Die Energie der Tantra-Einweihung in die Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha verfolgt mich in den Schlaf…
Die Vorgeschichte zum Traum vom Pfarrhof, niedergeschrieben im Frühjahr 2023: Vorgeschichte Pfarrhof
Vor mir ragt ein riesiges schwarzes Schwert auf – auf dem Griff eingravierte Zeichen.
Ich bin mir bewusst, dass ich träume.
Mühsam kämpfe ich darum, so viel Bewusstsein zu aktivieren, dass ich die Traumsituation aktiv steuern kann. Denn irgendetwas wird hier und jetzt von mir erwartet.
Nur was?
Richtig!
Im Traum verwandele ich mich in die löwenköpfige Dakini Simhamukha. Das Bild ist wakelig, ich habe es noch nie im Wachzustand praktiziert.
Während der Zeremonien des Tages brauchte ich meine ganze Konzentration, um mich Zeile für Zeile, Stunde für Stunde, durch den tibetischen Text zu arbeiten.
Genauso ungewohnt wie es ist, plötzlich eine zornvolle Dakini zu sein, so seltsam fühlt sich das Heft des Schwertes in meinen Händen an.
Während ich den Griff umklammere, wird mir bewusst, was ich zu tun habe.
Der nepalesische Lama hat es ein paar Stunden zuvor während des Zeremoniells vorgeführt: Er stach mit einem schwarzen Miniaturschwert – dass exakt so aussieht, wie das riesige, dessen Heft ich im Traum umklammere – auf eine leere Metallschale ein.
Im Text hieß es dazu, Simhamukha tötet alle Feinde und zermalmt sie zu Staub.
Vollkommend konzentriert hebe ich das Schwert auf Kopfhöhe.
Zwischen meinen Füßen liegt etwas. Ich spüre wie es sich bewegt.
Es ist lebendig!
Auf einmal durchströmt mich eine wahnsinnige Energie!
Mit aller Kraft ramme ich das Schwert in das, was sich unter mir auf dem Boden befindet.
Es ist eine graue nebelhafte Gestalt, sehe ich, während die Spitze der Klinge hindurchfährt und sich in die Erde bohrt.
Plötzlich wechselt das Bild: Ich starre auf eine braune Tonwand.
Nur eine Sekunde, dann knallt es – und eine riesige Welle sprengt die Wand.
Gischt spritzt!
Um mich rauscht und schäumt das Wasser – gleichzeitig überkommt mich ein unendliches Gefühl der Befreiung!
Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich gut.
Extrem gut!
Der unangenehme Druck hinter den Augäpfeln ist verschwunden…
Ich werde in die geheime Tantra-Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha eingeweiht…
Die Vorgeschichte zum Traum vom Pfarrhof, niedergeschrieben im Frühjahr 2023: Vorgeschichte Pfarrhof
Die dröhnende Stimme des Lama hallt in dem engen Raum wider, in dem wir uns an diesem Abend versammelt haben.
Wir: das sind vier Praktizierende – und zwei Lamas.
Ein nepalesischer und ein amerikanischer.
Das Betreuungsverhältnis einer englischen Eliteuniversität.
Tagsüber war das Betreuungsverhältnis sogar noch besser – Eins zu Eins!
Die Vorlesung des amerikanischen Lamas Vajranatha erinnert mich an lang zurückliegende Oberseminare.
Er ist Ethnologe und Anthropologe, spricht fließend Tibetisch und erklärt einer einzigen Schülerin – mir – die Grundprinzipien des tibetischen Tantra.
Die anderen hören aus Höflichkeit zu, sie wissen Bescheid.
Tantra – der Pfad der Transformation – ist nur ausgewählten Schülern vorbehalten. Die Unterweisungen in diese esoterischen Praktiken sind geheim.
Zugang zum tibetischen Tantra erhält bis heute nur, wer vom Lama initiert wird.
Dank Uriels großzügiger Einladung in sein privates Retreathaus in der Mühle am Ende der Welt darf ich am selben Abend an einer solchen geheimen Einweihungspraxis teilnehmen!
Der kleine Lama mit dem kahlgeschorenen Schädel singt mit seiner vollen dröhnenden Stimme.
Ich werfe die Blüte, die ich während der Zeremonie in der Hand gehalten habe, auf das Blatt Papier, das er mir entgegenstreckt. Darauf abgebildet: Simhamukha, die Dakini mit dem Löwenkopf, in ihrem Mandala.
Die Blume landet irgendwo am rechten Rand, der Lama nickt und verkündet: „Green“!
Die anderen lachen.
Ich verstehe wieder einmal nichts und stolpere auf meinen Platz zurück.
Die Initiationszeremonie ist jetzt, nach zwei Stunden, fast zu Ende.
Zu Beginn der Zeremonie mussten wir uns mit einem roten Band die Augen verbinden. Symbolisch „blind“, sollen wir durch die Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha auf neue Weise „sehen“ lernen.
Wir durften an einem magischen Akt teilhaben: Die Linienhalter der Praxis wurden angerufen, Geistern und Göttern geopfert, in symbolischen Gesten die Waffen der zornvollen Dakini Simhamukha an die Praktizierenden übergeben.
Wir sprachen die tibetischen Worte nach, die uns der Lama vorgab, und rezitierten Mantras.
Jetzt glüht der enge Raum vor Energie.
Uriels kleiner weißer Hund hüpft nervös auf und ab. Er ist von ausgesprochen sanftem und liebenswertem Gemüt. Die vibrierende Kraft der zornvollen Göttin Simhamukha, die uns alle erfasst hat, verstört ihn.
Ich lausche dem magischen tibetischen Singsang des Lama, starre auf das leuchtende Rot der Binde und spüre der bleiernen Erschöpfung hinter meinen Augäpfeln nach.
Die habe ich wohl schon immer, vermute ich, oder zumindest schon sehr lange.
Bewusst wird sie mir aber erst jetzt.
Es fühlt sich an, als säße zwischen meinen Augen und der Schädelwand etwas, das unaufhörlich Energie zieht und mich dazu zwingt, auf eine künstliche Weise auf die Welt zu sehen.
Alle Versuche, meinen Blick zu entspannen, diese Erschöpfung zu mildern, das was da sitzt, loszulassen, scheitern.
Ich habe keine Ahnung, was „es“ ist – ich bin nicht in der Lage, in meinen Schädel „hineinzusehen“.
Es gibt sicher Praktizierende die das können – es gibt nichts, was es nicht gibt, habe ich gelernt – ich kann es jedenfalls nicht und ich habe auch keine Idee, wie es anzustellen wäre.
Schon alleine die Vorstellung, meine Pupillen so zu verdrehen, dass sie in das Innere meines Schädels wandern, lässt Übelkeit in mir aufsteigen.
Als wir am Ende des Zeremoniells aufgefordert werden, die Augenbinde abzunehmen, fühle ich mich, als würde die Last mehrerer Leben auf meine Sehnerven drücken.
Beim anschließenden Abendessen frage ich den nepalesischen Lama, was es mit der Farbe grün, die ich mit meiner Blüte getroffen habe, auf sich hat?
Es wäre eine Prophezeiung, erklärt er mir. Grün wäre die Farbe der Karma-Familie von Simhamukha.
Ich verstehe wieder einmal nichts und erkundige mich, ob die Tatsache, dass meine Blüte ausgerechnet im grünen Bereich des Mandalas gelandet ist, Konsequenzen für meine Praxis haben wird?
„For sure“, kommt es zurück.
Und welche?
„Grün“ steht für „zornvoll“, antwortet er.
Ich könne mich auf eine besonders zornvolle Praxis einstellen.
Ich mache mich auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt, um mich in magischer Tantra-Praxis zu üben…
Die Vorgeschichte zum Traum vom Pfarrhof, niedergeschrieben im Frühjahr 2023: Vorgeschichte Pfarrhof
„It´s the same kind of story, that seems to come down from long ago. Two friends having coffee together, when something flies by there window…
Mit Fleedwood Mac im Ohr schaue ich aus dem Zugfenster.
Hypnotized.
Exakt in dem Zustand, der im Songtext beschrieben wird.
Draußen: Lichte, noch kahle Wälder. Schmale, von der Frühlingssonne beschienene Äcker. Hecken, die Wiesen umsäumen.
Dazwischen: Wasser.
Kleine Weiher, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Schmale Bäche, hin und wieder ein See. Irgendwann nimmt der Regionalzug den Weg über eine Brücke.
Ich starre in die Strömung des Flusses. Alles um mich und in mir fühlt sich völlig irreal an.
Heute Nacht habe ich wild geträumt. Meine Seele schwingt sich ein auf das, was kommen wird.
Denn ich bin auf dem Weg in das Retreathaus am Ende der Welt. Mein Freund und Dharma-Bruder Uriel hat mich eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/uriel/
Uriel – der Herr der Mühle – geht im Alltag einem seriösen, verantwortungsvollen Job nach. Weder seine zahlungskräftigen Klienten, noch seine Angestellten wissen, was sich hinter seiner freundlich-verbindlichen Fassade verbirgt:
Uriel ist tibetisch-buddhistischer Tantra-Meister. Er verfügt über Fähigkeiten, die in unserer Kultur ungewöhnlich sind.
Die hat er sich über viele Jahre hart erarbeitet. Unter schwierigen Umständen.
Denn die uralten tibetisch-buddhistischen Tantra-Techniken und Riten, die Uriel praktiziert, sind geheim. Und rar. Es gibt nur wenige tibetisch-buddhistische Lehrer, die sie beherrschen und darüber hinaus bereit sind, westliche Schüler darin zu unterweisen.
Vor zwei Jahren kaufte Uriel deshalb eine alte Mühle. Das einsam stehende Gebäude – direkt an einem Weiher gelegen und vom Mühlbach umschlossen – ist der perfekte Ort für geheime Tantra-Retreats.
Im historischen Dachstuhl richtete Uriel einen Schreinraum ein. Auf dem großen Altar thronen die Statuen der Buddha-Emanationen, mit denen er praktiziert.
Im Erdgeschoss der alten Mühle gibt es, seit Uriel die Sanierung abgeschlossen hat, eine Küche und einen großen Speiseraum. Im ersten und zweiten Stock stehen mehrere Zimmer bereit.
Nicht nur für die nepalesischen Lamas, die Uriel regelmäßig in sein Retreathaus am Ende der Welt einlädt, um sich von ihnen in geheimen Tantra-Praktiken unterweisen zu lassen.
Sondern auch für alle seine Dharma-Freunde, die mit ihm lernen und praktizieren wollen.
Uriel holt mich vom Bahnhof ab. We are two friends, having coffee together, while we´ll get hypnotized…
Die Suche nach meinem Schatten bescherte mir verstörende Einsichten – und eine Gothic-Miniatur als ständigen Begleiter…
Die Vorgeschichte zum Traum vom Pfarrhof, niedergeschrieben im Frühjahr 2023: Vorgeschichte Pfarrhof
Seit Jahren wandert er durch mein Zimmer.
Manchmal sitzt er prominent platziert auf meinem Fensterbrett. Dann hat er mich im Blick – und ich ihn.
Manchmal steht er im Bücherregal. Von dort beobachtet er mich während des Meditierens. Ich spüre seinen stechenden Blick im Nacken.
Manchmal überfordert er mich, dann verbanne ich ihn in seinen Styroporsarg.
Aber so weit, dass ich ihn in irgendeiner Schublade verschwinden lassen würde, gehe ich nie.
Ich habe lange nach ihm gesucht. Die Anderen waren zu plakativ, zu grob, zu christlich…
Es ist wahnsinnig schwierig, ein Symbol für den eigenen Teufel zu finden, habe ich festgestellt.
