Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 4 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

No Muggles

Das Vajra Armor Mantra ist voller Magie! Die Khandro lehrt es in ihren Retreats auf traditionelle tibetisch-buddhistische Zauberart…

Das Kletterressort, in dem das Vajra Armor Retreat stattfinden wird, befindet sich inmitten einer beeindruckenden Felsenlandschaft. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Haupthaus – mit Speisesaal, Wasch- und Toilettenräumen – ist etwa in der Mitte der Anhöhe auf einem Plateau platziert.

Geschlafen wird in mehreren Holzhütten. Die sind hinter dem Haupthaus über den Steilhang verstreut, der sich etwa hundert Meter bis zum Gipfel des Höhenrückens hochzieht. Zu den spartanischen Unterkünfte führt ein schmaler Trampelpfad, der sich von Häuschen zu Häuschen schlängelt.

Das Kletterressort ist ein ungewöhnlicher Ort für ein tibetisch-buddhistisches Retreat.

Einige der Teilnehmer, die nach ihrer Ankunft damit konfrontiert sind, ihre schweren Rollkoffer den steilen Pfad bis zu ihrer Holzhütte hochzuschleppen, haben erkennbar Mühe, ihren buddhistischen Gleichmut aufrecht zu erhalten.

Uriel, der das Retreat organisiert hat, erklärt jedem Neuankömmling geduldig, dass dieser Ort der einzige war, den er auftreiben konnte, der alle Bedingungen für ein Vajra Armor Retreat erfüllt.

Ein Jahr später wird Uriel aus diesem Grund sein eigenes Retreathaus in einer alte Mühle am Ende der Welt eröffnen. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Denn das Retreat, das nach den Vorgaben eines tibetischen Sakraltextes aus dem 12. Jahrhundert durchgeführt wird, ist speziell.

Die Khandro ist deshalb von Anfang an begeistert von dem Kletterressort! Egal, wie mühsam der Weg zu den Hütten, und wie spartanisch die Ausstattung ist.

Denn der Ort ist vollkommend abgeschieden! Und dazu noch von wunderbarer Natur umgeben! In der viele verschiedene Naturgeister leben!

Nachdem sie am Nachmittag alle Teilnehmer des Retreats im provisorischen Schreinraum im Haupthaus begrüßt hat, klärt sie uns erst einmal in ihrem breiten Amerikanisch über unsere Gastgeber auf:

Denn nicht der souveräne Besitzer des Kletterressorts – der sich von seinen ungewöhnlichen Gästen nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lässt – sondern diese Naturgeister sind die wahren Besitzer des Geländes!

Im Wasser des Flußes, der am Fuße der Anhöhe talabwärts rauscht, lebe ganz sicher ein Naga, erklärt sie uns, nachdem sie auf ihrem großen roten Thron an der Stirnseite des Raumes Platz genommen hat.

Durch die geöffneten Fenster dringt das Tosen des wild schäumenden Wassers herein. Wir sitzen auf unseren Meditationskissen, lauschen der Musik des Flusses und versuchen, uns den Naga – einen schlangenförmigen Wassergeist – vorzustellen, der dort zuhause ist.

Und so geht es weiter. Die Khandro klärt uns ausführlich über die verschiedenen Gattungen der Naturgeister auf, die in der Erde, in den Bäumen und in den Felszähnen des Kletterressorts leben.

Damit unsere Retreats – sie gibt dieses Jahr drei Vajra Armor Retreats hintereinander – von Erfolg gekrönt sein werden, ist es essenziell, den wahren Besitzern des Geländes Respekt zu zollen.

Denn nur, wenn die örtlichen Naturgeister damit einverstanden sind, dass wir hier das Vajra Armor Mantra praktizieren, werden wir die erhofften Ergebnisse erzielen!

Dann geht sie mit uns den Zeitplan durch:

Nach dem Abendessen wird das Retreat feierlich eröffent werden. Zuerst werden wir im Schreinraum ein Tsog – ein Opferritual – zelebrieren, um den Segen der Buddhas, Bodhisattvas, Schützer und der örtlichen Naturgeister zu erhalten, sowie unliebsame Kräfte, die uns schaden wollen, zu befrieden und vor die Tür zu setzen.

Danach haben wir uns alle vor dem Eingang des Haupthauses zu versammeln.

An allen vier Himmelsrichtungen des Hanges werden wir ein Opferzeremoniell für die örtlichen Naturgeister vollziehen, um uns noch einmal ihrer Unterstützung zu versichern, und uns ihre Erlaubnis dafür einzuholen, dass wir hier praktizieren – und dafür das Gelände absperren.

Denn in diesem Zeremoniell werden in einem feierlichen Akt die Boundaries geschlossen!

Ich bin nicht die einzige, die das erste Mal dabei ist und mit Konfusion auf diese Ankündigung reagiert.

Bei den „Boundaries“ führt die Khandro deshalb aus, handele es sich um eine bunte Schnur, die rund um das Gelände des Ressorts gespannt wurde.

Nach dem feierliche Ritual des „Setting up of the Boundaries“ gelten innerhalb der Grenzen dieser Schnur besondere Regeln:

Zum einen ist jedes Sprechen verboten. Lediglich die Khandro selbst ist von diesem Gebot ausgenommen. Alle anderen müssen schweigen. Immer und überall. Egal was passieren wird.

„And“, die Khandro hebt mahnend den Zeigefinger und mustert einen nach dem anderen der vor ihr am Boden Sitzenden streng: „Crossing the boundaries is completely forbidden!“

Nach einer Kunstpause fährt sie fort: „Wenn auch nur einer der Teilnehmer diese Regel bricht, ist das Retreat für alle beendet!“

Das ist krass! So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Und ich habe schon einige Retreats absolviert.

Die Sache mit den „Boundaries“ hebt dieses Retreat auf ein komplett neues Level!

Denn die Regel bedeutet in der Praxis: Egal was passiert und in welchen physischen und psychischen Ausnahmezuständen wir uns während des Retreats wiederfinden mögen – wir müssen da durch!

Zum Wohle aller.

Alle für einen – einer für alle…

Als wir beim Abendessen sitzen – der letzten Mahlzeit, während der wir uns unterhalten dürfen – sind wir uns einige, dass dieses Retreat wirklich special werden wird.

Und dass wir alle ein bisschen verrückt sind, dass wir mitmachen. Und das auch noch toll finden!

Einer am Tisch – ein großer Tscheche – lacht begeistert auf: „It´s like Hogwarts! No muggles!“

Konsequenzen

Mein „Hexen-Opfer“, das ich auf dem keltischen Opferstein am Mainmont dargebracht habe, bleibt nicht ohne Folgen…

Dass ich mich an einem „Hexen-Opfer“ versuchte hatte, war einem spontanen Impuls zu verdanken gewesen. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Und meiner Zen-Praxis.

Denn Zen lehrt, dass es so etwas wie „Zufall“ nicht gibt.

Alles, was das Leben schenkt, ist von Bedeutung.

Selbst wenn es so etwas schräges ist, wie die Bekanntschaft mit einer Hexe aus dem Harz, deren energetischer Sog einen keltischen Opferstein herbeizaubert. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Der japanische Zen-Meister Dogen legte im 11. Jahrhundert anhand der Regeln einer buddhistischen Kloster-Küche dar, was Alltagshandeln „Sinn-voll“ macht:

Man müsse lernen, aus allen Zutaten, die das Leben in diesem Augenblick schenkt, wohlschmeckende Gerichte zuzubereiten. So etwas wie „falsch“, „zuviel“ oder „zuwenig“ gibt es nicht. Weder in der Küche, noch im Leben… https://www.water-runs-east.eu/nahrung/

Voilá!

Im Rezeptbuch meines Lebens stand deshalb an diesem 24. September des Jahres 2022 geschrieben: Man nehme eine keltische Opferschale + ein „Do-it-yourself“-Hexenrezept und bereite ein leckeres Opfer zu!

Serviert bekam ich: Den Schock meines Lebens!

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die riesigen eisigen Gestalten, die sich während des Opfers um den Stein scharten, Hirngespinste waren – oder Geister? https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich der erstenThese zuneige, ist meine tibetisch-buddhistische Lehrerin von der zweiten überzeugt. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

„Wenn sich die Naturgeister zeigen, bedeutet dies, dass sie das Opfer angenommen haben“, erklärte sie mir ungerührt, als ich ihr – zwei Monate nach den Ereignissen auf dem Maimont – von meiner seltsamen Erfahrung berichtete.

Dass daraus nach dem tibetisch-buddhistischen Schamanen-Ein-Mal-Eins folgt, dass dieses Opfer nicht ohne Konsequenzen für mein Leben bleiben würde, musste sie mir nicht sagen.

Das wusste ich auch so. Schließlich war ich bereits seit ein paar Jahren ihre Schülerin.

Und wirklich geschahen nach dem Hexen-Opfer die seltsamsten Dinge!

Überraschende Begegnungen, unerwartete Ereignisse und erschütternde Einsichten reihten sich in einer Geschwindigkeit aneinander, dass ich aus dem Kopfschütteln und Händeringen nicht mehr herauskam!

Auch dieser Blog – gestartet im Februar 2023 – ist ein Produkt dieses überwältigenden Stroms von Lebensereignissen.

Der Blog und alles, was damit zusammenhing – und zusammenhängt – brachte mich von Leipzig nach Berlin. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Er katapultierte mich aus meinem verwunschenen Untermietzimmer in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Er ließ mich mit Wucht im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain aufschlagen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Ob all das, was in den zwei Jahren seit diesem Septembertag auf dem Mainmont geschah, den Naturgeistern des magischen Berges zu verdanken ist?

Mein Ego findet die Idee komplett albern!

Meine Innere Stimme ist davon überzeugt, dass dem so ist! https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Geister-Gäste

Ich zelebriere ein Hexen-Opfer auf einem keltischen Opferstein – und werde mit erstaunlichen Besuchern konfrontiert…

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich Quadrille. https://www.water-runs-east.eu/barock/

Mit einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Die zelebriert regelmäßig Hexen-Opferfeste auf keltischen Opfersteinen. Von denen gibt es im Thüringer Harz mehrere. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Ein paar Wochen nach dem Ball bin ich bei einer Freundin in Rheinland-Pfalz zu Besuch. Durch Zufall erfahre ich von ihr, dass sich auch im Pfälzer Wald ein keltischer Opferstein befindet.

Auf dem Maimont.

Am nächsten Tag machen wir uns auf dem Weg zum Berg – und zur keltischen Opferschale. Denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, dort ein Hexen-Opfer darzubringen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8731&preview=true

Als wir endlich an der Opferschale auf dem Hochplateau des Maimont angekommen sind, ist es bereits Mittag.

Der Stein reicht mir fast bis zur Hüfte. Er hat eine Länge von etwa zwei Metern und ist einen Meter breit. In der vorderen Hälfe befindet sich eine große Mulde. Von oben, finde ich, sieht diese „Opferschale“ aus wie ein Vogelkopf.

Der große Stein ist geborsten. Wie der Riss, der sich quer durch die Vertiefung zieht, entstanden ist, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob der Stein schon seit vielen Jahrhunderten beschädigt ist, oder der Sprung jüngeren Datums ist.

Falls ein Wissenschaftler die Geheimnisse der keltischen Opferschale auf dem Maimont erforscht hat, hat er seine Erkenntnisse nicht online gestellt. Google weiß nichts über den Opferstein.

Was schade ist.

Während ich die Opfergaben für das Hexen-Ritual aus meinem Rucksack hole, frage ich mich, ob der Stein schon immer hier gewesen ist, oder ob ihn die keltischen Erbauer der Ringanlage von irgendwo hierher geschafft haben?

Wurde er wirklich für Opferrituale benutzt, so wie das bei den Opferschalen im Harz der Fall ist? Zumindest hat mir das die Hexe erzählt. Ich habe keine Ahnung, ob ihre Geschichten historisch korrekt sind.

Egal.

Geträulich befolge ich die Anweisungen der Hexe, die sie mir gestern über Messenger hat zukommen lassen. Vorsichtig platziere ich Rosen, Lavendel, Weintrauben und einen Apfel in der Opferschale und komme mir albern dabei vor.

Glücklicherweise sieht mir nur meine Freundin bei den Vorbereitungen zu. Die hat es sich auf einem Felsen nicht weit von mir gemütlich gemacht und Tee und belegte Brote ausgepackt.

Obwohl ein Wanderweg direkt am Opferstein vorbeiführt, scheinen wir alleine auf der Hochebene zu sein.

Um uns herrscht tiefe Stille.

