Am Freitag die erste Ahnung eines Sogs. In der Frühlingssonne vor einem Café in der Altstadt sitzend, glaube ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Flirren wahrzunehmen. Es kommt mir vor, als würde sich der Raum um mich auf unerklärliche Weise weiten. Auf dem Weg nach Hause das Gefühl, unter Strom zu stehen. Wirre, nur vage fassbare Bilder ziehen an meinen Augen vorbei. Der Wolf läuft unbeeindruckt von Straßenlärm und Menschenmassen neben mir her. Was immer gerade geschieht, es scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

Die konfuse Ahnung wird am Samstag zur Gewissheit: Die Dinge sind wieder in Bewegung geraten. Zuerst eine Textnachricht: Maria und ich würden nächstes Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt erwartet, schreibt mir Suriyel, der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo. Er würde uns in Leipzig abholen und dorthin mitnehmen. Wir könnten gemeinsam praktizieren und die Renovierungsarbeiten am Seminarraum im historischen Pferdestall abschließen. Ich frage Maria, ob sie Lust auf Buddhismus und Wände streichen hat? Sie sagt ja.

Am Sonntag eine Nachricht von Uriel: der Khenpo wäre zusammen mit seinem Assistenten im Retreathaus am Ende der Welt eingetroffen. Ich bin überrascht über den Besuch, Uriel hat mir vorher nichts verraten. Vor sieben Jahren haben Uriel und ich uns bei bei den Ngöndro-Teachings dieses Khenpo – der Ehrentitel des Abts eines buddhistischen Klosters – kennengelernt. Uriel darf sich mit hochgestellten Gästen schmücken: der Khenpo ist nicht irgendwer, sondern das Oberhaupt eines Klosters in Kathmandu und einer der Linienhalter der Bönpos – einer der beiden alten schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus – und ein Mann von großer Kenntnis und Macht. Was man ihm nicht ansieht: in westlicher Kleidung würde der kleine schmale Mann mit seinem eleganten Englisch und seinem freundlich zurückhaltenden Auftreten als Manager oder Wissenschaftler durchgehen. Aber nein, er ist Schamane. Und was für einer!

Zwei Tage lang wird das Oberhaupt der Bönpos uralte Rituale durchführen, um die Naturgeister auf den Gründen des Retreathauses zu befrieden, negative Energie fernzuhalten und alle Dimensionen und Sphären wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Etwas besseres kann einem Ort, an dem Tantra praktiziert und meditiert wird, nicht geschehen.

Wie gesagt: die Dinge sind in Bewegung geraten…