This Water runs East

Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Seite 7 von 16

Pakt

Proserpina, Beelzebub und Cabor lassen sich auf einen Pakt mit den Torwächtern des Mandala ein…

Der Nebel begann sich zu lichten! Schwer atmend erklomm Proserpina die letzten Meter des Steilhanges. Über der kargen Hochebene, die sich vor ihr ausbreitete, pfiff ein kalter Wind. Die befestigte Straße, der sie über Stunden gefolgt waren, führte direkt auf ein Tor zu, dass in eine hohe langgezogene Mauer eingelassen war.

Proserpina warf einen Blick zurück. Der Nebel lag wie eine dicke Decke über dem Tal. In seinen grauen Schwaden konnte sie einige Meter unter sich die schmalen Konturen des gefallenen Engels Cabors ausmachen, dicht gefolgt vom massigen Körper Beelzebubs .

Mit weit ausholenden Schritten nahm Cabor die letzte Steigung. Als er bei ihr angekommen war, lüftete er seinen Zylinder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ungemütliche Ecke.“ Er drehte sein, mit einer schwarzen Maske bedecktes, Gesicht und pfiff beim Anblick der Mauer anerkennend durch die Zähne. „Monströses Ding. Wer immer hier lebt, versteht sich darauf, Feinde fern zu halten. Wir können nur darauf hoffen, dass wir willkommen geheißen werden.“

Keuchend kam Beelzebub neben ihm zum Stehen. „Mich hält keiner auf! Ich habe Hunger und brauche ein Bett! Mach Platz!“ Der riesige Dämon schob Cabor grob zur Seite und eilte auf das verschlossene Holztor zu. Seine breiten Hufe knirschten im Straßenschotter.

„Beelzebub!“ Fluchend rannte Proserpina hinter ihm her. „Hör auf damit!“

Ungerührt drosch Beelzebub, den Kopf mit den langen spitzen Hörnern gesenkt, gegen das dicke Holz, dass es nur so dröhnte. Proserpina, die ebenfalls vor dem Tor angekommen war, versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein. Während sich hinter der Mauer schwere Schritte näherten, zischte sie ihm von unten zu: „Hör zu, du Idiot! Egal was passiert: Du hältst den Mund! Haben wir uns verstanden?“

Bevor Beelzebub antworten konnte, öffnete sich – begleitet vom leisen Quietschen der Scharniere – der linke Flügel des Tores. Auf der Höhe von Beelzebubs Brust schob sich eine schwarze Hundenase durch den Spalt, die laut vernehmlich Luft einsog. Ein tiefes Grollen drang zu ihnen. „Wer seid ihr?“ Die Nase zuckte nervös, während sie erneut vernehmlich schnüffelte. „Was wollt ihr im Mandala der Großen Mutter?“

„Wir sind müde Wanderer, die von ihrem Weg abgekommen sind und nichts weiter erbitten als eine Mahlzeit und ein Bett für die Nacht“, ließ sich Cabor vernehmen. Er postierte sich neben den beiden anderen, immer den Blick auf die große schwarze Nase gerichtet, die über seinem Kopf weiterhin nervös zuckte. „Ist es nicht guter Brauch, Verirrte zu verköstigen und ihnen Obdach zu gewähren?“

Begleitet von lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Die schwarze Gestalt, die breitbeinig den Durchgang versperrte, starrte sie aus blauen Wolfsaugen an. Sie zog knurrend die Lefzen hoch, zeigte ihre riesigen spitzen Zähne und stieß hervor: „Nur, wenn sie guten Willens sind! Ihr riecht nach Verderbnis! Woher kommt ihr und wer seid ihr? Sprecht!“

Beelzebub, der den Wolfsmenschen um mehr als einen Kopf überragte, lachte höhnisch auf: „Lass uns durch, du Missgeburt!“ Drohend zückte er sein Messer und ging drei Schritte auf den Wächter zu.

Proserpina trat kommentarlos zur Seite und überließ Beelzebub das Feld. Die Kräfteverhältnisse waren so eindeutig, dass man sich die Diskussion sparen konnte. Außerdem genoss sie es, wenn Kleinere und Schwächere litten. Das war einer der Gründe, warum sie sich vor langer Zeit für Beelzebub entschieden hatte: er konnte so wunderbar grausam sein!

Anstatt zurückzuweichen, senkte der Wolfswächter den Kopf, starrte dem Dämon in die Augen und knurrte: „Für diese Unverschämtheit wirst du bezahlen, Großmaul!“

Beelzebub lachte höhnisch auf: „Du willst uns aufhalten, Hundsfott? Du alleine gegen uns drei?“ Er hob drohend das Messer und machte einen weiteren Schritt auf den Wolfsmenschen zu. „Lass uns durch, oder ich schlitze dir den Bauch auf!“

Auf einmal schwang, begleitet von lautem Quietschen, der zweite Torflügel auf. Proserpina schnappte laut vernehmlich nach Luft und sprang erschrocken zur Seite. Im Durchgang stand eine riesige braune Gestalt, die den Wolfswächter um mehr als zwei Köpfe überragte. Das furchteinflössende Wesen senkte den riesigen Bullenkopf, den sie auf ihrem breiten muskulösen Menschenkörper trug, richtete die langen spitzen Hörner gegen Beelzebub und brüllte: „Ich schlitze dir den Bauch auf!“

„Moment, Moment!“ Cabor, der die Szene bis zum Auftauchen des Stiermenschen mit Genuß beobachtet hatte, schaltete sich ein. „Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis!“ Er wies auf Beelzebub, der immer noch – das Messer in der erhobenen Hand – wie festgefroren stand und mit offenem Mund auf den Stiermenschen starrte. „Unser Freund hier ist eine gute Seele, die niemandem etwas zu Leide tut!“ Er trat zu dem Dämon und zischte ihm zu: „Lass das Messer fallen!“ Der öffnete die Hand. Das Messer fiel, begleitet von einem hellen metallischen Klang, neben Beelzebubs Bein auf den Schotter.

„Er hat einfach nur Hunger!“ Cabor war wieder zu Proserpina getreten und deutete erneut auf Beelzebub. „Wenn er länger nichts gegessen hat, ist er immer etwas unleidig. Er wird sich für sein ungehobeltes Betragen entschuldigen! Nicht wahr, Kanzler?“

Beelzebub starrte weiter auf den Stiermenschen, der ihm gegenüber stand. Und ihm auf verblüffende Weise glich.

„Beelzebub! Entschuldige dich!“ Proserpinas schrille Stimme riss den Kanzler des Ordens der Fliege aus seiner Trance.

„Ja, gut. Tut mir leid!“ Der Dämon seufzte schwer. „Unter Brüdern soll man sich nicht streiten.“

Der Stiermensch schnaubte durch die Nüstern: „Ich kenne dich nicht, ‚Bruder!“ Er spuckte das letzte Wort geradezu aus. „Ich bin einer der zornvollen Wächter des Mandalas der Großen Mutter und gehorche ihren Gesetzen. Mit solchen wie dir habe ich nichts zu schaffen!“

Beelzebub starrte, den Kopf hin und her wiegend, auf den Boden. „Gerade fällt es mir ein: Vor langer Zeit war ich einmal ein Fruchtbarkeitsgott. Ich war der Gefährte der Großen Mutter!“ Er richtete sich auf und schlug sich an die Brust: „Wie konnte ich das nur vergessen! Du und ich“ er zeigte mit dem Finger auf den Wächter mit dem Bullenkopf „sind uns viel ähnlicher, als du denkst.“

„Und warum dienst du der Großen Mutter nicht mehr? Und wage es nicht zu lügen, es ist dir eingeschrieben, dass du dich von ihr abgewandt hast!“

„Mein Kult wurde ausgelöscht. Ich hatte nur die Wahl, mich dem Allmächtigen zu unterwerfen, oder Satan. Die Hölle war mir lieber.“

Der Stier-Wächter schnaubte auf: „Du bist ein Verräter! Und ein Feigling dazu!“

„Und obendrein noch ein Grossmaul!“, knurrte der Wolfswächter.

Beelzebub nickte ergeben: „In Dreiteufelsnamen! Es ist wie es ist! Ich kann es nicht mehr ändern. Früher war ich ein Fruchtbarkeitsgott und jetzt bin ich ein Dämon. Die Sache ist gelaufen. Wir“ – er wies auf seine beiden Begleiter – „sind verflucht für alle Zeiten!“

„Sagt wer?“ Der Wolfswächter runzelte fragend die Stirn.

„Sie!“ Beelzebub wies auf Proserpina. „Das sagt sie immer: Wir sind verflucht für alle Zeiten! Die Engel und Heiligen sind im Himmel, die Teufel und Dämonen sind in der Hölle. So lautet das Gesetz!“

„Das mag in eurer Welt gelten. Im Reich der Yeshe Walmo verhält es sich anders. In ihrem Mandala ist jeder willkommen, der ihre Gesetz anerkennt. Auch die zerstörerischen und zornvollen Kräfte werden hier geehrt und geachtet.“

Proserpina fragte mit belegter Stimme: „Das heißt, ihr wäret bereit, uns einzulassen und bei euch aufzunehmen?“

Der Wächter mit dem Bullenkopf nickte. „Unter der Bedingung, dass ihr euch dem Transformationsprozess unterzieht. Und ich warne euch: Der Weg ist lang und hart und wird euch an eure Grenzen bringen! Aber nur, wer sich dieser Reinigung unterwirft, findet Platz im Reich der Yeshe Walmo!“

Beelzebub, Proserpina und Cabor sahen einander an. Einer nach dem anderen nickte.

Proserpina sprach für alle drei: „Wir lassen uns auf den Handel ein. Es ist besser, als für alle Zeiten verflucht zu sein.“

Die beiden Wächter traten zur Seite und ließen die drei durch das Tor treten. Während sie die Flügeltüren verriegelten, flüsterte der Wolfsmensch dem Stiermenschen schmunzelnd ins Ohr: „Ekajati wird viel Spaß mit ihnen haben!“

Gebunden

Der Erzengel Uriel und Luzifer treffen vor dem Tor zum Mandala der zornvollen Göttin der Nacht aufeinander…

Uriel hob ein letztes Mal die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das mächtige hölzerne Tor. Das laute Pochen klang weithin über die Stille der Hochebene. Er lauschte: hatte sich hinter der Tür gerade etwas geregt?

Nein! Das Geräusch kam aus der anderen Richtung. Er drehte sich um. Zu seinem Erstaunen erkannte er eine Gestalt, die mit weit ausholenden Schritten auf der Straße, die vom Tal heraufführte, auf ihn zulief.

Der Fremde, der auf ihn zueilte, kam dem Erzengel vage vertraut vor. Uriel kniff die Augen zusammen. Der Andere trug einen schwarzen Anzug über dem weißen Hemd. Er war von großer schlanker Gestalt, das Haar dunkel. Auf seiner Stirn prankten zwei spitze Hörner.

Das war Luzifer!

Als sein ehemaliger Kollege vor ihm zum Stehen kam, hatte Uriel sich wieder gefasst. „Das nenne ich eine Überraschung.“

Luzifer schnappte nach Luft. „Uriel! Lange nicht gesehen! Wo kommst du denn her? Und wo sind wir hier überhaupt!“

„Gute Frage.“ Uriel hob erneut die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das Holztor. „Scheint keiner da zu sein.“

In diesem Moment erklangen schwere Schritte hinter dem verschlossenen Durchgang. Ein Schlüssel wurde knirschend im Schloss gedreht. Begleitet vom Quietschen der rostigen Scharniere schwang einer der beiden Torflügel auf.

Uriel trat erschrocken einen Schritt zurück und rempelte dabei Luzifer an, der hinter ihm in Deckung gegangen war.

Vor ihnen stand ein riesiges schwarzes Wesen, dessen muskulöser menschlicher Körper von einem mächtigen Wolfskopf geziert wurde. Es starrte sie aus hellblauen Augen an. Dann ging es in die Knie, streckte den Hals und begann, Uriel von oben bis unten abzuschnüffeln. Danach schob es ihn mit einer entschiedenen Bewegung beiseite und wiederholte das selbe Procedere mit Luzifer.

