Ich komme in Bialowieza an, werde mit „Göring“ konfrontiert und schlage mein Zelt auf dem Campingplatz auf.
Die letzten fünfzehn Kilometer geht es nur noch durch Wald. Zu Beginn ist er licht und jung. Je näher ich meinem Ziel komme, desto älter und größer werden die Bäume. Ihre Äste strecken sich weit über die schmale Landstraße. Es ist, als würde ich durch einen kilometerlangen grünen Tunnel fahren. Ein – in seiner Intensität geradezu betäubender – Waldgeruch streicht durch die offenen Fenster herein.
Schließlich das Ortschild: „Bialowieza“. Der große Nationalpark ist nach einem kleinen Städtchen benannt. Links und rechts der Straße reihen sich bescheidene Holzhäuser in braun und rot nebeneinander auf.
Es ist jetzt kurz nach sechs Uhr abends. Statt der vom Navi prognostizierten dreieinhalb, habe ich mehr als fünf Stunden von Warschau bis hierher gebraucht.
Ich bin so müde, dass ich beinahe die handbeschriebene Tafel am Straßenrand übersehe. „Camping“ lese ich im Vorbeifahren und muss am nächsten Kreisverkehr wenden. Erleichtert sehe ich, dass es dort eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und einen Geldautomaten gibt.
Im zweiten Anlauf biege ich in die schmale Einfahrt ein und holpere auf einem Schotterweg durch einen Vorgarten. Hinter dem kleinen weißen Einfamilienhaus erstreckt sich eine überschaubare Wiese. Darauf vier Wohnmobile – zwei aus den Niederlanden, zwei aus Polen. Ansonsten ist alles leer. Massentourismus sieht anders aus.
Ich steuere die hintere linke Ecke an, stelle den kleinen Dacia ab und mache mich auf die Suche nach der Rezeption. Neben der Haustür des bescheidenen Häuschens hängt eine schwarze Schiefertafel. Darauf hat jemand mit weißer Kreide einfache Symbole gemalt, daneben jeweils Zahlen. In der obersten Reihe ein Strichmännchen, daneben „=15 Zloty“. In der zweiten Reihe ein Zelt, „=20 Zloty“. Ein Auto „=20 Zloty“. Ein Wohnmobil „=50 Zloty“, Hunde/ Kinder „=10 Zloty“.
Es geht ganz offensichtlich auch ohne Fremdsprachen.
Ich drücke die Klingel und sortiere, während ich darauf warte, dass jemand auftaucht, Zloty-Scheine. Am Flughafen habe ich glücklicherweise zweihundert Euro gewechselt. Es würde mich sehr wundern, wenn ich hier mit Karte zahlen kann.
Nach ein paar Minuten öffnet sich die Haustür, ein älterer Herr in Shorts und Feinrippunterhemd tritt heraus. Ich begrüße ihn mit“Dzien Dobry!“. Damit haben sich meine Polnischkenntnisse auch schon erschöpft, ich wechsle ins Englische. Zu meinem Kummer schüttelt er den Kopf. Während ich das Handy herauskrame, um den Google-Übersetzer aufzurufen, fragt er „Deutsch?“ Ich nicke erleichtert.
Es stellt sich heraus, dass der Campingplatzbesitzer ausgezeichnet Deutsch spricht. Nachdem ich für zwei Nächte 110 Zloty bezahlt habe – etwas mehr als vierundzwanzig Euro – bringt er mich zu meinem Auto zurück und plaudert währenddessen mit mir. „Ach ja, Leipzig, die Stadt Bachs“, meint er, als er hört, woher ich komme. Er liebt klassische Musik, stellt sich heraus. Warum er so gut Deutsch kann, will er mir nicht sagen.
Als wir an meinem Auto angekommen sind, wechselt er das Thema: „Wussten sie, dass Göring zwei Mal hier in Bialowieza war?“, fragt er mich. Als ich nicke, reagiert er erstaunt. „Ach, das wussten sie?“ Worauf er mir hastig einen schönen Abend wünscht, sich abrupt umdreht und geht.
Ich sehe ihm erstaunt nach. Was war das jetzt?
Egal. Ich öffne den Kofferraum und hole mein Zelt heraus. Ich mag es sehr: es ist leicht – gerade mal drei Kilo – hat eine phantastische Wassersäule – 1500 – ist von appartem Orange und in weniger als fünf Minuten aufgebaut. Ganz billig war es auch nicht. Neben den vier Wohnmobilen sieht es trotzdem ziemlich bescheiden aus.
Die Isomatte ist ebenfalls ein Qualitätsprodukt. Das mit dem „selbst Aufblasen“ klappt trotzdem nie so richtig. Ich helfe ein bisschen nach, stopfe die pralle Matte samt Schlafsack ins Zelt, sperre das Auto ab und mache mich – hungrig wie ein Löwe – zu Fuß auf ins Zentrum von Bialowieza in der Hoffnung auf ein Restaurant, das irgendein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte hat.
Ich breche zum Bialowieza-Nationalpark auf, kommuniziere via Google-Übersetzer mit zwei polnischen Polizisten, werde um 400 Zloty erleichtert – und zu unangenehmen Einsichten gezwungen…
Ich starre auf das Display. „Der Name des Vaters“ lese ich. Das macht ja wohl keinen Sinn!
Entnervt lösche ich die Übersetzung und strecke dem Polizisten durch das heruntergelassene Autofenster ein weiteres Mal das Handy entgegen. Er beugt sich darüber, spricht auf Polnisch ins Mikro, kontrolliert den Text und nickt zufrieden. Jetzt scheint Google richtig übersetzt zu haben. Aber – Himmel hilf! – da steht wieder: „Der Name des Vaters“!
Nicht genug, dass mich die beiden Polizisten etwa hundert Kilometer hinter Warschau aus dem Verkehr gewunken haben. Sie können beide auch noch kein Englisch. Und ich kein Polnisch. Glücklicherweise gibt es Google-Übersetzer, der nicht nur der Völkerverständigung dient, sondern auch noch dafür sorgt, dass der polnische Staat nicht zu kurz kommt.
400 Zloty wollen sie von mir, lese ich ungläubig. Der Ältere der beiden hält mir ein mobiles Messgerät unter die Nase: „78 km/h“ zeigt das Display an. Ich bin konfus. Auf polnischen Landstraßen wären bis zu 90 km/h erlaubt, war mir vom Autoverleih erklärt worden. Das lasse ich jetzt mein Handy übersetzen. Der jüngere der beiden Polizisten, der das mühsame Geschäft der Kommunikation via Google-Translater übernommen hat, liest die polnische Übersetzung und schüttelt energisch den Kopf. Das hier wäre eine Ortschaft, lese ich wiederrum, und ich wäre fast 30 km/h zu schnell gefahren!
Nach Ortschaft sieht es nicht aus. Links und rechts der Landstraße stehen Wiesen und Hecken. Der Polizist macht mir ein Zeichen: ich halte ihm ein weiteres Mal mein Handy unter die Nase. Ich könne bei ihnen mit Karte zahlen, lese ich. Sie akzeptieren sowohl EC- als auch Kreditkarten.
Das weckt mein Misstrauen. Sind die beiden überhaupt echt? Oder werde ich hier gerade abgezockt? Sie sind in Uniform, samt Pistole am Hüfthalter, ein Polizeiauto steht ein paar Meter weiter vorne. Ich beschließe, dass ich es wohl nicht mit Trickbetrügern zu tun habe, steige zähneknirschend aus und begleite sie zum Dienstwagen. Der eine schreibt auf einem Block, der andere hält das mobile Karten-Lesegerät durch das heruntergelassene Autofenster.
Ergeben tippe ich meine Geheimzahl ein, ratternd spuckt der kleine schwarze Kasten die Quittung aus. Der Ältere ist auf dem Beifahrersitz noch mit meinem Strafzettel beschäftigt, vor ihm auf der Ablage ruht mein Führerschein.
Ich soll in meinem Auto warten, bis sie fertig sind, bedeutet mir der Jüngere. Ein paar Minuten später steht er neben meiner Fahrertür, in der einen Hand Block und Stift, in der anderen meine Fahrerlaubnis. Anstatt mir alles in die Hand zu drücken und mich – hundert Euro ärmer – von Dannen ziehen zu lassen, will er „Den Namen des Vaters“. Er zeigt auf eine Spalte ganz oben auf dem Strafzettel und dreht meinen Führerschein zwischen den Fingern.
Wofür braucht er für einen Strafzettel „den Namen des Vaters“? Wohl des Meinen, schlussfolgere ich. So katholisch Polen ist: ich nehme nicht an, dass wir hier gerade über Gott diskutieren.
„Der Name meines Vaters“, erkläre ich dem Handy, „ist exakt derselbe wie meiner“. Google hat korrekt übersetzt, sehe ich. Der Polizist ist mit der Antwort trotzdem nicht zufrieden. Er schaut erst mich an, dann meinen Führerschein, dann wieder mich, dann seinen Block. Dass eine Frau meines Alters noch mit ihrem Mädchennamen durchs Leben geht, scheint ihn zu überfordern.
Schließlich gibt er auf, reicht mir Strafzettel, Quittung und Führerschein herein und signalisiert mir, dass er mir noch etwas sagen möchte. Er spricht ein paar Wörter auf Polnisch ins Mikrophon. „Ich, für meinen Teil“, lese ich, „wünsche ihnen noch einen schönen Urlaub!“
Ich fahre wie auf Eiern vom Parkplatz. Durch den Rückspiegel sehe ich eine lange Karavane von Autos hinter mir her schleichen. Angeführt vom Polizeiwagen, in dem die beiden Polizisten sitzen, die mich gerade um 100 Euro ärmer gemacht haben. Eisern halte ich die 50 km/h ein, obwohl links und rechts weiterhin Wiesen und Hecken vorbeiziehen. Ab und zu ist dahinter ein einzelnes Haus zu erkennen.
Und tatsächlich. Nach etwa zwei Kilometern verkündet ein weißes Schild mit durchgestrichener Häusersilhouette am Straßenrand, dass hier eine Ortschaft zu Ende ist. Allerdings nur kurz, nach ein paar hundert Metern schon wieder ein neues Ortschild, obwohl sich an der Bebauung nichts verändert hat. Die Polen scheinen Freiraum zu schätzen – und die örtlichen Bauvorschriften stehen ihnen dabei offensichtlich nicht im Weg.
Während ich konzentriert nach Ortseingangs-, Ausgangs- und Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern Ausschau halte, kommt mir meine Tageskarte in den Sinn: „Der Teufel“. Genauso ist der Tag bisher gelaufen, stelle ich fest. Irgendwie ist der Wurm drin. Und es hat was mit mir zu tun. Denn das ist die Botschaft des Teufels: wenn er auftaucht, signalisiert er immer die Chance, eigene Abhängigkeiten, Süchte und Verstrickungen zu erkennen.
Während ich, weiterhin eine lange Schlange Autos mit dem Polizeiwagen an der Spitze hinter mich herziehend, über die Landstraße schleiche, frage ich mich, was mir das alles zu sagen hat?
„Der Name des Vaters“, kommt mir in den Sinn.
Ich bin auf dem Weg in den Bialowieza-Nationalpark. An den Ort, an dem Walter Frevert, das Vorbild für meinen psychopathischen Romancharakter, vor achtzig Jahren Kriegsverbrechen begangen hat.
Als ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie hilflos ich mich heute gefühlt – und verhalten habe. Anstatt pragmatisch das Uber zu bestellen, bin ich wirr und überfordert eine Stunde lang durch die Gegend gelaufen, in der Hoffnung, dass irgendwer oder -was mich retten wird. Und beim Autovermieter wäre ich beinahe in Tränen ausgebrochen und wurde wahrhaftig von einem netten Mann gerettet.
Im Nachhinein finde ich es seltsam, dass ich von meinem eigenen Verhalten nicht irritiert war.
„Was ist nur los mit Dir?“, frage ich mich streng.
Während ich mich bis zu diesem Punkt der Selbsterkenntnis vorgearbeitet habe, bin ich das erste Mal seit längerem in einem erkennbaren Ortszentrum angekommen. Gerade fahre ich an der Polizeiwache vorbei. Im Rückspiegel sehe ich wie der Wagen der beiden Polizisten abbiegt und in der Einfahrt daneben verschwindet.
Am Ortsausgang trete ich energisch aufs Gas. Noch 150 Kilometer bis Bialowieza, verkündet das Navi.
Zum Warschauer Flughafen und an den Mietwagen zu kommen, wird zur Herausforderung. Aber ohne Mietwagen kein Urwald von Bialowieza.
Um kurz nach sieben Uhr morgens reißt mich lautes Krachen aus dem unruhigen Schlaf. Im Hinterhof wird der Bauschuttcontainer geleert. Immerhin hat es während der Nacht aufgehört zu regnen, stelle ich fest, als ich ans Fenster trete.
Ich habe heftig geträumt, daran kann ich mich erinnern. Aber so sehr ich mich auch konzentriere, es will mir kein Traumbild in den Sinn kommen, während ich mich zum Aufbruch fertig mache. Die Tageskarten verheißen nichts Gutes: verstimmt betrachte ich den „Teufel“ vor mir auf dem Sofa.
Um kurz nach acht Uhr verlasse ich das kleine Appartement und trabe, den schweren Rucksack auf den Schultern und den Blick auf das Handy-Display, zur Straßenbahnhaltestelle.
Im Zentrum, sehe ich auf dem Routenplaner, gibt es eine reiche Auswahl an Cafés. Ich bin so müde und desorientiert, dass ich trotzdem zwei Anläufe brauche, bis ich endlich auf einen Stuhl sinken und meinen Morgenkaffee bestellen kann.
Um mich ist richtig viel los, stelle ich fest, nachdem das Coffein anfängt zu wirken. Die Gäste sind Anfang bis Mitte zwanzig, im selben Alter wie die zierliche blonde Bedienung. Ich beobachte sie besorgt, während ich auf mein Frühstück warte. Sie ist kreidebleich und wirkt, als müsse sie sich beherrschen, nicht jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Ich tippe auf akuten Liebeskummer und bin voller Mitgefühl, obwohl ich sie zwei Mal an meinen Kaffee erinnern muss.
Als ich mein Frühstück beendet habe und aufbreche, bin ich immer noch neben der Spur. Ob es an den entschwundenen Träumen liegt? Oder daran, dass ich zu eilig unterwegs bin? Vermutlich bräuchte ich noch ein paar Tage Zeit für Warschau. Ich verspreche der Stadt im Stillen, bald wiederzukommen, um ihr die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihr gebührt.
Aber jetzt muss ich an den Flughafen, um den Mietwagen abzuholen. Dort sind sie billiger als im Stadtzentrum, hatte ich bei der Reisepanung festgestellt. Laut Routenplaner sind es mit dem Bus gerade mal dreißig Minuten dorthin. Ein Katzensprung – wenn man denn die Bushaltestelle findet.
Der Vormittag geht genauso weiter, wie der Morgen begann: ich irre, den Blick auf dem Handy-Display, durch das Zentrum. Der Routenplaner scheint sich nicht sicher zu sein, wo die vermaledeite Bushaltestelle lokalisiert ist. Ich laufe eine lange Ausfallstraße entlang. Kurz vor dem Ziel wechselt die Anzeige, auf einmal wird die Gegenrichtung angezeigt. Also trabe ich wieder zurück – mit zwanzig Kilo auf dem Rücken – nur um festzustellen, dass sich da, wo ich hingeschickt werde, ganz sicher keine Bushaltestelle befindet.
Passanten, die ich in meiner Not anspreche, sind hilfsbereit, können aber alle kein Englisch. Ich versuche, aus Handzeichen schlau zu werden – und laufe immer nur im Kreis.
Maria hätte sich schon längst ein Uber bestellt! Als wir gemeinsam in Danzig waren, sind wir keinen Meter ÖNV gefahren. Gefühlt zehn Mal am Tag tippte sie kurz auf dem Handy rum, und zack: ein paar Minuten später stand, wie von Zauberhand geschickt, ein Auto vor unserer Nase. Es war nicht teuer und man konnte mit Apple-Pay bezahlen. Und Maria hat mir im Februar sogar die polnische Uber-App heruntergeladen und mich – fürsorglich wie immer – angemeldet. Ich müsste nichts anderes tun, als die App aufzurufen und meinen Standort einzugeben.
Ich weiß, dass ich mich gerade völlig bescheuert verhalte, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Mir mangelt es heute noch mehr an Marias wilder ukrainischer Energie, als das für gewöhnlich der Fall ist.
