lautsprechern drang Vogelgezwitscher, untermalt von Sphärenklängen. Links und rechts der Tür waren raumhohe Plastikpflanzen drapiert. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte von der gegenüberliegenden Wand. Auf der riesigen Sofalandschaft lümmelten mehrere Dämonen. Ein Joint wanderte von Hand zu Hand.

Beelzebub durchquerte die Halle und betrat den langen Flur eines der Seitenflügel. An dessen Ende riss er die Tür zu seinem Büro auf.

Sein persönlicher Sekretär, der im Vorzimmer vor dem Laptop saß, hob erschrocken den Kopf. „Ich hatte Dich nicht so schnell zurück erwartet?“

„Urgent Business! Ist Luzifer hier?“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

„Den Gerüchten nach, ja. Irgendjemand meinte gestern, er hätte ihn gesehen.“

„Und wo?“

„In seinem Neubauareal. DieTeufel dort sind gerade extrem beschäftigt. Aber keiner weiß, was abgeht.“

„Shit!“ Beelzebub ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen. „Wir müssen herausfinden, was da läuft. Und zwar sofort! Setz Cabor in Bewegung, der muss Luzifers Abteilung infiltrieren.“ Er überlegte kurz. „Und beruf eine außerordentliche Sitzung des Vorstands des Ordens der Fliege ein. Heute Abend. Anwesenheitspflicht! Es gibt einiges zu besprechen!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Schutzengel-Asyl

Erzengel Suriyel beschließt, die kontaminierten Schutzengel Friedrichhains in Sicherheit zu bringen…

Gabriel saß, das Kinn auf die Knie gestützt, auf einem der Stühle der Teestube des Buddhistischen Zentrums und beobachtete Suriyel. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Der stand am Tresen und füllte heißes Wasser in zwei Tassen. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Als er damit fertig war, trat er an den Tisch, stellte eine der dampfenden Tassen vor ihr ab und setzte sich mit der anderen ihr gegenüber. Stumm starrte er durch die Terrassentür in den Garten.

Gabriel folgte seinem Blick. In der Morgendämmerung zeichneten sich die weißen Rundungen der Stupa gegen die mit Efeu überwucherte Wand des Nachbarhauses ab. Dort draußen hatten sie vor ein paar Stunden im Schutz der Dunkelheit den toten Schutzengel begraben. Sie stand immer noch so unter Schock, dass sie keinen logisch strukturierten Gedanken zu Stande brachte. https://www.water-runs-east.eu/zersetzung/

Im Gegensatz zu ihr schien Suriyel funktionstüchtig zu sein. „Die Schutzengel müssen weg aus Friedrichshain! Hier ist es viel zu gefährlich für sie, solange wir nicht wissen, wie Luzifer das anstellt. Es darf auf keinen Fall ein weiterer Engel sterben!“

Gabriel schreckte auf. „Sie können definitiv nicht in den neunten Chor! Zweihundert kontaminierte Schutzengel würden totales Chaos im Himmel anrichten! Die Geschichte würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten! Sämtliche Engelschöre würden in Panik geraten!“

„Das hatte ich auch nicht vor. Außerdem bezweifle ich, dass wir sie in ihren Chor hoch kriegen würden. Sie schaffen es ja nicht einmal durch die Pforte in das Buddhistische Zentrum! Wie sollen sie da in den Himmel kommen?“

„Wohin willst du sie dann bringen?“

„Ich hatte an Uriels Mühle gedacht.“ https://www.water-runs-east.eu/uriel/

„Zweihundert Schutzengel bei Uriel? Da macht der doch nie mit!““

„Hast du eine bessere Idee?“

Gabriel versuchte, einen Gedanken zu produzieren. Es ging nicht. „Nein. Mir fällt nichts ein.“

„Dann müssen sie in die Mühle.“

„Und wie willst du Uriel dazu bringen, dass er Dir das erlaubt?“

„Er muss! Die Schutzengel sterben sonst!“

„Uriel wohnt da alleine! Der schafft das überhaupt nicht. Es kann sich ja wohl kaum Uriels Hund um die Engel kümmern! Und wir waren uns einig, dass wir keine Unterstützung von oben anfordern! Die Gefahr, dass Gerüchte rumgehen, ist einfach zu groß.“

Suriyel blieb stur. „Uriel kriegt das hin. Das ist alles eine Frage der Organisation!“

Gabriel verdrehte die Augen. Dass Suriyel aber auch immer so dickköpfig sein musste! Ein Gedanke blitzte in ihrem Gehirn auf. „Maria langweilt sich im Himmel zu Tode und kann super mit Engeln. Vor allem mit den kleinen. Wenn sie mit in die Mühle kommt, um sich um die Schutzengel zu kümmern, könnte Uriel das hinbekommen. Und Maria kann er eh nichts abschlagen.“ https://www.water-runs-east.eu/maria/

Suriyel nickte. „Frag Maria!“

Gabriel verkniff sich ein „Wie wäre es mit ‚Bitte‘?“, stand auf und ging in den Tempel gegenüber der Teestube. Sie wollte in Ruhe mit Maria sprechen.

Als Gabriel eine Viertelstunde später zurück in die Teestube kam, war die leer. Sie fand Suriyel im Keller. Er stand an der Werkbank und schraubte irgendwelche Metallteile zusammen. „Was machst du da?“

„Nichts von Bedeutung. Was hat Maria gesagt?“

„Sie macht es.“

„Wann kann sie kommen?“

„Heute Nachmittag. Sie muss vorher noch mit Christus sprechen. Ich habe ihr gesagt, sie soll ihm alles erzählen. Wenn er noch Fragen hat, kann er sich an einen von uns wenden. Und ich habe ihr gesagt, dass ich denke, dass es besser wäre, der Allmächtige würde erst mal nichts von der Sache erfahren. Er neigt zur Überreaktion, wenn es um Luzifer geht.“

Suriyel legte sein Werkzeug zur Seite. „Das ist eine Angelegenheit unter Erzengeln. Ich sage Uriel Bescheid.“ Damit verschwand er aus dem Keller.

