This Water runs East

Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

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Löcher

Im Retreathaus am Ende der Welt bleibt nach unseren magischen Vajrayana-Tagen noch viel zu tun…

Nachdem wir mit der „Grünen Tara“ durch sind, packt Suriyel sein Ritual-Equipment in einen Werkzeugkoffer und verschwindet nach oben. In den Gästezimmern warten Regalbretter darauf, an die Wand gedübelt zu werden. Ich putze währenddessen die Küche und kehre einmal durch.

Kaum bin ich fertig, hüpft auch schon der kleine weiße Hund durch die Küchentür. Er begrüßt mich, als hätte er gerade eine Altantiküberquerung auf einem Einhandsegler überlebt. Dabei hat er einfach nur mit Uriel eine Nacht bei Freunden verbracht. Nachdem ich ihn mit angemessener Begeisterung in Empfang genommen habe, machen wir uns auf die Suche nach seinem Herrchen.

Wir finden Uriel zusammen mit Suriyel im historischen Pferdestall. Der Hausherr inspiziert gerade, was wir während seiner Abwesenheit getrieben haben. Die Elektrik ist fertig, das ist die gute Nachricht. Ich war weniger erfolgreich, mehr als ein Drittel des Pferdestalls habe ich bei meiner sonntäglichen Streichaktion nicht geschafft. Und zu allem Unglück habe ich ordentlich Putz von der historischen Gewölbedecke geholt. In regelmäßigen Abständen sind Brocken davon an der Farbrolle kleben geblieben.

Der Pferdestall ist sanierungstechnisch eine Herausforderung: Wände und Decke sind imprägniert mit den Ausdünstungen des Viehs, dass hier über die Jahrhunderte gehalten wurde. Und noch dazu fließt unter dem Fundament des Stalls der Fluss hindurch, das Gebäude ist feucht. Deshalb hat Uriel von Profis einen teuren Spezialputz auftragen lassen – und jetzt das!

Ich drücke meine Erleichterung darüber aus, dass es nicht an mir ist, eine Lösung für dieses Problem zu finden – von Altbausanierung habe ich keine Ahnung – und laufe noch einmal ins Retreathaus, um meinen Rucksack aus dem Zimmer zu holen. Während ich ihn mir über die Schulter werfe, sehe ich zu meiner Freude, dass Suriyel den Handtuchhalter an die Wand gedübelt hat. Das ist ein echtes Improvement: bisher wusste ich nie, wohin mit meinem Handtuch, wenn ich mir am Waschbecken die Hände wusch.

Zurück auf dem Hof, packe ich meinen Rucksack in den Kofferraum. Während die beiden Erzengel mit gefurchten Stirnen Sanierungsfragen diskutieren, spielen der kleine weiße Hund und ich auf dem Rasenstück vor dem Pferdestall Fussball.

Ich bin gelassen: Früher oder später wird sich der historische Pferdestall in einen phantastischen Seminarraum verwandeln. Dann können bis zu vierzig Leute hier gleichzeitig an Retreats teilnehmen. Ich freue mich schon darauf – und nicht nur wegen des ausgesuchten Programms, das Uriel plant. Die westliche Tantra-Szene ist international: das Retreathaus am Ende der Welt wird bald Besuch aus allen Ecken Europas und Amerikas bekommen. Viele herzliche Begegnungen warten auf uns, wir werden neue Freunde finden, spannende Geschichten hören und ganz sicher Aufregendes erleben.

Grüne Tara

Ich lerne die Tantra-Praxis der Grünen Tara kennen und bekomme eine perfekte Meditation im Paradies geschenkt.

Nach dem Riwo Sangchö machen wir Pause. Ich habe gerade eine Dreiviertelstunde im Lotossitz hinter mir und gleich wird es weiter gehen: in der „Kurzvariante für Westler“ – hat mir Suriyel erklärt – dauert die Grüne Tara etwa eine Stunde. Ohne Unterbrechung zwei Praktiken schmerzfrei in Meditationshaltung durchzusitzen, ist uns beiden nicht gegeben. Ich hüpfe auf der Terrasse herum und lockere meine Muskulatur wie ein Sprinter kurz vor dem Startschuss zum Hundert-Meter-Lauf. Auch stilles Meditieren kann eine sportliche Herausforderung sein.

Suriyel holt währenddessen die große weiße Muschel aus der Küche, stellt sich an den Weiher und bläst hinein, dass es nur so dröhnt. Es soll kein Wesen, Geist, Gnom, Wolf, Luchs, Gott – oder was auch immer am Retreathaus lebt – sagen können, es oder er hätte nichts davon gewusst, dass hier und jetzt die Praxis der Grünen Tara dargeboten wird.

Ich habe noch nie eine „Tara-Praxis“ erlebt. Dabei ist sie populär: Suriyel ist nicht das einzige Mitglied unserer Sangha, der seine Hauptmeditation dem weiblichen Buddha Tara widmet.

Der Legende nach inkarnierte einst ein Bodhisattva im Körper der Prinzessin Tara. Sie widmete ihr Leben der Befreiung aller leidenden Wesen, um für diese und sich selbst Erleuchtung zu erlangen. Ein Mönch machte sich über sie lustig: als Frau könne sie sich noch so anstrengen, Erleuchtung gäbe es trotzdem keine für sie. Aber wenn sie sich weiterhin so verausgabe, würde ihr im nächsten Leben zumindest eine Wiedergeburt als Mann geschenkt werden, in dessen Körper sie dann erleuchtet werden könne. Daraufhin schwor Tara, von nun an nur noch in weiblichen Körpern zu inkarnieren und in dieser Form die Erleuchtung zu erlangen.

Sie gilt als „Mutter der Befreiung“ und ist eine Inspiration für männliche wie weibliche Praktizierende.

Tara wird in einundzwanzig verschiedenen Aspekten verehrt, für die es jeweils eigene Meditationspraktiken gibt. Die „Weiße Tara“ steht für ein langes Leben. Wer die „Rote Tara“ erfolgreich praktiziert, zieht auf magnetische Weise hilfreiche Wesen an. Die „Gelbe Tara“ vermehrt Gutes, die Praxis der „Blauen Tara“ beseitigt Hindernisse…

Suriyels „grüne Tara“ ist die „Hauptform“ in der alle anderen einundzwanzig Emanationen enthalten sind. Sie repräsentiert den aktiven Aspekt des Mitgefühls und eilt herbei, wenn jemand in Not ist.

Unsere Pause ist vorbei. Suriyel bringt die Muschel auf ihren Platz in der Küche zurück, zündet ein frisches Räucherstäbchen auf dem kleinen Schreintisch an und legt sich den Text bereit. Ich setze mich neben ihn auf die Bank, die Beine übereinandergeschlagen, und freue mich, dass nichts von mir erwartet wird. Ich kann – ohne Text – nicht mal mitlesen. Das stört mich kein bisschen, einfach nur DA-Sein zu dürfen, ist auch eine schöne Sache. Und noch dazu an einem so wunderbaren Tag wie diesem.

Suriyel rezitiert und singt auf Tibetisch, ich sitze still daneben und höre ihm zu, während der Wind mit meinen Haaren spielt. Die warme Frühlingssonne lässt alles leuchten. Der Duft des Räucherstäbchens mischt sich mit den vielfältigen Gerüchen der erwachenden Natur. Hinter uns rauscht der Bach die Hauswand entlang, vor uns singen die Vögel in den Obstbäumen, auf dem Weiher neben der Terrasse quaken ein paar Enten.

Während Suriyel praktiziert, wird es stiller und stiller um uns. Es ist diese spezielle Qualität von Stille, die greifbar wird, wenn der Geist in der Meditation vollkommend zur Ruhe kommt. Ich spüre, wie alles in mir zu fließen beginnt. Es fühlt sich an, als würde ich mich auflösen. Zu meinem Erstaunen kommen mir die Tränen: etwas – von dem ich nicht sagen kann, was es ist – berührt mich zutiefst.

Suriyel rezitiert und singt, ich sitze und atme – eine Stunde lang. Als er den letzten Textstreifen zurücklegt, fällt es mir schwer, diesen Zustand vollkommenen Friedens wieder zu verlassen. Wir bedanken uns beieinander: was hatten wir doch für eine schöne Praxis! Und auch noch an einem so wunderbaren Ort!

Und damit ist unser Vajrayana-Wochenende beendet…

Spuren

Irgendetwas hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz vor Mitternacht ist. Unter dem Fenster rauscht monoton der Bach, ansonsten herrscht nächtliche Stille um das Retreathaus am Ende der Welt.

Während ich in den Schlaf gleite, dringen auf einmal seltsame Laute an mein Ohr. Ich schrecke hoch. Dass war das Geräusch, das mich geweckt hat! Aus dem Wald erklingt in regelmäßigen Abständen der Ruf eines Vogels. Es ist ein seltsamer Gesang, ich habe ihn noch nie gehört. Ein monotones, leicht singendes „Ah-ah-ah“. Die Laute erinnern an eine Krähe, aber das ist kein Krächzen, es ist ein melodischer langgezogener Klang. Was kann das nur für ein Nachtvogel sein? Dem melancholisch klagenden Rufen lauschend, schlafe ich wieder ein.

In dieser Nacht finde ich mich in meinen Träumen ein ums andere Mal in einem großen Haus wieder. Alle Türen stehen weit offen, seltsame Gestalten wandern ein und aus: Geister und Gnome geben sich ein Stelldichein, hungrige Wesen mit riesigen Mündern und langen dürren Hälsen hausen im Keller, eine schmale Gestalt kriecht auf hundert Beinen durch den Schornstein, das tropfende Wasserwesen mit dem Pferdekopf schaut zum Fenster herein. Irgendwann landet ein riesiger schwarzer Vogel auf dem Dachfirst, hebt den Kopf und singt melodisch „Ah-ah-ah“…

Als ich am Morgen in die Küche stolpere und die Kaffemaschine anschalte, bin ich unausgeschlafen und konfus. Es ist erst mein vierter – und letzter – Tag im Retreathaus am Ende der Welt, aber es kommt mir vor, als wäre ich schon seit vier Jahren hier.

Die dampfende Kaffeetasse neben dem Laptop, schreibe ich meinen Blogtext. Als ich am letzten Absatz feile, kommt Suriyel in die Küche. Ob er heute Nacht auch diesen seltsamen Vogel gehört hat, frage ich ihn. Nein, er schlafe bei geschlossenem Fenster und hätte nichts mitbekommen. Der Vogel beschäftigt mich. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, beschließe ich, werde ich herauszufinden versuchen, was für ein Tier es war, das ich heute Nacht im Wald habe rufen hören.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für unser letztes Riwo Sangchö vor. Ich folge ihm ins Freie und sehe den Weiher, auf dem ein paar Enten paddeln. Daneben gelben Löwenzahn, der im Frühlingsgrün der Wiese von der warmen Morgensonne beschienen wird – und sonst nichts. Keine Geister, Gnome, Drachen, hungrige Wesen – einfach nur friedliche Natur im Sonnenschein.

Erleichtert will ich auf der Bank Platz nehmen – und starre verblüfft auf die Sitzfläche. Was sind das für seltsame Pfotenabdrücke, die von einem Ende der Bank zum anderen führen? Auf den weißen Sitzkissen sind sie noch besser zu erkennen, als auf der Plastikoberfläche. Irgend ein Tier mit schmutzigen Pfoten ist heute Nacht über die Bank gelaufen. Für eine Katze sind die Abdrücke viel zu groß. Ein Fuchs oder ein Hund? Aber dann müssten die Krallen zu sehen sein, Füchse und Hunde können sie nicht – wie Katzen – einziehen. Das einzige Tier, zu dem Größe und Form passen würden, ist ein Luchs. Kann es wirklich sein, dass heute Nacht ein Luchs hier auf der Terrasse war? Was für ein verrückter Gedanke!

Ich drehe das schmutzige Sitzkissen mit den seltsamen Pfotenabdrücken um, lasse mich darauf nieder und begleite Suriyel durch ein perfekt schönes, absolut geisterfreies Riwo Sangchö. Wer weiß, wen wir heute füttern?

Chenrezig – zwei

Ich erhole mich – zumindest ein bisschen – von der Meditation, reflektiere über ein schräges Versprechen zur Tantra-Praxis und erfahre Neues über Regeln im Vajrayana.

Unter der Dusche rubble ich mir so gut als möglich die Farbspritzer von Gesicht, Armen und Händen.

Nach der Pflicht kommt die Kür, ich darf wieder kochen. Die Lasagne-Nudeln, die ich aus meinem vergangenen Leben mit nach Leipzig gebracht hatte, sind bio und glutenfrei – und schon kurz vor dem Ende des Ablaufdatums. Es handelt sich um eine 250-Gramm-Packung, deshalb trifft es sich gut, dass wir heute Abend nur zu zweit sind.

Weil Suriyel und ich beide kein Fleisch essen, fülle ich die Nudeln mit Spinat-Ricotta-Creme. Die Tomatensoße möchte ich „Aurora“ kochen – in der „Morgenröte“-Variante, gebunden mit einer Bechamelsauce. Dummerweise bin ich immer noch so konfus, dass ich das Mehl in der fremden Küche nicht finden kann. Suriyel muss mich wieder retten – ich stand ein weiteres Mal direkt davor, stellt sich heraus, ohne gesehen zu haben, was ich suche. Gleichzeitig metaphysische Wesen im Bardo und banalen Alltagskram zu registrieren, scheint mein Gehirn zu überfordern.

