Suryiel führt Maria in das traditionelle morgendliche Rauchopfer-Ritual ein…

Vom Weiher kommend, rauscht das Wasser des Baches die Hauswand entlang. Vor der Terrasse verschwindet es unter dem Fundament, um auf der anderen Seite des Gebäudes wieder an die Oberfläche zu treten. Dort vereint sich der schmale Bach mit dem Hauptlauf des Gewässers zu einem wild dahinströmenden Fluss. Uriels Retreathaus ist buchstäblich auf Wasser gebaut.

Nach dem Frühstück beginnt Marias Einführung in Vajrayana mit einem Riwo Sang Chöd. In der englischen Übersetzung heißt das tibetisch-buddhistische Ritual „Mountain Smoke Offering from Accomplishing the Life Force of the Vidayadharas“. Direkt neben dem wild rauschenden Wasserlauf hat Suriyel ein Tischchen auf der Terrasse platziert. Darauf wird alles gerichtet, was wir zur Bewirtung unserer Gäste benötigen.

Wir sind zu fünft an diesem kühlen Morgen: eine sichtlich nervöse Maria und ich, Suriyel, sowie der Hausherr Uriel in Begleitung seines kleinen weißen Hundes. Ich nehme auf dem Gartenstuhl Platz und lege mir fröstelnd die Decke über die Beine, während Suriyel die letzten Vorbereitungen für das Ritual trifft.

Ich sehe ihm dabei zu, wie er Wasser in kleine Schälchen füllt. Damit werden unsere Gäste – Buddhas, Bodhisattvas, die örtlichen Naturgeister und alle positiven und negative Wesen und Kräfte in den sechs Dimensionen – speziell jene, denen wir karmisch etwas schuldig sind – empfangen.

Nach ihrer Reise zu uns sollen sie sich erst einmal erfrischen können. Deshalb bekommen sie im ersten Schälchen Wasser zu Trinken angeboten. Mit dem Wasser im zweiten Schälchen können sie sich den Staub von den Füßen waschen. Damit sie sich bei uns wohl fühlen, werden sie mit Blumen empfangen – symbolisiert durch das Wasser im dritten Schälchen. Im vierten Schälchen verströmt ein Räucherstäbchen seinen Duft, die Kerze im fünften Schälchen spendet Licht, das Wasser im sechsten Schälchen versinnbildlicht Parfüm, das im siebten Speisen und das im achten Musik.

In der Mitte des Tisches wird ein kleines Tonschälchen mit Räucherkohle platziert. Darin wird später das Speiseopfer – eine Mischung aus Mehl, Zucker, Honig, Melasse, Butter und Öl – verbrannt werden. Mit der kleinen Damaru – einer tibetischen Handtrommel – und der Glocke wird das Ritual musikalisch begleitet. Der immergrüne Ast in der Glaskanne wird traditionell benutzt, um die Opfergaben mit geweihtem Wasser zu besprengen. Bei uns ist er Deko – er gehört halt auch dazu.

Es ist also für alles gesorgt, wir können die Gäste zur Tafel bitten.

Wir müssen nicht warten, bis sie sich bei uns eingefunden haben – „sehe“ ich – sie sind bereits da. Auf der großen Wiese, die sich von der Terrasse bis zum Waldrand erstreckt und auf der einen Seite vom Weiher, auf der anderen von einem Seitenarm des Flusses begrenzt wird, glaube ich die Konturen halb transparenter Gestalten in allen Formen und Größen zu erkennen. Ich kneife die Augen zusammen und öffne sie wieder: Doch! Da stehen in mehreren Reihen, still und konzentriert wartend, unsere Gäste. Es müssen hunderte sein!

Ein paar Enten flattern laut quackend über unsere Köpfe hinweg und landen mit vernehmbarem Platschen auf der Oberfläche des Weihers. Eine Amsel singt im Geäst des Apfelbaumes vor der Terrasse. Ihr Gesang übertönt das monotone Rauschen des Baches an der Hauswand. Ansonsten herrscht vollkommene Stille an diesem Samstagmorgen.

Uriels kleiner weißer Hund legt sich vor der Terrasse ins Gras. Er weiß was kommen wird, für ihn gehört Riwo Sangchö zur Altagsroutine. Im Gegensatz zu Maria: sie wird zum allerersten Mal an einem tibetisch-buddhistischen Retreat teilnehmen. „In diesem Leben“, präzisiert Suriyel. Auch Uriel ist davon überzeugt, dass nur in den Genuss einer solchen Praxis kommt, wer schon karmisch „vorbelastet“ ist.

Suriyel rezitiert und singt den tibetischen Text. Er hat eine schöne Stimme. Uriel und ich stimmen ein, Maria hört zu.

Nach Anrufung, Zufluchtnahme und Bodhicitta sind wir gehalten, uns selbst als Guru zu visualisieren. Im nächsten Schritt transformieren wir – uns als weiße Emanation des Buddha imaginierend – alle Opferspeisen in reinen betörenden Weisheitsnektar.

Suriyel kippt einen Löffel von dem pulverförmigen Speiseopfer über die glühende Kohle. Rauch steigt auf und hüllt uns ein. Die Perlen unserer Malas zwischen den Fingern, rezitieren wir das Mantra und visualisieren dabei, wie wir unseren Gästen die Opfergaben zukommen lassen. Die dröhnende Stille hinter unserem Murmeln, des Rauschen des Baches und dem Gesang der Vögel, ist jetzt geradezu greifbar. Gleichzeitig überwältigt mich die Freude und Begeisterung unserer Gäste. Das, was wir ihnen heute anbieten können, scheint sie wirklich zu sättigen, so gierig manche von ihnen auch sind.

Als ich, die Augen gesenkt und das Mantra dabei rezitierend – meinen „Blick“ über die Wiese und die darauf versammelten, begeistert schmausenden Gäste gleiten lasse, registriere ich eine Lücke in der Menge. Dort, wird mir mit einem Mal klar, stand bis vor ein paar Wochen mein Wolf! Bevor er sich eines Nachts im März an meiner Bettseite materialisierte, war er eines der transzendenten Wesen, die hier regelmäßig gefüttert werden. Uriel würde sagen: wir waren durch eine karmische Verstrickung aneinander gebunden. Ich habe ihn hier abgeholt – oder er hat mich hier aufgesucht – damit wir das letzte Stück seines Weges zur Wiedergeburt gemeinsam gehen konnten. Vielleicht, denke ich, während ich weiter rezitiere und währenddessen visualisierend die seltsam transparenten Wesen füttere, auch meiner Wiedergeburt?

Meine körperlichen Grenzen scheinen sich aufzulösen, ich fühle mich völlig entleert, es gibt keine Differenz mehr zwischen mir, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches, den formlosen glücklichen Wesen auf der Wiese.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, schaffe ich es nicht mal, mich vernünftig bei den anderen zu entschuldigen. Obwohl ein kompletter Pferdestall auf seinen Anstrich wartet, wanke ich die Treppen hoch und falle ins Bett. Alles fühlt sich völlig unwirklich an, ich brauche Schlaf und ein paar Träume, um mich zu erholen. Was für ein Riwo Sangchö!