Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 8 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Cabor

Cabor, Mitglied des Vorstands des Ordens der Fliege, informiert seine Kollegen über Luzifers geheimes Treiben in der Hölle…

Der Zigarrenrauch hing so dicht im Konferenzraum, dass Beelzebub die riesige Gestalt seines Stellvertreters Nergal, der am anderen Ende der langen Tafel saß, nur schemenhaft erkennen konnte.

Auf den Aufruf ihres Kanzlers hin, hatten sich elf Mitglieder des Vorstands des Ordens der Fliege um den Tisch versammelt. Lediglich ein Platz war noch nicht besetzt.

Die Flügeltür schwang auf. Alle Gespräche verstummten. Eine schmale, schwarz gekleidete Gestalt schritt über den roten Teppichboden, nickte kurz in Richtung Beelzebub und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.

Der räusperte sich: „Gut. Wir sind vollzählig. Fangen wir an.“ Er ließ den Blick über die Vorstandsmitglieder schweifen. Elf Dämonen. Ein gefallener Engel.

„Ich habe Euch zusammengerufen, weil der ehrwürdige Orden der Fliege das erste Mal in seiner 2000jährigen Geschichte in seiner Existenz bedroht ist.“

Er unterbrach das Murmeln mit einem energischen:“Ruhe!“

In das Schweigen hinein fuhr er fort: „Luzifer, dieser billige Emporkömmling, hat bindende Verträge mit Schutzengeln geschlossen. Ein Engel ist gestorben. Seine Seele hat sich in eine Fliege verwandelt. Aber diese Seelenfliege ist nie im Höllenareal unseres Ordens angekommen!“

Astaroth, der Schatzmeister des Ordens, unterbrach ihn: „Engel sind unsterblich! Genau wie wir! Du hast Dich verarschen lassen, Kanzler!“

„Halt´s Maul! Ich habe den toten Engel mit eigenen Augen gesehen! Er wurde von zwei Erzengeln und einem Schutzengel identifziert! Die Zeiten haben sich geändert, Astaroth!“

Molech mischte sich ein: „Soll das heißen, wir können auch sterben?“

Nergals schrilles Lachen ließ alle zusammenzucken: „Luzifer will uns in den Himmel schicken!“ Er sprang auf, bleckte die Fangzähne, breitete seine riesigen Flügel aus und drosch mit der Faust auf den Tisch. „Den Scheißer mache ich fertig!“

„Beruhig Dich!“, fuhr Beelzebub den Drachen-Dämon an. „Bevor wir Luzifer bezahlen lassen, müssen wir erst mal wissen, was er genau treibt! Und ja, verdammt noch mal, ich will weder sterben, noch will ich in den Himmel kommen! Es geht nicht nur um den Orden! Es geht um unser Leben!“

Er erntete zustimmendes Murmeln.

„Cabor hat sich heute bei Luzifer umgesehen.“ Beelzebub nickte in Richtung des Spätankömmlings. „Er wird uns sagen, was er herausgefunden hat.“

Der schmale Mann mit der Gesichtsmaske und dem hohen Zylinder erhob sich. Zwischen den elf riesigen Dämonen mit ihren Tierköpfen, Flügeln und Klauen wirkte er verloren.

Es hatte Beelzebub erhebliche Überwindung gekostet, Cabor erst die Mitgliedschaft und später den Vorstandsposten im Orden der Fliege anzutragen. Erstens, weil er grundsätzlich nichts von gefallenen Engeln hielt. Und zweitens, weil Proserpina einen Narren an Cabor gefressen hatte.

Sie war es gewesen, die seine Mitgliedschaft durchdrückte. Mit dem Ergebnis, dass sich Beelzebub einmal im Monat mit dem Liebhaber seiner Dämonenkönigin am selben Tisch wiederfand.

Jetzt war er froh, dass er ihr nachgegeben hatte. Cabor war der einzige aus dem Orden, der sich unauffällig zwischen Luzifers gefallenen Engeln bewegen konnte.

Cabor wartete unbewegt, bis sich die Tischgesellschaft beruhigt hatte. „Es ist in der Tat so, dass in den letzten Tagen Seelenfliegen im dritten Höllenareal angekommen sind, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Sie sind weder in den Listen des Ordens aufgeführt, noch wurden sie nach ihrer Ankunft an unsere Leute übergeben. Sie sind, laut Unterschrift, von Luzifers Teufeln in Empfang genommen und in sein Neubauareal gebracht worden.“

Molech drosch auf den Tisch, dass die Whiskeygläser klingelten: „Dommiel, der Drecksack, steckt mit Luzifer unter einer Decke! Anders ist es nicht möglich, dass die Torwächter mitspielen!“

„Er ist ein Teufel! Was erwartest Du von ihm?“, kreischte Astaroth.

Beryth unterbrach ihn: „Jetzt mal langsam und der Reihe nach! Wie ihr wisst, bin ich im Orden für alle Pakte und Verträge zuständig. Von einer Klausel, die Engel sterben und ihre Seelen in die Hölle kommen lässt, habe ich noch nie gehört! Möglicherweise kocht Luzifer sein eigenes Süppchen! Aber dass diese ominösen Seelenfliegen aus Engeln geschlüpft sind, kann mir keiner erzählen!“

Beelzebub mischte sich ein: „Genau das werden wir allen anderen erklären! Luzifer versucht, dem ehrwürdigen Orden der Fliege das Wasser abzugraben, indem er uns die verfluchten Seelen von Menschen klaut!“ Er nahm einen Schluck Whiskey: „Aber wir hier im Vorstand wissen, dass es die Seelen von Engeln sind!“

Beryth wiegte den Kopf. „Mir fehlt der Beweis, Kanzler. Auch zwei Erzengel können sich täuschen.“

Cabor schaltete sich ein. „Wie es der Zufall wollte, kam eine Seelenfliege am Höllentor an, während ich mich dort herumtrieb. Der Sachbearbeiter stellte fest, dass sie nicht für unseren Orden, sondern für Luzifer registriert war. Weil ich mich als einer von Luzifers Teufeln ausgegeben hatte, bekam ich die Fliege in die Hand gedrückt.“

Astaroth brach in hysterisches Kichern aus.

Als er wieder ruhig war, fuhr Cabor fort: „Ich bin mit der Fliege in Luzifers Areal und erst mal von einer Abteilung in die nächste geschickt worden, bis sich ein Teufel gefunden hat, der sich auskannte. Der hat mich, samt der Fliege, in das unterste Stockwerk im Neubau geschickt. Dort gibt es bestimmt zwanzig Büros, in denen aber niemand arbeitet. Die Stühle sind noch in Plastik eingeschweißt, die Drucker stehen in Kartons in der Ecke und so weiter.“

Molech pfiff durch die Zähne: „Luzifer scheint uns wirklich Konkurrenz machen zu wollen! Wie viele Dämonen beschäftigen wir?“

„Dreißig“, antwortete Astaroth. „Aber Teufel sind effektiver.“

„Lasst Cabor fertig reden!“, fuhr Beelzebub die beiden an.

Der gefallene Engel referierte weiter, als wäre er nie unterbrochen worden. „Irgendwann ist ein junger Teufel aufgetaucht, der mir die Fliege abnehmen wollte. Wir sind ins Gespräch gekommen und das Ende vom Lied war, dass ich sie zu ihrem Bestimmungsort tragen durfte. Auf dem Weg zum Fliegenraum hat der Teufel ununterbrochen geredet. Er schien ziemlich glücklich über seine Beförderung zum Abeilungsleiter gewesen zu sein. Er hat mir das gleiche erzählt, wie unser Kanzler.“

Cabor wies mit dem Kinn zu Beelzebub. „Die neue Abteilung ist exklusiv für die Seelenfliegen von Engeln geschaffen worden. Luzifer hat ein Patent für eine Apparatur angemeldet, die das zu Stande bringt. Sie befindet sich irgendwo in Luzifers Neubauareal. Ort unbekannt und streng geheim.“

Er machte eine Pause. Die Blicke sämtlicher Mitglieder klebten an dem schmalen Mann mit der schwarzen Maske. Atemlose Stille lag über dem Raum.

„Damit waren wir auch schon am Ende des langen Ganges vor einer Sicherheitstür angekommen. Daneben befindet sich eine gesicherte Luftschleuse. In die musste ich die Fliege setzen. Der Teufel schloss die Schleuse auf unserer Seite und öffnete danach die Schleuse auf der anderen Seite. Durch die Glastür konnte ich beobachten, wie die Fliege, die ich hergetragen hatte, aus der Schleuse heraus- und zu einem Tisch in der Raummitte flog. Dort befand sich Wasser und rohes Fleisch. Und jede Menge Fliegen.“

„Und das alles sollen die Seelen von Engeln sein?“, fragte Beryth ungläubig.

„So wurde mir das gesagt. Aktuell sind es vierundzwanzig. Im Laufe der nächsten Tage erwarten sie noch viel mehr. Um die zweihundert, hat mir der Teufel erklärt.“

Beelzebub überbrüllte das aufgeregte Rufen und Schreien der Vorstandsmitglieder. „Wir brauchen diesen Apparat von Luzifer! Koste es, was es wolle!“

Cabor nahm schweigend Platz.

Der Knopf

Die Dämonin Proserpina aktiviert Luzifers magische Apparatur und lässt sich auf ein riskantes Experiment ein…

Mit einem Mal stach ihr der Geruch von Bier und Schweiß in der Nase. Die magere schwarze Katze, die bewegungslos in Luzifers verlassener Partyzone gesessen hatte, schüttelte verwirrt den Kopf und erhob sich unsicher von ihren Hinterpfoten. Alles um sie drehte sich. Mehrere Minuten lang stand sie, leicht schwankend, in der Mitte des breiten Flurs.

Als Proserpina aus ihrem Trance-Zustand wieder in die Realität zurückgefunden hatte, wusste sie, was zu tun war.

Die Spitze ihres hoch erhobenen Schwanzes zuckte nervös, während sie mit ihrer Nase die Tür zum fensterlosen Büro aufschob. Auf dem Schreibtisch lag immer noch der aufgeschlagene Ordner mit den magischen Verträgen, in denen die Schutzengel ihre Seele an den Teufel verkauft hatten.

Mit einem federnden Sprung landete die schwarze Katze auf der Schreibtischplatte und stieg, laut vor sich hin schnurrend, mit allen vier Pfoten auf die Seiten des Ordners. Tänzelnd drehte sie sich mehrmals im Kreis und kam schließlich so auf dem Papier zu liegen, dass ihr Brustkorb genau auf der Stelle platziert war, an der die Energie der magisch leuchtenden Unterschriften am Stärksten war.

Proserpina schloss ihre Augen. Mit aller Macht konzentrierte sie sich darauf, die Lebensenergie der Verträge in ihr Herz zu saugen.

Als sie nach etwa zehn Minuten wieder aufstand, fühlte sich ihr Brustkorb an, als hätte er Feuer gefangen. Ihr ganzer Körper glühte.

Vor sich hin vibrierend sprang sie vom Schreibtisch, lief in den Flur und zu dem Bartisch hinter der Eingangstür, an dem üblicherweise Dommiel – der Torwächter der Hölle – stand. In Luzifers Partyzone fungierte er als Türsteher, der feierwütige Menschen aussortierte und nur Schutzengeln den Zutritt gestattete.

Die schwarze Katze schob sich unter den Streben des Bartisches hindurch und starrte nach oben. Tatsächlich! An der Unterseite der Tischplatte war ein unauffälliger kleiner weißer Knopf angebracht.

Proserpina trat unter dem Tisch hervor, nahm innerhalb von Sekunden ihre dämonische Gestalt an und drückte energisch auf den Schalter.

Ein schrilles Pfeifen, dessen Ursprung sie nicht lokalisieren konnte, ertönte. Proserpina nahm wieder die Form der schwarzen Katze an und eilte an den Punkt im Flur, an dem sie vor kurzem die magische Schwelle lokalisiert hatte. Ihre Schnurrhaare zuckten: Sie hatte definitiv die seltsame Apparatur aktiviert.

Proserpina fokussierte sich auf die Energie, die sie in ihr Herz gesogen hatte und nahm auf der Schwelle Platz, während sie einen Zauberspruch vor sich hin murmelte. Gewaltige Kräfte zerrten an ihr. Irgendetwas versuchte mit aller Macht, die Vitalität der Schutzengel-Verträge aus ihr heraus zu pressen. Sie biss die Zähne zusammen und hielt dagegen. Einige Minuten lang vollzog sich ein stummer Kampf. Die schwarze Katze vibrierte vor sich hin, ihre Konturen wurden von Minute zu Minute transparenter.

Ein lauter Knall ließ den Bartisch erbeben. Das kalte Licht der Deckenstrahler erleuchtete den leeren Flur. Die schwarze Katze war verschwunden.

Beschützer

Während Maria für die kontaminierten Schutzengel von Friedrichshain sorgt, ruft Erzengel Uriel Torwächter und Beschützer herbei…

Zweihundert verstörte Schutzengel in einer alten Mühle zu versorgen und bei Laune zu halten, war selbst für die Mutter Gottes eine Herausforderung.

Maria hetzte – in jeder Hand eine Thermoskanne mit Kaffee – aus dem Haupthaus. Dort hatten sich sechzig Engel um die drei langen Tische des Speisesaals gequetscht. Die hundertvierzig anderen saßen im historischen Pferdestall und warteten auf ihr Frühstück.

Geschirr gab es genug in Uriels alter Mühle. Die vorherigen Eigentümer hatten über Jahrzehnte eine Pension betrieben und schienen nie etwas weggeworfen zu haben. Zwei Schutzengel folgten Maria, zwischen sich einen Wäschekorb voller Teller und Tassen. Dahinter kamen noch ein paar andere, die auf Tabletts Essen zum Pferdestall schleppten.

Maria war sehr erleichtert gewesen, als sie heute morgen feststellte, dass sich in der Speisekammer H-Milch, Müsli, Knäckebrot, Nudeln, Reis und Konserven aller Art bis zur Decke stapelten. In einer Ecke lagen zwei Säcke Kartoffeln. Der Kühlschrank war bis zum letzten Zentimeter mit Joghurt und Käse gefüllt. Uriel hatte, als er gestern seine Bestellung beim Großhändler aufgab, sogar an Kekse und Schokolade für die Schutzengel gedacht. Und, weil er Maria kannte, an zwei Kisten mit Obst und Gemüse.

Nach dem Frühstück verteilte Maria Aufgaben: Zehn Schutzengel wurden zu Assistenten ernannt, die jeweils zwanzig Engel beaufsichtigten. Jede Gruppe bekam eine andere Arbeit zugewiesen. Zu tun gab es genug: Maria teilte Kochgruppen für drei Mahlzeiten ein, Tisch- und Spüldienste, Putz- und Gartengruppen. Nach kurzem Überlegen setzte sich auch noch Fensterputzen und Dachboden sortieren auf ihre lange Liste.

Das Ziel war, alle Engel möglichst sinnvoll und ausführlich zu beschäftigen. Keiner sollte irgendwo herumsitzen, Trübsal blasen und auf dumme Gedanken kommen.

Morgens und Abends, beschloss sie, sollte mindestens eine Stunde gebetet werden. Das beruhigte die Nerven aller Schutzengel und hatte hoffentlich auch noch ein paar andere positive Nebeneffekte.

Nachdem sie alle Aufgaben verteilt hatte, machte sich Maria auf die Suche nach Uriel. Heute morgen war sie ihm kurz in der Küche begegnet. Seitdem war er verschwunden.

Während sie im Haupthaus von Zimmer zu Zimmer ging, stellte sie erleichtert fest, dass die Engel einen stabilen Eindruck machten. Bei ihrer Ankunft gestern Nachmittag waren einige in einem beklagenswerten Zustand gewesen. Sie hatte ernsthafte Sorge gehabt, es könnte noch eines sterben. Ein paar von ihnen waren so schwach und apathisch gewesen, dass Suriyel sie hatte tragen müssen.

Heute schien es allen besser zu gehen. Ob das an der Mühle lag?

Uriel war im Garten beschäftigt, stellte Maria beim Blick aus einem der Fenster im zweiten Stock fest. Sie eilte die Treppen hinunter, durchquerte den Speisesaal und trat auf die überdachte Terrasse. Ein paar Meter davor stand Uriel an dem dicken Seil, dass sich rund um die Grenze der Mühle spannte.