„Nanana.“ Der Wolfsmensch wiegte nachdenklich den Kopf, während er sich wieder zu seiner vollen Höhe aufrichtete. Er starrte längere Zeit nachdenklich auf sie herab, bevor ein tiefes Grollen aus seiner Kehle erklang. „Ihr beide wollt also Einlass in das Mandala der großen Mutter?“

Uriel musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Wächter in die Augen sehen zu können. „Ich habe nichts mit ihm zu tun.“ Er wies auf Luzifer. „Was aus ihm wird, ist mir einerlei. Ich bitte dich darum, das Mandala der Yeshe Walmo betreten zu dürfen.“

Der Wolfsmensch nickte. „Ich sehe, du bist einer, der weiß, womit er es zu tun hat.“

Er starrte wieder nachdenklich auf Uriel und Luzifer herab, bevor er ein weiteres Mal seine Stimme erhob. „Du weißt“, er wandte sich erneut an Uriel, „was zu tun ist, damit ich dir ohne weitere Fragen den Zutritt in das Mandala gewähre?“

Uriel nickte. „Ich muss dich bei deinem Namen rufen.“

Der Wolfswächter nickte. „So ist es. Kennst du ihn?“

„Selbstverständlich.“ Uriel sprach den Namen des zornvollen Wächters Yeshe Walmos laut aus.

Der Wolfsmensch nickte erneut. „So ist es. Aber wenn du meinen geheimen Namen kennst und um Yeshe Walmo weißt, dann hast du auch von ihren Gesetzen gehört: In dem Moment, in dem du dieses verbotene Wissen mit jemandem anderen teilst, gehst du einen karmischen Beziehung ein.“ Er wies mit der Schnauze auf Luzifer. „Der da hat von dir sowohl den Namen der Hüterin dieses Mandalas als auch den meinen erfahren. Ich lasse euch nun beide ein. Aber seid euch bewusst, dass ihr innerhalb seiner Mauern aneinander gebunden seid!“

Damit öffnete er das Tor.

Uriel schritt entschlossen hindurch. Luzifer schob sich hastig an dem riesigen Wächter vorbei und eilte hinter ihm her.

Der Wolfsmensch sah den beiden nach, wie sie auf dem Pfad, der in das Innere des Mandalas führte, veschwanden. „Und auch außerhalb dieser Mauern, so wie es aussieht…“, murmelte er vor sich hin, während er das Tor wieder schloß und den Schlüssel im Schloss drehte.

Entthront

Zu seiner großen Erleichterung gelangt der gefallene Erzengel Luzifer an eine Mauer und ein Tor…

Luzifer hastete durch den Nebel. Unter den Sohlen seiner Lacklederschuhe knirschte der Kies. Zu seiner grenzenlosen Erleichterung war er nach längerem Umherrirren auf eine befestigte Straße gestossen. Früher oder später musste sie ihn zu einer Behausung oder Markierung führen, die ihm verraten würde, wo er in Dreiteufelsnamen hingeraten war!

Im Dahinlaufen rief er sich das Zusammentreffen mit Beelzebub und Cabor im Ätherraum ins Gedächtnis. Ihre erschrockenen Gesichter, als er die Tür aufriss. Den vor Wut schäumenden Beelzebub, wie der auf Cabor einschlug.

Und dann die Explosion. Das Licht!

Luzifers Körper war von einer unbeschreiblichen Kraft durchdrungen und regelrecht gesprengt worden. Er war sich in diesem Moment sicher gewesen, zu sterben.

Stattdessen hatte er sich in seiner gewohnten teuflischen Gestalt in einer Steinwüste wiedergefunden. Umgeben von dichtem Nebel. Und völlig allein.

Luzifer schätzte es nicht allein zu sein. Wenn er ehrlich zu sich war, machte es ihm Angst.

Und er hasste es, keinen Überblick zu haben. Keine Kontrolle!

Üblicherweise war er es, der die Spielregeln bestimmte. Wer immer mit ihm zu tun hatte, war seinen teuflischen Plänen ausgeliefert. Seinen Kontrahenten blieb nur, zu reagieren.

So war es schon immer gewesen, so würde es bis an das Ende aller Tage sein. Davon war er zumindest bisher immer ausgegangen.

Aber irgendeine unbeschreibliche Kraft, die selbst der Allmacht Gottes überlegen zu sein schien, hatte ihn enttrohnt.

Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit, das ihn überschwemmte, war nicht auszuhalten! Verzweifelt knirschte er mit den Zähnen.

Von Angst geschüttelt, beschleunigte Luzifer seine Schritte. Irgendwo an dieser Straße musste eine Behausung auftauchen. Leben!

Es ging aufwärts. Luzifer schritt weiter energisch aus. Nur weg von hier!

Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Der Brioni-Anzug klebte an seinem Rücken. Das einzige, was er hörte, war sein eigener gepresster Atem.

Da! Der Nebel wurde mit jedem Schritt lichter! Vor ihm tat sich eine Hochebene auf.

In der Ferne entdeckte er eine riesige graue Mauer. Die Straße, auf der er lief, führte auf ein Tor darin zu.

Vor diesem Zugang stand ein lebendes Wesen, das einen großen Rucksack über den Schultern zu tragen schien. Gerade in diesem Moment klopfte der Fremde an das Tor. Sein lautes Pochen klang unnatürlich laut über die Hochebene.

Luzifer stöhnte erleichtert auf und begann zu rennen.

Im Palast

Maria ist in die Dienste der zornvollen Göttin der Nacht getreten und erfüllt gehorsam die Aufgabe, die ihr übertragen wurde…

Mit lautem Krachen fiel das schwere Holztor hinter Maria ins Schloss. Sie trat unter den Arkaden hervor in die warme Morgensonne und überquerte – in jeder Hand einen Eimer haltend – den großen Innenhof.

Ein Schwarm leuchtend roter Vögel flog bei ihrem Anblick erschrocken auf und schwirrte unter lautem „schip schip“ auf eine der großen Palmen, die ihre Schatten über die Dächer des Palastes der Yeshe Walmo warfen.

Vor dem monoton plätschernden Springbrunnen in der Mitte des Innenhofs stolzierte ein prächtiger Pfau. Seine langgezogenen klagenden Rufe begleiteten Maria, als sie – auf der gegenüberliegenden Seite der Freifläche angekommen – einen Durchgang betrat und auf den ausgetretenen Steinstufen den Weg in die Tiefe nahm.

Fackeln steckten in den gemauerten Wänden. Sie erleuchteten die breite Treppe und den unterirdischen Saal, der sich vor Maria auftat.

Auf den beiden Längsseiten des riesigen Raumes standen unter dem, von Säulen gestützten, Deckengewölbe in regelmäßigen Abständen je vier große schwarze Amphoren. An der Stirnseite befand sich eine weitere der großen dunklen Vasen.

Maria stellte die beiden schweren hölzernen Eimer ab. Die Metallgriffe hatten sich tief in ihre Handflächen eingegraben. In dem einen Behältnis, das nun zu ihrer Rechten stand, befanden sich gewöhnliche helle Kiesel. Der andere, den sie in ihrer Linken getragen hatte, war mit Steine gefüllt, die von weißer, rötlicher, blauer und grüner Farbe waren.

Wie jeden Morgen hatte Maria den Palast zu Beginn der Dämmerung verlassen. Als die ersten Sonnenstrahlen auf die Wiesen und Gärten des Mandala fielen, war Maria – in jeder Hand einen Eimer – den gewohnten Weg gegangen, so wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte. An jeder der heiligen Stätten, die sie passierte, sammelte sie farbige Steine ein, die in Pyramiden davor aufgehäuft waren. Am Ufer des Flusses, der – von klarem Wasser gespeist – das Mandala durchquerte, füllte sie den anderen Eimer mit Kieseln.

Maria zog eine Fackel aus der eiserner Halterung und schritt, die zuckende Flamme in der erhobenen Hand, an eine große Metallschale, die sich in der Mitte des unterirdischen Saales befand. Das geheime Mantra der zornvollen Göttin rezitierend, entzündete sie das Holz, das sorgfältig aufgeschichtet in der Mulde lag.

Weiter unaufhörlich das Mantra rezitierend stand sie – die flackernde Fackel in der Hand – und beobachtete, wie die kleine Flamme sich von den Spänen nährte, rauchend wuchs, bis die großen Holzscheite Feuer fingen. Lodernde Feuerzungen begannen zum Knistern und Knacken des Feuers zu tanzen.

Nachdem sie die Fackel wieder zurück in die Halterung gesteckt hatte, begann Maria mit ihrer Arbeit.

Wie jeden Tag war es an ihr, die neun Amphoren zu füllen.

Sie beugte sich über die Eimer und nahm einen Kiesel in ihre rechte Hand und einen der bunten Steine in ihre Linke. Maria richtete sich auf, strich sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und wanderte, in jeder ihrer Handflächen die glatte kalte Oberfläche und die Härte der Steine spürend, die Augen halb geschlossen, im Kreis durch den großen Raum. Alles was sie hörte, war ihr eigener tiefer Atem.

Schließlich blieb sie vor einer der Amphoren in der Mitte der linken Raumseite stehen. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um – den linken Arm nach oben ausgestreckt – einen bläulich leuchtenden Stein in das Gefäß zu werfen. Aus seiner Tiefe erklang ein dumpfes „Klong“ als dieser auf den Boden aufschlug.

Danach durchquerte Maria den Saal und warf den hellen Kiesel in die Amphore, die der anderen gegenüber lag. Wieder erklang das dumpfe Geräusch, als der Kiesel auf dem Grund des Gefäßes zu liegen kam.

Maria kehrte zu den beiden Eimern zurück, griff sich erneut mit ihrer rechten Hand einen Kiesel, mit ihrer Linken einen bunten Stein. Danach nahm sie ihre konzentrierte Wanderung durch den Saal wieder auf, kam nach ein paar Minuten vor einer anderen Amphore zum stehen, warf den bunten Stein in diese und den grauen Kiesel in ein anderes Gefäß.

So wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte.

Das tat sie, bis sich kein einziger Kiesel und kein einziger Stein mehr in den beiden Eimern befanden.

Das Feuer in der Metallschale war längst niedergebrannt. Müde schleppte sich Maria, die beiden leeren Eimer tragend, die breite Treppe hoch.

Über dem großen Innenhof hing die Abenddämmerung. Aus einem der prächtigen Gärten des Palastes der Yeshe Walmo klang der langgezogene klagende Ruf eines Pfaus zu ihr.

Maria wusste nicht, wie lange sie bereits in den Diensten der großen Mutter stand. Es war ihr, als hätte sie Zeit ihrer Existenz nie etwas anderes getan, als Steine und Kiesel zu sammeln und zu verteilen.

Auf dass, dem Willen der Yeshe Walmo folgend, das Gesetz der wechselseitigen Abhängigkeiten im Universum wirken konnte.

Vor den Mauern des Mandala

Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel gelangen an das Mandala der zornvollen Göttin der Nacht und treffen auf einen Torwächter…

Sie standen vor einer hohen Mauer. Darüber spannte sich ein – von unzähligen Sternen erleuchteter – Nachthimmel.

Eine gefühlte Ewigkeit waren sie zuvor in dichtem Nebel auf dem Pfad unterwegs gewesen. Er hatte sie durch eine verkarstete Hügellandschaft zu einem ausgetrockneten Flussbett geführt. An dessen steinernem Ufer ging es von nun an flussaufwärts. Die Steigung, zu Beginn kaum wahrnehmbar, war mit der Zeit stärker und stärker geworden. Schließlich hatte der Weg sie – immer den Spuren des Wassers folgend, das sich einst durch die Felsen gegraben hatte – über einen Berghang auf eine Hochebene gebracht.

Und vor die Mauer.

Gabriel warf eine Blick zurück. Nur wenige Meter unter ihnen lag der Nebel wie eine dicke weiße Decke über dem Tal. Es war eiskalt. Kein Laut war zu hören.

Suriyel hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in den Nachthimmel. Gabriel tat es ihm nach. Über ihnen erstreckte sich das, von unzähligen Sterne erleuchtete, Firmament.

„Kein Mond. Und kein Sternbild, das ich kennen würde. Wir scheinen in einer anderen Galaxie zu sein.“ Suriyel zog sich die Stirnlampe vom Kopf und schaltete sie aus.

Gabriel beschloss, diesem Gedanken keine weitere Energie zu schenken. Er war zu beängstigend!

„Irgendwo muss es einen Durchgang geben.“ Damit drehte sich Suriyel um und begann, am Fuße der Mauer entlang zu laufen. Die Zähne zusammengebissen, eilte Gabriel hinter ihm her.

Während sie Suriyel folgte, spürte Gabriel die seltsame Energie der Mauer. Sie war alt. Uralt. Viel älter, als sie selbst und Suryiel. Und beide waren sie vor 4000 Jahren vom Allmächtigen erschaffen worden. Im Vergleich zu der Zeit, die diese Mauer überdauert hatte, erschien ihr die eigene Existenz mit einem Mal nichtig.

Suriyel blieb so abrupt stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingelaufen wäre. „Da vorne ist ein Tor!“

Richtig! Aus den Tiefen des, von Nebel bedeckten, Tales führte ein breiter Weg auf die Hochebene und zu einem Durchgang in der Mauer.

