Suriyel und Gabriel machen sich auf die Suche nach Luzifers Energie-Apparat und stoßen auf einen geheimnisvollen Tunnel…

Gabriel schreckte hoch. Inzwischen musste es Abend sein. Der Bürostuhl, auf dem sie die letzten Stunden im Halbschlaf verbracht hatte, war unerträglich unbequem. In ihrem Rücken stach es. Ihr war kalt. Sie war totmüde.

Ein paar Meter von ihr entfernt saß Suriyel am Schreibtisch und tippte immer noch auf dem Laptop herum, den er in einem der Büros gefunden hatte.

Seitdem Luzifer und sein Assistent am Morgen gegangen waren, hatte niemand mehr die Seelenfliegen-Abteilung betreten.

Was doppelt positiv war: Sie waren ungestört geblieben. Und es war offensichtlich keine weitere Seelen-Fliege eines Schutzengels in der Hölle angekommen.

Wenn Luzifer recht behielt, würde sich das morgen ändern.

Gabriel schauderte bei dem Gedanken daran, dass hundert Schutzengel gestorben und ihre verfluchten Seelen gerade – in Fliegen verwandelt – auf dem Weg in die Hölle waren.

„Ich hab´s! Hier müsste Luzifers Apparat sein!“ Suriyel starrte auf den Laptop.

Gabriel stemmte sich aus dem Drehstuhl hoch, trat hinter Suriyel und warf einen Blick über seine Schulter. Auf dem Bildschirm war der Lageplan eines Gebäudes abgebildet. „Wie bist du da reingekommen?“

„Da können die hier noch so ausgefeilte Sicherheitssysteme haben: Wenn das Passwort ‚1234567‘ ist, hat der Administrator ein Problem.“

„Und was soll das sein?“

„Der Grundriss von Luzifers Höllenareal. Hat sich der Abteilungsleiter wohl hochgeladen, um die Büros zu planen. Suriyel deutete auf einen Punkt in der Mitte des Bildschirms. „Das hier könnte der Raum sein, den wir suchen.“

„Wie kommst du jetzt da drauf?“ Gabriel sah nur Striche, Punkte und unverständliche Kürzel.

„Das ist die Etage unter der hier. Sämtliche elektrischen Leitungen führen genau da hin!“ Suriyel drückte wieder den Finger gegen den Bildschirm.

„Da kommen wir genausowenig rein, wie in das Fliegen-Zimmer.“

„Jetzt finden wir das erstmal, und dann werden wir ja sehen.“ Suryiel stand auf, klappte den Laptop zusammen und steckte ihn in seine Umhängetasche. „Die Tür zur Treppe ist gegenüber vom Aufzug.“

Die Wände des Vorraums waren schwarz. Die Aufzugtür wurde von einer Notbeleuchtung erhellt, ansosten war alles dunkel.

„Wenn wir Glück haben, kommt heute keiner mehr. Um die Zeit fangen sie an zu saufen.“

Gabriel betrachtete stirnrunzelnd Suriyels Rücken. Der kniete vor ihr auf dem Boden und tastete eine Ecke der – dem Aufzug gegenüber liegenden – Wand ab. Woher ihr Erzengel-Kollege diese Detailkenntnisse über das Leben in der Hölle hatte, war ihr ein Rätsel.

„Leuchte mir mal!“ Er kramte in seinem Beutel herum und hielt ihr eine Taschenlampe hin.

Gehorsam lenkte sie den Lichtkegel auf seine Hände. „Da ist was!“ Suriyel drückte gegen die Fußboden-Leiste. Ein metallenes Klicken ertönte. Vor ihnen schwang eine schmale Tür auf.

Während Suriyel aufstand, leuchtete Gabriel in die Öffnung hinein. Eine steile Treppe führte in die Dunkelheit. „Dafür, dass sie sonst so high tech sind, ist das aber pöpelig gemacht.“

Suriyel holte eine Stirnlampe aus seinem Beutel und zog sie sich über den Kopf. „Sieht nach einem Schwarzbau aus. In der Zentrale weis sicher keiner was davon.“

Gabriel folgte ihm durch die Öffnung und zog die Tür hinter sich zu. Abermals ertönte das metallene Klicken. Sie versuchte vergebens, die Tür aufzudrücken. „Ich hoffe, wir kommen hinterher wieder raus!“

„Damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.“ Suriyel drehte sich um und lief die Treppe hinunter. Das Licht seiner Stirnlampe tanzte über schwarze Felswände. Die Luft war eiskalt und roch abgestanden. Offensichtlich befanden sie sich in einem ehemaligen Minenschacht.