Nachdem ich das Opfer so appetitlich als möglich in der Schale angerichtet habe, kommt das wichtigste: Das Räucherstäbchen!

Vorsichtig platziere ich ein edles japanisches Stäbchen in einem kleinen Halter auf dem Rand des Opfersteins und zünde es an.

So hat mir das die Hexe erklärt.

Und, dass ich an der Opferschale ausharren müsse, bis das Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt ist! Sonst wäre es kein „gültiges“ Opfer!

Als ich heute morgen vor dem Aufbruch noch einmal die Anweisungen für das Opfer überflog, hatte ich spontan meine Mala eingesteckt.

Denn mir war eine Idee gekommen: Während der halben Stunde, die es dauert, bis das Räucherwerk verglüht ist, konnte ich mein Mantra rezitieren, anstatt untätig herumzusitzen!

Jetzt lasse ich mich gegenüber des Räucherstäbchens auf der anderen Seite der Opferschale auf dem Felsen nieder und hole die tibetische Gebetskette mit ihren 108 Perlen aus meiner Jackentasche.

Während der feine Rauchfaden des Räucherstäbchens in den Himmel steigt, rezitiere ich mein Vajra-Armor-Mantra. Das ist magisch und speziell. Ich habe es von meiner Khandro – meiner tibetischen Lehrerin – bekommen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8782&preview=true

Auf einmal ist mir, als würde es schlagartig kühler. War mir noch vor wenigen Minuten in der warmen Herbstsonne angenehm war, beginne ich jetzt zu frieren.

Gleichzeitig glaube ich, die Tritte vieler Menschen wahrzunehmen. Von allen Seiten klingt das Rascheln von Laub zu mir herüber.

So kommt es mir vor – und gleichzeitig auch wieder nicht.

Da ist die vollkommene Stille auf dem – von der warmen Herbstsonne beschienenen – Hochplateau. Und zur selben Zeit die Kälte und die Geräusche.

Ich rezititere weiter konzentriert mein Mantra und starre dabei auf den zarten Rauchfaden des Räucherstäbchens – mit einem Mal glaube ich, in einiger Entfernung Gestalten zu erkennen.

Oder doch nicht?

Verwirrt hebe ich den Blick. Im Abstand von etwa zwanzig Metern um die Opferschale – so scheint es mir – stehen riesige Gestalten.

Eingehüllt in bodenlange fließende Gewänder, das lange Haar offen, die Bärte bis zur Brust reichend, stehen dicht an dicht Männer und Frauen. Sie wirken, als wären sie aus Eis gegossen.

Sie verströmen Klarheit – und Kälte.

Vor Schreck kippe ich beinahe vom Opferstein. Irgendwie gelingt es mir – vor Angst und Kälte mit den Zähnen klappernd – weiter mein Mantra zu rezitieren.

In einem Moment glaube ich, die Gestalten – es müssen mehrere hundert sein – klar zu erkennen. Im nächsten Moment bin ich mir sicher, dass ich mir das alles einbilde.

Sehe ich sie – oder ist das hier alles ein wilder Fiebertraum.

Schließlich ist das Räucherstäbchen heruntergebrannt. Als ich mit zitternden Fingern die Mala wieder in meine Jackentasche stecke, drehen sich die eisigen Gäste um und verschwinden innerhalb von Sekunden zwischen den Bäumen.

Von Minute zu Minute wird es auf dem Hochplateau wieder wärmer.

Irgenwo über mir ruft eine Krähe im Baumwipfel. Es ist, als würde ihr hartes Krächzen einen Zauber brechen.

Meine Freundin kommt zu mir. „Hast du das auch gehört?“

„Was denn?“

„Diese Schritte! Als ob viele Menschen hierher gekommen sind! Und diese Kälte! Was ist das nur gewesen?“

Ich habe keine Ahnung.

Nicht einmal davon, ob es mich beruhigt, dass meine Freundin ähnliches erlebt hat.

Vielleicht spinnen wir einfach beide gleichzeitig?

Nach meinem „Hexen-Opfer“ bin ich so erschöpft, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.

Die wenigen Kilometer bis zum Parkplatz bewältige ich nur mit Mühe. Am Auto angekommen, lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen und versuche, meinen Nerven zu beruhigen.

Ich stehe unter Schock, stelle ich fest.

Zweieinhalb Monate nach dem Hexen-Opfer auf dem Maimont treffe ich meine Khandro wieder. Das nächste Vajra Armor Retreat beginnt.

Endlich – nach mehr als zwei Jahren Pause wegen der Covid-Pandemie!

Ich erzähle der Khandro, dass ich das Vajra Armor Mantra an einem keltischen Opferstein rezitiert habe. Und dass daraufhin hunderte riesige Gestalten aufgetaucht sind. Geformt aus Eis.

Die Khandro verzieht keine Miene. „When they appear it implies that they accept the offer.“

„Who are they?“, frage ich sie.

„Natural spirits. The land lords of this montain.“

Vajra Armor

Ich nehme Zuflucht zu meiner Khandro und werde zur Buddhistin. Deshalb bekomme ich einen neuen Namen – und ein mächtiges Mantra…

Die Khandro hat ebenmäßige klare Gesichtszüge. Ihr blondes glattes Haar trägt sie im Zopf.

Sie spricht breites Amerikanisch.

Warum ich Zuflucht nehmen möchte, fragt sie mich.

Ich bin so nervös, dass ich mich hinterher nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.

Auch das Ritual – das sicher eine halbe Stunde dauert – erscheint mir im Rückblick wie ein verschwommener Traum: Die Khandro mit ihrem prächtigen goldenen Hut auf dem Kopf, die tibetischen Worte, die sie murmelt, die glänzende Vase mit der Pfauenfeder, die sie immer wieder über meinen Kopf schwenkt, bevor sie das Safran-Wasser auf meinen Scheitel tropfen lässt…

Nachdem das Ritual überstanden ist, bekomme ich meine „Taufurkunde“ in die Hand gedrückt. Darauf vermerkt: der Name meiner Lehrerin, das Datum des Tages meiner Zuflucht und mein neuer tibetischer Name: Pema.

Das bedeutet „Lotosblume“.

Ich muss der Khandro versprechen, 10.000 Mal das Zufluchtsgebet zu rezitieren.

Erst dann werde ich wirklich Buddhistin sein.

Praktischerweise ist das Zufluchtsgebet vorne auf dem Zettel abgedruckt. Denn es wird mehr als zwei Jahre dauern, bis ich dieses Versprechen eingelöst haben werde.

Und es wird ziemlich genauso lange dauern, bis ich innerlich für mich akzeptieren kann, dass ich wirklich Buddhistin bin.

Am 14. Oktober 2019 nahm ich Zuflucht. Die Covid-Pandemie, die ein paar Monate später das Leben lahmlegen würde, gewährte mir eine Atempause.

Denn ich hatte nicht Zuflucht genommen, weil ich Buddhistin werden wollte. Ich hatte Zuflucht genommen, weil ich das Mantra wollte.

Vajra Armor.

Am Abend nach meiner Zufluchtnahme beginnt das Vajra-Armor-Retreat.

„Das Mantra ist mächtig“, erklärt uns die Khandro. „Guru Rinpoche Padmasambhava extrahierte es im 8. Jahrhundert aus den hundert stärksten Mantras seiner Zeit. Es reinigt von karmischen Spuren, heilt und schützt.“

Damit es seine Kraft entfalten kann, ist ein intensiver Übungsweg auf vier Ebenen notwendig.

Und das Schweigen.

Auch im Traum.

Ich bin es gewohnt zu schweigen. In meinen Zen-Retreats darf ebenfalls nicht gesprochen werden. https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Bald lerne ich, dass das Schweigen des Mantra eine andere Qualität hat. Und dass ich viel weniger geübt bin, in Stille zu sein, als ich erwartet hatte.

Während der nächsten drei Tage muss ich zuverlässig Vormittags und Nachmittags zu den „Beichtterminen“ antreten und der Khandro auf kleinen Zetteln gestehen, dass ich wieder einmal gescheitert bin.

Ein unbedachter Laut, ein gemurmeltes Wort – schon ist das Schweigegebot gebrochen.

Am Morgen des zweiten Tages versuche ich, einen verzweifelt flatternden Schmetterling durch das schmale Toilettenfenster ins Freie zu scheuchen. Im konzentrierten Versuch, ihn unbeschadet hinauszubefördern, rutschen mir ein paar Worte heraus.

Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.

„Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“

Eine noch größere Herausforderung als der flatternde Bodhisattva sind die Nächte. Die seltsamen Rituale, das konzentrierte Schweigen, das Gefühl, mit einer Gruppe Fremder auf engem Raum eingesperrt zu sein, dazu das konzentrierte Rezitieren des Mantras von Morgens bis Abends – ich träume wie auf Speed und spreche in den Träumen wie ein Wasserfall.

Die Khandro scheint nicht erstaunt darüber zu sein.

Zur Wiedergutmachung muss ich Kerzen über Kerzen vor dem Altar anzünden, Niederwerfungen praktizieren und – die härteste aller Strafen – Mantras rezitieren, die ich nicht zählen darf.

10.000 am Tag müssen es sein. So lautet die Regel.

Eine unvorstellbare Zahl!

Ich brauche alleine bis zum Mittag des zweiten Tages des Retreats, bis ich das Vajra Armor Mantra auswendig kann.

Es ist lang und kompliziert.

Außerdem muss es korrekt betont werden, damit es seine Kraft entfalten kann. Die Khandro versammelt die Anfänger unter den Teilnehmern täglich zwei Mal um sich und singt mit uns das Mantra in verschiedenen Melodien. Das ist eine gute Übung.

Nach drei Durchgängen beherrsche ich das Mantra, aber ich bin elend langsam.

Die Fortgeschrittenen klingen wie Nähmaschinen, die Perlen der Malas gleiten durch ihre Finger, während sie das Mantra rezitieren.

Ich stolpere mit schwerer Zunge von Perle zu Perle. Für eine Mala brauche ich anfangs fast eine Stunde. Am zweiten Tag schaffe ich in der selben Zeit zwei Malas, am dritten Tag drei.

Die Mala hat 108 Perlen.

10.000 Mantras, das sind fast 91 Malas!

An einem Tag!

Ich schaffe nicht mal dreißig und häufe „Schulden“ über „Schulden“ an. Alle fehlenden Mantras muss ich nach dem Ende des Retreats Zuhause nachholen.

Mir wird ganz anders: Das hatte ich mir einfacher vorgestellt!

Um halb fünf Uhr am Morgen des vierten Tages versammeln wir uns in Dunkelheit und Kälte vor der Haustür. Der Geko trompetet auf der Muschel. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Die Khandro rezitiert, opfert und trommelt auf der Dachterrasse. Die Sangha wandert von Zaunpfosten zu Zaunpfosten und holt die Schnur ein, die das Haus während des Retreats symbolisch abgeschlossen hat.

Danach treten wir – einer nach dem anderen – vor der Khandro über die Schwelle. Damit ist das Schweigegelübde aufgehoben.

Noch vor der Morgendämmerung zelebrieren wir im Schreinraum das Opferritual – Tsock – denn es muss beendet werden, bevor die Sonne aufgeht.

Um kurz nach sechs Uhr sind wir durch. Es ist seltsam, so früh am Morgen Wein zu trinken und Chips zu essen.

Noch seltsamer ist es, wieder sprechen zu dürfen. Es kostet mich gehörige Überwindung, mich an den Gesprächen zu beteiligen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.

Wir haben einen Tag Pause, danach wird es weitergehen. Ich bin auch für den zweiten Durchgang des Retreats angemeldet.

Maimont

Der Berg in den Vogesen ist ein geschichtsträchtiger Ort, um den sich wilde Sagen ranken…

Auf einem Barockballs in der Sächsischen Provinz mache ich die Bekanntschaft einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696&preview=true

Eine so seltsame wie bereichernde Begegnung.

Einem Facebook-Post dieser Hexe verdanke ich, dass ich von der keltischen Opferschale auf dem Maimont erfahre. https://www.water-runs-east.eu/?p=8711

Fünf Wochen nach dem Barockball.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu Besuch bei einer Freundin im Pfälzer Wald. Als ich der – gemütlich Abends auf ihrer Coach sitzend – mein Handy mit dem Post der Hexe aus dem Harz unter die Nase halte, identifiziert die den großen grauen Felsen, auf dem die Hexe ein Opfer darbringt, sofort als keltischen Opferstein!

Denn, im Gegensatz zu mir, kennt sie diese mystischen Steine.