Suriyel trat auf die Straße und schritt darauf zu. Ein hohes Tor versperrte den Weg. Suryiel machte davor halt. Nach kurzem Zögern hob er die Hand. Seine Fingerknöchel schlugen gegen das raue Holz. Unnatürlich laut schallte sein Klopfen durch die vollkommene Stille, die über der Hochebene lag.

Gabriel stand mit angehaltenem Atem neben ihm. Kein Laut drang durch das Tor zu ihnen. Gerade als sie dachte, niemand hätte Suriyels Bitte um Einlass gehört, bewegte sich mit einem Mal einer der beiden Torflügel. Begleitet von schrillem Quietschen schwang er einige Zentimeter auf. Auf der Höhe von Suriyels Stirn schob sich eine große schwarze Nase durch den Spalt, die zuckend und laut vernehmlich seinen Geruch einsog.

Ein tiefes Grollen drang durch den Türspalt zu ihnen. „Wer ist es, der Einlass in das Mandala der großen Göttin begehrt?“

Gabriel starrte fassungslos auf die seltsame Nase. Hinter dem Tor schien sich ein riesiger Hund zu befinden. Der noch dazu sprechen konnte! Und der eine große Göttin bewachte! Die in einem ‚Mandala‘ zu leben schien! Was immer das sein sollte? Alles um sie drehte sich.

Sollte Suryiel ebenso verwirrt sein, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. „Wir sind zwei Erzengel.“

Mit lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Gabriel schnappte erschrocken nach Luft. Das Wesen, dass mit einem Mal vor ihnen stand, hatte einen menschlichen Körper. Auf seinen Schultern saß ein Wolfskopf. Das riesige Geschöpf war von schwarzer Farbe. Seine Augen, mit denen es die beiden Erzengel musterte, waren von strahlendem Blau.

Der seltsame Wolfsmensch runzelte bei ihrem Anblick verwirrt die Stirn. Er trat einen Schritt näher an sie heran und begann, erst Suriyel und danach Gabriel von oben bis unten zu beschnüffeln. Danach trat er wieder zurück und schüttelte, sie weiter eingehend betrachtend, den riesigen Wolfskopf: „Warum sprichst du von dir selbst als ‚Erzengel‘? Du bist doch wohl ganz offensichtlich ein Daka und das“, er wies mit seiner Schnauze zu Gabriel, „ist eindeutig eine Dakini!“

Gabriel war so verblüfft, dass sie ihre Angst vergaß. „Was, bitte, ist eine ‚Dakini‘?

Das heulende Lachen des Wolfs hallte schaurig von der Mauer wieder. „Du! Du bist eine Dakini! Kannst du fliegen?“

Gabriel nickte. „Ja klar! Ich bin ein Engel!“

Der Wolf nickte. „Überbringst du den Menschen Botschaften? Hilfst du ihnen in der Not? Zeigst du ihnen den Weg, wenn sie sich verirrt haben? Teilst du deine Visionen mit ihnen?“

Gabriel nickte wieder. „Genau das ist meine Job.“

Der Wolf grinste zufrieden. „Willkommen im Mandala der großen Mutter!“ Mit einer weit ausholenden Bewegung winkte er Gabriel herein. Die trat zögernd durch das Tor.

Suriyel wollte ihr folgen. Der Wolfsmensch streckte den Arm aus und hielt ihn zurück. „Halt! Was ist deine Funktion? Bringst du Visionen und führst?“

Der Erzengel schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass alle Engel die göttlichen Gebote achten.“

„Die Gebote der großen Mutter?“

„Die Gebote Gottes.“

Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle des Wolfs. „Dann geh! Du hast hier nichts verloren! Hier beginnt das Reich der Yeshe Walmo! Nur sie bestimmt über Leben und Tod!“

Gabriel versuchte, an dem Wolfsmenschen vorbei wieder vor das Tor und zu Suriyel zu kommen. Ohne ihn wollte sie auf keinen Fall in diesem seltsamen Mandala bleiben! Vergebens. Der Wolf versperrte ihr mit seinem massigen Körper den Durchgang.

„Suriyel, sag ihm, dass du auch fliegen kannst! Und natürlich kannst du auch Wunder wirken! Du bist ein Erzengel, verdammt noch mal!“

Sie wandte sich an den Wolf: „Das mit den Regeln meint er nicht ernst! Du hast ja selbst gesagt, er wäre ein Daka!“

Hinter dem Rücken des Wolfs rief sie in Richtung Suriyel: „Jetzt sag ihm doch, dass du die Gesetze von dieser Yeshe Walmo akzeptierst! Du kannst mich auf keinen Fall alleine lassen!“ Im Stillen verfluchte sie Suriyels Sturheit. Der brachte es fertig, und bestand selbst in einer anderen Galaxie und vor einem Wolfsmenschen darauf, dass nur seine Regeln die richtigen waren!

Durch den Spalt zwischen dem muskulösen Arm und dem mächten Körper des Wolfsmenschen gelang es ihr, einen Blick auf Suriyel zu werfen. Der schien konzentriert nachzudenken. Schließlich nickte er ergeben. „Ja, gut. Ich unterwerfe mich den Gesetzen von…“ er zögerte, holte tief Luft und spuckte den Namen geradzu aus, „Yeshe Walmo“.

Der Wolfsmensch wiegte den Kopf. „Das ist leichter gesagt, als getan. Was gibst du mir als Beweis für deine Treue zur großen Göttin?“

Suriyel sah an sich hinunter. Den Beutel mit seinen Utensilien hatte er beim Sturz in die Tiefe verloren. Das einzige, was er noch besaß, war die Stirnlampe, die er in der linken Hand hielt. Er streckte sie dem Torwächter entgegen. „Etwas anderes habe ich nicht.“

Der Torwächter betrachtete interessiert die Lampe. „Was ist das?“

Suriyel stülpte sie sich über den Kopf und schaltete sie an. „Man trägt sie so. Sie spendet Licht.“

„Gib sie mir!“ Die Stimme des Wolfs bebte vor Gier. „Ich will das Licht haben!“

Suriyel streifte die Bänder vom Kopf. „Lass mich durch. Dann gebe ich sie dir.“

Der Wolfsmensch trat einen Schritt zur Seite. Suriyel schob sich an ihm vorbei und drückte ihm dabei die Stirnlampe in die Hand.

Gabriel atmete erleichtert auf. Sie waren beide im Mandala der Yeshe Walmo!

Wer immer das auch sein mochte…

Im Niemandsland

Auf der Suche nach Maria findet sich Erzengel Uriel, anstatt in Nepal, in einer seltsamen Welt wieder…

Es war kalt. Um ihn war dichter Nebel. Aus der Ferne drangen seltsam klagende Laute zu ihm.

Uriel sah sich verwirrt um. Vor ein paar Minuten hatte er sich auf der Landstraße vor der alten Mühle dematerialisiert. Mit dem Ziel, am Fuße des Bön-Klosters in Nepal wieder Form anzunehmen.

Dort hatte Uriel den Kenpho – den Abt des Klosters – um Rat fragen wollen. Der war einer der Linienhalter des Bön. Deshalb wusste er um die Geheimnisse Yeshe Walmos. Jener zornvollen weiblichen Emanation des Buddha, die Uriel in die Mühle gerufen hatte, auf das sie die Schutzengel Friedrichhains von ihrem Fluch befreien möge.

Uriel hatte von Anfang an gewusst, dass es mit erhebliche Risiken einher ging, ausgerechnet Yeshe Walmo zu rufen. Sie war die mächtigste aller zornvollen Gottheiten. Kein Mensch – mochte er noch so mächtig und bewandert in der Kunst des Tantra sein – konnte ihr befehlen. Sie gab und nahm nach den Gesetzen des Lebens und des Todes. Menschliches Begehren war für sie bedeutungslos.

Aber alle anderen Mächte wären nicht stark genug gewesen, den Fluch Luzifers zu brechen.

Yeshe Walmo war Uriels Ruf gefolgt, hatte die Fesseln des Bösen gesprengt, das die Schutzengel gebunden hatte – und war mit Maria wieder verschwunden.

Wenn Uriel gewusst hätte, dass er DIESEN Preis würde zahlen müssen, hätte er sich niemals auf den Handel eingelassen! Nichts war so kostbar für ihn, wie Maria!

Aber was geschehen war, war geschehen. Deshalb hatte Uriel in fliegender Hast die Mühle hinter sich gelassen, um den Rat des Kenpho zu suchen. Der, so seine Hoffnung, würde Mittel und Wege kennen, um Maria wieder zurück zu bringen.

Stattdessen war der Erzengel, Sekunden nach dem er sich dematerialisiert hatte – den Fokus fest auf Nepal und das alte Kloster am Fuße des Himalajas gerichtet – von einer gewaltigen Detonation getroffen worden! Strahlendes Licht hatte seine fragile – nur aus Energie bestehende – Struktur durchdrungen, ihn aus seiner Bahn geschleudert und an diesem seltsamen Ort, der nur aus dichtem Nebel zu bestehen schien, wieder Form werden lassen.

Uriel senkte den Blick. Er stand auf einem schmalen Pfad. Zwischen, von Moosen und Flechten überzogenen, grauen Felsen führte er in den dichten Nebel hinein. Der Erzengel zog die Riemen des schweren Rucksacks, den er immer noch über den Schultern trug, enger und machte sich auf den Weg.

Im Nebel

Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel finden sich nach ihrem Sturz in die Tiefe an einem unheimlichen Ort wieder…

Sie stürzten kopfüber in die vollkommene Dunkelheit. Sie fielen und fielen. Zeit und Raum waren bedeutungslos geworden.

Auf einmal war da ein gleißendes Licht. Es jagte über sie hinweg, durch sie hindurch, löschte sie aus.

Das einzige, das Gabriel spürte, war Suryiels eiserner Griff, mit dem er ihr Handgelenk umklammerte.

Sie standen auf festem Grund. Um sie waren Kälte und Dunkelheit.

Suriyel drehte den Kopf. Das Licht seiner Stirnlampe, die wie durch ein Wunder den Sturz überstanden hatte, tanzte im Kreis und ließ die dichten Nebelschwaden um sie weiß aufleuchten.

„Wo sind wir?“ Gabriel klapperte vor Angst mit den Zähnen.

„Ich glaube nicht, dass wir noch unter der Erde sind.“ Suriyel sah sich weiter prüfend um.

„Aber wir sind eine Ewigkeit in die Tiefe gestürzt!“

„Ja. Erst ging es abwärts. Seltsam, dass wir nicht fliegen konnten. Aber dann war da irgendwo weit über uns diese wahnsinnige Detonation. Es klang, als wäre die komplette Hölle gesprengt worden. Die Druckwelle muss uns irgendwie an die Oberfläche geschleudert haben.“

„Ich habe nicht gespürt, dass es nach oben ging. Es hat sich angefühlt, als würde ich mich auflösen!“ Gabriel schlotterte bei der Erinnerung daran. „Da war nur noch weißes Licht!“

„Ja, das war seltsam.“ Suriyel machte zögernd ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein und zog sie dabei, immer noch ihren Arm haltend, hinter sich her. Mit der Stirnlampe leuchtete er den Boden ab. Der Lichtkegel strich über graues Gestein, das von Moosen und Flechten überwuchert war.

„Hörst du das auch?“ Gabriel hielt den Atem an. Ihr war, als würden hinter den Nebelschwaden Stimmen wispern. War da nicht ein tiefes Seufzen, gefolgt von langezogenen Klagelauten? Oder spielten ihre Sinne verrückt?

„Ich will sofort weg von hier!“ Sie wusste, dass sie hysterisch klang.

„Kannst du dich dematerialisieren?“

„Nein!“

„Ich auch nicht.“ Suriyel umklammerte ihren Arm fester und schritt schneller aus.

Im Licht seiner Stirnlampe begannen die Nebelschwaden zu tanzen. Während Gabriel hinter ihm her stolperte, schien ihr, die grauen Fetzen würden lebendig werden. Sie glaubte, Gesichter zu erkennen, verzerrte Fratzen mit weit aufgerissenen Mündern. Lange Arme, die sich nach ihnen ausstreckten. Hände, deren Finger wie Krallen gekrümmt waren und nach ihnen griffen. „Da sind lauter Gespenster!“

„Das ist einfach nur Nebel. Wir sind auf einem Weg.“ Suriel ließ den Strahl der Stirnlampe nach vorne wandern.

Richtig. Sie standen auf einem schmalen Pfad.

