Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 10 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Der Hof

Ich mache mich auf die Reise in das Spirituellen Zentrum meiner Zen-Linie, um zum jährlichen Zen-Sommer-Training anzutreten…

Der Linienbus schleicht von Haltestelle zu Haltestelle durch die Unterfränkische Provinz. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt – wie immer, wenn am Hof neue Kurse beginnen.

In einem kleinen Dorf, dreißig Kilometer hinter Würzburg, spuckt er fast alle Fahrgäste auf einmal aus. Mit Rollkoffern, Rucksäcken und Taschen beladen, wandert die kleine Karavane von der Bushaltestelle zum Empfang des spirituellen Zentrums.

Sie nimmt den Weg über den großen Parkplatz. Die Mehrheit der Gäste kommt mit dem Auto. Und zwar aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wie die Kfz-Kennzeichen verraten.

Nach dem Parkplatz geht es an der roten Backsteinkirche vorbei durch einen Durchgang. Dann steht man im riesigen Innenhof. Der wird auf allen vier Seiten von Gebäuden umrahmt.

Ich praktiziere Zen in einem der größten spirituellen Zentren Europas.

Über viele hundert Jahre war der Hof ein Benediktinerkloster. Die Säkularisierung machte dem Klosterleben ein Ende. Nach einer wechselvollen Geschichte – und Jahren des Leerstandes – erwachte er zu neuem spirituellen Leben.

Was wohl die Benediktinermönche, die hier einst beteten und arbeiteten, über diese Spiritualität denken würden?

Immerhin war es einer ihrer Brüder, der den Hof aus seinem Zauberschlaf erweckte: der Benediktinermönch Willigis Jäger.

Die katholische Kirche war ihm nicht dankbar dafür – um es Milde auszudrücken. Der Leiter der Glaubenskongregation in Rom – Kardinal Ratzinger (der später ironischerweise den Papstnamen „Benedikt“ wählen sollte) – überzog Willigis mit Lehr- und Publikationsverboten.

Das war die Vorgeschichte: damals war Willigis noch in Würzburg aktiv. In seiner Dreifachfunktion als Ordenspriester, Lehrer (Latein) und Zen-Meister gab er in einem ehemaligen Priesterseminar seines Ordens Meditationskurse, schrieb Bücher und zelebrierte Gottesdienste. Seine Messfeiern, Predigten und Veröffentlichungen entsprachen nur bedingt der reinen Lehre der katholischen Kirche.

Das kam in den Leitungsgremien der katholischen Kirche nicht gut an. Aber viele andere waren ihm sehr dankbar dafür. Zumal Willigis damals – Mitte der 80er Jahre – einer von ganz wenigen Deutschen war, die in Japan zu Zen-Meistern wurden und diese Kunst in ihre Heimat zurückbrachten.

Zuvor waren es nur japanische Meister gewesen, die immer wieder für ein paar Wochen nach Deutschland reisten und hier Sesshins anboten. Sie sprachen weder Deutsch noch Englisch und waren deshalb immer auf Dolmetscher angewiesen. Es muss für beide Seiten eine mühsame Angelegenheit gewesen sein.

Deshalb wurde Willigis überrannt von Praktizierenden. Jeder Raum, in dem er Kurse abhielt, jedes Haus, in dem Sesshins unter seiner Leitung stattfanden, war bald zu klein. Erst waren es fünfzig Schüler, dann hundert, irgendwann zweihundert.

Umgekehrt proportional zur Popularität Willigis bei den Praktizierenden entwickelte sich seine Reputation in Rom. Er und eine Reihe anderer Ordensschwestern und -Brüder, die sich der Mystik verschrieben hatten und in Japan zu Zen-Lehrern geworden waren, galten dort als Bedrohung für die Lehre der katholischen Kirche.

Als das – lange erwartete – Lehr- und Publikationsverbot von der Glaubenskongregation verhängt wurde, gab es deshalb schon einen Plan: Willigis ließ sich von seiner Ordensgemeinschaft „beurlauben“ und seine Truppe kaufte ein Retreathaus im Schwarzwald. Nur – wie immer – war es bald zu klein.

Eine große Lösung musste her.

Eine von Willigis Schülerinnen hatte als Unternehmerin ein Vermögen erwirtschaftet. Sie gründete eine Stiftung, die das halb verfallene Kloster im Mainfränkischen kaufte.

Willigis war damals Mitte 70. Die Leute schüttelten die Köpfe und fragten: „Was will der Alte mit der Ruine?“

Wie sich herausstelle: Viel. Oder besser: Alles. Bescheidenheit gehörte nur bedingt zu Willigis hervorstechenden Charaktereigenschaften.

Dafür konnte Willigis gut führen und hatte ein Gespür dafür, auf welche seiner Schüler er setzen musste, damit der Hof gedieh.

Und das tut er noch immer. Auch, nachdem Willigis in hohem Alter die Leitung abgab, und nachdem er 2020 starb.

Dabei ist der Hof nicht jedermanns Geschmack. Viele „Altschüler“ aus der Würzburger Zeit waren nicht begeistert darüber, als es auf einmal so anonym zuging. Und auch darüber, dass nicht mehr nur Zen und die christliche Meditationsvariante „Kontemplation“ angeboten wird, waren nicht alle glücklich.

Aber ein Haus mit 200 Betten, zwei Speisesälen und einer ganzen Sammlung Seminarräumen muss bespielt werden.

Deshalb gleicht das Jahresprogramm des Hofes einem spirituellen Gemischtwarenladen: man kann Bogenschießen und japanischen Schwertkampf lernen, achtsam töpfern und vergolden, Reki, hypotrophes Atmen und Chanten üben, Paartherapie- und Familienaufstellungswochenenden buchen.

Die zwei bis drei Zen-Einführungskurse im Monat sind gut besucht. Genau wie die Sesshins, die mehrmals im Monat stattfinden. Aber die Zen-Leute müssen damit leben, dass sie nicht unter sich sind. Dass sie sich den Hof mit Menschen teilen müssen, von denen sich viele mit dem Schweigen schwer tun und denen es an Achtsamkeit und Präsenz mangelt.

Im Ergebnis ist der Hof mit seinem stilvollen Zen-Garten, seinen gepflegten Außenanlagen, seinen geschmackvollen Gebäuden und dem wohlsortierten Buch- und Hofladen Spiegelbild und Sammelbecken der deutschen Achtsamkeits-Kultur. Die teilweise schrille Blüten treibt.

Ich betrachte es als Übung in Akzeptanz – und Humor. Auch über mich selbst.

Umgekehrt muss für viele Entschleunigungsadepten der Anblick all der konzentriert im Schweigen vor sich hin wandelnden Zen- und Kontemplations-Schüler befremdlich sein.

Ich finde, es hat alles seine Vor- und Nachteile: das Retreathaus am Ende der Welt ist klein und persönlich. Ich bin mit meinen Dharma-Schwestern und -Brüdern befreundet. Wir treffen uns regelmäßig, um gemeinsam mit unserer Lehrerin zu meditieren. Zugehörigkeit und Beständigkeit sind wichtige Qualitäten – im Leben, wie in der Spiritualität. Allerdings geht es unvermeidlich mit den Schattenseiten sozialer Beziehungen einher: persönliche Spannungen, Divergenzen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft…

Eine Sangha ist nichts anderes als eine spirituelle Familie. Mit allen Konsequenzen.

Die Anonymität des Hofs – und das Schweigen während der Kurse – verhindert, dass persönliche Beziehungen entstehen können. Und sorgt dafür, dass soziale Spannungen und Richtungsstreitigkeiten für Durchschnittspraktizierende wie mich ohne Bedeutung sind.

Ich komme Jahr für Jahr, praktiziere Zazen (Sitzmeditation), Kinhin (Gehmeditation), verrichte die tägliche Arbeitsstunde, zu der jeder Gast verpflichtet ist und erfreue mich am leckeren Essen und den schönen Gärten.

Normalerweise spreche ich während meines Aufenthaltes nur mit einem Menschen: dem Zen-Lehrer im Dokusan.

Und am Ende bedanke ich mich beim Assistenten. Mit zwei Sätzen. Das war es.

Karma

Ich reflektiere über Karma, Riwo Sangchö, die Konsequenzen des Vajra Armor Mantras und andere Seltsamkeiten…

An jedem Freitagabend können alle, die Lust und Zeit haben, im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain mit Suriyel „Chenrezig“ praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-chenrezig-eins/

Am Sonntagvormittag bietet er dazu noch seit Jahren „Grüne Tara“ an. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Vor sieben Monaten hat er sein Programm um Riwo Sangchö erweitert. Seit Januar bringt er jeden Sonntag nach der „Grünen Tara“ noch das traditionelle tibetische Rauchopfer dar. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

„Warum ausgerechnet Riwo Sangchö?“, frage ich ihn.

Es wäre eine spontane Idee gewesen. Oder, besser, ein Gefühl. Das Gefühl, dass Riwo Sangchö im Zentrum fehlen würde.

Also besorgte er sich den Text, bestellte die Musikinstrumente im Internet und versuchte sich im Ritual. Anfangs lief es eher holprig, erzählt er mir. Er konnte die Melodien nicht richtig, der Einsatz von Zimbeln und Trommel ging des Öfteren daneben. Aber inzwischen klappe es gut.

Was ich nur bestätigen kann.

Von einem seiner ersten Riwo Sangchö gibt es ein Video. In der Winterkälte steht eine Gruppe Menschen im Innenhof des Buddhistischen Zentrums. Suriyel führt durch das Ritual und nährt, als das Speiseopfer ansteht, die Flammen in der großen Feuerschale mit den Resten eines Christbaums.

Suriyel schickte das Video Uriel. Der schickte es mir. Als ich es sah, wusste ich, wer Maria in den tibetischen Buddhismus einführen – und mir darin Nachhilfe geben – sollte: Suriyel! https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-zwei/

Es war keine rationale Entscheidung, sondern – um mit Suriyel zu sprechen – ein Gefühl. Uriel hätte die Einführung ebenfalls hinbekommen. Und auch ein paar andere Dharma-Schwestern und -Brüder aus der Sangha hätten es gekonnt. Ich meditiere mit Profis.

Aber nein!

Genauso wie Suriyel auf einmal das Gefühl überkam, sein Buddhistisches Zentrum brauche Riwo Sangchö, sagte mir mein Gefühl, Maria – und ich – brauchen Suriyels Praxis.

Suriyels, zeitlich überschaubare, Praxiseinheiten während Marias Einführungswochenendes im Retreathaus am Ende der Welt lösten unerwartet heftige emotionale und visuelle Reaktionen aus. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-euphorie/

Von den Träumen aller Beteiligten ganz zu schweigen. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Sechs Wochen nach unserem meditativen LSD-Trip im Retreathaus am Ende der Welt breche ich zu einer Treckingtour auf. Tagelang in Einsamkeit durch die Natur laufen, dazu die stillen Nächte im Zelt – ich brauche das mehrmals im Jahr, damit es mir gut geht.

In Polen war ich noch nie beim Wandern. Dabei ist das Land nach meinem Umzug nach Leipzig auf einmal so nah – und billig ist es dort auch noch. Der einzige Pole im Freundeskreis – Suriyel – empfiehlt mir den Nationalpark von Bialowieza. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Die Wandertour wird zur Grenzerfahrung. Meine Träume im Urwald sind von extremer Intensität, immer wieder halluziniere ich regelrecht. Am letzten Tag meines Aufenthaltes an der Grenze zu Belarus bin ich in einem Zustand, der sich nur sehr eingeschränkt als „zurechnungsfähig“ beschreiben lässt.

In diesem Modus leiste ich am Schauplatz einer Massenhinrichtung ein Versprechen. https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Ich gelobe all den formlosen Wesen, die dort im Bardo gefangen sind, und den örtlichen Naturgeistern, die wegen der Gräueltaten mit der energetischen Blockade ihres Zuhauses klar kommen müssen, dass ich wiederkommen werde.

Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen. Denn das ist das Ritual, in dem durch Magie Weisheitsnektar erschaffen wird. Er gibt allen Wesen genau das, was sie brauchen, um Befreiung zu erlangen.Dafür muss ich das Ritual lernen. https://www.water-runs-east.eu/fazit/

Womit sich der Kreis schließt.

Suriyel und ich wissen beide, dass wir – warum auch immer – durch Karma aneinander gebunden sind. Und dass wir deshalb miteinander auskommen müssen.

Das ist aber auch der einzige Punkt, an dem wir uns einig sind.

Ansonsten sind wir komplett verschieden:

Er leidet unter meinem überbordenden Mitteilungsbedürfnis. Mich treibt seine Schweigsamkeit in den Wahnsinn.

Er empfindet meine Offenheit als übergriffig. Mich überfordert seine Verschlossenheit.

Ihn stört mein Perfektionismus. Mich irritiert sein Chaos.

Ihn nervt meine Dominanz. Mich seine Sturheit.

And so on…

Irgendwann schreibe ich ihm völlig entnervt: „Wir beide sind ein karmischer Frontalunfall! Einer von uns ist falsch rum in die intergalaktische Einbahnstraße eingebogen – und es ist nicht gesagt, dass ICH das war!“

Worauf zurückkommt: „Es gibt kein ‚Ich‘.“

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben – oder, aus der Perspektive Suriyels, nachdem ICH mich wieder beruhigt habe – texte ich ihm: „Wann bist Du auf die Idee gekommen, Riwo Sangchö anzubieten? Vor oder nach unserem Vajra-Armor-Retreat im Januar?“

„Nach dem Retreat.“

„Karma, Baby…“ schreibe ich zurück.

Ich bin mir im Grunde sicher, dass wir unsere seltsame karmische Beziehung unserem Vajra-Armor-Mantra verdanken.

Wie Suriyel das sieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Der schweigt dazu und behält seine Gedanken für sich. Wie üblich…

Zauberei

Im Buddhistischen Zentrum opfert Suriyel – unter strenger Beobachtung – mit zu viel Rauch Weisheitsnektar. Ich bin so irritiert, dass meine Visualisierung misslingt – und meditiere stattdessen über die Natur von Tantra…

Nachdem wir mit der Grünen-Tara fertig sind, schleppt Suriyel aus den Tiefen des Buddhistischen Zentrums wieder die große Plastiktüte mit dem Equipement für das traditionelle tibetische Rauchopfer herbei.

Zu meinem Erstaunen stellt er die große Feuerschale auf die kleine Holzterrasse auf der linken Seite des Schreinraums.

Beim letzten Mal fand das Riwo Sangchö auf der Terrasse statt, die rechts der riesigen Buddhastatue zu einem kleinen Innenhof führt. Heute ist die Terrassentür mit rot-weißem Band umwickelt, auf den Holzblanken – sehe ich durch die Glasscheibe – stehen graue Müllsäcke.

Als ich das binäre Wesen frage, warum der schöne Innenhof gesperrt wäre, bekomme ich erst erklärt, die Holzplanken wären morsch. Auf meinen verblüfften Blick hin – wir standen schließlich erst vor zwei Wochen zu viert darauf – schiebt es nach, es hätte nach unserem Riwo Sangchö vom vorletzten Sonntag im Zentrum Beschwerden wegen des Rauchs gegeben.

Nach einer halben Stunde ist alles für das Rauchopfer bereit – und wir sitzen herum und plaudern, weil wir noch auf jemanden aus dem Leitungsgremium des Zentrum warten.

Schließlich taucht eine sympathische Frau auf. Als einzige. Ansonsten sind es nur das binäre Wesen und ich, die beim Riwo Sangchö mitmachen. Ich frage die Zentrums-Frau, warum denn nicht mehr an dem Ritual teilnehmen?

„Naja,“ antwortet sie, „Suriyel bietet es jede Woche an. Die Leute werden müde.“

Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden einzelnen Morgen mit einem Riwo Sangchö. Zugegeben einer Kurzversion von etwa 25 Minuten, aber trotzdem!

Uriel erklärte mir im März, dass das traditionelle Rauchopfer nicht nur ein schönes Zeremoniell wäre, sondern auch noch höchst effektiv, um formlose Wesen aus dem Bardo zu befreien und karmische Verstrickungen aufzulösen.

Mit nichts lasse sich unkomplizierter gutes Karma anhäufen, als mit Riwo Sangchö, so Uriel.

Und dann werden sie in einem Buddhistischen Zentrum „müde“, weil die Praxis einmal in der Woche angeboten wird?

Und stören sich am Rauch eines Rauchopfers?

Denn die nette Zentrumsoffizielle, so zumindest mein Eindruck, nimmt nicht am Riwo Sangchö teil, um positives Karma zu generieren, sondern um dafür zu sorgen, dass Suriyel möglichst rauchlos opfert.

Was bei einem „Rauchopfer“ ein Widerspruch in sich ist…

Sollte Suriyel den Anspruch als Zumutung empfinden, lässt er es sich nicht anmerken. Allzu kompromissbereit ist er aber auch nicht: er reduziert lediglich die Anzahl der Thujazweige. Statt der üblichen sieben wandern nur zwei auf die glühenden Kohlen. Das reduziert die Dauer der Rauchentwicklung, nicht aber die Intensität: denn was richtig qualmt, ist weniger das Brennmaterial, als die Speisen.

Als Suriyel – beim Opferritual angekommen – nacheinander Honig, Melasse, Zucker, Butter, Joghurt, Milch und zwei Becher mit Kräutern ins Feuer kippt, dazu noch einen Krug Wasser hinterher, steigt eine dicke weiße Rauchwolke hoch. Genau wie es sein soll…

Ich bin so irritiert von den unvermuteten Spannungen um mich, dass ich nicht in die Visualisierung komme. Und das, wo ich schon die halbe Grüne-Tara wegen der Deutschen Bahn verpasst habe. Jetzt läuft auch noch das Riwo Sangchö nicht rund. Wie ärgerlich!

Damit der Karma-Effekt von Riwo Sangchö wirklich funktioniert, muss nicht nur rezitiert, gesungen und geopfert werden – was Suriyel in Perfektion beherrscht – sondern auch noch visualisiert.

Und das bedeutet in Riwo Sangchö – wie bei allen Tantra-Praktiken – nicht, einfach noch nebenher ein nettes Filmchen im Kopf abzuspielen, sondern durch einen bewussten Akt der energetischen Transformation zu einem Bodhisattva zu werden: einem erleuchteten Heiligen, der freiwillig Wiedergeburt auf Wiedergeburt annimmt, um alle leidenden Wesen befreien zu können.

Im Zustand dieser bewusst gehaltenen visuellen Selbsttransformation werden die Speisen geopfert: aber das, was da ins Feuer wandert, sind nicht einfach nur Lebensmittel. Damit sie die formlosen Wesen im Bardo, alle Naturgeister, Buddhas und Bodhisattvas nähren können, müssen sie energetisch in „Weisheitsnektar“ verwandelt werden, einer magischen Substanz, die jedem der vielen verschiedenen Gäste genau das gibt, woran es mangelt.

Diese Verwandlung der Speiseofper erfolgt durch Zauberkraft – und Zaubersprüche: Dem Mantra „Om ah hum“ und dem Mantra „Nama sarva tatagaté…“ das, um seine volle magische Wirkung zu entfalten, von einer festgelegten Abfolge von Mudras – rituellen Handbewegungen – begleitet wird.

Wenn man Riwo Sangchö – und alle anderen Tantra-Praktiken – als das praktizieren möchte, was sie ihrem Ursprung nach sind – Magie – muss man für sich akzeptieren, zum Zauberer oder zur Zauberin zu werden.

Und man muss akzeptieren, dass das, was man da rituell einlädt, wirklich existiert. All diese formlosen Wesen im Bardo, die Naturgeister, Buddhas, Bodhisattvas sind mitten unter uns. Nur sind wir so sehr in unserem limitierten Alltagsgeist gefangen, dass wir sie nicht wahrnehmen können.

Was an unseren Verstrickungen mit ihnen – und dem daraus für alle Beteiligten resultierenden Leid – nichts ändert.