Zersetzung

Proserpina sieht sich mit Erzengel Gabriel konfrontiert und schickt Beelzebub mit einem dämonischen Auftrag in die Hölle…

Die magere schwarze Katze hockte unter einem Auto, das vor dem geöffneten Tor des Buddhistischen Zentrums geparkt war. Ihre Schnurrhaare vibrierten. https://www.water-runs-east.eu/proserpina/

Drei Mal hatte sie im Laufe des Vormittags bereits direkt vor der Schwelle gestanden. Jedesmal war sie nach kurzem Zögern wieder auf ihren Wachposten zurückgekehrt. Der negative Energiestrom aus dem Inneren des Zentrums war zu schwach gewesen, um sie hinein zu tragen.

Proserpina blieb gelassen. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis irgend jemand dort drinnen von Wut, Neid, Missgunst, Gier oder Hass überflutet werden würde. https://www.water-runs-east.eu/hoellische-plaene/

Sie musste nur geduldig sein. Und wachsam.

Da! Die Katze sprang auf. An der Schwelle verharrte sie kurz und fokussierte sich auf den negativen Energiestrom, der stark und stetig aus dem Zentrum zu ihr drang. Sie surfte auf dem heißen Strom der Wut elegant durch das Tor, ließ sich durch den Innenhof tragen und betrat den Flur des Haupthauses.

Es war Suriyel, der so wütend war, stellte sie fest. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/ Seine Stimme drang aus dem Keller zu ihr hoch. Er schien sich mit irgend jemandem zu streiten.

Zufrieden schnurrend lief Proserpina die Treppe hinunter. Unten angekommen drückte sie sich in eine dunkle Ecke. Ein paar Meter von ihr entfernt stand Suriyel. Er redete wild gestikulierend auf jemanden ein, den sie von der Tür aus nicht sehen konnte.

„Aber Suriyel!“

Das war Gabriel! https://www.water-runs-east.eu/gabriel/ Die Dämonin schreckte auf, drehte sich um, jagte die Treppe hinauf und zurück auf die Straße.

Als sie, in ihrer dämonischen Gestalt und schwer atmend, die Tür zu Luzifers Loft aufstieß, fuhr Beelzebub erschrocken vom Sofa hoch. „Was ist denn mit Dir los?“ https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

„Gabriel ist bei Suriyel im Zentrum!“ Proserpina hielt, vor Wut bebend, ein Glas unter den Wasserhahn, ließ es volllaufen und nahm ein paar Schlücke. „Ich habe keine Ahnung, was das Miststück hier zu suchen hat!“

„Ist sie nicht im Himmel für Gnade zuständig? Sie wird wissen wollen, was hier los ist.“ https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

„Sie soll sich ihre Gnade sonst wohin schieben! Ich kann auf keinen Fall zurück ins Zentrum! Die dumme Kuh erkennt mich auch als Katze! Du musst gehen!“

„Aber Du weißt doch, dass ich nicht reinkomme!“https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

„Ja, verdammt noch mal! Dann musst Du eben von außen beobachten, was passiert!“

Beelzebub machte ein paar zögerliche Schritte in Richtung Tür.

„Jetzt geh endlich, Du Idiot!“ Proserpina machte Anstalten, ihm ihr Wasserglas an den Kopf zu werfen.

Krachend fiel die Wohnungstür hinter Beelzebub ins Schloß.

Nach Beelzebubs überstürztem Aufbruch wanderte Proserpina in Luzifers riesigem Wohnzimmer auf und ab.

Auf Höhe der Fensterfront warf sie jedes Mal automatisch einen Blick über die Dächer Friedrichshains. Anfangs hatte die Herbstsonne das Viertel in ihr warmes Licht getaucht. Mit der Zeit wurden die Schatten zwischen den Häuserzeilen länger und länger.

Jetzt kündete ein letzter flammend roter Streifen am Horizont vom Ende des Tages.

Proserpina hob den Kopf und lauschte. Ein paar Sekunden später drehte sich ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür.

„Proserpina?“ Beelzebubs große breite Gestalt zeichnete sich schwarz im Türstock ab. „Warum stehst du hier im Dunklen?“

Er trat ein und betätigte den Lichtschalter.

Die Dämonin kniff – geblendet von der plötzlichen Helligkeit – die Augen zusammen. „Und? Was hast du herausgefunden?“

„Kurz nachdem ich am Buddhistischen Zentrum angekommen bin, ist ein Schutzengel durch das Tor und ins Haupthaus. Der kleine mit dem Fusselbart, der immer dort rumhängt. https://www.water-runs-east.eu/israfel/ Ein paar Minuten später sind Suriyel und Gabriel mit ihm rausgekommen und hinter ihm her bis zu einem Hinterhaus an der Warschauer Straße. Als Kater kam ich nicht rein. Ich habe mich in eine Motte verwandelt und sie in einer Mansardenwohnung unter dem Dach aufgetrieben. Glücklicherweise stand das Fenster offen.“

„Und? Was war?“

Beelzebub wiegte den Kopf. „Da lag ein Mädchen tot auf dem Bett. Scheint schon vor ein paar Tagen gestorben zu sein. Ich tippe auf zehn oder zwölf. Es gab ein Riesendrama deswegen. Alle heulten. Inklusive Suriyel!“ Der Dämon verzog angewidert das Gesicht. https://www.water-runs-east.eu/die-fliege/

„Suriyel ist für Schutzengel zuständig, nicht für Menschen. Was regt er sich über ein totes Mädchen auf?“

„Die war, scheint es, ein Schutzengel.“

„Das kann nicht sein! Engel sind unsterblich!“

„Trotzdem! Der Schutzengel, der Suriyel und Gabriel geholt hatte, war sich sicher, dass das tote Mädchen ein Engel war. Und Suriyel hat sie auch wiedererkannt.“

Beelzebub ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Es war einer von den Schutzengeln, die auf Luzifers Party waren. Sie hatte einen bindenden Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ihre Seele hat sich in eine Fliege verwandelt! Die Riss in der Haut über ihrem Herz, aus dem die Fliege gekrochen ist, war nicht zu übersehen!“