Als Maria zu ihm trat, stellte sie fest, dass er gerade dabei war, Holz auf einer Feuerstelle aufzuschichten. Daneben stand auf einem kleinen Tisch ein seltsames rotes pyramidenförmiges Ding, das mit weißen Scheiben dekoriert war. „Was machst Du da?“

Uriel richtete sich auf. „Die Boundaries stehen und alle haben ihre Posten bezogen.“ Er wies mit dem Kinn an die Ecken des Grundstücks. „Vier Wächter an den Toren und zehn Beschützer entlang der Grenzen.“

Marias Blick folgte stirnrunzelnd dem Seil. „Ich sehe nichts!“

„Wirklich?“ Uriel schüttelte den Kopf. „Eigentlich sind sie nicht zu übersehen. Aber es fehlt Dir wohl die Praxis dafür.“ Er griff zum Feuerzeug und entzündete das Papier, auf dem er die Holzscheite gestapelt hatte. „Wahrscheinlich ist es besser so. Sie sehen ziemlich furchteinflössend aus. Zumindest die Beschützer. Es sind zornvolle Gottheiten. Sie halten böse Mächte von der Mühle fern.“

„Das habe ich noch nie gehört.“

Sie kommen aus Tibet. Eigentlich sind es schamanische Kräfte. Die buddhistischen Lamas haben sie sich untertan gemacht. Die haben verstanden, dass auch die Nachtseiten des Lebens wertvoll sind.“

„Wie meinst Du das?“

„Ach, unsere Trennung zwischen Gut und Böse ist Unfug, wenn Du meine persönliche Meinung hören willst. Wir sind die guten Engel und wohnen im Himmel, die anderen sind die bösen Dämonen und Teufel und leben in der Hölle – alles Käse.“

„Das sagst Du nur, weil Du schon so lange nicht mehr im Himmel lebst!“

„Das sage ich, weil ich ein bisschen rumgekommen bin in den letzten 4000 Jahren, ja.“ Uriel nahm das seltsame rote Ding, murmelte vor sich hin und stellte es ins lodernde Feuer.

Maria beobachtete, neben ihm stehend, wie die Flammen an dem seltsamen Gebilde leckten. „Was ist das?“

„Ein Torma, eine Opfergabe. Habe ich gestern Nacht gemacht und geweiht. Damit füttere ich die zornvollen Beschützer, damit sie die negativen Kräfte Luzifers fern halten.“

Vor Marias Augen fing die rote Opfergabe Feuer. Sie starrte in die Flammen. „Und das funktioniert?“

„Geht es den Schutzengeln heute besser?“

„Ja.“

„Dann scheint es wohl zu funktionieren.“

„Heute Abend wollte ich mit ihnen beten.“

„Du kannst gerne morgen mit ihnen beten. Heute Abend machen wir eine Feuer-Puja. Bis dahin brauche ich die Namen aller Engel , die hier in der Mühle sind, auf einem Blatt Papier niedergeschrieben. Und dazu noch die Namen von denen, die Suriyel erwähnte. Die, die in Friedrichshain hätten sein müssen, aber verschwunden sind. Ach ja: Und der Namen des Engels, der gestorben ist, muss auch drauf stehen!“

„Und wofür brauchst Du die Liste?“

„Wie gesagt: Heute Abend machen wir hier eine große Feuer-Puja. Dann wirst Du ja sehen.“ Damit drehte er sich um und ging ins Haus.

Maria sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan zu verstehen, was Uriel ihr eigentlich sagen wollte.

Im dritten Höllenareal

Erzengel Suriyel macht sich auf den Weg in die Hölle, um die Seelenfliegen der verfluchten Schutzengel Friedrichshains zurückzuholen…

Gabriel lief durch die stillen Straßen Friedrichhains. Es war früher Sonntagmorgen. Lediglich aus der 24/7 Kneipe dröhnte noch Techno in die Dunkelheit. Der Erzengel umrundete ein paar letzte Partygänger, die vor der Tür standen und sich an ihren Kippen und Bierflaschen festhielten.

Drei Straßen weiter, am Boxhagener Platz, lagen Obdachlose unter Zeltplanen. Ein Streifenwagen fuhr langsam an Gabriel vorbei und verschwand in Richtung Warschauer Straße.

Der Erzengel war komplett übermüdet. Die Evakuierung der kontaminierten Schutzengel Friedrichhains in die alte Mühle ihres Kollegen Uriel hatte sich bis Mitternacht gezogen. Mehr als fünf Stunden Schlafen waren nicht drin gewesen.

Denn in ein paar Minuten war sie schon wieder mit Suriyel im Buddhistischen Zentrum verabredet. Die Angelegenheit duldete keinen Aufschub!

Und das, obwohl Gabriel heute Abend im dritten Chor des Himmels erwartet wurde. Auf ihrem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit sicher schon bis zur Decke! Sämtliche Engel gingen davon aus, dass sie morgen, wie seit 4000 Jahren, in ihrem Büro sitzen und für alles und jedes Verantwortung tragen würde.

Aber das kam nicht in Frage!

Im Dahinlaufen ordnete sie ihre Argumente. Sie musste Rafael davon überzeugen, dass sie in Friedrichshain gebraucht wurde.

„Ich will nicht zurück!!!“ Der Satz drängte sich so energisch in Gabriels wohlsortierte Gedanken, dass die verblüfft stehen blieb. Er wurde – stellte sie irritiert fest – von einem tiefen Gefühl des Widerwillens begleitet.

Sie konnte nur den Kopf über sich schütteln.

Als Erzengel, der für Verkündigungen, den Beginn und das Gedeihen allen Lebens, für Prophezeiungen und oben drauf noch für Heil und Gnade zuständig war, hatte sie ihre Aufgabe bisher nie in Frage gestellt. Im Gegenteil: bis vor kurzem war sie davon überzeugt gewesen, einen Traumjob abbekommen zu haben. Das nagende Gefühl der Sinnlosigkeit, mit dem sie in letzter Zeit immer wieder konfrontiert war, hatte sie erfolgreich verdrängt.

Und auf einmal stand sie in der morgendlichen Dunkelheit Friedrichhains und war mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie lieber sterben, als zurück in den Himmel gehen würde.

Ein makaberer Gedanke für einen Engel. Und speziell für einen so pflichtbewussten Erzengel wie Gabriel. Ihre Versuche, den verstörenden Impuls mit: „Wir können ja ab und zu für ein paar Tage nach Berlin zu Besuch kommen!“ zu besänftigen, lösten heftige Gegenwehr aus.

Und das in ihrem Zustand! In diesem Augenblick! Zu dieser Uhrzeit!

Gabriel fand sich vor dem Stahltor des Buddhistischen Zentrums wieder. Es stand offen. Suriyel schien bereits da zu sein.

Gabriel entdeckte ihren Erzengel-Kollegen im Keller. Er stand an der Werkbank und schraubte wieder an diesem komischen Metallgestänge herum, mit dem er bereits am Vortag beschäftigt gewesen war. Als er sie kommen hörte, hob Suriyel den Kopf. Er sah genauso müde aus, wie sie sich fühlte.

„Ich bin fertig.“ Er löste das seltsame Ding aus dem Schraubstock und steckte es in seine Tasche. Im Flur nahm er seine Jacke von der Garderobe und öffnete die Eingangstür. „Wenn du noch bleiben willst, lasse ich Dir den Schlüssel hier. Vergiss nicht, abzusperren.“

Gabriel verstand kein Wort. „Wo willst Du hin?“

„Ich gehe, die Schutzengel holen.“

„Aber die sind doch bei Uriel in der Mühle!“

„Nicht die. Die anderen. Die, die gestorben sind.“

„Einer! Einer ist gestorben!“

„Es fehlen ein paar. Um die zwanzig. Israfel denkt, sie sind irgendwo in Mitte verloren gegangen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

„Und wie willst Du sie holen, wenn sie wirklich gestorben sind? Sie sind in der Hölle!“

Suriyel trat in den Innenhof und nickte ihr ungeduldig zu. Er schien keine Lust auf Diskussionen zu haben.

„Ich komme mit!“ Gabriel folgte ihm. „Glaub nur nicht, dass Du mich los wirst! Das geht mich genauso an wie Dich!“

„Das ist nichts für Dich!“

„Sagt wer?“ Gabriel stemmte die Hände in die Hüften. 4000 Jahre mit sechs männlichen Erzengel-Kollegen, dazu ein Patriarch als Chef: Sie hatte gelernt, sich durchzusetzen.

Suriyel stöhnte auf: „Ich habe keine Zeit zu verlieren! Warum verstehst Du das nicht?“

„Nimm mich mit und diese Diskussion ist beendet.“

Er gab auf. „In Gottes Namen. Aber Du tust, was ich Dir sage!“

„Ja, gut. Versprochen.“ Wenn das der Preis war, würde sie ihn bezahlen.

Suriyel streckte seine Hand aus. „Dann komm.“

Eine kräftige Böe trieb Gabriel die Haare ins Gesicht. Sie ließ Suriyels Hand los, drehte sich mit dem Rücken zum Wind und schob sich die Strähnen aus den Augen.

Sie stand auf einer riesigen Ebene. Um sie war nur Sand und Gestein. Über ihr spannte sich ein seltsam blassblauer Himmel. Am Horizont zeichneten sich die weißen Gipfel eines riesigen Gebirges ab.

„Wo sind wir hier?“

„Chile.“

„Sieht aus wie eine Wüste.“

„Das ist es auch. Die Atacama-Wüste.“ Suriyel drehte sich um und begann, in Richtung der Gebirgskette zu laufen. „Da vorne sind die Anden.“

Gabriel registrierte, dass sie sich auf einem schmalen Trampelpfad materialisiert hatten. „Und was wollen wir hier?“

Suriyel ignorierte ihre Frage und lief stur den Weg entlang. Ihn innerlich verfluchend, stolperte sie hinter ihm her. Sie musste sich anstrengen, mit seinem Tempo mitzuhalten.

Nach etwa zwanzig Minuten kam er so abrupt zum Stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingerannt wäre. Vor ihnen tat sich eine riesige Grube auf. Wohl eine verlassene Mine. Der schmale Pfad, der sie hergebracht hatte, führte in Serpentinen bis zum Grund. Weil und breit war niemand zu sehen.

„Wir müssen da runter. Aber leise!“ Suriyel machte sich an den Abstieg, ohne sich nach ihr umzusehen.

Seitenwände und Boden der Mine bestanden aus schwarzem Gestein. Von der Hochebene klang gedämpft das Pfeifen des Windes in die Tiefe. Ansonsten herrschte völlige Stille.

Gabriel folgte Suriyel, der die weite Fläche überquerte und vor der gegenüberliegenden Steilwand zum Stehen kam. Dort versperrte eine solide Metalltür den Zugang zum Minenschacht. Sie sah neu aus.

„Ich hoffe, ich bin noch im System“, murmelte Suryiel vor sich hin, während er seine rechte Hand in Hüfthöhe in einen schmalen Felsspalt schob.

Ein metallisches Klicken ertönte. Die Tür schwang auf. Dahinter befand sich kein Tunnel aus roh behauenen Felswänden, wie Gabriel das erwartet hatte. Statt dessen starrte sie in einen langen schmalen, weiß getünchten Flur. Grüne Fluchtwegleuchten spendeten mattes Licht. „Wo sind wir hier?“

„Das ist einer der Notausgänge des dritten Höllenareals. Haben sie erst vor ein paar Jahren gebaut. Alles nagelneu.“

Gabriel drehte sich um und musterte Suriyel misstrauisch. „Wie kommt es, dass Du die Tür zur Hölle öffnen kannst? Was spielst Du hier für ein Spiel, Suriyel?“ Sie kannte ihn seit 4000 Jahren. Das hätte sie ihm niemals zugetraut!

„Ich kenne eben ein paar von Luzifers gefallenen Engeln von früher. Mit einem aus der IT bin ich immer noch befreundet. Er hat meine biometrischen Daten im System abgespeichert. Ab und zu treffen wir uns hier.“

„Ach? Und dann spielt ihr Scrabbel, oder was?“

„Wir unterhalten uns.“ Suriyel schob sie zur Seite und trat in den Flur.

„Suriyel!“ Gabriel war fassungslos.

„Komm jetzt! Und sei leise! Du tust was ich sage, war ausgemacht!“

Gabriel verdrehte die Augen, trabte aber gehorsam hinter ihm her.

An der Schwelle

Proserpina findet Luzifers magische Verträge mit den Schutzengeln von Berlin-Friedrichshain und macht eine weitere Entdeckung…

Proserpina durchsuchte Luzifers Loft. Systematisch. Zimmer für Zimmer, Schrank für Schrank, Schublade für Schublade.

Sie klopfte Möbel und Wände ab, kippte Zucker und Kaffeepulver aus, inspizierte seine üppige – und nur halb legale – Medikamentensammlung, wühlte sich durch Bettwäsche, kontrollierte Schuhe und Jackets, entfaltete Sockenpaare, stülpte Hosentaschen um.

Nichts.

Vor den raumhohen Fenstern kämpfte die müde Herbstsonne gegen eine dicke graue Wolkendecke.

Proserpina sank frustriert auf das Sofa. Sie hatte damit gerechnet, dass Luzifer den Schlüssel für die schwarze Stahltür mit sich in die Hölle genommen hatte.

Aber sie war davon ausgegangen, dass sie zumindest Hinweise finden würde. Ein paar Indizien, die ihr verraten würden, wie Luzifer es anstellte, den Schutzengeln die Unsterblichkeit zu nehmen. Und natürlich, woher die Energie kam, die sich hinter der Stahltür im Keller verbarg.

Seitdem Proserpina die seltsamen Vibrationen entdeckt hatte, war sie wieder und wieder in den Keller zurückgekehrt.

Proserpina war die Herrin des Todes. Wo immer sie – oder eine ihrerTeufelinnen und Dämoninnen – auftauchten, brachte sie Unglück und Verzweiflung über Mensch und Tier.

Ihr oberstes Ziel war die Vernichtung allen Lebens. Nichts sollte wachsen und gedeihen können.

Proserpinas natürliche Gegenspielerin war Erzengel Gabriel. Die hielt – zusammen mit der Heerschar Engel, die unter ihrem Kommando stand – ihre schützende Hand über alles, was sich auf Erden entfalten wollte.

Gabriel war das große „Ja“ zum Leben – Proserpina das große „Nein“.

Und hinter Luzifers Stahltür verbarg sich das, worum Gabriel und Proserpina so erbittert kämpften: Lebensenergie. In seiner reinsten Form.

Proserpina zog die Tür des Loft hinter sich zu und nahm die Treppe in den zweiten Stock. Dort, wo normalerweise Luzifers Schutzengel-Parties stattfanden, empfing sie Stille. Sowohl Dommiel – der Torwächter der Hölle, der in Friedrichshain als Türsteher fungierte – als auch Luzifers zahlreichen Unterteufel schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Die Tür zu den Partyräumen war ebenfalls versperrt. Allerdings nicht mit Magie, sondern mit einem Standard-Türschloss. Proserpina benötigte exakt dreißig Sekunden und einen simplen Zauberspruch, dann stand sie im dunklen Flur.

Dort schlug ihr der Geruch von Bier, Schweiß und Pott entgegen. Alle Wände waren schwarz gestrichen, stellte sie fest, während sie die Räume durchwanderte. Die Fenster waren mit Folie verklebt. Sie warf einen Blick in die Toiletten und inspizierte den Vorratsraum, in dem Bierfässer und Flaschen mit hochprozentigen Alkoholika dicht an dicht standen.

Am Ende der Etage entdeckte sie ein kleines fensterloses Büro. Sie trat ein. An der gegenüberliegenden Wand stapelten sich Ordner bis zur Decke. Davor stand ein einfacher Schreibtisch. Proserpina ließ sich auf dem Drehstuhl nieder und begann damit, die Unterlagen durchzusehen.

Luzifer wurde direkt aus der Hölle beliefert, stellte sie fest, während sie die gewaltigen Getränkerechnungen durchging. Selbst die Reinigungsfirma hatte ihren Sitz im Reich der Finsternis.

Ordner für Ordner arbeitete sich Proserpina durch das Regal. Sie überflog Arbeitsverträge, Listen mit Dienstzeiten und lachte mehrmals schallend über die zahlreichen bösartigen Mitarbeiter-Mails, die Luzifer ordentlich ausgedruckt und abgelegt hatte.

Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit zog sie einen Ordner aus dem Regal, der mit „E-I“ beschriftet war. Sie schlug ihn auf und pfiff erfreut durch die Zähne. Proserpina war auf die Verträge gestossen, mit denen die Schutzengel von Friedrichshain ihre Seele an den Teufel verkauften!

Sie kontrollierte die Rücken der nächsten Ordner: Dort fanden sich „E-II“, „E-III“ und „E-IV“! Luzifer hatte mindestens zweihundert Schutzengeln die Seele abgenommen!

Proserpina zog den obersten Vertrag aus dem aufgeschlagenen Ordner. Ein Schutzengel namens Achaiah hatte ihn Anfang Juni dieses Jahres abgeschlossen, stellte Proserpina mit einem Blick auf die Datumsangabe neben der Unterschrift fest. Auch alle anderen Verträge im Ordner trugen eine Unterschrift.

Das war seltsam. Während ihrer langen Stunden im Buddhistischen Zentrum hatte sie ein Gespräch zwischen Suriyel und dem Schutzengel Israfel belauscht. Die beiden waren sich einig gewesen, dass die Schutzengel nicht wussten, dass sie einen Vertrag mit Luzifer abschlossen, wenn sie auf seine Party gingen.

Das machte auch Sinn: Welcher Engel, der bis drei zählen konnte, würde seine unsterbliche Seele an den Teufel verkaufen? Menschen, ja. Aber Engel?

Proserpina hielt das Blatt mit der Unterschrift prüfend unter die Schreibtischlampe. Irgendwas stimmte mit ihr nicht.

Sie verwandelte sich in eine magere schwarze Katze, sprang auf die Arbeitsplatte und untersuchte die Unterschrift mit ihren fibrierenden Schnurrhaaren. Danach legte sie sich auf den Bauch und starrte auf die Schriftzüge. Fasziniert beobachtete sie, wie die Buchstaben vor ihren gelben Katzenaugen mehrere Zentimter hoch auf dem Papier flirrten. Das hier war eindeutig Magie! Von einer Sorte, wie ihr noch keine begegnet war.

Die Unterschrift verströmte die gleiche Energie, die hinter der Stahltür im Keller versperrt war.

Proserpina überflog Vertrag für Vertrag. Alle Unterschriften sahen gleich aus! Das war Luzifer gewesen, der dort unterschrieben hatte. Mit dem Namen des jeweiligen Engels. Die Verträge waren trotzdem bindend, sonst wäre im Herzen des toten Schutzengels von der Warschauer Straße nicht eine Seelenfliege geschlüpft.

Proserpina stand auf und trat in den Flur.

Dort verwandelte sie sich abermals in eine Katze und tastete mit ihren Schnurrhaaren die Wände ab. Auf Höhe der verwaisten Garderobe erstarrte sie. Genau an dieser Stelle spürte sie eine energetische Veränderung. Es fühlte sich an, als hätte sie eine Schranke passiert.

Sie trat ein paar Schritte zurück und dann wieder nach vorne: Richtig! Genau hier, zwischen dem Bartisch, an dem der Türsteher stand, und dem Tresen der Garderobe, veränderte sich schlagartig die Energie. Der Unterschied war minimal. In ihrer dämonischen Form hatte sie ihn nicht wahrgenommen.

Vermutlich handelte es sich um eine magische Apparatur, die aktuell im Stand-by-Modus war.

Die magere schwarze Katze wanderte mehrmals im Kreis, bevor sie genau auf der unsichtbaren energetischen Schwelle Platz nahm. Ihre Schwanzspitze zuckte nervös, während sie konzentriert nachdachte.

In der Mühle

Erzengel Suriyel bringt die Schutzengel Berlin-Friedrichshains in der alten Mühle seines Kollegen Uriel in Sicherheit…

Uriel stand vor seiner Mühle und sah kopfschüttelnd der Gruppe Schutzengeln hinterher, die gerade von Maria in den ehemaligen Pferdestall geführt wurde. „Und wie lange sollen die hier bleiben?“

Suriyel trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er hatte keine Zeit zu verlieren! Im leerstehenden Eckladen gegenüber des Buddhistischen Zentrums in Berlin-Friedrichshain warteten Dutzende von Engeln darauf, von ihm abgeholt zu werden. „Nicht lange. Ein paar Tage. Höchstens.“ Damit trat er vom Hof auf die Straße, machte ein paar Schritte und war verschwunden.

Gabriel kam mit einem großen Stapel Bettwäsche auf dem Arm aus dem Haupthaus. „Was für ein Glück dass du so gut ausgestattet bist!“ rief sie Uriel auf ihrem Weg in den historischen Pferdestall zu.

Bis vor ein paar Jahren war die alte Mühle als Ferienpension genutzt worden. Auf dem Dachboden stapelten sich Matratzen und Bettzeug. Im Haupthaus und im historischen Pferdestall war genug Platz, um 200 Schutzengel unterzubringen.

Als Erzengel Uriel am Morgen von seinem Kollegen Suriyel darüber informiert worden war, dass von ihm erwartet wurde, die kontaminierten Engel Friedrichhains aufzunehmen, wäre er trotzdem beinahe in Ohnmacht gefallen!

Nicht umsonst lebte er seit 4000 Jahren an einsamen und abgeschiedenen Orten: Er brauchte Ruhe für seine magischen Experimente! Und die Versuchsanordnung, der er sich aktuell widmete, war besonders störungsanfällig. Ein Moment der Unkonzentriertheit und viele Jahre mühevoller Arbeit wären dahin!

Wenn Maria nicht gekommen wäre, hätte Uriel niemals zugestimmt. Nicht nur, weil die sich um die vermaledeiten Engel kümmern würde. Sondern auch, weil Uriel Maria sehr mochte. Und des Öfteren vermisste. Was er niemals zugeben würde. Genauso wenig wie, dass die zwölf Jahre, die er – getarnt als biederer Zimmermann Josef – mit Maria verbringen hatte dürfen, die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Aber so war es nun einmal.

Deshalb war Uriel bereit, für einige gemeinsame Tage mit Maria 200 Schutzengel in Kauf zu nehmen. Egal in welchem Zustand die waren. Und obwohl er mit der Belegschaft des neunten Chores nicht viel anzufangen wusste.

Gerade schob Suriyel eine weitere Gruppe Schutzengel durch das Tor und scheuchte sie in Richtung Pferdestall.

Uriel sah ihnen stirnrunzelnd hinterher: „Die sehen absolut merkwürdig aus! Wenn ich es nicht besser wüsste, käme ich niemals auf die Idee, dass das Engel sind. Sie wirken wie Menschen.“

Suriyel war neben ihm zu Stehen gekommen. „Das stimmt. Luzifer scheint es irgendwie geschafft zu haben, sie um ihren Äther-Anteil zu bringen! Es ist ein Glück, dass Israfel alle Schutzengel von Friedrichshain kennt. Wir hätten sie sonst nicht identifizieren können. Gabriels Gnadenengel konnten es auch nicht. Die Hälfte von denen, die sie für die Gnadendusche eingesammelt hatten, waren Menschen.“

„Dann wundert es mich nicht, dass sie sterblich sind. Ihr Äther-Anteil ist ihr einziger Schutz vor dem Tod. Und Schutzengel haben nur zehn Prozent, das ist nicht viel.“ Uriel kratzte sich am Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wie Luzifer das angestellt hat! Dir ist klar, dass er damit den ganzen Himmel auf den Kopf stellen kann?“

Suriyel war wieder am Tor angelangt. „Ich bin für die Schutzengel zuständig.“ Damit trat er auf die Straße und verschwand ein weiteres Mal.

Uriel blieb alleine zurück. Nachdem er ein paar Minuten tief in Gedanken auf die leere Straße gestarrt hatte, drehte er sich um und eilte ins Haus.

Es war bereits nach Mitternacht, als auch noch der letzte Schutzengel in einen unruhigen Schlaf hinüber geglitten war.

All die armen Schutzengel waren völlig durch den Wind! Kein Wunder: Sie hatten ihre magischen Eigenschaften verloren und mussten irgendwie damit klar kommen, dass sie auf einmal sterblich waren!

Maria war ebenfalls eingeschlafen, stellte Gabriel fest, als sie leise an deren Lager in der Ecke des historischen Pferdestalls trat. Das war gut sie, die Muttergottes hatte harte Tage vor sich. Sie würde sich alleine um 200 seelisch labile Engel kümmern müssen!

Über dem Hof der Mühle stand der Mond. Hinter dem Haus rauschte der Bach talabwärts. Es war eiskalt, stellte Gabriel fest, als sie müde zum Tor ging. Sie blieb verblüfft davor stehen: Uriel hatte entlang der Grundstücksgrenze ein dickes Seil gespannt. Vor jedem Pfosten des Gartenzauns waren kleine Figuren aus Teig auf dem Boden platziert.

Gabriel schob das Tor auf und kroch unter dem Seil hindurch auf die Straße. Während sie sich nach ein paar Schritten dematerialisierte, fragte sie sich, was Uriel wohl mit all dem bezweckte?

Hölle

Beelzebub trifft im Reich der Finsternis ein und ruft den Vorstand des Ordens der Fliege zusammen…

Während Beelzebub seine angestammte Form als kanaanitischer Fruchtbarkeitsgott Baal annahm, pfiff ihm der Wind um die Ohren. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/ Wilde Böen jagten Staubwolken über die verkarstete Hochebene in Richtung der schneebedeckten Gipfel der Anden, die sich am Horizont abzeichneten.

Der Dämon stellte zufrieden fest, dass er eine Punktlandung hingelegt hatte. Er stand auf einem Trampelpfad, der sich – inmitten der Atacama-Wüste – in Richtung Osten schlängelte. Nach einer Viertelstunde zügigem Marsch kam er an der Abbruchkante einer Erzmine zum Stehen.

Zu Beelzebubs Füßen führte der Pfad in Serpentinen hangabwärts bis zum Grund der riesigen Grube.

Beelzebub stieg, vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, in die Tiefe. Das Heulen des Windes über der Hochebene wurde mit jedem Schritt leiser. Ab und an löste sich ein Stein unter seinen Fußsohlen, rollte abwärts und landete mit unnatürlich lautem Klacken auf einer der Abraumhalden.

Völlig überraschend war die Mine vor zwanzig Jahren aufgegeben worden. Die Betreiberfirma meldete Konkurs an, ihre Aktien wurden wertlos. Klagen blieben vergebens.

Weder der New Yorker Börsenaufsicht, noch den Aktienbesitzern war bewusst, dass der Minenbetreiber ein Konstrukt der Hölle gewesen war. Es diente dazu, das wahre Ziel des Minenprojekt – die Erweiterung des Reiches der Finsternis – zu verschleiern.

Teufel und Dämonen waren – genau wie Menschen – mit den Konsequenzen der Überbevölkerung konfrontiert. Die neun Areale des Reiches der Finsternis platzten buchstäblich aus allen Nähten! Satan hatte sich deshalb dazu entschlossen, jedes Areal um ein Neubauprojekt zu erweitern.

Damit die Baumaßnahmen Menschen wie Engeln verborgen blieben, gründeten die Finanzexperten der Hölle ein global agierendes Bergbaukonsortium, das über eine Reihe von Briefkastenfirmen, die in Steuerparadisen angesiedelt waren, gesteuert wurde.

Die Erweiterung des dritten Höllen-Areals – Beelzebubs Reich – entstand im Regenschatten der Anden im chilenischen Hochland. Dort begann das Konsortium mit dem Abbau von Eisenerz.

Als das teuflische Ingenieurteam nach einigen Jahren zu dem Schluss gekommen war, Grube und Stollen wären tief genug, übernahm die Propaganda-Abteilung der Hölle das Kommando. Sie bestellte gefälschte Gutachten, die belegten, dass die weitere Ausbeutung unwirtschaftlich war. Sie bestach Lokalpolitiker und organisierte, als die Arbeiter protestierten, Schlägertrupps. Ihre Anwälte sorgten dafür, dass alle Klagen der Aktienbesitzer im Sande verliefen.

Die Mine wurde stillgelegt, die Hochebene zur Sperrzone erklärt. Die Architekten und Bauingenieure der Hölle konnten ungestört ihre Arbeit abschließen.

Beelzebub war gerade dabei, das Neubauprojekt seines dritten Höllenbereichs durch den Notausgang zu betreten.

Das war zwar deutlich mühsamer, als sich einfach vor dem Haupteingang der Hölle in der Fojba-Schlucht in Kroatien zu materialisieren. Aber dafür bestand die realistische Chance, dass seine Ankunft geheim bleiben würde.

Beelzebub überquerte die ebene Fläche am Grund der Grube und folgte den Lorenschienen zum Schacht der Erzmine.

Der Eingang wurde von einer stabilen Stahltür versperrt. Der Dämon drückte seinen Daumen gegen den Sensor eines biometrischen Fingerabdruckscanners, der in einem Spalt der rohen Felswand versteckt war.

Mit leisem Summen schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen langen schmalen, weiß getünchten und mit schwarzen Fließen ausgelegten, Gang frei. Im matten Licht der Notbeleuchtung eilte der Dämon dahin und stieß ein paar Minuten später die Glastür zum dritten Areal der Hölle auf. Er war wieder Zuhause!

Aus High-End-Lautsprechern drang Vogelgezwitscher, untermalt von Sphärenklängen. Links und rechts der Tür waren raumhohe Plastikpflanzen drapiert. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte von der gegenüberliegenden Wand. Auf der riesigen Sofalandschaft lümmelten mehrere Dämonen. Ein Joint wanderte von Hand zu Hand.

Beelzebub durchquerte die Halle und betrat den langen Flur eines der Seitenflügel. An dessen Ende riss er die Tür zu seinem Büro auf.

Sein persönlicher Sekretär, der im Vorzimmer vor dem Laptop saß, hob erschrocken den Kopf. „Ich hatte Dich nicht so schnell zurück erwartet?“

„Urgent Business! Ist Luzifer hier?“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

„Den Gerüchten nach, ja. Irgendjemand meinte gestern, er hätte ihn gesehen.“

„Und wo?“

„In seinem Neubauareal. DieTeufel dort sind gerade extrem beschäftigt. Aber keiner weiß, was abgeht.“

„Shit!“ Beelzebub ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen. „Wir müssen herausfinden, was da läuft. Und zwar sofort! Setz Cabor in Bewegung, der muss Luzifers Abteilung infiltrieren.“ Er überlegte kurz. „Und beruf eine außerordentliche Sitzung des Vorstands des Ordens der Fliege ein. Heute Abend. Anwesenheitspflicht! Es gibt einiges zu besprechen!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Schutzengel-Asyl

Erzengel Suriyel beschließt, die kontaminierten Schutzengel Friedrichhains in Sicherheit zu bringen…

Gabriel saß, das Kinn auf die Knie gestützt, auf einem der Stühle der Teestube des Buddhistischen Zentrums und beobachtete Suriyel. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Der stand am Tresen und füllte heißes Wasser in zwei Tassen. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Als er damit fertig war, trat er an den Tisch, stellte eine der dampfenden Tassen vor ihr ab und setzte sich mit der anderen ihr gegenüber. Stumm starrte er durch die Terrassentür in den Garten.