Während ich Parmesan reibe, Salat wasche, die Einbrenne rühre und den Knoblauch hacke, werfe ich immer wieder einen Blick durch das Küchenfenster in den Garten hinaus. Keine halbtransparenten Wesen weit und breit, stelle ich erleichtert fest. Wenn ich Glück habe, lässt der Effekt langsam nach.

Es wäre schade, bei dem schönen Wetter in der Küche zu essen, beschließen wir beide. Die Teller mit der heißen Lasagne auf den Knien balancierend, sitzen wir in der Abendsonne auf der Bank und diskutieren das weitere Programm. Ich wünsche mir zum Tagesabschluss die „Grüne Tara“ von Suriyel.

Das wäre heute nicht möglich, erklärt er mir, er hätte Eier gegessen. Ich bin verblüfft: Was ist das für ein Argument? Doch, doch, so wäre es festgelegt: vor der Praxis seien keine Eier, kein Alkohol, kein Fleisch und auch keine Zwiebeln erlaubt. Das läge an den indischen Wurzeln der „Grünen Tara“, und Regel sei Regel. Richtig! Er ist „Suriyel“, der Erzengel, der über die Einhaltung der göttlichen Gebote wacht.

Wir könnten die „Grüne Tara“ morgen statt Riwo Sangchö machen, schlägt er vor. Ich wiederspreche vehement: „Wir müssen Riwo Sangchö machen!“ „Müssen tun wir garnichts“, kommt es zurück. Ich winde mich: ich kann ihm nicht sagen, dass ich vor gerade mal drei Stunden einer Schar halbtransparenter Wesen versprochen habe, dass wir morgen Riwo Sangchö machen werden. Wie bescheuert klingt das denn?

Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich unüberlegt ein Versprechen gegeben habe, für dessen Einhaltung ich auf jemand anderen angewiesen bin. „Aber die warten doch…“, stottere ich.

Außerdem war es ungehörig, ist mir in diesem Moment bewusst geworden, Riwo Sangchö zu versprechen, ohne vorher Suriyels Zustimmung eingeholt zu haben. Aber, denke ich mir, wie, bitte, hätte ich ihn fragen sollen? „Hey, da steht gerade eine ganze Sammlung Naturgeister und verlorener Seelen vor dem Pferdestall, die gerne regelmäßig Riwo Sangchö von uns hätten. Ist es in Ordnung für Dich, wenn ich zusage?“ Haha…

„Dann machen wir heute Abend Chenrezig und morgen früh erst Riwo Sangchö und dann Grüne Tara“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert auf. Das klingt nach der perfekten Lösung! Was er sich bei der ganzen Sache denkt, behält er für sich…

Pünktlich zum Sonnenuntergang praktiziert Suriyel Chrenrezig. Wieder verströmt der weiße Buddha, beschienen von mildem Mondschein, unendliches Mitgefühl für alle leidenden Wesen, während aus der Dunkelheit die Schreie des Pfaus über den Weiher schallen.

Ich bin inzwischen mit einigen der leidenden Wesen, für die er seine Praxis macht, näher bekannt. Was ich Suriyel nicht erzähle. Was würde er von mir denken?

Experience

Ich schlage mich mit den Nebenwirkungen intensiver Meditation herum und verbringe, dank buddhistischem Tantra, einen magischen Nachmittag.

Als ich in der immer noch feuchten Jogginghose und Uriels ausgewaschenem T-Shirt vor die Haustür in die warme Sonne trete, geht es schon auf Mittag zu. Zwei Fahrradfahrer radeln gerade, miteinander plaudernd, an der Gartenhecke vorbei. Ich sehe ihnen nach, wie sie hinter der Kurve verschwinden. Jetzt ist nur noch das Rauschen des Flusses und das Singen der Vögel in den Bäumen zu hören.

Ich laufe die Treppe zum Hof hinunter. Kaum stehe ich auf dem Pflaster, kommen mir die kleinen Gnome entgegen gehüpft, die ich eben noch vor der Terrasse „gesehen“ hatte. Ihre halbtransparenten Körper umkreisen mich, sie kommen mir vor wie aufgeregte Kinder. Ich verdrehe innerlich die Augen und sende eine Kurznachricht an mein Gehirn: „Hallo! Es reicht jetzt!“

Seit ich angefangen habe zu meditieren, schlage ich mich in regelmäßigen Abständen mit visuellen Erscheinungen herum. Dafür muss ich keine weißen Buddhas auf Lotosblüten imaginieren, das bringt mein Gehirn auch in der Achtsamkeitsmeditation des stocknüchternen Zen zustande.

Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Zen-Retreat vor vielen Jahren: kaum war ich wieder Zuhause, wurde ich unerwartet mit Halluzinationen konfrontiert, die es mit jedem LSD-Trip aufnehmen konnten. Die Wiese, an der ich entlanglief, leuchtete mit einem Mal violett, die Birken am Wegesrand strahlten neonweiß, der Himmel färbte sich dunkelgrün. Dazu hörte ich Hallgeräusche, es klang, als stünde ich in einem Tunnel. Es dauerte satte zwei Stunden, bis mein Gehirn alle Sinnesreize wieder nach Vorschrift verarbeitete. Glücklicherweise hatte ich zuvor gelesen, dass so etwas durch das Meditieren passieren konnte. Gruselig fand ich es trotzdem.

Als ich während des nächsten Retreats dem Meditationslehrer von diesen Halluzinationen erzählte, erklärte er mir, ich solle es als Information nehmen, dass meine Praxis Wirkung zeige: die neuronalen Verbindungen meines Gehirns würden sich neu verschalten und die visuellen und akustischen Störungen wären einfach eine Begleiterscheinung dieses Prozesses. Das wichtigste, schärfte er mir ein, wäre, nicht auf die Bilder anzuspringen. „Mach keine Story draus,“ erklärte er mir, „weder im positiven noch im negativen Sinne, schau dir an, was immer es ist und lass es wieder gehen.“

Ich rufe mir seinen Rat ins Gedächtnis zurück und versuche keine Geschichten über die vergnügt um mich herumhüpfenden, winkenden und lachenden Wesen herbeizuphantasieren. Wenn ich mich auf meinen Atem fokussiere, schaffe ich es sogar, keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Ich kann es mir trotzdem nicht verkneifen, festzustellen, dass sie enttäuscht aussehen, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. „Himmel!“, fahre ich mich innerlich an, „Reiße Dich jetzt zusammen!“

Uriel hat mir, bevor er aufbrach, erklärt, im Pferdestall stünde alles für meine Streichaktion bereit. Weil ich so konfus bin, dass ich nicht mal die Farbe finde, muss ich Suriyel holen, der seine Elektrikerarbeiten abgeschlossen hat und heute im Retreathaus beschäftigt ist. Er stellt fest, dass die Eimer mit der Wandfarbe in den großen Kartons stecken, die in einer Ecke gestappelt sind, hilft mir, die Farbe anzurühren und verlässt mich wieder.

Ich kopple mein Handy an die kleine Soundbar, die Uriel gestern für Maria in den Stall gebracht hat – zum Dank dafür wurde er den ganzen Nachmittag mit Latino-Hip-Hop beschallt – und probiere ein bisschen rum, bis ich was finde, das meinen nervösen Geist besänftigt. Beethoven stört, stelle ich fest, aber „Experience“ von Ludovico Enaudi passt super.

Begleitet von sphärischen Klängen beginne ich zu streichen und kippe mir, beim Versuch den Maleimer oben auf der Leiter festzuklemmen, fast sofort einen ordentlichen Schwall Farbe über Oberkörper und Beine. Ich starre auf den weißen See zu meinen Füßen und überlege kurz, ob jetzt der richtige Moment gekommen ist, in Tränen auszubrechen. Ich entscheide mich dagegen – ich bin groß – stelle den Eimer zurück auf den Boden, wische den Farbkleks notdürftig auf und versuche mich zu fokussieren: dieser Atemzug, diese Bewegung, dieser Schritt… Monoton bewegt sich die Farbrolle auf und ab, ich spüre, wie ich mich entspanne.

Während ich, vor dem Eimer stehend, die Rolle in den weißen Brei tauche, wandert mein Blick gedankenverloren zur hinteren Glastür. Ich zucke zurück: da starrt mich etwas an! Völlig konfus starre ich zurück. Das seltsame Wesen ist groß und hat einen langen dünnen Hals, Hängeohren, riesige Augen in einer Art Pferdekopf und scheint zu fließen. Die Konturen seines Körpers wabern, es wirkt, als würde es aus Wasser bestehen. Und es tropft vor sich hin, exakt im selben Rhythmus wie die Wandfarbe von meiner Malerrolle, die ich – in der Bewegung erstarrt – über den Eimer halte. Ich kneife die Augen zusammen, öffne sie wieder: kein Zweifel! Da steht eine vor sich hin tropfende Kreatur mit Pferdekopf und Giraffenhals, die mich neugierig betrachtet.

Ich drehe mich um und werfe einen Blick zur vorderen Glastür, die zum Hof führt. An ihrer Scheibe drücken sich gerade drei von den Gnomen die Nasen platt. Als sie sehen, dass ich sie in den Blick nehme, winken sie mir begeistert lachend zu.

„Sieh es ein“, spricht auf einmal meine innere Stimme zu mir. „Du wirst sie nicht so schnell los werden! Du hast nur die Wahl, Dir von ihnen den Tag verderben zu lassen, oder Dich an ihnen zu erfreuen.“

Ich betrachte erst das Wasserwesen, das gerade den Kopf dreht, um mich aus seinem linken Auge besser in den Blick nehmen zu können, dann die vergnügt Grimassen ziehenden Gnome. Meine innere Stimme hat recht: wenn ich den Fakt beiseite lasse, dass es das, was ich da gerade sehe, nicht geben kann, ist es einfach nur bezaubernd!

Ich winke erst den Gnomen, dann der vor sich hin tropfenden Gestalt zu, schalte am Handy von Neoklassik auf Punkrock um, drehe den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und verbringe einen ziemlich schrägen – und sehr entspannten – Nachmittag in den ehrwürdigen Gewölben des historischen Pferdestalls.

Während ich um die schmalen Fenster herummale, winken mir von draußen all die Gestalten zu, die wir gestern und heute während Riwo Sangchö gefüttert haben. Manche haben dürre Hälse und kleine Köpfe, andere Flügel und Segelohren, die einen sind winzig klein, die anderen riesig groß – aber alle sind sie freundlich und vergnügt. Und dankbar dafür, dass wir sie so gut gefüttert haben.

Irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich mich mit ihnen unterhalte. Das erstaunt mich, ich bin visuell – ich „sehe“ zwar detailiert, aber das einzige, was ich normalerweise „höre“ sind Halleffekte. Jetzt geht es auf einmal wie von selbst.

Vielstimmig und in allen Tonlagen wird mir erklärt, wie glücklich alle darüber sind, uns zu Besuch zu haben und vor allem, wie begeistert sie von unserer Praxis sind! Ich möchte mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. „Es ist nicht mein Verdienst“, erkläre ich, während ich versuche, die Decke zu streichen, ohne den halben Putz dabei mitzunehmen, „ich sitze nur dabei, es ist Suriyel, der die Arbeit macht.“

Sie scheinen nicht nach Leistung zu differenzieren, ich werde weiter ausführlich gelobt und bekomme in allen Variationen erzählt, wie glücklich sie über uns wären. Am späten Nachmittag, als meine Arme müde sind und Blasen meine Finger zieren, ertappe ich mich dabei, dass ich ihnen doch tatsächlich verspreche, wir würden das jetzt regelmäßig machen.

In dem Moment bekomme ich eine Textnachricht von Uriel: Wie es denn laufen würde, bei mir?

„Ich wollte immer schon mal auf LSD einen historischen Pferdestall streichen“, schreibe ich zurück. „Stand noch auf meiner Lebens-To-Do-Liste! Dank Dir kann ich jetzt ein Häckchen dahinter machen…“

Während ich die Farbrollen einweiche und den Deckel auf den Eimer drücke, malt die späte Nachmittagssonne helle Kringel an die frisch gestrichenen Wände. Er wird schön werden, der neue Seminarraum – geradezu magisch…

Euphorie

Ich lege Tarot, bekomme eine interessante Meditations-Augendiagnose verpasst und darf – Dank Suriyels Riwo Sangchö-Rauchopfer aus dem tibetischen Buddhismus – an einem magischen Happening teilnehmen.

Am Sonntagmorgen weckt mich Vogelgesang. Im Bett sitzend, werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Der Weiher glänzt in der frühen Morgensonne. Ein paar Enten paddeln darauf herum, ich höre sie quaken, während ich mich anziehe.

Um sieben Uhr früh stehe ich in der Küche. Ich bin die Erste, die wach ist, stelle ich zu meiner Erleichterung fest. Der Blogtext für morgen muss in den nächsten zwei Stunden geschrieben werden, tagsüber werde ich keine Zeit finden. Dafür brauche ich Ruhe. Bevor ich anfange zu arbeiten, schalte ich Uriels ehrwürdige Jura-Kaffeemaschine an. Jetzt ist Konzentration gefordert, sie ist von sensiblem Gemüt – ein unachtsamer Handgriff und ich kann meinen Morgenkaffee vergessen! Mit angehaltenem Atem befolge ich die Anweisungen auf dem Display und hole erst wieder Luft, als der braune Kaffeestrahl in die Tasse läuft. Geschafft!

