
Am frühen Abend breitet sich Entspannung im Schreinraum aus. Wir sind beim Tsok – dem Speiseopfer- angekommen. Alle Buddhas, Boddhisattvas und örtliche Naturgeister sind versorgt, die Beschützer besänftigt und gefüttert. Wir sitzen vor Rotwein, Nüsschen, Schokolade, Keksen und Käsestücken und lauschen dem Rinpoche, der – zwischendurch am alkoholfreien Bier nippend – gut gelaunt Schwänke aus seinem bewegten Leben als nepalesischer Lama zum Besten gibt.
Alle sind erleichtert: wir haben es fast geschafft. Nach dem Tsok steht noch ein Stündchen trommeln, bimmeln und singen an. Und Morgen vor dem Frühstück findet das Abschlussritual statt, aber das sind nur Petitessen im Vergleich zu dem, was wir hinter uns gebracht haben. Achtzehn Tage Retreat in drei Wochen! Auf diesem Niveau!
Wir fühlen uns, als hätten wir gerade den Mount Everest erklommen. Unser nepalesischer Scherpa scheint auch zufrieden mit seiner europäischen Mannschaft zu sein. Obwohl sicher des Öfteren gruselig klang, was wir von uns gegeben haben. Zumindest ich hatte während des tagelangen Rezitierens nur eine vage Vorstellung davon, wie die tibetischen Silben lautmalerisch korrekt ausgesprochen werden. Und mein Gesinge, Getrommel und Gebimmel war anfangs zum Gotterbarmen und am Ende des einwöchigen Retreats mit gutem Willen akzeptabel. Immerhin kann ich jetzt die Damaru einigermaßen im Takt drehen, die roten Knöpfe an den langen Schnüren treffen meist die beiden Trommelfelle und bleiben nicht mehr in meinen Haaren oder an den Fransen des Zierbandes hängen. Auch die Glocke schwenke ich ab und an im korrekten Rhythmus. Und heute habe ich sogar ein paar schwache Tröt-Töne auf der gruseligen Knochentrompete zustanden gebracht.
Der Rinpoche verspricht, in den nächsten Tagen ein Audio für uns aufzunehmen, damit wir Zuhause fleißig üben können und ihm keine Schande machen werden, wenn er im Sommer aus Nepal zum nächsten Throma-Retreat anreisen wird. Ich habe mir im dicken Copy-Shop-Buch mit vielen bunten Markern die Abschnitte markiert, die ich für das Basis-Ritual brauche. Der Gedanke, was meine verwunschenen Mitbewohner in Leipzig denken werden, wenn ich trommelnd, singend und bimmelnd in meinem Untermietzimmer sitze, erheitert mich. Zumindest das Tröten bleibt ihnen erspart, die Kangling kann ich nicht nach Leipzig nehmen, sie gehört Uriel.
Wir nehmen Stellung für das obligatorische Gruppenphoto. Der Rinpoche steckt noch schnell den traditionellen Pfauenfeder-Aufsatz auf die Bumpa – dem Behälter für das geweihte Safranwasser, das er immer wieder über Opfergaben und Tormas verteilt – damit man die gelbe Nelke nicht sieht. Es scheint nicht üblich zu sein, sie als Blumenvase zweckzuentfremden.
Am Abend gehen Uriel und ich mit dem kleinen weißen Spitz und dem großen grauen Wolf spazieren. Ich spüre mehr als ich sehe, wie er an meiner Seite durch den dunklen Wald läuft. Die Frage, ob er mich Morgen nach Leipzig begleiten wird, beschäftigt mich. Ich würde ihn vermissen, sollte er am Ende der Welt zurück bleiben. Aber was will ein großer grauer Wolf in der Großstadt?
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