Irgendwann hat das Schicksal trotzdem ein Einsehen mit mir. Dort vorne ist doch tatsächlich die Bushaltestelle! Als ich einsteige, ist meine Erleichterung grenzenlos. Obwohl es nicht einmal einen Sitzplatz gibt und sich die Koffer im Gang stapeln. Ich umklammere den Haltegriff, um im schaukelnden Bus nicht durch den schweren Rucksack aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden und versuche, drei stiernackige Soldaten in Uniform, die direkt neben mir stehen, zu ignorieren.
Warschau-Chopin, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, als der Bus auf das Flughafengelände einbiegt, ist von überschaubarer Größe. Das kommt mir entgegen, denn auf der Buchungsbestätigung für den Mietwagen findet sich als einzige Ortsangabe: „Terminal“.
Es wird sich wohl um den Ankunftsterminal handeln, schlussfolgere ich. Normalsterbliche verlassen das Flugzeug und buchen für die Weiterreise einen Mietwagen.
Ich verlasse den Bus und finde doch tatsächlich ohne weiteres Drama den Autovermieter. Der heißt „Viaggiare“, was ich lustig finde. Es klingt, als wäre ich in Italien und nicht in Polen. Das Lachen vergeht mir zügig, als ich am Tresen stehe und den Mietvertrag abschließen möchte. Nein, erklärt mir der nette Angestellte, mit meiner online-Kreditkarte könne er leider nichts anfangen. Um das Deposit abzubuchen, müsste ich das Plastikkärtchen in das Lesegerät einschieben. Ich bin fassungslos! Da habe ich extra einen Kreditkartenvertrag abgeschlossen, nur um dieses verdammte Auto mieten zu können und dann so etwas! Dabei hatte mir Barclays noch enthusiastisch mitgeteilt, dass es nicht notwendig wäre, auf die Plastikkarte zu warten, die Handy-Version wäre genauso gut. Und das alles, weil meine Online-Bank nur Debit-Kreditkarten ausgibt. Die von Autovermietern in Polen nicht akzeptiert werden. Ich hatte einen halben Arbeitstag geopfert, um das herauszufinden.
Und jetzt das! „I am sorry,“ erkläre ich dem Angestellten, „but I have to burst into tears.“ Und tatsächlich gelingt es mir nur mühsam, die Tränen zurückzuhalten. Mein einziger Gedanke ist: „Ich muss in diesen verdammten Urwald!“ Der Mann hinter dem Tresen schaut alarmiert. Er hat wohl was gegen weinende Frauen!
Wie immer er die Sache sieht, er ist auf alle Fälle gewillt, das Schlimmste zu verhindern. Besänftigtend auf mich einredend, versucht er, Struktur in das Drama zu bringen. Was ich denn sonst noch für Karten hätte? Aufgelöst krame ich meine EC- und meine Debit-Kreditkarte hervor. Wenn ich eine Vollkasko-Versicherung akzeptiere, könne er die Kaution über die Debit-Karte abwickeln, erklärt er mir. Ich bin bereit, alles zu akzeptieren, wenn ich nur ein Auto kriege!
Es geht ein bisschen hin und her, der Angestellte ist von größter Fürsorge. Irgendwann unterschreibe ich auf einem Tablett nacheinander zehn verschiedene Formblätter und werde anschließend von ihm in den Bauch der Tiefgarage zum Mietwagen geleitet.
Ein kleiner Dacia. Leider sei dem letzten Kunden ein Malheur beim Einparken passiert, deshalb sei der Kofferraumdeckel eingedrückt, aber er lasse sich noch öffnen und schließen. Ob ich damit leben könne?
Ich kann mit allem leben, das fährt. Der fürsorgliche Angestellte fragt drei Mal, ob ich sonst noch etwas brauche, verstaut für mich den Rucksack im Kofferraum, zählt mir noch die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Polens Straßen auf: 50 km/h Innerorts, 90 auf Landstraßen, 140 auf Autobahnen. Dann drückt er mir den Schlüssel in die Hand, wünscht herzlich einen schönen Urlaub, erinnert mich daran, dass ich jederzeit anrufen könne, wenn was wäre und verabschiedet sich.
Als ich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf den Fahrersitz sinke, ist es kurz nach Mittag. Geschafft!
„Wir tanzen und singen, wir lachen und springen. Because we have got eine Stadt für uns allein. Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt…“
Als Suriel mir vor drei Jahren erzählte, er stamme aus Warschau, war mein erster Gedanke: er kommt aus der Stadt, die der Führer den Klonen schenken sollte!
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich den Song das erste Mal hörte. Es muss lange zurückliegen, er stammt von 1981. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich das erste Mal vom „Pabst-Plan“ erfuhr.
Die Vermutung liegt nahe, dass ich mit beiden etwa zeitgleich konfrontiert wurde. Jedenfalls sind „Der Führer schenkt den Klonen eine Stadt“ von Extrabreit und „Warschau“ eine seltsame Symbiose in meinem Gehirn eingegangen. Ohne dass mir das bewusst war, bevor ich Suriel traf.
Von was ich hier gerade schreibe? In Kurzform:
Der Überfall Polens durch die Deutsche Wehrmacht 1939 eröffnete unerhörte Karrierechancen. Ein kleiner Würzburger Stadtkämmerer wurde hopplahopp zum Stadtpräsidenten der Hauptstadt Polens ernannt! Würzburg hatte damals nicht einmal 100.000 Einwohner – Warschau 1,3 Millionen. Der ehrgeizige Herr Dengler aus der unterfränkischen Provinz war nicht nur Mitglied der SS, sondern auch noch ein Mann mit einer Vision. Für ihre Umsetzung holte er sich zwanzig Angestellte des Würzburger Bauamtes an seine Seite. Sie sollten Warschau in eine „neue deutsche Stadt“ verwandeln.
„Nach diesem Vernichtungs- und Zerstörungsplan sollte Warschau in eine deutsche Provinzstadt verwandelt werden. Der Plan sah vor, dass 95% der Stadtbebauung zerstört und nur die Krakauer Vorstadt und Belweder unzerstört gelassen wurden. (…) Die Bevölkerung der Stadt sollte in Konzentrationslager gebracht oder vor Ort – im 1943 entstandenen KZ Warschau – ermordet werden.“https://de.wikipedia.org/wiki/Pabst-Plan
Dengler konnte sich mit seinen Plänen – die heute im Warschauer Stadtmuseum zu besichtigen sind – nicht durchsetzen und erklärte deshalb 1940 seinen Rücktritt. Weil es ab und zu so etwas wie Gerechtigkeit gibt, wurde er 1950 in Warschau wegen Kriegsverbrechen zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.
Ich denke an die Geschichte von den Klonen und ihrer Stadt, als ich in Warschau aus dem EC steige. Sechs Stunden Fahrt liegen hinter mir, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. In strömendem Regen haste ich im Pulk der Mitreisenden über den Bahnsteig und in die Unterführung.
Als ich eine Viertelstunde später in der ratternden Straßenbahn sitze und durch das beschlagene Fenster auf die Häuser starre, bin ich erstaunt, wie normal alles aussieht. Meine Kindheitsphantasie hat nichts mit der Realität zu tun. Draußen zieht eine osteuropäische Stadt im Feierabendmodus vorbei.
Im Zentrum muss ich umsteigen. Auf den Straßen und in den Unterführungen geht es unerwartet entspannt zu. Warschau ist etwa so groß wie München. Zwischen fünf und sechs Uhr Abends auf dem Stachus unterwegs zu sein, fühlt sich anders an. Alle hasten und schieben, die S-Bahnen fahren im Minutentakt und sind trotzdem völlig überfüllt, die Innenstadt erinnert an einen Ameisenhaufen.
Hier wirkt alles gemächlich. Die Leute – so kommt mir vor – laufen langsamer als in München oder Berlin. Sogar in Leipzig geht es hektischer zu als hier, denke ich, während ich, den ausladenden Rucksack geschultert, nach der richtigen Straßenbahnhaltestelle suche. Ich werde angestarrt, merke ich. Es scheinen sich nicht viele Rucksacktouristen nach Warschau zu verirren.
Die altertümliche Straßenbahn rattert auf einer Brücke über die Weichsel. An dieser Stelle kein Strom, sondern ein Fluss. Es geht am Zoo vorbei, dann am imposanten Nationalstadion. Vier Stationen danach steige ich aus. Schöne Jugendstilhäuser am Straßenrand, die Fassaden bröckeln vor sich hin. Die Straßenlaternen sind richtig Retro. Ein tiefes Loch im Gehweg. Wer da reintritt, hat Pech gehabt. Der Zugang zum Appartement ist von einem gußeisernen Tor versperrt.
Der Regen tropft auf das Handy-Display. Ich brauche mehrere Versuche, bis ich den Türcode richtig eingetippt habe. Ein paar Meter weiter vor dem Hintereingang das selbe Procedere, schließlich geht es fünf Stockwerke hoch – ohne Aufzug – bis in die kleine Wohnung. Ausziehcoach, Küchenzeile, Bad.
Ich stelle den Rucksack in die Ecke, sinke auf das Sofa und gehe das nächste Problem an: Abendessen. Es gibt eine reiche Auswahl an vegetarischen Restaurants, stelle ich erleichtert fest. Alle in der Innenstadt, mit der Straßenbahn kein Problem.
Als ich den Innenhof betrete, regnet es in Strömen. Ein Obdachloser hat sich unter den Tordurchgang geflüchtet. Er steht genau neben der Tastatur, in die ich die Ziffern eingeben muss, damit ich auf die Straße komme. Es soll die ganze Nacht durchregnen. Darauf zu warten, dass er geht, ist nicht zielführend. Ihn zu bitten, auf die Seite zu treten, geht auch nicht. Ich bin überfordert. Und außerdem habe ich Hunger. Er wohl auch, denke ich mit schlechtem Gewissen, und dazu hat er nicht einmal ein Zuhause – und das bei diesem Scheißwetter.
Es hilft nichts. Ich komme mir unendlich dämlich vor, als ich, mich verrenkend, beide Hände durch die Gitter schiebe, mit der einen die Tastatur abschirme, während ich mit der anderen den Türcode eingebe. Mit leisem Surren öffnet sich das Tor. Ich krame in meinem Geldbeutel herum und ziehe einen 20-Zltoy-Schein heraus, der noch von der letzten Polenreise im Februar übrig geblieben war. Umgerechnet etwa 4,50 Euro. Die drücke ich dem Mann in die Hand und haste im strömendem Regen zur Haltestelle. Dort setze ich mich auf die Bank und halte nach der Straßenbahn Ausschau. Eigentlich müsste sie in zwei Minuten kommen, aber die Straße ist leer. Nicht einmal Autos fahren und Fußgänger sind auch keine Unterwegs.
Auf einmal trabt der Obdachlose, dem ich ein paar hundert Meter weiter vorne den Schein in die Hand gedrückt habe, an der Haltestelle vorbei, sieht mich – und setzt sich neben mich auf die Bank, während er mich mit starrem Blick mustert. Irgendwas ist mit ihm nicht in Ordnung. Ich hatte es mir schon an der Tordurchfahrt gedacht. Er wirkt, als ob er psychisch nicht gesund wäre. Vielleicht eine Psychose?
Ich schaue stur gerade aus und zähle die Sekunden. Der Kerl sitzt und starrt mich an. Aus der Ferne erklingt das Rattern der Straßenbahn, es kommt rasch näher. Ich stehe auf und bete, dass der Mann nicht ebenfalls einsteigen wird. Zu meiner Erleichterung bleibt er zurück. Er verschwindet aus meinem Blickfeld, als die Straßenbahn um die Kurve biegt.
Im Zentrum steige ich aus, es regnet immer noch in Strömen. Auf der anderen Seite der Unterführung ragt ein riesiger stalinistischer Prachtbau mit erleuchteter Kuppel in die Höhe. So etwas habe ich bisher nur in Kiew gesehen. Der Routenplaner verrät mir, dass es sich um den Kulturpalast handelt.
Ein paar Straßen weiter schließlich das „Tel Aviv“. Es sieht aus wie alle Hipster-Lokale rund um den Globus: ein hoher kahler Altbau, spartanisch eingerichtet. Der Kellner bringt mir eine englischsprachige Karte und nimmt akzentfrei meine Bestellung auf. Die vegetarische Moussaka ist super, der Tee duftet – die eigene Blase ist doch immer die wohligste.
Als ich – satt und müde – wieder am Appartement ankomme, ist der Obdachlose verschwunden. Im Haus ist alles still. Es kommt mir vor, als wäre ich die einzige, die in dieser Nacht dort schlafen würde. Draußen rattern in regelmäßigen Abständen die Straßenbahnen vorbei, sie lassen das Haus beben und wiegen mich in den Schlaf.
Ich breche zu meiner Reise in den Bialowieza-Nationalpark auf.
Der EC 47 nach Warszawa Gdanska fährt von Berlin-Gesundbrunnen. Er braucht gerade mal sechs Stunden in die polnische Hauptstadt.
Als ich, den schweren Treckingrucksack über den Schultern, durch das morgendlich stille Waldstraßenviertel zum Leipziger Hauptbahnhof trabe, spüre ich ein vertrautes Kribbeln im Magen. Es ist die „Ich-bin-unterwegs“ Aufregung – sie fühlt sich gut an.
Es gibt Ecken, an denen sieht Berlin aus wie ein Vorort von Bratislawa oder Kiew. Gesundbrunnen hat eher Istanbul-Charme, stelle ich fest, als ich den Bahnhof nach meiner Ankunft im ICE von Leipzig nach Berlin verlasse. Das Café, in dem ich die Dreiviertelstunde Wartezeit bis zur Abfahrt des Warschau-Expresses überbrücke, heißt „La Femme“. Von Savoir-vivre keine Spur: in der Auslage stapeln sich orientalische Köstlichkeiten, um mich sprechen alle türkisch, die Bedienung wedelt mit einem schmuddeligen Lappen über den Tisch und verteilt ungerührt Brösel auf meinen Schoß. Ich trinke einen Cappucino und inhaliere Berlin. Neben dem Gehweg rauscht der Großstadtverkehr vierspurig vorbei. Von der schöne Jugendstilfassade des „Hauses der Volksbildung“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite löst sich der Putz, die Fenster des Erdgeschosses sind mit Sperrholzplatten verrammelt. Wells Fargo bietet neben dem Döner-Laden seine Dienste an und alles vibriert vor Energie.
Der EC kommt pünktlich und ist fast ausgebucht. Dank der in Polen üblichen Reservierungspflicht verläuft das Einsteigen trotzdem zivilisiert, der Kampf um den Sitzplatz erübrigt sich. Ich wuchte den schweren Rucksack in die Gepäckablage, lasse mich auf dem bequemen Fensterplatz nieder und freue mich über die Beinfreiheit. Für diesen Luxus müsste man in Deutschland erste Klasse buchen! Auch sonst zeigt sich die polnische Bahn großzügig: während der Fahrt gibt es gratis Wasser und zwei Mal kommt ein Herr mit Mülltüte, um die leeren Flaschen einzusammeln.
Unter der Brücke glänzt die Oder. Jetzt bin ich in Polen! Erst das zweite Mal in meinem Leben. Und dabei liegt meine erste Reise ins östliche Nachbarland gerade mal vier Monate zurück: im Februar hatte ich Maria nach Danzig begleitet. Die überraschende Einladung war der Auslöser dafür gewesen, diesen Blog zu starten. https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-aufbruch/
Ein Hoch auf das Internet! Vor dem Einschlafen buche ich den Polen-Urlaub nächste Woche, es dauert keine Stunde. Zugticket nach Warschau und zurück, Hotel in der Warschauer Innenstadt für eine Nacht, dazu ein Mietwagen. Der Bialowieza-Nationalpark an der Grenze zu Belarus – das Ziel meiner Treckingtour – ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar.
Nach vollbrachter Tat lege ich das Handy zur Seite und schlafe ein. Während der Nacht träume ich. Der Trauminhalt ist mir mit dem Aufwachen verloren gegangen. Aber irgendwas war da. Nur was? Ich registriere während der Morgenmeditation, wie etwas in mir arbeitet. Nach dem Abschlussgong stemme ich mich von meinem Meditationskissen hoch – und werde, wie an einem unsichtbaren Faden, zum Bücherregal gezogen.
Ich stehe vor dem „Handapparat“: der Büchersammlung, die ich mir als Hintergrundwissen für meine Romane zugelegt habe. Auf der bewussten Ebene habe ich keine Ahnung, was ich suche. Ich sehe meiner linken Hand dabei zu, wie sie zielsicher über zwei Buchreihen hinweg einen dicken Wälzer herauszieht. „Mein Jägerleben“ von Walter Frevert.
Was soll ich damit?
