Uriel nimmt – in Begleitung Luzifers – Quartier im Gästehaus des Mandala. Dort trifft er zu seinem Erstaunen auf seine beiden Erzengel-Kollegen Gabriel und Suriyel.

„Das ist meines!“ Luzifer hatte sich an Uriel vorbei in das Zimmer mit der Nummer elf gedrängt und warf mit einer weit ausholenden Bewegung sein Jacket auf das schmale Bett unter dem Fenster.

Uriel verdrehte die Augen, während er seinen schweren Rucksack auf das schmale Bett an der Tür fallen ließ. Dass er gezwungen war, sich das Zimmer des Gästehauses mit Luzifer zu teilen, konnte nur ein Witz sein!

Der Zimmerkollege war schon im Badezimmer verschwunden. Dem Rauschen der Dusche lauschend, stand Uriel am Fenster und starrte hinaus. Dort draußen breitete sich eine sanfte Hügellandschaft in der Morgensonne aus. Auf einem kleinen See paddelten Enten. Ein schmaler Flußlauf führte direkt an der Grundstücksgrenze vorbei.

Irgendwo hier innerhalb der Grenzen des Mandalas der Yeshe Walmo musste sich Maria befinden.

Luzifer kam, sich das Hemd zuknöpfend, mit nassen Haaren aus dem Bad, zog sich sein Jacket wieder über und riss die Zimmertür auf. „Ich gehe Frühstücken! Kommst du mit?“

Während Uriel hinter ihm die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief, wunderte er sich über Luzifers Benehmen. Der schien sich weit weniger an Uriels Anwesenheit zu stören, als es umgekehrt der Fall war.

Uriel trat hinter Luzifer durch die Tür mit der Aufschrift „Speisesaal“ und schnappte verblüfft nach Luft: An einem Tisch in der anderen Ecke des großen, ansonsten leeren, Raumes saßen Suriyel und Gabriel! Beide hatten die Köpfe gehoben und starrten ihrerseits mit offenen Mündern zu ihnen.

„Ist das hier eine Erzengel-Konferenz? Welche Ehre, dass ich auch dazu eingeladen worden bin!“ Luzifer hatte sich als erstes erholt und tänzelnde mit breitem Lächeln quer durch den Raum zu den einzigen Gästen. „Ihr gestattet, dass wir uns zu euch setzen?“ Damit nahm er an einem der beiden noch freien Stühle Platz.

„Luzifer!“ Suriyel fixierte ihn über den Tisch hinweg. „Du komplettes Arschloch! Was hast du mit meinen Schutzengeln angestellt?“ Mit lautem Krachen schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

Uriel legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Beruhige dich! Den Schutzengeln geht es gut! Der Idiot“, er warf Luzifer einen verächtlichen Blick zu, „ist wieder einmal auf der ganzen Linie gescheitert!“

Die Tür zum Speisesaal flog auf. Während Suriyel – weiter Luzifer mit mörderischem Blick ins Visier nehmend – wieder auf seinen Stuhl sank, watschelte ihre seltsame Wirtin herein. Wie bei ihrer Ankunft war sie, abgesehen von einem Lendenschurz, nackt. Ihre schweren Brüste ruhten auf einem großen Tablett, dass sie mit grimmigem Gesichtsausdruck vor sich her trug.

Ohne ihre Gäste eines Blickes zu würdigen, warf sie Geschirr und Besteck auf den Tisch, knallte noch einen Brotkorb, einen Teller mit Aufschnitt und eine Thermoskanne daneben und verschwand wieder.

Uriel ließ den Blick angeekelt über das altbackene Brot, die sich wellende Wurst und den von Schimmel überzogenen Käse gleiten. Der Kaffee war nur eine hellbraunen Brühe, stellte er fest, als er den Inhalt der Thermoskanne in seine Tasse kippte.

„Es gibt keine Milch“, erklärte ihm Gabriel, die seinen suchenden Blick richtig gedeutet hatte.