Den Meinen entdeckte ich schließlich bei einem Gothic-Versand. Irgend eine dystopische Figur aus einem Roman. Ich hatte ihren Namen vergessen, sobald ich die kleine Gestalt mit den Fledermausflügeln und dem Krakenarmen-Bart aus dem Versandkarton gezogen hatte.
Er ist einfach „mein Teufel“.
Es war ein langsamer schmerzhafter Prozess der Annäherung.
Als ich in meine Tiefe hinabstieg wie Orpheus auf der Suche nach Eurydike – damals, als meine Welt zusammenbrach – dem Fährmann Charon die Münze in die Hand drückte, damit er mich hinübersetze über den Acheron, war ich mir sicher, dass ich im Hades meines Inneren auf einen grauenhaften Teufel stoßen würde.
Mein ganzes Leben lang war ich davon überzeugt gewesen, im Grunde böse zu sein.
Schlecht.
Verdorben.
Ich wanderte tage- und nächtelang in fiebrigen Phantasien und quälenden Albträumen durch die stille Schwärze meiner inneren Abgründe und fand – nichts.
Einfach nur nichts.
Ich bin nicht böse.
Die Erkenntnis war so verblüffend wie erleichternd.
Als ich wieder zur Oberfläche zurückgekehrt war und daran ging, die Trümmer meines Selbstbildes zu sortieren, mir, meiner Vergangenheit, meiner Familiengeschichte einen neuen Sinn zu geben, blieb mein Teufel eine Leerstelle.
Ich war nicht böse. Was war ich dann?
Die Sache ist kompliziert, stellte ich fest. „Böse“ ist einfach. Ich war ständig mit der Widergutmachung für meine phantasierte Schlechtigkeit beschäftigt gewesen. Es hatte mich völlig erschöpft, geschwächt, klein gehalten. Aber es war ein klares Konzept gewesen, etwas, das mein Denken und Handeln in der Tiefe strukturierte.
Nachdem ich mich der Radikalkur des Zen unterworfen hatte, „zu lassen“, war dieses Denken in sich zusammengebrochen.
Auf einmal war ich damit konfrontiert, dass jeder Moment zählte: jeder Gedanke, jede Emotion, jede Handlung.
Und dass „Gut“ und „Schlecht“ keine tauglichen Prinzipien waren, um meine neue Welt zu ordnen.
Zen hat keine Moral und keine Ethik. Jeder Augenblick, jede Begegnung mit sich und anderen ist frisch, noch nie dagewesen. Jeder Atemzug ist neu.
„Gut“ und „Schlecht“ sind einfach nur Konzepte, die vom Leben abschneiden.
Es fiel mir schwer, diese Wahrheit zu akzeptieren. Ich wehrte mich energisch.
Als ich endlich aufgab – wieder ein Zusammenbruch – begegnete ich zum ersten Mal meinem Schatten.
Er ist ein „shape shifter“, lernte ich.
Er funktioniert nach dem selben Prinzip wie die „Boggarts“ in Harry Potter. Er nimmt jene Form an – schillernd, überraschend, unerwartet – die der Moment für ihn hergibt, nimmt in jedem Augenblick den Platz ein, der ihm angeboten wird.
Er ist reine Energie.
Er ist immer da.
Es gibt keinen Atemzug ohne ihn.
Es erfordert eine spezielle Technik des „Sehens“, lernte ich, ihn wahrzunehmen.
Einen Blick der Gelassenheit, der vollkommenen Offenheit.
Und den Mut anzuerkennen, dass er mein ist.
Er war es von meinem ersten Atemzug an – er wird es bis zu meinem letzten bleiben.
Es gibt kein Entkommen, keine Erlösung, keine Befreiung.
Es gibt keinen Sieg über den eigenen Schatten. Schon die Vorstellung, dies sei möglich, ist nur wieder mein Teufel in neuer Gestalt.
Das denke ich mir, während vor dem Fenster des ICE der Thüringer Wald vorbei zieht. Zwischen den kahlen Bäumen taut der Schnee.
Dass dieses „damals“ gerade einmal ein Dreivierteljahr zurück liegt, verblüfft mich. Es fühlt sich an wie ein Dreivierteljahrhundert!
Ein Traum schleuderte mich aus dem Townhouse am Prenzlauer Berg und katapultierte mich in den historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/
Im Alten Leben bestand mein persönliches Reich aus vierundzwanzig Quadratmetern WG-Zimmer mit zwanzig Quadratmetern Dachterrasse.
Zur Miete.
Im Neuen Leben bewohne ich alleine ein Haus mit 450 Quadratmetern Wohnfläche, umgeben von einem halben Hektar Grund.
Allerdings habe ich den alten Pfarrhof nicht für mich gekauft – und den Grund per Erbpacht von der Evangelischen Kirche gepachtet – sondern für Dharma, Lama und Sangha.
Damals war es unvorstellbar, dass ich – als Konsequenz dieser Zufluchtnahme – einen riesigen historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte kaufen und ein Buddhistisches Retreathaus eröffnen würde.
Aber genauso ist es gekommen.
Denn in dem Traum, der mich zum Historischen Pfarrhof führte, erklärte ich Suriyel, dass „dies der Ort ist, an dem unsere Sangha Praxis machen soll“.
Unter dieser Prämisse verhandelte ich mit der Evangelischen Kirche von Mecklenburg Kauf und Erbpacht.
Es dauerte sechs zähe Monate, bis sich das Entscheidungsgremium der Evangelischen Kirche dazu durchringen konnte, der Gründung eines buddhistischen Meditations- und Retreathauses auf ihrem Grund – und in einem ehemaligen Pfarrhaus – zuzustimmen.
Monatelang wurde ich im Zweiwochentakt vertröstet. Immer hieß es, bei der nächsten Sitzung würde eine Entscheidung für oder gegen das buddhistische Zentrum fallen.
Und dann wurde die Entscheidung auf den nächsten Sitzungstermin vertagt.
So ging das von Oktober 2024 bis Februar 2025.
Inzwischen war ich aus der Spirituellen WG ausgezogen, meine Möbel wurden von der Spedition eingelagert.
Ich übernachtete in Gästezimmern und auf Sofas des Freundeskreises.
Damals – als Rinpoche zu Besuch in Berlin war – versprach er mir zum Abschied, dass er im darauffolgenden Jahr wiederkommen würde. Für ein Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/
Und er erteilte mir einen Auftrag: Ich sollte das Retreat organisieren. Und einen Ort finden, an dem wir das Retreat durchführen konnten. Die Spirituelle WG war dafür nicht geeignet.
Bereits im Januar – als noch nicht klar war, ob ich das Pfarrhaus überhaupt kaufen konnte – teilte mir Rinpoche mit, dass er im Juni 2025 zu mir kommen würde.
Um das versprochene Thröma-Retreat abzuhalten.
Egal wohin.
Weder Rinpoche noch ich – noch sonst irgendjemand – hatte im September 2024 damit gerechnet, dass wir uns in unserem eigenen Buddhistischen Retreathaus wiederfinden würden!
Aber so ist es gekommen.
Gerade einmal drei Wochen bleiben nach meinem Einzug, dann wird Rinpoche das erste Mal in den Historischen Pfarrhof kommen!
Nach einigem Hin und Her entscheiden wir, dass das Thröma-Retreat erst im nächsten Jahr stattfinden wird.
Stattdessen wird Rinpoche das Buddhistische Zentrum im Historischen Pfarrhof einweihen.
In kleiner Runde.
Die offizielle Einweihung verschieben wir ebenfalls auf das kommende Jahr.
Mehr ist in drei Wochen Vorbereitungszeit nicht zu schaffen.
Und auch das ist elendig knapp!
Von Morgens bis Abends bin ich mit Aufräumen, Putzen, Unkrautjäten und Einkaufen beschäftigt.
An den Wochenenden kommt Suriyel, um mir zu helfen.
Drei Tage vor Rinpoches Besuch treffen Freunde ein, um ebenfalls mit Hand anzulegen.
Die ganze Zeit denke ich, das wir das alles nie rechtzeitig hinbekommen werden!
Israfel recherchiert, dass das Pfarrhaus, dass ich durch einen Traum gefunden habe, ein wunderbarer Ort für Retreats sein könnte…
Ende September träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus und finde am nächsten Morgen eine stimmige Makler-Annonce. https://www.water-runs-east.eu/weiher/
Mehr als die Anzeige an ein paar Freunde weiterzuleiten, bringe ich nicht mehr zustande, bevor ich mich auf mein Meditationskissen rette. Ich stehe regelrecht unter Schock. https://www.water-runs-east.eu/schock/
Mittags ruft Israfel an, um mich über die Ergebnisse seiner Recherche zu informieren. Fazit: So wie es aussieht, habe ich ein ziemlich perfektes Retreathaus herbeigeträumt!
Das Haus liegt 100 Kilometer von Berlin entfernt. Für die große buddhistische Community der Stadt eine akzeptable Distanz. Zumal es in und um Berlin kein buddhistisches Retreathaus gibt. Wer in der Hauptstadt der BRD ein Retreat machen möchte, muss im Moment nach Hamburg oder Nordrhein-Westfalen fahren.
Innerdeutsche Gäste des Pfarrhauses könnten den ICE nach Berlin nehmen. Gäste aus dem Ausland via BER einfliegen.
Die Verkehrsanbindung von Berlin ist ausgezeichnet, erklärt mir Israfel weiter: Alle zwei Stunden fährt ein Regionalzug von Berlin-Gesundbrunnen innerhalb von neunzig Minuten bis zum Bahnhof des Nachbarorts. Von dort bis zum Pfarrhaus sind es fünf Kilometer. Die könne man notfalls laufen, findet Israfel. Denn der Bus fährt nur dreimal am Tag. Alternativ gibt es am Bahnhof ein Taxiunternehmen. Fünf Kilometer kosten nicht die Welt.
Mit dem Auto sind es von Berlin knappe zwei Stunden. Das Pfarrhaus ist nur über Landstraßen zu erreichen. Das ist ein kleiner Wehrmutstropfen, aber auch der Grund dafür, dass ich mir das Pfarrhaus leisten kann. Läge es innerhalb der „Ein-Stunden-Grenze“ von der Hauptstadt entfernt, wäre es unbezahlbar.
Nachdem der durchschnittliche Berliner Buddhist eh kein Auto hat, sind das theoretische Überlegungen.
Für alle Gäste aus anderen Ecken Deutschlands, die über ein Auto verfügen und ins Pfarrhaus kommen wollen, liegt die nächste Autobahnabfahrt fünfzehn Kilometer entfernt, referiert Israfel.
Ich bin beeindruckt: Er hat an alles gedacht! Und dabei hat er nicht mal einen Führerschein!
Als er mit seinen Ausführungen zu Ende ist, muss ich Israfel zustimmen: Für ein Retreathaus läuft das definitiv unter „gut erreichbar“.
Denn es liegt in der Natur von Retreathäusern, abgelegen zu sein. Sie sind Orte des Rückzugs und der Kontemplation. Dafür braucht es Abgeschiedenheit.
Zu abgeschieden ist aber auch nicht gut: Die Gäste müssen ja irgendwie an- und wieder abreisen.
Die Lage des alten evangelischen Pfarrhauses ist ein guter Kompromiss, finden Israfel und ich: Am Rande eines kleinen Dorfes gelegen, ist es nicht völlig abgeschieden, aber dafür kommt man problemlos und kostengünstig hin. Berliner Buddhisten haben für gewöhnlich kein Auto, dafür aber ein Deutschland-Ticket.
Des weiteren hat Israfel herausgefunden, dass es in der Ecke, in der das Pfarrhaus liegt, sehr schön ist. Das Dorf ist geradezu umzingelt von Naturschutzgebieten. Dazu ein riesiger See, nur zehn Kilometer entfernt! Achzig Kilometer bis zur Ostsee! Dreißig Kilometer zum Nationalpark!
