Erzengel Suriyel bringt die Schutzengel Berlin-Friedrichshains in der alten Mühle seines Kollegen Uriel in Sicherheit…

Uriel stand vor seiner Mühle und sah kopfschüttelnd der Gruppe Schutzengeln hinterher, die gerade von Maria in den ehemaligen Pferdestall geführt wurde. „Und wie lange sollen die hier bleiben?“
Suriyel trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er hatte keine Zeit zu verlieren! Im leerstehenden Eckladen gegenüber des Buddhistischen Zentrums in Berlin-Friedrichshain warteten Dutzende von Engeln darauf, von ihm abgeholt zu werden. „Nicht lange. Ein paar Tage. Höchstens.“ Damit trat er vom Hof auf die Straße, machte ein paar Schritte und war verschwunden.
Gabriel kam mit einem großen Stapel Bettwäsche auf dem Arm aus dem Haupthaus. „Was für ein Glück dass du so gut ausgestattet bist!“ rief sie Uriel auf ihrem Weg in den historischen Pferdestall zu.
Bis vor ein paar Jahren war die alte Mühle als Ferienpension genutzt worden. Auf dem Dachboden stapelten sich Matratzen und Bettzeug. Im Haupthaus und im historischen Pferdestall war genug Platz, um 200 Schutzengel unterzubringen.
Als Erzengel Uriel am Morgen von seinem Kollegen Suriyel darüber informiert worden war, dass von ihm erwartet wurde, die kontaminierten Engel Friedrichhains aufzunehmen, wäre er trotzdem beinahe in Ohnmacht gefallen!
Nicht umsonst lebte er seit 4000 Jahren an einsamen und abgeschiedenen Orten: Er brauchte Ruhe für seine magischen Experimente! Und die Versuchsanordnung, der er sich aktuell widmete, war besonders störungsanfällig. Ein Moment der Unkonzentriertheit und viele Jahre mühevoller Arbeit wären dahin!
Wenn Maria nicht gekommen wäre, hätte Uriel niemals zugestimmt. Nicht nur, weil die sich um die vermaledeiten Engel kümmern würde. Sondern auch, weil Uriel Maria sehr mochte. Und des Öfteren vermisste. Was er niemals zugeben würde. Genauso wenig wie, dass die zwölf Jahre, die er – getarnt als biederer Zimmermann Josef – mit Maria verbringen hatte dürfen, die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Aber so war es nun einmal.
Deshalb war Uriel bereit, für einige gemeinsame Tage mit Maria 200 Schutzengel in Kauf zu nehmen. Egal in welchem Zustand die waren. Und obwohl er mit der Belegschaft des neunten Chores nicht viel anzufangen wusste.
Gerade schob Suriyel eine weitere Gruppe Schutzengel durch das Tor und scheuchte sie in Richtung Pferdestall.
Uriel sah ihnen stirnrunzelnd hinterher: „Die sehen absolut merkwürdig aus! Wenn ich es nicht besser wüsste, käme ich niemals auf die Idee, dass das Engel sind. Sie wirken wie Menschen.“
Suriyel war neben ihm zu Stehen gekommen. „Das stimmt. Luzifer scheint es irgendwie geschafft zu haben, sie um ihren Äther-Anteil zu bringen! Es ist ein Glück, dass Israfel alle Schutzengel von Friedrichshain kennt. Wir hätten sie sonst nicht identifizieren können. Gabriels Gnadenengel konnten es auch nicht. Die Hälfte von denen, die sie für die Gnadendusche eingesammelt hatten, waren Menschen.“
„Dann wundert es mich nicht, dass sie sterblich sind. Ihr Äther-Anteil ist ihr einziger Schutz vor dem Tod. Und Schutzengel haben nur zehn Prozent, das ist nicht viel.“ Uriel kratzte sich am Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wie Luzifer das angestellt hat! Dir ist klar, dass er damit den ganzen Himmel auf den Kopf stellen kann?“
Suriyel war wieder am Tor angelangt. „Ich bin für die Schutzengel zuständig.“ Damit trat er auf die Straße und verschwand ein weiteres Mal.
Uriel blieb alleine zurück. Nachdem er ein paar Minuten tief in Gedanken auf die leere Straße gestarrt hatte, drehte er sich um und eilte ins Haus.

Es war bereits nach Mitternacht, als auch noch der letzte Schutzengel in einen unruhigen Schlaf hinüber geglitten war.
All die armen Schutzengel waren völlig durch den Wind! Kein Wunder: Sie hatten ihre magischen Eigenschaften verloren und mussten irgendwie damit klar kommen, dass sie auf einmal sterblich waren!
Maria war ebenfalls eingeschlafen, stellte Gabriel fest, als sie leise an deren Lager in der Ecke des historischen Pferdestalls trat. Das war gut sie, die Muttergottes hatte harte Tage vor sich. Sie würde sich alleine um 200 seelisch labile Engel kümmern müssen!
Über dem Hof der Mühle stand der Mond. Hinter dem Haus rauschte der Bach talabwärts. Es war eiskalt, stellte Gabriel fest, als sie müde zum Tor ging. Sie blieb verblüfft davor stehen: Uriel hatte entlang der Grundstücksgrenze ein dickes Seil gespannt. Vor jedem Pfosten des Gartenzauns waren kleine Figuren aus Teig auf dem Boden platziert.
Gabriel schob das Tor auf und kroch unter dem Seil hindurch auf die Straße. Während sie sich nach ein paar Schritten dematerialisierte, fragte sie sich, was Uriel wohl mit all dem bezweckte?

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