Proserpina stürzte auf ihn zu, packte seine Schultern und schrie ihm ins Gesicht: „Ist dir klar, was das bedeutet? Luzifer macht dir deine Position als Kanzler des Ordens der Fliege streitig! Wenn er es schafft, die Seele von Engeln in die Hölle zu befördern, kannst du abtreten!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Beelzebub stand auf, schob Proserpina zur Seite, trat ans Fenster und starrte in die dunkle Nacht hinaus. „Ich will das nicht!“

„Was heißt hier, du willst das nicht?“

„Ich will nicht, dass Engel sterben! Die sind unsterblich – und wir sind unsterblich! Das ist die Regel, im Himmel, wie in der Hölle! Was soll das, dass die auf einmal nicht mehr gilt? Verdammt noch mal, Proserpina! Ich will nicht sterben!“

Proserpina starrte ihn mit offenem Mund an: „Spinnst du jetzt komplett? Deine Macht ist bedroht und du hast Angst vor dem Sterben? Du bist ein Dämon und lebst seit 3000 Jahren in der Hölle! Im Gegensatz zu den dämlichen Schutzengeln kannst du keinen Pakt mit dem Teufel eingehen! Du bist schon lange da, wo die jetzt alle hinkommen!“

„Aber wenn es bei uns umgekehrt funktioniert? Ich will nicht in den Himmel! Ich möchte nicht gut sein!“ Er schüttelte sich vor Ekel.

Prosperina lachte schallend. „Die wollen dich dort oben garnicht haben! Kein Erzengel käme auf eine solche Idee!“

Beelzebub atmete auf: „Wirklich? Bist du dir sicher?“

Die Dämonin nickte: „Ganz sicher. Solche wie uns dulden sie im Himmel nicht. Wir sind verflucht für alle Zeiten.“

Sie wechselte das Thema. „Die entscheidende Frage ist: Wie hat Luzifer das zu Wege gebracht? Ich tappe völlig im Dunkeln. Und wir müssen es schnell herausfinden, sonst macht er uns fertig. Hatten die Erzengel irgendwelche Ideen?“

Beelzebub schüttelte den Kopf. „Nein! Die beiden sind genauso schlau wie wir. Sie wissen, dass es Luzifer war, aber haben keine Ahnung, wie er das anstellt.“

„Sie setzen sicher sämtliche Heerscharen in Bewegung. Wir werden hier von Engeln überflutet werden!“

„Das war anfangs der Plan. Aber dann haben sie Schiss davor bekommen, dass ihre Engel Amok laufen, wenn sie mitbekommen, dass sie sterben können. Sie wollen die Sache unter sich regeln.“

„Das wird uns die Arbeit leichter machen. Wo sind die Erzengel jetzt?“

„Sie warten in der Wohnung an der Warschauer Straße, bis die Kneipen dicht machen. Dann wollen sie den toten Schutzengel in das Buddhistische Zentrum bringen und neben der Stupa begraben. Bis dahin halten sie Totenwache und beten.“

„Das hat keinen Nutzen. Die verfluchte Seele des Schutzengels müsste eigentlich schon in der Hölle angekommen sein. Jetzt wissen wir zumindest, warum dir Luzifer für drei Tage seine Wohnung überlassen hat und verschwunden ist. Der Dreckskerl ist bestimmt in der Hölle, um die Ankunft der himmlischen Seelenfliege zu überwachen!“

„Und was machen wir?“

„Du gehst in die Hölle, findest heraus, was dort läuft und versuchst, das Schlimmste zu verhindern. Luzifer muss erst einmal unter Beweis stellen, dass die Seele wirklich von einem Schutzengel stammt. Und wenn er das bewiesen hat, muss er nachweisen, dass der Schutzengel dauerhaft verflucht ist und seine Seele nicht nach ein paar Wochen wieder verschwindet! Mach allen klar, dass du davon überzeugt bist, dass das nur eine billige Inszenierung von ihm ist, um sich wichtig zu machen! Du kennst seine Reputation: Niemand in den neun Arealen der Hölle nimmt ihn ernst. Verbreite Lügen über ihn, streu Gerüchte – die übliche Zersetzungsstrategie. Das wird uns ein paar Wochen Zeit verschaffen!“

Beelzebub nickte. „Sonst noch was?“

„Ich kümmere mich um alles weitere. Ich bin mir sicher, mir fällt etwas ein. Sollte ich dich brauchen, werde ich dich rufen!“

Der Dämon trat zu seiner Gefährtin und drückte sie kurz an sich, bevor er durch die Wohnungstür verschwand.

Proserpina löschte, nachdem sie alleine war, das Licht, und nahm wieder ihre stille Wanderung durch die dunkle Wohnung auf.

Die Fliege

In einer Mansardenwohnung in Berlin-Friedrichshain schlüpft eine Grüne Schmeißfliege…

Über Berlin ging die Sonne auf.

Ihre Strahlen wanderten über die Dächer von Friedrichshain, tasteten sich an Hausfassaden entlang und erhellten schmale Innenhöfe.

In einem der Hinterhöfe fiel das Sonnenlicht in ein kleines Mansardenzimmer. Dort malte es leuchtende Kringel auf die ausgetretenen Dielenbretter. Das Fenster, durch das die sanften Strahlen schienen, war geöffnet. Rote Vorhänge blähten sich im Herbstwind.

Fünf Stockwerke tiefer erklang lautes Krachen. Der Hausmeister zerrte die überquellenden Mülltonnen durch die Tordurchfahrt auf die Straße.

Die Frau mit den zarten Gliedmaßen, die in dem Mansardenzimmer lang ausgestreckt auf dem Bett lag, schien tief zu schlafen. Weder das erste Sonnenlicht, noch der morgendliche Lärm der Großstadt, störten ihre Ruhe.

Ihr langes glänzendes blondes Haar breitete sich wie ein Fächer über ihrem Gesicht aus. Einzelne Strähnen hingen über die Bettkante und bewegten sich sacht in der Brise.

Ihre linke Hand lag neben ihrer Hüfte. Ihre rechte Hand ruhten auf ihrer Brust.

Zwischen ihren Fingern– auf der Höhe ihres Herzens – zeichnete sich eine kleine vibrierende Beule ab, die sich immer wieder ruckartig hob und senkte.

