Ich habe Sehnsucht nach einem Abenteuer, backe Kuchen und bekomme karmischen Besuch…

Suriyel hat sich aus dem Pfarrhof verabschiedet – und aus meinem Leben.

Er hat eine Einladung erhalten, die er nicht zurückweisen konnte: die Einladung zu einem Abenteuer.

Ich bleibe einsam und traurig im Pfarrhof zurück und quäle mich mit Fördergeldanträgen und Baugenehmigung herum.

Seit Suriyel verschwunden ist, geht nichts mehr voran: in der Werkstatt steht die Konstruktion einer Sauna, an der keiner baut. Disteln und wilde Brombeeren überwuchern den Gemüsegarten. Das Gras der Streuobstwiese steht hüfthoch.

Dabei sind alle, die zu mir in den Pfarrhof zu Besuch kommen begeistert: ich wäre ihm Paradies gelandet, wird mir wieder und wieder erklärt.

Nur: mir kommt das ganz und garnicht so vor.

Ich bin einsam – und sehr verzweifelt…

Irgendwann wird mir bewusst, dass ich nicht nur traurig über den Verlust Suriyels bin.

Ich bin auch sehr neidisch!

Ich möchte auch ein Abenteuer erleben!

Leider hat mich niemand dazu eingeladen – und es zeichnet sich nicht ab, dass sich daran etwas ändern wird.

Ich muss die Sache selbst in die Hand nehmen.

Deshalb erstelle ich an einem lauen Frühsommerabend ein Profil auf Trustroots.

Das ist ein gemeinnütziges Netzwerk für Reisende und Gastgeber, die sich gegenseitig unentgeltlich besuchen und beherbergigen.

Im Herbst – nehme ich mir vor – werde ich mich auf die Reise machen und Trustroots ausprobieren.

Und – wer weiß – vielleicht kommt ja in nächster Zeit ein Trustroots-Gast bei mir vorbei?

Aber zuerst geschieht…

…nichts.

Oder, möglicherweise geschieht doch etwas, ohne dass es mir bewusst ist?

Im Rückblick stellen sich die Ereignisse, die zu einem Wunder führen, das mein Leben verändern wird, folgendermaßen dar:

Am Sonntag, dem 19. Juli steht meine Nachbarin Rita vor der Gartentür. Rita ist die „gute Seele“ des Dorfes. Sie organisiert die Rentnernachmittage im Gemeindehaus.

Diesmal kommt sie nicht mit einer Einladung – sondern mit einer Portion „Vatikanischem Wunderkuchen“!

So steht es zumindest auf dem kopierten Zettel, den sie mir in die Hand drückt.

Ob ich ihr bitte diese Portion Teig abnehmen könne?

Was bleibt mir anderes übrig, als „ja“ zu sagen?

Nachdem sich Rita erleichtert verabschiedet hat, lese ich mir den Text auf dem Zettel durch.

Der Teig des „Vatikanische Wunderkuchen“ – erfahre ich – muss sechs Tage lang mit Mehl, Zucker und Milch gefüttert werden. Wenn er groß und rund ist, wird er am siebten Tag in vier Portionen geteilt.

Aus einer davon bäckt man einen Kuchen.

Die anderen drei Portionen verschenkt man.

Man darf den „Vatikanischen Wunderkuchen“ nur einmal im Leben backen.

Wer es tut, wird mit einem Wunder belohnt.

Ergeben füttere ich eine Woche lang den Teig und suche währenddessen nach potentielle Abnehmern für die drei Teigportionen.

Nachdem ich erst seit einem Jahr im Pfarrhof lebe, sind meine Sozialkontakte überschaubar. Meine Nachbarn, mit denen ich befreundet bin, lehnen dankend ab.

Alle Mädels aus der Yogagruppe haben den „Vatikanischen Wunderkuchen“ bereits gebacken!

Bekanntlich soll man das nur einmal im Leben tun.

Am Sonntag, dem 26. Juli backe ich aus einem Viertel des Teiges einen leckeren Kirschkuchen. Mit Streusel. Die Kirschen pflücke ich vom Sauerkirschbaum, der neben dem Küchenfenster steht.

Nur: Wie bringe ich die anderen drei Portionen Teig unter die Leute?

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Klinkenputzen zu gehen.

Beladen mit drei Portionen Teig, drei Stück Kirschkuchen und drei Kopien des Rezepts – samt dem Versprechen auf ein Wunder – wandere ich im Dorf von Haustür zu Haustür.

Nach vielen vergeblichen Versuchen habe ich es geschafft: ich bin alle drei Portionen Teig los geworden.

Und habe nebenbei die ganze Nachbarschaft kennengelernt…

Danach warte ich auf das Wunder.

Nicht wirklich.

Aber irgendwie doch…

Ich muss nicht lange warten.

Drei Tage später – am Mittwoch, dem 29. Juli – ploppt eine E-Mail in meinem Postfach auf.

Trustroots informiert mich, dass ich eine Nachricht bekommen habe!

Die Allererste!

Eine junge Französin – lese ich – ist gerade in Berlin und würde mich gerne über das kommende Wochenende besuchen kommen.

Ich freue mich und sage sofort zu.

Am Freitag, dem 31. Juli hole ich meinen Überraschungsgast vom Bahnhof ab.

Wir wissen beide, dass es eine karmische Begegnung ist. Das Wochenende mit der jungen Französin wird zu einem der bezaubernsten meines Lebens.

Wir erleben gemeinsam Tage voller Wunder.

Eine Dakini ist bei mir eingekehrt…

Die Himmelsbotin ist begeistert vom Pfarrhof.

Ich klage ihr mein Leid über die fehlende Hilfe bei den Arbeiten.

„Du brauchst Work and Travel Leute!“, erklärt sie mir bestimmt.

Ihre Eltern betreiben in Frankreich einen Campingplatz. Bevor sie den eröffneten, reisten sie jahrelang um die Welt.

Inzwischen sind sie sesshaft geworden – und die Welt kommt zu ihnen.

Nicht nur die Gäste des Campingplatzes, sondern auch internationale Reisende. Die leben ein paar Wochen in der Familie und gehen den Eltern währenddessen zur Hand.

„Das funktioniert super!“, versichert mir mein wunderbarer Gast.

„Und du wirst nicht mehr so alleine sein!“

Als sie wieder zurück in Berlin ist, schickt sie mir per WhatsApp einen Link.

Zu Worldpackers.

Einer Plattform für internationale Reisende und Leute, die sie beherbergigen.

Am nächsten Morgen erstelle ich ein Profil – und werde „Host“!

Danach wird alles anders…