„Besser als nichts.“ Er leuchtete erst in die eine, dann in die andere Richtung. Irgendwo hinter ihnen erklang wieder ein langgezogener Klagelaut. „Wir gehen da lang!“ Er wies nach vorne. „Bleib dicht hinter mir!“

Er ließ ihren Arm los und ging voran. Gabriel hastete hinter ihm her.

Explosion

Proserpina sprengt Luzifers Äther-Speicher und löst eine energetische Kettenreaktion aus…

Proserpina schwebte.

Das Gefühl vollkommener Leichtigkeit war überwältigend. Noch nie zuvor in den 2500 Jahren ihrer Existenz hatte sie sich so unbeschwert gefühlt.

Alles, was sie gebunden hatte, war von ihr abgefallen. Verdampft, verglüht…

Um sie gab es weder Raum noch Zeit. Sie war in der Unendlichkeit angekommen.

In der Leere.

Im Frieden.

Aber, halt!

Töne drangen zu ihr. Sie kamen aus weiter Ferne.

Einer anderen Galaxie?

Einer anderen Realität?

Die Töne wandelten sich zu Lauten. Die Laute wurden zu Worten. Die Worte geronnen zu Sätzen.

Stimmen!

Sie hörte zwei verschiedene Stimmen!

Die wild tosende Sturmflut ihrer Emotionen durchbrach den Damm der unendlichen Leerheit.

Hass!

Liebe!

Und plötzlich: Licht!

Alles war nur noch Licht!

Mit einer gewaltigen Explosion wurde Prosperina in die Unendlichkeit geschleudert.

Konfrontation

Luzifer trifft in seinem Äther-Apparat auf einen ungebetenen Gast und eine verstörende Erscheinung…

Nekael verließ den Saal. Mit einem Besen in der Hand trat er kurz darauf wieder ein und begann, die Scherben des Schraubglases zusammenzukehren, die immer noch auf dem weißen Marmorboden verstreut lagen.

Arakiel sortiere hinter dem Tresen leere Flaschen. Nach dem plötzliche Verschwinden der Seelenfliegen hatten die Gäste ihre Wut in Alkohol ertränkt.

Während Luzifer am Kamin stand und in die Reste des erloschenen Feuers starrte, lauschte er dem leisen Klingeln der Glasflaschen. Er stand immer noch unter Schock. Gedankenverloren strich er mit dem Finger über seine Wange. Die Schnittwunde, die er sich durch das explodierende Glas zugezogen hatte, blutete weiterhin. Er würde eine Narbe davontragen. Er war gezeichnet!

Was nicht unpassend war. Die letzte Niederlage dieser Dimension lag 2.500 Jahre zurück. Damals war er nach seinem missglückten Aufstand gegen den Allmächtigen aus dem Himmel geworfen und in die Hölle verbannt worden. Er hatte gedacht, er könne die Schmach tilgen.

Stattdessen war er ein weiteres Mal gescheitert.

„Reiß dich zusammen!“, herrschte er sich innerlich an. „Jammern ist keine Lösung! Du musst herausfinden, was geschehen ist!“

Luzifer gab sich einen Ruck. Er eilte zur Garderobe, zog sein Jacket über, kontrollierte, ob sein Schlüsselbund in der Tasche steckte und eilte aus dem Saal.

Mit einem leisen schabenden Geräusch öffnete sich die Aufzugtür und offenbarte Dunkelheit. Die schwarzen Wände des Vorraums im Kellergeschoss von Luzifers Höllenareal, absorbierten das schwache Licht der Notbeleuchtung fast vollständig.

Luzifer trat aus der Aufzugkabine und eilte an die gegenüberliegende Ecke des Raumes. Dort kniete er nieder und drückte auf die Wandleiste. Vor ihm schwang eine schmale Tür auf.

Das Licht von Luzifers Taschenlampe ließ den schwarzen Stein des Tunnelschachts glänzen. Vor dem Raum angekommen, in dem sich sein magischer Äther-Apparat befand, machte halt. Er drehte den Schlüssel im Schloss und riss die schwere Metalltür auf.

Im nachtschwarzen Raum erkannte Luzifer die Umrisse zweier Gestalten, die sich erschrocken zu ihm umgedreht hatten. Ohne Zweifel: Das waren Beelzebub und Cabor! Was trieben die in seinem Äther-Labor?

Mit einem großen Schritt trat Luzifer ein und warf die Tür mit einem lauten Krachen hinter sich zu. Der riesige Dämon mit dem Stierkopf und der schmale gefallene Engel mit der Gesichtsmaske unter dem hohen Zylinder rangen sichtlich um Fassung.

„Was habt ihr hier zu suchen? Und wie seit ihr hier überhaupt reingekommen? Es gibt nur einen Schlüssel!“ Luzifer glühte vor Wut. Seine Angst vor Beelzebub hatte er vollkommend vergessen. Der Kanzler des Ordens der Fliege steckte also hinter der ganzen Sache! Das hätte er sich denken können!

Beelzebub setzte einen blasierten Gesichtsaudruck auf. „Wir wollten uns einfach mal umsehen. Die Gerüchteküche kocht, wilde Geschichten gehen rum. Du möchtest dem Orden der Fliege Konkurrenz machen, heißt es?“ Er wies mit dem Kinn auf die weißen Lichtreflexe, die um sie im Raum tanzten. „Damit? Sind das deine Seelenfliegen? Hüsch! Sehr dekorativ, deine … Fliegen.“ Er brach in hämisches Gelächter aus.

Luzifer starrte ihm kalt in die Augen. „Du bist ein Idiot, Beelzebub. Deine Dämonen-Regeln interessieren niemanden mehr. Weder in der Hölle, noch auf der Erde! Deine Zeit als Kanzler der Fliege ist abgelaufen!“

Beelzebub hob in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen. „Das wäre mir neu. Aber wenn du das sagst…“

Luzifer nickte in Richtung des schmalen Mannes mit der Maske. „Cabor weiß es auch. Deshalb hat er dich hierhergebracht. Er wollte dich reinlegen, Beelzebub!“

Er wandte sich dem gefallenen Engel zu: „Nicht wahr, Cabor? Du bist der einzige gefallene Engel, der Zugang zu den Seelenfliegen des Ordens hat. Was für ein Machtgewinn! Und deine Schlussfolgerung daraus: Du möchtest Kanzler des Ordens der Fliege werden.“

Cabor öffnete den Mund. Luzifer unterbrach ihn: „Schweig! Hältst du mich für einen Idioten? Ich weiß schon länger, dass du ein doppeltes Spiel spielst!“

Der gefallene Engel wandte sich an Beelzebub. „Er lügt, Kanzler! Niemals hätte ich daran gedacht, euch euren Posten streitig zu machen! Ich bin dem Orden immer treu ergeben gewesen!“

Luzifer lachte auf: „Lass dir nichts einreden, Beelzebub! Erst hat er dir deine Dämonin weg genommen und jetzt will er deine Macht und deinen Titel! Wie fickt es sich mit Proserpina, Cabor?“

Brüllend vor Wut stürzte sich Beelzebub auf den gefallenen Engel. Luzifer konnte gerade noch ausweichen. Mit Genuss beobachtete er, wie der riesige Dämon auf den schmalen Cabor einprügelte, der verzweifelt versuchte, sich gegen die wüsten Schläge und Tritte des Kanzlers der Fliegen zu verteidigen .

Auf einmal tauchte ein ein rotes Lichtteilchen zwischen all den weißen auf, schwebte an Luzifer vorbei und begann, um die beiden miteinander Ringenden zu tanzen. Er starrte ihm verblüfft hinterher.

Wo kam das her? Alle Lichtteilchen, die er aus dem Äther der Schutzengel Friedrichhains gewonnen hatte, waren weiß gewesen! Was ging hier vor?

Aufbruch

Erzengel Uriel lässt die Schutzengel Friedrichhains in der alten Mühle zurück und macht sich auf die Suche nach Maria…

Uriel schoss, die Statue der Yeshe Walmo unter dem Arm und einen Rucksack über die Schulter geworfen, aus seinem Wohnzimmer. Er rannte über den Flur und steuerte die Treppe zum Dachstuhl an.

Fluchend kam er davor zum Stehen.

Ein Pulk Schutzengel schwebte ihm kichernd entgegen. Zwitschernde Kanarienvögel kreisten um ihre blonden Locken. Nelken und Margeriten regneten von der Decke herab.

Während Uriel zähneknirschend darauf wartete, dass er seinen Weg fortsetzen konnte, wünschte er stumm alle Schutzengel Friedrichhains zur Hölle.

Als endlich auch der letzte gackernde Engel an ihm vorbeigezogen war, jagte er die Treppe hoch.

Im Schreinraum angekommen, stellte er zuerst die Statue der Yeshe Walmo zurück auf den Altar. Glücklicherweise war sie bei ihrem Sturz nicht zu Schaden gekommen. Er trat ein paar Schritte zurück und vollzog die drei vorgeschriebenen Niederwerfungen.

Anschließend wandte er sich der großen alten Holztruhe zu, die in einer dunklen Ecke des Schreinraums stand. Er suchte in fliegender Hast mehrere dicke Bündel Papierstreifen heraus. Dann beugte er sich weit über den Rand und tastete in einer dunklen Ecke herum. Als seine Hände einen glatten runden Gegenstand erspürten, atmete er erleichtert auf: Hatte er es doch gewusst, dass die zweite Kapala hier steckte!

Uriel wickelte Kapala und Papierstreifen sorgfältig in ein dickes Tuch und verstaute alles im Rucksack. Die Flasche Schnaps, die neben dem Altar stand, stopfte er ebenfalls hinein, genau wie seine Kangling, die auf seinem Schreintisch lag.

Kurz danach stand er wieder auf der Terrasse. Er stieg über die Trümmer des Altars, schob Glocke und Dorje in den Rucksack, gefolgt von der Damaru, der tibetischen Handtrommel.

Seine Mala trug er um das Handgelenk gewickelt.

Er war bereit.

Es war bereits nach Mitternacht, als Uriel, einen prall gefüllten Rucksack über seine Schultern geworfen, unter der magischen Absperrung der alten Mühle hindurch auf die Straße kroch.

Israfel stand an der Haustür. Er hielt Uriels kleinen weißen Hund im Arm. Während hinter ihm die Schutzengel Friedrichhains ein rauschendes Fest feierten, sah er dem Erzengel nach, der – beschienen vom Licht einer Straßenlaterne – nach ein paar Schritten auf der Landstraße ins Nichts verschwand.

Verflucht

Luzifers Hochamt der Verspeisung der himmlischen Seelenfliegen nimmt eine unerfreuliche Wendung…

Auf Luzifers Zeichen hin schritt Nekael an den mannshohen Gong an der Stirnseite des Saals. Er holte weit aus. Der Schlegel in seiner Hand ließ die riesige Metallscheibe erbeben.

Mit feierlichen Mienen erhob sich die Tischgesellschaft.

Ein zweiter dröhnender Gongschlag ertönte.

Im Inneren des großen Schraubglases, das an der Stirnseite der Tafel platziert war, schwirrten vierundzwanzig grüne Schmeißfliegen.

Ein dritter Gongschlag erklang. Mit ernsten Blicken starten die gefallenen Engel, die zur ersten Verspeisung der verfluchten Seelenfliegen der Schutzengel Friedrichhains geladen waren, auf ihre Teller.

Luzifer wartete, bis sich wieder Stille über den großen Saal gelegt hatte. Als nur noch das Knacken der brennenden Holzscheite im offenen Kamin zu hören war, griff er zum Glas mit den Fliegen und hielt es triumphierend in die Höhe. „Macht euch bereit für die Speise, die uns unbesiegbar machen wird!“

Nekael trat schweigend an seinen Platz an der Tafel. Zusammen mit den anderen zweiundzwanzig Teufeln verneigte er sich tief vor Luzifer.

„Jeder, der eine Fliege erhält, wird mir zuvor unverbrüchliche Treue bis an das Ende der Zeiten schwören!“ Luzifer platzierte das Glas vor sich, hielt beide Hände darüber und murmelte einen Zauberspruch. Die Fliegen, die aufgeregt darin herumschwirrten, vielen wie betäubt zu Boden.

Nekrael und Arakiel stellten sich, die Hände vor der Brust gefaltet, erwartungsvoll vor ihrem Oberteufel auf. Die anderen gefallenen Engel reihten sich hinter ihnen ein.

Luzifer hob feierlich den Deckel und schob seine Hand ins Glas, um die erste Fliege herauszuholen. Nekrael ging währenddessen vor ihm auf die Knie.

Was war das?

Luzifer zog die Hand wieder heraus und starrte verblüfft in das Glas. Das war leer. Alle Fliegen waren verschwunden!