Deshalb suchen Menschen seit den Ursprüngen unseres Geschlechts diese Barrieren unseres beschränkten Denkens und Wahrnehmens zu überwinden. Schamanen gab es zu allen Zeiten – und es wird sie bis ans Ende der Menschheit geben. Denn das, was sie tun, ist die elementarste aller menschlichen Tätigkeiten: sie bringen Lebensenergie ins Gleichgewicht.

Dass das ein anspruchsvoller Job ist, versteht sich von selbst.

Und dass es dabei manchmal etwas unruhiger zugeht, auch. Manchmal raucht es sogar – und nicht nur ein bisschen…

Trotz aller Widrigkeiten – und der fehlenden Visualisierung – sind wir irgendwann im Flow, alles um uns glüht vor Energie.

Ob Gäste kommen oder nicht, entzieht sich leider meiner Kenntnis, denn – wie gesagt – ich „sehe“ nichts.

Hinterher finde ich: wir haben das Beste draus gemacht.

Und die Zentrumsfrau lobt Suriyel, weil er diesmal statt der üblichen 90 Minuten bereits nach sozialverträglichen 45 Minuten mit seinem Riwo Sangchö fertig ist.

Als ich um fünf Uhr Abends wieder im Zug nach Leipzig sitze – der abermals Verspätung hat, wenn auch diesmal nur eine halbe Stunde – texte ich Suriyel: „Das war der Tag des Widerstandes.“

„…oder der Möglichkeiten“, kommt es zurück.

Oder so…

Höheres Tantra

Im Buddhistischen Zentrum finde ich mich – obwohl verspätet – überraschend befriedet ein. Während Suriyel seine Grüne Tara praktiziert, reflektiere ich über das Prinzip neurotischen Leidens und die Herausforderungen der Tantrapraxis für alle Beteiligten…

Als ich am Sonntag aus dem U-Bahnschacht in Berlin-Mitte haste, ist es schon nach 12 Uhr Mittags. Ich bin mehr als eine Stunde zu spät dran für die Praxis im Buddhistischen Zentrum – vielen Dank an die Deutsche Bahn!

Schon seit dem Aufwachen bin ich im Widerstands-Modus. Die zäh dahinfließenden Minuten im still stehenden Zug mit Blick auf die Pampa Brandenburgs ließen mich innerlich vor Wut kochen. Ich musste die Konzentration meiner kompletten Zen-Praxis aufbringen, um nicht einen armen unschuldigen Mitreisenden ohne Anlass anzugiften.

„So wird das nie was!“, denke ich verzweifelt. Wie soll ich eine anspruchsvolle tibetisch-buddhistische Praxis wie die „Grüne Tara“ lernen, wenn ich nur höchstens zwei Mal im Monat teilnehme und dann auch noch regelmäßig zu spät komme?

Ich sehe mich die nächsten Jahre meines Lebens – hilflos der Deutschen Bahn ausgeliefert – zwischen Leipzig und Berlin hin und her pendeln, ohne irgendwelche Fortschritte in meiner Meditationspraxis vorweisen zu können. Ein moderner weiblicher Sisyphos, verurteilt zu ewiger sinnloser Anstrengung.

Zu meiner Verblüffung verfliegen Wut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in dem Moment, in dem ich neben Suriyel im großen Schreinraum auf das Meditationskissen sinke.

Er und das binäre Wesen sind die einzigen, die gerade die Grüne Tara praktizieren. Sie sind schon in der zweiten Hälfte der Praxis angelangt.

Ich sitze still da, höre zu, nehme verblüfft meine plötzliche innere Friedfertigkeit zur Kenntnis – und siniere dabei über das Prinzip buddhistischer Praxis.

Buddha lehrte, dass alles Leiden auf drei Wurzelgifte zurückzuführen ist: Gier, Hass und Ignoranz. Wenn uns diese Emotionen dominieren, leiden wir. Das Leben fühlt sich falsch und ungerecht an. Wir erleben uns als Opfer böser äußerer Mächte, die uns etwas antun und damit verhindern, dass wir glücklich sind.

Dabei entscheiden wir in jedem Moment selbst darüber, ob wir leiden oder nicht. Solange ich einverstanden bin mit dem was ist, gibt es kein Leid – auch wenn das sehr provokativ klingt, angesichts all des Unrechts und der Gewalt in dieser Welt.

Die Wurzel dieses Problems liegt, so nehme ich an, nicht in der buddhistischen Philosophie begründet, sondern in deren Übersetzung.

Dass wir glauben, „Akzeptanz“ wäre gleichbedeutend mit „etwas gut finden“, hat vermutlich etwas mit unserer sprachlichen – und kulturellen – Konnotation zu tun.

Der Buddhismus und seine Philosphie stammen aus einem anderen Kulturkreis. Die Übersetzung von Begriffen und Konzepten ist deshalb immer eine Herausforderung. Im Buddhismus ist die Haltung der Akzeptanz nicht gleichbedeutend damit, moralisch einverstanden zu sein.

Es beschreibt einfach nur eine radikale Haltung der Annahme von Realität: die Dinge sind in diesem Moment genau so, wie sie sind. Punkt!

Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie genial diese Haltung ist. Wie befreiend es ist, sich nicht mehr als Opfer der Umstände fühlen zu müssen.

Dass ich dem Prinzip nach verstanden habe, worum es in meiner Praxis geht (oder das zumindest glaube), bedeutet nicht, dass ich in der Lage bin, diese Haltung der Akzeptanz von Realität konsquent einzunehmen. Im Gegenteil – wie der Text oben und die vorhergehenden Blogeinträge beweisen.

Mit dem Ergebnis, dass ich leide. Nicht an tibetisch-buddhistischer Praxis, einem unperfekten buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte oder der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn – sondern an meinen Neurosen!

Wir alle tragen in vielen Schichten, bis hinunter in unser Unbewusstes, fixe Ideen mit uns herum, wie unser Leben und unsere Umwelt zu sein haben, damit wir glücklich sein können. Das ist einfach das Prinzip unserer Conditio Humana. Evolutionsbiologisch scheint diese Form der inneren Selbstorganisation mit Vorteilen für das Überleben unserer Spezies einherzugehen.

Dummerweise dient die Evolutionsbiologie der effektiven Weitergabe von Genen – Lebensglück ist kein Thema für sie.

Deshalb sind wir „Überlebensmaschinen“ und gleichzeitig prädestiniert für seelisches Leid.

Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Konzepte vom „guten Leben“ umzusetzen in der Hoffnung, „glücklich“ zu sein und ahnen nicht, dass wir einfach nur neurobiologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die uns und unseren Nachkommen das Überleben sichern.

Es gibt natürlich eine Schnittstelle zwischen „Glück“ und evolutionären Überlebensmustern: Solange alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, kommen wir weder mit Leid noch mit unseren beschränkten Konzepten in Berührung.

Das fühlt sich gut an, läuft aber – so Buddha – unter „Ignoranz“.

In dem Moment, in dem die Realität den inneren Ansprüchen entgegenläuft, ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Wir reagieren mit Widerstand, Kränkung, Verzweiflung, Kontrollstreben, Wut etc. = wir „leiden“.

Und suchen verzweifelt nach dem Notausgang: „Das fühlt sich gerade alles so völlig falsch und schrecklich an – ich will hier raus!!!“

Und dabei ist genau diese Erfahrung so unendlich wertvoll! Sie ist der Schlüssel, um Ignoranz hinter sich lassen zu können, und wirklich im Hier und Jetzt anzukommen. Nur diese extremen Frustrationserfahrungen, das Leiden an den Begrenzungen und Ungerechtigkeiten des Lebens, befreit.

Denn das, was sich oberflächlich so gut anfühlt – zu bekommen was man will, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, abgeschirmt zu sein von den Zumutungen der Existenz – erweist sich langfristig als „Goldener Käfig“.

Der Kokon unserer Konzepte wird, je länger wir darin vergraben sind, zu einem Gefängnis, dass uns von der Realität – und damit vom Leben – trennt.

Im Ergebnis fühlt sich unsere Existenz fade an. Wir haben das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilhaben zu können. Wir sind zu Zaungästen von Freude, Lust und Spontanität geworden, zu Konsumenten der aufregenden Leben anderer.

Der Preis für Sicherheit und Berechenbarkeit ist Depression.

Diesen Zustand beendet kein Zaubertrick. Wieder ins Leben zurückzufinden, ist harte Arbeit.

Denn der einzige Weg, Zugang zur eigenen Vitalität – und damit zur Vitalität aller Existenz zu finden – führt durch den Prozess der Annahme dessen, was ist.

Mehr noch: der Annahme dessen, was ich bin: der eigenen Limitierungen, der eigenen Ängste – und der eigenen Schwächen.

Und dabei geht es nicht nur um die „allzu menschlichen“ Aspekte der eigenen Persönlichkeit, sondern auch um tief sitzende charakterliche Mängel.

Hinter all diesen „Schatten“ der eigenen Persönlichkeit, die man sich selbst in den dunkelsten Stunden nur kurz und verschämt ansehen möchte, steht letztendlich immer eine Urangst: die Angst vor der eigenen Vernichtung.

Und genau dort setzen die anspruchsvollsten Techniken buddhistischer Meditation an.

Im Gegensatz zu den basalen Praktiken – wie das Singen oder Rezitieren von Mantras, die den Geist beruhigen und friedlich stimmen – haben Praktiken des Höheren Tantra einen disruptiven Effekt: sie „zerlegen“ das Ego.

Gnadenlos.

Dass ich, in dem Moment an dem ich beschloss, Riwo Sangchö und auch noch Grüne-Tara lernen zu müssen, mit den allerunschönsten Seiten meiner Persönlichkeit konfrontiert wurde, gehört zum „Trainingsprogramm“.

Wäre es anders, würde etwas falsch laufen.

Normalerweise dauert diese erste exzessive Phase des hilflosen Um-sich-Schlagens nicht allzu lange. Ich bin „durch“, erkenne ich, während ich still Suriyel lausche, der gerade das Abschlussgebet der Grünen-Tara anstimmt.

Was danach kommt, ist auch nicht vergnüglicher – im Gegenteil – aber immerhin habe ich schon mal den ersten Bewährungstest bestanden.

Ich habe nicht aufgegeben, sondern bin immer noch dabei!

Trotz schlafloser Nächte, unendlicher autoaggressiver Gedankenkreisel, äußeren Widerständen – und einem handfesten Krach mit Suriyel. Auch der hat den Bewährungstest bestanden und nicht aufgegeben. Obwohl mein hysterisches Ego mit allerlei schmutzigen Tricks versucht hat, ihn dazu zu bewegen, mich vor die Tür zu setzen.

Wir wissen eben beide, wie das Spiel läuft: nicht nur die, die die Praxis lernen, müssen zäh sein. Auch die, die sie vermitteln, haben einiges aushalten.

So sind die Regeln für alle, die zum Höheren Tantra berufen sind. Es ist ein unendlicher Leidens- und Lernprozess – für alle Beteiligten…

Wächter

Bei meinem zweiten Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum versuche ich mich in der Grünen-Tara-Praxis, bin ein weiteres Mal irritiert darüber, dass ich keine Gästen während Riwo Sangchö „sehe“ und muss akzeptieren, dass mich wieder einmal mein „Innerer Wächter“ davon abhalten will, Fortschritte in meiner Meditationspraxis zu machen…

Am nächsten Sonntagmorgen nehme ich wieder den ICE nach Berlin. Meine zweite Reise in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum fühlt sich schon fast wie Routine an.

Im Pavillon im großen Innenhof, in dem letzten Sonntag die Praxis stattfand, heftet gerade eine Gruppe von Frauen handgeschriebene Zettel an ein Whiteboard. Irgendeine Weiterbildung, vermute ich.

Wo findet diesmal die Praxis statt?

Ich wandere suchend umher. Im Flur des Haupthauses treffe ich auf das binäre Wesen von letztem Sonntag. Es trägt wieder Batik und weist mir den Weg in den zentralen Schreinraum des Zentrums.

Der ist groß und schön, sehe ich beim Eintreten – und noch ein halber Rohbau. An der Stirnseite steht ein prächtiger tibetisch-buddhistischer Altar vor einer weiß gestrichenen Wand, aber die anderen Seitenwände sind unverputzt, der Dachstuhl ist noch nicht verschallt.

Suriyel hat schon alles vorbereitet. Außer ihm ist nur noch eine einzelne Frau im Raum. Dann kommt auch noch das binäre Wesen dazu und nimmt neben der großen Trommel Platz.

Ich setze mich ebenfalls hinter ein Schreintischchen, auf dem bereits der Rezitationstext der Grünen-Tara-Praxis liegt. Heute, habe ich während der Herfahrt beschlossen, praktiziere ich das erste Mal mit. Nur immer passiv zuzuhören, während Suriyel die Arbeit macht, ist unangemessen.

Hier im Zentrum bin ich mit den traditionellen schmalen Textstreifen konfrontiert, die ich normalerweise nur von tibetischen Lamas kenne. Sie haben mich schon bei meinem ersten Aufenthalt letzten Sonntag während des Riwo Sangchö ins Schleudern gebracht.

Suriyel musste mir zeigen, wie man umblättert – sie werden, wenn die Vorderseite rezitiert ist, nach oben geklappt, dann kann die Rückseite gelesen werden. Trotzdem verlor ich nach kurzer Zeit den Überblick und brachte die Blätter durcheinander.

Diesmal ergeht es mir nicht besser: Rezitiert wird der tibetische Text, der in Lautschrift in lateinischen Buchstaben unter den tibetischen Schriftzeichen steht. Darunter befindet sich eine englische Übersetzung. Die muss ich mir in Ruhe zuhause durchlesen, in dem Tempo, das Suriyel vorlegt, schaffe ich es nur mit größter Mühe, wenigstens ansatzweise dem tibetischen Text zu folgen.

Ich haste mit den Augen von Zeile zu Zeile, meine Zunge stolpert über komplizierte Silben. Wieder einmal merke ich, was für ein ausgezeichnetes Konzentrationstraining die Rezitation tibetisch-buddhistischer Texte ist: sobald mein Geist auch nur eine Sekunde abschweift, verliere ich die Zeile oder zerschelle an einzelnen Silben.

Dazu wird der Text nicht einfach Zeile für Zeile durchgearbeitet. Einzelne Passagen werden mehrmals widerholt. Dann muss mehrere Seiten zurückgeblättert werden – immer so, dass der Text nicht versehentlich verkehrt herum gedreht wird – und wenn ich den Anfang der Passage gefunden habe, ist Suriyel schon wieder zwei Seiten weiter und ich finde die richtige Zeile nicht, weil er alles in rasender Geschwindigkeit auf Tibetisch rezitiert und singt.

Zwischendurch wird auch noch der Text gewechselt – ich blättere und sortiere, suche nach den richtigen Zeilen, falle über komplizierte Silben und bin, als wir nach zwei Stunden am Ende angekommen sind, völlig erschöpft.

Und dabei ist die Rezitation und das Singen des Textes nur ein Aspekt der Praxis. Dazu kommt Meditation: in der Grünen-Tara-Praxis gibt es einen Abschnitt, in dem in offenem Gewahrsein meditiert wird, dazu noch eine ausführliche Meditationspraxis mit dem spezifischen Mantra der Grünen Tara.

Und oben drauf muss zu all dem Rezitieren, Singen und Meditieren auch noch visualisiert werden. Das „Drehbuch“ für den Film, inklusive der Emotionen, die begleitend aufgerufen werden müssen, findet sich im Text. Für Westler gibt es eine englische Übersetzung, in der alles Schritt für Schritt erklärt wird. Man muss sie nicht nur auswendig lernen, sondern auch noch im Kopf haben, an welcher Stelle der Zeremonie welche Bilder und Emotionen abgerufen werden müssen.

Tantra ist eine anspruchsvolle und vorraussetzungsreiche Angelegenheit. Vor allem für uns im Westen, denke ich mir, während ich die Textstreifen wieder in die richtige Reihenfolge bringe und dem binären Wesen überreiche. Tibeter haben es leichter: sie verstehen zumindest, was sie tun.

Als ich das in der Pause zwischen Grüner-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu Suriyel sage, widerspricht er mir: für tibetische Muttersprachler wären die sakralen Rezitationstexte völlig unverständlich. Die dort verwendete Sprache hätte mit dem üblichen Alltagstibetisch so gut wie nichts gemein. Und Übersetzungen in modernes Tibetisch wären nicht üblich. Wir Westler wären tibetischen Praktizierenden gegenüber im Vorteil, weil wir über die englischen Übersetzungen verfügen, die uns detailiert erklären, was korrekterweise zu tun sei.

Das tröstet mich etwas. Daran, dass ich noch sehr viel Arbeit, Zeit und Mühe investieren muss, bis ich die Praxis irgendwann beherrschen werde, ändert das leider nichts.

Während Suriyel von irgendwo eine riesige Plastiktüte mit all seinem Equipement für das Riwo Sangchö herbeischleppt, plaudere ich ein bisschen mit dem binären Wesen, das im übrigen ganz bezaubernd ist. Auf den halben Rohbau-Zustand des Schreinraums angesprochen, erklärt es mir, das Buddhistische Zentrum wäre wie der Kölner Dom: wenn an einem Ende endlich etwas fertig wäre, sei am anderen Ende schon wieder was kaputt. Und wirklich, die schöne Holzterrasse zum kleinen verwunschenen Innenhof, auf der Suriyel gerade seine große Feuerschale platziert, ist an einzelnen Stellen schon wieder morsch.

Bevor Suriyel die Kohlen anzündet, ruft er zu meiner Erheiterung wieder bei der Feuerwache um die Ecke an und meldet, dass es unter der genannten Adresse wegen eines Rituals zu erhöhter Rauchentwicklung kommen wird.

Auf einem kleinen Altar, der vor der Terrasse im Schreinraum platziert ist, hat Suriyel acht kleine Näpfe mit Wasser, einer Blume, einer Kerze und Räucherstäbchen aufgereiht. Sie symbolisieren verschiedene Gegenstände, mit denen die Gäste, die wir zum Festmahl erwarten, willkommen geheißen werden.

In der Ablagefläche darunter hat er die Speiseopfer gestellt, die er später während des Zeremoniells verbrennen wird.

Nachdem wir wieder alle vier Platz genommen haben – das binäre Wesen schlägt abermals die Trommel – beginnt das Zeremoniell. Riwo Sangchö ist einfacher als die Grüne-Tara-Praxis: es gibt weniger Text, der Aufbau ist übersichtlicher, die Melodien sind eingängig und werden langsamer gesungen. Außerdem habe ich es schön öfter praktiziert. Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden Tag mit einem Riwo Sangchö, es ist mir deshalb schon ein wenig vertraut.

Ich versuche also, während ich singe und das Mantra rezitiere, auch noch zu visualisieren. Aber wieder ergeht es mir nicht besser als beim Riwo Sangchö am vorherigen Sonntag hier im Zentrum: ich „sehe“ keine Gäste.

Und dabei vibriert alles um uns vor Energie! Wir sind gerade richtig im Flow – genau wie es sich gehört. Dazu produzieren die Thuja-Zweige, die Suriyel auf die glühenden Kohlen gelegt hat, dicke Rauchschwaden und seine Opfergaben sind vom Feinsten.

Während ich, zusammen mit den anderen, wieder und wieder im Singsang das Mantra rezitiere, schaue ich auf den Boden und versuche gleichzeitig, mein „Drittes Auge“ zu justieren. Das kann ja wohl nicht sein, dass da nichts ist? Normalerweise kommen sie immer!

Aber ich „sehe“ keine wie auch immer gearteteten Wesen, Gestalten, Gottheiten, Naturgeister – what´s ever – um die Feuerschale herum auftauchen. Gibt es hier keine oder ist heute einfach nicht mein Tag?

Als wir fertig sind, fühle ich mich seltsam leer und unzufrieden. Dabei war es wieder einmal so ein schönes Ritual: niemand beherrscht es in dieser Perfektion wie Suriyel.