Ich bin schon im letzten Drittel des Textes angekommen, als nach und nach die anderen in die Küche einlaufen. Suriyel in seinem üblichen Gleichmut und im Pyama, Maria komplett angezogen, dafür in aufgelöstem Zustand. Sie hätte seltsames geträumt! Da ist sie nicht die einzige, mir ging es nicht anders. Suriyel setzt sich mit seinem Kaffee zu uns an den Tisch. Ihm wäre es genauso gegangen, erzählt er uns. Es wäre immer das selbe: in seinen Nächten im Retreathaus am Ende der Welt hätte er die wildesten Träume.

Ich schreibe den Blogtext zu Ende und lege gleichzeitig Maria die Karten. Multitasking gehört nicht zu meinen Stärken, aber sie möchte so dringend wissen, was der seltsame Traum zu bedeuten hat, dass sich die Sache nicht auf später verschieben lässt. Suriyel verschwindet dezent nach oben – Kartenlegen ist eine intime Sache – dafür taucht, kaum ist er zur einen Tür hinaus, durch die andere der kleine weiße Hund auf und möchte begrüßt und gestreichelt werden. Kurz darauf gefolgt von Uriel, der etwas derangiert aussieht. Er hätte aber auch wildes Zeug geträumt, heute Nacht, erzählt er uns, während im Hintergrund die alte Jura-Maschine krachend Kaffeebohnen mahlt.

Ich fotographiere Marias Legung und schicke ihr die Bilder per Whatsapp samt der Info, die Interpretation würde ich später per Sprachnachricht liefern. Für ein entspanntes Kartenlegen ist hier gerade zu viel Betrieb. Maria wird uns nach Riwo Sangchö verlassen, am Abend wartet in Leipzig eine Geburtstagsparty auf sie. Auch Uriel hat gesellschaftliche Verpflichtungen, er muss – samt Hund – schon vor dem Morgenritual aufbrechen. Bis zum Mittag des nächsten Tages wäre er wieder zurück, meint er. Bevor er verschwindet, schaut er mir tief in die Augen: ich hätte wieder diesen wahnsinnigen Blick, wie er ihn von mir eigentlich nur während Retreats kennen würde! Ich solle bloß aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird! Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich über den „wahnsinnigen Blick“ ärgern, oder ob seiner Fürsorge gerührt sein soll…

Allerdings hat er mit seiner „Augen-Diagnose“ ich wäre gerade gaga, recht. Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich Suriyel, der alles für unser morgendliches Riwo Sangchö vorbereitet – und vor ihm auf der Wiese im warmen Licht der Vormittagssonne eine Ansammlung wild herumtollender halbtransparente Gestalten. Sie reichen ihm bis zur Hüfte. „Himmel hilf!“, denke ich mir, „Geht das schon wieder los?“ Ich verkneife mir die Frage, ob Suriyel die muntere Schar ebenfalls sieht, versuche die seltsamen Wesen, die sich keine zwei Meter vor uns aufreihen, zu ignorieren und nehme so würdevoll, wie es mir in meinem aktuellen Zustand möglich ist, vor dem Schreintischen Platz.

Maria setzt sich auf einen der Gartenstühle, Suriyel entzündet Kerze und Räucherstäbchen und dann fangen wir an.

Die seltsamen Gnome, Wichtel, Klabautermänner what´s ever – waren nur die Vorhut, stelle ich fest. Kaum schwingt Suriyel das erste Mal die Glocke, ist die Wiese voll. In allen Größen, Formen und Variationen haben sich wieder die gleichen halbtransparenten Gestalten wie gestern eingefunden. Es hat was von Open Air, denke ich mir, während ich, den Blick auf den Text, den ich gemeinsam mit Suriyel rezitiere und singe, gleichzeitig mit meinem hyperaktiv delierenden „Dritten Auge“ das Szenario vor uns betrachte. Als wären wir eine Band auf einer Bühne und vor uns stehen die begeisterten Fans. Und begeistert sind sie, mir fällt kein anderes Wort dafür ein.

Als wir beim Speiseopfer angelangt sind und Suriyel einen Löffel von der Mehl-Zucker-Butter-Mischung über die Räucherkohle in dem kleinen Tongefäß kippt, setzt unser Publikum noch eins drauf: jetzt hat es was von Woodstock, denke ich mir. So viel Euphorie muss man erst mal zustande bringen!

Während ich das bizarre Szenario vor mir beobachte, nehme ich gleichzeitig die friedliche Stille um uns war: hinter uns rauscht der Bach, in den Bäumen singen Vögel, ab und zu klingt das Quaken der Enten vom Weiher zu uns herüber. Eine leichte Brise spielt mit meinen Haaren und weht mir ein paar Strähnen ins Gesicht. Ich sitze in Meditationshaltung neben Suriyel auf der Bank, höre ihn und mich, betrachte die euphorische Geisterschar und spüre gleichzeitig die vollkommene Stille um uns. Das Szenario ist vollkommend verrückt – und gleichzeitig wahnsinnig schön.

Als wir zu Ende sind, sehe ich den kleinen Gnomen nach, die vergnügt über die Wiese davon hüpfen. Ich bin richtig neben der Spur! Eigentlich müsste ich erneut schlafen, um mein Gehirn in die Balance zu bringen. Aber ich kann nicht schon wieder kneifen! Während Suriyel Maria zum Bahnhof fährt, ziehe ich in meinem Zimmer die immer noch feuchte Malerkluft über. Ein kompletter historischer Pferdestall wartet darauf, von mir gestrichen zu werden!

Chenrezig

Suriyel führt Maria und mich in Chenrezig ein – der buddhistischen Meditations-Praxis des unbegrenzten Mitgefühls…

Ich kippe einen Schuss Weißwein ins Risotto und rühre andächtig um. Der Duft von Steinpilzen und dampfendem Wein zieht durch das Retreathaus. Ich bin glücklich: endlich darf ich wieder kochen!

Bevor wir hierher aufbrachen, kramte ich in meinem Untermietzimmer die Lebensmitteln hervor, die ich aus meiner zurückgelassenen Vergangenheit nach Leipzig gebracht und nie verwendet hatte. Die Campingküche meiner verwunschenen Behausung ist selbst für ein simples Risotto zu unwirtlich. Uriels Einladung ins Retreathaus ans Ende der Welt kam gerade noch rechtzeitig, stellte ich fest, als ich das Ablaufdatum auf den Packungen kontrollierte.

Den Nachmittag über waren wir im Pferdestall beschäftigt gewesen. Suriyel montierte Steckdosen, Maria und Uriel trugen die Grundierung für den Farbanstrich am nächsten Tag auf. Nach meiner wenig eleganten Landung im Bach war meine Malerkluft triefnass, mein Beitrag beschränkte sich deshalb auf das Abkleben der Fenster und Türen.

Zum Ausgleich koche ich. Das erfreut nicht nur mich, sondern auch die anderen. Maria bereitet den Salat, dann sitzen wir um den Tisch, essen, plaudern und haben es gemütlich. Auf einmal wird mir bewusst, dass wir gerade gemeinsam damit beschäftigt sind, die letzten Reste meines alten Lebens zu verspeisen! Heute ist einfach ein komplett schräger Tag…

Nach dem Abendessen verabschiedet sich Uriel samt seinem Hund, sie haben etwas zu erledigen. Für uns andere drei ist der Tag ebenfalls nicht abgeschlossen, es fehlt noch der letzte Programmpunkt: Chenrezig.

Es wäre ein wunderbares Anfänger-Ritual, erklärt uns Suriyel, und die allererste Praxis, die er selbst gelernt habe. Er bereitet auf der Terrasse ein weiteres Mal den kleinen Schreintisch vor. Maria und ich sehen ihm dabei zu, wie er vorsichtig Wasser in die kleinen Metallschälchen füllt und Kerze und Räucherstäbchen anzündet. Die Tonschale brauchen wir diesmal nicht, Chenrezig – die Praxis des grenzenlosen Mitgefühls – kommt ohne Speiseopfer aus.

„Chenrezig“ ist der tibetische Name von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls, der die Klagen aller leidenden Wesen vernimmt und ihnen zur Hilfe kommt. Es gibt eine wunderbare Sage über ihn: er wäre einst ein Prinz gewesen, der das Gelübde abgelegt habe, allen Wesen Beistand zu ihrer Befreiung zu leisten. Sollte er darin nachlassen, hatte er geschworen, wolle er in tausend Stücke zerspringen. Er begab sich ins Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – und befreite alle Wesen – Geister, Dämonen, Menschen, Tiere, Götter – die er finden konnte, von ihrem Leid. Als er sich nach einiger Zeit umblickte, sah er, dass unendlich viele neue leidende Wesen nachgekommen waren, die ebenfalls von ihm erlöst werden wollten. Er zweifelte für einen Augenblick daran, dass es ihm gelingen würde, sein Gelübde zu erfüllen – und zersprang in tausend Stücke. Glücklicherweise gelang es Amitabha – dem Buddha der unterscheidenden Weisheit – Avalokiteshvara wieder zusammenzusetzen. Weil er gerade dabei war, gab er ihm tausend Arme, in deren Handflächen jeweils ein Auge sitzt und dazu noch elf Köpfe. Damit konnte Avalokiteshvara sein Gelübde viel effektiver erfüllen als in seiner alten menschlichen Gestalt.

Avalokiteshvaras Mantra „Om ma ni padme hung“ – das „Mantra des Mitgefühls“ – ist eines der ältesten und bekanntesten im Buddhismus.

Auch ich habe eine persönliche Beziehung zu Avalokiteshvara. Er wird zu Beginn des „Herz-Sutra“, einem der zentralen Texte des Mahayana-Buddhismus – und damit auch im Zen – angerufen. Am Ende jeder Morgen-Meditation rezitiere ich deshalb – Tagein, Tagaus – mit meiner Online-Sangha: „Avalokiteshvara, im Zustand der tiefen transzendenten Weisheit, erkannte, dass alle fünf Skandas leer sind und überwand so alles Leiden…“

Aber jetzt sind wir nicht im Zen – Maria hat sich gegen „stumm auf dem Kissen sitzen und an nichts denken“ entschieden – wir praktizieren hier Vajrayana. Besser gesagt: Suriyel praktiziert und Maria und ich sehen ihm dabei zu. Vorher erklärt er uns noch, worum es dem Prinzip nach geht. Die Chenrezig-Praxis helfe, erfolgreich den Weg eines Bodhisattvas zu gehen, indem sie die Fähigkeit kultiviere, Mitgefühl mit allen leidenden Wesen zu empfinden. Die Basis dafür ist die Identifikation mit dem Bodhisattva. Nach der Eingangsrezitation sollen wir deshalb auf Kopfhöhe vor uns Chenrezig – Avalokiteshvara auf Tibetisch – als weißen, in einem Lotos sitzender Buddha visualisieren, hinter dem der volle Mond leuchtet. In dieser Praxis hat er nur vier Arme, keine tausend. Während der Visualisierung solle wir bewusst das tiefe liebende Mitgefühl für alle leidenden Wesen spüren, dass die leuchtende Gestalt vor uns verströmt.

Es ist inzwischen dunkel geworden. Sanft flackert das Licht der kleinen Kerze auf der überdachten Terrasse. Vom rauschenden Bach an der Hauswand kriecht kühle Feuchtigkeit zu uns.

Suriyel beginnt erst zu rezitieren und dann zu singen. Ich senke den Blick – die Augen halb geöffnet – und konzentriere mich auf mein „drittes Auge“ oberhalb meiner Nasenwurzel. In der Dunkelheit erscheint, über der Wiese schwebend, eine weiß flouriszierende Gestalt. Der Buddha sitzt, die Beine übereinander geschlagen, auf einer großen Lotosblüte. Hinter ihm strahlt in milchigem Licht der volle Mond. Ich konzentriere mich darauf, sein Mitgefühl zu spüren. Es fällt mir nicht schwer: Suriyel verströmt es während seiner Meditation in einer Intensität, dass ich keine großartige Imagination brauche, um damit in Berührung zu kommen.

In Suriyels Gesang hinein schallen aus der Dunkelheit die schrillen Rufe eines Pfaus. Er lebt auf dem Nachbargut, ich habe ihn schon öfter gehört. Aber jetzt, in dieser feierlichen nächtlichen Stille, kommt es mir vor, als wären wir in eine andere Wirklichkeit versetzt worden. Als hätten wir das Retreathaus am Ende der Welt und das 21. Jahrhundert hinter uns gelassen, und würden uns mit einem Mal im alte Indien befinden – der Heimat der Pfaue und des Buddhismus – zu der Zeit, als Prinz Avalokitshvara zu seiner Reise ins Bardo aufbrach, um alle Lebewesen von Leid zu befreien.

Suriyel greift zur Mala. Wir sind beim Mantra angekommen. „Om ma ni padme hung“ murmeln wir beide, und lassen dazu die Perlen zwischen unseren Fingern hindurch gleiten. Maria ist währendessen ganz still, aus der Ferne ruft unermüdlich der Pfau.

Als wir zu Ende sind, bin ich berührt. Es war mein erstes Chenrezig – und es war sehr schön.