„Verflucht! Was geht hier vor?“

Die versammelten gefallenen Engel zuckten zusammen. Nekrael fiel vor Schreck beinahe vorne über. „Was ist los, Chef?“

„Die Fliegen sind verschwunden!“ Luzifer packte das leere Glas und schüttelte es.

In diesem Moment bebte die Erde. Kreischend ging die Festgesellschaft zu Boden. Luzifer stürzte, das Glas immer noch in beiden Händen haltend, nach vorne. Mit lautem Krachen knallte das Behältnis auf den weißen Marmor. Glassplitter jagten durch die Luft.

Stöhnend vor Schmerz presste Luzifer seine Hand gegen die Wange. Warmes Blut ran durch seine Finger, während er verzweifelt versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.

Auslöschung

Die zornvolle Göttin der Nacht – von Erzengel Uriel in die Mühle gerufen – beendet Karma und Verstrickungen…

Uriel stand vor der Feuerschale. In seiner rechten Hand drehte er eine Trommel, in der Linken schwang er eine große Glocke. Der fiebrige Ryhthmus der Trommelschläge, begleitet vom dröhnenden Klang der Glocke, ließ die Terrasse erbeben.

Yeshe Walmo tanzte zum wilden Rhythmus der Musik in den magischen Flammen. Während sich ihr kraftvoller blauer Körper im Kreis drehte, stoben Funken in die Höhe und prasselten auf ihren – mit einer Krone aus Totenköpfen geschmückten – Kopf nieder. In ihrer Rechten schwang die zornvolle weibliche Emanation Buddhas ein langes Schwert.

Mit aufgerissenen Augen und Mündern standen die Schutzengel Friedrichhains eng aneinander gedrückt um die Feuerschale und starrten auf die blaue Göttin, die Uriel zu ihrem Schutz gerufen hatte.

Erschrocken beobachtete Maria, wie Uriel noch einen Schritt näher an die Feuerschale trat und sich tief vor der tanzenden blauen Göttin der Nacht verneigte, während er weiter Glocke und Trommel erklingen ließ.

Dann nickte er in Richtung Israfels. Der näherte sich ebenfalls und verneigte sich vor Yeshe Walmo, bevor er das Papier, auf dem er die Namen aller kontaminierten Schutzengel Friedrichhains notiert hatte, an die Flammen hielt.

Begleitet von Trommelschlägen und Glockengeläut fing der Zettel Feuer. Die blaue Göttin drehte sich wilder und wilder. Ihre nackten Sohlen stampften in der Glut. Auf einmal jagte ein gewaltiger Funkenschwall unter ihren Füßen hervor und ging wie ein Feuerregen auf die Schutzengel nieder. Gleichzeitig schoß eine Stichflamme aus der Hand Israfels. Eine Sekunde später segelten die Reste des Papieres zwischen seinen Fingern als Asche zu Boden.

Die Schutzengel duckten sich, panisch kreischend, unter dem Glutregen.

Maria hatte die ganze Zeit über stumm und bewegungslos in die Feuerschale gestarrt. Ihr Kopf war vollkommend leer. Sie spürte nichts.

Yeshe Walmo hielt mitten im wilden Tanz inne. Hoch aufgerichtet stand sie in den Flammen und sah Maria in die Augen.

Uriels Hände erstarrten. Trommelschläge und Glockengeläut verstummten. Mit einem Mal lag vollkommene Stille über der Terrasse.

Maria und die blaue Göttin der Nacht standen sich direkt gegenüber. Die Blicke der beiden verschmolzen ineinander.

Auf einmal bebte der Boden. Die plötzlichen Erdstöße ließen die alte Mühle erzittern und holten alle, die auf der Terrasse standen, von den Füßen. Der provisorische Altar stürzte mit lautem Krachen in sich zusammen. Die Statue der Yeshe Walmo, die Uriel oben drauf platziert hatte, fiel scheppernd zu Boden, rollte über die Fliesen und kam vor der Feuerschale zu liegen.

Uriel stemmte sich vom Boden hoch und kam taumelnd auf die Beine. Fassungslos starrte er auf die Mitte der Terrasse: Ein paar letzte schwache Flammen zuckten in der roten Glut. Yeshe Walmo war verschwunden. Und mit ihr Maria.

Der Sturz

Ein unerwartetes Beben in der Tiefe der Hölle bringt die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel in tödliche Gefahr…

Das matte Licht der Taschenlampe erleuchtete lediglich die nächsten zwei oder drei Schritte. Der Tunnel war inzwischen so eng, dass sie auf allen Vieren kriechen musste. Es ging steil abwärts. Sie tastete sich vorsichtig Meter für Meter vorwärts. Die Angst, auszurutschen und in die dunkle Tiefe zu stürzen, war überwältigend.

Auf einmal flackerte ihre Lampe kurz auf, dann erlosch es. Gabriel stöhnte erschrocken auf und verharrte in der Bewegung. Um sie war vollkommene Schwärze.

„Was ist los?“ Suriyel, der ein paar Meter hinter ihr kroch, schaltete seine Stirnlampe an.

„Meine Batterien sind leer.“

„Ich habe dir gesagt, dass die nicht lange halten. Lass uns umkehren!“

„Nein! Wir müssen weiter! Bitte!“

Er schwieg.

„Ich gehe nicht zurück. Notfalls muss ich eben ohne Licht weiter!“

„Das möchte ich sehen!“ Er überlegte offensichtlich, ob er nicht einfach umdrehen und sie in der Dunkelheit zurücklassen sollte in der Hoffnung, sie würde aufgeben.

Er kroch zu ihr. „Jetzt komm zurück. Das ist doch der totale Schwachsinn hier!“ Er packte ihren Arm, drehte sich um und begann – sie hinter sich herziehend – wieder aufwärts zu kriechen.

Gabriel stemmte die Fersen in den Boden und versuchte, sich an der glatten Felswand festzuhalten. Vergebens. Er war viel kräftiger als sie.

„Lass mich los!“

„Du kommst mit! Es reicht jetzt!“ Er zog ein weiteres Mal energisch an ihrem Arm. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden.

Auf einmal bebte die Erde. Alles um sie wackelte. Gestein fiel von der Decke, vom Boden löste sich Geröll und riss sie mit sich.

Suriyel packte Gabriels Arm fester und versuchte, sich mit der anderen Hand an einem Felsvorsprung festzuhalten. Vergebens.

Die beiden Erzengel stürzten mit der Steinlavine in die nachtschwarze Tiefe.

Licht-Regen

Beelzebub und der gefallene Engel Cabor entdecken eine erstaunliche Maschine in Luzifers Unterwelt…

Die Tür fiel mit lautem Krachen ins Schloss. Beelzebub blieb wie angewurzelt in der Dunkelheit stehen. Er sog prüfend die eiskalte Luft ein: der metallische Geruch, der ihm in die Nase stieg, kam ihm vage vertraut vor. Ein diffuses, rhythmisch an- und abschwellendes, Knistern drang an sein Ohr.

Im Strahl von BeelzebubsTaschenlampe fielen winzige Lichtpunkte wie Regentropfen von der Decke, sprangen auf dem schwarzen Steinboden auf und schwebten wieder nach oben. Der Dämon spürte, wie Angst seine Kehle zuschnürte. „Was zum Teufel ist das?!“

Ungerührt machte Cabor einige Schritte in den seltsamen Regen hinein. Er streckte seine Hand aus. Die Lichtpunkte flirrten um seinen schwarzen Zylinder und kreisten in Spiralen um seinen schmalen Körper. Er drehte sich einmal um die eigene Achse. Die Lichtspiralen folgten elegant seiner Bewegung. „Die Dinger wirken geradezu lebendig!“

Cabor nahm seinen Zylinder ab, schwenkte ihn durch die Luft und versuchte, die Lichtpunkte damit zu fangen. Vergeblich. Sie schienen sich in Nichts auflösen und an anderer Stelle wieder auftauchen zu können.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ Beelzebub hörte selbst, dass er hysterisch klang.

Cabor hob sein, von einer schwarzen Maske verdecktes, Gesicht. „Hört ihr das auch?“

Ein immer stärker anschwellendes Pfeifen übertönte das rhythmische Knistern. Es klang, als würde sich irgendetwas in rasender Geschwindigkeit nähern.

„Was ist das, verdammt noch mal?“ Beelzebub zog erschrocken den Kopf ein.

Ein heller Blitz, begleitet von lautem Zischen, erleuchtete für einen Augenblick den Raum. Der Boden bebte. Steinbrocken stürzten von der Decke.

Als Beelzebub schwankend wieder auf die Beine kam, fiel der Schein seiner Taschenlampe auf einen leuchtend roten Punkt. Er fiel zwischen den weißen Lichtflecken von der Decke, prallte auf dem Steinboden auf und schwebte wieder nach oben.

Cabor, der sich im Gegensatz zum Kanzler des Ordens der Fliege auf den Beinen hatte halten können, starrte wie hypnotisiert an die Decke. Der rote Lichtleflex berührte über ihm den rohen Stein, schwebte nach unten, schnellte vom Boden zurück und bewegte sich nach oben.

Zusammen mit den anderen weißen Punkten kreiste er, begleitet von rhythmischem Knistern, durch die Dunkelheit.

Das Ritual der Fliegen

In Luzifers Höllenareal trifft sich die Führungsriege der gefallenen Engel, um zum ersten Mal das Ritual der Fliegen zu zelebrieren…

Die Holzscheite knackten laut, während sie Feuer fingen. Als Nekael mit dem Schürhacken in die Glut fuhr, stoben Funken in die Höhe und landeten auf dem weißen Marmorboden.

Luzifer, der am Kamin lehnte, machte zwei Schritte, hob den schwarzen Lacklederschuh und trat die roten Glutnester aus.

Nekael griff zum Stabfeuerzeug und wandte sich der langen, festlich gedeckten, Tafel zu. Dort entzündete er die schwarzen Feuerschalen, die jeweils in der Mitte zwischen zwei Tellern platziert waren. Der leicht süßliche Duft brennenden Ethanols vermischte sich mit dem Geruch des offenen Feuers.

Der schmetternde Ruf von Fanfaren hallte aus verborgenen Boxen durch den Saal. Luzifer drehte den Lautstärkregler der High-End-Stereoanlage noch etwas höher. Die Overtüre des „Fliegenden Holländers“ nahm dröhnend Fahrt auf.

Arakiel trat durch die Flügeltür, vorsichtig ein großes Deckelglas zwischen seinen beiden Händen tragend.

„Sehr gut!“ Luzifer wies mit der Hand an die Stirnseite der Tafel. „Stell es auf meinen Platz!“

Arakiel warf einen gierigen Blick auf das Glas mit den vierundzwanzig grünen Schmeißfliegen, bevor er es abstellte und sich zu Nekael gesellte, der an der Bar Aperitifs vorbereitete.

Luzifer wippte, die Hände in den Tiefen der Hosentaschen seines Brioni-Anzugs versenkt, im Takt der Musik, während er ein letztes Mal um die Tafel wanderte und die Details kontrollierte. Alles war perfekt.

Eine Welle der Euphorie überschwemmte ihn. Auf diesen Abend hatte er 2500 Jahre hingearbeitet!

Er warf einen letzten triumphierenden Blick auf die im Glas summenden Fliegen, bevor er sich zur Tür begab, um die Ankommenden zu begrüßen.

Luzifer erhob sich und ließ den Blick über seine Gäste schweifen, die sich um die Tafel versammelt hatten.

Als das aufgeregte Murmeln nicht verstummen wollte, klopfte Luzifer mit der Gabel gegen sein Glas. Vergebens. Die Tischgesellschaft summte wie ein Bienenstock.

Im Festsaal von Luzifers Trakt im dritten Höllenareal hatten sich die mächtigsten gefallenen Engel eingefunden.

Zur Linken Luzifers hatte Nekael Platz genommen, zu seiner Rechten Arakiel. Normalerweise wurden die hohen Gäste bei festlichen Veranstaltungen von einer Schaar Unterteufel bedient. Aber dieser Abend war so speziell und geheim, dass Luzifers beiden Stellvertreter die Handlangerdienste übernommen hatten.

Nichts, was heute Abend hier geschah, durfte nach außen dringen. Zumindest vorerst. Bis auch die zweihundert nächsten Seelenfliegen der Schutzengel Friedrichhains im Höllenareal der gefallenen Engel eingetroffen waren.

Aber so lange, hatte Luzifer beschlossen, konnte er nicht warten. Es waren genug Fliegen für das Who-is-Who seiner Mannschaft angekommen.

Deshalb fand heute Abend die Generalprobe für das höchste, wichtigste und mächtigste Ritual, dass die Hölle zu bieten hatte, statt: Die Verspeisung der Seelenfliegen.