Während vor dem Haus ein Müllwagen mit lautem Scheppern Tonnen entleerte, begann sich auf dem zarten Brustkorb der jungen Frau ein kleiner schwarzer Fleck abzuzeichnen. Er befand sich genau in der Mitte der wild vibrierenden Beule. Die Haut, die sich über der Schwellung spannte, wurde mit jeder Minute transparenter und durchscheinender. Schließlich riss sie wie Papier. Eine frisch geschlüpfte Schmeißfliege schob sich durch die Öffnung und kletterte auf den Zeigefinger der Frau.

Dort entfaltete sie ihre Flügel. Mit leisem Summen hob sie ab und nahm den Weg aus dem Fenster.

Die Sonne stand inzwischen hoch über Friedrichshain. In ihrem Licht schillerte die Fliege strahlend grün, als sie – mit konstant elf Kilometern in der Stunde – in einer geraden Linie die Dächer Berlins überflog und dabei unbeirrt Kurs auf Süd-Ost hielt.

Bad Vibes

Erzengel Gabriel begibt sich in Berlin-Friedrichshain auf die Suche nach kontaminierten Schutzengel und macht eine bedrohliche Entdeckung…

Der müde Portier starrte hinter dem Tresen auf sein Handy und ignorierte ihren Gruß. https://www.water-runs-east.eu/gabriel-in-friedrichshain/

Gabriel trat vor das Hotel und sah sich um. Auf dem Gehweg lief gerade eine Gruppe aufgekratzter Twenty-Somethings vorbei. Der Erzengel musterte sie eingehend: Keiner von denen sah wie ein Engel aus. https://www.water-runs-east.eu/der-entschluss/

Aber irgendwo hier in Friedrichshain-Kreuzberg mussten sich Dutzende kontaminierter Schutzengeln herumtreiben!

Der Gnadenengel-Suchtrupp hatte gestern lediglich die Straßen rund um Suriyels Buddhistisches Zentrum durchkämmt und innerhalb von vier Stunden 123 von ihnen gefunden. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Gabriel beschloss, dass sie ebenfalls in dieser Ecke nach gefallenen Schutzengeln suchen würde. Wenn vier Gnadenengel innerhalb eines Vormittags mehr als hundert auftreiben konnten, würde es ihr in einer Nacht ja wohl möglich sein, einen einzigen zu finden.

Dem würde sie probehalber Gnade spenden und sofort kontrollieren, ob damit der Fluch gebrochen war. Sie musste den frisch behandelten Engel nur erfolgreich durch das Tor des Buddhistischen Zentrums schieben, dann war der Praxistest bestanden. https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Während Gabriel in ihren Gedanken die Versuchsanordnung plante, fiel ihr mit einem Mal ein, dass sie nicht wusste, ob das Tor nachts offen stand!

Sie wandte sich nach links in Richtung Boxhagener Platz. Im Dahingehen verfluchte sie innerlich Suriyel. Wenn der – wie es sich unter Erzengeln eigentlich gehörte – mit ihr zusammenarbeiten würde, wäre das alles kein Problem.

Als Gabriel mit wenig freundlichen Gefühlen an ihren Kollegen dachte, fiel ihr ein, dass das Symbol, mit dem Erzengel Suriyel auf allen Heiligenbildern dargestellt wurde, ein Ochse war. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Stimmiger konnte man seinen Charakter nicht auf den Punkt bringen! Keiner der Sieben war so stur und unflexibel wie der Engel, der über die göttlichen Gebote wachte.

Und Gabriel musste es wissen: Sie hatte – in ihrer Funktion als Gnadenengel – regelmäßig mit Suriyel zu tun. Mit keinem Erzengel stritt sie sich so häufig und so heftig wie mit ihm. Er schaffte es regelmäßig, sie innerhalb von Minuten die Wände hoch gehen zu lassen. Und umgekehrt war es genauso: Eine unbedachte Bemerkung von ihr und schon rastete er aus.

Sie waren einfach zu verschieden.

Gabriel schob den Gedanken an Suriyel energisch zur Seite und konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung: Wo steckten die gefallenen Schutzengel?

Sie war auf Höhe eines über und über mit Graffiti besprühten Hauses angekommen. Davor saß eine Gruppe schwarz Gekleideter auf Bierbänken. Zu ihren Füßen war ein wildes Sammelsurium von Flaschen mit Alkoholika aller Art aufgereiht. Aus einem Ghettoblaster dröhnte infernalischer Lärm. Im Vorübergehen musterte Gabriel jeden einzelnen eingehend. Fasziniert betrachtete sie den kahlrasierten Kopf eines Mannes, der mit unzähligen Piercings und Tätowierungen dekoriert war. So etwas hatte sie noch nie gesehen!

Aber leider: Wieder kein Schutzengel.

Entlang des Gehwegs befand sich in jedem zweiten Haus eine Kneipe oder Bar. Aus ihren geöffneten Türen schallte laute Musik. Rauchende, gestikulierende und aufeinande einredenden Menschen hatten sich davor versammelt. Autofahrer hupten, Radfahrer klingelten wütend, wenn ihnen betrunkene Fußgänger den Weg versperrten.

An Gabriel zog ein nicht endender Strom von Gesichtern vorbei. Junge, Alte. Die meisten irgendwo dazwischen. Der Erzengel wurde angerempelt, wich Betrunkenen aus, bahnte sich seinen Weg durch Pulks verschiedenster Nationalitäten. Sämtliche Hautfarben und Ethnien schienen sich heute Abend in den Straßen Berlin-Mittes ein Stelldichein zu geben.

Alle paar Schritte wurde Gabriel angebettelt. Ob sie einen Euro, etwas zu Essen, eine Kippe, ein Bier oder einen Schlafplatz hätte?

Als eine junge Frau mit langem blonden Haar verzweifelnd schluchzend um Geld bat, dachte Gabriel für einen Moment, sie hätte einen gefallenen Schutzengel vor sich. Während sie einen Fünf-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse kramte, stellte sie zu ihrer Frustration fest, dass die Frau zwar aussah wie ein Engel, aber zu hundert Prozent aus Materie bestand und nicht einen Hauch von Äther in sich trug.