Auf dem Weg zurück nach Leipzig beschließe ich, dass mir gerade mein arrogantes Ego einen Streich spielen will: es mault und tobt Tag und Nacht in meinem Kopf, seit ich beschloss, in Suriyels Buddhistischem Zentrum Riwo Sangchö – und jetzt auch noch Grüne Tara – zu lernen. Es spielt sicher gerade ein böses Spiel mit mir, in der Hoffnung, ich könne die Lust an der Praxis verlieren und einfach nicht mehr hinfahren.

Je größer der Gewinn einer Praxis, desto extremer der Widerstand, lautet die Faustformel. https://www.water-runs-east.eu/sieben-der-waechter/

Schizophrene Beziehungskrise

Die Entscheidung, im Buddhistischen Zentrum in Berlin regelmäßig Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu praktizieren, beschert mir eine heftige „Beziehungskrise“ zwischen meinem kontrollbedürftigen Ego und meiner intuitiven Inneren Stimme….

Der Besuch am Sonntag im Buddhistischen Zentrum hat mir gut getan. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Am Montag bin ich regelrecht befriedet, mein arrogantes Ego ist abgetaucht. Am Dienstag bin ich immer noch gut gelaunt, während mein Ego schweigend schmollt.

Am Mittwochmorgen brauche ich garnicht erst auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen. Ich muss noch nicht mal nach dem Aufwachen mein Bett verlassen, um zu realisieren, dass dieser Tag schon gelaufen ist, bevor er überhaupt begonnen hat.

Mein widerständiges Ego hat den Schock der intensiven Praxis vom Sonntag überwunden und ist bereit für einen neuen Frontalangriff. Es will mit allen Mitteln verhindern, dass ich noch einmal nach Berlin fahre, um mit Suriyel Grüne Tara und Riwo Sangchö zu praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Es lamentiert, klagt, droht und beschimpft mich – oder besser meine intuitive Innere Stimme, die ihm den Schlamassel eingebrockt hat.

Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen sich mein Ego und meine intuitive Innere Stimme gut verstehen. Wenn meine intuitive Innere Stimme dafür sorgt, dass alles so läuft, wie sich das mein Ego wünscht, ist es ihr sogar sehr zugetan.

Aber wehe, die intuitive Innere Stimme entscheidet sich für irgendwas, was dem Ego Angst macht. Und das passiert schnell: mein Ego ist – wie alle Egos – extrem ängstlich. Es will Kontrolle, immerzu, in allen Situationen, sonst dreht es hohl.

Im Gegensatz zu meiner intuitiven Inneren Stimme: die ist komplett furchtlos. Mehr noch: das ständige Katastrophisieren des Egos ist ihr ein Rätsel.

Dazu sind die beiden auch noch völlig verschieden: mein Ego ist komplett an Sprache gebunden. Es braucht logische Erklärungen, will argumentativ überzeugen – und überzeugt werden – und lässt nur stehen, was in vertraute und bewährte Konzepte passt. Es ist intelligent, intellektuell beschlagen, sprachlich gewandt – und gleichzeitig engstirnig, unflexibel und bar jeder Phantasie. Kurz: es ist ein ängstlicher bildungsbürgerlicher Spießer.

Meine intuitive Innere Stimme dagegen kann mit Logik, Argumenten und Konzepten nichts anfangen. Planen, Bewerten, Ziele formulieren – wofür soll das gut sein? Das Leben macht eh was es will! Kontrolle ist Illusion, erklärt sie dem ängstlichen Ego wieder und wieder. Und so etwas wie Tod gibt es nicht!

Denn das ist die größte Furcht des Egos: dass die intuitive Innere Stimme in ihrer völligen Blindheit für die Konsequenzen etwas tut, was ihm das Leben kosten könnte.

Für diese Situationen hat das ängstliche Ego einen siebten Sinn: es riecht regelrecht, wenn die intuitive Innere Stimme wieder mal in größter Naivität Entscheidungen trifft, die sein Überleben bedrohen.

Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum und die Meditationspraxis, die er anbietet, hat genau die Qualitäten, die alle Alarmsirenen meines Egos schrillen lassen.

Und das Ego kennt die intuitive Innere Stimme gut: es muss schließlich schon sein ganzes Leben mit ihr klar kommen. Es hat aus bitterer Erfahrung gelernt, dass die sich von ihm nichts sagen lässt. Und dass der intuitiven Inneren Stimme im Zweifelsfall das Wohlbefinden des Egos komplett egal ist.

Dass das tibetisch-buddhistische Zentrum mit Konsequenzen für sein Wohlergehen einhergehen wird, kann sich das Ego an seinen 10 Fingern abzählen. Auf beruhigende Sprüche wie „Du musst Dich nicht aufregen, wir fahren da ein paar Mal hin und dann ist es gut!“, fällt das Ego nicht mehr rein. Die hat es in den letzten Jahren zu oft gehört – und was war?

Erst hieß es: „Wir praktizieren ein bisschen Traum-Yoga, damit wir besser schlafen können.“

Und auf einmal fand es sich in einem schmuddeligen Retreathaus mitten im Odenwald wieder und musste zwei Jahre Ngöndro-Praxis ertragen.

Mit allen Konsequenzen für sein Seelenheil: für ein fragiles spießiges Ego sind Meditationstechniken, in denen es der intuitiven Inneren Stimme dabei zusehen muss, wie die visualisiert, der gemeinsam bewohnte Körper würde sterben, alles Fleisch würde von den Knochen gesägt werden, die Schädelschale werde zum Suppenkessel, die Haare zum Brennmaterial, Fleisch und Innereien zur Suppeneinlage und wenn alles gut gekocht ist, bekommen es die Buddhas, Bodhisattvas und Dhakinis serviert, ein einziger Albtraum.

Auch damals war ihm gesagt worden: „Keine Panik, mehr wird es nicht werden!“

Und dann?

Hatte die dämliche intuitive Innere Stimme inmitten 140 Teilnehmern mit gewohnter Zielsicherheit ausgerechnet Uriel ausgewählt, dem die E-Mail-Adresse in die Hand gedrückt und um Aufnahme in seinen Verteiler gebeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Es kam, wie es kommen musste: die Einladung zum Vajra-Armor-Mantra-Retreat entzückte die intuitive Innere Stimme und trieb das kontrollwütige Ego in den Wahnsinn. https://www.water-runs-east.eu/no-muggles/

Das Ego mutete Uriel damals einiges zu: es wollte kein Mantra, es wollte keine Zuflucht nehmen, es wollte partout überhaupt nichts von allem, was sich da auf einmal auftat. Uriel ertrug mit Würde alle hysterischen Mails, widmete auch den dümmsten Einwänden noch seine freundliche Aufmerksamkeit, lies sich von allen Versuchen meines Egos, die Sache durch gezielte Blödheit an die Wand zu fahren, nicht beeindrucken – und am Ende fand sich das völlig verzweifelte Ego als Buddhistin in einem komplett bizarren Boundary-Retreat mit einem Haufen Röcke tragender singender Männer wieder. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Die Konsequenzen waren so zahlreich wie tiefgreifend: Drei Jahre später war das Ego sein bequemes Leben, seinen Status und all die Annehmlichkeiten los, die ihm so wichtig gewesen waren. https://www.water-runs-east.eu/spalt/

Als einziger Trost war ihm erklärt worden, mehr als das Vajra-Armor-Mantra würde es nie ertragen müssen.

Und was war?

Im März gleich drei zornvolle Praktiken hintereinander! Am Schluss stand es mit einer zornvollen schwarzen Göttin da, die seitdem ununterbrochen im Unterleib vor sich hin tanzt. Mit den entsprechenden Konsequenzen für den Energiehaushalt und die Dominanz der intuitiven Inneren Stimme. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Und wieder als einziger Trost das Versprechen, dass jetzt aber wirklich Schluss wäre: Vajra-Armor-Mantra, Throma-Praxis, dazu täglich Zazen – das wäre genug. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber dann fand es sich statt in einem Wanderurlaub auf einem Selbsterfahrungstrip wieder – und kurz danach in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

„Und da wunderst Du Dich, dass ich Dir nicht mehr über den Weg traue?“, tobt und schreit es meine intuitive Innere Stimme an. „Ständig werde ich hier belogen und betrogen! Alles was Du machst ist kompletter Wahnsinn und ich muss mit den Konsequenzen leben! Dabei bin ICH die Stimme der Vernunft! Und du spinnst!“

Erste Praxis

Meine erste Praxis in einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum geht mit konfusen Eindrücken einher…

Das Buddhistische Zentrum ist weit größer, als es von Außen den Anschein hat. Es besteht nicht nur aus einem Gebäude, wie ich es erwartet hatte, sondern aus einem ganzen Gebäudeensemble. Ich sehe mich um: wo muss ich hin?

Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich wird verkündet, dass heute ein „Schweige-Retreat“ stattfindet. Mehr Information gibt es nicht.

Ich wandere suchend umher, entdecke durch ein Fenster eine Gruppe Menschen in stiller Meditation vertieft – wohl das Schweige-Retreat – biege um eine Ecke und stoße zu meiner Erleichterung in einem großen Innenhof auf Suriyel.

Er befindet sich in Begleitung eines rundlichen binären Wesens mit Knebelbart und in Batikkleidung.

Ich begrüße Suriyel, stelle mich seiner Begleitung vor, und bekomme den Weg in den Schreinraum gewiesen.

Der ist schön, das muss selbst mein dämliches Ego zugeben. Meditationskissen gibt es auch, sogar in rauen Mengen, dazu bequeme Sitzunterlagen und Schreintischchen oben drauf. Mein Ego ist verstimmt, dass es nichts zu meckern gibt.

Ich nehme Platz und harre der Dinge, die da kommen werden. Während Suriyel alles für das Ritual vorbereitet, tröpfeln nach und nach die anderen Teilnehmer herein. Am Ende sind wir zu fünft – inklusive des binären Wesens.

Dann geht es los: Suriyel rezitiert, singt und opfert, die anderen machen mit – ich sitze einfach nur da. Ich bin wegen des Riwo Sangchö hier, die Grüne Tara nehme ich mit, habe ich beschlossen. Zwei lange Praxiseinheiten hintereinander sind mir zu anstrengend. Außerdem ist es ein Genuss, Suriyel zuzuhören, der mir gegenüber sitzt. Er macht das richtig schön. Genau, wie beim ersten Mal, als ich mit ihm praktizieren durfte. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Obwohl ich passiv bin, geht die Praxis nicht spurlos an mir vorüber: irgendwann schmerzt meine ganze linke Körperhälfte zum Gotterbarmen. Was das Ritual in mir auslöst, weiß ich nicht zu sagen. Irgendwas triggert mich, sonst würde ich hier nicht gerade so sehr auf meinem Kissen leiden. Ich versuche mich in Akzeptanz, senke den Blick und konzentriere mich auf meinen Atem und den Raum um mich herum. Aber was ist das?

Direkt vor mir steht auf einmal eine riesige Grüne Tara! Ihr Kopf reicht bis zur Decke, sie hat beide Arme erhoben, dazu ein Bein.

Ihre Energie hebt mich regelrecht von meinem Sitzkissen.

Das kann ja wohl nicht sein! Ich habe schließlich nicht visualisiert! Ich sitze einfach nur da, lausche einer Praxis, die ich überhaupt nicht kenne, denke an nichts und trotzdem ist da auf einmal diese Göttin. Noch dazu ist das Bild ist von erstaunlicher Stabilität. Normalerweise muss ich mich konzentrieren, um eine Visualisierung so konstant zu halten. Jetzt bin ich einfach nur irritiert – das Bild bleibt.

Außerdem ist diese Grüne Tara schlammgrün. Hätte ich sie bewusst visualisiert, wäre meine Grüne Tara flaschengrün, ich bin mir sicher. Diesen wenig attraktiven Grünton würde ich niemals für eine buddhistische Göttin wählen, er widerspricht meiner Ästhetik.

Was ist hier los? „Sehe“ ich auf blöd Suriyels Grüne-Tara-Visualisierung? Ist so etwas möglich?

Das schlammgrüne Drei-D-Bild samt der überwältigenden Energie bleibt stabil fast bis zum Schluss des Rituals in der Mitte des Raumes stehen. Erst als Suriyel das Abschlussgebet anstimmt, verschwindet sie.

Völlig erschlagen flüchte nach dem Ende des Zeremoniells in den Innenhof. Der ist gerade besetzt: mit verklärten Gesichtern wandeln dort die Teilnehmer des Schweigeretreats in der warmen Mittagssonne. Den Zustand kenne ich gut, so geht es mir auch immer während meiner Zen-Retreats. Das sind heilige – und hart ersessene – Momente.

Es dauert ein bisschen, bis Suriyel alles für das Riwo Sangchö hergerichtet hat. Dafür lässt er sich nicht lumpen: nur das Beste für die Gäste!

Während Uriel im Retreathaus am Ende der Welt auf eine praktische nepalesische Fertigmischung zurückgreift, gibt es hier alles frisch: Butter, Joghurt, Milch, Honig, Melasse, Zucker, dazu Räucherwerk und einen Krug Wasser. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Wir nehmen vor der Hausmauer im Innenhof Platz. Der Wind zerrt an der großen Trommel und lässt die Praxistexte flattern.

Bevor er die Kohle in der großen Feuerschale anzündet, telefoniert Suriyel zu meiner Erheiterung mit der örtlichen Feuerwehr: wegen eines Rituals würde es unter dieser Adresse zu Rauchentwicklung kommen.

Wie sich herausstellt, eine vernünftige Maßnahme, denn der Rauch, den Suriyel produziert, ist vom Feinsten. Er hat einen großen Sack Thuja-Zweige mitgebracht, die er auf die glühenden Kohlen legt. Es raucht und qualmt, dass es eine Freude ist.

Unter den abwesenden Blicken der stumm vor sich hin wandelnden Schweigeretreat-Teilnehmer singen wir die tibetischen Texte des Opfer-Rituals. Das gebatikte Wesen schlägt die große Trommel dazu. Als wir bei der Opferung angekommen sind, rezitieren wir alle das Mantra, während Suriyel die Opfergaben auf das Feuer legt.

Ich genieße das Ritual und die Energie, die uns umgibt, während ich wieder und wieder das Mantra rezitiere. Allerdings bin ich irritiert, weil ich keine Gäste „sehe“. Das hatte ich eigentlich erwartet, denn so bin ich es gewöhnt: Spätestens wenn das Opfer dargebracht wird, tauchen halb transparente Wesen in allen Formen und Variationen auf, die sich über das Dargebotene freuen. Diesmal spüre ich tiefe Freude in meinem Herzen – aber weit und breit ist nichts und niemand um die Opferschale herum zu erkennen oder zu spüren.

Seltsam!

Erst „sehe“ ich gegen jede Logik und Erfahrung eine Grüne Tara – und dann „sehe“ ich keine Gäste, obwohl die da sein müssten?

Ob es am Buddhistischen Zentrum liegt? Allzuviele Naturgeister werden sich in Berlin-Mitte wohl nicht rumtreiben. Und vielleicht sind alle formlosen Wesen im Bardo bereits durch die viele Praxis hier erlöst und die Buddhas und Bodhisattvas haben gerade etwas Besseres zu tun?

In dem Moment merke ich, dass ich gerade dabei bin, mir schräge Geschichten auszudenken. Die vielen neuen Reize und Eindrücke überfordern mein Gehirn.

Ich verordne mir selbst Schweigen, helfe – nachdem wir fertig sind – aufräumen, bedanke ich mich bei Suriyel und eile heimwärts.

Das Buddhistische Zentrum

Ich beuge mich meiner intuitiven Inneren Stimme und mache mich auf den Weg in ein Tibetisch-Buddhistisches Zentrum, um Riwo Sangchö zu lernen, während in mir ein Gewittersturm tobt…

Irgendwo in der Innenstadt Berlins befindet sich ein Buddhistisches Zentrum. Versteckt im Innenhof liegt es in einer Ecke der Stadt, die grau, trist und fade ist.

So kommt es mir zumindest vor, als ich aus dem U-Bahn-Schacht trete. Nach ein paar Metern biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein. Suriyel hat mir den Weg beschrieben.

Während ich durch das morgendlich stille Viertel laufe, denke ich über die Absonderlichkeit der aktuellen Situation nach. Es war ausgerechnet Suriyel gewesen, der mir zum Besuch des Nationalparks von Bialowieza geraten hatte. Und das sicher nicht mit dem Ziel, mich deshalb eines Sonntags in seinem Schreinraum vorzufinden. https://www.water-runs-east.eu/?p=3124&preview=true

Ich hatte ihn um einen Tipp für einen Wanderurlaub in Polen gebeten, und er – der aus Warschau stammt – empfahl mir den letzten Urwald Europas.

Und dann komme ich nicht aus einem Wanderurlaub, sondern von einer extremen Grenzerfahrung zurück – und das auch nur halb – und bin damit konfrontiert, dass ich dringend Riwo Sangchö lernen muss. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Und der einzige für mich erreichbare Ort, an dem ich Riwo Sangchö lernen kann, ist ausgerechnet Suriyels Buddhistisches Zentrum in Berlin. Jeden Sonntag bietet er hier „Grüne Tara-Praxis“ an – und danach Riwo Sangchö.

Das ich brauche, nicht nur zu meinem Wohl, sondern auch zum Wohl anderer. Wer immer diese „Anderen“ auch sein mögen… https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Das ist einer der Punkte in dieser ganzen schrägen Geschichte, über den ich nicht genauer nachdenken möchte. Das ist mir zu spekulativ, zu esoterisch und zu heikel.

Überhaupt finde ich gerade alles schwierig und anstrengend. In mir tobt – seit ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, ins Buddhistische Zentrum zu fahren – ein Gewittersturm.

„Widerstand“ nennt sich das, was da in mir abgeht, im Achtsamkeitsmeditations-Fachjargon. Jeder Praktizierende kennt die höchst schmerzhafte und verstörende Erfahrung, in der Stille der Meditation auf einmal mit einem Amok laufenden Ego konfrontiert zu sein.

An welchem Punkt das Ego austickt, ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Es hängt davon ab, was biographisch und strukturell als „Kontrollverlust“ erlebt wird.

Bei mir ist es die bunte esoterische Praxis des tibetischen Tantra.

Dass ich gerade dabei bin, das erste Mal in meinem Leben ein tibetisch-buddhistisches Zentrum zu betreten, lässt mein Ego buchstäblich die Wände hochgehen.

Während ich eine Baustelle umrunde, die den Gehweg blockiert, lausche ich der wütenden Dauerklage meines egozentrischen Geistes.

Ich versuche, ihm mit Argumenten zu kommen. „Pfadabhängigkeit“ nennt sich das, womit er gerade konfrontiert ist. Prozesse folgen ihrer eigenen inhärenten Logik. Ob es ihm passt, oder nicht.

Es passt ihm nicht!

Mein Ego will das alles nicht! Wortreich erklärt es mir, dass es kein Orange mag, und auch kein Gold, Ornamente völlig überflüssig sind und kein vernünftiger Mensch Riten brauche! Und überhaupt: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain! Wenn es wenigstens Unter-den-Linden wäre! Aber nein! Ausgerechnet hier! Und dann auch noch tibetisch-buddhistische Praxis!

„Warum“, fragt es mich völlig entnervt, „musst Du Dich immer zum Idioten machen? Du bist gesegnet mit Bildung, Kultur und guten Umgangsformen, beherrscht Konversation und Lebensart – und dann willst Du ausgerechnet da hin? Bist Du komplett bescheuert?“

Mein Ego – das weiß ich schon lange – liebt Zen. Zen ist ästhetisch, elitär und über jeden esoterischen Chichi erhaben. In meinem gepflegten Zen-Retreathaus ist mein Ego ganz bei sich, glücklich und zufrieden. So wie dort, findet es, sollte all meine Meditations-Praxis sein. Zen entspricht meiner Herkunft, meinem Bildungsstand und meinem Lebensstil.

