Ich erhole mich – zumindest ein bisschen – von der Meditation, reflektiere über ein schräges Versprechen zur Tantra-Praxis und erfahre Neues über Regeln im Vajrayana.

Unter der Dusche rubble ich mir so gut als möglich die Farbspritzer von Gesicht, Armen und Händen.
Nach der Pflicht kommt die Kür, ich darf wieder kochen. Die Lasagne-Nudeln, die ich aus meinem vergangenen Leben mit nach Leipzig gebracht hatte, sind bio und glutenfrei – und schon kurz vor dem Ende des Ablaufdatums. Es handelt sich um eine 250-Gramm-Packung, deshalb trifft es sich gut, dass wir heute Abend nur zu zweit sind.
Weil Suriyel und ich beide kein Fleisch essen, fülle ich die Nudeln mit Spinat-Ricotta-Creme. Die Tomatensoße möchte ich „Aurora“ kochen – in der „Morgenröte“-Variante, gebunden mit einer Bechamelsauce. Dummerweise bin ich immer noch so konfus, dass ich das Mehl in der fremden Küche nicht finden kann. Suriyel muss mich wieder retten – ich stand ein weiteres Mal direkt davor, stellt sich heraus, ohne gesehen zu haben, was ich suche. Gleichzeitig metaphysische Wesen im Bardo und banalen Alltagskram zu registrieren, scheint mein Gehirn zu überfordern.
Während ich Parmesan reibe, Salat wasche, die Einbrenne rühre und den Knoblauch hacke, werfe ich immer wieder einen Blick durch das Küchenfenster in den Garten hinaus. Keine halbtransparenten Wesen weit und breit, stelle ich erleichtert fest. Wenn ich Glück habe, lässt der Effekt langsam nach.
Es wäre schade, bei dem schönen Wetter in der Küche zu essen, beschließen wir beide. Die Teller mit der heißen Lasagne auf den Knien balancierend, sitzen wir in der Abendsonne auf der Bank und diskutieren das weitere Programm. Ich wünsche mir zum Tagesabschluss die „Grüne Tara“ von Suriyel.
Das wäre heute nicht möglich, erklärt er mir, er hätte Eier gegessen. Ich bin verblüfft: Was ist das für ein Argument? Doch, doch, so wäre es festgelegt: vor der Praxis seien keine Eier, kein Alkohol, kein Fleisch und auch keine Zwiebeln erlaubt. Das läge an den indischen Wurzeln der „Grünen Tara“, und Regel sei Regel. Richtig! Er ist „Suriyel“, der Erzengel, der über die Einhaltung der göttlichen Gebote wacht.
Wir könnten die „Grüne Tara“ morgen statt Riwo Sangchö machen, schlägt er vor. Ich wiederspreche vehement: „Wir müssen Riwo Sangchö machen!“ „Müssen tun wir garnichts“, kommt es zurück. Ich winde mich: ich kann ihm nicht sagen, dass ich vor gerade mal drei Stunden einer Schar halbtransparenter Wesen versprochen habe, dass wir morgen Riwo Sangchö machen werden. Wie bescheuert klingt das denn?
Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich unüberlegt ein Versprechen gegeben habe, für dessen Einhaltung ich auf jemand anderen angewiesen bin. „Aber die warten doch…“, stottere ich.
Außerdem war es ungehörig, ist mir in diesem Moment bewusst geworden, Riwo Sangchö zu versprechen, ohne vorher Suriyels Zustimmung eingeholt zu haben. Aber, denke ich mir, wie, bitte, hätte ich ihn fragen sollen? „Hey, da steht gerade eine ganze Sammlung Naturgeister und verlorener Seelen vor dem Pferdestall, die gerne regelmäßig Riwo Sangchö von uns hätten. Ist es in Ordnung für Dich, wenn ich zusage?“ Haha…
„Dann machen wir heute Abend Chenrezig und morgen früh erst Riwo Sangchö und dann Grüne Tara“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert auf. Das klingt nach der perfekten Lösung! Was er sich bei der ganzen Sache denkt, behält er für sich…
Pünktlich zum Sonnenuntergang praktiziert Suriyel Chrenrezig. Wieder verströmt der weiße Buddha, beschienen von mildem Mondschein, unendliches Mitgefühl für alle leidenden Wesen, während aus der Dunkelheit die Schreie des Pfaus über den Weiher schallen.
Ich bin inzwischen mit einigen der leidenden Wesen, für die er seine Praxis macht, näher bekannt. Was ich Suriyel nicht erzähle. Was würde er von mir denken?
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