Einer davon – erfahre ich von ihr – befindet sich nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Inmitten einer 2000 Jahre alten keltischen Ringanlage, die um den Gipfel eines Berges verläuft.

Dem Maimont.

Ich bin elektrisiert!

Inspiriert von den Fotos der Hexe auf Facebook, die stolz ihr Herbst-Tag-und-Nachtgleichen-Opfergaben auf einem keltischen Opferstein im Harz präsentiert, beschließen wir, ebenfalls ein „Hexen-Opfer“ darzubringen.

Denn: Wenn eine keltische Opferschale in erreichbarer Nähe ist, muss sie bespielt werden!

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Im Rucksack, den ich im Kofferraum des Auots meiner Freundin verstaue, befinden sich die Opfergaben.

Ich habe schlecht geschlafen. Was gestern Abend ein spontaner Scherz war, hat über Nacht existenzielle Bedeutung gewonnen.

Warum ist mir mit einem Mal, als ginge es bei dieser schrägen Opferung um Leben und Tod?

Ich bin mir selbst wieder einmal ein völliges Rätsel.

Meine seltsame Getriebenheit erscheint mir höchst albern. Beschämt über mich selbst bemühe ich mich, meine Freundin nichts davon spüren zu lassen.

Die parkt in Erwartung eines netten Ausflugs am Fuße des Maimont. Mit den Rucksäcken über den Schultern schlagen wir den Weg in Richtung „Gipfel“ ein. So steht es auf der Wandermarkierung.

„Anhöhe“, finde ich, träfe es besser. Der Maimont ist gerade einmal 518 Meter hoch. Eine halbe Stunde Wegzeit veranschlagt die Wandermarkierung bis zur Opferschale.

Weil ich nicht zu einer Bergwanderung aufgebrochen bin, sondern zu einem Opferritual, kommt mir das entgegen. Ich stürme die Forststraße hoch, als ginge es um ein Wettrennen.

Getrieben von dem Gedanken: „Ich MUSS da hoch!“

Nach einer Viertelstunde kommen wir an der Ruine einer Burg vorbei. Nur die Grundmauern und die Reste eines Turmes stehen noch. Die interessieren mich gerade nicht die Bohne.

Weil ich mir das nicht anmerken lassen möchte, folge ich der Freundin den Trampelpfad entlang zur Ruine.

Auf dem Weg dorthin berichtet sie mir, was sich die Einheimischen seit Generationen über die Burg erzählen:

„Der Sage nach existiert die Burg in zwei Zeitdimensionen. Es gibt einen Punkt am Gipfel des Maimont, von dem man einen direkten Blick hinunter auf die Ruine hat. An speziellen Tagen – so wird erzählt – sehen Menschen immer wieder nicht nur Steine und Geröll, sondern die unzerstörte Burg, in der mittelalterliches Leben herrscht! An diesen Tagen ist es gefährlich auf dem Maimont: Immer wieder verschwinden Menschen! Es heißt, sie wären versehentlich in diese andere Zeitdimension geraten und hunderte von Jahren in die Vergangenheit katapultiert worden, ohne jede Chance, wieder in ihre Zeit zurückzukehren!“

An normalen Tagen hätte ich diese Geschichte faszinierend gefunden.

Heute bin ich völlig auf die Opferschale fixiert.

Weil das so albern wie bizarr ist, folge ich zähneknirschend der Freundin in die Ruine, klettere hinter ihr auf die Turmreste, bewundere den Ausblick über das Elsass – und amte erleichtert auf, als wir wieder auf dem Hauptweg zum Gipfel stehen.

Jetzt stürme ich geradezu voran, die Freundin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten. Jäh werde ich von einem rot-weißen-Flatterband gestoppt. Dahinter: Ein großes Schild. „Betreten verboten! Lebensgefahr!“, lese ich.

“Stimmt! Das hatte ich ganz vergessen!“ Die Freundin ist neben mir zum Stehen gekommen. „Hier hat es letzte Woche gebrannt!“

Und wirklich: Den Steilhang hinauf, über den sich der Wanderweg in Serpentinen hochschlängelt, steht ein schwarz verkohlter Baumstamm neben dem anderen. Schwer hängt der Geruch verbrannten Holzes in der Luft.

Die Freundin packt umständlich die Wanderkarte aus. Ich muss mich beherrschen, sie nicht anzufahren. Ich muss SOFORT hinauf!

“Es gibt noch einen Wanderweg, der auf der französischen Seite hoch führt“, erklärt mir meine Freundin. Ihr Finger zeichnet einen großen Bogen auf der Karte. „Wir müssen da lang.“ Sie zeigt auf einen schmalen Pfad, der um den Berg herumführt.

Zähneknirschend laufe ich hinter ihr her.

Nach einiger Zeit stoßen wir auf eine Abzweigung. Endlich geht es wieder hoch zum Gipfel. Ich hetze den Weg hinauf.

“Schau!“, ruft die Freundin hinter mir. „Tibetische Gebetsfahnen!“ Ich drehe mich zu ihr um. Richtig! Einige Meter abseits vom Weg spannen sich bunte tibetische Gebetsfahnen über einer Felsformation. Ich war so absorbiert von der keltischen Opferschale, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte!

“Wer die wohl gespannt hat? Und warum ausgerechnet hier?“ Die Freundin, die wie ich tibetischen Buddhismus praktiziert, ist hingerissen von dem Ort.

Ich habe ihn schon wieder vergessen. Das einzige, das mich gerade interessiert, ist die keltische Opferschale!

Sollte die Freundin mein Verhalten seltsam finden, behält sie es für sich. Stumm klettert sie hinter mir den steilen Hang hinauf. Etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Hochplateau.

“Der Maimont hat zwei Gipfel. Der eine liegt auf der französischen, der andere auf er deutschen Seite“, referiert meine Freundin, während wir die Hochebene überqueren. „1940 fand hier eine verlustreiche Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der französischen Armee statt. Viele Soldaten sind gestorben.“

Das reißt mich kurz aus meiner Obsession. Eine seltsame Schwere scheint über der bewaldeten Hochebene zu liegen. Schweigend laufen wir hintereinander den schmalen Pfad entlang. Der endet an einem mächtigen Metallkreuz, das auf einer Felsnase montiert ist.

Das „Friedenskreuz“, das auf dem deutschen Gipfel des Maimont zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurde. Wir klettern die Trittleiter zum Denkmal hoch. Aus der Tiefe klingt das an- und abschwellende Rauschen einzelner Autos zu uns hoch. Die Häuser des Dorfes, das sich in das Tal schmiegt, sehen von hier oben aus wie Spielzeugklötze. Die bewaldeten Hänge, die sich dahinter erstrecken, leuchten schon in bunten Herbstfarben.

Kurz bin ich von dem friedlichen Ausblick gefangen, dann fällt mich wieder der Gedanke an die Opferschale an.

„Wir müssen weiter!“

Gehorsam klettert meine Freundin hinter mir die Trittleiter hinunter.

„Wo ist der Opferstein?“, frage ich sie ungeduldig. Der Weg, dem wir den Berg hoch gefolgt sind, endet am Friedenskreuz.

Die Freundin sucht auf der Wanderkarte. Der Opferstein ist nicht eingezeichnet. Sie ruft die Wander-App auf. Auch die kennt keine keltische Opferschale.

Jetzt werde ich hysterisch: „Ich MUSS da hin!“

„Wir finden sie schon!“, beruhigt mich die Freundin. „Sie muss irgendwo da drüben sein!“

Jetzt trabe ich hinter ihr her. Quer über die Hochebene, dann erst einen steilen Hang hinunter und danach einen weiteren hoch.

Wir waten durch raschelndes Laub, um uns segeln Blätter zu Boden. Der schrille Ruf eines Bussards dringt durch die dichten Äste zu uns hinunter.

Hinter seinem Schrei steht die Stille wie eine Wand. Es ist, als wären wir mit einem Mal vollkommend alleine auf diesem seltsamen Berg.

Auf einmal fällt mir die Sage über die zwei Zeitdimensionen wieder ein. Was, wenn heute gerade einer dieser Tage ist, an denen die Tür zwischen Gegenwart und Vergangenheit offen steht und wir uns auf einmal im Mittelalter wiederfinden?

„Wir könnten uns noch nicht mal verständigen!“, erkläre ich voller Furcht der Freundin. „Wir können weder Althochdeutsch noch Latein.“

„Ich habe das große Latinum“, antwortet sie gedankenverloren, während sie sich zu orientieren versucht. „Schau! Da oben ist die Wallanlage!“

Richtig: Der Hang, den wir gerade hochklettern, wird von einer langgezogenen Erhöhung umschlossen.

Als wir dort ankommen, muss ich erst einmal Luft holen. Die keltische Verteidigungsanlage – ein etwa zwei Meter hoher Wall, der in einem großen Bogen über das Plateau verläuft – ist auch nach 2000 Jahre deutlich zu erkennen.

„Dort ist der Opferstein!“ Die Freundin weist auf einen großen roten Felsen, nicht weit vom Wall entfernt.

Endlich!

Ich renne auf den Stein zu, als ginge es um mein Leben.

Hexenopfer

Inspiriert von einem keltischen Tages-und-Nachtgleichen-Ritual im Thüringer Harz fasse ich einen spontanen Beschluss…

Am 23. September – einen Monat, nachdem ich auf dem Barockball in der sächsischen Provinz eine echte Hexe kennengelernt habe – mache ich mich wieder auf die Reise. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696

Nicht in den Harz, wo die Hexe wohnt, sondern in den Pfälzer Wald. Die Dharma-Schwester, die ich dort besuche, lebt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt in einem zweihundert Jahre alten Bauernhof.

Nachdem wir es uns am Abend auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, erzähle ich der Freundin vom Barockball.

Und von der Frau, mit der ich dort getanzt habe. Die nicht nur aussieht wie eine Hexe, sondern wahrhaftig eine ist!

Ich rufe den Facebook-Account meiner neuen Bekanntschaft auf, um ihr Profilbild zu präsentieren.

“Schau dir das an!“ Ich halte meiner Freundin das Handy unter die Nase. „Was sagst du dazu?“

Die Hexe aus dem Harz hat heute Morgen ein Foto gepostet: Ein grauer Felsen, auf dem sie kunstvoll Blumen, Obst und Kerzen drapiert hat. „Herzlicher Mabon!“ steht darunter.

Was ist „Mabon“?

Google weiß Rat: Es handelt sich um die Herbst-Tages-und-Nacht-Gleiche, die heute gefeiert wird, lese ich meiner Freundin vor.

Am Tag nach dem Barockball hat mir die Hexe auf der gemeinsamen Rückfahrt nach Leipzig von diesen keltischen Ritualen erzählt. Die praktiziert sie immer an original keltischen Opfersteinen. Von denen, hat sie mir erklärt, gibt es im Harz mehrere.

Bei dem Felsen auf dem Foto muss es sich demnach um einen dieser seltsamen Opfersteine handeln.

Meine Freundin betrachtet interessiert das Foto. „So einen haben wir hier auch!“

Ich falle beinahe vom Sofa. „Im Ernst?“ Ich kann mich nicht entsinnen, jemals in meinem Leben auf einen keltischen Opferstein getroffen zu sein.

Und auf einmal ist unversehens einer um die Ecke!

Wenn es einen Opferstein gibt – beschließe ich umgehend – muss er auch genutzt werden!

Nur wie?

Meine Dharma-Freundin und ich haben schon öfter an tibetisch-buddhistischen Opferritualen teilgenommen. Aber ohne Lama eines an einem keltischen Opferstein durchführen?

Das trauen wir uns beide nicht zu.

Dann muss es eben nach Hexen-Art gehen!

Netterweise lässt uns die Hexe aus dem Harz, die ich über Messenger anschreibe, detaillierte Anweisungen zukommen.

„Die Schale des Opfersteins“, lese ich meiner Freundin vor, „muss mit Rosen, Lavendel, Äpfeln und Weintrauben gefüllt werden. Davor werden Kerzen platziert. Für das Ritual werden Räucherstäbchen angezündet. Der Opferstein darf erst verlassen werden, wenn die Räucherstäbchen niedergebrannt sind.“

“So einfach?“, fragt meine Freundin ungläubig.

Tibetisch-Buddhistische Opferrituale sind erheblich anspruchsvoller.

“Ist doch gut so. Das bekommen wir auf alle Fälle hin!“ Ich bin entzückt von der Idee, am nächsten Tag ein Hexen-Ritual an einem original keltischen Opferstein abhalten zu dürfen. Egal, wie unterkomplex das aus Vajrayana-Perspektive auch sein mag.