Nur, leider leider, besteht meine intuitive Innere Stimme seit Jahren darauf, dass Zen zu wenig ist. Meine intuitive Innere Stimme liebt Tantra. Uneingeschränkt. Die Praxis, all das Mantra-Gesinge, die Riten – sogar das Orange und die goldenen Ornamente.

Und in meinem Leben bestimmt meine intuitive Innere Stimme, was geschieht, und nicht mein arrogantes Ego. Was dem überhaupt nicht passt. Und dann macht es Drama. So wie jetzt!

Den wüsten Beschimpfungen meines Egos lauschend, sehe ich auf einmal jenseits einer hohen Mauer bunte tibetische Gebetsfahnen flattern. Ich bin da.

Exakt zwei Stunden dauert es, um von meiner Haustür in Leipzig bis zum Metalltor des Buddhistischen Zentrums zu kommen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest.

Und das alles, weil ich gezwungen bin, Riwo Sangchö zu lernen. Und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

„Halt jetzt endlich die Klappe!“, herrsche ich mein maulendes Ego an. „Wir ziehen das jetzt durch, ob es Dir passt oder nicht!“

Damit atme ich tief durch und betrete den Innenhof.

Fazit

Ich vermisse meine Seele, die im Nationalpark von Bialowieza zurückgeblieben ist, ziehe ein erstes – esoterisches – Fazit meiner Urwald-Reise und fasse einen Entschluss…

Mein Leben in Leipzig ist wieder Business as usual:

Ich meditiere täglich und treffe genauso regelmäßig Maria.

Tagsüber sitze ich am Schreibtisch, arbeite vor mich hin und versuche dabei, den üblichen Unfrieden in der verwunschenen Untermietwohnung auszublenden. Wenn mir das nicht mehr gelingen will, radle ich an einen der Seen im Leipziger Umland und schreibe – in der Hängematte liegend – auf dem iPad weiter.

Alles wie gehabt…

Nur: irgendwie ist zwar mein Körper wieder aus dem Urwald zurückgekehrt – aber nicht meine Seele.

Die wandert weiterhin Nacht für Nacht im Traum durch den Nationalpark. Begleitet von Geistern, formlosen Wesen und Dämonen ist sie auf der Flucht, auf der Suche – was genau geschieht, kann ich nicht sagen, dafür sind die intensiven Traumbilder zu wirr und zu kryptisch.

Es ist, als ob ich „an der Grenze“ festhängen würde. Ein unangenehmes Gefühl: ich will schließlich „Da“ sein! Dafür meditiere ich seit Jahren – und das normalerweise durchaus erfolgreich. Und auf einmal fühle ich mich, als wäre ich zweigeteilt.

Ich versuche, diese Grenzerfahrungen, die mich immer noch gefangen halten, zu strukturieren:

Am einfachsten zu fassen ist die pyhsische Grenze: ein fünf Meter hoher Zaun zwischen Polen und Belarus, gekrönt mit Stacheldraht, bewacht von schwer bewaffnetem Militär. Das Grenzregime dient der Abwehr von Flüchtlingen.

Womit ich bei der nächsten Grenze angekommen bin: der zwischen Zivilisation und Barbarei. An der Grenze, die quer durch den Nationalpark von Bialowieza führt, enden EU und NATO. Hier bin ich dem „Schatten“ von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit begegnet: der eigenen Bevölkerung gegenüber zivil, Fremden gegenüber brutal. Der Tod von Flüchtlingen auf der anderen Seite des Zaunes und im Sumpfland des Nationalparks wird billigend in Kauf genommen.

Dazu kommen all die schrecklichen Grausamkeiten, die hier in der Vergangenheit geschehen sind: ich wanderte, inmitten phantastischer Natur, von einem Mahnmal zum nächsten: hier wurden 222 Dorfbewohner erschossen, da 900 jüdische Männer, in der Sperrzone eine unbekannte Zahl Partisanen, die Ränder der Wege werden nicht – wie in Deutschland – von Kreuzen für Verkehrsopfer, sondern für von Scharfschützen niedergemähte sowjetische Soldaten geziert. Dazu die Überreste niedergebrannter Dörfer in Wäldern und Heiden.

„Hitlerowoow“ – wie die deutsche Besatzung hier umschrieben wird – hat tiefe Spuren hinterlassen. Und das, was ich sah, war nur die Oberfläche, markiert durch eine institutionalisierte Erinnerungskultur.

In der Tiefe – glaubte ich zu spüren und zu „sehen“ – ist der Schmerz so vielschichtig, differenziert und dicht wie die unendlich vielen Geruchsmoleküle, die der uralte Wald verbreitet.

Dieser Schmerz befindet sich auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze. Abgetrennt nicht durch eine physische Barriere, sondern durch eine energetische. Und hinter diesem seltsamen Grenzregime scheint meine Seele festzuhängen.

Irgendwie – so kommt es mir zumindest vor – haben im Urwald von Bialowieza die Gesetze von Zeit und Raum ihre Bedeutung verloren. Es gibt dort kein „Gestern“ und „Heute“. Es gibt nur ein einziges großes „Jetzt“, in dem alles, was jemals in diesem Wald geschehen ist, aufzugehen scheint.

„…und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod…“ heißt es im Herz-Sutra.

Genauso ist es dort: einerseits ist im Urwald „Tod“ bedeutungslos. Nichts dort stirbt wirklich, alles ist einfach nur beständiger Wandel: jede Pflanze, jeder Organismus, jedes Tier, jeder Mensch ist einfach nur Energie. „Tod“ ist lediglich ein Wechsel der Energie-Frequenz.

Nie zuvor bin ich an einem Ort gewesen, der eine solche Vitalität verströmt. Alles im Urwald von Bialowieza ist Leben.

Und gleichzeitig bin ich noch nie zuvor an einem Ort gewesen, an dem es so viel „Tod“ gibt: der Urwald ist ein einziges Schlachtfeld! Baumriesen werden von Pilzen gefällt, Wisentkinder von Wölfen gerissen. Jedes Jungtier, das im Wald geboren wird – von der winzigsten Insektenlarve bis zum Elchkalb – muss einem ganzen Heer von Feinden standhalten, wenn es überleben will.

Dass ist die Quintessenz meiner Erfahrung: es gibt keinen Tod – und gleichzeitig ist er überall.

Im Grunde, sinniere ich weiter, ist „Tod“ dort greifbar, wo er mit Schmerz und Leid verbunden ist. Auf der energetischen Ebene handelt es sich um eine Art „Blockade“, der natürliche Fluß der Transformation scheint gestört zu sein.

All diese Symbole für Leid und Tod, mit denen ich im Nationalpark konfrontiert wurde – der Grenzzaun, der Schädel des Wisentkindes, all die Mahnmale und Gedenktafeln für die Opfer von Kriegsverbrechen – markieren Orte und Geschehen, an denen Lebensenergie aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Fazit: Ich wurde an einen Ort urwüchsiger Vitalität geschickt, der mit Symbolen energetischer Blockaden gespickt ist.

Ich bin mir bewusst, dass das so esoterisch wie weltfremd klingt. Aber leider bin ich so gestrickt. Ich funktioniere komplett intuitiv. Mir ist weder politische Durchschlagkraft noch zivilgesellschaftlicher Aktionismus gegeben – so sehr ich das auch bedauere.

Trotzdem bin ich aufgefordert, etwas zu unternehmen. Im Rahmen dessen, was mir möglich ist.

Ich denke an das Versprechen, dass ich den formlosen Wesen an der Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes im Wald von Bialowieza gab: dass ich wiederkommen und Riwo Sangchö für sie praktizieren würde.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, schreibe ich am nächsten Morgen eine Textnachricht an Suriyel: Wann er denn in seinem Buddhistischen Zentrum die nächste Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö anbieten würde? Und ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich dazu käme?

„Nächsten Sonntag“, kommt es zurück. Und wenn es mir nicht zu mühsam wäre, so weit zu fahren für ein bisschen Praxis, wäre ich willkommen…

Abschied von der Grenze

Ich lasse alle Grenzen des Urwalds von Bialowieza hinter mir und kehre zurück nach Leipzig…

Ein letztes Mal besuche ich den enthusiastischen Kellner im alten Holzhaus. Nach einer Portion polnischem Kartoffelkuchen in Pilzrahmsauce mache ich mich auf den Heimweg. Das Wasser der Narewka leuchtet im Abendlicht. Die Storchenkinder in den großen Nestern auf den Dächern und Laternenmasten entlang der Dorfstraße schlafen schon.

In der Ferne erklingt das hysterische Bellen von Hunden, während sich die letzten Vögel in den hohen Bäumen zur Ruhe begeben. Vom Info-Gelände des Nationalparks dröhnen die Generatoren der mobilen Kaserne. Aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser am Straßenrand fällt Licht.

Während ich dahinwandere, sage ich dem Ort „Auf Wiedersehen“.

Es ist fünf Uhr morgens, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt krieche. Nach einer Katzenwäsche und drei Tassen Instantkaffee baue ich das Zelt ab, packe Schlafsack und Isomatte ein und stopfe alles in den Kofferraum des kleinen Dacia.

Um kurz vor sechs Uhr biege ich auf die Hauptstraße in Richtung Warschau ein. Das Dorf scheint noch zu schlafen, außer mir ist niemand unterwegs. Wieder geht es kilometerlang durch einen grünen Tunnel aus hohen Bäumen. Ich habe, trotz der morgendlichen Kühle, alle Fenster geöffnet, der Fahrtwind trägt ein letztes Mal den unglaublichen Waldgeruch zu mir herein.

Beseelt von der Natur lasse ich die letzten Bäume hinter mir – und bin mit einem Mal mit einer Sraßensperre konfrontiert! Ein Polizeiwagen blockiert die Gegenfahrbahn. Auf meinem Fahrstreifen stehen zwei Polizisten mit Pistolen im Halfter, einer schwenkt eine Kelle. Ich bringe meinen Wagen vor ihnen zum Stehen und beobachte, wie einer der Polizisten langsam um mein Auto herum geht und dabei eine Art langen Stab an die Karosserie hält. Während ich noch versuche, aus dem Procedere schlau zu werden, winkt mir der Polizist mit der Kelle zu: ich kann weiterfahren.

Fümf Kilometer danach, an der Kreuzung zur Bundesstraße, das selbe Schauspiel. Diesmal ist es Militär, das mich kontrolliert.

Jetzt bin ich heilfroh, dass wir vorgestern bei unserer morgendlichen Wanderung durch die Sperrzone, entgegen Wlodzimierz Ankündigung, keine Flüchtlinge getroffen haben. Wenn ich gebeten worden wäre, jemanden im Auto bis nach Warschau mitzunehmen, hätte ich das selbstverständlich getan. Mit dramatischen Folgen, so wie es aussieht. Auf die Idee, dass nicht nur die Grenze, sondern auch alle Ausfallstraßen aus dem Nationalpark überwacht werden, wäre ich wieder einmal nicht gekommen.

Eine Stunde nach meinem Aufbruch setzt zwischen den kleinen Dörfern der morgendliche Berufsverkehr ein. Jetzt geht es langsamer vorwärts.

Um zehn Uhr bin ich am Rande Warschaus angelangt. Kurz vor dem Flughafen tanke ich, kreise erst zweimal um die beiden – glücklicherweise bescheidenen – Terminals bis ich die korrekte Tiefgarageneinfahrt gefunden habe und stelle um elf Uhr mit einem erleicherten Seufzer den kleinen Dacia auf dem Parkplatz des Autovermieters ab.

Im dortigen Büro im ersten Stock des Ankunftsterminals herrscht großer Andrang. Ein Angstellter nimmt mir einfach Schlüssel und Papiere ab, ohne mich irgendwas unterschreiben zu lassen. Was mit meiner Kaution wäre? Er müsse sich erst das Auto ansehen, wenn alles in Ordnung ist, bekäme ich das Geld zurück. Ich überlege kurz, ob ich auf etwas Schriftliches bestehen soll, komme mir unglaublich deutsch dabei vor – und lasse es bleiben.

Nach kurzem Herumirren finde ich in der großen Ankunftshalle den Zugang zur S-Bahn. Glücklicherweise gibt es eine Direktverbindung zum Bahnhof Warsaw Gdanska. Von dort geht pünktlich um zwölf Uhr mein EC nach Frankfurt/Oder.

Am frühen Abend ist meine Reise zu Ende. Gegenüber dem Bahnhof grüßt vom Dach des Einkaufszentrum der vertraute gelbe Schriftzug „Willkommen in Leipzig“.

Ich bin wieder da.

Es ist ein Schock!

Meine Sinne laufen geradezu Amok. Die Luft ist grauenhaft, das Licht fahl, der Geschmack auf der Zunge widerlich. Alles fühlt sich seltsam künstlich an.

Und dabei wandere ich gerade – den schweren Rucksack über den Schultern – durch das wunderschöne Waldstraßenviertel. Links und rechts der breiten Straßen werfen mächtige alte Bäume ihre Schatten auf prächtige Jugendstilfassaden.

Und doch: Alles um mich erscheint mir unbeseelt und von erschreckender Leblosigkeit.

Irgend etwas ist mit mir geschehen, während ich an der Grenze war…

Kein Riwo Sangchö im Urwald

Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister…

Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie.

Während meines zweiten Aufenthalt ist der kleine Campingplatz von Bialowieza noch leerer als bei meinem ersten: abgesehen von einem Wohnmobil aus den Niederlanden und einem VW-Passat mit Hannoveraner Kennzeichen und Dachzelt bin ich alleine auf der kleinen Wiese.

Das hier ist das komplette Gegenteil von Overtourism. Schön für die wenigen, die sich hierher verirren – bitter für die Einheimischen, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist.

Nach einer Tasse Instantkaffee und ein paar Bissen altbackenem Brötchen bin ich halbwegs wach. Daran, dass ich mich heute wie achzig fühle, ändert das Frühstück leider nichts. Alle Glieder schmerzen, die Brustmuskulatur ist so verspannt, dass sich jeder Atemzug wie Arbeit anfühlt. Auf dem Rasen vor meinem Mini-Zelt absolviere ich ein paar Yoga-Übungen – vergebens.

Steifbeinig wanke ich in den Waschraum und inspiziere vor dem fleckigen Spiegel meine Augenringe. Dafür, dass gerade der zehnte – und letzte – Tag meines Urlaubs beginnt, sehe ich richtig fertig aus.

Ich habe extrem schlecht geschlafen. Und es war nicht die unbequeme Isomatte, die mich um meine nächtliche Ruhe gebracht hat. Irgendwas habe ich geträumt. Im Traum war es Nacht, ich war im Wald und um mich waren Leid, Verzweiflung, Gewalt und Tod.

Ich setze mich noch mal in den Freisitz neben meinem Zelt, koche mir eine weitere Tasse Instant-Kaffee und überlege, während ich die heiße Brühe trinke, was zu tun ist. Irgendwas steht an. Nur was?

Schließlich fasse ich einen Entschluss. Aus den Tiefen des Treckingrucksacks krame ich eine zerknautschte Schachtel mit Räucherstäbchen, schiebe das Feuerzeug in die Hosentasche, stopfe Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme und Insektenspray in den Tagesrucksack und mache mich auf den Weg in den Supermarkt. Mit vier Grablichtern im Gepäck wandere ich von dort auf der langen Hauptstraße bis zum anderen Dorfende von Bialowieza.

Noch ist die Temperatur gut auszuhalten, aber die Sonne sticht bereits vom Himmel. Heute soll es es zweiunddreißig Grad heiß werden. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ist das kein Vergnügen.

Als die letzten Häuser hinter mir liegen, nehme ich wieder den Weg, der mich vor drei Tagen bis zur Grenze nach Belarus geführt hat. Erst ein Stück die „Wildtierautobahn“ quer durch die Heide entlang, dann geht es rechterhand auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein bis zur befestigten Forststraße, auf der die Armeefahrzeuge verkehren.

Ich folge ihr in Richtung Grenze. Nach etwa fünfhundert Metern taucht auf der linken Seite ein halbhohes Mäuerchen zwischen den Bäumen auf. Dahinter befindet sich eine Gedenkstätte. Ich hatte sie am Montag kurz in Augenschein genommen, bevor ich zur Grenzbefestigung weitergelaufen war.

Mit lautem Quietschen öffnet sich das gußeiserne Tor. Zwischen den bröckelnden Betonplatten wuchert Unkraut, links und rechts des Weges steht der Farn hüfthoch.

Die Anlage selbst ist ein seltsames Sammelsurium aus Gedenkstätte und Friedhof. Auf der linken Seite befindet sich etwas, das wohl ein offizielles Mahnmal darstellt: ein architektonisch ambitionierter geschwungen aufsteigender Betonbogen in rot, der rechter Hand in einer hohen grauen Betonsäule mündet. In der Mitte des Betonbogens ist ein großes Kreuz und auf der Betonsäule eine beschriftete Steintafel angebracht. Bei meinem ersten Aufenthalt las ich nur das inzwischen vertraute „Hitlerowoow“ und „1942“.

Jetzt mache ich mir die Mühe und tippe den ganzen Text in den Google Translater:

"Dieser Ort ist durch das Blut von 222 Einwohnern von Bialowieza und Umgebung geheiligt, die am 14. August und 24. Dezember von Hitlerow ermordet wurden."

Links neben dem Mahnmal befindet sich ein großer grauer Obelisk, davor ist eine graue Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Aufschrift in den Boden eingelassen.

Rechts neben dem Mahnmal steht ein großes orthodoxes Holzkreuz mit den typischen drei Querbalken, eingerahmt von jeweils drei kleinen Grabmalen.

Das Nebeneinander von katholischen und orthodoxen Kreuzen ist mir in den letzten Tagen schon während meiner Wanderungen durch die kleinen Ortschaften aufgefallen. Meist stehen sie einträchtig nebeneinander, ab und zu findet man das eine am Dorfeingang, das andere am Dorfausgang.

Auch hier scheint den von der deutschen Besatzung Ermordeten vereint und gleichzeitig getrennt gedacht zu werden.

Dieser Boden ist durch das Blut der Opfer geheiligt…

Eine seltsame Formulierung. Sie lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass genau hier, an dieser Stelle, im August und an Weihnachten 1942 222 Menschen ermordet wurden.

Ich befinde mich am Tatort eines Massenmordes.

Um mich ist vollkommene Stille, als ich ein Grablicht nach dem anderen aus dem Rucksack ziehe. Dazu die schmale lila Schachtel mit den japanischen Räucherstäbchen, die ich aus einem Impuls heraus beim Packen in Leipzig in die Seitentasche des Rucksacks steckte.

Während in den Bäumen die Vögel singen, Insekten in den blühenden Brombeerranken summen und mich Mücken umschwirren, wandere ich von Grabmal zu Grabmal. Ich kippe Regenwasser und ertrunkene Käfer aus alten Grablichthaltern, werfe die ausgebrannten Plastikhüllen in meinen Rucksack, stelle jeweils eine frische Kerzen hinein, zünde den Docht an und stecke die Abdeckung wieder darauf, damit der Wind die Flamme nicht ausbläst.

Nachdem ich die vier Kerzen verteilt habe, gehe ich noch einmal von Grab zu Grab und platziere jeweils ein paar brennende Räucherstäbchen davor. Dazu singe ich das Vajra-Armor-Mantra.

Die ganze Zeit über bin ich mir sicher, dass ich nicht alleine bin. Ich fühle sie mehr als ich sie sehe: schwache halbtransparente Wesen, die mich aus den Schatten der dunklen Tannen heraus, die hinter den orthodoxen Gräbern aufragen, beobachten.

Ich spüre ihre unendliche Trauer. Und einen Schmerz, der mir den Atem nimmt.

Und da ist noch mehr. Viel mehr, ich bin mir sicher! Nur kann ich das – was immer es auch sein mag – in meinem aktuellen Zustand weder fühlen noch sehen. Und viel anzubieten habe ich den Wesen, die an diesem Ort ausharren, leider auch nicht.