Gabriel folgte seinem Blick. In der Morgendämmerung zeichneten sich die weißen Rundungen der Stupa gegen die mit Efeu überwucherte Wand des Nachbarhauses ab. Dort draußen hatten sie vor ein paar Stunden im Schutz der Dunkelheit den toten Schutzengel begraben. Sie stand immer noch so unter Schock, dass sie keinen logisch strukturierten Gedanken zu Stande brachte. https://www.water-runs-east.eu/zersetzung/

Im Gegensatz zu ihr schien Suriyel funktionstüchtig zu sein. „Die Schutzengel müssen weg aus Friedrichshain! Hier ist es viel zu gefährlich für sie, solange wir nicht wissen, wie Luzifer das anstellt. Es darf auf keinen Fall ein weiterer Engel sterben!“

Gabriel schreckte auf. „Sie können definitiv nicht in den neunten Chor! Zweihundert kontaminierte Schutzengel würden totales Chaos im Himmel anrichten! Die Geschichte würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten! Sämtliche Engelschöre würden in Panik geraten!“

„Das hatte ich auch nicht vor. Außerdem bezweifle ich, dass wir sie in ihren Chor hoch kriegen würden. Sie schaffen es ja nicht einmal durch die Pforte in das Buddhistische Zentrum! Wie sollen sie da in den Himmel kommen?“

„Wohin willst du sie dann bringen?“

„Ich hatte an Uriels Mühle gedacht.“ https://www.water-runs-east.eu/uriel/

„Zweihundert Schutzengel bei Uriel? Da macht der doch nie mit!““

„Hast du eine bessere Idee?“

Gabriel versuchte, einen Gedanken zu produzieren. Es ging nicht. „Nein. Mir fällt nichts ein.“

„Dann müssen sie in die Mühle.“

„Und wie willst du Uriel dazu bringen, dass er Dir das erlaubt?“

„Er muss! Die Schutzengel sterben sonst!“

„Uriel wohnt da alleine! Der schafft das überhaupt nicht. Es kann sich ja wohl kaum Uriels Hund um die Engel kümmern! Und wir waren uns einig, dass wir keine Unterstützung von oben anfordern! Die Gefahr, dass Gerüchte rumgehen, ist einfach zu groß.“

Suriyel blieb stur. „Uriel kriegt das hin. Das ist alles eine Frage der Organisation!“

Gabriel verdrehte die Augen. Dass Suriyel aber auch immer so dickköpfig sein musste! Ein Gedanke blitzte in ihrem Gehirn auf. „Maria langweilt sich im Himmel zu Tode und kann super mit Engeln. Vor allem mit den kleinen. Wenn sie mit in die Mühle kommt, um sich um die Schutzengel zu kümmern, könnte Uriel das hinbekommen. Und Maria kann er eh nichts abschlagen.“ https://www.water-runs-east.eu/maria/

Suriyel nickte. „Frag Maria!“

Gabriel verkniff sich ein „Wie wäre es mit ‚Bitte‘?“, stand auf und ging in den Tempel gegenüber der Teestube. Sie wollte in Ruhe mit Maria sprechen.

Als Gabriel eine Viertelstunde später zurück in die Teestube kam, war die leer. Sie fand Suriyel im Keller. Er stand an der Werkbank und schraubte irgendwelche Metallteile zusammen. „Was machst du da?“

„Nichts von Bedeutung. Was hat Maria gesagt?“

„Sie macht es.“

„Wann kann sie kommen?“

„Heute Nachmittag. Sie muss vorher noch mit Christus sprechen. Ich habe ihr gesagt, sie soll ihm alles erzählen. Wenn er noch Fragen hat, kann er sich an einen von uns wenden. Und ich habe ihr gesagt, dass ich denke, dass es besser wäre, der Allmächtige würde erst mal nichts von der Sache erfahren. Er neigt zur Überreaktion, wenn es um Luzifer geht.“

Suriyel legte sein Werkzeug zur Seite. „Das ist eine Angelegenheit unter Erzengeln. Ich sage Uriel Bescheid.“ Damit verschwand er aus dem Keller.

Zersetzung

Proserpina sieht sich mit Erzengel Gabriel konfrontiert und schickt Beelzebub mit einem dämonischen Auftrag in die Hölle…

Die magere schwarze Katze hockte unter einem Auto, das vor dem geöffneten Tor des Buddhistischen Zentrums geparkt war. Ihre Schnurrhaare vibrierten. https://www.water-runs-east.eu/proserpina/

Drei Mal hatte sie im Laufe des Vormittags bereits direkt vor der Schwelle gestanden. Jedesmal war sie nach kurzem Zögern wieder auf ihren Wachposten zurückgekehrt. Der negative Energiestrom aus dem Inneren des Zentrums war zu schwach gewesen, um sie hinein zu tragen.

Proserpina blieb gelassen. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis irgend jemand dort drinnen von Wut, Neid, Missgunst, Gier oder Hass überflutet werden würde. https://www.water-runs-east.eu/hoellische-plaene/

Sie musste nur geduldig sein. Und wachsam.

Da! Die Katze sprang auf. An der Schwelle verharrte sie kurz und fokussierte sich auf den negativen Energiestrom, der stark und stetig aus dem Zentrum zu ihr drang. Sie surfte auf dem heißen Strom der Wut elegant durch das Tor, ließ sich durch den Innenhof tragen und betrat den Flur des Haupthauses.

Es war Suriyel, der so wütend war, stellte sie fest. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/ Seine Stimme drang aus dem Keller zu ihr hoch. Er schien sich mit irgend jemandem zu streiten.

Zufrieden schnurrend lief Proserpina die Treppe hinunter. Unten angekommen drückte sie sich in eine dunkle Ecke. Ein paar Meter von ihr entfernt stand Suriyel. Er redete wild gestikulierend auf jemanden ein, den sie von der Tür aus nicht sehen konnte.

„Aber Suriyel!“

Das war Gabriel! https://www.water-runs-east.eu/gabriel/ Die Dämonin schreckte auf, drehte sich um, jagte die Treppe hinauf und zurück auf die Straße.

Als sie, in ihrer dämonischen Gestalt und schwer atmend, die Tür zu Luzifers Loft aufstieß, fuhr Beelzebub erschrocken vom Sofa hoch. „Was ist denn mit Dir los?“ https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

„Gabriel ist bei Suriyel im Zentrum!“ Proserpina hielt, vor Wut bebend, ein Glas unter den Wasserhahn, ließ es volllaufen und nahm ein paar Schlücke. „Ich habe keine Ahnung, was das Miststück hier zu suchen hat!“

„Ist sie nicht im Himmel für Gnade zuständig? Sie wird wissen wollen, was hier los ist.“ https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

„Sie soll sich ihre Gnade sonst wohin schieben! Ich kann auf keinen Fall zurück ins Zentrum! Die dumme Kuh erkennt mich auch als Katze! Du musst gehen!“

„Aber Du weißt doch, dass ich nicht reinkomme!“https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

„Ja, verdammt noch mal! Dann musst Du eben von außen beobachten, was passiert!“

Beelzebub machte ein paar zögerliche Schritte in Richtung Tür.

„Jetzt geh endlich, Du Idiot!“ Proserpina machte Anstalten, ihm ihr Wasserglas an den Kopf zu werfen.

Krachend fiel die Wohnungstür hinter Beelzebub ins Schloß.

Nach Beelzebubs überstürztem Aufbruch wanderte Proserpina in Luzifers riesigem Wohnzimmer auf und ab.

Auf Höhe der Fensterfront warf sie jedes Mal automatisch einen Blick über die Dächer Friedrichshains. Anfangs hatte die Herbstsonne das Viertel in ihr warmes Licht getaucht. Mit der Zeit wurden die Schatten zwischen den Häuserzeilen länger und länger.

Jetzt kündete ein letzter flammend roter Streifen am Horizont vom Ende des Tages.

Proserpina hob den Kopf und lauschte. Ein paar Sekunden später drehte sich ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür.

„Proserpina?“ Beelzebubs große breite Gestalt zeichnete sich schwarz im Türstock ab. „Warum stehst du hier im Dunklen?“

Er trat ein und betätigte den Lichtschalter.

Die Dämonin kniff – geblendet von der plötzlichen Helligkeit – die Augen zusammen. „Und? Was hast du herausgefunden?“

„Kurz nachdem ich am Buddhistischen Zentrum angekommen bin, ist ein Schutzengel durch das Tor und ins Haupthaus. Der kleine mit dem Fusselbart, der immer dort rumhängt. https://www.water-runs-east.eu/israfel/ Ein paar Minuten später sind Suriyel und Gabriel mit ihm rausgekommen und hinter ihm her bis zu einem Hinterhaus an der Warschauer Straße. Als Kater kam ich nicht rein. Ich habe mich in eine Motte verwandelt und sie in einer Mansardenwohnung unter dem Dach aufgetrieben. Glücklicherweise stand das Fenster offen.“

„Und? Was war?“

Beelzebub wiegte den Kopf. „Da lag ein Mädchen tot auf dem Bett. Scheint schon vor ein paar Tagen gestorben zu sein. Ich tippe auf zehn oder zwölf. Es gab ein Riesendrama deswegen. Alle heulten. Inklusive Suriyel!“ Der Dämon verzog angewidert das Gesicht. https://www.water-runs-east.eu/die-fliege/

„Suriyel ist für Schutzengel zuständig, nicht für Menschen. Was regt er sich über ein totes Mädchen auf?“

„Die war, scheint es, ein Schutzengel.“

„Das kann nicht sein! Engel sind unsterblich!“

„Trotzdem! Der Schutzengel, der Suriyel und Gabriel geholt hatte, war sich sicher, dass das tote Mädchen ein Engel war. Und Suriyel hat sie auch wiedererkannt.“

Beelzebub ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Es war einer von den Schutzengeln, die auf Luzifers Party waren. Sie hatte einen bindenden Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ihre Seele hat sich in eine Fliege verwandelt! Die Riss in der Haut über ihrem Herz, aus dem die Fliege gekrochen ist, war nicht zu übersehen!“

Proserpina stürzte auf ihn zu, packte seine Schultern und schrie ihm ins Gesicht: „Ist dir klar, was das bedeutet? Luzifer macht dir deine Position als Kanzler des Ordens der Fliege streitig! Wenn er es schafft, die Seele von Engeln in die Hölle zu befördern, kannst du abtreten!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Beelzebub stand auf, schob Proserpina zur Seite, trat ans Fenster und starrte in die dunkle Nacht hinaus. „Ich will das nicht!“

„Was heißt hier, du willst das nicht?“

„Ich will nicht, dass Engel sterben! Die sind unsterblich – und wir sind unsterblich! Das ist die Regel, im Himmel, wie in der Hölle! Was soll das, dass die auf einmal nicht mehr gilt? Verdammt noch mal, Proserpina! Ich will nicht sterben!“

Proserpina starrte ihn mit offenem Mund an: „Spinnst du jetzt komplett? Deine Macht ist bedroht und du hast Angst vor dem Sterben? Du bist ein Dämon und lebst seit 3000 Jahren in der Hölle! Im Gegensatz zu den dämlichen Schutzengeln kannst du keinen Pakt mit dem Teufel eingehen! Du bist schon lange da, wo die jetzt alle hinkommen!“

„Aber wenn es bei uns umgekehrt funktioniert? Ich will nicht in den Himmel! Ich möchte nicht gut sein!“ Er schüttelte sich vor Ekel.

Prosperina lachte schallend. „Die wollen dich dort oben garnicht haben! Kein Erzengel käme auf eine solche Idee!“

Beelzebub atmete auf: „Wirklich? Bist du dir sicher?“

Die Dämonin nickte: „Ganz sicher. Solche wie uns dulden sie im Himmel nicht. Wir sind verflucht für alle Zeiten.“

Sie wechselte das Thema. „Die entscheidende Frage ist: Wie hat Luzifer das zu Wege gebracht? Ich tappe völlig im Dunkeln. Und wir müssen es schnell herausfinden, sonst macht er uns fertig. Hatten die Erzengel irgendwelche Ideen?“

Beelzebub schüttelte den Kopf. „Nein! Die beiden sind genauso schlau wie wir. Sie wissen, dass es Luzifer war, aber haben keine Ahnung, wie er das anstellt.“

„Sie setzen sicher sämtliche Heerscharen in Bewegung. Wir werden hier von Engeln überflutet werden!“

„Das war anfangs der Plan. Aber dann haben sie Schiss davor bekommen, dass ihre Engel Amok laufen, wenn sie mitbekommen, dass sie sterben können. Sie wollen die Sache unter sich regeln.“

„Das wird uns die Arbeit leichter machen. Wo sind die Erzengel jetzt?“

„Sie warten in der Wohnung an der Warschauer Straße, bis die Kneipen dicht machen. Dann wollen sie den toten Schutzengel in das Buddhistische Zentrum bringen und neben der Stupa begraben. Bis dahin halten sie Totenwache und beten.“

„Das hat keinen Nutzen. Die verfluchte Seele des Schutzengels müsste eigentlich schon in der Hölle angekommen sein. Jetzt wissen wir zumindest, warum dir Luzifer für drei Tage seine Wohnung überlassen hat und verschwunden ist. Der Dreckskerl ist bestimmt in der Hölle, um die Ankunft der himmlischen Seelenfliege zu überwachen!“

„Und was machen wir?“

„Du gehst in die Hölle, findest heraus, was dort läuft und versuchst, das Schlimmste zu verhindern. Luzifer muss erst einmal unter Beweis stellen, dass die Seele wirklich von einem Schutzengel stammt. Und wenn er das bewiesen hat, muss er nachweisen, dass der Schutzengel dauerhaft verflucht ist und seine Seele nicht nach ein paar Wochen wieder verschwindet! Mach allen klar, dass du davon überzeugt bist, dass das nur eine billige Inszenierung von ihm ist, um sich wichtig zu machen! Du kennst seine Reputation: Niemand in den neun Arealen der Hölle nimmt ihn ernst. Verbreite Lügen über ihn, streu Gerüchte – die übliche Zersetzungsstrategie. Das wird uns ein paar Wochen Zeit verschaffen!“

Beelzebub nickte. „Sonst noch was?“

„Ich kümmere mich um alles weitere. Ich bin mir sicher, mir fällt etwas ein. Sollte ich dich brauchen, werde ich dich rufen!“

Der Dämon trat zu seiner Gefährtin und drückte sie kurz an sich, bevor er durch die Wohnungstür verschwand.

Proserpina löschte, nachdem sie alleine war, das Licht, und nahm wieder ihre stille Wanderung durch die dunkle Wohnung auf.

Die Fliege

In einer Mansardenwohnung in Berlin-Friedrichshain schlüpft eine Grüne Schmeißfliege…

Über Berlin ging die Sonne auf.

Ihre Strahlen wanderten über die Dächer von Friedrichshain, tasteten sich an Hausfassaden entlang und erhellten schmale Innenhöfe.

In einem der Hinterhöfe fiel das Sonnenlicht in ein kleines Mansardenzimmer. Dort malte es leuchtende Kringel auf die ausgetretenen Dielenbretter. Das Fenster, durch das die sanften Strahlen schienen, war geöffnet. Rote Vorhänge blähten sich im Herbstwind.

Fünf Stockwerke tiefer erklang lautes Krachen. Der Hausmeister zerrte die überquellenden Mülltonnen durch die Tordurchfahrt auf die Straße.

Die Frau mit den zarten Gliedmaßen, die in dem Mansardenzimmer lang ausgestreckt auf dem Bett lag, schien tief zu schlafen. Weder das erste Sonnenlicht, noch der morgendliche Lärm der Großstadt, störten ihre Ruhe.

Ihr langes glänzendes blondes Haar breitete sich wie ein Fächer über ihrem Gesicht aus. Einzelne Strähnen hingen über die Bettkante und bewegten sich sacht in der Brise.

Ihre linke Hand lag neben ihrer Hüfte. Ihre rechte Hand ruhten auf ihrer Brust.

Zwischen ihren Fingern– auf der Höhe ihres Herzens – zeichnete sich eine kleine vibrierende Beule ab, die sich immer wieder ruckartig hob und senkte.

Während vor dem Haus ein Müllwagen mit lautem Scheppern Tonnen entleerte, begann sich auf dem zarten Brustkorb der jungen Frau ein kleiner schwarzer Fleck abzuzeichnen. Er befand sich genau in der Mitte der wild vibrierenden Beule. Die Haut, die sich über der Schwellung spannte, wurde mit jeder Minute transparenter und durchscheinender. Schließlich riss sie wie Papier. Eine frisch geschlüpfte Schmeißfliege schob sich durch die Öffnung und kletterte auf den Zeigefinger der Frau.

Dort entfaltete sie ihre Flügel. Mit leisem Summen hob sie ab und nahm den Weg aus dem Fenster.

Die Sonne stand inzwischen hoch über Friedrichshain. In ihrem Licht schillerte die Fliege strahlend grün, als sie – mit konstant elf Kilometern in der Stunde – in einer geraden Linie die Dächer Berlins überflog und dabei unbeirrt Kurs auf Süd-Ost hielt.

Bad Vibes

Erzengel Gabriel begibt sich in Berlin-Friedrichshain auf die Suche nach kontaminierten Schutzengel und macht eine bedrohliche Entdeckung…

Der müde Portier starrte hinter dem Tresen auf sein Handy und ignorierte ihren Gruß. https://www.water-runs-east.eu/gabriel-in-friedrichshain/

Gabriel trat vor das Hotel und sah sich um. Auf dem Gehweg lief gerade eine Gruppe aufgekratzter Twenty-Somethings vorbei. Der Erzengel musterte sie eingehend: Keiner von denen sah wie ein Engel aus. https://www.water-runs-east.eu/der-entschluss/

Aber irgendwo hier in Friedrichshain-Kreuzberg mussten sich Dutzende kontaminierter Schutzengeln herumtreiben!