„Suriyel findet es sicher auch gut“, beschließt Israfel seinen Vortrag. „Nur hundert Kilometer bis Polen!“
Ich kann nicht mehr schlafen. Nicht mehr essen. Meine Nerven vibrieren. Meine Gedanken jagen. Während ich mich nachts im Bett wälze, lausche ich dem ununterbrochenen Klagegesang meines Egos:
„Warum kannst du nicht einmal Ruhe geben? Immer machst du alles kaputt! Ständig kommst du mit den dümmsten Ideen! Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen!“
Nachdem es sich laut trötend die Nase geputzt und tief Luft geholt hat, fährt es mit zitternder Stimme fort: „Wir werden bankrott gehen! Wir werden dort draußen einsam sterben! Wir werden NIE WIEDER GLÜCKLICH SEIN!“
Mehr als drei Wochen lang tobt, schreit und heult das Ego.
Lediglich während meiner täglichen Meditationspraxis gelingt es ihm, sich ein bisschen zu entspannen. Wenn ich – auf meinem Kissen sitzend – bei meinem Atem bin und das Ego nur noch leise vor sich hinweint, vernehme ich ab und zu die tröstenden Worte meiner intuitiven Inneren Stimme:
„Das ist alles nicht so schlimm wie du glaubst!“, flüstert sie dem Ego ins Ohr. „Vertrau mir!“
Ich meditiere deshalb morgens.
Ich meditiere mittags.
Ich meditiere abends.
Nur mit sehr viel Meditation ist das Drama, das sich in meinem Inneren abspielt, auszuhalten.
Anderen Menschen gehe ich so weit als möglich aus dem Weg. Die müssten sich ansonsten die Klagegesänge meines Egos anhören. Es reicht, wenn ich darunter leide, habe ich beschlossen. Meiner Umwelt möchte ich das ersparen.
Langsam, ganz langsam, beginnt mein Ego sich mit dem Gedanken, in Zukunft nicht mehr mitten in Berlin in der Spirituellen WG, sondern alleine in einem winzigen Dorf in einem alten Pfarrhaus zu wohnen, anzufreunden. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/
Zwischendurch wird das Ego immer wieder von Trauer überschwemmt. Dann weint es lang und heftig: Um die Sangha im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain, um all die Zeit, die es zukünftig nicht mehr dem Schreiben widmen kann, um all den Spaß, den es nun nicht mehr erleben wird.
Wenn es sich wieder beruhigt hat, beginnt das Ego vorsichtig tastend, die eine oder andere Zukunftsphantasie zu entwickeln. Für jede noch so bescheidene positive Vorstellung wird das Ego von der intuitiven Inneren Stimme ausführlich gelobt.
Kurz hat es sich ein bisschen beruhigt, mein verzagtes Ego, da wird es auch schon wieder von Angstzuständen geschüttelt. Wortreich malt es der intuitiven Inneren Stimme eine zukünftige Katastrophe nach der anderen aus: echter Hausschwamm im Gebälk des alten Pfarrhauses, die Sanierungskosten laufen aus dem Ruder, niemand möchte im Pfarrhaus meditieren, keiner wird dort auch nur zu Besuch kommen! Vollkommend verarmt und vereinsamt werden das Ego und die Innere Stimme in einer Ruine vegetieren müssen…
Irgendwann ist das Ego so erschöpft, dass es nicht einmal mehr jammern kann. Nach langem schmerzhaftem Widerstand hat es eingesehen, dass es gegen die intuitive Innere Stimme nicht ankommt.
„Mach doch, was du willst!“, ruft das Ego der intuitiven Inneren Stimme mit letzter Kraft zu. „Aber wenn es schief geht, bist du schuld!“
So hatte ich mir mein zukünftiges Leben nicht vorgestellt! Noch wenige Tage zuvor war ich die gewesen, die in einer Spirituellen WG am Prenzlauer Berg lebt, Fantasy und Blogtexte schreibt, mit ihren spannenden Freunden im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain abhängt, nebenher ein „Zentrum für Praktische Spiritualität“ betreibt und meditiert. https://www.water-runs-east.eu/plaene/
Und jetzt auf einmal das: Ein riesiges denkmalgeschütztes unsaniertes evangelisches Pfarrhaus von 1800, mitten im Nirgendwo der Mecklenburgischen Provinz.
Das soll ich kaufen? Dort soll ich leben?
Allein?
Während sich mein Bruder auf der Rückfahrt von der Besichtigung in Sanierungsphantasien ergeht, sitze ich auf dem Beifahrersitz und fürchte mich!
Ich dagegen bin gerade mal in der Lage, Dübel zu setzen und Ikea-Möbel zusammenzuschrauben. Gut, Lampen kann ich auch noch anschließen, aber damit sind meine handwerklichen Fertigkeiten auch schon erschöpft.
Meinen Klagegesang, ich wäre dem nicht gewachsen und würde ganz bestimmt scheitern, wischt mein Bruder zur Seite: „Ich liefere das Know-how und die Kontakte, du organisierst vor Ort. Das ist doch kein Problem!“
„Und was ist, wenn die Handwerker Mist bauen? Ich sehe so was nicht!“
„Wir leben im 21. Jahrhundert“, antwortet mein Bruder ungerührt. „Du schickst mir ein Video auf WhatsApp und ich sage dir, ob es passt.“
Na dann…
Damit auch alle Freunde und Familienmitglieder an meiner Neuendeckung teilhaben können, produziert mein Bruder, nachdem wir zurück in Berlin sind, am heimischen Computer ein kurzes Video über das Pfarrhaus. Er bastelt es innerhalb einer halben Stunde aus den Aufnahmen der Drohne zusammen, die er während des Besichtigungstermins über das Pfarrhaus und die Nebengebäude fliegen ließ. Die Bilder von den Löchern in den Dächern und der schiefen Giebelwand des Stalls schneidet er heraus. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/
Als er mit dem Video fertig ist, darf ich mir ein Stück aus seiner selbst komponierten Liedersammlung aussuchen. Ich habe nur die Wahl zwischen Pop, Rock und Techno. Nichts davon passt wirklich, aber egal.
Kurz darauf verschicke ich sein zweiminütiges „Werbevideo“ des Pfarrhauses, unterlegt mit rhythmischem Rock.
Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: es dominiert Begeisterung.
Der ist auch Handwerker. Er muss die Löcher in den Dächern nicht gesehen haben um zu wissen, was es bedeutet, ein mehr als 200 Jahre altes Haus zu sanieren.
Von solchen „Hurra-Aktionen“ würde er überhaupt nichts halten, erfahre ich umgehend. Ob ich denn überhaupt einen Business-Plan hätte?
Ich glaube erst, mich verlesen zu haben: Suriyel ist in meinen Augen der letzte, der etwas von „Business“ vesteht!
Und überhaupt: „Hurra-Aktion“.
Wenn mir gerade nach etwas ganz sicher nicht der Sinn steht, dann ist es „Hurra!“…
Drei Wochen, nachdem ich mich im Traum im evangelischen Pfarrhaus wiederfand, bin ich das erste Mal dort zu Besuch…
Der Makler ist schon vor Ort. Sein Wagen mit Werbeaufschrift parkt neben einem VW-Passat. Als wir in die Auffahrt einbiegen, eilt eine Frau durch das Tor. Wohl eine andere Kaufinteressentin. Sie springt in den Passat und braust davon. Es wirkt, als wäre sie auf der Flucht.
Während ich die Beifahrertür öffne, tritt ein Mann mittleren Alters aus der Haustür des Pfarrhauses. Ich tippe auf den Makler. Kurz schweift sein Blick über mich. Dann sieht er meinen Bruder, der – wie immer in Zimmermannskluft – behutsam die Fahrertür seines Oberklasse-Audi zuschiebt.
Die Gesichtszüge des Maklers beginnen bei seinem Anblick zu leuchten. Enthusiastisch die Hand meines Bruders schüttelnd, ruft er aus: „Sie sind genau der Mann, den dieses Objekt braucht!“
„Ich bin diejenige, die sich für das Haus interessiert!“, mache ich ihn auf mich aufmerksam. „Bei dem Herrn“, ich deute auf meinen Bruder, „handelt es sich um den Sachverständigen.“
Diese Information dämpft die Begeisterung des Maklers etwas. Dabei habe ich ihn nur beim Wort genommen. Der letzte Satz des Exposés des Pfarrhauses lautet: „Bitte bringen Sie zum Besichtigungstermin einen Bausachverständigen mit.“
Glücklicherweise bin ich mit einem Bausachverständigen verwandt: Mein Bruder ist nicht nur Zimmerer und Bauingenieur, sondern auch noch Chef seiner eigenen Baufirma. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/
Als ich ihm von meinem Traum vom evangelischen Pfarrhaus erzähle und ihm das Makler-Exposé zukommen lasse, ist er nicht im geringsten erstaunt über die Geschichte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/
Mein Bruder und ich funktionieren nach den selben Prinzipien. Wir sind beide intuitiv.
Was mindestens ein genauso großes Glück ist wie der Fakt, dass er etwas von Altbausanierung versteht.
„Gott, ist das schön!“, murmelte er vor sich hin, während er sich die Fotos des Pfarrhauses das erste Mal ansah.
Als wir jetzt leibhaftig vor dem Gebäude stehen, ist sein Gesichtsausdruck neutral. Auf der Fahrt zum Besichtigungstermin hat er mir eingeschäft, dass ich mir meine Begeisterung auf keinen Fall ansehen lassen darf! Das könne mich viel Geld kosten!
Es fällt mir nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Im Gegenteil: Während uns der Makler über das Gelände führt, wird mir bang und bänger!
Im Schafstall ist bereits ein Teil des Dachs eingebrochen. Die Tür hängt schief in den Angeln. Mein Bruder stemmt sie mit aller Kraft auf. Nach einem Blick zur Decke verbietet er mir den Zutritt: Akute Einsturzgefahr.
Seine Führsorge rührt mich. Alles andere überfordert mich.
Als nächstes ist der Hauptstall an der Reihe. Umständlich öffnet der Makler das Vorhangschloss an einer der Stalltüren. Als er sie aufzieht, fällt mein Blick auf rottendes Stroh. An der Wand hängen rostende Metallkörbe. Mein Bruder klettert die schmale Treppe hoch. Die rohen Dielenbretter sind stellenweise verfault. „Pass auf, dass du auf dem Hauptbalken bleibst!“, ruft er mir zu, während er vorsichtig Schritt für Schritt den Dachboden durchquert. Er bleibt stehen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Na, das sieht aber nicht schön aus!“
Das, finde ich, ist eine absolute Untertreibung: Zwischen Dachfirst und Außenmauer klafft ein Loch von mindestens einem halben Meter! Und die Außenmauer sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen!
Wir nehmen den nächsten Stallzugang in Augenschein. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses wieder rottendes Stroh, im hinteren Teil eine weitere Pferdebox. Auch hier Stroh. Die schwache Ahnung von Pferdegeruch. Ein großer schwarzer leerer Plastikeimer. In der Ecke ein Rest Heu im Futtertrog. Allzu viele Jahre kann es nicht her sein, dass hier ein Tier gehalten wurde.
Wir nehmen die zweiteTreppe in den Dachboden. Im vorderen Teil lagert das rottende Heu hüfthoch. Mein Bruder wiegt skeptisch den Kopf.
Neben dem historischen Stall ein runder hölzerner Hühnerstall jüngeren Datums. Auch der ist eingestreut, im Inneren riecht es nach Huhn. Hier hat ganz sicher bis vor kurzem Federfieh gewohnt.