Und wirklich – stellt sich am nächsten Morgen heraus – hat meine Freundin alles, was benötigt wird, vorrätig: Äpfel und Weintrauben, Rosen und Lavendel wachsen in ihrem Garten. Räucherstäbchen hat sie als gläubige Buddhistin schachtelweise im Schrank. Und zwei Teelichter in Gläsern finden sich auch.

Ich packe alles in meinen Rucksack, dann brechen wir auf.

Hexe

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich mit einer Hexe aus dem Harz Quadrille…

Am Morgen weckt mich das Summen einer Fliege. Schlaftrunken versuche ich, mich zu orientieren: Die staubigen Fenstern sind von Efeu überwuchert. Über der fleckigen Matratze, die an der Wand lehnt, hängt mein rotes Samtkleid.

Richtig! Ich bin in einem sächsischen Schloss. Heute Abend wird der Barockball stattfinden! https://www.water-runs-east.eu/?p=8648

Ich tappe die schmale Stiege hinunter, drehe den riesigen Eisenschlüssel im Schloss und trete auf den Innenhof. Die frühe Morgensonne lässt den Kies leuchten. In den Zweigen der Kastanien singen Vögel.

Ich lasse die Gebäude hinter mir und folge dem schmalen Pfad in den Schlosspark. Das Knirschen meiner Schritte im Kies klingt unnatürlich laut in der Stille. Am Ufer des verschlammten Weihers lasse ich mich im feuchten Gras nieder und verrichte meine Morgenmeditation.

In gelassenem Gleichmut kehre ich eine Dreiviertelstunde später wieder zum Schloss zurück.

Im Stillen bete ich darum, dass mich diese Geisteshaltung heute nicht verlassen wird. Denn mir steht eine harte Bewährungsprobe bevor: Ich muss einen Barockball überleben.

Mit sämtlichen Vorbereitungen: Und die sind aufwendig!

Beim Frühstück im Innenhof des Schlosses erfahre ich von den anderen Gästen, dass diese mehrere Stunden für das Ankleiden und Frisieren einplanen. Alleine die Unterkleider anzuziehen, wäre echte Arbeit, wird mir erklärt.

Mein frisch herbei meditierter Gleichmut gerät sofort ins Wanken. Ich habe nicht mal einen Unterrock dabei! Und mehr als Haare hochstecken ist auch nicht drin! Ich kann – mangels einer Dusche – noch nicht mal duschen!

„Es ist, wie es ist!“, ermahnt mich meine Innere Stimme. „Genieß den Tag und erfreue dich an dem, was du hast!“

Um fünf Uhr Abends lege ich mein Buch zur Seite, verabschiede mich von den Fröschen des Weihers, die mich mit ihrem Gequake den Tag über unterhalten haben, und steige die Stiege zum Pilgerzimmer hinauf.

Nach einer Katzenwäsche schlüpfe ich in mein Rokoko-Kleid. Das reicht bis zum Boden und ist aus dickem rotem Samt genäht. Obwohl es schon auf den Abend zugeht, hat es draußen immer noch dreiundreißig Grad. Ich habe noch nicht einmal den Reißverschluss auf dem Rücken zugezogen, da ist mir schon zu heiß. „Was für ein Glück,“ denke ich bei mir, „dass ich nicht auch noch Unterröcke tragen muss!“

Vor dem winzigen fleckigen Spiegel im Badezimmer stecke ich mir irgendwie die Haare hoch. Die Haarnadeln mit den Perlen habe ich im Brautmodeladen besorgt. Noch ein bisschen Rouge und Lippenstift, dann bin ich fertig für den Ball.

Unten im Hof flanieren schon die ersten Gäste. Die sehen atemberaubend aus! Die Damen tragen prächtige Barockroben, dazu aufwendigen Kopfputz in den hohen Perücken. Die Herren stecken in Samt und Seide, der Dreizack sitzt perfekt auf den gepuderten Perücken.

Ich wandere von Gruppe zu Gruppe, bewundere ausführlich die liebevollen Details und bin entzückt von der Gesellschaft, in die ich geraten bin.

Die erfreut sich an meiner Begeisterung und sieht mir großmütig meine Minimalkostümierung nach. Es scheint ausreichend zu sein, dass ich mir Mühe gegeben habe.

Eine Frau nimmt mich zur Seite und steckt mir kunstvoll das Haar hoch. Dass ich mich glücklich schätzen könne, so lange und dicke Haare zu haben, erklärt sie mir. Die meisten hier müssten bei diesen Temperaturen Perücken tragen, weil die Natur ihnen gegenüber weniger großzügig gewesen ist.

Nach einem gemeinsamen Flanieren – und Fotografieren – im Schlosspark wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Dass ist gut-bürgerlich und nicht höfisch, aber alles andere wäre zu teuer. Schließlich speist hier nicht der echte Hochadel, sondern eher die untere Mittelschicht.

Nach dem Dessert wandern wir eine Etage höher in den Schlosssaal. Dort findet die Audienz statt.

Jeder der Gäste wird vom Zeremonienmeister namentlich aufgerufen. Mit dem Adelsnamen. Den musste man mit der Anmeldung einreichen. Den meinen hatte ich mühsam online recherchiert und – nachdem ich ihn in der Mail niedergeschrieben hatte – sofort wieder vergessen.

Deshalb realisiere ich nicht, dass diese Freifrau von sowieso, die jetzt ausgerufen wird, mein adeliges Alias ist. Glücklicherweise nehmen die Umstehenden die Sache ernster als ich. Gleich mehrere wissen, im Gegensatz zu mir, wie ich heute Abend heiße!

Jemand packt mich am Ellenbogen und schiebt mich energisch aus dem Pulk vor den Vorsitzenden des Vereins, der heute Abend als „seine Majestät“ fungiert.

Ich bekomme irgendwie einen halben Hofknicks hin und bringe mich – tiefrot vor Scham – wieder in der Menge in Sicherheit.

Danach schaltet jemand die Stereoanlage ein. Beschwingte Barockmusik ertönt. Die Tanzmeisterin ruft „Polonaise!“, alle reihen sich in Paaren hinter seiner Majestät und dessen Ehefrau auf und dann ziehen wir im Wechselschritt durch den Saal.

Die ersten Tänze, die danach kommen, bringe ich erstaunlich gut über die Bühne. Während ich zwei Schritte nach links und einen nach rechts mache, mich zwischendurch um die eigene Achse drehe und in den Knien wiege, beobachte ich fasziniert eine Frau in einer prächtigen silbernen Robe, die neben mir tanzt. Sie hat dickes braunes Haar, eine große Nase, viele Sommersprossen – und sieht wahrhaftig aus, wie eine Hexe!

In einer Pause komme ich auf dem Balkon neben dem Ballsaal mit ihr ins Gespräch. Sie sieht nicht nur aus wie eine Hexe – stellt sich heraus – sie IST doch wahrhaftig eine Hexe.

Eine echte Hexe aus dem Harz!

Die letzten Tänze darf ich mit der Hexe aus dem Harz tanzen. Die kann das so gut – und führt mich so energisch – dass ich auch die anspruchsvollen Schrittfolgen in Würde hinter mich bringe.

Der Ball, stelle ich fest, als ich um zwei Uhr morgens im Pilgerzimmer in meinen Schlafsack krieche, war ein voller Erfolg! Nur selten in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in dieser Nacht!

Und dann habe ich auch noch eine echte Hexe kennengelernt.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück packt mich die Hexe in ihr Auto und fährt mich nach Hause. Leipzig liegt auf ihrem Weg und wir haben uns einiges zu erzählen.

Sie wäre auf Facebook zu finden, teilt sie mir zum Abschied mit. Wenn ich möchte, könne ich sie gerne einmal besuchen kommen.

Barock

Ich unternehme eine Zeitreise von 400 Jahren und versuche, Quadrille zu tanzen…

Zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, machte ich mich auf den Weg in die Sächsische Provinz.

Irgendwo hinter Dresden öffnete der Regionalzug seine Türen und entließ mich in den heißen Augusttag. Gegen meine Gewohnheit zog ich einen laut ratternden Rollkoffer hinter mir her.

In der gleißenden Sonne an einem Jägerzaun lehnend und beäugt von verblichenen Gartenzwergen, wartete ich auf den Bus.

Der kam pünktlich. Ein paar Haltestellen weiter entließ er mich vor einem Schloss.

Das war etwas in die Jahre gekommen, stellte ich fest, als ich, den Rollkoffer hinter mir herziehend, durch das Tor in den Innenhof trat.

Von den Hausmauern blätterte der Putz. Den Holzfenstern und Türen hätte ein neuer Anstrich gut getan.

Während ich mich umsah, schoss ein runder Herr in kurzen Hosen aus dem Eingangsportal. Der Veranstalter, stellte sich heraus. Er begrüßte mich herzlich in breitem Sächsisch und führte mich zu meinem Schlafplatz – einem Pilgerzimmer über der Scheune.

Das war spartanisch eingerichtet, aber ideal für mich. Auto-los wie ich war, musste ich im Schloss übernachten. Die Hotels im Umkreis waren mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht erreichbar.

Zumindest Nachts. Wenn der Ball zu Ende war.

Denn in diesem Schloss würde morgen ein Barockball stattfinden. An dem ich unbedingt teilnehmen musste. Schließlich schrieb ich gerade ein Buch, indem genau ein solcher Barockball die Schlüsselzsene bildete.

Damit die so authentisch wie möglich gestaltet war, musste die Autorin des Werks einen erleben, hatte ich beschlossen.

Das ist in Sachsen nicht schwer: Im Verborgenen blüht und gedeiht eine bunte Szene, die sich der Barockmusik und dem Barocktanz verschrieben hat. Und genug Schlösser für solche Veranstaltungen gibt es auch.

Bereits im Mai hatte ich mich für diesen hier angemeldet. Die Suche nach einem einigermaßen passenden Kleid beschäftigte mich über Wochen. Barock – lernte ich – ist kompliziert. Die handgenähten Kleider sind teuer. Gebrauchte Kleider wurden zwar auf E-Bay angeboten, aber nie in meiner Größe. Barockenthusiasten – so schien es – tendieren zur Üppigkeit.

Schließlich ergatterte ich ein günstiges Rokoko-Kleid. Es stammte aus einem Theater und war lediglich milde historisch. Roter Samt und goldene Rüschen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Kostümierung den Ansprüchen genügen würde.

Nachdem ich mein Ballkleid aus dem Koffer geholt und zum Entknittern über eine, an die Wand gelehnte, alte Matratze gespannt hatte, stieg ich die schmale Stiege wieder hinunter. Der Türstock zum Hof war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste, um hindurch zu kommen.

Außer mir schienen sich alle, die sich im schattigen. Schlosshof auf den Bierbänken niederließen, zu kennen. Bei jedem Neuankömmling gab es ein großes „Hallo“.

Ich wurde neugierig beäugt. Dass ich die angebotene Bratwurst zurückwies, löste Irritation aus. Vegetarier war man erkennbar nicht gewohnt. Umgekehrt war ich irritiert von der Selbstverständlichkeit, mit der rassistische und rechte Sprüche geklopft wurden. Offensichtlich ohne böse Hintergedanken. Das schien einfach die Art und Weise zu sein, wie man sich hier unterhielt.

Dass ich Bücher schreibe, behielt ich für mich. Wie immer. Neue Bekanntschaften reagieren häufig besorgt, sie könnten sich ungewollt in meinen Geschichten wiederfinden. Meine Zusicherung, in meinen Texten alle Personen zu anonymisieren, beruhigt die wenigsten.

Nach dem Abendessen versammelten sich die Gäste im Schlosssaal. Alle Fenster standen offen. Vom Weiher strich eine kühle Brise herein. Der Schweiß lief trotzdem in Strömen. Denn die Tanzmeisterin, eine kleine drahtige Frau mit kräftiger Stimme, jagte uns energisch durch sämtliche Figuren, die für den morgigen Ball geplant waren.

Nachdem ich in meinem Ungeschick mehrere Karambolagen verursacht hatte, wurde mir zu meiner Erleichterung ein kompetenter Tanzpartner zugewiesen. Der schob mich mit eisernem Griff von Schrittfolge zu Schrittfolge. Als wir mit der Generalprobe durch waren, bedankte ich mich bei seiner Frau, dass sie ihn mir so großzügig überlassen hatte.

Morgen würde ich ohne ihn auskommen müssen.

Um Mitternacht verschwanden die anderen Gäste in Richtung Parkplatz.