Er klopfte ein weiteres Mal mit der Gabel gegen sein Glas.

Endlich verstummte die aufgeregte Tischgesellschaft. Alle Blicke waren nun auf Luzifer gerichtet.

„Freundinnen und Freunde“, Er räusperte sich, bevor er fortfuhr, „Wir haben uns an diesem denkwürdigen Abend hier versammelt, um endlich – ich wiederhole ENDLICH – das hohe Ritual der Fliegen zu vollziehen!“

Applaus brandete auf.

„Seit unserer Ankunft in der Hölle vor 2500 Jahren verwehren uns die Dämonen den Zugriff auf ihre Seelenfliegen. Mit dramatischen Folgen für unsere Macht und unser Ansehen im Reich der Finsternis. Wir waren hier immer nur Bewohner zweiter Klasse!“

Die Tischgesellschaft klatschte frenetisch.

„Nach vielen Jahrhunderten harter geheimer Arbeit ist es mir gelungen, dieses Übel abzustellen. Auch wir – die Fraktion der Teufel – werden nun endlich in den Genuß der Seelenfliegen kommen.“

Luzifer machte eine Kunstpause.

„Aber, meine lieben Freundinnen und Freunde, wir werden in Zukunft nicht nur die banalen Seelenfliegen verfluchter Menschen verspeisen, wie das unsere dämonischen Nachbarn tun. Nein! Ich biete euch heute Abend etwas viel besseres!“

Alle Augen waren auf Luzifer gerichtet. Vollkommene Stille hatte sich über den Saal gelegt. Nur das Knacken des brennenden Holzes im Kamin war zu hören.

„Das hier,“ Luzifer legte seine Hand auf das große Deckelglas, das vor ihm auf dem Tisch stand, „sind die Seelenfliegen von Schutzengeln!“

Arestigifa schnappte hörbar nach Luft. Die anderen gefallenen Engel starrten stumm auf ihren Anführer.

Luzifer genoss ihre Sprachlosigkeit. „Damit hattet ihr nicht gerechnet, ich weiß! Aber so ist es! Ich habe den Schutzengeln des Herrn in einem alchimistischen Prozess den Äther entzogen, sie dadurch sterblich werden lassen und mich noch dazu ihrer Seele bemächtigt!“

Sein triumphierendes Lachen hallte durch den Saal und ließ die Tischgesellschaft zusammenzucken. „Es ist mir gelungen, den Allmächtigen zu besiegen! Nie wieder wird uns ein Engel davon abhalten können, an den Menschen unser teuflisches Werk auf Erden zu verrichten!“

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und wippte auf den Zehenspitzen, während er einen Blick in die atemlose Runde warf. „In Zukunft, meine Freundinnen und Freunde, werden wir Teufel alle Macht in unseren Händen halten. Uneingeschränkt! Im Himmel, auf Erden – und in der Hölle! Keine Kraft wird uns aufhalten können!“

Er gab Nekael ein Zeichen. Der stand auf. Luzifer nickte ihm zu. „Wir beginnen nun mit dem Ritual.“

Feuer

Mit einem magischen Feuer-Ritual für die zornvolle Göttin der Nacht will Erzengel Uriel die verfluchten Schutzengel Friedrichhains retten…

Rote Zungen leckten an den Rand der Metallschale. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel, die dicht aneinder gedrängt auf der Terrasse standen, ein. Nach ein paar Minuten erklang ein explosionsartiges Knacken, gefolgt von singendem Pfeifen: Die Holzscheite hatten Feuer gefangen.

Während vom Weiher feuchte Kälte durch die Dunkelheit herüber kroch, stiegen die Flammen höher und höher. Sich rhythmisch drehend, schienen die glühenden Stränge zu einer Musik zu tanzen, die nur für sie hörbar war.

Maria starrte in die Glut. Nie zuvor in den 2000 Jahren ihrer Existenz hatte sie ein solches Feuer gesehen! Es schien ihr, als wäre es lebendig!

Die Schutzengel, die sich hinter ihr versammelt hatten, waren ganz still. Maria spürte förmlich, wie sie angespannt den Atem anhielten.

Uriel verneigte sich tief vor der Statue der zornvollen Göttin der Nacht, die auf der höchsten Stufe des Altars platziert war. Dann trat er ans Feuer und begann – während er konzentriert in die Flammen blickte – in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln.

Nach wenigen Minuten veränderte sich die Energie auf der Terrasse.

So kam es Maria zumindest vor: Alles um sie schien sich auf seltsame Weise zu verdichten. Die Schutzengel spürten es ebenfalls. Ein paar schnappten hörbar nach Luft. Erschrocken drückten sie sich aneinander. Das Rascheln ihrer Kleider klang unnatürlich laut durch die vollkommenen Stille, die sich über Terrasse und Weiher gesenkt hatte.

Auch Uriel hatte sich verändert. Maria kniff erstaunt die Augen zusammen und öffnete sie wieder: Er schien zu leuchten! Was trieb er da nur? Das alles konnte einfach nur falsch sein!

Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, still zu sein. Jetzt war es zu spät. Was immer hier gerade geschah, es ließ sich nicht mehr aufhalten.

Uriel murmelte weiter vor sich hin, während er konzentriert ins Feuer starte. Schließlich griff er in seine Tasche und holte zu Marias Erstaunen eine lange Perlenkette heraus. Die sah aus wie ein Rosenkranz! Das konnte ja wohl nicht sein!

Während Uriel die Perlen der Kette durch die Finger seinen linken Hand gleiten ließ und dabei weiter etwas in einer fremden Sprache rezitierte, gab er Israfel mit der Rechten ein Zeichen. Der Ober-Schutzengel schritt zum Altar, nahm ein Tablett, das direkt unter der Statue der Göttin der Nacht platziert war, in beide Hände und stellte sich damit neben Uriel.

Auf dem Tablett befanden sich dreizehn Schälchen. Uriel griff nach einem und kippte den Inhalt in die tanzenden Flammen.

Dichter Rauch stieg auf. Gleichzeitig verbreitete sich der strenge Geruch von verbrannter Butter über der Terrasse.

Weiter vor sich hin rezitierend und dabei immer konzentriert in die Flammen starrend, übergab Uriel nach und nach den Inhalt der zwölf anderen Schälchen an das Feuer.

Maria versuchte zu erkennen, was er gerade verbrannte. Das zweite Schälchen enthielt definitiv Reis. Bei den anderen war sie sich nicht sicher. Es schien sich um irgendwelche Samen und Kräuter zu handeln.

Jedesmal, nachdem Uriel den Inhalt eines weiteren Schälchens in die Flammen geworfen hatte, veränderte sich die Qualität des Feuers. Nach jeder Opfergabe glühten die Flammen intensiver. Die Hitze des Feuers ließ die Luft auf der Terrasse flimmern.

Maria kam es vor, als würde vor ihr kein Holz brennen, sondern ein wildes und gefährliches Tier. Sie starrte wie hypnotisiert in die Glut – zuckte erschrocken zurück. Aus dem Boden der Schale blickten sie zwei Augen an!

Kein Zweifel: Zwischen den schwarz verkokelten Holzscheiten zeichneten sich die Konturen eines menschlichen Gesichts ab!

Maria trat erschrocken einen Schritt zurück.

Uriel hatte inzwischen die letzte leere Schale auf das Tablett zurückgestellt, wickelte sich die Perlenkette um sein linkes Handgelenk und gab Israfel ein weiteres Zeichen.

Der trat an den Altar, stellte das Tablett mit den Schälchen darauf ab und griff nach einer großen Platte, auf der mehrere seltsame rote Pyramiden mit weißen Scheiben standen. Die kannte Maria: Uriel hatte ihr bereits erklärt, dass es sich um Tormas – Opfergaben für die Gottheiten – handelte.

Israfel trug die Platte mit den Tormas zum Feuer und übergab sie Uriel. Außerdem hatte er noch eine große Glocke vom Altar genommen, die ihm Uriel ebenfalls abnahm.

Uriel drehte sich zum Feuer. In der linken Hand hielt er die Glocke, auf der Handfläche der rechten Hand balancierte er das Tablett mit den Tormas.

Dann begann er laut und rhythmisch in dieser fremden Sprache zu rezitieren. Dabei ließ er das Tablett über den Flammen kreisen und schwang gleichzeitig die Glocke. Ihr lautes Klingeln übertönte seine Stimme.

Maria schnappte nach Luft. Ein paar Engel kreischten erschrocken auf.

In den wild tanzenden Feuerzungen zeichnete sich der blaue Körper einer nackten Frau ab! Sie trug eine Krone aus Totenköpfen, schwang ein langes glänzendes Schwert in ihrer rechten Hand und bleckte – rhythmisch von einem Bein auf das andere springend – ihre spitzen weißen Zähne. Ihre riesigen schwarzen Pupillen rollten in ihren aufgerissenen Augen.

Die mächtige Yeshe Walmo – zornvolle weibliche Emanation des Buddha, Herrin über Leben und Tod, Zerstörerin aller Abhängigkeiten und Verstrickungen – war Uriels Ruf gefolgt und hatte sich mitten unter den Schutzengeln Friedrichhains und vor den Augen der Jungfrau Maria auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt manifestiert.

In der Tiefe

Suriyel und Gabriel machen sich auf die Suche nach Luzifers Energie-Apparat und stoßen auf einen geheimnisvollen Tunnel…

Gabriel schreckte hoch. Inzwischen musste es Abend sein. Der Bürostuhl, auf dem sie die letzten Stunden im Halbschlaf verbracht hatte, war unerträglich unbequem. In ihrem Rücken stach es. Ihr war kalt. Sie war totmüde.

Ein paar Meter von ihr entfernt saß Suriyel am Schreibtisch und tippte immer noch auf dem Laptop herum, den er in einem der Büros gefunden hatte.

Seitdem Luzifer und sein Assistent am Morgen gegangen waren, hatte niemand mehr die Seelenfliegen-Abteilung betreten.

Was doppelt positiv war: Sie waren ungestört geblieben. Und es war offensichtlich keine weitere Seelen-Fliege eines Schutzengels in der Hölle angekommen.

Wenn Luzifer recht behielt, würde sich das morgen ändern.

Gabriel schauderte bei dem Gedanken daran, dass hundert Schutzengel gestorben und ihre verfluchten Seelen gerade – in Fliegen verwandelt – auf dem Weg in die Hölle waren.

„Ich hab´s! Hier müsste Luzifers Apparat sein!“ Suriyel starrte auf den Laptop.

Gabriel stemmte sich aus dem Drehstuhl hoch, trat hinter Suriyel und warf einen Blick über seine Schulter. Auf dem Bildschirm war der Lageplan eines Gebäudes abgebildet. „Wie bist du da reingekommen?“

„Da können die hier noch so ausgefeilte Sicherheitssysteme haben: Wenn das Passwort ‚1234567‘ ist, hat der Administrator ein Problem.“

„Und was soll das sein?“

„Der Grundriss von Luzifers Höllenareal. Hat sich der Abteilungsleiter wohl hochgeladen, um die Büros zu planen. Suriyel deutete auf einen Punkt in der Mitte des Bildschirms. „Das hier könnte der Raum sein, den wir suchen.“

„Wie kommst du jetzt da drauf?“ Gabriel sah nur Striche, Punkte und unverständliche Kürzel.

„Das ist die Etage unter der hier. Sämtliche elektrischen Leitungen führen genau da hin!“ Suriyel drückte wieder den Finger gegen den Bildschirm.

„Da kommen wir genausowenig rein, wie in das Fliegen-Zimmer.“

„Jetzt finden wir das erstmal, und dann werden wir ja sehen.“ Suryiel stand auf, klappte den Laptop zusammen und steckte ihn in seine Umhängetasche. „Die Tür zur Treppe ist gegenüber vom Aufzug.“

Die Wände des Vorraums waren schwarz. Die Aufzugtür wurde von einer Notbeleuchtung erhellt, ansosten war alles dunkel.

„Wenn wir Glück haben, kommt heute keiner mehr. Um die Zeit fangen sie an zu saufen.“

Gabriel betrachtete stirnrunzelnd Suriyels Rücken. Der kniete vor ihr auf dem Boden und tastete eine Ecke der – dem Aufzug gegenüber liegenden – Wand ab. Woher ihr Erzengel-Kollege diese Detailkenntnisse über das Leben in der Hölle hatte, war ihr ein Rätsel.

„Leuchte mir mal!“ Er kramte in seinem Beutel herum und hielt ihr eine Taschenlampe hin.

Gehorsam lenkte sie den Lichtkegel auf seine Hände. „Da ist was!“ Suriyel drückte gegen die Fußboden-Leiste. Ein metallenes Klicken ertönte. Vor ihnen schwang eine schmale Tür auf.

