
Nachts weckt mich der Wolf. Er hat seinen Platz am Fußende des Bettes verlassen und streckt mir die feuchte Schnauze ins Gesicht. Schon steht er an der Zimmertür. Im Dunkeln steige ich in meine Hausschuhe, nehme automatisch das Handy vom Nachtkästchen und trete mit ihm in den stillen Flur.
Alle schlafen. Ich wohl auch. Es ist ein Traum, denke ich mir, und beobachte mich dabei, wie ich unter dem erwartungsvollen Blick des Wolfes die Haustür aufschließe und ihm über die Auffahrt in den Wald auf der anderen Seite des Bachlaufs folge. Über uns leuchten die Sterne am nachtschwarzen Himmel, in den hohen Kronen der Kiefern rauscht der Wind. Irgenwo im Gebüsch knackt es. Wo will der Wolf nur um diese Uhrzeit mit mir hin?
Auf einmal verändert sich die Szenerie: ich folge dem grauen Schatten über eine große Wiese, der von Sternen übersähte Nachthimmel spendet sanftes blaues Licht. Vor uns ragt der hohe kahle Berg auf, in dem ich als Vajrakilaya die weißen Vampire niedergemetzelt habe. Zielstrebig läuft der Wolf zum Eingang der Höhle. Dort bleibt er stehen und sieht sich nach mir um. Als ich zu ihm aufgeschlossen habe, verschwindet er in die Dunkelheit des schmalen Gangs. Diesmal bin ich kein sechsarmiger Gott im lichtspendenden Feuerkranz, ich tappe blind in Hausschuhen und im Schlafanzug in die Finsternis. Ein Glück, dass ich das Handy dabei habe, ich schalte die Taschenlampe an, so geht es besser. Vor mir trabt wachsam der Wolf dahin, die Nase in die Höhe haltend und nach allen Seiten witternd. Erstaunlicherweise habe ich keine Angst: ich habe einen großen starken Begleiter, das genügt, um meine Nerven zu beruhigen.
Wir durchqueren die Höhle der Vampire, sie ist vollkommend leer. Es geht weiter in den Berg hinein, ich spüre – während ich mich dabei beobachte, wie ich durch den schmalen Gang gehe – das vertraute schmerzhafte Ziehen im Unterleib.
Irgendwo vor uns flackert blaues Licht. Im Näherkommen erkenne ich den Durchgang zu einer weiteren Höhle. Als uns nur noch wenige Meter vom Eingang trennen, setzt sich der Wolf auf seine Hinterläufe und starrt unbewegt geradeaus. Ich folge seinem Blick – und sehe Kadhro Kali! Sie windet und dreht sich wie wahnsinnig, ihr hässliches Gesicht ist in Ekstase verzerrt. Um sie schlagen die Feuerzungen in die Höhe, aus ihrem Herzen jagen blaue Lichtblitze in alle Richtungen davon, gleichzeitig wird weißes Licht in ihrem Brustkorb absorbiert.
DAS war das Monster, vor dem ich mich so gefürchtet hatte, dass ich es als unsterblicher sechsarmiger, bis an die Zähne bewaffneter zornvoller Gott nicht gewagt hatte, ihm entgegen zu treten!
Ganz falsch war es nicht, denke ich, während ich das so faszinierende wie abstossende Schauspiel vor mir beobachte. Krodhi Kali ist viel mächtiger als Vajrakilaya. Er zieht seine Klarheit aus seiner mentalen und physischen Stärke, sie ist die Herrin über Leben und Tod.
In der Tiefe sind wir alle Krodhi Kali. Wir sind wilde Tiere, die nur den Gesetzen der Natur verpflichtet sind. Wir wollen überleben, fressen, uns fortpflanzen. Wir brauchen Gemeinschaft. Wir wollen eins sein mit der Natur. Am Ende werden wir sterben, unsere Körper werden verwesen. Es ist so natürlich wie alles andere, das uns ausmacht.
Krodhi Kali schenkt ihre Kraft und Weisheit in den Lebenssituationen, in denen wir mit dem Rücken zur Wand stehen und alles um uns zusammenbricht. Wenn nichts mehr geht, alle Hoffnung, an die wir uns geklammert hatten, verloren ist. Wenn auch die letzte Illusion stirbt, die verzweifelteste Rettungsphantasie vergebens ist – dann ist sie da.
Nie begegnen wir ihr direkter als zu Beginn und am Ende unseres Lebens.
Der Wolf ist an meiner Seite erschienen, weil er diese Kraft in sich trägt – und sie in mir spürt. Wir sind Seelen-Gefährten, in der Tiefe bin ich so wild und ungezähmt wie er.
Ich wache auf. Mondlicht fällt durch einen Spalt der Jalousien und lässt das weiße Schnauze des Wolfs aufleuchten, der zu meinen Füßen zusammengerollt auf der Bettdecke schläft.
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