Ein paar Kerzen und Räucherstäbchen, dazu ein wenig Mantra-Gesang. Viel zu wenig für einen Ort, an dem sich Leid, Schmerz, Verzweiflung und Wut geradezu in die Erde hineingefressen haben.

Dieser Platz hier bräuchte ein Riwo Sangchö!

Ganz Bialowieza bräuchte unendlich viele Riwo Sangchö!

Für mich fühlt es sich so an, als fehle das traditionelle tibetische Rauchopfer, mit dem die Buddhas, Bodhisattvas, Naturgeister und formlosen Wesen im Bardo genährt werden, an allen Ecken und Enden: in der Sperrzone, im Sumpfland, an der schrecklichen Grenzmauer. Und an all den Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden. Denn dieser hier ist nur einer von vielen.

Und das einzige, was ich anzubieten weiß, sind ein paar Kerzen, Räucherstäbchen und ein bisschen Gesinge.

Dabei habe ich sogar den Text des Rauchopfers dabei! Suriyel hatte ihn mir Anfang Mail als pdf geschickt, er ruht in der Datei meines ipads im Kofferraum des kleinen Dacia.

Nur leider bringt mir der Text alleine wenig: ich kenne weder die verschiedenen Melodien noch weiß ich genau, wie die Speiseopfer im Feuer dargebracht werden müssen, damit alle Gäste gesättigt werden.

Während ich, mein Mantra singend, die Gräberreihe auf und ab wandere, bis die Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt sind, erinnere ich mich an die Begeisterung, die wir im Mai im Retreathaus am Ende der Welt mit unserem Riwo Sangchö bei all den Wesen, die dort lebten, auslösten.

Genau so wie dort müsste es auch hier sein. Dann wäre es gut.

Als ich meinen Rucksack schultere, glaube ich die Frustration all der hilflosen Wesen zu spüren. Sie möchten den Bardo verlassen, aber dafür müssen sie genährt werden. Das, was ich ihnen gegeben habe, war viel zu wenig!

Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und leiste allen formlosen Wesen, die an diesem schrecklichen Ort gefangen sind, ein Versprechen: ich werde wiederkommen. Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen, nach allen Regeln der Kunst, wie es sich gehört.

Nur muss ich es vorher lernen…

Baumriesen

Ich lerne von Wlodzimierz, dass Buddhas Leitspruch „Leben ist Leiden“ auch für die Urwaldriesen von Bialowieza gilt – und dass es in der Tiefe keinen Tod gibt, genau wie es im Herz-Sutra geschrieben steht…

Was für Bäume!

Ach was!

Was für BÄUME!

Wlodzimierz führt mich durch das Allerheiligste des Nationalparks wie ein Küstner durch die ihm anvertraute Wallfahrtskirche. Er scheint jeden der alten Baumriesen mit Vor- und Zunamen zu kennen und weiht mich großzügig in ihre Familiengeschichten ein. Seit mehr als fünfzig Jahren, erfahre ich, geht er in der Sperrzone ein und aus. Er hat Stürme erlebt, Trockenheiten, Überschwemmungen, Mastjahre und Hungerjahre, hat Bäume wachsen und Bäume sterben sehen.

Zwischen dreihundert und vierhundert Jahre sind die mächtigen Bäume alt, erklärt er mir.

Wlodzimierz, stellt sich heraus, ist nicht nur der Hüter der Bäume, sondern auch ihr Totenwächter. Auf schmalen Pfaden führt er mich von Baumleiche zu Baumleiche. Vor jedem mit Moos überzogenen Riesen, der auf dem mit Gras überwuchterten Waldboden vor sich hinmodert, bleiben wir stehen.

Diese Eiche, erklärt er mir, fällte ein Sturm im Frühjahr 1974. Er hatte leichtes Spiel: das Mark des etwa 400 Jahre alten Baumes war von einem Pilz zersetzt.

„Früher oder später“, doziert Wlodzimierz, „stirbt jeder Baum an einen Pilz.“

Dabei seien Pilze nicht die Feinde des Waldes, sondern die Basis seiner Existenz. Ohne Pilze, erklärt er mir, würde kein Totholz zersetzt werden, könne kein neues Leben entstehen.

Wir bleiben vor einem anderen gefällten Baumriesen stehen: einer riesigen Esche, die buchstäblich in sich zusammengebrochen ist. Die Eschen und Ulmen des Nationalparks, erfahre ich, sterben wie alle ihre Artgenossen in Europa an zwei eingeschleppten Pilzen. Der eine greife die Wurzeln an und verhindere, dass die Baumkronen mit Wasser versorgt werden, der andere unterbinde den Nährstofftransport im Bast, so dass die Zucker der Photosynthese nicht mehr zu den Wurzeln gelange.

Zwischen den mächtigen Bäumen klaffen Lücken. Die niedergemähten Riesen liegen – von winzigen Schmarotzern gefällt – kreuz und quer auf dem Waldboden. Ich bin Zeugin eines stillen Massakers.

„Aber“, referiert Wlodzimierz, während wir andächtig vor diesem Schlachtfeld stehen, „ihre Baumleichen schützen im Tod die Sprößlinge und sorgen dafür, dass neue Bäume wachsen können.“

Und richtig: die riesigen umgestürzten Stämme mit ihren mehrere Meter in die Höhe ragenden kahlen Ästen bilden eine natürliche Barriere. In ihrer Mitte wachsen junge Eichen, Hainbuchen, Ahorne, Eschen und Ulmen heran.

Ungeschützt durch das tote Altholz, erklärt mir Wldozimierz, haben die Baumschösslinge keine Chance. Sie werden sofort von den Hirschen und Wisenten verbissen.

Wir machen einen Abstecher in das Unterholz. Dort liegt eine Fichte, in deren Korpus eine Spalte für einen Wildbienenstock gesägt wurde. Diese Technik der Honiggewinnung wurde 1894 verboten, nachdem der Zar den Wald von Bialowieza gekauft hatte. Irgendwann Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts muss irgendein Mensch diese Fichte hinaufgeklettert sein und hat auf der Höhe von fünf bis zehn Metern dieses Loch gesägt.

1980 beendeten Borkenkäfer das Leben der Fichte. Seitdem fault ihr Stamm vor sich hin. Gezeichnet von einem Menschen, der wohl schon lange vergessen ist.

So wandern wir kreuz und quer durch den Wald. Wlodzimierz erkennt jede Vogelstimme, kann jedes Kraut und jeden Pilz benennen und weiß die wunderlichsten Geschichten zu erzählen.

Das hier wären „Dachstoiletten“ erklärt er mir, und zeigt mir am Wegesrand immer wieder Löcher, in denen Kot und schillernde Käferflügel liegen.

Mehrmals finden wir auf dem Trampelpfad Spuren von Wölfen. Sie markieren ihr Revier wie Hunde, erklärt mir Wlodzimierz. Beeindruckt betrachte ich die Abdrücke der riesigen Pfoten und langen Krallen. Dazwischen sind in der aufgewühlten Erde kleine Pfotenabdrücke zu erkennen: ein Wolfswelpe hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Da Abdrücke sind frisch, die Erde noch nicht angedrocknet. Das Rudel ist nur wenige Minuten vor uns hier den Weg entlang gelaufen.

Unter einer mächtigen alten Kiefer liegt ein großer Haufen Tannenzapfen. Das sei eine „Spechtschmiede“. Wlodzimierz zeigt auf eine Spalte in der Rinde auf etwa drei Metern Höhe. Dort würde ein Buntspecht die Zapfen hineinstecken, die Samen herauspicken und nach getaner Arbeit die Reste auf den Boden werfen.

Überhaupt die Spechte: Ornitologen aus der ganzen Welt kommen nach Bialowieza, erfahre ich, weil hier alle europäischen Spechtarten zuhause sind, auch der Weißrücken- und der Dreizehenspecht. Ich habe weder von dem einen noch von dem anderen jemals zuvor gehört.

An einer großen Biberburg machen wir Rast. Bis vor fünfzehn Jahren wäre das hier ein schmaler Bach gewesen, wird mir erklärt. Dann wären die Biber gekommen, hätten den Damm gebaut und dieser Sumpf wäre entstanden. Ich bin beeindruckt: was zwei winzige Biber alles anrichten können!

Genau genommen, präzisiert Wlodzimierz, ist die gesamte Auenlandschaft des Nationalparks ein Werk der Biber. Es wären ihre Dämme gewesen, die vor vielen tausend Jahren das Wasser der Bäche und Flüsse gestaut hätten. Genau so, erklärt er mir, entstehen Sümpfe.

Biber schufen die Sümpfe und Wisente und Hirsche die lichten Laubwälder, die einst ganz Europa bedeckten. Dann legten die Menschen die Sümpfe trocken und rodeten den Wald. Der letzte Rest dieses urzeitlichen Waldes befindet sich hier, im äußersten Osten Polens und im Westen von Belarus.

Ich bin wieder einmal erstaunt über meine naiven „Natur-Phantasien“. Wenn etwas „geschaffen“ ist, muss es in meiner Logik immer durch Menschenhand geschehen sein. Dass Biber riesige Sümpfe und Wisente und Hirsche Auenwälder „machen“, war bisher jenseits meiner Vorstellungskraft. „Natur“ war das, was einfach da ist, wenn der Mensch nichts tut. Dass auch andere Geschöpfe ihre Umwelt tiefgreifend gestalten und verändern können, hatte ich nicht auf dem Plan.

Wlodzimierz erträgt meine völlige Ahnungslosigkeit mit Würde.

Auf dem Rückweg zum Zarentor laufen wir an einer Gedenktafel vorbei. Ich entziffere „Hitlerowoow“ und „1941-1944“.

Wlodzimierz sieht mir dabei zu, wie ich die Tafel fotographiere.

Was denn da stünde, frage ich ihn. Er antwortet ausweichend. Schlimme Dinge wären im Wald passiert, damals im Krieg.

Ich bohre nicht weiter nach, es ist offensichtlich, dass er nicht mit mir darüber sprechen möchte.

Wir laufen schweigend ein paar Minuten nebeneinander her. „Damals war hier Armageddon,“ unterbricht er mit einem Male die Stille. „Und heute haben die Ukrainer Armageddon.“

Dann wechselt er abrupt das Thema, indem er meine Aufmerksamkeit auf Flechten lenkt, die am Wegesrand auf einem umgestürzten Baumstamm wachsen. Sie wären ein Beleg für die ausgezeichnete Luftqualität im Urwald: kein Lebewesen reagiere empfindlicher auf Schwermetalle und Stickoxide als diese Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Algen.

Kurz darauf sind wir wieder auf dem Hauptweg – und im vorderen Teil der Sperrzone – angelangt. Von weitem kommt uns eine Gruppe Menschen entgegen. Im ersten Moment denke ich: Flüchtlinge! Aber es ist eine Touristengruppe, angeführt von einer blonden Polin, die den gleichen eingeschweißten Ausweis um den Hals trägt wie Wlodzimierz.

Es ist kurz nach elf Uhr, als wir das mächtige Zarentor hinter uns lassen und aus dem schattigen Wald auf die breite Forststraße und in die pralle Sonne treten. Als Wlodzimierz sich am Parkplatz von mir verabschiedet, bin ich völlig erschlagen. Die sechs Stunden Führung waren der komplette Informations-Overkill! Gefühlt hat mir mein kluger Guide jeden Baum, jedes Blümchen und jeden Pilz der Sperrzone namentlich vorgestellt, dazu noch all die Geschichten über Mensch und Tier – ich habe richtig was geboten bekommen für meine 700 Zloty.

Und ich habe wahnsinnig viel gelernt, stelle ich auf der Fahrt zum Campingplatz fest.

Das wichtigste: ich weiß jetzt, dass es so etwas wie „tot“ in der Natur nicht gibt! Ein Baum hört nicht auf zu existieren, nur weil er umstürzt und vermodert. Er bleibt durch all die Pilze, Flechten, Moose, Insekten in seinem Holz weiter „lebendig“ und schützt dazu mit seinem mächten Leib den Nachwuchs. Es gibt nicht den definierten Moment, an dem ein Baum aufhört zu existieren. Er wird einfach nur Teil von etwas anderem, das lebt.

Diese Weisheit rezitiere ich Morgen für Morgen nach der Meditation im „Herz-Sutra“: „…und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod…“

Bisher waren das nur Worte. In der Tiefe hat mir dieser Satz nie etwas gesagt.

Bis heute.

Für den Rest meines Lebens werde ich von jetzt an jeden Morgen, wenn ich das „Herz-Sutra“ rezitiere, an Wlodzimierz denken – und an die gefallenen Riesen des Urwalds von Bialowieza.

Sumpfland

Wlodzimierz führt mich in die Sperrzone und weiht mich in die Geheimnisse des Urwaldes von Bialowieza ein…

„Wlodzimierz“ steht auf dem Notizzettel, den mir der schrullige Guide vom Infopoint des Nationalparks gestern in die Hand gedrückt hat. Dazu eine Mobilfunknummer.

Das Büro der Nationalparksleitung hat mir die Erlaubnis erteilt, den hinteren Teil der Sperrzone zu betreten. Obwohl der – laut Homepage – nur Wissenschaftlern zugänglich ist.

Dass ich den Antrag, den der Guide am Montag im Infopoint für mich ausgefüllt hat, nicht unterschreiben musste, stimmte mich genauso misstrauisch wie die Tatsache, dass Führungen in die Sperrzone bar bezahlt werden müssen. Keine Kartenzahlung möglich – im Gegensatz zur Eintrittskarte.

Dass das nach Korruption riecht, ist mir auch ohne „Transparency International“ klar. Aber ich bin nicht Siemens oder die Deutsche Bank und meine innere Compliance-Abteilung ist gerade im Urlaub.

Redlichkeit hin oder her – ich bin es komplett leid, ständig um die Schutzzone herumzulaufen: ich will da rein!

Nachdem ich also Gottergeben 700 Zloty auf die Theke geblättert hatte – die 56 Zloty für den Eintritt zahlte ich mit Karte – wurde ich in die Details eingeweiht. Der ominöse „Wlodzimierz“ erwarte mich am nächsten Morgen um fünf Uhr früh am Obelisken vor der russisch-orthodoxen Kirche.

In der Nacht sehe ich mich im Traum in der Dunkelheit durch den Urwald irren. Ich bin nicht alleine – andere sind in meiner Nähe, wir sind gemeinsam auf der Flucht. Ich spüre meinen Herzschlag, die Angst schnürt mir die Kehle zu. Als ich aufwache, weiß ich weder zu sagen, wer im Traum mit mir floh, noch, wer uns verfolgte.

Als mich um vier Uhr morgens der Wecker aus dem Schlaf reißt, fühle ich mich wirr und benommen.

Draußen ist es bereits hell. Vogelgesang begleitet mich, als ich meinen Rucksack ins Auto trage. Nachdem sich der Regen verzogen hat, werde ich die letzten zwei Nächte meines Aufenthalts in Bialowieza im Zelt verbringen.

Ich sage „ade“ zu dem kleinen Holzhaus, lasse den Haustürschlüssel auf dem Küchentisch zurück und rolle in der frühen Morgensonne durch den schlafenden Ort bis zur großen roten russisch-orthodoxen Kirche.

Als ich vor dem Obelisken parke, springt auch schon ein hagerer kleiner Mann unbestimmbaren Alters aus dem Wagen vor mir. „Katharina?“, fragt er, als ich aussteige. Er stellt sich mit „Wlodzimierz“ vor und erklärt mir in fließendem Deutsch, ich solle hinter ihm herfahren, er würde mich zum Eingang der Sperrzone bringen.

Das Dorf liegt hinter uns. Ich stelle meinen kleinen Dacia hinter Wlodzimierz´ SUV am Wegesrand ab. Aus der Ferne klingt gleichmäßiges Rattern zu uns herüber: Die Generatoren der Armee-Kaserne, erklärt mir mein Führer erkennbar verstimmt.

Wir wandern nebeneinander einen Feldweg entlang, der durch die Heidelandschaft zum Waldrand führt. In den Büschen singen Vögel, eine Lerche steigt jubilierend vom Boden auf. Trotz der Sonnenstrahlen ist es so früh am Morgen kühl. Fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch.

Etwa fünfzig Meter von uns entfernt bewegt sich etwas im hohen Gras. Durch das Fernglas, das mir Wlodzimierz mitgebracht hat, sehe ich ein Rudel Hirschkühe in Richtung Wald laufen.

Ich erzähle ihm von dem Wisentschädel, den ich am Ufer der Narewka gefunden hatte. Wlodzimierz weiß Bescheid: Das Kalb ist wirklich von Wölfen gerissen worden. Der Kadaver läge direkt am Grenzzaun, erzählt er mir.

Ob es viele Wölfe hier gäbe?

Drei Rudel im polnischen Teil des Nationalparks, dazu noch ein paar Einzelgänger.

Wlodzimierz bleibt stehen und zeigt auf Kot, der vor uns auf dem Weg liegt: der wäre von einem Wolf. Für mich sieht es nach Hundekot aus.

Nein, kommt es zurück. Man erkenne Wolfskot an den Tierhaaren im Stuhl. Dieser Wolf hätte ein Reh oder einen Hirsch gefressen! Und wirklich: bei näherer Betrachtung besteht der Kot fast vollständig aus grau-braunen kurzen Haaren.

Lang wäre es noch nicht her, dass der Wolf hier vorbei gekommen ist, vielleicht zwei oder drei Stunden.

Dann sind wir auch schon am Waldrand angekommen. Der Zugang zur Schutzzone wird von einem riesigen hölzernen Portal mit Torflügeln versperrt. Es stamme noch aus der Zarenzeit, erklärt mir mein Führer, während er mich einlässt.

Mir ist, als hätte ich keinen Wald betreten, sondern eine Kathedrale. Hinter dem vielstimmigen Vogelgesang herrscht vollkommene Stille. Nur einzelne Streifen Sonnenlicht finden ihren Weg durch das dichte grüne Laub hoch über unseren Köpfen. Die Gerüche des Waldes sind hier noch vielschichtiger und intensiver, als ich das in den letzten Tagen erlebt habe.

Wir sind die ersten heute, stellt Wlodzimierz zufrieden fest, als er mich auf einem schmalen Trampelpfad in die Tiefe der Schutzzone führt. „Könnte es sein, dass wir ein Wisent sehen?“, frage ich ihn. „Oder einen Wolf?“

Höchst unwahrscheinlich, erklärt er mir zu meiner Enttäuschung. Die Wölfe wären sehr scheu. Er wedelt mit den Händen nach links und rechts: die säßen sicher gerade hier irgendwo im Gebüsch und würden uns beobachten, aber man müsse Glück haben, dass man mal einen zu Gesicht bekomme. Und die Wisente hätten im Mai geworfen. Bis Mitte August würden sie sich mit den Jungtieren im Unterholz vor den Wölfen verstecken und erst wieder herauskommen, wenn die Kälber schnell genug laufen könnten.

Dagegen wäre so früh am Morgen die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir Flüchtlingen begegnen würden. Erst vorgestern hätte er um vier Uhr morgens einen Mann aus Kuba getroffen. Wlodzimierz ist das Erstaunen darüber immer noch anzuhören. „Einer aus Kuba!“, wiederholt er. Und letzte Woche wären es drei Pakistaner gewesen. Afghanen, sogar Afrikaner – aus aller Herren Länder kämen hier Menschen vorbei.

Auf meine Nachfragen hin erklärt er mir, dass sich der Zaun über 500 Kilometer die Grenze entlangziehe. Nur an einer einzigen Stelle gäbe es eine Lücke: in der Sumpflandschaft im Herzen des Nationalparks wäre der Boden so morastig, dass kein Fundament betoniert werden konnte. Es handele sich um den unwirtlichsten und unpassierbarsten Teil des Urwaldes. Seit undenklichen Zeiten würde der nur von den Elchen durchwandert werden. Nicht einmal die Wölfe trieben sich dort herum.

