
Während der Nacht frisst mich das Retreat. Im Kopf dröhnt monoton der Rezitationstext, tibetische Silben wandern gleichförmig an meinen Augen vorbei. Schlafe ich, bin ich wach? Meditiere ich? Werde ich verückt? Alles ist möglich.
Mein Körper ist so fluide wie meine Seele. Ich bin Vajrakilaya. Im Schlaf schlinge ich meine sechs Arme um meine Gefährtin, drücke sie an meine Brust. Sie streckt im Halbschlaf ihre Hand aus und streicht mir über die Wange.
Die Perspektive verändert sich: auf einmal sehe ich von der Zimmerdecke auf das Bett hinunter. Dort schläft – seine Gefährtin in den Armen haltend – der riesige blaue Vajrakilaya und neben ihm auf dem Boden wacht ein großer grauer Wolf!
Es ist einer der der Hüter Vajrakilayas, wird mir bewusst. Der nepalesische Rinpoche hat mir am Abend beim Spaziergang mit Uriels kleinem weißem Hund von ihnen erzählt. Sie bewachen das Mandala – Vajrakilayas heiligen Hain – vor bösen Kräften. Manche sind friedvoll, manche zornvoll. Der mit dem Wolfskopf gehört zu den zornvollen Beschützern. Jetzt hat er sich vor meinem Bett eingefunden.
Wir verbringen die Nacht zusammen: Vajrakilaya, seine Gefährtin, der wachsame Wolf – und irgendwo dazwischen ich.
Am nächsten Morgen fühle ich mich erschöpft. Der letzte volle Tag des Retreats steht an, wir beginnen bereits um halb acht Uhr morgens. Die Zeremonie muss vor Sonnenuntergang beendet sein.
Als wir uns bis zum Wurzel-Mantra und der ersten Meditationseinheit durch den Text gearbeitet haben, finde ich mich als Vajrakilaya tanzend auf einem riesigen Berg feiner Asche wieder. Ich fühle sie unter meinen Fußsohlen, ihr Staub vermischt sich mit den Feuerzungen, die mich umspielen. Ich sehe mich um: während der Nacht sind meine inneren Feinde – die weißen Vampire – vollständig verbrannt. Nichts ist von ihnen übrig geblieben als grauer Staub, der vom Wind davon getragen wird.
Eigentlich sollte sich ein unsterblicher zornvoller Gott nicht erschöpft fühlen. Ich bin es trotzdem. Im Lotossitz nehme ich vor dem heruntergebrannten Scheiterhaufen Platz. Mit den Augen des roten Kopfs sehe ich links von mir einen jungen Baum. Mit den Augen des weißen Kopfs sehe ich rechts von mir – den grauen Wolf! Er liegt im Gras, das Haupt wachsam erhoben und scheint sich an der Hitze, die mein Feuerkranz verbreitet, nicht zu stören.
Mit dem dritten Augen auf der Stirn des mittleren blauen Kopfs sehe ich über den Scheiterhaufen hinweg in das Innere des Berges hinein. Dorthin, wo ich gestern die weißen Vampire entdeckt und vernichtet habe. Tief in seinen Gedärmen versteckt sich ein weiterer Feind. Es ist der riesige schwarze Schatten, der blitzschnell aufsprang und durch den Ausgang floh, als ich die Höhle der Vampire betrat.
Mein Wolf hat den Schatten ebenfalls wahrgenommen. Er reckt witternd seine Schnauze in Richtung des Berges, zieht knurrend die Lefzen hoch und zeigt seine spitzen weißen Zähne.
Ich habe keine Ahnung, was sich hinter diesem hastenden Schatten verbirgt. Ich weiß nur, dass er gefährlich ist. Viel gefährlicher als die weißen Vampire. Und mächtig. Selbst der machtvolle Vajrakilaya mit seinen waffenstarrenden sechs Armen wäre ihm nicht gewachsen. Es bedarf weiterer Fähigkeiten, Mittel und Hilfe, um es mit ihm aufzunehmen. Die Zeit ist noch nicht gekommen, den Eingang in das Innere des Berges zu betreten und den Feind zu stellen.
Der Hüter-Wolf legt, den Blick weiterhin wachsam auf den Berg gerichtet, den Kopf auf die Vorderläufe. Wir warten ab. Alles wird sich finden.
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