Während ich mein Espressokännchen für den Morgenkaffee auf den Herd stelle, denke ich über das Buch nach. Ich hatte es mir vor drei Jahren im Zuge meiner Recherche für einen Roman bestellt. Eine meiner Romanfiguren ging auf Jagd, es hatte sich während des Schreibens ergeben. Es waren verstörende Szenen, die sich vor meinem Inneren Auge abspielten: ein Psychopath, der mit einer Armbrust trächtige Hirschkühe schoss, ihnen die Bäuche aufschlitzte und ihre ungeborenen Kälber auf dem offenen Feuer verbrannte.
Ich kann mir so etwas leider nicht aussuchen, ich fungiere nur als „Sekretärin“ meines Unbewussten: brav beschreibe ich die Bilder, die in meinem Inneren aufsteigen – bis daraus irgendwann ein Roman geworden ist.
Allerdings „sehe“ ich nur Bilder. Es ist wie ein Film, den ich in Sprache übersetzen muss. Und da kam ich bei den Jagdszenen schnell an meine Grenzen: es fehlte mir das Fachvokabular, um das Geschehen angemessen beschreiben zu können.
Ich recherchiere also Online nach Fachbücher – und stoße auf Walter Frevert und sein Standardwerk „Jagdliches Brauchtum und Jägersprache“. Es ist schon älter, der Autor bereits verstorben. Egal, es ist genau das, was ich suche! Ich gehe die Reihe der Veröffentlichungen von Frevert durch. Er hat auch noch Jagdromane geschrieben. Die Leserkommentare dazu sind hymnisch. Der Sammelband ist nicht teuer, also bestelle ich ihn aufs Geradewohl dazu.
Ein paar Tage später drückt mir der Paketbote den Karton mit den beiden Büchern von Frevert in die Hand. Am Abend mache ich es mir mit „Mein Jägerleben“ auf dem Sofa bequem. 626 Seiten, geliebt von Generationen von Jägern, das kann doch nur ein schöner Schmöker sein.
Nach zwanzig Seiten lege ich das Buch angewidert zur Seite: Von diesem hochfahrenen, arroganten, sexistischen, zynischen, selbstverliebten Herrenreiter will ich ganz sicher keine Zeile mehr lesen! Da muss ich nicht mal das erste Kapitel abschließen, um zu wissen, dass dieser Walter Frevert genau der Typ von Mann war, den ich absolut zum Kotzen finde. Und so was war ein „großer Waidmann“!
Während ich, vor mich hinkochend, auf dem Sofa sitze, kreisen meine Gedanken um Frevert. Was für ein Mensch war er gewesen, dieser „Oberforstmeister, der in der Geschichte des Waidwerks markante Fußspuren hinterlassen hat“?
Siehe da, Wikipedia weiß Bescheid! „Walter Frevert“, erfahre ich, „war ein deutscher Forstmann, Jäger, Jagdschriftsteller und Kriegsverbrecher.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Frevert
Ich lese den langen Wikipediaeintrag durch und bin sprachlos. Wie ist es möglich, dass auf der Basis dieses Wissens zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommentarlos dieser Schinken verlegt worden ist? Am nächsten Morgen schreibe ich einen wütenden Brief an die Geschäftsführung des Kosmos-Verlags. Ob sie noch alle Tassen im Schrank hätten? Ich formuliere es etwas höflicher – und gespickt mit vielen Fremdwörtern – aber die Botschaft ist unmissverständlich.
Die beschwichtigende Antwort erreicht mich postwendend: man nähme die Sache ernst und plane für die nächste Ausgabe ein klärendes Vorwort zu den NS-Verstrickungen des „großen Waidmanns“. Ich denke „Arschlöcher“ und feuere den Brief ins Altpapier.
Allerdings hat die Sache auch eine positive Seite, stelle ich fest. Im Grunde habe ich nur auf Frevert gewartet! Ich „sehe“ zwar, was mein böser Hauptcharakter „Friedrich-Zwei“ treibt, aber seine Motivation und seine Persönlichkeit waren mir bisher ein Rätsel. Was das Schreiben über ihn schwierig gemacht hat.
Wenn es um „das Böse“ geht, bin ich von ausgeprägter Naivität. Genuss daraus zu ziehen, anderen Menschen Schaden zuzufügen, ist etwas, was mir völlig fremd ist.
Mit Frevert habe ich auf einmal den „O-Ton“ für meinen Bösewicht in die Hände bekommen. Genau diese kalte, unemphatische, selbstverliebte Larmoyanz ist es, mit der er durchs Leben geht! Von da an habe ich eine Idee, mit wem ich es in meinem Roman zu tun habe.
Ich bin zufrieden damit, ein Problem gelöst zu haben. Die Person, die als Vorlage für meinen Psychopathen dient, den „großen Waidmann“ Walter Frevert, vergesse ich.
Bis heute Nacht. Ich muss von Frevert geträumt haben. Sonst hätte mir meine Innere Stimme nicht auf einmal sein Machwerk in die Hand gedrückt.
Was soll das?
Mit dem Espresso neben dem Laptop rufe ich noch einmal den selben Wikipedia-Eintrag auf, den ich schon vor drei Jahren gelesen habe. Meine Augen wandern die Zeilen entlang:
„Er verwaltete als Oberforstmeister von 1936 bis 1945 das Staatsjagd- und Naturschutzgebiet Rominter Heide (Ostpreußen) und war während des Zweiten Weltkrieges in Kriegsverbrechen im Umfeld des Urwalds von Bialowieza verstrickt.“
Bialowieza! Das darf doch nicht wahr sein! Der widerliche Frevert hat ausgerechnet in dem Wald, in dem ich nächste Woche wandern werde, Juden erschießen lassen, Dörfer niedergebrannt und mit vergnügten nationalsozialistischen Jagdfreunden Treibjagden auf Partisanen abgehalten – inklusive dem stolzen Abgehen der langen Reihe der zu Tode gehetzter Menschen am Ende der „Jagdveranstaltungen“.
Ich hatte es vor drei Jahren gelesen, mir aber den Namen des Waldes nicht bewusst gemerkt, weil mir zu diesem Zeitpunkt „Bialowieza“ nicht das geringste sagte. Ich wäre auch nie von selbst auf die Idee gekommen, dort Urlaub zu machen. Mein Dharma-Bruder Suriel hat mir den Nationalpark empfohlen.
Und jetzt fahre ich ausgerechnet an den Ort, an dem das Vorbild für meinen Romancharakter Kriegsverbrechen begangen hat!
Die Tarot-Karte „XVIII“ – „Der Mond“ steht für Illusionen und Prüfungen auf der Schwelle zu einer neuen Bewusstseinsebene.
Ein paar Tage, nachdem ich den Piraten-Lama-Traum geträumt habe, tippe ich den Blogtext dazu herunter, bevor ich zu Bett gehe. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Hinterher schlafe ich mit den Bildern des seltsamen Traumes im Kopf ein – und bekomme von meinem Unbewussten eine „Traum-Fussnote“ nachgeliefert:
Ich sitze auf dem Cloodeckel einer Toilette in einem weiß gekachelten Badezimmer und starre in eine Badewanne. Sie ist fast bis zum Rand mit einer brackig-braunen Brühe gefüllt. In dem schmutzigen Wasser paddelt verzweifelt ein Wildschwein-Ferkel, den Rüssel in die Luft gestreckt. Unter der Oberfläche erkenne ich einen seltsamen Fisch, er ist lang und schmal und sieht aus wie ein Stock. Außerdem schwimmt auf dem Grund der Wanne noch ein drittes Tier, an das ich mich aber nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern kann.
Während ich die drei Tiere beobachte, die vor meinen Augen in der ekeligen Suppe wieder und wieder im Kreis an mir vorbei ziehen, weiß ich, dass ich irgendwas tun muss. Nur was? Alles in mir fühlt sich an wie tot, die Situation löst keine Emotionen in mir aus.
Schließlich greife ich ins Wasser, packe den Fisch und halte das steife Tier angeekelt auf Armeslänge von mir weg. Ich müsste ihn erschlagen, wird mir bewusst. Nur habe ich keine Ahnung, wo sich bei diesem seltsamen Fisch der Kopf und der Schwanz befindet? Er sieht einfach nur aus wie ein langer schmaler Stock. Während ich ihn verwirrt anstarre und mir einen Reim daraus zu machen versuche, fällt mir ein, dass er wohl gerade dabei ist, zu ersticken. Ich werfe ihn wieder ins Wasser zurück. Den Vorgang wiederhole ich mehrmals, aber sooft ich den seltsamen Fisch auch in der Hand halte: ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll.
Irgendwann kommt mir in den Sinn, dass der Frischling bald geschlachtet werden muss. Wenn er zu viele Stresshormone produziert, wird die Qualität seines Fleisches darunter leiden! Das ist ein Gedankengang, mit dem mein Traumbewusstsein etwas anfangen kann. Ich nehme ein Handtuch, klaube das zappelnde Ferkel aus der Brühe und rubble es auf dem Fliesenboden ab.
Damit wache ich auf. Und bin kein bisschen schlauer als zuvor. Wenn DAS die Erklärung für den Piraten-Lama-Traum gewesen sein soll, dann vielen herzlichen Dank an mein Unbewusstes! „Geht es vielleicht ein bisschen pragmatischer?“, beschwere ich mich. Vergebens. Es folgt kein verständlicher „Erklärtraum“ in dieser Nacht. Meine Innere Stimme scheint der Ansicht zu sein, dass sie getan hat, was in ihrer Macht steht.
„XVIII“ – „Der Mond“ aus dem Crowley-Tarot.
Am nächsten Morgen befrage ich meine Tarot-Karten zur Bedeutung des Traumes – und bin nicht überrascht, als die „XVIII“ – „Der Mond“ vor mir auf dem Tisch liegt. Nicht zum ersten Mal: Seit ein paar Wochen verfolgt mich die Karte regelrecht.
„Mond“-Phasen sind keine schönen Zeiten im Leben.
Wenn die Karte in der Legung auftaucht, ist das immer ein Hinweis auf einen tiefgreifenden Transformationsprozess – begleitet von der Information, dass man die bedrohlichste Phase des Übergangs zwischen zwei Lebensabschnitten erreicht hat. In frühen Kulturen wurde dieser „rite de passage“ von Schamanen orchestriert. Sie führten die Menschen durch das steinige dunkle Niemandsland, das sich zwischen den Grenzen auftut und halfen den Adepten mit ihrem Wissen und ihren geheimen Techniken.
In unserer Kultur müssen wir allein durch. Was die Angelegenheit nicht nur unangenehmer macht, als sie sein müsste, sondern auch deutlich riskanter. Denn der „Mond“ markiert immer eine Zeit der Gefahr: die Bilder, die während dieser Übergangsphase aus dem Unbewussten aufsteigen, sind von extremer Suggestivkraft. Alte verdrängte Phantasien, Ängste und Wünsche werden mit einem Mal aktiv. Der Weg ins Neue ist schmal, und links und rechts lauert ein Abgrund aus Süchten und Verführungen. In dunklen Höhlen am Wegesrand verbergen sich die lange vergessenen Monster unserer Kindheit. Sie warten nur darauf, uns anzufallen, wenn wir müde, erschöpft und verängstigt an ihren Eingängen vorbeistolpern.
Während ich auf die „Mond“-Karte vor mir auf dem Tisch starre, taucht das Bild der drei im Kreis schwimmenden Tiere in der Badewanne in mir auf. Auf einmal macht es „Klick“ in meinem Kopf: ich habe vom „Rad des Samsara“ geträumt!
Das „Lebensrad“ ist eines der bekanntesten Symbole des Buddhismus: es zeigt drei Tiere – ein Schwein, eine Schlange und einen Hahn – die, immer im Kreis laufend, ein großes Rad antreiben. Das Bild repräsentiert das menschliche Gefangensein im Samsara – dem leidvollen Zyklus des immerwährenden Werdens und Vergehens der menschlichen Existenz. Die drei Tiere symbolisieren die drei „Geistesgifte“, die uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt immer wieder neu im Leid gefangen halten. Das Schwein steht für Unwissenheit, die Schlange für Hass und der Hahn – an den ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr richtig erinnern konnte – für Gier. (Wie schwimmt ein Hahn? Das wusste wohl nicht mal mein Unbewusstes…)
Die Badewanne mit der brackigen Brühe verbildlicht – wie alle Gefässe mit Flüssigkeiten in Träumen – Emotionen. Aktuell bin ich mit dumpfen und einengenden Gefühlen konfrontiert – das Wasser war schmutzig – zu denen ich keinen Zugang habe. Deshalb habe ich während des Traumes nichts gespürt. Das eigentliche unbewusste Thema scheint „Hass“ zu sein, zu dem ich aber Null Bezug habe. Im Traum wusste ich deshalb im wahrsten Sinne nicht einmal, wo „oben“ und „unten“ an diesem „Fisch“ war. Ich habe das Tier nicht mal erkannt, weil mir das Gefühl so fremd ist. Deshalb dachte ich, die Schlange wäre ein Fisch.
Damit ich das Rätsel um die Schlange lösen kann, muss deshalb erst mal das Ferkel sterben: Symbol für meine Unwissenheit. Immerhin habe ich es im Traum schon mal aus der Badewanne geklaubt im Bewusstsein, dass es geschlachtet werden muss.
Nur: wie soll ich das anstellen? Und auch noch als Vegetarierin? Das arme Schwein!
Dass alles so rätselhaft ist, finde ich frustrierend. Und das, wo ich mich gerade so unwohl und verloren fühle! Aber so ist es immer im Mond, das weiß ich aus Erfahrung. Und es gibt keine Abkürzung und auch keinen Notausgang.
Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sehe ich auch die positive Seite der Traum-Botschaften:
Sowohl im Piraten-Lama-Traum als auch in dem von den Tieren geht es um die Beendigung karmischer Verstrickungen. Das ist eine erfreuliche Nachricht, denn dafür meditiere ich schließlich: Ich möchte das Samsara-Rad der Wiedergeburten hinter mir lassen. Ich nehme die dusteren Träume als Information meines Unbewussten, dass ich zumindest die Chance dazu habe. Nur: wenn der Traum-Vajranatha mit seiner Tarot-Prophezeiung recht hat, werde ich mein großes Lebensziel nicht alleine erreichen. Ich brauche „all of us“ dazu…
Im Vajrayana gibt es keinen Unterschied zwischen Traum und Realität.
Die nächsten Tage über arbeitet der schräge Piraten-Lama-Traum in mir. https://www.water-runs-east.eu/piraten/ Jedesmal wenn ich zur Ruhe komme, kreisen meine Gedanken um die Traumbilder, die Tarotkarte des „Teufels“ und die seltsame Botschaft Vajranathas.
Das hat wohl auch damit zu tun, dass mich mit Lama Vajranatha bereits eine eigenartige Geschichte verbindet.
Alles beginnt – wie soll es auch anders sein – mit einem Traum.
In einer Nacht im Sommer 2018 finde ich mich als Lehrerin in einem Klassenzimmer wieder. Meine Schüler sind schon fast erwachsen und haben erkennbar keine Lust auf Unterricht. Sie äffen mich nach, tanzen schreiend und kreischend um mich herum und ihr Anführer macht sich einen Spaß daraus, mich mit Heften und Schulbüchern zu bewerfen. Ich versuche mir Gehör zu verschaffen, vergebens. Der Anführer gebärdert sich nur noch aggressiver. Er wird von einer blonden Mitschülerin angefeuert, der die Sache offensichtlich großen Spaß macht.
Ohnmächtig vor Wut drehe ich mich um und renne aus dem Klassenzimmer. Es geht die Treppe hinunter durch die Aula und hinaus auf den Schulhof. Von dort sind es zu meinem Erstaunen nur ein paar Meter bis zu einem Sandstrand. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herunter. Vor mir breitet sich – im gleißenden Licht glänzend – das Mittelmeer aus.
Nicht weit von der Bucht entfernt liegt eine kleine Insel. Ich beschließe, dorthin zu schwimmen. Die ungezogenen Schüler habe ich schon fast vergessen. Ich schlüpfte aus dem Kleid, freue mich, dass ich darunter einen Badeanzug trage, springe kopfüber ins glasklare Wasser und kraule zur Insel. Sie ist klein, nur ein paar Felsbrocken und ein bisschen Sand, die aus dem Wasser ragen. Ich klettere hinauf, setze mich in die Sonne und schaue über die glitzernde Wasseroberfläche hinüber zu dem langgestreckten weißen Schulgebäude, dass einige Meter hinter dem Strand in der Sonne flirrt.
Kurz darauf sehe ich, wie dort eine kleine Gestalt herausläuft, zum Strand eilt, ebenfalls aus den Kleidern schlüpft, ins Wasser springt und zu mir schwimmt. Es ist meine griechische Freundin, stelle ich zu meiner Freude fest, die ich während des Ngöndros kennengelernt habe. https://www.water-runs-east.eu/drei-ngoendro/ Dann wache ich auf.