Gabriel wanderte weiter durch die Straßen Friedrichhains. Sie musterte Betrunkene, Kiffer, kreischende Mädchen in Netzstrümpfen, Kahlrasierte mit unnatürlich aufgeblähten Muskeln in zu engen Lederjacken, schmale Jungs in Hoodies mit dicken Goldketten um den Hals, Männer in Frauenkleidern, Frauen in Lackleder – aber nirgends weit und breit konnte sie einen Schutzengel entdecken.

Nach zwei Stunden war Gabriel völlig erschöpft. Sie fühlte sich ausgelaugt, verzweifelt und einsam. Und kam sich ungeheuer blöd vor. Das konnte doch wohl nicht sein, dass sie nicht in der Lage war, einen Schutzengel aufzutreiben! Sie war sich sicher, dass überall um sie herum welche waren. Sie konnte sie nur nicht erkennen!

Halt! Da vorne liefen doch welche!

Etwa hundert Meter vor ihr fiel das Licht einer Straßenlaternen auf zwei schmale langhaarige Gestalten. Gerade bogen sie um die Ecke und verschwanden in einer Seitenstraße. Gabriel nahm die Verfolgung auf.

Nach ein paar Minuten atmete sie erleichtert auf. Ein gute Stück weiter vorne zeichneten sich die Konturen ihrer Zielobjekte auf dem Gehweg ab. Während sie hinterher hastete, nahm sie die beiden genauer in den Blick. Das waren eindeutig Schutzengel! Der matt leuchtende Äther-Schein um ihre Köpfe – für das menschliche Auge unsichtbar – war für Gabriel nicht zu übersehen.

Die Schutzengel fest im Blick, lief Gabriel eine ruhige Seitenstraße entlang. Sie war so fokussiert, dass sie das Tor mit den stabilen Metallstreben nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Daran schloss ein mit Graffiti übersprühter Bauzaun an. Dahinter leuchtete in einigen Meter Höhe etwas Goldenes im Schein der Straßenlaternen. Gabriel hob den Kopf und entdeckte die prächtige Spitze einer Stupa. Das konnte nur Suriyels Buddhistisches Zentrum sein! https://www.water-runs-east.eu/?p=5084&preview=true

Sie hatte keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen: Die beiden Schutzengel waren am Ende der Straße angekommen, bogen um die Ecke und verschwanden aus ihrem Blickfeld. Gabriel hetzte ihnen hinterher.

Zwei Straßen weiter verschwanden die beiden Schutzengel auf einmal in einer dunklen Tordurchfahrt. Eine Minute später war Gabriel genau an der Stelle angekommen, an der sie die Engel hatte verschwinden sehen. Sie stand vor einer robusten Hauswand. Kein Durchgang weit und breit!

Sie musste sich getäuscht haben! Hastig lief sie bis an das Ende der Straße und kontrollierte die Querstraßen. Die lagen im matten Licht der Straßenlaternen menschenleer vor ihr. Wo waren die Schutzengel abgeblieben?

Gabriel kehrte wieder an die Stelle zurück, an der sie die beiden das letzte Mal gesehen hatte. Der Putz bröckelte von der mit Graffiti besprühten Front des Hauses. Die Fenster waren von Innen zugemauert, die Haustür mit einem Stahlgitter blockiert.

Das Haus stand offensichtlich leer. Es wirkte völlig aus der Zeit gefallen. So, als wäre es über Jahrzehnte von Investoren, Bauträgern und Stadtbeauftragten einfach vergessen worden.

Gabriel stellte sich in die Mitte der leeren Straße, hob den Kopf und ließ ihren Blick über die graue Fassade und die zugemauerten Fensteröffnungen wandern. Irgendwas an diesem Haus stimmte nicht!

Sie konzentrierte sich darauf, ihren fünfzigprozentigen Anteil an Materie und ihre aktuelle menschliche Erscheinungsform auszublenden. Die massive Front des Hauses löste sich langsam vor ihren Augen auf und begann sich in Energie zu verwandeln. Rot glühende Lichtwellen strukturierten die Umrisse des Gebäudes und strahlten weit über seine Grenzen hinaus.

Kein Zweifel! Gabriel stand vor einer Filiale des Reiches der Finsternis! Diese Lichtfrequenz kannte sie nur zu gut.

Sie war verblüfft darüber, dass sie die Energie nicht sofort registriert hatte. Normalerweise nahm sie so etwas auf eine Distanz von mehreren Kilometern wahr! Und jetzt hatte sie direkt davor gestanden, ohne verstanden zu haben, womit sie es zu tun hatte!

Und die beiden Schutzengel schienen von dem höllischen Gebäude regelrecht verschluckt worden zu sein! Dabei waren alle Engel eigentlich mit feinen Sensoren ausgestattet, die dafür sorgten, dass sie auf Energie dieser Frequenz mit Abscheu, Ekel und Widerwillen reagierten. Normalerweise konnte man Engel aller Couleur mit so etwas jagen. Aber die beiden hatten – zumindest aus der Ferne – den Eindruck erweckt, als ob sie es eilig hatten, dorthin zu kommen. Sie waren ohne jeden erkennbaren Widerstand irgendwie in die Mauern des Gebäudes gesogen worden.

Gabriel erwachte aus ihrer Trance im Bewusstsein, dass sie sich fürchtete. Was immer hier gerade in Berlin-Friedrichshain passierte: Es war definitiv gefährlich.

Hastig drehte sie sich um und machte, dass sie fort kam.

Verloren

Erzengel Suriyel ist damit konfrontiert, dass die vertrauten Spielregeln zwischen ihm und Luzifer nicht mehr funktionieren…

Suriyel schloss die Tür seiner Werkstatt hinter sich ab und nahm die Treppe ins Erdgeschoss des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/ Dort empfingen ihn Stille und Dunkelheit. Alle anderen waren bereits nach Hause gegangen.

Wie jeden Abend kontrollierte Suriyel, bevor er das Zentrum verließ, ob sich niemand in den Räumen versteckt hielt.

Die Eingangspforte des Buddhistischen Zentrums stand den ganzen Tag über offen. Jeder, der wollte, konnte die Außenanlagen und die Gebäude betreten.