Und auf einmal wagten sich Afrikaner, Lateinamerikaner und Asiaten dort hindurch!

Ich frage Wlodzimierz nicht, was er von den Flüchtlingen hält und was genau passiert, wenn er sie „trifft“. Er macht den Eindruck eines liebenswerten altersklugen Menschen: vermutlich grüßt er freundlich, wer immer ihm auch über den Weg läuft, und weißt den Weg ins Dorf. Ansonsten, vermute ich, möchte er mit Politik nicht viel zu tun haben.

Und auch nicht mit der Armee, so wie es klingt. Das Dorf, erzählt er mir, war, während der Grenzzaun gebaut wurde, komplett gesperrt. Ein ganzes Jahr lang durfte niemand nach Bialowieza, die Dorfbewohner waren völlig isoliert. Und als der Grenzzaun endlich fertig war und alle auf ein normales Leben hofften, begann die Pandemie und der Tourismus kam zwei weitere Jahre zum Erliegen.

„Wovon haben die Leute gelebt?“, frage ich ihn. Der Staat hätte Ausgleichszahlungen geleistet, aber es wäre trotzdem sehr schwierig gewesen. Und jetzt auch noch das ganze Militär!

Während mich Wlodzimierz tiefer und tiefer in den uralten Wald führt, denke ich an all die Flüchtlinge, die sich nachts von Belarus aus auf den Weg durch das Sumpfland gemacht haben – und nie an das hölzernen Tor des Zaren gelang sind.

Homo homini lupus

Die Grenzanlage quer durch den Urwald von Bialowieza und ein totes Wisentkind verhelfen zu neuen Einsichten…

Auf der befestigten Forststraße kommt mir ein großer Militärlaster entgegen. Ich trete schnell zur Seite. Nachdem er an mir vorbei gerumpelt ist, sehe ich ihm nach. Auf der Ladefläche sitzen etwa ein Dutzend Männer und Frauen in Uniform unter der Flecktarn-Plane, alle mit Maschinengewehren zwischen den Beinen. Die Wachablösung für meinen „Schwiegermutterliebling“ und seine Kameraden vorne an der Grenzanlage?

Während ich, begleitet von Vogelgesang und Mückengeschwirr, durch die wunderschöne Auenlandschaft laufe, sinniere ich über das Militäraufgebot im Urwald: Die mobile Kaserne auf dem Infogelände des Nationalparks ist, so weit sich das von Außen überblicken lässt, von beachtlicher Größe. Und ständig treffe ich im Dorf auf Uniformierte. Gefühlt kommen hier auf jeden Urlauber fünf Soldaten.

So wie es aussieht, hat die polnische Armeeführung hier ein ganzes Bataillon tapferer Kämpfer stationiert. Nur wegen des Krieges in der Ukraine? Schwer vorstellbar… Und dass der unsympathische Zaun mit Stacheldrahtkrone eine feindliche Armee abschreckt, ist wohl auch eher unwahrscheinlich…

Während ich auf der Forststraße, die im Abstand von etwa 500 Metern parallel zur Grenze verläuft, entlangwandere, kapiere ich es endlich: das alles hier dient der Abwehr von Flüchtlingen!

Ich kann nur den Kopf über mich schütteln! Dass mir als einziger Daseinszweck des Militärs hier an der Grenze zu Belarus der Krieg in der Ukraine in den Sinn kam, zeugt von ausgeprägter Egozentrik.

Dabei kocht Lukaschenko – zusätzlich zur Komplizenschaft mit Putins Russland – auch noch seine eigenen Süppchen: er unterdrückt brutal die Opposition und versucht, die EU mit Hilfe von Flüchtlingen so unter Druck zu setzen, dass die Sanktionen gegen ihn und sein Land gelockert werden. Aus der ganzen Welt fliegt das Regime von Belarus verzweifelte Menschen nach Minsk und transportiert sie an die Westgrenze. Manche von ihnen schaffen es – trotz Mauern, Stacheldraht und militärischer Abwehr – in den gelobten Westen. Wie viele von ihnen scheitern, oder dabei gar zu Grunde gehen, weiß niemand.

Ich leide offensichtlich an einem strukturellen Denkfehler, wenn es um „Natur“ geht. „Nationalpark“ ist für mich das Synonym für „Paradies“. Irgendwie muss hier – im „Naturzustand“ – alles gut sein, so meine unreflektierte Grundannahme. Frei nach Rousseau, sozusagen. Dabei konnte der „Émile“ schreiben und gleichzeitig alle seine Kinder im Waisenhaus abgeben.

Mit diesem Gedanken bin ich an einem Holzsteg angekommen, der über die Narewka führt. Der schmale Fluß entspringt im belarussischen Teil des Nationalparks, fließt über die Grenze und quer durch Bialowieza bevor er irgendwo im Nordosten Polens in die Weichsel mündet.

In der Mitte des Steges angekommen, schaue ich mich um. In den breiten Schilfgürteln pfeifen Vögel. Libellen summen über die Wasseroberfläche, auf einem Seerosenblatt quackt ein großer dicker Frosch. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Schöner und friedlicher, denke ich, kann kein Ort sein.

Während ich den Steg überquere, sehe ich, dass auf der anderen Flußseite die Erde des Uferbereich aufgewühlt ist. Eine Tiertränke, schlussfolgere ich. Und wirklich: kurz nach dem Steg verläuft rechter Hand ein breiter Wildpfad durch das hohe Gras bis zum Wasser hinunter.

Genau gegenüber dem Wildpfad entdecke ich am Rande des Weges etwas großes Braunes im Gras liegen.

Ich mache ein paar Schritte darauf zu, um es genauer zu betrachten: ganz offensichtlich ist es der Schädel eines Tieres.

Das kann nur ein Wisent gewesen sein!

Allerdings muss es noch jung gewesen sein: der Schädel hat eine Länge von höchsten dreißig Zentimetern. Und lange tot ist es sicher auch noch nicht: in den Fleischresten der Kieferhöhlen winden sich Fliegenmaden, auf dem knöchernen Nasenrücken glänzt brauens Fell.

Suchenden Blickes wandere ich den Weg auf und ab: wo ist nur der restliche Kadaver des Tieres geblieben?

Da ist nichts, stelle ich fest. Irgendein Raubtier hat den Kopf vom Körper getrennt und hierher geschleppt.

Welches Tier ist überhaupt in der Lage ein Wisent zu erlegen? Das hier war noch jung, aber die Jungtiere werden von den erwachsenen Tieren der Herde beschützt. Und Wisente sind die größten Landsäuger Europas. Eine ausgewachsene Wisentkuh wiegt um die 400 Kilogramm. Wenn das Wisentkind keinem Unfall zum Opfer gefallen ist, kann es nur von einem Rudel Wölfe erlegt worden sein.

„Homo homini lupus“, geht mir durch den Kopf. „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Thomas Hobbes hatte Recht, als er dem „Naturzustand“, den Rousseau später idealisieren sollte, nicht viel abgewinnen konnte.

Der letzte Urwald Europas ist kein Paradies, sondern ein Schlachtfeld: sämtliche Spezies – inklusive Homo sapiens sapiens – kämpfen hier ums Überleben.

Ich muss, wird mir bewusst, meine Vorstellung von „Natur“ einer gründlichen Überprüfung unterziehen…

Grenze

Mitten durch den Urwald von Bialowieza verläuft eine Grenze. Sie ist mit Stacheldraht bewehrt und wird mit Maschinengewehren bewacht…

Während ich auf dem Waldweg dahinlaufe, werfe ich immer wieder einen Blick auf den Bildschirm meines Handys: dort bewegt sich mein virtuelles „Ich“ als kleiner blauer Punkt näher und näher an die Grenze heran.

Die grauen Regenwolken sind weitergewandert, vom Himmel brennt die Sonne. Hitze und Luftfeuchtigkeit lassen mir den Schweiß über den Rücken laufen. Ich bin inzwischen seit mehr als zwei Stunden unterwegs. Dabei sind es von der kleinen Datscha bis zur Grenze zwischen Polen und Belarus gerade mal ein paar hundert Meter.

Luftlinie.

Nachdem ich nicht fliegen kann, muss ich mich auf zwei Beinen zur „Ostflanke“ der NATO bewegen.

Und das zieht sich. Erst die lange Hauptstraße von Bialowieza entlang. Nach dem Ortsende geht es auf einem Feldweg durch eine Heidelandschaft. Das Gras steht hüfthoch, unzählige Blumen blühen, Insekten summen, Grillen zirpen. Jubilierend steigen Lerchen aus den Wiesen in den Himmel auf.

Über einem Buchenhain kreist majestätisch ein riesiger dunkelbrauner Raubvogel. Für einen Bussard ist er zu groß. Ein Adler?

Umso tiefer ich in die Heide hineinlaufe, desto zahlreicher werden die Pfoten- und Hufabdrücke im Matsch des Weges. Ich scheine auf eine Art „Wildtierautobahn“ geraten zu sein! Wenn es die letzten Stunden über nicht so stark geregnet hätte, wäre dieses Geheimnis an mir vorüber gegangen.

Jetzt sehe ich, dass vor Kurzem riesige Hirsche hier entlang gelaufen sind: ihr Gewicht hat sie tief in den Schlamm einsinken lassen. Dazwischen die Abdrücke von Kälbern, zart und klein gegen die mächtigen Klauen der erwachsenen Tiere. Erst sind sie gegangen, schlussfolgere ich. An einer Stelle muss sie etwas aufgescheucht haben: die Abdrücke – mit einem Schlag noch tiefer eingegraben – deuten auf jagenden Lauf.

Dazwischen riesige Pfotenabdrücke. Wölfe?

Links und rechts des Feldweges führen zahlreiche Wildpfade ins Grasland. Hufspuren und Pfotenabdrücke verschwinden auf einem davon, dafür tauchen ein paar Meter weiter neue Abdrücke von Hirschen auf, die sich im Rudel die Straße entlang bewegt haben, nur um kurz darauf auf einem anderen Wildpfad abzubiegen.

Dazwischen seltsam schaufelartige Pfotenabdrücke eines kleineren Tieres mit langen Krallen. Ein Dachs? Und diese schmale schnurartige Spur: das kann doch nur ein Fuchs gewesen sein! Oder das? Ein Marder? Ach: Wildschweine waren auch unterwegs! Mit Frischlingen, so wie es aussieht. Und hier die vertrauten Klauenabdrücke eines einzelnen Rehes, wohl ein Bock.

Ich bin es völlig falsch angegangen, wird mir bewusst. Anstatt nachts zu schlafen und tagsüber zu wandern, hätte ich es andersherum halten müssen. Nach Einbruch der Dunkelheit ist der Aufenthalt im Nationalpark verboten. Aber es ist kurz vor Mittsommer. Gerade wird es erst um elf Uhr abends dunkel und um drei Uhr morgens dämmert es bereits wieder. Es gäbe also genug Spielraum, sich hier spät am Abend oder früh am morgen ins Gebüsch zu setzen und einfach zu schauen, was alles vorbeiläuft.

Ich lasse die Tiere, deren Fährten ich gerade entdeckt habe, in einem Reigen an meinem inneren Auge vorbei wandern. Hirsche, Rehe, Dachse, Füchse – schön.

Aber Wölfe? Und Bachen mit Frischlingen? Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie mein Hund vor ein paar Jahren beim Spaziergang im heimischen Wald von einer Bache attackiert wurde. Er überlebte nur mit viel Glück.

Vielleicht ist eine nächtliche Wacht im Gebüsch doch keine so brillante Idee?

Mit diesem Gedanken finde ich mich unversehens vor einer rot-weißen Schranke wieder. Daneben ein großes Schild, das in entschiedenem Ton auf Polnisch und Englisch verkündet, dass hier die Sperrzone des Nationalparks beginne. „Off Limits to unauthorized personnel! Video control!“

„Ist ja gut, ist ja gut,“ denke ich, während ich mich umdrehe, um den Weg wieder zurückzulaufen. Ich kann nur hoffen, dass meinem Antrag auf eine Führung in die Sperrzone, den ich heute früh im Büro des Nationalparks gestellt habe, stattgegeben wird. Morgen werde ich Bescheid bekommen.

In einem Bogen laufe ich durch die Heide um die Sperrzone herum, umschwirrt von zahlreichen Mücken, denen „Anti-Brumm“ glücklicherweise etwas sagt.

Irgendwann finde ich mich in einer Auenlandschaft wieder: links und rechts der aufgeschütteten Straße steht – zwischen Birken, Eichen und Hainbuchen – das Wasser in kleinen Tümpeln. Darin blühen Seerosen, Frösche quaken, blaue Libellen schießen über den Weg.

Ich zucke zurück: beinahe wäre ich auf eine Kreuzotter getreten. Ich sehe ihr nach, wie sie, sich hastig windend, im Gras der Uferböschung verschwindet.

Auf der befestigten Schotterstraße scheinen regelmäßig schwere LKWs zu fahren. Ihre Reifenabdrücke haben sich tief in den Matsch eingegraben. Je näher ich der Grenze komme, desto ausgefahrener werden die Wege. Irgendwann biege ich – dem Navi folgend – auf einen Feldweg ab, der von den Reifen schwerer Fahrzeuge regelrecht ausgehöhlt ist.

Ich steige über Steine, springe über Furchen, stolpere über harte Erdbrocken. Jetzt ist es keine idyllische Wanderung mehr, sondern ein Hindernislauf. Um mich wird es im Wald immer dunkler. Die Bäume – fast nur noch Fichten – sind jung und wachsen dicht an dicht. Nicht nur ich scheine mich hier unwohl und verloren zu fühlen: aller Vogelgesang ist verstummt. Das einzige, das mich noch begleitet, ist das penetrante Surren der Mücken.

Nach etwa zwanzig Minuten blitzt etwas Helles vor mir zwischen den Baumstämmen auf. Gleich da vorne, sehe ich auf dem Routenplaner, muss die Grenze zu Belarus sein! Im Näherkommen entdecke ich einen etwa fünf Meter hohen stabilen Metallzaun, gekrönt von fünfzig Zentimeter Stacheldraht. Davor lagern Panzersperren aus Beton.

Ich beschleunige meine Schritte und öffne im Dahineilen die Kamera des Handys. Irgendetwas sagt mir, dass ich hier nicht willkommen bin.

Und wirklich! Rechts von mir läuft zwischen den Bäumen eine menschliche Gestalt auf mich zu. Es ist ein Soldat in Flecktarn-Uniform, der sich, auf mich zueilend, hektisch eine schwarze Maske über Mund und Nase zieht.

Schnell drücke ich auf den Auslöser und schiebe das Handy wieder in meine Hosentasche. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich der Hüter der Grenze – ein Maschinengewehr über der Schulter – vor mir aufbaut.

Ich mustere ihn. Er macht trotz seiner martialischen Aufmachung einen harmlosen Eindruck. Ich sehe nur seine Augenpartie – Augenfarbe braun – aber die lässt vermuten, dass ich es mit einem polnischen Wehrpflichtigen von Anfang zwanzig zu tun habe. Er spricht mich – erkennbar um Autorität bemüht – auf Polnisch an.

„I don´t speak Polish!“ Dazu wedle ich hilflos mit beiden Händen, setze meinen „Damsel in Distress“-Gesichtsausdruck auf und erkläre ihm, dass ich „on holidays and interested in the border“ wäre.

Ich sehe nicht viel von ihm. Das was ich sehe, verrät mir, dass er sich gerade überfordert fühlt. „Please, go!“ stößt er hervor. „You are not allowed to be here!“

„Abiturient“, denke ich automatisch und „Liebling aller Schwiegermütter“. „Was ich immer denke!“, denke ich weiter, während ich – um einen würdevollen Abgang bemüht – dem Schwiegermutterliebling „A good day to you!“ wünsche und auf dem Weg zurück stolpere.

Heute ist wahrhaftig ein „Grenztag“, resümiere ich, während ich wieder in Richtung der befestigten Straße laufe. Ich wurde zwei Mal hintereinander zurückgewiesen. Und dazu noch diese extremen Übergänge zwischen wilder Natur und menschlicher Rigidität: erst die Heide mit den Wildfährten, durch die die Grenze der Sperrzone des Naturschutzgebiets führt, danach die wilde Auenlandschaft, das von einem Bollwerk aus Menschenhand durchschnitten wird.

Ich habe – wird mir mit einem Mal bewusst – mein ganzes bisheriges Leben in einer „Sperrzone“ verbracht: der „Festung Europa“. Ein „Naturschutzgebiet“ für die Glücklichen, die in diesem Leben das große Los gezogen haben: Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Frieden, dazu die Freiheit, sich lebenslang mit nichts anderem als den eigenen Neurosen beschäftigen zu dürfen. Ein Fakt, der mir auf der rationalen Ebene bewusst war, mir aber emotional nichts sagte.

Mit einem Mal hat das Wort „Grenze“ eine neue Bedeutung für mich bekommen. Von nun an werde ich es nicht mehr mit einem dicken schwarzen Strich auf Landkarten verbinden, sondern mit der stacheldrahtbewährten Zaunanlage im Wald im Osten Polens. Und mit dem Gedanken, dass ich mich – auf die menschliche Ebene übersetzt – in der gleichen Kategorie wie die Wisente des Nationalparks bewege: als Europäerin bin ich ein rares Exemplar meiner Spezies. Ich werde in einer Sperrzone beschützt und bewacht, damit ich nicht zu Grunde gehe…

Datscha

Ich träume von einem Leben in der eigenen Datscha in Bialowieza…

Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag über rauscht der Regen vom Himmel. Ich verbringe lesend und schreibend einen entspannten Sonntag in meiner Datscha.

Zwischendurch koche ich mir eine Tasse Tee und nehme mir etwas zu Essen aus dem wunderbaren Kühlschrank. Mein Bedürfnis, jemals wieder in mein Untermietzimmer nach Leipzig zurückzukehren, geht gegen Null.

Ich war schon während meines allerersten Aufenthaltes in Polen erstaunt darüber gewesen, dass ich mich so sehr Zuhause gefühlt hatte. Im Februar begründete ich das fehlende Fremdheitsgefühl noch damit, dass Danzig ursprünglich eine deutsche Stadt ist. Architektonisch hätte ich mich auch in Lübeck oder Kiel befinden können.

Jetzt bin ich ganz im Osten Polens, aber immer noch will sich kein Fremdheitsgefühl einstellen. Dabei unterscheiden sich Landschaft und Architektur erkennbar von „Zuhause“ und das Polnische ist mir ein völliges Rätsel.

Alles hier fühlt sich für mich seltsam „natürlich“ an: die wunderbare Landschaft, die kleinen pittoresken Ortschaften, dazu die sinnenberauschende Natur und die netten Menschen. Es ist mir, als würde ich hierher gehören.

Während ich über dieses seltsame Gefühl das „Da-Seins“ siniere, höre ich mit einem Mal eine Stimme. „Warum“, wispert sie mir ins Ohr, „bleibst Du nicht einfach hier? Arbeiten kannst Du schließlich überall, wo es Internet und einen Supermarkt gibt!“

Ehe ich mich versehe, bin ich mit Hilfe von Google-Translater auch schon auf Immobiliensuche. Was wohl so ein gemütliches Holzhaus in Bialowieza kostet?

Es sind gleich mehrere Datschas im Angebot, sehe ich auf einer einschlägigen polnischen Seite. Und sie kosten nicht die Welt. Ab 200.000 Zloty – etwa 45.000€ – ist man dabei.

Ein hübsches braunes Holzhaus mit rotem Dach und weißen Sprossenfenstern hat es mir besonders angetan: vier Zimmer, dazu Sommerküche, Nebengebäude und fast 2000 Quadratmeter Grund. Das alles für gerade mal 50.000 €!