Während Suriyel aufstand, leuchtete Gabriel in die Öffnung hinein. Eine steile Treppe führte in die Dunkelheit. „Dafür, dass sie sonst so high tech sind, ist das aber pöpelig gemacht.“

Suriyel holte eine Stirnlampe aus seinem Beutel und zog sie sich über den Kopf. „Sieht nach einem Schwarzbau aus. In der Zentrale weis sicher keiner was davon.“

Gabriel folgte ihm durch die Öffnung und zog die Tür hinter sich zu. Abermals ertönte das metallene Klicken. Sie versuchte vergebens, die Tür aufzudrücken. „Ich hoffe, wir kommen hinterher wieder raus!“

„Damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.“ Suriyel drehte sich um und lief die Treppe hinunter. Das Licht seiner Stirnlampe tanzte über schwarze Felswände. Die Luft war eiskalt und roch abgestanden. Offensichtlich befanden sie sich in einem ehemaligen Minenschacht.

Hier sah es exakt so aus, wie sich Gabriel die Hölle vorgestellt hatte.

Am Fuße der Treppe folgte Suriyel dem Tunnel, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzusehen. Ihn stumm verfluchend, lief sie hinter ihm her.

Nach etwa hundert Metern blieb er abrupt stehen. Der Haupttunnel, auf dem sie gekommen waren, führte in einer Biegung nach rechts. In der Wand vor ihnen befand sich ein hüfthohes Loch. Gabriel bückte sich und leuchtete hinein. Das Licht fiel in einen engen Gang, dessen Boden mit Geröll bedeckt war. Er schien steil in die Tiefe zu führen.

Aus der Ferne klang das vertraute metallene Klicken. Irgendjemand hatte die Tür zur Treppe geöffnet. Gabriel spürte, wie ihr der Angstschweiß über den Rücken lief. Das hier war ein Alptraum!

Suriyel packte ihre Hand, ging in die Knie und kroch – Gabriel hinter sich herziehend – durch das Loch. Mit zitternden Händen folgte sie Suriyes Beispiel und löschte ihre Lampe.

In der Dunkelheit erklangen Schritte. Ein vager Lichtschein gewann stetig an Stärke. Schließlich tauchten zwei Gestalten mit Taschenlampen direkt vor ihrem Versteck auf, hielten dort kurz inne, und liefen weiter.

Allerdings nur wenige Meter, dann schienen die beiden Fremden an ihrem Ziel angekommen zu sein. „Hier ist es, Kanzler!“, erklang eine hohe Männerstimme.

„Sehr gut, Cabor!“, das tiefe Grollen seines Partners hallte im engen Gang wider.

„Das ist Beelzebub!“, flüsterte Suriyel in Gabriels Ohr. „Scheiße!“

„Und wer ist Cabor?“

„Kannst du dich nicht mehr an ihn erinnern? Der gehörte doch auch mal zum dritten Chor, bevor ihn der Allmächtige aus dem Himmel geworfen hat! So ein schmieriger Wichtigtuer. Wusste immer alles besser!“

„Nein. Keine Ahnung.“ Im Stillen dachte Gabriel, dass es kein Wunder war, dass Suriyel sich noch an diesen Cabor erinnern konnte. Mit einem Engel, der „immer alles besser wusste“, war er sicher regelmäßig in Streit geraten.

„Sperr auf!“ Das war wieder Beelzebub.

„Moment.“ Ein helles Klingeln ertönte. Cabor schien einen Schlüsselbund hervorgezogen zu haben.

„Wie bist du an das Duplikat gekommen?“ Beelzebub war erkennbar bemüht, sich seine Bewunderung nicht anhören zu lassen.

„Berufsgeheimnis. Ich habe ihn. Das muss genügen, Kanzler.“

Ein Klacken ertönte, gefolgt vom leisen Quietschen metallener Scharniere. Nach ein paar Sekunden fiel mit lautem Krachen eine Tür ins Schloss.

„Was für ein Mist! Die sind drin! Was machen wir jetzt?“ Suriyel schaltete seine Stirnlampe an.

„Wir müssen da lang!“ Gabriel wies in die Tiefe des schmalen Gangs hinein, an dessen Wand sie immer noch kauerten.

„Was heißt: ‚Wir müssen da lang?‘ Wir müssen an Luzifers Apparat! Und der ist DA vorne!“ Suriyel deutete durch das Loch in den Hauptgang.

„Ich habe keine Ahnung warum, aber ich bin mir sicher, wir müssen DA lang!“ Gabriel ließ ihre Taschenlampe aufleuchten und folgte – den Kopf eingezogen und den Rücken gebeugt – dem schmalen Gang in die Tiefe.

„Du spinnst! Ich komme nicht mit! Geh alleine!“

„Bin ich der Erzengel der Visionen, oder bin ich es nicht?“ Gabriel drehte sich zu ihm um. Er starrte stur in die andere Richtung.

„Gut! Dann bleibst du eben hier!“ Sie kroch weiter in die Dunkelheit hinein.

„Du machst mich fertig!“

Gabriel hörte, wie er ihr folgte. Obwohl sie sich gerade halb zu Tode fürchtete, konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Transformator

Die Dämonin Proserpina findet sich in den Eingeweiden von Luzifers magischer Apparatur wieder…

Lichtblitze jagten an Proserpina vorbei, während sie sich in rasender Geschwindigkeit durch eine elektrische Leitung bewegte.

Als sie den Knopf unter dem Tisch des Türstehers in Luzifers Partyzone gedrückt hatte, war ein Mechanismus aktiviert worden, der darauf ausgelegt zu sein schien, positiv geladenen Äther-Teile von Materie zu trennen und zu absorbieren.

Anstatt der Apparatur nachzugeben und zuzulassen, dass die Äther-Energie der Schutzengel-Verträge aus ihrem Herzen gesogen wurde, hatte Proserpina sich in elektrische Ladung transformiert.

Das war ein reiner Routinevorgang: Prosperina vollzog diesen Prozess jedes Mal, wenn sie von einer Erscheinungsform in die andere wechselte.

Luzifers seltsame Maschine hatte deshalb nicht nur die positiv geladenen Äther-Anteile der Schutzengel, sondern die gesamte Energie der Dämonen-Königin aufgesogen.

Und nun jagte Proserpina – nur noch bestehend aus Bewusstsein und Energie – durch die Spiralen eines teuflischen Transformators! Sie versuchte, ihre Todesangst zu ignorieren.

Erst einmal in ihrer 2500jährigen Existenz war sie der vollkommenen Auslöschung so nah gewesen, wie in diesem Augenblick.

Über Jahrhunderte hatte sie es vorgezogen, nicht über ihre Vergangenheit nachzudenken. Aber jetzt, während sie als Lichtblitz durch die Eingeweide des magischen Transformators schoss, tauchten lang vergessene Bilder in ihrem Bewusstsein auf.

Wie sie, Tochter des Jupiter und der Ceres, in Tempeln angebetet wurde. Das paradiesische Leben im Olymp. Pluto, der auf einer von vier Rappen gezogenen Kutsche in ihrem Zuhause auftauchte. Wie er sie überwältigte und mit brutaler Gewalt in die Unterwelt verschleppte. Niemand hatte ihr damals geholfen! Nicht einmal ihre eigene Mutter!

Dass das römische Volk hinterher behauptete, Ceres hätte nach ihrem Kind gesucht und durchgesetzt, dass Proserpina die Hälfte des Jahres im Olymp leben durfte, war eine reine Phantasie gewesen! Die Römer konnten die Idee nicht aushalten, eine – von ihnen verehrte – Göttin könne ihre eigene Tochter verraten.

Diese Lüge gab Proserpina den Rest!

Sie hatte ihre Lehren aus der Sache gezogen und beschlossen, niemals wieder irgendjemandem zu vertrauen. Über Jahrhunderte hatte sie im Geheimen an ihren magischen Kräften gearbeitet, bis sie zur mächtigen Dämonin geworden war. Sie hatte Pluto für das, was er ihr angetan hatte, bezahlen lassen. Er war in der Hölle längst vergessen.

Proserpina stieg zur Dämonen-Königin auf. Allerdings nur mit Hilfe Beelzebubs, des Kanzlers des Ordens der Fliege. Dabei war sie ihm in ihren magischen Fähigkeiten weit überlegen. Aber in der Hölle galt das Prinzip, dass eine Dämonin einen Dämon brauchte, um Macht zu haben.

Und Beelzebub war von allen Dämonen der erträglichste gewesen. Es gab sogar Tage, an denen Proserpina ihn mochte.

Proserpina spürte, wie sich ihre Energie in einer noch nie zuvor erlebten Weise verdichtete. Die positiven Äther-Anteile der Schutzengel verschmolzen mit ihrer Dämonen-Energie. Bis an ihre Grenzen aufgeladen wurde sie aus dem Transformator gescheudert, und schoss durch elektrische Leitungen tiefer und tiefer in das Innere der Erde.

Die zornvolle Göttin der Nacht

Erzengel Uriel möchte eine zornvolle dunkle Göttin anrufen, um die Schutzengel Friedrichhains von Lutzifers Fluch zu befreien…

Am Nachmittag materialisierte sich Israfel auf der Landstraße vor der Mühle.

Maria entdeckte ihn, als sie auf den Hof trat.

Suriyel hatte ihr seinen Ober-Schutzengel gestern vorgestellt. Israfel sollte den Kontakt zwischen dem Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain und der Mühle halten und ihr, wenn sie Unterstützung brauchte, zur Hand gehen.

Maria, die den wortkargen Suriyel etwas seltsam fand, war erleichtert darüber gewesen. Der kleine runde Schutzengel machte einen zugänglicheren Eindruck als sein Vorgesetzter.

Israfel war genau zum richtigen Zeitpunkt in der Mühle aufgetaucht. Am Abend würde das Feuer-Puja stattfinden. Uriel hatte eine Liste mit den Namen sämtlicher Engel Friedrichhains – lebend, tot und verschollen – verlangt.

Maria kannte die Schutzengel erst seit ein paar Stunden. Von den meisten wusste sie nicht einmal, wie sie hießen. Deshalb hatte sie sich während des Mittagessens an der Tür des Pferdestalls postiert. Jeder Engel, der seine Mahlzeit beendet hatte, musste unter ihrer Aufsicht seinen Namen in eine Liste eintragen. Es fehlte noch mindestens ein Drittel.

Seit zwei Stunden irrte sie deshalb in der Mühle umher und fragte jeden Engel, der ihr begegnete, ob sein Name schon auf der Liste stand. Dass Schutzengel alle ziemlich gleich aussehen, erleichterte ihre Aufgaben nicht.

Nur Israfel, in seiner weiten Batikhose und mit seinem Fusselbart, sah definitiv anders aus, als die anderen. Nachdem Maria ihm das Problem erklärt hatte, nahm er ihr Block und Stift aus der Hand und verschwand ins Haupthaus.

Am späten Nachmittag fuhr der Transporter des Großhändlers vor. Der Lieferant beklagte sich wortreich über das Seil, das ihm die Zufahrt versperrte. Maria setzte ein strahlendes Lächeln auf. Das wirkte immer. Der Lieferant lächelte verwirrt zurück und wuchtete stumm mehrere Transportboxen über das Gatter, bevor er sich mit glasigem Blick verabschiedete.

Maria delegierte den Vorratskammer-Engelstrupp und trug die Kiste mit den Milchprodukten in die Küche. Als sie den Speisesaal durchquerte, entdeckte sie Israfel. Der saß an einem der langen Tische und schrieb konzentriert an der Liste. Ihm gegenüber auf der Eckbank hatte ein halbes Dutzend Engel Platz genommen, die eifrig Namen diskutierten.

Unberührt von der Aufregung um ihn herum, lag Uriels kleiner weißer Hund in seinem Korb neben der Kaffeemaschine und schlief.

Während Maria Großpackungen mit Joghurt und Käse in den Kühlschrank schichtete, stellte sie erstaunt fest, wie wohl sie sich fühlte. Die Mühle war gemütlich, die Engel liebenswert und Uriel ein Schatz. Und sie hatte endlich eine Aufgabe, die sie erfüllte.

Sie schob den Gedanken zur Seite und warf einen Blick aus dem Küchenfenster. Auf der Terrasse war Uriel damit beschäftigt, eine Art Altar aufzubauen. Davor hatte er eine große Feuerschale mit Brennholz platziert.