Der erste Lichtblick des Tages: Die Werkstatt. Mein Bruder pfeift anerkennend durch die Zähne, als uns der Makler das Tor aufschließt. Das Gebäude ist neu, aus Holz, mindestens sechs Meter hoch, mit großen Fenstern, einer riesigen Werkbank und Regalen, in denen ordentlich Werkzeug neben Werkzeug liegt.
Auf dem Weg zum Haupthaus kreuzen wir ein rotes Gartenhaus. Es befindet sich direkt am Ufer des Weihers, von dem ich geträumt hatte. „Zum alten Fritz“, steht über der Eingangstür. Durch die verglaste Front fällt unser Blick auf einen großen Tisch mit Wachstuchtischdecke. Drumherum Stühle. Auf einer kleinen Anrichte in der Ecke stappeln sich Schnapsgläser.
Das Häuschen wirkt inmitten des zweihundert Jahre alten Ensembles, als hätte es sich verlaufen.
Wir betreten das Haupthaus. In meinem Traum waren alle Räume leer. Jetzt bin ich mit der Realität konfrontiert: Während ich – wie in meinem Traum – von Zimmer zu Zimmer gehe, fällt mein Blick auf vergilbte Bravo-Poster aus den 90ern, DDR-Möbeln aus den 70ern. Auf wuchtigen Gründerzeit-Vitrinen stauben gerahmte Familienfotos vor sich hin. Die Küche wirkt, als wäre der Besitzer nur mal kurz zum Einkaufen gefahren.
Während ich mich – um Haltung bemüht – vom Makler verabschieden, ertönt hinter mir ein scharfes Surren. Mein Bruder lässt eine Drohne aufsteigen und über die Dächer der Gebäude fliegen, auf der Jagd nach weiteren Schäden, die nur durch Luftaufnahmen erkennbar sind.
Als ich – die Tür des Oberklasse-Audis achtsam zuziehend – auf den Beifahrersitz sinke, bin ich komplett bedient.
Das hier – denke ich – kann nur ein Alptraum sein!
Rinpoche lehrte die Sangha, wie das Rauchopfer Sur praktiziert wird. Und er zeigte uns, wie man Opfer für Nagas – mächtige Wassergeister – vollzieht. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/
Nach Rinpoches Abschied treibt mich die Frage um, an welchem Ort die Sangha ihre neu erworbenen Kenntnisse umsetzen, und das Thröma-Retreat stattfinden, soll?
In der Großstadt ist zu wenig Platz. Der Lärm unserer Instrumente, der Rauch der Opferfeuer – das alles passt nicht hierher.
Wir brauchen Platz, denke ich mir. Und Ruhe.
Wir müssen raus aus der Stadt!
Am Besten – denke ich weiter – an ein Gewässer! Schließlich leben die Nagas im Wasser und in Feuchtgebieten.
Dann mussen wir an diesem Ort allerdings auch übernachten können! Denn Naga Opfer – so hat es uns Rinpoche erklärt – werden am Morgen vollzogen. Vor dem Frühstück!
Vier Tage nachdem uns Rinpoche verlassen hat, bin ich auf dem Weg zum nächsten Privat-Teaching eines anderen hohen nepalesischen Rinpoches. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/
Im ICE nach München rekapituliere ich, welche Eigenschaften der Ort braucht, an dem die Sangha Praxis machen kann: Er muss abgelegen sein, zähle ich an den Fingern ab, aber trotzdem gut erreichbar. Außer Suiyel hat kein Sangha-Mitglied ein eigenes Auto! Dort muss es Schlafplätze und Verpflegungsmöglichkeit für mindestens fünfzehn Leute geben. Er muss an einem Gewässer liegen. Man muss dort Feuer machen können. Und Krach…
Ich bin mir sicher, dass es irgendwo außerhalb Berlins einen solchen Ort gibt.
Nur: Wie soll ich ihn finden?
Auf dem Rückweg vom Teaching in Oberbayern überkommt mich mit einem Mal das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen würde ein Ort nach mir rufen. Ein „heiliger Ort“ sogar… https://www.water-runs-east.eu/ruf/
Mit der Bitte um einen Traum, der mir diesen Ort zeigen möge, schlafe ich ein. In der Nacht träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus. Mit einem Weiher vor der Haustür.
Am nächsten Morgen finde ich eine Immobilienanzeige online, in der ein evangelisches Pfarrhaus angeboten wird, das genau dem Haus in meinem Traum entspricht. https://www.water-runs-east.eu/weiher/
Erst bin ich verblüfft.
Dann zweifle ich an meinem Verstand: Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Mein Herz rast. Ich zittere am ganzen Körper. Verzweifelt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen.
Ich rette mich auf mein Meditationskissen, wie ein Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel. „Einatmend nehme ich wahr, dass ich einatme. Ausatmend nehme ich wahr, dass ich ausatme.“
Nach etwa einer halben Stunde habe ich zumindest genug Abstand zu meinem inneren Chaos entwickelt, dass ich eine Selbst-Diagnose zustande bringe:
Meine Bitte um ein Traum-Zeichen erfüllt sich auf wunderbare Weise. Es lässt mich den heiligen Ort finden, der mich rief…
Das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen gäbe es einen bestimmten Ort, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten, lässt mich auch nach meiner Ankunft in Berlin nicht los. https://www.water-runs-east.eu/ruf/
Als ich am späten Abend in meinem Zimmer in der Spirituellen WG angkomme, gehe ich sofort ins Bett. Ich bin völlig übermüdet, meine Nerven sind so überreizt, dass ich regelrecht vibriere.
Was ist nur los mit mir?
Während ich versuche einzuschlafen, wird die Energie, die sich in meinem Herzen verankert hat, stärker. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, und leere meine Gedanken.
„Wünsch dir einen Traum“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr.
Ich schrecke hoch. Stimmt! Das hat schon öfter funktioniert!
Ich schließe die Augen, fokussiere mich wieder auf meinen Atem und formuliere bewusst den Wunsch, in dieser Nacht von dem Ort zu träumen, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten.
Mit dem Gedanken an diesen Ort, und dem Fokus auf die fremdartige Energie in meinem Herzen, schlafe ich ein.
Es ist Nacht. Suriyel ist bei mir. Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Das fahle Licht des Mondes fällt durch die Fenster. Unter unseren Füßen knarren Dielenbretter. Die Räume stehen leer. Der Geruch von Staub hängt in der Luft. Hier wohnt schon lange niemand mehr.
Mit einem Mal verändert sich die Perspektive. Ich schaue von oben auf Suriyel und mein Traum-Ich herab. Es ist so dunkel, dass ich die Gesichtszüge meiner Traum-Figuren nur erahnen kann. Ich höre mein Traum-Ich zu Suriyel sprechen. „Das hier ist der Ort, an dem unsere Sangha Praxis machen muss!“, sagt es in bestimmtem Ton.
Mir ist, als würde ich angehoben werden. Mit der Bewegung geht das Wissen einher, dass ich mich gerade in einem alten evangelischen Pfarrhaus befinde. Mein Blick weitet sich. Ich bin im Haus – und gleichzeitig davor. Auf der Wasseroberfläche eines Weihers spiegelt sich der Mond.
Ich wache auf.
Mein erster Gedanke gilt schrägerweise nicht dem Pfarrhaus – sondern Suriyel! In meinem Kopf dröhnt der Satz: „Da macht der doch nie mit!“
Es ist zwei Uhr morgens, stelle ich fest.
Wolfsstunde.
Damit schlafe ich wieder ein.
Am nächsten Morgen erinnere ich mich beim Aufwachen sofort an den Traum. Ein evangelisches Pfarrhaus! Mit einem Weiher davor!
Ich stelle die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und fahre den Laptop hoch. Versuchsweise gebe ich „Evangelisches Pfarrhaus“ und „kaufen“ ein. Und siehe da: die Evangelische Kirche hat ein eigenes Immobilienportal! In der Suchmaske gibt es die Option „Häuser“.
Ich brauche keine halbe Stunde, bis ich es gefunden habe:
Ein rotes Backstein-Pfarrhaus, davor ein Weiher. Baujahr 1800, lese ich. Ortsrandlage. Sanierungsbedürftig.
Dort verbringe ich die Nacht bei einer Freundin. Die interessiert sich weder für den Dharma, noch für Meditation. Nach zwei Rinpoches in zwei Wochen tut es mir gut, bis weit nach Mitternacht über die ganz normalen Dinge des Lebens zu plaudern.
Am nächsten Tag nehme ich die S-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Wagon ist gefüllt mit schönen Menschen in quietschbunter Trachtenkleidung, die sich gegenseitig fotographieren und dabei lautstark auf Italienisch unterhalten.
Nach jedem Halt erklingt eine freundliche Frauenstimme mit hörbar bayerischem Einschlag, die in Deutsch und Englisch erklärt, dass „Heißluftballons der natürliche Feind der Oberleitung“ wären. Sie sollten doch bitte in „ihrem natürlichen Biotop auf der Wiesn bleiben“.
Am Hauptbahnhof umkreise ich Männergruppen in Lederhos´n und Frauen im Dirndl.
Der ICE nach Berlin ist pünktlich. Ein scharfer Pfiff des Schaffners, das harte Knallen der Türen, dann schiebt sich der Zug aus dem Bahnhof, den alljährlichen Oktoberfest-Wahnsinn hinter sich lassend.
Ingolstadt, Nürnberg, Erlangen, Bamberg. Bayern liegt hinter mir.
Draußen zieht der Thürniger Wald vorbei. Ich bin so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken kann. Die Reizüberflutung, die Energie von Teaching, Praxis und Einweihung durch den Hauptlinienhalter am vergangenen Wochenende, lassen meine Nerven vibrieren.
Ich bin – stelle ich fest, während ich mit zitternden Fingern meine Wasserflasche zuschraube – völlig neben der Spur.
Noch drei Stunden bis Berlin. Ich lehne mich im unbequemen Stuhl zurück, schließe die Augen und versuche, zu dösen. Das gleichmäßige Rauschen des ICE lässt mich in eine Art Trance fallen.
Bilder steigen auf: die bayerische Wallfahrtskirche neben dem Haus der Dharma-Freundin, bei der ich das letzte Wochenende verbracht habe. Vage Bilder eines schamanischen Kultplatzes an der Stelle, an der die Kirche errichtet wurde.
Der Innenhof eines buddhistischen Zentrums in Frankreich, über dem das Deckblatt eines Gedichts für Hermes tanzt, der gerade zum Schützer des Ortes wird. Die Säulen eines antiken Tempels, in dem Hermes gehuldigt wurde, lange bevor an der gleichen Stelle das Zentrum entstand. https://www.water-runs-east.eu/hermes/
„Ein heiliger Ort“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Die Sangha braucht einen heiligen Ort für ihre Praxis!“
Auf einmal ist mir, als würde etwas von meinem Herz Besitz ergreifen. Eine fremde Energie, die – von Außen kommend – einen Anker in meinem Brustkorb schlägt und sich dort ausbreitet.
Begleitet wird das – so irreale wie beängstigende – Gefühl von dem Gedanken, dass dort draußen jemand nach mir ruft.
Ein Ort.
Ich starr aus dem Fenster. Über Brandenburgs Kiefernwäldern wird es Nacht.
„Irgendwo dort draußen“, denke ich, „befindet sich ein Ort mit hoher Energie, der mit mir in Kontakt treten möchte.“
Ich bekomme eine spannende Geschichte geschenkt: Jemand erzählt mir von einem griechischen Gott, der zum buddhistischen Schützer wird…
In der Feuerschale ist immer noch ein Rest Glut, stelle ich fest, als ich zu Beginn der Mittagspause des privaten Teachings auf die Terrasse drehte. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/
Weil danach der Lehrer – Rinpoche und Hauptlinienhalter der Düdjum Tersar Tradition – erwartet wurde, haben wir das Feuer nicht wie gewöhnlich herunterbrennen lassen.
