Meine Traumatherapeutin war beeindruckt von meiner Imaginationsfähigkeit. Und von meiner seelischen Robustheit. Das eine wäre nicht möglich ohne das andere, erklärte sie mir. Kreativität sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Seele traumatische Erfahrungen unbeschadet überstehen könne.

Meine Kindheit gleicht im Rückblick einer langen Reihe von Traumsequenzen, nur kurz unterbrochen von Einbrüchen der Realität. Ich öffne Türen zu imaginären Welten mit der gleichen Leichtigkeit, mit der Andere das Garagentor aufziehen. Es ist eine innere habitualisierte Bewegung, wieder und wieder eingeübt in einer Entwicklungsphase, in der die Synapsen des Gehirns ihre Grundstrukturen bilden. Bei anderen stirbt die Seele. Ich lernte fliegen.

Es bedarf der genetischen Voraussetzung für Kreativität. Wie sie ihren individuellen Ausdruck findet, hängt von Umwelteinflüssen ab. Ich hätte mich auch auf dem Podium eines Konzertsaals wiederfinden können, vermute ich, oder in den Ausstellungsräumen eines Galeristen. Statt dessen hat meine Imaginationsfähigkeit durch äußere Umstände einen Ausdruck gefunden, die mich für buddhistische Meditation prädestiniert.

Es gehört zu den seltsamen Regeln der Existenz, dass aus Gutem Schlechtes erwachsen kann und aus Schlechtem Gutes. Es ist das Prinzip des Tao: das Eine trägt das Andere als Essenz in sich. Im fortlaufenden Prozess von Werden und Vergehen wandelt sich unaufhaltsam das Eine zum Anderen.

Kreativität ist nichts anderes als Lebensenergie. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen, lässt sich dauerhaft weder vernichten, noch formen, kontrollieren oder unterdrücken. Wie Wasser, dass sich seinen Weg selbst durch den härtesten Stein gräbt, lässt sie sich nicht aufhalten. Und genau wie Wasser verändert Lebensenergie den Aggreggatszustand, gefriert oder verdampft, wenn die Umstände es verlangen.

Der Buddhismus lehrt, Leiden zu beenden. Zen und Tantra zeigen verschiedene Weg dazu auf. Im Zen lernt der Schüler, den Prozess von Wandel und Vergehen als etwas Natürliches zu erkennen und zu akzeptieren. Tantra wählt einen anderen Weg: es hält die Mittel bereit, Lebensenergie wieder fließen zu lassen.