Seufzend griff er erst nach dem Brot und suchte anschließend mit spitzen Fingern Käsescheiben heraus, die einigermaßen schimmelfrei zu sein schienen. „Was soll man auch anderes erwarten von einem Gästehaus, dass von einer Mamo geführt wird?“

„Wieso ‚Mamo‘? Und wo sind wir hier überhaupt? Wir haben keine Ahnung, wie wir hierher gekommen sind und was wir hier sollen!“ Gabriel rang nach Luft.

„Das hier ist das Gästehaus im Mandala der Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha. Ich hatte mir keinen anderen Rat gewusst, als sie in die Mühle zu rufen, um den Fluch dieses Idioten über die Schutzengel zu brechen!“ Uriel warf Luzifer einen vernichtenden Blick zu. „Die Yeshe ist während der Feuer-Puja auf der Terrasse der Mühle erschienen, hat die Schutzengel befreit – und ist samt Maria wieder verschwunden!“

Gabriel schnappte nach Luft: „Maria ist hier irgendwo?“

„Nehme ich an, ja.“ Uriel wiegte den Kopf. „Das ist zumindest das wahrscheinlichste: Dass Yeshe Walmo sie mit zu sich in ihr Mandala genommen hat. Obwohl ich von so etwas niemals zuvor gehört und gelesen habe. Aber die Yeshe wird auch eher selten angerufen, um alberne Machtspielchen von durchgeknallten Profilneurotikern zu beenden!“

Luzifer saß mit hochrotem Kopf am Tisch, starrte auf seinen Teller und schwieg.

„Und dann hast du uns gleich alle zusammen hierherbestellt? Du hättest uns vorher fragen können, ob wir das wollen!“ Gabriel konnte ihren Ärger nur mühsam unterdrücken.

„Ich habe hier überhaupt nichts gemacht! Ich wollte nach Nepal ins Bön-Kloster, den Abt um Hilfe bitten! Yeshe Walmo ist die höchste Göttin der Bön-Pos, ich dachte, er weiß eine Lösung. Aber auf dem Weg dahin hat mich auf einmal eine krasse Energie erwischt, ein extrem helles Licht – und auf einmal habe ich mich vor den Toren des Mandalas wiedergefunden. Gemeinsam mit dem da!“ Uriel wies mit dem Kinn auf Luzifer.

Der hob den Kopf: „Ich wollte ganz sicher nicht hierher kommen! Ich war gerade dabei das allererste Hochamt der Fliegen zu zelebrieren – nach 2.500 Jahren harter Arbeit – und dann machst du mir“, er spuckte vor Uriel auf den Boden aus, „alles zunichte! Du Diletant! Und was haben wir jetzt davon? Die Dämonen werden für immer die Herrschaft über die Hölle behalten und wir sitzen hier fest!“

„Ich weiß nicht, ob es die Hölle überhaupt noch gibt!“, schaltete sich Suriyel ein. „Während Gabriel und ich dort waren, gab es eine gewaltige Explosion. Die Energie war so stark, dass wir bis hierher geschleudert wurden, so wie es aussieht. Keine Ahnung, was aus den ganzen Teufeln und Dämonen geworden ist.“

Ihre Diskussion wurde von aufgeregtem Stimmengewirr unterbrochen, dass vom Flur in den Speisesaal drang. Sie hörten das aggressive Klagen der Mamo, das von einer energischen Frauenstimme übertönt wurde. „Nein! Wir wollen nicht zuerst in unser Zimmer! Wir wollen Frühstück! Wo ist der Speisesaal?“

Die Tür wurde aufgerissen. Uriel glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Herein trat die gefürchtete Dämonin Proserpina, dicht gefolgt vom gefallenen Engel Cabor, wie immer mit Zylinder und Gesichtsmaske. Der letzte der neuen Gäste musste sich bücken. Sein riesiger Kopf mit den Stierhörnern wäre sonst am Türrahmen hängen geblieben: es war der Dämon Beelzebub, stellte Uriel ungläubig fest.

Proserpina starrte ihrerseits auf die vier am Tisch Sitzenden. „Luzifer! Und dazu noch drei Erzengel! Was für eine Scheiße geht hier ab?“