Der Gnadenengel-Suchtrupp hatte gestern lediglich die Straßen rund um Suriyels Buddhistisches Zentrum durchkämmt und innerhalb von vier Stunden 123 von ihnen gefunden. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Gabriel beschloss, dass sie ebenfalls in dieser Ecke nach gefallenen Schutzengeln suchen würde. Wenn vier Gnadenengel innerhalb eines Vormittags mehr als hundert auftreiben konnten, würde es ihr in einer Nacht ja wohl möglich sein, einen einzigen zu finden.

Dem würde sie probehalber Gnade spenden und sofort kontrollieren, ob damit der Fluch gebrochen war. Sie musste den frisch behandelten Engel nur erfolgreich durch das Tor des Buddhistischen Zentrums schieben, dann war der Praxistest bestanden. https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Während Gabriel in ihren Gedanken die Versuchsanordnung plante, fiel ihr mit einem Mal ein, dass sie nicht wusste, ob das Tor nachts offen stand!

Sie wandte sich nach links in Richtung Boxhagener Platz. Im Dahingehen verfluchte sie innerlich Suriyel. Wenn der – wie es sich unter Erzengeln eigentlich gehörte – mit ihr zusammenarbeiten würde, wäre das alles kein Problem.

Als Gabriel mit wenig freundlichen Gefühlen an ihren Kollegen dachte, fiel ihr ein, dass das Symbol, mit dem Erzengel Suriyel auf allen Heiligenbildern dargestellt wurde, ein Ochse war. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Stimmiger konnte man seinen Charakter nicht auf den Punkt bringen! Keiner der Sieben war so stur und unflexibel wie der Engel, der über die göttlichen Gebote wachte.

Und Gabriel musste es wissen: Sie hatte – in ihrer Funktion als Gnadenengel – regelmäßig mit Suriyel zu tun. Mit keinem Erzengel stritt sie sich so häufig und so heftig wie mit ihm. Er schaffte es regelmäßig, sie innerhalb von Minuten die Wände hoch gehen zu lassen. Und umgekehrt war es genauso: Eine unbedachte Bemerkung von ihr und schon rastete er aus.

Sie waren einfach zu verschieden.

Gabriel schob den Gedanken an Suriyel energisch zur Seite und konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung: Wo steckten die gefallenen Schutzengel?

Sie war auf Höhe eines über und über mit Graffiti besprühten Hauses angekommen. Davor saß eine Gruppe schwarz Gekleideter auf Bierbänken. Zu ihren Füßen war ein wildes Sammelsurium von Flaschen mit Alkoholika aller Art aufgereiht. Aus einem Ghettoblaster dröhnte infernalischer Lärm. Im Vorübergehen musterte Gabriel jeden einzelnen eingehend. Fasziniert betrachtete sie den kahlrasierten Kopf eines Mannes, der mit unzähligen Piercings und Tätowierungen dekoriert war. So etwas hatte sie noch nie gesehen!

Aber leider: Wieder kein Schutzengel.

Entlang des Gehwegs befand sich in jedem zweiten Haus eine Kneipe oder Bar. Aus ihren geöffneten Türen schallte laute Musik. Rauchende, gestikulierende und aufeinande einredenden Menschen hatten sich davor versammelt. Autofahrer hupten, Radfahrer klingelten wütend, wenn ihnen betrunkene Fußgänger den Weg versperrten.

An Gabriel zog ein nicht endender Strom von Gesichtern vorbei. Junge, Alte. Die meisten irgendwo dazwischen. Der Erzengel wurde angerempelt, wich Betrunkenen aus, bahnte sich seinen Weg durch Pulks verschiedenster Nationalitäten. Sämtliche Hautfarben und Ethnien schienen sich heute Abend in den Straßen Berlin-Mittes ein Stelldichein zu geben.

Alle paar Schritte wurde Gabriel angebettelt. Ob sie einen Euro, etwas zu Essen, eine Kippe, ein Bier oder einen Schlafplatz hätte?

Als eine junge Frau mit langem blonden Haar verzweifelnd schluchzend um Geld bat, dachte Gabriel für einen Moment, sie hätte einen gefallenen Schutzengel vor sich. Während sie einen Fünf-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse kramte, stellte sie zu ihrer Frustration fest, dass die Frau zwar aussah wie ein Engel, aber zu hundert Prozent aus Materie bestand und nicht einen Hauch von Äther in sich trug.

Gabriel wanderte weiter durch die Straßen Friedrichhains. Sie musterte Betrunkene, Kiffer, kreischende Mädchen in Netzstrümpfen, Kahlrasierte mit unnatürlich aufgeblähten Muskeln in zu engen Lederjacken, schmale Jungs in Hoodies mit dicken Goldketten um den Hals, Männer in Frauenkleidern, Frauen in Lackleder – aber nirgends weit und breit konnte sie einen Schutzengel entdecken.

Nach zwei Stunden war Gabriel völlig erschöpft. Sie fühlte sich ausgelaugt, verzweifelt und einsam. Und kam sich ungeheuer blöd vor. Das konnte doch wohl nicht sein, dass sie nicht in der Lage war, einen Schutzengel aufzutreiben! Sie war sich sicher, dass überall um sie herum welche waren. Sie konnte sie nur nicht erkennen!

Halt! Da vorne liefen doch welche!

Etwa hundert Meter vor ihr fiel das Licht einer Straßenlaternen auf zwei schmale langhaarige Gestalten. Gerade bogen sie um die Ecke und verschwanden in einer Seitenstraße. Gabriel nahm die Verfolgung auf.

Nach ein paar Minuten atmete sie erleichtert auf. Ein gute Stück weiter vorne zeichneten sich die Konturen ihrer Zielobjekte auf dem Gehweg ab. Während sie hinterher hastete, nahm sie die beiden genauer in den Blick. Das waren eindeutig Schutzengel! Der matt leuchtende Äther-Schein um ihre Köpfe – für das menschliche Auge unsichtbar – war für Gabriel nicht zu übersehen.

Die Schutzengel fest im Blick, lief Gabriel eine ruhige Seitenstraße entlang. Sie war so fokussiert, dass sie das Tor mit den stabilen Metallstreben nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Daran schloss ein mit Graffiti übersprühter Bauzaun an. Dahinter leuchtete in einigen Meter Höhe etwas Goldenes im Schein der Straßenlaternen. Gabriel hob den Kopf und entdeckte die prächtige Spitze einer Stupa. Das konnte nur Suriyels Buddhistisches Zentrum sein! https://www.water-runs-east.eu/?p=5084&preview=true

Sie hatte keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen: Die beiden Schutzengel waren am Ende der Straße angekommen, bogen um die Ecke und verschwanden aus ihrem Blickfeld. Gabriel hetzte ihnen hinterher.

Zwei Straßen weiter verschwanden die beiden Schutzengel auf einmal in einer dunklen Tordurchfahrt. Eine Minute später war Gabriel genau an der Stelle angekommen, an der sie die Engel hatte verschwinden sehen. Sie stand vor einer robusten Hauswand. Kein Durchgang weit und breit!

Sie musste sich getäuscht haben! Hastig lief sie bis an das Ende der Straße und kontrollierte die Querstraßen. Die lagen im matten Licht der Straßenlaternen menschenleer vor ihr. Wo waren die Schutzengel abgeblieben?

Gabriel kehrte wieder an die Stelle zurück, an der sie die beiden das letzte Mal gesehen hatte. Der Putz bröckelte von der mit Graffiti besprühten Front des Hauses. Die Fenster waren von Innen zugemauert, die Haustür mit einem Stahlgitter blockiert.

Das Haus stand offensichtlich leer. Es wirkte völlig aus der Zeit gefallen. So, als wäre es über Jahrzehnte von Investoren, Bauträgern und Stadtbeauftragten einfach vergessen worden.

Gabriel stellte sich in die Mitte der leeren Straße, hob den Kopf und ließ ihren Blick über die graue Fassade und die zugemauerten Fensteröffnungen wandern. Irgendwas an diesem Haus stimmte nicht!

Sie konzentrierte sich darauf, ihren fünfzigprozentigen Anteil an Materie und ihre aktuelle menschliche Erscheinungsform auszublenden. Die massive Front des Hauses löste sich langsam vor ihren Augen auf und begann sich in Energie zu verwandeln. Rot glühende Lichtwellen strukturierten die Umrisse des Gebäudes und strahlten weit über seine Grenzen hinaus.

Kein Zweifel! Gabriel stand vor einer Filiale des Reiches der Finsternis! Diese Lichtfrequenz kannte sie nur zu gut.

Sie war verblüfft darüber, dass sie die Energie nicht sofort registriert hatte. Normalerweise nahm sie so etwas auf eine Distanz von mehreren Kilometern wahr! Und jetzt hatte sie direkt davor gestanden, ohne verstanden zu haben, womit sie es zu tun hatte!

Und die beiden Schutzengel schienen von dem höllischen Gebäude regelrecht verschluckt worden zu sein! Dabei waren alle Engel eigentlich mit feinen Sensoren ausgestattet, die dafür sorgten, dass sie auf Energie dieser Frequenz mit Abscheu, Ekel und Widerwillen reagierten. Normalerweise konnte man Engel aller Couleur mit so etwas jagen. Aber die beiden hatten – zumindest aus der Ferne – den Eindruck erweckt, als ob sie es eilig hatten, dorthin zu kommen. Sie waren ohne jeden erkennbaren Widerstand irgendwie in die Mauern des Gebäudes gesogen worden.

Gabriel erwachte aus ihrer Trance im Bewusstsein, dass sie sich fürchtete. Was immer hier gerade in Berlin-Friedrichshain passierte: Es war definitiv gefährlich.

Hastig drehte sie sich um und machte, dass sie fort kam.

Verloren

Erzengel Suriyel ist damit konfrontiert, dass die vertrauten Spielregeln zwischen ihm und Luzifer nicht mehr funktionieren…

Suriyel schloss die Tür seiner Werkstatt hinter sich ab und nahm die Treppe ins Erdgeschoss des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/ Dort empfingen ihn Stille und Dunkelheit. Alle anderen waren bereits nach Hause gegangen.

Wie jeden Abend kontrollierte Suriyel, bevor er das Zentrum verließ, ob sich niemand in den Räumen versteckt hielt.

Die Eingangspforte des Buddhistischen Zentrums stand den ganzen Tag über offen. Jeder, der wollte, konnte die Außenanlagen und die Gebäude betreten.

Das Angebot wurde gerne angenommen. Und nicht nur von Menschen, die sich für Buddhismus interessierten. Angestellte aus Büros im Viertel verbrachten hier ihre Mittagspause. Nachbarn trafen sich auf einen Plausch.

Den ganzen Tag über konnte man Passanten beobachten, die mit erstaunten Blicken das Gelände betraten, versonnen die schmalen Wege entlang wanderten und wie selbstverständlich die runde weiße Stupa mit ihrem goldenen Kegeldach umkreisten, bevor sie wieder durch die Pforte verschwanden.

Das Buddhistische Zentrum war das heimliche Herz des Viertels. Oder besser: Sein spirituelles Krankenhaus. So sah es zumindest der tibetische Lama, der es vor einigen Jahren, mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Helfer, gegründet hatte.

Und die Stupa im Garten war die metaphysische Notaufnahme für die unzähligen hungrigen Geister von Berlin-Friedrichshain.

Die kamen, um sich an der überwältigenden Energie des Ortes zu nähren. Viele verliesen ihn gesättigt und befriedet.

Aber nicht wenige waren so ausgehungert, dass ihre Gier unersättlich war. Die schlichen mit Alkohol und Drogen herein, waren auf der Suche nach einem trockenen Schlafplatz oder nach Wertgegenständen, die geklaut und zu Geld gemacht werden konnten.

Die Zentrumsleute führten einen zähen Kampf gegen die destruktiven Kräfte Friedrichhains. Über Jahre waren sie darin erfolgreich gewesen. Bisher war kein größerer Schaden entstanden.

Während Suriyel alle Nischen des großen Tempels absuchte, brütete er über die Frage, wie lange das noch so bleiben würde. Wohl nicht mehr allzulange, wenn weiterhin ein Schutzengel nach dem anderen seinen Dienst quitierte. https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Was aus all diesen ausgehungerten, verwirrten und verzweifelten Menschen in Friedrichshain ohne den Schutz ihrer persönlichen Engel werden würde, wollte sich Suriyel nicht ausmalen.

Als Gott ihm den Auftrag erteilt hatte, sich um die Schutzengel von Berlin-Mitte zu kümmern, war er von einem Routinejob ausgegangen. Suriyel war der Erzengel, der seit 4000 Jahren darüber wachte, dass sich alle Himmlischen Heerscharen an die göttlichen Gebote hielten. Verirrte Schutzengel wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, gehörte zu seinen Basisaufgaben.

Schutzengel waren berüchtigt für ihre Korrumpierbarkeit. Daran trugen sie keine Schuld: Als Mitglieder des neunten und damit niedrigsten Chores des Himmels bestanden sie lediglich zu zehn Prozent aus Äther und dafür zu neunzig Prozent aus Materie.

Das hatte sich auch in den neun Bereichen der Hölle herumgesprochen. Gleich nach den Menschen waren Schutzengel das bevorzugte Ziel dämonischer und teuflischer Attacken.

Jeder der Höllenfürsten hatte dabei seinen eigenen Stil und seine eigene Handschrift.

In Friedrichshain stank es geradezu nach Luzifer, hatte Suriyel gleich nach seiner Ankunft festgestellt: Das uncharakteristisch großkotzige Getue, dass die Schutzengel dort an den Tag legten. Ihre larmoyanten Sprüche und ihre blasierte Coolness. Die schrecklichen Musik, die sie hörten! Sie waren sogar angezogen wie Luzifer!

Suriyel hatte deshalb von Anfang an gewusst, wer sein höllischer Gegenspieler war. Dafür hätte Luzifer nicht persönlich bei ihm vorstellig werden müssen. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Der Erzengel und sein ehemaliger Kollege trafen routinemäßig aufeinander. Für gewöhnlich endete jede Konfrontation mit einem Patt: Luzifer gelang es regelmäßig, gehörigen Schaden anzurichten, bevor Suriyel ihm Einhalt gebieten konnte.

Dann verschwand Luzifer, um einige Zeit später an einem anderen Ort wieder aufzutauchen. Dort trieb er so lange im Geheimen sein Unwesen, bis er wieder auf den himmlischen Radarbildschirm geriet, und von einem Erzengel vertrieben wurde. Bei dem es sich in siebzig Prozent aller Fälle um Suriyel handelte. Die beiden spielten dieses Spiel inzwischen seit 2100 Jahren.

Aber diesmal war alles anders.

Dass es Suriyel nicht wie gewöhnlich gelungen war, die Schutzengel von Luzifers Fluch zu befreien, war die erste erschütternde Erkenntnis gewesen.

Kurz darauf hatte Suriyel erfahren, dass er es nicht nur mit Luzifer, sondern zusätzlich noch mit Dommiel zu tun hatte. Der berühmt-berüchtigte Torwächter der Hölle verließ das Reich der Finsternis nur in Ausnahmefällen. Deshalb war Suriyel ihm bisher lediglich drei Mal begegnet. Jedes Aufeinandertreffen war äußerst unerfreulich verlaufen. Wenn Dommiel in der Menschenwelt auftauchte, war das immer ein Zeichen dafür, dass in der Hölle das ganz große Rad gedreht wurde. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Und dann war auch noch Beelzebub bei Luzifer eingezogen! Der Kanzler des Ordens der Fliege interessierte sich normalerweise nicht für Engel. Sein Spezialgebiet waren die Seelen von Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel schlossen. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/ Deshalb hatte Suriyel noch nie mit ihm zu tun gehabt.

Aber Beelzebubs schlechter Ruf war auch in den neun Chören der Engel legendär. Suriyel hatte keine Ahnung, warum sich der Dämon in Friedrichshain herumtrieb. Eines war ihm jedoch klar: Beelzebubs Anwesenheit in Berlin-Mitte bedeutete „Alarmstufe Rot“.

Das Gefühl drohenden Unheils hatte Suriyel während der letzten zwei Wochen schlaflose Nächte bereitet. Und gestern waren seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen worden!