Ich zog die alte Holztür hinter mir zu und drehte den mächtigen Schlüssel im Schloss, bevor ich wieder die schmale Stiege zum Pilgerzimmer hochstieg. Im Licht einer matten Glühbirne putzte ich mir in der winzigen Toilette die Zähne. Dusche gab es keine, ich beschränkte mich auf eine Katzenwäsche am Waschbecken.

In der Kammer strich ich noch einmal mein Samtkleid glatt, bevor ich in meinen Schlafsack kroch.

Während des Einschlafens versuchte ich, mir die einzelnen Tänze mit ihren Schrittfolgen ins Gedächtnis zu rufen. Mir war bang! Die Chancen standen gut, dass ich mich beim morgigen Ball bis auf die Knochen blamieren würde…

Pläne

In der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg stehen die Zeichen auf Umbruch und Erneuerung…

Eine Woche lang habe ich mich – 500 Kilometer von Berlin entfernt – in der Kunst der Zen-Meditation geübt. https://www.water-runs-east.eu/morgendaemmerung/

Während ich in Schweigen und „Nichts-Tun“ verharrte, war Esther in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg von Morgens bis Abends beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Denn wir haben große Pläne!

Ab September wird die Spirituelle WG mehr sein, als ein privates Wohnprojekt.

Sie wird zum „Zentrum für Praktische Spiritualität“!

Etwas, was weder Esther noch ich im Sinn hatten, als ich Anfang März in das Townhouse am Prenzlauer Berg zog.

Ziel war ein privates Wohnprojekt, dass uns beiden – und ein bis zwei weiteren Personen, die bis dato noch nicht gefunden sind – einen gemeinsamen spirituellen Alltag ermöglichen sollte.

Das haben wir in den letzten Monaten richtig gut hinbekommen!

Zu Beginn unseres gemeinsamen WG-Lebens betete Esther im ersten Stock, während ich unter dem Dach meditierte und mein Rauchopfer darbrachte. https://www.water-runs-east.eu/arbeitsteilung/

Nach einigen Wochen und vielen intensiven Gesprächen funktionierten wir Anfang Juni ein Zimmer zum provisorischen Meditationsraum um. Wir begannen, dort täglich eine Stunde lang gemeinsam zu meditieren.

Im Freundeskreis stieß unsere „Mini-Haus-Meditationsgruppe“ auf Begeisterung. Man wolle auch mitmachen, wurde uns gesagt.

Deshalb starteten wir Anfang Juli eine abendliche Sitzgruppe. Jeden Donnerstag ab 19.30 Uhr kann sich jeder, der Lust hat, bei uns im Meditationsraum in der Kunst des Zazen und Kinhin üben. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/

Sitzen und Atmen. Gehen und Atmen.

That´s it.

Das Angebot kommt erstaunlich gut an.

Religionsübergreifend!

Sowohl aus Esthers Evangelikaler Gemeinde wie aus meiner Tibetisch-Buddhistischen Sangha kommen Freunde, um mit uns gemeinsam zu meditieren.

Wie gut die Stille täte, wird uns gesagt. Und wie schön es wäre, mit Gleichgesinnten zu praktizieren und sich hinterher austauschen zu können.

Denn nach der Meditation gibt es Tee und Gespräche.

Dass es ein so großes Bedürfnis nach gemeinsamer spiritueller Praxis im Alltag gibt, war uns nicht bewusst. Und auch nicht, dass die Sehnsucht nach Austausch darüber so intensiv ist.

Deshalb soll die Spirituelle WG ein Ort werden, an dem sich alle – und nicht nur ihre Bewohner – in der Kunst praktischer Spiritualität üben können.

So viel wissen Esther und ich.

Wie das Programm unseres Zentrums – jenseits der Meditationsgruppe – gestaltet sein wird, liegt noch im Dunkeln.

Denn Esther und ich sind intuitiv. Während wir Wände streichen, mit den Tücken der Homepage-Gestaltung kämpfen und lange Gespräche führen, warten wir auf überraschende Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/nachricht/

Und auf Impulse von Außen.

Für Esther ist das die „Führung des Göttlichen“. Für mich ist es „Karma“.

Wie immer man die Wunder des Alltags nennt: Wir werden ihnen die Tür der Spirituellen WG öffnen und sie willkommen heißen.

Und dann werden wir sehen, was geschieht…

Throma Nagmo

Die schwarze Göttin des Todes und der Begräbnisstätten hält Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Fast eineinhalb Jahre sind vergangen, seit ich die Einweihung für Throma – die tibetisch-buddhistische Praxis der zornvollen Göttin des Todes – erhielt. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Uriel hatte mich damals eingeladen, in seinem Retreathaus am Ende der Welt an einem sehr speziellen Retreat teilzunehmen. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

In Sanskrit lautet der Name der Göttin der Friedhöfe und Verbrennungsstätten „Krodhi Kali“. Die Tibeter nennen sie „Throma Nagmo“.

Sie repräsentiert die dunkle Seite des Lebens: Vernichtung, Tod, Zerstörung.

In der tibetisch-buddhistischen Throma-Praxis wird diese zornvoll-destruktive Energie gereinigt und zum Wohle aller fühlenden Wesen nutzbar gemacht.

Thorma gehört zu den anspruchsvollsten tibetisch-buddhistischen Praktiken, die mit der Visualisierung einer Buddha-Emanation arbeiten. Die Sadhana – der uralte Praxis-Text – ist lang und kompliziert. Der Einsatz der Musikinstrumente – Glocke und Handtrommel – anspruchsvoll.

Die Energie, die – durch die visualisierten Bilder, den Gesang, die Musik und die Rezitation des Mantras der Throma Nagmo – freigesetzt wird, ist schwer auszuhalten.

Throma Nagmo ist der Inbegriff aller Urängste.

Deshalb störte es mich nicht wirklich, dass ich – nachdem das erste Throma-Retreat überlebt war – nicht mehr mit der zornvollen Göttin des Todes in Berührung kam.

Obwohl ich ihr einen Schwur geleistet hatte!

Allerdings, ohne dass mir dies in diesem Moment bewusst gewesen war. Denn der liebenswerte nepalesische Lama, der mir die Einweihung und Übertragung für Throma gab, tat dies – wie es im Tantra Tradition ist – in Tibetisch.

Während der Zeremonie hatte ich den tibetischen Text vorschriftsmäßig mit ihm gemeinsam rezitiert. Allerdings hatte ich nur die Lautschrift gelesen, die unter den tibetischen Schriftzeichen stand. Ohne zu verstehen, was ich da eigentlich sagte.

Um mir gleichzeitig auch noch die englische Übersetzung durchzulesen, rezitierte der nepalesische Lama viel zu schnell.

Als das Zeremoniell vorbei war, nahm mich Uriel zu Seite. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass du einen Schwur geleistet hast?“, fragte er mich.

Ich schaute ihn blöde an: „Habe ich das?“

Er nickte ernst: „Du hast gerade eben das Gelübde abgelegt, dass Du Throma Nagmo immer ehren und ihr folgen wirst.“

Um seine Mundwinkel zuckte es: „Im Zufluchts-Text steht: Solltest du diesen Schwur brechen, wird ein zornvoller Beschützer der Throma Nagmo deine Halsschlagader mit seinen Zähnen und Klauen zerreissen und du wirst verbluten.“

Aha.

Gloomy prospects.

Aber jetzt war es passiert. Schwur war Schwur. Und Tantra-Schwüre sind noch einmal eine Kategorie für sich.

Am Ende des Retreats im März 2023 in Uriels Mühle wurde die Sache mit Throma für mich noch einmal komplizierter!

Als wir uns alle voneinander verabschiedeten, fragte ich den nepalesischen Lama, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich den zornvollen Gott Vajrakilaya zu meiner Hauptpraxis machen würde? https://www.water-runs-east.eu/vajrakilaya/

Nach anfänglichem Widerstand hatte ich mich in den blauen zornvollen Gott mit den acht Armen, den drei Köpfen und den Flügeln verliebt. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/

Die mächtige Buddha-Emanation Vajrakilaya – beschloss ich – sollte meine Hauptpraxis werden!

Denn jeder, der tibetisch-buddhistisches Tantra praktiziert, braucht eine Praxis, die er über einen langen Zeitraum täglich ausführt.

Für mich war nach dem Retreat klar: Was gibt es schöneres, als mit diesem coolen blauen Gott meine Tage zu verbringen? https://www.water-runs-east.eu/punktlandung/

Zu meiner Enttäuschung schüttelte der kleine runde Lama entschieden den Kopf, als er mein Ansinnen vernahm.

„No, no!“, erklärte er mir freundlich, aber unerbittlich, „your pracitce is Throma!“

Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen!

Aber was der Lama sagt, gilt! Tibetisch-buddhistisches Tantra ist kein Gemischtwarenladen, indem man aus dem Regal nimmt, was am appetitlichsten aussieht. Es ist der Weg zur Erleuchtung.

Welche Praxis dem individuellen Schüler den Weg dorthin weißt, bestimmt der Lehrer. Er verschreibt die Sadhana wie eine Medizin.

Ich beugte mich also meinem Schicksal und versprach, in Zukunft Throma zu praktizieren.

Allerdings kam dann alles anders als geplant. In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert.

Eine Seltsamkeit jagte die nächste. Wunder geschahen am laufenden Band.

Erfreuliche Wunder – und solche, die sich erst im Rückblick als positiv herausstellten.

Die Verkettung dieser schrägen Geschehnisse hinderten mich daran, weiterhin Throma Nagmo zu huldigen.

Dafür brachten sie mich in das tibetisch-buddhistische Zentrum von Berlin-Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Und schnenkten mir eine andere Hauptpraxis:

Grüne Tara.

Die friedvollste, mütterlichste und angstbefreienste aller tibetisch-buddhistischen Sadhanas.

Das absolute Gegenteil von Throma Nagmo.

Innerlich atmete ich auf. „Ich würde ja gerne Throma praktizieren“, erklärte ich der zornvollen Göttin des Todes im Stillen, „aber, wie du siehst, geht es nicht! Kein Lehrer, keine Sangha – ich kann nichts dafür!“

Throma Nagmo schwieg.

Nachdem meine Halsschlagader unverletzt blieb und sich mein Leben in positiver Weise entwickelte, ging ich davon aus, dass die Göttin der Friedhöfe ein Einsehen mit mir hatte.

Vor drei Wochen – in der Nacht vom achten auf den neunten Juli – stellte sich heraus: Sie hat mir nur eine Pause gewährt.

Eineinhalb Jahre, in denen ich meine Angelegenheiten in einer Weise ordnen konnte, die meiner Throma-Praxis günstig sind.

Denn in jener Nacht tauchte sie wieder auf. Der Traum, in dem sie mir erschien, war so kraftvoll wie verstörend.

Als ich am nächsten Morgen das Internet aufrief, stand ich immer noch unter Schock. Ich brauchte nur fünf Minuten, um zu tun, was zu tun war.

Zehn Tage später wickelte ich die Statue der Throma Nagmo aus ihrer Plastik-Hülle. In der Versandbox entdeckte ich zwei Gratis-Packungen tibetischer Räucherstäbchen – „handmade“ – und eine bunte Postkarte: „Thank your for ordering!“, las ich. Und: „With best greatings from Nepal!“

Throma Nagmo ist wieder in mein Leben zurückgekehrt.

Am 19. Juli 2024 hielt sie Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg.

Sie ist ganz sicher nicht ohne Grund gekommen…

Sitzgruppe

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg öffnet sich – und transformiert zu einem Ort gemeinsamer Meditation…

Das schöne Townhouse am Prenzlauer Berg, in dem die Spirituelle WG zuhause ist, war schon immer ein Ort der Stille und des Gebets. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Weil es Esthers Heim ist.

Seit es erbaut wurde, betet sie dort. Für sich – und für alle, die in Not sind und sie um Hilfe bitten.

Anfang März dieses Jahres zog ich ein. Seitdem hat sich zur Energie von Esthers christlichem Gebet die Kraft buddhistischer Meditationspraxis gesellt. https://www.water-runs-east.eu/geheime-arbeitsteilung/

Das hat nichts mit uns zu tun.

Esthers Gebet und meine Meditation öffnen einfach nur Türen. Esther nennt das, was sich dahinter verbirgt: „Das Göttliche“. Für mich ist es „Buddha-Natur“. https://www.water-runs-east.eu/fuelle/

Zwei Namen von unendlich vielen. Wie alle anderen, die seit Anbeginn der Menschheit für diese Kraft gefunden wurden, sagen sie – nichts…

Klüger wäre es, darüber zu schweigen – und diese Energie selbst zu erleben.