Nach dem Abendessen strömten die Schutzengel auf die Terrasse. Es war bereits dunkel. Die Wipfel der Bäume des nahen Waldes rauschten im Wind. Vom Weiher zog feuchte Kälte herüber und lies die Engel frösteln. Maria verteilte Decken und Kopfbedeckungen aller Art, die der Dachboden-Trupp zutage gefördert hatte.

Israfel war mit dem Altar beschäftigt. Er platzierte Räucherstäbchen, füllte Wasser in kleine Schälchen und entzündete Kerzen. Auf der obersten Stufe des – mit einem prächtigen bunten Tuch bedecken – Altars stand eine kleine Statue.

Maria trat näher heran, um sie in Augenschein zu nehmen. Es war eine Frauenfigur, stellte sie fest. Das war Maria gewöhnt: Es gab wohl keine Frau der Menschheitsgeschichte, die so intensiv verehrt wurde, wie sie. Ihr in sich ruhendes, schönes, mild lächelndes Antlitz blickte seit bald 2000 Jahren auf Betende auf allen Kontinenten.

Die Figur war blau. Genau wie ihre Marienbilder und Statuen. Die Muttergottes kniff die Augen zusammen, registrierte zum ersten Mal die Details der kleinen Altarfigur – und schüttelte sich. Diese Frau, die dort dargestellt war, sah ganz sicher nicht in sich ruhend, schön und liebend aus!

Die Figur schien wild zu tanzen. Um sie schlugen rote Flammen in den Himmel. Ihr aufgerissener Mund gab den Blick auf spitze Fangzähne frei. Ihr Kopf war nicht von einem Heiligenschein, sondern von einem Ring aus Totenköpfen gekrönt. In ihrer erhobenen rechten Hand schwang sie ein Schwert.

Maria war fassungslos: Wie konnte Uriel glauben, eine solche schreckliche Heilige würde die Schutzengel vor Luzifers Fluch schützen! Es war doch offensichtlich, dass diese Figur nur Tod und Verderben brachte! Suriyel hatte seine Schutzengel ganz sicher nicht in die Mühle gebracht, damit Uriel alles noch schlimmer machte, als es eh schon war!

Uriel stand vor der Feuerschale. Er kontrollierte gerade die lange Namensliste. Zu seinen Füßen leckten die ersten Flammen an den Holzscheiten. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel ein, die dicht an dicht auf der Terrasse versammelt waren.

Maria trat zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Das erlaube ich Dir nicht!“

Uriel schreckte hoch und starrte ihr verwirrt ins Gesicht: „Wie meinst Du das?“

Es gelang Maria nur schwer, ihre Stimme zu dämpfen: „Es kommt nicht in Frage, dass du diesen Hokuspokus mit den Engeln machst! Suriyel würde dir das ganz sicher verbieten! Das kann doch nur in die Katastrophe führen, mit DER da!“ Maria wies mit zitterndem Finger auf die blaue Statue auf dem Altar.

„Das ist Yeshe Walmo. Die zornvolle Seite der weiblichen Kraft. Das ist einfach Deine Nachtseite, Maria. Du repräsentierst den sanften, liebenden Aspekt des Weiblichen. Aber die andere Seite ist genauso wichtig. Manchmal muss etwas Destruktives zerstört werden, bevor gesunde Strukturen entstehen können. Das ist die Aufgabe von Yeshe Walmo. Sie vernichtet, was lebensfeindlich ist!“

„DIE DA soll positiv sein?“

„Ja. Ganz sicher. Haben wir in unserer Religion leider vergessen. Zu unserem Schaden. Vertrau mir.“

Die Schutzengel wurden unruhig, stellte Maria fest. Das Murmeln und Flüstern auf der Terrasse wurde lauter, die ersten begannen von hinten zu schieben. Das letzte, was sie hier gebrauchen konnten, waren panische Engel.

Maria presste die Lippen aufeinander. Schließlich nickte sie widersrebend: „Ja, gut. Aber auf deine Verantwortung!“ Sie senkte den Blick und starrte Uriel in die Augen: „Und wehe dir, auch nur einem Engel wird ein Haar gekrümmt!“

Uriel trat vor Schreck einen Schritt zurück. So hatte er sie noch nie erlebt! Schließlich schmunzelte er: „Es sieht fast so aus, als würde Yeshe Walmo bereits wirken!“

Der Raum der Fliegen

Erzengel Suriyel entdeckt die Seelenfliegen seiner verfluchten Schutzengel im Keller von Luzifers Höllenareal…

Aus versteckten Boxen erklang sphärische Musik, untermalt von Vogelgesang. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte die gegenüberliegende Wand hinunter.

Der süßlich-abgestandene Geruch von Dope hing in der Luft.

Gabriel starrte verwirrt auf die riesige Sofalandschaft, die in der Mitte der leeren Halle platziert war. „Das soll die Hölle sein?“

„Klar. Was sonst?“ Suriyel sah sich prüfend um.

„Ich meine, ich dachte: Werden die hier nicht gefoltert und leiden und so?“

„Im alten Areal haben sie noch das traditionelle Equipement, aber das hier ist der Neubau.“

„Und warum sieht der so anders aus?“

„Die gehen halt mit der Zeit. Folter ist es trotzdem. Und leiden tun sie nicht weniger als früher.“

„Ach komm! Das ist doch Wellness!“ Gabriel schüttelte fassungslos den Kopf. „Davon kann ich nur träumen! Und ich lebe im Himmel!“

„Wenn du hier ein paar Wochen mit Tausenden von Teufeln sinnlos abgehangen hättest, würdest du das anders sehen.“ Er griff nach ihrem Arm. „Jetzt komm. Und sei leise!“

Gabriel folgte ihm quer durch den Raum. Auf beiden Seiten des Wasserfalls entdeckte sie je eine Tür. Suriyel steuerte die rechte an.

Die Türflügel öffneten sich automatisch. Der Flur, der sich dahinter auftat, war breiter als der Notausgang, durch den sie gekommen waren. Links und rechts gingen in regelmäßigen Abständen Seitengänge ab. Gabriel musterte im Vorbeilaufen besorgt die Türen, die sich dort befanden. „Wo sind wir hier?“, flüsterte sie Suriyel ins Ohr.

„Luzifers Areal. Das hier ist einer der Wohntrakte seiner Teufel.“

„Du meinst: Hinter diesen Türen wohnen Teufel?“

„Wenn wir Glück haben, schlafen sie.“

„Oh Suriyel!“ Gabriel wollte sich überhaupt nicht ausmalen, was mit ihnen geschehen würde, sollten sie entdeckt werden! „Du bist wahnsinnig!“

„Ich habe dir gesagt: ‚Das ist nichts für dich!‘ Wenn es dir nicht passt, kannst du gehen. Du weißt, wo der Ausgang ist.“

Gabriel biss die Zähne zusammen und klammerte sich an seine Hand.

Sie waren am Ende des langen Flures angekommen. Wieder schwang die Tür automatisch auf. Vor ihnen erstreckte sich ein großes Treppenhaus. „Wir müssen runter.“ Suriyel rief den Aufzug.

Mit leisem Sirren öffnete sich die Aufzugtür. Suriyel schob Gabriel in die leere Kabine, folgte ihr und mustere die Etagenbeschriftungen. „Das sieht doch gut aus!“ Er drückte auf den untersten Knopf.

Während sich die Kabine lautlos nach unten bewegte, überflog Gabriel die Anzeigetafel. Es gab zehn Stockwerke, stellte sie fest. Ganz oben stand „Lounge/Wellness/Speisesaal/L-X“. Darunter L-IIIIV, L-IIIV, L-IIV, L-IV. Ab dem fünften Stock änderte sich die Beschriftung: Es gab Abteilungen für Sünden, Naturkatastrophen, Seuchen und sogar eine für Geschlechtskrankheiten! In den Stockwerken eins und zwei war die Verwaltung untergebracht. Inklusive der Pressestelle.

Die Beschriftung des untersten Knopfes war überklebt. Jemand hatte mit Edding „L-F“ auf den Aufkleber geschrieben.

Die Aufzugtür öffnete sich und gab den Blick auf einen, von einem Notlicht beleuchteten, Vorraum frei. Die Glastür zum Flur war mit einem biometrischen Smart Lock gesichert. Suriyel drückte seinen rechten Daumen gegen das Display. Ein schrilles Piepen ertönte, dann schwang die Tür auf. Suryiel nickte zufrieden. „Meine Daten sind in der höchsten Sicherheitsstufe gespeichert. Praktisch, oder?“

Gabriel schwieg. Es war definitiv nicht der richtige Augenblick, darüber zu diskutieren, dass sie Suriyels intime Beziehung zur Hölle nicht „praktisch“, sondern verstörend fand.

Links und rechts des Flurs gingen Büros ab. Die wurden jedoch nicht benutzt, stellten sie fest, nachdem sie in mehreren das Licht angeschaltet und sich umgesehen hatten. Die Drehstühle waren eingeschweißt, in den Ecken stappelten sich Drucker, Tischlampen und Laptops in Kartons. Gabriel zog probeweise die Schublade eines Hängeschranks auf. Das Registerfach war leer. „Was sie hier wohl vorhaben?“

Suriyel war schon wieder verschwunden. Sie löschte das Licht und fand ihn am Ende des Flures. Er stand an einer weißen Sicherheitstür und drückte seine Stirn gegen die Glasscheibe. Gabriel stellte sich neben ihn. „Was ist da?“

Er trat einen Schritt zur Seite. Sie presste ihre Nase gegen die dicke Scheibe. Dahinter befand sich ein Raum überschaubarer Größe, in dessen Mitte ein weißer Tisch stand. Darauf waren eine flache Schale Wasser platziert und daneben ein Teller, auf dem sich etwas großes Rot-Braunes befand.

Während Gabriel das seltsame Ding näher musterte, landete plötzlich eine Fliege auf der anderen Seite der Scheibe. Ihre vordersten Beinchen klopften gegen den Türrahmen. „Oh nein! Ist das die Seelenfliege von dem armen Engel in der Warschauer Straße?“

Suriyel wies kommentarlos mit dem Kinn auf den Tisch hinter der Scheibe. Gabriel folgte seinem Blick: Das seltsame rot-braune Ding, stelle sie fest, war ein Stück gammeliges Fleisch. Darauf krabbelte ein ganzer Schwarm Schmeißfliegen. Es waren sicher zwanzig oder dreißig Stück.

„Wusste ich es doch, dass die nicht verloren gegangen sind. Sie sind gestorben!“ Suriyel drosch mit der Faust gegen die Scheibe. „Und wir kommen nicht rein!“

Die Tür, sah Gabriel, war mit einem klassischen Sicherheitsschloss versperrt. Wer hier hinein wollte, brauchte einen Schlüssel.

Die beiden Erzengel zuckten zusammen. Die Tür zum Flur war aufgeschwungen. Schritte erklangen. Suriyel packte Gabriel am Arm, schob sie in das nächstgelegene leere Büro und zog die Tür bis auf einen schmalen Spalt hinter ihnen zu.

Die Schritte kamen näher und stoppten vor der Glastür, hinter der sich die Fliegen befanden. Gabriel warf einen vorsichtigen Blick in den Flur. Nur fünf Meter von ihr entfernt stand Luzifer. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er ihr den Rücken zuwandte.

Neben ihm wippte ein schmaler Teufel auf seinen Zehen, während er seinen Blick über ein Klemmbrett schweifen ließ. „Wir hatten die letzte Ankunft gestern morgen.“ Der Teufel fuhr mit seinem Finger die Liste entlang. „Die Fliege wurde um 9:13 Uhr am Hölleneingang registriert und hier um 10:00 Uhr im System abgespeichert. Es handelt sich um die Seele des Schutzengels Rahab, wohnhaft Grünberger Straße 48 in Berlin-Friedrichshain.“

„Informiere das Höllentor, dass ich morgen Abend etwa hundert Fliegen erwarte!“

Der Unterteufel trat ein paar Schritte zur Seite und presste sein Handy ans Ohr.

Nach ein paar Sätzen steckte er es wieder ein und trat zu Luzifer. „Sie wissen Bescheid.“

„Gut.“ Luzifer drehte sich um und ging, gefolgt von seinem Assistenten, in Richtung Ausgang. „Stell zehn Teufel ab, die morgen ab zwölf Uhr Mittags am Höllentor Posten beziehen. Oder besser zwanzig. Sicher ist sicher. Es müssen immer mindestens zwei von unseren Leuten am Empfang stehen. Der Orden soll keine einzige unserer Fliegen bekommen!“ Damit schloss sich die Tür hinter ihm und seinem Unterteufel.

Die beiden Erzengel warteten ein paar Minuten, bevor sie das Büro verließen.

Gabriel strich Suriyel, der wieder durch die Glasscheibe auf die Fliegen starrte, tröstend über den Arm.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »