Proserpina, Beelzebub und Cabor lassen sich auf einen Pakt mit den Torwächtern des Mandala ein…

Der Nebel begann sich zu lichten! Schwer atmend erklomm Proserpina die letzten Meter des Steilhanges. Über der kargen Hochebene, die sich vor ihr ausbreitete, pfiff ein kalter Wind. Die befestigte Straße, der sie über Stunden gefolgt waren, führte direkt auf ein Tor zu, dass in eine hohe langgezogene Mauer eingelassen war.

Proserpina warf einen Blick zurück. Der Nebel lag wie eine dicke Decke über dem Tal. In seinen grauen Schwaden konnte sie einige Meter unter sich die schmalen Konturen des gefallenen Engels Cabors ausmachen, dicht gefolgt vom massigen Körper Beelzebubs .

Mit weit ausholenden Schritten nahm Cabor die letzte Steigung. Als er bei ihr angekommen war, lüftete er seinen Zylinder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ungemütliche Ecke.“ Er drehte sein, mit einer schwarzen Maske bedecktes, Gesicht und pfiff beim Anblick der Mauer anerkennend durch die Zähne. „Monströses Ding. Wer immer hier lebt, versteht sich darauf, Feinde fern zu halten. Wir können nur darauf hoffen, dass wir willkommen geheißen werden.“

Keuchend kam Beelzebub neben ihm zum Stehen. „Mich hält keiner auf! Ich habe Hunger und brauche ein Bett! Mach Platz!“ Der riesige Dämon schob Cabor grob zur Seite und eilte auf das verschlossene Holztor zu. Seine breiten Hufe knirschten im Straßenschotter.

„Beelzebub!“ Fluchend rannte Proserpina hinter ihm her. „Hör auf damit!“

Ungerührt drosch Beelzebub, den Kopf mit den langen spitzen Hörnern gesenkt, gegen das dicke Holz, dass es nur so dröhnte. Proserpina, die ebenfalls vor dem Tor angekommen war, versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein. Während sich hinter der Mauer schwere Schritte näherten, zischte sie ihm von unten zu: „Hör zu, du Idiot! Egal was passiert: Du hältst den Mund! Haben wir uns verstanden?“

Bevor Beelzebub antworten konnte, öffnete sich – begleitet vom leisen Quietschen der Scharniere – der linke Flügel des Tores. Auf der Höhe von Beelzebubs Brust schob sich eine schwarze Hundenase durch den Spalt, die laut vernehmlich Luft einsog. Ein tiefes Grollen drang zu ihnen. „Wer seid ihr?“ Die Nase zuckte nervös, während sie erneut vernehmlich schnüffelte. „Was wollt ihr im Mandala der Großen Mutter?“

„Wir sind müde Wanderer, die von ihrem Weg abgekommen sind und nichts weiter erbitten als eine Mahlzeit und ein Bett für die Nacht“, ließ sich Cabor vernehmen. Er postierte sich neben den beiden anderen, immer den Blick auf die große schwarze Nase gerichtet, die über seinem Kopf weiterhin nervös zuckte. „Ist es nicht guter Brauch, Verirrte zu verköstigen und ihnen Obdach zu gewähren?“

Begleitet von lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Die schwarze Gestalt, die breitbeinig den Durchgang versperrte, starrte sie aus blauen Wolfsaugen an. Sie zog knurrend die Lefzen hoch, zeigte ihre riesigen spitzen Zähne und stieß hervor: „Nur, wenn sie guten Willens sind! Ihr riecht nach Verderbnis! Woher kommt ihr und wer seid ihr? Sprecht!“

Beelzebub, der den Wolfsmenschen um mehr als einen Kopf überragte, lachte höhnisch auf: „Lass uns durch, du Missgeburt!“ Drohend zückte er sein Messer und ging drei Schritte auf den Wächter zu.

Proserpina trat kommentarlos zur Seite und überließ Beelzebub das Feld. Die Kräfteverhältnisse waren so eindeutig, dass man sich die Diskussion sparen konnte. Außerdem genoss sie es, wenn Kleinere und Schwächere litten. Das war einer der Gründe, warum sie sich vor langer Zeit für Beelzebub entschieden hatte: er konnte so wunderbar grausam sein!

Anstatt zurückzuweichen, senkte der Wolfswächter den Kopf, starrte dem Dämon in die Augen und knurrte: „Für diese Unverschämtheit wirst du bezahlen, Großmaul!“

Beelzebub lachte höhnisch auf: „Du willst uns aufhalten, Hundsfott? Du alleine gegen uns drei?“ Er hob drohend das Messer und machte einen weiteren Schritt auf den Wolfsmenschen zu. „Lass uns durch, oder ich schlitze dir den Bauch auf!“

Auf einmal schwang, begleitet von lautem Quietschen, der zweite Torflügel auf. Proserpina schnappte laut vernehmlich nach Luft und sprang erschrocken zur Seite. Im Durchgang stand eine riesige braune Gestalt, die den Wolfswächter um mehr als zwei Köpfe überragte. Das furchteinflössende Wesen senkte den riesigen Bullenkopf, den sie auf ihrem breiten muskulösen Menschenkörper trug, richtete die langen spitzen Hörner gegen Beelzebub und brüllte: „Ich schlitze dir den Bauch auf!“