Das Angebot wurde gerne angenommen. Und nicht nur von Menschen, die sich für Buddhismus interessierten. Angestellte aus Büros im Viertel verbrachten hier ihre Mittagspause. Nachbarn trafen sich auf einen Plausch.

Den ganzen Tag über konnte man Passanten beobachten, die mit erstaunten Blicken das Gelände betraten, versonnen die schmalen Wege entlang wanderten und wie selbstverständlich die runde weiße Stupa mit ihrem goldenen Kegeldach umkreisten, bevor sie wieder durch die Pforte verschwanden.

Das Buddhistische Zentrum war das heimliche Herz des Viertels. Oder besser: Sein spirituelles Krankenhaus. So sah es zumindest der tibetische Lama, der es vor einigen Jahren, mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Helfer, gegründet hatte.

Und die Stupa im Garten war die metaphysische Notaufnahme für die unzähligen hungrigen Geister von Berlin-Friedrichshain.

Die kamen, um sich an der überwältigenden Energie des Ortes zu nähren. Viele verliesen ihn gesättigt und befriedet.

Aber nicht wenige waren so ausgehungert, dass ihre Gier unersättlich war. Die schlichen mit Alkohol und Drogen herein, waren auf der Suche nach einem trockenen Schlafplatz oder nach Wertgegenständen, die geklaut und zu Geld gemacht werden konnten.

Die Zentrumsleute führten einen zähen Kampf gegen die destruktiven Kräfte Friedrichhains. Über Jahre waren sie darin erfolgreich gewesen. Bisher war kein größerer Schaden entstanden.

Während Suriyel alle Nischen des großen Tempels absuchte, brütete er über die Frage, wie lange das noch so bleiben würde. Wohl nicht mehr allzulange, wenn weiterhin ein Schutzengel nach dem anderen seinen Dienst quitierte. https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Was aus all diesen ausgehungerten, verwirrten und verzweifelten Menschen in Friedrichshain ohne den Schutz ihrer persönlichen Engel werden würde, wollte sich Suriyel nicht ausmalen.

Als Gott ihm den Auftrag erteilt hatte, sich um die Schutzengel von Berlin-Mitte zu kümmern, war er von einem Routinejob ausgegangen. Suriyel war der Erzengel, der seit 4000 Jahren darüber wachte, dass sich alle Himmlischen Heerscharen an die göttlichen Gebote hielten. Verirrte Schutzengel wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, gehörte zu seinen Basisaufgaben.

Schutzengel waren berüchtigt für ihre Korrumpierbarkeit. Daran trugen sie keine Schuld: Als Mitglieder des neunten und damit niedrigsten Chores des Himmels bestanden sie lediglich zu zehn Prozent aus Äther und dafür zu neunzig Prozent aus Materie.

Das hatte sich auch in den neun Bereichen der Hölle herumgesprochen. Gleich nach den Menschen waren Schutzengel das bevorzugte Ziel dämonischer und teuflischer Attacken.

Jeder der Höllenfürsten hatte dabei seinen eigenen Stil und seine eigene Handschrift.

In Friedrichshain stank es geradezu nach Luzifer, hatte Suriyel gleich nach seiner Ankunft festgestellt: Das uncharakteristisch großkotzige Getue, dass die Schutzengel dort an den Tag legten. Ihre larmoyanten Sprüche und ihre blasierte Coolness. Die schrecklichen Musik, die sie hörten! Sie waren sogar angezogen wie Luzifer!

Suriyel hatte deshalb von Anfang an gewusst, wer sein höllischer Gegenspieler war. Dafür hätte Luzifer nicht persönlich bei ihm vorstellig werden müssen. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Der Erzengel und sein ehemaliger Kollege trafen routinemäßig aufeinander. Für gewöhnlich endete jede Konfrontation mit einem Patt: Luzifer gelang es regelmäßig, gehörigen Schaden anzurichten, bevor Suriyel ihm Einhalt gebieten konnte.

Dann verschwand Luzifer, um einige Zeit später an einem anderen Ort wieder aufzutauchen. Dort trieb er so lange im Geheimen sein Unwesen, bis er wieder auf den himmlischen Radarbildschirm geriet, und von einem Erzengel vertrieben wurde. Bei dem es sich in siebzig Prozent aller Fälle um Suriyel handelte. Die beiden spielten dieses Spiel inzwischen seit 2100 Jahren.

Aber diesmal war alles anders.

Dass es Suriyel nicht wie gewöhnlich gelungen war, die Schutzengel von Luzifers Fluch zu befreien, war die erste erschütternde Erkenntnis gewesen.

Kurz darauf hatte Suriyel erfahren, dass er es nicht nur mit Luzifer, sondern zusätzlich noch mit Dommiel zu tun hatte. Der berühmt-berüchtigte Torwächter der Hölle verließ das Reich der Finsternis nur in Ausnahmefällen. Deshalb war Suriyel ihm bisher lediglich drei Mal begegnet. Jedes Aufeinandertreffen war äußerst unerfreulich verlaufen. Wenn Dommiel in der Menschenwelt auftauchte, war das immer ein Zeichen dafür, dass in der Hölle das ganz große Rad gedreht wurde. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Und dann war auch noch Beelzebub bei Luzifer eingezogen! Der Kanzler des Ordens der Fliege interessierte sich normalerweise nicht für Engel. Sein Spezialgebiet waren die Seelen von Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel schlossen. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/ Deshalb hatte Suriyel noch nie mit ihm zu tun gehabt.

Aber Beelzebubs schlechter Ruf war auch in den neun Chören der Engel legendär. Suriyel hatte keine Ahnung, warum sich der Dämon in Friedrichshain herumtrieb. Eines war ihm jedoch klar: Beelzebubs Anwesenheit in Berlin-Mitte bedeutete „Alarmstufe Rot“.

Das Gefühl drohenden Unheils hatte Suriyel während der letzten zwei Wochen schlaflose Nächte bereitet. Und gestern waren seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen worden!

Dass die Rettungsaktion der Gnadenengel erfolglos geblieben war, hatte Suriyel bis ins Mark erschüttert. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Der Erzengel war sich sicher, dass die Gnadendusche nicht aufgrund eines technischen Fehlers versagt hatte. Das hatte er auch Rafael erklärt, als der ihn heute Nachmittag kontaktiert hatte, um ihm eine Wiederholung des Procederes vorzuschlagen.

