Trötend, trommelnd, die Glocke schlagend und singend arbeiten wir uns durch das dicke Copy-Shop-Buch. Es ist später Vormittag, wir sind beim Wurzelmantra von Krodhi Kali angekommen. Alle greifen zu ihren Malas und fangen murmelnd an, das Mantra zu rezitieren. Die erste Visualisierungseinheit hat begonnen.

Gestern hat uns der Rinpoche im Detail erklärt, welche Bilderfolge und welche Ereignisse wir rund um unsere Vorstellung, wir wären Krodhi Kali, imaginieren sollen. Ich befolgte brav seine Vorgabe, verwandelte mich in Krodhi Kali und fand mich in einem knallbunten Bollywood-Film wieder. Ich konnte das Drehbuch problemlos durchziehen. Aber ich hatte weder das Gefühl, mich in eine weibliche dunkle Nachtseite verwandelt zu haben, noch sagte mir der Prozess, in dem ich mich als Göttin wiederfand, emotional etwas. Das einzige Gefühl, das die Szenerie mir auslöste, war Konfusion. Was hatte diese tanzende blaue Göttin in ihrer quietschbunten Welt mit der gruseligen Knochentrompete vor mir auf dem Schreintischchen zu tun? Ich fühlte mich während der Visualisierung, als wäre ich im Buckingham Palace zum Tee empfangen worden. Das Korsett drückte und bei jedem Schluck aus der zarten Porzellantasse musste ich darauf achten, dass ich vornehm den kleinen Finger abwinkelte. Ich kam mir albern vor – das war der einzige Erkenntnisgewinn, den ich aus der ersten Visualisierungsrunde zog.

Glücklicherweise hatte ich dem amerikanischen Lama Vajranatha, bevor er nach dem Vajrakilaya-Retreat die Heimreise antrat, eine von ihm verfasste Schrift abgekauft: „The Laughter of the Dark Goddess. The Pracitce of Troma Nagmo, the Queen of the Cremation Grounds.“

Krodhi Kali ist der Sanskrit-Name der Friedhofs-Göttin, auf Tibetisch heißt sie Troma Nagmo. Es ist das Buch der Stunde, stelle ich zufrieden fest. Der kleine weiße Band verrät mir, dass der bunte Bollywood-Film, den uns der Rinpoche vorgegeben hat, zur langen Version des Rituals gehört. Es gibt aber auch noch eine kurze Version mit einer vereinfachten Visualisierung. Und die ist genau nach meinem Geschmack: kurz, knackig und auf den Punkt.

Im Text des amerikanischen Lamas ist Krodhi Kali schwarz. In der Beschreibung des Rinpoche – und auf der bunten Tanka, die er neben seinem roten Thron aufgehängt hat – ist sie blau. Als ich mich am nächsten Vormittag zu Beginn der ersten Visualisierungseinheit wieder in Krodhi Kali verwandle, halte ich mich an die Anweisungen von Lama Vajranatha und wähle schwarz. Die Energie, die ich in dem Moment abbekomme, als ich mich als wild tanzende zornvolle schwarze Göttin in meinem Feuerkranz imaginiere, ist so extrem, dass ich das Bild sofort wieder verliere. „Bingo!“ – denke ich mir. „Das war ein Volltreffer.“

Der graue Wolf, der auf sich auf der rechten Seite meines Sitzkissens ausgestreckt hat, drückt sich gegen meinen Oberschenkel. Ich spüre die Wärme seines Körpers und ahne seinen strengen Geruch. Es tut mir gut, ihn so nah bei mir zu haben, das hier geht an meine Grenzen.

Ich fokussiere mich wieder, spüre, wie ich als schwarze Göttin zu wilden Trommelschlägen tanze, meine nackten Fußsohlen berühren immer nur kurz den steinigen Boden, vor meinen Augen sprühen Funken, Flammen lecken in die Höhe, die Luft flimmert vor Hitze. Während ich mich wild und ungebärdig drehe und wende, kreist in meinem Herz-Chakra das Mantra, das ich pausenlos rezitiere und sendet dunkelblaue Strahlen in zehn Dimensionen aus, die alle Negativität dunkler Mächte durchdringen und zerstören.

Die Energie, die dieses Bild in mir aktiviert, ist so stark, dass ich die Visualisierung immer nur wenige Augenblicke halten kann. Es ist eine gewaltige Kraft, die mich jedes Mal durchströmt, wenn ich zur schwarzen Göttin werde. Sie steigt explosionsartig aus meinem Unterleib hoch. Nicht zentral, wie ich es gewöhnt bin, sondern irgendwie links und rechts der Hüften. Während ich – das Mantra rezitierend – die Mala zwischen die Finger meiner linken Hand hindurch laufen lasse und immer wieder in die Visualisierung hineingehe, nur um sofort wieder herausgekickt zu werden, spüre ich, wie der Wolf seine Schnauze auf meinen rechten Oberschenkel legt. Ich streiche ihm mit meiner freien rechten Hand über den Kopf und bin erstaunt, wie weich sein Fell ist. Er scheint sich an der gewaltigen Energie, die sich mit jeder Verwandlung in mir freisetzt, nicht zu stören. Das beruhigt mich. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich wieder und wieder in eine Art Monster verwandeln: das, was mich durchströmt, ist so unbeherrschbar wie kalt und fremdartig. Als der Rinpoche anfängt, das Mantra laut und langsam zu singen und damit das Zeichen gibt, dass die Visualisierungszeit vorbei ist, bin ich erleichtert.

Während der Mittagspause wandern der Wolf und ich mit dem kleinen weißen Spitz den wild schäumenden Bach entlang. Ich laufe vor mich hin und spüre der Energie aus der Visualisierung nach – und dem Schmerz. Mit einem Mal tauchen Bilder in mir auf, erst vage und verschwommen, dann greifbar. Mich schüttelt es, als mir bewusst wird, woran mich der ziehende Schmerz erinnert: an die Geburten meiner Kinder! Es ist das wellenartig aus den Tiefen des Unterleibs aufsteigende Ziehen, dass das Öffnen des Muttermundes begleitet.

Es gibt diesen Augenblick während des Gebärens, der mit dem Gefühl einhergeht, zu sterben. Unbeherrschbare Kräfte übernehmen vollkommend die Kontrolle über den eigenen Körper, verursachen unerträgliche Schmerzen. Das ist der Moment, an dem der Muttermund so weit geöffnet ist, dass die Presswehen einsetzen und das Kind ins Leben geschoben wird. Es ist der Augenblick zwischen Leben und Tod!

Ich habe Kinder geboren, ohne zu begreifen, was dieser Akt der Geburt wirklich bedeutet, wird mir bewusst. Diese unbeherrschbaren Kräfte haben mich nicht von außen angefallen, es ist meine ureigenste Energie. Es ist nicht so, dass ich mich in Krodhi Kali verwandeln muss. Ich BIN Krodhi Kali!

Am Nachmittag nimmt mich der Rinpoche währen einer Pause zur Seite. Er wäre der Ansicht, teilt er mir mit, dass Krodhi Kali die Emanation wäre, die ich bräuchte. Ich solle sie in Zukunft täglich praktizieren, empfiehlt er mir.