Es war die Khandro, die uns darauf hinwies, dass der Respekt vor dem hohen nepalesischen Gast gebietet, ihn mit wohlriechendem Rauch zu empfangen. So wäre das in seiner Heimat üblich, erklärte sie uns.
Als Rinpoche vor der Haustür steht, brennt in der Feuerschale ein kräftiges Feuer.
Rinpoche tritt auf die Terrasse und blinzelt in die warme Herbstsonne. Nach drei Stunden Teaching in englischer Sprache sieht er müde aus. Zusammen mit seiner Frau nimmt er an einer langen Tafel Platz. Die amerikanische Khandro setzt sich zu ihm und dazu noch ein paar andere. Die Dharma-Freundin, die ihr Haus für das private Teaching zur Verfügung gestellt hat, serviert ihnen Mittagessen.
Ich biege um die Hausecke. Ein paar Teilnehmer des Teachings haben eine Decke im Gras ausgebreitet und veranstalten ein Picknick. Ich darf mich zu ihnen setzen. Wir teilen Baguette, Käse und Obst und plaudern während des Essens. Netterweise wechseln sie mir zu Liebe aus dem Französischen ins Englische.
Die Gruppe – erfahre ich – kennt sich aus Frankreich. Vor einiger Zeit haben dort alle gemeinsam ein Dreijahres-Retreat absolviert.
Ich bin beeindruckt: Ich sitze doch tatsächlich unter lauter Lamas! Denn der Abschluss eines Dreijahres-Retreats ist in der tibetischen Tradition verpflichtend, um Buddhismus lehren zu dürfen.
Direkt hinter der Gartenhecke der gastfreundlichen Dharma-Freundin steht eine prächtige Kirche. Gerade schlägt die Turmuhr die volle Stunde. Das laute Dröhnen der Kirchenglocken lässt alle Augen zum Kirchturm wandern, der in den strahlend blauen Himmel aufragt.
Ich erzähle der Picknickgesellschaft, dass es sich bei der Kirche – die viel zu groß für die kleine Dorfgemeinschaft ist – um eine Wallfahrtskirche handelt. „Der Legende nach hat an der Stelle, an der die Kirche erbaut wurde, der Heilige, der hier vor mehr als tausend Jahren die Menschen zum Christentum bekehrte, ein paar Blutstropfen verloren.“ Das habe ich am Abend meiner Ankunft im Dorf von der Dharma-Freundin erfahren.
„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass an dieser Stelle ein vorchristlicher Tempel stand oder der Ort für heidnische Riten genutzt wurde. Das gab es während der Christianisierung häufig“, fahre ich fort. „Durch Heiligenlegenden wurde der Bau der Kirchen legitimiert.“
„Ach,“ meint einer aus der Gruppe nachdenklich. „Da fällt mir eine Geschichte aus unserem buddhistischen Zentrum in Frankreich ein.“ Der Franzose, der ihm gegenüber sitzt, nickt wissend.
„Das Zentrum, in dem wir das Dreijahres-Retreat absolviert haben, liegt auf einer Hochebene. Genau in der Mitte von drei erloschenen Vulkanen. Auf dem Gipfel des einen Vulkan gab es ein Hotel. Das brannte mehrmals hintereinander aus. Überhaupt passierten in der Gegend immer wieder seltsame Dinge.“
Er nimmt einen Schluck Wasser. „An der Stelle, an der unser buddhistisches Zentrum gebaut worden war, stand in der Antike ein Hermes-Tempel. Und während der Zeit, als wir alle dort im Retreat waren, kam der Rinpoche, der das buddhistische Zentrum leitete, im Traum in Kontakt mit Hermes.“
Der Erzähler nickt in meine Richtung. „Ich weiß das alles so genau, weil ich damals der persönliche Assistent von Rinpoche war. Der war alt und saß im Rollstuhl. Einer von uns musste deshalb Tag und Nacht bei ihm sein und sich um ihn kümmern. Als die Sache mit Hermes passierte, war gerade ich an der Reihe.“
Ich hänge gebannt an seinen Lippen.
„Rinpoche konnte in seinen Träumen Hermes davon überzeugen, zum buddhistischen Beschützer des Zentrums zu werden. Hermes bekam einen neuen Namen.“
Einer aus der Gruppe ruft einen tibetischen Namen. Alle anderen nickten, auch der Erzähler.
„Rinpoche“, fährt er fort, „schrieb ein Gebet für den neuen Schützer des Zentrums. An dem Tag, an dem es das erste Mal gebetet wurde, fand ein großes Fest für Hermes statt, der zum budhistischen Beschützer des Dharma geworden war.“
Der Erzähler zeichnet mit beiden Armen einen Kreis in die Luft. „Wir saßen alle im Innenhof im Kreis. Mein Platz war direkt neben dem Rollstuhl von Rinpoche. Ich war dafür verantwortlich, die Papierstreifen, auf denen das neue Gebet gedruckt war, für Rinpoche umzublättern.“
Er holt tief Luft. „Und in dem Augenblick, als die Instrumente verklungen waren und wir anfangen wollten, es zu rezitieren, fuhr ein Windstoß in die Blätter, erfasste das Deckblatt mit dem Bild von Hermes als buddhistischem Schützer und hob es über unsere Köpfe. Dort schwebte es sacht hin und her. Rinpoche ließ sich davon nicht beeirren. Er begann, das Gedicht laut vorzulesen und wir andere fielen ein. Auf einmal begann das Blatt, das über uns schwebte, wie wild zu rotieren!“
Der Erzähler dreht mit schnellen Bewegungen beide Hände vor der Brust.
„Als wir mit dem Gebet zu Ende waren, stieg das Blatt höher und höher und flog davon.“
Ich bin beeindruckt: „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit mir geteilt hast!“ Mehr bringe ich nicht heraus.
Zum Abschluss erhalten wir von Rinpoche eine spezielle Throma Nagmo Einweihung. Die Energie während Thröma ist überwältigend. Die Einweihung ist noch viel krasser.
Dann legt sie mir den Schal um den Hals, nimmt den Umschlag entgegen und verabschiedet mich nicht – wie sonst immer – mit einer Umarmung, sondern auf traditionelle tibetische Weise, indem sie ihre Stirn an die meine drückt.
Netterweise nimmt mich ein anderer Teilnehmer des Teachings in seinem Auto mit nach München.
Am Irschenberg ein letzter Blick auf die bayerischen Alpen. Der übliche Stau vor Weyarn. Während ich in der Abendämmerung durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltwüste der A8 starre, kreisen meine Gedanken um Hermes.
Fünf Tage, nachdem ich Rinpoche in Berlin verabschiedet habe, treffe ich den nächsten hohen nepalesischen Lama – diesmal am bayerischen Schliersee…
Am Samstag, dem 14. September, habe ich Rinpoche, nach seinem Teaching bei uns in der Spirituellen WG, am Berliner Flughafen verabschiedet. https://www.water-runs-east.eu/retreat/
Am Donnerstag, dem 19. September, schleppe ich früh am Morgen meinen Koffer die Treppen der Spirituellen WG hinunter. Der Trecking-Rucksack, den ich auf dem Rücken trage, ist bis oben hin voll.
Auf den Stufen breche ich beinahe unter dem Gewicht zusammen.
Den ratternden Koffer hinter mir herziehend, eile ich zur S-Bahnhaltestelle Schönhauser Allee. Um kurz nach acht Uhr geht der ICE vom Hauptbahnhof.
Ich bin auf dem Weg zum nächsten Teaching.
Die Veranstaltung ist so privat wie hochkarätig.
Dass ich – als kleine unbedeutende und unerfahrene Laien-Praktizierende – dazu eingeladen wurde, verdanke ich der Tatsache, dass ich letzte Woche „meinen“ Rinpoche zu Besuch hatte. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/
Der hat bei dieser Gelegenheit einige Ritualgegenstände aus Nepal für eine Dharma-Schwester aus Bayern bei mir zurückglassen, mit der wir beide befreundet sind.
Eigentlich war vereinbart, dass die Dharma-Schwester die große Tüte während ihres nächsten Besuchs in Berlin bei mir abholen wird.
Nun hat es sich aber so ergeben, dass völlig überraschend im Wohnzimmer dieser Dharma-Schwester ein Teaching stattfinden wird. „Sie ist dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, pflegt man in meiner bayerischen Heimat zu sagen.
Genau dort wird auch das Teaching stattfinden: nur zehn Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, im Landkreis Rosenheim.
Ich bin also an diesem Donnerstagmorgen „back to the roots“. Denn die Dharma-Schwester braucht für das überraschende Teaching ganz dringend die schwere Tüte von Rinpoche.
So kommt es, dass ich – nur fünf Tage, nachdem ich Norbu Rinpoche verabschiedet habe – auf den nächsten Rinpoche treffe.
Die Dharma-Schwester holt mich vom Regionalbahnhof ab. Gemeinsam wuchten wir meinen schweren Koffer in ihr Auto. Mit einem erleichterten Seufzer lade ich auch noch meinen prall gefüllten Rucksack darin ab.
Dann machen wir uns zu Fuß auf die Suche nach Khandro-La. Denn meine amerikanische Khandro ist extra für das Teaching aus den USA nach Deutschland gekommen! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten am Ufer des Schliersees entdeckt haben, laufen wir zu viert zur Ferienwohnung, die die Dharma-Schwester für den – uns allen nicht persönlich bekannten – Rinpoche gebucht hat.
Der ist nicht einfach nur ein anerkannter wiedergeborener hoher Lama – die Bedeutung von „Rinpoche“ – sondern gleichzeitig auch noch Hauptlinienhalter einer Traditionslinie der tibetisch-buddhistischen Nyingma-Schule und Abt eines nepalesischen Klosters.
Während wir im Wohnzimmer der Ferienwohnung auf die Ankunft des Linienhalters warten, habe ich Gelegenheit, meiner Khandro Fragen zu stellen. Sie ist erkennbar nicht begeistert davon – sie ist im Urlaub – lässt sich aber dann doch darauf ein.
Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Der Mann, der Rinpoche vom Münchner Flughafen abgeholt hat, teilt uns mit, dass der Linienhalter in zehn Minuten vor der Tür stehen wird.
Wir ziehen Schuhe und Jacken an und reihen uns auf dem Parkplatz vor der Ferienwohnung auf. Ganz vorne steht die Khandro, gefolgt von ihrem Lebensgefährten. Neben ihm hat sich die Dharma-Schwester postiert. Ich bilde das Schlusslicht.
Jeder von uns hat einen weißen Schal – einen Katak – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: Zwei Geldscheine für den Linienhalter. Denn die Zahl eins bringe Unglück, erklärte uns die Khandro, als wir im Wohnzimmer die Umschläge füllten.
Nun stehen wir fröstelnd auf dem Parkplatz und halten nach einem schwarzen Mercedes Ausschau. Über uns ragt der Wendelstein empor, sein imposanter Gipfel ist mit Schnee bedeckt. In den letzten Tagen hat es bis ins Tal hinunter geschneit.
Während wir warten, erzählt uns die Khandro, dass der Linienhalter in Nepal immer in einer Prozession das Haus verlässt. Vor ihm geht einer, der ein Weihrauch-Fass schwenkt, vier andere tragen den Baldachin. Passanten werfen sich bei seinem Anblick zu Boden.
Im Vergleich dazu muss dem Linienhalter der Empfang vor der Ferienwohnung am Schliersee mehr als bescheiden erscheinen: Vier verfrorene Westler, die ihm mit tiefer Verbeugung Katak und Umschlag entgegenstrecken.
Er begrüßt jeden von uns herzlich, legt mit strahlendem Lächeln Katak um Katak um die Hälse, drückt seine Stirn an die unsere und verschwindet nach ein paar freundlichen Worten an die Khandro zusammen mit seiner Frau in der Ferienwohnung.
Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten im Haus der Dharma-Schwester abgeladen haben, fährt die mich in meine Ferienwohnung. Der Bauernhof, in dem sich die Ferienwohnung befindet, liegt in einem winzigen Weiler oberhalb des Dorfes der Dharma-Schwester. Morgen werde ich zu Fuß zu ihr laufen. Ich freue mich schon darauf.
Abends, im fremden Bett in der unbekannten Wohnung, umgeben vom aus der Kindheit vertrauten Geruch nach Heu und Kuhstall, siniere ich über mein Leben.
Dass ich heute in dem katholischen oberbayerischen Landkreis, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, dem Hauptlinienhalter der Geluk-Tradition der Dudjom-Tersar-Linie des tibetischen Nyingma-Buddhismus vorgestellt wurde, ist mehr als schräg.
„There is no such thing as an accident“, denke ich beim Einschlafen.
Das Vajra Armor Mantra ist voller Magie! Die Khandro lehrt es in ihren Retreats auf traditionelle tibetisch-buddhistische Zauberart…
Das Kletterressort, in dem das Vajra Armor Retreat stattfinden wird, befindet sich inmitten einer beeindruckenden Felsenlandschaft. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/
Das Haupthaus – mit Speisesaal, Wasch- und Toilettenräumen – ist etwa in der Mitte der Anhöhe auf einem Plateau platziert.
Geschlafen wird in mehreren Holzhütten. Die sind hinter dem Haupthaus über den Steilhang verstreut, der sich etwa hundert Meter bis zum Gipfel des Höhenrückens hochzieht. Zu den spartanischen Unterkünfte führt ein schmaler Trampelpfad, der sich von Häuschen zu Häuschen schlängelt.
Das Kletterressort ist ein ungewöhnlicher Ort für ein tibetisch-buddhistisches Retreat.
Einige der Teilnehmer, die nach ihrer Ankunft damit konfrontiert sind, ihre schweren Rollkoffer den steilen Pfad bis zu ihrer Holzhütte hochzuschleppen, haben erkennbar Mühe, ihren buddhistischen Gleichmut aufrecht zu erhalten.
Uriel, der das Retreat organisiert hat, erklärt jedem Neuankömmling geduldig, dass dieser Ort der einzige war, den er auftreiben konnte, der alle Bedingungen für ein Vajra Armor Retreat erfüllt.
Denn das Retreat, das nach den Vorgaben eines tibetischen Sakraltextes aus dem 12. Jahrhundert durchgeführt wird, ist speziell.
Die Khandro ist deshalb von Anfang an begeistert von dem Kletterressort! Egal, wie mühsam der Weg zu den Hütten, und wie spartanisch die Ausstattung ist.
Denn der Ort ist vollkommend abgeschieden! Und dazu noch von wunderbarer Natur umgeben! In der viele verschiedene Naturgeister leben!
Nachdem sie am Nachmittag alle Teilnehmer des Retreats im provisorischen Schreinraum im Haupthaus begrüßt hat, klärt sie uns erst einmal in ihrem breiten Amerikanisch über unsere Gastgeber auf:
Denn nicht der souveräne Besitzer des Kletterressorts – der sich von seinen ungewöhnlichen Gästen nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lässt – sondern diese Naturgeister sind die wahren Besitzer des Geländes!
Im Wasser des Flußes, der am Fuße der Anhöhe talabwärts rauscht, lebe ganz sicher ein Naga, erklärt sie uns, nachdem sie auf ihrem großen roten Thron an der Stirnseite des Raumes Platz genommen hat.
Durch die geöffneten Fenster dringt das Tosen des wild schäumenden Wassers herein. Wir sitzen auf unseren Meditationskissen, lauschen der Musik des Flusses und versuchen, uns den Naga – einen schlangenförmigen Wassergeist – vorzustellen, der dort zuhause ist.
Und so geht es weiter. Die Khandro klärt uns ausführlich über die verschiedenen Gattungen der Naturgeister auf, die in der Erde, in den Bäumen und in den Felszähnen des Kletterressorts leben.
Damit unsere Retreats – sie gibt dieses Jahr drei Vajra Armor Retreats hintereinander – von Erfolg gekrönt sein werden, ist es essenziell, den wahren Besitzern des Geländes Respekt zu zollen.
Denn nur, wenn die örtlichen Naturgeister damit einverstanden sind, dass wir hier das Vajra Armor Mantra praktizieren, werden wir die erhofften Ergebnisse erzielen!
Dann geht sie mit uns den Zeitplan durch:
Nach dem Abendessen wird das Retreat feierlich eröffent werden. Zuerst werden wir im Schreinraum ein Tsog – ein Opferritual – zelebrieren, um den Segen der Buddhas, Bodhisattvas, Schützer und der örtlichen Naturgeister zu erhalten, sowie unliebsame Kräfte, die uns schaden wollen, zu befrieden und vor die Tür zu setzen.
Danach haben wir uns alle vor dem Eingang des Haupthauses zu versammeln.
An allen vier Himmelsrichtungen des Hanges werden wir ein Opferzeremoniell für die örtlichen Naturgeister vollziehen, um uns noch einmal ihrer Unterstützung zu versichern, und uns ihre Erlaubnis dafür einzuholen, dass wir hier praktizieren – und dafür das Gelände absperren.
Denn in diesem Zeremoniell werden in einem feierlichen Akt die Boundaries geschlossen!
Ich bin nicht die einzige, die das erste Mal dabei ist und mit Konfusion auf diese Ankündigung reagiert.
Bei den „Boundaries“ führt die Khandro deshalb aus, handele es sich um eine bunte Schnur, die rund um das Gelände des Ressorts gespannt wurde.
Nach dem feierliche Ritual des „Setting up of the Boundaries“ gelten innerhalb der Grenzen dieser Schnur besondere Regeln:
Zum einen ist jedes Sprechen verboten. Lediglich die Khandro selbst ist von diesem Gebot ausgenommen. Alle anderen müssen schweigen. Immer und überall. Egal was passieren wird.
„And“, die Khandro hebt mahnend den Zeigefinger und mustert einen nach dem anderen der vor ihr am Boden Sitzenden streng: „Crossing the boundaries is completely forbidden!“
Nach einer Kunstpause fährt sie fort: „Wenn auch nur einer der Teilnehmer diese Regel bricht, ist das Retreat für alle beendet!“
Das ist krass! So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Und ich habe schon einige Retreats absolviert.
Die Sache mit den „Boundaries“ hebt dieses Retreat auf ein komplett neues Level!
Denn die Regel bedeutet in der Praxis: Egal was passiert und in welchen physischen und psychischen Ausnahmezuständen wir uns während des Retreats wiederfinden mögen – wir müssen da durch!
Zum Wohle aller.
Alle für einen – einer für alle…
Als wir beim Abendessen sitzen – der letzten Mahlzeit, während der wir uns unterhalten dürfen – sind wir uns einige, dass dieses Retreat wirklich special werden wird.
Und dass wir alle ein bisschen verrückt sind, dass wir mitmachen. Und das auch noch toll finden!
Einer am Tisch – ein großer Tscheche – lacht begeistert auf: „It´s like Hogwarts! No muggles!“
Ich nehme Zuflucht zu meiner Khandro und werde zur Buddhistin. Deshalb bekomme ich einen neuen Namen – und ein mächtiges Mantra…
Die Khandro hat ebenmäßige klare Gesichtszüge. Ihr blondes glattes Haar trägt sie im Zopf.
Sie spricht breites Amerikanisch.
Warum ich Zuflucht nehmen möchte, fragt sie mich.
Ich bin so nervös, dass ich mich hinterher nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.
Auch das Ritual – das sicher eine halbe Stunde dauert – erscheint mir im Rückblick wie ein verschwommener Traum: Die Khandro mit ihrem prächtigen goldenen Hut auf dem Kopf, die tibetischen Worte, die sie murmelt, die glänzende Vase mit der Pfauenfeder, die sie immer wieder über meinen Kopf schwenkt, bevor sie das Safran-Wasser auf meinen Scheitel tropfen lässt…
Nachdem das Ritual überstanden ist, bekomme ich meine „Taufurkunde“ in die Hand gedrückt. Darauf vermerkt: der Name meiner Lehrerin, das Datum des Tages meiner Zuflucht und mein neuer tibetischer Name: Pema.
Das bedeutet „Lotosblume“.
Ich muss der Khandro versprechen, 10.000 Mal das Zufluchtsgebet zu rezitieren.
Erst dann werde ich wirklich Buddhistin sein.
Praktischerweise ist das Zufluchtsgebet vorne auf dem Zettel abgedruckt. Denn es wird mehr als zwei Jahre dauern, bis ich dieses Versprechen eingelöst haben werde.
Und es wird ziemlich genauso lange dauern, bis ich innerlich für mich akzeptieren kann, dass ich wirklich Buddhistin bin.
Am 14. Oktober 2019 nahm ich Zuflucht. Die Covid-Pandemie, die ein paar Monate später das Leben lahmlegen würde, gewährte mir eine Atempause.
Denn ich hatte nicht Zuflucht genommen, weil ich Buddhistin werden wollte. Ich hatte Zuflucht genommen, weil ich das Mantra wollte.
Vajra Armor.
Am Abend nach meiner Zufluchtnahme beginnt das Vajra-Armor-Retreat.
„Das Mantra ist mächtig“, erklärt uns die Khandro. „Guru Rinpoche Padmasambhava extrahierte es im 8. Jahrhundert aus den hundert stärksten Mantras seiner Zeit. Es reinigt von karmischen Spuren, heilt und schützt.“
Damit es seine Kraft entfalten kann, ist ein intensiver Übungsweg auf vier Ebenen notwendig.
Bald lerne ich, dass das Schweigen des Mantra eine andere Qualität hat. Und dass ich viel weniger geübt bin, in Stille zu sein, als ich erwartet hatte.
Während der nächsten drei Tage muss ich zuverlässig Vormittags und Nachmittags zu den „Beichtterminen“ antreten und der Khandro auf kleinen Zetteln gestehen, dass ich wieder einmal gescheitert bin.
Ein unbedachter Laut, ein gemurmeltes Wort – schon ist das Schweigegebot gebrochen.
Am Morgen des zweiten Tages versuche ich, einen verzweifelt flatternden Schmetterling durch das schmale Toilettenfenster ins Freie zu scheuchen. Im konzentrierten Versuch, ihn unbeschadet hinauszubefördern, rutschen mir ein paar Worte heraus.
Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.
„Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“
Eine noch größere Herausforderung als der flatternde Bodhisattva sind die Nächte. Die seltsamen Rituale, das konzentrierte Schweigen, das Gefühl, mit einer Gruppe Fremder auf engem Raum eingesperrt zu sein, dazu das konzentrierte Rezitieren des Mantras von Morgens bis Abends – ich träume wie auf Speed und spreche in den Träumen wie ein Wasserfall.
Die Khandro scheint nicht erstaunt darüber zu sein.
Zur Wiedergutmachung muss ich Kerzen über Kerzen vor dem Altar anzünden, Niederwerfungen praktizieren und – die härteste aller Strafen – Mantras rezitieren, die ich nicht zählen darf.
10.000 am Tag müssen es sein. So lautet die Regel.
Eine unvorstellbare Zahl!
Ich brauche alleine bis zum Mittag des zweiten Tages des Retreats, bis ich das Vajra Armor Mantra auswendig kann.
Es ist lang und kompliziert.
Außerdem muss es korrekt betont werden, damit es seine Kraft entfalten kann. Die Khandro versammelt die Anfänger unter den Teilnehmern täglich zwei Mal um sich und singt mit uns das Mantra in verschiedenen Melodien. Das ist eine gute Übung.