„Moment, Moment!“ Cabor, der die Szene bis zum Auftauchen des Stiermenschen mit Genuß beobachtet hatte, schaltete sich ein. „Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis!“ Er wies auf Beelzebub, der immer noch – das Messer in der erhobenen Hand – wie festgefroren stand und mit offenem Mund auf den Stiermenschen starrte. „Unser Freund hier ist eine gute Seele, die niemandem etwas zu Leide tut!“ Er trat zu dem Dämon und zischte ihm zu: „Lass das Messer fallen!“ Der öffnete die Hand. Das Messer fiel, begleitet von einem hellen metallischen Klang, neben Beelzebubs Bein auf den Schotter.

„Er hat einfach nur Hunger!“ Cabor war wieder zu Proserpina getreten und deutete erneut auf Beelzebub. „Wenn er länger nichts gegessen hat, ist er immer etwas unleidig. Er wird sich für sein ungehobeltes Betragen entschuldigen! Nicht wahr, Kanzler?“

Beelzebub starrte weiter auf den Stiermenschen, der ihm gegenüber stand. Und ihm auf verblüffende Weise glich.

„Beelzebub! Entschuldige dich!“ Proserpinas schrille Stimme riss den Kanzler des Ordens der Fliege aus seiner Trance.

„Ja, gut. Tut mir leid!“ Der Dämon seufzte schwer. „Unter Brüdern soll man sich nicht streiten.“

Der Stiermensch schnaubte durch die Nüstern: „Ich kenne dich nicht, ‚Bruder!“ Er spuckte das letzte Wort geradezu aus. „Ich bin einer der zornvollen Wächter des Mandalas der Großen Mutter und gehorche ihren Gesetzen. Mit solchen wie dir habe ich nichts zu schaffen!“

Beelzebub starrte, den Kopf hin und her wiegend, auf den Boden. „Gerade fällt es mir ein: Vor langer Zeit war ich einmal ein Fruchtbarkeitsgott. Ich war der Gefährte der Großen Mutter!“ Er richtete sich auf und schlug sich an die Brust: „Wie konnte ich das nur vergessen! Du und ich“ er zeigte mit dem Finger auf den Wächter mit dem Bullenkopf „sind uns viel ähnlicher, als du denkst.“

„Und warum dienst du der Großen Mutter nicht mehr? Und wage es nicht zu lügen, es ist dir eingeschrieben, dass du dich von ihr abgewandt hast!“

„Mein Kult wurde ausgelöscht. Ich hatte nur die Wahl, mich dem Allmächtigen zu unterwerfen, oder Satan. Die Hölle war mir lieber.“

Der Stier-Wächter schnaubte auf: „Du bist ein Verräter! Und ein Feigling dazu!“

„Und obendrein noch ein Grossmaul!“, knurrte der Wolfswächter.

Beelzebub nickte ergeben: „In Dreiteufelsnamen! Es ist wie es ist! Ich kann es nicht mehr ändern. Früher war ich ein Fruchtbarkeitsgott und jetzt bin ich ein Dämon. Die Sache ist gelaufen. Wir“ – er wies auf seine beiden Begleiter – „sind verflucht für alle Zeiten!“

„Sagt wer?“ Der Wolfswächter runzelte fragend die Stirn.

„Sie!“ Beelzebub wies auf Proserpina. „Das sagt sie immer: Wir sind verflucht für alle Zeiten! Die Engel und Heiligen sind im Himmel, die Teufel und Dämonen sind in der Hölle. So lautet das Gesetz!“

„Das mag in eurer Welt gelten. Im Reich der Yeshe Walmo verhält es sich anders. In ihrem Mandala ist jeder willkommen, der ihre Gesetz anerkennt. Auch die zerstörerischen und zornvollen Kräfte werden hier geehrt und geachtet.“

Proserpina fragte mit belegter Stimme: „Das heißt, ihr wäret bereit, uns einzulassen und bei euch aufzunehmen?“

Der Wächter mit dem Bullenkopf nickte. „Unter der Bedingung, dass ihr euch dem Transformationsprozess unterzieht. Und ich warne euch: Der Weg ist lang und hart und wird euch an eure Grenzen bringen! Aber nur, wer sich dieser Reinigung unterwirft, findet Platz im Reich der Yeshe Walmo!“

Beelzebub, Proserpina und Cabor sahen einander an. Einer nach dem anderen nickte.

Proserpina sprach für alle drei: „Wir lassen uns auf den Handel ein. Es ist besser, als für alle Zeiten verflucht zu sein.“

Die beiden Wächter traten zur Seite und ließen die drei durch das Tor treten. Während sie die Flügeltüren verriegelten, flüsterte der Wolfsmensch dem Stiermenschen schmunzelnd ins Ohr: „Ekajati wird viel Spaß mit ihnen haben!“