Deshalb startete in der Spirituellen WG Anfang Juli ein Experiment:

Jeden Donnerstagabend findet im Meditationsraum des Hauses eine „Sitzgruppe“ statt.

Wir sind gerade in der „Erprobungsphase“. Es wurde noch keine offizielle Einladung ausgesprochen.

Den Sommer über wollen wir uns in der Anleitung der gemeinsamen Meditation üben. Ab September – so der Plan – kann kommen, wer mag, und mit uns meditieren.

Trotzdem beginnt sich der Raum langsam zu füllen. Donnerstag für Donnerstag findet sich jemand anders aus dem Freundeskreis ein.

Was uns glücklich macht.

Denn gemeinsam zu meditieren ist eine tolle Sache! Es ist viel schöner – und geht viel tiefer – als alleine zu praktizieren.

Man kann das auf verschiedene Weise tun. Wir praktizieren Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Wenn der Gongschlag verklingt und sich Stille über den Raum legt, kann jeder ganz bei sich sein: den eigenen Körper und den eigenen Atem spüren, dazu die unendliche Offenheit des Raums – und die Präsenz der anderen.

Man muss nicht miteinander sprechen, um zu erfahren, dass alles mit allem verbunden ist.

Es reicht, gemeinsam zu meditieren.

Dass ist die beglückende Weisheit, die Zen für alle bereithält, die sich auf diese Erfahrung einlassen wollen… https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Karawane

Ein Alptraum lässt mich um Hilfe bitten – und verschafft mir eine unerwartete Einladung zu einem exotischen Retreat…

Ich befinde mich auf einer Anhöhe. Unter mir erstreckt sich ein schmales Tal. Zwischen den kahlen Bäumen hängt der Morgennebel.

Es ist eiskalt.

Während ich in die Stille des frühen Tages hineinlausche, wird mir bewusst, dass ich träume.

Totenruhe, denke ich.

Ich bin im Land der Toten.

Mein Blick folgt dem mäandernden Lauf des Baches, der die Felder durchschneidet. Auf der gegenüberliegenden Uferseite führt eine schmale Straße entlang.

Bewegt sich dort etwas? Ich starre konzentriert auf die andere Seite des Flüßchens. Kein Zweifel: Dort drüben läuft eine Gruppe Menschen in meine Richtung.

Ich halte den Atem an: Das gedämpfte Knirschen des Kieses unter ihren Schritten dringt zu mir herüber. Es müssen viele sein.

Jetzt sind sie auf meiner Höhe angekommen. Zwischen den kahlen Zweigen der Uferbewachsung ziehen sie im Morgennebel an mir vorbei.

Eine Karawane von Toten.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht mein Traum ist.

Ich bin in einem fremden Gehirn gelandet! Dies ist der Traum eines Diktators, der im Schlaf seinen Opfern begegnet.

Damit wache ich auf.

Verstört und verängstigt! Was will mir dieser Traum sagen?

Dass der Auslöser für diese Traumbilder die Schatten der Toten aus dem zerbomten Nachbarhaus waren, die immer morgens zum Rauchopfer vor meiner Dachterrasse auftauchen, ist für mich klar. https://www.water-runs-east.eu/toten-tanz/

Aber warum lande ich im Traum in einem fremden Gehirn? Und auch noch in dem eines Tyrannen?

Waren das karmische Bilder? Seit ich regelmäßig tibetisches Tantra praktiziere, passieren die seltsamsten Dinge. Jahrelang habe ich die Erzählungen meiner Sangha-Brüder und -Schwestern über karmische Träume zurückgewiesen. Die Idee, man könne im Schlaf mit Erinnerungen aus früheren Leben konfrontiert werden, fand ich albern. Ich schwieg, wenn mir solche Geschichten zu Ohren kamen – und dachte mir meinen Teil.

Bis ich selbst mit einem solchen Traum konfrontiert wurde. Mitten im Retreat. Die Bilder waren von höchster Intensität und vollkommend realistisch. Obwohl Ort und Zeit der Handlung mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Nach dem Traum veränderte sich mein Leben. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Seitdem sehe ich die Sache mit den „Karmischen Träumen“ anders. Inzwischen halte ich es für möglich, im Schlaf Zugang zu vergangenen Leben zu finden.

„Und jetzt?“, frage ich mich, als ich nach dem Traum von der Toten-Karawane vor meinem Morgenkaffee sitze. „Was ist, wenn DU in einem früheren Leben dieser Diktator warst, der all diese armen Menschen auf dem Gewissen hat?“

Ein gruseliger Gedanke! Ich glaube es auch nicht wirklich, aber zu mindestens 25%…

„Throma!“, flüstert meine Innere Stimme in mein Ohr. „Du brauchst Throma!“

An die zornvolle Göttin des Todes und der Nacht – Throma Nagmo – habe ich schon länger nicht mehr gedacht. Dabei tanzte sie letztes Jahr über Monate in meinem Unterleib und brachte mein Leben gehörig durcheinander.

Throma ist die tibetisch-buddhistische Praxis der Friedhöfe, der Verbrennungsstätten – und der Toten. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

„Throma“, denke ich mir, „wäre vielleicht wirklich die passende Praxis für den Traum.“

Ich habe letztes Jahr im März in einem Retreat in der Mühle von Uriel Throma gelernt und auch die Übertragung – das Lung – des Lamas dafür erhalten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Aber die Praxis ist anspruchsvoll und ich habe sie seit dem Retreat nicht mehr geübt. Alleine bekomme ich das nie hin! https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-damaru-und-kangling/

Glücklicherweise war damals eine Frau bei dem Throma-Retreat dabei, die die Praxis gut beherrscht – und regelmäßig in Berlin ist. Ich habe ihre Telefonnummer. Nach dem Frühstück melde ich mich bei ihr und spreche mein Anliegen auf ihre Mail-Box:

Ich hätte heute Nacht von einer Karawane von Toten geträumt und bräuchte deshalb Throma. Ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir zu praktizieren, damit ich mich von negativem Karma reinigen kann?

Die Dharma-Schwester ist im übrigen Gynäkologin mit eigener Praxis. Keine ihrer dankbaren Patientinnen ahnt, dass die kluge Ärztin, die schon hunderte von Kindern ins Leben begleitet hat, in ihrer Freizeit eine Expertin der Todes-Göttin Throma Nagmo ist.

Am Nachmittag ruft mich die Dharma-Schwester zurück. Mit dem gemeinsamen Praktizieren sieht es schlecht aus, erfahre ich. Denn die Dharma-Schwester ist gerade sehr beschäftigt: Neben ihrer Arbeit muss sie auch noch für unsere Khandro ein Retreat organisieren. Nächsten Februar. In Berlin!

Khorde Rushen.

Ich fahre hoch: „Khorde Rushen?“

Das Retreat ist so berühmt wie rar. Jeder, der intensiv Tantra praktiziert, hört früher oder später wilde Geschichten darüber. Aber wahrhaftig an einem Khorde Rushen Retreat teilgenommen haben die wenigsten. Es ist schwierig umzusetzen und wird nur sehr selten angeboten.

Und auf einmal ist eines bei mir um die Ecke! Und wird von meiner amerikanischen Zufluchts-Lehrerin geleitet!

„Die Einladung müsste in den nächsten Tagen rausgehen,“ erklärt mir die Dharma-Schwester.

Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass sie mir eine Einladung schicken wird. Obwohl die diesmal nur an die Amerikaner aus der Sangha gehen wird. Die haben sich beschwert, dass immer nur Europäer in den Retreats der Khandro sitzen und sie nicht zum Zug kommen. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht in meinem E-Mail-Verteiler auf: Die Einladung zu Khorde Rushen! Druckfrisch!

Ich bin die erste, deren Name auf der Teilnehmerliste steht!

Der Traum wollte mir sagen, dass ich Khorde Rushen praktizieren muss, denke ich mir am Abend.

Es ging nicht um Throma! Ich muss mein negatives Karma mit Khorde Rushen reinigen…

Altar

Ein traditioneller Haus-Altar gehört zur Grundausstattung jedes Vajrayana-Praktizierenden…

Wer ernsthaft tibetischen Buddhismus praktiziert, verfügt über einen eigenen Haus-Altar.

Denn der gehört zu den Grundvoraussetzungen für die tägliche Praxis.

Deshalb haben alle aus meiner Sangha einen.

Außer mir.

Sieben Jahre lang habe ich Vajrayana praktiziert – ohne Altar!

Ein Skandal!

Weil meine Sangha-Schwestern und -Brüder wohlgeübt darin sind, „nicht über die Fehler und Irrtümer anderer zu sprechen“ – die dritte der „acht Wahrheiten“ des Buddha – bin ich trotzdem von Kritik verschont geblieben.

Das einzige, was ich erntete, wenn ich mich zu diesem Mangel bekannte – oder wenn jemand aus der Sangha zu Besuch kam und feststellte, dass bei mir etwas entscheidendes fehlte – waren hochgezogene Augenbrauen.

Anfangs war es einfach Unwissenheit. Ich stolperte in das tibetische Tantra, wie andere in eine schlecht gesicherte Kellerlucke.

Deshalb dauerte es einige Zeit, bis ich verstand, dass ein Altar nicht nur während der Seminare und Teachings, sondern auch Zuhause von Nöten ist.

Ich legte mir trotzdem keinen zu.

Eisern.

Denn mein stures Ego läuft jedesmal Amok, wenn es mit traditioneller tibetischer Ästhetik konfrontiert wird. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Mein Ego hasst die grellen Farben – und vor allem den ganzen Schnick-Schnack! All diese Schalen und Schälchen, Götter-Figuren und Figürchen, Wandbehänge und Devotonalien!

Dafür praktiziert mein Ego mit Leidenschaft Zen!

Zen ist klar.

Minimalistisch.

Alles in seiner Ästhetik – von der Gestaltung der Räume bis zu den berühmten Zen-Gärten – ist darauf ausgelegt, den Geist zur Ruhe zu bringen.

Ganz automatisch beginnt jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, um Zazen zu üben, seine Umgebung in einer Weise zu gestalten, die der Meditationspraxis gemäß ist. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Schrille Farben und intensive Gerüche werden – wenn sich Konzentration und Sinneswahrnehmungen durch die tägliche Praxis intensivieren – als störend empfunden.

Unordnung tut auf einmal weh.

Mehr und mehr wird spürbar, wie energieraubend Chaos ist.

Mit dem Ergebnis, dass ich seit Jahren nicht nur Zen praktiziere, sondern auch mein Leben danach ausrichte – und meiner Zen-Praxis gemäß wohne.

Die Idee, in meinem klaren, reduzierten, ordentlichen Zuhause einen traditionellen tibetisch-buddhistischen Altar mit all seinen Staubfängern aufzustellen, fand ich geradezu verstörend.

Dazu kam, dass ich – als Zen-Praktizierende – mit dem Konzept eines Altars grundsätzlich nichts anzufangen wusste!

Schließlich lehrte Rinzei: „Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha!“ https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Ich musste sieben Jahre tibetisches Tantra praktizieren, bis mir der Wert eines Haus-Altars bewusst wurde!

Seit drei Wochen besitze ich einen.

Und erfreue mich täglich an ihm.

Er passt wunderbar in mein Zen-Zimmer, finde ich…

Online-Lung

Wir bekommen die Ermächtigung für ein mehr als tausend Jahre altes tibetisch-buddhistisches Ritual via Zoom…

Um halb acht Uhr morgens stehe ich vor dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain.

Heute bekommen wir hier Lung für unser traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer! Deshalb ist das Tor bereits geöffnet. Zwei aus der Rauchopfer-Gruppe sind seit sieben Uhr morgens hier, um alles für das feierliche Ereignis vorzubereiten. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Ich hänge meine feuchte Jacke an die Garderobe im Flur und schiebe den Vorhang zum Tempel beiseite.

Der ist hell erleuchtet. Auf dem Altar – zu Füßen der riesigen Buddha-Statue – sind die Opfer-Schalen mit frischem Wasser gefüllt. Dazwischen brennen Kerzen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen hängt in der Luft.

Nachdem ich meine drei Niederwerfungen vor dem Altar vollzogen habe, eile ich den anderen zur Hilfe. Jemand schaltet den Beamer an, den Suriyel uns gestern Abend an die Tempel-Decke montiert hat:

Auf der Leinwand erscheint eine Terrasse. Darauf ist ein großer Ofen aus Ton platziert, in dem ein Holzfeuer brennt. Sanft streicht der Rauch aus dem Kamin der Feuerstelle.

Noch fünfzehn Minuten!