Brücke

Als ich voller Tatendrang vor die Haustür trete, empfangen mich warme Sonnenstrahlen und ein enthusiastischer Hund.

Ich überquere den Hof und öffne die schwere Glastür zum historischen Pferdestall, der gerade in einen großen Seminarraum umfunktioniert wird. In einer Ecke entdecke ich Suriyel, er montiert Steckdosen. Die anderen beiden wären zum Baumarkt gefahren, erfahre ich, es fehle noch was für die Grundierung.

Ich trete wieder auf den Hof und wandere, das Handy schwenkend, umher: Auf dem Gelände des Retreathauses am Ende der Welt Empfang zu bekommen, ist eine Kunst für sich. Endlich erscheint ein einzelner schüchterner Balken auf dem Display. Ich rufe Maria an: wann sie zurück wären? Ich stünde jetzt bereit, um den Pferdestall zu streichen! Es würde noch dauern, antwortet sie.

Und jetzt?

So aufgeregt, wie der kleine weiße Spitz um meine Aufmerksamkeit kämpft, liegt die Antwort auf der Hand. Mit dem Hund an der Leine lasse ich das Retreathaus hinter mir und laufe den Fluss entlang in den Wald.

Ich bin immer noch völlig neben der Spur, stelle ich dabei fest. Irgendwie funktionieren meine Sinne nicht richtig. Um mich flourisziert das Gras neongrün, das Gelb des Löwenzahns leuchtet, als hätte jemand unzähliche 1000 Watt-Strahler auf der Wiese montiert. Das Rauschen des Baches, begleitet vom Gesang der Vögel, dröhnt in Discolautstärke in meinen Ohren. Als ich den Waldrand erreiche, löst die Geruchspalette von Moder, Blumenduft, Harz und jungem Fichtengrün Schwindelgefühle in mir aus.

Der Hund hat eine Fährte aufgenommen und folgt ihr, laut japsend, ins Gebüsch. Ich rutsche hinter ihm die Böschung hinunter. Haken schlagend zieht er mich zum Fluss, der einige Meter parallel zum Forstweg durch den Wald fließt und sich genau an dieser Stelle gabelt: der vordere Arm, an dessen Ufer ich stehe, begrenzt Uriels Grundstück, der hintere nährt mit seinem Wasser den Weiher, bevor er unter dem Fundament des Retreathauses verschwindet, um auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche zu kommen und sich mit dem Seitenarm zu vereinen. Zwischen den beiden Wasserläufen liegt eine Insel, ein winziger Fleck Erde mit zwei Bäumen drauf. Kinder haben aus dicken Ästen eine Brücke hinüber gebaut.

Ich starre auf die grauen Felsblöcke, die direkt unter mir aus dem wild schäumenden Wasser ragen. Auf einmal überkommt mich eine wahnsinnige Lust, das kalte Wasser an den Füßen zu spüren. Ich setze mich ans Ufer, ziehe Schuhe und Socken aus und steige vorsichtig hinein. Das klare Wasser ist eiskalt, die spitzen Steine des Flussbettes stechen in meine Fusssohlen.

Ich möchte hinüber auf die Insel, beschließe ich. Der kleine weiße Hund steht am Ufer und schaut besorgt zu mir herunter. „Jetzt komm doch!“, rufe ich ihm zu. „Es ist nicht tief!“ Zwanzig Zentimeter Wassertiefe, finde ich, sind für einen Spitz zu bewältigen. Der sieht das anders. Er stemmt alle vier Pfoten in den Boden, schaut sichtlich angeekelt in die Tiefe und lässt sich weder durch Bitten noch durch Befehle dazu bewegen, zu mir zu kommen. Ich klettere fluchend wieder hoch, binde die Leine des Hundes um den nächsten Baum und steige wieder in das kalte Wasser.

Vorsichtig auf den glitschigen Steinen Fuß vor Fuß setzend, bewege ich mich gegen die Strömung flussaufwärts, das eiskalte Wasser schäumt um meine Schienbeine. Die extremen Sinnesreize tun mir gut, merke ich, sie wirken wie ein Anker für meinen Geist, der gerade nicht richtig mit meinem Körper verbunden zu sein scheint. Mein Kopf ist vollkommend leer. Es kommt mir vor, als würde ich mich in einer Sphäre bewegen, in der weder Raum noch Zeit von Bedeutung sind. Und gleichzeitig ist es so, als würde ich von oben auf mich herabsehen, mit dem selben Blick, mit dem man einen Fremden betrachtet. Irgendwer läuft gerade in meinem Körper durchs Wasser, stelle ich fest, aber wer dieser „jemand“ sein soll, weiß ich nicht zu sagen.

Während ich das Flussbett hoch wandere, halte ich nach einem günstigen Einstieg auf die kleine Insel Ausschau. Vergebens. Die Brennesseln auf der Böschung sind erst wenige Zentimeter hoch, stehen aber schon so dicht, dass es eine höchst schmerzhafte Angelegenheit wäre, dort barfuß hochzuklettern. Kurz überlege ich ernsthaft, ob ich es nicht gerade deshalb tun soll – das intensive Brennen würde mich sicher effektiv in meinen Körper zurückholen – zeige mir dann selbst einen Vogel und beschließe, mein Glück lieber am anderen Ende der kleinen Insel zu versuchen, das Ufer scheint dort flacher zu sein.

Ich drehe vorsichtig um. Jetzt geht es abwärts, der Bach hat an dieser Stelle ein spürbares Gefälle und noch dazu drückt die Strömung von hinten gegen meine Waden. Schritt für Schritt bewege ich mich auf die provisorische Brücke zu, die vom Ufer auf die kleine Insel führt.

Ich hebe meinen Fuß aus dem Wasser, bewege ihn nach vorne – es fühlt sich an, als würde er nicht zu meinem Körper gehören – und senke ihn wieder in das schäumende Nass. Auf einmal ist es, als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt. Ich bin wieder zwölf Jahre alt und das hier ist der Bach meiner Kindheit. Es ist mir, als wäre ich an eine Weggabelung zurückgekehrt, die ich vollkommend vergessen hatte. Damals, im Alter von zwölf Jahren, traf ich genau an dieser Stelle eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen für den weiteren Verlauf meines Lebens haben sollte. Jetzt finde ich mich unversehens an diese Gabelung meines Lebenswegs wieder.

Ich stehe im schäumenden Wasser, starre auf die Äste der provisorischen Brücke, die sich ein paar Meter vor mir über den Bachlauf streckt und verstehe, dass ich jetzt, in diesem Moment, die Chance habe, diese Entscheidung zu revidieren. Es steht mir frei, jetzt den Pfad einzuschlagen, gegen den ich mich vor vielen Jahren entschieden hatte. Im Rückblick glaube ich zu verstehen, warum mein zwölfjähriges Ich – genau an der magischen Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – die Entscheidung für den Weg getroffen hatte, den mein weiteres Leben danach nahm. Es war ein wagemutiger Entschluss, den ich damals traf, wird mir bewusst. Und vollgerichtig. Er hat mich weit gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, zu sehen, wohin mich der andere Weg bringen wird, der, gegen den ich mich damals entschieden habe. Es ist ein großes Geschenk, wird mir in diesem Augenblick bewusst, dass ich für einen Moment den Gesetze von Raum und Zeit enthoben bin und noch einmal an diesen längst vergangenen Punkt in meinem Leben zurückkehren und einen Neuanfang wagen darf.

Mit diesem Gedanken mache ich einen weiteren Schritt, rutsche unversehens auf einem glitschigen Stein aus und lande mit einem lauten Platschen im schäumenden Wasser. Kälte und Nässe bringen mich wieder zur Besinnung. Ich lache schallend, während ich – den Kopf über mich und meinen Wahnsinn schüttelnd – triefend und vor Kälte schlotternd ans Ufer klettere. Oben empfängt mich sichtlich erleichtert der kleine weiße Hund. Vor mich hin tropfend laufe ich mit ihm zurück zum Retreathaus ans Ende der Welt.

Der Löwenzahn leuchtet immer noch mit dem Grün des Grases und dem Blau des Himmels um die Wette. Ich bin glücklich, merke ich, während ich das schwere Tor zum Hof aufziehe. Geradezu euphorisch, um genauer zu sein. Es ist jemand anderes an diesen Ort zurückgekehrt als der, der ihn vor einer Stunde verlassen hat. Jemand, der an einer Wegkreuzung eine neue Entscheidung getroffen hat. Es klingt so vollkommend bizarr, dass ich beschließe, den anderen nichts von der „Taufe“ meines neuen „Ich“ im wilden Bauchlauf zu erzählen.

Im Nebel

Ich wanke die Treppen hoch und falle ins Bett. Es ist gerade mal elf Uhr Vormittags, aber ich bin so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Augen offen halten kann – geschweige denn einen Pferdestall streichen.

Unser erstes, von Suriyel angeleitetes, Riwo Sangchö auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt an diesem Samstag hat mich völlig ausgeknockt. Dabei ist das Rauchopfer eigentlich nur ein netter – und dem Karma dienlicher – Tageseinstieg und keine Praxis, die den Ruf hat, mentale Ausnahmezustände auszulösen.

Es war einzig und alleine darum gegangen, Maria während ihres Buddhismus-Einführungswochenendes mit den Basics im Vajrayana vertraut zu machen. Riwo Sangchö gehört dazu, und ist außerdem ein schönes Ritual – Punkt. Und dann so etwas!

Damit, dass ich auf einmal mit den leibhaftigen „Gästen“ unseres imaginierten Festmahls konfrontiert sein könnte, hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte nicht einmal ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie wirklich existieren! Und dann „sehe“ ich plötzlich, vor Uriels Terrasse aufgereiht, nicht nur hunderte bizarrer halbtransparenter Gestalten, sondern glaube mit einem Mal auch noch zu verstehen, woher mein Wolf kam. Eine karmische Verstrickung mit einem formlosen Wesen, dass im Bardo festhing – mein Zen-Lehrer würde mir eine Ohrfeige verpassen, wenn er wüsste, was ich hier gerade treibe und welche Geschichten mein Hirn produziert.

Ich hasse es, wenn ich so gaga bin!

Das einzige, was gegen diese Zustände hilft, ist Schlaf. In den ich gnädigerweise sofort falle, sobald ich, im warmen Bett ausgestreckt, meine Augen schließe. Während unten an der Hauswand der Bach vorbeirauscht, die Vögel in den Bäumen am Ufer des Weihers singen, und irgendwo in der Ferne ein Rasenmäher dröhnt, lasse ich das Retreathaus am Ende der Welt hinter mir.

Um mich ist dichter Nebel, das Licht ist fahl. Ich stehe auf einem Feldweg. Links und rechts ragen hohe Bäume auf, ihre Äste sind fast kahl, nur noch ein paar letzte Blätter hängen in den Kronen. Der Geruch von Feuchtigkeit und Tod steigt mir in die Nase. Es muss später November sein. Lang kann es nicht mehr dauern, bis der erste Schnee fällt.

Ich laufe den Weg entlang, unter meinen Füßen raschelt Laub. Wo ich mich befinde, kann ich nicht sagen, der Nebel umgibt mich wie eine Wand, weiter als ein paar Meter reicht mein Blick nicht. Auf einmal kommt Wind auf. Eisig zerrt er an meiner dünnen Kleidung, treibt mir die Haare ins Gesicht und lässt die Nebelschwaden um mich tanzen. In den Bäumen über mir rauscht es, ein kräftiger Windstoß reißt die wenigen verbliebenen Blätter von den Ästen. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus den Augen und beobachte, wie das Laub, im Wind tanzend, um mich herum zu Boden segelt.

Ich zucke zusammen. Es sind keine Blätter, die mir vor die Füße fallen, sondern alte vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos! Auf allen sind Menschen abgebildet. Ihren Frisuren und ihrer Kleidung nach zu schließen, aus den zwanziger, dreißiger Jahren, manche könnten auch aus den Vierzigern oder Fünfzigern sein. Ein wildes Potpourri vergangener Leben hat sich um mich ausgebreitet: ernste Gesichter auf Portraitaufnahmen, Hochzeitsphotos neben Bildern von Taufen, Geburstagen, Babys in Wiegen, steife Familienszenen…

Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe nach oben: die Äste der Bäume über mir sind jetzt kahl. Bis auf ein Bild, das sich gerade in diesem Augenblick löst und mir direkt zwischen die Beine segelt: darauf, in vergilbtem schwarz-weiß, sind – um einen Tisch sitzend – zwei Paare abgebildet, sie lachen in die Kamera. Ich glaube sie zu kennen, obwohl ich ihre Gesichter noch nie zuvor gesehen habe.

Warmes Sonnenlicht fällt auf mein Kissen. Vor dem Fenster singen Vögel, monotones Wasserrauschen wird vom Dröhnen eines Rasenmähers übertönt. Verwirrt versuche ich mich zu orientieren. Richtig: ich liege in meinem Bett in einem der Zimmer des Retreathauses am Ende der Welt. Damit ist immerhin mein Aufenthaltsort lokalisiert. Als nächstes versuche ich herauszufinden, in welcher Zeitrechnung ich mich befinde. Es ist auf alle Fälle nicht Herbst, daran lassen Licht und Vogelgesang keinen Zweifel. Ich starre konfus auf meine Uhr: es ist kurz nach zwölf, sehe ich und heute ist der 29. April 2023. Auch das ist eine wertvolle Information.