Dass die Rettungsaktion der Gnadenengel erfolglos geblieben war, hatte Suriyel bis ins Mark erschüttert. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Der Erzengel war sich sicher, dass die Gnadendusche nicht aufgrund eines technischen Fehlers versagt hatte. Das hatte er auch Rafael erklärt, als der ihn heute Nachmittag kontaktiert hatte, um ihm eine Wiederholung des Procederes vorzuschlagen.

Suriyel hatte, als er versuchte, einen tropfnassen Schutzengel nach dem anderen auf seinen Armen in das Buddhistische Zentrum zu tragen, die leuchtende Energie der Gratia Sanctificans gespürt. Die verzweifelt schreienden Schutzengel waren regelrecht durchtränkt von der Gnade Gottes gewesen! Sie hatte nichts gegen Luzifers Pakt ausrichten können!

Das Unvorstellbare war geschehen: Das Böse hatte das Gute besiegt!

Suriyel hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Er musste das alles erst einmal verdauen und in Ruhe darüber nachdenken.

Und die allerletzte, die er in seinem aktuellen Zustand ertragen konnte, war Gabriel! https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Mit diesem Gedanken versperrte Suriyel die Eingangstür zum Tempel und lief in der Dunkelheit zum Stahltor an der Pforte. Im fahlen Licht einer Straßenlaterne drehte er sorgfältig den Schlüssel im Schloss.

Danach trat er zu seinem Wagen, den er vor dem Zentrum geparkt hatte. Er warf seine Tasche auf den Beifahrersitz und machte sich auf den Heimweg.

Gabriel in Friedrichshain

Erzengel Gabriel bricht auf eigene Faust nach Berlin-Mitte auf, um herauszufinden, was mit den Schutzengeln geschehen ist…

Am Abend materialisierte Gabriel sich in einem U-Bahntunnel an der Karl-Marx-Allee. Nachdem sie menschliche Form angenommen hatte, eilte sie zum Ausgang. https://www.water-runs-east.eu/?p=4783&preview=true

Dort wurde sie von einem prächtigen Sonnenuntergang und einem Schwall von Abgasen empfangen. Kolonnen von Autos und Lastern rauschten auf der vierspurigen Straße an ihr vorbei – rush hour in Berlin-Mitte. Es gelang ihr gerade noch, einem Radfahrer auszuweichen, der den Gehweg entlang hetzte.

Gabriel war gestresst: Eigentlich hatte sie bereits vor Stunden in Berlin ankommen wollen! Aber die Delegation ihrer zahlreichen Verantwortlichkeiten im dritten und vierten Chor hatte sie den ganzen Tag in Beschlag genommen. Glücklicherweise war Rafael bereit gewesen, bei Notfällen für sie einzuspringen. Und die Verantwortung für den fünften Chor übernahm er auch. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Und das, obwohl Rafael der Ansicht war, dass Gabriels Entschluss, in Berlin-Mitte persönlich nach dem Rechten zu sehen, überzogen war. Er hatte ihr angeboten, mit Suriyel zu sprechen, um den davon zu überzeugen, ein weiteres Gnadenkommando in seinem Machtbereich zu dulden.

Aber Gabriel hatte sich nicht umstimmen lassen. Sie konnte Rafael nicht erklären, warum sie nach Berlin musste. Sie konnte es sich nicht einmal selbst erklären, warum sie so stur darauf beharrte.

Auf der rationalen Ebene hatte Rafael sämtliche Argumente auf seiner Seite: Alles sprach dafür, dass irgendein technischer Fehler die Ursache des Scheiterns der letzten Gnadenaktion gewesen war. Nach den üblichen Regeln hätte Gabriel die Aufgabe delegieren müssen.

Sie wusste trotzdem, dass sie persönlich gehen musste. Warum auch immer.

Gabriel war nicht nur der Erzengel der Verkündigung und der Gnade, sondern auch der Engel der Visionen und Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

In diesem Fall war es eine Eingebung. Irgendetwas in ihr beharrte energisch darauf, dass sie nach Berlin-Mitte musste. Und zwar sofort!

Dank des Fernsehturms brauchte Gabriel nicht lange überlegen, welche Richtung sie einschlagen musste. Ein Glück, dass er in der Ferne zu sehen war – ihr Orientierungsvermögen war nicht das Beste.

Am Frankfurter Tor bog sie in eine ruhige Seitenstraße ein und betrat fünf Minuten später das Foyer eines günstigen Hotels.

Sie buchte ein Einzelzimmer für vier Tage und nahm, ihren Rucksack über die Schulter geworfen, den Aufzug in den dritten Stock. Als sie die Zimmertür aufschloss, schlug ihr der Geruch von Desinfektionsmitteln und kaltem Zigarettenrauch entgegen.

Das Fenster ging zum Hinterhof. Gabriel warf einen Blick auf Mülltonnen und Fahrräder, stellte ihren Rucksack in der Zimmerecke ab und setzte sich auf das schmale Bett.

Sie war seit gestern Abend – als sie spontan den Beschluss gefasst hatte, in Berlin-Mitte nach dem Rechten zu sehe – so sehr mit der Organisation ihrer Abwesenheit im Himmel beschäftigt gewesen, dass sie sich nur bis zu diesem Punkt Gedanken gemacht hatte: Sie würde sich ein Hotelzimmer in Friedrichshain nehmen.

Was sie hiermit getan hatte. Und nun?

Gabriel stellte erstaunt fest, wie irritierend es für sie war, auf einmal völlig alleine zu sein. Normalerweise war sie von morgens bis abends von Engeln und Heiligen umgeben. Und auf einmal war sie ganz für sich! Niemand wollte etwas von ihr. Aber sie konnte auch niemanden um Rat fragen und oder um Hilfe bitten. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie jemals zuvor in einer solchen Situation gewesen war.

Noch nie! Und das nach 4000 Jahren als Erzengel!

Und dabei befand sich ein anderer Erzengel gleich um die Ecke. Suriyels Tibetisch-Buddhistisches Zentrum war gerade mal 900 Meter von ihrem Hotel entfernt. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Eine eherne Erzengel-Regel verlangte, dass sie einander über ihre Anwesenheit im Machtbereich des Anderen informierten. Gabriel streckte sich rücklings auf dem Bett aus, schloss die Augen, konzentrierte sich und nahm in ihren Gedanken Kontakt mit Suriyel auf. „Hallo Suriyel. Ich bin bis Sonntag in einem Hotel in Friedrichshain.“ Danach wartete sie ein paar Minuten und lauschte in die Stille hinein. Schließlich stand sie auf, zog ihre Jacke über und verließ das Hotel.

Sie war sich sicher, dass Suriyel sie gehört hatte. Er hatte nicht geantwortet. Etwas anderes hatte sie von ihm auch nicht erwartet.

Das Geheimnis im Keller

Proserpina macht sich auf die Suche nach Luzifers Geheimnis und stößt auf eine Stahltür und viel Energie…

Die magere schwarze Katze huschte den Gehweg entlang. https://www.water-runs-east.eu/proserpina/

Nach einem schnellen Blick nach links und rechts schob sie sich unter dem Bauzaun hindurch. Aus der Ferne schallten blecherne Beats über die verwilderte Brachfläche. Am Boxhagener Platz brachten sich bereits am späten Nachmittag die ersten Szenegänger für die Nacht in Stimmung.

Die Katze umkreiste eine alte Matratze, gammelnde Essensreste und einen rostenden Kühlschrank. Vor dem zerborstenen Kellerfenster eines unsanierten Hinterhauses machte sie Halt und nahm Witterung auf. Aus der Öffnung schlug ihr der Gestank von Moder und toten Mäusen entgegen. Mit einem federnden Sprung verschwand sie in der Schwärze des Kellers. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Nachdem die Katze auf dem staubigen Boden aufgekommen war, verharrte sie bewegungslos in der Finsternis und spitzte ihre Ohren. Kein Laut war zu hören.

Systematisch begann die schwarze Katze, alle Räume des Kellers Quadratmeter für Quadratmeter zu untersuchen. Sie kontrollierte halb verfallene Pappkartons, schob sich durch Berge aus Plastiksäcken, kletterte auf Regale, in denen Einweckgläser mit vergilbten Ettiketten vor sich hin schimmelten.

In regelmäßigen Abständen blieb sie stehen, streckte ihren Kopf in die Höhe und ließ ihre Schnurrhaare vibrieren.

An der Verbindungsmauer zum Nachbarhaus kam sie vor einer massiven schwarzen Metalltür zum Stehen. Nachdem sie die Tür mit ihren Schnurrhaaren abgetastet hatte, untersuchte sie mit ihrer feinen Nase ausgiebig den Boden und die Wand im Umkreis. Danach drehte sie sich um, postierte sich etwa einen Meter von der Tür entfernt und nahm innerhalb von Sekunden ihre dämonische Gestalt an. Als drahtige Frau mit langem schwarzen Haar und harten Gesichtszügen trat sie an die Tür und drückte die Klinke nach unten. Abgesperrt!

Proserpina zuckte zusammen. Schritte halten von der Treppe wieder. Jemand kam in den Keller. Einen Wimpernschlag später huschte eine magere schwarze Katze quer durch den vermüllten Keller zum zerbrochenen Fenster, sprang mit einer federnden Bewegung ins Freie, jagte über die Brachfläche und schob sich unter dem Bauzaun hindurch auf die Straße.

Zwei Seitenstraßen weiter hockte ein großer schwarzer Kater unter einem parkenden Auto und fixierte den Eingang des Buddhistischen Zentrums auf der anderen Straßenseite. https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

Beelzebub hatte den ganzen Tag über versucht, Proserpinas Trick anzuwenden, um ebenfalls ins Zentrum zu gelangen. Aber so sehr er sich auch bemühte: Er bekam es irgendwie nicht hin, die Ströme negativer Gedanken und Gefühle, die von den Menschen im Zentrum abgesondert wurden, als Türöffner zu nutzen. https://www.water-runs-east.eu/hoellische-plaene/

Er versuchte sich damit zu trösten, dass es ihm zumindest gelungen war, die feinen negativen Bewusstseinsströme in der überwältigenden positiven Energie des Zentrums auszumachen. Die waren ihm, bevor ihn Proserpina darauf aufmerksam gemacht hatte, überhaupt nicht aufgefallen. Aber wie es ihm gelingen sollte, mit Hilfe dieser Gefühle von Wut, Gier, Neid und Missgunst das Zentrum zu betreten, war ihm immer noch ein Rätsel.

Verdrossen behielt er den Eingang im Blick. Dort flatterten bunte Gebetsfahnen in der Abendämmerung. Ein Pärchen blieb auf dem Gehweg stehen und überflog, die Köpfe erhoben, die Texte der Infotafel neben dem Metalltor. Zwei Frauen mit Yogamatten kamen aus dem Zentrum, sperrten ihre Fahrräder auf und radelten davon. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Die magere schwarze Katze huschte über die Straße und schob sich unter den Wagen, der gegenüber dem Buddhistischen Zentrum geparkt war. „Und? Bist du reingekommen?“

„Nein.“

„Du bist ein Idiot.“

Der große schwarze Kater schwieg.

„Ich habe eine interessante Entdeckung in Luzifers Keller gemacht.“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/ Die Stimme der Katze bebte vor Aufregung. „Er hat eine Sicherheitstür aus Stahl zum Nebenhaus einbauen lassen. Dahinter vibriert es nur so vor Energie! Lebensenergie! Reine Vitalität! Ich wette mit Dir, dass sich dahinter sein Geheimnis verbirgt!“

„Aber was kann das sein?“

„Sicher irgendeine ausgefuchste Magie! Luzifer war mal ein Erzengel. Er hat 2000 Jahre im Himmel an der Seite des Allmächtigen verbracht. Deshalb tickt er anders als die übrigen Teufel und Dämonen in der Hölle. Irgendwas aus seiner Vergangenheit muss es ihm ermöglichen, die Gnade Gottes auszuhebeln.“

„Und was macht dich so sicher, dass diese Energie nicht auch uns aushebelt, wenn wir damit in Berührung kommen? Ich war kein Erzengel! Ich bin ein lupenreiner Dämon!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

„Wenn du zu feige bist, übernehme ich das. Ich bin mir sicher, dass mir diese Energie nichts anhaben kann!“

Die magere schwarze Katze schob sich unter dem geparkten Wagen hervor und wanderte mit hoch erhobenem Schwanz davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Entschluss

Erzengel Gabriel kann das Scheitern der Gnadenengel in Berlin-Friedrichshain nicht akezptieren und fasst einen Entschluss…

Maria saß mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. https://www.water-runs-east.eu/maria/

Ihr Blick folgte Erzengel Gabriel, die im Wohnzimmer auf und ab wanderte. „Das widerspricht allen göttlichen Geboten! Es kann einfach nicht sein!“ https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Maria unterdrückte ein Gähnen. Es war bereits kurz vor Mitternacht. „Ich kann morgen Christus fragen. Dem wird sicher eine Lösung einfallen.“ Marias Glaube an ihren Sohn war unerschütterlich. Er konnte schließlich übers Wasser gehen und war überhaupt in allen Dingen perfekt. Sie war seine Mutter, sie musste es wissen.

Gabriel schnaubte entrüstet durch die Nase: „Ich bin hier der Gnadenengel! Das kann ja wohl nicht sein, dass ich das nicht hinkriege!“

Maria verdrehte innerlich die Augen. So nett Gabriel war – ihr Perfektionismus war überzogen. „Du darfst auch mal was nicht können. Außerdem bist du nicht der einzige Gnadenengel. Rafael ist auch noch da.“ https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

„Der war ganz meiner Meinung: Das ist nicht möglich! Die Schutzengel von Friedrichshain sind bei ihrer Erschaffung mit einer exorbitanten Menge an Gratia Habitualis ausgestattet worden, damit sie ihren Job ordentlich erledigen können.“

„Naja. Sie waren auf Luzifers Party.“

„Das spielt keine Rolle! Selbst wenn sie nicht in der Lage gewesen sind, die angeborene Gnade zu aktualisieren und sich von Luzifer aufs Glatteis haben locken lassen, MUSS die Gratia Sanctificans, die ihnen durch die Gnadendusche verpasst wurde, in Kombination mit ihrer Gratia Habitualis zum Brechen des Fluchs führen.“ https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

„Warum hat diese Dusche dann nicht funktioniert?“

„Rafael ist davon überzeugt, dass die Gnadenengel vor Ort Mist gebaut haben. Er meinte, ich soll noch mal einen Trupp mit Experten schicken.“ https://www.water-runs-east.eu/gnadenengel-in-friedrichshain/

„Und was hindert dich daran?“

„Suriyel! Er hat sich total darüber empört, dass ich mich in seine Angelegenheiten gemischt habe und jetzt stellt er sich tot! Ich kriege keinen Kontakt mehr mit ihm, obwohl er ganz genau weiß, dass ich mit ihm reden möchte!“ https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

„Und was sagt Uriel? Er hatte dich schließlich darum gebeten, die Gnadenengel zu schicken.“ https://www.water-runs-east.eu/uriel/

„Der hält sich bedeckt. Er hat offensichtlich keine Lust, in die Auseinandersetzung zwischen Suriyel und mir hineingezogen zu werden. Und außerdem sind Gnadenakte und die Schutzengel von Friedrichshain nicht seine Baustelle.“

Mit einem erschöpften Stöhnen ließ Gabriel sich neben Maria auf das Sofa fallen. „Ich habe den Leiter der Gnadenmission vorhin in seine Einzelteile zerlegt! https://www.water-runs-east.eu/gnadenengel-in-friedrichshain/

Er hat keine Ahnung, was falsch gelaufen sein könnte. Wir sind das Prozedere wieder und wieder durchgegangen. Der Apparat wurde vorschriftsmäßig aufgebaut und in Betrieb genommen, die Dekontamination der Schutzengel erfolgte entsprechend den Standards. Die Truppe macht das schon seit 2000 Jahren und es hat bisher immer reibungslos funktioniert!“

„Was sagt der Leiter dazu?“

„Er hat auch keine Ahnung. Er war so verzweifelt, dass er seinen Rücktritt angeboten hat! Den konnte ich nicht annehmen. Er hat sich ja kein erkennbares Fehlverhalten zu Schulden kommen lassen.“

„Und sonst hat auch keiner eine Idee, warum es nicht geklappt hat?“

„Nein. Und an weiteren Spekulationen bin ich nicht interessiert. Das letzte, was ich gebrauchen kann ist, dass die Geschichte im fünften Chor herumgetratscht wird. Ich habe allen beteiligten Engeln eingeschärft, dass das Scheitern der Mission absoluter Geheimhaltung unterliegt. Wenn das die Runde macht, bin ich auch noch mit einer existentiellen Sinnkrise sämtlicher Gnadenengel konfrontiert! Mir reichen schon die emotionalen Zusammenbrüche im dritten und vierten Chor! Was für ein totaler Scheiß!“

Vor sich hin brütend starrte Gabriel an den prächtigen Stuck der Zimmerdecke von Marias Wohnzimmer.