Suriyel hatte, als er versuchte, einen tropfnassen Schutzengel nach dem anderen auf seinen Armen in das Buddhistische Zentrum zu tragen, die leuchtende Energie der Gratia Sanctificans gespürt. Die verzweifelt schreienden Schutzengel waren regelrecht durchtränkt von der Gnade Gottes gewesen! Sie hatte nichts gegen Luzifers Pakt ausrichten können!

Das Unvorstellbare war geschehen: Das Böse hatte das Gute besiegt!

Suriyel hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Er musste das alles erst einmal verdauen und in Ruhe darüber nachdenken.

Und die allerletzte, die er in seinem aktuellen Zustand ertragen konnte, war Gabriel! https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Mit diesem Gedanken versperrte Suriyel die Eingangstür zum Tempel und lief in der Dunkelheit zum Stahltor an der Pforte. Im fahlen Licht einer Straßenlaterne drehte er sorgfältig den Schlüssel im Schloss.

Danach trat er zu seinem Wagen, den er vor dem Zentrum geparkt hatte. Er warf seine Tasche auf den Beifahrersitz und machte sich auf den Heimweg.

Gabriel in Friedrichshain

Erzengel Gabriel bricht auf eigene Faust nach Berlin-Mitte auf, um herauszufinden, was mit den Schutzengeln geschehen ist…

Am Abend materialisierte Gabriel sich in einem U-Bahntunnel an der Karl-Marx-Allee. Nachdem sie menschliche Form angenommen hatte, eilte sie zum Ausgang. https://www.water-runs-east.eu/?p=4783&preview=true

Dort wurde sie von einem prächtigen Sonnenuntergang und einem Schwall von Abgasen empfangen. Kolonnen von Autos und Lastern rauschten auf der vierspurigen Straße an ihr vorbei – rush hour in Berlin-Mitte. Es gelang ihr gerade noch, einem Radfahrer auszuweichen, der den Gehweg entlang hetzte.

Gabriel war gestresst: Eigentlich hatte sie bereits vor Stunden in Berlin ankommen wollen! Aber die Delegation ihrer zahlreichen Verantwortlichkeiten im dritten und vierten Chor hatte sie den ganzen Tag in Beschlag genommen. Glücklicherweise war Rafael bereit gewesen, bei Notfällen für sie einzuspringen. Und die Verantwortung für den fünften Chor übernahm er auch. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Und das, obwohl Rafael der Ansicht war, dass Gabriels Entschluss, in Berlin-Mitte persönlich nach dem Rechten zu sehen, überzogen war. Er hatte ihr angeboten, mit Suriyel zu sprechen, um den davon zu überzeugen, ein weiteres Gnadenkommando in seinem Machtbereich zu dulden.

Aber Gabriel hatte sich nicht umstimmen lassen. Sie konnte Rafael nicht erklären, warum sie nach Berlin musste. Sie konnte es sich nicht einmal selbst erklären, warum sie so stur darauf beharrte.

Auf der rationalen Ebene hatte Rafael sämtliche Argumente auf seiner Seite: Alles sprach dafür, dass irgendein technischer Fehler die Ursache des Scheiterns der letzten Gnadenaktion gewesen war. Nach den üblichen Regeln hätte Gabriel die Aufgabe delegieren müssen.

Sie wusste trotzdem, dass sie persönlich gehen musste. Warum auch immer.

Gabriel war nicht nur der Erzengel der Verkündigung und der Gnade, sondern auch der Engel der Visionen und Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

In diesem Fall war es eine Eingebung. Irgendetwas in ihr beharrte energisch darauf, dass sie nach Berlin-Mitte musste. Und zwar sofort!

Dank des Fernsehturms brauchte Gabriel nicht lange überlegen, welche Richtung sie einschlagen musste. Ein Glück, dass er in der Ferne zu sehen war – ihr Orientierungsvermögen war nicht das Beste.

Am Frankfurter Tor bog sie in eine ruhige Seitenstraße ein und betrat fünf Minuten später das Foyer eines günstigen Hotels.

Sie buchte ein Einzelzimmer für vier Tage und nahm, ihren Rucksack über die Schulter geworfen, den Aufzug in den dritten Stock. Als sie die Zimmertür aufschloss, schlug ihr der Geruch von Desinfektionsmitteln und kaltem Zigarettenrauch entgegen.

Das Fenster ging zum Hinterhof. Gabriel warf einen Blick auf Mülltonnen und Fahrräder, stellte ihren Rucksack in der Zimmerecke ab und setzte sich auf das schmale Bett.

Sie war seit gestern Abend – als sie spontan den Beschluss gefasst hatte, in Berlin-Mitte nach dem Rechten zu sehe – so sehr mit der Organisation ihrer Abwesenheit im Himmel beschäftigt gewesen, dass sie sich nur bis zu diesem Punkt Gedanken gemacht hatte: Sie würde sich ein Hotelzimmer in Friedrichshain nehmen.

Was sie hiermit getan hatte. Und nun?

Gabriel stellte erstaunt fest, wie irritierend es für sie war, auf einmal völlig alleine zu sein. Normalerweise war sie von morgens bis abends von Engeln und Heiligen umgeben. Und auf einmal war sie ganz für sich! Niemand wollte etwas von ihr. Aber sie konnte auch niemanden um Rat fragen und oder um Hilfe bitten. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie jemals zuvor in einer solchen Situation gewesen war.

Noch nie! Und das nach 4000 Jahren als Erzengel!

Und dabei befand sich ein anderer Erzengel gleich um die Ecke. Suriyels Tibetisch-Buddhistisches Zentrum war gerade mal 900 Meter von ihrem Hotel entfernt. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Eine eherne Erzengel-Regel verlangte, dass sie einander über ihre Anwesenheit im Machtbereich des Anderen informierten. Gabriel streckte sich rücklings auf dem Bett aus, schloss die Augen, konzentrierte sich und nahm in ihren Gedanken Kontakt mit Suriyel auf. „Hallo Suriyel. Ich bin bis Sonntag in einem Hotel in Friedrichshain.“ Danach wartete sie ein paar Minuten und lauschte in die Stille hinein. Schließlich stand sie auf, zog ihre Jacke über und verließ das Hotel.