Ich schicke die Anzeige einer Freundin. Ein paar Minuten später schreibt sie zurück: sie kennt die Immobilienmaklerin, die genau dieses Haus verkauft! Ich bin fassungslos: Hey, ich bin 1000 Kilometer von ihr entfernt am Ende der Welt! Aber nein: ihre polnische Freundin ist von Deutschland zurück nach Warschau gezogen, versucht sich im Immobiliengeschäft – und bietet genau die Datscha an, in die ich mich verliebt habe.

Wenn es nach „There is no such thing as an accident“ geht, müsste ich mir die Datscha kaufen und nach Bialowieza ziehen. 255.000 Zloty lassen sich sicher irgendwie auftreiben.

Lang ausgestreckt auf dem Bett liegend, finde ich mich im Tagtraum auf der sonnenbeschienenen Veranda der kleinen braunen Datscha wieder. Vor mir steht der Laptop, auf der Blumenwiese summen Bienen, in den alten Obstbäumen zwitschern Vögel und zu meinen Füßen ruht ein großer freundlicher Hund. Was für ein Leben…

„Moment mal!“,meldet sich barsch die Stimme der Vernunft. „Wie stellst Du Dir das vor? Du kannst ja nicht einmal Polnisch!“

Das trifft einen wunden Punkt: Vorgestern hatte ich Suriyel triumphierend ein Photo geschickt, auf dem die erste polnische Beschriftung abgebildet war, die ich automatisch im Vorbeilaufen übersetzt hatte: „Uwaga Pies!“ Von „Vorsicht Hund!“ bis zum alltagstauglichen Polnisch ist es ein weiter Weg. Und die Sprache ist tricky – das wurde mir schon bei der ersten vorsichtigen Annäherung klar.

Meine idealistische Innere Stimme hält dagegen: „Es ist schließlich nicht Chinesisch! Mit ein bisschen Mühe wird das schon!“

Die Stimme der Vernunft fährt das nächste Gegenargument auf: „Glaubst Du wirklich, dass Du die Menschen hier überhaupt verstehen willst?“

Das bringt mich zum Nachdenken. Noch habe ich mich mit niemandem unterhalten, der nicht des Deutschen oder Englischen mächtig ist. Das führt unweigerlich zu einer sozialen Vorauswahl meiner Gesprächspartner. Die, mit denen ich bisher näher zu tun hatte, waren alle offen und entspannt. Aber eben auch höher gebildet und polyglott.

Was ich hier wohl alles zu hören bekommen würde, wenn ich mich mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten könnte? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mit Weltanschauungen konfrontiert wäre, die den meinen diametral entgegenstehen.

Hmmmm…

Die Stimme der Vernunft stellt zufrieden fest, dass sie einen Treffer gelandet hat. Jetzt holt sie zum großen Rundumschlag aus: „Willst Du wirklich zu jedem Retreat 1000 Kilometer weit fahren? Und weit und breit keine Sangha! Das nächste Buddhistische Zentrum ist in Warschau, 250 Kilometer von hier! Es käme ab und zu sicher jemand zu Besuch, aber Du würdest hier sozial und spirituell trotzdem völlig vereinsamen! Sieh doch ein, dass es eine Schnapsidee ist!“

Ich lausche in mich hinein. Meine idealistische Innere Stimme schweigt. Ist sie gekränkt? Traurig? Oder flüstert sie gerade so leise, dass ich sie nicht hören kann?

Seufzend schließe ich die polnische Immobilienseite. Eine Datscha im letzten Urwald Europas ist eine schöne Phantasie – mehr aber leider auch nicht…

Vom kleinen Glück

Ich starte Verhandlungen für eine Führung ins Allerheiligste des Nationalparks, laufe blind in einen Gewittersturm, ziehe in ein pittoreskes Holzhaus um und reflektiere über Up- und Downgrades und das kleine Glück im Leben…

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krieche, ist der Himmel grau. Während der kleine Spirituskocher das Wasser für den Instantkaffee zum Kochen bringt, rufe ich die Wetter-App auf. Die Aussichten sind trübe: Neunzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit während der nächsten vier Tage. Die werde ich nicht im Zelt verbringen, beschließe ich, dafür bin ich zu verweichlicht.

Auf einer altbackenen Mohnschnecke kauend, suche ich online nach einem Dach über den Kopf. Während der Wanderung gestern war ich entzückt von den traditionellen Holzhäusern gewesen. Wie gerne, hatte ich gedacht, würde ich in so einem gemütlichen Ding mal übernachten. Bei booking.com werden gleich mehrere davon hier in der Ecke angeboten, aber ein komplettes Haus ist viel zu teuer.

Schließlich finde ich drei Kilometer weiter die Hauptstraße entlang ein einzelnes Zimmer in einem Holzhäuschen, das bezahlbar ist. Ich buche und beende zügig mein Frühstück, damit ich das Zelt abbauen kann, bevor es anfängt zu regnen.

Als ich meine Utensilien im Kofferraum verstaue, fallen die ersten Tropfen. Ich flüchte mich in den kleinen Dacia, winke im Vorbeifahren dem Campingplatzbesitzer zum Abschied zu und steuere das Informationszentrum des Nationalparks an.

Als ich von der Hauptstraße auf das Gelände abbiege, muss ich mich im Schritttempo durch einen großen Pulk Soldaten zum Besucherparkplatz schieben. Der ist besetzt, stelle ich fest: von einer kompletten mobilen Kaserne. Generatoren rattern, Militärlaster rangieren, Dutzende von Männern und Frauen in Tarnfarben laufen mehr oder weniger geschäftig zwischen grauen Containern herum.

Als ich wende, um wieder vom Gelände zu fahren, klopft ein rundlicher Herr an mein Fenster. Ich könne, bedeutet er mir, mein Auto vor seinem Souvenir-Shop gegenüber des Besucherparkplatzes abstellen. Erleichtert nehme ich das nette Angebot an und eile im Sprühregen die Treppen hoch in das kleine Büro des Nationalparks.

Darin steht ein grauhaariger Ranger in Tarnfarben, der, zu meinem Erstaunen, Deutsch spricht. Er sucht mir eine Wanderkarte heraus und erklärt mir, dass ich überall wandern darf – nur nicht in der Sperrzone, dort wo der Urwald am ältesten und wildesten ist.

Das hatte ich schon Zuhause auf der Homepage des Nationalparks gelesen: in geführten Gruppen wären der Besich des vorderen Teils der Sperrzone möglich. Der hintere – weit größere Teil – stünde nur Wissenschaftlern offen. Die schriftlich zu beantragenden Sondererlaubnis würde von der Parkleitung ausgestellt werden, wenn das Forschungsinteresse nachweisbar wäre.

Ich möchte gerne an einer Touristenführung teilnehmen. Ob denn während der nächsten Tage eine stattfindet, frage ich den Guide. Der blättert in einem großen Kalender. Morgen früh gäbe es eine auf Spanisch, ansonsten wären nur noch Führungen auf Polnisch angemeldet. Damit kann ich nichts anfangen.

Wir diskutieren ein bisschen hin und her und auf einmal erklärt er mir, dass ich auch eine Führung in den hinteren Teil der Sperrzone anmelden könne – vorausgesetzt ich wäre bereit, dafür zu zahlen. Aha? Wie viel das kosten würde?

Er zählt zusammen: 700 Zloty für die Führung, 65 Zloty für den Eintritt, also 765 Zloty, etwa 170 Euro. Von wegen „Low-Budget-Urlaub“! Erst die Vollkasko-Versicherung beim Autovermieter, gleich darauf die 400 Zloty für die Geschwindigkeitsüberschreitung, heute morgen der Übernachtungs-Upgrate wegen des Regenwetters – und jetzt auch noch eine teure Führung. Egal! Wann ich gehen könne, frage ich enthusiastisch.

Jetzt rudert der Guide wieder zurück. Hat er den Mund zu voll genommen? Er wiegt den Kopf hin und her, blättert im Kalender, starrt an die Zimmerdecke. Erst müsse eine Sondergenehmigung beantragt werden, dann werde man sehen. Und überhaupt ginge das erst ab Montag, heute – einem Samstag – wäre niemand im Büro. Ich solle zu Wochenbeginn noch einmal nachfragen.

Also was jetzt: Führung oder keine Führung? Ich will es mir nicht mit ihm verscherzen, bedanke mich, verspreche – oder drohe – dass ich auf alle Fälle wieder kommen werde und eile, die Wanderkarte in der Hand, zum Auto zurück. Hinter dem Tresen des Souvenir-Shops langweilt sich der nette Besitzer. Ein paar Touristen wandern zwischen Trauben von Soldaten in Tarnfarben über das Gelände, es ist ein seltsamer Anblick.

Der kauzige Guide im Info-Point hat mir erklärt, im nördlichen Teil des Nationalparks wären die Bäume besonders alt. Dort lebten die Wisente. Im südlichen Teil wären die Bäume jünger, dort gäbe es besonders viele Vögel und „tolle Energie“.

Während der Regen von draußen an die Windschutzscheibe klopft, überlege ich, die Wanderkarte über das Lenkrad gebreitet, worauf mir der Sinn steht? Alte Bäume und Wisente oder junge Bäume und „tolle Energie“? Davon, beschließe ich nach kurzem Nachdenken, hatte ich gestern genug. Also auf nach Norden in den alten Wald und zu den Wisenten.

Die Straße dorthin führt durch einen kilometerlang grünen Tunnel, so hoch und dicht stehen hier die Bäume. In regelmäßigen Abständen warnen Schilder vor Wildwechsel. Statt des üblichen Hirsch-Symbols ist ein massiges Wisent darauf abgebildet. Ich scheine mich wirklich in der „Büffel-Ecke“ zu befinden.

Fünfzehn Kilometer hinter Bialowieza parke ich auf einem großen Wanderparklatz. Darauf stehen gerade mal drei Autos, alle mit polnischem Kennzeichen. Ich breche mit einem besorgten Blick zum wolkenverhangenen Himmel auf. Hoffentlich wird der Regen nicht stärker!

Der Wald ist wirklich alt! Links und rechts des schmalen Forstwegs stehen riesige alte Eichen, Hainbuchen und Kiefern. Die Äste bilden ein regelrechtes Dach über dem Weg, der mich vor dem immer stärkeren Regen schützt. Während ich vor mich hinlaufe, frischt der Wind merklich auf und lässt die Blätter über meinem Kopf rauschen. Dumpfes Grollen rollt über die Wipfel, ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Irgendwo, ein paar Kilometer entfernt, hat der Blitz eingeschlagen.

Ich drehe um und haste zum Auto zurück, so schnell es mir möglich ist. Die Bäume hier sind richtig alt – und einige sicher morsch. Im Gewittersturm einen Ast – oder gleich einen ganzen Baum – auf den Kopf zu bekommen, ist keine attraktive Idee. Erst gehe ich zügig. Als das Grollen lauter und lauter wird, fange ich an zu laufen – und ärgere mich dabei über mich selbst. Wie konnte ich nur so blöd sein, mich auf die Wetter-App zu verlassen? Auch wenn die nur Regen verkündet hat – es war offensichtlich, dass ein Gewitter aufzog. Ich bin aber auch immer noch neben der Spur!

Die letzten paar hundert Meter lege ich in getrecktem Galopp zurück. Um mich tobt der Wald im Sturmwind, über meinem Kopf rollt der Donner. Einmal knallt es, dass es mir durch Mark und Bein geht: irgenwo hat ein Blitz eingeschlagen. Dazu gießt es wie aus Kübeln. Schwer atmend und triefend vor Nässe werfe ich mich ins Auto. Immerhin: ich lebe – und jetzt bin ich wach!

Völlig durchnässt parke ich zwanzig Minuten später an der Hauptstraße von Bialowieza vor der Datscha, in der ich ein Zimmer gebucht habe. Ein pittoreskes altes Holzhäuschen mit Sprossenfenstern, an der Front halb überwachsen von Kletterrosen. Während sanft der Regen rauscht, stehe ich fröstelnd vor der geschlossenen Haustür und wähle die Nummer meiner Zimmerwirtin. Ihre Mutter käme gleich, um mir die Tür zu öffnen, erklärt sie mir in gebrochenem Englisch.

Und wirklich: ein paar Minuten später läuft – vom Nachbarhaus kommend – eine ältere Frau in Wickelschürze über die Wiese zu mir herüber. Sie spricht kein Englisch, stellt sich heraus, während sie mich in das alte Holzhaus einlässt.

Innen ein großer Raum: rechts ein langer Tisch – und links eine kleine Küche, dazu in der Ecke ein großer Kühlschrank! Davon stand nichts bei booking.com. Ob ich das alles benutzen dürfe? Die Frau nickt und erklärt mir irgendwas auf Polnisch.

Dann öffnet sie eine Tür gleich neben dem Küchenbord: mein Zimmer. Darin ein großes Bett samt Nachtisch, dazu ein einfaches Bad. Als ich zustimmend nicke, bekomme ich die Schlüssel in die Hand gedrückt und dann ist meine Wirtin auch schon verschwunden.

Ich habe die Datscha für mich alleine, stelle ich fest, nachdem ich – geduscht und in trockener Kleidung- alles in Augenschein nehme. Was für ein Upgrate! Vom Treckingzelt zum pitoresken Holzhaus – genau wie ich es mir gestern gewünscht hatte. Dass Bialowieza gerade nicht von Touristen, sondern vom Militär überrannt wird, scheint mein persönliches Glück zu sein.

Im örtlichen Supermarkt gebe ich mich anschließend einem regelrechten Kaufrausch hin. Ich habe einen Kühlschrank! Also Milch statt Milchpulver für den Kaffee, Pfirsiche statt Äpfel, was ich für Frischkäse halte, wird sich zuhause als handgemachter Quark entpuppen. Ich muss ein bisschen suchen, bis ich zwischen den Regalen jemanden auftreibe, der Englisch spricht, aber schließlich übersetzt mir ein Pole die Zutatenliste der Fertig-Piroggen. Es gibt zwei vegetarische Sorten! Die Tomatensauce ist sogar im Angebot. Um den Pfefferminztee zu identifizieren, genügen meine bescheidenen botanischen Kenntnisse.

Wieder in der Datscha angekommen, verstaue ich meine Vorräte feierlich in dem großen Kühlschrank. Er hat sogar ein Tiefkühlfach! Seit eineinhalb Jahren muss ich in meiner Untermietwohnung in Leipzig mit einem winzigen Campingkühlschrank auskommen. Dass ein absolut durchschnittlicher Kühlschrank solche Glücksgefühle in mir auslösen kann, ist eine neue Erfahrung.

Und dazu noch eine Küche! Obwohl das etwas hochgegriffen ist: es gibt gerade mal einen zweiflammigen Gaskocher, ein paar einfache Töpfe und nicht mal einen Kochlöffel. Ich krieche unter die Spüle, drehe die Propangasflasche auf, koche eine Portion Piroggen „Ukrainische Art“ (lecker) mit polnischer Fertiggemüsesoße (furchtbar) und bin glücklich.

Nach dem Essen sitze ich vor einer Tasse dampfendem Pfefferminztee, schaue in den regennassen Garten hinaus und meditiere über mein Leben. Dass mich ein winziges Holzhaus, ein simpler Kühlschrank und ein primitiver Propangaskocher einmal so glücklich machen könnten, wäre mir noch vor zwei Jahren niemals in den Sinn gekommen. Im „Früher“ war die Designerküche so selbstverständlich wie der Urlaub im Luxushotel.

Manchmal ist wohl ein radikaler Down-Grade nötig – sinniere ich – damit sich die Tür für das Glück öffnen kann…

Berauscht

Ich stoße im Wald von Bialowieza auf Spuren der Taten Walter Freverts, sehe den ersten Eisvogel meines Lebens und bin berauscht von Natur.

Die Dorfstraße entlanglaufend, suche ich in der Wander-App nach einer Route. Zweiundzwanzig Kilometer, denke ich benebelt, müssten reichen, damit ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Ich lade die Strecke herunter, ohne auf mehr zu achten, als das ich am Ende wieder auf dem Campingplatz ankommen werde.

Vor dem Info-Center des Nationalparks muss ich links in eine schmale Teerstraße einbiegen. Eine braune Hündin schiebt sich durch das Loch im Zaun eines der kleinen Holzhäuser und trabt mir freundlich wedelnd entgegen. Ich gehe vor ihr in die Hocke und kraule ihr ausführlich den Rücken. Sie begleitet mich zum Ortsausgang und schaut mir nach, als ich von der Straße in einen Waldweg abbiege.

Hier ist es kühler als in der prallen Sonne. Dafür werde ich sofort von Mückenschwärmen attackiert. Ich krame das Insektenspray aus dem Rücksack, verteile es großzügig über sämtliche Gliedmaßen und stelle erleichtert fest, dass sich das lästige Volk davon beeindrucken lässt.

Nach ein paar Kilometern durch den Wald eine Ansiedlung. Ein paar pitoreske kleine Holzhäuser entlang der schmalen Teerstraße, mehr ist es nicht.

Vor einem leeren Grundstück, auf dem die verwitterten Grundmauern eines Häuschens zu erkennen sind, eine vergilbte Tafel, beschriftet in Polnisch und Englisch.

Die ursprüngliche Ortschaft, lese ich, wurde im 19. Jahrhundert gegründet, als der Urwald von Bialowieza im Privatbesitz des russischen Zaren war. Ihre Bewohner bewirtschafteten den Wald und dienten als Fußvolk für Jagdveranstaltungen. 1941 wurde der Ort von den deutschen Besatzern niedergebrannt, die Bewohner vertrieben. Nach dem Ende des Krieges kehrten diese zurück und bauten ihre Häuser wieder auf.

Mehr steht da nicht.

Ich schaue mich um. Die hübschen Häuser mit den blühenden Vorgärten scheinen in der Schwüle des Sommertages vor sich hin zu dösen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Die Vögel zwitschern in den Bäumen um die Wette, in den Rabatten summen unzählige Insekten. Ansonsten herrscht vollkommene Stille.

Alles fühlt sich unwirklich und seltsam bleiern an. Ob es an meiner seelischen Verfassung liegt, am heranziehenden Gewitter oder an der Atmosphäre der Ortschaft, weiß ich nicht zu sagen.

Im Weiterlaufen denke ich über den nüchternen Text auf der vergilbten Tafel nach. Im Wikipedia-Eintrag über den Oberforstmeister Walter Frevert, der den Befehl Hermann Görings zur Vertreibung der Bevölkerung damals umsetzte, klang das dramatischer: ingesamt vierundreißig Dörfer im Urwald von Bialowieza waren vom „Forstschutzkorps“ eingekesselt worden. Die Bewohner bekamen eine halbe Stunde Zeit, ihre Habseligkeiten auf Wagen zu laden, bevor sie vertrieben wurden. Was sie zurücklassen mussten, wurde verbrannt.

584 jüdische Männer, die in den Ortschaften lebten, wurden erschossen, jüdische Frauen und Kinder in ein Ghetto nahe Brest-Litovsk deportiert. Wer von ihnen hat wohl den Krieg überlebt und ist hierher zurückgekommen, um sein Haus wieder aufzubauen? Über ihr Schicksal schweigt die Tafel.

Von frustrierten Mücken umsurrt, wandere ich immer tiefer in den Wald hinein. Er ist verwunschen, stelle ich fest. Hinter der betäubenden Geräuschkulisse aus Vogelgesang und Insektengesumm herrscht vollkommene Stille. Und hinter der Stille atmet der Wald. Ich spüre seine tiefen gleichmäßigen Atemzüge auf der Haut. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich sanft seine Brust. Mit jedem Ausatmen ertrinke ich in Geruchsmolekülen, bei jedem Einatmen nimmt er etwas von meiner Energie in sich auf.

Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung. Irgendwann gelange ich auf einem schmalen Trampelpfad zu einer Brücke, die einen Tümpel überspannt. Ich starre fasziniert auf die Wasseroberfläche. Glänzende blaue Libellen schießen über die Seerosenblätter. Eine Bachstelze stolziert, bei jedem Schritt wippend, über einen im Wasser vor sich hin modernden Baumstamm. Im Schilf quacken unzählige Frösche. Auf einmal schießt etwas leuchtend Blaues direkt an meinem Kopf vorbei und landet auf einem nahen Ast. Ein Eisvogel! Als ich ihn näher in Augenschein nehmen will, schwirrt er davon.

