Der achtarmige dreiköpfige geflügelte zornvolle Gott Vajrakilaya löst heftigen Widerstand in mir aus…

Vajrakilaya mit seiner Gefährtin

Irgendwann während der Nacht wache ich auf, etwas kitzelt im Gesicht. Ich taste in der Dunkelheit. Es dauert, bis ich realisiere, dass ich einen der beiden wedelartigen Grashalme in der Hand halte, die uns der kleine nepalesische Rinpoche während der mehr als dreistündigen Einweihung überreicht hatte. Wir sollten einen der Halme unter die Matratze legen, den anderen unter das Kopfkissen, wurde uns aufgetragen. Dann würden uns unsere Träume Aufschluss über unsere Praxis geben.

Ich stopfe den halb zerbröselten Wedel wieder unter das Kopfkissen. Bevor mich der Halm geweckt hat, habe ich von einer aufgeschnittenen Ananas geträumt. Das ist nicht die erschütternde Traumbotschaft, die ich nach einem Retreattag wie dem vergangenen erwarten hätte.

Der zornvolle blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen, sechs Armen, seinen Flügeln und seiner Gefährtin, die er – kaum sichtbar – vor sich auf der Brust trägt, während er unter den Füßen seine Feinde zermalmt, hat sich als unüberwindbares Hindernis entpuppt. So erfreut ich darüber war, wie wenig inneren Widerstand die weibliche zornvolle Gottheit Simhamukha ausgelöst hat, so frustriert bin ich über Vajrakilaya. Mich selbst als löwenköpfige Simhamukha zu visualisieren, hat mir regelrecht Spaß gemacht: es war, wie an Fasching ins Hexenkostüm zu schlüpfen.

Aber mich in einen männlichen zornvollen Gott zu verwandeln? No way! Jedesmal, wenn ich die Postkarte mit seinem Bild, das ich vor mir an meinen Kaffeebecher gelehnt habe, ins Visier nehme und versuche, irgendwie mit ihm in Kontakt zu kommen – ich brauche eine Idee seiner Energie, damit ich mich in ihn „verwandeln“ kann – überkommt mich bleierne Erschöpfung. Es ist, als würde jemand wie auf Kommando mein Hirn ausschalten. Das verdammte Wurzelmantra, das wir rezitieren müssen, während wir uns selbst als Vajrakilaya visualisieren, kann ich mir auf den Tod nicht merken. Bei Simhamukha brauchte ich eine Viertelstunde, bis ich es auswendig konnte. Die eine Zeile für Vajrakilaya will einfach keine Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen. Er macht mich fertig!

Während des Mittagessens klage ich dem amerikanischen Lama mein Leid. Die Übersetzung des Zeremonien-Texts aus dem Tibetischen samt sämtlicher Fußnoten, wie man was zu visualisieren hätte, stammen schließlich von ihm. „Ja, ja“, nickt er wissend, „sich in die andersgeschlechtliche Meditationsgottheit zu verwandeln, ist immer eine Herausforderung, besonders wenn sie zornvoll ist.“ Das ginge nicht nur mir so. Immerhin ein kleiner Trost.

Die Zeremonie für Vajrakilaya zieht sich über den gesamten Tag. Das dicke Copyshop-Buch, durch das wir uns arbeiten, ist – wie bei Simhamukha – nichts anderes als das ausgefeilte Drehbuch für einen Film, der sich vor unseren inneren Augen abspulen soll. Gute und böse Kräfte erscheinen, Opfergaben in allen Formen und Variationen – auch höchst unappetitlichen aber mächtige – werden visualisierend bereitet und dargebracht. Schließlich der Höhepunkt: Vajrakilaya zermalmt seine Feinde zu Staub!

Der Rinpoche begleitet den inneren Film mit rituellen Handlungen: wenn er nicht gerade die Trommel schlägt und mit uns rezitiert, bereitet er diverse Opfergaben vor und bringt sie dar. Weil ich ihm gegenüber sitze, obliegt es mir, in regelmäßigen Abständen die kleine Schale Bier für die jeweils aktuelle Klasse der Götter aus dem Fenster zu kippen. Zwischendurch fliegt auch mal ein Torma hinaus, beziehungsweise muss irgendwo im Garten platziert werden.

Um sechs Uhr Abends sind wir fast durch, der Rinpoche ruft zufrieden: „Zock!“. Jetzt dürfen wir essen, was die Götter von den geweihten Speisen übrig gelassen haben. Uriel steigt nach vier Tagen Rotwein auf Gin Tonic um, der Rinpoche bevorzugt Bier. Wir teilen Chips, Kekse, Oliven und getrocknetes Fleisch unter uns auf. Der kleine blaue Vajrakilaya mit seinen drei Köpfen starrt mich giftig von seiner Postkarte an, während ich einen Schluck Wein nehme. Ich starre giftig zurück und denke: du Ekel! Ich verabscheue aggressive Männer. Da können sie noch so Klarheit und Erleuchtung bringen, ich packe sie nicht.

Es hilft nichts. Ich habe noch fünf Tage Zeit, mich in diesen zornvollen Typen zu verwandeln. Egal wie!