
Ich wanke die Treppen hoch und falle ins Bett. Es ist gerade mal elf Uhr Vormittags, aber ich bin so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Augen offen halten kann – geschweige denn einen Pferdestall streichen.
Unser erstes, von Suriyel angeleitetes, Riwo Sangchö auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt an diesem Samstag hat mich völlig ausgeknockt. Dabei ist das Rauchopfer eigentlich nur ein netter – und dem Karma dienlicher – Tageseinstieg und keine Praxis, die den Ruf hat, mentale Ausnahmezustände auszulösen.
Es war einzig und alleine darum gegangen, Maria während ihres Buddhismus-Einführungswochenendes mit den Basics im Vajrayana vertraut zu machen. Riwo Sangchö gehört dazu, und ist außerdem ein schönes Ritual – Punkt. Und dann so etwas!
Damit, dass ich auf einmal mit den leibhaftigen „Gästen“ unseres imaginierten Festmahls konfrontiert sein könnte, hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte nicht einmal ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie wirklich existieren! Und dann „sehe“ ich plötzlich, vor Uriels Terrasse aufgereiht, nicht nur hunderte bizarrer halbtransparenter Gestalten, sondern glaube mit einem Mal auch noch zu verstehen, woher mein Wolf kam. Eine karmische Verstrickung mit einem formlosen Wesen, dass im Bardo festhing – mein Zen-Lehrer würde mir eine Ohrfeige verpassen, wenn er wüsste, was ich hier gerade treibe und welche Geschichten mein Hirn produziert.
Ich hasse es, wenn ich so gaga bin!
Das einzige, was gegen diese Zustände hilft, ist Schlaf. In den ich gnädigerweise sofort falle, sobald ich, im warmen Bett ausgestreckt, meine Augen schließe. Während unten an der Hauswand der Bach vorbeirauscht, die Vögel in den Bäumen am Ufer des Weihers singen, und irgendwo in der Ferne ein Rasenmäher dröhnt, lasse ich das Retreathaus am Ende der Welt hinter mir.
Um mich ist dichter Nebel, das Licht ist fahl. Ich stehe auf einem Feldweg. Links und rechts ragen hohe Bäume auf, ihre Äste sind fast kahl, nur noch ein paar letzte Blätter hängen in den Kronen. Der Geruch von Feuchtigkeit und Tod steigt mir in die Nase. Es muss später November sein. Lang kann es nicht mehr dauern, bis der erste Schnee fällt.
Ich laufe den Weg entlang, unter meinen Füßen raschelt Laub. Wo ich mich befinde, kann ich nicht sagen, der Nebel umgibt mich wie eine Wand, weiter als ein paar Meter reicht mein Blick nicht. Auf einmal kommt Wind auf. Eisig zerrt er an meiner dünnen Kleidung, treibt mir die Haare ins Gesicht und lässt die Nebelschwaden um mich tanzen. In den Bäumen über mir rauscht es, ein kräftiger Windstoß reißt die wenigen verbliebenen Blätter von den Ästen. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus den Augen und beobachte, wie das Laub, im Wind tanzend, um mich herum zu Boden segelt.
Ich zucke zusammen. Es sind keine Blätter, die mir vor die Füße fallen, sondern alte vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos! Auf allen sind Menschen abgebildet. Ihren Frisuren und ihrer Kleidung nach zu schließen, aus den zwanziger, dreißiger Jahren, manche könnten auch aus den Vierzigern oder Fünfzigern sein. Ein wildes Potpourri vergangener Leben hat sich um mich ausgebreitet: ernste Gesichter auf Portraitaufnahmen, Hochzeitsphotos neben Bildern von Taufen, Geburstagen, Babys in Wiegen, steife Familienszenen…
Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe nach oben: die Äste der Bäume über mir sind jetzt kahl. Bis auf ein Bild, das sich gerade in diesem Augenblick löst und mir direkt zwischen die Beine segelt: darauf, in vergilbtem schwarz-weiß, sind – um einen Tisch sitzend – zwei Paare abgebildet, sie lachen in die Kamera. Ich glaube sie zu kennen, obwohl ich ihre Gesichter noch nie zuvor gesehen habe.
Warmes Sonnenlicht fällt auf mein Kissen. Vor dem Fenster singen Vögel, monotones Wasserrauschen wird vom Dröhnen eines Rasenmähers übertönt. Verwirrt versuche ich mich zu orientieren. Richtig: ich liege in meinem Bett in einem der Zimmer des Retreathauses am Ende der Welt. Damit ist immerhin mein Aufenthaltsort lokalisiert. Als nächstes versuche ich herauszufinden, in welcher Zeitrechnung ich mich befinde. Es ist auf alle Fälle nicht Herbst, daran lassen Licht und Vogelgesang keinen Zweifel. Ich starre konfus auf meine Uhr: es ist kurz nach zwölf, sehe ich und heute ist der 29. April 2023. Auch das ist eine wertvolle Information.
Ich beschließe, aufzustehen. Als ich in meine Jeans steigen will, fällt mein Blick auf einen Stapel ausgemusterter Kleider, die ich auf dem Stuhl bereitgelegt habe. Richtig! Ich soll den Pferdestall streichen! Etwas besseres als harte körperliche Arbeit, denke ich mir, während ich in meine ausgeleierte Jogginghose schlüpfe, kann mir heute nicht passieren. Mich ordentlich anzustrengen, wird mich auf andere Gedanken bringen.
Als ich die Treppen hinunterlaufe und im Flur meine Schuhe schnüre, habe ich den seltsamen Traum irgendwo tief in meinem Hinterkopf vergraben. „Es ist genug jetzt!“, ermahne ich mich, „Tu, was zu tun ist und vergiss dieses ganze konfuse Zeug!“
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