Sie war sich sicher, dass Suriyel sie gehört hatte. Er hatte nicht geantwortet. Etwas anderes hatte sie von ihm auch nicht erwartet.

Das Geheimnis im Keller

Proserpina macht sich auf die Suche nach Luzifers Geheimnis und stößt auf eine Stahltür und viel Energie…

Die magere schwarze Katze huschte den Gehweg entlang. https://www.water-runs-east.eu/proserpina/

Nach einem schnellen Blick nach links und rechts schob sie sich unter dem Bauzaun hindurch. Aus der Ferne schallten blecherne Beats über die verwilderte Brachfläche. Am Boxhagener Platz brachten sich bereits am späten Nachmittag die ersten Szenegänger für die Nacht in Stimmung.

Die Katze umkreiste eine alte Matratze, gammelnde Essensreste und einen rostenden Kühlschrank. Vor dem zerborstenen Kellerfenster eines unsanierten Hinterhauses machte sie Halt und nahm Witterung auf. Aus der Öffnung schlug ihr der Gestank von Moder und toten Mäusen entgegen. Mit einem federnden Sprung verschwand sie in der Schwärze des Kellers. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Nachdem die Katze auf dem staubigen Boden aufgekommen war, verharrte sie bewegungslos in der Finsternis und spitzte ihre Ohren. Kein Laut war zu hören.

Systematisch begann die schwarze Katze, alle Räume des Kellers Quadratmeter für Quadratmeter zu untersuchen. Sie kontrollierte halb verfallene Pappkartons, schob sich durch Berge aus Plastiksäcken, kletterte auf Regale, in denen Einweckgläser mit vergilbten Ettiketten vor sich hin schimmelten.

In regelmäßigen Abständen blieb sie stehen, streckte ihren Kopf in die Höhe und ließ ihre Schnurrhaare vibrieren.

An der Verbindungsmauer zum Nachbarhaus kam sie vor einer massiven schwarzen Metalltür zum Stehen. Nachdem sie die Tür mit ihren Schnurrhaaren abgetastet hatte, untersuchte sie mit ihrer feinen Nase ausgiebig den Boden und die Wand im Umkreis. Danach drehte sie sich um, postierte sich etwa einen Meter von der Tür entfernt und nahm innerhalb von Sekunden ihre dämonische Gestalt an. Als drahtige Frau mit langem schwarzen Haar und harten Gesichtszügen trat sie an die Tür und drückte die Klinke nach unten. Abgesperrt!

Proserpina zuckte zusammen. Schritte halten von der Treppe wieder. Jemand kam in den Keller. Einen Wimpernschlag später huschte eine magere schwarze Katze quer durch den vermüllten Keller zum zerbrochenen Fenster, sprang mit einer federnden Bewegung ins Freie, jagte über die Brachfläche und schob sich unter dem Bauzaun hindurch auf die Straße.

Zwei Seitenstraßen weiter hockte ein großer schwarzer Kater unter einem parkenden Auto und fixierte den Eingang des Buddhistischen Zentrums auf der anderen Straßenseite. https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

Beelzebub hatte den ganzen Tag über versucht, Proserpinas Trick anzuwenden, um ebenfalls ins Zentrum zu gelangen. Aber so sehr er sich auch bemühte: Er bekam es irgendwie nicht hin, die Ströme negativer Gedanken und Gefühle, die von den Menschen im Zentrum abgesondert wurden, als Türöffner zu nutzen. https://www.water-runs-east.eu/hoellische-plaene/

Er versuchte sich damit zu trösten, dass es ihm zumindest gelungen war, die feinen negativen Bewusstseinsströme in der überwältigenden positiven Energie des Zentrums auszumachen. Die waren ihm, bevor ihn Proserpina darauf aufmerksam gemacht hatte, überhaupt nicht aufgefallen. Aber wie es ihm gelingen sollte, mit Hilfe dieser Gefühle von Wut, Gier, Neid und Missgunst das Zentrum zu betreten, war ihm immer noch ein Rätsel.

Verdrossen behielt er den Eingang im Blick. Dort flatterten bunte Gebetsfahnen in der Abendämmerung. Ein Pärchen blieb auf dem Gehweg stehen und überflog, die Köpfe erhoben, die Texte der Infotafel neben dem Metalltor. Zwei Frauen mit Yogamatten kamen aus dem Zentrum, sperrten ihre Fahrräder auf und radelten davon. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Die magere schwarze Katze huschte über die Straße und schob sich unter den Wagen, der gegenüber dem Buddhistischen Zentrum geparkt war. „Und? Bist du reingekommen?“

„Nein.“

„Du bist ein Idiot.“

Der große schwarze Kater schwieg.

„Ich habe eine interessante Entdeckung in Luzifers Keller gemacht.“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/ Die Stimme der Katze bebte vor Aufregung. „Er hat eine Sicherheitstür aus Stahl zum Nebenhaus einbauen lassen. Dahinter vibriert es nur so vor Energie! Lebensenergie! Reine Vitalität! Ich wette mit Dir, dass sich dahinter sein Geheimnis verbirgt!“

„Aber was kann das sein?“

„Sicher irgendeine ausgefuchste Magie! Luzifer war mal ein Erzengel. Er hat 2000 Jahre im Himmel an der Seite des Allmächtigen verbracht. Deshalb tickt er anders als die übrigen Teufel und Dämonen in der Hölle. Irgendwas aus seiner Vergangenheit muss es ihm ermöglichen, die Gnade Gottes auszuhebeln.“

„Und was macht dich so sicher, dass diese Energie nicht auch uns aushebelt, wenn wir damit in Berührung kommen? Ich war kein Erzengel! Ich bin ein lupenreiner Dämon!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

„Wenn du zu feige bist, übernehme ich das. Ich bin mir sicher, dass mir diese Energie nichts anhaben kann!“

Die magere schwarze Katze schob sich unter dem geparkten Wagen hervor und wanderte mit hoch erhobenem Schwanz davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

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