Ich beschließe, aufzustehen. Als ich in meine Jeans steigen will, fällt mein Blick auf einen Stapel ausgemusterter Kleider, die ich auf dem Stuhl bereitgelegt habe. Richtig! Ich soll den Pferdestall streichen! Etwas besseres als harte körperliche Arbeit, denke ich mir, während ich in meine ausgeleierte Jogginghose schlüpfe, kann mir heute nicht passieren. Mich ordentlich anzustrengen, wird mich auf andere Gedanken bringen.

Als ich die Treppen hinunterlaufe und im Flur meine Schuhe schnüre, habe ich den seltsamen Traum irgendwo tief in meinem Hinterkopf vergraben. „Es ist genug jetzt!“, ermahne ich mich, „Tu, was zu tun ist und vergiss dieses ganze konfuse Zeug!“

Primer

“Do you also want to write for my blog from time to time?”, Katharina asked me – Uriel –  while fixating me with her radiating blue eyes. “Sure, sure”, I muttered while still investigating her eyes. It is easy to see a good result of a spiritual practice in the eyes of people, I was thinking. Katharina just finished the morning practice she did with Suriyel and Maria. When the inner spiritual energy is rising, you can see it in the eyes.

What do you need for a successful practice, I was asking myself. First you need a unbroken lineage, if you want to have real progress. You get access to the energy inside the lineage and this will lead you to real results. Then – you need a qualified teacher inside this lineage. He is not only introducing you to the lineage and the practice but also helps you in difficult stages of your practice. Then you should have some experiences, especially at the beginning. This helps you to convince yourself that the practice you are doing is working. And last, you need a good fundament. I saw so many people failing on the path or not having any deep results at all, just because the fundament was missing. You need to enter into the practice in a correct way, which was developed hundreds of years ago and led thousands of people to the fruit of the path. In our tradition the fundament is called the preliminary practice.

I was very happy to see, that the practice the three did on the terrasse of the retreat house at the end of the world was working. My friend Suriyel developed strongly over the years and in his hometown he is already performing rituals for the public. Katharina is not only following the path by entering into the energy of the lineage – she is jumping into it like into a river. Already in the last three months you can feel the difference, I was thinking. And Maria – her inner energy feels like you mix a nice fragrance with a lustral golden liquid. She will be successful. Now only the fundament is needed, like the primer on the wall before you start painting.

Riwo Sangchö

Suryiel führt Maria in das traditionelle morgendliche Rauchopfer-Ritual ein…

Vom Weiher kommend, rauscht das Wasser des Baches die Hauswand entlang. Vor der Terrasse verschwindet es unter dem Fundament, um auf der anderen Seite des Gebäudes wieder an die Oberfläche zu treten. Dort vereint sich der schmale Bach mit dem Hauptlauf des Gewässers zu einem wild dahinströmenden Fluss. Uriels Retreathaus ist buchstäblich auf Wasser gebaut.

Nach dem Frühstück beginnt Marias Einführung in Vajrayana mit einem Riwo Sang Chöd. In der englischen Übersetzung heißt das tibetisch-buddhistische Ritual „Mountain Smoke Offering from Accomplishing the Life Force of the Vidayadharas“. Direkt neben dem wild rauschenden Wasserlauf hat Suriyel ein Tischchen auf der Terrasse platziert. Darauf wird alles gerichtet, was wir zur Bewirtung unserer Gäste benötigen.

Wir sind zu fünft an diesem kühlen Morgen: eine sichtlich nervöse Maria und ich, Suriyel, sowie der Hausherr Uriel in Begleitung seines kleinen weißen Hundes. Ich nehme auf dem Gartenstuhl Platz und lege mir fröstelnd die Decke über die Beine, während Suriyel die letzten Vorbereitungen für das Ritual trifft.

Ich sehe ihm dabei zu, wie er Wasser in kleine Schälchen füllt. Damit werden unsere Gäste – Buddhas, Bodhisattvas, die örtlichen Naturgeister und alle positiven und negative Wesen und Kräfte in den sechs Dimensionen – speziell jene, denen wir karmisch etwas schuldig sind – empfangen.

Nach ihrer Reise zu uns sollen sie sich erst einmal erfrischen können. Deshalb bekommen sie im ersten Schälchen Wasser zu Trinken angeboten. Mit dem Wasser im zweiten Schälchen können sie sich den Staub von den Füßen waschen. Damit sie sich bei uns wohl fühlen, werden sie mit Blumen empfangen – symbolisiert durch das Wasser im dritten Schälchen. Im vierten Schälchen verströmt ein Räucherstäbchen seinen Duft, die Kerze im fünften Schälchen spendet Licht, das Wasser im sechsten Schälchen versinnbildlicht Parfüm, das im siebten Speisen und das im achten Musik.

In der Mitte des Tisches wird ein kleines Tonschälchen mit Räucherkohle platziert. Darin wird später das Speiseopfer – eine Mischung aus Mehl, Zucker, Honig, Melasse, Butter und Öl – verbrannt werden. Mit der kleinen Damaru – einer tibetischen Handtrommel – und der Glocke wird das Ritual musikalisch begleitet. Der immergrüne Ast in der Glaskanne wird traditionell benutzt, um die Opfergaben mit geweihtem Wasser zu besprengen. Bei uns ist er Deko – er gehört halt auch dazu.

Es ist also für alles gesorgt, wir können die Gäste zur Tafel bitten.

Wir müssen nicht warten, bis sie sich bei uns eingefunden haben – „sehe“ ich – sie sind bereits da. Auf der großen Wiese, die sich von der Terrasse bis zum Waldrand erstreckt und auf der einen Seite vom Weiher, auf der anderen von einem Seitenarm des Flusses begrenzt wird, glaube ich die Konturen halb transparenter Gestalten in allen Formen und Größen zu erkennen. Ich kneife die Augen zusammen und öffne sie wieder: Doch! Da stehen in mehreren Reihen, still und konzentriert wartend, unsere Gäste. Es müssen hunderte sein!

Ein paar Enten flattern laut quackend über unsere Köpfe hinweg und landen mit vernehmbarem Platschen auf der Oberfläche des Weihers. Eine Amsel singt im Geäst des Apfelbaumes vor der Terrasse. Ihr Gesang übertönt das monotone Rauschen des Baches an der Hauswand. Ansonsten herrscht vollkommene Stille an diesem Samstagmorgen.

Uriels kleiner weißer Hund legt sich vor der Terrasse ins Gras. Er weiß was kommen wird, für ihn gehört Riwo Sangchö zur Altagsroutine. Im Gegensatz zu Maria: sie wird zum allerersten Mal an einem tibetisch-buddhistischen Retreat teilnehmen. „In diesem Leben“, präzisiert Suriyel. Auch Uriel ist davon überzeugt, dass nur in den Genuss einer solchen Praxis kommt, wer schon karmisch „vorbelastet“ ist.

Suriyel rezitiert und singt den tibetischen Text. Er hat eine schöne Stimme. Uriel und ich stimmen ein, Maria hört zu.

Nach Anrufung, Zufluchtnahme und Bodhicitta sind wir gehalten, uns selbst als Guru zu visualisieren. Im nächsten Schritt transformieren wir – uns als weiße Emanation des Buddha imaginierend – alle Opferspeisen in reinen betörenden Weisheitsnektar.

Suriyel kippt einen Löffel von dem pulverförmigen Speiseopfer über die glühende Kohle. Rauch steigt auf und hüllt uns ein. Die Perlen unserer Malas zwischen den Fingern, rezitieren wir das Mantra und visualisieren dabei, wie wir unseren Gästen die Opfergaben zukommen lassen. Die dröhnende Stille hinter unserem Murmeln, des Rauschen des Baches und dem Gesang der Vögel, ist jetzt geradezu greifbar. Gleichzeitig überwältigt mich die Freude und Begeisterung unserer Gäste. Das, was wir ihnen heute anbieten können, scheint sie wirklich zu sättigen, so gierig manche von ihnen auch sind.

Als ich, die Augen gesenkt und das Mantra dabei rezitierend – meinen „Blick“ über die Wiese und die darauf versammelten, begeistert schmausenden Gäste gleiten lasse, registriere ich eine Lücke in der Menge. Dort, wird mir mit einem Mal klar, stand bis vor ein paar Wochen mein Wolf! Bevor er sich eines Nachts im März an meiner Bettseite materialisierte, war er eines der transzendenten Wesen, die hier regelmäßig gefüttert werden. Uriel würde sagen: wir waren durch eine karmische Verstrickung aneinander gebunden. Ich habe ihn hier abgeholt – oder er hat mich hier aufgesucht – damit wir das letzte Stück seines Weges zur Wiedergeburt gemeinsam gehen konnten. Vielleicht, denke ich, während ich weiter rezitiere und währenddessen visualisierend die seltsam transparenten Wesen füttere, auch meiner Wiedergeburt?

Meine körperlichen Grenzen scheinen sich aufzulösen, ich fühle mich völlig entleert, es gibt keine Differenz mehr zwischen mir, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches, den formlosen glücklichen Wesen auf der Wiese.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, schaffe ich es nicht mal, mich vernünftig bei den anderen zu entschuldigen. Obwohl ein kompletter Pferdestall auf seinen Anstrich wartet, wanke ich die Treppen hoch und falle ins Bett. Alles fühlt sich völlig unwirklich an, ich brauche Schlaf und ein paar Träume, um mich zu erholen. Was für ein Riwo Sangchö!

First Steps

I’ll start with the backstory. A couple of years ago, I started getting interested in meditation. In Ukraine, unfortunately, there are few places where they can really teach this. It is very common to get scammed. That’s why I tried to meditate alone, at home. I came to this because of a lot of stress in my life. I wanted to find peace. Naturally, nothing worked out for me and I just stopped doing it.

hBut after some time I met at work with one girl, Anastasia. As it turned out, she practiced meditation and shared her experience. But she practiced more than just meditation. She used mushrooms. From her words, it helped her understand herself from the outside. Nastya said that 5 minutes after taking the Mushrooms, she cried, then laughed, then she saw herself as a little girl from the side and spoke. She described her vision as something incredible. Thoughts and feelings were also indescribable. We were talking about it and then she put on an unusual tune. We were at her house. We lay down on the floor and she told me to just listen to the melody, try not to think about anything and relax. I won’t say that I managed to completely relax, since her story seemed to me too strange. She was too insistent that I should try it too. I am quite apprehensive about such substances, so I refused.

And now, a year and a half later, I met Katharina, who is not the first year in Buddhism. I’ve always been interested in hearing about the things she has to say. Even our meeting is unusual in itself. As if someone told her that she needed to approach me. Otherwise, I do not understand how she could approach two drunken girls who were singing songs in a dark park without fear. We discussed this for a long time.

At some point, we decided to act. I really wanted to know and see what it was like. I was lucky with Katharina, she does a lot for me. And this time she also decided to help me. She contacted Suriyel. She described him as a very intelligent and experienced person in Buddhism. And he agreed to help. In fact, I am very grateful to Katarina, Suriyel and Uriel for how much they helped me and shared their experience.

My introduction to Buddhism took place in an unusual place at the end of the world. I have been to different places. But there is no such nature, energy and air anywhere. I don’t know how to describe it. I haven’t felt this good in a long time. I was looking forward to getting started.

Morning came and Suriyel began to equip the table with offerings. Uriel and Katharina were with us. I only watched and read the text, but the others started to chant the mantra. To say that it was unusual is to say nothing. My thoughts were clear, I didn’t think about my problems for the first time in a long time. I was very surprised.

But what radically convinced me is our evening mantra. We were three. Katarina, Suriyel and myself. This time I closed my eyes and tried to visualize. I felt above my body and it was so easy and unusual. As if I felt the energy that comes from me and from everyone around. I also felt someone behind me. At some point, it frightened me, because I had never experienced such a feeling before.

For some reason, when I tried to visualize, a picture popped up where I saw a small child, myself and a man whom I know. It looked like a real family. I immediately opened my eyes. I have never experienced this. We finished the mantra and I was in a state of shock. My dreams were just as unusual. It was an incredible experience, and it convinced and interested me so much that I would love to study it and delve into it. I still have a lot of thoughts about how this is even possible? But apparently this is exactly what I’ve been looking for.

Amulett

Maria und ich brechen auf, um mit Suryiel ein Tantra-Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen…

Bevor wie aufbrechen, drücke ich Maria das Amulett in die Hand. Es ist ein durchsichtiger kleiner Plastikzylinder, der eine tibetische Gebetsmühle symbolisiert. Darin steckt das winzige Bild von Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha der Bönpos. Samt einer Schriftrolle, auf der in Miniaturlettern ihr Mantra abgedruckt ist.

Vor einigen Jahren habe ich den Anhänger selbst geschenkt bekommen: von einer griechischen Dharma-Schwester, die ich bei den Ngöndro-Teachings der Bönpos kennenlernte. So unbedarft, wie ich meine Tantra-Praxis anging, bräuchte ich Schutz, hatte die griechische Freundin beschlossen. Sie entdeckte den kleinen Anhänger in einem Retreathaus in Österreich – Bönpo-Schnickschnack gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen – erstand ihn für mich, und ließ ihn, wie es sich gehört, gleich noch vom örtlichen Lama weihen. Auf dass er mich vor allen Gefahren – vor allem vor meiner eigenen Ignoranz bezüglich der Praxis – bewahren möge.