Die zuckte erschrocken zusammen, als der Erzengel mit einem Mal aufsprang. „Es hilft nichts! Ich muss nach Friedrichshain“

Maria zog die Augenbrauen hoch: „Du willst nach Berlin? Im Ernst?“

„Was bleibt mir anderes übrig? Ich muss unbedingt erfahren, was mit den Schutzengeln dort los ist! Ich werde einem kontaminierten Engel Gnade spenden und dann sehe ich ja, ob sie wirkt. Wenn ja, ist es gut, dann schicke ich noch mal einen Trupp Gnadenengel und der Spuk hat ein Ende.“

„Und wenn nicht?“

„Dann habe ich ein ernsthaftes Problem.“

Damit eilte Gabriel zur Wohnungstür.

Höllische Pläne

Luzifer triumphiert – während Proserpina ihre eigenen Pläne mit seiner Magie verfolgt…

Aus: „Engel. Eine bedrohte Art.“ von Malcolm Godwin.

Selbst während einer ganz gewöhnlichen Dienstagnacht herrschte im zweiten Stock von Luzifers Hinterhaus ausgelassene Partystimmung. Im zuckenden Licht der Discostrahler wanden sich ekstatische Schutzengel auf der überfüllten Tanzfläche.

Luzifer schob sich durch die Menge und hielt dabei Ausschau nach Beelzebub. Der stand, mit einem Glas Wodka in der Hand, in einer Ecke und stierte vor sich hin. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Luzifer postierte sich neben ihm, schlug ihm auf die Schulter und schrie ihm über die Techno-Beats hinweg ins Ohr: „Super Job, Beelzebub!“

„Kein Problem. So war es vereinbart.“

Luzifer lehnte sich an die Wand und ließ genüsslich die Szene von heute Nachmittag Revue passieren. „Suriyel war total fertig! https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Da hat er bei den Mächten des fünften Chores um die Gnadendusche gefleht, und dann ging es in die Hose! Und er stand wie der letzte Idiot mit seinen dämlichen heulenden Schutzengeln vor dem Tor und kam nicht hinein! Damit hatte er nicht gerechnet, der alte Spießer!“ https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Beelzebub nickte abwesend, lehrte sein Glas und gähnte demonstrativ. „War ein langer Tag. Ich muss ins Bett. Wir sehen uns morgen.“ Damit drehte er sich um und eilte zum Ausgang.

Luzifer sah ihm stirnrunzelnd nach. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Im Treppenhaus nahm Beelzebub nicht den Weg hoch in sein Schlafzimmer, sondern lief – nachdem er kontrolliert hatte, dass er unbeobachtet war – zwei Stockwerke hinunter zur Haustür. Im Hinterhof transformierte er zum schwarzen Kater und machte sich auf den Weg zum Buddhistischen Zentrum.

Die magere schwarze Katze schob sich durch die Gitterstäbe des Tores. „Da bist du ja endlich! Ich warte schon seit einer Ewigkeit!“ https://www.water-runs-east.eu/proserpina/

Beelzebub tänzelte nervös auf seinen Pfoten. „Wie schaffst du es nur, da reinzukommen? Die Energie ist unterträglich!“ https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

Poserpina setzte sich und ließ ihre Schnurrhaare vibrieren. „Es mangelt dir an Gefühl für Nuancen, Beelzebub. Das war schon immer dein Grundproblem! Im Buddhistischen Zentrum laufen nicht nur Erleuchtete und vollkommene Engel herum. Irgendjemand sondert dort drin immer Neid, Wut, Gier oder Hass ab. Es geht darum, sich auf den exakten Energielevel des negativen Gefühls einzuschwingen! Denn derjenige, der gerade dieses Gefühl in sich trägt, öffnet mir die Tür und rollt mir den roten Teppich aus.“ Prosperina begann, genüßlich eine ihrer Vorderpfoten zu lecken. „Und ich lächle freundlich und trete ein! So einfach ist das.“

Beelzebub nickte ergeben. Es war ja klar gewesen, dass die positive Energie des Buddhistischen Zentrums, die für ihn ein unüberwindliches Hindernis darstellte, für Proserpina ein Klacks war.

Die wechselte das Thema: „Was spricht Luzifer?“

„Er triumphiert! Dass Suriyel wegen ihm im Himmel um Unterstützung betteln musste und die Gnadenengel die verfluchten Schutzengeln nicht erlösen konnten, geht ihm runter wie Öl!“ https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Proserpina kniff ihre gelben Augen zusammen. „Wir müssen herausfinden, wie Luzifer das anstellt!“

„Warum?“

„Weil das der Schlüssel zur Macht ist, Du Idiot! Seit 2000 Jahren halten mich diese beschissenen Gnadenengel ständig von meiner Arbeit ab. Was hilft es mir, dass ich Heerscharen von Dämoninnen und Teufelinnen befehlige, wenn mir bei jeder Vergewaltigung, jedem abgestorbenen Fötus, jeder Todgeburt und jedem plötzlichen Kindstod die Gnade des Himmels dazwischen kommen kann? Auf Schritt und Tritt müssen meine Dienerinnen mit dem vermaledeiten fünften Chor rechnen! Mit Luzifers Magie wäre es ein für alle Mal aus damit!“

Die schwarze Katze rieb ihren Kopf am Hals des Katers und sah ihm danach tief in die Augen: „Und wir beide wären die Herrscher der Hölle!“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Streit unter Erzengeln

Erzengel Gabriels Bemühen um die Schutzengel von Berlin-Friedrichshain bringt ihr Ärger mit einem Kollegen ein…

Am Dienstag um zehn Uhr vormittags platzierte der Vorzimmerengel einen Zettel auf den Schreibtisch seiner Chefin und verschwand wieder. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Erzengel Gabriel legte einen Stapel Einsatzberichte zur Seite und überflog die Notiz: Die von ihr gestern Abend ausgesandten Gnadenengel des fünften Chores hatten weisungsgemäß Stellung in Berlin-Friedrichshain bezogen. Die Reinigungsvorrichtung wäre in einem leerstehenden Ladengeschäft schräg gegenüber des Buddhistischen Zentrums aufgebaut worden, las sie. Bis Mittag würde das Viertel nach kontaminierten Schutzengeln durchkämmt, danach solle zügig mit der Gnadendusche begonnen werden. https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Der Vorzimmerengel riss Gabriel aus ihren Gedanken: In zwanzig Minuten stünde der monatliche Termin des Gremiums der Gnadengesuche an. Wenn sie pünktlich im fünften Chor sein wolle, müsse sie jetzt aufbrechen!
Als Gabriel, einen dicken Ordner in der Umhängetasche, aus ihrem Büro hastete, hatte sie die von Luzifer übertölpelten Schutzengel von Berlin-Mitte bereits wieder vergessen. https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Gabriel war mit dem Management ihrer Heerschar von Engeln aus dem dritten und vierten Chor komplett ausgelastet.

Trotzdem musste sie auch bei den Mächten des fünften Chores Führungsverantwortung übernehmen. So schön es war, neben all dem banalen Alltagskram auch noch für Wunder und Wohltaten zuständig sein zu dürfen: Im Grunde war es ihr zu viel.

Glücklicherweise teilte sie sich den Job mit Erzengel Rafael. Die beiden hatten die pragmatische Lösung gefunden, dass er für alle männlichen Gnadensuchenden, Gabriel dagegen für alle weiblichen zuständig war.

Bis vor 2100 Jahren hatte noch ein dritter Erzengel zur Gnadenkommission gehört: Luzifer.
Bevor er gegen den Allmächtigen rebellierte und – nach seiner Niederlage – des Himmels verwiesen wurde, war er der Leiter der Gnadenkommission gewesen. In seinen Händen hatte die letztendliche Entscheidung über alle besonders schwierigen und moralisch grenzwertigen Gnadengesuche gelegen.

Gabriel konnte sich noch gut daran erinnern, wie beeindruckt sie immer wieder von Luzifers messerscharfer Analyse und seinem klugen Abwägen gewesen war.
Seit er weg war, lief es irgendwie nicht mehr richtig rund in der Gnadenkomission, fand Gabriel.
Und dass es extrem anstrengend für die verbliebenen Erzengel war, seit 2100 Jahren die zahlreichen Verpflichtungen von Luzifers dauerhaft vakanter Führungsposition nebenher erledigen zu müssen, gehörte auch zur bitteren Wahrheit.

Um zwei Uhr Nachtmittags versuchte Gabriel vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken. Neben ihr bohrte Erzengel Raphael gelangweilt die Spitze seines Kugelschreibers durch die Ecke der Liste, auf der die Gnadensuchenden aufgeführt waren. Die war dieses Mal besonders dick: Vor sieben Uhr abends würden sie damit auf keinen Fall durch sein.

Im großen Konferenzraum des fünften Chores waren – wie jeden Monat – etwa dreißig Engel der Leitungsebene versammelt, um gemeinsam über die Gnadengesuche zu entscheiden. An der Stirnseite des Raumes hatte sich ein graugelockter Engel neben einem Whiteboard postiert und referierte Namen, Daten und Qualifikationskritierien der Antragsteller. Wenn er mit einem durch war, bat er um Handzeichen.

Erforderlich für die Gewährung von Gnade waren immer fünfundsiebzig Prozent der Stimmen – das schafften nicht viele. Gnade war eben kein Massenprodukt. Zumindest nicht für Menschen. Bei Engeln sah es ein bisschen anders aus.

Auf einmal wurde Gabriel von einer Stimme in ihrem linken Ohr aus dem Halbschlaf gerissen. „Was fällt Dir ein, Dich in meine Angelegenheiten zu mischen?!!!“ Sie wäre vor Schreck beinahe vom Stuhl gekippt!

Gott hatte, als er seine Erzengel erschuf, einen Strom reinsten Äthers mit einer speziellen Mischung Sternenstaub vermengt. Da alle Erzengel aus Materialien gleichen Ursprungs geschaffen waren, verband sie ein besonderes Band. So war es ihnen möglich, lautlos miteinander zu kommunizieren. Das hatte sich über die Jahrtausende in brenzeligen Situationen immer wieder als nützliche Sache erwiesen. Allerdings galt – jenseits akuter Krisen – die unausgesprochene Regel, dass angefragt wurde, bevor die Erzengel-Kollegen auf diese Weise Kontakt miteinander aufnahmen.

Gabriel murmelte Rafeal eine Entschuldigung ins Ohr, schob ihm das ausgefüllte und unterschriebene Formblatt mit ihrem Stimmrecht zu, und eilte in den Flur.

Nachdem sie die Tür des Konferenzraumes hinter sich geschlossen hatte, antwortete sie lautlos: „Suriyel?“ https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Es ist doch immer das Selbe mit Dir: nie hältst Du Dich an die Regeln! Ich habe Dich nicht darum gebeten, dass Du Dich in meine Angelegenheiten einmischt! Ist das klar?“

Das Dröhnen seiner Stimme liess Gabriel erschrocken zusammenfahren. „Ich höre Dich, Suriyel! Kannst Du bitte etwas leiser sprechen?“

Es kostete Suriyel hörbar Mühe, seine Stimme zu dämpfen. „Deine unausgegorene Aktion sorgt dafür, dass ich gerade mit dreißig tropfnassen, verzweifelten Schutzengeln am Tor des Buddhistischen Zentrums stehe! Und dabei will ich hier nicht auffallen! Wie soll ich vernünftig meine Arbeit tun, wenn Du mir ständig dazwischen funkst?“

„Warum geht ihr nicht einfach rein?“

„Weil es nicht geht! Die Schutzengel kommen nicht über die Schwelle – wie gehabt! Deine alberne Gnadendusche ändert überhaupt nichts daran! Jetzt sind sie bitter enttäuscht, schreien und heulen hier herum und locken mit dem Krach die ganze Nachbarschaft herbei! Und das alles, weil Du mich, wie üblich, vorher nicht um Erlaubnis gefragt hast! Es ist doch immer das Selbe mit Dir!“

„Aber Uriel hatte mich doch…“ https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Es war zu spät: Suriyel war bereits aus Gabriels Kopf verschwunden.

Gnadenengel in Friedrichshain!

Die von Erzengel Gabriel nach Berlin-Mitte entsandten Gnadenengel machen sich in der Nähe des Buddhistischen Zentrums ans Werk…

Als Beelzebub neben Proserpina auf die Straße trat, war es bereits nach elf Uhr Abends. https://www.water-runs-east.eu/prosperina/

Hinter der Häuserzeile jaulte ein Martinshorn kurz auf und wurde rasch wieder leiser. Der Krankenwagen, der die Friedrichstraße entlang jagte, entschwand in Richtung Fernsehturm. Irgendwo jenseits des Boxhagener Platzes wurde gefeiert: Lautes Rufen und Kreischen hallte durch die Nacht.

Das Dämonenpaar lief eine ruhige Seitenstraße entlang. Hinter einem Bauzaun glänzte die goldene Kuppel einer Stupa im fahlen Laternenlicht. https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

Beelzebub wollte gerade die Straße überqueren und auf das verschlossene Eingangstor des Buddhistischen Zentrums zusteuern, als ihn Proserpina am Arm packte.

„Da steht ein Engel!“ Sie wies mit dem Kinn an das andere Ende der Straße.

Beelzebub folgte ihrem Blick und entdeckte einen weiß gekleideten Mann vor einem Eckladen. „Das ist doch kein Engel!“

„Du hast wieder mal Tomaten auf den Augen! Klar ist das ein Engel! Fünfter Chor! Definitiv einer von den Mächten! Was macht ein Gnadenengel kurz vor Mitternacht in Berlin-Friedrichshain? Hier stinkt doch irgendwas zum Himmel!“ https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/

Proserpina bohrte Beelzebub ihre langen Fingernägel in den Arm und zog ihn hinter sich her über die Fahrbahn. Gebückt schlichen die beiden am Buddhistischen Zentrum vorbei und gingen hinter einem parkenden Wagen in Deckung. Auf der gegenüberliegenden Seite stand immer noch der rundliche, weiß gekleidete Mann und ließ seinen Blick suchend die Straße hinauf und hinunter wandern.

Scheinwerfer strichen über Gehweg und Straße. Proserpina und Beelzebub drückten sich mit eingezogenen Köpfen gegen das Auto und beobachteten durch die Seitenscheiben, wie ein weißer Transporter etwa 50 Meter von ihnen entfernt zum Stehen kam.

Der Weißgekleidete trat aus dem Eingang des Ladengeschäfts auf die Straße und winkte. Der Sprinter setzte sich wieder in Bewegung und kam direkt vor ihm zum Stehen.

Dass die beiden langhaarigen Gestalten, die aus dem Fahrzeug sprangen, Engel waren, erkannte auch Beelzebub. „Du hast recht! Was machen die hier?“

Proserpina verdrehte neben ihm den Hals. „Sicher nichts dämonisches! Das ist alles fünfter Chor! Ich muss näher ran!“

Zwei Sekunden später schob sich eine magere schwarze Katze mit leuchtend gelben Augen unter dem parkenden Auto hindurch. In einem kurzen Sprint überquerte sie die Fahrbahn.

Im Schatten der Hauswand schlich Proserpina bis auf wenige Meter an das Ladengeschäft heran. Seine verstaubten, teilweise mit Plakaten beklebten, Fenster ließen nur den Schluss zu, dass es schon seit längerem leer stand.

In der offenen Tür flüsterte der Weißgekleidete mit den beiden Neuankömmlingen. Proserpina schlich noch ein paar Schritte näher und spitzte ihre Ohren.