Bevor er sich gestern Abend verabschiedete, hat Suriyel die Feuerschale für uns präperiert. Kunstvoll stapelt sich das Holz darin fünfzig Zentimeter hoch. Dazwischen sind Grillanzünder patziert, damit wir das Feuer ganz sicher zum Brennen bringen.

Wir müssen heute morgen ohne Suriyel auskommen. Er ist der einzige von uns, der bereits Lung – die feierliche Übertragung der Praxis – erhalten hat. Deshalb darf er ausschlafen.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Sonntags-Sangha. Die laufen gerade alle ein. Die meisten erkennbar unausgeschlafen. Aber es hilft nichts: Wenn wir Lung für das Riwo Sangchö haben wollen, dann hier und heute – und auf ungewöhnlichem Wege.

Denn eigentlich wird das Lung direkt übertragen: Der Lehrer sitzt auf seinem Thron und liest den Schülern feierlich den Praxistext auf Tibetisch vor. Getragen von der Intention, diese in die jahrhundertealte Linie der Meisterinnen und Meister aufzunehmen, die diese Praxis entwickelt und ausgeführt haben.

So ist es seit altersher üblich. Eigentlich ist es nur dann ein Lung. Der tibetische Buddhismus heißt nicht umsonst „Lamaismus“: In keiner anderen buddhistischen Tradition ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so eng und verbindlich wie hier.

Allerdings braucht man dafür einen leibhaftigen Lama.

Den das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain nicht vorrätig hat. Es funktioniert ohne „Präsenz-Lama“. Der Gründer des Zentrums – ein hoher tibetischer Würdenträger – kommt mehrmals im Jahr vorbei. Andere Lamas werden eingeladen, um Seminare und Teachings zu geben.

Obwohl inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag ein Riwo Sangchö im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain praktiziert wird, hat es sich irgendwie nie ergeben, dass einer von den „Besuchs-Lamas“ Lung für das Riwo Sangchö gegeben hat.

Warum auch immer…

Und das, obwohl aus der Sonntags-Sangha regelmäßig um das Lung gebeten wird.

Inzwischen ist nicht nur die Frustration in der Rauchopfer-Gruppe groß, es macht sich auch immer stärker Unbehagen breit. Schließlich wurden wir bereits in andere buddhistische Zentren geschickt, um dort unser Rauchopfer zu präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Wir wurden sogar schon eingeladen, um es bei anderen Mitgliedern unserer Sangha zu praktizieren. Auf das wir gute Energie damit schaffen. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Und das alles ohne Lung!

Wir fühlen uns wie Hochstapler. Da können wir noch so viel üben: ohne Lung keine vernünftige Praxis!

Es musste also dringend eine Lösung her! Nur welche?

Schließlich die erlösende Nachricht: Ein Mitglied unserer Sangha erfährt zufällig, dass der Lama einer anderen Sangha an einem Samstag im Juni Lung geben wird.

Online. Via Zoom!

Jeder, der Zuflucht genommen hat – egal bei welchem Lehrer – kann daran teilnehmen, wird uns auf Nachfrage erklärt.

Obwohl die Skepsis groß ist, was von einem Online-Lung zu halten ist, lassen wir uns darauf ein.

Besser ein Lung über Zoom, als gar keines, beschließen wir.

Damit das Lung – trotz der seltsamen Umstände – würdevoll und feierlich über die Bühne geht, wollen wir nicht nur passiv bei dem Rauchopfer der Online-Sangha des fremden Lamas zusehen.

Wir werden parallel zur Zoom-Veranstaltung ein Rauchopfer auf der Terrasse unseres Tempels veranstalten!

Deshalb hat Suiyel gestern Abend die Feuerschale vorbereitet. Bevor er nach Hause ging, schärfte er mir noch ein, am Morgen auf keinen Fall zu vergessen, bei der Feuerwache anzurufen!

Das ist deshalb das erste, was ich mache, nachdem ich meine Niederwerfungen beendet habe. Die Nummer der Feuerwache ist unter meinen Kontakten gespeichert. Als der diensthabende Feuerwehrmann abhebt, sage ich brav den Spruch auf, den ich schon so oft von Suriyel gehört habe: „Hier ist das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain. Wir werden bis etwa 13 Uhr ein Ritualfeuer mit starker Rauchentwicklung abhalten.“ Ich muss meinen Namen, meine Telefonnummer und die Adresse des Zentrums hinterlassen.

Ich beende das Gespräch mit dem Gefühl der Erheiterung. Heute bin zur Abwechslung ich mal „die Spinnerin mit dem Ritualfeuer“. Obwohl man als Feuerwehrmann in Berlin sicher härteres erlebt als ein paar Exzentriker, die mit sehr viel Rauch Buddhas, Bodhisattvas und alle fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen nähren…

Als ich wieder in den Tempel komme, züngeln die ersten Flammen aus der Feuerschale, die Israfel auf die Terrasse platziert hat.

Ich bin verstimmt: eigentlich wollte ich das Feuer hüten. Das Holz – dicke Eichenscheite – habe ich gestern bei meinem Zimmerer-Bruder besorgt. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Auch der Instant-Powder, der während der Opferungen verbrannt werden wird, ist von mir. Eine Spezialmischung, die ich extra für unser Lung zubereitet habe. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Aber nun gut. Schließlich geht es um „Ego-Losigkeit“! Da wäre es höchst unpassend, wenn ich mich mit Israfel um das Feuer streiten würde.

Noch zwei Minuten bis acht Uhr. Wir nehmen auf unseren Sitzunterlagen Platz und starren auf die Leinwand. Dort flackert weiterhin das Feuer im Brennofen auf der Terrasse vor sich hin.

Wir sitzen und warten. Warum passiert nichts?

Jemand aus der Gruppe ruft den Zoom-Link mit seinem Handy auf. „Es gab gerade eine Durchsage: Noch eine Minute, dann geht es los!“

Im Tempel bricht Panik aus. Warum funktioniert die Tonübertragung nicht? Gestern haben die beiden Techniker bis Mitternacht Kabel verlegt und die Lautsprecher an das Mischpult angeschlossen. Und jetzt das!

Ich krame mein Handy aus der Tasche, rufe mit fliegenden Fingern den Zoom-Link auf und stelle den Lautstärke-Regler bis zum Anschlag hoch.

Gerade noch rechtzeitig: Auf der Leinwand erscheint der Lama. Er nickt würdig in die – visuelle – Runde.

Dann beginnt er sofort mit dem Lung!

Wir sitzen mit angehaltenem Atem und lauschen den Worten, die aus meinem Handy in den Tempel klingen.

Auf einmal springt Israfel auf und jagt zur Terrasse: Brennende Holzscheite sind von Suiyels kunstvollem Turm auf die Holzplanken gefallen und haben bereits zu rauchen begonnen.

Während wir anderen dem Lama zuhören, beobachten wir Israfel dabei, wie er hektisch die brennenden Scheite von der Terrasse befördert und die Brandstellen austritt.

Das ist wahrhaftig ein dramatisches Lung!

Erstaunlicherweise hat es – trotz der Übertragung via Zoom und der bescheidenen Tonqualität – beeindruckende Kraft.

Es fühlt sich nicht anders an – stelle ich fest – als eine „klassisches“ Übertragung!

Nachdem wir das Lung erhalten haben, zelebrieren wir acht Rauchopfer hintereinander: Wir im Tempel – und parallel dazu die Online-Sangha abwechselnd in verschiedenen Städten Europas und in den USA.

Um zwölf Uhr mittags verabschieden sich alle von einander: auch die Sonntags-Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Berlin-Friedrichshain winkt fröhlich in die Kamera, bevor die Zoom-Übertragung beendet wird.

Danach machen wir es uns in der Teestube bei einem späten Frühstück gemütlich und feiern unser Lung.

Das wirken wird. Keine Frage…

Lung

Wir bekommen endlich die Ermächtigung, das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren…

Als ich leise die Haustür der Spirituellen WG hinter mir ins Schloss ziehe, ist es gerade einmal kurz vor sieben Uhr morgens.

Völlig übermüdet trabe ich die Schönhauser Allee entlang. Über den stählernen Trägern der Hochbahn spannt sich der Morgenhimmel in dumpfem Grau. Sanft, aber unerbittlich geht seit Stunden Nieselregen nieder.

Eigentlich ist es einer dieser Samstage, die man am Besten im Bett verbringt.

Mir fiel das Aufstehen heute trotzdem nicht schwer. Und das trotz meines Schlafdefizits!

Als ich die Treppen zum Bahnsteig hinunterlaufe, fährt mit lautem Rumpeln die Ringbahn ein. Ein paar letzte Partygänger hängen in den Sitzen. Draußen zieht Berlin vorbei.

Am Frankfurter Ring steige ich aus und schlage den Weg ins tibetisch-buddhistische Zentrum ein.

Das ich gerade einmal vor sieben Stunden verlassen habe!

Denn am vorherigen Abend waren wir bis Mitternacht damit beschäftigt gewesen, alles für den großen Moment heute Morgen vorzubereiten:

Wir bekommen Lung!

Für das Riwo Sang Chö!

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer wird inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum praktiziert.

Und der einzige, der Lung für das Riwo Sang Chö hat, ist Suriyel.

Was eigentlich ein Unding ist!

Denn im tibetischen Buddhismus ist die Ausübung von Meditationspraxen an strenge Regeln gebunden.

Eine davon lautet: Nur wer Lung – die feierliche Ermächtigung eines Lehrers – für eine Praxis erhalten hat, darf sich ihr widmen.

Das ist nicht nur Formsache! Denn wer das Lung übertragen bekommt, erhält nicht nur die offizielle Erlaubnis für die Ausübung der Praxis.

Er wird in die Traditionslinie aufgenommen, aus der diese Praxis hervorgegangen ist.

In dem Moment, in dem der Lama feierlich die magischen Worte des Praxistexts auf tibetisch ausspricht, vollzieht sich eine Transformation. Die Teilnehmer der Zeremonie hören auf, isoliere Individuen zu sein.

Durch die feierliche Übertragung werden die Schüler vom mächtigen Energiestrom der Praxis aufgesogen und zu winzigen Partikel der vielen Jahrhunderte alten Linie. Die ganze Kraft all der mächtigen Meister und Meisterinnen, die sich in dieser Praxis geübt haben, steht ihnen von nun an zur Verfügung.

Gleichzeitig wird es durch das Lung möglich, dass die Energie-Tropfen, die diese neuen Mitglieder der Linie generieren, wenn sie sich der Praxis widmen, in den karmischen Fluß der Traditionslinie eingespeist werden.

Jeder, der Lung erhält, kann gewiss sein, dass er von nun an über mehr verfügt, als seine eigenen bescheidenen Kräfte. Er wird durch die Energie aller Praktizierenden der Linie getragen, die sich über viele Generationen dieser Praxis gewidmet haben.

Ohne Lung zu praktizieren ist eine nette, aber wenig fruchtbare Angelegenheit.

Erst das Lung ermöglicht den vollen Zugang zur Macht einer Meditationspraxis.

Und jeder, der den Unterschied schon einmal erlebt hat, wird das bestätigen…

Weißer Salbei

Die Räume der Spirituellen WG werden mit dem Rauch des traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – Riwo Sangchö – von negativer Energie befreit…

In den Wochen vor dem ersten Riwo Sangchö in unserer Spirituellen WG habe ich mich intensiv mit der Herstellung von Räuchermischungen beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Auf meinem Schreibtisch liegt eine lange Liste mit den Namen von Kräutern, Harzen, Hölzern und Wurzeln, die traditionell für Räucherwerk verwendet werden.

Einige Zutaten habe ich inzwischen besorgt: manches wuchs im Garten. Anderes entdeckte ich auf Streifzügen durch den Prenzlauer Berg und Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Mastix – das Harz des Pistazienbaums – und eine Reihe von getrockneten Heilkräuern habe ich online gekauft.

Am meisten entzückte mich bei meiner Recherche das Angebot einer Spezial-Gärtnerei für Räucherpflanzen! In einem regelrechten Kaufrausch füllte ich den virtuellen Warenkorb mit den Setzlingen exotischer Pflanzen, die Schamanen in Amerika, Afrika und Mexiko für ihre Rauchopfer verwenden.

Das war Ende April. Ich warte bis heute auf meine Pflänzchen. Denn die Lieferzeit der Spezial-Gärtnerei beträgt zwei Monate. Mein Räucherwerk-Hobby ist wohl doch nicht so exotisch und ungewöhnlich, wie ich dachte.