Ich freute mich über das Mitbringsel, als sie es mir bei unserem nächsten Aufeinandertreffen feierlich überreichte. Genauer: ich freute mich über die Geste – nicht über das Geschenk an sich: dieses billige bunte Ding sollte ich Tag und Nacht um den Hals tragen?

Ich trage nur echten Schmuck, Modeschmuck finde ich indiskutabel. Außerdem verströmte der Anhänger den Charme einer Hundemarke: ich war immer sehr darauf bedacht, niemanden in meiner Umgebung wissen zu lassen, dass ich so etwas exotisches und seltsames wie tibetischen Buddhismus praktizierte. Und dann sollte ich auf einmal mit diesem Ding um den Hals herumlaufen, das nicht nur aus Plastik, sondern auch offensichtlich buddhistisch war. Und sich – zumindest im Sommer – nur bedingt verbergen ließ!

Selbstverständlich konnte ich das Geschenk nicht zurückweisen, oder – wie gruselige Präsente der buckeligen Verwandtschaft – in irgendeiner dunklen Ecke verstauben lassen. Es handelte sich um einen magischen Artefakt, also hatte ich das Amulett auch zu tragen!

Zähneknirschend beschloss ich, die Angelegenheit als Übung in Demut und Akzeptanz zu betrachten. Was blieb mir auch anderes übrig? Meine griechische Freundin hängte mir das kleine Plastikding feierlich um den Hals, drückte ihr Entzücken darüber aus, dass ich jetzt sicher und geschützt vor allen Gefahren wäre und verließ mich wieder.

Und ich ging von nun an mit dem kleinen Plastikzylinder vor dem Herzen durchs Leben, wieder einmal innerlich über mich und meine Seltsamkeiten den Kopf schüttelnd. Es dauerte etwas, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich mich beschützt damit fühlte. Wer hätte das gedacht?

Ich trug den kleinen Anhänger Tag und Nacht und nahm ihn nur ab, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das Chlorwasser im Schwimmbad, z.B. wollte ich ihm nicht antun. Auch bei gehobenen gesellschaftlichen Anlässen wanderte er vom Dekolleté in die Handtasche – bei mir hatte ich ihn immer.

Deshalb hing er auch um meinen Hals, als ich vor meinem ersten Vajra-Armor-Retreat Zuflucht bei der Khandro nahm, die Übertragung für das Mantra erhielt und damit zu praktizieren begann. Wenn das Mantra täglich praktiziert wird, hatte uns die Khandro während des Retreats erklärt, wäre es der beste Schutz gegen alle physischen und metaphysischen Bedrohungen, die man sich wünschen könne. So fühlte es sich für mich auch an. Ein halbes Jahr, nachdem ich die Übertragung erhalten hatte, legte ich den kleinen Anhänger mit der blauen zornvollen Bönpo-Göttin ab. Ich brauchte ihn nicht mehr. Ich verstaute ihn im Schmuckkästchen und vergaß ihn.

Bis zum letzten Wochenende, als mir Suriyel die Einladung an Maria und mich für eine private Einführung in den Vajrayana-Buddhismus im Retreathaus am Ende der Welt überbrachte. Der Ort ist speziell, er hat eine ganz besondere Energie. Und Maria würde sich dorthin begeben, ohne durch eine Tantra-Praxis geschützt zu sein. Genau so – verstand ich mit einem Mal – hatte meine griechische Freundin gedacht, als sie mich bei dem Ngöndro-Teaching kennengelernte: die anderen Teilnehmer waren durch ihre jahrelange Praxis geschützt – ich hatte nichts! Praktisch veranlagt wie sie war, kaufte sie bei nächst bester Gelegenheit das Amulett für mich und lies es weihen, damit ich nicht völlig schutzlos war.

Bevor Maria und ich am Freitag aufbrechen, krame ich den kleinen Anhänger hervor. Er sieht mitgenommen aus. Das Plastik des Rörchens ist zerkratzt, die kleine blaue zornvolle Gottheit auf der Schriftrolle nur noch vage zu erkennen. Maria freut sich trotzdem – ob über die Geste, oder den Anhänger, behält sie für sich.

Sie hängt ihn sich um den Hals, während wir im Nieselregen vor der Araltankstelle an der Ausfallstraße auf Suriyel warten. Es ist komplett albern, denke ich mir. Ich bin trotzdem erleichtert, dass sie ihn hat.

Sie soll ihn niemandem präsentieren, schärfe ich ihr noch ein. Tantra-Magie wirkt nur, wenn sie geheim gehalten wird. Deshalb ziert auch kein Foto des Anhängers diesen Blogtext. Statt dessen muss ein Bild von Suriyels Devotionalien-Sammlung herhalten, mit der er den Rückspiegel seines Autos dekoriert hat. Ich habe das Bild während der Fahrt ins Retreathaus ans Ende der Welt aufgenommen. Wir kamen bei Einbruch der Dunkelheit an, von Uriel freudig in Empfang genommen. Suriyel und ich geschützt durch unsere Praxis – und Maria durch einen kleinen billigen Plastikanhänger „Made in Nepal“.

Hag me!

Den kleinen grauen Kiesel mit der seltsamen Aufschrift fand ich letztes Frühjahr während einer Wanderung im Flussbett der wilden Isar. Er lag direkt zu meinen Füßen in einem Meer aus Steinen aller Größen und Formen. Im Nachhinein war ich verblüfft darüber, dass ich ihn im Laufen wahrgenommen hatte. Ich bückte mich aus einem Reflex heraus und hielt ihn in der Hand, bevor ich verstand, was meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. „Hag me!“, las ich. Ein Rechtschreibfehler, dachte ich. Irgendjemand mit eigenwilligem Humor hatte „Hug me“ versehentlich mit „a“ statt mit „u“ geschrieben. Ich fand den Stein mit der schrägen Aufschrift witzig und steckte ihn ein.

Als ich ihn Abends wieder aus der Jackentasche holte, realisierte ich, dass man „Hag me“ auch anders übersetzen konnte: „Verhex mich!“

„There is no such thing as an accident“ – zumindest nicht in meinem Leben. Beziehungsweise in meinem Denken. Nach den Regeln des Hexeneinmaleins hat mir jemand eine Botschaft zukommen lassen, schlussfolgerte ich. Im Imperativ. Das hier war keine Bitte, kein Vorschlag – es war ein Befehl!

Wer jetzt über mich den Kopf schüttelt, hat mein vollstes Verständnis. Aber es ist einfach meine Art des Weltzugangs. Es liegt nicht in meiner Macht, etwas daran zu ändern. Und ich kann allen Skeptikern verraten, dass es funktioniert, obwohl es gegen alle Regeln der klassischen Logik verstößt.

So bezaubernd ich den kleinen Findling fand, so bizarr war der Auftrag. Wer, bitteschön, konnte sich ernsthaft wünschen, von mir „verhext“ zu werden?

In den letzten Monaten hat sich herausgestellt: der eine oder andere schätzt es durchaus. Ob auch der ominöse „Jemand“ dabei war, von dem die Botschaft stammt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Auf der Rückseite des Steines steht übrigens „Love!“. Ebenfalls im Imperativ….

Tod

In einer ruhigen Stunde während der drei Retreats im März, legte ich am großen Esstisch im Retreathaus am Ende der Welt die Karten. Uriel, der mir – an seinem Notebook arbeitend – gegenüber saß, hob den Kopf: „Und?“

„Der Tod!“ Irritiert ließ ich meinen Blick über die Legung wandern. „Etwas geht zu Ende.“

Ich hatte das Retreathaus am Ende der Welt ausgelegt. Mit der Fragestellung, was wohl daraus werden würde. Jetzt, wo hier die ersten Retreats stattfanden und das Gebäude langsam begann, ein eigenes magisches Leben zu entwickeln. Und dann lag da „der Tod“!

Die meisten, die beim Kartenlegen mit der „XIII“ im Zyklus der großen Arkana konfrontiert sind, erschrecken. Der Tod hat keinen guten Ruf in unserer Kultur. Er ist etwas schreckliches, das so konsequent als möglich ausgeblendet, so effektiv als möglich ferngehalten werden muss.

Dabei hat die Karte eine schöne Botschaft – man muss sich nur darauf einlassen. „Das, was sich in Deinem Leben überlebt hat, wird dich verlassen,“ wispert sie. „Etwas Neues ist dabei, zu Dir zu kommen.“

Es ist die ultimative Botschaft der Transformation! Und im Gegensatz zu ihrer „zornvollen Schwester“, der „XVI“ – dem „Turm“, vollzieht sich diese Neuwerdung auf natürliche, organische Weise. Während sich der Effekt des „Turms“ anfühlt, als wäre man beim Überqueren der Autobahn von einem 40-Tonner gerammt worden, läuft der transformative Prozess im Zeichen des „Todes“ auf friedvolle Weise ab.

Allerdings nur, wenn man bereit ist, die Regeln des Lebens und des Todes zu akzeptieren: „Was wirklich zu Dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht mehr zu Dir gehört, kannst Du nicht festhalten.“ Alles ist Werden und Vergehen. Wir sind dem natürliche Prinzip des Wandels unterworfen, ob es uns passt, oder nicht. Wer das nicht einsieht, leidet. Und wird am Ende trotzdem unter Schmerzen verlieren, was er nicht hergeben möchte – Veränderung lässt sich nicht aufhalten.

Oft ist das Entsetzen groß, wenn der Tod auf einmal ins Leben tritt, um sich zu holen, was ihm zusteht. Allzu lange hat man aus Bequemlichkeit, Angst, emotionaler Treue alle Zeichen ignoriert, die nagende innere Stimme überhört, die immer wieder flüsterte „merkst du nicht, dass es vorüber ist?“

Aber eines Tages klingelt es. Und wenn man in Erwartung des Paketboten die Türe öffnet, steht er da: der Tod.

Wenn der Tod auftaucht – in den Karten wie im richtigen Leben – gilt es loszulassen, was einmal existentiell war. Gehenzulassen, was dem Leben einmal Bedeutung gegeben hatte.

Und die Trauer zuzulassen. Es ist keine Schande, zu weinen. Ich trauere heute. Ich vermisse meinen Wolf so sehr! Und er wird nie wieder zu mir zurückkehren! Er ist unwiederbringlich gegangen – wohin auch immer.

Es war von Anfang an klar, dass er nur ein Gast in meinem Leben sein würde, der große scheue graue Wolf. Er ging so magisch und überraschend, wie er vor sechs Wochen in mein Leben getreten ist. Ich habe keine Ahnung, woher er kam. Ich werde nie erfahren, wohin er verschwunden ist. Niemand wird mir jemals erklären können, warum er ausgerechnet in meiner Existenz Form angenommen hat.

Er ist gegangen, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Wie immer das, was in mein Leben treten wird, auch aussehen mag. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.

Genauso wenig, wie wir wissen, was mit dem Retreathaus am Ende der Welt geschehen wird. Damit der Ort seine magische Bestimmung erfüllen kann, scheint auch dort sterben zu müssen, was sich überlebt hat, damit Platz für Neues ist.

Transformation – drei

Die Dinge sind in Bewegung geraten, wie gesagt. Am Wochenende war, nach tagelanger vager Unruhe, auf einmal der Eindruck entstanden, um mich würde sich eine neue Dimension öffnen. Es fühlte sich an, als würden sich die Grenze meiner Wahrnehmung ausdehnen. Eine ebenso überraschende wie bedrohliche Erfahrung, die ich mir nicht erklären konnte. Dazu die Einladung, gemeinsam mit Maria das kommende Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen.

Am nächsten Tag die Information, der Khenpo – ein hoher tibetischer buddistischer Lama – würde sich gerade dort aufhalten. Er wolle das Retreathaus, samt dem Außenbereich mit Weiher und Bachlauf, mit schamanischen Riten weihen. Auf einmal machte dieses seltsame Gefühl, etwas wäre gerade dabei, sich auf magische Weise zu verändern, Sinn.

Am Montag wird der Sog stärker, ich spüre die Energie der Transformation, während ich die Aufgaben des Tages erledige. Abends wandere ich mit dem Wolf durch die Stadt, wir brauchen beide Auslauf. Ich bin inzwischen so an meinen großen grauen Begleiter gewöhnt, dass seine dauernde Präsenz für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Gedankenverloren beobachte ich ihn dabei, wie er zu meiner Rechten, die Nase am Boden, neben mir her läuft. Ich stutze: Irgendwie sieht er auf einmal anders aus! Kann das sein? Ich nehme ihn genauer in den Blick: Keine Frage, sein Fell ist dunkler geworden, es ist jetzt fast schwarz, an einzelnen Stellen sind weiße Punkte zu erkennen. Außerdem kommt es mir vor, als würde er wachsen! Eigentlich reicht er mir bis an die Hüfte. Während wir dahinlaufen, scheint er sich auszudehnen, wird immer länger und höher, bis er mir bis zu den Schultern reicht und sicher doppelt so lang ist wie zuvor. Gleichzeitig verhält er sich seltsam. Von seinem ruhigen gelassenen Wesen ist nichts mehr geblieben. Erschrocken beobachte ich, wie er geifert. Aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel zwischen den riesigen spitzen Zähnen hervor! Die Zunge hängt lang aus dem Maul, während er – den Kopf gesenkt – wittert und dabei seinen Blick lauernd umher schweifen lässt. Ich bin entsetzt: aus meinem ruhigen treuen Wolf ist ohne ersichtlichen Grund ein riesiges wildes Tier geworden!

