
Am nächsten Morgen liegt auf meinem Schreintischen eine Kangling. Uriel hat sie mir hingelegt, damit ich lerne darauf zu spielen. Und mir erklärt, woraus sie gemacht ist: aus einem menschlichen Oberschenkelknochen. Ich nehme auf meinem Kissen Platz und fixiere die Knochentrompete, die zwischen Glocke und und Trommel direkt vor meiner Nase liegt.
Krodhi Kali – die Dakini, der Throma gewidmet ist – ist die „Königin der Friedhöfe.“ Sie ist der „Schatten“, die dunkle Seite des weiblichen Aspekts der Buddha-Natur und repräsentiert den Übergang zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Sie ist die Schutzheilige des Chöd – des Opfer-Rituals der „Abtrennung“ – das dazu dient, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und traditionell an Verbrennungsstätten der Toten und Friedhöfen abgehalten wird.
Mit dieser Form des Chöd bin ich schon während meiner Ngöndro-Praxis zu Beginn meiner Vajrayana-Laufbahn in Berührung gekommen. Über Wochen visualisierte ich – ein Mantra rezitierend – täglich das Häuten und Entbeinen meines eigenen Körpers. Meine Knochen dienten als Brennholz. Aus meiner Schädelschale wurde ein Suppenkessel, den ich auf meinen lodernden Knochen platzierte und in dem ich mein eigenes Fleisch kochte, das ich zum Abschluss des Rituals den Buddhas und Boddhisattvas als Opfer darbrachte.
Auch das hatte mich anfangs Überwindung gekostet, aber es war einfach etwas gewesen, was ich mir ausgedacht hatte. Die Knochentrompete dagegen ist Fakt: irgend ein Mensch von zierlichem Körperbau im fernen Nepal hat gelebt, ist gestorben und ich sitze hier und jetzt in einem deutschen Schreinraum und bin gezwungen, seinem Oberschenkelknochen Töne zu entlocken. Was schon alleine technisch nicht einfach ist. Nachdem ich im Januar während des Vajra-Armor-Retreats schon schmählich daran gescheitert bin, auf der großen weißen Muschel zu trompeten, habe ich nichts anderes erwartet. Aber eine Muschel ist eine Muschel – und ein Oberschenkelknochen ist ein Oberschenkelknochen!
Ich presse trotzdem am Anfang jeden neuen Kapitels des Rituals die Kangling an meine Lippen und blase hinein, auch wenn ich weiß, dass ich keinen Ton zustande bringen werde. Hier geht es nicht um das Geräusch – die Anderen trompeten laut genug – sondern um den psychologischen Effekt. Selten hat mich etwas so verstört wie dieses makabre Musikinstrument. Ich beobachte mich wieder und wieder dabei, wie ich mich automatisch emotional völlig „ausschalte“, sobald ich die Knochentrompete an die Lippen drücke. Das Anfassen ist auszuhalten, stelle ich fest, aber das Ding „zu küssen“ – ein höchst intimer Akt – überfordert mich völlig. Ich dissoziere ein ums andere Mal komplett und schaffe es nur in Spurenelementen, wieder in Kontakt mit meinen Emotionen zu kommen.
Und es ist nicht nur die Kangling, die mich ausknockt. Das ganze Throma-Ritual ist eine einzige Überwältigung. Schon alleine der Krach! Bei Zen-Retreats wird darauf geachtet, das die Umgebung so reizarm als möglich ist. Alle Farben sind gedämpft, das Essen mild, intensive Gerüche – wie Parfum – sind verboten. Nichts im Außen soll die Sinne anregen. Es geht darum, den Geist vollkommend zur Ruhe zu bringen. Nach ein oder zwei Tagen in einem Sesshin spürt man, wie die Sinne wacher und wacher werden. Auf einmal hört man das gleichmäßige Plätschern des Springbrunnens im Hof. Die Intensität des Geschmacks des Mittagessens, das man im Alltag fade finden würde, ist überwältigend. Der Duft der Blumen im Innenhof, an denen man Anfangs achtlos vorbeilief, wird von Tag zu Tag betörender.
Ich liebe Stille und Klarheit. Und jetzt das!
Über Stunden dröhnen ununterbrochen die Trommeln, dazu klingeln – mehr oder weniger im Takt – die Glocken, die jeder der Teilnehmer in der linken Hand hält. Die stete Melodie des Mantras, das alle vor sich hin singen, wird von dem Klangteppich fast vollständig verschluckt. Zwischendurch kommt noch das laute Trompeten der Kangling oben drauf. Und es ist nicht so, dass wärendessen die Trommeln schweigen würden! Der Rinpoche beherrscht es meisterhaft, in der linken Hand gleichzeitig Glocke und Trompete zu halten und zu tröten, während er dazu in der rechten Hand weiter im Takt die Trommel dreht.
Die Kombination aus kompletter Reizüberflutung und Multitasking-Ansprüchen, denen ich nicht im Ansatz gewachsen bin, lässt mein Gehirn regelrecht zusammenbrechen. Ich kann nicht mehr denken, stelle ich fest. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand Beton in den Schädel gegossen.
Irgendwann komme ich wieder so weit zu Bewusstsein, dass ich zumindest in der Lage bin, einen strategischen Plan zu entwickeln: zuerst muss ich lernen, die Trommel im Takt zu schlagen, danach kommt die Glocke dazu und irgendwann auch die Kangling. Und wenn ich weiterhin dem Rinpoche eisern an den Lippen klebe, werden sich die Melodien der Mantras, die er in einem schönen hüpfenden Singsang von sich gibt, im Prozess der Osmose von selbst in meinem Gehirn festsetzen. „Schritt für Schritt“, ermahne ich mich, „dann wird das schon werden.“
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