Nach unserem Vajrayana-Einführungwochenende im Retreathaus am Ende der Welt sind Maria und ich mit den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis konfrontiert.

Wir stehen in der warmen Frühlingssonne auf dem Gehweg gegenüber der Araltankstelle. Genau hier hat uns Suriyel vor zwei Wochen aufgelesen, um uns ins Retreathaus ans Ende der Welt zu bringen. Maria sollte zwei Tage lang eine Einführung in den Vajrayana-Buddhismus bekommen und nebenher wollten wir Uriel bei der Renovierung des historischen Pferdestalls helfen.

Maria lädt die App des Fahrradverleihs herunter und nach ein bisschen hin und her springen mit lautem Klacken die Schlösser der beiden Räder auf. Zuvor haben wir uns noch im Konsum um die Ecke für ein Picknick eingedeckt. Mit den Rucksäcken in den kleinen Körben vor den Lenkern radeln wir zu einem der künstlichen Seen im Leipziger Umland. Es war Marias Idee, den Samstagnachmittag am Strand zu verbringen: so neben der Spur, wie wir beide wären, bräuchten wir Entspannung.

Das Vajrayanawochenende im Retreathaus am Ende der Welt hat uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin erstaunt – und habe Maria gegenüber ein schlechtes Gewissen – denn so war es nicht gedacht gewesen. Alles sollte völlig harmlos ablaufen: Maria sollte mit ein paar nette Basics vertraut gemacht werden, damit sie eine Idee davon bekommen würde, um was es eigentlich geht. Und sich überlegen kann, ob tibetisch-buddhistische Mediationspraxis etwas ist, mit dem sie sich weiter beschäftigen möchte. Eine Dreiviertelstunde Riwo Sangchö am Morgen, eine Stunde Chenrezig am Abend – mehr war es nicht gewesen.

Und ich hatte aus gutem Grund Suriyel gebeten, die Einführung zu übernehmen: ich kenne niemanden, der eine friedlichere und entspanntere Praxis hat als er.

Und dann so etwas!

Ich fühle mich auch zwei Wochen nach unserer Rückkehr, als hätte ich ein Hardcore-Retreat hinter mir – und nicht ein langes Wochenende mit gerade mal zwei Stunden Praxis am Tag.

Und auch Maria – die lediglich zwei Tage im Retreathaus am Ende der Welt verbracht und nicht mehr als zwei morgendliche Riwo Sangchö und ein abendliches Chenrezig miterlebt hat – alles harmlose und der Überwältigung unverdächte Rituale – wirkt, als hätte sie mit knapper Not einen spirituellen Frontalzusammenstoß überlebt.

Wir leiden beide unter den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis – auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das geschehen konnte. Aber die Symptome sind wie aus dem Lehrbuch: während der Praxis intensive Erfahrungen, begleitet von extremen Emotionen. Dann der Moment vollkommener Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt – und danach der Zusammenbruch.

Der gewollt ist. Denn das ist der Sinn jeder buddhistischen Meditationspraxis: „Das ‚Ich‘ soll sterben.“ Und es klingt nicht nur martialisch – es fühlt sich auch so an. Nichts ist für unseren Geist beängstigender, als Glaubenssätze aufgeben zu müssen, über die wir uns definieren.

Am Strand angekommen, breite ich die Decke aus. Maria drapiert den Käse appetitlich auf einem Holzbrettchen, platziert noch ein paar Erdbeeren darauf, füllt die Weingläser und macht erst mal ein Foto für ihren Instagram-Account. Danach holt sie die Soundbar heraus und wir sind wieder mit unserem Grundproblem konfrontiert: sie mag keinen Indie und ich finde Miley Cyrus grausig – schließlich einigen wir uns auf Bruno Mars.

Während der verkündet, dass er frisch rasiert sei und seine Tür offen stehe, trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – und essen Erdbeeren und Käse. Danach lege ich Maria die Karten, die – wie erwartet – erklären, dass alles nicht so furchtbar ist, wie sie gerade denkt. Sie seufzt schwer: „I know! But I am overthinking all the time!“

Ich kann ihr nur recht geben, mir geht es nicht anders. Auch mein Verstand arbeitet wie auf Speed. Im Gegensatz zu ihr kenne ich dieses Phänomen gut.

Die vollkommene Stille in der Meditation lässt den Wächter, der im normalen Leben dafür sorgt, dass unbewusste Inhalte vom gewöhnlichen Denken ferngehalten werden, zur Seite treten. In diesem Moment öffnet sich in der Seele eine Tür – und Körper und Geist werden schlagartig mit vorher abgespaltenen Emotionen und Bildern überschwemmt. Das ist der Mechanismus, der Meditation zu einem so mächtigen wie gefährlichen Instrument für die seelische Stabilität macht: jeder, der anfängt zu meditieren, muss sich bewusst sein, dass er genau darauf hinarbeitet und, bei entsprechender Disziplin, auch dorthin gelangen wird. Früher oder später wird sich die Tür zum Unbewussten öffnen – und niemand kann ihm sagen, was daraus hervor treten wird.

Maria ist glücklicherweise nicht mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Eine Retraumatisierung durch das plötzliche Aufbrechen abgespaltener Erinnerungen ist eines der Risiken buddhistischer Meditation. Aber die alternativen Perspektiven auf ihre Persönlichkeit und ihren Lebensentwurf, die während der Meditation aufstiegen, sind für Maria schon überwältigend genug.

Das „overthinking“ ist der Versuch des rationalen Geistes, die vorher verdrängten Bilder und Emotionen irgendwie einzufangen und in vertraute Denkmuster zu pressen, um das Selbstbild wieder zu stabilisieren.

Wenn die Meditation intensiv genug war – und das war sie bei uns, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das mit dieser Mini-Praxis zugegangen sein kann – klaffen neue Meditationserfahrungen und alte Konzepte so weit auseinander, dass der Geist geradezu Amok läuft. Ich habe gelernt, mir meine wild jagenden Gedanken freundlich anzusehen und die extremen Trauer-, Unlust- und Bedrohungsgefühle, die diesen Prozess begleiten, geduldig auszuhalten.

Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Übergangsphase ist. Nach einiger Zeit fügt sich der Geist, nimmt die Bilder aus dem Unbewussten an und integriert sie in ein neues Selbst- und Weltverständnis. Am Ende dieses Prozesses findet man sich reifer, authentischer und gelassener wieder.

Bis zum nächsten Retreat: dann geht der Spaß von vorne los…