Im verwunschenen Untermietzimmer angekommen, lässt er sich auf seinem gewohnten Platz auf dem dicken weißen Schafwollteppich neben dem Schreibtisch nieder. Er nimmt fast die ganze Breite des Zimmers ein, so lang ist er geworden. Er ist unruhig, immer wieder steht er auf, dreht sich um die eigene Achse, lässt sich wieder auf den Boden sinken, nur um wieder aufzusehen, und – den Kopf wiegend – ein paar Schritte hin und her zu laufen. Dabei hechelt er, aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel auf meinen Teppich. Ob er Schmerzen hat? Irgendwas ist überhaupt nicht in Ordnung mit ihm!

Ich schreibe eine Textnachricht an Uriel und frage, was der tibetische Khenpo in Gottesnamen gerade bei ihm anstellen würde? Meinem Wolf ginge es nicht gut!

Irgendwie, denke ich, muss das Leiden meines Schattentiers etwas mit dem zu tun haben, was gerade im Retreathaus am Ende der Welt passiert. Von dort stammt er schließlich, der Wolf. Ursprünglich war er einer der Wächter des Mandalas von Vajrakilaya, bevor er beschloss, sich eines Nachts neben meinem Bett zu materialisieren. Und bei mir zu bleiben und mit mir nach Leipzig zu kommen, als das Retreat zu Ende war.

Uriel schreibt zurück, der Kenpho und sein Geshe – der gelehrte Assistent – würden gerade die Tormas – die Opfergaben – für das morgige Ritual vorbereiten. Wem sie denn opfern wollen, frage ich zurück. „Den Naturgeistern“, kommt als Antwort. „Bist du doch ein Naturgeist?“, frage ich den nervös vor sich hin hechelnden Wolf. Auf dem Boden ausgestreckt hat er den Kopf gehoben und starrt aus dem Fenster in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Er scheint mich nicht gehört zu haben.

Diese Nacht verbringe ich alleine in meinem Bett. Zum ersten Mal, seit ich im März aus dem Retreathaus am Ende der Welt zurück nach Leipzig gekommen bin. Anstatt wie üblich zu meinen Füßen zu schlafen, wandert der Wolf, nervös hechelnd, Stunde um Stunde unruhig im Zimmer auf und ab. Im Schlaf glaube ich die gewaltige Energie zu sehen, die in ihm arbeitet. Es ist, als würde er größer und dann wieder kleiner werden, seine Konturen sind mal klar erkennbar, dann wieder scheint er sich in winzige Partikel aufzulösen, bevor er wieder zu seiner Form zurück findet. Die ganze Zeit bleibt er stumm. Dabei müsste ich ihn eigentlich winseln hören, ich bin mir sicher, dass er Qualen leidet. Es liegt nicht in meiner Hand, ihm zu helfen. Das einzige, was ich für ihn tun kann ist, ihn nicht bei seiner Verwandlung zu stören. Und ihn nicht festzuhalten. Obwohl es mir schwer fällt. Er bedeutet mir viel, mein schöner großer grauer Wolf!

Ich erschrecke, als ich am nächsten Morgen aufwache: anstelle des Wolfs liegt eine riesige schwarze Hyäne mit weißen Tupfen auf meinem Teppich! Mich ignorierend, starrt sie unverwandt aus dem Fenster in die Morgendämmerung. Während ich neben ihr auf meinem Meditationskissen am Morgen-Zazen der Online-Sangha teilnehme, wird mir bewusst, dass sie kein Tier ist. Das was sich da neben mir befindet, kann eigentlich nur ein Geist sein, so verrückt das auch klingt.

Ich bin erleichtert, dass das Wesen keine Schmerzen mehr leidet. Ruhig liegt es den ganzen Tag, bis spät in den Abend hinein, auf dem Teppich und starrt – ohne mir auch nur die geringste Beachtung zu schenken – aus dem Fenster.

Vor dem Schlafengehen bekomme ich eine Nachricht von Uriel. Ich starre verblüfft auf die beiden Fotos, die er mir geschickt hat. Darauf ist eine brennende Feuerstelle zu sehen. Mit einem Feuer, wie ich noch keines in meinem Leben gesehen habe. Es wirkt, als wären die Flammen lebendig! Sie sind dick, klar konturiert und leuchten so gleißend auf dem Foto, dass es nur ein Trick sein kann. KI lässt grüßen. Allerdings sind Uriel solche Fähigkeiten nicht gegeben. Er kann nicht mal seine Selfies mit Photoshop aufhübschen! „Was ist das????“, schreibe ich zurück. „Sur Chöd“, kommt als Antwort. Ich habe schon so manches Feuer-Opfer gesehen, aber keines, das aussah wie dieses hier. Uriel auch nicht. Er wäre schon zwanzig Jahre dabei, aber so etwas wie das, was der Khenpo und sein Geshe heute an Ritual vollzogen hätten, wäre ihm noch nie untergekommen. Die Energie wäre unbeschreiblich gewesen. Ich starre auf die Fotos mit dem seltsam lebendigen Feuer für die Naturgeister – ob das auch für mein Schattentier gebrannt hat?

Ich gehe zu Bett und verbringe eine unruhige Nacht. Als ich am nächsten Morgen aufwache, kommt es mir vor, als hätte der Geist – oder was auch immer es sein mag – an Dichte eingebüßt. Tagsüber nehme ich das stille Wesen immer wieder in den Blick, während ich am Schreibtisch vor mich hin arbeite. Von Mal zu Mal wirken die Umrisse fließender, das Schwarz des Körpers blasser. Am Nachmittag ist es nur noch vage erkennbar, ich muss genau hinsehen, um die nebelhaften Konturen zu erkennen. Am Abend bin ich mit einem Mal allein in meinem Zimmer.

„Mein Wolf hat mich verlassen!“, schreibe ich Uriel. „Ich bin wieder allein, es ist bitter!“ Der antwortet umgehend: „Vielleicht hat er ja seine Form verloren und ist jetzt bereit für eine neue Wiedergeburt. Er muss nicht mehr im Bardo festhängen, das ist doch gut für ihn!“

Taliba

Ich benenne einen Dharma-Bruder nach dem Erzengel Suryiel – und begegne im Traum einer Frau mit seltsamem Namen…

Es ist Nacht. Das fahle Mondlicht lässt das Moos zu meinen Füßen silbern leuchten. Um mich steht der Wald wie eine schwarze Wand. Die Bäume sind alt und mächtig. Ich scheine mich in einer Art Urwald zu befinden. Irgendwo neben mir in der Dunkelheit ahne ich den Wolf. Während ich mich umsehe, wird mir bewusst, dass ich träume.

Auf einmal steht eine Frau vor mir. Sie ist ganz in weiß gekleidet, ihr dunkles glattes Haar fällt über ihren Rücken. „Mein Name ist Taliba.“ Sie mustert mich, während sie mit mir spricht, mit kritischem Blick. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“

Durch die hohen Fenster fällt das matte Licht der Straßenlaternen. Der Traum war von einer solchen Intensität gewesen, dass ich erst wieder in die Wachwelt zurück finden muss. Richtig, ich liege in meinem Bett! Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es drei Uhr morgens ist. Ich schalte die Leselampe an und greife nach meinem Traumtagebuch. „Taliba“, kritzle ich schlaftrunken hinein. „Ich bin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.“ Wenn ich das nicht aufschreibe, besteht die Gefahr, dass ich mich am Morgen nicht mehr daran erinnern kann. Was schade wäre. Träume, die von einer solchen Dichte und Intensität sind, haben für gewöhnlich eine tiefe Bedeutung.

Während ich nach dem Aufstehen und der Morgenmeditation mein Frühstück bereite, denke ich über den Traum nach. Und über „Taliba“. Es ist höchst seltsam! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich mir jemals zuvor eine Traumfigur mit ihrem Namen vorgestellt hätte.

Ein Name…

Meine Gedanken wandern zu einer Textnachricht, die ich am gestrigen Tag verfasst hatte. Es ging um einen Namen – genauer um ein Alias. Der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo hatte sich auf meine Bitte hin bereit erklärt, Maria in den Vajrayana-Buddhismus einzuführen. Sie hat es sich gewünscht – und er kennt sich damit aus. Ich hatte mich über seine Zusage nicht nur für Maria gefreut, sondern auch für mich. Ich meiner Zen-Linie gibt es keinen Dharma, keine Riten und keine spirituelle Tradition. Mit dem Ergebnis, dass alles, was jenseit von Meditationspraxis stattfindet, für mich ein großes Rätsel ist. Maria braucht eine Einführung – ich brauche Nachhilfe!

Dem Dharma-Bruder wird als Lehrer im Blog eine wichtige Rolle zukommen. Also – hatte ich beschlossen – braucht er einen Namen. Uriel, mit dem ich das Problem besprach, ist nach einem Erzengel benannt. Der Einfachheit halber sollte wieder einer aus der himmlischen Heerschar für ein Alias herhalten. Uriel und ich gingen die Kandidaten durch – und waren uns beide einig, dass „Suriyel“ der perfekte Namensgeber für den Dharma-Bruder ist: der Engel, der darüber wacht, dass alle Geschöpfe des Himmels die göttlichen Gebote einhalten.

Ich schickte dem Dharma-Bruder eine Nachricht, in der ich ihm seinen neuen Namen mitteilte und meiner Hoffnung Ausdruck verlieh, er könne die Sache mit Humor nehmen. Worauf ich in der darauffolgenden Nacht von einer Frau namens „Taliba“ träume, die gekommen war, um nach dem Rechten zu sehen. Während ich meinen Morgenkaffee trinke, google ich den Namen. Er wäre arabisch, lese ich. Und bedeute „Schülerin“.

Mein Unbewusstes scheint der Überzeugung zu sein, dass ich Nachhilfe in Vajrayana bitter nötig habe…

Transformation – eins

Am Freitag die erste Ahnung eines Sogs. In der Frühlingssonne vor einem Café in der Altstadt sitzend, glaube ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Flirren wahrzunehmen. Es kommt mir vor, als würde sich der Raum um mich auf unerklärliche Weise weiten. Auf dem Weg nach Hause das Gefühl, unter Strom zu stehen. Wirre, nur vage fassbare Bilder ziehen an meinen Augen vorbei. Der Wolf läuft unbeeindruckt von Straßenlärm und Menschenmassen neben mir her. Was immer gerade geschieht, es scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

Die konfuse Ahnung wird am Samstag zur Gewissheit: Die Dinge sind wieder in Bewegung geraten. Zuerst eine Textnachricht: Maria und ich würden nächstes Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt erwartet, schreibt mir Suriyel, der Dharma-Bruder mit dem Didgeridoo. Er würde uns in Leipzig abholen und dorthin mitnehmen. Wir könnten gemeinsam praktizieren und die Renovierungsarbeiten am Seminarraum im historischen Pferdestall abschließen. Ich frage Maria, ob sie Lust auf Buddhismus und Wände streichen hat? Sie sagt ja.

Am Sonntag eine Nachricht von Uriel: der Khenpo wäre zusammen mit seinem Assistenten im Retreathaus am Ende der Welt eingetroffen. Ich bin überrascht über den Besuch, Uriel hat mir vorher nichts verraten. Vor sieben Jahren haben Uriel und ich uns bei bei den Ngöndro-Teachings dieses Khenpo – der Ehrentitel des Abts eines buddhistischen Klosters – kennengelernt. Uriel darf sich mit hochgestellten Gästen schmücken: der Khenpo ist nicht irgendwer, sondern das Oberhaupt eines Klosters in Kathmandu und einer der Linienhalter der Bönpos – einer der beiden alten schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus – und ein Mann von großer Kenntnis und Macht. Was man ihm nicht ansieht: in westlicher Kleidung würde der kleine schmale Mann mit seinem eleganten Englisch und seinem freundlich zurückhaltenden Auftreten als Manager oder Wissenschaftler durchgehen. Aber nein, er ist Schamane. Und was für einer!

Zwei Tage lang wird das Oberhaupt der Bönpos uralte Rituale durchführen, um die Naturgeister auf den Gründen des Retreathauses zu befrieden, negative Energie fernzuhalten und alle Dimensionen und Sphären wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Etwas besseres kann einem Ort, an dem Tantra praktiziert und meditiert wird, nicht geschehen.

Wie gesagt: die Dinge sind in Bewegung geraten…

Muschel

Die prächtige weiße Conch dient im tibetischen Buddhismus seit vielen hundert Jahren als Ritualinstrument…

Das Foto oben zeigt nicht irgendeine anonyme Muschel, sondern eine ganz spezielle. Uriel hat mir das Bild geschickt: Es handelt sich um seine persönliche „Conch“. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Woher er die riesige weiße Muschel hat, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, wo sie sich gerade befindet: In der Küche des Retreathauses am Ende der Welt wartet sie auf das nächste Retreat – und auf Einen, der willens und fähig ist, auf ihr zu trompeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Der wird zum „Geko“ erklärt, zum „Aufseher“.

Vor jeder Mahlzeit, vor Teachings und gemeinsamen Übungszeiten stellt er sich ins Treppenhaus und ruft mit lautem Tröten die Truppe zusammen. Um die Würde und Bedeutung des Amtes zu unterstreichen, bekommt der Geko bei seiner Ernennung einen prächtigen roten Hut überreicht.

