Den kleinen grauen Kiesel mit der seltsamen Aufschrift fand ich letztes Frühjahr während einer Wanderung im Flussbett der wilden Isar. Er lag direkt zu meinen Füßen in einem Meer aus Steinen aller Größen und Formen. Im Nachhinein war ich verblüfft darüber, dass ich ihn im Laufen wahrgenommen hatte. Ich bückte mich aus einem Reflex heraus und hielt ihn in der Hand, bevor ich verstand, was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. „Hag me!“, las ich. Ein Rechtschreibfehler, dachte ich. Irgendjemand mit eigenwilligem Humor hatte „Hug me“ versehentlich mit „a“ statt mit „u“ geschrieben. Ich fand den Stein mit der schrägen Aufschrift witzig und steckte ihn ein.

Als ich ihn Abends wieder aus der Jackentasche holte, realisierte ich, dass man „Hag me“ auch anders übersetzen konnte: „Verhex mich!“

„There is no such thing as an accident“ – zumindest nicht in meinem Leben. Beziehungsweise in meinem Denken. Nach den Regeln des Hexeneinmaleins hat mir jemand eine Botschaft zukommen lassen, schlussfolgerte ich. Im Imperativ. Das hier war keine Bitte, kein Vorschlag – es war ein Befehl!

Wer jetzt über mich den Kopf schüttelt, hat mein vollstes Verständnis. Aber es ist einfach meine Art des Weltzugangs. Es liegt nicht in meiner Macht, etwas daran zu ändern. Und ich kann allen Skeptikern verraten, dass es funktioniert, obwohl es gegen alle Regeln der klassischen Logik verstößt.

So bezaubernd ich den kleinen Findling fand, so bizarr war der Auftrag. Wer, bitteschön, konnte sich ernsthaft wünschen, von mir „verhext“ zu werden?

In den letzten Monaten hat sich herausgestellt: der eine oder andere schätzt es durchaus. Ob auch der ominöse „Jemand“ dabei war, von dem die Botschaft stammt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf der Rückseite des Steines steht übrigens „Love!“. Ebenfalls im Imperativ….