Hier sah es exakt so aus, wie sich Gabriel die Hölle vorgestellt hatte.

Am Fuße der Treppe folgte Suriyel dem Tunnel, ohne sich auch nur einmal nach ihr umzusehen. Ihn stumm verfluchend, lief sie hinter ihm her.

Nach etwa hundert Metern blieb er abrupt stehen. Der Haupttunnel, auf dem sie gekommen waren, führte in einer Biegung nach rechts. In der Wand vor ihnen befand sich ein hüfthohes Loch. Gabriel bückte sich und leuchtete hinein. Das Licht fiel in einen engen Gang, dessen Boden mit Geröll bedeckt war. Er schien steil in die Tiefe zu führen.

Aus der Ferne klang das vertraute metallene Klicken. Irgendjemand hatte die Tür zur Treppe geöffnet. Gabriel spürte, wie ihr der Angstschweiß über den Rücken lief. Das hier war ein Alptraum!

Suriyel packte ihre Hand, ging in die Knie und kroch – Gabriel hinter sich herziehend – durch das Loch. Mit zitternden Händen folgte sie Suriyes Beispiel und löschte ihre Lampe.

In der Dunkelheit erklangen Schritte. Ein vager Lichtschein gewann stetig an Stärke. Schließlich tauchten zwei Gestalten mit Taschenlampen direkt vor ihrem Versteck auf, hielten dort kurz inne, und liefen weiter.

Allerdings nur wenige Meter, dann schienen die beiden Fremden an ihrem Ziel angekommen zu sein. „Hier ist es, Kanzler!“, erklang eine hohe Männerstimme.

„Sehr gut, Cabor!“, das tiefe Grollen seines Partners hallte im engen Gang wider.

„Das ist Beelzebub!“, flüsterte Suriyel in Gabriels Ohr. „Scheiße!“

„Und wer ist Cabor?“

„Kannst du dich nicht mehr an ihn erinnern? Der gehörte doch auch mal zum dritten Chor, bevor ihn der Allmächtige aus dem Himmel geworfen hat! So ein schmieriger Wichtigtuer. Wusste immer alles besser!“

„Nein. Keine Ahnung.“ Im Stillen dachte Gabriel, dass es kein Wunder war, dass Suriyel sich noch an diesen Cabor erinnern konnte. Mit einem Engel, der „immer alles besser wusste“, war er sicher regelmäßig in Streit geraten.

„Sperr auf!“ Das war wieder Beelzebub.

„Moment.“ Ein helles Klingeln ertönte. Cabor schien einen Schlüsselbund hervorgezogen zu haben.

„Wie bist du an das Duplikat gekommen?“ Beelzebub war erkennbar bemüht, sich seine Bewunderung nicht anhören zu lassen.

„Berufsgeheimnis. Ich habe ihn. Das muss genügen, Kanzler.“

Ein Klacken ertönte, gefolgt vom leisen Quietschen metallener Scharniere. Nach ein paar Sekunden fiel mit lautem Krachen eine Tür ins Schloss.

„Was für ein Mist! Die sind drin! Was machen wir jetzt?“ Suriyel schaltete seine Stirnlampe an.

„Wir müssen da lang!“ Gabriel wies in die Tiefe des schmalen Gangs hinein, an dessen Wand sie immer noch kauerten.

„Was heißt: ‚Wir müssen da lang?‘ Wir müssen an Luzifers Apparat! Und der ist DA vorne!“ Suriyel deutete durch das Loch in den Hauptgang.

„Ich habe keine Ahnung warum, aber ich bin mir sicher, wir müssen DA lang!“ Gabriel ließ ihre Taschenlampe aufleuchten und folgte – den Kopf eingezogen und den Rücken gebeugt – dem schmalen Gang in die Tiefe.

„Du spinnst! Ich komme nicht mit! Geh alleine!“

„Bin ich der Erzengel der Visionen, oder bin ich es nicht?“ Gabriel drehte sich zu ihm um. Er starrte stur in die andere Richtung.

„Gut! Dann bleibst du eben hier!“ Sie kroch weiter in die Dunkelheit hinein.

„Du machst mich fertig!“

Gabriel hörte, wie er ihr folgte. Obwohl sie sich gerade halb zu Tode fürchtete, konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.