Während meines ersten, von Uriel organisierten, Retreats durfte die Conch nicht fehlen. Ich war schwer beeindruckt von den archaischen Lauten, die man ihr entlocken kann – und von dem roten Hut.

Zu Beginn des nächsten Retreats fragte die Khandro wieder in die Runde, wer denn der Geko sein wolle? Ich meldete mich mit Enthusiasmus – und war irritiert ob der sichtbaren Erleichterung meiner Dharma-Schwestern und -Brüder.

Der Job schien nicht so begehrt zu sein, wie ich gedacht hatte.

Ich bekam den roten Hut und die große weiße Muschel in die Hand gedrückt mit der Info, vor dem Abendessen würde mein erster Einsatz erwartet.

Und danach wäre es meine Aufgabe, während der zeremoniellen Errichtung der Boundaries rund um das Retreathaus, auf der Conch zu trompeten. Und zwar so laut, dass die Khandro auf der Terrasse den Klang der Muschel hören könne.

Ich hätte ja noch zwei Stunden Zeit zu üben, meinte Uriel mit Blick auf die Uhr, bis dahin würde ich es schon hinkriegen.

Ich klemmte mir den roten Hut unter den Arm, nahm vorsichtig die schwere Muschel in beide Hände, trug sie die Treppen hoch in mein Zimmer, machte es mir auf dem Bett bequem und blies hinein.

Nichts.

Kein Laut!

Es käme auf den richtigen Winkel an, hatte mir Uriel noch mitgegeben. Ich solle mir vorstellen, ich spiele auf einer Trompete.

Dummerweise hatte ich noch nie auf einer Trompete gespielt. Keine Ahnung, wie das funktionieren sollte.

Ich drückte meine Lippen in allen möglichen Variationen an die schmale Öffnung der Muschel, während ich sie gleichzeitig in den verschiedensten Winkeln hielt – irgendwie musste es doch klappen!

Dazu immer wieder der Blick auf die Uhr: schon war eine Dreiviertelstunde vergangen, ohne dass ich der Conch auch nur einen Hauch von Laut entlockt hatte.

Und ich übte komplett ineffektiv! Nachdem ich jeweils ein paar Minuten verzweifelt Luft durch die Muschel gepresst hatte, musste ich jedesmal pausieren, weil mir so schwindelig war, dass sich alles um mich zu drehte.

Mir dämmerte, warum alle so erleichtert gewesen waren, als ich mich gemeldet hatte.

Nach einer Stunde ein Zufallstreffer. Die Conch hatte einen zarten Quick-Laut von sich gegeben.

Ich war euphorisch.

Dummerweise ließ sich der Erfolgserlebnis nicht willentlich wiederholen. Ab und zu produzierte ich einen hörbaren Klang, meist hallte nur mein herausgepresster Atem aus dem Inneren der Muschel wider. Die Zeit rannte mir davon. Das durfte doch nicht wahr sein!

Es klopfte an meiner Tür.

Es war der Dharma-Bruder, der in seinem Zimmer auf der anderen Seite des Flurs meine hilflosen Versuche vernommen hatte.

Ich müsse es anders angehen, meinte er, auf dem zweiten Bett im Raum Platz nehmend. Er blies zu Vorführ-Zwecken hinein. Das Dröhnen der Muschel ließ mich zusammenzucken.

Ich müsse durch die zusammengepressten Lippen hindurch in einem schiefen Winkel in die Öffnung der Muschel blasen, erklärte er mir.

Ob er es gleich gekonnt hätte, fragte ich ihn.

Er spiele Didgeridoo, für ihn wäre es kein Problem gewesen.

Das wurde ja immer schöner! Erst Trompete, jetzt auch noch Didgeridoo! Ich hatte gerade mal in der Grundschule Blockflöte gelernt! Das war das einzige Blasinstrument, das ich vorweisen konnte.

Wie sich herausstellte, war das zu wenig.

Als ich nach zwei Stunden meinen Posten im Treppenhaus einnahm, um die Truppe zum Abendessen zu rufen, bekam ich zwar einen kräftigen Laut heraus – und wurde entsprechend gelobt dafür.

Aber als ich zwei Stunden später – den roten Hut auf dem Kopf – ein weiteres Mal antrat, um alle zum zeremoniellen Schließen der Boundaries zusammenzutrompeten, versagte ich.

Auf der ganzen Linie!

Ich bekam keinen Ton heraus.

Nichts! Nothing! Niente!

Ich wäre am liebesten vor Scham und Verzweiflung im Boden versunken.

Einer der Umstehenden konnte das peinliche Schauspiel, dass ich bot, nicht länger ertragen, nahm mir resolut die Conch ab und blies hinein.

Sein Trompeten ließ das Treppenhaus beben.

Und erfüllte seinen Zweck.

Aus allen Ecken und Enden schossen die anderen Retreatteilnehmer herbei.

Zutiefst beschämt nahm ich den roten Hut ab und drückte ihn meinem fähigen Nachfolger auf den Kopf. Das war es mit dem Geko-Job, ich war auf der ganzen Linie gescheitert.

Beim zeremoniellen Schließen der Bounderies bekam ich dann doch noch eine Aufgabe zugeteilt: ich musste die Rotweinflasche tragen und an jedem Eckpfosten Wein in das Gefäß füllen, mit dem die kleinen Haferflocken-Männchen begossen wurden, die die örtlichen Naturgeister symbolisierten, denen geopfert wurde.

Während der Geko mit Hut und Muschel voranlief und an jeder Ecke stolz trompetete, trabte ich hinterher – ich war zur Assistentin des Assistenten des Assistenten der Khandro degradiert worden!

Es kam noch schlimmer: als wir wieder im Haus waren, nahm mich mein Nachfolger-Geko zur Seite. Wir waren jetzt im Schweigen, es durfte kein Wort mehr gesprochen werden. Deshalb schrieb er auf einem Notizblatt nieder, was er mir zu sagen hatte. Nachdem er meinen Job übernommen habe, müsse ich den seinen machen.

Ich sah ihn verwirrt an: was sollte ich tun?

Ganz einfach, kritzelte er: Ich hätte an seiner Statt täglich das komplette Retreathaus zu kehren. Das Treppenhaus, alle Flure, Küche und Speisesaal.

Vom Geko zur Putzfrau – was für ein Abstieg!

Und das alles nur, weil ich zu doof gewesen war, auf der Conch zu trompeten…

Horn

Da steht einer im Gebüsch. Er bläst auf einem Waldhorn. Ein Herr mit Hund, der mir auf dem schmalen Pfad entgegenkommt, blickt sich suchend um. Auch er versucht herauszufinden, woher die Musik kommt. Die warmen Töne begleiten mich noch ein Stück meines Weges in den Auwald hinein.

Es ist ein bisschen schräg, denke ich mir im Weiterlaufen, dass der Musiker – vielleicht ein Student der örtlichen Musikhochschule, der keinen der raren Übungsräume abbekommen hat? – mit seinem Waldhorn ins Gebüsch geflüchtet ist. „Back to the roots“, sozusagen.

Während ich dahintrabe, fallen mir meine eigenen Erfahrungen mit Blasinstrumenten ein. Seit ich nicht mehr nur meditiere, sondern mich auch auf buddhistische Riten eingelassen habe, begegnen sie mir in regelmäßigen Abständen.

Das erste Mal war es ein Kuhhorn. Die Teilnehmerin eines Treffens der Zen-Peacemaker bot spontan an, mit uns die Liturgie „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Die Begeisterung über ihren Vorschlag fiel gedämpft aus. Die meisten stimmten erkennbar zu, weil es unhöflich gewesen wäre, „nein“ zu sagen.

In meiner Zen-Linie gibt es keine Riten. Alles ist komplett nüchtern, ohne jeden spirituellen Bezug. Viele – meist vom Katholizismus der Kindheit Geschädigte – schätzen das sehr. Deshalb hatte ich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre Zen praktizierte, noch nie an einem Chöd – einem buddhistischen Opferritual – teilgenommen.

Die Liturgie „Tor des süßen Nektar“ geht auf den – inzwischen verstorbenen – Gründer der Zen-Peacemaker, Bernie Glassman, zurück. Er hatte einer klassischen japanischen Zen-Linie angehört, in der die Riten des Mahayana-Buddhismus praktiziert wurden. Für die von ihm gegründete amerikanische Linie kreierte er ein modernes Chöd zur „Fütterung der hungrigen Geister“.

Die Teilnehmerin ließ sich von der Reserviertheit der Gruppe nicht beeindrucken. Zum Abschluss des offiziellen Programms kamen wir also am letzten Abend noch einmal zusammen, um das „Tor des süßen Nektars“ zu zelebrieren. Der Eine oder Andere mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er Zahnweh.

Bevor es losging, wurden Reis, Obst und Gemüse in kleinen Schälchen drapiert. Weil es ein japanisches Ritual war, sollte den Geistern grüner Tee serviert werden. Die Gongs und Klanghölzer zu organisieren war kein Problem, die gibt es am Hof im Überfluss. Aber, meinte die Frau, es fehle noch etwas, um die Geister zu rufen. Ein Horn! Es gab ein kurzes Hin und Her, dann stellte sich heraus, dass einer der Teilnehmer, der am Hof lebte, doch tatsächlich ein Kuhhorn besaß! Er ging es holen und – siehe da – er konnte ihm sogar Töne entlocken. Das sollte er vor dem Speiseopfer so geräuschvoll als möglich tun, wurde ihm von unserer Pop-up-Priesterin beschieden, damit auch kein hungriger Geist die Einladung überhören könne.

Als alle mit Gongs, Klangschalen und Schlaghölzern sowie Textkopien ausgestattet waren und wir uns im Kreis aufgestellt hatten, hob ich die Hand. Ob ich jemanden zum Ritual einladen dürfe, frage ich. Die Priesterin reagierte verwundert. Die hungrigen Geister sollten ja zum Speiseopfer eingeladen werden, meine Bitte war gegen die Regeln. Ich erklärte in die Runde hinein, dass es jemanden in meiner Familie gäbe, der verstorben wäre und der mir aus dem Jenseits das Leben schwer machen würde. Er wäre auch ein „hungriger Geist“. Einer, der die Fütterung besonders nötig hätte. Deshalb würde ich ihn gerne persönlich und gleich zu Beginn einladen. Zen ist Akzeptanz – man nimmt, was kommt. In diesem Fall, dachte sich die Priesterin wohl, den überspannten Wunsch einer neurotischen Teilnehmerin. Sie nickte ergeben.

Ich stellte die Kerze, die ich vorher organisiert hatte, neben die der Priesterin auf den improvisierten Altar, zündete sie an und lud dabei – die Einladung laut aussprechend – den Geist des Verwandten ein.

Wenn mich meine innere Stimme leitet, gehe ich über jede Schamgrenze hinweg.

Als ich – mit hochrotem Kopf ob der Peinlichkeit der Situation – wieder meinen Platz im Kreis eingenommen hatte, stimmte die Priesterin mit klarer Stimme das Eingangslied an. (Es ist sehr schön. Wer es sich anhören möchte: man findet es auf Youtube unter „Krishna Das Music“ – Bernie´s Chalisa – Gates of Sweet Nectar)

Danach wurden Unmengen von Räucherstäbchen angezündet. Dazu wurde gegongt und mit den Klanghölzern geschlagen, was das Zeug hielt. Der Boddhi-Geist musste erweckt werden. Als alles für die Mahlzeit bereitet war, sollten wir Krach machen, so laut wir konnten. Der Schall des Kuhhorns ließ die Fensterscheiben zittern und übertönte spielend den Lärm der anderen Instrumente. Eine solche Geräuschkulisse hatte es auf dem Hof – auf dem Schweigen und Stille Gebot sind – selten gegeben. Aber nicht nur der Lärm, auch die Energie, die die Gruppe mit einem Mal verströmte, war geradezu verstörend.

Als wir fertig waren ging ich zu Bett. Verwirrt und aufgelöst, aber auch sehr zufrieden. Ich hatte keine Ahnung, wie es möglich war, aber ich wusste, dass das Ritual seinen Zweck erfüllt hatte. Und richtig, während der Nacht bekam ich Besuch: vom Geist des verstorbenen Verwandten. Wir hatten eine lange und heftige Auseinandersetzung, die mit einer tiefen Erkenntnis meinerseits einher ging. Seit dieser Nacht hat er mich nicht mehr heimgesucht. Wir sind in Frieden auseinander gegangen.

Ach ja: vor der Abreise am nächsten Morgen sprach mich eine andere Teilnehmerin an. Sie wolle sich bei mir bedanken, flüstere sie mir ins Ohr. Als ich vor den Augen aller meine Kerze anzündete und meinen verstorbenen Verwandten einlud, hätte sie sich im Stillen mit einer weiteren Einladung angeschlossen. Die Seele, die sie eingeladen hatte, wäre wirklich gekommen, habe sich heute Nacht herausgestellt, und etwas konnte geklärt werden. Wenn ich nicht so unerschrocken meine Einladung ausgesprochen hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, für sich das Selbe zu tun. Und, fuhr sie fort, sie hätte noch von einem anderen Teilnehmer gehört, der es genauso gemacht und ebenfalls erfolgreich gewesen wäre.

Ich weiß, es klingt schräg! Ehre, schwöre – ich habe es mir nicht ausgedacht!

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