Am nächsten Morgen schicke ich eine Mail nach Athen: „Last night I dreamed about you. We met each other on a small Greece Island.“ Mittags kommt eine Mail zurück. „Yes. I dreamed the same.“
Jetzt bin ich verblüfft. So was hatte ich noch nie! Es passiert mir immer wieder, dass ich von etwas träume, was gerade anderen Menschen, die mir nah sind, passiert. Oder – manchmal auch – passieren wird.
Aber dass ich mir mit jemandem einen Traum „teilen“ kann, ist mir neu. Auch meine griechische Freundin ist erstaunt. Wir schicken uns gegenseitig die Details unserer Träume und es wird immer wilder: meine Freundin – die auch im wirklichen Leben Lehrerin ist – betrat das Klassenzimmer mit den aufmüpfigen Schülern, kurz nachdem ich es verlassen hatte. Die Tür stand offen, schreibt sie mir. Auch sie versuchte zu unterrichten und wurde von dem aggressiven jungen Mann daran gehindert, der die ganze Klasse gegen sie aufhetzte. Als alle ihre Versuche, für Ordnung zu sorgen, scheiterten, tat sie etwas radikales: sie griff zu einem Messer und erstach den Störenfried von hinten. „I knew it was just a dream,“ schreibt sie mir. „And I can´t stand such a behaviour!“
Ich bin beeindruckt: so sind sie, die Griechinnen! Noch beeindruckter sind wir beide davon, dass wir uns zeitgleich im gleichen Traum bewegt haben. Wie kann so etwas möglich sein?
Kurz darauf tritt der Traum in den Hintergrund, denn meine griechische Freundin wird mit einem fehlerhaften Steuerbescheid konfrontiert. Das Finanzamt hat Nachzahlungen falsch berechnet und fordert eine astronomische Summe von ihr. Fällig innerhalb von sechs Wochen. Täglich sitzt sie im Finanzminsterium in Athen, zusammen mit vielen anderen Unglücklichen, die zum Opfer der fehlerhaften Software geworden sind. Und wie allen anderen wird ihr von den Sachbearbeitern versichert, dass sie recht hat und der Steuerbescheid falsch ist. Aber keiner ist in der Lage und Willens, den Fehler zu beheben. Sie ist verzweifelt, es geht um ihre Existenz.
Auf dem Höhepunkt des Dramas, dass sich gerade im fernen Athen abspielt, fahre ich zu meinem nächsten Ngöndro-Termin in den Odenwald. Ich bin jetzt im zweiten Jahr der vorbereitenden Übungen für die Tsog-Chen-Praxis des Vajrayana. Alles läuft wie immer: der Rinpoche des Bön-Klosters in Nepal hält – auf seinem roten Thron sitzend – Vorträge über die Praktiken und Meditationstechniken der nächsten drei Übungseinheiten, dazwischen finden Opfer-Rituale statt.
Es gibt nur einen Unterschied: An den Abenden hält ein amerikanischer Lama namens Vajranatha Vorträge über tibetischen Buddhismus. Am vorletztenTag laufe ich ihm während der Mittagspause über den Weg und spreche ihn an. Die Sache mit dem geteilten Traum beschäftigt mich immer noch und ich scheine einen Experten vor mir zu haben. Er hört sich meine Geschichte geduldig an. Zu meinem Erstaunen ist er an dem geteilten Traum nicht weiter interessiert, das scheint das Normalste der Welt für ihn zu sein. Ihn beschäftigt etwas anderes: „What happened to your friend?“, fragt er mich. Ich schaue ihn verständnislos an. „She killed someone!“ „But it was just a dream!“ stottere ich. „There is no difference between a dream and reality!“ bekomme ich zu hören. „A murder is a murder! It´s the energy!“
Auf einmal verstehe ich: Der kafkaeske Ärger mit dem Finanzamt ist die griechische Höllenstrafe für den Traummord. Ich lasse den Lama grußlos stehen, jage die Treppe in mein Zimmer hoch und schreibe meiner Freundin eine SMS, in der ich ihr die neuesten Erkenntnisse mitteile. Die sitzt gerade völlig verzweifelt auf einem harten Holzstuhl im Finanzministerium und sieht sich dem sicheren Untergang geweiht. „Go!“ Schreibt sie zurück. „Tell this american Lama I need a Puja! Immediatly!“ Was ist eine „Puja“? Und wie viel kostet so was? Egal, die Sache eilt. Ich greife zu meinem Portmonaie, renne wieder die Treppe hinunter, finde zu meiner Erleichterung Lama Vajranatha im Garten und teile ihm den Wunsch meiner Freundin mit. Fünfzig Euro wären ok, erklärt er mir, lässt sich von mir das Geld geben und teilt mir mit, am Donnerstag würde er das bestellte Puja – ein Opferritual – durchführen, keine Panik.
Am Sonntag stolpere ich aus dem Bauch eines Flugzeugs in die flirrende griechische Hitze hinaus. Der Geruch von Benzin und Meerwasser hängt in der Luft. Vor dem Terminal empfängt mich meine griechische Freundin. Sie strahlt. Alles ist gut ausgegangen. Als sie am Freitag – dem Tag nachdem Vajranatha das Puja abhielt – ins Finanzministerium in Athen kam, wartete bereits eine Sekretärin auf sie. Alles wäre entschieden, teilte sie ihr mit, die Unterlagen lägen bereit, sie müsse nur noch unterschreiben. Während sie meiner Freundin den Stift in die zitternde Hand drückte, erklärte sie ihr: „Das ist ein Wunder!“
Meine Freundin sieht es bis heute so. Und sie hat versprochen, sich an das zu halten, was ihr Lama Vajranatha durch mich hat ausrichten lassen: „Do not kill again! Neither in dream nor in reality!“
Was sagt mir diese Geschichte über meinen Piraten-Teufels-Karten-Traum? Das ist die Frage…
Ich bin im Traum mit „Dem Teufel“ konfrontiert, bekomme eine Tarot-Deutung von einem Piraten-Lama – und verstehe nichts…
Ich sehe mich um. Kein Zweifel: ich befinde mich in der Küche des Retreathauses am Ende der Welt. Die vertrauten blau gestrichenen Wände, an denen die beiden weißen Eckbänke entlanglaufen, davor die beiden langen Holztische – alles ist wie immer.
Aber irgendwie sieht trotzdem alles anders aus! Verwirrt lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern. Der ist viel schmaler und niedriger, als ich ihn in Erinnerung habe! Und statt durch braune Holzfenster schaue ich auf einmal durch runde Bullaugen ins Freie. Zu meiner Konfusion breitet sich dort draußen nicht der Weiher vor der überdachten Terrasse aus. Statt Tümpel, Wiese und Wald erkenne ich durch die nassen Scheiben eine unendliche grau-blaue wogende Wasserfläche. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich der Boden, wird mir mit einem Mal bewusst. Alles um mich dreht sich: Das Retreathaus am Ende der Welt scheint sich in ein Schiff verwandelt zu haben!
Glücklicherweise bin ich nicht allein in dieser seltsamen Küche. An der Stirnseite des Tisches unter den Fenstern sitzt Lama Vajranatha mit unbewegter Miene auf seinem gewohnten Stammplatz. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/ Wie immer hat er sich seine langen dicken grauen Dreadlocks mit einem breiten schwarzen Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt. Er mustert mich kühl und wirkt kein bisschen erstaunt darüber, dass er sich statt im Retreathaus im Bauch eines Schiffes befindet. Auch mein plötzliches Auftauchen scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Zu freuen scheint er sich über meinen Anblick allerdings auch nicht. Ich sehe mich nach Uriel um – er ist schließlich der Hausherr – aber von dem ist weit und breit nichts zu sehen. Und auch Uriels kleiner weißer Hund ist verschwunden.
Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Lama Vajranatha – und bemerke einen großen grün-gelb-blauen Papagei, der gerade hinter der Tischplatte auftaucht und – ein Bein vor das andere setzend – den rechten Oberarm des Lamas hinaufklettert. Als er auf seiner Schulter angelangt ist, schüttelt sich der große Vogel, spreizt kurz das Gefieder, richtet sich dann zu seiner vollen Größe auf, dreht den Kopf und starrt mich mit seinem rechten Auge durchdringend an.
„Du träumst!“, spricht in diesem Moment meine innere Stimme zu mir. „Kein Grund zur Panik. Schau einfach, was passiert.“
Auf einmal schiebt Lama Vajranatha energisch den Tisch ein Stück zurück – das scharrende Geräusch lässt mich zusammenzucken – stemmt sich schwerfällig von der Eckbank hoch und macht ein paar Schritte zur Tür. Jedesmal wenn er den rechten Fuß aufsetzt, klackt es laut. Kein Wunder: er trägt ein Holzbein!
Als er in seiner ganzen Größe und Breite, wie immer vollkommend schwarz gekleidet, mit seinem Turban, dem Papagei auf der Schulter und seinem Holzbein in der Tür steht, wird mir mit einem Mal bewusst, dass er aussieht wie ein Pirat! Ich bin im Traum in einem Piratenschiff gelandet!
Er tritt durch die Tür und winkt mir im Hinausgehen zu: ich soll ihm folgen. Statt im langen Flur des Retreathauses finde ich mich in einem schmalen dunklen Durchgang wieder. Ich stolpere hinter dem Lama-Piraten die enge Stiege hoch. Als ich auf das Deck klettere, sehe ich, dass ich mich auf einem alten Dreimaster befinde. Alle Segel sind gehisst, das Schiff jagt übers Meer. Ich höre, wie die Wellen rhythmisch gegen den Kiel klatschen. Von der Reling zu den Spitzen der Masten sind Schnüre gespannt, an denen viele bunte Wimpel im Fahrtwind flattern. Ich erkenne die fünf Farben der Buddha-Familien: blau, gelb, rot, weiß, und grün. Es sind tibetische Gebetsfahnen! Eigentlich hängen sie in den Bäumen am Weiher des Retreathauses am Ende der Welt. Am hinteren Mast flattern außerdem eine Reihe roter und blauer Fahnen. Das sind doch die, die Uriel und ich im März am Fluß aufgespannt haben! https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-flags/ Nur waren unsere rechteckig. Und auf einmal sind sie zu dreieckigen Wimpeln geworden!
Während ich mich umgeschaue, ist Vajranatha mit seinem Papagei auf der Schulter zum großen hölzernen Steuerrad in der Mitte des Decks geschritten. Wir scheinen alleine auf dem riesigen Schiff zu sein. Es ist wohl ein Zauberschiff, denke ich mir. Es braucht keine Mannschaft.
„XV“ – „Der Teufel“ aus dem Crowley-Tarot
Vajranatha winkt mich zu sich. Als ich neben ihm am Steuerrad stehe, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass er gerade dabei ist, einen Pack Karten zu mischen. Auf dem Deckel eines großen Holzfasses, das vor dem Steuerrad platziert ist, legt er sieben Karten aus und dreht sie vor meinen Augen eine nach der anderen um. Es sind meine vertrauten Crowley-Tarot-Karten! Die erste Karte der Legung ist „Der Teufel“.
Der Piraten-Lama mustert die Karten eindringlich. Dann hebt er den Kopf, schaut mir konzentriert in die Augen und spricht zu mir. „Remember: you all went into this together! So you all will only come out of this together!“
Ich fahre hoch. Durch die beiden hohen Sproßenfenster fällt das Licht der Straßenlaterne in mein Zimmer. Ich taste nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz nach zwei Uhr Morgens ist. Der Traum war so intensiv, dass ich immer noch glaube, das Schwanken des Schiffs unter mir zu spüren. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, mich an die Karten der Legung zu erinnern, so sehr ich mir auch den Kopf zermartere. Das einzige, was geblieben ist, ist das Bild des „Teufels“, auf der ersten Position. Die Karte, die dort liegt, verweist auf den Ursprung einer Situation. Der Merksatz für diese Position lautet: „Daher kommt es.“
Ob damit dasselbe gemeint ist wie mit dem „this“, von dem Lama Vajranatha sprach? Wenn ja, muss dieses „this“ etwas höchst Ungutes gewesen sein. Denn der Teufel ist die negativste Karte im ganzen Tarot-Deck. Er steht für Verstrickungen, Süchte, Abhängigkeiten und menschliche Abgründe. Traditionell werden die anderen Karten der Legung nicht mehr gewertet, wenn „Der Teufel“ auftaucht, weil seine negative Energie so stark ist. Ob ich mich deshalb nicht mehr an den Rest der Legung erinnern kann?
Der Bedeutung des schrägen Traums beschäftigt mich so sehr, dass ich nicht wieder einschlafen kann. Schliesslich gebe ich auf, schalte das Licht an, stehe auf und blättere schlaftrunken am Bücherregal ein paar Tarot-Bücher nach der Bedeutung des „Teufels“ durch. In einem der Bücher werde ich fündig. In einer langen Liste, wofür „Der Teufel“ stehen kann, stoße ich auf „Schicksalsgemeinschaft“.
Das würde zu dem passen, was mir Vajranatha im Traum mit auf den Weg gegeben hat: „You all went into this together. You all will only come out of this together.“ Ich scheine also Teil von so etwas wie einer „Schicksalsgemeinschaft“ zu sein. Nur: wer, bitte, soll der Rest dieser vergnüglichen Mannschaft sein? Und was, zum Teufel noch mal, ist „this“?
Am liebsten würde ich den Traum und seine Botschaft einfach vergessen. Aber das traue ich mir nicht. Dafür war alles zu intensiv. Nur hätte ich mir klarere Handlungsanweisungen gewünscht. Und ein paar Informationen mehr wären auch kein Schaden gewesen.
Konfus und unzufrieden schlafe ich endlich wieder ein.
Nach einer langen Nacht lege ich mir vor einem Hostel in Berlin-Kreuzberg Tageskarten – mit dem Motherpeace-Tarot-Deck…
Eine Tageskarten-Legung: links der Stapel mit den großen Arkana, in der Mitte der Stapel mit den Personenkarten, rechts der Stapel mit den kleinen Arkana. Die oberste Karte der Stapel wird nach dem Mischen umgedreht und beschreibt bestimmte Aspekte, die an diesem Tag von Bedeutung sind.
Sonntagmorgen um Neun. Ich sitze in Berlin-Kreuzberg vor dem Hostel und sehne den Moment herbei, an dem mir erlaubt sein wird, meine Augenringe hinter der Sonnenbrille zu verstecken. Noch liegt der schmale Holztisch im Schatten, aber die warmen Sonnenstrahlen wandern stetig näher an die Hauswand heran. Ich zähle die Minuten, halte mich an meiner Kaffeetasse fest und konzentriere mich auf das pralle Leben, dass neben mir auf dem Gehweg vorbei zieht.
Ein Mann im Clownkostüm bleibt an unserem Tisch stehen und hält mir eine Plastiktröte unter die Nase. Mein Humor hat heute Urlaub. Er nimmt mein genervtes „No! Thank you!“ ungerührt zur Kenntnis und versucht sein Glück ein Straßencafé weiter. Ein Obdachloser wandert, unaufhörlich vor sich hin schimpfend, den Gehweg auf und ab. Touristen steuern, begleitet vom lauten Rattern ihrer Rollkoffer, den nahen U-Bahn-Schacht an. Die Schlange vor der Bäckerei auf der anderen Straßenseite wird lang und länger. Mit lautem Bimmeln scheucht die Straßenbahn ein Rudel übernächtigter Brautjungfern von den Schienen. Die Schleier auf ihren Köpfen wippen, als sie sich auf hohen Absätzen hinter der in Schlangenlinien laufenden Braut in spé auf den Bürgersteig retten.
Maria und ich haben im Acht-Bett-Zimmer übernachtet. Gemischt. Die Zeiten, in denen Berlin billig war, sind definitv vorbei. Dass wir nach dem Open-Air in Köpenick jede hundert Euro für ein paar Stunden Schlaf im Hotelzimmer investieren sollen, haben wir beide nicht eingesehen. Das Hostel ist ok und glücklicherweise hat keiner der Herren im Raum geschnarcht. Und besoffen und zugedröhnt war auch keiner.
Unausgeschlafen bin ich trotzdem. Aber das liegt an meiner Erkältung, mit der ich mich nach Berlin geschleppt habe. Die Tickets für das Open-Air hatte ich schon im Oktober gekauft, ein „once-in-a-lifetime-event“. Ich musste hin, da konnte mich der Husten noch so quälen. Jetzt habe ich den Salat: die Nase läuft, meine Stimme ist weg und zur Abwechslung sehe ich mal so alt aus wie ich bin – und fühle mich noch mal zehn Jahre älter. Mindestens…
Maria sitzt mir – schön wie der strahlende Frühsommermorgen – gegenüber. Sie dreht sich entspannt ihre Morgenzigarette. Nach der zweiten Tasse Filterkaffe kehrt meine Stimme zumindest in Ansätzen wieder und wir unterhalten uns über den gestrigen Abend. Maria war das allererste Mal in ihrem Leben auf einem Live-Konzert, sie fand es toll. Obwohl alles auf Deutsch war und sie faktisch nichts verstanden hat. Aber die Stimmung war super, das Wetter schön und die übliche Berliner Menagerie machte ihre Aufwartung, es gab also auch abseits der Bühne genug zu bestaunen.
Nach dem Frühstück krame ich mein Karten-Deck aus dem Rucksack. Wenn ich auf Reisen gehe, packe ich ein, was jeder vernünftige Mensch mitzunehmen pflegt: Schlafanzug, Zahnbürste etc. – und dazu immer noch zwei „unvernünftige“ Dinge: zum einen meine Mala, die tibetische Gebetskette. Denn ich habe mich verpflichtet, täglich mein Vajra-Armor-Mantra zu rezitieren, komme was wolle. Auch gestern Abend habe ich es vor dem Einschlafen im Acht-Bett-Zimmer vor mich hingemurmelt. Und zum zweiten meine Tarot-Karten. Denn jeden Morgen – ebenso komme was wolle – lege ich mir meine Tageskarten. Ich habe schon so manches Mal Schlafanzug oder Zahnbürste vergessen. Mit meiner Mala und meinen Tarot-Karten ist mir das noch nie passiert.
Normalerweise habe ich immer etwas Hemmungen, mir in der Öffentlichkeit die Karten zu legen. Aber das hier ist Berlin! Der Herr am Nebentisch mustert mich trotzdem irritiert, als ich anfange zu mischen. Da muss er durch: wer in Berlin-Kreuzberg nächtigt, wird mit Verstörenderem konfrontiert als einer übermüdeten mittelalten spleenigen Frau, die einfach nur wissen will, was der Tag bringen wird.
Meine Tageskarten lege ich mir immer mit dem „Motherpeace-Tarot“. Das ist ein feministisches Set aus den USA und weit weniger gebräuchlich als das „Raider-Waite“, mit dem ich immer Maria die Karten lege, oder das „Crowley“, das ich im Alltag benutze.
Drei Mal „V“ – „Der Hohepriester“: links „Motherpeace“, in der Mitte „Crowley“, rechts „Raider-Waite“.
Das Besondere an „Motherpeace“ ist, dass es fast nur Karten mit weiblichen Abbildungen gibt. Aber nicht nur die Bildmotive, auch die Deutung der Karten unterscheidet sich von klassischen Decks: im „Motherpeace“ werden traditionelle patriachale Perspektiven zurückgewiesen, der Fokus liegt auf weiblicher Selbstermächtigung und der Betonung des Vertrauens in die weibliche Intuition.
Eine weitere Besonderheit des „Motherpeace“ ist, dass die Karten rund sind – und die jeweilige Bildposition in die Deutung mit einfließt. Ist das Motiv nach rechts gedreht, steht das für eine Verstärkung der Botschaft. Eine Drehung nach links gilt als Hemmung. Steht die Karte auf dem Kopf, wird das – je nach Karte – entweder als Blockade oder als Umkehrung interpretiert.
Deshalb ist das „Lesen“ einer „Motherpeace“-Legung ein bisschen komplizierter: es gibt noch einmal eine Information mehr, die mit berücksichtigt werden muss. Dafür spart man sich in vielen Fällen das „Unterlegen“. Das ist eine Technik, bei der noch einmal gezielt mit einer weiteren Legung gefragt wird, ob diese konkrete Karte positiv oder in ihrem Schattenaspekt gedeutet werden muss.
Beim Motherpeace erschließt sich das aus der Drehung der Karte. Wenn man es mal raus hat, ist die runde Form deshalb sehr praktisch. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Set für meine Tageslegung benutze: Morgens muss es schnell gehen und bei diesen Karten ist die Bedeutung mit einem Blick ersichtlich.
Für die Tageslegung werden die 78 Karten des Tarot in drei Stapel sortiert: in den ersten kommen alle zweiundzwanzig „großen Arkana“, in den zweiten Stapel alle „Personenkarten“ (klassisch: Bube, Ritter, Königin, König) in den dritten alle vierzig Karten der „kleinen Arkana“.
Dann wird jeder Stapel einzeln gemischt und die jeweils oberste Karte umgedreht. Beim Motherpeace muss das mit Bedacht geschehen, auch die Drehung der Karte ist von Bedeutung. Der Winkel sollte also beim Umdrehen nicht verändert werden.
Hier noch einmal meine Tageslegung aus Berlin: links „V“ – „Hohepriester“, in der Mitte „Sohn der Stäbe“, rechts „Vier Kelche“.
Die Karten werden nun wie folgt gedeutet: Links beschreibt die Karte der „Großen Arkana“ welches Thema den Tag dominieren wird. Die Personenkarte in der Mitte zeigt, welcher Persönlichkeitsanteil in mir heute aktiv ist. Die Karte rechts steht für die Energie, mit der mir die Außenwelt – meist ist es eine konkrete Person – begegnet.
Am heutigen Tag stehe ich unter dem Einfluss des „Hohepriesters“. Ich habe Glück, dass er auf dem Kopf steht, denn im Motherpeace ist die „V“ – im Gegensatz zum klassischen Tarot – negativ beschrieben.
Auf der Karte ist ein Mann abgebildet, der sich als Frau verkleidet hat und von den Frauen um ihn herum auf Knien angebetet wird. Der Hohepriester hat die natürliche intuitive Macht der Frauen unter seine Kontrolle gebracht und manipuliert seine Anhängerinnen, indem er ihnen ihre Fähigkeit selbst zu denken, zu fühlen und ihrer Intuition zu vertrauen, abspricht. Er steht für patriachale starre Autorität, die alles Weibliche und Intuitive kontrollieren und ausbeuten will.
Weil die Karte auf dem Kopf steht, ist mein Grundthema des heutigen Tages die Rebellion gegen diese Strukturen. Das mache ich allerdings auf charmante Weise: die Karte in der Mitte zeigt den „Sohn der Stäbe“ – eine der wenigen männlichen Abbildungen des Decks. Er steht aufrecht. Das bedeutet, dass ich heute unterhaltsam und verspielt bin. Und im Außen, so die Karte rechts, bin ich mit einer Person konfrontiert, die sich eine Auszeit vom Alltag nimmt, um in Ruhe über eine Situation nachdenken zu können.
So ist es, stellen Maria und ich fest, als wir uns über die Karten unterhalten. In der Nacht bevor wir nach Berlin fuhren, haben wir beide Seltsames geträumt. Unser beider Träume waren von jener speziellen Qualität, die darauf hinweist, dass es sich nicht um „normale“ nächtliche Verabeitungsprozesse des Gehirns handelt, sondern um Botschaften, in denen wir nicht nur mit unserem eigenen Unbewussten, sondern auch noch mit anderen Personen in Kontakt standen.
Wer regelmäßig Tantra-Meditation praktiziert, kennt diese Erfahrung. Maria praktiziert nicht: sie hat vor einem Monat das erste Mal in ihrem Leben an drei Tantra-Zeremonien teilgenommen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/ Das war es auch schon gewesen. Ich bin deshalb beeindruckt von ihrem Traum: sie scheint es ohne Praxis und ohne Vorerfahrung fertig gebracht zu haben, mit einer anderen Person im Traum in Kontakt zu treten. Respekt!
Allerdings lag diesem Treffen kein Plan zugrunde. Maria war innerlich mit dieser anderen Person beschäftigt gewesen – wohl so sehr, dass sie unbewusst im Traum das Treffen arrangiert hat. Jetzt ist sie konfus – wie konnte das passieren? Außerdem beschäftigt sie die Frage, welche Schlüsse sie aus der seltsamen Traumbegegnung ziehen soll. Von daher passt die Tageskarte für sie als mein „Außen“ heute gut.
Auch ich hatte eine „Traum-Begegnung“. Im Gegensatz zu Maria hatte ich sie mir beim Einschlafen bewusst gewünscht und ich bin erfreut, dass das Treffen zustande gekommen ist. Es verlief sehr harmonisch. Deshalb bin ich seit gestern morgen – trotz Erkältung – ausgesprochen gut gelaunt. Von daher finde ich den „Sohn der Stäbe“ stimmig.
Und auch der auf dem Kopf stehende „Hohepriester“ passt perfekt. Denn das, was in diesem Traum passiert ist, lässt mich wieder einmal an meinem Verstand zweifeln. Dass ich jemand anderen zu einem Traumgespräch einladen kann, ist für Tantra-Praktizierende Standard. Und mein Gast praktiziert auch, von daher war die Schwelle niedrig. Aber dass ich mich mit jemandem ausführlich über komplizierte Dinge austauschen kann, ohne dabei im Traum zu sprechen, bringt mich an meine Grenzen. Kann es sein, dass ich mir das alles ausgedacht habe? Es ist ja wohl nicht möglich, dass ich mich wortlos mit einer anderen Person „unterhalten“ kann, einfach nur durch meine Herzensenergie?
Die Sonne hat den Tisch vor dem Hostel erreicht. Erleichtert verstecke ich meine Augenringe hinter den dunklen Brillengläsern, beobachte die Menschen, die auf dem Gehweg an uns vorbei ziehen, nehme einen Schluck Kaffee und beschließe, meiner Tageskarte und meiner Intuition zu vertrauen: es war keine Einbildung. Ich bin mittlerweile in der Lage, mit Hilfe meiner Herzensenergie zu hören und zu „sprechen“. Das verdanke ich wohl meinem Vajra-Armor-Mantra, dass ich seit mehr als drei Jahren praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/
So etwas geht immer mit Konsequenzen auf der energetischen Ebene einher. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, was es diesmal wohl gewesen sein könnte, was sich in mir verändert hat. Die Frage scheint hiermit beantwortet zu sein.
Übermüdet, hustend, heiser – und sehr vergnügt – schultere ich meinen Rucksack und laufe mit Maria in Richtung Hauptbahnhof. Leipzig ruft…
Maria möchte lernen, sich selbst die Tarot-Karten zu legen und übt fleißig mit mir…
Wir sitzen in Marias Küche – zum allerersten Mal!
Bis letzte Woche gab es in der kleinen Dachwohnung nur ein Sofa – auf dem sie nachts schläft – und ein wakeliges Sideboard. Beides hat der Vormieter zurückgelassen. Maria ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Leipzig gekommen. Mehr als einen Koffer voller Kleidung konnte sie nicht mitnehmen, als sie vor den russischen Bomben aus der Ukraine floh.
Nach ihrem Ausflug zu Ikea kann sie immerhin einen Küchentisch und zwei Stühle ihr Eigen nennen. Sie ist glücklich: die winzige Wohnung fühlt sich auf einmal fast wie ein Zuhause an.
Damit es auch wirklich Stil hat, platziert Maria noch eine brennende Kerze auf dem neuen Küchentisch und faltet sorgfältig die Servietten, bevor sie mir ihre vortrefflichen vegetarischen Buchweizenpfannkuchen serviert.
Dazu habe ich die Wahl zwischen lauwarmem Weißwein – halbtrocken – oder kaltem Radler aus der Dose. Da fällt die Wahl nicht schwer, ich nehme das Radler. Das passt eh besser zu den Pfannkuchen, erklärt mir Maria. Aus gegebenem Anlass kippt sie das Dosenradler in zwei Weingläser. Wir prosten einander zu und essen – während durch das offene Fenster der Duft des Frühlings hereinstreicht – ukrainische Pfannkuchen und unterhalten uns auf Englisch über Gott und die Welt.
Danach drehen wir uns jede noch eine Zigarette und bewundern – rauchend am Fenster stehend – die Aussicht auf den von der Abendsonne beschienenen Hinterhof.
Als wir wieder am Tisch sitzen, dreht Maria den russischen Hipp Hopp leiser. Zum Dessert gibt es Nachos – und dazu Unterricht in Kartenlegen.
Maria war von Anfang an begeistert von den Tarot-Karten. Sie mochte auch meine schrägen Geschichten – da war sie erstaunlich schmerzfrei, obwohl ich schon zu Beginn unserer Freundschaft sehr offen ihr gegenüber war, viel offener, als ich das für gewöhnlich bin – aber die Karten waren attraktiver. Sie sind ja auch nützlich, vor allem in einer so fragilen Lebenssituation wie der ihren. Keiner kann ihr sagen, was in eine Woche, einem Monat oder einem Jahr mit ihr sein wird – außer Tarot.
Links Karten aus dem Crowley-Tarot, rechts jeweils die gleichen aus dem Raider-Waite.
Sie will deshalb nicht nur ständig Tarot gelegt bekommen – sie will selbst lernen, wie es funktioniert. Ich habe ihr zu Unterrichtszwecken ein Set des „Raider-Waite-Smith-Tarot“ gekauft und lege ihr damit auch immer die Karten. Ich selbst bevorzuge das „Crowley-Thoth-Tarot“, aber das ist schwerer zu deuten, als das „Raider-Waite“, dessen Bildsprache auch für Laien einfach zu entschlüsseln ist. Während die Künstlerin Frieda Harris für die einzelnen Karten im „Crowley-Deck“ lediglich Symbole wählte, nutzte etwa zeitgleich Pamela Smith für das „Raider-Waite“ konkrete Darstellungen mit Figuren, die die Bedeutung der einzelnen Karten beschreiben. Dadurch sind die Motive auch Menschen zugänglich, die von Tarot keine Ahnung haben.
Es gibt hunderte verschiedener Tarot-Decks, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren: jedes Set besteht aus 78 Karten.Von diesen sind 22 Karten „große Arkana“ oder „Trümpfe“, die bei der Deutung stärker gewichtet werden, als die „kleinen Arkana“. Diese entsprechen unseren gängigen Spielkarten. Statt der gängigen vier „Farben“ wie im Skat gibt es vier Symbolklassen, die jeweils den Elementen zugeordnet sind: Schwerter stehen für „Luft“ und damit für die geistige Ebene und beschreiben Denkvorgänge (im Bild ganz oben). Stäbe stehen für „Feuer“ und beschreiben vitale Prozesse auf der Ebene der Lebensenergie (Bild, zweite Reihe). Kelche stehen für „Wasser“ und beziehen sich auf die emotionale Ebene des Erlebens (Bild, dritte Reihe). Münzen stehen für „Erde“ und beschreiben die materielle und körperliche Ebene der Erfahrung (unterste Reihe).
Oben die Legung mit fünf, unten mit sieben Karten. Einen guten Überblick über Legesysteme bietet Banzhaf, Hajo: „Gut beraten mit Tarot.“ für das Raider-Waite.
Maria mischt und legt unter meinem wachsamen Blick aus. Sie beherrscht inzwischen zwei verschiedene Legungen: eine Variante mit fünf, und eine mit sieben Karten.
Grundsätzlich gilt: je mehr Karten, desto differenzierter wird die Legung – und desto anspruchsvoller die Interpretation. Maria entscheidet sich für die „Siebener-Legung“. Die hat gegenüber der Variante mit den fünf Karten den Vorteil, dass es im System eine Karte für das „Außen“ gibt, sowie eine weitere, die eine konkrete Handlungsanweisung erteilt. Deshalb ist die Fragestellung, mit der zur Siebener-Legung gemischt wird immer: „Was ist in Bezug auf X zu tun?“, während zur Fünfer-Legung gefragt wird „Wie steht es um X?“
Nachdem Maria die obersten sieben Karten des Stapels fächerförmig mit der Bildseite nach unten ausgelegt hat, dreht sie – von links nach rechts – eine nach der anderen um und benennt dabei die einzelnen Positionen. „Daher kommt es,“ für die erste. „So ist es aktuell,“ für die zweite. „Das wird kommen,“ für die dritte. Die wichtigste Karte dieses Legesystems ist die vierte. Maria dreht sie konzentriert um und murmelt dazu „This is what I have to do.“
Die fünfte Karte zeigt das „Außen“ in Bezug auf die Fragestellung an. Fragt man nach einer bestimmten Person, ist sie es, die auf dieser Position beschrieben wird. Fragt man nach Situationen oder Institutionen, beschreibt diese Karte die Stimmung im Außen.
Interessant ist die Differenz zwischen den Karten sechs und sieben: während die sechste Karte des Systems anzeigt, wie der Fragende selbst die Situation einschätzt, zeigt die siebte Karte, wie sie – nach Ansicht von Tarot – wirklich ist. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen den beiden Karten lässt sich viel herauslesen.
Maria lässt ihren Blick kritisch über die Karten wandern. Dann fällt ihr ein, dass noch etwas fehlt: Die Quintessenz! Das ist die Quersumme des Gesamtwerts aller in der Legung befindlichen Karten. Die sind – bis auf die Personenkarten (Bube, Ritter, Königin und König) – durchnummeriert. Maria zählt zusammen – im Raider-Waite sind alle Kartenwerte, auch die auf den kleinen Arkana, in römischen Ziffern abgebildet – und nennt die Zahl. Sie ist höher als zweiundzwanzig, deshalb muss sie noch einmal die Quersumme bilden. Sie rechnet und kommt auf die Quintessenz „VIIII“ – „Der Eremit“. Die Kernbotschaft dieser Karte der großen Arkana (es gibt zweiundzwanzig davon im Deck, deshalb darf die Quersumme nicht höher sein) gibt jetzt die Interpretation der Kartenlegung vor. Die Quersumme als Leitprinzip für die Deutung einer Legung zu nutzen ist kein „muss“ – viele machen es nicht – aber ich finde, sie hat sich bewährt.
Die Kernbotschaft der Legung ist also: Rückzug; den Fokus auf die eigenen inneren Prozesse richten und erst einmal abwarten.
Dann ist Maria aufgefordert, die Legung zu interpretieren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Karten in Bezug auf deren aktuelle Position verstehen muss. Damit die Legung aussagekräftig wird, ist es notwendig, aus dem Zusammenspiel der einzelnen Karten eine schlüssige Geschichte zu generieren. Erst dann werden die Karten wirklich „gelesen“. Alles andere ist funktioneller Analphabetismus. Um an diesen Punkt zu kommen, braucht es jahrelange Übung – und sehr viel Geduld.
So weit ist Maria deshalb noch lange nicht. Wir gehen der Reihe nach die Karten durch. Sie kennt inzwischen immerhin schon ihre einzelnen Bedeutungen. Bei den kleinen Arkana – den jeweils zehn Karten der vier Farben, die unseren Spielkarten entsprechen – ist das relativ einfach, die Bildsprache von Pamela Smith ist pointiert. Liegt da eine Personenkarte (Bube, Ritter, Königin, König) wird es schon schwieriger. Und die großen Arkana (die zweiundzwanzig „Trümpfe“) sind so vielschichtig, dass eine sinnvolle Interpretation in Bezug auf die Fragestellung des Öfteren eine Kunst ist.
Immerhin, sie bringt schon eine – etwas holprige – „Geschichte“ zustande. Das ist eine ziemliche Leistung nach gerade mal ein paar Monaten Kartenlegen. Maria ist nicht die erste, der ich versuche, das Kartenlegen beizubringen. Meine Erfolgsbilanz ist mager: bisher hat es nur ein einziges Mal geklappt. Es ist aber auch kompliziert. Man braucht nicht nur Geduld und Interesse, es ist ein spezieller Blick notwendig, die Bildsprache muss intuitiv verstanden werden. Und es ist Offenheit und Kreativität gefragt: auch wenn die Bedeutung der Karten prinzipiell festgelegt ist, sind sie immer vielschichtig. Je nach Person und Fragestellung kann die Karte in der einen Legung das eine, in einer anderen Legung aber etwas anderes bedeuten. Deshalb bevorzuge ich das Crowley-Tarot gegenüber Raider-Waite. Anfang ist das Raider-Waite leichter zu deuten, aber ab einem bestimmten Punkt wird die pointierte Bildsprache zum Hemmschuh, weil sie die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten einengt.
Dazu muss immer noch das „Abwesende“ mit eingerechnet werden. Es braucht sehr viel Erfahrung bis man lernt, darauf zu achten, was eigentlich in Bezug auf die Fragestellung dort liegen müsste – aber fehlt. Erst daraus lässt sich eine Legung wirklich auf die aktuelle Situation einer bestimmten Person hin stimmig interpretieren. Ein einfaches Beispiel: wenn jemand genaueres zu einer Liebesbeziehung wissen möchte und in der ganzen Legung findet sich keine einzige Karte mit Kelchen – die für Emotionen stehen – dann sagt das etwas über die Qualität der Beziehung, unabhängig von den anderen Karten, die da liegen.
Maria und ich arbeiten uns Karte für Karte durch ihrer Legung. Gemeinsam entwickeln wir eine „Geschichte“, die ihr etwas sagt. Hinterher ist sie erleichtert: sie kann das Problem, mit dem sie sich gerade herumschlägt, besser einordnen und verstehen und hat eine klare – und für sie umsetzbare – Handlungsanweisung erhalten, die ihr das Gefühl gibt, die Situation beherrschen zu können.
Ich folge einer schrägen Eingebung, werde gechannelt und nehme Abschied von meinem erleuchteten Tarot-Meister.
Ich sitze, das Gesicht zur Wand, unter der Dachschräge. Der Regen klopft gleichmäßig gegen die schmalen Giebelfenster. Es ist später November, draußen ist es bereits dunkel. Die Luft ist stickig, wir sind mehr als Zwanzig in dem engen Raum. Jeden Donnerstagabend trifft sich hier eine Meditationsgruppe um, Schulter an Schulter, gemeinsam Zen zu praktizieren.
Ich habe vor einigen Monaten damit begonnen und alleine zuhause die Konzentration zu halten, fällt mir schwer. Der Zen-Lehrer hat während des Einführungskurses die wöchentliche Praxis in einer Gruppe empfohlen. „Für Ungeübte“, hat er uns erklärt, „ist es viel leichter im Chor den Ton zu halten, als Solo.“ Damit her er recht, habe ich festgestellt. Deshalb komme ich regelmäßig hierher, mein Zafu – das Meditationskissen – unter dem Arm, um meine drei Runden Sitzmeditation und zwei Runden Gehmeditation zu absolvieren. Die Zen-Praxis findet im Schweigen statt: ich kenne zwar alle vom Sehen, habe mich aber noch nie mit jemandem aus der Gruppe unterhalten.
Ich sitze und lausche in die Stille hinein, während ich meinen Atem, meinen Körper und die anderen der Gruppe um mich spüre.
Auf einmal erklingt in mir eine Stimme. „Du musst dem Ziegler schreiben!“, sagt sie sehr bestimmt. Das reißt mich aus meiner Konzentration. Ich schüttle verwirrt den Kopf, schiebe den störenden Gedanken beiseite, und versuche wieder, einfach nur präsent zu sein und an nichts zu denken. Vergebens. Nach ein paar Minuten erklingt wieder die lästige Stimme: „Du musst dem Ziegler schreiben!“
Automatisch kommt mir die „VII“ aus den großen Arkana des Tarot in den Sinn – „Der Wagen“. Und dazu der Merksatz eben jenes Zieglers, dem ich, so meine penetrante innere Stimme, unbedingt schreiben soll: „Eingebungen, die in der Meditation aufscheinen, verdienen Aufmerksamkeit und sollten beachtet werden.“
Aha.
Dass ich gerade in Meditationshaltung auf diesem Kissen sitze, verdanke ich in gewisser Weise auch Ziegler. Und einem weiteren seiner Merksätze zu „VII“ – „Der Wagen“: „Regelmäßige Meditation ist ab einem bestimmten Punkt unserer persönlichen Entwicklung kein ‚Luxus‘, sondern eine Notwendigkeit.“
Während der Morgenmeditation am nächsten Tag hängt mir die Botschaft meiner Inneren Stimme von gestern Abend nach. Warum, bitte, soll ich dem Ziegler schreiben?
Obwohl seine beiden Bücher zu Tarot so etwas wie meine persönliche Bibel sind, habe ich mir nie groß Gedanken um den Autoren gemacht. In beiden Büchern ist auf der letzten Seite ein vages Schwarz-Weiß-Photo von ihm abgebildet. Ich habe deshalb eine ungefähre Idee, wie er aussehen könnte – oder besser, vor Jahren einmal ausgesehen hat – aber das war es auch schon. Ich habe ihn nie gegoogelt und kann mich nicht erinnern, dass mich jemals die Frage beschäftigt hätte, wie der Mann wohl ist, der mir das Kartenlegen beigebracht hat.
Egal, beschließe ich, als ich, die Kaffeetasse neben dem Laptop, an meinem Schreibtisch Platz nehme. Eine Eingebung ist eine Eingebung, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich hole Briefpapier und Füllfederhalter heraus – es wird ein privater Brief, so viel ist klar, den tippe ich nicht am Computer. Nur: was soll ich ihm schreiben, diesem ominösen Gerd B. Ziegler?
Ich starre gedankenversunken durch das Fenster in den grauen nassen Garten hinaus. Bilder steigen in mir auf: ich sehe mich neben der Freundin durch eine dunkle Regennacht laufen. Der Asphalt glänzt nass, Laub raschelt unter unseren Füßen. Wir sind auf dem Weg zu einer Bekannten meiner Freundin, die mir die Karten legen wird. Es war die Nacht, in der ich das erste Mal Tarot begegnete. Am nächsten Tag kaufte ich mein erstes Kartenset mit dem Begleitbuch von Ziegler. Es muss Ende November gewesen sein, ungefähr zur gleichen Zeit im Jahr wie jetzt. Wie lange ist das jetzt eigentlich her? Zwanzig Jahre! Seit genau zwanzig Jahren lege ich nach den Anweisungen von Gerd B. Ziegler Tarot-Karten!
Das, denke ich mir, ist wahrhaftig ein Grund für einen Brief. Einen Dankesbrief! Jetzt fällt mir das Schreiben leicht: dass seine klugen Bücher mich seit zwei Jahrzehnten begleiten würden, wie dankbar ich ihm wäre für seinen weisen Rat und dass mein Leben ohne ihn anders – und sicher schlechter – verlaufen wäre, bringe ich zu Papier. Es dauert höchstens zwanzig Minuten, dann bin ich fertig.
Ich schreibe die Verlagsadresse auf den Umschlag, klebe noch eine Briefmarke oben drauf und werfe den Brief am späten Nachmittag auf dem Weg zum Einkaufen in den gelben Postkasten. Als sich die Klappe mit lautem Klappern hinter dem Umschlag schließt, habe ich ihn bereits vergessen. Mission accomplished.
Deshalb trifft mich völlig unvorbereitet, was zwei Wochen später geschieht. Es ist ein Sonntag. Draußen ist es nass, kalt und grau und ich beschließe, einen Cheat-Day einzulegen. Unfrisiert und im Schlafanzug liege ich um zwei Uhr Nachmittags im Bett, lese „Harry Potter“ und esse Schokolade.
Auf einmal trifft mich etwas mit einer solchen Wucht, dass ich beinahe aus dem Bett geschleudert werde. Erschrocken und verwirrt schaue ich mich um und „sehe“ über meinem Kopf einen Mann, der, am Schreibisch sitzend, einen Brief in der Hand hält, über dessen Rand hinweg er mich durchdringend mustert. Es ist, als hätte sich plötzlich ein Fenster in der Wand aufgetan.
Ich schnappe nach Luft: das ist mein Brief und der Mann ist ganz offensichtlich der Autor meiner Tarot-Bücher! Es sind nur wenige Sekunden, dann verschwindet die seltsame Erscheinung wieder. Abgesehen davon, dass ich mich wieder einmal frage, ob es sein kann, dass ich verrückt bin, hat sie mir gründlich den Tag versaut. Ich lege keinen Wert darauf, von irgendjemandem in Augenschein genommen zu werden, während ich im Schlafanzug, Schokolade essend und Harry Potter lesend im Bett liege! Da kann die Form der Kontaktaufnahme noch so außergewöhnlich sein, ich will das nicht! Der Brief war ein Dank gewesen, keine Einladung für Übergriffe!
Nach ein paar Stunden habe ich die seltsame Erscheinung verdaut und vergesse die Sache wieder. In zwei Wochen ist Weihnachten. Ich habe anderes zu tun, als mir über okkulte Seltsamkeiten den Kopf zu zerbrechen.
Drei Tage später ziehe ich mit der Tageszeitung einen goldenen Umschlag aus dem Briefkasten. Ich bin erstaunt: ein früher Weihnachtsgruß? In der Küche stelle ich fest, dass mir doch tatsächlich Gerd B. Ziegler geschrieben hat! Unter seiner Privatadresse!
Wie sehr er sich doch über meine Dankesworte gefreut hätte, schreibt er mir – mit der Hand – und dass er mich enlädt, als sein Gast an einem seiner nächsten Tarot-Kurse in der Schweiz teilzunehmen. Der nächste finde im Februar statt, ein weiterer im Juni. Seine Assistentin wisse Bescheid, nachstehend ihre Nummer, ich solle mich bei ihr melden, um alles weitere zu besprechen.
Ich muss mich setzen. War das die Intention meiner Inneren Stimme, als sie mir auftrug, den Brief zu schreiben?
Ich zermartere mir den Kopf, ob ich die Einladung annehmen soll, oder nicht. Als ich am Donnerstagabend wieder meine Meditationsgruppe besuche, bin ich immer noch nicht zu einer Entscheidung gekommen.
Während ich still auf meinem Zafu sitze und versuche, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren und sonst nichts, habe ich auf einmal ein Lied im Ohr. Von den Beatles! „You say hello and I say goodbye! Hello, Hello – I don´t know why you say hello, I say goodbye…
Ein Ohrwurm! Ich kriege den Song nicht weg, so sehr ich mich auch bemühe, wieder in die Konzentration zu kommen. Als ich nach der Meditation in der Dunkelheit zum Auto laufe, singe ich das Lied gedankenversunken vor mich hin. Auf einmal reißt es mich: Moment! Der Text, der in meinem Inneren aufgetaucht ist, ist falsch. Eigentlich geht es genau anders herum! Im Lied heißt es: „You say goodbye, I say hello. I don´t know why you say goodbye, I say hello.
Jetzt verstehe ich, was ich tun muss.
Am nächsten Morgen schreibe ich einen weiteren Brief an Gerd B. Ziegler: dass ich mich für seine großzügige Einladung bedanken möchte, aber erst jetzt verstanden habe, warum ich ihm meinen Dankesbrief schrieb: weil ich mich von ihm in aller Form verabschieden wollte. Was ich hiermit tue.
Ich werfe den Brief ein und höre nie wieder etwas von Gerd B. Ziegler. Aber drei Monate, nachdem ich ihm den Abschiedsbrief geschrieben habe, treffe ich auf meinen ersten Zen-Lehrer.
Erst nachdem ich offiziell zum ersten Mal Schülerin eines Lehrers geworden bin, verstehe ich, dass Gerd B. Ziegler nicht nur mein kluger Tarot-Meister, sondern auch mein erster Meditationslehrer war. Und dass es notwendig war, Unabgeschlossenes zu beenden, damit ich offen war für das Neue, das in mein Leben treten würde. Genau, wie er es in der „VII“ – „Der Wagen“ empfohlen hat.
Das „B“ in „Gerd B. Ziegler“ steht im übrigen für „Bodhi“ – der Erleuchtete. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber es könnte was dran sein.
Ich lerne eine weitere professionelle Kartenlegerin kennen, mache Bekanntschaft mit einem Familiengespenst und gewinne neue Einsichten in die Interpretation von Tarot.
Einige Zeit, nachdem die niederbayerische Kartenlegerin in mein Leben getreten ist, lerne ich eine zweite kennen. Diesmal in Oberbayern: die Neue lebt direkt an der Grenze zu Österreich in den Bergen.
Die Kartenlegerin ist bezaubernd, stelle ich bei meinem ersten Besuch fest. Sie ist umwerfend schön, mit großen braunen Augen, dunklen dicken Locken und von großer Herzlichkeit. Ich bekomme erst einmal einen Kaffee angeboten, wir trinken ihn zu dritt. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter – ihrem älteren Ebenbild – in einer kleinen Wohnung.
Das Geplauder, dass sich während des gemeinsamen Kaffeetrinkens entfaltet, ist angenehm – und gleichzeitig völlig verwirrend. Ständig nehmen beide Frauen Bezug auf „den Papa“ – als ob er mit uns am Tisch säße. Obwohl wir definitv nur zu dritt sind. Eine bizarre Situation. Wo bin ich hier nur hingeraten?
Ich versuche, mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen und erfahre nach und nach, dass „der Papa“, bei dem es sich um den Vater der Kartenlegerin handelt, bereits vor fünfzehn Jahren verstorben ist.
Nichtsdestotrotz ist er weiterhin ein fester Bestandteil des Haushaltes, denn Mutter wie Tochter stehen in ständigem Kontakt mit ihm. Bei allen familiären Problemen wird „der Papa“ um Rat gefragt. Und was er sagt, gilt! Er ist schließlich das Familienoberhaupt!
Begeistert erzählen mir beide, wie resolut „der Papa“ aufdringliche Verehrer der Kartenlegerin abwehrt. Der rennen die Männer die Bude ein – was mich nicht wundert, so schön und herzlich wie sie ist – und sie weiß sich nicht zu helfen, wie sie die Bewerber um ihre Gunst wieder los wird. Gutmütigkeit kann eine Bürde sein, zumal, wenn sie mit Schönheit einher geht.
Glücklicherweise hat sie ihren „Papa“, der – ausweislich der Erzählungen meiner Gastgeberinnen – dieses Problem effektiv zu lösen weiß.
Beim Zuhören dreht sich alles um mich, weil genauso selbstverständlich von der erfolgreichen Abwehr eines aufdringlichen Verehrers erzählt wird, der die Kartenlegerin mit Anfang zwanzig bedrängte – als der Vater noch lebte – wie von einem, der vor ein paar Monaten zur Belastung wurde. Die Kartenlegerin ist Mitte vierzig und geschieden. So wie Mutter und Tochter über „den Papa“ sprechen, scheint sein Tod kein großer Einschnitt im Leben der beiden gewesen zu sein.
„Und dann hod der Papa des gmacht, wos er scho immer gmacht hod,“ schildert die Mutter entzückt die Konfrontation des Vaters mit dem letzten Verehrer, „und hod ihm die Meinung gsogt.“
„Und wie, bitte, als Geist?“
Die beiden sind erstaunt, dass ich nachfrage. Sie kichern wie die Schulmädchen, als sie mich in das übliche Procedere einweihen: aufdringliche Verehrer, erfahre ich, werden zum Abendessen eingeladen – worüber sie nachvollziehbarer Weise erfreut sind – und danach wird ihnen „der Papa“ vorgestellt. Im Zuge einer Seance. Meine Kartenlegerin bittet „den Papa“ nach dem Dessert feierlich um einen Besuch. Das wäre bloß Show, erklären mir die beiden, er wäre ja immer da, aber so wirkt es besser. Damit sich der Gast und „der Papa“ unterhalten können, wird außerdem das klassische Equipement aufgefahren: ein Glas und die Buchstaben des Alpabets auf Zetteln aufgemalt, die kreisförmig auf der Tischplatte ausgelegt werden.
Sie könnten sich – im Gegensatz zu Außendstehenden – auch ohne Hilfsmittel mit „dem Papa“ unterhalten, erklärt mir die Kartenlegerin. Obwohl, erinnert die Mutter die Tochter, ab und zu käme jemand vorbei, der es ebenfalls direkt hinkriege.
Ich gehöre zu denen, die das nicht können – worüber ich erleichtert bin.
Wenn also, fährt die Mutter fort, „der Papa“ offiziell eingeladen wurde und seine Anwesenheit durch das autonome Rücken des Glases von Buchstabe zu Buchstabe unter Beweis gestellt hat, wird der Gast aufgefordert, sich mit „dem Papa“ zu unterhalten. Was „der Papa“ regelmäßig nutzt, um den Verehrer in seine Schranken zu weisen.
Die Mutter prustet los, als sie mir erzählt, was „der Papa“ zum letzten Kandidaten gesagt hat: „Du bist ein Arschloch.“
„Des war ned nett vom Papa“, seufzt die Kartenlegerin. „Aber er hat recht ghabt. Der war ja so was von furchtbar! Und wir hätten uns nie getraut, ihm des zu sagen.“ Nach der Seance wurde der Verehrer nie wieder gesehen, versichern mir beide hoch zufrieden.
Damit ist die Kaffeerunde beendet und ich werde ins Büro der Kartenlegerin geführt. Ich bin etwas desorientiert nach der schrägen Papa-Geschichte, aber gespannt, wie sie wohl Karten legt. Ich war erst vor ein paar Wochen bei meiner niederbayerischen Kartenlegerin, es müsste in etwa das Gleiche herauskommen.
Das tut es – und ich lerne, wie wichtig die Persönlichkeit der Kartenlegerin bei der Interpretation ist. Die Kartenlegerin aus Niederbayern hatte mir erklärt, es läge einer in meinem Umfeld, der wäre nett, aber komisch. Irgendwas wäre mit dem nicht in Ordnung. Mehr hat sie nicht dazu gesagt.
Bei der oberbayerischen Kartenlegerin wird daraus ein ganzer Roman: da wäre einer in meinem Umfeld, den hätte ein schlimmer Schicksalsschlag gezeichnet. Der hätte seine Frau verloren, bei einem Unfall, und darüber wäre er nie hinweg gekommen.
Und so geht es weiter, Punkt für Punkt. Es gibt keine Abweichung bei den Fakten, aber sehr wohl in der Interpretation: wo sich meine nüchterne niederbayerische Kartenlegerin auf das beschränkt, was sie sicher weiß, liefert die oberbayerische einen kompletten Roman dazu. Entsprechend lang dauert die Legung: was die erste in einer Stunde schafft, dafür braucht die zweite das doppelte.
Als wir fertig sind, bin ich völlig erschlagen. Ich zahle ebenfalls fünfunddreißig Mark – viel zu wenig für zwei Stunden – verabschiede mich von der herzlichen Kartenlegerin, von ihrer Mutter und ausdrücklich auch „vom Papa“ und wanke zum Auto.
In der darauf folgenden Zeit gehe ich regelmäßig auch zur oberbayerischen Kartenlegerin. Nicht wegen des Kartenlegens: die meisten ihrer Ausschmückungen – stellt sich heraus – treffen nicht zu. Sondern weil ich Mutter wie Tochter sehr mag und die Atmosphäre bezaubernd finde.
Ach ja: ein paar Jahre später – nach dem Tod ihrer Mutter – hat die schöne oberbayerische Kartenlegerin wieder geheiratet. Einen promovierten Physiker aus Grünwald, der sie auf Händen trägt. Was sie verdient hat.
Ob jetzt neben „dem Papa“ auch „die Mama“ bei ihr lebt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich gehe davon aus, dass das so ist. Keine Ahnung, was der Physiker dazu sagt…
Ich treffe auf eine professionelle Kartenlegerin und bekomme eine neue Sichtweise auf Tarot.
Irgendwo an den Ausläufern des bayerischen Waldes – mitten im tiefen Niederbayern – liegt ein kleines Dorf. Es ist so winzig, dass es dort nicht einmal ein Wirtshaus gibt. Eigentlich ein Unding in dieser Gegend. Der Ort ist nicht mehr als ein Weiler: eine kleine Kirche, ein Feuerwehrhaus, ein paar Bauernhöfe, dazwischen einige Einfamilienhäuser. In einem davon lebt und arbeitet die Kartenlegerin.
Eine Freundin, die ich in München kennengelernt habe, hat mich hierher geschleppt. Sie stammt aus dieser Ecke und verdankt ihrer Mutter den Kontakt zur Kartenlegerin. Die hatte in der „Landwirtschaftszeitung“ inseriert und die Mutter ging, um zu schauen, ob sie etwas taugt. Bald geht das halbe Heimatdorf der Freundin dort ein und aus, denn die Kartenlegerin versteht ihr Handwerk. Und weil ich auch Karten lege, findet die Freundin, wäre es an der Zeit, dass ich mir ansehe, wie ein Profi arbeitet.
Sie packt mich ins Auto, wir fahren quer durch Oberbayern, die Oberpfalz und halb Niederbayern, bevor wir vor dem schlichten Einfamilienhaus aussteigen. Ich bin nervös, als meine Freundin die Klingel drückt. Mir die Karten als Mittel der Selbstreflexion zu legen ist etwas völlig anderes, als das, was mich hier erwarten wird, so viel weiß ich aus den farbigen Schilderungen meiner Freundin.
Die Tür öffnet sich. Eine zierliche Frau Anfang vierzig empfängt uns. Sie trägt ihr blondes Haar in einer kurzen Sturmfrisur, dazu ein Piercing im Nasenflügel. Ich bin verblüfft: eine niederbayerische Kartenlegerin habe ich mir anders vorgestellt. Großzügig gewährt meine Freundin mir den Vortritt. Die Kartenlegerin führt mich in einen kleinen Raum: ein Tisch, zwei Stühle, an der Wand eine Vitrine.
„So“, sagt sie, während sie mir einen Pack Karten über den Tisch zuschiebt, „dann fang ma o.“ Zumindest ihr Dialekt ist, wie es sich gehört. Tiefstes Niederbayerisch. Sie legt mit Schafkopfkarten, hat mir meine Freundin auf der Herfahrt erklärt. Das hätte sie von ihrer Oma gelernt, und die wäre bei der Mutter in die Lehre gegangen. Das Wissen um das Kartenlegen würde in der Familie seit vielen Generationen weitergegeben. Mit wem und wie es begann, ist in Vergessenheit geraten.
Ich mische mit schweißnassen Händen, hebe ab und schiebe die Karten wieder zurück. Die Kartenlegerin nutzt nicht nur ein paar Karten, so wie ich es kenne, sie breitet das ganze Blatt in mehreren Reihen auf dem Tisch aus.
„Dann schau ma moi“, murmelt sie, während sie den Blick über die Legung gleiten lässt. Was dann kommt, stellt mein Weltbild auf den Kopf. Detailiert und ohne viel nachzufragen, breitet sie meine gesamte Lebenssituation vor mir aus. Mit so derben wie treffenden Charakterbeschreibungen der Mitglieder meiner Herkunftsfamilie und meines Umfeldes, sowie einer messerscharfen Analyse meiner Lebenssituation.
Ich bekomme noch ein paar so kluge wie praktische Ratschläge für die nächste Zeit mit auf den Weg, dazu die Information, in einem Jahr könne ich wieder kommen, wenn ich das wolle, dann wäre es an der Zeit für die nächste Legung. Damit bin ich – nachdem ich ihr fünfunddreißig Mark in die Hand gedrückt habe – wieder entlassen.
Nachdem meine Freundin für ihre Legung ins Büro verschwunden ist, sitze ich wie betäubt im Flur auf einem der Stühle, die dort für die Kunden bereitstehen. In der Ecke plärrt das Radio. Es dient nicht der Unterhaltung der Wartenden, sondern fungiert als Geräuschkulisse, damit niemand hören kann, was hinter der dünnen Holzür besprochen wird.
Eine Stunde später tritt meine Freundin wieder in den Flur – mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Was sie zu hören bekommen hat, scheint positiv gewesen zu sein. Die Kartenlegerin bringt uns zur Tür. Während sie uns verabschiedet, parkt schon die nächste Kundin in der Auffahrt. Die Kartenlegerin ist über Wochen ausgebucht, obwohl sie Vollzeit arbeitet. Die Leute kommen von weit her, um ihren Rat einzuholen.
Auf der Rückfahrt nach München diskutieren wir unsere Sitzungen. Ich stelle fest, dass ich mich an vieles, was mir gesagt wurde, nicht mehr richtig erinnern kann. Der Schock war zu groß. Es wird Monate dauern, bis ich mich damit abfinden kann, dass eine fremde Frau mein komplettes Leben aus einem Pack Schafkopfkarten herauslesen konnte. Inklusiver Zukunftsprognose. In den nächsten Monaten wird alles, was sie mir prognostiziert hat, wirklich eintreten. Obwohl etwas dabei war, was eigentlich nicht möglich schien. Und ich werde tun, was sie mir geraten hat. Was sich als klug erweist.
Ein Jahr später sitze ich wieder bei der Kartenlegerin. Und von da an jedes Jahr. Ich transformiere mit der Zeit von der Kundin zur Freundin – und zur Kollegin. Als sie irgendwann in Rente geht, fragt sie mich, ob sie ihre Kunden zu mir schicken soll. Ich winke ab. So gut wie sie bin ich nie geworden – und werde es auch nie werden. Und mit Schafkopfkarten kann ich auch nicht legen. Ich bleibe beim Tarot. Aber ich habe viel von ihr gelernt – und ihr viel zu verdanken.
Ohne die kluge Kartenlegerin von den Hängen des Bayerischen Waldes wäre mein Leben anders verlaufen.
Tarot ist – neben buddhistischer Meditation – die zweite Obsession in meinem Leben…
Ich lege Karten. Ständig und immer. Morgens nach dem Aufstehen. Abends vor dem Schlafengehen. Sobald mich innerlich eine Problem umtreibt, trete ich automatisch in einen Dialog mit Tarot. Es ist meine persönliche Form des Reflektierens.
Ich lege in etwa so ausführlich und intensiv Karten, wie ich meditiere. Es ist meine zweite Obsession.
Die mich – im Gegensatz zur Meditation – Zeit meines Erwachsenenlebens begleitet. Ich war achtzehn, als ich das erste Mal im Leben die Karten gelegt bekam. Von der Freundin einer Schulkameradin. Eine zufällige Begegnung, die tiefe Spuren hinterließ. Am nächsten Tag besorgte ich mir mein erstes eigenes Kartenset.
Was mich von Anfang an faszinierte, war weniger der prognostische Aspekt des Tarot, sondern die verblüffende Erfahrung, auf einmal ein klug reflektierendes Gegenüber zu haben. Das Buch, das meinem ersten Karten-Set beilag, trägt nicht umsonst den Titel: „Tarot. Spiegel der Seele.“ Geschrieben wurde es von Gerd B. Ziegler.
Es ist ein außergewöhnlich kluges Buch, ich hatte großes Glück damit. Es rekuriert auf C. G. Jung, Taoismus und Buddhismus, aber das habe ich erst im Lauf der Jahre wirklich verstanden. Später kaufte ich mir noch andere Bücher zu Tarot, aber keines hat je die gleiche Bedeutung für mich und mein Leben erlangt, wie dieses.
Mein Einstieg ins Kartenlegen war steinig. Es gab niemanden, der mir etwas zeigen oder erklären hätte können. Meine allererste Kartenlegerin habe ich nach diesem einen gemeinsam verbrachten Abend nie wieder gesehen. Ich hatte nur Gerd B. Ziegler und 78 bunte Spielkarten.
Ich brauchte Jahre, bis ich im Ansatz in der Lage war, eine komplette Legung schlüssig zu deuten. Aber darum ging es nicht.
Viel wichtiger war, dass ich durch den regelmäßigen Dialog mit den Karten lernte, was ich fühlte. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es Kultur und Bildung, aber wenig emotionale Intelligenz gibt. Innere Prozesse – wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden – gelten als nicht entschlüsselbar. Meine ganze Sippe lebt seit Generationen nach diesem Motto. Aus irgendeinem Grund war ich anders als der Rest. Ständig versuchte ich mich zu dechiffrieren, hatte aber keine Ahnung, wie es anzustellen war.
Und auf einmal hatte ich etwas in die Hände bekommen, dass mir im Außen eine „Übersetzung“ dessen lieferte, was in meinem Inneren vorging! Erst war ich schockiert. Später wurde es zu meiner persönlichen „Kopernikanische Wende“.
Ich wurde erwachsen im inneren Dialog mit den bunten Bildern des Tarot. Bei jeder Problemstellung, vor jeder Lebensentscheidung, legte ich mir die Karten und las – wieder und wieder – die klugen Anmerkungen des ominösen Gerd B. Ziegler.
Nach einiger Zeit konnte ich jeden der Texte zu den einzelnen Karten auswendig.
Über Jahre vollzog sich unmerklich eine Art „alchimistischer Prozess“ in mir: Meine Gefühlsregungen begannen mit den Bildern und Botschaften der Karten zu verschmelzen. Es war ein unbewusster Vorgang, der mir erst im Nachhinein zugänglich wurde. Dabei half eine spezielle Eigenschaft von Tarot: bestimmte Lebensthemen sind an bestimmte Karten gebunden. Egal wie oft zu einem spezifischen Thema gelegt wird: wieder und wieder ist man mit den selben Karten konfrontiert.
Die Karten wirkten deshalb wie eine Art „spirituelle Konditionierung“. Irgendwann löste allein der Anblick einer bestimmten Karte spezifische Emotionen in mir aus – und bestimmte Gefühlslagen riefen automatisch konkrete Kartenbilder ins Gedächtnis.
Immer begleitet von den klugen Ausführungen Gerd B. Zieglers, der mir ins Ohr flüsterte, was zu tun war, damit die Situation angemessen gemeistert werden konnte.
Der „Tod“, die „XIII“, muss betrauert werden, damit das Alte gehen und Platz für etwas Neues machen kann. Der „Wagen“, die „VII“, fordert zur Innenschau und Konzentration auf: etwas Neues wird ins Leben treten, auf das es sich vorzubereiten gilt. Der „Eremit“, die „VIIII“ lädt zu Rückzug ein, damit ein autonomer Standpunkt gefunden werden kann, während der „Mond“, die „XVIII“, vor dem Abgleiten in Illusionen auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt warnt. Oft unterscheidet sich die Bedeutung der Karten nur in Nuancen, was das Verständnis und die Interpretation schwierig macht. Ist diese Nuancierung erst einmal verstanden, differenziert sich das Erleben aus und erschließt ein weites Spektrum von Handlungsoptionen.
Meine Tarot-Karten haben mein Leben reicher gemacht, mein Gefühlsleben intensiver, meine Reflektionsfähigkeit nuancierter.
Und sie sind ein echter Gewinn für mein Umfeld – auch wenn sie nicht immer richtig liegen, muss ich dazu sagen. Sie haben prognostische Qualität, aber man sollte diesen Aspekt nicht überbewerten. Viel wichtiger ist, dass sie helfen, in einer neuen und frischen Weise über alte Probleme nachzudenken. Sie bieten eine andere Sichtweise an, die überraschend und befreiend sein kann.
Wenn ich um Rat gefragt werde, gebe ich den für gewöhnlich nur auf der Basis einer Kartenlegung. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das, was ich aus dem Kopf dazu zu sagen habe, banal bis falsch ist. Während die Karten oft in verblüffender Weise den Nagel auf den Kopf treffen.
Und selbst wenn sie es nicht tun – was auch vorkommt – kann die Auseinandersetzung mit der Legung neue Perspektiven auf das Problem eröffnen. Denn jede Karte hat ein weites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Und bei einer kompletten Legung sind es fünf bis zwölf Karten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Ein weites Feld der Spekulation, des Spielens mit verschiedenen Möglichkeiten.
Ich lege deshalb nicht nur mir, sondern auch vielen anderen die Karten. Es ist meine Form des „In-den-Dialog-tretens“ mit meinem Umfeld, wie es das mit mir selbst ist. Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Über Tarot, über die anderen, über mich selbst. Und über das Leben.
Was nicht bedeutet, dass die Geschichte, die in „Taliba“ behandelt wird, zu Ende erzählt ist. In nächster Zeit werden Maria und ich unsere Exkursion ins tibetisch-buddhistische Vajrayana fortsetzen. https://www.water-runs-east.eu/chenrezig/
Allerdings wissen wir weder, wann wir erneut aufbrechen werden, noch, wohin uns die Reise führen wird.
Denn das ist meine Erfahrung: Der Dharma – die Lehre Buddhas – ist immer ein Geschenk. Wenn er ins Leben tritt, gleicht es einem Wunder.
Wunder lassen sich weder planen noch erzwingen.
Traurig, aber wahr.
Es bleibt uns nur, wach zu sein, damit wir den Moment nicht verpassen, an dem es uns begegnen wird. Und das wird es, ich bin mir sicher. Wer den Dharma einmal geschenkt bekommen hat, ihn würdigt und bereit ist, sich seinen Regeln zu unterwerfen, den lässt er nicht mehr los.
Maria und ich treiben gerade auf einem Floß gemächlich den Fluss des Lebens hinunter – immer in Richtung Osten. Wir sind auf dem Weg zu den Grenzen des Ich. Auf der Reise dorthin trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – Miley Cyrus schallt aus der Soundbar, Maria pflegt ihren Instagram-Account und ich schreibe meinen Blog – über Tarot. Denn auch das Kartenlegen führt an die Grenzen des Ich.
Sobald wir über das Wunder gestolpert sind und wieder am Ufer des Flußes angelegt haben, werde ich den Bericht über die Welt des Vajrayana fortsetzen.
If you really want to practice Varayana, you have to find a good teacher and good teachings…
„So many choices! How can we know, if the quality is good?”, Maria sighed while looking a bit desperate at the big collection in the supermarket.
Katharina had sent us a small shopping list with items she needed for the dinner in the retreat house at the end of the world. Always with the addition “good quality”. “Well”, I replied, “It’s not easy to find good quality. Same with spirituality.”
If you really want to practice, you have to find a good teacher and good teachings. I very often see people claiming that their teacher would be a high lama. But if you see him once a year in a group of 50 people, how can you be so arrogant to think he is your teacher? Maybe he even doesn’t know your name, how can he guide you on the path? Or people go to workshops, where the teacher takes one part out of the traditional teachings and mixes it with western psychology. To make it more understandable. Or condense a practice of 400 pages and complex rituals, so it is learnable in one week-end. If your teacher does so, I suggest that you put on your sport shoes and run away as fast as possible. Or you are visiting every second month another teacher on another topic. Then you can truly call yourself a “Dharma tourist” and send nice postcards and pictures to your friends. But don’t expect any progress there.
“I see”, Maria replied while still looking a bit skeptical at all the different brands. “But how to find the right choice?”. “In our tradition, it’s the teacher.”, I said while giving her a jar out of the big collection for a more precise examination. “The teacher has to guide you on the path. Therefore he must be qualified in a unbroken lineage. This is a big commitment, so don’t expect, that a teacher is always happy, if you run to him, telling him, that he should guide you on the way from now on. He might test you for years. And you practice only certain practices – over and over again. Until you get a result. Not every week something else.”.
We were going down the passage in the supermarket. Most of the items we had already in the basket. Now only a good white wine was missing. “And then, there is the choice of your personal taste”, I said. “You have to be clear, what you want. And why you want it. And if you should do a practice or better watch the last Netflix series. What you do must fit your taste, otherwise it’s just a waste of time!”. “Well”, she was laughing while her brown eyes were flashing, “That’s easy. I have the simplest taste – I’m always satisfied with the best“.
The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha…
“Uuuuriel”, Bernadette was calling me through the breakfast room of the retreat house at the end of the world, while searching for a cup to prepare her second coffee after breakfast. “Uriel, in the Buddhist texts, I always read about the importance of Bodhicitta, but what is it?”
“Well”, I replied, “first of all, there are two different forms of Bodhicitta – relative and absolute Bodhicitta”.
The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha. There is a so called ‘relative Bodhicitta’ which you train, when you are doing the practice. In a Tantric practice for example, you transform yourself in a Yidam like Chenrezig or Green Tara, then out of the heart comes immeasurable light with the best wishes for all living beings. First you may concentrate on your friends and family. Later the practice will be more like the rays of the sun. More and more the lights will go out in every direction, touching impartial the mind of all living beings, no matter how small or big they are. This is what we call relative Bodhicitta.
“And what is then absolute Bodhicitta, what does this mean?”, Bernadette was asking me, while pressing the button on the coffee machine to underline the importance of her question.
“The difference between relative and absolute Bodhicitta is, that for the absolute Bodhicitta, no discursive mind is acting.”, I answered trying to be louder than the humming coffee machine.
There is no thought of doing a practice, no will of helping others. It is beyond the mind and therefore happens without it. You cannot enter into this state by willing it. You just do your practice and relax, and that state will show by itself after a time. This is the real result of the practice. Since then, real Buddhism begins. But you need a teacher for a good progress, as there will be some bigger or smaller rocks on the way.
“And why are there so many different practices and rituals and all this?”, Bernadette was asking me. She grabbed the vegetable oat milk and started to open the bottle in a very elaborate way. “Well”, I answered, “you have different practices because people are just different.”
But to develop the absolute Bodhicitta is most important. Of course, you can perform complicated rituals, banging the drum, lighting incense, ringing the bell and walk with an important face in front of other practicioners. Or you talk to the otherworld of the spirits. Or you sit for hours on your cushion and punish yourself, every time a discursive thought is arising in your mind. But without Bodhicitta, this is mainly to entertain yourself. You should be clear about that. There is no liberation coming out of it.
“I am not sure, if I understood everything”, Bernadette was laughing while presenting me her nicely prepared coffee. “Maybe it’s too complicated for me…or too easy. Not clear. But one thing is for sure – I will liberate now this coffee!”.
Nach unserem Vajrayana-Einführungwochenende im Retreathaus am Ende der Welt sind Maria und ich mit den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis konfrontiert.
Wir stehen in der warmen Frühlingssonne auf dem Gehweg gegenüber der Araltankstelle. Genau hier hat uns Suriyel vor zwei Wochen aufgelesen, um uns ins Retreathaus ans Ende der Welt zu bringen. Maria sollte zwei Tage lang eine Einführung in den Vajrayana-Buddhismus bekommen und nebenher wollten wir Uriel bei der Renovierung des historischen Pferdestalls helfen.
Maria lädt die App des Fahrradverleihs herunter und nach ein bisschen hin und her springen mit lautem Klacken die Schlösser der beiden Räder auf. Zuvor haben wir uns noch im Konsum um die Ecke für ein Picknick eingedeckt. Mit den Rucksäcken in den kleinen Körben vor den Lenkern radeln wir zu einem der künstlichen Seen im Leipziger Umland. Es war Marias Idee, den Samstagnachmittag am Strand zu verbringen: so neben der Spur, wie wir beide wären, bräuchten wir Entspannung.
Das Vajrayanawochenende im Retreathaus am Ende der Welt hat uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin erstaunt – und habe Maria gegenüber ein schlechtes Gewissen – denn so war es nicht gedacht gewesen. Alles sollte völlig harmlos ablaufen: Maria sollte mit ein paar nette Basics vertraut gemacht werden, damit sie eine Idee davon bekommen würde, um was es eigentlich geht. Und sich überlegen kann, ob tibetisch-buddhistische Mediationspraxis etwas ist, mit dem sie sich weiter beschäftigen möchte. Eine Dreiviertelstunde Riwo Sangchö am Morgen, eine Stunde Chenrezig am Abend – mehr war es nicht gewesen.
Und ich hatte aus gutem Grund Suriyel gebeten, die Einführung zu übernehmen: ich kenne niemanden, der eine friedlichere und entspanntere Praxis hat als er.
Und dann so etwas!
Ich fühle mich auch zwei Wochen nach unserer Rückkehr, als hätte ich ein Hardcore-Retreat hinter mir – und nicht ein langes Wochenende mit gerade mal zwei Stunden Praxis am Tag.
Und auch Maria – die lediglich zwei Tage im Retreathaus am Ende der Welt verbracht und nicht mehr als zwei morgendliche Riwo Sangchö und ein abendliches Chenrezig miterlebt hat – alles harmlose und der Überwältigung unverdächte Rituale – wirkt, als hätte sie mit knapper Not einen spirituellen Frontalzusammenstoß überlebt.
Wir leiden beide unter den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis – auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das geschehen konnte. Aber die Symptome sind wie aus dem Lehrbuch: während der Praxis intensive Erfahrungen, begleitet von extremen Emotionen. Dann der Moment vollkommener Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt – und danach der Zusammenbruch.
Der gewollt ist. Denn das ist der Sinn jeder buddhistischen Meditationspraxis: „Das ‚Ich‘ soll sterben.“ Und es klingt nicht nur martialisch – es fühlt sich auch so an. Nichts ist für unseren Geist beängstigender, als Glaubenssätze aufgeben zu müssen, über die wir uns definieren.
Am Strand angekommen, breite ich die Decke aus. Maria drapiert den Käse appetitlich auf einem Holzbrettchen, platziert noch ein paar Erdbeeren darauf, füllt die Weingläser und macht erst mal ein Foto für ihren Instagram-Account. Danach holt sie die Soundbar heraus und wir sind wieder mit unserem Grundproblem konfrontiert: sie mag keinen Indie und ich finde Miley Cyrus grausig – schließlich einigen wir uns auf Bruno Mars.
Während der verkündet, dass er frisch rasiert sei und seine Tür offen stehe, trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – und essen Erdbeeren und Käse. Danach lege ich Maria die Karten, die – wie erwartet – erklären, dass alles nicht so furchtbar ist, wie sie gerade denkt. Sie seufzt schwer: „I know! But I am overthinking all the time!“
Ich kann ihr nur recht geben, mir geht es nicht anders. Auch mein Verstand arbeitet wie auf Speed. Im Gegensatz zu ihr kenne ich dieses Phänomen gut.
Die vollkommene Stille in der Meditation lässt den Wächter, der im normalen Leben dafür sorgt, dass unbewusste Inhalte vom gewöhnlichen Denken ferngehalten werden, zur Seite treten. In diesem Moment öffnet sich in der Seele eine Tür – und Körper und Geist werden schlagartig mit vorher abgespaltenen Emotionen und Bildern überschwemmt. Das ist der Mechanismus, der Meditation zu einem so mächtigen wie gefährlichen Instrument für die seelische Stabilität macht: jeder, der anfängt zu meditieren, muss sich bewusst sein, dass er genau darauf hinarbeitet und, bei entsprechender Disziplin, auch dorthin gelangen wird. Früher oder später wird sich die Tür zum Unbewussten öffnen – und niemand kann ihm sagen, was daraus hervor treten wird.
Maria ist glücklicherweise nicht mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Eine Retraumatisierung durch das plötzliche Aufbrechen abgespaltener Erinnerungen ist eines der Risiken buddhistischer Meditation. Aber die alternativen Perspektiven auf ihre Persönlichkeit und ihren Lebensentwurf, die während der Meditation aufstiegen, sind für Maria schon überwältigend genug.
Das „overthinking“ ist der Versuch des rationalen Geistes, die vorher verdrängten Bilder und Emotionen irgendwie einzufangen und in vertraute Denkmuster zu pressen, um das Selbstbild wieder zu stabilisieren.
Wenn die Meditation intensiv genug war – und das war sie bei uns, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das mit dieser Mini-Praxis zugegangen sein kann – klaffen neue Meditationserfahrungen und alte Konzepte so weit auseinander, dass der Geist geradezu Amok läuft. Ich habe gelernt, mir meine wild jagenden Gedanken freundlich anzusehen und die extremen Trauer-, Unlust- und Bedrohungsgefühle, die diesen Prozess begleiten, geduldig auszuhalten.
Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Übergangsphase ist. Nach einiger Zeit fügt sich der Geist, nimmt die Bilder aus dem Unbewussten an und integriert sie in ein neues Selbst- und Weltverständnis. Am Ende dieses Prozesses findet man sich reifer, authentischer und gelassener wieder.
Bis zum nächsten Retreat: dann geht der Spaß von vorne los…
I never thought that you can feel the energy of an area. Feels so light and calm…
As we had arrived at the retreathaus at the end of the world, I got out of the car, and immediately felt something that I still do not understand. It was some kind of new feeling. The air was completely different, and despite of the darkness, it was immediately clear how beautiful this place was. The sound of the water calmed me immediately.
I went to bed in anticipation of my first meditation. On Saturday morning I woke up. Katharina was already preparing coffee in the kitchen. Despite the rainy weather, the atmosphere was so warm and cozy.
We spoke about the upcoming day and our plans, and after a while Uriel and Suriyel also appeared in the kitchen. We drank coffee and discussed the upcoming practice, I eagerly wanted to understand how it would all happen, what I would feel and what would change.
The most important thing in this practice is to try to share all the blessings with those around you. Suriyel started preparing, I saw a table with 8 bowls and some offerings and also incense. All this looked rather unusual.
After a few moments, we moved on to practice. In this morning practice, I was only an observer, but even so, I felt so unusual. As if I felt all the energy that surrounds me. Positive energy. Katarina, Suriyel and Uriel hummed the tune. All this happened in Tibetan, which shocked me even more, but fortunately there was an English translation and I managed to understand the text at least a little.
As I said earlier, the whole practice was to share all the good things and make an offering. I watched them and some unknown feeling seized me. They also made quite unusual gestures with their hands, it looked so synchronous and beautiful. I only thought about how calm and good I feel for the first time in a long time.
We finished the practice and talked a bit about what exactly they were doing, I asked a few questions. About why this particular mantra? Why repeat it several times? And so on.
After we finished the Riwo Sangchö we and went shopping and did some renovations during the day.
In the evening we planned the next practice. Suriyel again prepared all the offerings, we went out onto the terrace. Katharina and Suriyel began to chant the mantra, I must say that their voices sound great together. I closed my eyes and tried to focus on the mantra. There were no thoughts in my head. At some point, I realized that it was as if I was going beyond the limits of my body. Maybe that’s how I felt my energy, but I’ve never had that feeling before. It was so light and weightless. And I began to see pictures of the coming future and past. It was only a moment, but it scared me a little.
The only thing that scared me was that I had never experienced anything like this. I felt that there was someone else besides the three of us. And that someone was right behind me. I opened my eyes. I was a little disturbed by what I saw, and after our practice, I was at a loss for words. I sank into my thoughts. Have you thought about how this is possible? See the future and the past like this? And was it true or just my imagination? I needed time to rethink this. I asked Katarina and Suriyel if this is possible? And the answer was positive.
I thought about it all evening, and for a long time I could not sleep. The dreams were very strange.
But the next morning I felt much better, my thoughts were calmer, I was full of energy and I was looking forward repeating the practice. It was a warm sunny day, we went out onto the terrace and here again the voices of Katarina and Suriyel sounded together. I closed my eyes and concentrated on the mantra. I again felt someone’s presence. But I was very calm and good. I felt that I was in the right place.
After that I returned home. At first I was very calm, but after a while, I noticed that I began to think about everything. About the past, present and future. I was warned about this, I knew it was normal. Perhaps this is the study of one’s consciousness. Or an attempt by the subconscious to say something. But this experience is definitely unusual and necessary. All this surprised me in a good way. I began to see Buddha statues everywhere, which had never happened to me before. Perhaps this is a sign that I’m on the right track.