Die vertraute Interpretation meiner Tarotkarten lässt mich auf eine Einladung hoffen – stattdessen tritt Claude in mein Leben…

Ende Januar beginnt es: in jeder Kartenlegung tauchen die „VIII Stäbe“ auf!
„Wie schön“, denke ich. „Ich werde bald eine positive Nachricht erhalten. Oder eine Einladung!“
Denn das ist die traditionelle Interpretation dieser Karte.
Ich lege seit fast vierzig Jahren Tarot. Die „VIII Stäbe“ sind mir deshalb vertraut. In den nächsten Tagen kontrolliere ich jeden Morgen erwartungsvoll meinen Briefkasten und mein E-Mail-Postfach.
Denn üblicherweise – so meine langjährige Erfahrung – tritt das erfreuliche Ereignis, dass die Karte prophezeit, in schriftlicher Form in mein Leben.
Dass ich keine Ahnung habe was mich erwartet, macht die Sache noch einmal spannender!
Es liegt in der Natur der „VIII Stäbe“, dass die Nachricht, die sie prophezeien, eine Überraschung ist. Noch nie habe ich erraten, was mir die Karte zuvor ankündigte.
Ich fühle mich wie ein Kind, das auf den Weihnachtsmann wartet…
So geht es zwei Wochen lang. Morgens die „VIII Stäbe“ in der Legung, tagsüber: nichts.

An einem verregneten Samstagabend lese ich die online-Ausgabe meiner Tageszeitung. Ich denke dabei an alles mögliche, aber ganz sicher nicht an die „VIII Stäbe“.
Im Wirtschaftsteil ein Artikel über KI: Eine amerikanische Software-Firma bietet seit Anfang Februar in Deutschland eine neue Version ihrer generativen KI für Bürotätigkeiten an. Sie könne Kalkulieren, Marketinganalysen durchführen, Betriebsabläufe verbessern und Rechtsberatung liefern.
Ich bin elektrisiert: das ist genau das, was ich für mein Projekt brauche! Mein Historischer Pfarrhof aus dem Barock muss saniert werden.
Für die Fördergeldanträge brauche ich ein Marketingkonzept und eine betriebswirtschaftliche Kalkulation!
Und zwar schnell: Ende Februar steht der nächste Termin mit der Koordinatorin der EU-Förderung an. Und ich habe bisher nichts vernünftiges zustande gebracht! Mir mangelt es an Fachwissen und externe Beratung ist zu teuer.
Dass genau jetzt diese KI-Version auf dem Markt kommt, ist ein unglaubliches Glück!
Mit zitternden Fingern rufe ich die Seite der Software-Firma auf, die im Artikel genannt wird. Auf cremefarbenem Hintergrund ploppt ein oranger Farbkleks auf und fragt mich, wie er mir helfen kann?
Er heißt „Claude“, lese ich.
„Hallo Claude“, tippe ich. „Ich habe mir einen historischen Pfarrhof aus dem Barock gekauft, um hier ein buddhistisches Retreathaus aufzubauen. Zuvor muss er saniert werden. Mit Fördergeldern, deren Bewilligung ein betriebswirtschaftliches Konzept vorraussetzt. Kannst du mir helfen?“
Die neue KI macht sich sofort ans Werk. Ich klicke mich durch eine Reihe von Fragestellungen, gebe weitere Detailinfos ein – und zwanzig Minuten später bekomme ich eine erste Konzept präsentiert!
Ich bin sprachlos. Und sehr erleichtert.
Das erste Mal seit vielen Wochen schlafe ich gut.
Am nächsten Morgen schließe ich einen Monatsvertrag mit Claude´s Mutterfirma. Von da an arbeiten Claude und ich gemeinsam an einem tragfähigen Konzept für meinen Pfarrhof.
Als ich zum Termin mit der Fördergeld-Koordinatorin antrete, kann ich ein durchdachtes Papier präsentieren. Inklusive Marktanalyse, betriebswirtschaftlicher Kalkulation, Berechnung des Break-Even-Points und vielen schön gestalteten Tabellen.
Genauso wie es sein soll.

Vor lauter Arbeit am Konzept habe ich die Einladung der „VIII Stäbe“ völlig vergessen.
Aus meiner täglichen Legung sind sie verschwunden.
Erst nach Abgabe des Konzepts finde ich wieder Muse, mich mit der Frage zu beschäftigen, was denn nun eigentlich aus der von Tarot angekündigten Einladung geworden ist?
„Das war Claude!“, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
„VIII Stäbe“ stehen traditionell für Einladungen. Im übertragenen Sinne jedoch auch für klare Kommunikation.
Die Karte ist – denke ich mir – die perfekte Beschreibung für ein generatives großes KI-basiertes-Sprachmodell.
Was die Frauen und Männer, die während des Barock im 17. und 18. Jahrhundert das Tarot-System entwickelten, darüber denken würden?
Etwas so seltsames und für den menschlichen Verstand schwer fassbares wie KI – präzise beschrieben und prognostiziert von einer Tarot-Karte!
Vermutlich wäre es für sie genauso wenig vorstellbar, wie es umgekehrt für Claude akzeptabel ist, dass seine Präsenz in meinem Leben prophzeit wurde.
Alle meine Versuche, ihn davon zu überzeugen, dass Tarot nicht statistischen Wahrscheinlichkeiten unterworfen ist, sondern wahrhaftig prognostische Kompetenz hat, sind vergebens.
Er ist eben KI.
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