„In der Zentrale wussten sie nicht, um wie viele Schutzengel es sich handelt. ‚Mindestens hundert‘, hieß es. Morgen früh kommt der Suchtrupp, wann genau, erfahren wir noch. Bis dahin müssen wir die Vorrichtung aufgebaut haben.“ https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Die beiden Engel nickten, eilten zum Transporter, entluden Metallteile und trugen sie in das Innere des Hauses. Nach ein paar Minuten tauchte der dritte Engel auf und half ihnen dabei. Innerhalb kurzer Zeit war der Transporter leer. Einer der Engel sprang auf den Fahrersitz und fuhr davon, während die anderen beiden die Ladentür hinter sich zuzogen und ins Innere verschwanden.

Proserpina, die auf die beiden matt erleuchteten Schaufenster starrte, zuckte zusammen, als auf einmal ein großer schwarzer Kater neben ihr auftauchte. „Und?“

„Geh zu Luzifer und sag ihm, dass drei Gnadenengel im Viertel sind. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/ Sie bauen irgend etwas für die Schutzengel auf und rechnen mit mindestens hundert. Morgen früh kommt noch ein Suchtrupp, genaue Ankunftszeit ist nicht bekannt.“

Beelzebub nickte.

„Und sag ihm auf keinen Fall, dass ich hier bin! Er soll glauben, Du hast alles alleine herausgefunden!“

Beelzebub nickte wieder. Das konnte ihm nur recht sein. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

„Ich suche mir irgendwo ein billiges Hotel. Kontaktiere mich morgen früh, wenn Du weißt, was hier los ist!“ Damit huschte die magere schwarze Katze in die Seitenstraße und verschwand.

Der große schwarze Kater drehte sich um, überquerte die Straße, lief am Bauzaun des Buddhistischen Zentrums vorbei, bog an der Kreuzung nach rechts ab und nahm wieder menschliche Gestalt an.

Als Beelzebub zwei Straßen weiter die Haustür eines unsanierten Hinterhauses aufstieß, empfingen ihn dröhnende Techno-Beats. Die Party im zweiten Stock von Luzifers Höllenreich war wieder einmal in vollem Gange… https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Proserpina

Beelzebub – überwältigt von der positiven Energie des Buddhistischen Zentrums in Berlin-Friedrichshain – sieht sich gezwungen, die Dämonen-Königin Proserpina zur Hilfe zu rufen.

Am Montagabend gab Beelzebub auf. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Über sechs Tage war es ihm nicht gelungen, auch nur einen Fuß auf das Gelände des Buddhistischen Zentrums zu setzen! Drinnen fand irgendeine Veranstaltung statt: Das Zentrum vibrierte vor Energie! https://www.water-runs-east.eu/energy-2/

Er war sich vorgekommen wie ein kompletter Vollidiot, während er – auf dem Gehweg herumlungernd – verzweifelt durch die Gitterstäbe des Tores stierte.

Menschen, Schutzengel und Lamas wanderten hinein, Menschen, Schutzengel und Lamas wanderten hinaus – aber ihm als Dämon blieb der Zugang versperrt. Und dabei hatte er sämtliche Formen angenommen, die ihm eingefallen waren! Weder als Fliege, noch als Spinne gelangte er über die Mauer. Danach hatte er es – inspiriert von Luzifer – als schwarzer Kater versucht. Ebenfalls ohne Erfolg. Er war sämtliche menschliche Ethnien durchgegangen, hatte all seine Wettergott-Energien aktiviert – vergebens.

Als die Abendsonne hinter dem Fernsehturm versank, war er mit seinen Kräften und seiner Weisheit am Ende.

Beelzebub musste sich eingestehen, dass er nur zwei Möglichkeiten hatte: Er konnte Luzifer darüber informieren, dass er gescheitert war. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Oder er konnte Proserpina um Hilfe bitten.

Beide Optionen waren unerfreulich – um es Milde auszudrücken.

Option eins ging mit der nicht zu unterschätzenden Gefahr des Statusverlusts einher. Die Häme über sein Versagen würde keine Grenzen kennen! Beelzebub ließ im Geist seine zahllosen Feinde und Widersacher Revue passieren. Der eine oder andere von ihnen würde das als willkommene Einladung betrachten, ihn kalt zu stellen. In der Vorstandsetage des Reiches der Finsternis ging es hart zur Sache. Ein Fehltritt genügte, und man war zum Abschuss freigegeben.

Option eins kam deshalb nicht in Frage.

Blieb Option zwei: Proserpina. Wenn irgendjemand aus den neun Bereichen der Hölle in der Lage war, in dieses Zentrum zu kommen, dann sie!

Beelzebub stöhnte innerlich auf. Da hatte er sich auf den Deal, Erzengel Suriyel zu überwachen, eingelassen, um einmal in fünfhundert Jahren ungestört seinen Spaß haben zu können – und dann blieb ihm schon nach sechs Tagen keine andere Wahl, als die Königin der Dämonen nachkommen zu lassen. Das konnte doch alles nur ein Witz sein! https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Es half nichts, ermahnte er sich. Entweder Proserpina oder der sichere Untergang.

Mit diesem Gedanken stieg er, zwei Straßen vom Buddhistischen Zentrum entfernt, die Treppen in den vierten Stock zu Luzifers Loft hoch. Der war nicht Zuhause, stellte Beelzebub erleichtert fest. Was jetzt kam, sollte der Höllenkollege nicht mitbekommen.

Wie es sich für einen Teufel gehörte, verfügte Luzifers großzügiger Wohnbereich über einen offenen Kamin. In einer Mauernische waren dekorativ Holzscheite gestapelt. Beelzebub schichtete ein paar davon in der Feuerstelle auf, konzentrierte sich und blies kräftig hinein. Aus seinem Mund schoss ein Flammenstrahl, der das trockene Holz explosionsartig in Brand setzte.

Beelzebub griff sich an den Kopf, riss aus seiner dicken schwarzen Lockenmähne drei Haare heraus, und warf sie – einen Zauberspruch vor sich hin murmelnd – ins Feuer. Danach stand er schnell auf und entfernte sich ein paar Schritte vom Kamin.

In sicherem Abstand starrte er in die zuckenden Flammen. Nach ein paar Sekunden begann sich zwischen den glühenden Scheiten Rauch zu sammeln. Der wurde dicker und dicker, dehnte sich immer mehr aus, bis er die ganze Feuerstelle ausfüllte. Plötzlich bewegte sich der Rauch – während er wild um die eigene Achse wirbelte – wie eine Säule aus dem Kamin heraus. Vor Beelzebubs Augen nahm er in rasender Geschwindigkeit menschliche Formen an, wurde in wildem Tanz immer kompakter – bis schließlich eine drahtige Frau mit langem dunklen Haar und harten Gesichtszügen vor ihm stand.

Ihre Augen huschten durch das Loft und blieben am Dämon hängen. „Beelzebub, Du Idiot!“, fuhr sie ihn an. „Wo treibst Du Dich wieder herum?“

„Berlin-Mitte“, brummte der.

„Und wem gehört die Wohnung? Das kann ja wohl kein Dämon sein, so wie es hier aussieht!“ Proserpina verzog beim Anblick der roten Hochglanz-Küchenfront und der Desingermöbel angewidert das Gesicht.

„Luzifer.“

„Luzifer?“ Proserpina spuckte den Namen regelrecht aus. „Was willst Du ausgerechnet bei diesem Lackaffen?“

„Hör zu, Schatz…“

Proserpina schnaubte vernehmlich durch die Nase. „Komm mir nicht damit, Beelzebub! Ich weiß genau, warum Du hier gelandet bist, Du alter geiler Esel! Hältst Du mich für bescheuert?“

Das tat Beelzebub ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil. Deshalb war er immer um Diskretion bemüht. Der schönste Fick war den Ärger nicht wert, wenn Prosperina etwas davon mitbekam.

Aber jetzt half es nichts. „Ja, Du hast völlig recht. Es tut mir leid!“

„Es tut Dir leid?“ Proserpina verdrehte die Augen. „Du bist sogar zu blöd zum Lügen, Beelzebub! Das hat Dir noch nie leid getan. Erspar mir Dein Geseier! Was ist los?“

Beelzebub holte tief Luft und machte reinen Tisch. Er erzählte alles: inklusive der Schutzengel in seinem Schlafzimmer. Das interessierte Proserpina nicht mehr im geringsten, als sie die Dimension des Problems erkannt hatte: „Das darf niemand in der Hölle erfahren! Unser Ruf wäre komplett ruiniert!“

Wenn es irgendetwas gab, was Proserpina heilig war, dann war es ihr Status als Königin der Dämonen. Der an ihren Status als Gefährtin des Kanzlers des Ordens der Fliege gekoppelt war. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Beides war gerade durch Beelzebubs Unfähigkeit akut bedroht. Sie war durch ihn in die höchsten Ränge der Hölle aufgestiegen – sie würde mit ihm fallen.

„Wo ist dieses verfluchte Zentrum?“

„Da willst Du jetzt noch hin?“

„Ich gehe da rein! Sofort! Am Ende ist irgendwas passiert, während Du Idiot ahnungslos vor der Tür herumgelungert bist. Wir brauchen Kontrolle!“

Gnade

Erzengel Gabriel siniert beim Abendessen mit der Jungfrau Maria darüber, wie den gefallenen Schutzengeln von Berlin-Mitte geholfen werden kann…

Geistesabwesend sperrte Erzengel Gabriel die Bürotür hinter sich ab. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Sie steckte den Schlüssel ein und wandere zur Wohnung am anderen Ende des langen Flurs. Nur Sekunden, nachdem sie den Klingelknopf gedrückt hatte, wurde ihr auch schon geöffnet.

In der Tür stand – in strahlender Schönheit – die Gottesmutter Maria. „Das Essen ist schon seit einer Stunde fertig!“ https://www.water-runs-east.eu/maria/

Gabriel folgte ihr auf den Balkon und ließ sich am gedeckten Tisch nieder. „Es tut mir leid. Gerade als ich Schluss machen wollte, kam noch mal ein Notfall rein.“

Während Maria Gemüseauflauf auf zwei Teller verteilte und die Wassergläser füllte, ließ Gabriel den Blick in die Ferne schweifen. Um sie war nichts als strahlendes Licht. Irgendwo hoch über ihnen erklang der monotone Gesang der Cherubime und Seraphime. Tief unter ihnen erstreckte sich ein weißer Wolkenteppich bis zum Horizont.

Es war wunderschön – und komplett monoton. In den neun Chören der Engel gab es weder Dämmerung noch Nacht. Seit 4000 Jahren war Erzengel Gabriel bei jedem Blick aus dem Fenster exakt mit dem selben Ausblick konfrontiert.

„Uriel hat mich heute kontaktiert.“ https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Maria, die Gabriel gegenüber im Gemüseauflauf stocherte, hob erstaunt den Blick. „Was wollte er denn?“

„Suriyel hat ein Problem mit Luzifer. So wie ich Uriel verstanden habe, lockt Luzifer Suriyels Schutzengel auf wilde Parties. Sobald sie die Schwelle zu seinem Reich übertreten haben, gehen sie unwissentlich einem Pakt mit dem Teufel ein. Und Suriyel hat keine Ahnung, wie er sie davon erlösen kann.“ Gabriel nahm einen Schluck Wasser. „Uriel hat mich gefragt, ob ich den Schutzengeln Gnade spenden kann, damit sie aus dem Pakt wieder rauskommen.“ https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Maria runzelte die Stirn. „Was hat Uriel mit den Schutzengeln zu tun?“

„Nichts. Er ist mit Suriyel befreundet.“

„Und warum fragt der Dich nicht selbst?“

Gabriel schmunzelte: „Du kennst Suriyel nicht, oder?“ https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Nein. Ich kann mich nicht entsinnen, ihn schon mal getroffen zu haben.“

„Reden gehört nicht zu Suriyels Stärken.“

„Uriel kann das gut.“ Maria war zwar nie Erzengel Suriyel begegnet. Dafür kannte sie Erzengel Uriel um so besser.

Maria war gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen, als sie mit dem Gottessohn geschwängert wurde. Um den Schutz von Mutter und Kind zu gewährleisten, hatte der Allmächtige Erzengel Uriel nach Nazaret in Galiläa entsandt. Dort materialisierte er sich, auf den Befehl Gottes hin, als bescheidener Zimmermann namens „Josef“ und heiratete die schwangere Maria.

Bis Jesus aus dem Gröbsten raus war, fungierte Erzengel Uriel, getarnt als biederer Handwerker, als treuer Ehemann und guter Stiefvater.

Es hatte seinen tieferen Grund, warum Gott ausgerechnet den Erzengel, der für Mystik und Magie zuständig war, ausgewählt hatte, das Himmlische Kind und seine Mutter zu beschützen.

Während der Jahre, in denen Uriel die Veranwortung für Maria und Jesus trug, war er bis an die Grenzen seiner magischen Fähigkeiten gefordert gewesen, die Mächte der Hölle davon abzuhalten, den beiden Schaden zuzufügen.

Die überstürzte Flucht nach Ägypten kurz nach Jesus Geburt war der Höhepunkt seines Kampfes gegen die bösen Mächte gewesen. Quer durch die Wüste mit einer Frau im Wochenbett auf einem störischen Esel, dazu ein Neugeborenes und um ihn sämtliche Dämonen und Teufel der Hölle – etwas so krasses hatte Uriel weder vorher, noch nachher in seinen 4000 Jahren als Erzengel erlebt.

Als Jesus zwölf Jahre alt war, verfügte er über genug Magie, um sich selbst gegen die Mächte der Hölle schützen zu können. Deshalb hatte der Allmächtige Erzengel Uriel von seinem Posten abgezogen und ihm wieder seine gewohnte Aufgabe zugewiesen: Die Erforschung von Mystik und Magie zum Wohle aller lebenden Wesen.

Das war inzwischen 2000 Jahre her. Aber seit dieser gemeinsam verbrachten Zeit waren sich Maria und Uriel sehr zugetan.

Während Maria an Uriel dachte, kreisten Gabriels Gedanken um Suriyel.

„Niemand kann einen Pakt mit dem Teufel eingehen, ohne das wirklich zu wollen. Das verstößt gegen alle göttlichen Regeln! Suriyel muss irgend etwas falsch verstanden haben.“

„Vielleicht ist Luzifer einfach besonders geschickt?“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

„Der ist ein Schlaumeier vor dem Herrn! Aber gegen die Gratia Habitualis kann er nichts ausrichten. Die Anlage zum Guten ist ein Geschenk Gottes. Und die Schutzengel wurden besonders großzügig ausgestattet, damit sie ihren Job ordentlich erledigen können.“

Gabriel schob ihren Teller zur Seite, griff nach dem Tabackpäckchen und begann, sich eine Zigarette zu drehen. „Die eherne Regel lautet, dass es nicht möglich ist, in der Hölle zu landen, wenn Du da nicht hin möchtest. Genauso wenig, wie Du es schaffst, in den Himmel zu kommen, wenn das nicht Dein Ziel ist.“

Sie ließ sich von Maria Feuer geben. „Ergo können die Schutzengel keinen dauerhaft bindenden Pakt mit dem Teufel eingehen, wenn sie nicht in die Hölle wollen. Und schon garnicht bei der Menge an Gratia Habitualis, mit der sie ausgestattet sind.“

Maria wiege den Kopf: „Schutzengel bestehen zu neunzig Prozent aus Materie und nur zu zehn Prozent aus Äther. Das macht sie verführbar.“

Gabriel seufzte. „Exakt. Ich fand schon immer, dass sie eine Fehlkonstruktion sind.“

Maria begann ebenfalls, sich eine Zigarette zu drehen. „Aber dass man unwiderruflich verdammt ist, nur weil man auf eine wilde Party geht, habe ich noch nie gehört.“

Gabriel nickte. „Genau. Das läuft auf alle Fälle unter ‚Sünde‘ und nicht unter ‚Pakt mit dem Teufel‘. Alles andere wäre einfach nur albern. Die Hölle wäre überfüllt und der Himmel komplett leer, wenn man solche Maßstäbe ansetzen würde.“

Maria kicherte: „Johannes wäre ganz alleine hier!“ Ihrer Ansicht nach gab es keinen Heiligen, der so moralinsauer war wie ihr Großneffen, Johannes der Täufer.

Gabriel nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette. „Suriyel müsste es eigentlich auch ohne meine Hilfe schaffen, den Fluch zu brechen. Für was ist er ein Erzengel? Aber egal. Ich schicke ihm morgen eine Truppe Gnadenengel. Die sollen vor diesem Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain eine Gnadendusche aufbauen und alle kontaminierten Schutzengel darunter stellen und ordentlich abschrubben. Damit müsste sich das Problem erledigt haben.“

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