Der blaue zornvolle Gott Vajrakilaya breitet seine Flügel aus – und schenkt mir eine phantastische Erfahrung…

Ich springe flügelschlagend und tanzend im Rhythmus der Trommel auf und ab. Um mich: Feuer! Unter meinen nackten Fußsohlen: meine Feinde! Ich spüre die Wärme und Bewegungen ihrer Leiber, es ist ein höchst unangenehmes Gefühl, auf Anderen herumzutrampeln. „Es ist nur eine Visualisierung“, ermahne ich mich, „es handelt sich um deine inneren Blockaden, die haben es verdient. Genieß es!“

Ergeben tanze ich weiter, schwinge meine sechs Arme, drehe mich flügelschlagend zwischen den Feuerzungen im Kreis und versuche währenddessen, nicht nur durch die Augen des blauen Kopfs im Zentrum zu schauen, sondern irgendwie auch die beiden Köpfe, die hinter meinen Ohren sitzen, zu spüren und durch ihre Augen zu sehen. Nach ein paar Versuchen ändert sich die Optik, ich kriege immer wieder kurz etwas zustande, das als 180-Grad-Winkel durchgeht. Damit ist das Tagesziel erreicht.

Ich gebe mir selbst den Segen, von der Pflicht in die Kür zu wechseln, breite die Flügel aus und stoße mich mit beiden Beinen – unter mir knirschen die Knochen meiner Feinde – vom Boden ab. Eigentlich hatte ich das Fenster nehmen wollen, aber ich habe so viel Energie drauf, dass ich durch die Zimmerdecke breche, durch das Zimmer im zweiten Stock schieße, auch dort ein Loch durch die Decke schlage, dann noch eines im Dachstuhl – plötzlich liegt das Retreathaus unter mir. Ich fliege! Verwirrt schlage ich mit den riesigen blauen Flügeln, meine Gefährtin klammert sich erschrocken an meiner Brust fest. Es geht ganz leicht, merke ich. Ich bin zum Fliegen geboren! Wer hätte das gedacht?

Ich kreise probeweise auf niedriger Höhe über dem Dach des Retreathauses und sehe auf dem Grund der Löcher, die mein massiger Körper geschlagen hat, den Fußboden des Schreinraums. Auf meinem Sitzplatz schlagen weiterhin Flammen hoch, winzig klein erkenne ich die Körper der zermalmten Feinde im Feuer.

Neben dem Retreathaus liegt der Weiher. Ich breite meine Flügel aus, gehe in den Sturzflug und jage über die Wasseroberfläche, der Rücken meiner Gefährtin lässt das Wasser links und rechts aufspritzen. Ein paar Enten flattern erschrocken auf. Vielleicht etwas pubertär, aber es macht definitv Spaß.

Jetzt bin ich im Experimentier-Modus! Sturzflug ist super. Was geht noch? Ich schlage kräftig mit den Flügeln und schraube mich spiralförmig in die Höhe. Retreathaus, Weiher und Dorf werden kleiner und kleiner. Eine Schar Krähen flattert krächzend tief unter mir vorbei. Es ist erstaunlich, in welcher Geschwindigkeit ich aufsteige. Ich strecke die Flügel, breite meine sechs Arme aus und segle knapp unter der dichten Wolkendecke dahin.

Irgendwas ist mit meinen Augen! Auf einmal wird mir bewusst, dass ich wie ein Vogel sehe! Der rote Kopf an meiner einen Schädelhälfte ist das linke Vogelauge, der weiße Kopf an meiner anderen Schädelhälfte ist das rechte Vogelauge. Der blaue Kopf in der Mitte blickt durch das Stirn-Chakra. „Klar“, denke ich, „Vögel „lesen“ das Magnetfeld der Erde! Dafür brauchen sie ein offenes Stirn-Chakra!“ Eine wissenschaftlich gewagte These, aber zumindest für mich als Verkörperung des dreiköpfigen fliegenden Gottes Vajrakilaya ist sie stimmig.

Ich bin entzückt über die neue Perspektive, die sich aufgetan hat, segle, alle sechs Arme ausgebreitet, dahin und gewinne trotz meiner Bewegungslosigkeit stetig an Höhe. Um mich sind jetzt dichte Wolken, Schneeflocken jagen an mir vorbei. Eigentlich müsste mir kalt sein, aber ich spüre nichts außer einer überwältigend klaren Energie, die meinen Körper durchströmt.

Unerwartet breche ich durch die Wolkendecke. Um mich das Blau des Himmels, über mir – weiß strahlend – das Licht der Sonne. Ich segle, Flügel und Arme ausgestreckt, in rasender Geschwindigkeit auf sie zu, ihr Licht wird mit jedem Augenblick gleißender. Seltsamerweise verspüre ich keine Angst, die tiefe innere Klarheit, die ich in mir trage, sagt mir, dass alles genau so ist, wie es sein soll.

Da! Das Licht hat mich verschluckt! Es fühlt sich an, als ob die Zeit aufgehört hat zu existieren. Ich bin mir bewusst, dass ich mich in rasender Geschwindigkeit vorwärts bewege und gleichzeitig ist es, als ob alles still stehen würde.

Auf einmal sehe ich „doppelt“! Ich bin Vajrakilaya, der hoch am Firmament durch die Sonne segelt und gleichzeitig „sehe“ ich in meinem auf dem Kissen sitzenden Körper mein gleißend weiß leuchtendes Herz-Chakra – und darin, winzig klein, aber perfekt erkennbar, mich selbst als Vajrakilaya, der mit ausgebreiteten Armen und Schwingen durch meine Herzensenergie segelt. Ich bin Außen und Innen zugleich! Was für ein Trip!

Irgendwann wird mir bewusst, dass ich die ganze Zeit das Wurzel-Mantra rezitiere. Etwas sagt mir, dass es an der Zeit ist, zurückzukehren. Ich schlage mit den Flügeln, umklammere mit allen sechs Armen meine Gefährtin und gehe in den Sinkflug. Der Wind rauscht in den Ohren, Wolkenfetzen jagen an mir vorbei. Da! Unter mir erkenne ich das Dach des Retreathauses. Erstaulicherweise passe ich mit den ausgebreiteten Flügeln durch die Löcher in Dach und Zimmerdecken. Kaum sitze ich wieder auf meinem Kissen, fängt der Rinpoche auch schon an, langsam und laut das Mantra zu rezitieren, die Meditationseinheit ist zu Ende.

Als krönenden Abschluss habe ich auch noch eine Punktlandung hingekriegt. Und das ohne Flugschein…