Nach drei Durchgängen beherrsche ich das Mantra, aber ich bin elend langsam.
Die Fortgeschrittenen klingen wie Nähmaschinen, die Perlen der Malas gleiten durch ihre Finger, während sie das Mantra rezitieren.
Ich stolpere mit schwerer Zunge von Perle zu Perle. Für eine Mala brauche ich anfangs fast eine Stunde. Am zweiten Tag schaffe ich in der selben Zeit zwei Malas, am dritten Tag drei.
Die Mala hat 108 Perlen.
10.000 Mantras, das sind fast 91 Malas!
An einem Tag!
Ich schaffe nicht mal dreißig und häufe „Schulden“ über „Schulden“ an. Alle fehlenden Mantras muss ich nach dem Ende des Retreats Zuhause nachholen.
Mir wird ganz anders: Das hatte ich mir einfacher vorgestellt!
Um halb fünf Uhr am Morgen des vierten Tages versammeln wir uns in Dunkelheit und Kälte vor der Haustür. Der Geko trompetet auf der Muschel. https://www.water-runs-east.eu/muschel/
Die Khandro rezitiert, opfert und trommelt auf der Dachterrasse. Die Sangha wandert von Zaunpfosten zu Zaunpfosten und holt die Schnur ein, die das Haus während des Retreats symbolisch abgeschlossen hat.
Danach treten wir – einer nach dem anderen – vor der Khandro über die Schwelle. Damit ist das Schweigegelübde aufgehoben.
Noch vor der Morgendämmerung zelebrieren wir im Schreinraum das Opferritual – Tsock – denn es muss beendet werden, bevor die Sonne aufgeht.
Um kurz nach sechs Uhr sind wir durch. Es ist seltsam, so früh am Morgen Wein zu trinken und Chips zu essen.
Noch seltsamer ist es, wieder sprechen zu dürfen. Es kostet mich gehörige Überwindung, mich an den Gesprächen zu beteiligen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.
Wir haben einen Tag Pause, danach wird es weitergehen. Ich bin auch für den zweiten Durchgang des Retreats angemeldet.
In Sanskrit lautet der Name der Göttin der Friedhöfe und Verbrennungsstätten „Krodhi Kali“. Die Tibeter nennen sie „Throma Nagmo“.
Sie repräsentiert die dunkle Seite des Lebens: Vernichtung, Tod, Zerstörung.
In der tibetisch-buddhistischen Throma-Praxis wird diese zornvoll-destruktive Energie gereinigt und zum Wohle aller fühlenden Wesen nutzbar gemacht.
Thorma gehört zu den anspruchsvollsten tibetisch-buddhistischen Praktiken, die mit der Visualisierung einer Buddha-Emanation arbeiten. Die Sadhana – der uralte Praxis-Text – ist lang und kompliziert. Der Einsatz der Musikinstrumente – Glocke und Handtrommel – anspruchsvoll.
Die Energie, die – durch die visualisierten Bilder, den Gesang, die Musik und die Rezitation des Mantras der Throma Nagmo – freigesetzt wird, ist schwer auszuhalten.
Throma Nagmo ist der Inbegriff aller Urängste.
Deshalb störte es mich nicht wirklich, dass ich – nachdem das erste Throma-Retreat überlebt war – nicht mehr mit der zornvollen Göttin des Todes in Berührung kam.
Obwohl ich ihr einen Schwur geleistet hatte!
Allerdings, ohne dass mir dies in diesem Moment bewusst gewesen war. Denn der liebenswerte nepalesische Lama, der mir die Einweihung und Übertragung für Throma gab, tat dies – wie es im Tantra Tradition ist – in Tibetisch.
Während der Zeremonie hatte ich den tibetischen Text vorschriftsmäßig mit ihm gemeinsam rezitiert. Allerdings hatte ich nur die Lautschrift gelesen, die unter den tibetischen Schriftzeichen stand. Ohne zu verstehen, was ich da eigentlich sagte.
Um mir gleichzeitig auch noch die englische Übersetzung durchzulesen, rezitierte der nepalesische Lama viel zu schnell.
Als das Zeremoniell vorbei war, nahm mich Uriel zu Seite. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass du einen Schwur geleistet hast?“, fragte er mich.
Ich schaute ihn blöde an: „Habe ich das?“
Er nickte ernst: „Du hast gerade eben das Gelübde abgelegt, dass Du Throma Nagmo immer ehren und ihr folgen wirst.“
Um seine Mundwinkel zuckte es: „Im Zufluchts-Text steht: Solltest du diesen Schwur brechen, wird ein zornvoller Beschützer der Throma Nagmo deine Halsschlagader mit seinen Zähnen und Klauen zerreissen und du wirst verbluten.“
Aha.
Gloomy prospects.
Aber jetzt war es passiert. Schwur war Schwur. Und Tantra-Schwüre sind noch einmal eine Kategorie für sich.
Am Ende des Retreats im März 2023 in Uriels Mühle wurde die Sache mit Throma für mich noch einmal komplizierter!
Als wir uns alle voneinander verabschiedeten, fragte ich den nepalesischen Lama, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich den zornvollen Gott Vajrakilaya zu meiner Hauptpraxis machen würde? https://www.water-runs-east.eu/vajrakilaya/
Nach anfänglichem Widerstand hatte ich mich in den blauen zornvollen Gott mit den acht Armen, den drei Köpfen und den Flügeln verliebt. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/
Die mächtige Buddha-Emanation Vajrakilaya – beschloss ich – sollte meine Hauptpraxis werden!
Denn jeder, der tibetisch-buddhistisches Tantra praktiziert, braucht eine Praxis, die er über einen langen Zeitraum täglich ausführt.
Zu meiner Enttäuschung schüttelte der kleine runde Lama entschieden den Kopf, als er mein Ansinnen vernahm.
„No, no!“, erklärte er mir freundlich, aber unerbittlich, „your pracitce is Throma!“
Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen!
Aber was der Lama sagt, gilt! Tibetisch-buddhistisches Tantra ist kein Gemischtwarenladen, indem man aus dem Regal nimmt, was am appetitlichsten aussieht. Es ist der Weg zur Erleuchtung.
Welche Praxis dem individuellen Schüler den Weg dorthin weißt, bestimmt der Lehrer. Er verschreibt die Sadhana wie eine Medizin.
Ich beugte mich also meinem Schicksal und versprach, in Zukunft Throma zu praktizieren.
Allerdings kam dann alles anders als geplant. In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert.
Eine Seltsamkeit jagte die nächste. Wunder geschahen am laufenden Band.
Erfreuliche Wunder – und solche, die sich erst im Rückblick als positiv herausstellten.
Die Verkettung dieser schrägen Geschehnisse hinderten mich daran, weiterhin Throma Nagmo zu huldigen.
Die friedvollste, mütterlichste und angstbefreienste aller tibetisch-buddhistischen Sadhanas.
Das absolute Gegenteil von Throma Nagmo.
Innerlich atmete ich auf. „Ich würde ja gerne Throma praktizieren“, erklärte ich der zornvollen Göttin des Todes im Stillen, „aber, wie du siehst, geht es nicht! Kein Lehrer, keine Sangha – ich kann nichts dafür!“
Throma Nagmo schwieg.
Nachdem meine Halsschlagader unverletzt blieb und sich mein Leben in positiver Weise entwickelte, ging ich davon aus, dass die Göttin der Friedhöfe ein Einsehen mit mir hatte.
Vor drei Wochen – in der Nacht vom achten auf den neunten Juli – stellte sich heraus: Sie hat mir nur eine Pause gewährt.
Eineinhalb Jahre, in denen ich meine Angelegenheiten in einer Weise ordnen konnte, die meiner Throma-Praxis günstig sind.
Denn in jener Nacht tauchte sie wieder auf. Der Traum, in dem sie mir erschien, war so kraftvoll wie verstörend.
Als ich am nächsten Morgen das Internet aufrief, stand ich immer noch unter Schock. Ich brauchte nur fünf Minuten, um zu tun, was zu tun war.
Zehn Tage später wickelte ich die Statue der Throma Nagmo aus ihrer Plastik-Hülle. In der Versandbox entdeckte ich zwei Gratis-Packungen tibetischer Räucherstäbchen – „handmade“ – und eine bunte Postkarte: „Thank your for ordering!“, las ich. Und: „With best greatings from Nepal!“
Throma Nagmo ist wieder in mein Leben zurückgekehrt.
Am 19. Juli 2024 hielt sie Einzug in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg.
Ich lasse die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten, während ich – wie immer vor dem Einschlafen – mein Mantra rezitiere. Das Licht der Straßenlaternen fällt durch die hohen Sprossenfenster. Aus dem Flur klingt gedämpft der abendliche Unfriede meiner verwunschenen Mitbewohner.
Die gelben Augen des Wolfs leuchten im Dämmerlicht vom Fußende des Bettes. Er hat sich lang ausgestreckt und lauscht meinem monotonen Murmeln, es ist sein Nachtgebet. Als ich alle 108 Perlen durch habe, drapiere ich die Mala auf dem Nachtkästchen, stelle den Wecker für die Morgenmeditation mit der Online-Sangha auf sechs Uhr und mache es mir im breiten Himmelbett bequem. Das Gewicht des Wolfs auf meinen Füßen spürend, visualisiere ich die wild in ihrem Feuerkranz tanzende und blaue Lichtstrahlen aussendende Krodhi Kali in meinem Unterleib und versuche das Bild – und die Energie die es begleitet – während des Einschlafens zu halten.
Es ist ein probates Mittel, unbewusste Prozesse und energetische Transformationen zu stabilisieren, habe ich gelernt. „Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf.“ Allerdings um den Preis wilder Träume und unruhiger Nächte. Als am nächsten Morgen der Wecker läutet, fühle ich mich völlig konfus. Habe ich geträumt, dass der Wolf irgendwann Nachts auf einmal dicht an mich geschmiegt an meiner Seite lag und mir seine feuchte Nase ans Ohr drückte? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn im Halbschlaf umarmte mit dem Gefühl, er wäre traurig und einsam.
Als der Wolf während der Morgenmeditation vor sich hin dösend neben mir auf dem dicken Schafwollteppich liegt, habe ich Sorge, er könne mich verlassen. Ich kann ihn, obwohl ich offen und präsent bin, nur noch schemenhaft erahnen, er scheint zu fließen. Ich spüre seine nur noch vage Präsenz – und gleichzeitig meine Hilflosigkeit. Er nährt sich nicht von meiner Energie, es liegt nicht in meiner Hand, für ihn zu sorgen. So unerwartet er in meinem Leben getreten ist, kann er auch jederzeit wieder verschwinden.
Ich konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, lausche dem Gesang der Vögel, der gedämpft durch das geschlossene Fenster an mein Ohr dringt und nehme wahr, wie das Licht im Raum von Minute zu Minute heller wird. Die Sonne geht auf.
Und gleichzeitig spüre ich in dieser friedlichen Stille im Außen die schmerzhafte Energie des Wolfs – und in meinem Inneren die wahnsinnige Angst davor, verlassen zu werden. Sie steigt aus meinem Unterleib auf, krallt sich an mein Herz und drückt mir den Atem ab. Ich versuche, mir beides einfach nur anzusehen – ohne es zu werten, es weg haben zu wollen, mir eine Geschichte darüber zu erzählen – und es auszuhalten. So wie ich es gelernt habe. Es ist die Essenz meiner Praxis: genau jetzt bin ich ganz bei mir. Krodhi Kali hat mich in ihren Fängen, hält mir den Spiegel vor: ich beobachte meinen verzweifelten Geist, wie er Rettungs- und Untergangsphantasien mit der Geschwindigkeit eines Quantencomputers entwickelt, verwirft, innerlich zusammenbricht, nur um erneut Kontroll- und Machtstrategien zu produzieren.
