
Ich lasse die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten, während ich – wie immer vor dem Einschlafen – mein Mantra rezitiere. Das Licht der Straßenlaternen fällt durch die hohen Sprossenfenster. Aus dem Flur klingt gedämpft der abendliche Unfriede meiner verwunschenen Mitbewohner.
Die gelben Augen des Wolfs leuchten im Dämmerlicht vom Fußende des Bettes. Er hat sich lang ausgestreckt und lauscht meinem monotonen Murmeln, es ist sein Nachtgebet. Als ich alle 108 Perlen durch habe, drapiere ich die Mala auf dem Nachtkästchen, stelle den Wecker für die Morgenmeditation mit der Online-Sangha auf sechs Uhr und mache es mir im breiten Himmelbett bequem. Das Gewicht des Wolfs auf meinen Füßen spürend, visualisiere ich die wild in ihrem Feuerkranz tanzende und blaue Lichtstrahlen aussendende Krodhi Kali in meinem Unterleib und versuche das Bild – und die Energie die es begleitet – während des Einschlafens zu halten.
Es ist ein probates Mittel, unbewusste Prozesse und energetische Transformationen zu stabilisieren, habe ich gelernt. „Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf.“ Allerdings um den Preis wilder Träume und unruhiger Nächte. Als am nächsten Morgen der Wecker läutet, fühle ich mich völlig konfus. Habe ich geträumt, dass der Wolf irgendwann Nachts auf einmal dicht an mich geschmiegt an meiner Seite lag und mir seine feuchte Nase ans Ohr drückte? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn im Halbschlaf umarmte mit dem Gefühl, er wäre traurig und einsam.
Als der Wolf während der Morgenmeditation vor sich hin dösend neben mir auf dem dicken Schafwollteppich liegt, habe ich Sorge, er könne mich verlassen. Ich kann ihn, obwohl ich offen und präsent bin, nur noch schemenhaft erahnen, er scheint zu fließen. Ich spüre seine nur noch vage Präsenz – und gleichzeitig meine Hilflosigkeit. Er nährt sich nicht von meiner Energie, es liegt nicht in meiner Hand, für ihn zu sorgen. So unerwartet er in meinem Leben getreten ist, kann er auch jederzeit wieder verschwinden.
Ich konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, lausche dem Gesang der Vögel, der gedämpft durch das geschlossene Fenster an mein Ohr dringt und nehme wahr, wie das Licht im Raum von Minute zu Minute heller wird. Die Sonne geht auf.
Und gleichzeitig spüre ich in dieser friedlichen Stille im Außen die schmerzhafte Energie des Wolfs – und in meinem Inneren die wahnsinnige Angst davor, verlassen zu werden. Sie steigt aus meinem Unterleib auf, krallt sich an mein Herz und drückt mir den Atem ab. Ich versuche, mir beides einfach nur anzusehen – ohne es zu werten, es weg haben zu wollen, mir eine Geschichte darüber zu erzählen – und es auszuhalten. So wie ich es gelernt habe. Es ist die Essenz meiner Praxis: genau jetzt bin ich ganz bei mir. Krodhi Kali hat mich in ihren Fängen, hält mir den Spiegel vor: ich beobachte meinen verzweifelten Geist, wie er Rettungs- und Untergangsphantasien mit der Geschwindigkeit eines Quantencomputers entwickelt, verwirft, innerlich zusammenbricht, nur um erneut Kontroll- und Machtstrategien zu produzieren.
Ich spüre, höre, sehe, beobachte – die Stille um mich, die Angst und Verzweiflung in mir, den Wolf neben mir, meinen hysterischen Geist – alles gleichzeitig. Der Gong ertönt, die fünfundvierzig Minuten morgendliche Sitzzeit sind vorüber. Ich falte die Hände vor der Brust und rezitiere mit den anderen aus der Online-Sangha das Herz-Sutra. Danach hält die Zen-Lehrerin ein kurzes Tesho: „Shosho fragte den Meister: ‚Was ist Buddha?‘ Der Meister antwortete: Die weißen Rettiche sind dieses Jahr besonders prächtig geraten.“
Mein „weißer Rettich“ ist ein großer grauer Wolf. Während ich in der Camping-Küche das Espresso-Kännchen auf den Herd stelle, sitzt er neben mir und beobachtet konzentriert jede meiner Bewegungen. Er hat sich wohl entschlossen, erst einmal zu bleiben.
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