In Luzifers Höllenareal trifft sich die Führungsriege der gefallenen Engel, um zum ersten Mal das Ritual der Fliegen zu zelebrieren…

Die Holzscheite knackten laut, während sie Feuer fingen. Als Nekael mit dem Schürhacken in die Glut fuhr, stoben Funken in die Höhe und landeten auf dem weißen Marmorboden.
Luzifer, der am Kamin lehnte, machte zwei Schritte, hob den schwarzen Lacklederschuh und trat die roten Glutnester aus.
Nekael griff zum Stabfeuerzeug und wandte sich der langen, festlich gedeckten, Tafel zu. Dort entzündete er die schwarzen Feuerschalen, die jeweils in der Mitte zwischen zwei Tellern platziert waren. Der leicht süßliche Duft brennenden Ethanols vermischte sich mit dem Geruch des offenen Feuers.
Der schmetternde Ruf von Fanfaren hallte aus verborgenen Boxen durch den Saal. Luzifer drehte den Lautstärkregler der High-End-Stereoanlage noch etwas höher. Die Overtüre des „Fliegenden Holländers“ nahm dröhnend Fahrt auf.
Arakiel trat durch die Flügeltür, vorsichtig ein großes Deckelglas zwischen seinen beiden Händen tragend.
„Sehr gut!“ Luzifer wies mit der Hand an die Stirnseite der Tafel. „Stell es auf meinen Platz!“
Arakiel warf einen gierigen Blick auf das Glas mit den vierundzwanzig grünen Schmeißfliegen, bevor er es abstellte und sich zu Nekael gesellte, der an der Bar Aperitifs vorbereitete.
Luzifer wippte, die Hände in den Tiefen der Hosentaschen seines Brioni-Anzugs versenkt, im Takt der Musik, während er ein letztes Mal um die Tafel wanderte und die Details kontrollierte. Alles war perfekt.
Eine Welle der Euphorie überschwemmte ihn. Auf diesen Abend hatte er 2500 Jahre hingearbeitet!
Er warf einen letzten triumphierenden Blick auf die im Glas summenden Fliegen, bevor er sich zur Tür begab, um die Ankommenden zu begrüßen.

Luzifer erhob sich und ließ den Blick über seine Gäste schweifen, die sich um die Tafel versammelt hatten.
Als das aufgeregte Murmeln nicht verstummen wollte, klopfte Luzifer mit der Gabel gegen sein Glas. Vergebens. Die Tischgesellschaft summte wie ein Bienenstock.
Im Festsaal von Luzifers Trakt im dritten Höllenareal hatten sich die mächtigsten gefallenen Engel eingefunden.
Zur Linken Luzifers hatte Nekael Platz genommen, zu seiner Rechten Arakiel. Normalerweise wurden die hohen Gäste bei festlichen Veranstaltungen von einer Schaar Unterteufel bedient. Aber dieser Abend war so speziell und geheim, dass Luzifers beiden Stellvertreter die Handlangerdienste übernommen hatten.
Nichts, was heute Abend hier geschah, durfte nach außen dringen. Zumindest vorerst. Bis auch die zweihundert nächsten Seelenfliegen der Schutzengel Friedrichhains im Höllenareal der gefallenen Engel eingetroffen waren.
Aber so lange, hatte Luzifer beschlossen, konnte er nicht warten. Es waren genug Fliegen für das Who-is-Who seiner Mannschaft angekommen.
Deshalb fand heute Abend die Generalprobe für das höchste, wichtigste und mächtigste Ritual, dass die Hölle zu bieten hatte, statt: Die Verspeisung der Seelenfliegen.
Er klopfte ein weiteres Mal mit der Gabel gegen sein Glas.
Endlich verstummte die aufgeregte Tischgesellschaft. Alle Blicke waren nun auf Luzifer gerichtet.
„Freundinnen und Freunde“, Er räusperte sich, bevor er fortfuhr, „Wir haben uns an diesem denkwürdigen Abend hier versammelt, um endlich – ich wiederhole ENDLICH – das hohe Ritual der Fliegen zu vollziehen!“
Applaus brandete auf.
„Seit unserer Ankunft in der Hölle vor 2500 Jahren verwehren uns die Dämonen den Zugriff auf ihre Seelenfliegen. Mit dramatischen Folgen für unsere Macht und unser Ansehen im Reich der Finsternis. Wir waren hier immer nur Bewohner zweiter Klasse!“
Die Tischgesellschaft klatschte frenetisch.
„Nach vielen Jahrhunderten harter geheimer Arbeit ist es mir gelungen, dieses Übel abzustellen. Auch wir – die Fraktion der Teufel – werden nun endlich in den Genuß der Seelenfliegen kommen.“
Luzifer machte eine Kunstpause.
„Aber, meine lieben Freundinnen und Freunde, wir werden in Zukunft nicht nur die banalen Seelenfliegen verfluchter Menschen verspeisen, wie das unsere dämonischen Nachbarn tun. Nein! Ich biete euch heute Abend etwas viel besseres!“
Alle Augen waren auf Luzifer gerichtet. Vollkommene Stille hatte sich über den Saal gelegt. Nur das Knacken des brennenden Holzes im Kamin war zu hören.
„Das hier,“ Luzifer legte seine Hand auf das große Deckelglas, das vor ihm auf dem Tisch stand, „sind die Seelenfliegen von Schutzengeln!“
Arestigifa schnappte hörbar nach Luft. Die anderen gefallenen Engel starrten stumm auf ihren Anführer.
Luzifer genoss ihre Sprachlosigkeit. „Damit hattet ihr nicht gerechnet, ich weiß! Aber so ist es! Ich habe den Schutzengeln des Herrn in einem alchimistischen Prozess den Äther entzogen, sie dadurch sterblich werden lassen und mich noch dazu ihrer Seele bemächtigt!“
Sein triumphierendes Lachen hallte durch den Saal und ließ die Tischgesellschaft zusammenzucken. „Es ist mir gelungen, den Allmächtigen zu besiegen! Nie wieder wird uns ein Engel davon abhalten können, an den Menschen unser teuflisches Werk auf Erden zu verrichten!“
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wippte auf den Zehenspitzen, während er einen Blick in die atemlose Runde warf. „In Zukunft, meine Freundinnen und Freunde, werden wir Teufel alle Macht in unseren Händen halten. Uneingeschränkt! Im Himmel, auf Erden – und in der Hölle! Keine Kraft wird uns aufhalten können!“
Er gab Nekael ein Zeichen. Der stand auf. Luzifer nickte ihm zu. „Wir beginnen nun mit dem Ritual.“



