Ich spüre, höre, sehe, beobachte – die Stille um mich, die Angst und Verzweiflung in mir, den Wolf neben mir, meinen hysterischen Geist – alles gleichzeitig. Der Gong ertönt, die fünfundvierzig Minuten morgendliche Sitzzeit sind vorüber. Ich falte die Hände vor der Brust und rezitiere mit den anderen aus der Online-Sangha das Herz-Sutra. Danach hält die Zen-Lehrerin ein kurzes Tesho: „Shosho fragte den Meister: ‚Was ist Buddha?‘ Der Meister antwortete: Die weißen Rettiche sind dieses Jahr besonders prächtig geraten.“
Mein „weißer Rettich“ ist ein großer grauer Wolf. Während ich in der Camping-Küche das Espresso-Kännchen auf den Herd stelle, sitzt er neben mir und beobachtet konzentriert jede meiner Bewegungen. Er hat sich wohl entschlossen, erst einmal zu bleiben.
„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder.“ Novalis
Unbewegt läuft der große graue Wolf neben mir, den massigen Kopf wachsam erhoben, und streckt seine Nase in den Wind. Wir nehmen Schleichwege um die Fußgängerzone herum, die am Samstag zur Mittagszeit völlig überlaufen ist. An einer roten Ampel müssen wir warten, vor uns rauscht der Großstadtverkehr. Ich lege dem Wolf, der ruhig neben mir steht, die Hand auf den Rücken und spüre seine knochige Schulter unter dem zottigen Fell.
Die erste Nacht in Leipzig hat er im breiten Himmelbett zu meinen Füßen verbracht, wir haben jetzt mehr Platz als auf dem schmalen Lager in Uriels Retreathaus.
Der Wolf trägt den Umzug nach Leipzig mit Gleichmut, ich kann keine Veränderung in seinem Verhalten feststellen. Er ist ja auch nicht das einzige wilde Tier im Viertel: während des Einschlafens gestern Abend hörten wir die schrillen Schreie der Graureiher, die in den Kanälen im Licht der Straßenlaternen nach ihrer Beute fischen. Am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang wurde das heisere Bellen der Füchse vom vielstimmigen Krächzen der riesigen Krähenschwärme übertönt, die im nahen Zoo zu Hause sind. Waschbären wühlen in den Mülltonnen, Wildschweine durchpflügen den Park. Das Wilde lebt mitten unter uns. Mein Wolf kommt wohl nicht mal auf die Idee, er könne hier fehl am Platz sein.
Während ich am Nachmittag im Café auf meinem Laptop tippe, schläft er unter dem Tisch. Keiner der anderen Gäste ahnt, dass sich ein großer Wolf in ihrer Mitte befindet. Auch meine verwunschenen Mitbewohner wissen nichts von ihrem neuen Untermieter. Dabei ist er mehr DA, als mancher von denen, die um mich sind. Für mich verströmt er ungeheure Energie. Ich versuche immer wieder zu „sehen“ woher er sie wohl nimmt?
Die Retreats arbeiten weiter in mir, vor allem das letzte, Throma. Heute Nacht hörte ich im Schlaf wie aus weiter Ferne die dumpfen Schläge der Trommeln, das Läuten der Glocken, immer wieder übertönt vom schrillen Tröten der Knochentrompeten. Alles um mich war schwarz, ich schien wieder durch die Höhlen meines Inneren zu wandern, den Wolf wie immer schützend an meiner Seite. Allerdings war er auf einmal größer als ich. Während ich mich darüber wunderte, bemerkte ich, dass ich nicht auf zwei Beinen unterwegs war, sondern auf vier weißen Pfoten! Auch meine Wahrnehmung hatte sich verändert: ich schien mehr zu riechen, zu hören und zu spüren als zu sehen, die Dunkelheit um mich stellte kein Hindernis für meine Orientierung dar. Unter Mühen gelang es mir, den Fokus zu verändern und vom Traumsubjekt zum Objekt zu werden. Ich sah auf einmal aus der Beobachterposition, wie der Wolf durch eine dunkle Höhle schlich – und neben ihm ein grau-weißer Husky mit meinen blauen Augen! Im Traum war ich vom Menschen zum Hund geworden!
Als wir im diffusen Licht der Abenddämmerung durch den Clara-Park nach Hause laufen, sinniere ich über den Traum und beobachte währenddessen den Wolf, der, die Nase am Wegesrand, ein paar Schritte vor mir her trabt.
Auf einmal überkommt mich wieder das vage Gefühl, eine „Grenze“ erkennen zu können, an der er sich entlang bewegt. Er repräsentiert so etwas wie eine Schnittstelle, kommt mir vor. Es ist, als würden zwei energetische Felder aufeinander treffen. Er bewegt sich – und gehört – zu meiner Realität. Gleichzeitig scheint der stete Energiestrom, der ihn nährt, aus einer Quelle zu stammen, die jenseits meines Universums liegt. Es ist, als würde etwas auf der anderen Seite dieser Grenze in einem stetigen Strom gleichförmig mit mir fließen, dessen gewaltige Energie sich konstant rechts von mir „verknotet“. Eine energetische Verdichtung, deren intensive Wellenbewegungen in mir das imaginative Bild eines langbeinigen hageren zottigen Wolfs auslösen.
„Lass die Spekulation“, ermahne ich mich „mach keine Story draus!“ Ich bin froh, dass er bei mir ist. Warum auch immer…
Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum hat unsere Energie ausgerechnet diese banale menschliche Form angenommen? Warum nur hat es uns auf diesen winzigen blauen Planeten verschlagen, der irgendwo in einem unwichtigen Winkel des Universums um eine unbedeutende Sonne kreist?
Etwa drei Milliarden Herzschläge, eine halbe Milliarde Atemzüge sind uns gegeben, wenn wir unsere Lebensspanne ausschöpfen dürfen, bevor wir diese Existenz wieder verlassen werden.
Wofür? Wozu?
Zen ist an dieser Fragestellung nicht interessiert. Wir sind da, das genügt. Jede Idee, warum wir existieren, ist einzig wieder Konzept, dass uns davon abhält, einfach nur DA zu sein. Über den Sinn des Lebens zu reflektieren ist nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv. So habe ich es gelernt.
Allerdings stand immer Willigis dagegen, der Zen-Meister, aber gleichzeitig Mystiker war. Und Priester. Das wohl zu allererst. „Warum bist Du da?“ hat er immer wieder gefragt.
„Aus tiefstem Herzen sage ich Euch allen: Immer geht es um Leben und Tod. Alles vergeht und kein Verweilen kennt der Augenblick. Darum seid immer wachsam, nie nachlässig, nie vergesslich.“ Das ist der Spruch, mit dem der Assistent jedes Sesshin am Hof eröffnet und mit dem wir am Ende auch wieder entlassen werden. So viel zur Idee, Meditation würde der Entspannung dienen.
Sowohl Zen als auch Tantra sind Teil des Mahajana-Buddhismus. In dieser Tradition ist das Ziel nicht nur die eigene Verwirklichung, sondern die Erlösung aller Lebewesen. Deshalb ist das Ideal des Mahajana-Buddhismus der Bodhisattva: ein Praktizierender, der auf dem Weg so weit fortgeschritten ist, dass er Erleuchtung – und damit das Eingehen ins Nirvana – erlangen könnte, aber freiwillig so lange immer wieder menschliche Existenz annimmt, bis auch das letzte Lebenwesen von Leid befreit sein wird. In der Zen-Praxis sind es die „vier großen Gelübde“ im Vajrayana „Bodhicitta“ – aber das Prinzip ist das gleiche. Rituell wird als Teil der Praxis der Wunsch ausgedrückt, Erleuchtung nicht nur zum eigenen Nutzen zu erlangen, sondern zum Wohle aller.
Wie das Bodhisattva-Gelübde im Alltag am Besten gelebt werden kann, ist eine komplizierte Frage. Wann ist man auf dem Weg so weit fortgeschritten, dass man berufen, verpflichtet und kompetent genug ist, Anderen zu helfen? Wo enden Narzissmus und Selbstausbeutung, wann beginnt spirituelle Verpflichtung? Ein schwieriges Thema: so mancher, der weit fortgeschritten ist, traut sich nichts zu – und viele, die es nicht sind, fühlen sich berufen, obwohl sie nur Unheil anrichten.
Auch hier lauert Mara an jeder Kreuzung.
Seit etwa einem Jahr passiert es mir immer wieder, dass mir etwas gesagt wird in der Art von: „So jemanden wie dich hatte ich mir gewünscht.“ Oder: „Du bist das, was mir gefehlt hat.“ Die etwas melodramatische Version „Dich schickt der Himmel!“ habe ich auch schon zu hören bekommen.
Meine aktuelle Hypthese dazu ist, dass ich eine Art „Mary Poppins für schwierige Fälle“ zu sein scheine. Ich komme nicht mit dem Ostwind zu netten Kindern gesegelt, sondern treffe in allen möglichen – und des öfteren unmöglichen – Situationen auf Menschen, die irgendwie in ihrem Leben feststecken. Es kommt mir zumindest so vor, als wäre es das, was alle gemeinsam haben, so verschieden sie auch sonst sind.
Und man scheint sich mich wünschen zu müssen, sonst klappt es nicht. Ich weiß, es klingt völlig abgedreht und ziemlich narzisstisch, aber – wie gesagt – es ist das, was mir immer wieder mitgeteilt wird.
Das Experiment läuft noch, es liegen lediglich Zwischenergebnisse vor. Die bisher erhobenen Daten lassen sich so interpretieren, dass es das eine ist, sich jemanden wie mich zu wünschen. Und etwas völlig anderes, mit den Konsequenzen meiner Präsenz klar zu kommen.
Ich scheine immer so etwas wie eine Einladung zu sein, die man annehmen oder ausschlagen kann. Die Ausfallquote ist hoch, habe ich gelernt. Die „schwierigen Fälle“ treffen unter den wunderlichsten Umständen auf mich. Aber sich in der Tiefe auf mich einzulassen um den enstprechenden Nutzen für das eigene Leben daraus ziehen zu können, ist nicht vielen von ihnen gegeben. Die meisten tauchen auf, freuen sich, erschrecken kurz darauf zutiefst und verschwinden wieder.
„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. So versuche ich es zu handhaben: wer auf mich trifft und mit mir etwas anzufangen weiß, den versuche ich anzunehmen, auch wenn er nicht meinen Vorstellungen entspricht oder ich eigentlich gerade etwas anderes vorhatte. Und wer mich wieder verlässt, obwohl mir mein Gefühl sagt, dass er eigentlich bleiben sollte, den lasse ich ziehen. Eine interessante und des Öfteren herausfordernde Übung in Akzeptanz.
Ich bin gespannt, was noch aus dieser Mary-Poppins-Sache werden wird. Es scheint die aktuelle Resonanz im Außen auf das zu sein, was sich in meinem Inneren abspielt. Alles ist fluide, in jedem Augenblick kann es anders sein. Schon morgen können alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie auf mich treffen. Ich würde mich zähneknirschend – und sicher des Öfteren wenig erfolgreich – darin üben, es ok zu finden.
Warum wir in diese Existenz hineingeboren wurden, werden wir nie wissen, denke ich. Deshalb hat Zen recht, dass es müßig ist, ein Konzept daraus zu machen. Und Willigis hat recht, dass er trotzdem so beharrlich danach gefragt hat: es ist unserer Natur eingeschrieben, dass wir für etwas leben wollen, das über die eigene Existenz hinaus reicht. Lebewesen von Leid befreien zu wollen auf eine Art und Weise, die uns entspricht und Anderen angemessen ist, löst das Boddhisattva-Versprechen ein – und ist eine Antwort auf Willigis Frage, die ihn wohl gefreut hätte.