Und bevor ich Blüte, Früchte, Blätter und Rinden meiner Räucherpflanzen ernten kann, müssen die ja erst einmal auf meiner Dachterrasse wachsen und gedeihen. Vor Herbst 2025 ist realistischerweise nicht mit schamanischem Eigenanbau zu rechnen.

Es handelt sich um ein langfristiges Projekt.

Um trotzdem für unser allererstes Riwo Sangchö in der heimischen Spirituellen WG gerüstet zu sein, bestelle ich deshalb mehrere Bündel Weißen Salbei bei einem Online-Anbieter. Denn Weißer Salbei wird seit altersher von indianischen Schamanen für Reinigungs-Rituale verwendet.

Als meine Sangha am Samstag zu Besuch ist, stelle ich für Suriyel ein Schälchen mit meiner „Home-Made-Sang-Powder-Mischung“ auf den Terrassentisch. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Dazu lege ich eines der, etwa 15 Zentimeter langen, Bündel aus getrocknetem Weißem Salbei.

So etwas haben wir noch nie für unser Rauchopfer verwendet.

Damit Suriyel die geschnürten Zweige nicht einfach ins Feuer wirft, erkläre ich ihm, der Weiße Salbei wäre für die Reinigung des Hauses. Er dürfe ihn nur anzünden, nicht verbrennen!

Die Mitglieder meiner Sangha aus dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain haben inzwischen an der langen Tafel in der Wohnküche der Spirituellen WG Platz genommen. Durch die verglaste Fensterfront schauen wir auf die Terrasse und den Garten von Esthers Townhouse.

Nachdem Suriyel dort draußen das Brennholz in der großen Feuerschale entzündet hat, beginnen wir mit dem Ritual.

Als wir – den tibetischen Text rezitierend und singend – an der Stelle angelangt sind, an der das Speiseopfer dargebracht wird, legt Suriyel erst ein paar frische Zweige von Esthers Zypresse auf die brennenden Scheite, bevor er meinen „Do-it-yourself-Sang-Powder“ in die Flammen kippt. Eine dichte weiße Rauchwolke steigt auf, während wir alle unablässig das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren.

Dann hält Suriyel das Bündel Weißen Salbei in die Flammen. Als es brennt, kommt er in die Küche und drückt es mir in die Hand. Das Zeug raucht wie verrückt – und riecht unglaublich gut.

Während das Speiseopfer in der Feuerschale im Garten in weißem Rauch aufgeht, reinigen wir das Haus: Suriyel geht mit einer Schale mit glühendem Räucherwerk von Raum zu Raum, ich folge ihm mit dem brennenden Weißen Salbei. Hinter uns wandern die anderen Teilnehmer des Rituals. Wir rezitieren unaufhörlich „Om Ah Hung“, während wir – das glühende Räucherwerk in alle Ecken haltend – jedes Zimmer auf allen drei Stockwerken mit wohlriechendem Rauch füllen.

Als wir uns – nachdem wir ganz am Schluss auch noch mein großes Zimmer und meine Dachterrasse im Gänsemarsch durchschritten haben – wieder alle in einer langen Reihe die Treppen hinunter zurück in die Küche begeben, während unser monotones „Om Ah Hung“ durch das Haus schallt, ist das so bizarr wie berührend.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, bedanken wir uns alle gegenseitig beieinander: Was hatten wir doch wieder für ein wunderbares Riwo Sangchö!

Danach gibt es Brunch. Begleitet von vielen anregenden Gesprächen.

Es war ein wunderschöner Tag, stellen Esther und ich fest, als uns unsere Gäste am späten Nachmittag verlassen haben.

Und das Haus wirkt, als würde es leuchten…

Buddha

Ich bereite unsere Spirituelle WG für das Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetische Rauchopfer – vor…

In einer Fensternische im ersten Stock von Esthers Townhouse am Prenzlauer Berg sitzt bereits seit Jahren ein grauer Buddha.

Dabei ist Esther Christin.

Ein paar Tage bevor meine Sangha zu uns zu Besuch kam, um in der Spirituellen WG ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren, war Suriyel bei uns zu Gast. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Nach dem Abendessen wanderten wir gemeinsam durch das Haus und besprachen, wie Esther und ich zukünftig die Räume nutzen wollten. Im ersten Stock angekommen, setzte ich mich – in ein Gespräch mit Suriyel vertieft – in die Fensternische.

Direkt neben den Buddha.

Suriyel zuckte zusammen. „Ist der gefüllt?“, fuhr er mich an.

Ich wäre vor Schreck beinahe von der Fensterbank gekippt. „Nein, nein!“, beruhigte ich ihn. „Du weißt doch, das Esther Christin ist! Der ist einfach nur Deko!“

Es war Suriyel anzusehen, dass er nicht glücklich darüber war. Er nahm die schwere Hartplastik-Figur in beide Hände und drehte sie um. Sie war Innen hohl.

„Na bitte!“, erklärte er uns. „Man kann sie füllen!“

Im tibetischen Buddhismus werden Statuen, die für Altäre bestimmt sind, in besonderer Weise sakralisiert: Man kauft eine profane Figur – wie Esthers Buddha aus dem Inneneinrichtungs-Shop – und bringt sie zu einem Lama. Der weiht sie nicht nur, sondern präperiert sie auf spezielle Weise: In einer feierlichen Zeremonie werden Schriftrollen mit Mantras im Inneren der Figur platziert. Danach wird der Hohlraum mit einer Mischung aus Kräutern und gesegneten Substanzen aufgefüllt und mit einem Deckel verschlossen.

Im Anschluss wird die Figur gesegnet. Der Besitzer kann mit einer sakralen Altar-Figur nach Hause gehen.

Suriyel war offensichtlich der Ansicht, dass auch Esthers Deko-Buddha diese Behandlung verdient hätte.

Am Samstagmorgen bereite ich alles für unser Riwo Sang Chöd in der Spirituellen WG vor. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Um elf Uhr kommen die Mitglieder meiner Sangha. Suriyel wird das Zeremoniell leiten.

Das Rauchopfer findet im Garten statt. Aber während des Speiseopfers werden wir alle durch die Räume des Hauses gehen und sie – mit Hilfe von brennendem Räucherwerk – reinigen.

Auch die Bibliothek im ersten Stock, in der Esthers Deko-Buddha zuhause ist.

Das Riwo Sang Chöd ist ein tibetisch-buddhistisches Ritual. Alle aus meiner Sangha, die heute zu Besuch kommen, um den Ritus mit uns – und für uns – zu vollziehen, sind Buddhisten.

Deshalb ist es komplett unpassend, dass Esthers Buddha während des Zeremoniells Deko ist. Da kann er noch so ungefüllt sein…

Ich muss improvisieren. Und zwar schnell! In vierzig Minuten kommen die Gäste!

Mit Schwung nehme ich die Treppenstufen in den dritten Stock. Mit zwei blühenden Pflanzen aus meinem Dachterrassen-Garten jage ich wieder nach unten.

Zufrieden stelle ich fest, dass der Buddha durch den Blumenschmuck gewinnt. Er sieht richtig feierlich aus!

Da geht doch noch mehr!

Opferschalen habe ich leider keine für ihn übrig. Aber zwei Kerzen und ein Schälchen! Nach einem weiteren wilden Galopp hoch in mein Zimmer und wieder die Treppen herunter, stelle ich schwer atmend auch noch zwei Schälchen mit Kerzen und eines mit einem Räucherkegel vor dem Buddha ab.

Als ich das Räucherwerk anzünde und der Rauch in zarten Fäden am Gesicht des Buddhas vorbeizieht, ist mir, als würde ich ihn lächeln sehen.

Suriyel hat recht, denke ich. Der Buddha würde wirklich gerne gefüllt werden.

„Du gehörst Esther“, flüstere ich ihm zu, bevor ich ihn verlasse, um mich den weiteren Vorbereitungen zu widmen. „Das musst du mit ihr besprechen!“

Sangha

Meine Dharma-Brüder und Schwestern kommen zum ersten Mal zu Besuch in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Um halb elf Uhr steht die erste Dharma-Schwester vor der Tür.

Dreißig Minuten zu früh!

Nach einer kurzen Begrüßung drücke ich ihr den Besen in die Hand mit der Bitte, die Wohnküche zu fegen.

Als ich sehe, wie sie energisch den Staub aus den Ecken holt, verstehe ich, dass sie genau zur rechten Zeit gekommen ist!

Obwohl Esther und ich schon seit dem Morgen damit beschäftigt sind, die Spirituelle WG vorzubereiten, sind wir noch nicht fertig!

Wir hetzen die Treppen hoch und runter, schleppen Stühle und decken Tische.

Um Viertel vor elf läutet es ein weiteres Mal. Suriyel steht im Hauseingang. Mit seiner großen Feuerschale unter dem Arm und der riesigen blauen Ikea-Tüte über der Schulter. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Ich eile ihm voran und öffne die beiden Flügeltüren zum Garten.

Suriyel trägt sein Equipement auf die Terrasse, platziert alles neben Esthers Sonnenschirm und spannt ihn auf. Es regnet in Strömen, das Brennholz darf nicht naß werden.

Während ich im Minutentakt neue Gäste begrüße und Esther noch schnell das Buffett bestückt, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für das Zeremoniell vor.

Unser allererstes tibetisch-buddhistisches Rauchopfer in der Spirituellen WG! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Denn Esther will ihr Townhouse reinigen.

Deshalb habe ich meine Sangha – meine spirituelle Gemeinschaft – dazu eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/identitaetskrise/

Über unsere WhatsApp-Gruppe. Da sind alle drin, die mit mir an den offenen Praxisangeboten teilnehmen, die Suriyel jeden Freitag und Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain anbietet. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Die Gruppe hat mehr als fünfzig Mitglieder.

Beim Rauchopfer – das auf Tibetisch „Riwo Sang Chöd“ heißt – machen etwa zwölf Personen regelmäßig mit.

Drei haben sich entschuldigt. Die anderen neun stehen jetzt in unserer Küche.

Dazu noch eine Freundin von Esther aus ihrer evangelikalen Gemeinde. Und ein Dharma-Freund von mir, mit dem ich Zen praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Die tibetischen Buddhisten packen ihre Ritual-Texte und Instrumente aus. Die beiden anderen Gäste schauen ihnen interessiert dabei zu. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Nachdem alle an den beiden langen Tafeln Platz genommen haben, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf Suriyel.

Der hat inzwischen die beiden Flügeltüren, die Küche und Terrasse trennen, komplett aufgeklappt.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Feuerschale, in der kunstvoll das Brennholz zu einem kleinen Turm gestapelt ist, steht unter den tropfenden Obstbäumen im Rasen.

Suriyel drückt seine große weiße Muschel an die Lippen und bläst kräftig hinein. Der tiefe dumpfe langgezogene Klang der Conch hallt über die Gärten und Innenhöfe. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Alle örtlichen Naturgeister https://www.water-runs-east.eu/spirits/ und die anderen fühlenden Wesen der sechs Bereiche sollen wissen, dass hier und jetzt das Riwo Sang Chöd beginnen wird! https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Spirit Cookies

Ich backe Kekse für alle fühlenden Wesen der sechs Bereiche, die beim Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetischen Rauchopfer – eingeladen sind…

Nachdem wir die Rauch-Eiche-Späne für unseren Instant-Powder abgeholt haben, herrscht Harmonie zwischen Suriyel und mir. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Wie üblich währt der Frieden nur kurz. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.

Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.

Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!

Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.

Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.

Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.

Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.

Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.

Kein Duft, kein Rauch – so bekommen wir keinen einzigen Naturgeist satt! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!

Ich bin verzweifelt!

Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.

Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?

„Das wird ranzig!“

Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“

„Wird es doch!“

„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“

Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.

Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.

„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.

„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!

Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.

Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!

Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.

Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.

Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!

Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!

Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.

Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.

Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.

Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!

Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.

Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!

Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!

Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!

Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.

Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.

Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.

Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?

Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.

Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.

Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.

Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.

Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!

Rauch-Eiche

Wir machen uns auf die Suche nach „aromatischen Hölzern“ für das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer…

Anfang Juni stapeln sich in meinem WG-Zimmer Marmeladengläser mit getrockneten Heilpflanzen und eine Dose mit Kiefernharz. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Denn das alles brauchen wir für unseren „Home made Sang-Powder“. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.

Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?

Ein echtes Problem!

Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.

Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.

Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!

Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.

Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.

So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.

Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.

Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!

Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!

Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.

„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“

Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.

Darf ich das dann noch schön finden?

Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.

Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.

Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.

Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…

Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.

Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.

Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!

Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.

Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.

Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“

Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.

Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…

Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.

Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.

Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.

Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.

Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.

In der Mitte steht ein brauner Flügel.

Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.

Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.

Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.

Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.

Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.

Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.

Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.

Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.

Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!

Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.

Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…

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