Als ich sechs Stunden nach meinem Aufbruch wieder auf dem Campingplatz zurückkehre, bin ich müde, entspannt – und betrunken von Natur. Meine Sinnesorgane sind völlig überfordert davon, Reize in dieser Komplexität und Dichte aufzunehmen und zu verarbeitet. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und dabei stamme ich aus einem Dorf im bayerischen Chiemgau. Ich hatte bisher gedacht, ich wüsste, was Natur ist. Das war eine Illusion, hat mich der heutige Tag gelehrt. Was für mich bisher „Natur“ war, ist nur begrünte Zivilisation.

Als ich nach dem vegetarischen Abendessen – ein weiteres Mal serviert vom enthusiastischen Kellner des alten Holzhauses – um zehn Uhr Abends in mein Zelt krieche, krakeelen die Vögel immer noch in der Abenddämmerung. Ich lasse mich von ihnen in den Schlaf singen und wandere im Traum die ganze Nacht durch einen riesigen verwunschenen Wald.

Frühstücksvisionen

Nach einer kurzen Nacht im Bialowieza-Nationalpark holen mich beim Morgenkaffee Erinnerungen ein…

Ich werde von Vogelgesang geweckt. Fahles Licht fällt durch das kleine Sichtfenster des Treckingzeltes. Draußen dämmert es. Ich fühle mich, als wäre ich eben eingeschlafen. Nach dem Handy tastend sehe ich, dass es gerade Mal drei Uhr morgens ist! Als ich um elf Uhr Abends die kleine Taschenlampe löschte, war es draußen noch nicht richtig dunkel gewesen.

Seltsam, denke ich, als ich mir meinen Kleiderbeutel so bequem als möglich unter den Kopf stopfe und versuche, wieder einzuschlafen. Ich bin rund 1000 Kilometer nach Osten gefahren – und nicht nach Norden. Und trotzdem geht hier – sechs Tage vor Mittsommer – die Sonne nicht wirklich unter.

Um sieben Uhr morgens zwitschern und singen die Vögel in den Bäumen rund um das Zelt in einer Lautstärke, dass an Schlaf nicht länger zu denken ist. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie. Auf der Wiese glänzt Tau. Abgesehen vom Lärm der Vögel ist es geradezu gespenstisch still.

Der Geruch, der mich umgibt, ist noch überwältigender als gestern Abend. Es riecht nach Sommermorgen, Blumen, Gräsern – und nach Wald! Als ich, den Kosmetikbeutel unter dem Arm, über die Wiese zum primitiven Waschraum wandere, kommt es mir vor, als würde ich durch Moleküle schwimmen.

Die kleine Gasflamme des Campingkochers zischt, nach ein paar Minuten brodelt das Wasser. Ich gieße den Instantkaffee auf und lasse mich in der warmen Morgensonne auf dem Freisitz nieder. Ich bin komplett steif von der kurzen Nacht auf der harten Isomatte, am frühen Morgen habe ich noch dazu ordentlich gefroren – aber dafür trennt mich kein Fenster, keine Wand und kein Dach von der Natur!

Glücklich lege ich die Tageskarten – und starre verstimmt auf den „Kaiser“. Die IV der großen Arkana des Tarot steht für männliche Macht und patriachale Strukturen.

Nach der gestrigen Begegnung mit den beiden Polizisten und „dem Namen des Vaters“ bin ich nicht wirklich überrascht von der Karte. https://www.water-runs-east.eu/der-name-des-vaters/

Irgendwas in der Richtung muss ich auch geträumt haben. Ich krame in meinem Gedächtnis nach einem Traumbild der vergangenen Nacht, aber es will mir nichts einfallen außer dem vagen Gefühl, dass die Tageskarte des roten Kaisers den Nagel auf den Kopf trifft. Dass mich meine Innere Stimme, mein Karma – what´s ever – hierher nach Bialowieza geschickt hat, weil es genau darum geht: um männliche Gewalt – und alles, was damit zusammenhängt.

Ich lasse die beiden Anreisetage noch einmal Revue passieren: Der psychisch kranke Obdachlose in Warschau, „Der Name des Vaters“ des polnischen Polizisten, das Militär auf dem Nationalparkgelände, die nahe Grenze zu Belarus, Verbündeter Russlands im verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine. Dazu die Erwähnung von „Göring“ und der seltsame Zusammenhang mit Walter Frevert.

Meine Gedanken wandern vom ehemaligen NS-Forstmeister des Bialowieza-Nationalparks zu meiner Romanfigur, für deren Charakter Frevert Pate stand. Dem Psychopathen, der trächtige Hirschkühe erlegt und ihre ungeborenen Kälber verbrennt. Der gruselige „Friedrich-Zwei“ tauchte vor zwei Jahren aus meinem Unbewussten auf – und begleitet mich seitdem. Mittlerweile ist bereits das zweite Manuskript, in dem ich mich an ihm abarbeite, fast fertig. Aber ich kann es einfach nicht abschließen. Seit Monaten sind alle inneren Bilder verschwunden – und ich habe keine Ahnung, warum?

Ich trinke eine weitere Tasse Instantkaffee an und kaue gedankenverloren an einem altbackenen Hörnchen. Unversehens steigen Bilder aus der Vergangenheit in mir auf: Ich stehe in der abendlichen Dunkelheit mit einer Gruppe von Menschen vor einem Haus. Rechts von uns ragt eine steile Felswand auf.

Warum fällt mir ausgerechnet jetzt mein allererstes Vajra-Armor-Retreat ein? Es fand im Oktober 2019 statt. Vor dreieinhalb Jahren. Es kommt mir vor, als läge es erste ein paar Wochen zurück, so intensiv sind die Erinnerungen. https://www.water-runs-east.eu/zehn-das-mantra/

Ich sehe die amerikanische Khandro aus der Haustür treten. Ihr prächtiger goldener tibetischer Hut, den sie auf dem langen blonden Haar trägt, glänzt im Licht der Flurbeleuchtung. Sie kontrolliert, ob alles für das Setzen der Boundaries auf dem weitläufigen Gelände bereit ist. Sie wird, während die Gruppe an allen Himmelsrichtungen Opfer für die örtlichen Naturgeister bringt, das begleitende Ritual auf der Dachterrasse durchführen.

Nachdem sie die letzten Anweisungen erteilt hat, verschwindet sie wieder im Haus. Kurz darauf erklingt lautes Trommeln von der Terrasse, wir können beginnen. Einer von den drei Ungarn ist der Geko. Er presst die große weiße Muschel an die Lippen und trötet, dass es nur so von den steilen Felswänden widerhallt.

Damit setzt sich der Trupp in Bewegung, Taschenlampen blitzen auf. Wir sind nur vier Frauen im ersten Durchgang, automatisch gehen wir gemeinsam. Vor uns laufen die Männer durch die Dunkelheit. Alle in langen tibetischen Röcken, sie rezitieren im Gehen ein Mantra. An der Einfahrt wird ein Stop eingelegt. An dem bunten Band, das auf Hüfthöhe gespannt ist und die Grenzen des Retreats symbolisiert, machen wir Halt.

Fasziniert stehe ich am Rand der Gruppe, und beobachte, wie die Männer in ihren langen Röcken kleine Figürchen aus Haferflockenteig, die Naturgeister symbolisieren, neben dem Begrenzungspfosten ins Gras legen, sie mit Wein übergießen und dabei singen und beten. Der stämmige Ungar trompetet mit der Muschel durch die Nacht. Die Khandro antwortet mit wildem Trommeln von der Dachterrasse.

Noch nie vorher habe ich Männer erlebt, die, angeleitet von einer Frau, Röcke tragen, singen und opfern – und sich kein bisschen seltsam dabei vorzukommen scheinen. Im Gegenteil, alle genießen ganz offensichtlich das Ritual. Auch ich. Aber noch mehr als am fremdartigen Setzen der Boundaries erfreue ich mich am Anblick der Männer. Sie sind schön anzusehen. Es ist ein so seltsames wie berührendes Schauspiel.

Meine Gedanken wandern weiter: kurz vor dem Ende des Retreats verlor ich auf dem weitläufigen Gelände meinen Schlüsselbund. Wohnungsschlüssel, Autoschlüssel, Briefkastenschlüssel – alles war weg und blieb trotz intensiven Suchens verschwunden. Ich wusste in dem Moment, dass mir dieser Verlust etwas wichtiges zu sagen hatte. „There is no such thing as an accident.“ Aber ich konnte mir keinen Reim daraus machen. Ich tappte damals genauso im Dunkeln, wie ich es jetzt gerade tue.

Als ich, nach dem Abschluss des Retreats, irgendwann samt Auto wieder Zuhause angelangt war, stand ich völlig neben mir. Kein ungewöhnlicher Zustand nach intensiven Meditationserfahrungen. Allerdings hält er normalerweise nicht länger als drei bis vier Wochen an. Diesmal war es anders. Sechs Monate lang war ich buchstäblich „verrückt“! Während der ganzen Zeit war mir bewusst, dass ich mich unmöglich verhielt – aber ich konnte nichts dagegen machen. Und als ich im Sommer 2020 wieder einen Zustand erreicht hatte, der sich von außen als „normal“ bezeichnen ließ, verfiel ich für ein weiteres halbes Jahr in eine Art innere Schockstarre. Ich war mir selbst vollkommend fremd geworden. Alles was ich dachte, sprach und tat, fühlte sich falsch an. Dass durch den Lockdown die Zeit stillzustehen schien, war ein großes Glück.

Mit diesem Gedanken finde ich mich auf dem kleinen Campingplatz im äußersten Osten Polens wieder. Die Morgensonne fällt auf die Tischplatte, in den Bäumen singen unzählige Vögel, Insekten summen, der Duft des Waldes hüllt mich ein. Die intensiven Sinneseindrücke erreichen mein Gehirn nur in Spurenelementen.

Verwirrt schüttle ich den Kopf. Alles um mich dreht sich. Ich fühle mich, als wäre ich – wie damals, nach dem Retreat – in einem seltsamen Zwischenreich gefangen. Kurz überwältigt mich Panik: was, wenn ich hier und jetzt verrückt werde?

Ich zwinge mich dazu aufzustehen, meine Frühstücksutensilien ins Auto zu räumen und ein paar Äpfel, Riegel und Wasser in den Rucksack zu stopfen. Laufen, denke ich vage, ist das Beste, was ich jetzt tun kann. Wenn ich mich richtig anstrenge, werde ich wieder in meinem Körper ankommen.

Puzzle

Ich erkunde Bialowieza, bekomme vegetarische Piroggen serviert und rätsel über den Sinn meiner Reise…

Ich laufe die Dorfstraße von Bialowieza entlang. Ab und zu fährt ein Auto an mir vorbei. Es sind fast keine Fußgänger unterwegs.

Traditionelle kleine Holzhäuser, von Gärten umgeben, ducken sich unter hohe Bäume. Obwohl der Ort von überschaubarer Größe ist, sind es vom Campingplatz bis zum Zentrum fast zwei Kilometer. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch taucht linkerhand ein großes rotes Backsteingebäude auf: ein Vier-Sterne-Hotel. Der Parkplatz ist halb leer, ein kleines Grüppchen Touristen in Wanderkleidung steht vor dem Portal.

Ein paar Meter weiter entdecke ich auf der anderen Straßenseite ein großes hölzernes Tor: der Eingang zum Info-Zentrum des Nationalparks.

Ein Militärlaster in Tarnfarben donnert an mir vorbei, blinkt – und fährt zu meinem Erstaunen durch das Tor und auf das Gelände. Als ich auf Höhe des Infozentrums angelangt bin, schlendert ein Trupp Soldaten in Uniform über die Straße.

Was ist denn hier los? Kaum Touristen, dafür Militär?

Zwei Kilometer von hier, erinnere ich mich, endet die „Ostflanke“ der NATO. Jenseits der polnischen Grenze liegt Belarus, Vasallenstaat Russlands, von dem fast täglich Drohnen und Raketen auf die Ukraine abgefeuert werden. Der Krieg ist auf einmal ganz nah.

Ich wandere einen langgezogenen, blau gestrichenen, Pavillon entlang. „Frog-Café“ steht über dem Eingang. Das seltsame Gebäude wirkt verwunschen, es ist keine Menschenseele zu sehen.

Nach dem Pavillon eine wild wuchernde Hecke. An ihrem Ende eine schmale Stichstraße. Ich schaue neugierig, was sich dort befindet – und entdecke einen Soldaten, der, den Helm auf dem Kopf, ein Maschinengewehr über der Schulter, Wache steht. Hinter ihm sind in zwei langen Reihen Militärlaster geparkt. Dazwischen laufen geschäftig Dutzende Uniformierter herum. Mitten im Touristenort befindet sich eine Kaserne!

Schnell gehe ich weiter. Mich treibt die vage Furcht, wenn ich zu lange stehe und starre, könne mich jemand für eine Spionin halten. Schräger Gedanke.

Nach ein paar weiteren Metern wilder Hecke auf einmal eine Brücke. Darunter ein schmaler Fluß. Die Narewka, teilt mit das Handy mit. Das Wasser glänzt in der Abendsonne, im Schilf pfeifen Vögel, aus der Ferne grüßt ein hölzerner Aussichtsturm.

Auf der anderen Seite der Narewka ein weiterer riesiger roter Backsteinbau. Er sieht aus wie ein amerikanischer Gothic-Traum. Nathaniel Howthorn lässt grüßen. Das Ding war wohl mal ein Herrenhaus. Der Architekt muss beim Entwerfen auf Drogen gewesen sein, mehr Neo-Gotik geht nicht. Der Bau wird von einem halben Dutzend Schornsteinen gekrönt. Auf einem davon wohnt eine Storchenfamilie. Wer auch immer sich diesen Horror-Traum einst hat bauen lassen – heute ist dort das Nationalpark-Museum zuhause, verkündet eine Tafel.

Gleich neben dem Museum befindet sich – ebenfalls in rotem Backstein – eine russisch-orthodoxe Kirche von imposanter Größe. Auf dem Gehweg davor haben sich zwei Zeugen Jehovas postiert. Das junge Paar – er im blauen Anzug, sie im passenden Kostüm – steht mit ernsten Gesichtern neben dem üblichen fahrbaren Aufsteller, auf dem bunte Zeitschriften drapiert sind. Die beiden wirken, als hätte die Produktionsleitung eines Filmsets versehentlich falsche Statisten für einen Horrorfilm gebucht.

In Sichtweite der tapferen Zeugen Jehovas befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein schönes altes Holzhaus mit einladender Terrasse. Ich kontrolliere die Speisekarte, die davor auf einem Tischchen platziert ist. Netterweise wird jedes Gericht auf Polnisch wie Englisch angeboten. Ich entdecke zu meiner Erleichterung eine komplette Seite mit vegetarischen Gerichten und eile hinein.

Drinnen empfängt mich ein enthusiastischer Kellner. Er ist sicher noch keine zwanzig, trägt das lange Haar im Zopf, spricht ein kreatives Englisch und wedelt, als ich frage, wo ich mich setzen darf, großzügig mit beiden Händen. Bis auf einen Tisch, an dem eine Familie gerade das Abendessen einnimmt, ist der Gastraum leer.

Ich lasse mich in einer Ecke nieder und bestelle vegetarische Piroggen. Wärend ich auf das Essen warte, bewundere ich den offenen Dachstuhl des alten Holzhauses.

Als ich einen Blick auf das Handy werfe, stelle ich fest, dass es schon neun Uhr Abends ist. Das kann ja wohl nicht sein! Ich frage den Kellner nach der Uhrzeit. Richtig, es ist erst acht. Ich wäre wohl im Mobilfunknetz von Belarus gelandet, meint er dazu. Die hätten Moskauer Zeit. Das passiere hier ständig, ich müsse meinen Mobilfunkanbieter händisch festlegen, sonst könne das richtig teuer werden. Ich erledige es, während die Piroggen vor mir dampfen.

Die Portion ist üppig und lecker. Vor mich hinkauend denke ich über den Tag nach. Es war einiges geboten: morgens der „Teufel“ in den Tageskarten, am Vormittag meine idiotische Suche nach dem Bus, danach der peinliche Zusammenbruch im Mietwagenverleih. Auf der Fahrt die ärgerliche Geschwindigkeitsüberschreitung, die mich 400 Zloty gekostet hat. Dazu die Frage des Polizisten nach „dem Namen des Vaters“.

Und hier, in Bialowieza, auf dem Campingplatz der Deutsch sprechende Besitzer, der mir von „Göring“ erzählt. Ich frage mich, während ich zwischendurch einen Schluck Wasser nehme, wie viele Deutsche heute noch wissen, dass es sich dabei um den durchgeknallten NS-Luftfahrtsminister handelt, der die „Endlösung der Judenfrage“ in Auftrag gab, 1946 in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt wurde und sich vor der Hinrichtung in der Gefängniszelle erhängte?

Dazu das ganze Militär, das im pittoresken Touristenort in etwa so unpassend wirkt, wie die beiden Zeugen Jehovas vor der russisch-orthodoxen Kirche.

Dann noch die wiederholte Erinnerung daran, dass ich mich buchstäblich an eine Grenze begeben habe. In mehrfacher Hinsicht: hier endet nicht nur Polen, sondern auch das westliche Verteidigungsbündnis und die EU. Und damit die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. So wenig perfekt sie in Europa – und Polen – gelebt werden, im Vergleich zu Belarus und Russland ist das hier das Paradies.

Es kommt mir vor, als hätte ich mich – ohne es bewusst geplant zu haben – in ein großes Rätsel katapultiert. Als würde ich vor einer riesigen Sammlung winziger Puzzlestücke sitzen, ohne den Hauch einer Idee zu haben, welches Motiv ich zusammensetzen soll.

Ich hatte Suriel nach einem schönen Ort in Polen für eine Treckingtour gefragt. Nach Wochen am Schreibtisch war ich ausgehungert nach Natur und Bewegung. Er schlug den Bialowieza-Nationalpark vor und ich war sofort Feuer und Flamme, als ich las, dass es sich dabei um den letzten Urwald Europas handelt.

Als sich während der Planung der Reise herausstellt, dass ich in Polen ohne Kreditkarte keinen Mietwagen bekomme, breche ich Zuhause am Schreibtisch regelrecht zusammen.

In dem Moment wird mir das erste Mal bewusst, dass es nicht nur um ein paar Tage Wandern in der Natur geht. Meine Verzweiflung, während ich die Kreditkarte bestelle, ist grenzenlos. Wer weiß, was bis September, wenn ich – dann mit Kreditkarte – endlich dorthin aufbrechen kann, alles passiert ist? Ich könnte bis dahin von einem LKW überrollt, Polen von Russland überfallen worden, die Welt untergegangen sein! Und ich würde in diesem Leben nicht mehr nach Bialowieza kommen! Und dabei MUSS ich da hin!

Als überraschend schon nach wenigen Tagen die Mail mit der Bewilligung der Kreditkarte eingeht, buche ich wie im Fieber Zugtickets, Ferienappartement und Mietwagen.

In der darauffolgenden Nacht träume ich vom „großen Waidmann“ Walter Frevert. Und werde am nächsten Morgen damit konfrontiert, dass das Vorbild für meinen Romanpsychopathen während der deutschen Besetzung Polens in Bialowieza Kriegsverbrechen begangen hat.

Alles ist völlig konfus. Aber gleichzeitig in der Tiefe klar und stimmig. Nur kann ich niemandem – mir selbst inbegriffen – erklären, warum es sich so absolut richtig anfühlt, dass ich genau jetzt in Bialowieza bin.

Ich zahle und laufe in der Abendämmerung zurück zum Zeltplatz. Es ist inzwischen neun Uhr Abends. Die Storchenkinder im großen Nest neben dem Supermarkt schlafen schon.

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